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Die soziale Grundforderung unserer Zeit
In geänderter Zeitlage
GA 186

7 Dezember 1918, Dornach

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Es wird den Menschen oftmals schwer, sich in dem Gang der Weltereignisse, gerade wenn man diese Weltereignisse von einem höheren Gesichtspunkte aus betrachtet, zurechtzufinden. Der Mensch möchte so gerne nicht unbefangen auf die Wahrheit hinblicken, die gewisse Konflikte des Lebens ja erst in langen Zeiträumen oftmals löst. Der Mensch möchte, wenn er sich auch das nicht immer gesteht, doch allzu gerne so am Gängelband der Weltenmächte geführt werden. Insbesondere wird es dem Menschen schwer, sich unbefangen zurechtzufinden, wenn er in irgendeiner Inkarnation gezwungen ist, in so katastrophaler Zeit zu leben, wie das zum Beispiel jetzt der Fall ist. Er fragt dann gerne: Warum lassen die Götter solche Dinge zu? — Er fragt nicht gerne nach den Notwendigkeiten des Lebens. Er hat doch gewissermaßen die Sehnsucht, die Dinge so angenehm als möglich zu sehen. In einer solchen Zeit, wie es die unsrige ist, muß aber der Mensch auf mancherlei hinschauen, das sich eben aus dem Chaos heraus vorbereitet. Das Chaos ist notwendig für den Gesamtverlauf des Geschehens. Und der Mensch muß sich oftmals in das Chaotische ebenso hineinstellen wie in das Harmonisierte. Insbesondere ist unser fünfter nachatlantischer Zeitraum ein solcher, der den Menschen viel des Chaotischen erleben läßt. Das aber hängt mit der ganzen Eigentümlichkeit, mit dem ganzen Wesen dieses Zeitraumes zusammen. Wir leben ja in dem Zeitraume, in dem der Mensch durchgehen soll durch jene Entwickelungsimpulse, die ihn auf sich selbst stellen, die ihn durchdringen mit dem individuellen Bewußtsein. Wir leben eben im Zeitalter der Bewußtseinsseele.

[ 2 ] Nach alledem, was wir nun betrachtet haben, wobei wir zusammengetragen haben die verschiedensten Dinge, die uns gerade unsere Zeit verständlich machen können, muß man sich nun fragen: Welches ist denn die tiefste Eigentümlichkeit gerade unseres Zeitraumes und der Entwickelung der Bewußtseinsseele? Die tiefste Eigentümlichkeit für diesen Zeitraum ist diese, daß der Mensch am gründlichsten, am intensivsten Bekanntschaft machen muß mit den der Harmonisierung der Gesamtmenschheit widerstrebenden Kräften. Deshalb muß in unserer Zeit sich allmählich eine bewußte Erkenntnis der dem Menschen widerstrebenden ahrimanischen und luziferischen Mächte verbreiten. Würde der Mensch durch diese Entwickelungsimpulse, an denen die luziferischen und ahrimanischen Mächte mitwirken, nicht hindurchgehen, so würde er nicht zum vollen Gebrauch seines Bewußtseins, also nicht zu der Ausbildung seiner Bewußtseinsseele kommen. Wir haben aber in diesem Sicheingliedern der Bewußtseinsseele in die menschliche Natur einen im eminentesten Sinne antisozialen Trieb zu erkennen. So daß das Eigentümliche vorliegt in unserem Zeitalter, daß das Auftreten der sozialen Ideale wie eine Reaktion erscheint auf dasjenige, was gerade aus dem innersten Wesen der Menschennatur herauswill, auf die Entwickelung des individuellen Bewußtseins. Ich möchte sagen, wir haben in unserer Zeit einen solchen Schrei nach Sozialismus, weil das innerste Wesen des Menschen gerade in unserer Zeit diesem Sozialismus am meisten widerstrebt. Wir haben deshalb nötig, auf alles das hinzuschauen, was im Kosmos, im Weltenall mit dem Menschen in einer Beziehung steht, damit uns bewußt werde, welches Verhältnis besteht zwischen den antisozialen Impulsen, die aus der Tiefe der Menschenseelen heute herausquellen, und dem Schrei nach sozialer Harmonisierung, der wie eine Reaktion auf dasjenige wirkt, was aus dem Innern der Menschenseele herausquillt. Man muß sich eben klarwerden darüber, daß der Mensch mit seinem Leben einen Gleichgewichtszustand darstellt zwischen einander widerstrebenden Mächten. Jede Vorstellung, die etwa darauf ausgeht, bloß eine Zweiheit vorzustellen, sagen wir ein gutes und böses Prinzip, die wird niemals das Leben durchleuchten können. Das Leben kann man nur durchleuchten, wenn man es im Sinne der Dreiheit darstellt, wo das eine der Gleichgewichtszustand ist und die zwei andern die beiden Pole, nach denen der Gleichgewichtszustand fortwährend hinpendelt. Daher jene Trinität, die wit in dem Menschheitsrepräsentanten und in Ahriman und Luzifer in unserer Gruppe, die den Mittelpunkt dieses Baues zu bilden hat, darstellen wollen.

[ 3 ] Dieses Bewußtsein von einem Gleichgewichtszustand, der angestrebt wird, der immer in der Gefahr lebt, nach der einen oder nach der anderen Seite auszuschlagen, das muß das Wesentliche werden der Weltanschauung für diesen fünften nachatlantischen Zeitraum. Indem der Mensch durchgeht durch. die Bewußtseinsseele, entwickelt er sich nach dem Geistselbst hinauf. Es wird noch lange dauern, dieses Zeitalter der Entwickelung der Bewußtseinsseele. Aber in der Wirklichkeit gehen ja doch die Dinge nicht so vor sich, daß immer schön schematisch eines auf das andere folgt, sondern eines ist gewissermaßen in dem andern eingekapselt. Und während wir zu immer stärkerer und stärkerer Kraft die Bewußtseinsseele ausbilden, lauert, ich möchte sagen, im Hintergrunde schon das Geistselbst, welches dann im sechsten nachatlantischen Zeitraum ebenso stark herauskommen soll wie in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum die Bewußtseinsseele. Ebenso stark, wie die Bewußtseinsseele antisozial wirkt, indem sie sich entwickelt, wird das Geistselbst sozial wirken. So daß man sagen kann: Der Mensch entwickelt aus den innersten Impulsen seiner Seele heraus in dieser Epoche Antisoziales; aber dahinter treibt ein Geistig-Soziales. Und dieses Geistig-Soziale, das dahinter treibt, das wird im wesentlichen erscheinen, wenn das Licht des Geistselbstes im sechsten nachatlantischen Zeitraum aufgehen wird. Daher ist es kein Wunder, daß in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum in allerlei abstrusen, hyperradikalen Formen dasjenige auftritt, was in einer geordneten Weise doch erst in die Menschheit sich einleben kann im sechsten, dem auf unseren folgenden nachatlantischen Zeitraum.

[ 4 ] Dem Vorausrumoten dessen, was in diesem sechsten nachatlantischen Zeitraum kommen soll, dem wird der Mensch ausgesetzt sein durch diesen fünften nachatlantischen Zeitraum hindurch, und es wird alles davon abhängen, daß man sich ein Verständnis von dem verschafft, durch das wir eben während dieses fünften Zeitraumes hindurchgehen müssen. Die antisozialen Triebe werden eine ungeheuere Rolle spielen, und sie werden gedämpft, eingegliedert werden können in ein wirkliches soziales Leben nur dadurch, daß die Menschen, wie ich das neulich auseinandergesetzt habe, dasjenige zu Hilfe nehmen werden, was als soziale Wissenschaft aus der allgemeinen Geisteswissenschaft heraus sich ergibt.

[ 5 ] So wird im Hintergrunde, weil verfrüht, hinter den mancherlei Bestrebungen der Gegenwart und in die Zukunft hin eine soziale Forderung stehen. Aber wir müssen es immer wiederholen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, daß diese soziale Gestaltung, die gefordert wird, nicht lebensfähig sein könnte, ohne daß sie mit zwei anderen Dingen in Verbindung tritt. Im sechsten nachatlantischen Zeitraum wird diese Verbindung mehr oder weniger von selbst auftreten. In diesem fünften nachatlantischen Zeitraum muß durch die Pflege der Geisteswissenschaft das soziale Leben geregelt werden. Und jede andere Bestrebung, um das soziale Leben außerhalb des Gebietes der Geisteswissenschaft zu regeln, wird nur zum Chaos und zum Hyperradikalismus führen, der die Menschen unglücklich macht. Mit Bezug auf die soziale Gestaltung des Lebens ist gerade dieser fünfte nachatlantische Zeitraum im eminentesten Sinne auf Geisteswissenschaft angewiesen. Denn bedenken wir noch einmal — worauf ich schon gestern und auch neulich im öffentlichen Vortrage in Basel hingedeutet habe —, daß der Mensch gewissermaßen der Überwinder ist derjenigen Natur, die über das Tierreich verteilt ist. Er ist der Überwinder der tierischen Natur, er trägt die tierische Natur in sich.

[ 6 ] Einfältige Darwinisten behaupten, daß die menschliche Moral nur eine Entwickelung der sozialen Triebe bei den Tieren ist. Die sozialen Triebe aber sind den Tieren eingeboren, und sie werden, insofern sie soziale Triebe bei den Tieren sind, gerade beim Menschen zu antisozialen Trieben, und der Mensch kann zum sozialen Leben nur wieder erwachen, wenn er hinüberwächst über dasjenige, was bei ihm aus dem Tierischen heraus ins Antisoziale sich entwickelt hat. Das ist die Wahrheit. So daß, wenn wir uns den Menschen schematisch nach dieser Richtung vorstellen wollen (es wird gezeichnet), wir sagen können: Der Mensch überwindet die Tierheit, er entwickelt sich über die Tierheit hinaus. Das, was im Tier Soziales ist, wird gerade beim Menschen antisozial. Aber der Mensch wächst in die Geistigkeit hinein, und im Geistigen kann er sich wiederum das Soziale erringen. Der Mensch erringt sich das Soziale auf einer höheren Stufe, als diejenige ist, die er im Zeitalter der Bewußtseinsseele hat, wo er aus der Tierheit herausgewachsen ist; im Chaotischen leuchtet es in den Mittelzustand herein, in dem man gerade drinnen ist.

[ 7 ] Nun sind zwei andere Ergänzungen notwendig. Wenn Sozialismus, der als elementarer Impuls heraufkommt, als eine Forderung innerhalb der Menschheit auftritt, so muß dieser Sozialismus allein immer zum Unsegen führen. Sozialismus kann nur zum Segen führen, wenn er gepaart ist mit den zwei anderen Dingen, die zunächst bis zum Ende unserer nachatlantischen Zeit, bis zum siebenten nachatlantischen Zeitraum sich in der Menschheit entwickeln müssen, mit dem, was man nennen kann ein freies Gedankenleben und eine Einsicht in die geistige Natur der Welt, die hinter der sinnlichen Natur liegt. Sozialismus ohne Geisteswissenschaft und ohne Gedankenfreiheit ist ein Unding. Das ist eben eine objektive Wahrheit. Zur Gedankenfreiheit muß der Mensch aber erwachen, sich reif machen, gerade in unserem Zeitalter der Bewußtseinsseele. Warum muß er zur Gedankenfreiheit erwachen?

[ 8 ] Sehen Sie, der Mensch ist im Verlaufe seiner Entwickelung gewissermaßen in einer Beziehung an einem entscheidenden Punkte in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum angelangt. Der Mensch hatte bis in diesen fünften nachatlantischen Zeitraum hinein sich die Möglichkeit des Fortwirkens der vorgeburtlichen Zeit in das nachgeburtliche Leben mitgebracht. Machen wir uns das ganz klar. Bis in unseren Zeitraum herein trägt der Mensch Kräfte in sich, welche von ihm nicht im Laufe des Lebens erworben sind, sondern die er schon hatte, als er, wie man so sagt, das Licht der Welt erblickte, als er geboren wurde, die ihm eingeprägt wurden in der Embryonalzeit. Diese Kräfte, die der Mensch in der Embryonalzeit eingeprägt erhält und die dann das Leben hindurch fortwirken, hatte der Mensch bis in den vierten nachatlantischen Zeitraum herein. Und erst jetzt stehen wir vor der großen Krisis in der Menschheitsentwickelung, daß diese Kräfte nicht mehr maßgebend sein können, daß sie nicht mehr so elementar wirksam sein können wie bisher. Mit andern Worten: Der Mensch wird in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum viel mehr den Eindrücken des Lebens ausgeliefert sein, weil die den Eindrücken des Lebens widerstrebenden Kräfte, die vor der Geburt in der Embryonalzeit erworben werden, ihre Tragkraft verlieren. Das ist etwas ungeheuer Bedeutungsvolles, daß diese Kräfte ihre Tragkraft verlieren.

[ 9 ] Nur in bezug auf eines war das Leben auch bisher schon so, daß der Mensch etwas erwerben konnte zwischen Geburt und Tod, also etwas, was ihm nicht während der Embryonalzeit eingeimpft war. Das war aber nur durch das Folgende möglich. Wir haben gestern eigentümliche Erscheinungen des Schlafes mit Bezug auf das soziale Leben auseinandergesetzt. Wenn der Mensch schläft, sind sein Ich und sein astralischer Leib außerhalb des physischen und des Ätherleibes. Es ist ein anderer Zusammenhang zwischen dem Ich und dem astralischen Leib einerseits und dem physischen Leib und dem Ätherleib andrerseits im Schlafen vorhanden als im Wachen. Der Mensch verhält sich anders zu seinem physischen und Ätherleib, wenn er schläft. Nun besteht eine gewisse Ähnlichkeit zwischen unserem Schlafen und unserer Embryonalzeit — Ähnlichkeit, nicht Gleichheit! In einer gewissen Beziehung wird unser Leben, wenn wir einschlafen, bis zum Aufwachen ähnlich — nicht gleich — dem Leben, das wir führen von der Konzeption, der Empfängnis — oder eigentlich drei Wochen danach — bis zur Geburt. Wenn wir als Kind im Mutterleibe ruhen, so haben wir ein ähnliches Leben wie später, wenn wir schlafen. Den Unterschied macht nur ein ganz Bedeutungsvolles, das ist das Atmen, das Atmen der äußeren Luft. Deshalb durfte ich nur sagen ähnlich, aber nicht gleich. Wir atmen nicht die äußere Luft, wenn wir im Mutterleibe ruhen. Wir werden aufgerufen zum Atmen der äußeren Luft, indem wir geboren werden. Dadurch ist wiederum dieses Leben im Schlafe verschieden von dem Embryonalleben. Nun halten Sie dieses fest: Indem der Mensch schläft, hat er in vieler Beziehung ein dem Embryonalleben ähnliches Leben. Nur wirkt herein etwas, was nur zwischen Geburt und Tod da sein kann, nicht im Embryonalleben: es wirkt herein die Atmung. Dadurch, daß der Mensch die äußere Luft atmet, wird sein Organismus in einer gewissen Weise beeinflußt. Aber alles, was unsern Organismus beeinflußt, wirkt auf unsere sämtlichen Lebensäußerungen, auch auf unsere Seelenäußerungen. Wir verstehen anders die Welt, indem wir atmen, als wenn wir nicht atmen würden.

[ 10 ] Nun gab es ein Kulturelement in der Entwickelung der Menschheit — wir rühren an ein bedeutsames Geheimnis der Menschheitsentwickelung, indem wir dieses auseinandersetzen —, und das war das alttestamentliche, welches besonders tief durchdrungen war bei seinen Eingeweihten von dieser Tatsache, daß der Mensch zwischen Geburt und Tod sich durch das Atmen unterscheidet von dem Embryonalleben, dem sonst sein Schlafesleben ähnlich ist. Auf diese innere Erkenntnis von der Natur des Atmens war aufgebaut das Verhältnis, welches die alten jüdischen Eingeweihten, die hebräischen Eingeweihten des Alten Testamentes zu ihrem Jahve-Gotte hatten. Der JahveGott offenbarte sich, das brauchen wir ja nur der Bibel zu entnehmen, seinem Volke. Welches war das Volk Jahves? Dasjenige Volk, das eine besondere Beziehung hatte zu dieser Wahrheit vom Atmen, die ich eben ausgesprochen habe. Und damit hängt es zusammen, daß gerade dieses Volk als Offenbarung empfing, daß der Mensch Mensch wurde, indem ihm der lebendige Odem gegeben wurde.

[ 11 ] Aber man erlangt ein ganz besonderes Verständnis, wenn man auf diese Natur des menschlichen Atmens baut. Man erlangt das Verständnis für das abstrakte Gedankenleben, das im Alten Testament genannt wird das Gesetzesleben, für die Aufnahme von abstrakten Gedanken. So sonderbar das heute dem materialistischen Denken klingt, wahr ist es doch: Durch den Atmungsprozeß ist gerade die menschliche Abstraktionskraft wesentlich bedingt. Daß der Mensch abstrahieren kann, daß er abstrakte Gedanken fassen kann in dem Sinne, wie ja auch die Gesetze abstrakte Gedanken sind, das hängt auch physiologisch mit seinem Atmungsprozeß zusammen. Das Instrument des abstrakten Denkens ist ja das Gehirn. Dieses Gehirn ist in einem fortwährenden Rhythmus begriffen, der dem Atmungsrhythmus angemessen ist. Ich habe über dieses Verhältnis des Gehirnrhythmus zum Atmungsrhythmus auch hier schon, sogar wiederholt, gesprochen. Ich habe Ihnen auseinandergesetzt, wie das Gehirn im Gehirnwasser eingebettet ist, wie das Gehirnwasser, wenn die Luft ausgeatmet wird, herunterfließt durch die Rückenmarkssäule und sich nach unten in die Bauchhöhle ergießt; wie beim Einatmen wieder das Wasser zurückgedrängt wird, so daß ein fortwährendes Vibrieren stattfindet: mit dem Ausatmen ein Sinken des Gehirnwassers, mit dem Einatmen ein Steigen des Gehirnwassers und ein Einbetten des Gehirnes im Gehirnwasser. Mit diesem Rhythmus des Atmungsprozesses hängt auch physiologisch das Abstraktionsvermögen des Menschen zusammen.

[ 12 ] Ein Volk, das ganz besonders baute auf den Atmungsprozeß, war das Volk des Abstraktionsprozesses zugleich. Daher konnten die Eingeweihten, indem sie auf ihre Jahve-Weise empfanden, ihrem Volke eine ganz besondere Offenbarung geben, weil diese Offenbarung ganz angepaßt war dem abstrakten Denken. Das ist das Geheimnis der alttestamentlichen Offenbarung, daß der Mensch eine Weisheit empfangen hat, welche dem Abstraktionsvermögen, dem Vermögen des abstrakten Denkens angepaßt war. Und Jahve-Weisheit ist dem abstrakten Denken angemessen. Im gewöhnlichen Bewußtseinszustande verschläft der Mensch diese Jahve-Weisheit. Die Jahve-Eingeweihten haben einfach bei ihrer Initiation das empfangen, was der Mensch durch das Atmen vom Einschlafen bis zum Aufwachen erlebt. Aus diesem Grunde wird von solchen, die halbe Wahrheiten lieben, sehr häufig Jahve als diejenige Gottheit bezeichnet, die den Schlaf reguliert. Das ist auch der Fall. Er hat dem Menschen dasjenige an Weisheit überliefert, was der Mensch erleben würde, wenn er so hellsichtig würde, wie es die Eingeweihten eben wurden, um bewußt das Leben vom Einschlafen bis zum Erwachen zu erleben. Dieses wurde nun nicht erlebt vom gewöhnlichen Bewußtsein im alttestamentlichen Leben, sondern den Menschen als Offenbarung gegeben, so daß also die Menschen als Offenbarung in der Jahve-Weisheit dasjenige empfingen, was von ihnen verschlafen werden muß. Es muß verschlafen werden, weil sonst der Lebensprozeß nicht weitergehen könnte.

[ 13 ] Das ist das Wesentliche der alttestamentlichen Kultur, daß als JahveWeisheit geoffenbart wird die Nachtweisheit. Bis zu einem gewissen Grade — aber ich bitte zu beachten: bis zu einem gewissen Grade — war diese Möglichkeit für die Menschen in derjenigen Zeit erschöpft, als das Mysterium von Golgatha herannahte. Denn diese Weisheit, die gewissermaßen die Schlafes-Atmungs-Weisheit ist, die ist ein Siebentel dessen, was der Mensch im Lauf seiner Entwickelung an Weisheit entwickeln muß — ein Siebentel! Sie ist die Weisheit des einen der Elohim, des Jahve. Die andern sechs Siebentel, die konnten und können an die Menschheit nur herankommen, indem der Christus-Impuls in die Menschheit einfließt. So daß man sagen kann: Indem Jahve sich offenbart, offenbart er — ich möchte sagen im voraus — die Nacht-AtmungsWeisheit. Die sechs andern Elohim, die in ihrer Gesamtheit nun mit dem siebenten Elohim den Christus-Impuls darstellen, sie offenbaren das übrige, was außer dutch das Atmen an den Menschen zwischen Geburt und Tod herankormmt.

[ 14 ] Der Mensch wäre nun innerhalb des alttestamentlichen Kulturlebens ein ganz antisoziales Wesen geworden, wenn nicht Jahve das soziale Element seinem Volke in demjenigen abstrakten Gesetze geoffenbart hätte, welches das Leben gerade dieses Volkes regelte und harmonisierte. Nun hat Jahve diese Alleinherrschaft erobern können, indem er die andern Elohim, wie ich Ihnen auseinandergesetzt habe, zurückschob, gewissermaßen entthronte. Dadurch sind aber andere, niedrigere geistige Wesenheiten an die menschliche Natur herangekommen und haben von der menschlichen Natur Besitz ergriffen. Der Mensch wurde diesen anderen Wesenheiten ausgesetzt, so daß wir während der alttestamentlichen Entwickelung zweierlei haben: erstens die harmonisierende Jahve-Weisheit in dem, was die Juden das Gesetz nannten, worinnen zu gleicher Zeit das soziale Leben beschlossen war, und ferner dasjenige, was widerstrebte diesem sozialen Zusammenhalte, die der menschlichen Natur nahen, niedrigeren Wesenheiten, weil die anderen Elohim noch nicht zugelassen waren in der Zeit vor dem Mysterium von Golgatha. Diese niedrigeren Wesenheiten richteten ihre starken Angriffe im antisozialen Sinne gegen das JahveElement.

[ 15 ] Nun liegt die eigentümliche Tatsache vor, daß in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, in den vierziger Jahren, Jahve in seinem Einflusse gewissermaßen nicht mehr Herr werden konnte über die widerstrebenden Geister, so daß diese besondere Macht erlangten. Und es ist auch eigentlich erst im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts die Notwendigkeit eingetreten, den Christus-Impuls, der vorher nur vorbereitet wurde, was ich ja oft erwähnt habe, wirklich zu verstehen, weil ohne ihn die menschliche Kultur nicht weitergehen kann. Vor dieser bedeutsamen Krisis stand gerade das soziale Element des Menschenlebens, daß der Christus-Impuls für die Zukunft im eminentesten Sinne verstanden werden muß. Ohne diesen Christus-Impuls zu verstehen, geht keine soziale Forderung irgendwelchen heilsamen Zielen entgegen.

[ 16 ] Alle die Jahrhunderte — es sind ja deren fast zwanzig —, in denen sich bisher das Christentum ausgebreitet hat, waren nur Vorbereitungen für die wirkliche Erfassung des Christus-Impulses. Denn der ChristusImpuls kann nur im Geistigen erfaßt werden. Alles geschieht allmählich, und in unserer kritischen Zeit, in der Zeit, in der eben mit Bezug auf die Dinge, die ich angeführt habe, eine Krisis vorliegt, da ist die Sache so: Da ragt noch herein als ein Überbleibsel der Trieb nach der bloßen Jahve-Weisheit, nach jener Weisheit, die angewiesen war auf das, was im Embryonalleben erworben wird, und durch den Atmungsprozeß, der aber unbewußt ist, modifiziert wird. Der Atmungsprozeß bleibt unbewußt. Die Jahve-Weisheit muß geoffenbart werden dem Bewußtsein. Das ging so lange, als nicht die Bewußtseinsseele bis zu einem gewissen Grade entwickelt war. Jetzt, da die Bewußtseinsseele bis zu diesem Grad entwickelt ist, kann nicht mit der auf das Atmen abgestimmten Jahve-Weisheit weitergewirtschaftet werden. Aber immer macht sich das so geltend, daß das Bestreben entsteht, weiterzuwirtschaften mit dem, womit nach inneren Notwendigkeiten nicht mehr gewirtschaftet werden kann. Weil für das Leben zwischen Geburt und Tod dasjenige, was mit dem Atmen zusammenhängt, unbewußt bleibt, war die jüdische Kultur nicht eine individuelle Menschheitskultur, sondern eine Volkskultur, wo alles zusammenhängt mit der Abstammung von dem gemeinsamen Stammvater. Die jüdische Offenbarung ist im wesentlichen eine für dieses jüdische Volk berechnete Offenbarung, weil sie eben mit dem rechnet, was im Embryonalleben erworben und nur durch ein Unbewußtes, durch den Atmungsprozeß, modifiziert wird.

[ 17 ] Was ist die Folge davon in unserer kritischen Zeit? Daß diejenigen, welche sich zur Christus-Weisheit nicht bekennen wollen, die das andere hereinbringt in den Menschen, was zwischen Geburt und Tod erworben wird außer durch den Atmungsprozeß, stehenbleiben wollen bei der Jahve-Weisheit, bloß auf Volkskulturen die Menschheit einstellen wollen. Und der gegenwärtige Ruf nach einer Gliederung der Menschen in lauter einzelne Völker ist der ahrimanisch zurückgebliebene Ruf nach der Begründung einer solchen Kultur, wo alle Völker nur Volkskulturen, das heißt alttestamentliche Kulturen darstellen. Dem jüdischen alttestamentlichen Volke ähnlich werden sollen die Völker über die Erde hin — das ist der Ruf von Woodrow Wilson.

[ 18 ] Damit berühren wir ein außerordentlich tiefes Geheimnis, ein Geheimnis, welches sich in den allerverschiedensten Formen enthüllen wird. Ein soziales Element, das antisozial ist mit Bezug auf die ganze Menschheit, das nur das Soziale begründen will in einzelnen Völkern, das will als ahrimanisches Element herauf; ahrimanisch soll festgehalten werden der alttestamentliche Kulturimpuls!

[ 19 ] Sie sehen, so einfach liegen die Dinge nicht, wie sich viele Menschen heute vorstellen, daß man nur das oder jenes auszudenken braucht, um dem Menschen Ideale vorzusagen. Man muß eingehen können auf die Wirklichkeiten, man muß sagen können, was eigentlich waltet und kraftet in diesen Wirklichkeiten. Dem Menschen steht eben in Aussicht, nicht mehr auf das bloße Unbewußte zu bauen, sondern auf das Bewußte im Leben zwischen Geburt und Tod. Das Unbewußte baut auf den Atmungsprozeß und damit ganz selbstverständlich auf das, was mit dem Atmungsprozeß zusammenhängt, auf die Blutzirkulation, das heißt auf die Abstammung, auf den Blutzusammenhang, auf die Vererbung. Diejenige Kultur, die da kommen muß, die kann nicht bloß auf den Blutzusammenhang die soziale Ordnung begründen, denn dieser Blutzusammenhang gibt nur ein Siebentel desjenigen, was in der Menschheitskultur begründet werden muß. Die anderen sechs Siebentel müssen dazukommen durch den Christus-Impuls, im fünften Zeitraum eines, im sechsten Zeitraum das zweite, im siebten Zeitraum das dritte, und das andere geht dann in die folgenden Zeiten hinüber. Daher muß sich nach und nach in der Menschheit dasjenige entwickeln, was mit dem wirklichen Christus-Impuls zusammenhängt; und überwunden werden muß, was mit dem bloßen Jahve-Impuls zusammenhängt.

[ 20 ] Und das wird das Charakteristische sein, daß zum letzten Male gewaltige, weitgehende Anstrengungen des Jahve-Impulses geschehen werden in dem, was als internationaler Sozialismus vom Proletariat verstanden wird. Es ist im wesentlichen das letzte Rumoren des JahveImpulses. Vor dem Eigentümlichen steht man, daß jedes Volk ein Jahve-Volk werden wird, und gleichzeitig jedes Volk Anspruch machen wird, über die ganze Erde seinen Jahve-Kultus, seinen Sozialismus zu verbreiten.

[ 21 ] Das werden wiederum die zwei einander widerstrebenden Kräfte sein, zwischen denen das Gleichgewicht zu suchen ist. In all das, was als objektive Notwendigkeit im Gang der Menschheitsentwickelung sich geltend macht, mischen sich dann hinein die Gefühle, die Empfindungen der Menschen, die sich zu den verschiedenen Volksgruppen so oder so stellen, und die innerhalb des objektiv notwendigen Ganges der Entwickelung störend wirken. Durch die Jahve-Weisheit ist das eine der sieben Tore zu Menschenverbindungen geöffnet. Ein zweites Tor wird geöffnet werden, wenn erkannt werden wird, daß dasjenige, was der Mensch jetzt als seine physische und seine ätherische Natur in sich trägt, im Verlaufe des Lebens krank wird. Natürlich ist damit nicht eine akute Krankheit gemeint, aber jetzt in unserem fünften Zeitraum bedeutet «leben» ein langsames Erkranken. Das ist seit dem vierten Zeitraume der Fall; es ist insbesondere so im fünften Zeitraume. Der Lebensprozeß ist, wenn auch sukzessive und langsam, dasselbe wie eine akute Krankheit, nur daß diese einen schnellen Verlauf hat. Daher muß, wie man eine akute Krankheit durch einen spezifischen Heilungsprozeß heilen muß, etwas eintreten in das menschliche Leben, welches gesund macht.

[ 22 ] Das natürliche Leben der Menschen vom fünften nachatlantischen Zeitraum an ist also eine Art fortwährenden langsamen Erkrankens. Alle Erziehung, alle Kultureinflüsse müssen darauf hinwirken, gesund zu machen. Das ist gewissermaßen die erste, wahre Impulsivität des Christus-Impulses: die Heilung. Der Heiland, der Heilende zu sein, dazu ist er ganz besonders berufen im fünften nachatlantischen Zeitraume. Die anderen Formen des Christus-Impulses müssen im Hintergrunde sein. Für den sechsten nachatlantischen Zeitraum muß der Christus-Impuls besonders wirken für das Sehertum. Da kommt das Geistselbst zur Ausbildung, innerhalb dessen der Mensch nicht leben kann ohne das Sehertum. Und im siebenten nachatlantischen Zeitraum wird eine Art prophetischer Natur, weil es ja prophetisch hinübergehen muß in eine ganz neue Zeit, als das dritte sich entwickeln; die anderen drei Glieder der sechsteiligen Christus-Weisheit werden in den folgenden Zeiten wirken. So muß der Christus-Impuls sich als Heilprozeß, als Seherprozeß, als prophetischer Prozeß im Verlauf des jetzigen und der zwei folgenden Kulturzeitalter als das sozial die Menschheit durchglühende Element in die Menschheit einleben. Das ist das reale Einleben des Christus-Impulses. Das zieht sich durch die übrigen Dinge hindurch, die wir für die Entwickelung schon erwähnt haben. Ein Tor ist aufgeschlossen worden durch die Jahve-Weisheit. Doch dieses Tor ist unpraktikabel geworden in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Wenn es allein durchschritten werden soll, so kann nichts anderes kommen, als daß gewissermaßen alle Völker ihrer Form nach hebräische Kulturen entwickeln. Andere Tore müssen geöffnet werden, das heißt, es muß die Initiationsweisheit, die durch ein zweites, ein drittes, ein viertes Tor bekannt wird, zu derjenigen Weisheit hinzutreten, die durch das Jahve-Tor bekannt geworden ist. Nur so kann der Mensch in andere Zusammenhänge hineinwachsen als in diejenigen, die durch die Bluts-, das heißt durch die Atmungsbande geregelt sind, und das wird in der Zukunft von besonderer Wichtigkeit für ihn sein.

[ 23 ] Das ist wiederum das Kritische unserer Zeit, daß die Menschen sich ahrimanisch aus alten Zeiten eine Regelung der Weltenordnung nach Blutsbanden bewahren wollen, daß aber eine innere Notwendigkeit über diese Blutsbande hinausstrebt. In der Zukunft kann nicht das Sozial-Regelnde von dem ausgehen, was in irgendeiner Weise verwandt ist, sondern in der Zukunft wird nur das gelten, was in freier Entschließung die Seele selbst als das Regelnde der sozialen Ordnung erleben kann. Gewissermaßen wird eine innere Notwendigkeit die Menschen so leiten, daß alles das, was in die soziale Ordnung durch die bloßen Blutsbande hineinragt, ausgemerzt wird. Alle diese Dinge treten eben zuerst tumultuarisch in die Erscheinung. In unserem Zeitalter wird sich entwickeln müssen Geist-Erkenntnis und Gedankenfreiheit, namentlich Gedankenfreiheit in religiösen Dingen. Geisteswissenschaft muß sich entwickeln aus dem Grunde, weil der Mensch zum Menschen in ein Verhältnis treten muß. Aber der Mensch ist Geist. Man kann zum Menschen nur in ein Verhältnis treten, wenn man vom Geiste ausgeht. Das frühere Verhältnis, in das die Menschen getreten sind, ging von dem unbewußten, im Blute vibrierenden Geiste aus im Sinne der Jahve-Weisheit, die aber nur zur Abstraktion führt. Das nächste, zu dem der Mensch geführt werden muß, das muß etwas sein, was im Seelischen erfaßt wird. In der Bildlichkeit, aus Atavismus heraus hatten die heidnischen Völker in alten Kulturformen die Mythen. Das jüdische Volk hatte seine Abstraktionen — nicht Mythen, sondern Abstraktionen —: das Gesetz. Das hat sich fortgesetzt. Das war das erste Heraufheben des Menschen in die Vorstellungskraft, in die Denkkraft. Aber von seiner jetzigen Anschauung, in der nur noch nachlebt «Du sollst dir kein Bild machen », muß der Mensch zurückkehren zu jener Fähigkeit der Seele, die sich wiederum, und zwar jetzt bewußt, Bilder machen kann. Denn nur in Bildern, in Imaginationen, wird in Zukunft in richtiger Weise auch das soziale Leben aufgestellt werden. In Abstraktionen konnte das soziale Leben nur völkisch geregelt werden, und das eminenteste völkische Regeln in sozialer Beziehung war das alttestamentliche. Das nächste Regeln des sozialen Lebens wird abhängen von der Fähigkeit, in bewußter Weise dieselbe Kraft auszuüben, die in der mythenbildenden Eigenschaft des Menschen unbewußt oder halbbewußt, atavistisch lag. Die Menschen würden sich ganz mit antisozialen Trieben anfüllen, wenn sie dabei stehenbleiben wollten, bloße abstrakte Gesetze zu verbreiten. Die Menschen müssen durch ihre Weltanschauung zur Bildlichkeit kommen, dann wird aus dieser bewußten Mythusbildung auch die Möglichkeit erstehen, daß im Verkehr von Mensch zu Mensch das Soziale sich ausbildet.

[ 24 ] Sie können sich ein Bild anschauen, wie die «Gruppe» es ist: der Menschheitsrepräsentant, Luzifer, Ahriman. Da haben Sie erst dasjenige vor sich, was im ganzen Menschen wirkt, denn der Mensch ist der Gleichgewichtszustand zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen. Durchdringen Sie sich im Leben mit dem Impuls, jedem Menschen so gegenüberzutreten, daß Sie diese Trinität in ihm sehen, konkret in ihm sehen, dann fangen Sie an, ihn zu verstehen. Und das ist eine wesentliche Kraft, die sich in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum entwickeln will, daß wir nicht mehr so aneinander vorbeigehen wie ein Gespenst an dem andern, so daß wir uns kein Bild voneinander machen, sondern nur aus unseren abstrakten Begriffen den andern Menschen definieren. Etwas anderes tun wir nämlich jetzt nicht, wir gehen aneinander vorbei wie Gespenster. Das eine Gespenst macht sich die Vorstellung: Das ist ein netter Kerl, — das andere: Das ist ein weniger netter Kerl, das ist ein böser Mensch, das ist ein guter Mensch — lauter solche abstrakte Begriffe. Wir haben in dem Verkehr von Mensch zu Mensch nichts anderes als ein Bündel abstrakter Begriffe. Das ist das Wesentliche, was von der Regel des Alttestamentlichen «Du sollst dir kein Bild machen» in dem Menschen entstanden ist, und was im eminentesten Sinne zum antisozialen Leben führen müßte, wenn wir es fortsetzen würden. Was aus dem Innersten des Menschen herausstrahlt, was sich verwirklichen will, ist, daß, wenn ein Mensch dem andern gegenübertritt, gewissermaßen aus dem andern Menschen ein Bild herausquillt, ein Bild jener besonderen Art des Gleichgewichtszustandes, den individuell jeder Mensch ausdrückt. Dazu gehört allerdings jenes erhöhte Interesse, welches ich Ihnen als die Grundlage des sozialen Lebens öfter geschildert habe, jenes erhöhte Interesse, das der Mensch am andern Menschen nehmen soll. Wir haben heute noch kein intensives Interesse am andern Menschen, daher kritisieren wir ihn, daher beurteilen wir ihn, daher machen wir uns Urteile nach Sympathien und Antipathien, nicht nach dem objektiven Bilde, das uns aus dem anderen Menschen entgegenspringt.

[ 25 ] Diese Fähigkeit, daß wir gewissermaßen mystisch angeregt werden, indem wir dem andern Menschen gegenübertreten, diese Fähigkeit will sich verwirklichen. Und sie wird als ein besonderer sozialer Trieb in das Leben eintreten. Auf der einen Seite strebt die Bewußtseinsseele danach, antisozial zur vollen Geltung zu kommen in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum. Auf der anderen Seite strebt etwas anderes aus dem Innern des Menschen hervor, sich Bilder zu machen von den Menschen, mit denen wir leben, die uns begegnen im Leben. Soziale Triebe, soziale Impulse — diese Dinge liegen eben viel tiefer, als man gewöhnlich meint, wenn man von Sozialem und Antisozialem spricht.

[ 26 ] Nun kann in Ihnen die Frage auftauchen: Wodurch gewinnen wir allmählich die Fähigkeit, daß uns das Bild des Menschen entgegenspringt? Wir müssen uns diese Fähigkeit im Leben aneignen. JahveFähigkeiten sind uns mit der Geburt gegeben, die entwickeln wir im Embryonalleben. Die spätere Kultur wird es dem Menschen nicht so bequem machen; er muß dasjenige, was er als Fähigkeiten darleben soll, im Laufe des Lebens auch entwickeln. In die Erziehung müssen viel konkretere, viel bestimmtere Maximen eintreten als diejenigen, die heute so verworren in der Pädagogik geltend gemacht werden. Vor allen Dingen muß der Trieb in den Menschen eingepflanzt werden, öfter in seinem Leben zurückzuschauen, aber in der rechten Weise. Was der Mensch als Erinnerungen früherer Erlebnisse oftmals entwickelt, hat ja heute meistens noch einen sehr selbstischen Charakter. Sieht man mehr selbstlos zurück auf das, was man in Kindheit, Jugendzeit und so weiter erlebt hat, je nach dem Alter, das man erreicht hat, dann tauchen wie aus grauer Geistestiefe verschiedene Menschen auf, die nach den verschiedensten Verhältnissen hin an unserem Leben Anteil gehabt haben. Schauen Sie zurück, meine lieben Freunde, in den Verlauf Ihres Lebens, weniger in sich selbst verschlossen und auf das hin, was Sie gerade an Ihrer eigenen werten Person interessiert, sondern vielmehr nach denjenigen Gestalten, die an Sie herangetreten sind, Sie erziehend, sich mit Ihnen befreundend, Sie fördernd, Ihnen vielleicht auch schadend, manchmal in sehr nützlicher Weise schadend. An dem, was da aus grauer Geistestiefe aufsteigt, was zu uns herankommt, wird Ihnen eines aufgehen: wie wenig der Mensch im Grunde genommen Veranlassung dazu hat, sich selber zuzuschreiben, was er geworden ist. Oftmals hängt etwas Wichtiges, das in uns ist, damit zusammen, daß uns in einem gewissen Zeitalter der oder jener Mensch begegnet ist und vielleicht ohne sein eigenes Wissen — oder auch sehr mit seinem eigenen Wissen — uns auf dieses oder jenes aufmerksam gemacht hat. In umfassendem Sinne setzt sich eine wirklich selbstlos getriebene Rückschau auf das Leben aus allem möglichen zusammen, was uns nicht veranlaßt, uns selbstisch in uns selbst zu vertiefen, über uns selber selbstisch zu brüten, sondern den Blick über diejenigen Gestalten auszudehnen, die an uns herangetreten sind. Vertiefen wir uns recht liebevoll in das, was an uns herangetreten ist. Wir werden oftmals sehen, daß dasjenige, was uns antipathisch in einem bestimmten Zeitraume berührt hat, wenn nur genügend Zeit hinterher vergangen ist, uns nicht mehr so antipathisch berührt, weil wir einen inneren Zusammenhang sehen. Daß wir auch einmal von diesem oder jenem Menschen antipathisch berührt werden mußten, konnte uns vielleicht ganz nützlich sein. Wir gewinnen manchmal mehr von dem, was uns ein Mensch antut, als von dem, worinnen uns ein Mensch fördert. Es würde dem Menschen viel nützen, wenn er solche selbstlose Rückschau auf das Leben öfter hielte, wenn er das Leben durchtränken würde von der aus dieser Selbstschau quellenden Überzeugung: Wie wenig habe ich eigentlich Veranlassung, mich mit mir selbst zu beschäftigen! Wie unendlich reicher wird mein Leben, wenn ich den Blick hinschweifen lasse über diese und jene Gestalten, die in dieses mein Leben eingetreten sind. — Dann lösen wir uns gewissermaßen von uns selber los, wenn wir solche selbstlose Rückschau halten. Dann kommen wir von dem furchtbaren Übel unserer Zeit, das so viele Menschen befällt, von dem Brüten über uns selbst hinweg. Und das ist so unendlich notwendig, daß wir von dem Brüten über uns selber loskommen. Wer nur einmal ergriffen ist von solcher Selbstschau, wie ich sie jetzt geschildert habe, der wird sich selber viel zu uninteressant, als daß er über sein eigenes Leben allzuviel brüten möchte. Unendliches Licht breitet sich über dieses unser Leben aus, wenn wir es bestrahlt sehen von demjenigen, was aus grauer Geistestiefe in dieses Leben eintritt.

[ 27 ] Das aber befruchtet uns so, daß wir wirklich die imaginativen Kräfte erhalten, dann auch dem gegenwärtigen Menschen so gegenüberzutreten, daß uns in ihm dasjenige erscheinen kann, was uns sonst erst nach Jahren in der Rückschau von den Gestalten erscheint, mit denen wir zusammmengelebt haben. Wir erwerben uns dadurch die Fähigkeit, daß uns wirklich Bilder aus dem Menschen entgegentreten, dem wir begegnen.

[ 28 ] Nicht so sehr hängt die Pflege des sozialen Lebens, die früher eigentlich nur aus den Blutsbanden hervorging, mit irgendwelchen sozialistischen Programmen zusammen, sondern damit hängt sie zusammen, daß der Mensch ein spirituell-soziales Wesen wird. Das wird er aber dadurch, daß er die tieferen Kräfte auf die geschilderte Weise in sich erweckt, welche in ihm das bildhafte Vorstellen des andern Menschen anregen. Sonst werden wir immer antisoziale Wesen bleiben, welche sich nur nach Sympathien und Antipathien dem Menschen, mit dem sie zusammen leben sollen, nähern können, und sich ihm nicht nähern können nach dem Bilde, das aus jedem hervorquillen kann, wenn wir nur selbst die Bilderkräfte im Verkehr mit den Menschen entwickeln. Gerade im sozialen Menschenleben muß die Maxime auftreten: Du sollst dir ein Bild von deinem Mitmenschen machen. Dann aber, wenn wir uns ein Bild von unserm Mitmenschen machen, dann bereichern wir unser Seelenleben; dann übergeben wir mit jeder menschlichen Bekanntschaft unserem inneren Seelenleben einen Schatz. Dann leben wir nicht mehr, der A da, der B da, der C da, sondern dann leben der A, Bund C in demD, der A,B, Din demC, der C, D, E in dem A, und so weiter. Wir gewinnen die Möglichkeit, daß in uns die anderen Menschen leben. Aber das muß erworben werden; das ist etwas, was uns nicht angeboten wird. Und würden wir fortfahren, nur diejenigen Eigenschaften zu pflegen, die uns angeboren sind, so würden wir nur bei einer Blutskultur bleiben, nicht bei einer Kultur, die im wahren Sinne des Wortes von der menschlichen Brüderlichkeit sprechen kann. Denn von der menschlichen Brüderlichkeit, die zunächst nur wie ein abstraktes Wort aufgetreten ist, können wir nur dann sprechen, wenn wir den andern Menschen in uns tragen wie uns selber. Wenn wir uns ein Bild von dem andern machen, das als Schatz unserer Seele eingepflanzt wird, dann tragen wir auf seelischem Gebiete etwas von ihm herum, wie wir von dem leiblichen Bruder etwas herumtragen durch das Blut. An die Stelle der bloßen Blutsverwandtschaft muß auf diese konkrete Weise die Wahlverwandtschaft treten als die Grundlage des sozialen Lebens. Das ist etwas, was sich wirklich entwickeln muß. Von dem menschlichen Willen muß es abhängen, wie die Brüderlichkeit unter den Menschen erwacht. Deshalb aber, weil so die Brüderlichkeit erwachen wird, muß eine Kompensation da sein auf ganz anderem Gebiete, und zwar durch die Gedankenfreiheit.

[ 29 ] Die Menschen waren bisher getrennt. Sie sollen in Brüderlichkeit sich sozialisieren. Damit die Mannigfaltigkeit nicht verlorengeht, muß gerade das, was innerstes Element ist, der Gedanke, in jedem individuell sich gestalten können. Mit Jahve stand das ganze Volk in Beziehung. Mit Christus muß jeder einzelne in Beziehung stehen.