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The Rudolf Steiner Archive

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How Can Humanity Rediscover the Christ?
The Fall of the Spirits of Darkness
GA 187

24 December 1918, Dornach

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Zweiter Vortrag

II. The Entrance of Christianity into the Course of Earth Evolution

[ 1 ] Die unsere Zeit erfüllende Stimmung ist vielleicht nicht dazu angetan, gegenwärtig bei vielen Menschen jene innere Vertiefung herbeizuführen, von der Legenden und Sagen sprechen, indem sie auf jene Nächtereihe hindeuten, die auf die Weihenacht folgt und in welcher das dazu vorbereitete Gemüt durchleben kann etwas von der geistigen Welt. Sie kennen eine solche sehr ergreifende Legende aus den Darstellungen, die auch hier gepflogen worden sind: diejenige von Olaf Åsteson. Und vieles Ähnliche weist auf die Weihnachtszeit in einer so eindringlichen Weise hin.

[ 1 ] The mood of the present time is not likely, perhaps, to create in many people that depth of inner feeling of which legends and sagas speak when they refer to the Christmas Holy Nights, when the soul that is prepared for it is able to have some experience of the spiritual world. You know one such impressive legend from the performances given here, that of Olaf Åsteson. Many similar things point to Christmas time in the same way.

[ 2 ] Allein nicht nur für den intimeren Beobachter des menschlichen Gemütes, sondern auch für den, der heute im Äußeren die allgemeine Zeitstimmung ins Auge faßt, ist es klar, daß Weihnachtsstimmung, Weihnachtsimpuls erst wiederum gesucht werden muß von den Menschen. Dasjenige, was lebt in der Weihnachtserinnerung, in dem Weihnachtsgedanken, es muß in einer neuen Art die Menschenseele wieder ergreifen. Sehen wir doch einmal, um eben nach dem weiteren Umkreise der heutigen religiösen geistigen Stimmung hinzuschauen, wie wenig in der gegenwärtigen Zeit auch nur die Neigung vorhanden ist, den Christus als solchen ins Auge zu fassen, ins Seelenauge hereinzunehmen.

[ 2 ] It is clear, not only to a more thoughtful student of the human heart, but to anyone who observes in the external world the general spirit of our time, that a Christmas mood, a Christmas impulse, must now be sought anew by mankind. What lives in the celebration of Christmas, in the thought of Christmas, must take hold of the human soul in a new way. Just think, dear friends—in order to realize the broader aspects of our contemporary religious and spiritual mood—how little inclination there is at this time to contemplate the Christ as such, to direct the eyes of the soul to Him.

[ 3 ] Wenn Sie in den Worten derjenigen, die heute glauben, von dem Christus zu reden, wenn Sie in ihren Reden nach den unterscheidenden Merkmalen zwischen dem Christus und dem Vatergott suchen, werden Sie kaum einen andern als einen Namensunterschied finden. Während allerdings bei manchen Gläubigen der Christus heute noch im Mittelpunkte des religiösen Bekenntnisses steht und daneben alles übrige Göttliche sozusagen an Glanz entschwindet, sahen wir schon seit langem heraufkommen eine Theologie, welche im Grunde den Christus verloren hat, welche von einem Gotte im allgemeinen spricht, auch wenn sie von dem Christus spricht. Das Besondere, das Eigentümliche, von dem gesprochen werden muß, wenn das menschliche Herz zu Christus aufschaut, das will erst wiederum gefunden werden. Und vielleicht ist gerade heute die würdigste Feier des Weihnachtsfestes die, einmal sich so recht in die Seele zu schreiben, wie die Menschheit den Christus wieder finden kann. Da muß allerdings vielleicht mancherlei aus der Entwickelungsgeschichte der Menschheit auch in Betracht gezogen werden, in geisteswissenschaftlichem Sinne in Betracht gezogen werden, wenn der Impuls recht wieder erweckt werden soll, der die Menschenseelen zum Christus hinführt.

[ 3 ] People often believe they are speaking about the Christ, and yet you will find they have made hardly any distinction between Christ and God the Father except in name. While it is true that for many believers the Christ still stands at the center of their religious creed and that beside Him all else of a divine nature loses its luster, nevertheless we have seen for some time now the rise of a theology that has really lost the Christ, that speaks of a God in general even when Christ is meant. The specific quality that is essential when the human heart looks up to Christ needs to be found again. And perhaps the most worthy celebration of the Christmas Festival at this time is actually to inscribe in our souls how mankind can find the Christ again. Many historical facts of the evolution of mankind will first have to be considered—in the spiritual scientific sense—if a true impulse is to be reawakened that will lead human souls to Christ.

[ 4 ] Das Weihnachtsfest kann uns ja nicht nur erinnern, wie es das soll, an das Hereintreten des Jesus in das Erdendasein, sondern es kann uns auch erinnern gewissermaßen an die Geburt des Christentums selbst, an dies Hereintreten des Christentums in den Lauf der Erdenentwickelung. Und so sei denn heute zunächst unser geistiger Blick auf die Weihenacht, möchte ich sagen, des Christentums selbst hingelenkt, auf das Hereintreten, auf das Geborenwerden des Christentums innerhalb des Erdenbereiches. Die äußeren Tatsachen sind ja allgemein bekannt, aber sie sollten vertieft werden.

[ 4 ] The Christmas Festival can not only remind us, as is intended, of the entrance of Jesus into earth life, but it can also point to the birth of Christianity itself, the entrance of Christianity into the course of earth evolution. And so let us today direct our spiritual vision primarily to what might be called the Christmas of Christianity itself, the entrance, the birth, of Christianity within the sphere of the earth. The external facts are known, of course, but our knowledge of them needs to be intensified.

[ 5 ] Inmitten der Bekenner des Alten Testamentes trat das Christentum in die Welt. Es trat in die Welt mit der Persönlichkeit des Christus Jesus. Wir blicken auf die Erscheinungen, die sich abgespielt haben innerhalb der Bekennerschaft des Alten Testamentes, als das Christentum geboren worden ist. Wir sehen, wie diese Bekennerschaft äußerlich in zwei voneinander geschiedenen Strömungen lebt: in der Pharisäerströmung und Sadduzäerströmung. Im Grunde ist es notwendig, alle diese Dinge von der Gegenwart ab wiederum in einem neuen Lichte anzusehen. Wenn wir uns vor die Seele führen die Art, wie wir den allgemeinen Weg anschauen, den der einzelne Mensch macht, und den Weg, den die Menschheit, den eigentlich das ganze Erdendasein macht, so wird uns dieser Weg immer deutlicher dadurch werden, daß wir ihn als einen Gleichgewichtszustand auffassen zwischen dem Luziferischen und Ahrimanischen. Aber im Grunde ist das nur die Benennung, die wir gebrauchen. Ein Bewußtsein von dem Tatsachenbestand des Luziferischen, des Ahrimanischen und des Gleichgewichtszustandes dazwischen war bei den tieferen Naturen der Menschheit immer vorhanden. Und im Grunde genommen ist das pharisäische Element innerhalb der althebräischen Entwickelung, mit seinem Gegensatz zum sadduzäischen Element, nichts anderes als der Gegensatz des Ahrimanischen und Luziferischen. In die Gleichgewichtsströmung ist hineingestellt der Jesus, der eintritt in das äußere Erdendasein. Er tritt ein in dieses äußere Erdendasein an derjenigen Stätte, deren innerste Charakteristik doch bis zu dem Mysterium von Golgatha dadurch gegeben war, daß an dieser Stätte aufgerichtet war der Salomonische Tempel. In einem gewissen Sinne versteht man das ganze Wesen des Salomonischen Tempels nut, wenn man diesen Tempel zugleich im Gegensatz auffassen kann zum werdenden, zum geborenwerdenden Christentum. Bekannt ist, wie rasch nach dem Entstehen des Christentums der Salomonische Tempel für das äußere Weltendasein zerstört worden ist. An derjenigen Stätte, von der ausgeströmt ist die Geistigkeit des Christentums, sollte fortan das äußere Denkmal der alten Entwickelung, aus der hervorgegangen ist diese Geistigkeit des Christentums, nicht mehr vorhanden sein. Ein Gegensatz ist zwischen dem Wesen des Salomonischen Tempels und. dem Wesen des Christentums. Der Salomonische Tempel faßte zusammen in wunderbaren, großartigen, zum Teil gigantischen Symbolen dasjenige, was die Weltanschauung des Alten Testamentes in sich geschlossen hat. Der Salomonische Tempel ist ein Bild gewesen des ganzen Weltenalls, soweit es in seiner Gesetzmäßigkeit, in seiner inneren Struktur, in seinem Durchwalltsein von göttlich-geistigen Wesenheiten vorgestellt werden konnte durch die Weltanschauung des Alten Testamentes. Dieser Salomonische Tempel ist aber doch ein Bild des Weltenalls, welches in einer gewissen Beziehung nach einer Richtung außergewöhnlich einseitig ist. Der Salomonische Tempel ist nämlich ein Raumbild des Weltenalls, ein Bild, das räumliche Verhältnisse, räumliche Gestalten zu Hilfe nimmt, wenn die Geheimnisse dieses Weltenalls ausgedrückt werden sollen. Aber dasjenige, was an Symbolismus am Salomonischen Tempel war, belebte sich für die Anschauung derjenigen, die dieses Anblickes teilhaftig wurden aus dem Geiste des Alten Testamentes heraus.

[ 5 ] Christianity came into the world in the person of Christ Jesus, into the midst of the adherents of the Old Testament. We can observe the phenomena that occurred among these people when Christianity was born. We see how they were externally divided into two separate currents, that of the Pharisees and that of the Sadducees. It is necessary to view all these things henceforth in a new light. When we consider the general course of development of an individual or of humanity itself—indeed, the course of the entire earth—this will become increasingly clear to us if we conceive it as a continual balancing between luciferic and ahrimanic forces. But that is merely the designation we use; there has always existed among the deeper natures of humanity a consciousness of the actual existence of Lucifer and Ahriman and of the condition of balance between them. Fundamentally, the contrast of the Pharisaic element and the Sadducean element in the ancient Hebrew evolution was nothing else than the contrast of ahrimanic and luciferic elements. Jesus, coming into external earth life, entered the balancing stream. He entered earthly existence at that place for which the most important designation up to the time of the Mystery of Golgotha was that Solomon's Temple had been built there. In a certain sense we can only understand the nature of Solomon's Temple if we are able to perceive it in contrast to the Christianity then being born. It is well-known how quickly after Christianity came into being Solomon's Temple was destroyed, so far as external existence is concerned. This memorial of the earlier evolution out of which the spirituality of Christianity arose was destined to exist no longer at the place from which that spirituality streamed forth. The nature of Solomon's Temple and the nature of Christianity present a strong contrast. Solomon's Temple embraced in marvelous, magnificent, sometimes gigantic symbols all that was contained in the world conception of the Old Testament. It was an image of the entire universe so far as this could be represented by the ancient world conception, in its conformity to law, in its inner structure, in its permeation by divine-spiritual beings. It was nonetheless an image of the universe that in a certain sense and in one direction was extraordinarily one-sided. That is to say, the Temple was a spatial image of the universe, an image that made use of spatial forms and spatial relations to express the mysteries of the universe. But for those who viewed it in the spirit of the Old Testament, its symbolism was endowed with life.

[ 6 ] Sehen wir auf der einen Seite, im pharisäischen Judentum und im sadduzäischen Judentum, die Veräußerlichung desjenigen, was durch das Alte Testament der Menschheit gegeben war, so sehen wir auf der andern Seite in der Symbolik des Salomonischen Tempels die dem alttestamentlichen Leben mögliche Verinnerlichung dieses Lebens. Man möchte sagen: Dasjenige, was eingeflossen war in die ganze alttestamentliche Offenbarung, es äußerte sich nach diesen zwei Seiten, nach der Seite, die äußerlich, exoterisch gegeben war im pharisäischen und sadduzäischen Judentum, nach der andern Seite esoterisch durch dasjenige, was gegeben war in den geheimnisvollen Symbolen des Salomonischen Tempels. Und aus dieser Exoterik und Esoterik sproß heraus dasjenige, was dann zum Christentum wurde.

[ 6 ] We see, on the one hand, in the Judaism of the Pharisees and Sadducees, the externalization of what had been given to humanity through the Old Testament; on the other hand, we see in the symbolism of Solomon's Temple the means of deepening the life of Old Testament humanity. It might be said that what has flowed into the entire Old Testament revelation came to expression in these two directions: one outward, exoteric, in the Judaism of the Pharisees and Sadducees; the other esoteric, through what was represented in the mysterious symbols of Solomon's Temple. And from this exotericism and esotericism sprang what became Christianity.

[ 7 ] Unbekannt zunächst der großen Welt in derjenigen Zeit, in der es geboren wurde, war dieses Christentum für diejenige Welt, innerhalb welcher die damalige Geistigkeit der Menschheit lebte: innerhalb der griechischen Welt. Innerhalb des sich immer mehr und mehr ausbreitenden römischen Weltreiches, in dessen Bereich sogar das Mysterium von Golgatha durch Jesu Geburt sich vorbereitete, wußte man nicht, welch Gewichtiges sich abgespielt hatte inmitten des jüdischen Volkes. Man wußte nichts von dem Wichtigsten, das sich vorbereitete als der Sinn der Erde. Dennoch, wenn auch die Menschheit der damaligen Zeit äußerlich vorübergehen ließ dieses großartigste Ereignis der Erdenentwickelung, innerlich war mit aller damals in Betracht kommenden Welt das werdende Christentum verbunden.

[ 7 ] This Christianity was at first, at the time of its birth, unknown to the world at large, to that world in which lived the spirituality of the humanity of that time, namely, the Greek world. Within the expanding Roman empire in which the Mystery of Golgotha was being prepared through the birth of Jesus, it was not known what a momentous Event had taken place among the Jewish people. Nothing was known of the significant Event that constitutes the meaning of the earth. Nevertheless, although the humanity of that time allowed it to pass unnoticed outwardly, the most sublime Event of our earth evolution, inwardly the Christianity that was coming into being was connected with what was then considered the whole world.

[ 8 ] Aber wie verbunden? Der Sinn dessen, was die Weihenacht birgt, er enthüllt sich doch erst im Ostergedanken. Und der Ostergedanke, der den Weihnachtsgedanken eigentlich vertieft, was ist denn sein Bedeutsames? Das Bedeutsame des Ostergedankens ist der Hinblick auf den Menschheitserlöser, der gekreuzigt stirbt: das Kreuz mit dem toten Gotte. Aus der Menschheit heraus ist die Absicht, ist die Tat entstanden, den unter ihr erscheinenden Gott zu töten. Es sollte die ganze Größe, die ganze Gewalt dieses Gedankens sich wiederum in die Seelen der Menschen hineindrücken. Der Hinblick auf die Tat, durch die der auf der Erde erschienene Gott dutch die Menschen getötet worden ist, diesen Gedanken sollte man sich übersetzen in die Sprache, durch die er verstanden werden kann! Versuchen wir das wenigstens von einem Gesichtspunkte aus.

[ 8 ] In what ways, dear friends, was it connected? The meaning that Christmas conceals is revealed later in the Easter conception. What then is the important aspect of Easter that really intensifies the meaning of Christmas? It is the contemplation of the Savior of mankind Who died on the cross: the cross with the dead God. The intention and the deed originated in humanity: to put to death the God Who had appeared in their midst. The profound magnitude, the full power, of this thought should again enter into human souls. Contemplation of the deed by which the God Who appeared on earth was killed by men: this should be put into language by which it can be understood. Let us try to do this, at least from one point of view.

[ 9 ] Wenn wir hinblicken auf das Mysterium von Golgatha — Sie wissen es aus meinem Buche «Das Christentum als mystische Tatsache» —, so ist dieses Mysterium von Golgatha wie ein großer weltgeschichtlicher Zusammenfluß desjenigen, was in alten Mysterien dargestellt worden ist. Dasjenige, was in alten Mysterien als Opferhandlung, als Initiationshandlung stattfand, was in den Tempeln, man möchte sagen, mit einer eingeschränkten Geltung stattfand, wurde hinausgestellt auf den großen Plan der Weltgeschichte, spielte sich ab im Umfang des ganzen Erdendaseins. Gewissermaßen wurde die Initiation der Menschheit selbstherausgeholt aus den Tempeln und hingestellt vor die ganze Erden-Weltgeschichte.

[ 9 ] When we look upon the Mystery of Golgotha, we find it to be a great world-historical confluence of spiritual streams that had been present in the ancient Mysteries. (You know this from my book, Christianity as Mystical Fact.) What had taken place in the ancient Mysteries as the sacrificial rite, the rite of initiation, what had taken place in the temple with, one might say, limited importance, was now set out on the great stage of world history; it now took place in the realm of our entire earth existence. In a certain sense, the initiation of humanity itself was brought out of the temples and presented as historical event before the whole world.

[ 10 ] Nun muß man sich fragen: Was dachte sich denn eigentlich der alte Mensch, der teilnehmen durfte an den Weihehandlungen der Mysterien, in jener Zeit, als die Mysterien noch ihre wirkliche, alte Bedeutung hatten? Der Mensch war vermöge seines Vorbereitungsunterrichtes für die Mysterien sich völlig klar darüber, daß dasjenige, was zunächst in der äußeren Sinneswelt sich ausbreitet, was auch der menschliche Verstand begreifen kann, eine bloße Phänomenenwelt sei, eine Welt des äußeren Sinnenscheines, daß dasjenige, was der Mensch zunächst in seinem Umkreis erlebt in seiner Wachezeit zwischen Geburt und Tod, nur die äußere Anschauung, Erscheinungsoffenbarung der inneren Wesenheit sei und daß diese innere Wesenheit aber sich im allgemeinen Leben des Menschen verbirgt. Aber in den Mysterienweihehandlungen, da suchte der Mensch gewissermaßen aus den Tiefen des Seins heraus dasjenige, was ihm als Wesen zuströmte, was sich herausholen, herausschälen ließ aus dem bloßen Phänomenalen, aus dem bloßen Scheindasein als das Wesentliche, als das wahrhaft Wirkliche. Der alte Teilnehmer an den Mysterien, er war jederzeit geneigt, sich zu sagen: Wenn ich so durch die Welt schreite, mir anschaue die äußere Natur: das ist Schein. Wenn ich dieses oder jenes in der Welt erlebe: das ist Schein. Wenn ich dieses oder jenes für diese Welt arbeite: das ist Schein. Wenn ich aber in dem Tempel teilnehmen darf an der heiligen Mysterienhandlung; so geschieht etwas, was Wahrheit ist, was nicht Schein ist. Es wird gleichsam etwas herausgezogen aus dem Scheindasein der Welt, welches umgesetzt wird in eine sakramentale Handlung, und diese sakramentale Handlung enthält gerade die Wahrheit gegenüber dem Schein.

[ 10 ] Now let us ask: what were the thoughts of someone permitted to take part in the initiation rites of the ancient Mysteries—when these still possessed their true significance? Through his preparatory instruction such a person knew with certainty that what is directly apparent in the external world of the senses, and what can be comprehended by the human intellect, is a world of mere phenomena, a world of appearance. He knew that what a human being experiences immediately in his environment during his waking hours between birth and death is only the outer view, the phenomenal display, of an inner reality, and that in ordinary life this inner reality is concealed. In the Mystery rite itself such a person sought true reality in what streamed to him, as it were, from the depths of existence, in what could be drawn out and separated from the merely phenomenal, illusory existence. Someone who took part in the ancient Mysteries could always say to himself: When I walk through the world and see external nature, it is illusion. When I experience this or that in the world, it is illusion. When I do any kind of work for the world, it is illusion. But when I am permitted to take part in the holy acts of the Mysteries in the Temple, then something happens that is truth, not illusion. Something is drawn forth, so to speak, out of the illusory existence of the world and transformed into a sacramental act; and this act contains exact truth in contrast to the illusion.

[ 11 ] Man muß sich den ganzen Unterschied zwischen dieser Mysterienanschauung und der Anschauung, die zum Beispiel heute im materialistischen Zeitalter herrscht, klarmachen, wenn man in aller Schärfe gerade auf das Wesen dieser Mysterienanschauung hinweisen will. Man muß sich klarmachen, daß alles dasjenige, was der Mensch heute im materialistischen Zeitalter Wirklichkeit nennt, von dieser Mysterienanschauung als Schein erklärt worden ist, während zum Beispiel die sakramentale Handlung, der Initiationsritus, der verrichtet wurde und der heute den meisten Menschen als Phantastik gilt, den Mysterienkennern als das einzig Wirkliche galt, das ihnen im Leben entgegentreten könne. Daher wurde auch solche Mysterienhandlung nicht beliebig verrichtet, sondern zu gewissen Zeiten, wenn man der Ansicht war, daß durch die Erscheinungen des äußeren Lebens etwas durchdringen konnte von dem wahren Wesen, welches man dann gleichsam auffangen konnte durch die sakramentalen Handlungen im Mysterium. Es ist oftmals hingewiesen worden darauf, daß eine wichtige sakramentale Handlung in den Mysterien darin bestand, daß gezeigt wurde die Opferung des Gottes, das Sterben des Gottes und das Wiederauferstehen des Gottes nach drei Tagen. In dieser Mysterienhandlung war darauf hingewiesen, wie dem tieferen Durchdringer der äußeren Welt — wenn er in sie sieht — der Tod in dieser äußeren Welt verraten kann das wahre Wesen dieser Welt, wie gesucht werden muß jenseits des Todes dasjenige, was wahrhaft Wirklichkeit ist.

[ 11 ] If we wish to be quite clear concerning this view of the Mysteries, we must compare it to the view prevailing today in our materialistic age. We must understand that all that is called reality today in this age of materialism was regarded as illusion in the conceptions belonging to the Mysteries; while, for example, the sacramental act performed as the initiation rite, which most people today consider “fantastic”, was esteemed by those acquainted with the Mysteries as the only reality in life. Such an act, therefore, was not performed at random, but at certain times when it was believed that something of the true nature of things might push through the phenomena of outer life and, as it were, be captured through the act. It has often been mentioned that one such important rite consisted in showing the sacrifice of the God, the death of the God, and His resurrection after three days. This pointed to the fact that to someone who penetrates more deeply into the external world, death can reveal the true nature of this world, that reality must be sought beyond death.

[ 12 ] Aber all das, was so aus der Mysterienstimmung heraus in die Menschenseele kommen konnte, denken wir es uns zusammengefaßt im Beginne unserer christlichen Zeitrechnung als Ausdruck des Wichtigsten in den Welterscheinungen. Jemand, der im Beginne dieser christlichen Zeitrechnung mit dem Gange unserer Erdenentwickelung vollständig hätte fühlen können, er hätte sich sagen können: Es war in alten Zeiten die Möglichkeit für die Menschen vorhanden, in atavistischer Weihewissenschaft etwas von dem Göttlich-Geistigen zu erfahren. Diese Zeit ist vorbei. Überblickt man die Erdenentwickelung, so kann man sagen: In alten Zeiten, da offenbarte sich den Menschen aus dieser Erdenentwickelung heraus etwas von der göttlichgeistigen Welt. Doch die Zeit ist eingetreten, wo nichts mehr herausgeholt werden kann aus dem Welteninhalt für dasjenige, was den Menschen hinführt zum Göttlich-Geistigen. Die Welt hat verloren ihr göttlich-geistiges Leben. — So würde eine solche Seele gesagt haben. Auf was muß man blicken, wenn man diesen Sinn der Entwickelung der Erdenmenschheit ins Auge faßte? Wo ist dasjenige, was in der Zeit der Entstehung des Christentums wirklicher Erdensinn ist? Wo ist dasjenige, was ausspricht, was im Innersten gewollt wird in dieser Zeit? Zu Golgatha auf dem Kreuz: der Tod ist es! Das was früher aus der Erdenentwickelung hervorquoll, was zum Heile der Menschen war, es ist selber gestorben. In dem Hinblicke auf den toten Gott ist der wirklich tiefer in das Weltenwesen eindringenden Seele der Erdenimpuls, der tiefste Erdenimpuls selber gegeben zur Zeit der Entstehung des Christentums.

[ 12 ] Think of all this entering human souls from the content of the Mysteries at the beginning of our Christian era, expressing the most important fact in world phenomena! Someone in that era pondering on the course of our earth evolution would have been able to say: “In ancient times it was possible for man to learn something about the divine-spiritual world through atavistic initiation science. It was formerly revealed to man out of earth evolution itself. That time is now past. The time has come when nothing more can be drawn from the content of this world to guide us to the divine-spiritual world. This world has lost its divine-spiritual life.” That is what such a soul would have said. Where must one look for the meaning of evolution for earth-humanity? Where was the real meaning of the earth at the time when Christianity came into being? Where was the expression of what was willed in man's innermost being at that time? At Golgotha on the cross. It was Death! What formerly had gushed forth from earth evolution for human salvation, was itself dead. To the soul that penetrated more deeply into cosmic reality, an earth impulse, the most profound of all earth impulses, was given at the time of the birth of Christianity, in the contemplation of the dead God.

[ 13 ] Und so empfunden, stellt sich erst die ganze Größe desjenigen dar, auf das es in diesem Zusammenhange ankommt. Das alte Weltenwissen, die alte Weltanschauung war zusammengeflossen in dem Salomonischen Tempel; aber diese alte Weltanschauung barg nichts mehr von dem, was sie groß gemacht hätte. Ein Neues mußte in die Weltentwickelung hereintreten. Und so fließen in der Zeitentwickelung unmittelbar zusammen der Niederbruch des Salomonischen Tempels und der Aufgang, die Geburt des Christentums — der Salomonische Tempel: ein symbolisches Raumesbild des Welteninhaltes; das Christentum, zusammengefaßt als Zeiterscheinung: ein neues Weltenbild. Beim Christentum ist nicht die Hauptsache irgend etwas, was als Raumesbild auftreten kann wie beim Salomonischen Tempel; beim Christentum ist das Wesentliche, daß man versteht: Die Erdenentwickelung ging bis zum Mysterium von Golgatha; das Mysterium von Golgatha hat eingegriffen, dann geht es durch den in die Menschheit sich ausgießenden Christus in dieser oder jener Weise weiter. — Das Christentum versteht nur derjenige, der es auffaßt durch Bilder, die in der Zeit ablaufen. Der tiefere Inhalt des Christentums läßt sich nicht im entferntesten vergleichen mit dem, was in Raumesbildern auftritt, auch nicht in den gigantischen, großartigen Raumesbildern des Salomonischen Tempels. Doch der Salomonische Tempel, wie auch dasjenige, was das Innerliche des pharisäischen, des sadduzäischen Lebens war, enthielten die Seele des damaligen Weltenbewußtseins. Wer nach der Seele des Weltenbewußtseins vor zweitausend Jahren sucht, der findet zu jener Zeit diese Seele im alttestamentlichen Judentum. In diese Seele ward gesenkt der Keim des Christentums, ein neuer Keim gewissermaßen aus alldem, was im Raume ausdrückbar war: dasjenige, was nur in der Zeit ausdrückbar ist. Das Werden, hingestellt nach dem Sein: das ist die innere Beziehung des geborenwerdenden Christentums zu dem Seelischen der damaligen Welt, zu dem Judentum, das dasteht im Salomonischen Tempel, der aber in der Weltenfolge zusammenbricht. In die Seele, die im alten Judentum gegeben war, wurde das Christentum hineingeboren.

[ 13 ] Only when experienced in this way does the full magnitude appear of the matter with which we are here concerned. The ancient world conception, the ancient world-wisdom had flowed into Solomon's Temple; but it no longer held anything of what had made it great. Something new had to enter world evolution. And so in the course of time the destruction of Solomon's Temple and the rise, the birth, of Christianity exactly coincided. Solomon's Temple: a spatial symbolic image of the content of the cosmos; Christianity, comprehended as a time-phenomenon: a new image of the cosmos. Christianity is not something that appears as a spatial image, as in the case of Solomon's Temple; one only understands Christianity if one grasps it in images of time. One must see that earth evolution proceeded as far as the Mystery of Golgotha; then the Mystery of Golgotha intervened; then, through the Christ pouring Himself into humanity, evolution moves on in this way or that. Its deeper content is not to be equated in the remotest degree with anything appearing in spatial images, not even in the gigantic, magnificent spatial images of Solomon's Temple. Nevertheless, Solomon's Temple, as also the inner aspect of Pharisaic and Sadducean life, contained the soul of the world consciousness of that time. The soul of the world consciousness two thousands years ago was to be found in Old Testament Judaism. Into this soul was laid the seed of Christianity, a new seed that, while growing out of all that may be expressed in space, can only be expressed in time. The becoming following the existing: that is the inner relation of Christianity that was then being born to the soul element of the world of that time, to Judaism that was embodied in Solomon's Temple, which later collapsed. Christianity was born into the soul of ancient Judaism.

[ 14 ] Den Geist hat dieses Christentum aufgesucht im Griechentum. Wie im Judentum das Christentum die Seele aufgesucht hat, so hat es im Griechentum den Geist aufgesucht. Die Evangelien selber sind, so wie sie der Welt überliefert worden sind — abgesehen von demjenigen, was nicht überliefert worden ist —, so wie sie hinausgezogen sind in die Welt, im wesentlichen durch griechischen Geist gegangen. Die Gedanken, durch welche die Welt das Christentum denken konnte, sie sind griechische Geistesweisheit. Die ersten Verteidigungsschriften der Kirchenväter — in griechischer Sprache sind sie erschienen. So wie das Christentum hineingeboren ist in die Seele, die im Judentum gegeben war für die damalige Menschheit, so ist dieses Christentum hineingeboren in den Geist, der für die damalige Menschheit gegeben war durch das Griechentum.

[ 14 ] As Christianity sought the soul in Judaism, so it sought the spirit in Hellenism. The Gospels themselves, as transmitted to the world (I refer only to what has been handed down), have in the main passed through the Greek spirit. The thoughts through which the world could think Christianity are the spiritual wisdom of Greece. The first apologia of the Church Fathers appeared in the Greek tongue. Just as Christianity was born into the soul that for the humanity of that time lived in Judaism, so it was born into the spirit provided by Hellenism.

[ 15 ] Das Römertum aber gab den Leib. Das Römertum war im wesentlichen für die damalige Zeit dasjenige, was die äußere Organisation, den Reichsgedanken verwirklichen konnte. Judentum war Seele, Griechentum war Geist, Römertum war Leib — Leib natürlich in dem Sinne, wie die soziale Struktur der Menschheit Leib ist. Römertum ist im wesentlichen Gestaltung der äußeren Neigungen, Einrichtungen, und die Gedanken über die äußeren Einrichtungen leben in äußeren Einrichtungen: Leibliches in geschichtlichem Sein, Leibliches in geschichtlichem Werden. Wie das Christentum in die Seele des Judentums, in den Geist des Griechentums hineingeboren worden ist, so ist es in den Leib des Römischen Reiches hineingeboren worden. Oberflächliche Naturen finden sogar, daß alles dasjenige, was das Christentum birgt, sich erklären ließe aus Judentum, Griechentum und Römertum. Nun ja, wie materialistische Naturforscher finden, daß alles dasjenige, was im Menschen ist, von seinen Eltern, Großeltern und so weiter abstammt, und nicht bedenken, daß die Seele aus geistigen Reichen kommt und sich nur den Leib,als Kleid umlegt, so sind solche oberflächliche Naturen geneigt, zu sagen, das Christentum ist nur in demjenigen bestehend, was es sich eigentlich umgelegt hat. Das Wesentliche des Christentums tritt natürlich mit dem Christus Jesus selbst in die Welt, aber hineingeboren wird dieses Christentum in die Judenseele, in den Griechengeist und in den Leib des römischen Imperiums, des Römischen Reiches. Das ist gewissermaßen, angeschaut durch den Weihnachtsgedanken, die Geburt des Christentums selber.

[ 15 ] Romanism furnished the body. It was Romanism that at that time could provide an external organization for concepts of empire. Judaism soul, Hellenism spirit, Romanism body—body, of course, in the sense that the social structure of humanity is body. Romanism is in reality the forming of external inclinations and institutions; the thoughts concerning external institutions live within them. It is the corporeal element in historical existence, the corporeal element in historical development. Just as Christianity was born into the soul of Judaism and into the spirit of Hellenism, so it was born into the body of the Roman Empire. Superficial people even think that everything contained in Christianity can be explained out of Judaism, Hellenism and Romanism. In the same way, indeed, that materialistic natural scientists believe that everything in a human being is inherited from parents, grandparents, etc., ignoring the fact that the soul comes from spiritual regions and only puts on the body as a garment: so these superficial people like to say that Christianity consists of what in actual fact it has only put on as an outer garment. The essence of Christianity entered the world, of course, with Christ Jesus Himself; but this Christianity was born into the Jewish soul, into the Greek spirit, and into the body of the Roman Empire. That, in a sense, is the birth of Christianity itself, viewed in the light of Christmas thought.

[ 16 ] Wichtig ist es, diesen Gedanken nicht bloß als einen äußeren theoretischen zu nehmen, sondern ihn wirklich zum Weihnachtsgedanken zu vertiefen, gewissermaßen lernen hinzuschauen, was dieser Gedanke eigentlich für eine Tragkraft haben kann mit Bezug auf den neu geborenwerdenden Geist, der mit den Geistern der Persönlichkeit, wie ich neulich hier angeführt habe, in das Weltenwerden hereintritt. Das, was im Weltenwerden sich einpflanzen will dem Geschehen, das hat zunächst sich durchzuringen durch dasjenige, was vom Alten bleibt. Das ist ja das Geheimnis des Weltenwerdens, daß gewissermaßen eine normal fortgehende Entwickelung da ist, und ein luziferisches und ahrimanisches Zurückbleibendes, das modifiziert, stört, aber auch in einer gewissen Weise das fortschreitende Weltenwerden trägt. Ich habe öfter darauf aufmerksam gemacht: Man kann dieses Ahrimanisch-Luziferische nicht einfach fliehen, man muß es ruhig ins Auge fassen, man muß sich bewußt ihm entgegenstellen, aber man soll nur nicht unbewußt diese Dinge einfach über sich ergehen lassen. Von den Weltenimpulsen bleiben gewissermaßen Schatten zurück, die weiter wirken, wenn das Neue schon da ist, die aber in ihrem luziferischen oder ahrimanischen Charakter durchschaut werden müssen. Es muß dieses Ahrimanisch-Luziferische weiter mit der Entwickelung gehen, aber es darf nicht verabsolutiert werden, es muß in seinem luziferischen und ahrimanischen Charakter durchschaut werden. Es ist zurückgeblieben Schattenhaftes vom Salomonischen Tempel, zurückgeblieben Schattenhaftes vom Griechentum, zurückgeblieben Schattenhaftes vom Römischen Reich. Vor zweitausend Jahren nahezu war es selbstverständlich, daß aus diesen dreien — aus Seele, Geist und Leib — herausgeboren wurde das Christentum. Aber Seele, Geist und Leib konnten nicht gleich verschwinden. Sie blieben in einer gewissen Weise nachwirkend. Heute ist die Zeit, wo dieser Tatbestand durchschaut werden muß, wo durchschaut werden muß das völlige Einzigartige des Christus-Impulses selbst.

[ 16 ] It is important not to accept these facts as mere external theories, but to relate them deeply to our thought of Christmas, to learn what their significance really is in relation to the newborn Impulse that is now entering world evolution with the Spirits of Personality—as I explained here recently.3Rudolf Steiner, Dornach, 20 Dec. 1918, Die Soziale Grundfordentng unserer Zeit/in Geanderter Zeitlage, GA 186 (Dornach, Rudolf Steiner Verlag, 1979). Indeed, dear friends, anything new that purposes to enter into the course of world evolution must first struggle through what remains of the old. This is precisely the mystery of world-becoming, that on the one hand there is a normal, progressive evolution; on the other hand, retarded luciferic and ahrimanic forces interfere with it and modify it, but also in a certain sense support it as it advances. I have often called attention to the fact that we cannot escape this ahrimanic-luciferic force; we must look straight at it calmly, and face it consciously. On no account must we simply submit to these things unconsciously. From world impulses shadows remain behind that continue to have an effect even after something new has come into existence; but their luciferic and ahrimanic character must be recognized. This ahrimanic-luciferic element must accompany evolution, but it must not be accepted in an absolute sense; its luciferic- ahrimanic character must be perceived. Something shadowlike has remained behind from Solomon's Temple, something shadow-like also from Hellenism, and something shadow-like from the Roman Empire. Nearly two thousand years ago it was self-evident that from these three—soul, spirit, and body—Christianity was born. But soul, spirit, and body could not immediately disappear; they remained in a certain way as after-effects. Now is the time when this fact must be clearly understood and when the completely unique character of the Christ Impulse itself must be realized.

[ 17 ] Ein Schatten ist zurückgeblieben auch von dem wesenhaftesten Extrakt des esoterischen Alten Testamentes, von dem Geheimnisse des Salomonischen Tempels, ein Schatten ist zurückgeblieben von dem Griechentum, und ein Schatten ist zurückgeblieben vom Römischen Reich. Man muß lernen, die Schatten zu unterscheiden von dem Lichte. Das wird die Aufgabe der Menschheit von der Gegenwart an in die nächste Zukunft sein: die Schatten und das Licht in der richtigen Weise auseinanderzuhalten.

[ 17 ] A shadow remains behind from the most important extract of the esoteric Old Testament, from the Mystery of Solomon's Temple; a shadow remains from Hellenism; also one from the Roman Empire. We must learn to distinguish the shadows from the light. It will be mankind's task from this present time into the immediate future to differentiate between the shadows and the light in the right way.

[ 18 ] Wir sehen den Schatten des Römischen Reiches im römischen Katholizismus heute. Dieser Schatten ist nicht das Christentum, es ist der Schatten des alten Römischen Reiches, in das hinein das Christentum geboren werden mußte, in dessen Formen noch immer fortlebt dasjenige, was dazumal als Struktur des Christentums sich herausbilden mußte. Aber wir müssen lernen, die Menschheit muß lernen unterscheiden den Schatten des alten Römischen Reiches von dem Christentum. In der Konstitution der katholischen Kirche hat man nicht dasjenige, was die Essenz des Christentums ist, das hat man überhaupt nicht in der Konstitution der christlichen Kirchen. In der Konstitution dieser christlichen Kirchen lebt das, was gelebt hat in dem Römischen Reiche von Romulus bis zum Kaiser Augustus, was sich da ausgebildet hat. Die Täuschung entsteht nur dadurch, daß in diesen Leib hineingeboren worden ist das Christentum.

[ 18 ] We see the shadow of the Roman Empire in Roman Catholicism. This is not Christianity; it is the shadow of the ancient Roman Empire into which Christianity had to be born. In its forms there continues to live what had to be built up at that time as a framework for Christianity. But we must learn—humanity must learn—to distinguish the shadow of the old Roman Empire from Christianity. The essence of Christianity is not to be found in the organization of the Catholic Church, or indeed of any of the Christian churches. One sees in their hierarchical aspect what existed and developed in the Roman Empire from Romulus to the Emperor Augustus. The illusion arises only because Christianity was born into this body.

[ 19 ] Auch der Salomonische Tempel ist in dieser Richtung wie ein Schatten zurückgeblieben. Dasjenige, was die Geheimnisse des Salomonischen Tempels waren, ist mit einigen Ausnahmen fast restlos aufgegangen in all die maurerischen und andern Geheimgesellschaften der jetzigen Zeit. Wie die römische Kirche der Schatten des alten Römischen Reiches ist, so ist, mögen sie auch anderes behaupten wollen — sogar wenn sie Judentum ausschließen — dasjenige, was durch diese Gesellschaften fortlebt, der Schatten des alten Judentums, der Schatten des esoterischen Jehovadienstes. Wiederum muß unterschieden werden der Schatten von dem Lichte, wie unterschieden werden muß der Schatten, der ausgedrückt ist in dem fortwirkenden Lateinerreich in der katholischen Kirche, in den Kirchen überhaupt, von dem Lichte. Wie unterschieden werden muß der Schatten von dem Licht, das im Christentum leuchtet, so muß unterschieden werden dasjenige, in das hinein als Seele geboren werden mußte das Christentum, das aber als Schatten fortwirkt in denjenigen Gesellschaften, die in ihren Untergründen Symbolik haben, an die salomonische erinnernde Symbolik.

[ 19 ] In this sense Solomon's Temple has also remained as a shadow. The Mysteries of Solomon's Temple have—with a few exceptions—been completely absorbed into the Masonic and other secret societies of the present time. As the Roman Church is the shadow of the ancient Roman Empire, so what continues to exist in these societies—however strongly they assert to the contrary, even to the extent of excluding Jews—is the shadow of ancient Judaism, the shadow of the esoteric Jehovah-worship. Again the shadow must be distinguished from the light. Just as the shadow expressed in the perpetuation of the Roman Empire in the Catholic Church, in the churches generally, must be distinguished from the light shining in Christianity, so the element into which Christianity had to be born as soul must be distinguished from the shadow that continues to work in societies founded on symbolism that is reminiscent of Solomon's Temple.

[ 20 ] Diese Dinge müssen erkannt werden. Diese Dinge müssen recht angeschaut werden, diese Dinge müssen in unserer Zeit aber beleuchtet werden mit den neuen Offenbarungen, von denen wir in diesen Tagen gesprochen haben.

[ 20 ] These things must be recognized. They must be looked at in the right way. And they must be illuminated in our time by the new revelations of which we have been speaking during these days.

[ 21 ] Der Schatten des griechischen Geistes, in den hineingeboren werden mußte das Christentum, das ist nun — trotz aller Schönheit des Griechentums, trotz alles ästhetischen und sonstigen bedeutsamen Inhaltes des Griechentums, trotz des Wirksamen, das das Griechentum für uns hat —, das ist die moderne Weltanschauung der gebildeten Welt, die es dazu gebracht hat, daß diese furchtbare Katastrophe über die Menschheit hereingebrochen ist. Als das Griechentum gelebt hat mit seiner Weltanschauung, da war das etwas anderes. Ein jegliches ist das Rechte zu seiner Zeit. Wird es absolut genommen, wird es antiquiert weitergetragen, dann wird es der Schatten seiner selbst, und der Schatten, er ist nicht das Licht, er kann in das Gegenteil des Wesens umschlagen. Aristotelismus zeigt noch etwas von.alter griechischer Größe, Aristotelismus in neuem Gewande ist Materialismus. Dasjenige, in was das Christentum hineingeboren worden ist, das ist jüdische Seele, griechischer Geist, römischer Leib; die drei aber haben ihre Schatten zurückgelassen. Der Ruf geht wie ein Engelsposaunenklang durch unsere Zeit, diese Tatbestände in ihrem wahren Wesen zu durchschauen, durch die Schatten hindurch auf das Licht zu schauen. Wahrhaftig, wer heute sich in die Zeit versenkt, wer unbefangen, ohne Vorurteil dasjenige aufnimmt, was aufgenommen werden kann, was aber eingelaufen ist in diese furchtbaren, schmerzlichen Tatsachen der letzten Jahre, der kann nicht umhin, doch vielleicht den Blick zu richten darauf, ob nicht irgendein Licht gesucht werden müsse, das anders leuchte in den Finsternissen der Erde als diejenigen Lichter, an welche die Menschen vielfach heute als an die einzigen Lichter nur noch glauben wollen. Den guten Willen, ihn sollte man suchen, um den Weg durch die Schatten zum Lichte hin zu finden. Denn die Schatten werden sich sehr geltend machen. Die Schatten werden sich geltend machen durch jene Menschen, die für sich selber vielleicht wenig gelitten haben unter den großen Leiden der Menschheit in der Gegenwart und die keine oder nur geringe Teilnahme haben für das ungeheuer Schmerzvolle, das die Welt durchzuckt und das für sich ein Beweis ist, wie viele von den Gedanken, die heraufgekommen sind, Schiffbruch zu leiden bestimmt waren. Wer versucht, mit tieferem Verständnis dasjenige zu überschauen, was heute wahrhaftig nicht schwer ist zu sehen, wer den guten Willen hat, vorurteilslos die Blicke hinzuwenden auf das, was heute unter Menschen geschieht, der wird den Impuls zum Suchen des Lichtes empfangen. Und man sollte auf diesen inneren Antrieb in der Menschenseele heute einigen Wert legen, man sollte nicht hinhören auf diejenigen, die — je nach dem Platze, auf den sie gestellt sind — nur irgendeinen alten Schatten verteidigen wöllen, sondern hinhören auf sein Eigenes, das deutlich genug sprechen muß, wenn man es nur nicht übertönen will durch das, was aus den äußeren Schattenbehauptungen heraustönt. . Man wird sich schon heute überzeugen können — wenn man hinblickt, teilnahms-, mitleidsvoll hinblickt auf dasjenige, was geschehen ist, was geschieht, was geschehen wird —, man wird schon sehen, daß eine merkwürdige, das rechte Menschliche verzertende Gestalt vor den Menschen steht, eine Gestalt, welche an sich trägt jene Gewänder, die aus den Schatten gewoben sind, eine Gestalt, welche in sich vereinigt in Gedanken, Empfindungen, in Gefühlen und in Willensimpulsen dasjenige, was die Menschheit auf eine schiefe Bahn gebracht hat und geeignet ist, weiter auf eine schiefe Bahn zu bringen. Im Innersten dessen, was außen geschieht, leben die drei charakterisierten Schattengedanken.

[ 21 ] The Greek spirit into which Christianity had to be born—in spite of all the beauty of Hellenism, in spite of its esthetic and other important content, in spite of the influence it has upon us—has left its shadow as the modern world conception of the cultured humanity that has brought this fearful catastrophe4World War I. upon mankind. When Hellenism existed with its world conception, it was something different. Everything, dear friends, is right in its own time. If something is taken in an absolute sense, and carried on after it has become antiquated, it then becomes the shadow of itself. And the shadow is not the light; it may change suddenly into the opposite of the real thing. Aristotelianism still shows something of the greatness of ancient Greece. Aristotle in modern raiment is materialism. Christianity was born into the Jewish soul, the Greek spirit, the Roman body; but the three have left their shadows behind. The challenge sounds through our time, like the call of an angel's trumpet, to perceive the true facts, to look through the shadows to the light. Truly, anyone who ponders over this present moment in time, who considers impartially, without prejudice, what has brought about the fearful, distressing events of recent years, surely cannot help wondering whether some sort of light can be sought that would shine into the darknesses of earth in a different way from those lights which most people still wish to regard as the only ones. One should find the will to look for a way through the shadows to the light. For the shadows will assert themselves. They will become effective through people who perhaps have endured little themselves of the great suffering of humanity at the present time, who have no sympathy, or very little, for the terrible agony that has flashed through the world, agony that is itself proof that many of the thoughts which have appeared were destined to be shipwrecked. One who tries to examine with deeper understanding what is really not difficult to see today, one who has the resolute will to look without prejudice at what is happening today among men, will feel an impulse to seek the light. He should attach some importance to this impulse in his soul, not listen to those who—depending on the place they occupy—wish only to defend one of the ancient shadows, but listen to his own soul; it will speak clearly enough if only he does not let its voice drown under the external assertions of the shadows. If today one looks compassionately at what has happened, what is happening, and what will happen, one will be able to see a strange figure standing before men: a distortion of the truly human form, in garments woven of shadows, a figure uniting in itself in its thoughts, sensations, feelings, and will-impulses what has put humanity on a wrong track and gives every promise of taking it farther on the wrong track. Deep within what is happening outwardly dwell those three shadow-thoughts that have been described.

[ 22 ] Wer aber sich geeignet macht, den Blick hinzuwenden auf diese Gestalt, deren Gewand aus den Schatten gewoben ist, der bereitet sich auch in der richtigen Weise vor, nach anderem hinzuschauen: hinzuschauen nach jenem Baume, der in der Finsternis doch heute schon leuchten kann mit seinen Lichtern, nach jenem Baume, den man anschaut, wenn man sich nicht beirren läßt durch das dreifache Schattendasein, sich nicht beirren läßt von antiquierter Symbolik, von antiquiertem Kirchentum, von antiquierter materialistischer Wissenschaft, sondern reinen Herzens hinschaut auf dasjenige, was leuchten will in der Finsternis als ein wirklicher Weihnachtsbaum, unter dem da liegt das durch das Weihnachtslicht neu beleuchtete Christus-Jesuskind. Das möchte Geisteswissenschaft, anthroposophisch orientiert, letzten Endes tun: das Weihnachtslicht suchen, damit das Jesuskind, das in die Welt eingetreten ist, um erst zu wirken und dann verstanden zu werden, allmählich verstanden werden könne. In bescheidener Weise beleuchten das Größte der Ereignisse im Erdendasein, das möchte innerhalb der religiösen Menschheitsströmungen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Man wird nicht verstehen dieses Licht, das diese Geisteswissenschaft anerkennen will als ihr Weihnachtslicht, wenn man nicht den Willen hat, das dreifache Schattendasein unserer Zeit wirklich zu durchschauen. Ernst sind die Zeiten. Und wer nicht den guten Willen hat, die Zeiten ernst zu nehmen, der wird vielleicht in dieser Inkarnation noch nicht hinschauen können auf dasjenige, was für jeden Menschen, der guten Willens ist, in dieser Zeit wahrhaftig da sein sollte zum Heilen für so viele Wunden, die sonst der Menschheit noch geschlagen werden müßten. Hinschauen müßte der Mensch, der heute guten Willens ist, auf dasjenige, was erscheinen kann, indem das Weihnachtslicht anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft entzündet wird. Das Licht ist wahrhaftig klein, und derjenige, der sich zu dem Lichte bekennt, der bleibt bescheiden. Er will nicht dieses Licht als etwas Besonderes der Welt anpreisen, denn er weiß, daß es heute noch klein und unbedeutend brennen kann, daß viele Menschen und viele Generationen werden kommen müssen, damit dasjenige, was heute noch schwach brennt, stärker brennen kann. Aber wenn auch das Licht schwach brennt, es leuchtet hin auf etwas, das nicht schwach wirkt innerhalb der Menschen-Erdenentwickelung, sondern das stark wirkt als der Menschenentwickelung tiefster Sinn; es leuchtet hin auf dasjenige, was wir nennen können: Geburt des Christentums, Weihenacht des Christentums. Möge man neben dem Ostersinn der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft vor allen Dingen diesen ihren Weihnachtssinn verstehen; mögen in dieser Gesinnung recht viele Seelen erwarten können die Vertiefung der Nächtereihe, die da folgen soll auf die Weihenacht: dann werden diese Seelen empfinden können, wie gegenwärtig schon durch die Welt der Ruf geht, hinzublicken auf die Erscheinung des Jesus, der da auf Erden jenen Zeitpunkt erwartet, in dem er den Tod finden sollte, um in seinem Geistleben nach dem Tode der Menschheit und der Erdenentwickelung einen neuen Sinn zu geben.

[ 22 ] Whoever learns to see that figure in garments woven of shadows, has prepared himself in the right way to look at something else: to look at the tree that can illuminate even today's darkness with its lights. Whoever is pure in heart and does not allow himself to be misled by the threefold shadow-existence—antiquated symbolism, antiquated ecclesiasticism, antiquated materialistic science—will see what wills to shine in the darkness as a real Christmas tree, and lying beneath it the Christ-Jesus Child, illuminated anew by the Christmas light. This is the real aim of our anthroposophically-oriented science of the spirit: to seek the Christmas light, so that the Jesus Child, Who entered the world first to work and then to be understood, may gradually be understood; to illuminate in a modest way the greatest of all events in earth existence. This is the goal of our anthroposophical spiritual science within the religious currents of humanity. People will not understand the light that this spiritual science wants to recognize as its Christmas light unless they have the will really to penetrate the threefold shadow-existence of our time. The times are serious. And whoever lacks the will to take them seriously will perhaps not be able in this incarnation to see what should truly be perceptible at this time to every human being of good will, there for the healing of the many wounds that otherwise mankind will still have to suffer. People of good will should take notice of what may be seen when the anthroposophical science of the spirit enkindles the Christmas light. The light is truly small, and he who professes it remains humble. He does not wish to extol it to the world as something special, for he knows that now it appears small and insignificant, and many men and many generations must still come, to help what now burns dimly to become brighter. But even though the light is weak, it shines on something whose effect within human earthly evolution is not weak, something that is working powerfully as the deepest meaning of human evolution. The light illumines what we may call the birth of Christianity, the Christmas of Christianity. Along with the Easter meaning of anthroposophical spiritual science may this its Christmas meaning be understood. May many, many souls look forward in this spirit to the profound experience of the Christmas Holy Nights. They will then be able to feel that already a call is sounding through the world to contemplate the appearance of Jesus, who awaited here on earth that moment when He was to meet death, in order in His spirit-life after death to give a new meaning to mankind and to earth evolution.

[ 23 ] Fühlen wir etwas von dieser Weihenachtsstimmung, die gerade aus der Geisteswissenschaft in unsere Seele einziehen soll! Indem ich vor Ihnen die Empfindung zum Ausdruck bringen möchte als einen innerlichsten seelischen Weihe-Weihnachtsgruß, daß in Ihnen recht viel sei von dieser Weihestimmung, welche die neue Christus-Offenbarung zu empfangen guten Willens ist, möchte ich in diesem Augenblick diese Weihenacht festlich beginnen, indem ich voraussetze, daß Sie mit jenem Ernste sie beginnen, von dem ich in meinen heutigen Worten sprechen wollte, mit jenem Ernste, der aber der gegenwärtigen Weltenlage angemessen ist. Aus diesem Ernste heraus, meine lieben Freunde, von ganzem Herzen: Eine heilige, feierliche Weihenacht!

[ 23 ] My dear friends, let us feel something of this Christmas mood that is to enter our souls from spiritual science! I would like at this moment to begin Christmas solemnly, by expressing the wish—as my soul's innermost holy Christmas greeting—that you may experience the mood of consecration that wills to receive the new Christ-revelation. I assume that you too are beginning Christmas with that earnestness of which I endeavored to speak today, an earnestness appropriate to the present condition of the world. In this spirit, my dear friends, I wish you with all my heart a holy, solemn Christmas!