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Die soziale Grundforderung unserer Zeit
In geänderter Zeitlage
GA 186

8 Dezember 1918, Dornach

Sechster Vortrag

[ 1 ] Ich habe Sie in den beiden letzten Vorträgen darauf aufmerksam gemacht, daß die sogenannte soziale Frage nicht ein so Einfaches ist, wie es gewöhnlich vorgestellt wird, sondern daß man gar sehr zu rechnen hat mit der komplizierten Menschennatur, daß man zu rechnen hat damit — gleichgültig welche soziale Struktur da ist, welche sozialen Ideale verwirklicht werden —, daß im Menschen vorhanden sind und zum Ausdruck kommen müssen sowohl soziale wie antisoziale Impulse. Die antisozialen Impulse spielen, wie wir gesehen haben, gerade in unserm Zeitalter der Bewußtseinsseele eine ganz besondere Rolle. Sie haben gewissermaßen in der Entwickelung der Menschheit eine erzieherische Aufgabe bei dem Auf-sich-selbst-Stellen des Menschen. Sie werden überwunden werden dadurch, daß auf unser Zeitalter der Bewußtseinsseele das andere Zeitalter, das sich schon vorbereitet, das Zeitalter des Geistselbstes folgt, das im wesentlichen die Menschheit sozial zusammenfassen wird. Allerdings wird das nicht so geschehen, wie Illusionäre heute träumen, sondern in der Weise, daß der eine den andern als Menschen wirklich kennt, für ihn als Menschen Interesse hat — kurz, den Menschen ins Auge faßt, so daß jeder einzelne Mensch in die Lage kommt, den anderen Menschen als solchen interessevoll aufzufassen.

[ 2 ] Nun ist dasjenige, was heute als soziale Forderung auftritt, gewissermaßen eine Art Vortrab oder Vortrupp, eine Art Vorbereitung, die natürlich, weil sie für Späteres bloß die Keimanlage ist, chaotisch zum Ausdruck kommt und in vielen Illusionen und Irrtümern sich auslebt, in welche sich die heutige Menschheit dadurch bringt, daß die sozialen Impulse noch zum großen Teil aus Un- und Unterbewußtem heraufkommen und ungeklärt durch eine geistige Welt- und Menschheitserkenntnis sind. Diese illusionäre Art kommt besonders stark zum Ausdruck in der Entwickelung der sogenannten russischen Revolution, welche ja dadurch ganz besonders charakteristisch ist, daß sie so, wie sie heute auftritt, im Grunde genommen zu dem, was sich als Volkstum in Rußland vorbereitet für den kommenden sechsten nachatlantischen Zeitraum, in gar keiner richtigen Beziehung steht, daß sie hineingetragen ist aus Abstraktionen heraus. Gerade die mehr oder weniger illusionistischen Ideale der gegenwärtigen russischen Revolution sind bedeutsam für das Studium dieses Rumorens von etwas Späterem in diesem Früheren darinnen. Man möchte sagen, daß der besonders charakteristische Kopf für diese russische Revolution, Trotzki, der der Typus eines abstrakt denkenden, ganz in der Abstraktion lebenden Menschen ist, daß Trotzki eigentlich keine Ahnung davon zu haben scheint, daß es in so etwas wie dem sozialen Leben der Menschen eine Wirklichkeit gibt. Es soll etwas, was ganz wirklichkeitsfremd gedacht ist, der Wirklichkeit eingeimpft werden.

[ 3 ] Das ist nicht eine Kritik, sondern eine bloße Charakteristik. Denn es ist eben charakteristisch für unsere Zeit, daß die Neigung zur Abstraktion, zu wirklichkeitsfremdem Denken auch solche Maximen der Wirklichkeit einverleiben will, die ohne Erkenntnis der Gesetze dieser Wirklichkeit einfach angenommen werden; die man für absolut richtig hält, ohne daß man irgendwie Rücksicht nimmt auf das komplizierte Leben, wie wir es studieren mit Hilfe des der äußeren physischen Wirklichkeit zugrunde liegenden Geistigen. Alles, was entstehen muß, muß aber aus dieser Wirklichkeit heraus entstehen. Weil hier etwas so im eminentesten Sinne Wirklichkeitsfremdes in Szene gesetzt wird, in dem aber allerlei Impulse und Instinkte der proletarischen Denkungsweise rumoren, deshalb ist gerade dasjenige, was als Ideen, die sich verwirklichen wollen, in diesen russischen revolutionären Köpfen der Gegenwart lebt, gerade von diesem Gesichtspunkte aus so bedeutsam. Man kann ja sehen, wie in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum gerade in Rußland Menschen mit den verschiedensten Lebensauffassungen an der Gestaltung der revolutionären Bewegung teilgenommen haben. So wie sich die Dinge in Rußland zugespitzt haben, wurde die eigentliche soziale Frage der Gegenwart unter dem Einfluß der kriegerischen Katastrophe aktuell. Und aus diesem Aktuellen der Besitzesfrage entwickelte sich dann im März 1917 die sogenannte Februarrevolution in Rußland, die eigentlich im wesentlichen zunächst darauf ausging, die hinter dem Besitz stehenden staatlichen Mächte zu stürzen. Bald aber wurde diese rein politische, äußerlich politische Form der Revolution abgelöst, ich möchte sagen, von der ersten Etappe des revolutionären Denkens durch diejenigen Menschen, die in der Trotzki-Terminologie etwa als die Verständigungsmenschen aufgefaßt werden, das heißt diejenigen Menschen, die durch allerlei Erwägungen, durch allerlei gescheite Begriffe, Ideen und Vorstellungen und auch in Begriffe umgesetzte gescheite Empfindungen eine soziale Struktur herbeiführen wollten. Diese Revolutionäre umfaßten vor allen Dingen diejenigen Menschen, die sich auch früher schon mehr oder weniger an der Gestaltung der sozialen Struktur beteiligt hatten, die intelligenten, die kommerziellen, die industriellen Kreise, die alle mehr oder weniger davon ausgingen, aus der Vernunft heraus irgendeine soziale Gestaltung herbeizuführen.

[ 4 ] Aber mit einem gewissen Rechte, wenn auch nur mit einem relativen und einseitigen Rechte, faßt Trotzki diese Menschen, die auf solche Weise durch allerlei Erwägungen, durch gute Meinungen, dutch guten Willen eine soziale Struktur herbeiführen wollen, als die bloßen Verschlepper der Revolution auf, als Menschen, die ja doch nichts vermögen, die ja doch nichts tun können. Und aus meinen Betrachtungen, die ich vor Ihnen hier angestellt habe, werden Sie ja wissen, daß die proletarische Weltanschauung vor allen Dingen dahin geht, daß man solche Erwägungen ablehnt, wenn sie auch noch so gescheit sind, wenn sie auch noch so sehr auf der Grundlage derjenigen Menschen fußen, die Trotzki Maulbaumler oder Zungenbaumler nennt, weil sie gescheit reden können. Diese vernünftigen Dinge werden von der proletarischen Weltanschauung abgelehnt, und zwar aus einem gewissen Instinkt heraus, der aber allmählich im Marxismus zu einer bestimmten Theorie geworden ist. An diese Dinge wird einfach nicht geglaubt, es wird nicht geglaubt, daß man durch irgendwelche vernünftige Erwägungen, und seien sie noch so sehr aus gutem Herzen hervorgehend, irgendeine entsprechende soziale Struktur in der Zukunft herbeiführen kann. Vom Proletariat wird einzig und allein geglaubt, daß in den Köpfen der Proletarier selber, in den Köpfen der besitzlosen Menge, aus den wirtschaftlichen Verhältnissen, in denen diese Proletarier stehen, jene Ideen geboren werden, und daß sie nimmermehr in der Bourgeoisie oder in einer anderen Klasse geboren werden können, weil die Bourgeoisie aus ihren Ideen heraus eben anders denken muß. Nur innerhalb der Arbeiterklasse können die Ideen entspringen, die einzig und allein zu einer künftigen sozialen Gestaltung dringen können.

[ 5 ] Wenn man dies bedenkt, dann muß für solch einen Kopf, wie zum Beispiel Trotzki, notwendig die Konsequenz folgen, daß nichts anderes zu tun ist, als die besitzende Bourgeoisie ihres Besitzes zu entkleiden und die besitzlose Klasse in die Herrschaft einzuführen. Das ist auch etwas, was sich durch Jahrzehnte in solchen Köpfen vorbereitet hat und was sie, nachdem in Rußland die große Krise gekommen ist, nach Rußland hineintragen wollen. Das sollte hineingetragen werden durch die sogenannte Oktoberrevolution, nachdem die anderen — meinetwillen nennen wir sie Parteien — durch die Herrschaftsergreifung des Proletariats selbst beseitigt worden sind. Von diesem Gesichtspunkte aus, der natürlich ein rein abstrakter ist und nur insofern konkret ist, als er auf eine bestimmte Menschenklasse, die ja Wirklichkeit ist, die ganze Sache abstimmt und abstellt, von diesem Gesichtspunkte aus ist denn nun auch von den führenden Persönlichkeiten der russischen Revolution seit dem Oktober 1917 die Revolution geleitet worden.

[ 6 ] Nun ergeben sich für ein solches revolutionäres Denken gewisse Schwierigkeiten. Diese Schwierigkeiten ergeben sich in Rußland, welches ja, wie Sie aus unseren geisteswissenschaftlichen Betrachtungen ersehen, ganz besondere Vorbedingungen hat, auch mit besonderer Stärke. Diese Schwierigkeiten liegen in der Klassengestaltung über die ganze Welt hin begründet, sie traten nur durch die russischen Verhältnisse besonders stark hervor. Die erste große Schwierigkeit ist ja, daß nunmehr die ganze soziale, politische Führerschaft der Menschheit eine Klasse in die Hand nehmen soll, die vorher von allem ausgeschlossen war, die vorher in keinem Zusammenhange stand mit dem, was die sogenannte Kultur begründet hat. Der Proletarier, der tatsächlich ans Ruder kommt, ist vor allen Dingen ausgeschlossen gewesen von all denjenigen Impulsen, die die früheren Machtfaktoren begründet haben. Er hatte sozusagen nichts bisher zu Markte zu tragen als seine eigene Arbeitskraft, seine physische Handarbeitskraft. Das ist über alle Länder ausgebreitet. Daher wird sich auch in allen Ländern, insofern die Revolution ihr Haupt erhebt, das geltend machen, daß zunächst als bloße politische Gruppe das Proletariat die Führung übernimmt, daß aber in einer gewissen Beziehung alles beim alten bleibt, das heißt, daß diejenigen Menschen, die bisher die Verwaltung geleitet haben, auf ihrem Posten bleiben, den sie gelernt haben, denn sie sind diejenigen, die technisch gebildet sind. Es ändert sich also nichts weiter, als daß in den ganzen Apparat, der althergebracht ist, eingreifen Laien, möchte man sagen, daß ein Laienkollegium eingreifen soll. Aber es handelt sich darum, daß dieses Laienkollegium einen ganz bestimmten Typus trägt, nämlich den proletarischen Typus, daß es aus Proletariern besteht. Da es aus Proletariern bestehen soll, will es sich auch sicher wissen in der Durchführung der Maxime: Nur aus dem Proletarierkopf kann dasjenige kommen, was die Führerschaft in der Zukunft hat; ein anderer darf nicht teilnehmen. — Man kann also auch diese Führerschaft in der Zukunft nicht etwa einer Nationalversammlung oder einer Konstituante aussetzen, denn eine solche Konstituante würde doch nichts anderes sein als gewissermaßen eine Fortsetzung dessen, was früher da war. Was aber kommen soll, soll ein radikaler Umschwung sein. Man braucht ja nicht erst zu wählen. Diejenigen, die führen sollen, sind einfach dadurch da, daß sie zum Proletariat gehören: nicht irgendeine Nationalversammlung, nicht irgendeine konstituierende Versammlung, sondern die Diktatur des Proletariats. — Das ergab aber zunächst die Schwierigkeit, daß das Proletariat eben, wie ich sagte, als laienhaft bezeichnet werden muß, daß es eigentlich von seinem Laienstandpunkte aus nur die Kontrolle über diejenigen ausüben könnte, welche aus dem Früheren heraus die Verwaltung leiteten, also eigentlich doch an den Interessen des Früheren hingen. So sahen sich gerade in Rußland diejenigen, die jetzt als Proletariat obenauf kamen, die früher gar nichts zu tun hatten mit all dem, was in den Staatsorganismus eingriff, gegenübergestellt dem, was aus diesem früheren Staatsorganismus geblieben war. Sie mußten, wie es ja auch der Wirklichkeit zumeist entsprach, die Sache so ansehen, daß all die Leute, die herüberkamen aus dem früheren Staatsorganismus, aus den Gedanken heraus handelten, die von diesem kamen. Die trugen also die Interessen des alten Bourgeoisstaates in den Staat herüber, der nur der Diktatur des Proletariats unterworfen werden sollte. Sie machten dasselbe, wie wenn ein Feind seine Angelegenheiten nicht offen, in einem Krieg oder in einer Gegenrevolution macht, sondern wenn er in Feindesland alles das hineinträgt, was aus seinem Lande zerstörend wirken soll auf das andere. So empfanden die in Rußland ans Ruder kommenden Proletarier die Tätigkeit des alten Reichskörpers als Sabotage. Und ihre erste Anstrengung war, die Sabotage zu überwinden, die darin bestand, daß ihnen in das, was sie als neues Regiment gründen wollten, hineingetragen wurde, was eigentlich nur die Stützen des Alten sein konnten. Es ist ganz derselbe Prozeß, wie wenn man beispielsweise, ohne offen irgendeine Feindseligkeit zu beginnen, als Angehöriger irgendeines Landes Giftstoffe hineinträgt in ein fremdes Land und ihm die Äcker, den Boden vergiftet, so daß auf ihm nichts wächst. Als Sabotage empfanden also zunächst die Proletarier dasjenige, was von diesem alten Beamtenkörper kam. Darauf richteten sich zunächst ihre intensivsten Maßregeln, diese Sabotage zu überwinden. Da haben sie sich auch gar nicht zurückhaltend benommen; sie haben einfach alles, was ihnen abträglich war, versucht, mit Stumpf und Stiel auszurotten. Und eigentlich ist zum Beispiel ein solcher Mann wie Trotzki davon überzeugt, daß die Sabotage bis zu einem gewissen Grade heut schon überwunden ist. Es wurden diejenigen, die irgend etwas taten, was dem proletarischen Denken nicht entsprach, davongejagt und dergleichen mehr.

[ 7 ] Aber nun ist ja damit die Schwierigkeit nicht behoben — das sieht ja Trotzki auch ganz gut ein —, daß man bloß die sogenannte Sabotage bekämpft. Er sieht ein, daß man den ganzen alten Verwaltungskörper haben muß — aber ihn zum Diener machen muß desjenigen, was der Führerschaft des Proletariats unterliegt. Darin sieht zum Beispiel Trotzki die erste große Schwierigkeit. Das ist etwas, von dem er glaubt, es mit seinen abstrakten Mitteln überwinden zu können, was er aber damit nicht überwinden wird. Da beginnt das IJusionäre, weil eben Trotzki ein wirklichkeitsfremder Geist ist. Dieses Illusionäre ist in der Abstraktion begründet, daß man einfach die gesamten, sagen wir technischen Beamten, intellektuellen, kommerziellen Leute zu Dienern eines Kollegiums aus Proletariern machen kann, welches diktiert. Es ist der Unglaube an die Konfiguration des seelisch-geistigen Lebens, welcher aus dieser Illusion spricht. Wenn man bei den alten Ideen bleibt, wenn man nicht das als richtig ansieht, was ich hier oft hervorgehoben habe, daß die soziale Umwandlung aus neuen Gedanken hervorgehen muß — wenn man einfach die alten Techniker, die alten Beamten, die alten Generäle wieder anstellt, wenn man eben einfach das Alte übernimmt, ohne dem Neuen vor allen Dingen durch Erziehung entgegenzugehen, so wird es genau so nach einiger Zeit sich erheben, wie es war. Das heißt, man wird es nicht überwinden, sondern man wird es einfach fortsetzen. Man kann durch Gewaltmaßregeln die Sabotage eine Zeitlang überwinden, aber sie wird immer wieder und wieder ihr Haupt erheben; denn gerade, wenn es richtig ist, daß der Mensch abhängig ist von der Situation, in der er drinnen ist — und abhängig ist er seit drei bis vier Jahrhunderten, das ist für die neuere Geschichte richtig —, dann muß er, wenn man ihn nicht unabhängig macht von den Verhältnissen durch wirksame Gedanken, die aber nur aus dem Geistesleben heraus kommen können, immer wiederum, wie die Katze auf die Pfoten, in die alten Denkweisen und damit in die alten Handlungsweisen zurückfallen.

[ 8 ] Hier liegt einer der Punkte, wo sich dieses Denken als illusionär, als ganz wirklichkeitsfremd entpuppt. Ich könnte viele solche Punkte anführen; aber ich will Ihnen ja nur die besondere Konfiguration dieses Denkens vor Augen führen. Ich will Ihnen zeigen an einzelnen Beispielen, wie sich dieses Denken als wirklichkeitsfremd erweist. Man kann sich eben nicht einfach ausdenken: das oder jenes soll geschehen, sondern man muß mit den in der Wirklichkeit vorhandenen gesetzmäßigen Impulsen rechnen. Lebt man nicht mit ihnen, so verfällt man eben notwendig Illusionen. Und eine der bedeutsamsten Illusionen bei Trotzki ist zum Beispiel diese: Trotzki weiß, daß durch die ganz besonders starke Unterdrückung, welche die breiten Massen auch des Bauernptoletariats — man kann es schon so nennen — gerade in Rußland erfahren haben, daß da sich die Verhältnisse außerordentlich zuspitzen mußten. Das weiß er, daß die Form, welche die Revolution unter diesen besonderen Verhältnissen annimmt, nicht zum Siege führen kann. Er ist wirklichkeitsfremd, aber nicht so wirklichkeitsfremd, daß er nicht vernünftigerweise einsehen würde, daß man auf einem auch noch so großen Gebiete, das aber im Verhältnis zu der gesamten Erde doch ein kleines Gebiet ist, einseitig nicht eine neue soziale Struktur unter den heutigen Verhältnissen herbeiführen kann. Daher rechnete Trotzki auf die Revolutionisierung durch das Proletariat über die ganze zivilisierte Welt hin und gab sich nicht dieser Illusion hin, daß die russische Revolution für sich allein siegen könnte. Er wußte, daß sie abhängt von dem Siege der proletarischen Revolution über die ganze Welt hin.

[ 9 ] Nun, in diese Gedanken hinein lebte sich eben der ganze abstrakte Charakter des Trotzkischen Vorstellens hinein. Trotzki glaubte an die proletarische Revolution der ganzen Welt, er glaubte daran, daß nach und nach der Krieg einen solchen Charakter annehmen werde, daß über die ganze Welt eine Art proletarischer Revolution kommen würde, daß der Krieg sich umwandeln würde in die proletarische Revolution.

[ 10 ] Nun, diese kriegerische Katastrophe wird sich noch in allerlei verwandeln. Aber jetzt schon hat die Wirklichkeit hinlänglich gezeigt, daß dieser Trotzkische Gedanke eben wirklichkeitsfremd ist. Er wäre nur dann real, wenn diese kriegerische Katastrophe mit der allgemeinen Erschöpfung geendet hätte, wenn nicht ein so eklatanter, sogenannter Sieg — er ist ja auf sonderbare Weise zustande gekommen von der einen Seite erreicht worden wäre, ein Sieg, der einfach diese Hoffnung aus der Welt schafft, daß eine Erschöpfung gleichmäßig über die zivilisierte Welt eintreten würde. Das, was eintritt, ist eine entschiedene Hegemonie der Westmächte bei einer vollständigen Abhängigkeit der Mittel- und Ostmächte. Eine vollständige Beherrschung der Mittel- und Ostmächte durch die Westmächte, das ist es, was zunächst sich als treibende Kraft herausgestellt hat, was ja auch nicht anders werden konnte. Für denjenigen, der die Wirklichkeit auf diesem Gebiet durchschaut, war das klar. Aber Trotzki ist eben ein wirklichkeitsfremder Geist, sonst müßte er sich heute sagen: Die Ereignisse haben mich widerlegt. — Er hat ein Wort gesprochen, das nicht unbegründet ist, wenn man bloß abstrakt denkt, das sehr geistreich ist. Er hat gesagt: Die bourgeoise Lebensauffassung der Gegenwart habe keine andere Wahl als die zwischen Dauerkrieg und Revolution. Die Sache ist anders geworden. Es ist ein sogenannter Sieg der Westmächte eingetreten, weder Dauerkrieg noch Revolution. Und in dem, was sich im Westen vorbereitet, liegt auch keine Keimanlage zu irgendeiner proletarischen Revolution, sondern es liegt darin eben die Ausgestaltung des ganzen Westens zu einem staatlich organisierten Großbourgeoistum, das dem Proletariertum von Mittel- und Osteuropa entgegensteht.

[ 11 ] Dies ist das welthistorische Ergebnis, möchte man sagen, das ja sich auch wieder verwandeln wird, aber das zunächst da ist. Das ist die Wirklichkeit. So daß also Trotzki sich einfach heute eines ganzanderen besinnen müßte, wenn er auf die Wirklichkeit schauen würde. Er müßte sich sagen: Wie soll denn unter dieser Gestaltung das, was ich mit der russischen Revolution wollte, siegen, da eine der wichtigsten Voraussetzungen, die Weltrevolution des Proletariats, nicht eintreten wird? — Wenn er heute noch auf diese Weltrevolution rechnet, so ist eben dieses ein Beweis seiner Wirklichkeitsfremdheit.

[ 12 ] Noch in einem andern Punkt zeigt sich in einer merkwürdigen Weise die wirklichkeitsfremde Denkweise eines solchen Revolutionärs. Selbstverständlich haben auch solche Revolutionäre immer darauf hingewiesen, daß der Übel größtes der sogenannte preußisch-deutsche Militarismus ist, daß der überwunden, daß der aus der Welt geschafft werden muß. Nun, die Entwickelung ist ja dahin gegangen, daß der preußisch-deutsche Militarismus aus der Welt geschafft ist; aber der Entente-Militarismus wird in der nächsten Zeit eine ganz beträchtliche Herrschaftswirkung ausüben! Aber davon will ich gar nicht sprechen, sondern davon, daß Trotzki selbst Veranlassung hatte, zu erörtern: Welches ist denn eine der allerwichtigsten nächsten Aufgaben der russischen Revolution, wenn sie sich halten will? — Seine Antwort darauf ist: Die Schaffung einer Armee! Das ist gerade dasjenige, was Trotzki als die nächste, wichtigste Aufgabe bezeichnet!

[ 13 ] Diese Dinge, die sollten sehr wohl beachtet, die sollten sehr wohl durchschaut werden. Denn nur, wenn man diese Dinge wirklich beachtet und durchschaut, dann kommt man darauf, sich zu sagen: Ich muß ja nun doch ein wenig tiefer in die Menschheitsimpulse hineinschauen, wenn ich mir Vorstellungen darüber bilden will, was aus dem Chaos, das die kriegerische Katastrophe nach und nach entwickelt hat, werden soll. Es ist heute allerdings die Menschheit noch recht abgeneigt, auf solche Impulse einzugehen, wie ich sie hier als die wahren, als die einzig möglichen sozialen Impulse von den verschiedensten Gesichtspunkten aus entwickelt habe. Aber die Menschheit würde darauf eingehen können, wenn sie sich eben entschließen würde, die wirklichen Kräfte, die in der Menschheitsentwickelung walten, einmal näher ins Auge zu fassen.

[ 14 ] Ein Wort ist ungeheuer charakteristisch, welches in russischen revolutionären Köpfen immer wiederum auftritt. Was wollen denn eigentlich diese Diktaturproletarier im großen und ganzen? Sie wollen die Welt zu einer großen Fabrik machen, zu einer Fabrik, durchsetzt von einer Art von Bankbuchhaltungssystem, das sich über die ganze Gruppe, die man umfassen kann, ausdehnt. — Die alten Techniker, die alten Beamten, selbst die alten Generäle, die wollen wir uns schon herrichten für unsere proletarische Diktatur! Aber die Buchhaltung müssen wir in Händen haben, die Buchung für die Gesamtwirtschaft, das heißt das Fabrikkontor! — Das ist auch gar nicht zu verwundern, denn die ganze Bewegung ist hervorgegangen aus der modernen Industrie. Würde man nur das bedenken, daß sie aus dem Proletariat der modernen Industrie hervorgegangen ist, so würde man sich auch nicht wundern, daß die Denkungsweise dieses Proletariats, die sich an dem herangebildet hat, was es in den Fabriken gesehen hat, angewendet werden soll auf alles das, was man nun in die Hand bekommen kann. Es ist natürlich die Folge und Konsequenz davon, daß die Bourgeoisie nicht darauf achtgegeben hat, daß sich dieses Proletariertum in so ungeheurer Ausdehnung in der neueren Zeit heraufentwickelte. Und wenn es auch eine Notwendigkeit war, daß die Bourgeoisie sozusagen die Augen zugedrückt hat und ruhig alles heraufkommen ließ, so ist es doch nicht eine Notwendigkeit, daß nun auch die noch wichtigeren Verhältnisse, die in der Welt liegenden Motivkräfte, unberücksichtigt bleiben; denn ohne die Berücksichtigung dieser Motivkräfte gibt es keine Möglichkeit, sich mit den sozialen Aufgaben bekannt zu machen. Da muß man wissen, wie differenziert die Menschheit über die ganze Erde hin ist — ich sagte es schon gestern oder vorgestern. Da muß man wissen, daß im Westen eine andere Menschheit lebt als im Osten und in der Mitte, und daß man nicht mit abstrakten Ideen, ohne Rücksicht auf die Wirklichkeiten zu nehmen, irgendwelche soziale Gestaltung hervorrufen kann. An ihrer Wirklichkeitsfremdheit wird die russische Revolution als an ihrer großen Illusion Schiffbruch leiden müssen.

[ 15 ] Solche Illusionen können ja die Menschen, die aus Erziehung auch sozial freie Wesen sind — das heißt frei, insofern der, der die Macht hat, eben das ausüben kann, was in der Macht liegt —, für eine Zeit in die Wirklichkeit umsetzen. Aber die Wirklichkeit scheidet sie aus, weil sie das nicht brauchen kann. Die Wirklichkeit nimmt nur das an, was im Sinne des Verlaufes dieser Wirklichkeit liegt. Wir dürfen nicht vergessen, daß das Wichtigste ist, daß wir eben in dem Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung leben, und daß diese Bewußtseinsseelenentwickelung über die ganze Erde hin in einer scharf differenzierten Form auftritt.

[ 16 ] Betrachten wir nun einmal nach den wichtigsten, sagen wir durch die Sprache zum Ausdruck kommenden europäischen Differenzierungen, die verschiedenen Impulse, die der zivilisierten Welt zugrunde liegen. Ich habe Ihnen ja öfter ausgeführt, wie in der englisch sprechenden Bevölkerung die eigentliche Keimanlage zur Ausbildung der Bewußtseinsseele liegt. Das ist wichtig, daß man das ins Auge faßt. Damit hängt ja alles das zusammen, was, wenn man so sagen darf, aus der Welt unter dem Einflusse der englisch sprechenden Bevölkerung wird. Mit all den Impulsen, die gerade zur Herbeiführung der Bewußtseinsseele führen, ist das Volkstum — ich rede niemals vom einzelnen Menschen, sondern vom Volkstum — der englisch sprechenden Bevölkerung ausgestattet. Das ist nun so, daß dort in ganz anderer Weise als bei der anderen Menschheit diese Hinneigung zur Bewußtseinsseele instinktiv auftritt. Es lebt nirgends in der Welt dieser, ich möchte sagen, vergeistigte Instinkt, die Bewußtseinsseele auszubilden, so, wie im englischen Volkstum. Da ist es Instinkt. Und nirgends sonst ist die Sache Instinkt, selbst nicht in dem der englisch sprechenden Bevölkerung eingegliederten Romanentum. Das Romanentum ist eigentlich Nachkömmling desjenigen, was wirklich gelebt hat in der vierten nachatlantischen Zeit. Damals hatte dieses Romanentum die Instinkte für das, was in der vierten nachatlantischen Zeit besonders entwickelt worden ist. Jetzt sind seine Instinkte nicht mehr in derselben Weise elementar, sondern sie sind rationalisiert, intellektualisiert; sie treten auf als Rhetorik, durch den Intellekt, durch das Seelische, als dekorative Form. Sie sind herausgehoben aus dem Instinktiven. Dasjenige, was als, ich möchte sagen Volkstemperament im Romanentum auftritt, ist durchaus verschieden von dem, was als Volkstemperament beim englischen Volkstum auftritt. Beim englischen Volkstum ist dieses Hintendieren zur Bewußtseinsseele, dieses Streben des einzelnen Menschen, sich auf die eigenen Füße zu stellen, Instinkt.

[ 17 ] Das also, was die Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitraums ist, das ist als Instinkt, als aus der ganzen Seele instinktiv kommender Impuls gerade in diesem Volkstum verankert. Sehen Sie, damit hängt zusammen die ganze Stellung dieses Volkstums in der Welt. Damit hängt zusammen, daf3 dieser Impuls innerhalb der sozialen Struktur der englisch sprechenden Bevölkerung das Maßgebende, das Ausschlaggebende ist, daß er die anderen Tendenzen unterdrücken kann. Die anderen Tendenzen sind, wie Sie aus meinen Ausführungen ersehen können, schon nach der Gliederung, die ich der sozialen Frage gegeben habe: der ökonomische Impuls und der Impuls der geistigen Produktion. Aber studieren Sie nur einmal psychologisch das Volkstum der englisch sprechenden Bevölkerung: Die beiden andern, der ökonomische Impuls und der geistig produktive Impuls, die stehen ganz im Schatten desjenigen, was aus dem instinktiven Impuls kommt, der zur Ausbildung der Bewußtseinsseele hintendiert.

[ 18 ] Dadurch bekommen die Zweige, welche das soziale Leben der Zukunft gestalten müssen, gerade innerhalb des englisch sprechenden Volkstums ihre ganz besondere Färbung. Die drei Gebiete müssen sich in der Zukunft ganz besonders wirksam erweisen, müssen tonangebend sein: Erstens die Politik, die die Sicherheit versorgt. Zweitens die Organisation der Arbeit, der rein materiellen Arbeit, also die ökonomische Ordnung, das Wirtschaftssystem. Das ist das zweite. Das dritte ist das System der geistigen Produktion, zu dem ich, wie ich Ihnen damals gesagt habe, auch die Jurisprudenz, die Gerichtsbarkeit rechne. Diese drei Gliederungen der sozialen Struktur, die werden selbstverständlich in den Schatten gestellt von dem, was als Hauptimpuls bei irgendeiner Volksdifferenzierung vorhanden ist. Dadurch, daß bei dem britisch sprechenden Volkstum instinktiv die Entwickelung zur Bewußtseinsseele wirkt, das Sich-Stellen auf die eigenen Beine, dadurch nimmt bei ihm, wie ja die Geschichte so sattsam lehrt, gerade die Politik den hervorragendsten Platz ein. Diese Politik ist ganz beherrscht von dem instinktiven Trieb, den Menschen auf die eigenen Beine zu stellen, die Bewußtseinsseele voll auszubilden. Dieser Trieb, weil er instinktiv ist, und Instinkte immer in der Selbstsucht wurzeln — das ist eine bloße Charakteristik, keine Kritik —, treibt dahin, daß innerhalb des englisch sprechenden Volkstums Selbstsucht und politisches Ziel rein zusammenfallen; daß alle Politik in ganz naiver Weise, ohne daß dabei irgendeinem Politiker der englisch sprechenden Bevölkerung eine Schuld gegeben werden darf, in den Dienst der Selbstsucht gestellt werden kann und gerade dadurch die Mission des englisch sprechenden Volkstums erfüllt. Nur dadurch kommen Sie darauf, das eigentliche Wesen der ja für die ganze Erdenbevölkerung eigentlich tonangebenden englischen Politik ins Auge zu fassen. Denn überall wird die englische Politik als ein Ideal betrachtet, die Parlamentsordnung mit dem Schaukeln von Mehrheit und Minderheit und so weiter. Studieren Sie einmal die Verhältnisse in den verschiedenen Parlamenten, wie sie sich herausgebildet haben, Sie werden überall sehen, daß die britische Politik tonangebend war gerade für das politische Leben. Aber indem sie sich über die anders differenzierten Völker ausgebreitet hat, konnte sie nicht mehr dasselbe sein, weil sie verankert ist und richtig verankert ist in der Selbstsucht, in dem Egoismus, der allem Instinktiven notwendigerweise anhaftet.

[ 19 ] Das ist auch die Schwierigkeit des Verständnisses, die da vorliegt, wenn die Leute die englische Politik oder die amerikanische Politik begreifen wollen. Es wird die Nuance nicht ins Auge gefaßt, die gerade notwendigerweise ins Auge gefaßt werden muß: daß diese Politik selbstsüchtig sein muß, daß sie ganz auf selbstsüchtigen Impulsen ruhen muß. Durch ihre besondere Eigenart muß sie auf selbstsüchtigen Impulsen ruhen. Sie wird daher diese selbstsüchtigen Impulse als das Selbstverständliche ansehen, als das Rechtliche, als das Moralische. Da ist gar nichts dagegen einzuwenden. Das ist nicht mit Kritik zu belegen, sondern als eine welthistorische, ja sogar kosmische Notwendigkeit einfach einzusehen. Widerlegt werden kann es auch nicht, aus dem einfachen Grunde, weil derjenige, der aus dem englischen Volkstum heraus etwas widerlegen will, sich immer, ich möchte sagen, auf einer falschen Fährte befindet. Er will aus moralischen Gründen, die dabei gar nicht in Betracht kommen, in Abrede stellen, daß die Politik des englischen Volkstums selbstsüchtig ist. Aber moralische Gründe kommen dabei gar nicht in Betracht. Sie wird dasjenige, was sie bewirkt, was ihre Ergebnisse sind, gerade durch diesen instinktiven Charakter, durch diese Selbstsucht haben.

[ 20 ] Daher ist in unserem fünften nachatlantischen Zeitraum dieser englisch sprechenden Bevölkerung gewissermaßen zuerteilt das Element der Gewalt. Erinnern Sie sich an die drei Glieder im Goetheschen «Märchen»: Gewalt, Erscheinung oder Schein, und Weisheit, Erkenntnis. Von diesen drei Gliedern ist zugeteilt dem englisch sprechenden Volkstum die Gewalt. Dasjenige, was es politisch in der Welt bewirkt, das wird es dadurch bewirken können, daß es gewissermaßen zu seinen angeborenen Eigenschaften gehört, durch die Gewalt zu wirken. Und durch die Gewalt zu wirken, wird im fünften nachatlantischen Zeitraum als etwas Selbstverständliches hingenommen werden. Die englische Politik wird in der ganzen Welt akzeptiert — selbstverständlich wird man alle Schäden, die aber in der Wirklichkeit auf dem physischen Plane immer vorhanden sind, scharf kritisieren können, das können ja die Angehörigen des Britischen Reiches selber tun —, aber sie wird akzeptiert. Es liegt einfach in der Zeitentwickelung, daß sie akzeptiert wird, und zwar ohne daß man darüber nachdenkt, ohne daß man irgendwie Gründe sucht. Die Gründe werden ohnedies alle nichts taugen, weil es eben eine ganz unmittelbare Selbstverständlichkeit ist, daß die Gewalt, die von dieser Seite kommt, akzeptiert wird.

[ 21 ] Das ist nicht so bei der eingesprengten romanischen Bevölkerung. Die lebt gewissermaßen den Schatten, den Zeitschatten aus desjenigen, was sie im vierten nachatlantischen Zeitraum war. Umgesetzt in das Intellektuelle sind die Instinkte. Da sind die Instinkte nicht mehr so elementar. Daher wird die englische Politik als selbstverständlich angenommen, die französische Politik aber nur von denjenigen, denen sie in der Lage ist zu gefallen. Das französische Wesen wird geliebt in der Welt, insofern es gefällt. Darauf ist das englische gar nicht angewiesen, sondern es ist auf die Selbstverständlichkeit, mit der ihm aus seinen Instinkten heraus die Politik der Gegenwart als etwas Wirksames zufällt, eingestellt. So aber ist es auch möglich, daß gerade innerhalb der englisch sprechenden Bevölkerung, durch den vorherrschenden, in die Politik passenden Trieb der Selbstsucht und der Gewalt — wodurch ihr die Weltherrschaft notwendigerweise zufällt —, das Wirtschaftliche in Schranken gehalten wird, untergeordnet wird, und daß auch das Geistesleben, insofern es dem fünften nachatlantischen Zeitraum angehört, in den Dienst dieser Politik tritt, daß alles einheitlich in einer gewissen Weise in den Dienst der Politik tritt.

[ 22 ] Daher ist einfach aus diesem Grunde heraus der Marxismus für die englisch sprechende Welt falsch. Denn der Marxismus setzt voraus, daß die Politik ein Anhängsel der ökonomischen Ordnung ist. Sie ist es nicht, einfach durch die Instinkte nach der Bewußtseinsseele hin, die sich in der englisch sprechenden Bevölkerung bilden. Nicht durch irgendwelche Argumentation, durch Diskussion, nicht durch irgend etwas, was sonst in der Welt geschieht, wird eine marxistische Ordnung verhindert, sondern dadurch, daß das Britische Reich auf anderen Wirklichkeitsgrundlagen gebaut ist als diejenigen, auf die der Marxismus, das marxistisch gesinnte Proletariat baut. Das ist der große Gegensatz zwischen dem marzistisch denkenden Proletariat und dem, was aus dem instinktiven Leben heraus das Britische Weltreich über die Welt bringt. Nicht das Bankinstitut oder die Buchhaltung, welche Trotzki in Rußland einführen will, wird Glück haben, sondern das große Bankinstitut, das große Finanzinstitut, zu welchem durch seine besonderen Anlagen hinorganisiert ist das englisch sprechende Volkstum. Gerade wenn man prüft, wie sich das einzelne Volkstum in seiner Differenzierung verhält zu den drei Gliedern, die ich Ihnen als die in der Wirklichkeit begründeten vorgeführt habe, so ist das einzusehen.

[ 23 ] Es kommt noch etwas anderes dazu, etwas außerordentlich Wichtiges. Die Differenzierung, von der ich Ihnen sprach, die geht so weit, daß derjenige, der nicht herausstrebt aus seinem Volkstum, sondern hineinstrebt in das Volkstum — und Politik strebt ja in das Volkstum hinein —, daß der selbst beim Hüter der Schwelle ganz andere Erfahrungen macht als derjenige, der aus dem Volkstum herausstrebt. Hier komme ich überhaupt an den Punkt, der Ihnen, wenn Sie ihn durchaus studieren, einen Anhaltspunkt gibt, zu unterscheiden den heilsamen Okkultismus, der natürlich über die ganze Erde ohne Unterschied des Volkstums auftritt, von demjenigen Okkultismus, der so, wie bei den Gesellschaften, von denen ich Ihnen gesprochen habe, in den politischen Dienst des Volkstums sich stellt und von da aus wirkt. Sie können fragen: Wie kann ich denn das unterscheiden? — Sie können es unterscheiden, wenn Sie diese großen Unterscheidungsmerkmale ins Auge fassen, die ich Ihnen heute angeben werde.

[ 24 ] Jeder Mensch muß, um zum wirklichen, der ganzen Menschheit dienenden Okkultismus zu kommen, aus seinem Volkstum herauswachsen, er muß in gewisser Weise — wir dürfen da den indischen Ausdruck gebrauchen — ein «heimatloser» Mensch werden. Er darf sich nicht zu irgendeinem Volkstum mit Bezug auf das innerste Wesen seiner Seele rechnen, er darf nicht solche Impulse haben, die nur einem einzelnen Volkstum dienen, wenn er in wirklichem Okkultismus fortschreiten will. Aber jener Okkultismus, der eingeschränkt einem bestimmten Volkstum dienen will, der kommt beim Hüter der Schwelle zu etwas ganz Besonderem. Für alle diejenigen, die innerhalb jener Gesellschaften der englisch sprechenden Bevölkerung okkulte Entwickelung suchen, enthüllt sich etwas beim Hüter der Schwelle: Sie entdecken in dem Augenblicke, wo sie die Schwelle überschreiten wollen, was in der tieferen menschlichen Natur, die zum Vorschein kommt, wenn man eben die übersinnliche Welt betritt, an Kräften lebt, die gleichartig mit den zerstörenden Kräften des Weltenalls sind. Das ist der Anblick beim Hüter der Schwelle. Wenn diese Menschen in eine solche okkulte Gesellschaft eingeführt werden bis zu der Schwelle hin, dann lernen sie die bösen Mächte von Krankheit und Tod, von allem Lähmenden und Zerstörenden erkennen. Denn wenn dieselben Kräfte, die draußen in der Natur den Tod bewirken, die also die zerstörenden sind — sie wirken ja auch in uns —, wenn diese Kräfte in uns Erkenntnis bewirken, so ist es die Erkenntnis, die in jenen Gesellschaften auftritt. Es ist eine okkulte Erkenntnis. Es ist die spezifisch okkulte Erkenntnis, die in diesen Gesellschaften auftritt. Man kommt in die übersinnliche Welt ganz sicher hinein, man muß nur am Hüter der Schwelle vorbeikommen. Aber man muß am Hüter der Schwelle so vorbeikommen, daß man die Erfahrung macht, den Tod in seiner wahren Gestalt kennenzulernen, wie er in uns selbst und draußen in der Natur lebt.

[ 25 ] Das rührt davon her, weil in der äußeren Natur, so wie sie heute um uns herum ist, ahrimanische Mächte leben. In dieser äußeren Natur können Sie keine anderen als ahrimanische Mächte wahrnehmen, insofern Sie innerhalb dieser äußeren Natur bleiben. Sie können zur Manifestation von solchen Mächten kommen, die in gespensterhafter Weise in die äußere Natur eintreten. Daher die Neigung des Westens zum Spiritismus, zum Sehen von solchen Gestalten, die eigentlich der sinnlich-physischen Welt angehören, die im gewöhnlichen Leben nicht sichtbar sind, aber durch besondere Verhältnisse sichtbar gemacht werden können. Es sind lauter Todesmächte, zerstörende Mächte, ahrimanische Mächte. Es gibt auf dem ganzen weiten Gebiet der spiritistischen Veranstaltungen keine anderen Geister als ahrimanische, auch da, wo die Spiritistenveranstaltungen echt sind, denn es sind diejenigen Geister, die man beim Übertreten der Schwelle mitnimmt aus der sinnlichen Welt. Die gehen mit, die verfolgen einen dahin. Man schreitet über die Schwelle, und seine Begleitung hat man in den ahrimanischen Dämonen, die man vorher nicht gesehen hat, die man da drüben sieht, in den Dienern von Tod, Krankheit, Zerstörung und so weiter. Das rüttelt einen auf zu übersinnlicher Erkenntnis, das bringt einen in die übersinnliche Welt hinein.

[ 26 ] Alle die Menschen, die in dieser Weise erzogen und unterrichtet werden für den Okkultismus, machen bedeutsame Erfahrungen. Denn das ist eine bedeutsame Erfahrung, von der ich Ihnen gesprochen habe, aber eine Erfahrung, die darauf beruht, daß man sich nicht einem allmenschlichen Okkultismus, sondern einem Okkultismus eines besonderen Volkstums widmet. Diese Differenzierung gibt es. Und wenn Ihnen irgendwo in der Welt gesagt wird: Wenn du die Schwelle überschreitest, so lernst du vor allen Dingen die bösen Mächte von Krankheit und Tod kennen — so erkennen Sie daran, daß der betreffende Okkultist aus jener Ecke herkommt, die ich öfter bezeichnet habe, einfach aus der Erfahrung, die er Ihnen mitteilt über das, was er beim Hüter der Schwelle erlebt.

[ 27 ] Anders steht die Sache bei der deutsch sprechenden Bevölkerung. Die deutsch sprechende Bevölkerung hat auch etwas, ich möchte sagen, eingesprengt. Die englische Bevölkerung hat das Romanentum eingesprengt in seinen Weltmachtsbereich; die deutsch sprechende Bevölkerung hat etwas, was nun nicht aus der Vergangenheit kommt, sondern was wie ein Wetterleuchten der Zukunft ist: das Slawentum. Das Slawentum, das in Rußland beginnt, ist Zukunft, ist ja erst der zukünftigen Keimanlage nach da; aber die vorgeschobenen Slawen sind vorgeschobene Posten, sind Wetterleuchten für dasjenige, was sich vorbereitet. Die zeigen in irgendeiner Weise das Wetterleuchten der Zukunft der mitteleuropäisch-deutschen Welt, wie das Romanentum den Schatten der Vergangenheit der westlichen, englisch sprechenden Welt zeigt. .

[ 28 ] Aber dieses deutsche Element selbst, das hat nun nicht eine instinktive Anlage zur Entwickelung der Bewußtseinsseele, sondern es hat nur die Anlage, durch die es sich zur Bewußtseinsseele erziehen kann. Während also im Britentum die instinktive Anlage zur Entwickelung der Bewußtseinsseele vorhanden ist, muß der deutsche Mitteleuropäer, wenn er irgendwie die Bewußtseinsseele in sich rege machen will, dazu erzogen werden. Er kann sich das nur erwerben durch die Erziehung. Weil das Zeitalter der Bewußtseinsseele eben zugleich das Zeitalter der Intellektualität ist, muß daher der Deutsche, wenn er irgendwie die Bewußtseinsseele in sich rege machen will, ein intellektueller Mensch werden. Daher hat auch der Deutsche seine Beziehung zur Bewußtseinsseele vorzugsweise auf dem Wege der Intellektualität, nicht auf dem Wege des Instinktlebens gesucht. Daher haben gewissermaßen die Aufgaben der Deutschen nur diejenigen erreicht, welche in einer gewissen Weise ihre Selbsterziehung in die Hand genommen haben. Die bloßen Instinktmenschen bleiben unberührt von diesem Sich-Regen der Bewußtseinsseele, bleiben in einer gewissen Weise zurück.

[ 29 ] Das ist auch der Grund, warum das britische Volkstum von vornherein instinktiv zur Politik veranlagt ist, während das deutsche Volk ein apolitisches Volk ist, überhaupt gar nicht zur Politik veranlagt ist. Wenn es Politik treiben will, steht es vor einer großen Gefahr, die Ihnen insbesondere dann aufleuchten wird, wenn Sie ins Auge fassen, daß ja das Deutschtum übernommen hat, auf dem intellektuellen Gebiete nun das Element in die Welt einzuführen, das das zweite Element ist. Britentum: die Gewalt; das deutsche Element: das Erscheinende, meinetwillen nennen Sie es Schein, die Ausgestaltung der Gedanken, dasjenige, was in gewisser Beziehung nicht erdfest ist. Im Britentum ist alles erdfest. Im Deutschtum handelt es sich um etwas, was nicht erdfest ist, sondern was dialektisch ausgebildet wird. Verfolgen Sie einmal die Intellektualität der Deutschen, Sie können sie vergleichen mit dem Griechentum, nur haben die Griechen mit Bezug auf die Bildnatur den Schein ausgestaltet; die Deutschen haben den Schein besonders mit Bezug auf die Intellektualisierungsnatur ausgestaltet. Es gibt schließlich nichts Schöneres als dasjenige, was ausgestaltet ist durch den Goetheanismus, durch Novalis, durch Schelling, durch alle diese Geister, die eigentlich Künstler sind in Gedanken. Das macht die Deutschen zu einem unpolitischen Volk. Sie sind, wenn sie politisch sein sollen, einem instinktiv politisch denkenden Menschen nicht gewachsen.

[ 30 ] Von den drei Dingen, die in Goethes « Märchen» aufgezählt sind Gewalt, Schein, Erkenntnis —, ist dem Deutschen im intellektuellen Zeitalter die Scheingestaltung der Intellektualität zugefallen. Will er nun doch eingreifen in die Politik, da steht er vor der Gefahr, daß er dasjenige, was schön ist innerhalb der Gedankengestaltung, in die Wirklichkeit hineinbringt; das ist das Phänomen zum Beispiel Treitschkes. Der Wirklichkeit gegenüber wird dann zuweilen dasjenige, was gerade im Scheine schön ist — «Schein» und «schön» hat sogar dem Wortlaute nach einen ähnlichen Ursprung —, weil es nicht in den eigenen Anlagen liegt, etwas, was nicht so recht mit dem Menschen zusammenhängt, was eigentlich bloße Behauptung bleiben kann, was dann auf die Welt den Eindruck der Unwahrhaftigkeit machen muß. Denn die große Gefahr, die selbstverständlich zu überwinden ist, aber nicht immer überwunden wird, besteht darin, daß der Deutsche nicht nur, wenn er höflich ist, lügt, sondern daß er auch lügen kann, wenn er gerade seine besten Talente in ein Gebiet hineintragen will, für das er nicht angeborene Anlagen hat, sondern für das ihm die Anlagen nur anerzogen werden können, für das er sich anstrengen muß.

[ 31 ] Ich habe vor einigen Jahren gesagt: Der Engländer is etwas; der Deutsche kann nur etwas werden. Daher ist es so schwierig mit der deutschen Kultur, daher ragen in der deutschen und in der österreichisch-deutschen Kultur immer nur einzelne Individualitäten heraus, die sich in die Hand genommen haben, während die breite Masse beherrscht sein will, sich gar nicht mit den Gedanken befassen will, die bei der britisch sprechenden Bevölkerung in die Instinkte gelegt sind. Daher verfiel auch die mitteleuropäische Bevölkerung solchen Herrschaftsgelüsten, wie die der Habsburger und Hohenzollern es waren, eben wegen der apolitischen Natur, weil ganz andere Notwendigkeiten vorliegen, wenn der Deutsche zu seiner Aufgabe kommen will. Er muß zu dieser Aufgabe erzogen werden. Er muß gewissermaßen berührt werden von dem, was Goefhe im «Faust» zur Gestaltung gebracht hat, vom Werden des Menschen zwischen Geburt und Tod.

[ 32 ] Das zeigt sich wiederum beim Hüter der Schwelle. Wenn jemand im Volkstum der Deutschen drinnen stehenbleibt, und er kommt an den Hüter der Schwelle, dann bemerkt er nicht wie jene britischen Gesellschaften, von denen ich gesprochen habe, die bösen Diener von Krankheit und Tod. Daran können Sie eben die Unterscheidung machen, wenn Sie diese Dinge recht ins Auge fassen. Er bemerkt aber vor allen Dingen, wie ahrimanische und luziferische Mächte — die einen herüberstürmend aus der physischen Welt, die andern heranstürmend aus der geistigen Welt — miteinander im Kampfe liegen, und wie dieser Kampf angeschaut werden muß, weil er eigentlich ein fortwährend fortlebender Kampf ist, weil man niemals dazu kommen kann, zu sagen: da wird der Sieg sein. Mit demjenigen macht man sich beim Hüter der Schwelle bekannt, was die eigentliche reale Grundlage des Zweifels ist, mit dem, was in der Welt lebt als fortwährend sich anfachender, unentschieden bleibender Kampf, was einen geradezu ins Schwanken bringt, was aber zu gleicher Zeit dazu erzieht, die Welt von den verschiedensten Seiten anzuschauen. Und das wird die besondere Mission, trotz allem und alledem, des Deutschtums sein, daß von dieser Seite aus es in die Weltenkultur eingreift, auch als Deutschtum. Durch sein besonderes Volkstum werden gewisse Dinge, die ich heute zum Beispiel auf dem Erkenntnisgebiete berühren will, nur durch das deutsche Volkstum entwickelt werden können.

[ 33 ] Aus dem britischen Volkstum ist der Darwinismus in seiner materialistischen Färbung entstanden. Das ist ein ganz richtiges Prinzip Sie können das nachlesen in meinen «Rätseln der Philosophie» —, daß sich die organischen Wesen von dem Unvollkommenen allmählich zu dem Vollkommenen bis hinauf zum Menschen entwickelt haben. Das Vollkommene stammt vom Unvollkommenen ab — es ist dies Prinzip absolut richtig, wenn man die physische Welt betrachtet und beim Hüter der Schwelle an die Mächte des Todes und der Zerstörung tritt. Aber man kann auch anders sagen: daß das Unvollkommene von dem Vollkommenen abstammt. Lesen Sie das Kapitel über Preuß bei mir im zweiten Bande der «Rätsel der Philosophie». Man kann ebenso nachweisen, daß zuerst das Vollkommene war und dann durch Dekadenz das Unvollkommene entsteht; daß zuerst der Mensch da war, und daß von ihm die anderen Naturreiche durch Dekadenz abstammen. Das ist nämlich ebenso richtig! Die Lage, in der der erkennende Mensch ist in dem Augenblicke, wo er sich sagen muß: Das eine ist richtig, das andere ist richtig — diese Lage in ihrer ganzen Fruchtbarkeit zu erkennen, das wurde eigentlich durch das Volkstum nur dem deutschen Volksstamm gegeben. Das versteht man sonstwo in der Welt gar nicht. Man versteht nicht in der Welt, daß sich die Leute lange darüber streiten können, daß der eine behaupten kann: Die vollkommenen Wesen stammen von den unvollkommenen ab, wie zum Beispiel Darwin; oder daß der andere behaupten kann, wie Schelling: Die unvollkommenen Wesen stammen von den vollkommenen ab. Sie haben beide recht, nämlich von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Sieht man den geistigen Vorgang, so stammt das Unvollkommene vom Vollkommenen ab, sieht man den physischen, so stammt das Vollkommene vom Unvollkommenen ab.

[ 34 ] Darauf hin ist die ganze Welt dressiert, einseitige Wahrheiten festhalten zu können. Die Deutschen sind dazu, ich möchte sagen, tragisch verurteilt, sich gegen ihre eigenen Anlagen abzustumpfen, wenn sie bei einer einseitigen Wahrheit verweilen wollen. Entwickeln sie ihre eigenen Anlagen, so wird ihnen sofort überall auftauchen, wenn sie sich nur ein wenig vertiefen: Wenn man irgendeine Behauptung macht über Weltenzusammenhänge, so ist das Gegenteil davon auch richtig. Und nur durch das Zusammenschauen der zwei ist es möglich, die Wirklichkeit zu sehen. Das lernt man so recht erkennen beim Hüter der Schwelle, wenn man den Kampf der Geister sieht, die einen bis zum Hüter der Schwelle aus der physischen Welt heraus begleiten, und derjenigen, die ihnen entgegenstürmen von der andern, von der übersinnlichen Welt herein, die aber von den Gesellschaften, von denen ich gesprochen habe, gar nicht bemerkt werden.

[ 35 ] Noch anders ist es bei der eigentlich slawisch sprechenden Bevölkerung. Ich sagte schon: Eingesprengt sind in einer gewissen Weise die westlichen Slawen in die deutsch sprechende, mitteleuropäische Bevölkerung. So wie das Romanentum der Schatten der Vergangenheit ist, so sind die eingesprengten Westslawen, mit denen die deutsch sprechende Bevölkerung nach Osten hin in Zusammenhang gebracht worden ist, das Wetterleuchten dessen, was in der Zukunft aus dem Slawentum hervorgehen soll. Dadurch zeigen sie in einer gewissen entgegengesetzten Art dasjenige, was die romanische Bevölkerung innerhalb der englisch sprechenden zeigt. Die Westslawen sind ja auch im Zeitalter der Bewußtseinsseele für die Intellektualität organisiert, aber sie mystifizieren sie, sie bilden sie in Mystik um. Die Deutschen sind apolitisch. Die Westslawen sind auch apolitisch, aber sie tendieren nach einem Heruntertragen der geistigen Welt in die physische Welt, sie machen das schon aus dem heutigen Leben heraus. Dadurch haben sie die entgegengesetzte Eigenschaft wie zum Beispiel die Franzosen oder die Italiener. Die Italiener und die Franzosen sind in ihrer Politik von dem abhängig, wie sie den andern gefallen, die Politik Englands wird als selbstverständlich akzeptiert, ob sie gefällt oder nicht gefällt. Die Politik Frankreichs hing davon ab, wie die Franzosen den Menschen gefielen, davon war die Wirksamkeit dessen, was sie taten, abhängig. Sie gefielen ja sehr zu gewissen Zeiten. Bei den Westslawen ist das anders. Ihre Politik ist davon abhängig, wie ihre Geistnatur unsympathisch wirkt auf die deutsch sprechende Bevölkerung. Die sind von dem, wie sie nicht gefallen, abhängig. Und Sie können das Schicksal der Tschechen, Polen, Slowenen, der Serben, der Westslawen studieren: das ist gegeben dadurch, inwiefern sie unsympathisch sind, nicht gefallen der mitteleuropäischen Bevölkerung. Das Verhältnis zu den Franzosen oder Italienern oder Spaniern ist danach gegeben, wie sie gefallen; das Verhältnis zu den Polen, Slowenen, Tschechen, Serben ist dadurch gegeben, wie sie nicht gefallen. Studieren Sie die Geschichte, so werden Sie diesen Satz in einer wunderbaren Weise bestätigt finden, weil das eine mit der Vergangenheit, das andere mit der Zukunft zusammenhängt.

[ 36 ] Ganz anders liegt die Sache bei der slawischen Bevölkerung des Ostens, die den Keim für die Zukunft in sich hat. Da ist die Sache so, daß keimende Spiritualität der Grundcharakter, das elementarste Wesen dieser slawischen Bevölkerung ist. Daher ist zum Beispiel das Russentum in einem noch höheren Grade als die breite Masse der deutschen Bevölkerung, die nur immer ihre Individualitäten aus sich herausschießen läßt, auf die Individualität angewiesen, die nun außerhalb des Volkstums dasjenige geoffenbart erhält, was das Volkstum geoffenbart erhalten soll. Daher wird noch lange — bis zum Aufleuchten des sechsten nachatlantischen Zeitraums — die russische Volkskultur eine Offenbarungskultur sein. Der Russe ist mehr als ein anderer Mensch auf den Seher angewiesen, er ist aber auch empfänglich für das, was der Scher ihm bringt.

[ 37 ] Das englisch sprechende Volkstum wird durch seine Politik einfach zu dem gebracht, wozu es durch seine Natur veranlagt ist. Die deutsch sprechende Bevölkerung wird durch ihre Politik zu etwas gebracht, was ihr eigentlich nicht liegt, wodurch sie sehr leicht in ein trübes Fahrwasser, in die Unwahrhaftigkeit kommen kann, namentlich, wenn sie sich den Instinkten überläßt, während sie niemals in ein trübes Fahrwasser kommen kann bei entsprechender Selbstzucht derjenigen Menschen, die eigentlich das deutsche Volkstum repräsentieren, die nach der Intellektualität hinstreben. Denn die anderen sind noch nicht angelangt bei dem, was das eigentliche Wesen des deutschen Volkstums ist, sie leben unter dem Niveau. Noch mehr ist das der Fall bei dem russischen Volkstum. Das russische Volkstum ist nicht nur apolitisch wie das deutsche, sondern antipolitisch. Daher wird britische Politik selbstsüchtig sein, deutsche Politik wird in träumerischen Idealismus, der mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun zu haben braucht, ausschlagen, mit allem — das ist jetzt nicht moralisch gemeint Unwahrhaftigen, mit allem Theoretisierenden, denn alles Theoretisierende ist unwahrhaftig. Die russische Politik muß durch und durch unwahr sein, denn sie ist ein fremdes Element, sie ist nicht dem russischen Charakter angemessen. Wenn der Russe aus seinem Charakter heraus politisch werden soll, so wird er lieber krank, denn innerhalb des russischen Volkstums bedeutet «politisch» werden krank werden, bedeutet zerstörende Kräfte in sich aufnehmen. Der Russe ist antipolitisch, nicht apolitisch bloß. Er kann überwältigt werden von solchen Politikern, wie etwa diejenigen waren, die am Ausgangspunkt dieser kriegerischen Katastrophe standen. Aber die wirken nicht als Russen, sondern die wirken als etwas ganz anderes. Der Russe aber wird krank, wenn er Politiker sein soll, denn er hat mit der Politik gar nichts zu tun, wenn er innerhalb seines Volkstums steht. Er hat mit etwas anderem zu tun: mit dem, was die dritte Macht bedeutet nach dem Goetheschen « Märchen», mit der Erkenntnis, mit der Weisheit, die innerhalb des sechsten nachatlantischen Zeitraums der Menschheit aufgehen soll.

[ 38 ] So ist verteilt das Dreigliederige: Gewalt, Erscheinung, ErkenntnisWesten, Mitte, Osten. Das muß in Rechnung gezogen werden. Weil im Grunde genommen diese Russennatur krank wird an der Politik, kann ihr auch eine solche Politik wie die des Bolschewismus zunächst zugemutet werden in seiner krassesten, in seiner radikalsten Gestalt; denn man könnte ihr ebensogut etwas anderes einimpfen. Sie ist eben nicht nur apolitisch, sie ist antipolitisch.

[ 39 ] Diese Dinge zeigen sich auch beim Hüter der Schwelle. Was der Russe beim Hüter der Schwelle, wenn er innerhalb seines Russentums als Okkultist stehenbleibt, vorzugsweise wahrnimmt, das sind die von der andern Seite, aus dem Übersinnlichen heranstürmenden Geister. Er sieht nicht die Geister, die ihn begleiten, er sieht nicht den Kampf der Geister, er sieht vor allen Dingen die von der andern Seite herüberstürmenden Geister. Er sieht diejenigen Geister, die gewissermaßen voller Licht sind. Er sieht nicht den Tod, er sieht nicht das Verderben, er sieht dasjenige, was den Menschen durch die Erhabenheit gleichsam ertrinken macht, was ihn vor allen Dingen mit der großen Gefahr durchdringt, demütig und immer demütiger zu sein, sich vor dem Erhabenen auf die Knie zu werfen. Die Blendung durch dasjenige, was herüberkommt, das ist die Gefahr bei dem Hüter der Schwelle für den Russen, der als Okkultist innerhalb seines Volkstums steht.

[ 40 ] Ja, solche Dinge muß man in Betracht ziehen, wenn man die wahre Wirklichkeit sehen will. So sind die Dinge in der Welt, so wirken die Dinge. Mit Abstraktionen kommt man nicht aus. Niemals ist die Menschheit mit Abstraktionen ausgekommen. In früheren Zeitabschnitten hat die Menschheit Instinkte gehabt. Aber nur ein Instinkt ist in seiner Vergeistigung da bei der englisch sprechenden Bevölkerung: der Instinkt, die Bewußtseinsseele auszubilden. Das andere muß bewußt erworben werden. Und das ist für die Welt das Charakteristische, daß diese Dinge bewußt erworben werden müssen. Ohne Kenntnis der in der Menschheit wirkenden Kräfte, von denen wir heute wiederum gesprochen haben, ist es unmöglich, auch nur daran zu denken, irgendwie maßgeblich etwas Soziales zu sagen. Man redet wie der Blinde von der Farbe, wenn man von Sozialreform spricht, ohne das Objekt zu kennen, auf das sich diese Reform erstrecken soll.

[ 41 ] Das ist es, was einen immer wieder und wieder dazu veranlaßt, daran zu mahnen, daß eben die Zeit gekommen ist, wo der Mensch das Lernen durch sein Leben hin ernst nehmen muß, nicht spielerisch nehmen darf. Mit den Dingen, die wir uns aus ererbten Anlagen heraus in der Zukunft ausbilden, reichen wir für das Leben höchstens bis zu unserem 27.Jahre und in der Zukunft immer bis zu einem geringeren Jahre. Das wissen Sie aus früheren Betrachtungen. Wir brauchen etwas, was uns das ganze Leben hindurch als werdender Mensch erhält und nicht als seienden, nicht als abgeschlossenen, als fertigen Menschen. Vieles wird die Menschheit gerade für die soziale Frage aus diesen Dingen heraus einsehen. Vieles wird sie von dem, was sie heute an illusionistischen Gedanken hat, korrigieren, und vieles muß korrigiert werden. Man kann schon sagen: Die Aufgabe, die der Menschheit vorliegt, Sie werden sie eine schwierige nennen, aber sie ist zu bewältigen. Denken Sie doch nur einmal daran, daß Sie hier sitzen, diese Dinge jetzt wissen. Aber sehen Sie sich deshalb nicht als besonders auserlesene Menschen an, sondern bedenken Sie, daß doch draußen in der Welt viele andere sein werden, die das gleiche verstehen können. Es ist keine Unmöglichkeit, daß diese Ideen sich wirklich in die Menschheit einleben. Also ist das Hindernis nur ein künstlich aufgerichtetes. Das künstlich aufgerichtete Hindernis ist allerdings ein furchtbares; aber es muß deshalb überwunden werden, weil es ja auf eine andere Weise doch kein Heil gibt. Tue doch jeder an seinem Platze dasjenige, was zur Überwindung der Schwierigkeiten auf diesem Gebiete möglich ist.

[ 42 ] Es ist für die Menschheit viel, sehr viel zu tun, wenn wir nur uns von dem Ernste der Aufgabe durchdringen: zunächst Einsicht in die Wirklichkeit zu erwerben, nicht dumpf-schläfrig dahinzuleben, und vor allen Dingen nicht dumpf-schläfrig die Menschheit dahinleben zu lassen. — Wenn man heute mit Menschen Bekanntschaft macht, dann merkt man, wie wenig diese Menschen geneigt sind, auf solche Dinge eigentlich einzugehen. Wir haben ja die letzten vier oder viereinhalb Jahre erlebt, meine lieben Freunde! Recht wohlmeinende, auch ganz gescheite Leute konnte man immer wieder und wiederum herankommen sehen mit irgendwelchen Zukunftsprogrammen — und was gibt es für Zukunftsprogramme draußen in der Welt! Die Leute denken alles mögliche aus, aber von vornherein sind diese Dinge nicht zum Heil, sondern sind entweder Nichtigkeiten oder zum Unheil der Menschen; Nichtigkeiten, wenn niemand darauf eingeht, zum Unheil, wenn darauf eingegangen wird. Nur das eine braucht man sich vorzunehmen: mit der Wirklichkeit zunächst einmal Bekanntschaft zu machen. Man wird dann nicht glauben: Ich kann einen Verein gründen, ich kann dies oder jenes machen, — sondern man wird sich für verpflichtet halten, mit der Wirklichkeit Bekanntschaft zu machen und dasjenige, was man denkt, im Einklange mit dieser Wirklichkeit zu denken. Ja, wenn doch wenigstens innerhalb unserer Bewegung recht viele auf die rechte Art versuchen würden, mit den hier angedeuteten Impulsen ihr Seelenleben zu durchdringen, wenn sie absehen würden von abstrakten, schwärmerischen Idealen einer Menschenbeglückung und statt dessen studieren würden, was gerade die Aufgaben und die Impulse unserer Zeit sind, und danach ihr Verhalten einrichten würden. Dann würde schon etwas erreicht werden.

[ 43 ] Nun, ich wollte wiederum von einem besonderen Gesichtspunkte aus Ihnen heute vorführen, wie man auch die soziale Frage studieren muß. Man kann ja auch nicht hingehen und sagen: Weil ich ein Mensch bin, verstehe ich Mathematik und kann also eine Brücke bauen, — sondern man weiß: Man muß erst Mathematik lernen, Mechanik lernen, Dynamik lernen und so weiter. So muß man die Gesetze des Menschheitswesens kennenlernen, wenn man auch nur in den allereinfachsten Dingen ein soziales Urteil haben will. Und die Menschen sind schon einmal nicht, wie Trotzki sich vorstellt, gleichartige Wesen über die ganze Erde hin, sondern höchstens in Gruppen differenziert, wenn sie zum Volkstum sich bekennen, oder auch lauter Individualitäten. Auf der einen Seite müssen wir kennenlernen dasjenige, was Gruppen charakterisiert, zum Beispiel nach den Sprachen, wie wir es heute betrachtet haben; auf der andern Seite müssen wir uns aneignen — was gestern ausgeführt worden ist — unmittelbares Verständnis von Menschenindividuum zu Menschenindividuum. Das hängt zusammen mit alledem, was in uns werden kann ein soziales Urteil, aber auch eine soziale Empfindung. Sonst kommt über uns nicht dasjenige, was als soziales Urteil und soziale Empfindung in uns leben soll.

[ 44 ] Also bekanntmachen wollte ich Sie von einer gewissen Seite aus wiederum mit dem, was dem sozialen Urteil und der sozialen Empfindung richtunggebend sein kann. Auf den tiefen Ernst desjenigen, was die soziale Frage genannt wird, wollte ich Sie hinweisen und auch darauf, daß wirklich auch guter Wille bei dem einen oder dem andern vorhanden sein kann, wie zum Beispiel bei manchen russischen Revolutionären, daß bei ihnen aber Wirklichkeitsfremdheit, Ungläubigkeit an den Geist vorliegt, die Meinung, daß die Menschen über die ganze Erde hin undifferenziert ein und dasselbe seien.

[ 45 ] Was ist denn eigentlich der Mensch, der in der Abstraktion Trotzkis lebt? Wir haben gesehen: Den Menschen kennenzulernen, das ist die Grundlage, das Elementarische der sozialen Aufgabe! Was ist der Mensch, den Trotzki im Auge hat? Es ist der alttestamentliche Mensch, der in der Gegenwart nur spuken kann als der Schatten des alttestamentlichen Menschen. Es ist das Tier mit der Fähigkeit der Abstraktion. Es ist das Tier, bei dem sich nur ausbildet über die 'Tierheit heraus die Kraft des abstrakten Denkens. Das Menschentier ist über die ganze Erde undifferenziert, denn die Differenzierungen kommen aus dem Seelischen heraus. Aber das Seelische muß entwickelt werden zum Geistigen hin; dann erscheint die Differenzierung. Und das Seelische muß studiert werden; dann zeigt sich jene Differenzierung, die auch durch Seelisches wirkt zum Beispiel durch den Reflex, den die Sprache bewirkt hat und so weiter. Über diese Dinge wollen wir nächsten Freitag weitersprechen.