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The Fundamental Social Demand of Our Time
In a Different Context
GA 186

21 December 1918, Dornach

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Zwölfter Vortrag

Zwölfter Vortrag

[ 1 ] Wenn in unseren Herzen der seit Jahrhunderten tönende Spruch wieder lebendig wird von den sich offenbarenden göttlichen Geheimnissen in den Höhen und dem Frieden auf Erden für die Menschen des guten Willens, dann wird insbesondere wohl in unserer Zeit die Frage sich in eben dieses Herz hineindrängen: Was ist im Sinne der Erdenentwickelung diesem Menschen über das ganze Erdenrund hin eigentlich nötig im Sinne desjenigen Friedens, der vom Evangelium gemeint ist? Wir sprechen ja eigentlich wochenlang schon von dem, was den Menschen über das ganze Erdenrund nötig ist, insbesondere in unserer so fragwürdigen und fragevollen Gegenwart. Und wenn wir zusammendrängen wollen in einen einzigen Satz manches von dem, was wir in den letzten Zeiten haben durch unsere Seele ziehen lassen, so können wir sagen: Notwendig ist den Menschen, immer mehr und mehr volles gegenseitiges Verständnis anzustreben.

[ 1 ] Wenn in unseren Herzen der seit Jahrhunderten tönende Spruch wieder lebendig wird von den sich offenbarenden göttlichen Geheimnissen in den Höhen und dem Frieden auf Erden für die Menschen des guten Willens, dann wird insbesondere wohl in unserer Zeit die Frage sich in eben dieses Herz hineindrängen: Was ist im Sinne der Erdenentwickelung diesem Menschen über das ganze Erdenrund hin eigentlich nötig im Sinne desjenigen Friedens, der vom Evangelium gemeint ist? Wir sprechen ja eigentlich wochenlang schon von dem, was den Menschen über das ganze Erdenrund nötig ist, insbesondere in unserer so fragwürdigen und fragevollen Gegenwart. Und wenn wir zusammendrängen wollen in einen einzigen Satz manches von dem, was wir in den letzten Zeiten haben durch unsere Seele ziehen lassen, so können wir sagen: Notwendig ist den Menschen, immer mehr und mehr volles gegenseitiges Verständnis anzustreben.

[ 2 ] Nun fällt ja zusammen das Suchen nach wahrem gegenseitigem Menschenverständnis mit dem, was gestern auseinandergesetzt worden ist als der Grundimpuls dessen, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft strebt nach Einsicht in dasjenige, was innerhalb der Welt und ihrer Entwickelung nicht geschaut werden kann. Aber wenn man hinblickt auf das, was in den Menschenseelen werden soll durch solches Weltverständnis, so ist es eben nicht der scheinbare, nicht der illusionäre, sondern der wahre Inhalt der gegenwärtigen sozialen Forderung, der darin besteht, gegenseitiges, wirkliches Verstehen unter den Menschen hervorzurufen. Dieses Verständnis der Menschen über das Erdenrund hin muß man wirklich ehrlich auf der einen Seite und kraftvoll auf der anderen Seite anstreben. Das läßt sich heute nur im Sinne eines aktiven Geisteslebens tun, eines Geisteslebens, das nicht bloß sich passiv der Welt hingeben will, sondern das sich innerlich betätigen will, um im Anteilnehmen an den Impulsen des Daseins zum wirklichen Verständnis der Welt und des Menschen zu kommen. Gestern habe ich davon gesprochen, daß wir in einem Zeitalter leben, in dem neue geistige Offenbarungen durch die Schleier der äußeren Erscheinungen hindurchdringen. Man kann diese Wahrheit nicht ernst genug nehmen. Denn nur derjenige, der sie voll ernst nimmt, wird sich den Anforderungen gewachsen zeigen können, die unsere Zeit im Grunde an jeden einzelnen Menschen stellt, der wach sein will im Leben.

[ 2 ] Nun fällt ja zusammen das Suchen nach wahrem gegenseitigem Menschenverständnis mit dem, was gestern auseinandergesetzt worden ist als der Grundimpuls dessen, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft strebt nach Einsicht in dasjenige, was innerhalb der Welt und ihrer Entwickelung nicht geschaut werden kann. Aber wenn man hinblickt auf das, was in den Menschenseelen werden soll durch solches Weltverständnis, so ist es eben nicht der scheinbare, nicht der illusionäre, sondern der wahre Inhalt der gegenwärtigen sozialen Forderung, der darin besteht, gegenseitiges, wirkliches Verstehen unter den Menschen hervorzurufen. Dieses Verständnis der Menschen über das Erdenrund hin muß man wirklich ehrlich auf der einen Seite und kraftvoll auf der anderen Seite anstreben. Das läßt sich heute nur im Sinne eines aktiven Geisteslebens tun, eines Geisteslebens, das nicht bloß sich passiv der Welt hingeben will, sondern das sich innerlich betätigen will, um im Anteilnehmen an den Impulsen des Daseins zum wirklichen Verständnis der Welt und des Menschen zu kommen. Gestern habe ich davon gesprochen, daß wir in einem Zeitalter leben, in dem neue geistige Offenbarungen durch die Schleier der äußeren Erscheinungen hindurchdringen. Man kann diese Wahrheit nicht ernst genug nehmen. Denn nur derjenige, der sie voll ernst nimmt, wird sich den Anforderungen gewachsen zeigen können, die unsere Zeit im Grunde an jeden einzelnen Menschen stellt, der wach sein will im Leben.

[ 3 ] Nun werden Sie, wenn Sie die Gedanken zurückschweifen lassen auf manche Betrachtungen, die wir jetzt durch Wochen angestellt haben, finden, daß dieses Menschenverständnis nicht so einfach über die Erde hin erlangt werden kann, wie manche glauben. Wir haben uns bemüht, Licht zu verbreiten über die Eigentümlichkeiten der Völkergruppierungen im westlichen, im östlichen Gebiete der Erde und in der Mitte. Wir haben gewissermaßen, ohne im geringsten irgendwelche Sympathie und Antipathie mitsprechen zu lassen, versucht zu verstehen, was das tiefste Eigentümliche ist im Volkstum des Westens, im Volkstum der Mitte, im Volkstum des Ostens. Warum haben wir das getan? Wir haben darauf hingewiesen, daß unsere Zeit das Zeitalter der besonderen Entwickelung der Intellektualität ist, daß diese Intellektualität bei den westlichen Völkern, namentlich bei den englisch sprechenden Völkern so zum Ausdrucke kommt, daß das Ausleben des Intellektes wie instinktiv wirkt, als ein Instinkt, und daß bei den mittleren Völkern dieser Intellekt nicht instinktiv wirkt, überhaupt zunächst nicht angeboten ist, sondern erworben werden muß durch Erziehung. Wir haben darauf hingewiesen, daß dies ein bedeutungsvoller Unterschied ist zwischen den Völkern des Westens und den Völkern der Mitte. Wir haben dann auf die Völker des Ostens hingewiesen und haben gesagt: Da kommt die Entwickelung des Intellektes so zum Ausdruck, daß eigentlich die Völker des Ostens sich zunächst sträuben, diese Intellektualität in sich zum Leben zu erwecken, weil sie sie aufbewahren wollen für die Erkenntnis des Geistselbstes in der Zukunft.

[ 3 ] Nun werden Sie, wenn Sie die Gedanken zurückschweifen lassen auf manche Betrachtungen, die wir jetzt durch Wochen angestellt haben, finden, daß dieses Menschenverständnis nicht so einfach über die Erde hin erlangt werden kann, wie manche glauben. Wir haben uns bemüht, Licht zu verbreiten über die Eigentümlichkeiten der Völkergruppierungen im westlichen, im östlichen Gebiete der Erde und in der Mitte. Wir haben gewissermaßen, ohne im geringsten irgendwelche Sympathie und Antipathie mitsprechen zu lassen, versucht zu verstehen, was das tiefste Eigentümliche ist im Volkstum des Westens, im Volkstum der Mitte, im Volkstum des Ostens. Warum haben wir das getan? Wir haben darauf hingewiesen, daß unsere Zeit das Zeitalter der besonderen Entwickelung der Intellektualität ist, daß diese Intellektualität bei den westlichen Völkern, namentlich bei den englisch sprechenden Völkern so zum Ausdrucke kommt, daß das Ausleben des Intellektes wie instinktiv wirkt, als ein Instinkt, und daß bei den mittleren Völkern dieser Intellekt nicht instinktiv wirkt, überhaupt zunächst nicht angeboten ist, sondern erworben werden muß durch Erziehung. Wir haben darauf hingewiesen, daß dies ein bedeutungsvoller Unterschied ist zwischen den Völkern des Westens und den Völkern der Mitte. Wir haben dann auf die Völker des Ostens hingewiesen und haben gesagt: Da kommt die Entwickelung des Intellektes so zum Ausdruck, daß eigentlich die Völker des Ostens sich zunächst sträuben, diese Intellektualität in sich zum Leben zu erwecken, weil sie sie aufbewahren wollen für die Erkenntnis des Geistselbstes in der Zukunft.

[ 4 ] Wir haben noch andere Differenzierungen angegeben über das Erdenrund hin, und wir fragen uns heute: Warum führen wir diese Differenzierung an? Warum versuchen wir, zu charakterisieren von den Gesichtspunkten aus, die hier geltend gemacht werden, die verschiedenen Völkergruppen über die Erde hin? — Deshalb versuchen wir das, weil es in der Zukunft nicht mehr gehen wird mit dem bloßen: «Liebet einander», sondern weil in der Zukunft die Menschen sich über die Erde hin nur in ihren Aufgaben verständigen werden, wenn sie wissen, was auf dem einen oder andern Territorium der Erde wirkt, wenn man gewissermaßen bewußt hinschauen kann auf die Eigentümlichkeiten, die bei den verschiedenen Völkergruppierungen vorhanden sind. Wenn man sich aufschwingen kann dabei zu jener Empfindung, die allerdings gegenüber solchem Verständnisse notwendig ist, dann wird dieses Verständnis auch herbeigeführt werden. Die Empfindung, die notwendig ist, ist diese, daß, wenn man überhaupt anfängt, in solcher Weise die Menschen über die Erde hin zu charakterisieren, aufhören muß der Impuls, so zu werten, wie man den einzelnen Menschen hinsichtlich seiner moralischen Qualitäten wertet. Das geht nicht, daß, wenn man Völker charakterisieren will, man so wertet, wie man den einzelnen Menschen wertet. Das ist gerade das Wesentliche der individuellen Menschenentwickelung auf der Erde, daß der Mensch als individuelles Wesen, so wie er da ist, das Moralische entwickelt. Das Moralische kann nur der einzelne Mensch entwickeln, das Moralische können nicht Menschengruppen entwickeln. Es würde die schlimmste Illusion sein, wenn man weiterhin glauben würde, daß Menschengruppen, oder — wie man heute beliebt zu sagen — Völker, in dasselbe Verhältnis zueinander treten können, wie es Mensch zu Mensch tun kann. Wer konkret zu verstehen vermag, was Menschengruppen, also auch Völker, sind, der sieht die Völker — wir wissen es aus dem Zyklus über die Völkerseelen —, geführt von jenen Wesenheiten in der Ordnung der Hierarchien, die wir als Archangeloi, als Erzengel bezeichnen. Aber er wird dem gegenseitigen Verhältnis der Völker niemals dasselbe zuschreiben können, was er sehen muß im Verhältnis des einzelnen Menschen mit dem einzelnen Menschen. Dasjenige, was die Völker sind, sind sie vor den göttlichen Wesenheiten. Da muß eine andere Bewertung eintreten als wie sie von Mensch zu Mensch besteht. Deshalb wird der Mensch gerade individueller Mensch im Laufe seiner Entwickelung, deshalb ringt er sich los aus dem bloßen Volkstum, damit er voll eintreten kann in das, was man die moralische Weltordnung nennt. Und diese moralische Weltordnung ist eine individuelle menschliche Angelegenheit.

[ 4 ] Wir haben noch andere Differenzierungen angegeben über das Erdenrund hin, und wir fragen uns heute: Warum führen wir diese Differenzierung an? Warum versuchen wir, zu charakterisieren von den Gesichtspunkten aus, die hier geltend gemacht werden, die verschiedenen Völkergruppen über die Erde hin? — Deshalb versuchen wir das, weil es in der Zukunft nicht mehr gehen wird mit dem bloßen: «Liebet einander», sondern weil in der Zukunft die Menschen sich über die Erde hin nur in ihren Aufgaben verständigen werden, wenn sie wissen, was auf dem einen oder andern Territorium der Erde wirkt, wenn man gewissermaßen bewußt hinschauen kann auf die Eigentümlichkeiten, die bei den verschiedenen Völkergruppierungen vorhanden sind. Wenn man sich aufschwingen kann dabei zu jener Empfindung, die allerdings gegenüber solchem Verständnisse notwendig ist, dann wird dieses Verständnis auch herbeigeführt werden. Die Empfindung, die notwendig ist, ist diese, daß, wenn man überhaupt anfängt, in solcher Weise die Menschen über die Erde hin zu charakterisieren, aufhören muß der Impuls, so zu werten, wie man den einzelnen Menschen hinsichtlich seiner moralischen Qualitäten wertet. Das geht nicht, daß, wenn man Völker charakterisieren will, man so wertet, wie man den einzelnen Menschen wertet. Das ist gerade das Wesentliche der individuellen Menschenentwickelung auf der Erde, daß der Mensch als individuelles Wesen, so wie er da ist, das Moralische entwickelt. Das Moralische kann nur der einzelne Mensch entwickeln, das Moralische können nicht Menschengruppen entwickeln. Es würde die schlimmste Illusion sein, wenn man weiterhin glauben würde, daß Menschengruppen, oder — wie man heute beliebt zu sagen — Völker, in dasselbe Verhältnis zueinander treten können, wie es Mensch zu Mensch tun kann. Wer konkret zu verstehen vermag, was Menschengruppen, also auch Völker, sind, der sieht die Völker — wir wissen es aus dem Zyklus über die Völkerseelen —, geführt von jenen Wesenheiten in der Ordnung der Hierarchien, die wir als Archangeloi, als Erzengel bezeichnen. Aber er wird dem gegenseitigen Verhältnis der Völker niemals dasselbe zuschreiben können, was er sehen muß im Verhältnis des einzelnen Menschen mit dem einzelnen Menschen. Dasjenige, was die Völker sind, sind sie vor den göttlichen Wesenheiten. Da muß eine andere Bewertung eintreten als wie sie von Mensch zu Mensch besteht. Deshalb wird der Mensch gerade individueller Mensch im Laufe seiner Entwickelung, deshalb ringt er sich los aus dem bloßen Volkstum, damit er voll eintreten kann in das, was man die moralische Weltordnung nennt. Und diese moralische Weltordnung ist eine individuelle menschliche Angelegenheit.

[ 5 ] Solche Dinge müssen durch eine wirkliche Erkenntnis verstanden werden. Der richtige Fortschritt des Christentums selber besteht in unserer Zeit darinnen, daß solche Dinge verstanden werden. Ich habe gesagt, wir leben in einer Zeit, in welcher gewissermaßen die Geister der Persönlichkeit aufsteigen zu schöpferischer Tätigkeit, daß sie Schöpfer werden. Das ist außerordentlich wichtig, denn indem sie Schöpfer werden, dringt durch den Schleier der Erscheinungen etwas herein, was gestern bezeichnet worden ist als eine neue Offenbarung. Also die Geister der Persönlichkeit nehmen einen schöpferischen Charakter an, werden gewissermaßen etwas anderes, als sie vorher gewesen sind, werden ähnlich in ihrer Wesenheit dem Charakter, den solche Geister wie die Geister der Form seit der lemurischen Zeit für unsere Erdenentwickelung gehabt haben. Damit tritt der Mensch gewissermaßen vor ein ganz verändertes Weltbild. Dessen muß man sich bewußt werden; denn das ist das Bedeutungsvolle in unserer Zeit, daß der Mensch vor ein ganz verändertes Weltbild tritt. Sehen Sie, dieses Weltbild kommt gewissermaßen, um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen, aus «grauer Geistestiefe» heraus. Wenn man geisteswissenschaftlich zurückblickt auf die geschichtliche Entwickelung der Menschheit, dann kann man zurückschauen in vorchristliche Zeiten, vielleicht in weit zurückgelegene vorchristliche Zeiten, und man wird finden, daß in alter, instinktiver Art, gerade je weiter man zurückgeht, desto mehr die Menschen ein ausgebreitetes Weltwissen hatten. Dieses ausgebreitete Weltwissen flößt immer mehr und mehr Ehrfurcht ein, je besser man es kennenlernt. Und es wird zuletzt für den Erkenner eine Tatsache, daß im Ausgange der Erdenentwickelung eine große Summe von Weisheit gewissermaßen über das Erdenleben des Menschen ausgegossen worden ist, die dann allmählich versickerte. Und es ist nicht anders, so sonderbar die Dinge klingen, als daß ein gewisser Tiefstand eingetreten war mit Bezug auf dieses Wissen zu jener Zeit, in der das Mysterium von Golgatha die Menschheit zugleich beglückte. Alles das, was die Menschen früher gewußt haben, lief gewissermaßen in dieser Zeit in ein Chaos des menschlichen Bewußtseins ein. Und diejenigen, die von solchen Dingen etwas verstehen, drücken sich über diese Tatsache einhellig dahin aus, daß sie sagen: Die Entwickelung, in die der Mensch eingeflochten ist, hatte zu jener Zeit wiederum einmal den Punkt der Unwissenheit erlangt. — Aber in diese graue Unwissenheit, die über die Menschheit sich ausbreitete, die da lebte höchstens in den Überlieferungen aus alten Zeiten, da fiel hinein die größte Erdenoffenbarung, das Mysterium von Golgatha, der Ausgangspunkt neuen Wissens, der Ausgangspunkt neuer Offenbarungen für die Menschheit. Dann blieb die graue Unwissenheit durch die Jahrhunderte, insofern es auf den Menschen selbst ankam, in gewissem Sinne bestehen.

[ 5 ] Solche Dinge müssen durch eine wirkliche Erkenntnis verstanden werden. Der richtige Fortschritt des Christentums selber besteht in unserer Zeit darinnen, daß solche Dinge verstanden werden. Ich habe gesagt, wir leben in einer Zeit, in welcher gewissermaßen die Geister der Persönlichkeit aufsteigen zu schöpferischer Tätigkeit, daß sie Schöpfer werden. Das ist außerordentlich wichtig, denn indem sie Schöpfer werden, dringt durch den Schleier der Erscheinungen etwas herein, was gestern bezeichnet worden ist als eine neue Offenbarung. Also die Geister der Persönlichkeit nehmen einen schöpferischen Charakter an, werden gewissermaßen etwas anderes, als sie vorher gewesen sind, werden ähnlich in ihrer Wesenheit dem Charakter, den solche Geister wie die Geister der Form seit der lemurischen Zeit für unsere Erdenentwickelung gehabt haben. Damit tritt der Mensch gewissermaßen vor ein ganz verändertes Weltbild. Dessen muß man sich bewußt werden; denn das ist das Bedeutungsvolle in unserer Zeit, daß der Mensch vor ein ganz verändertes Weltbild tritt. Sehen Sie, dieses Weltbild kommt gewissermaßen, um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen, aus «grauer Geistestiefe» heraus. Wenn man geisteswissenschaftlich zurückblickt auf die geschichtliche Entwickelung der Menschheit, dann kann man zurückschauen in vorchristliche Zeiten, vielleicht in weit zurückgelegene vorchristliche Zeiten, und man wird finden, daß in alter, instinktiver Art, gerade je weiter man zurückgeht, desto mehr die Menschen ein ausgebreitetes Weltwissen hatten. Dieses ausgebreitete Weltwissen flößt immer mehr und mehr Ehrfurcht ein, je besser man es kennenlernt. Und es wird zuletzt für den Erkenner eine Tatsache, daß im Ausgange der Erdenentwickelung eine große Summe von Weisheit gewissermaßen über das Erdenleben des Menschen ausgegossen worden ist, die dann allmählich versickerte. Und es ist nicht anders, so sonderbar die Dinge klingen, als daß ein gewisser Tiefstand eingetreten war mit Bezug auf dieses Wissen zu jener Zeit, in der das Mysterium von Golgatha die Menschheit zugleich beglückte. Alles das, was die Menschen früher gewußt haben, lief gewissermaßen in dieser Zeit in ein Chaos des menschlichen Bewußtseins ein. Und diejenigen, die von solchen Dingen etwas verstehen, drücken sich über diese Tatsache einhellig dahin aus, daß sie sagen: Die Entwickelung, in die der Mensch eingeflochten ist, hatte zu jener Zeit wiederum einmal den Punkt der Unwissenheit erlangt. — Aber in diese graue Unwissenheit, die über die Menschheit sich ausbreitete, die da lebte höchstens in den Überlieferungen aus alten Zeiten, da fiel hinein die größte Erdenoffenbarung, das Mysterium von Golgatha, der Ausgangspunkt neuen Wissens, der Ausgangspunkt neuer Offenbarungen für die Menschheit. Dann blieb die graue Unwissenheit durch die Jahrhunderte, insofern es auf den Menschen selbst ankam, in gewissem Sinne bestehen.

[ 6 ] Es klärt tatsächlich in tiefstem Sinne auf, wenn man den Blick wirft auf die letzten zwei Jahrtausende und sich verständig fragen kann: Was haben in diesen letzten zwei Jahrtausenden die Menschen schließlich aus sich selbst hervorgebracht? — Alles, was sie an Weisheit, an vom Mysterium von Golgatha unabhängiger Weisheit gehabt haben, das waren alte Traditionen, das war Erbgut. Verstehen wir uns recht: Ich will selbstverständlich nicht behaupten, daß die Menschheit in den letzten zwei Jahrtausenden gar keine Weisheit gehabt habe, und ich will die Weisheit, die sie gehabt hat, nicht entwerten. Aber was ins Auge gefaßt werden muß, ist dieses: die Weisheit, die in alten vorchristlichen Zeiten vorhanden war und deren Reste eben zu bemerken sind in den letzten Jahrhunderten vor dem Mysterium von Golgatha, die wurde — wenn auch instinktiv — in alten Zeiten geschaut von den Menschen. Sich selbständig schauend in Verhältnis zu setzen zu dem Inhalte der Weltenweisheit, das war verlorengegangen. Gewissermaßen wie in einem geschichtlichen Gedächtnis, in einer geschichtlichen Erinnerung war das aufbewahrt geblieben, was in diesen alten Zeiten vorhanden war. Und selbst das Mysterium von Golgatha hat man, wie ich gestern sagte, in die alte Weisheit eingekleidet, hat man ausgedrückt durch Vorstellungen der alten Weisheit, der Erinnerungsweisheit. Das dauert Jahrhunderte hindurch. Ein Vorbote für neues Eindringen der Menschen in Weltenweisheit, wenn auch nur ein Vorbote, und wenn auch zunächst auf eine, ich möchte sagen, gottabgewandte Art, trat erst auf mit der neueren naturwissenschaftlichen Denkweise. Da ist wiederum etwas, was der Mensch durch die eigene Aktivität seiner Seele erarbeiten will. Es handelt sich ja, wie ich so oft betont habe, darum, die geistige Welt in der Zukunft anthroposophisch auf gleiche Weise anzuschauen, wie man die rein mechanische äußere Naturordnung seit Kopernikus anschaute. Das Göttliche so anschauen lernen, wie man das äußere Mechanisch-Weltliche anschauen lernte seit Kopernikus, Galilei und Giordano Bruno, dies ist wiederum ein Gesichtspunkt, der einen durchdringen muß, wenn man zum rechten Verständnis unserer Zeit kommen will.

[ 6 ] Es klärt tatsächlich in tiefstem Sinne auf, wenn man den Blick wirft auf die letzten zwei Jahrtausende und sich verständig fragen kann: Was haben in diesen letzten zwei Jahrtausenden die Menschen schließlich aus sich selbst hervorgebracht? — Alles, was sie an Weisheit, an vom Mysterium von Golgatha unabhängiger Weisheit gehabt haben, das waren alte Traditionen, das war Erbgut. Verstehen wir uns recht: Ich will selbstverständlich nicht behaupten, daß die Menschheit in den letzten zwei Jahrtausenden gar keine Weisheit gehabt habe, und ich will die Weisheit, die sie gehabt hat, nicht entwerten. Aber was ins Auge gefaßt werden muß, ist dieses: die Weisheit, die in alten vorchristlichen Zeiten vorhanden war und deren Reste eben zu bemerken sind in den letzten Jahrhunderten vor dem Mysterium von Golgatha, die wurde — wenn auch instinktiv — in alten Zeiten geschaut von den Menschen. Sich selbständig schauend in Verhältnis zu setzen zu dem Inhalte der Weltenweisheit, das war verlorengegangen. Gewissermaßen wie in einem geschichtlichen Gedächtnis, in einer geschichtlichen Erinnerung war das aufbewahrt geblieben, was in diesen alten Zeiten vorhanden war. Und selbst das Mysterium von Golgatha hat man, wie ich gestern sagte, in die alte Weisheit eingekleidet, hat man ausgedrückt durch Vorstellungen der alten Weisheit, der Erinnerungsweisheit. Das dauert Jahrhunderte hindurch. Ein Vorbote für neues Eindringen der Menschen in Weltenweisheit, wenn auch nur ein Vorbote, und wenn auch zunächst auf eine, ich möchte sagen, gottabgewandte Art, trat erst auf mit der neueren naturwissenschaftlichen Denkweise. Da ist wiederum etwas, was der Mensch durch die eigene Aktivität seiner Seele erarbeiten will. Es handelt sich ja, wie ich so oft betont habe, darum, die geistige Welt in der Zukunft anthroposophisch auf gleiche Weise anzuschauen, wie man die rein mechanische äußere Naturordnung seit Kopernikus anschaute. Das Göttliche so anschauen lernen, wie man das äußere Mechanisch-Weltliche anschauen lernte seit Kopernikus, Galilei und Giordano Bruno, dies ist wiederum ein Gesichtspunkt, der einen durchdringen muß, wenn man zum rechten Verständnis unserer Zeit kommen will.

[ 7 ] Diesem rechten Verständnis unserer Zeit steht natürlich sehr vieles entgegen. Es ist notwendig, wie Sie wissen, daß zu diesem Verständnisse jetzt solche Dinge gesagt werden, wie sie zum Beispiel gesagt werden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»: daß gewissermaßen den Menschen gezeigt werde, welche Wege die Seele zu nehmen habe, um in die geistige Welt so einzudringen, wie Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno versuchten, in die äußerlich-mechanische Naturordnung einzudringen. Manche, die nicht tieferes Verständnis haben für die Aspirationen verschiedener Menschen, könnten sich leicht wundern, daß gerade gegen dieses Bestreben, zu zeigen, welche Wege die Menschenseele in die geistige Welt hinein nehmen soll, sich stramm erhebt alter Bekenntnisgeist, wenn man es so nennen will, insbesondere in der Form des Jesuitismus.

[ 7 ] Diesem rechten Verständnis unserer Zeit steht natürlich sehr vieles entgegen. Es ist notwendig, wie Sie wissen, daß zu diesem Verständnisse jetzt solche Dinge gesagt werden, wie sie zum Beispiel gesagt werden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»: daß gewissermaßen den Menschen gezeigt werde, welche Wege die Seele zu nehmen habe, um in die geistige Welt so einzudringen, wie Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno versuchten, in die äußerlich-mechanische Naturordnung einzudringen. Manche, die nicht tieferes Verständnis haben für die Aspirationen verschiedener Menschen, könnten sich leicht wundern, daß gerade gegen dieses Bestreben, zu zeigen, welche Wege die Menschenseele in die geistige Welt hinein nehmen soll, sich stramm erhebt alter Bekenntnisgeist, wenn man es so nennen will, insbesondere in der Form des Jesuitismus.

[ 8 ] Unter den mancherlei stumpfen Anschuldigungen, die in den «Stimmen der Zeit» im Verlaufe dieses Jahres in drei Artikeln erschienen sind, ist ja auch die, daß die Kirche ein solches Bearbeiten der menschlichen Seele, um Wege in die geistige Welt zu finden, verbiete. Das klingt heute für manchen Gläubigen, für manchen auf Autorität hin Gläubigen so, als ob es etwas Besonderes wäre. Aber nur deshalb klingt es so, weil man nicht bedenkt: Hat denn dieselbe Kirche nicht auch das Forschen des Kopernikus, das Forschen des Galilei verboten? Die Kirche hat es ja geradeso gemacht mit dem äußeren Forschen, so daß es einen nicht zu verwundern braucht, daß sie es auch mit dem inneren Forschen auf dem Geistesgebiet so macht. Sie bewahrt ja nur ihre alten Gewohnheiten. Wie sie sich gesträubt hat als katholische Kirche bis zum Jahre 1827 gegen die kopernikanische Lehre, so sträubt sie sich gegen das Eindringen in die geistige Welt. Dieses Eindringen in die geistigen Welten ist aber nicht ein Herumreden in Abstraktionen, sondern etwas sehr, sehr Konkretes. Es ist das Wiederhinauskommen über die graue Unwissenheit und das wissende Eindringen in den Geistinhalt, der der Welt zugrunde liegt. Zu jener grauen Unwissenheit gehört es ja auch, daß man den Blick über die Erde hinschweifen ließ, Völker sah, Menschengruppierungen sah, und von diesen Menschengruppierungen sprach wie von einem Chaos. Man sprach von den Völkern des Westens, von den Völkern der Mitte, von den Völkern des Ostens, aber man unterschied nicht, man charakterisierte nicht. Man wußte höchstens, daß die Führer der einzelnen Völker Archangeloi sind. Man strebte nicht danach, den Charakter der einzelnen Völker, der Archangeloi, wirklich kennenzulernen. Das gehört zu den neuen Offenbarungen, daß wir nun wirklich darauf hinschauen, wie die einzelnen Archangeloi wirken über die Erde hin. Das ist eine tatsächliche, wirkliche Bereicherung des menschlichen Bewußtseins über die Erde hin. Indem man sich aus der grauen Unwissenheit heraus nicht aufzuschwingen vermochte zu solcher wirklichen Differenzierung, hat man eben jenen Abgrund erzeugt, der da besteht zwischen dem, was ich gestern als den Gegenstand der Sonntagnachmittagspredigten charakterisierte, und dem, was der Mensch als die Angelegenheiten des äußeren Weltlebens betrachtet. Ich sprach davon, wie auf dem Gebiete der religiösen Bekenntnisse über die göttliche Welt und ihre Beziehung zu den Menschen gesprochen wird, wie sich das aber zu schwach erweist, um das Treiben der Menschen auf Erden wirklich zu verstehen, um mehr den Menschen zu sagen, als: «Liebet einander!» — was ebensoviel Bedeutung hat, als wenn ich dem Ofen sage: Heize das Zimmer, es ist deine Ofenpflicht! — Aber eine solche Lehre hat nicht die Kraft, wirklich die Herzen der Menschen zu ergreifen, wenn diese Menschen sonst auf der Erde herumwimmeln müssen in den täglichen Angelegenheiten und nicht die Kenntnisse der täglichen Angelegenheiten mit demjenigen verbinden können, was heruntergeholt wird als die abstrakten Sätze und Gewohnheiten und Dogmen über die geistige Welt. Diese Kluft herrscht, und an dieser Kluft wollen die Bekenntnisse festhalten.

[ 8 ] Unter den mancherlei stumpfen Anschuldigungen, die in den «Stimmen der Zeit» im Verlaufe dieses Jahres in drei Artikeln erschienen sind, ist ja auch die, daß die Kirche ein solches Bearbeiten der menschlichen Seele, um Wege in die geistige Welt zu finden, verbiete. Das klingt heute für manchen Gläubigen, für manchen auf Autorität hin Gläubigen so, als ob es etwas Besonderes wäre. Aber nur deshalb klingt es so, weil man nicht bedenkt: Hat denn dieselbe Kirche nicht auch das Forschen des Kopernikus, das Forschen des Galilei verboten? Die Kirche hat es ja geradeso gemacht mit dem äußeren Forschen, so daß es einen nicht zu verwundern braucht, daß sie es auch mit dem inneren Forschen auf dem Geistesgebiet so macht. Sie bewahrt ja nur ihre alten Gewohnheiten. Wie sie sich gesträubt hat als katholische Kirche bis zum Jahre 1827 gegen die kopernikanische Lehre, so sträubt sie sich gegen das Eindringen in die geistige Welt. Dieses Eindringen in die geistigen Welten ist aber nicht ein Herumreden in Abstraktionen, sondern etwas sehr, sehr Konkretes. Es ist das Wiederhinauskommen über die graue Unwissenheit und das wissende Eindringen in den Geistinhalt, der der Welt zugrunde liegt. Zu jener grauen Unwissenheit gehört es ja auch, daß man den Blick über die Erde hinschweifen ließ, Völker sah, Menschengruppierungen sah, und von diesen Menschengruppierungen sprach wie von einem Chaos. Man sprach von den Völkern des Westens, von den Völkern der Mitte, von den Völkern des Ostens, aber man unterschied nicht, man charakterisierte nicht. Man wußte höchstens, daß die Führer der einzelnen Völker Archangeloi sind. Man strebte nicht danach, den Charakter der einzelnen Völker, der Archangeloi, wirklich kennenzulernen. Das gehört zu den neuen Offenbarungen, daß wir nun wirklich darauf hinschauen, wie die einzelnen Archangeloi wirken über die Erde hin. Das ist eine tatsächliche, wirkliche Bereicherung des menschlichen Bewußtseins über die Erde hin. Indem man sich aus der grauen Unwissenheit heraus nicht aufzuschwingen vermochte zu solcher wirklichen Differenzierung, hat man eben jenen Abgrund erzeugt, der da besteht zwischen dem, was ich gestern als den Gegenstand der Sonntagnachmittagspredigten charakterisierte, und dem, was der Mensch als die Angelegenheiten des äußeren Weltlebens betrachtet. Ich sprach davon, wie auf dem Gebiete der religiösen Bekenntnisse über die göttliche Welt und ihre Beziehung zu den Menschen gesprochen wird, wie sich das aber zu schwach erweist, um das Treiben der Menschen auf Erden wirklich zu verstehen, um mehr den Menschen zu sagen, als: «Liebet einander!» — was ebensoviel Bedeutung hat, als wenn ich dem Ofen sage: Heize das Zimmer, es ist deine Ofenpflicht! — Aber eine solche Lehre hat nicht die Kraft, wirklich die Herzen der Menschen zu ergreifen, wenn diese Menschen sonst auf der Erde herumwimmeln müssen in den täglichen Angelegenheiten und nicht die Kenntnisse der täglichen Angelegenheiten mit demjenigen verbinden können, was heruntergeholt wird als die abstrakten Sätze und Gewohnheiten und Dogmen über die geistige Welt. Diese Kluft herrscht, und an dieser Kluft wollen die Bekenntnisse festhalten.

[ 9 ] Sehen Sie, es kommen merkwürdige Blüten zustande durch das Vorhandensein und das Festhaltenwollen an dieser Kluft. So wird zum Beispiel auch von jesuitischer Seite gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft eingewendet, daß sie das Bestreben zeige, im Menschen etwas aufzusuchen, was entwickelt werden kann, damit es den Menschen zum Göttlichen hinführe. Das aber sei ketzerisch, denn die Kirche lehre — und sie verbiete, etwas anderes zu behaupten —, daß Gott in seiner Wesenheit nichts zu tun habe mit der Welt, auch nichts zu tun habe, in substantieller Identität, mit der Seele des Menschen. — Wer behauptet, daß die Seele des Menschen in irgendeiner Beziehung etwas von «göttlicher Wesenheit» in sich trage, ist vor der Katholischen Kirche in jesuitischer Auffassung ein Ketzer.

[ 9 ] Sehen Sie, es kommen merkwürdige Blüten zustande durch das Vorhandensein und das Festhaltenwollen an dieser Kluft. So wird zum Beispiel auch von jesuitischer Seite gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft eingewendet, daß sie das Bestreben zeige, im Menschen etwas aufzusuchen, was entwickelt werden kann, damit es den Menschen zum Göttlichen hinführe. Das aber sei ketzerisch, denn die Kirche lehre — und sie verbiete, etwas anderes zu behaupten —, daß Gott in seiner Wesenheit nichts zu tun habe mit der Welt, auch nichts zu tun habe, in substantieller Identität, mit der Seele des Menschen. — Wer behauptet, daß die Seele des Menschen in irgendeiner Beziehung etwas von «göttlicher Wesenheit» in sich trage, ist vor der Katholischen Kirche in jesuitischer Auffassung ein Ketzer.

[ 10 ] In solche Behauptungen schleicht sich hinein das innerste Bestreben dieser Kirche, die Menschen nicht hingelangen zu lassen zu dem Göttlichen, die Menschen abzusperren vom Göttlichen. Das Dogma nimmt schon eine solche Form an, welche bewirkt, daß die Menschen zum Göttlichen nicht hingelangen sollen. Es ist daher kein Wunder, daß, weil man die Menschen nicht hat zum Göttlichen gelangen lassen im fünften nachatlantischen Zeitraum, der nun einmal die Bewußtseinsseele bringen mußte, das Wissen von den Weltendingen nicht ein göttliches, sondern ein rein ahrimanisches geworden ist. Denn, was wir heute als Naturwissenschaft anerkennen, ist eine rein ahrimanische Leistung — das haben wir ja öfter charakterisiert. Merkwürdig ist nur, daß der Katholischen Kirche die ahrimanische Naturwissenschaft lieber ist als die anthroposophisch orientierte Naturwissenschaft; denn die ahrimanische Naturwissenschaft gilt heute nicht mehr als ketzerisch, sondern als anerkannt, und die anthroposophisch orientierte Naturwissenschaft wird als ketzerisch verschrien.

[ 10 ] In solche Behauptungen schleicht sich hinein das innerste Bestreben dieser Kirche, die Menschen nicht hingelangen zu lassen zu dem Göttlichen, die Menschen abzusperren vom Göttlichen. Das Dogma nimmt schon eine solche Form an, welche bewirkt, daß die Menschen zum Göttlichen nicht hingelangen sollen. Es ist daher kein Wunder, daß, weil man die Menschen nicht hat zum Göttlichen gelangen lassen im fünften nachatlantischen Zeitraum, der nun einmal die Bewußtseinsseele bringen mußte, das Wissen von den Weltendingen nicht ein göttliches, sondern ein rein ahrimanisches geworden ist. Denn, was wir heute als Naturwissenschaft anerkennen, ist eine rein ahrimanische Leistung — das haben wir ja öfter charakterisiert. Merkwürdig ist nur, daß der Katholischen Kirche die ahrimanische Naturwissenschaft lieber ist als die anthroposophisch orientierte Naturwissenschaft; denn die ahrimanische Naturwissenschaft gilt heute nicht mehr als ketzerisch, sondern als anerkannt, und die anthroposophisch orientierte Naturwissenschaft wird als ketzerisch verschrien.

[ 11 ] Diesen Dingen gegenüber muß aber gerade bei dem wirklich aufgeklärten Menschen Klarheit herrschen. Er muß einsehen, daß auf dem Geistesweg dasselbe unternommen werden muß, was auf dem Naturwege unternommen worden ist; denn nur dadurch kann auch der Naturweg davor bewahrt werden, in das rein Ahrimanische abzuirren. Er ist abgeirrt, weil der Geistesweg eben erst später dazukommen kann. Aber er muß von jetzt ab gegen die Zukunft der Menschheit hin dazukommen, damit die Naturwissenschaft wieder heraufgehoben werde in ihre göttlich-geistige Höhe, und damit wieder vereinigt werden kann das Leben, in dem wir stehen zwischen Geburt und Tod, mit demjenigen Leben, von dem die Wissenschaft des Geistigen Kunde geben soll, und in dem wir in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt stehen. Das kann aber für unsere Zeit nur geschehen, wenn wir den Willen haben, dieses Leben über die Erde hin wirklich zu verstehen, es so zu verstehen, wie es im Menschen wirkt. Wir werden auch den einzelnen individuellen Menschen nur verstehen, wenn wir den Charakter der Menschengruppierungen verstehen, und wir werden nur auf diese Art in die wahre Wirklichkeit hineinschauen können.

[ 11 ] Diesen Dingen gegenüber muß aber gerade bei dem wirklich aufgeklärten Menschen Klarheit herrschen. Er muß einsehen, daß auf dem Geistesweg dasselbe unternommen werden muß, was auf dem Naturwege unternommen worden ist; denn nur dadurch kann auch der Naturweg davor bewahrt werden, in das rein Ahrimanische abzuirren. Er ist abgeirrt, weil der Geistesweg eben erst später dazukommen kann. Aber er muß von jetzt ab gegen die Zukunft der Menschheit hin dazukommen, damit die Naturwissenschaft wieder heraufgehoben werde in ihre göttlich-geistige Höhe, und damit wieder vereinigt werden kann das Leben, in dem wir stehen zwischen Geburt und Tod, mit demjenigen Leben, von dem die Wissenschaft des Geistigen Kunde geben soll, und in dem wir in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt stehen. Das kann aber für unsere Zeit nur geschehen, wenn wir den Willen haben, dieses Leben über die Erde hin wirklich zu verstehen, es so zu verstehen, wie es im Menschen wirkt. Wir werden auch den einzelnen individuellen Menschen nur verstehen, wenn wir den Charakter der Menschengruppierungen verstehen, und wir werden nur auf diese Art in die wahre Wirklichkeit hineinschauen können.

[ 12 ] Ich habe Sie vor nicht langer Zeit auf eine merkwürdige Erscheinung hingewiesen, die manchen überraschen kann. Ich will es nur kurz wiederholen. Sie wissen, in der Schweiz hat ein braver Philosoph gewirkt, Avenarius, der ganz gewiß sich selber als einen recht guten, braven, bürgerlichen Staatsangehörigen angesehen, der sich nicht im entferntesten für irgendeinen Revolutionär gehalten hat. Der hat Lehren begründet, die in einer so schweren Sprache geschrieben sind, daß sie nur wenige lesen. In einer etwas populäreren Sprache, aber so ähnlich, hat ein Philosoph in Wien, in Prag gewirkt, Ernst Mach, der sich ebenso angesehen hat als einen braven Staatsbürger. Diese zwei Leute hatten wahrhaftig keine revolutionäre Ader. Und die merkwürdige Erscheinung tritt uns entgegen — ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht —, daß diese beiden ‚Philosophen die offiziellen Philosophen des Bolschewismus geworden sind, daß die Bolschewisten diese Philosophen als ihre — man könnte sagen, wenn der Ausdruck richtig verstanden wird — Staatsphilosophen anschauen. Nach einem gewissen Ausdruck, den die Welt gerne braucht, könnte man sagen, daß sich die beiden Philosophen, Avenarius und Mach, im Grabe umdrehen würden, wenn sie erfahren würden, daß sie nun von den Bolschewisten als Staatsphilosophen anerkannt werden. Ich habe Ihnen gesagt: Man versteht diese Erscheinung nur deshalb nicht, weil man sich nur an die abstrakte Logik hält, nicht an die Wirklichkeits-, nicht an die Tatsachenlogik, nicht an die Logik des Geschauten. Aber ich will, trotzdem Ihnen scheinbar diese Sache ferner liegen könnte, doch auf diese Sache noch einmal von einem anderen Gesichtspunkte hinweisen, will insbesondere einen der Punkte der Philosophie des Avenarius hervorheben, der uns geleiten kann bei der Beantwortung dieser wichtigen Frage: Wie kommen Avenarius und Mach dazu, bolschewistische Staatsphilosophen zu werden? Denn die Tatsache ist immerhin sehr bezeichnend für die Verwirrung in der Gegenwart. |

[ 12 ] Ich habe Sie vor nicht langer Zeit auf eine merkwürdige Erscheinung hingewiesen, die manchen überraschen kann. Ich will es nur kurz wiederholen. Sie wissen, in der Schweiz hat ein braver Philosoph gewirkt, Avenarius, der ganz gewiß sich selber als einen recht guten, braven, bürgerlichen Staatsangehörigen angesehen, der sich nicht im entferntesten für irgendeinen Revolutionär gehalten hat. Der hat Lehren begründet, die in einer so schweren Sprache geschrieben sind, daß sie nur wenige lesen. In einer etwas populäreren Sprache, aber so ähnlich, hat ein Philosoph in Wien, in Prag gewirkt, Ernst Mach, der sich ebenso angesehen hat als einen braven Staatsbürger. Diese zwei Leute hatten wahrhaftig keine revolutionäre Ader. Und die merkwürdige Erscheinung tritt uns entgegen — ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht —, daß diese beiden ‚Philosophen die offiziellen Philosophen des Bolschewismus geworden sind, daß die Bolschewisten diese Philosophen als ihre — man könnte sagen, wenn der Ausdruck richtig verstanden wird — Staatsphilosophen anschauen. Nach einem gewissen Ausdruck, den die Welt gerne braucht, könnte man sagen, daß sich die beiden Philosophen, Avenarius und Mach, im Grabe umdrehen würden, wenn sie erfahren würden, daß sie nun von den Bolschewisten als Staatsphilosophen anerkannt werden. Ich habe Ihnen gesagt: Man versteht diese Erscheinung nur deshalb nicht, weil man sich nur an die abstrakte Logik hält, nicht an die Wirklichkeits-, nicht an die Tatsachenlogik, nicht an die Logik des Geschauten. Aber ich will, trotzdem Ihnen scheinbar diese Sache ferner liegen könnte, doch auf diese Sache noch einmal von einem anderen Gesichtspunkte hinweisen, will insbesondere einen der Punkte der Philosophie des Avenarius hervorheben, der uns geleiten kann bei der Beantwortung dieser wichtigen Frage: Wie kommen Avenarius und Mach dazu, bolschewistische Staatsphilosophen zu werden? Denn die Tatsache ist immerhin sehr bezeichnend für die Verwirrung in der Gegenwart. |

[ 13 ] Sehen Sie, Avenarius wirft verschiedene Fragen auf, und wenn man in seiner Sprache spricht von den Introjektionen und so weiter, von diesen rein erkenntnistheoretischen Begriffen, die er entwickelt hat, so redet man ja für weite Kreise eine ziemlich unverständliche Sprache. Aber in dieser unverständlichen Sprache wirft er eine gewisse Frage auf, die doch gerade vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus sehr interessant ist. Avenarius wirft nämlich die Frage auf: Würde ein Mensch, der allein in der Welt wäre, auch von den Unterschieden sprechen zwischen dem, was in seiner Seele ist, und was außen in der Welt ist, von den Unterschieden zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven? — Richard Avenarius ist scharfsinnig genug, daß er sagt: Wir werden nur dadurch verführt dazu, von den Unterschieden zwischen Subjektivem und Objektivem zu sprechen, daß wir, wenn wir einem anderen Menschen gegenüberstehen — also wenn wir nicht alleinstehen in der Welt —, annehmen, daß das, was wir in unseren Gehirnen tragen zum Beispiel von einem Tisch oder von etwas anderem, auch in ihm ist. Dadurch, auf diesem Umwege, daß wir das hineinprojizieren in sein Gehirn, dasselbe Bild, das wir auch in uns tragen, und dadurch die ganze Sache Bildcharakter annimmt, dadurch unterscheiden wir die Dinge in unserer Seele von den Dingen draußen, denen wir gegenüberstehen, von den Gegenständen. Avenarius meint, wenn nicht andere Leute außer uns noch draußen in der Welt wären, würden wir nicht sprechen von den Unterschieden der Dinge in unserer Seele und den Dingen draußen, sondern wir würden uns als eine Einheit anschauen, wir würden uns als Zusammenfluß mit den Dingen anschauen, würden uns nicht unterscheiden von der Welt.

[ 13 ] Sehen Sie, Avenarius wirft verschiedene Fragen auf, und wenn man in seiner Sprache spricht von den Introjektionen und so weiter, von diesen rein erkenntnistheoretischen Begriffen, die er entwickelt hat, so redet man ja für weite Kreise eine ziemlich unverständliche Sprache. Aber in dieser unverständlichen Sprache wirft er eine gewisse Frage auf, die doch gerade vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus sehr interessant ist. Avenarius wirft nämlich die Frage auf: Würde ein Mensch, der allein in der Welt wäre, auch von den Unterschieden sprechen zwischen dem, was in seiner Seele ist, und was außen in der Welt ist, von den Unterschieden zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven? — Richard Avenarius ist scharfsinnig genug, daß er sagt: Wir werden nur dadurch verführt dazu, von den Unterschieden zwischen Subjektivem und Objektivem zu sprechen, daß wir, wenn wir einem anderen Menschen gegenüberstehen — also wenn wir nicht alleinstehen in der Welt —, annehmen, daß das, was wir in unseren Gehirnen tragen zum Beispiel von einem Tisch oder von etwas anderem, auch in ihm ist. Dadurch, auf diesem Umwege, daß wir das hineinprojizieren in sein Gehirn, dasselbe Bild, das wir auch in uns tragen, und dadurch die ganze Sache Bildcharakter annimmt, dadurch unterscheiden wir die Dinge in unserer Seele von den Dingen draußen, denen wir gegenüberstehen, von den Gegenständen. Avenarius meint, wenn nicht andere Leute außer uns noch draußen in der Welt wären, würden wir nicht sprechen von den Unterschieden der Dinge in unserer Seele und den Dingen draußen, sondern wir würden uns als eine Einheit anschauen, wir würden uns als Zusammenfluß mit den Dingen anschauen, würden uns nicht unterscheiden von der Welt.

[ 14 ] Man kann sagen: Avenarius hat von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit dieser Behauptung recht, und von einem anderen Gesichtspunkte aus furchtbar unrecht. Recht hat er insofern, als es allerdings etwas bedeutet, daß wir — wenn wir auch in unserer Erinnerung gewöhnlich von diesem Zeitpunkt nichts wissen — im Verlauf der allerersten Kindheit mit Menschen in Berührung kommen; das hat schon eine gewisse Bedeutung. Unser ganzes Vorstellen wird dadurch beeinflußt. Es wäre anders, wenn wir nicht in Berührung mit anderen Menschen kämen, aber es wäre nicht so, wie Avenarius meint. Wer durch geistiges Schauen wirklich darauf kommen kann, welcher Tatbestand da eigentlich zugrunde liegt, kommt nämlich in diesem Punkt auf die Wahrheit. Wir würden allerdings ein anderes Weltbild haben, wenn wir nicht auf unserem Lebenswege in der Zeit, in der wir noch gar nicht bewußt denken können, anderen Menschen begegneten. Aber es liegt die kuriose Tatsache vor: In diesem anderen Weltbilde wären die Geister drinnen, die der Welt zugrunde liegen. Also nicht in Avenariusschem Sinne würden wir uns von der Welt nicht unterscheiden, wenn wir allein auf der Welt wären und keine anderen Menschen da wären. Wenn wir allein auf der Welt wären bedenken Sie diese furchtbare Abstraktion —, würden wir uns allerdings nicht von den Mineralien und Pflanzen unterscheiden, aber wir würden hinter Mineralien und Pflanzen die göttlich-geistige Welt wahrnehmen. Tiere dürften allerdings auch nicht da sein, sie würden das Weltbild auch beeinträchtigen. Aus dieser Tatsache ergibt sich aber, daß das Zusammensein mit Menschen der Grund ist, warum wir in naiver Weise nicht die geistige Welt, die hinter Pflanzen und Mineralien ist, wahrnehmen. Die Menschen stellen sich uns vor diese Welt. Denken Sie: um den Preis, die hierarchische Götterwelt nicht wahrzunehmen, erobern wir uns dasjenige, was uns durch unser Zusammenleben mit anderen Menschen auf der physischen Erde wird! Die Menschen stellen sich gewissermaßen verdeckend vor die Götterwelt hin. Das hat natürlich Avenarius nicht gewußt, daher hat er die Frage auf ein ganz falsches Geleise geführt. Er hat geglaubt, wenn keine Menschen da wären, dann würden wir uns ungeschieden von der Welt sehen, dann würden wir uns nicht unterscheiden von der Welt. Aber die Wahrheit ist: Wir würden uns zwar nicht von anderen Menschen und von Pflanzen und Mineralien unterscheiden, aber wir würden uns von den Göttern unterscheiden, die wir dann in unserem Umkreis hätten; das ist die Wahrheit! |

[ 14 ] Man kann sagen: Avenarius hat von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit dieser Behauptung recht, und von einem anderen Gesichtspunkte aus furchtbar unrecht. Recht hat er insofern, als es allerdings etwas bedeutet, daß wir — wenn wir auch in unserer Erinnerung gewöhnlich von diesem Zeitpunkt nichts wissen — im Verlauf der allerersten Kindheit mit Menschen in Berührung kommen; das hat schon eine gewisse Bedeutung. Unser ganzes Vorstellen wird dadurch beeinflußt. Es wäre anders, wenn wir nicht in Berührung mit anderen Menschen kämen, aber es wäre nicht so, wie Avenarius meint. Wer durch geistiges Schauen wirklich darauf kommen kann, welcher Tatbestand da eigentlich zugrunde liegt, kommt nämlich in diesem Punkt auf die Wahrheit. Wir würden allerdings ein anderes Weltbild haben, wenn wir nicht auf unserem Lebenswege in der Zeit, in der wir noch gar nicht bewußt denken können, anderen Menschen begegneten. Aber es liegt die kuriose Tatsache vor: In diesem anderen Weltbilde wären die Geister drinnen, die der Welt zugrunde liegen. Also nicht in Avenariusschem Sinne würden wir uns von der Welt nicht unterscheiden, wenn wir allein auf der Welt wären und keine anderen Menschen da wären. Wenn wir allein auf der Welt wären bedenken Sie diese furchtbare Abstraktion —, würden wir uns allerdings nicht von den Mineralien und Pflanzen unterscheiden, aber wir würden hinter Mineralien und Pflanzen die göttlich-geistige Welt wahrnehmen. Tiere dürften allerdings auch nicht da sein, sie würden das Weltbild auch beeinträchtigen. Aus dieser Tatsache ergibt sich aber, daß das Zusammensein mit Menschen der Grund ist, warum wir in naiver Weise nicht die geistige Welt, die hinter Pflanzen und Mineralien ist, wahrnehmen. Die Menschen stellen sich uns vor diese Welt. Denken Sie: um den Preis, die hierarchische Götterwelt nicht wahrzunehmen, erobern wir uns dasjenige, was uns durch unser Zusammenleben mit anderen Menschen auf der physischen Erde wird! Die Menschen stellen sich gewissermaßen verdeckend vor die Götterwelt hin. Das hat natürlich Avenarius nicht gewußt, daher hat er die Frage auf ein ganz falsches Geleise geführt. Er hat geglaubt, wenn keine Menschen da wären, dann würden wir uns ungeschieden von der Welt sehen, dann würden wir uns nicht unterscheiden von der Welt. Aber die Wahrheit ist: Wir würden uns zwar nicht von anderen Menschen und von Pflanzen und Mineralien unterscheiden, aber wir würden uns von den Göttern unterscheiden, die wir dann in unserem Umkreis hätten; das ist die Wahrheit! |

[ 15 ] Wenn Sie dies bedenken, dann können Sie sich etwas sagen, was sehr wichtig ist, in unserer Zeit sich zu sagen: Es ist merkwürdig, daß unsere Zeit in vieler Beziehung das Schicksal hat, in ihren scharfsinnigsten Geistern an die wichtigsten Fragen anzutippen, zu rühren an die wichtigsten Fragen, und die Dinge auf die falschesten Geleise zu führen und immer sie so zu führen, daß sie wegführen von der Auffassung des Geistigen. Radikaler nämlich als Avenarius kann man nicht von der Auffassung des Geistigen wegführen. Denn seine Philosophie ist scharfsinnig, ist mit der ganzen Raffiniertheit der Professorensprache geschrieben, und sie ist daher geeignet, die Menschen möglichst schlafend vom Geiste hinwegzuführen. Wenn aber die Menschen schlafend vom Geiste hinweggeführt werden, dann halten sie dieses Hinwegführen vom Geiste für eine Notwendigkeit, für etwas wie die mathematische Notwendigkeit; wenn sie es nur nicht merken, daß sie vom Geiste weggeführt werden, dann nehmen sie das als ein wissenschaftlich Bewiesenes an. Das auf der einen Seite.

[ 15 ] Wenn Sie dies bedenken, dann können Sie sich etwas sagen, was sehr wichtig ist, in unserer Zeit sich zu sagen: Es ist merkwürdig, daß unsere Zeit in vieler Beziehung das Schicksal hat, in ihren scharfsinnigsten Geistern an die wichtigsten Fragen anzutippen, zu rühren an die wichtigsten Fragen, und die Dinge auf die falschesten Geleise zu führen und immer sie so zu führen, daß sie wegführen von der Auffassung des Geistigen. Radikaler nämlich als Avenarius kann man nicht von der Auffassung des Geistigen wegführen. Denn seine Philosophie ist scharfsinnig, ist mit der ganzen Raffiniertheit der Professorensprache geschrieben, und sie ist daher geeignet, die Menschen möglichst schlafend vom Geiste hinwegzuführen. Wenn aber die Menschen schlafend vom Geiste hinweggeführt werden, dann halten sie dieses Hinwegführen vom Geiste für eine Notwendigkeit, für etwas wie die mathematische Notwendigkeit; wenn sie es nur nicht merken, daß sie vom Geiste weggeführt werden, dann nehmen sie das als ein wissenschaftlich Bewiesenes an. Das auf der einen Seite.

[ 16 ] Sie sehen da einen Philosophen — und für Mach ließe sich ein Ähnliches sagen —, dessen innerster Nerv seines ganzen Denkens darin besteht, eine Wissenschaft zu begründen, die den Menschen radikal wegführt vom Geiste. Im Bolschewismus soll eine soziale Ordnung begründet werden mit Ausschluß alles Geistigen, soll gerade die Menschheit so sozial gruppiert werden, daß das Geistige dabei keine Rolle spielt. Sehen Sie, das ist der wirklich innere Zusammenhang. Der macht sich in der Tatsachenlogik geltend. Nicht aus einem bloß äußerlichen Grund, sondern aus höchst innerlicher Wesensverwandtheit wurden Avenarius und Mach die Staatsphilosophen der Bolschewisten.

[ 16 ] Sie sehen da einen Philosophen — und für Mach ließe sich ein Ähnliches sagen —, dessen innerster Nerv seines ganzen Denkens darin besteht, eine Wissenschaft zu begründen, die den Menschen radikal wegführt vom Geiste. Im Bolschewismus soll eine soziale Ordnung begründet werden mit Ausschluß alles Geistigen, soll gerade die Menschheit so sozial gruppiert werden, daß das Geistige dabei keine Rolle spielt. Sehen Sie, das ist der wirklich innere Zusammenhang. Der macht sich in der Tatsachenlogik geltend. Nicht aus einem bloß äußerlichen Grund, sondern aus höchst innerlicher Wesensverwandtheit wurden Avenarius und Mach die Staatsphilosophen der Bolschewisten.

[ 17 ] Sie sehen daraus, daß man schon mit dem gewöhnlichen, heute gebräuchlichen Urteil vor solchen Dingen eigentlich ziemlich starr steht. Man kann sich nur wundern: Wie kommen die Bolschewisten dazu, Avenarius und Mach zu ihren Staatsphilosophen zu machen? Aber möglich ist es, die Zusammenhänge heute einzusehen. Da muß man aber auf die geistigen Grundlagen gehen. Das haben wit mit dieser Tatsache jetzt getan. Da muß man hinweisen können darauf: Wie ist das in Wirklichkeit, wenn der Mensch alleinstehend auf unserer physischen Erde, ohne andere Menschen, wäre? Es gibt einfach heute Erscheinungen, und insbesondere im gegenseitigen Verhältnis der Menschen zueinander — ich habe gerade eine geistige Angelegenheit erwähnt, aber es könnten auch alltägliche erwähnt werden —, die sich in das Menschenleben hineinstellen, und die den Menschen starr machen, weil sie ihn zu keinem Verständnisse kommen lassen, wenn er sie nicht geisteswissenschaftlich betrachtet.

[ 17 ] Sie sehen daraus, daß man schon mit dem gewöhnlichen, heute gebräuchlichen Urteil vor solchen Dingen eigentlich ziemlich starr steht. Man kann sich nur wundern: Wie kommen die Bolschewisten dazu, Avenarius und Mach zu ihren Staatsphilosophen zu machen? Aber möglich ist es, die Zusammenhänge heute einzusehen. Da muß man aber auf die geistigen Grundlagen gehen. Das haben wit mit dieser Tatsache jetzt getan. Da muß man hinweisen können darauf: Wie ist das in Wirklichkeit, wenn der Mensch alleinstehend auf unserer physischen Erde, ohne andere Menschen, wäre? Es gibt einfach heute Erscheinungen, und insbesondere im gegenseitigen Verhältnis der Menschen zueinander — ich habe gerade eine geistige Angelegenheit erwähnt, aber es könnten auch alltägliche erwähnt werden —, die sich in das Menschenleben hineinstellen, und die den Menschen starr machen, weil sie ihn zu keinem Verständnisse kommen lassen, wenn er sie nicht geisteswissenschaftlich betrachtet.

[ 18 ] Glauben Sie nicht, daß das zu allen Zeiten so war. In alten Zeiten waren solche Erscheinungen auch da, aber sie waren den Menschen instinktiv begreiflich aus dem alten instinktiven Hellsehen heraus. Im Verkehr der Menschen untereinander waren durch die graue Zeit der Unwissenheit solche Erscheinungen dann nicht vorhanden. Jetzt treten sie wieder auf. Nicht etwa, daß bloß die Seelen der Menschen sich entwickeln, die Welt entwickelt sich, die Welt ändert sich und zeigt ihre Veränderung zunächst im Verkehr der Menschen untereinander; im nächsten Zeitraum wird sie es auch zeigen im Verhältnis des Menschen zu den anderen Naturreichen. Unverständlich muß in der Gegenwart und in die nächste Zukunft hinein das Leben den Menschen bleiben, wenn sie dieses Leben nicht geisteswissenschaftlich betrachten wollen. Illusion über Illusion wird die Menschenseele packen, wenn man zu diesen geisteswissenschaftlichen Begriffen nicht seine Zuflucht wird nehmen wollen. Es sind hier manche, denen habe ich bei dem Ausbruch der gegenwärtigen kriegerischen Katastrophe immer wieder eines gesagt: Über die sogenannten welthistorischen Erscheinungen der letzten Jahrhunderte kann man schreiben nach den Urkunden der Archive, indem man einfach diese Urkunden aufstöbert und Rankesche oder ähnliche Geschichtsschreibung treibt. Über den Ausbruch dieser kriegerischen Katastrophe kann man so nicht schreiben. Denn wenn die Menschen auch alles mögliche aus den Archiven ausgraben werden: Wenn sie nicht aufmerksam darauf werden, wie die Seelenverfassung gerade derjenigen Menschen war, die am Ausgang dieses Krieges beteiligt waren, und wie diese Seelenverfassung die ahrimanischen Mächte hereingelassen hat in das Erdengetriebe, und wie dadurch von ahrimanischer Seite her die Ursachen zu dieser kriegerischen Katastrophe gekommen sind — wenn man nicht geisteswissenschaftlich wird studieren wollen den Ausgangspunkt dieser kriegerischen Katastrophe, dann wird dieser Ausgangspunkt immer dunkel bleiben. Das ist es, was schon in dieser kriegerischen Katastrophe liegt, wie, ich möchte sagen, eine Aufforderung an die Menschen, von ihr zu lernen. Viel kann gelernt werden an dem, was in den letzten vier bis fünf Jahren geschehen ist als Folge dessen, was früher da war. Vor allen Dingen wird sich lernen lassen, manche Fragen nicht mehr so einseitig wie früher, sondern den Forderungen der Zeit angemessen zu stellen.

[ 18 ] Glauben Sie nicht, daß das zu allen Zeiten so war. In alten Zeiten waren solche Erscheinungen auch da, aber sie waren den Menschen instinktiv begreiflich aus dem alten instinktiven Hellsehen heraus. Im Verkehr der Menschen untereinander waren durch die graue Zeit der Unwissenheit solche Erscheinungen dann nicht vorhanden. Jetzt treten sie wieder auf. Nicht etwa, daß bloß die Seelen der Menschen sich entwickeln, die Welt entwickelt sich, die Welt ändert sich und zeigt ihre Veränderung zunächst im Verkehr der Menschen untereinander; im nächsten Zeitraum wird sie es auch zeigen im Verhältnis des Menschen zu den anderen Naturreichen. Unverständlich muß in der Gegenwart und in die nächste Zukunft hinein das Leben den Menschen bleiben, wenn sie dieses Leben nicht geisteswissenschaftlich betrachten wollen. Illusion über Illusion wird die Menschenseele packen, wenn man zu diesen geisteswissenschaftlichen Begriffen nicht seine Zuflucht wird nehmen wollen. Es sind hier manche, denen habe ich bei dem Ausbruch der gegenwärtigen kriegerischen Katastrophe immer wieder eines gesagt: Über die sogenannten welthistorischen Erscheinungen der letzten Jahrhunderte kann man schreiben nach den Urkunden der Archive, indem man einfach diese Urkunden aufstöbert und Rankesche oder ähnliche Geschichtsschreibung treibt. Über den Ausbruch dieser kriegerischen Katastrophe kann man so nicht schreiben. Denn wenn die Menschen auch alles mögliche aus den Archiven ausgraben werden: Wenn sie nicht aufmerksam darauf werden, wie die Seelenverfassung gerade derjenigen Menschen war, die am Ausgang dieses Krieges beteiligt waren, und wie diese Seelenverfassung die ahrimanischen Mächte hereingelassen hat in das Erdengetriebe, und wie dadurch von ahrimanischer Seite her die Ursachen zu dieser kriegerischen Katastrophe gekommen sind — wenn man nicht geisteswissenschaftlich wird studieren wollen den Ausgangspunkt dieser kriegerischen Katastrophe, dann wird dieser Ausgangspunkt immer dunkel bleiben. Das ist es, was schon in dieser kriegerischen Katastrophe liegt, wie, ich möchte sagen, eine Aufforderung an die Menschen, von ihr zu lernen. Viel kann gelernt werden an dem, was in den letzten vier bis fünf Jahren geschehen ist als Folge dessen, was früher da war. Vor allen Dingen wird sich lernen lassen, manche Fragen nicht mehr so einseitig wie früher, sondern den Forderungen der Zeit angemessen zu stellen.

[ 19 ] Ich habe oftmals gesagt: Es ist kein Grund vorhanden, sich in leichter Weise über das Unglück der Zeit zu trösten oder etwa gar die Augen davor zu schließen. Es ist aber auch kein Grund zum Pessimismus vorhanden. Man braucht nur folgendes zu bedenken: Ungeheuer Schreckliches hat sich abgespielt im Laufe der letzten viereinhalb Jahre über die Erde hin; aber was ist das Wesentliche in diesem Schrecklichen? — Das, was Menschenseelen in dieser Zeit er. fahren haben, das ist das Wesentliche, in ihr erfahren haben natürlich mit Bezug auf die Entwickelung dieser Menschenseelen in der ganzen Erdenentwickelung. Da aber taucht dann eine sehr bedeutungsvolle, eine inhaltschwere Frage auf. Diese Frage ist paradox, aber nur deshalb, weil sie eben inhaltschwer und dem gewöhnlichen Denken ungewohnt ist, die Frage: Kann man denn eigentlich wünschen, daß die Menschheit ohne eine solche Katastrophe einfach so hätte fortleben sollen, wie sie sich gewöhnt hatte, bis zum Jahre 1914 zu leben? Kann man das eigentlich so ohne weiteres wünschen? — Ich darf bei der Aufwerfung einer solchen Frage immer wieder auf das hinweisen, was ich vor dem Ausbruch dieser kriegerischen Katastrophe in meinem Zyklus in Wien gesagt habe: daß, wenn man überschaut, was in der Menschenwelt lebt, sich das Verhältnis der Menschen untereinander, das soziale Leben wie ein soziales Karzinom ausnimmt, wie ein durch die Menschheit schleichendes Krebsgeschwür. Die Menschen haben allerdings die Augen zugemacht vor diesem Karzinom der sozialen Gemeinschaft. Sie wollten nicht hinschauen auf die tatsächlichen Verhältnisse. Aber niemand kann, wenn er die Dinge im Tiefsten schaut, sagen, daß es gut für die Menschheit gewesen wäre, wenn sie so fortgefahren wäre. Sie wäre auf dem Wege, den ich angedeutet habe, hinweg vom Geiste immer weiter talab gekommen. Und diejenigen, zu denen wir mit so schmerzvoller Seele hinschauen, die Millionen, die von diesem physischen Plane hinweggefegt worden sind durch diese fürchterliche Katastrophe, die jetzt als Seelen leben, sie sind es, die am allermeisten bedenken, wie ihre Lage anders ist, jetzt, da sie den Rest ihres Lebens in der geistigen Welt durchmachen, und wie diese Lage anders wäre, wenn ihr Karma sie weiter auf der physischen Erde erhalten hätte.

[ 19 ] Ich habe oftmals gesagt: Es ist kein Grund vorhanden, sich in leichter Weise über das Unglück der Zeit zu trösten oder etwa gar die Augen davor zu schließen. Es ist aber auch kein Grund zum Pessimismus vorhanden. Man braucht nur folgendes zu bedenken: Ungeheuer Schreckliches hat sich abgespielt im Laufe der letzten viereinhalb Jahre über die Erde hin; aber was ist das Wesentliche in diesem Schrecklichen? — Das, was Menschenseelen in dieser Zeit er. fahren haben, das ist das Wesentliche, in ihr erfahren haben natürlich mit Bezug auf die Entwickelung dieser Menschenseelen in der ganzen Erdenentwickelung. Da aber taucht dann eine sehr bedeutungsvolle, eine inhaltschwere Frage auf. Diese Frage ist paradox, aber nur deshalb, weil sie eben inhaltschwer und dem gewöhnlichen Denken ungewohnt ist, die Frage: Kann man denn eigentlich wünschen, daß die Menschheit ohne eine solche Katastrophe einfach so hätte fortleben sollen, wie sie sich gewöhnt hatte, bis zum Jahre 1914 zu leben? Kann man das eigentlich so ohne weiteres wünschen? — Ich darf bei der Aufwerfung einer solchen Frage immer wieder auf das hinweisen, was ich vor dem Ausbruch dieser kriegerischen Katastrophe in meinem Zyklus in Wien gesagt habe: daß, wenn man überschaut, was in der Menschenwelt lebt, sich das Verhältnis der Menschen untereinander, das soziale Leben wie ein soziales Karzinom ausnimmt, wie ein durch die Menschheit schleichendes Krebsgeschwür. Die Menschen haben allerdings die Augen zugemacht vor diesem Karzinom der sozialen Gemeinschaft. Sie wollten nicht hinschauen auf die tatsächlichen Verhältnisse. Aber niemand kann, wenn er die Dinge im Tiefsten schaut, sagen, daß es gut für die Menschheit gewesen wäre, wenn sie so fortgefahren wäre. Sie wäre auf dem Wege, den ich angedeutet habe, hinweg vom Geiste immer weiter talab gekommen. Und diejenigen, zu denen wir mit so schmerzvoller Seele hinschauen, die Millionen, die von diesem physischen Plane hinweggefegt worden sind durch diese fürchterliche Katastrophe, die jetzt als Seelen leben, sie sind es, die am allermeisten bedenken, wie ihre Lage anders ist, jetzt, da sie den Rest ihres Lebens in der geistigen Welt durchmachen, und wie diese Lage anders wäre, wenn ihr Karma sie weiter auf der physischen Erde erhalten hätte.

[ 20 ] Sub specie aeterni, unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit nehmen sich die Dinge doch anders aus. So etwas muß ausgesprochen werden. Die Dinge dürfen nur nicht leichtfertig und leichtgeschürzt genommen werden. Ebenso, wie es wahr ist, daß es unendlich traurig ist, daß diese Katastrophe hereingebrochen ist, ebenso wahr ist es, daß durch diese Katastrophe die Menschheit bewahrt worden ist vor einem furchtbaren Versinken in Materialismus und Utilitarismus. Wenn sich auch das heute noch nicht zeigt, aber es wird sich zeigen, es wird sich vor allen Dingen zeigen in den Mittelländern und im Osten, wo sich statt einer Ordnung, die den Materialismus in sich aufgenommen hatte, ein Chaos entwickelt. Man kann gewiß nicht ohne den Unterton des Leidens sprechen über dieses Chaos, das über die Mittelländer und über die Länder des Ostens hereingebrochen ist, und das in äußerer Beziehung wenig Aussicht bietet, sich bald irgendwie in eine Harmonie umzugestalten. Aber ein anderes liegt vor. Da, wo dieses Chaos sich ausbreitet, da wird eine Welt sein, die durch den äußeren physischen Plan den Menschen in der nächsten Zukunft möglichst wenig geben wird. Die Segnungen des physischen Planes werden nicht groß sein in den Mittelländern und in den Ostländern. Alles das, was dem Menschen werden kann dadurch, daß er sein Dasein trägt durch äußere Gewalten, das wird nicht viel sein. Der Mensch wird sich im Innern seiner Seele fassen müssen, um festzustehen. Und bei diesem Sichfassen im Innern, um festzustehen, wird er den Ansatz machen können zum Wege in die geistige Welt hinein. Er wird den Entschluß fassen können, zum Geiste hinzugehen, von dem allein das Heil der Zukunft kommen kann. Denn das ist das Wesentliche für die Zukunft, daß uns gewissermaßen unser äußeres Leibliches entgleitet, daß unser äußeres Leibliches — ich führte es gestern aus — nicht mehr so gesund ist, als es in vergangenen Zeiten war, daß es mehr 'Tod in sich hat, als es in vergangenen Zeiten hatte. Und der Impuls für die Einsicht, daß nicht mit dem, womit unser Leibliches verbunden ist, des Weltenrätsels Inhalt gefunden werden kann, sondern daß hinaufgestiegen werden muß in geistige Welten, der Impuls dazu, auch die soziale Ordnung aus geistigen Welten zu holen, er wird sich ergeben, wenn man möglichst wenig in der physischen Welt finden kann. Diese physische Welt wird eine Gestaltung der Harmonie nur annehmen können, wenn sie diese Gestaltung aus dem geistigen Leben heraus sucht. Die Bibel erzählt auf ihren ersten Seiten nicht, daß es Ahriman oder Luzifer waren, die die Menschen aus dem Paradiese vertrieben haben, sondern daß es der Jahve-Gott selber war, der die Menschen aus dem Paradiese vertrieben hat. Aber wir wissen auch, daß diese Vertreibung aus dem Paradiese das Freiwerden des Menschen, das Erleben der Freiheit für die Menschen bedeutet, indem die Möglichkeit, der Keim zur Freiheit dadurch gelegt wurde. Müßte es denn durchaus wider diese biblische Weisheit sein, wenn gesagt würde: Auch göttliche Weisheit war es, die die Menschen herausgetrieben hat aus der in Materialismus und Utilitarismus hineinführenden Gegenwart zu Keimen, deren geistige Erfassung der Welt nützen sollen? Und aus den schmerzlichen Untergründen der letzten viereinhalb . Jahre tönt es gleichsam herauf: Geistiges will sich offenbaren durch die Schleier der äußeren Erscheinungen; Menschen sollen lernen durch das Unglück, auf diese geistigen Offenbarungen hinzuschauen, und es wird zu ihrem Heile sein.

[ 20 ] Sub specie aeterni, unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit nehmen sich die Dinge doch anders aus. So etwas muß ausgesprochen werden. Die Dinge dürfen nur nicht leichtfertig und leichtgeschürzt genommen werden. Ebenso, wie es wahr ist, daß es unendlich traurig ist, daß diese Katastrophe hereingebrochen ist, ebenso wahr ist es, daß durch diese Katastrophe die Menschheit bewahrt worden ist vor einem furchtbaren Versinken in Materialismus und Utilitarismus. Wenn sich auch das heute noch nicht zeigt, aber es wird sich zeigen, es wird sich vor allen Dingen zeigen in den Mittelländern und im Osten, wo sich statt einer Ordnung, die den Materialismus in sich aufgenommen hatte, ein Chaos entwickelt. Man kann gewiß nicht ohne den Unterton des Leidens sprechen über dieses Chaos, das über die Mittelländer und über die Länder des Ostens hereingebrochen ist, und das in äußerer Beziehung wenig Aussicht bietet, sich bald irgendwie in eine Harmonie umzugestalten. Aber ein anderes liegt vor. Da, wo dieses Chaos sich ausbreitet, da wird eine Welt sein, die durch den äußeren physischen Plan den Menschen in der nächsten Zukunft möglichst wenig geben wird. Die Segnungen des physischen Planes werden nicht groß sein in den Mittelländern und in den Ostländern. Alles das, was dem Menschen werden kann dadurch, daß er sein Dasein trägt durch äußere Gewalten, das wird nicht viel sein. Der Mensch wird sich im Innern seiner Seele fassen müssen, um festzustehen. Und bei diesem Sichfassen im Innern, um festzustehen, wird er den Ansatz machen können zum Wege in die geistige Welt hinein. Er wird den Entschluß fassen können, zum Geiste hinzugehen, von dem allein das Heil der Zukunft kommen kann. Denn das ist das Wesentliche für die Zukunft, daß uns gewissermaßen unser äußeres Leibliches entgleitet, daß unser äußeres Leibliches — ich führte es gestern aus — nicht mehr so gesund ist, als es in vergangenen Zeiten war, daß es mehr 'Tod in sich hat, als es in vergangenen Zeiten hatte. Und der Impuls für die Einsicht, daß nicht mit dem, womit unser Leibliches verbunden ist, des Weltenrätsels Inhalt gefunden werden kann, sondern daß hinaufgestiegen werden muß in geistige Welten, der Impuls dazu, auch die soziale Ordnung aus geistigen Welten zu holen, er wird sich ergeben, wenn man möglichst wenig in der physischen Welt finden kann. Diese physische Welt wird eine Gestaltung der Harmonie nur annehmen können, wenn sie diese Gestaltung aus dem geistigen Leben heraus sucht. Die Bibel erzählt auf ihren ersten Seiten nicht, daß es Ahriman oder Luzifer waren, die die Menschen aus dem Paradiese vertrieben haben, sondern daß es der Jahve-Gott selber war, der die Menschen aus dem Paradiese vertrieben hat. Aber wir wissen auch, daß diese Vertreibung aus dem Paradiese das Freiwerden des Menschen, das Erleben der Freiheit für die Menschen bedeutet, indem die Möglichkeit, der Keim zur Freiheit dadurch gelegt wurde. Müßte es denn durchaus wider diese biblische Weisheit sein, wenn gesagt würde: Auch göttliche Weisheit war es, die die Menschen herausgetrieben hat aus der in Materialismus und Utilitarismus hineinführenden Gegenwart zu Keimen, deren geistige Erfassung der Welt nützen sollen? Und aus den schmerzlichen Untergründen der letzten viereinhalb . Jahre tönt es gleichsam herauf: Geistiges will sich offenbaren durch die Schleier der äußeren Erscheinungen; Menschen sollen lernen durch das Unglück, auf diese geistigen Offenbarungen hinzuschauen, und es wird zu ihrem Heile sein.

[ 21 ] Auch das ist eine Sprache, die paradox klingt für manche Menschen der Gegenwart; aber es ist die Sprache, die der Christus in unseren Zeiten uns anleitet zu sprechen. Denn im Fortschritt des Christentums muß es gelegen sein, die christlichen Wahrheiten in einer neuen Weise zu fassen. Das kann nur geschehen, wenn sie geistig gefaßt werden. Das Mysterium von Golgatha ist ein geistiges Ereignis, das in die Erdenentwickelung eingegriffen hat. Vollständig verstanden werden kann es nur mit geistiger Erkenntnisweise. Und so werden wir, wie die Menschheit im Grunde durch Unglück den Christus gefunden hat, durch Unglück auch den Christus in der neuen Auffassungsweise und Gestalt zu suchen haben.

[ 21 ] Auch das ist eine Sprache, die paradox klingt für manche Menschen der Gegenwart; aber es ist die Sprache, die der Christus in unseren Zeiten uns anleitet zu sprechen. Denn im Fortschritt des Christentums muß es gelegen sein, die christlichen Wahrheiten in einer neuen Weise zu fassen. Das kann nur geschehen, wenn sie geistig gefaßt werden. Das Mysterium von Golgatha ist ein geistiges Ereignis, das in die Erdenentwickelung eingegriffen hat. Vollständig verstanden werden kann es nur mit geistiger Erkenntnisweise. Und so werden wir, wie die Menschheit im Grunde durch Unglück den Christus gefunden hat, durch Unglück auch den Christus in der neuen Auffassungsweise und Gestalt zu suchen haben.

[ 22 ] Gewiß ist das, was so gesprochen wird, nicht ein Alltagstrost. Aber wenn man von aller Trivialität sich fernhalten will, so ist es im tieferen Sinne des Wortes vielleicht doch etwas Trost, vielleicht der einzige, der der Menschenwürde heute in unserer Zeit angemessen ist. Es ist allerdings ein Trost, der die Menschen nicht hinweist darauf: Wartet, und es wird euch ohne euer Zutun alles Göttliche beschieden werden, sondern ein Trost, der die Menschen darauf hinweist: Wendet an eure Kräfte, und ihr werdet finden, daß in euren Seelen der Gott spricht und kraftet, und daß ihr durch den in euren Seelen sprechenden und kraftenden Gott auch den Gott in der Welt finden werdet, und mit dem Gotte, was die Hauptsache ist, in der Welt in Gemeinsamkeit werdet wirken können! — Von dem bloß passiven Verhalten zu den übersinnlichen Einsichten muß abgegangen werden. Der Mensch muß sich aufraffen, um sich innerlich zu finden, und mit diesem innerlichen Finden sich als ein Glied in der Weltenordnung erkennen. Da mögen sich dann diejenigen Bekenntnisse, die es dem Menschen bequem machen sollen, indem sie — ich meine das bildlich — zuerst seinen Geist einlullen in Weihrauch, damit er dann passiv, ohne sein Zutun, den Weg zum Göttlichen finde, aufbäumen. Diese Bekenntnisse, die sich so an die Bequemlichkeit des Menschen wenden, sie werden sich immer aufbäumen gegen die Forderung, die jetzt herausspringt aus den geistigen Welten, daß der Mensch seinen Wert suche in innerer Aktivität, in innerer Tätigkeit, im wirksamen inneren Entwickeln des geistigen Lebens!

[ 22 ] Gewiß ist das, was so gesprochen wird, nicht ein Alltagstrost. Aber wenn man von aller Trivialität sich fernhalten will, so ist es im tieferen Sinne des Wortes vielleicht doch etwas Trost, vielleicht der einzige, der der Menschenwürde heute in unserer Zeit angemessen ist. Es ist allerdings ein Trost, der die Menschen nicht hinweist darauf: Wartet, und es wird euch ohne euer Zutun alles Göttliche beschieden werden, sondern ein Trost, der die Menschen darauf hinweist: Wendet an eure Kräfte, und ihr werdet finden, daß in euren Seelen der Gott spricht und kraftet, und daß ihr durch den in euren Seelen sprechenden und kraftenden Gott auch den Gott in der Welt finden werdet, und mit dem Gotte, was die Hauptsache ist, in der Welt in Gemeinsamkeit werdet wirken können! — Von dem bloß passiven Verhalten zu den übersinnlichen Einsichten muß abgegangen werden. Der Mensch muß sich aufraffen, um sich innerlich zu finden, und mit diesem innerlichen Finden sich als ein Glied in der Weltenordnung erkennen. Da mögen sich dann diejenigen Bekenntnisse, die es dem Menschen bequem machen sollen, indem sie — ich meine das bildlich — zuerst seinen Geist einlullen in Weihrauch, damit er dann passiv, ohne sein Zutun, den Weg zum Göttlichen finde, aufbäumen. Diese Bekenntnisse, die sich so an die Bequemlichkeit des Menschen wenden, sie werden sich immer aufbäumen gegen die Forderung, die jetzt herausspringt aus den geistigen Welten, daß der Mensch seinen Wert suche in innerer Aktivität, in innerer Tätigkeit, im wirksamen inneren Entwickeln des geistigen Lebens!

[ 23 ] Das muß sein, insbesondere wenn dem Rechnung getragen werden soll, was in mancherlei Maskierung und Vermummung auftritt: der sozialen Forderung unserer Zeit. Ich habe schon in diesen Wochen darauf hingewiesen: Wir leben, wenigstens ein großer Teil unserer gebildeten Menschen, von den Errungenschaften der griechischen Kultur. Wir bedenken nur nicht immer, daß dasjenige, in dem wir so leben, dadurch geschaffen worden ist, daß diese griechische Kultur sich auf der Grundlage der Sklaverei entwickelt hat, daß ein großer Teil der Menschen als Sklaven leben mußte, damit das, was wir heute als die Segnungen der griechischen Kultur empfinden, überhaupt vorhanden sei. Wenn man sich aber so recht klarmacht, daß alles das, was griechische Kunst, was die schöne Erinnerung an griechisches Leben, was griechische Wissenschaft bedeutet, und manches andere noch auf dem Grunde der Sklaverei entstanden ist, dann fragt man sich mit einer anderen Intensität: Was hat es denn bewirkt, daß wir nicht mehr so denken wie die großen Philosophen Plato und Aristoteles gedacht haben: daß die Sklaverei etwas ganz Selbstverständliches ist? Damals war es selbstverständlich für die weisesten der Menschen, daß neun Zehntel der Menschheit als Sklaven leben mußten. Das ist für uns heute nicht mehr selbstverständlich, sondern wir betrachten es als eine Verletzung der Menschenwürde, wenn jemand so denkt. Was hat es innerhalb der abendländischen Menschheit bewirkt, daß so das Vorstellungsvermögen der Menschen umgeartet worden ist? — Das Christentum! Das Christentum hat die Menschen entsklavt, das Christentum hat sie dazu geführt, wenigstens im Prinzip den Satz anzuerkennen: Die Menschen sind in bezug auf ihre Seele gleich vor Gott. Das aber hat auch die Sklaverei ausgeschlossen aus der sozialen Ordnung der Menschen. Aber wir wissen: Es hat eines gelassen, auf das wir von den verschiedensten Gesichtspunkten immer wieder hinweisen müssen, es hat bis in unsere Zeit herein die Auffassung gelassen, von der ich Ihnen gesagt habe, daß sie gerade das Punctum saliens ist in dem Bewußtsein des Proletariers: daß in unserer sozialen Ordnung ein Teil des Menschen, und noch dazu ein im Leib sich Abspielendes vom Menschen als Ware gekauft und von ihm selbst verkauft werden kann. Das ist ja das Aufreibende und Aufregende. Das ist eigentlich das Punctum saliens der sozialen Frage, daß Arbeitskraft bezahlt werden kann. Es ist auch das, was auf dem Grunde unserer ganzen sozialen Gemeinschaft läßt den Charakter des Egoismus; denn Egoismus muß herrschen in der sozialen Ordnung, wenn der Mensch für das, was er für sich braucht, sich seine Arbeit bezahlen lassen muß. Er muß erwerben für sich. Was als nächste Etappe nach der Überwindung der Sklaverei überwunden werden muß, das ist, daß eines Menschen Arbeit Ware sein kann! Das ist das wirkliche Punctum saliens der sozialen Frage, die das neue Christentum lösen wird. Und ich habe Ihnen einiges vorgetragen von den Lösungen der sozialen Frage, denn jene Dreigliederung der sozialen Ordnung, von der ich Ihnen gesprochen habe, die löst die Ware von der Arbeitskraft ab, so daß die Menschen in der Zukunft nur Ware, nur äußeres Erzeugnis, nur vom Menschen Abgesondertes kaufen und verkaufen werden, daß aber der Mensch, wie ich es schon dargestellt habe in dem Aufsatz « Theosophie und soziale Frage», der 1905 erschienen ist, aus Bruderliebe für den anderen Menschen arbeiten wird.

[ 23 ] Das muß sein, insbesondere wenn dem Rechnung getragen werden soll, was in mancherlei Maskierung und Vermummung auftritt: der sozialen Forderung unserer Zeit. Ich habe schon in diesen Wochen darauf hingewiesen: Wir leben, wenigstens ein großer Teil unserer gebildeten Menschen, von den Errungenschaften der griechischen Kultur. Wir bedenken nur nicht immer, daß dasjenige, in dem wir so leben, dadurch geschaffen worden ist, daß diese griechische Kultur sich auf der Grundlage der Sklaverei entwickelt hat, daß ein großer Teil der Menschen als Sklaven leben mußte, damit das, was wir heute als die Segnungen der griechischen Kultur empfinden, überhaupt vorhanden sei. Wenn man sich aber so recht klarmacht, daß alles das, was griechische Kunst, was die schöne Erinnerung an griechisches Leben, was griechische Wissenschaft bedeutet, und manches andere noch auf dem Grunde der Sklaverei entstanden ist, dann fragt man sich mit einer anderen Intensität: Was hat es denn bewirkt, daß wir nicht mehr so denken wie die großen Philosophen Plato und Aristoteles gedacht haben: daß die Sklaverei etwas ganz Selbstverständliches ist? Damals war es selbstverständlich für die weisesten der Menschen, daß neun Zehntel der Menschheit als Sklaven leben mußten. Das ist für uns heute nicht mehr selbstverständlich, sondern wir betrachten es als eine Verletzung der Menschenwürde, wenn jemand so denkt. Was hat es innerhalb der abendländischen Menschheit bewirkt, daß so das Vorstellungsvermögen der Menschen umgeartet worden ist? — Das Christentum! Das Christentum hat die Menschen entsklavt, das Christentum hat sie dazu geführt, wenigstens im Prinzip den Satz anzuerkennen: Die Menschen sind in bezug auf ihre Seele gleich vor Gott. Das aber hat auch die Sklaverei ausgeschlossen aus der sozialen Ordnung der Menschen. Aber wir wissen: Es hat eines gelassen, auf das wir von den verschiedensten Gesichtspunkten immer wieder hinweisen müssen, es hat bis in unsere Zeit herein die Auffassung gelassen, von der ich Ihnen gesagt habe, daß sie gerade das Punctum saliens ist in dem Bewußtsein des Proletariers: daß in unserer sozialen Ordnung ein Teil des Menschen, und noch dazu ein im Leib sich Abspielendes vom Menschen als Ware gekauft und von ihm selbst verkauft werden kann. Das ist ja das Aufreibende und Aufregende. Das ist eigentlich das Punctum saliens der sozialen Frage, daß Arbeitskraft bezahlt werden kann. Es ist auch das, was auf dem Grunde unserer ganzen sozialen Gemeinschaft läßt den Charakter des Egoismus; denn Egoismus muß herrschen in der sozialen Ordnung, wenn der Mensch für das, was er für sich braucht, sich seine Arbeit bezahlen lassen muß. Er muß erwerben für sich. Was als nächste Etappe nach der Überwindung der Sklaverei überwunden werden muß, das ist, daß eines Menschen Arbeit Ware sein kann! Das ist das wirkliche Punctum saliens der sozialen Frage, die das neue Christentum lösen wird. Und ich habe Ihnen einiges vorgetragen von den Lösungen der sozialen Frage, denn jene Dreigliederung der sozialen Ordnung, von der ich Ihnen gesprochen habe, die löst die Ware von der Arbeitskraft ab, so daß die Menschen in der Zukunft nur Ware, nur äußeres Erzeugnis, nur vom Menschen Abgesondertes kaufen und verkaufen werden, daß aber der Mensch, wie ich es schon dargestellt habe in dem Aufsatz « Theosophie und soziale Frage», der 1905 erschienen ist, aus Bruderliebe für den anderen Menschen arbeiten wird.

[ 24 ] Es mag ein weiter Weg sein, um das zu erreichen, doch nichts wird die soziale Frage lösen als einzig und allein dieses. Und wer heute nicht daran glaubt, daß es nur so kommen müsse in der Weltenordnung, der gleicht dem, der zur Zeit des entstehenden Christentums gesagt hätte: Sklaven muß es immer geben. So, wie ein solcher dazumal unrecht gehabt hätte, so hat heute derjenige unrecht, der da sagt: Arbeit muß immer bezahlt werden. Damals konnte man sich nicht denken, daß nicht eine Anzahl von Menschen Sklaven sein müssen, nicht Plato, nicht Aristoteles konnten es sich denken. Heute können sich die gescheitesten Menschen nicht denken, daß man eine soziale Struktur haben kann, in der die Arbeit noch ganz andere Geltung hat, als wenn sie «bezahlt» wird. Natürlich wird auch dann aus Arbeit ein Produkt hervorgehen, aber das Produkt wird das einzig und allein zu Kaufende und zu Verkaufende sein. Das wird sozial die Menschen erlösen.

[ 24 ] Es mag ein weiter Weg sein, um das zu erreichen, doch nichts wird die soziale Frage lösen als einzig und allein dieses. Und wer heute nicht daran glaubt, daß es nur so kommen müsse in der Weltenordnung, der gleicht dem, der zur Zeit des entstehenden Christentums gesagt hätte: Sklaven muß es immer geben. So, wie ein solcher dazumal unrecht gehabt hätte, so hat heute derjenige unrecht, der da sagt: Arbeit muß immer bezahlt werden. Damals konnte man sich nicht denken, daß nicht eine Anzahl von Menschen Sklaven sein müssen, nicht Plato, nicht Aristoteles konnten es sich denken. Heute können sich die gescheitesten Menschen nicht denken, daß man eine soziale Struktur haben kann, in der die Arbeit noch ganz andere Geltung hat, als wenn sie «bezahlt» wird. Natürlich wird auch dann aus Arbeit ein Produkt hervorgehen, aber das Produkt wird das einzig und allein zu Kaufende und zu Verkaufende sein. Das wird sozial die Menschen erlösen.

[ 25 ] Um diese Dinge einzusehen, dazu gehört schon Anschauungserkenntnis, Anschauungslogik. Aber ohne diese Anschauungslogik kommt die Menschheit nicht vorwärts, denn sie ist das Heizmaterial für das, was in der Zukunft kommen muß unter die Menschen: die aus dem Verständnis von Mensch zu Mensch entstehende Menschenliebe. Und so sonderbar es klingt, heute, wo allerlei atavistische Reste nach der einen oder nach der anderen Seite in den Menschen vorhanden sind, heute wird alles noch mit Sympathie und Antipathie angesehen. Wenn zum Beispiel so etwas auseinandergehalten wird, wie ich es vor einiger Zeit hier getan habe, wo ich sagte: Von den drei Gliedern der Menschennatur sind die westlichen Völker berufen, gerade die Unterleibsnatur besonders auszubilden, die mittleren Völker die Herznatur, die östlichen Völker die Kopfnatur, dann werden solche Sachen heute noch vielfach «bewertet»; wenigstens irgendwo in seinem Innern hat der Mensch immer noch so ein kleines Kästchen, wo er die Sachen bewertet. Diese Bewertung muß aufhören; denn gerade dieses Anschauen der Differenzierung über das Erdenrund hin wird die verständnisvolle Liebe begründen. Aus dem Verständnis, nicht aus dem Unverstand wird im Zeitalter der Bewußtseinsseele die wirkliche, über die ganze Erde hin gehende Menschenliebe hervorkommen. Dann wird man verstehen, sich in dem Christus über die ganze Erde hin zu finden. Der Christus ist keine Angelegenheit eines oder des anderen Volkes; der Christus ist eine Angelegenheit der ganzen Menschheit. Aber um ihn als Angelegenheit der ganzen Menschheit zu erkennen, muß manche Illusion schwinden, müssen die Menschen wirklich aufsteigen können dazu, ohne Illusion in die wahre Wesenheit der Dinge hineinzuschauen. Das wollen heute die Menschen auf den verschiedensten Gebieten nicht. Ich weiß aber, daß ich nur eine Weihnachtsfriedenssache ausspreche, wenn ich das folgende Paradoxon vor Sie hinstelle. Sie wissen, ich rede nicht von den einzelnen Menschen, sondern von Volkstümern, wenn ich von diesen Differenzierungen rede. Man kann diese Dinge leicht mißverstehen, wenn man nicht guten Willens ist. Aber ich mache ja so oftmals darauf aufmerksam, daß nicht gemeint ist die einzelne Menschenindividualität, die herauswächst aus dem Volkstum, sondern daß eben die Volkstümer gemeint sind. Das bitte ich zu berücksichtigen, wenn ich das Folgende sage.

[ 25 ] Um diese Dinge einzusehen, dazu gehört schon Anschauungserkenntnis, Anschauungslogik. Aber ohne diese Anschauungslogik kommt die Menschheit nicht vorwärts, denn sie ist das Heizmaterial für das, was in der Zukunft kommen muß unter die Menschen: die aus dem Verständnis von Mensch zu Mensch entstehende Menschenliebe. Und so sonderbar es klingt, heute, wo allerlei atavistische Reste nach der einen oder nach der anderen Seite in den Menschen vorhanden sind, heute wird alles noch mit Sympathie und Antipathie angesehen. Wenn zum Beispiel so etwas auseinandergehalten wird, wie ich es vor einiger Zeit hier getan habe, wo ich sagte: Von den drei Gliedern der Menschennatur sind die westlichen Völker berufen, gerade die Unterleibsnatur besonders auszubilden, die mittleren Völker die Herznatur, die östlichen Völker die Kopfnatur, dann werden solche Sachen heute noch vielfach «bewertet»; wenigstens irgendwo in seinem Innern hat der Mensch immer noch so ein kleines Kästchen, wo er die Sachen bewertet. Diese Bewertung muß aufhören; denn gerade dieses Anschauen der Differenzierung über das Erdenrund hin wird die verständnisvolle Liebe begründen. Aus dem Verständnis, nicht aus dem Unverstand wird im Zeitalter der Bewußtseinsseele die wirkliche, über die ganze Erde hin gehende Menschenliebe hervorkommen. Dann wird man verstehen, sich in dem Christus über die ganze Erde hin zu finden. Der Christus ist keine Angelegenheit eines oder des anderen Volkes; der Christus ist eine Angelegenheit der ganzen Menschheit. Aber um ihn als Angelegenheit der ganzen Menschheit zu erkennen, muß manche Illusion schwinden, müssen die Menschen wirklich aufsteigen können dazu, ohne Illusion in die wahre Wesenheit der Dinge hineinzuschauen. Das wollen heute die Menschen auf den verschiedensten Gebieten nicht. Ich weiß aber, daß ich nur eine Weihnachtsfriedenssache ausspreche, wenn ich das folgende Paradoxon vor Sie hinstelle. Sie wissen, ich rede nicht von den einzelnen Menschen, sondern von Volkstümern, wenn ich von diesen Differenzierungen rede. Man kann diese Dinge leicht mißverstehen, wenn man nicht guten Willens ist. Aber ich mache ja so oftmals darauf aufmerksam, daß nicht gemeint ist die einzelne Menschenindividualität, die herauswächst aus dem Volkstum, sondern daß eben die Volkstümer gemeint sind. Das bitte ich zu berücksichtigen, wenn ich das Folgende sage.

[ 26 ] Betrachten wir einmal das eine oder das andere von den Urteilen, die in den letzten vier Jahren gefällt worden sind über die Reiche oder die Staaten der europäischen Mitte. Ich will, weil ich solche Stimmungen vollständig verstehen kann, nicht im geringsten irgend etwas sagen gegen die Entente-begeisterten Menschen. Das liegt mir ganz fern. Jeder hat seine Meinung, sie ist von einem gewissen Gesichtspunkt aus berechtigt. Aber man kann nun den Blick wegwenden von dieser Meinung, die in den verflossenen Jahren vorhanden war, und kann die Fortsetzung dieser Meinung in der Gegenwart ins Auge fassen. Da wird man vielleicht doch manches recht unverständlich finden können. Man wird sich fragen können: Ist es denn notwendig, daß dieselben Urteile, die man gefällt hat, solange die Machthaber der Mittelstaaten vorhanden waren und noch die Macht hatten, daß die sich nun fortsetzen? Ja, daß man in raffinierter Weise alles tut, um diese Ansichten fortsetzen zu können? Ist es denn notwendig? Ist das ebenso erklärlich? Es ist gewiß von obenhin angesehen nicht so erklärlich, wie manches früher erklärlich war. Aber tiefer angesehen ist es doch erklärlich. Tiefer angesehen ist es erklärlich, nicht aus dem einzelnen Menschen heraus — die einzelnen Menschen werden in den Westländern auch die Gesundung dieser Verhältnisse herbeiführen —, aber diejenigen Menschen, die bloß aus den Volkstümern heraus urteilen oder aus Vorurteilen für diese Volkstümer urteilen, diese Menschen, die haben in ihrem Unterbewußten etwas, das in der folgenden Art charakterisiert werden kann.

[ 26 ] Betrachten wir einmal das eine oder das andere von den Urteilen, die in den letzten vier Jahren gefällt worden sind über die Reiche oder die Staaten der europäischen Mitte. Ich will, weil ich solche Stimmungen vollständig verstehen kann, nicht im geringsten irgend etwas sagen gegen die Entente-begeisterten Menschen. Das liegt mir ganz fern. Jeder hat seine Meinung, sie ist von einem gewissen Gesichtspunkt aus berechtigt. Aber man kann nun den Blick wegwenden von dieser Meinung, die in den verflossenen Jahren vorhanden war, und kann die Fortsetzung dieser Meinung in der Gegenwart ins Auge fassen. Da wird man vielleicht doch manches recht unverständlich finden können. Man wird sich fragen können: Ist es denn notwendig, daß dieselben Urteile, die man gefällt hat, solange die Machthaber der Mittelstaaten vorhanden waren und noch die Macht hatten, daß die sich nun fortsetzen? Ja, daß man in raffinierter Weise alles tut, um diese Ansichten fortsetzen zu können? Ist es denn notwendig? Ist das ebenso erklärlich? Es ist gewiß von obenhin angesehen nicht so erklärlich, wie manches früher erklärlich war. Aber tiefer angesehen ist es doch erklärlich. Tiefer angesehen ist es erklärlich, nicht aus dem einzelnen Menschen heraus — die einzelnen Menschen werden in den Westländern auch die Gesundung dieser Verhältnisse herbeiführen —, aber diejenigen Menschen, die bloß aus den Volkstümern heraus urteilen oder aus Vorurteilen für diese Volkstümer urteilen, diese Menschen, die haben in ihrem Unterbewußten etwas, das in der folgenden Art charakterisiert werden kann.

[ 27 ] Ich habe vor einigen Wochen hier ausgeführt, daß in unserer Weltanschauung, namentlich in unserer Vorstellungsart in der Gegenwart noch vieles Alttestamentliche lebt, daß der eigentliche Nerv des Christentums doch noch wenig eingezogen ist. Das Eigentümliche des Jahve-Dienstes besteht ja darin, daß er alles dasjenige betrifft, was wir nicht zwischen Geburt und Tod uns anerziehen, sondern was wir ererbt mitbekommen, was in unserem Blute liegt, und was sonst nur Einfluß hat, während wir schlafen, wenn wir aus unserem Leibe heraußen sind. Diese Jahve-Anschauung pulsiert noch vielfach in unserer Zeit. Sie kann zur Christus-Anschauung nur dann sich erheben, wenn man hinblickt mit aller Kraft auf die Erwerbung der geistigen Welt im intellektualistischen Zeitalter, nicht durch Geburt oder durch dasjenige, was uns mit der Geburt eingegeben ist, sondern was uns anerzogen wird. Durch die Natur selber ist nicht der Westen prädestiniert, vom Jahve-Dienst überzugehen zum Christus-Dienst, sondern es beginnt die Prädestination erst in der Mitte von Europa und geht nach dem Osten hin; das gilt selbstverständlich für das Volkstum, nicht für den einzelnen Menschen. Daher jene eigentümliche, noch ganz im alttestamentlichen Vorstellen ruhende Art des Wilsonistischen Denkens, das eigentlich so auftritt, daß es, wenn es das auch in Abrede stellt, ausrotten will das, was in den Mittelländern und im Osten geistig emporkommen will. Deshalb ist es so unerklärlich in der Gegenwart, nachdem man ja hinweggeschafft hat, was man vorgab, hinwegschaflen zu wollen, nachdem nunmehr übriggeblieben sind die Völker, denen man, wie man versichert hat, nichts Arges antun will, daß man dieselbe Gesinnung unter allerlei Vorwänden fortsetzt. Man setzt es fort, weil man sich eigentlich wehrt gegen das, was in den Mittelländern und im Osten im Laufe der letzten Jahrhunderte als der Menschheit doch notwendig in geistiger Entwickelung aufgetreten ist. Man möchte unterbewußt das auslöschen. Man möchte sich nicht einlassen auf diese Dinge.

[ 27 ] Ich habe vor einigen Wochen hier ausgeführt, daß in unserer Weltanschauung, namentlich in unserer Vorstellungsart in der Gegenwart noch vieles Alttestamentliche lebt, daß der eigentliche Nerv des Christentums doch noch wenig eingezogen ist. Das Eigentümliche des Jahve-Dienstes besteht ja darin, daß er alles dasjenige betrifft, was wir nicht zwischen Geburt und Tod uns anerziehen, sondern was wir ererbt mitbekommen, was in unserem Blute liegt, und was sonst nur Einfluß hat, während wir schlafen, wenn wir aus unserem Leibe heraußen sind. Diese Jahve-Anschauung pulsiert noch vielfach in unserer Zeit. Sie kann zur Christus-Anschauung nur dann sich erheben, wenn man hinblickt mit aller Kraft auf die Erwerbung der geistigen Welt im intellektualistischen Zeitalter, nicht durch Geburt oder durch dasjenige, was uns mit der Geburt eingegeben ist, sondern was uns anerzogen wird. Durch die Natur selber ist nicht der Westen prädestiniert, vom Jahve-Dienst überzugehen zum Christus-Dienst, sondern es beginnt die Prädestination erst in der Mitte von Europa und geht nach dem Osten hin; das gilt selbstverständlich für das Volkstum, nicht für den einzelnen Menschen. Daher jene eigentümliche, noch ganz im alttestamentlichen Vorstellen ruhende Art des Wilsonistischen Denkens, das eigentlich so auftritt, daß es, wenn es das auch in Abrede stellt, ausrotten will das, was in den Mittelländern und im Osten geistig emporkommen will. Deshalb ist es so unerklärlich in der Gegenwart, nachdem man ja hinweggeschafft hat, was man vorgab, hinwegschaflen zu wollen, nachdem nunmehr übriggeblieben sind die Völker, denen man, wie man versichert hat, nichts Arges antun will, daß man dieselbe Gesinnung unter allerlei Vorwänden fortsetzt. Man setzt es fort, weil man sich eigentlich wehrt gegen das, was in den Mittelländern und im Osten im Laufe der letzten Jahrhunderte als der Menschheit doch notwendig in geistiger Entwickelung aufgetreten ist. Man möchte unterbewußt das auslöschen. Man möchte sich nicht einlassen auf diese Dinge.

[ 28 ] Nun leben wir in einer sehr bedeutsamen Weltenkrisis. Ich habe oft fragen gehört: Wie kommt es denn eigentlich, daß die Menschen des Westens, namentlich Engländer und Franzosen, die Deutschen so furchtbar hassen? — Es gibt eine sehr einfache Antwort darauf, sie ist aber wirklich erschöpfend und sie besteht darin, daß der Mensch sich selber immer anders anschaut, namentlich auch als Volksangehöriger, als er den andern anschaut. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, solche Gedanken, wie Mach sie gehabt hat, als er in den Omnibus eingestiegen ist, oder als er auf der Straße gegangen ist, die liegen in dem Unterbewußten der Menschen sehr häufig. Sie wissen, Mach erzählt selbst: Er stieg einmal sehr ermüdet in einen Omnibus und bemerkte nicht, daß da ein Spiegel war an der Wand, die der Eingangstüre gegenüber war. Da setzte sich von der anderen Seite ein anderer herein. Da dachte er: Was ist denn das für ein gräßlicher Schulmeister, der da einsteigt vis-a-vis? — Er war nämlich sich selber fremd, er kannte sich als Person so wenig; aber als er sich sah, war er sich gar nicht sympathisch.

[ 28 ] Nun leben wir in einer sehr bedeutsamen Weltenkrisis. Ich habe oft fragen gehört: Wie kommt es denn eigentlich, daß die Menschen des Westens, namentlich Engländer und Franzosen, die Deutschen so furchtbar hassen? — Es gibt eine sehr einfache Antwort darauf, sie ist aber wirklich erschöpfend und sie besteht darin, daß der Mensch sich selber immer anders anschaut, namentlich auch als Volksangehöriger, als er den andern anschaut. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, solche Gedanken, wie Mach sie gehabt hat, als er in den Omnibus eingestiegen ist, oder als er auf der Straße gegangen ist, die liegen in dem Unterbewußten der Menschen sehr häufig. Sie wissen, Mach erzählt selbst: Er stieg einmal sehr ermüdet in einen Omnibus und bemerkte nicht, daß da ein Spiegel war an der Wand, die der Eingangstüre gegenüber war. Da setzte sich von der anderen Seite ein anderer herein. Da dachte er: Was ist denn das für ein gräßlicher Schulmeister, der da einsteigt vis-a-vis? — Er war nämlich sich selber fremd, er kannte sich als Person so wenig; aber als er sich sah, war er sich gar nicht sympathisch.

[ 29 ] Nun sehen Sie sich die Geistesgeschichte Mitteleuropas an, nicht in den intimeren Zügen, aber sehen Sie sie sich an im großen und ganzen. Bis zu Lessing, also bis weit in das letzte Drittel des achtzehnten Jahrhunderts hinein haben die Deutschen sich bemüht, so zu sein wie die Franzosen. Sie sehen es ja aus allem. Von einem gewissen Zeitpunkt an, der liegt ungefähr im zwölften Jahrhundert, bis in die Zeit weit über die Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts haben die Deutschen sich bemüht, so zu sein wie die Franzosen, es so zu machen, daß sie auch Franzosen würden. Was die Franzosen dann an sich nicht sahen, oder wenn sie es sahen, doch eher schätzten, das haßten sie furchtbar, wenn sie es in der Nachahmung sahen. Der Mensch übt nämlich unbewußt eine merkwürdige Selbsterkenntnis. Die Deutschen wurden im Grunde genommen in ihrem tiefsten Wesen von den Franzosen nie gehaßt, sondern die Franzosen haßten sich selber, indem sie ihr Abbild, ihr Spiegelbild aus der deutschen Seele heraus ansahen. Seit jener Zeit hat begonnen ein merkwürdiger, heute noch gar nicht genug gewürdigter englischer Einfluß. Die Engländer sehen sich selber natürlich ebensowenig, wie Mach sich gesehen hat, aber sie bemerken sich, wenn sie sich nun in jenem Spiegelbilde schauen, das in merkwürdiger Weise seit dem achtzehnten Jahrhundert in die deutsche Seele eingezogen ist. Sie beurteilen den Engländer im Deutschen. Das ist die einfache psychologische Lösung. Wäre diese Weltenkrisis nicht gekommen, so würde noch lange Zeit dieser Zustand gedauert haben, es wäre eigentlich ein großer Brei da, aus dem die einzelnen Individualitäten dann herauskämen, die allerdings die Intimitäten des deutschen Wesens haben würden. Aber das Unglück, das Chaos, wird aus der Weltenkrise heraus gerade das erstehen lassen, was erstehen soll, was immer da war, was nur unter der Macht des Westens sich nicht entfalten konnte. So liegen die wirklichen Tatsachen. Es ist kein Grund zum Pessimismus, auch in Mitteleuropa nicht. Aber man muß dann zu den tieferen Gründen hinuntersteigen, die dem Werden zugrunde liegen.

[ 29 ] Nun sehen Sie sich die Geistesgeschichte Mitteleuropas an, nicht in den intimeren Zügen, aber sehen Sie sie sich an im großen und ganzen. Bis zu Lessing, also bis weit in das letzte Drittel des achtzehnten Jahrhunderts hinein haben die Deutschen sich bemüht, so zu sein wie die Franzosen. Sie sehen es ja aus allem. Von einem gewissen Zeitpunkt an, der liegt ungefähr im zwölften Jahrhundert, bis in die Zeit weit über die Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts haben die Deutschen sich bemüht, so zu sein wie die Franzosen, es so zu machen, daß sie auch Franzosen würden. Was die Franzosen dann an sich nicht sahen, oder wenn sie es sahen, doch eher schätzten, das haßten sie furchtbar, wenn sie es in der Nachahmung sahen. Der Mensch übt nämlich unbewußt eine merkwürdige Selbsterkenntnis. Die Deutschen wurden im Grunde genommen in ihrem tiefsten Wesen von den Franzosen nie gehaßt, sondern die Franzosen haßten sich selber, indem sie ihr Abbild, ihr Spiegelbild aus der deutschen Seele heraus ansahen. Seit jener Zeit hat begonnen ein merkwürdiger, heute noch gar nicht genug gewürdigter englischer Einfluß. Die Engländer sehen sich selber natürlich ebensowenig, wie Mach sich gesehen hat, aber sie bemerken sich, wenn sie sich nun in jenem Spiegelbilde schauen, das in merkwürdiger Weise seit dem achtzehnten Jahrhundert in die deutsche Seele eingezogen ist. Sie beurteilen den Engländer im Deutschen. Das ist die einfache psychologische Lösung. Wäre diese Weltenkrisis nicht gekommen, so würde noch lange Zeit dieser Zustand gedauert haben, es wäre eigentlich ein großer Brei da, aus dem die einzelnen Individualitäten dann herauskämen, die allerdings die Intimitäten des deutschen Wesens haben würden. Aber das Unglück, das Chaos, wird aus der Weltenkrise heraus gerade das erstehen lassen, was erstehen soll, was immer da war, was nur unter der Macht des Westens sich nicht entfalten konnte. So liegen die wirklichen Tatsachen. Es ist kein Grund zum Pessimismus, auch in Mitteleuropa nicht. Aber man muß dann zu den tieferen Gründen hinuntersteigen, die dem Werden zugrunde liegen.

[ 30 ] Dasjenige, was die Ententemächte jetzt ausführen, das mag so oder so aussehen. Darauf kommt furchtbar wenig an, denn im Grunde ihres Herzens wollen sie etwas Unmögliches. Sie wollen verhindern, daß etwas heraufkommt, was sich in der Mitte Europas und im Osten entwickeln muß. Das aber hängt zusammen mit dem geistigen Fortschritt der Menschen. Der ist nicht zu verhindern. Aber es ruft das andere hervor, daß der Mensch, wenn er es mit der Erdenzukunft ernst meint, an den Geist eben glauben muß. Nur aus dem Geiste, aus der Kraft des Geistes wird dasjenige kommen, was kommen muß, auch zur Lösung der so brennenden sozialen Forderung. Es war notwendig, daß im Maschinenzeitalter fünf mal hundert Millionen unsichtbare Menschen, das heißt, als Maschinen sichtbare Menschen, entstanden sind, damit allmählich die Menschen fühlen lernen: Sie dürfen nicht so bezahlt werden, wie die Maschinen bezahlt werden. Und es war notwendig, daß diese furchtbare Katastrophe, in der das Maschinenzeitalter seine größten 'Triumphe gefeiert hat, heraufgekommen ist. Aber aus dieser Katastrophe wird aufstehen Kraftentfaltung der Menschen. Und aus dieser Kraftentfaltung wird der Mensch auch eine gewisse Möglichkeit schöpfen, sich wiederum recht mit dem Göttlichen, mit dem Geistigen zu verbinden. Ebensowenig, wie es für den Menschen ein bloßes Unglück war — um jetzt den Ausgangspunkt der Erdenentwickelung mit dem zu vergleichen, was ja viele Menschen mit Recht das furchtbarste Ereignis in der Weltgeschichte nennen —, daß die Menschen aus dem Paradiese vertrieben worden sind, so ist es nicht ein bloßes Unglück, daß eine solche Katastrophe die Menschen betroffen hat. Die wertvollsten Wahrheiten sind schließlich im Grunde genommen paradox. Man kann heute ja ich habe öfter auf diese Sache aufmerksam gemacht — sagen: Die Menschen waren so schändlich, das wertvollste Wesen, das auf der Erde erschienen ist, den Christus Jesus, ans Kreuz zu schlagen. Sie haben ihn getötet. Man kann sagen: Es war «schändlich» von den Menschen. Aber dieser Tod, der ist ja der Inhalt des Christentums. Durch diesen Tod ist ja das geschehen, was wir das Mysterium von Golgatha nennen. Ohne diesen Tod gäbe es kein Christentum. Dieser Tod ist das Glück der Menschen, dieser Tod ist die Kraft des Erdenmenschen. So paradox sind die Dinge der Wirklichkeit. Man kann auf der einen Seite sagen: Es war schändlich, daß die Menschen den Christus ans Kreuz geschlagen haben — und dennoch ist mit diesem Tode, mit diesem Ans-Kreuz-Schlagen, das größte Erdenereignis eingetroffen. Ein Unglück ist nicht immer bloß ein Unglück. Ein Unglück ist oftmals der Ausgangspunkt für das Erringen menschlicher Größe und menschlicher Stärke.

[ 30 ] Dasjenige, was die Ententemächte jetzt ausführen, das mag so oder so aussehen. Darauf kommt furchtbar wenig an, denn im Grunde ihres Herzens wollen sie etwas Unmögliches. Sie wollen verhindern, daß etwas heraufkommt, was sich in der Mitte Europas und im Osten entwickeln muß. Das aber hängt zusammen mit dem geistigen Fortschritt der Menschen. Der ist nicht zu verhindern. Aber es ruft das andere hervor, daß der Mensch, wenn er es mit der Erdenzukunft ernst meint, an den Geist eben glauben muß. Nur aus dem Geiste, aus der Kraft des Geistes wird dasjenige kommen, was kommen muß, auch zur Lösung der so brennenden sozialen Forderung. Es war notwendig, daß im Maschinenzeitalter fünf mal hundert Millionen unsichtbare Menschen, das heißt, als Maschinen sichtbare Menschen, entstanden sind, damit allmählich die Menschen fühlen lernen: Sie dürfen nicht so bezahlt werden, wie die Maschinen bezahlt werden. Und es war notwendig, daß diese furchtbare Katastrophe, in der das Maschinenzeitalter seine größten 'Triumphe gefeiert hat, heraufgekommen ist. Aber aus dieser Katastrophe wird aufstehen Kraftentfaltung der Menschen. Und aus dieser Kraftentfaltung wird der Mensch auch eine gewisse Möglichkeit schöpfen, sich wiederum recht mit dem Göttlichen, mit dem Geistigen zu verbinden. Ebensowenig, wie es für den Menschen ein bloßes Unglück war — um jetzt den Ausgangspunkt der Erdenentwickelung mit dem zu vergleichen, was ja viele Menschen mit Recht das furchtbarste Ereignis in der Weltgeschichte nennen —, daß die Menschen aus dem Paradiese vertrieben worden sind, so ist es nicht ein bloßes Unglück, daß eine solche Katastrophe die Menschen betroffen hat. Die wertvollsten Wahrheiten sind schließlich im Grunde genommen paradox. Man kann heute ja ich habe öfter auf diese Sache aufmerksam gemacht — sagen: Die Menschen waren so schändlich, das wertvollste Wesen, das auf der Erde erschienen ist, den Christus Jesus, ans Kreuz zu schlagen. Sie haben ihn getötet. Man kann sagen: Es war «schändlich» von den Menschen. Aber dieser Tod, der ist ja der Inhalt des Christentums. Durch diesen Tod ist ja das geschehen, was wir das Mysterium von Golgatha nennen. Ohne diesen Tod gäbe es kein Christentum. Dieser Tod ist das Glück der Menschen, dieser Tod ist die Kraft des Erdenmenschen. So paradox sind die Dinge der Wirklichkeit. Man kann auf der einen Seite sagen: Es war schändlich, daß die Menschen den Christus ans Kreuz geschlagen haben — und dennoch ist mit diesem Tode, mit diesem Ans-Kreuz-Schlagen, das größte Erdenereignis eingetroffen. Ein Unglück ist nicht immer bloß ein Unglück. Ein Unglück ist oftmals der Ausgangspunkt für das Erringen menschlicher Größe und menschlicher Stärke.