The Fundamental Social Demand of Our Time
In a Different Context
GA 186
21 December 1918, Dornach
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The Fundamental Social Demand of Our Time, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Wenn in unseren Herzen der seit Jahrhunderten tönende Spruch wieder lebendig wird von den sich offenbarenden göttlichen Geheimnissen in den Höhen und dem Frieden auf Erden für die Menschen des guten Willens, dann wird insbesondere wohl in unserer Zeit die Frage sich in eben dieses Herz hineindrängen: Was ist im Sinne der Erdenentwickelung diesem Menschen über das ganze Erdenrund hin eigentlich nötig im Sinne desjenigen Friedens, der vom Evangelium gemeint ist? Wir sprechen ja eigentlich wochenlang schon von dem, was den Menschen über das ganze Erdenrund nötig ist, insbesondere in unserer so fragwürdigen und fragevollen Gegenwart. Und wenn wir zusammendrängen wollen in einen einzigen Satz manches von dem, was wir in den letzten Zeiten haben durch unsere Seele ziehen lassen, so können wir sagen: Notwendig ist den Menschen, immer mehr und mehr volles gegenseitiges Verständnis anzustreben.
[ 1 ] When the saying that has resounded for centuries comes alive again in our hearts—about the divine mysteries revealed in the heavens and peace on earth for people of good will—then, especially in our time, the question will surely press itself upon our hearts: What is actually necessary for humanity across the entire globe, in terms of the Earth’s development, in the spirit of the peace intended by the Gospel? After all, we have actually been speaking for weeks now about what is necessary for people across the entire globe, especially in our present time, which is so fraught with uncertainty and questions. And if we wish to condense into a single sentence some of what has been passing through our souls in recent times, we can say: What is necessary for people is to strive more and more for complete mutual understanding.
[ 2 ] Nun fällt ja zusammen das Suchen nach wahrem gegenseitigem Menschenverständnis mit dem, was gestern auseinandergesetzt worden ist als der Grundimpuls dessen, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft genannt wird. Diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft strebt nach Einsicht in dasjenige, was innerhalb der Welt und ihrer Entwickelung nicht geschaut werden kann. Aber wenn man hinblickt auf das, was in den Menschenseelen werden soll durch solches Weltverständnis, so ist es eben nicht der scheinbare, nicht der illusionäre, sondern der wahre Inhalt der gegenwärtigen sozialen Forderung, der darin besteht, gegenseitiges, wirkliches Verstehen unter den Menschen hervorzurufen. Dieses Verständnis der Menschen über das Erdenrund hin muß man wirklich ehrlich auf der einen Seite und kraftvoll auf der anderen Seite anstreben. Das läßt sich heute nur im Sinne eines aktiven Geisteslebens tun, eines Geisteslebens, das nicht bloß sich passiv der Welt hingeben will, sondern das sich innerlich betätigen will, um im Anteilnehmen an den Impulsen des Daseins zum wirklichen Verständnis der Welt und des Menschen zu kommen. Gestern habe ich davon gesprochen, daß wir in einem Zeitalter leben, in dem neue geistige Offenbarungen durch die Schleier der äußeren Erscheinungen hindurchdringen. Man kann diese Wahrheit nicht ernst genug nehmen. Denn nur derjenige, der sie voll ernst nimmt, wird sich den Anforderungen gewachsen zeigen können, die unsere Zeit im Grunde an jeden einzelnen Menschen stellt, der wach sein will im Leben.
[ 2 ] The search for true mutual understanding among human beings coincides with what was discussed yesterday as the fundamental impulse behind what is referred to here as anthroposophically oriented spiritual science. This anthroposophically oriented spiritual science strives for insight into that which cannot be perceived within the world and its development. But when we look at what such an understanding of the world is meant to bring about in human souls, it is precisely not the apparent, not the illusory, but the true substance of the current social demand—which consists in fostering mutual, genuine understanding among human beings. We must truly strive for this understanding among people across the globe—honestly on the one hand and vigorously on the other. Today, this can only be achieved through an active spiritual life—a spiritual life that does not merely seek to surrender passively to the world, but that seeks to engage inwardly in order to arrive at a true understanding of the world and of humanity by participating in the impulses of existence. Yesterday I spoke of the fact that we live in an age in which new spiritual revelations are penetrating through the veils of outer appearances. One cannot take this truth seriously enough. For only those who take it fully seriously will be able to rise to the challenges that our time fundamentally poses to every single person who wishes to be awake in life.
[ 3 ] Nun werden Sie, wenn Sie die Gedanken zurückschweifen lassen auf manche Betrachtungen, die wir jetzt durch Wochen angestellt haben, finden, daß dieses Menschenverständnis nicht so einfach über die Erde hin erlangt werden kann, wie manche glauben. Wir haben uns bemüht, Licht zu verbreiten über die Eigentümlichkeiten der Völkergruppierungen im westlichen, im östlichen Gebiete der Erde und in der Mitte. Wir haben gewissermaßen, ohne im geringsten irgendwelche Sympathie und Antipathie mitsprechen zu lassen, versucht zu verstehen, was das tiefste Eigentümliche ist im Volkstum des Westens, im Volkstum der Mitte, im Volkstum des Ostens. Warum haben wir das getan? Wir haben darauf hingewiesen, daß unsere Zeit das Zeitalter der besonderen Entwickelung der Intellektualität ist, daß diese Intellektualität bei den westlichen Völkern, namentlich bei den englisch sprechenden Völkern so zum Ausdrucke kommt, daß das Ausleben des Intellektes wie instinktiv wirkt, als ein Instinkt, und daß bei den mittleren Völkern dieser Intellekt nicht instinktiv wirkt, überhaupt zunächst nicht angeboten ist, sondern erworben werden muß durch Erziehung. Wir haben darauf hingewiesen, daß dies ein bedeutungsvoller Unterschied ist zwischen den Völkern des Westens und den Völkern der Mitte. Wir haben dann auf die Völker des Ostens hingewiesen und haben gesagt: Da kommt die Entwickelung des Intellektes so zum Ausdruck, daß eigentlich die Völker des Ostens sich zunächst sträuben, diese Intellektualität in sich zum Leben zu erwecken, weil sie sie aufbewahren wollen für die Erkenntnis des Geistselbstes in der Zukunft.
[ 3 ] Now, if you let your thoughts wander back to some of the reflections we have been making for weeks now, you will find that this understanding of humanity cannot be attained across the Earth as easily as some believe. We have endeavored to shed light on the distinctive characteristics of the various ethnic groups in the western, eastern, and central regions of the world. We have, so to speak, without allowing any sympathy or antipathy to influence us in the slightest, tried to understand what the deepest distinctive characteristics are in the culture of the West, in the culture of the center, and in the culture of the East. Why have we done this? We have pointed out that our time is the age of the special development of intellectuality, that this intellectuality finds such expression among the Western peoples—particularly among the English-speaking peoples—that the exercise of the intellect seems almost instinctive, like an instinct, and that among the peoples of the Middle, this intellect does not function instinctively—indeed, it is not even initially present—but must be acquired through education. We have pointed out that this is a significant difference between the peoples of the West and the peoples of the Middle. We then turned our attention to the peoples of the East and said: There, the development of the intellect is expressed in such a way that the peoples of the East actually resist, at first, bringing this intellectuality to life within themselves, because they wish to preserve it for the future realization of the spiritual self.
[ 4 ] Wir haben noch andere Differenzierungen angegeben über das Erdenrund hin, und wir fragen uns heute: Warum führen wir diese Differenzierung an? Warum versuchen wir, zu charakterisieren von den Gesichtspunkten aus, die hier geltend gemacht werden, die verschiedenen Völkergruppen über die Erde hin? — Deshalb versuchen wir das, weil es in der Zukunft nicht mehr gehen wird mit dem bloßen: «Liebet einander», sondern weil in der Zukunft die Menschen sich über die Erde hin nur in ihren Aufgaben verständigen werden, wenn sie wissen, was auf dem einen oder andern Territorium der Erde wirkt, wenn man gewissermaßen bewußt hinschauen kann auf die Eigentümlichkeiten, die bei den verschiedenen Völkergruppierungen vorhanden sind. Wenn man sich aufschwingen kann dabei zu jener Empfindung, die allerdings gegenüber solchem Verständnisse notwendig ist, dann wird dieses Verständnis auch herbeigeführt werden. Die Empfindung, die notwendig ist, ist diese, daß, wenn man überhaupt anfängt, in solcher Weise die Menschen über die Erde hin zu charakterisieren, aufhören muß der Impuls, so zu werten, wie man den einzelnen Menschen hinsichtlich seiner moralischen Qualitäten wertet. Das geht nicht, daß, wenn man Völker charakterisieren will, man so wertet, wie man den einzelnen Menschen wertet. Das ist gerade das Wesentliche der individuellen Menschenentwickelung auf der Erde, daß der Mensch als individuelles Wesen, so wie er da ist, das Moralische entwickelt. Das Moralische kann nur der einzelne Mensch entwickeln, das Moralische können nicht Menschengruppen entwickeln. Es würde die schlimmste Illusion sein, wenn man weiterhin glauben würde, daß Menschengruppen, oder — wie man heute beliebt zu sagen — Völker, in dasselbe Verhältnis zueinander treten können, wie es Mensch zu Mensch tun kann. Wer konkret zu verstehen vermag, was Menschengruppen, also auch Völker, sind, der sieht die Völker — wir wissen es aus dem Zyklus über die Völkerseelen —, geführt von jenen Wesenheiten in der Ordnung der Hierarchien, die wir als Archangeloi, als Erzengel bezeichnen. Aber er wird dem gegenseitigen Verhältnis der Völker niemals dasselbe zuschreiben können, was er sehen muß im Verhältnis des einzelnen Menschen mit dem einzelnen Menschen. Dasjenige, was die Völker sind, sind sie vor den göttlichen Wesenheiten. Da muß eine andere Bewertung eintreten als wie sie von Mensch zu Mensch besteht. Deshalb wird der Mensch gerade individueller Mensch im Laufe seiner Entwickelung, deshalb ringt er sich los aus dem bloßen Volkstum, damit er voll eintreten kann in das, was man die moralische Weltordnung nennt. Und diese moralische Weltordnung ist eine individuelle menschliche Angelegenheit.
[ 4 ] We have outlined other distinctions across the globe, and today we ask ourselves: Why do we cite these distinctions? Why do we attempt to characterize the various ethnic groups across the Earth from the perspectives presented here? — We do this because in the future it will no longer suffice to simply say, “Love one another,” but because in the future people across the globe will only be able to understand one another in their tasks if they know what is at work in one territory or another on Earth, if they can, so to speak, consciously observe the distinctive characteristics present in the various ethnic groups. If one can rise to that level of feeling—which is, after all, necessary for such understanding—then this understanding will also be brought about. The feeling that is necessary is this: that when one begins at all to characterize people across the globe in this way, the impulse to judge them in the same way one judges individual human beings with regard to their moral qualities must cease. It is not possible, when one wishes to characterize peoples, to judge them in the same way one judges individual human beings. This is precisely the essence of individual human development on Earth: that the human being, as an individual entity just as they are, develops morality. Morality can be developed only by the individual human being; groups of people cannot develop morality. It would be the worst of illusions to continue believing that groups of people—or, as is commonly said today, nations—can relate to one another in the same way that human beings relate to one another. Anyone who is able to understand concretely what groups of people—and thus also nations—are will see that nations—as we know from the lecture series on the souls of nations—are guided by those beings in the order of the hierarchies whom we call Archangeloi, or Archangels. But they will never be able to attribute to the mutual relationship between nations the same qualities they must recognize in the relationship between individual human beings. What nations are, they are in the presence of the divine beings. Here, a different assessment must apply than that which exists from person to person. That is why the human being becomes a truly individual human being in the course of his development; that is why he breaks free from mere national identity so that he can fully enter into what is called the moral world order. And this moral world order is an individual human affair.
[ 5 ] Solche Dinge müssen durch eine wirkliche Erkenntnis verstanden werden. Der richtige Fortschritt des Christentums selber besteht in unserer Zeit darinnen, daß solche Dinge verstanden werden. Ich habe gesagt, wir leben in einer Zeit, in welcher gewissermaßen die Geister der Persönlichkeit aufsteigen zu schöpferischer Tätigkeit, daß sie Schöpfer werden. Das ist außerordentlich wichtig, denn indem sie Schöpfer werden, dringt durch den Schleier der Erscheinungen etwas herein, was gestern bezeichnet worden ist als eine neue Offenbarung. Also die Geister der Persönlichkeit nehmen einen schöpferischen Charakter an, werden gewissermaßen etwas anderes, als sie vorher gewesen sind, werden ähnlich in ihrer Wesenheit dem Charakter, den solche Geister wie die Geister der Form seit der lemurischen Zeit für unsere Erdenentwickelung gehabt haben. Damit tritt der Mensch gewissermaßen vor ein ganz verändertes Weltbild. Dessen muß man sich bewußt werden; denn das ist das Bedeutungsvolle in unserer Zeit, daß der Mensch vor ein ganz verändertes Weltbild tritt. Sehen Sie, dieses Weltbild kommt gewissermaßen, um diesen Goetheschen Ausdruck zu gebrauchen, aus «grauer Geistestiefe» heraus. Wenn man geisteswissenschaftlich zurückblickt auf die geschichtliche Entwickelung der Menschheit, dann kann man zurückschauen in vorchristliche Zeiten, vielleicht in weit zurückgelegene vorchristliche Zeiten, und man wird finden, daß in alter, instinktiver Art, gerade je weiter man zurückgeht, desto mehr die Menschen ein ausgebreitetes Weltwissen hatten. Dieses ausgebreitete Weltwissen flößt immer mehr und mehr Ehrfurcht ein, je besser man es kennenlernt. Und es wird zuletzt für den Erkenner eine Tatsache, daß im Ausgange der Erdenentwickelung eine große Summe von Weisheit gewissermaßen über das Erdenleben des Menschen ausgegossen worden ist, die dann allmählich versickerte. Und es ist nicht anders, so sonderbar die Dinge klingen, als daß ein gewisser Tiefstand eingetreten war mit Bezug auf dieses Wissen zu jener Zeit, in der das Mysterium von Golgatha die Menschheit zugleich beglückte. Alles das, was die Menschen früher gewußt haben, lief gewissermaßen in dieser Zeit in ein Chaos des menschlichen Bewußtseins ein. Und diejenigen, die von solchen Dingen etwas verstehen, drücken sich über diese Tatsache einhellig dahin aus, daß sie sagen: Die Entwickelung, in die der Mensch eingeflochten ist, hatte zu jener Zeit wiederum einmal den Punkt der Unwissenheit erlangt. — Aber in diese graue Unwissenheit, die über die Menschheit sich ausbreitete, die da lebte höchstens in den Überlieferungen aus alten Zeiten, da fiel hinein die größte Erdenoffenbarung, das Mysterium von Golgatha, der Ausgangspunkt neuen Wissens, der Ausgangspunkt neuer Offenbarungen für die Menschheit. Dann blieb die graue Unwissenheit durch die Jahrhunderte, insofern es auf den Menschen selbst ankam, in gewissem Sinne bestehen.
[ 5 ] Such things must be understood through true insight. The true progress of Christianity itself in our time consists in the understanding of such things. I have said that we live in an age in which, so to speak, the spirits of personality are rising to creative activity, becoming creators. This is extraordinarily important, for as they become creators, something penetrates through the veil of appearances—something that was described yesterday as a new revelation. Thus, the spirits of personality take on a creative character; they become, so to speak, something other than what they were before, and in their essence they become similar to the character that spirits such as the spirits of form have possessed for the development of our Earth since the Lemurian period. Thus, humanity is, so to speak, confronted with an entirely transformed worldview. We must become aware of this; for this is what is significant in our time—that humanity is confronted with an entirely transformed worldview. You see, this worldview emerges, so to speak—to use Goethe’s expression—from “gray depths of the spirit.” When one looks back from the perspective of spiritual science at the historical development of humanity, one can look back to pre-Christian times—perhaps to very distant pre-Christian times—and one will find that, in an ancient, instinctive way, the further back one goes, the more extensive a knowledge of the world people possessed. This extensive knowledge of the world inspires ever greater awe the better one comes to know it. And it ultimately becomes a fact for the seeker of truth that, at the end of Earth’s evolution, a great sum of wisdom was, so to speak, poured out over human life on Earth, which then gradually seeped away. And, strange as it may sound, it is no less true that a certain low point had been reached with regard to this knowledge at the very time when the Mystery of Golgotha brought joy to humanity. Everything that people had known in the past, so to speak, flowed into a chaos of human consciousness during this period. And those who understand such matters unanimously express this fact by saying: The evolution in which humanity is woven had, at that time, once again reached a point of ignorance. — But into this gray ignorance that spread over humanity—which lived, at best, in the traditions handed down from ancient times—there fell the greatest earthly revelation, the Mystery of Golgotha, the starting point of new knowledge, the starting point of new revelations for humanity. Then, as far as human beings themselves were concerned, this gray ignorance persisted in a certain sense throughout the centuries.
[ 6 ] Es klärt tatsächlich in tiefstem Sinne auf, wenn man den Blick wirft auf die letzten zwei Jahrtausende und sich verständig fragen kann: Was haben in diesen letzten zwei Jahrtausenden die Menschen schließlich aus sich selbst hervorgebracht? — Alles, was sie an Weisheit, an vom Mysterium von Golgatha unabhängiger Weisheit gehabt haben, das waren alte Traditionen, das war Erbgut. Verstehen wir uns recht: Ich will selbstverständlich nicht behaupten, daß die Menschheit in den letzten zwei Jahrtausenden gar keine Weisheit gehabt habe, und ich will die Weisheit, die sie gehabt hat, nicht entwerten. Aber was ins Auge gefaßt werden muß, ist dieses: die Weisheit, die in alten vorchristlichen Zeiten vorhanden war und deren Reste eben zu bemerken sind in den letzten Jahrhunderten vor dem Mysterium von Golgatha, die wurde — wenn auch instinktiv — in alten Zeiten geschaut von den Menschen. Sich selbständig schauend in Verhältnis zu setzen zu dem Inhalte der Weltenweisheit, das war verlorengegangen. Gewissermaßen wie in einem geschichtlichen Gedächtnis, in einer geschichtlichen Erinnerung war das aufbewahrt geblieben, was in diesen alten Zeiten vorhanden war. Und selbst das Mysterium von Golgatha hat man, wie ich gestern sagte, in die alte Weisheit eingekleidet, hat man ausgedrückt durch Vorstellungen der alten Weisheit, der Erinnerungsweisheit. Das dauert Jahrhunderte hindurch. Ein Vorbote für neues Eindringen der Menschen in Weltenweisheit, wenn auch nur ein Vorbote, und wenn auch zunächst auf eine, ich möchte sagen, gottabgewandte Art, trat erst auf mit der neueren naturwissenschaftlichen Denkweise. Da ist wiederum etwas, was der Mensch durch die eigene Aktivität seiner Seele erarbeiten will. Es handelt sich ja, wie ich so oft betont habe, darum, die geistige Welt in der Zukunft anthroposophisch auf gleiche Weise anzuschauen, wie man die rein mechanische äußere Naturordnung seit Kopernikus anschaute. Das Göttliche so anschauen lernen, wie man das äußere Mechanisch-Weltliche anschauen lernte seit Kopernikus, Galilei und Giordano Bruno, dies ist wiederum ein Gesichtspunkt, der einen durchdringen muß, wenn man zum rechten Verständnis unserer Zeit kommen will.
[ 6 ] It is indeed enlightening in the deepest sense to look back over the last two millennia and ask ourselves thoughtfully: What, after all, have human beings brought forth from within themselves during these last two millennia? — All the wisdom they possessed—wisdom independent of the Mystery of Golgotha—consisted of ancient traditions; it was their heritage. Let us be clear: I certainly do not mean to claim that humanity has had no wisdom at all over the past two millennia, nor do I wish to devalue the wisdom it has possessed. But what must be kept in mind is this: the wisdom that existed in ancient pre-Christian times—and traces of which can still be discerned in the last few centuries before the Mystery of Golgotha—was perceived by people in ancient times, even if only instinctively. The ability to relate to the content of world wisdom through independent perception had been lost. In a sense, what existed in those ancient times had been preserved in a kind of historical memory, in a historical recollection. And even the Mystery of Golgotha, as I said yesterday, was clothed in the ancient wisdom; it was expressed through the concepts of the ancient wisdom, the wisdom of remembrance. This continued for centuries. A harbinger of humanity’s renewed penetration into world wisdom—even if only a harbinger, and even if initially in a way that I would describe as turning away from God—first appeared with the newer scientific way of thinking. Here, too, is something that human beings wish to achieve through the active work of their own souls. As I have so often emphasized, the goal is to view the spiritual world in the future from an anthroposophical perspective in the same way that the purely mechanical, external order of nature has been viewed since Copernicus. Learning to view the divine in the same way that we have learned to view the external, mechanical, worldly realm since Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno—this, too, is a perspective that must permeate one’s being if one wishes to arrive at a true understanding of our time.
[ 7 ] Diesem rechten Verständnis unserer Zeit steht natürlich sehr vieles entgegen. Es ist notwendig, wie Sie wissen, daß zu diesem Verständnisse jetzt solche Dinge gesagt werden, wie sie zum Beispiel gesagt werden in meiner Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?»: daß gewissermaßen den Menschen gezeigt werde, welche Wege die Seele zu nehmen habe, um in die geistige Welt so einzudringen, wie Kopernikus, Galilei, Giordano Bruno versuchten, in die äußerlich-mechanische Naturordnung einzudringen. Manche, die nicht tieferes Verständnis haben für die Aspirationen verschiedener Menschen, könnten sich leicht wundern, daß gerade gegen dieses Bestreben, zu zeigen, welche Wege die Menschenseele in die geistige Welt hinein nehmen soll, sich stramm erhebt alter Bekenntnisgeist, wenn man es so nennen will, insbesondere in der Form des Jesuitismus.
[ 7 ] Of course, there are many obstacles to this correct understanding of our time. As you know, it is necessary that such things be said now to foster this understanding—as, for example, in my book *How Does One Gain Knowledge of the Higher Worlds?*: that, in a sense, people be shown the paths the soul must take in order to penetrate the spiritual world, just as Copernicus, Galileo, and Giordano Bruno sought to penetrate the external, mechanical order of nature. Some who lack a deeper understanding of the aspirations of various people might easily be surprised that it is precisely against this endeavor—to show which paths the human soul should take into the spiritual world—that an old spirit of dogmatism, if one may call it that, rises up in fierce opposition, particularly in the form of Jesuitism.
[ 8 ] Unter den mancherlei stumpfen Anschuldigungen, die in den «Stimmen der Zeit» im Verlaufe dieses Jahres in drei Artikeln erschienen sind, ist ja auch die, daß die Kirche ein solches Bearbeiten der menschlichen Seele, um Wege in die geistige Welt zu finden, verbiete. Das klingt heute für manchen Gläubigen, für manchen auf Autorität hin Gläubigen so, als ob es etwas Besonderes wäre. Aber nur deshalb klingt es so, weil man nicht bedenkt: Hat denn dieselbe Kirche nicht auch das Forschen des Kopernikus, das Forschen des Galilei verboten? Die Kirche hat es ja geradeso gemacht mit dem äußeren Forschen, so daß es einen nicht zu verwundern braucht, daß sie es auch mit dem inneren Forschen auf dem Geistesgebiet so macht. Sie bewahrt ja nur ihre alten Gewohnheiten. Wie sie sich gesträubt hat als katholische Kirche bis zum Jahre 1827 gegen die kopernikanische Lehre, so sträubt sie sich gegen das Eindringen in die geistige Welt. Dieses Eindringen in die geistigen Welten ist aber nicht ein Herumreden in Abstraktionen, sondern etwas sehr, sehr Konkretes. Es ist das Wiederhinauskommen über die graue Unwissenheit und das wissende Eindringen in den Geistinhalt, der der Welt zugrunde liegt. Zu jener grauen Unwissenheit gehört es ja auch, daß man den Blick über die Erde hinschweifen ließ, Völker sah, Menschengruppierungen sah, und von diesen Menschengruppierungen sprach wie von einem Chaos. Man sprach von den Völkern des Westens, von den Völkern der Mitte, von den Völkern des Ostens, aber man unterschied nicht, man charakterisierte nicht. Man wußte höchstens, daß die Führer der einzelnen Völker Archangeloi sind. Man strebte nicht danach, den Charakter der einzelnen Völker, der Archangeloi, wirklich kennenzulernen. Das gehört zu den neuen Offenbarungen, daß wir nun wirklich darauf hinschauen, wie die einzelnen Archangeloi wirken über die Erde hin. Das ist eine tatsächliche, wirkliche Bereicherung des menschlichen Bewußtseins über die Erde hin. Indem man sich aus der grauen Unwissenheit heraus nicht aufzuschwingen vermochte zu solcher wirklichen Differenzierung, hat man eben jenen Abgrund erzeugt, der da besteht zwischen dem, was ich gestern als den Gegenstand der Sonntagnachmittagspredigten charakterisierte, und dem, was der Mensch als die Angelegenheiten des äußeren Weltlebens betrachtet. Ich sprach davon, wie auf dem Gebiete der religiösen Bekenntnisse über die göttliche Welt und ihre Beziehung zu den Menschen gesprochen wird, wie sich das aber zu schwach erweist, um das Treiben der Menschen auf Erden wirklich zu verstehen, um mehr den Menschen zu sagen, als: «Liebet einander!» — was ebensoviel Bedeutung hat, als wenn ich dem Ofen sage: Heize das Zimmer, es ist deine Ofenpflicht! — Aber eine solche Lehre hat nicht die Kraft, wirklich die Herzen der Menschen zu ergreifen, wenn diese Menschen sonst auf der Erde herumwimmeln müssen in den täglichen Angelegenheiten und nicht die Kenntnisse der täglichen Angelegenheiten mit demjenigen verbinden können, was heruntergeholt wird als die abstrakten Sätze und Gewohnheiten und Dogmen über die geistige Welt. Diese Kluft herrscht, und an dieser Kluft wollen die Bekenntnisse festhalten.
[ 8 ] Among the various vague accusations that have appeared in three articles in *Stimmen der Zeit* over the course of this year is the claim that the Church prohibits such work on the human soul aimed at finding paths into the spiritual world. To some believers today—to those who believe on the basis of authority—this sounds as if it were something extraordinary. But it only sounds that way because people fail to consider: Did not the same Church also prohibit the research of Copernicus and the research of Galileo? The Church has done exactly the same with external research, so it should come as no surprise that it does the same with inner research in the spiritual realm. It is merely preserving its old habits. Just as the Catholic Church resisted the Copernican doctrine until the year 1827, so it resists penetration into the spiritual world. This penetration into the spiritual worlds, however, is not mere talk about abstractions, but something very, very concrete. It is the emergence from the gray darkness of ignorance and the conscious penetration into the spiritual content that underlies the world. Part of that gray ignorance was, after all, that one let one’s gaze wander across the earth, saw peoples, saw groups of people, and spoke of these groups of people as if they were a chaos. One spoke of the peoples of the West, of the peoples of the Middle, of the peoples of the East, but one did not distinguish between them, one did not characterize them. At most, one knew that the leaders of the individual peoples are Archangels. One did not strive to truly understand the character of the individual peoples, of the Archangels. It is part of the new revelations that we now truly look to see how the individual Archangels work across the Earth. This is a genuine, real enrichment of human consciousness across the Earth. By failing to rise out of the gray ignorance to such genuine differentiation, people have created precisely that abyss that exists between what I characterized yesterday as the subject of Sunday afternoon sermons and what people regard as the affairs of outer worldly life. I spoke of how, in the realm of religious creeds, the divine world and its relationship to humanity are discussed, yet how this proves too feeble to truly understand human activity on Earth, to tell people more than: “Love one another!” — which has just as much meaning as if I were to say to the stove: “Heat the room; it is your duty as a stove!” — But such a teaching lacks the power to truly touch people’s hearts when these people must otherwise bustle about on Earth in their daily affairs and cannot connect their knowledge of daily life with what is presented to them as abstract propositions, customs, and dogmas about the spiritual world. This gulf exists, and the creeds seek to cling to this gulf.
[ 9 ] Sehen Sie, es kommen merkwürdige Blüten zustande durch das Vorhandensein und das Festhaltenwollen an dieser Kluft. So wird zum Beispiel auch von jesuitischer Seite gegen die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft eingewendet, daß sie das Bestreben zeige, im Menschen etwas aufzusuchen, was entwickelt werden kann, damit es den Menschen zum Göttlichen hinführe. Das aber sei ketzerisch, denn die Kirche lehre — und sie verbiete, etwas anderes zu behaupten —, daß Gott in seiner Wesenheit nichts zu tun habe mit der Welt, auch nichts zu tun habe, in substantieller Identität, mit der Seele des Menschen. — Wer behauptet, daß die Seele des Menschen in irgendeiner Beziehung etwas von «göttlicher Wesenheit» in sich trage, ist vor der Katholischen Kirche in jesuitischer Auffassung ein Ketzer.
[ 9 ] You see, strange consequences arise from the existence of this divide and the desire to cling to it. For example, the Jesuits also object to the anthroposophically oriented spiritual science, arguing that it seeks to find something within the human being that can be developed so as to lead the human being toward the divine. But this is heretical, for the Church teaches—and forbids anyone from asserting otherwise—that God, in His essence, has nothing to do with the world, nor does He have anything to do, in substantial identity, with the human soul. — Anyone who claims that the human soul, in any respect, bears within itself something of “divine essence” is, in the Jesuit view of the Catholic Church, a heretic.
[ 10 ] In solche Behauptungen schleicht sich hinein das innerste Bestreben dieser Kirche, die Menschen nicht hingelangen zu lassen zu dem Göttlichen, die Menschen abzusperren vom Göttlichen. Das Dogma nimmt schon eine solche Form an, welche bewirkt, daß die Menschen zum Göttlichen nicht hingelangen sollen. Es ist daher kein Wunder, daß, weil man die Menschen nicht hat zum Göttlichen gelangen lassen im fünften nachatlantischen Zeitraum, der nun einmal die Bewußtseinsseele bringen mußte, das Wissen von den Weltendingen nicht ein göttliches, sondern ein rein ahrimanisches geworden ist. Denn, was wir heute als Naturwissenschaft anerkennen, ist eine rein ahrimanische Leistung — das haben wir ja öfter charakterisiert. Merkwürdig ist nur, daß der Katholischen Kirche die ahrimanische Naturwissenschaft lieber ist als die anthroposophisch orientierte Naturwissenschaft; denn die ahrimanische Naturwissenschaft gilt heute nicht mehr als ketzerisch, sondern als anerkannt, und die anthroposophisch orientierte Naturwissenschaft wird als ketzerisch verschrien.
[ 10 ] In such assertions, the innermost aspiration of this church creeps in: to prevent people from reaching the Divine, to shut people out from the Divine. The dogma already takes on a form that ensures people cannot reach the Divine. It is therefore no wonder that, because people were not allowed to reach the Divine in the fifth post-Atlantean epoch—which was, after all, meant to bring forth the consciousness soul—knowledge of the things of the world has become not a divine one, but a purely Ahrimanic one. For what we recognize today as natural science is a purely Ahrimanic achievement—as we have often characterized it. It is only strange that the Catholic Church prefers Ahrimanic natural science to anthroposophically oriented natural science; for Ahrimanic natural science is no longer regarded as heretical today, but as accepted, while anthroposophically oriented natural science is denounced as heretical.
[ 11 ] Diesen Dingen gegenüber muß aber gerade bei dem wirklich aufgeklärten Menschen Klarheit herrschen. Er muß einsehen, daß auf dem Geistesweg dasselbe unternommen werden muß, was auf dem Naturwege unternommen worden ist; denn nur dadurch kann auch der Naturweg davor bewahrt werden, in das rein Ahrimanische abzuirren. Er ist abgeirrt, weil der Geistesweg eben erst später dazukommen kann. Aber er muß von jetzt ab gegen die Zukunft der Menschheit hin dazukommen, damit die Naturwissenschaft wieder heraufgehoben werde in ihre göttlich-geistige Höhe, und damit wieder vereinigt werden kann das Leben, in dem wir stehen zwischen Geburt und Tod, mit demjenigen Leben, von dem die Wissenschaft des Geistigen Kunde geben soll, und in dem wir in der Zeit zwischen dem Tod und einer neuen Geburt stehen. Das kann aber für unsere Zeit nur geschehen, wenn wir den Willen haben, dieses Leben über die Erde hin wirklich zu verstehen, es so zu verstehen, wie es im Menschen wirkt. Wir werden auch den einzelnen individuellen Menschen nur verstehen, wenn wir den Charakter der Menschengruppierungen verstehen, und wir werden nur auf diese Art in die wahre Wirklichkeit hineinschauen können.
[ 11 ] However, especially for the truly enlightened person, there must be clarity regarding these matters. They must realize that on the spiritual path, the same must be undertaken as has been undertaken on the natural path; for only in this way can the natural path also be preserved from straying into the purely Ahrimanic. It has strayed because the spiritual path can only be added later. But from now on, it must be integrated with a view to humanity’s future, so that natural science may once again be raised to its divine-spiritual heights, and so that the life in which we stand between birth and death may once again be united with that life of which the science of the spiritual is to give account, and in which we stand in the time between death and a new birth. But this can only happen in our time if we have the will to truly understand this life on Earth—to understand it as it works within the human being. We will also understand the individual human being only if we understand the character of human groups, and only in this way will we be able to look into true reality.
[ 12 ] Ich habe Sie vor nicht langer Zeit auf eine merkwürdige Erscheinung hingewiesen, die manchen überraschen kann. Ich will es nur kurz wiederholen. Sie wissen, in der Schweiz hat ein braver Philosoph gewirkt, Avenarius, der ganz gewiß sich selber als einen recht guten, braven, bürgerlichen Staatsangehörigen angesehen, der sich nicht im entferntesten für irgendeinen Revolutionär gehalten hat. Der hat Lehren begründet, die in einer so schweren Sprache geschrieben sind, daß sie nur wenige lesen. In einer etwas populäreren Sprache, aber so ähnlich, hat ein Philosoph in Wien, in Prag gewirkt, Ernst Mach, der sich ebenso angesehen hat als einen braven Staatsbürger. Diese zwei Leute hatten wahrhaftig keine revolutionäre Ader. Und die merkwürdige Erscheinung tritt uns entgegen — ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht —, daß diese beiden ‚Philosophen die offiziellen Philosophen des Bolschewismus geworden sind, daß die Bolschewisten diese Philosophen als ihre — man könnte sagen, wenn der Ausdruck richtig verstanden wird — Staatsphilosophen anschauen. Nach einem gewissen Ausdruck, den die Welt gerne braucht, könnte man sagen, daß sich die beiden Philosophen, Avenarius und Mach, im Grabe umdrehen würden, wenn sie erfahren würden, daß sie nun von den Bolschewisten als Staatsphilosophen anerkannt werden. Ich habe Ihnen gesagt: Man versteht diese Erscheinung nur deshalb nicht, weil man sich nur an die abstrakte Logik hält, nicht an die Wirklichkeits-, nicht an die Tatsachenlogik, nicht an die Logik des Geschauten. Aber ich will, trotzdem Ihnen scheinbar diese Sache ferner liegen könnte, doch auf diese Sache noch einmal von einem anderen Gesichtspunkte hinweisen, will insbesondere einen der Punkte der Philosophie des Avenarius hervorheben, der uns geleiten kann bei der Beantwortung dieser wichtigen Frage: Wie kommen Avenarius und Mach dazu, bolschewistische Staatsphilosophen zu werden? Denn die Tatsache ist immerhin sehr bezeichnend für die Verwirrung in der Gegenwart. |
[ 12 ] Not long ago, I drew your attention to a curious phenomenon that may come as a surprise to some. I’ll just briefly repeat it. As you know, there was a respectable philosopher in Switzerland named Avenarius, who certainly regarded himself as a quite good, respectable, middle-class citizen who did not in the least consider himself a revolutionary. He established doctrines written in such difficult language that only a few people read them. In a somewhat more accessible style, though similar in nature, a philosopher named Ernst Mach worked in Vienna and Prague; he, too, regarded himself as a respectable citizen. These two men truly had no revolutionary streak. And we are confronted with the curious phenomenon—I have drawn your attention to it—that these two “philosophers” have become the official philosophers of Bolshevism, that the Bolsheviks regard these philosophers as their—one might say, if the expression is understood correctly—“state philosophers.” To use a certain expression that the world is fond of, one could say that the two philosophers, Avenarius and Mach, would turn in their graves if they learned that they are now recognized by the Bolsheviks as state philosophers. I have told you: The reason this phenomenon is not understood is simply because people adhere only to abstract logic, not to the logic of reality, not to the logic of facts, not to the logic of what is observed. But even though this matter may seem distant to you, I would still like to point it out once more from a different perspective; in particular, I want to highlight one aspect of Avenarius’s philosophy that can guide us in answering this important question: How did Avenarius and Mach come to be Bolshevik state philosophers? For this fact is, after all, very indicative of the confusion of the present. |
[ 13 ] Sehen Sie, Avenarius wirft verschiedene Fragen auf, und wenn man in seiner Sprache spricht von den Introjektionen und so weiter, von diesen rein erkenntnistheoretischen Begriffen, die er entwickelt hat, so redet man ja für weite Kreise eine ziemlich unverständliche Sprache. Aber in dieser unverständlichen Sprache wirft er eine gewisse Frage auf, die doch gerade vom geisteswissenschaftlichen Standpunkt aus sehr interessant ist. Avenarius wirft nämlich die Frage auf: Würde ein Mensch, der allein in der Welt wäre, auch von den Unterschieden sprechen zwischen dem, was in seiner Seele ist, und was außen in der Welt ist, von den Unterschieden zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven? — Richard Avenarius ist scharfsinnig genug, daß er sagt: Wir werden nur dadurch verführt dazu, von den Unterschieden zwischen Subjektivem und Objektivem zu sprechen, daß wir, wenn wir einem anderen Menschen gegenüberstehen — also wenn wir nicht alleinstehen in der Welt —, annehmen, daß das, was wir in unseren Gehirnen tragen zum Beispiel von einem Tisch oder von etwas anderem, auch in ihm ist. Dadurch, auf diesem Umwege, daß wir das hineinprojizieren in sein Gehirn, dasselbe Bild, das wir auch in uns tragen, und dadurch die ganze Sache Bildcharakter annimmt, dadurch unterscheiden wir die Dinge in unserer Seele von den Dingen draußen, denen wir gegenüberstehen, von den Gegenständen. Avenarius meint, wenn nicht andere Leute außer uns noch draußen in der Welt wären, würden wir nicht sprechen von den Unterschieden der Dinge in unserer Seele und den Dingen draußen, sondern wir würden uns als eine Einheit anschauen, wir würden uns als Zusammenfluß mit den Dingen anschauen, würden uns nicht unterscheiden von der Welt.
[ 13 ] You see, Avenarius raises various questions, and when one speaks in his language—using terms like “introjections” and so on, these purely epistemological concepts he has developed—one is, after all, speaking a language that is quite incomprehensible to most people. But in this incomprehensible language, he raises a certain question that is, in fact, very interesting from the standpoint of the humanities. Avenarius raises the question: Would a person who were alone in the world also speak of the differences between what is in his soul and what is outside in the world—of the differences between the subjective and the objective? — Richard Avenarius is astute enough to say: We are led to speak of the differences between the subjective and the objective only because, when we are face to face with another person—that is, when we are not alone in the world—we assume that what we carry in our minds, for example, of a table or something else, is also present in that person. It is through this roundabout way—by projecting into their mind the very same image that we carry within ourselves, and thereby causing the whole matter to take on the character of an image—that we distinguish the things in our soul from the things out there that we face, from the objects. Avenarius argues that if there were no other people besides us out there in the world, we would not speak of the differences between the things in our soul and the things outside; rather, we would view ourselves as a unity, we would view ourselves as merging with things, and we would not distinguish ourselves from the world.
[ 14 ] Man kann sagen: Avenarius hat von einem gewissen Gesichtspunkte aus mit dieser Behauptung recht, und von einem anderen Gesichtspunkte aus furchtbar unrecht. Recht hat er insofern, als es allerdings etwas bedeutet, daß wir — wenn wir auch in unserer Erinnerung gewöhnlich von diesem Zeitpunkt nichts wissen — im Verlauf der allerersten Kindheit mit Menschen in Berührung kommen; das hat schon eine gewisse Bedeutung. Unser ganzes Vorstellen wird dadurch beeinflußt. Es wäre anders, wenn wir nicht in Berührung mit anderen Menschen kämen, aber es wäre nicht so, wie Avenarius meint. Wer durch geistiges Schauen wirklich darauf kommen kann, welcher Tatbestand da eigentlich zugrunde liegt, kommt nämlich in diesem Punkt auf die Wahrheit. Wir würden allerdings ein anderes Weltbild haben, wenn wir nicht auf unserem Lebenswege in der Zeit, in der wir noch gar nicht bewußt denken können, anderen Menschen begegneten. Aber es liegt die kuriose Tatsache vor: In diesem anderen Weltbilde wären die Geister drinnen, die der Welt zugrunde liegen. Also nicht in Avenariusschem Sinne würden wir uns von der Welt nicht unterscheiden, wenn wir allein auf der Welt wären und keine anderen Menschen da wären. Wenn wir allein auf der Welt wären bedenken Sie diese furchtbare Abstraktion —, würden wir uns allerdings nicht von den Mineralien und Pflanzen unterscheiden, aber wir würden hinter Mineralien und Pflanzen die göttlich-geistige Welt wahrnehmen. Tiere dürften allerdings auch nicht da sein, sie würden das Weltbild auch beeinträchtigen. Aus dieser Tatsache ergibt sich aber, daß das Zusammensein mit Menschen der Grund ist, warum wir in naiver Weise nicht die geistige Welt, die hinter Pflanzen und Mineralien ist, wahrnehmen. Die Menschen stellen sich uns vor diese Welt. Denken Sie: um den Preis, die hierarchische Götterwelt nicht wahrzunehmen, erobern wir uns dasjenige, was uns durch unser Zusammenleben mit anderen Menschen auf der physischen Erde wird! Die Menschen stellen sich gewissermaßen verdeckend vor die Götterwelt hin. Das hat natürlich Avenarius nicht gewußt, daher hat er die Frage auf ein ganz falsches Geleise geführt. Er hat geglaubt, wenn keine Menschen da wären, dann würden wir uns ungeschieden von der Welt sehen, dann würden wir uns nicht unterscheiden von der Welt. Aber die Wahrheit ist: Wir würden uns zwar nicht von anderen Menschen und von Pflanzen und Mineralien unterscheiden, aber wir würden uns von den Göttern unterscheiden, die wir dann in unserem Umkreis hätten; das ist die Wahrheit! |
[ 14 ] One could say: From a certain point of view, Avenarius is right in this assertion, and from another point of view, he is terribly wrong. He is right insofar as it does indeed mean something that—even though we usually have no memory of this time—we come into contact with other people during the very earliest stages of childhood; this does have a certain significance. Our entire imagination is influenced by this. It would be different if we did not come into contact with other people, but it would not be as Avenarius suggests. Anyone who, through spiritual insight, can truly discern the underlying reality of this situation will, in fact, arrive at the truth on this point. We would indeed have a different worldview if, on our life’s journey—during the time when we are not yet capable of conscious thought—we did not encounter other human beings. But here is the curious fact: in this alternative worldview, the spirits that underlie the world would be present. So, not in Avenarius’s sense would we differ from the world if we were alone in the world and no other human beings were present. If we were alone in the world—consider this terrible abstraction—we would indeed not differ from minerals and plants, but we would perceive the divine-spiritual world behind minerals and plants. Animals, however, would not be allowed to be there either; they would also interfere with this worldview. From this fact, however, it follows that our coexistence with other human beings is the reason why, in a naive sense, we do not perceive the spiritual world that lies behind plants and minerals. Human beings stand between us and this world. Consider this: at the cost of not perceiving the hierarchical world of the gods, we gain access to what becomes ours through our coexistence with other human beings on the physical Earth! Human beings, in a sense, stand in front of the world of the gods, obscuring it. Of course, Avenarius did not know this, which is why he steered the question down a completely wrong path. He believed that if there were no human beings, we would see ourselves as inseparable from the world; we would not be distinct from the world. But the truth is: While we would not be distinct from other human beings, plants, or minerals, we would be distinct from the gods who would then be in our midst; that is the truth! |
[ 15 ] Wenn Sie dies bedenken, dann können Sie sich etwas sagen, was sehr wichtig ist, in unserer Zeit sich zu sagen: Es ist merkwürdig, daß unsere Zeit in vieler Beziehung das Schicksal hat, in ihren scharfsinnigsten Geistern an die wichtigsten Fragen anzutippen, zu rühren an die wichtigsten Fragen, und die Dinge auf die falschesten Geleise zu führen und immer sie so zu führen, daß sie wegführen von der Auffassung des Geistigen. Radikaler nämlich als Avenarius kann man nicht von der Auffassung des Geistigen wegführen. Denn seine Philosophie ist scharfsinnig, ist mit der ganzen Raffiniertheit der Professorensprache geschrieben, und sie ist daher geeignet, die Menschen möglichst schlafend vom Geiste hinwegzuführen. Wenn aber die Menschen schlafend vom Geiste hinweggeführt werden, dann halten sie dieses Hinwegführen vom Geiste für eine Notwendigkeit, für etwas wie die mathematische Notwendigkeit; wenn sie es nur nicht merken, daß sie vom Geiste weggeführt werden, dann nehmen sie das als ein wissenschaftlich Bewiesenes an. Das auf der einen Seite.
[ 15 ] If you consider this, you can tell yourself something that is very important to acknowledge in our time: It is strange that our age, in many respects, is destined to have its most astute minds touch upon the most important questions, stir up the most important questions, and lead things down the most erroneous paths—and always to lead them in such a way that they stray from the conception of the spiritual. For one cannot lead people away from the concept of the spiritual more radically than Avenarius does. For his philosophy is astute, is written with all the sophistication of academic language, and is therefore suited to leading people away from the spiritual while they remain as unaware as possible. But when people are led away from the spiritual while remaining oblivious, they regard this leading away from the spiritual as a necessity, as something akin to mathematical necessity; as long as they do not realize that they are being led away from the spiritual, they accept it as a scientifically proven fact. That is one side of the matter.
[ 16 ] Sie sehen da einen Philosophen — und für Mach ließe sich ein Ähnliches sagen —, dessen innerster Nerv seines ganzen Denkens darin besteht, eine Wissenschaft zu begründen, die den Menschen radikal wegführt vom Geiste. Im Bolschewismus soll eine soziale Ordnung begründet werden mit Ausschluß alles Geistigen, soll gerade die Menschheit so sozial gruppiert werden, daß das Geistige dabei keine Rolle spielt. Sehen Sie, das ist der wirklich innere Zusammenhang. Der macht sich in der Tatsachenlogik geltend. Nicht aus einem bloß äußerlichen Grund, sondern aus höchst innerlicher Wesensverwandtheit wurden Avenarius und Mach die Staatsphilosophen der Bolschewisten.
[ 16 ] You see there a philosopher—and something similar could be said of Mach—whose entire line of thought is centered on establishing a science that radically leads humanity away from the spirit. Bolshevism aims to establish a social order that excludes everything spiritual; it seeks to organize humanity in such a way that the spiritual plays no role whatsoever. You see, that is the true inner connection. It asserts itself in the logic of facts. It was not for a merely external reason, but because of a deeply intrinsic kinship of essence, that Avenarius and Mach became the political philosophers of the Bolsheviks.
[ 17 ] Sie sehen daraus, daß man schon mit dem gewöhnlichen, heute gebräuchlichen Urteil vor solchen Dingen eigentlich ziemlich starr steht. Man kann sich nur wundern: Wie kommen die Bolschewisten dazu, Avenarius und Mach zu ihren Staatsphilosophen zu machen? Aber möglich ist es, die Zusammenhänge heute einzusehen. Da muß man aber auf die geistigen Grundlagen gehen. Das haben wit mit dieser Tatsache jetzt getan. Da muß man hinweisen können darauf: Wie ist das in Wirklichkeit, wenn der Mensch alleinstehend auf unserer physischen Erde, ohne andere Menschen, wäre? Es gibt einfach heute Erscheinungen, und insbesondere im gegenseitigen Verhältnis der Menschen zueinander — ich habe gerade eine geistige Angelegenheit erwähnt, aber es könnten auch alltägliche erwähnt werden —, die sich in das Menschenleben hineinstellen, und die den Menschen starr machen, weil sie ihn zu keinem Verständnisse kommen lassen, wenn er sie nicht geisteswissenschaftlich betrachtet.
[ 17 ] You can see from this that even with the ordinary judgment commonly applied today, one is actually left quite at a loss when faced with such matters. One can only wonder: How did the Bolsheviks come to make Avenarius and Mach their state philosophers? But it is possible to understand the connections today. To do so, however, one must go back to the intellectual foundations. That is what we have now done with this fact. One must be able to point out: What would it actually be like if a human being were alone on our physical Earth, without other human beings? There are simply phenomena today—and especially in the mutual relationships between people (I have just mentioned a spiritual matter, but everyday examples could also be cited)—that intrude into human life and make people rigid, because they prevent them from reaching any understanding unless they view them from a spiritual-scientific perspective.
[ 18 ] Glauben Sie nicht, daß das zu allen Zeiten so war. In alten Zeiten waren solche Erscheinungen auch da, aber sie waren den Menschen instinktiv begreiflich aus dem alten instinktiven Hellsehen heraus. Im Verkehr der Menschen untereinander waren durch die graue Zeit der Unwissenheit solche Erscheinungen dann nicht vorhanden. Jetzt treten sie wieder auf. Nicht etwa, daß bloß die Seelen der Menschen sich entwickeln, die Welt entwickelt sich, die Welt ändert sich und zeigt ihre Veränderung zunächst im Verkehr der Menschen untereinander; im nächsten Zeitraum wird sie es auch zeigen im Verhältnis des Menschen zu den anderen Naturreichen. Unverständlich muß in der Gegenwart und in die nächste Zukunft hinein das Leben den Menschen bleiben, wenn sie dieses Leben nicht geisteswissenschaftlich betrachten wollen. Illusion über Illusion wird die Menschenseele packen, wenn man zu diesen geisteswissenschaftlichen Begriffen nicht seine Zuflucht wird nehmen wollen. Es sind hier manche, denen habe ich bei dem Ausbruch der gegenwärtigen kriegerischen Katastrophe immer wieder eines gesagt: Über die sogenannten welthistorischen Erscheinungen der letzten Jahrhunderte kann man schreiben nach den Urkunden der Archive, indem man einfach diese Urkunden aufstöbert und Rankesche oder ähnliche Geschichtsschreibung treibt. Über den Ausbruch dieser kriegerischen Katastrophe kann man so nicht schreiben. Denn wenn die Menschen auch alles mögliche aus den Archiven ausgraben werden: Wenn sie nicht aufmerksam darauf werden, wie die Seelenverfassung gerade derjenigen Menschen war, die am Ausgang dieses Krieges beteiligt waren, und wie diese Seelenverfassung die ahrimanischen Mächte hereingelassen hat in das Erdengetriebe, und wie dadurch von ahrimanischer Seite her die Ursachen zu dieser kriegerischen Katastrophe gekommen sind — wenn man nicht geisteswissenschaftlich wird studieren wollen den Ausgangspunkt dieser kriegerischen Katastrophe, dann wird dieser Ausgangspunkt immer dunkel bleiben. Das ist es, was schon in dieser kriegerischen Katastrophe liegt, wie, ich möchte sagen, eine Aufforderung an die Menschen, von ihr zu lernen. Viel kann gelernt werden an dem, was in den letzten vier bis fünf Jahren geschehen ist als Folge dessen, was früher da war. Vor allen Dingen wird sich lernen lassen, manche Fragen nicht mehr so einseitig wie früher, sondern den Forderungen der Zeit angemessen zu stellen.
[ 18 ] Do not think that this has always been the case. In ancient times, such phenomena also existed, but people instinctively understood them through their ancient, instinctive clairvoyance. During the dark ages of ignorance, such phenomena were absent from human interaction. Now they are reappearing. It is not merely that human souls are evolving; the world itself is evolving, the world is changing, and it reveals this change first in human interactions; in the next phase, it will also reveal it in humanity’s relationship to the other kingdoms of nature. Life must remain incomprehensible to people in the present and into the near future if they are unwilling to view it from the perspective of spiritual science. Illusion upon illusion will grip the human soul if one is unwilling to take refuge in these spiritual-scientific concepts. There are some here to whom I have repeatedly said one thing since the outbreak of the current war-torn catastrophe: One can write about the so-called world-historical phenomena of the last few centuries based on archival documents, simply by digging up these documents and engaging in Rankean or similar historiography. But one cannot write about the outbreak of this war-torn catastrophe in this way. For even if people were to unearth all manner of things from the archives: unless they pay close attention to the state of mind of precisely those people who were involved in the outcome of this war, and how this state of mind allowed the Ahrimanic forces to enter the workings of the Earth, and how, as a result, the causes of this war-torn catastrophe arose from the Ahrimanic side—if one is not willing to study the starting point of this war-torn catastrophe from a spiritual-scientific perspective, then this starting point will always remain obscure. This is what already lies within this war-torn catastrophe itself—as, I would say, a call to humanity to learn from it. Much can be learned from what has happened in the last four to five years as a consequence of what came before. Above all, we will learn to pose certain questions no longer as one-sidedly as before, but in a manner appropriate to the demands of the times.
[ 19 ] Ich habe oftmals gesagt: Es ist kein Grund vorhanden, sich in leichter Weise über das Unglück der Zeit zu trösten oder etwa gar die Augen davor zu schließen. Es ist aber auch kein Grund zum Pessimismus vorhanden. Man braucht nur folgendes zu bedenken: Ungeheuer Schreckliches hat sich abgespielt im Laufe der letzten viereinhalb Jahre über die Erde hin; aber was ist das Wesentliche in diesem Schrecklichen? — Das, was Menschenseelen in dieser Zeit er. fahren haben, das ist das Wesentliche, in ihr erfahren haben natürlich mit Bezug auf die Entwickelung dieser Menschenseelen in der ganzen Erdenentwickelung. Da aber taucht dann eine sehr bedeutungsvolle, eine inhaltschwere Frage auf. Diese Frage ist paradox, aber nur deshalb, weil sie eben inhaltschwer und dem gewöhnlichen Denken ungewohnt ist, die Frage: Kann man denn eigentlich wünschen, daß die Menschheit ohne eine solche Katastrophe einfach so hätte fortleben sollen, wie sie sich gewöhnt hatte, bis zum Jahre 1914 zu leben? Kann man das eigentlich so ohne weiteres wünschen? — Ich darf bei der Aufwerfung einer solchen Frage immer wieder auf das hinweisen, was ich vor dem Ausbruch dieser kriegerischen Katastrophe in meinem Zyklus in Wien gesagt habe: daß, wenn man überschaut, was in der Menschenwelt lebt, sich das Verhältnis der Menschen untereinander, das soziale Leben wie ein soziales Karzinom ausnimmt, wie ein durch die Menschheit schleichendes Krebsgeschwür. Die Menschen haben allerdings die Augen zugemacht vor diesem Karzinom der sozialen Gemeinschaft. Sie wollten nicht hinschauen auf die tatsächlichen Verhältnisse. Aber niemand kann, wenn er die Dinge im Tiefsten schaut, sagen, daß es gut für die Menschheit gewesen wäre, wenn sie so fortgefahren wäre. Sie wäre auf dem Wege, den ich angedeutet habe, hinweg vom Geiste immer weiter talab gekommen. Und diejenigen, zu denen wir mit so schmerzvoller Seele hinschauen, die Millionen, die von diesem physischen Plane hinweggefegt worden sind durch diese fürchterliche Katastrophe, die jetzt als Seelen leben, sie sind es, die am allermeisten bedenken, wie ihre Lage anders ist, jetzt, da sie den Rest ihres Lebens in der geistigen Welt durchmachen, und wie diese Lage anders wäre, wenn ihr Karma sie weiter auf der physischen Erde erhalten hätte.
[ 19 ] I have often said: There is no reason to take the misfortunes of our time lightly or, for that matter, to turn a blind eye to them. But there is also no reason for pessimism. One need only consider the following: Terrible, monstrous events have unfolded across the Earth over the course of the last four and a half years; but what is the essence of this horror? — What human souls have experienced during this time—that is the essence, and what they have experienced, of course, relates to the development of these human souls within the context of Earth’s entire evolution. But this raises a very significant, profound question. This question is paradoxical, but only because it is profound and unfamiliar to ordinary thinking: Can one actually wish that humanity, without such a catastrophe, should simply have continued living as it had become accustomed to living up until the year 1914? Can one really wish for that without further thought? — Whenever such a question is raised, I must again and again point to what I said in my lecture series in Vienna before the outbreak of this war-torn catastrophe: that when one surveys what is alive in the human world, the relationship among people—social life—appears like a social carcinoma, like a cancerous tumor creeping through humanity. People, however, have turned a blind eye to this carcinoma of social life. They did not want to look at the actual conditions. But no one, when looking at things in their deepest essence, can say that it would have been good for humanity if it had continued in this way. It would have been on the path I have indicated, drifting further and further away from the spirit. And those whom we look upon with such a pained heart—the millions who have been swept away from this physical plane by this terrible catastrophe, who now live as souls—they are the ones who reflect most deeply on how different their situation is now that they are spending the rest of their lives in the spiritual world, and how different that situation would be if their karma had kept them on the physical Earth.
[ 20 ] Sub specie aeterni, unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit nehmen sich die Dinge doch anders aus. So etwas muß ausgesprochen werden. Die Dinge dürfen nur nicht leichtfertig und leichtgeschürzt genommen werden. Ebenso, wie es wahr ist, daß es unendlich traurig ist, daß diese Katastrophe hereingebrochen ist, ebenso wahr ist es, daß durch diese Katastrophe die Menschheit bewahrt worden ist vor einem furchtbaren Versinken in Materialismus und Utilitarismus. Wenn sich auch das heute noch nicht zeigt, aber es wird sich zeigen, es wird sich vor allen Dingen zeigen in den Mittelländern und im Osten, wo sich statt einer Ordnung, die den Materialismus in sich aufgenommen hatte, ein Chaos entwickelt. Man kann gewiß nicht ohne den Unterton des Leidens sprechen über dieses Chaos, das über die Mittelländer und über die Länder des Ostens hereingebrochen ist, und das in äußerer Beziehung wenig Aussicht bietet, sich bald irgendwie in eine Harmonie umzugestalten. Aber ein anderes liegt vor. Da, wo dieses Chaos sich ausbreitet, da wird eine Welt sein, die durch den äußeren physischen Plan den Menschen in der nächsten Zukunft möglichst wenig geben wird. Die Segnungen des physischen Planes werden nicht groß sein in den Mittelländern und in den Ostländern. Alles das, was dem Menschen werden kann dadurch, daß er sein Dasein trägt durch äußere Gewalten, das wird nicht viel sein. Der Mensch wird sich im Innern seiner Seele fassen müssen, um festzustehen. Und bei diesem Sichfassen im Innern, um festzustehen, wird er den Ansatz machen können zum Wege in die geistige Welt hinein. Er wird den Entschluß fassen können, zum Geiste hinzugehen, von dem allein das Heil der Zukunft kommen kann. Denn das ist das Wesentliche für die Zukunft, daß uns gewissermaßen unser äußeres Leibliches entgleitet, daß unser äußeres Leibliches — ich führte es gestern aus — nicht mehr so gesund ist, als es in vergangenen Zeiten war, daß es mehr 'Tod in sich hat, als es in vergangenen Zeiten hatte. Und der Impuls für die Einsicht, daß nicht mit dem, womit unser Leibliches verbunden ist, des Weltenrätsels Inhalt gefunden werden kann, sondern daß hinaufgestiegen werden muß in geistige Welten, der Impuls dazu, auch die soziale Ordnung aus geistigen Welten zu holen, er wird sich ergeben, wenn man möglichst wenig in der physischen Welt finden kann. Diese physische Welt wird eine Gestaltung der Harmonie nur annehmen können, wenn sie diese Gestaltung aus dem geistigen Leben heraus sucht. Die Bibel erzählt auf ihren ersten Seiten nicht, daß es Ahriman oder Luzifer waren, die die Menschen aus dem Paradiese vertrieben haben, sondern daß es der Jahve-Gott selber war, der die Menschen aus dem Paradiese vertrieben hat. Aber wir wissen auch, daß diese Vertreibung aus dem Paradiese das Freiwerden des Menschen, das Erleben der Freiheit für die Menschen bedeutet, indem die Möglichkeit, der Keim zur Freiheit dadurch gelegt wurde. Müßte es denn durchaus wider diese biblische Weisheit sein, wenn gesagt würde: Auch göttliche Weisheit war es, die die Menschen herausgetrieben hat aus der in Materialismus und Utilitarismus hineinführenden Gegenwart zu Keimen, deren geistige Erfassung der Welt nützen sollen? Und aus den schmerzlichen Untergründen der letzten viereinhalb . Jahre tönt es gleichsam herauf: Geistiges will sich offenbaren durch die Schleier der äußeren Erscheinungen; Menschen sollen lernen durch das Unglück, auf diese geistigen Offenbarungen hinzuschauen, und es wird zu ihrem Heile sein.
[ 20 ] Sub specie aeterni—from the perspective of eternity—things do look different. This is something that must be said. Things must not be taken lightly or superficially. Just as it is true that it is infinitely sad that this catastrophe has struck, it is equally true that through this catastrophe, humanity has been spared a terrible descent into materialism and utilitarianism. Even if this is not yet apparent today, it will become apparent—above all in the Central European countries and in the East, where chaos is developing in place of an order that had embraced materialism. One certainly cannot speak of this chaos—which has befallen the Central Lands and the countries of the East—without a note of sorrow, and which, outwardly speaking, offers little prospect of transforming itself into harmony anytime soon. But there is another aspect to consider. Where this chaos spreads, there will be a world that, through the outer physical plane, will offer human beings as little as possible in the near future. The blessings of the physical plane will not be great in the Central Lands and the Eastern Lands. All that can come to humanity through the external forces that shape its existence will be minimal. Humanity will have to find its bearings within its own soul in order to stand firm. And in this process of finding its bearings within, in order to stand firm, it will be able to take the first step on the path into the spiritual world. They will be able to resolve to turn toward the Spirit, from whom alone the salvation of the future can come. For this is the essential point for the future: that, in a sense, our outer physical nature is slipping away from us; that our outer physical nature—as I explained yesterday—is no longer as healthy as it was in times past; that it contains more ‘death’ within it than it did in times past. And the impulse for the insight that the content of the world’s mystery cannot be found in that with which our physical nature is connected, but that one must ascend into spiritual worlds—the impulse to derive social order from spiritual worlds as well—will arise when as little as possible can be found in the physical world. This physical world will be able to assume a form of harmony only if it seeks this form from within spiritual life. The Bible does not state in its opening pages that it was Ahriman or Lucifer who drove humanity out of Paradise, but rather that it was Yahweh himself who drove humanity out of Paradise. Yet we also know that this expulsion from Paradise signifies humanity’s liberation—the experience of freedom for humanity—in that it laid the groundwork, the seed, for freedom. Would it really be contrary to this biblical wisdom to say: It was also divine wisdom that drove humanity out of the present—which leads into materialism and utilitarianism—toward seeds whose spiritual understanding is meant to benefit the world? And from the painful depths of the last four and a half years, it resounds, as it were: The spiritual seeks to reveal itself through the veils of outward appearances; people are to learn, through misfortune, to look toward these spiritual revelations, and it will be for their salvation.
[ 21 ] Auch das ist eine Sprache, die paradox klingt für manche Menschen der Gegenwart; aber es ist die Sprache, die der Christus in unseren Zeiten uns anleitet zu sprechen. Denn im Fortschritt des Christentums muß es gelegen sein, die christlichen Wahrheiten in einer neuen Weise zu fassen. Das kann nur geschehen, wenn sie geistig gefaßt werden. Das Mysterium von Golgatha ist ein geistiges Ereignis, das in die Erdenentwickelung eingegriffen hat. Vollständig verstanden werden kann es nur mit geistiger Erkenntnisweise. Und so werden wir, wie die Menschheit im Grunde durch Unglück den Christus gefunden hat, durch Unglück auch den Christus in der neuen Auffassungsweise und Gestalt zu suchen haben.
[ 21 ] This, too, is a language that sounds paradoxical to some people today; but it is the language that Christ guides us to speak in our time. For the progress of Christianity must involve expressing Christian truths in a new way. This can only happen if they are grasped spiritually. The Mystery of Golgotha is a spiritual event that has intervened in the development of the Earth. It can be fully understood only through spiritual insight. And so, just as humanity essentially found Christ through misfortune, we too will have to seek Christ in this new way of understanding and form through misfortune.
[ 22 ] Gewiß ist das, was so gesprochen wird, nicht ein Alltagstrost. Aber wenn man von aller Trivialität sich fernhalten will, so ist es im tieferen Sinne des Wortes vielleicht doch etwas Trost, vielleicht der einzige, der der Menschenwürde heute in unserer Zeit angemessen ist. Es ist allerdings ein Trost, der die Menschen nicht hinweist darauf: Wartet, und es wird euch ohne euer Zutun alles Göttliche beschieden werden, sondern ein Trost, der die Menschen darauf hinweist: Wendet an eure Kräfte, und ihr werdet finden, daß in euren Seelen der Gott spricht und kraftet, und daß ihr durch den in euren Seelen sprechenden und kraftenden Gott auch den Gott in der Welt finden werdet, und mit dem Gotte, was die Hauptsache ist, in der Welt in Gemeinsamkeit werdet wirken können! — Von dem bloß passiven Verhalten zu den übersinnlichen Einsichten muß abgegangen werden. Der Mensch muß sich aufraffen, um sich innerlich zu finden, und mit diesem innerlichen Finden sich als ein Glied in der Weltenordnung erkennen. Da mögen sich dann diejenigen Bekenntnisse, die es dem Menschen bequem machen sollen, indem sie — ich meine das bildlich — zuerst seinen Geist einlullen in Weihrauch, damit er dann passiv, ohne sein Zutun, den Weg zum Göttlichen finde, aufbäumen. Diese Bekenntnisse, die sich so an die Bequemlichkeit des Menschen wenden, sie werden sich immer aufbäumen gegen die Forderung, die jetzt herausspringt aus den geistigen Welten, daß der Mensch seinen Wert suche in innerer Aktivität, in innerer Tätigkeit, im wirksamen inneren Entwickeln des geistigen Lebens!
[ 22 ] Certainly, what is said here is not a source of everyday comfort. But if one wishes to distance oneself from all triviality, then in the deeper sense of the word it may still be a source of comfort—perhaps the only one befitting human dignity in our time. It is, however, a comfort that does not tell people: “Wait, and all that is divine will be granted to you without any effort on your part,” but rather a comfort that tells people: “Apply your own powers, and you will find that God speaks and works within your souls, and that through the God who speaks and works within your souls, you will also find God in the world, and—most importantly—be able to work in communion with God in the world!” — We must move away from a merely passive attitude toward supernatural insights. Human beings must rouse themselves to find themselves inwardly, and through this inner discovery recognize themselves as a link in the order of the worlds. Then those creeds that are meant to make things comfortable for human beings—by, figuratively speaking, first lulling their spirits with incense so that they may then passively, without any effort on their part, find the path to the Divine—may well rebel. These creeds, which appeal so strongly to human comfort, will always rebel against the demand now emerging from the spiritual worlds—that human beings seek their worth in inner activity, in inner work, and in the active inner development of spiritual life!
[ 23 ] Das muß sein, insbesondere wenn dem Rechnung getragen werden soll, was in mancherlei Maskierung und Vermummung auftritt: der sozialen Forderung unserer Zeit. Ich habe schon in diesen Wochen darauf hingewiesen: Wir leben, wenigstens ein großer Teil unserer gebildeten Menschen, von den Errungenschaften der griechischen Kultur. Wir bedenken nur nicht immer, daß dasjenige, in dem wir so leben, dadurch geschaffen worden ist, daß diese griechische Kultur sich auf der Grundlage der Sklaverei entwickelt hat, daß ein großer Teil der Menschen als Sklaven leben mußte, damit das, was wir heute als die Segnungen der griechischen Kultur empfinden, überhaupt vorhanden sei. Wenn man sich aber so recht klarmacht, daß alles das, was griechische Kunst, was die schöne Erinnerung an griechisches Leben, was griechische Wissenschaft bedeutet, und manches andere noch auf dem Grunde der Sklaverei entstanden ist, dann fragt man sich mit einer anderen Intensität: Was hat es denn bewirkt, daß wir nicht mehr so denken wie die großen Philosophen Plato und Aristoteles gedacht haben: daß die Sklaverei etwas ganz Selbstverständliches ist? Damals war es selbstverständlich für die weisesten der Menschen, daß neun Zehntel der Menschheit als Sklaven leben mußten. Das ist für uns heute nicht mehr selbstverständlich, sondern wir betrachten es als eine Verletzung der Menschenwürde, wenn jemand so denkt. Was hat es innerhalb der abendländischen Menschheit bewirkt, daß so das Vorstellungsvermögen der Menschen umgeartet worden ist? — Das Christentum! Das Christentum hat die Menschen entsklavt, das Christentum hat sie dazu geführt, wenigstens im Prinzip den Satz anzuerkennen: Die Menschen sind in bezug auf ihre Seele gleich vor Gott. Das aber hat auch die Sklaverei ausgeschlossen aus der sozialen Ordnung der Menschen. Aber wir wissen: Es hat eines gelassen, auf das wir von den verschiedensten Gesichtspunkten immer wieder hinweisen müssen, es hat bis in unsere Zeit herein die Auffassung gelassen, von der ich Ihnen gesagt habe, daß sie gerade das Punctum saliens ist in dem Bewußtsein des Proletariers: daß in unserer sozialen Ordnung ein Teil des Menschen, und noch dazu ein im Leib sich Abspielendes vom Menschen als Ware gekauft und von ihm selbst verkauft werden kann. Das ist ja das Aufreibende und Aufregende. Das ist eigentlich das Punctum saliens der sozialen Frage, daß Arbeitskraft bezahlt werden kann. Es ist auch das, was auf dem Grunde unserer ganzen sozialen Gemeinschaft läßt den Charakter des Egoismus; denn Egoismus muß herrschen in der sozialen Ordnung, wenn der Mensch für das, was er für sich braucht, sich seine Arbeit bezahlen lassen muß. Er muß erwerben für sich. Was als nächste Etappe nach der Überwindung der Sklaverei überwunden werden muß, das ist, daß eines Menschen Arbeit Ware sein kann! Das ist das wirkliche Punctum saliens der sozialen Frage, die das neue Christentum lösen wird. Und ich habe Ihnen einiges vorgetragen von den Lösungen der sozialen Frage, denn jene Dreigliederung der sozialen Ordnung, von der ich Ihnen gesprochen habe, die löst die Ware von der Arbeitskraft ab, so daß die Menschen in der Zukunft nur Ware, nur äußeres Erzeugnis, nur vom Menschen Abgesondertes kaufen und verkaufen werden, daß aber der Mensch, wie ich es schon dargestellt habe in dem Aufsatz « Theosophie und soziale Frage», der 1905 erschienen ist, aus Bruderliebe für den anderen Menschen arbeiten wird.
[ 23 ] This is essential, especially if we are to take into account what appears in various guises and disguises: the social demands of our time. I have already pointed this out in recent weeks: We—or at least a large portion of our educated population—draw on the achievements of Greek culture. We just don’t always consider that the very way we live was made possible by the fact that Greek culture developed on the basis of slavery—that a large portion of humanity had to live as slaves so that what we today regard as the blessings of Greek culture could exist at all. But when one truly realizes that everything that Greek art represents, the beautiful memory of Greek life, Greek science, and many other things arose on the foundation of slavery, then one asks oneself with greater intensity: What has caused us to no longer think as the great philosophers Plato and Aristotle did—that slavery is something entirely natural? Back then, it was self-evident even to the wisest of men that nine-tenths of humanity had to live as slaves. For us today, this is no longer self-evident; rather, we regard it as a violation of human dignity when anyone thinks that way. What has caused such a transformation in the imagination of people within Western civilization? — Christianity! Christianity has freed people from slavery; Christianity has led them to recognize, at least in principle, the statement: All people are equal before God in regard to their souls. But this has also excluded slavery from the social order of humanity. Yet we know: It has left one thing behind—something we must repeatedly point out from a wide variety of perspectives—it has allowed the notion to persist right up to our own time, the very notion I told you is the crux of the proletarian’s consciousness: that in our social order, a part of a human being—and, moreover, a part that manifests itself in the body—can be bought as a commodity and sold by the person themselves. That is, after all, what is so grueling and unsettling. That is, in fact, the crux of the social question—that labor power can be paid for. It is also what gives our entire social community its fundamentally egoistic character; for egoism must prevail in the social order if a person must be paid for his labor in order to obtain what he needs for himself. He must acquire things for himself. What must be overcome as the next stage after the abolition of slavery is the fact that a person’s labor can be a commodity! This is the real crux of the social question, which the new Christianity will resolve. And I have presented to you some of the solutions to the social question, for that threefold social order of which I have spoken to you separates the commodity from labor power, so that in the future people will buy and sell only commodities, only external products, only things separated from the human being; but the human being, as I have already described in the essay “Theosophy and the Social Question,” published in 1905, will work out of brotherly love for one’s fellow human beings.
[ 24 ] Es mag ein weiter Weg sein, um das zu erreichen, doch nichts wird die soziale Frage lösen als einzig und allein dieses. Und wer heute nicht daran glaubt, daß es nur so kommen müsse in der Weltenordnung, der gleicht dem, der zur Zeit des entstehenden Christentums gesagt hätte: Sklaven muß es immer geben. So, wie ein solcher dazumal unrecht gehabt hätte, so hat heute derjenige unrecht, der da sagt: Arbeit muß immer bezahlt werden. Damals konnte man sich nicht denken, daß nicht eine Anzahl von Menschen Sklaven sein müssen, nicht Plato, nicht Aristoteles konnten es sich denken. Heute können sich die gescheitesten Menschen nicht denken, daß man eine soziale Struktur haben kann, in der die Arbeit noch ganz andere Geltung hat, als wenn sie «bezahlt» wird. Natürlich wird auch dann aus Arbeit ein Produkt hervorgehen, aber das Produkt wird das einzig und allein zu Kaufende und zu Verkaufende sein. Das wird sozial die Menschen erlösen.
[ 24 ] It may be a long road to achieving this, but nothing but this alone will solve the social question. And anyone who does not believe today that this is the only way the world order must evolve is like someone who, at the dawn of Christianity, would have said: “There must always be slaves.” Just as such a person would have been wrong back then, so too is the person today who says: “Work must always be paid.” Back then, it was inconceivable that a certain number of people need not be slaves; neither Plato nor Aristotle could conceive of it. Today, even the most intelligent people cannot conceive of a social structure in which labor has a value entirely different from that which it has when it is “paid.” Of course, a product will still result from labor, but that product will be the one and only thing to be bought and sold. This will socially liberate humanity.
[ 25 ] Um diese Dinge einzusehen, dazu gehört schon Anschauungserkenntnis, Anschauungslogik. Aber ohne diese Anschauungslogik kommt die Menschheit nicht vorwärts, denn sie ist das Heizmaterial für das, was in der Zukunft kommen muß unter die Menschen: die aus dem Verständnis von Mensch zu Mensch entstehende Menschenliebe. Und so sonderbar es klingt, heute, wo allerlei atavistische Reste nach der einen oder nach der anderen Seite in den Menschen vorhanden sind, heute wird alles noch mit Sympathie und Antipathie angesehen. Wenn zum Beispiel so etwas auseinandergehalten wird, wie ich es vor einiger Zeit hier getan habe, wo ich sagte: Von den drei Gliedern der Menschennatur sind die westlichen Völker berufen, gerade die Unterleibsnatur besonders auszubilden, die mittleren Völker die Herznatur, die östlichen Völker die Kopfnatur, dann werden solche Sachen heute noch vielfach «bewertet»; wenigstens irgendwo in seinem Innern hat der Mensch immer noch so ein kleines Kästchen, wo er die Sachen bewertet. Diese Bewertung muß aufhören; denn gerade dieses Anschauen der Differenzierung über das Erdenrund hin wird die verständnisvolle Liebe begründen. Aus dem Verständnis, nicht aus dem Unverstand wird im Zeitalter der Bewußtseinsseele die wirkliche, über die ganze Erde hin gehende Menschenliebe hervorkommen. Dann wird man verstehen, sich in dem Christus über die ganze Erde hin zu finden. Der Christus ist keine Angelegenheit eines oder des anderen Volkes; der Christus ist eine Angelegenheit der ganzen Menschheit. Aber um ihn als Angelegenheit der ganzen Menschheit zu erkennen, muß manche Illusion schwinden, müssen die Menschen wirklich aufsteigen können dazu, ohne Illusion in die wahre Wesenheit der Dinge hineinzuschauen. Das wollen heute die Menschen auf den verschiedensten Gebieten nicht. Ich weiß aber, daß ich nur eine Weihnachtsfriedenssache ausspreche, wenn ich das folgende Paradoxon vor Sie hinstelle. Sie wissen, ich rede nicht von den einzelnen Menschen, sondern von Volkstümern, wenn ich von diesen Differenzierungen rede. Man kann diese Dinge leicht mißverstehen, wenn man nicht guten Willens ist. Aber ich mache ja so oftmals darauf aufmerksam, daß nicht gemeint ist die einzelne Menschenindividualität, die herauswächst aus dem Volkstum, sondern daß eben die Volkstümer gemeint sind. Das bitte ich zu berücksichtigen, wenn ich das Folgende sage.
[ 25 ] To understand these things requires intuitive insight and intuitive logic. But without this intuitive logic, humanity cannot move forward, for it is the fuel for what must come among people in the future: the love of humanity that arises from understanding between one person and another. And as strange as it may sound, today—when all manner of atavistic remnants exist in people on one side or the other—everything is still viewed through the lens of sympathy and antipathy. When, for example, a distinction is made such as the one I made here some time ago, when I said: Of the three aspects of human nature, the Western peoples are called upon to develop the abdominal nature in particular, the Central peoples the heart nature, and the Eastern peoples the head nature—then such matters are still frequently “judged” today; at least somewhere deep inside, every person still has a little box where they judge these things. This evaluation must cease; for it is precisely this view of the differentiation across the entire globe that will lay the foundation for understanding love. In the Age of the Consciousness Soul, true love for humanity—extending across the whole earth—will arise from understanding, not from ignorance. Then people will understand how to find themselves in Christ across the entire earth. Christ is not the concern of one people or another; Christ is the concern of all humanity. But in order to recognize him as the concern of all humanity, certain illusions must fade away, and people must truly be able to rise to the point of looking into the true essence of things without illusion. Today, people in the most diverse fields do not want this. But I know that I am merely expressing a message of Christmas peace when I present the following paradox to you. You know that I am not speaking of individual human beings, but of national characters, when I speak of these distinctions. It is easy to misunderstand these things if one is not of good will. But I so often point out that what is meant is not the individual human personality that grows out of a national character, but rather the national characters themselves. I ask you to bear this in mind when I say the following.
[ 26 ] Betrachten wir einmal das eine oder das andere von den Urteilen, die in den letzten vier Jahren gefällt worden sind über die Reiche oder die Staaten der europäischen Mitte. Ich will, weil ich solche Stimmungen vollständig verstehen kann, nicht im geringsten irgend etwas sagen gegen die Entente-begeisterten Menschen. Das liegt mir ganz fern. Jeder hat seine Meinung, sie ist von einem gewissen Gesichtspunkt aus berechtigt. Aber man kann nun den Blick wegwenden von dieser Meinung, die in den verflossenen Jahren vorhanden war, und kann die Fortsetzung dieser Meinung in der Gegenwart ins Auge fassen. Da wird man vielleicht doch manches recht unverständlich finden können. Man wird sich fragen können: Ist es denn notwendig, daß dieselben Urteile, die man gefällt hat, solange die Machthaber der Mittelstaaten vorhanden waren und noch die Macht hatten, daß die sich nun fortsetzen? Ja, daß man in raffinierter Weise alles tut, um diese Ansichten fortsetzen zu können? Ist es denn notwendig? Ist das ebenso erklärlich? Es ist gewiß von obenhin angesehen nicht so erklärlich, wie manches früher erklärlich war. Aber tiefer angesehen ist es doch erklärlich. Tiefer angesehen ist es erklärlich, nicht aus dem einzelnen Menschen heraus — die einzelnen Menschen werden in den Westländern auch die Gesundung dieser Verhältnisse herbeiführen —, aber diejenigen Menschen, die bloß aus den Volkstümern heraus urteilen oder aus Vorurteilen für diese Volkstümer urteilen, diese Menschen, die haben in ihrem Unterbewußten etwas, das in der folgenden Art charakterisiert werden kann.
[ 26 ] Let us consider one or two of the judgments that have been passed over the past four years regarding the empires or states of Central Europe. Since I can fully understand such sentiments, I do not wish to say anything at all against those who are enthusiastic about the Entente. That is far from my intention. Everyone has their own opinion, and from a certain point of view, it is justified. But one can now turn one’s gaze away from this opinion, which prevailed in years past, and consider the continuation of this opinion in the present. There, one may well find some things quite incomprehensible. One might ask: Is it really necessary that the same judgments one made—as long as the rulers of the Central Powers were in power and still held sway—should now continue? Indeed, that one should go to great lengths to ensure these views persist? Is it really necessary? Is this just as explainable? Viewed superficially, it is certainly not as easily explained as some things were in the past. But viewed more deeply, it is indeed explainable. Viewed more deeply, it is explainable—not from the perspective of the individual human being—individuals in Western countries will also bring about the restoration of these conditions—but those people who judge solely on the basis of national characteristics or out of prejudice in favor of these national characteristics; these people have something in their subconscious that can be characterized as follows:
[ 27 ] Ich habe vor einigen Wochen hier ausgeführt, daß in unserer Weltanschauung, namentlich in unserer Vorstellungsart in der Gegenwart noch vieles Alttestamentliche lebt, daß der eigentliche Nerv des Christentums doch noch wenig eingezogen ist. Das Eigentümliche des Jahve-Dienstes besteht ja darin, daß er alles dasjenige betrifft, was wir nicht zwischen Geburt und Tod uns anerziehen, sondern was wir ererbt mitbekommen, was in unserem Blute liegt, und was sonst nur Einfluß hat, während wir schlafen, wenn wir aus unserem Leibe heraußen sind. Diese Jahve-Anschauung pulsiert noch vielfach in unserer Zeit. Sie kann zur Christus-Anschauung nur dann sich erheben, wenn man hinblickt mit aller Kraft auf die Erwerbung der geistigen Welt im intellektualistischen Zeitalter, nicht durch Geburt oder durch dasjenige, was uns mit der Geburt eingegeben ist, sondern was uns anerzogen wird. Durch die Natur selber ist nicht der Westen prädestiniert, vom Jahve-Dienst überzugehen zum Christus-Dienst, sondern es beginnt die Prädestination erst in der Mitte von Europa und geht nach dem Osten hin; das gilt selbstverständlich für das Volkstum, nicht für den einzelnen Menschen. Daher jene eigentümliche, noch ganz im alttestamentlichen Vorstellen ruhende Art des Wilsonistischen Denkens, das eigentlich so auftritt, daß es, wenn es das auch in Abrede stellt, ausrotten will das, was in den Mittelländern und im Osten geistig emporkommen will. Deshalb ist es so unerklärlich in der Gegenwart, nachdem man ja hinweggeschafft hat, was man vorgab, hinwegschaflen zu wollen, nachdem nunmehr übriggeblieben sind die Völker, denen man, wie man versichert hat, nichts Arges antun will, daß man dieselbe Gesinnung unter allerlei Vorwänden fortsetzt. Man setzt es fort, weil man sich eigentlich wehrt gegen das, was in den Mittelländern und im Osten im Laufe der letzten Jahrhunderte als der Menschheit doch notwendig in geistiger Entwickelung aufgetreten ist. Man möchte unterbewußt das auslöschen. Man möchte sich nicht einlassen auf diese Dinge.
[ 27 ] A few weeks ago, I explained here that much of the Old Testament still lives on in our worldview—particularly in our current way of thinking—and that the very essence of Christianity has yet to take full root. The distinctive feature of the worship of Yahweh lies in the fact that it concerns everything we do not acquire through our own efforts between birth and death, but rather what we inherit, what lies in our blood, and what otherwise exerts influence only while we sleep, when we are outside our bodies. This view of Yahweh still pulses strongly in our time. It can rise to the Christ-view only when one directs all one’s strength toward the acquisition of the spiritual world in this intellectualistic age—not through birth or through what is instilled in us at birth, but through what is instilled in us. Nature itself does not predestine the West to transition from the service of Yahweh to the service of Christ; rather, this predestination begins in the heart of Europe and extends toward the East; this applies, of course, to nations, not to individual human beings. Hence that peculiar form of Wilsonian thinking, still rooted entirely in Old Testament concepts, which in reality—even if it denies it—seeks to eradicate that which is striving to rise spiritually in the Central European nations and in the East. That is why it is so inexplicable in the present day—now that what one claimed to want to eliminate has been eliminated, and now that only those peoples remain whom, as one has assured, one intends to harm in no way—that one continues to hold the same attitude under all sorts of pretexts. They continue it because they are actually resisting what has emerged in the Central European countries and in the East over the course of the last few centuries as a necessary part of humanity’s spiritual development. Subconsciously, they wish to eradicate it. They do not wish to engage with these things.
[ 28 ] Nun leben wir in einer sehr bedeutsamen Weltenkrisis. Ich habe oft fragen gehört: Wie kommt es denn eigentlich, daß die Menschen des Westens, namentlich Engländer und Franzosen, die Deutschen so furchtbar hassen? — Es gibt eine sehr einfache Antwort darauf, sie ist aber wirklich erschöpfend und sie besteht darin, daß der Mensch sich selber immer anders anschaut, namentlich auch als Volksangehöriger, als er den andern anschaut. Und ich kann Ihnen die Versicherung geben, solche Gedanken, wie Mach sie gehabt hat, als er in den Omnibus eingestiegen ist, oder als er auf der Straße gegangen ist, die liegen in dem Unterbewußten der Menschen sehr häufig. Sie wissen, Mach erzählt selbst: Er stieg einmal sehr ermüdet in einen Omnibus und bemerkte nicht, daß da ein Spiegel war an der Wand, die der Eingangstüre gegenüber war. Da setzte sich von der anderen Seite ein anderer herein. Da dachte er: Was ist denn das für ein gräßlicher Schulmeister, der da einsteigt vis-a-vis? — Er war nämlich sich selber fremd, er kannte sich als Person so wenig; aber als er sich sah, war er sich gar nicht sympathisch.
[ 28 ] We are now living through a very significant global crisis. I have often heard people ask: How is it, really, that people in the West—namely the English and the French—hate the Germans so terribly? — There is a very simple answer to this, but it is truly exhaustive, and it is that people always view themselves—especially as members of a nation—differently than they view others. And I can assure you that thoughts like the ones Mach had when he got on the bus, or when he was walking down the street, are very common in people’s subconscious. As you know, Mach himself recounts: He once got on a bus, very tired, and didn’t notice that there was a mirror on the wall opposite the entrance door. Then someone else got on from the other side. And he thought: What kind of horrible schoolmaster is that getting on right across from me? — For he was a stranger to himself; he knew himself as a person so little; but when he saw himself, he didn’t find himself at all likable.
[ 29 ] Nun sehen Sie sich die Geistesgeschichte Mitteleuropas an, nicht in den intimeren Zügen, aber sehen Sie sie sich an im großen und ganzen. Bis zu Lessing, also bis weit in das letzte Drittel des achtzehnten Jahrhunderts hinein haben die Deutschen sich bemüht, so zu sein wie die Franzosen. Sie sehen es ja aus allem. Von einem gewissen Zeitpunkt an, der liegt ungefähr im zwölften Jahrhundert, bis in die Zeit weit über die Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts haben die Deutschen sich bemüht, so zu sein wie die Franzosen, es so zu machen, daß sie auch Franzosen würden. Was die Franzosen dann an sich nicht sahen, oder wenn sie es sahen, doch eher schätzten, das haßten sie furchtbar, wenn sie es in der Nachahmung sahen. Der Mensch übt nämlich unbewußt eine merkwürdige Selbsterkenntnis. Die Deutschen wurden im Grunde genommen in ihrem tiefsten Wesen von den Franzosen nie gehaßt, sondern die Franzosen haßten sich selber, indem sie ihr Abbild, ihr Spiegelbild aus der deutschen Seele heraus ansahen. Seit jener Zeit hat begonnen ein merkwürdiger, heute noch gar nicht genug gewürdigter englischer Einfluß. Die Engländer sehen sich selber natürlich ebensowenig, wie Mach sich gesehen hat, aber sie bemerken sich, wenn sie sich nun in jenem Spiegelbilde schauen, das in merkwürdiger Weise seit dem achtzehnten Jahrhundert in die deutsche Seele eingezogen ist. Sie beurteilen den Engländer im Deutschen. Das ist die einfache psychologische Lösung. Wäre diese Weltenkrisis nicht gekommen, so würde noch lange Zeit dieser Zustand gedauert haben, es wäre eigentlich ein großer Brei da, aus dem die einzelnen Individualitäten dann herauskämen, die allerdings die Intimitäten des deutschen Wesens haben würden. Aber das Unglück, das Chaos, wird aus der Weltenkrise heraus gerade das erstehen lassen, was erstehen soll, was immer da war, was nur unter der Macht des Westens sich nicht entfalten konnte. So liegen die wirklichen Tatsachen. Es ist kein Grund zum Pessimismus, auch in Mitteleuropa nicht. Aber man muß dann zu den tieferen Gründen hinuntersteigen, die dem Werden zugrunde liegen.
[ 29 ] Now take a look at the intellectual history of Central Europe—not in its finer details, but in broad strokes. Up until Lessing—that is, well into the last third of the eighteenth century—the Germans strove to be like the French. You can see this in everything. From a certain point in time—roughly the twelfth century—until well past the mid-eighteenth century, the Germans strove to be like the French, to act in such a way that they, too, would become French. Whatever the French did not see in themselves—or, if they did see it, tended to value it—they hated it terribly when they saw it in imitation. For human beings unconsciously engage in a peculiar form of self-knowledge. The Germans were, in essence, never hated by the French in their deepest being; rather, the French hated themselves by beholding their own image, their reflection, emerging from the German soul. Since that time, a remarkable English influence—one that is still not sufficiently appreciated today—has been at work. The English, of course, see themselves just as little as Mach saw himself, but they become aware of themselves when they now look at that mirror image which, in a curious way, has taken root in the German soul since the eighteenth century. They judge the Englishman through the German. That is the simple psychological explanation. Had this global crisis not occurred, this state of affairs would have persisted for a long time to come; there would, in fact, have been a great mass from which individual personalities would eventually emerge—personalities that would, however, possess the innermost qualities of the German spirit. But the misfortune, the chaos, arising from the global crisis will bring forth precisely what is meant to emerge—what has always been there, but could not unfold under the power of the West. Such are the real facts. There is no reason for pessimism, not even in Central Europe. But one must then delve down to the deeper reasons that underlie this process of becoming.
[ 30 ] Dasjenige, was die Ententemächte jetzt ausführen, das mag so oder so aussehen. Darauf kommt furchtbar wenig an, denn im Grunde ihres Herzens wollen sie etwas Unmögliches. Sie wollen verhindern, daß etwas heraufkommt, was sich in der Mitte Europas und im Osten entwickeln muß. Das aber hängt zusammen mit dem geistigen Fortschritt der Menschen. Der ist nicht zu verhindern. Aber es ruft das andere hervor, daß der Mensch, wenn er es mit der Erdenzukunft ernst meint, an den Geist eben glauben muß. Nur aus dem Geiste, aus der Kraft des Geistes wird dasjenige kommen, was kommen muß, auch zur Lösung der so brennenden sozialen Forderung. Es war notwendig, daß im Maschinenzeitalter fünf mal hundert Millionen unsichtbare Menschen, das heißt, als Maschinen sichtbare Menschen, entstanden sind, damit allmählich die Menschen fühlen lernen: Sie dürfen nicht so bezahlt werden, wie die Maschinen bezahlt werden. Und es war notwendig, daß diese furchtbare Katastrophe, in der das Maschinenzeitalter seine größten 'Triumphe gefeiert hat, heraufgekommen ist. Aber aus dieser Katastrophe wird aufstehen Kraftentfaltung der Menschen. Und aus dieser Kraftentfaltung wird der Mensch auch eine gewisse Möglichkeit schöpfen, sich wiederum recht mit dem Göttlichen, mit dem Geistigen zu verbinden. Ebensowenig, wie es für den Menschen ein bloßes Unglück war — um jetzt den Ausgangspunkt der Erdenentwickelung mit dem zu vergleichen, was ja viele Menschen mit Recht das furchtbarste Ereignis in der Weltgeschichte nennen —, daß die Menschen aus dem Paradiese vertrieben worden sind, so ist es nicht ein bloßes Unglück, daß eine solche Katastrophe die Menschen betroffen hat. Die wertvollsten Wahrheiten sind schließlich im Grunde genommen paradox. Man kann heute ja ich habe öfter auf diese Sache aufmerksam gemacht — sagen: Die Menschen waren so schändlich, das wertvollste Wesen, das auf der Erde erschienen ist, den Christus Jesus, ans Kreuz zu schlagen. Sie haben ihn getötet. Man kann sagen: Es war «schändlich» von den Menschen. Aber dieser Tod, der ist ja der Inhalt des Christentums. Durch diesen Tod ist ja das geschehen, was wir das Mysterium von Golgatha nennen. Ohne diesen Tod gäbe es kein Christentum. Dieser Tod ist das Glück der Menschen, dieser Tod ist die Kraft des Erdenmenschen. So paradox sind die Dinge der Wirklichkeit. Man kann auf der einen Seite sagen: Es war schändlich, daß die Menschen den Christus ans Kreuz geschlagen haben — und dennoch ist mit diesem Tode, mit diesem Ans-Kreuz-Schlagen, das größte Erdenereignis eingetroffen. Ein Unglück ist nicht immer bloß ein Unglück. Ein Unglück ist oftmals der Ausgangspunkt für das Erringen menschlicher Größe und menschlicher Stärke.
[ 30 ] Whatever the Entente powers are doing now may look one way or another. That matters very little, for deep down in their hearts they want something impossible. They want to prevent something from emerging that must develop in the heart of Europe and in the East. But that is connected to the spiritual progress of humankind. This cannot be prevented. But it brings about another reality: that if a person is serious about the future of the Earth, they must believe in the spirit. Only from the spirit, from the power of the spirit, will that which must come come to pass—including the solution to such pressing social demands. It was necessary that, in the Machine Age, five hundred million invisible human beings—that is, human beings visible only as machines—come into being, so that people might gradually learn to feel: They must not be paid the same way machines are paid. And it was necessary for this terrible catastrophe—in which the Machine Age celebrated its greatest “triumphs”—to come about. But from this catastrophe will arise a surge of human strength. And from this surge of strength, humanity will also draw a certain possibility to reconnect properly with the divine, with the spiritual. Just as it was not merely a misfortune for humankind—to compare the starting point of Earth’s development with what many people rightly call the most terrible event in world history—that humans were driven out of Paradise, so it is not merely a misfortune that such a catastrophe has befallen humankind. After all, the most valuable truths are, at their core, paradoxical. One can say today—and I have often drawn attention to this—that human beings were so shameful as to crucify the most precious being who ever appeared on Earth, Jesus Christ. They killed him. One can say: It was “shameful” of human beings. But this death is, after all, the very essence of Christianity. Through this death, what we call the Mystery of Golgotha came to pass. Without this death, there would be no Christianity. This death is the blessing of humanity; this death is the strength of the earthly human being. Such is the paradox of reality. On the one hand, one might say: It was shameful that people nailed Christ to the cross—and yet, with this death, with this nailing to the cross, the greatest event in human history took place. A misfortune is not always merely a misfortune. A misfortune is often the starting point for the attainment of human greatness and human strength.
