How Can Humanity Rediscover the Christ?
The Fall of the Spirits of Darkness
GA 187
1 January 1919, Dornach
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How Can Humanity Rediscover the Christ?, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Ein Lichtstrahl, der wirklich erleuchtend wirken kann, fällt auf solche Zeitrückblicke, wie wir gestern einen angestellt haben, wenn man zunächst gewissermaßen die negative Seite der Sache ins Auge faßt, wenn man sich nämlich fragt, wie wir das im Grunde schon öfter getan haben: Welches sind im tieferen Sinne die Impulse, welche die Menschheit in der Gegenwart in solche katastrophalen Ereignisse, namentlich aber, was noch wichtiger ist, in eine gewisse katastrophale Verfassung hineingebracht haben, wie sie ganz deutlich in den Verhältnissen zutage tritt? — Nun wird man selbstverständlich nicht gleich immer den Blick wenden können auf die tieferen Grundlagen von Zeitereignissen. Man wird den Blick zunächst wenden auf die, ich möchte sagen, mehr oberflächliche Schichte des Geschehens. Man wird dann dies oder jenes schildern können, und man wird mit solchen Schilderungen keineswegs unrecht haben. Das ist etwas, was immer berücksichtigt werden muß, wenn im Ernste von geisteswissenschaftlichen Betrachtungen ausgegangen werden soll. Solche geisteswissenschaftlichen Betrachtungen wollen nicht sagen, daß anderes immer unrichtig sei. Aber sie wollen heute in der Gegenwart namentlich darauf hinweisen, daß es nicht genügt, bei einer gewissen oberflächlichen Schichte der Weltbetrachtung stehenzubleiben, sondern daß es notwendig ist, tiefer in die Verhältnisse einzudringen. Nichts gerade Neues soll nach dieser Richtung hin heute gesagt werden, aber an manches soll erinnert werden, was, wenn man es sich als eine gewisse Neujahrsperspektive vor die Seele stellt, geeignet ist, in richtiger Art in diese Perspektive hineinzugehen, die vor uns in vieler Beziehung in erschütternder Weise liegt.
[ 1 ] A ray of light that can truly shed insight falls on retrospectives such as the one we undertook yesterday when one first considers, so to speak, the negative side of the matter—namely, when one asks oneself, as we have, in fact, done quite often: What, in a deeper sense, are the impulses that have led humanity in the present into such catastrophic events—and, more importantly, into a certain catastrophic state of affairs, as is quite clearly evident in current conditions? — Of course, one cannot always immediately turn one’s gaze to the deeper foundations of current events. One will first turn one’s gaze to what I would call the more superficial layer of events. One will then be able to describe this or that, and such descriptions will by no means be wrong. This is something that must always be taken into account if one is to proceed in earnest from spiritual-scientific considerations. Such spiritual-scientific considerations do not mean that other perspectives are always incorrect. But today, in the present, they wish to point out in particular that it is not enough to remain at a certain superficial level of worldview, but that it is necessary to penetrate more deeply into the circumstances. Nothing particularly new is to be said in this vein today, but we should recall certain things which, when viewed as a kind of New Year’s perspective, are well-suited to helping us enter properly into this perspective that lies before us in many respects in a deeply unsettling way.
[ 2 ] Sie erinnern sich, wie ich in diesen Tagen ausgeführt habe, daß zum Allerwichtigsten, zum Allerwesentlichsten in der Erkenntnis der gegenwärtigen Zeit gehört, daß die Menschheit gewissermaßen vor einer neuen Offenbarung steht. Es ist diejenige Offenbarung, die geschehen soll, und in gewisser Beziehung auch schon geschieht, durch die Geister der Persönlichkeit, welche, wenn man sich so ausdrücken will, zu der Würde von Schöpfern aufsteigen, während wir als Schöpfer im Weltengange der Menschheit bisher nur haben ansprechen können diejenigen Geister, welche in der Bibel die Elohim genannt werden, die wir die Geister der Form nennen. Etwas Schöpferisches also wird auftauchen innerhalb desjenigen, was der Mensch beim Verfolgen der Außenwelt bemerken kann.
[ 2 ] You will recall how I have explained in recent days that one of the most important, indeed the most essential, aspects of understanding the present age is that humanity is, so to speak, on the threshold of a new revelation. It is the revelation that is to take place—and in a certain sense is already taking place—through the spirits of personality, who, if one may put it that way, are rising to the dignity of creators, whereas, as creators in the course of human history, we have so far been able to address only those spirits who are called the Elohim in the Bible, whom we call the spirits of form. Something creative, then, will emerge within that which human beings can perceive as they observe the external world.
[ 3 ] Nun liegt es in gewissen Bedingungen der Menschennatur, daß der Mensch sich zunächst sträubt gegen die Anerkennung eines solchen hereinbrechenden Geisteselementes. Der Mensch will namentlich in der Gegenwart nicht eingehen auf ein solches Hereinbrechen eines geistigen Elementes. Nun müssen wir zweierlei unterscheiden, gerade wenn wir diese gegenwärtige neue Offenbarung ins Auge fassen. Um mich deutlicher zu machen, möchte ich noch das Folgende sagen.
[ 3 ] It is inherent in certain aspects of human nature that people initially resist acknowledging such an irrupting spiritual element. People, especially in the present, do not want to engage with such an irruption of a spiritual element. Now we must distinguish between two things, particularly when we consider this present new revelation. To make myself clearer, I would like to add the following.
[ 4 ] Der berühmte Kardinal Newman sagte, als er eingekleidet wurde in Rom, ein merkwürdiges Wort. Er sagte bei seiner Einkleidung, daß er kein anderes Heil für die Kirche sähe als eine neue Offenbarung. Das ist nun schon Jahrzehnte her, und Verschiedenes ist in der Welt da oder dort über diese merkwürdige Anschauung des Kardinals Newman gesprochen worden. Wenn man aber hinblickt auf das, was von kirchlicher Seite und von solcher Seite, die dem kirchlichen Bekenntnis verwandt ist, darüber gesagt worden ist, so ist es überall ein Hinweis darauf gewesen, daß man nicht von einer neuen Offenbarung sprechen soll, daß vielmehr an der alten Offenbarung festzuhalten sei. Und vor allen Dingen, wenn irgend etwas notwendig sei, so sei es nur das, daß man die alte Offenbarung besser verstünde, als man sie bisher verstanden hat.
[ 4 ] The famous Cardinal Newman said something remarkable when he was invested with his cardinal’s robes in Rome. At his investiture, he said that he saw no other salvation for the Church than a new revelation. That was decades ago, and various things have been said here and there around the world about this remarkable view of Cardinal Newman. But if one looks at what has been said about this by the Church and by those whose views are aligned with the Church’s creed, it has consistently been pointed out that one should not speak of a new revelation, but rather that one must hold fast to the old revelation. And above all, if anything is necessary, it is only that we understand the old revelation better than we have understood it so far.
[ 5 ] In diesen Einwänden, die von allen möglichen Seiten gegen den Ausspruch des Kardinals gemacht worden sind, der also eine Intuition hatte von dem Hereinbrechen einer neuen Offenbarung, sieht man, wie sich die Menschheit sträubt gegen eine solche Offenbarung. Nun ist zweierlei, wie gesagt, zu unterscheiden. Dadurch, daß sich die Menschen sträuben, eine solche Offenbarung entgegenzunehmen, wird selbstverständlich die Tatsache nicht aus der Welt geschafft, daß diese Offenbarung kommt. Diese Offenbarung ergießt sich wie eine neue Geisteswelle durch das Geschehen, in das der Mensch eingespannt ist. Der Mensch kann diese Welle nicht etwa von der Erde zurückstoßen. Sie ergießt sich über die Erde. Das ist die eine Tatsache.
[ 5 ] In these objections—raised from all sides against the cardinal’s statement, which thus reflected an intuition regarding the dawn of a new revelation—one can see how humanity resists such a revelation. Now, as I said, a distinction must be made between two things. The fact that people resist accepting such a revelation does not, of course, negate the fact that this revelation is coming. This revelation pours forth like a new wave of spirit through the events in which humanity is entangled. Humanity cannot, as it were, push this wave back from the earth. It pours over the earth. That is one fact.
[ 6 ] Also, ich möchte sagen, seit einiger Zeit, insbesondere seit dem Beginne des 20. Jahrhunderts — oder eigentlich deutlicher gesagt seit dem Jahre 1899 etwa — stehen wir, indem wir als Menschen in der Welt herumgehen, innerhalb einer neuen Welle des geistigen Lebens, die sich in das andere Leben der Menschheit hineinergießt. Und ein Geistesforscher ist heute nur ein Mensch, der dies zugibt, das heißt, der bemerkt, daß so etwas hereingebrochen ist in das Leben der Menschheit. Das ist die eine Tatsache.
[ 6 ] So, I would like to say that for some time now, especially since the beginning of the 20th century—or, to be more precise, since about 1899—we, as human beings going about our lives in the world, have been living within a new wave of spiritual life that is pouring into the broader life of humanity. And a spiritual researcher today is simply a person who acknowledges this—that is, who recognizes that something like this has broken into the life of humanity. That is the one fact.
[ 7 ] Die andere Tatsache ist eben, daß die Menschen — gerade nach ihrer gegenwärtigen Verfassung — ein gewisses Aufraffen brauchen, eine gewisse Aktivität brauchen, um zu bemerken, daß eine solche Welle sich in das Leben hereinergießt. Dadurch konnte das Bedeutsame eintreten, daß auf der einen Seite diese Welle sich wirklich hereinergossen hat in das Leben und da ist, auf der andern Seite aber die Menschen sie nicht bemerken wollen. Sie sträuben sich dagegen. Diese Tatsache, die dürfen Sie nicht abstrakt betrachten. Denn die Zentren gewissermaßen, die Mittelpunkte, in welchen sich diese Welle so ähnlich entlädt wie die elektrische Stromwelle im Kohärer bei der drahtlosen Telegraphie, die Kohärer auf diesem Gebiete also sind doch die Menschenseelen. Und geben Sie sich darüber keiner Täuschung hin: die Sache ist so, daß, indem die Menschen auf der Erde leben, sie einfach dadurch, daß sie Menschen des 20. Jahrhunderts sind, Aufnahmeapparate für das sind, was sich in der geschilderten Weise in das Leben hereinergießt. Der Mensch kann sich sträuben, mit seinem Bewußtsein das zuzugeben, aber er kann es nicht verhindern, daß seine Seele doch den Wellenschlag aufnimmt, daß der Wellenschlag in ihm ist.
[ 7 ] The other fact is simply that people—precisely given their current state—need a certain jolt, a certain burst of activity, to realize that such a wave is pouring into their lives. This has led to the significant situation where, on the one hand, this wave has truly poured into life and is present, but on the other hand, people do not want to notice it. They resist it. You must not view this fact in the abstract. For the centers, so to speak—the focal points—in which this wave discharges in much the same way as an electric current wave in a coherer in wireless telegraphy—the coherers in this realm are, after all, the human souls. And do not delude yourselves about this: the fact is that, by living on Earth—simply by being people of the 20th century—human beings are receiving devices for what pours into life in the manner described. A person may resist acknowledging this with their consciousness, but they cannot prevent their soul from receiving the wave, from the wave being within them.
[ 8 ] Nun muß man gerade diese Tatsache etwas genauer betrachten. Man muß nach den verschiedenen Voraussetzungen fragen, die wir jetzt machen können, nachdem wir diese Betrachtungen durch Wochen hindurch angestellt haben. Man muß fragen: Welches ist denn in unserem Zeitalter die bedeutungsvollste Fähigkeit der menschlichen Seele? Das ist die Intellektualität. Und wenn immer wieder und mit vollem Recht betont wird, der Mensch soll auch die andern Seelenkräfte zur Ausbildung bringen, nicht bloß die Intellektualität, so geschieht solche Betonung gerade aus dem Grunde heute so intensiv, weil der Mensch fühlt, die Intellektualität ist die eigentliche Fähigkeit des Zeitalters, und et soll, weil die Intellektualität über ihn hereinbrechen will, nur nicht die andern Fähigkeiten verkümmern lassen. Gerade weil die Intellektualität im Zeitalter der Bewußtseinsseele eine so wichtige Rolle spielt, gerade deshalb gibt es heute so oftmals die intensive Betonung, man soll das Gefühl, die Empfindung nicht verkümmern lassen, was eben gegenüber der hervorstechenden Tatsache, daß die Intellektualität eine so große Rolle spielt, von ganz besonderer Wichtigkeit ist.
[ 8 ] Now we must examine this very fact a little more closely. We must ask about the various assumptions we can now make, having engaged in these reflections for weeks on end. We must ask: What, then, is the most significant capacity of the human soul in our age? It is intellectuality. And while it is repeatedly and quite rightly emphasized that human beings should also cultivate their other soul powers—not merely intellectuality—such emphasis is made so intensely today precisely because people sense that intellectuality is the defining capacity of our age, and they feel that, since intellectuality is about to overwhelm them, they must not allow their other capacities to atrophy. Precisely because intellectuality plays such an important role in the Age of the Conscious Soul, there is so often such an intense emphasis today on not allowing feeling and sensation to atrophy—which is of particular importance in light of the striking fact that intellectuality plays such a major role.
[ 9 ] Nun muß man sich über diese Intellektualität einmal eine klare Vorstellung machen. Ich habe von den verschiedensten Gesichtspunkten aus über diese Intellektualität gesprochen. Sie erinnern sich vielleicht, daß ich sogar in Öffentlichen Vorträgen nicht versäumt habe, das Notwendige über das Intellektuelle in der gegenwärtigen Zeit mitzuteilen. Ich habe zum Beispiel davon gesprochen, daß wir in unserer naturwissenschaftlichen Weltauffassung, die eigentlich doch alle Kreise ergriffen hat — jeder Mensch denkt heute naturwissenschaftlich, wenn er auch gar nichts von Naturwissenschaft weiß —, etwas haben, was sich insbesondere der Intellektualität bedient. Auch wenn man experimentiert, auch wenn man beobachtet, man verarbeitet die Experimente oder die Ergebnisse der Experimente, man verarbeitet die Beobachtungen mit der Intellektualität. Gerade in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung, an die sich die Menschheit in der Gegenwart so gewöhnt hat, von deren Gesichtspunkten sie auch das soziale Leben zum Beispiel betrachten möchte, gerade in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung waltet und webt ganz und gar diese Intellektualität. Aber wie webt sie? Ich habe in öffentlichen Vorträgen oftmals die Frage erörtert: Was für ein Bild der Welt gewinnt man eigentlich durch naturwissenschaftliche Weltanschauung ?Zuletzt sieht man doch ein, daß das, was man sich vorstellen kann von der Welt durch die gebräuchlichen naturwissenschaftlichen Denkgewohnheiten, nicht die Wirklichkeit ist, sondern ein Gespenst oder eine Summe von Gespenstern, selbst unsere Atome und alles das, was man sich vorstellt in der Welt der Atome. Aber auch solche Leute, die mehr Positivisten sind, die nicht viel auf die Atomhypothese geben, wie Poincaré oder Avenarius oder Mach, stellen sich die Natur so vor, daß sie in ihren Vorstellungen eigentlich nicht etwas Wirkliches haben, wo die Natur hineinspielt, sondern ein Gespenst der Natur. Es ist dies zusammenhängend mit dem, was ich vor einigen Tagen hier gesagt habe: daß eigentlich die Begriffswelt, in der wir heute im Zeitalter der Bewußtseinsseele leben, nicht Wirklichkeiten enthält, sondern nur Bilder, Spiegelbilder. Und es ist schon außerordentlich viel gewonnen, wenn man nicht an dem Aberglauben hängt, daß, wenn man ein naturwissenschaftliches Buch liest oder eine naturwissenschaftliche Auseinandersetzung hört, man dann von einer Wirklichkeit erzählen hört. Wird man sich dessen bewußt, was einem da mitgeteilt ist, so ist das eigentlich nur ein Bild, eine Art Gespenst der Wirklichkeit. Was aber da lebt in solchen Vorstellungen, die eigentlich nur gespenstische Bilder sind, die sich nicht so wie die Goetheschen Metamorphosengedanken mit der Wirklichkeit verbinden, das, was da lebt, hat man doch heute in einem gewissen Sinn außerordentlich gern, außerordentlich lieb. Und man möchte die Wirklichkeit einfangen in dieses Gespenstgespinst der Vorstellungen. Alle diejenigen Leute, die heute von monistischer Weltanschauung und dergleichen reden, oder die sonstwie die positivistische Weltanschauung begründen, die glauben eigentlich mit einem merkwürdigen Aberglauben an die Tragweite dieser Gespenstgespinste. Sie glauben, sie könnten aus dem, was ihnen die heutige naturwissenschaftliche Anschauung gibt, ein Bild der Wirklichkeit herausholen, was sie eben nicht können. Also man liebt diese gespenstartige Natur des Weltbildes, das man sich schon einmal nach der heutigen Entwickelungsstufe des Menschen machen kann. Und das, daß man auf der einen Seite seine Vorstellungswelt liebt, daß aber diese Vorstellungswelt auf der andern Seite doch nur Bilder gibt, das beherrscht heute die Seelen. Und die Seelen, die in dieser Weise beherrscht sind von ihrem Vorstellungsstreben, die sind es, die sich sträuben gegen das Hereinbrechen einer Geisteswelle, die ja Wirklichkeit ist, und die zunächst nicht aufgefangen werden kann durch das bloße Gespenstgespinst der Vorstellungen, die man an der Hand der Naturwissenschaft entwickelt. Man kommt mit diesen Dingen nur zurecht, wenn man sich ganz klar ist, daß diese naturwissenschaftliche Vorstellungsart die Menschen dazu präpariert, das positive Geistige abzuweisen, das hereinspielt in die Welt. Und deshalb sträuben sie sich, furchtsam sträuben sie sich gegen die Welle, von der ich gesagt habe, daß sie hereinkommt und sich ausbreitet und daß sie doch in den Seelen der Menschen lebt.
[ 9 ] Now we must form a clear picture of this intellectuality. I have spoken about this intellectuality from a wide variety of perspectives. You may recall that even in public lectures I have not failed to convey what is necessary regarding the intellectual in the present age. For example, I have spoken of the fact that in our scientific worldview—which has, in fact, taken hold in all circles (everyone today thinks scientifically, even if they know nothing at all about the natural sciences)—we have something that makes particular use of intellectuality. Even when one experiments, even when one observes, one processes the experiments or the results of the experiments; one processes the observations through intellectuality. Precisely in the scientific worldview, to which humanity has become so accustomed in the present day—and from whose perspective it also wishes to view social life, for example—precisely in the scientific worldview, this intellectuality reigns and weaves completely. But how does it weave? I have often discussed the following question in public lectures: What kind of picture of the world does one actually gain through a scientific worldview? Ultimately, one comes to realize that what one can imagine of the world through the customary scientific habits of thought is not reality, but a phantom or a sum of phantoms—even our atoms and everything one imagines in the world of atoms. But even those who are more positivist in their outlook—who do not place much stock in the atomic hypothesis, such as Poincaré, Avenarius, or Mach—conceive of nature in such a way that their conceptions do not actually contain anything real in which nature plays a part, but rather a phantom of nature. This is connected to what I said here a few days ago: that the conceptual world in which we live today, in the age of the conscious soul, does not actually contain realities, but only images, reflections. And we have already gained an extraordinary deal simply by letting go of the superstition that when we read a book on the natural sciences or listen to a scientific debate, we are hearing about reality. If we become aware of what is being communicated to us there, we realize that it is actually only an image, a kind of phantom of reality. But what lives within such ideas—which are actually nothing more than ghostly images that do not connect with reality in the way that Goethe’s ideas of metamorphosis do—what lives there is, in a certain sense, something we are extraordinarily fond of, extraordinarily dear to us today. And we would like to capture reality within this ghostly web of ideas. All those people who today speak of a monistic worldview and the like, or who otherwise advocate a positivist worldview, actually believe—with a strange superstition—in the significance of these phantom-like webs of imagination. They believe they can extract an image of reality from what today’s scientific worldview provides them, which they simply cannot do. So people love this phantom-like nature of the worldview that can be formed at the present stage of human development. And the fact that, on the one hand, they love their world of imagination, while on the other hand this world of imagination provides only images—this is what dominates souls today. And the souls who are dominated in this way by their striving for imagination—they are the ones who resist the onslaught of a spiritual wave that is, after all, reality, and which cannot initially be grasped by the mere phantom web of ideas developed through natural science. One can only come to terms with these things if one is fully aware that this scientific mode of imagination prepares people to reject the positive spiritual reality that is entering the world. And that is why they resist—fearfully resist—the wave that I have described as coming in and spreading out, and which nevertheless lives in the souls of human beings.
[ 10 ] So ist im heutigen Menschen, gerade in den Menschen, die tonangebend sind, etwas da, was diese Welle nicht ergreifen mag; da ist etwas von dem Einschlagen dieser Welle, aber es ist zu gleicher Zeit in ihrem Bewußtsein etwas, was diese Welle nicht ergreifen mag. Man kann das Schema des heutigen Menschen oftmals so hinstellen, daß man sagt: Wenn dieses der Mensch ist, so ist hier eine Schicht der Seele, und hier eine zweite Schicht der Seele. Hier oben in dieser Schicht (siehe Zeichnung, II) ist das Bewußtsein, das heutige Bewußtsein, das insbesondere naturwissenschaftlich geschult ist. Aber die Welle, von der ich spreche, die geht durch die andere Schicht durch (rot). Nun würde es sich darum handeln, daß das Bewußtsein sich nicht bloß mit dem beschäftigt, was Gespenstgespinst wird, sondern daß das Bewußtsein in sich hereinfließen läßt, was da unten ist, daß es in sich aufnimmt, was da unten ist.
[ 10 ] Thus, in people today—especially in those who set the tone—there is something that refuses to be swept up by this wave; there is something of the impact of this wave, but at the same time there is something in their consciousness that refuses to be swept up by it. One can often depict the structure of modern human beings in such a way that one says: If this is the human being, then here is one layer of the soul, and here is a second layer of the soul. Up here in this layer (see diagram, II) is consciousness—modern consciousness—which is trained particularly in the natural sciences. But the wave I am speaking of passes through the other layer (red). The point, then, would be for consciousness not merely to concern itself with what is mere fantasy, but for consciousness to allow what is down there to flow into itself, to take in what is down there.


[ 11 ] Wenn Sie dies bedenken, so werden Sie etwas finden, was gerade heute für das Verstehen der Seelenkonstitution von außerordentlicher Wichtigkeit ist. Denn wir hätten diese furchtbare Kriegskatastrophe oder vielmehr den kriegerischen Ausdruck dieser Katastrophe — die Katastrophe, die in der Menschheit waltet, ist ja verschieden gestaltet, sie hat verschiedene Seiten, der Krieg, von dem man gesprochen hat, ist nur eine Seite —, diese Kriegsseite der Katastrophe, das, was da hauptsächlich in den letzten viereinhalb Jahren gewütet hat, das hätten wir gar nicht bekommen können, wenn nicht diese seelische Tatsache vorläge. Man muß diese seelische Tatsache ganz genau ins Auge fassen, wenn man sie verstehen will. Man muß sich nämlich fragen: Wie ist es denn eigentlich mit dieser Welle, die da so geht?
[ 11 ] If you consider this, you will discover something that is of extraordinary importance, especially today, for understanding the constitution of the soul. For we would not have experienced this terrible catastrophe of war—or rather, the warlike manifestation of this catastrophe—since the catastrophe that reigns within humanity takes various forms and has different aspects; the war we have been speaking of is only one aspect—this war-related aspect of the catastrophe, that which has raged primarily over the last four and a half years—we could never have experienced it at all if this spiritual reality did not exist. One must look very closely at this spiritual reality if one wishes to understand it. One must ask oneself: What is actually going on with this wave that is sweeping through?
[ 12 ] Das ist eine Welle, die zunächst gleichsam unter der Oberfläche dessen ist, worauf man gewöhnlich aufmerksam ist. Man kann fragen: Was lebt denn eigentlich in dieser Welle, in der sich gerade die Geister der Persönlichkeit bewegen? — Gewiß, es leben darin die Geister der Persönlichkeit, die sich neu als Schöpfer offenbaren wollen, aber es lebt eben manches andere noch in dieser Welle. Denn sehen Sie, Sie können sich einfach ein Meer vorstellen, da fahren Schiffe, in diesen Schiffen können die verschiedensten Persönlichkeiten sein, die sich auf den Wellen da bewegen; sie seien uns Bilder der Geister der Persönlichkeiten. Aber die Wellen selber sind ja da, die stellen auch etwas dar. Im Meer haben wir gewissermaßen bloß das blinde Wasserelement, das aber schon auch seine Mucken haben kann. Aber in dieser geistigen Welle, von der ich da spreche, stellt sich etwas anderes dar. Das, was da hereinflutet in die Seelen, was wirklich in den Seelen einschlägt, das ist Kampf, das ist ein Weltenkampf, der sich gewissermaßen hinter der Szene der gegenwärtigen Welt abspielt. In diesen Weltenkampf ist der Mensch eingesponnen. Die Wahrnehmung der Geister der Persönlichkeit, von denen ich spreche, ist für den Geistesforscher keineswegs eine, ich möchte sagen, ganz bequeme, wohlige Sache. Sie ist durchaus nicht so zu schildern, daß man etwa dem Menschen sagen könnte: Ich mache dich zum Geistesanschauer, weil dir das eine ungeheure Seligkeit bietet, weil du da recht wohlig schwimmen kannst in der geistigen Anschauung. — Das möchten die meisten Menschen. Die möchten, daß man ihnen so etwas wie einen Labetrank gibt, wenn sie heute in die geistige Welt hineinkommen sollen. Sie scheuen davor zurück, nicht einen Labetrank zu empfangen, nicht etwas, wovon sie sagen können: Es ist mir dabei so behaglich, so bequem zumute. — Das ist es gerade nicht, um was es sich heute handeln kann, sondern es handelt sich heute darum, daß man tatsächlich durch sich hindurchgehen fühlt einen Kampf, der sich hinter den Kulissen der Welt abspielt, einen Kampf, der sich abspielen muß, weil er notwendig hineingestellt ist in die Weltentwickelung, wie sie eben zu sein hat.
[ 12 ] This is a wave that, at first, lies, as it were, beneath the surface of what we usually pay attention to. One might ask: What actually lives in this wave, in which the spirits of personality are currently moving? — Certainly, the spirits of personality live there, seeking to reveal themselves anew as creators, but there are many other things living in this wave as well. For you see, you can simply imagine an ocean with ships sailing on it; within these ships there can be the most diverse personalities moving upon the waves—let them be our images of the spirits of personality. But the waves themselves are there, and they, too, represent something. In the ocean, we have, so to speak, merely the blind element of water, which, however, can also have its quirks. But in this spiritual wave of which I am speaking, something else is at work. What floods into the souls, what truly strikes at the very core of the souls—that is struggle; it is a cosmic struggle that, so to speak, unfolds behind the scenes of the present world. Human beings are entangled in this cosmic struggle. For the spiritual researcher, perceiving the spirits of the personality of which I speak is by no means—I might say—a completely comfortable, pleasant experience. It certainly cannot be described in such a way that one could say to a person: “I will make you a beholder of the spirit, because this offers you immense bliss, because you can float quite comfortably in spiritual contemplation.”—That is what most people would like. They would like to be given something like a refreshing drink when they are to enter the spiritual world today. They shy away from not receiving such a refreshing drink, from not receiving something about which they can say: “It makes me feel so at ease, so comfortable.” — That is precisely not what is at stake today; rather, what is at stake today is that one actually feels a struggle passing through one’s being—a struggle that is taking place behind the scenes of the world, a struggle that must take place because it is necessarily embedded in the course of world development, just as it must be.
[ 13 ] Man kann verschiedenes angeben, was diese Weltentwickelung, wie sie zu sein hat, charakterisiert. Ich will nur eines erwähnen. In den älteren, vorchristlichen Zeiten — gegen die Zeit, wo das Mysterium von Golgatha stattfand, hat das dann abgenommen —, da war es für die Seelen, die aufmerksam waren, über die ganze heidnische Welt hin wenigstens ziemlich selbstverständlich, daß sie Eindrücke hatten davon, daß es wiederholte Erdenleben gibt. Dieses alte Leben war überhaupt anders, als man geneigt ist, es sich heute vorzustellen. Nicht wahr, heute unterscheidet man Menschen, die eine Schulbildung haben und Menschen, die keine haben. In älteren Zeiten hat man unterschieden Menschen, die aufmerksam sein konnten auf die wiederholten Erdenleben, und solche, die nicht aufmerksam waren darauf. Das aber ging zurück, und ich habe öfter davon gesprochen, daß es gerade die Aufgabe des Christentums war, für eine Weile zurücktreten zu lassen diese Entwickelungswelle, die in dem Menschen das Bewußtsein von den wiederholten Erdenleben erweckt. Wenn man so etwas sagt, so setzt man sich gewöhnlich allerlei Mißverständnissen aus. Widersprüche werden einem vorgeworfen, die man ja, wenn man ausführlich redet, selber beheben möchte und kann. Ich habe neulich das wieder irgendwo gesagt; da hat mir gleich jemand geschrieben, ob ich denn nicht wisse, daß in der Bibel selber über die Reinkarnation gesprochen ist. Natürlich findet man in meinen Schriften die Andeutungen, wo in der Bibel darüber gesprochen ist, das ist selbstverständlich. Aber es ist nicht die Frage die, ob durch eine sehr weitgehende Interpretation in der Bibel von der Reinkarnation die Rede sein kann. Die ganze Verfassung in der Bibel ist doch so, daß die Reinkarnation in der Bibel nicht etwas darin Ausgesprochenes ist, nicht etwas, man kann sagen, an der Hand Hergetragenes. Das ist schon so, daß es in der Entwickelungsnotwendigkeit der Menschheit lag, daß eine Weile das Bewußtsein von den wiederholten Erdenleben zurückging, damit der Mensch sich daran gewöhne, ernst und intensiv das eine Erdenleben zu nehmen. Aber jetzt sind wir gewissermaßen bei einer Rückkehr dieser Sache; jetzt sind wir daran, daß wir nicht vorwärtskommen, wenn wir nicht den Blick wenden auf die wiederholten Erdenleben. Jetzt müssen wiederum diejenigen geistigen Elemente, die dem Menschen das Bewußtsein von den wiederholten Erdenleben zutragen wollen, hinter den Kulissen des Daseins einen harten Kampf kämpfen gegen diejenigen, die die alten Elemente und Impulse nur allein in das Bewußtsein des Menschen hineinlassen wollen. Dies ist ein bedeutsamer Kampf, an dem man teilnehmen muß, wenn man hineinschauen will in das, was hinter den Kulissen der Menschheitsentwickelung, der Weltentwickelung überhaupt vorgeht!
[ 13 ] There are various aspects that characterize the development of this world as it is meant to be. I will mention just one. In earlier, pre-Christian times—around the time of the Mystery of Golgotha, after which this tendency began to wane—it was, at least to a considerable extent, a matter of course for attentive souls throughout the entire pagan world to have impressions of the existence of repeated earthly lives. This ancient way of life was fundamentally different from what we tend to imagine today. Isn’t it true that today we distinguish between people who have a formal education and those who do not? In earlier times, a distinction was made between people who were able to be attentive to repeated earthly lives and those who were not attentive to them. But this awareness waned, and I have often spoken of how it was precisely the task of Christianity to temporarily set aside this wave of development that awakens in people the awareness of repeated earthly lives. When one says such things, one usually exposes oneself to all sorts of misunderstandings. One is accused of contradictions, which—if one speaks at length—one would like to and can resolve oneself. I mentioned this again recently somewhere; immediately, someone wrote to me asking whether I didn’t know that reincarnation is discussed in the Bible itself. Of course, one finds references in my writings to where this is discussed in the Bible; that goes without saying. But the question is not whether, through a very broad interpretation, one can speak of reincarnation in the Bible. The overall structure of the Bible is such that reincarnation is not something explicitly stated in it—not something, one might say, that is laid out clearly. It is true that, as part of humanity’s necessary development, awareness of repeated earthly lives receded for a time so that human beings could become accustomed to taking their single earthly life seriously and intensely. But now we are, so to speak, witnessing a return to this concept; we have reached a point where we cannot move forward unless we turn our gaze toward repeated earthly lives. Now, once again, those spiritual elements that seek to instill in human beings an awareness of repeated earthly lives must wage a hard struggle behind the scenes of existence against those who wish to allow only the old elements and impulses into human consciousness. This is a significant struggle in which one must participate if one wishes to gain insight into what is taking place behind the scenes of human development—and of world development in general!
[ 14 ] Man soll sich nur nicht vorstellen, daß hinter den Kulissen des sinnlichen Daseins etwas ist, worinnen man sich so gemütlich schlafen legen kann. So sind in der Regel die Paradiesesvorstellungen der materialistischen Menschen. Die stellen sich am liebsten vor: Wenn sich das Tor des 'Todes schließt, so kommen sie dann in die Möglichkeit, recht viel zu schlafen. Weil dieses Schlafen auch sehr behaglich ist, stellen es sich die Menschen am liebsten so vor. Nun, Sie wissen, daß die Sache nicht so ist. Aber es ist auch hinter den Kulissen des Daseins nicht so, daß man unbedingt nur das Begehren danach haben könnte, um alle diejenigen Triebe zu befriedigen, die man gerade aus seinem persönlichen Egoismus heraus gern hätte. Also man wird Teilnehmer eines Kampfes, eines richtigen Kampfes.
[ 14 ] One should not imagine that behind the scenes of sensory existence there is something where one can lie down and sleep so comfortably. Such are, as a rule, the notions of paradise held by materialistic people. They like to imagine that when the gate of “death” closes, they’ll have the opportunity to sleep a great deal. Because this sleep is also very comfortable, people prefer to imagine it that way. Well, you know that’s not how it is. But even behind the scenes of existence, it’s not the case that one could merely have the desire to satisfy all those impulses that one would like to indulge in out of personal selfishness. So one becomes a participant in a struggle, a real struggle.
[ 15 ] Nun liegt folgendes vor: Würden sich die Menschen nicht sträuben, diesen Kampf anzuschauen, würden sie sich bereit erklären, hinter die Kulissen des Daseins zu schauen nach den Mitteilungen, die von Geistesforschern gegeben werden, dann würden die Menschen das Dasein heute überhaupt anders anschauen. Was ich immer betont habe, das ist: Wir sollen Interesse gewinnen, der eine Mensch an dem andern; aber dieses Interesse, wie wir es gewinnen sollen, es ist in Wirklichkeit gar nicht denkbar, ohne daß wir die Geisteswissenschaft in unser Leben hereinleuchten lassen. Nicht wahr, wenn man zu Menschen in Beziehungen tritt — und jeder Mensch tritt zu Menschen in Beziehungen —, dann ist die Sache doch so: Wir lernen Menschen kennen, die wir gut nennen, wir lernen Menschen kennen, die wir mehr gleichgültig finden, wir lernen Menschen kennen, die wir böse nennen, die uns allerlei antun, durch die wir allerlei Schlimmes erfahren. Gewiß, im äußeren Leben auf dem physischen Plan bleibt nichts anderes übrig, als sich an die Menschen zu halten. Wenn einem schließlich einer eine Ohrfeige gibt, so kann man nicht, wenn man den Drang hat, sie ihm wieder zurückzugeben, sich an etwas anderes halten als an diesen Menschen. Aber den Zeitverhältnissen genügt diese Auffassung nicht mehr. Das muß man sich schon einmal gestehen: den Zeitverhältnissen genügt wirklich diese Auffassung nicht mehr, sondern es entspricht den Zeitverhältnissen viel mehr, wenn man sich heute sagt: Irgendein Mensch lügt einen an, oder ein anderer Mensch tut dies oder jenes. Gewiß, im physischen Leben muß man sich an den Menschen halten. Aber das Wichtige ist, daß man sich dessen bewußt wird: In den Menschen wirken herein allerlei geistige Impulse, und mit denen hat man es eigentlich zu tun. Man kann natürlich nicht, wenn einem einer eine Ohrfeige gibt, irgendeinem Dämon, der ihn dazu angetrieben hat, die Ohrfeige zurückgeben, man muß sich an den Menschen halten, der einem im physischen Leben physisch gegenübersteht. Aber das, was so notwendig ist, ich möchte sagen, vor den Kulissen des Daseins, das reicht wirklich nicht aus, um die Welt zu verstehen, namentlich reicht es nicht aus, um wirklich das soziale Leben ordentlich ins Auge zu fassen. Mit andern Worten: Der Mensch kommt heute nicht aus, wenn er nicht hinter dem, was physisch vorgeht, eine geistige Welt in Realität, in Konkretheit wirklich anerkennt. Das ist sehr wichtig. Davor haben die Menschen zum großen Teile Furcht.
[ 15 ] The situation is as follows: If people were not reluctant to observe this struggle, if they were willing to look behind the scenes of existence at the insights provided by spiritual researchers, then people today would view existence in an entirely different light. What I have always emphasized is this: We should develop an interest in one another; but this interest—how we are to develop it—is in reality inconceivable unless we allow spiritual science to shed light on our lives. Isn’t it true that when we enter into relationships with people—and every person enters into relationships with others—the reality is this: We get to know people we call good; we get to know people we find more or less indifferent; we get to know people we call evil, who do all sorts of things to us and through whom we experience all sorts of suffering. Certainly, in external life on the physical plane, there is no choice but to relate to these people. If, for example, someone slaps you, and you feel the urge to slap them back, you cannot relate to anything other than that person. But this view no longer suffices for the circumstances of our time. We must admit this to ourselves: this view truly no longer suffices for the circumstances of our time; rather, it is much more in keeping with the circumstances of our time to say today: “Some person is lying to me,” or “Another person is doing this or that.” Certainly, in physical life, one must focus on the person. But the important thing is to become aware of this: all manner of spiritual impulses are at work within people, and it is these that we are actually dealing with. Of course, if someone slaps you, you cannot return the slap to some demon that drove them to do it; you must hold fast to the person who stands physically before you in physical life. But what is so necessary—I would say, behind the scenes of existence—is really not enough to understand the world; in particular, it is not enough to truly grasp social life properly. In other words: People today cannot get by unless they truly recognize, behind what is physically happening, a spiritual world that is real and concrete. This is very important. For the most part, people are afraid of this.
[ 16 ] Diese Furcht ist gewiß nicht unbegründet. Wenn Sie nicht ganz nüchterne, trockene Menschen sind — selbstverständlich sitzt kein solcher hier —, dann werden Sie so etwas wie eine kleine Gänsehaut bekommen, wenn Sie sich denken sollen, daß Sie eigentlich der Schauplatz sind für das Wirken allerlei geistiger Wesenheiten, wie es in Wahrheit der Fall ist. Hat man dann so das Bewußtsein, man ist der Schauplatz für das Wirken aller möglichen geistigen Wesenheiten, dann hat man das Gefühl, daß man sich verliert an diese geistigen Wesenheiten, die einen ausstopfen. Man kommt sich so wie ein Sack vor, der ausgestopft ist mit allen möglichen Wesenheiten. Dieses Gefühl ist gewiß nicht unberechtigt, diese Gänsehaut; aber sie kann wahrhaftig nicht dadurch aus der Welt geschafft werden, daß man die Tatsache, ein solcher Sack zu sein, ableugnet, daß man gewissermaßen das Bewußtsein davor verschließt und sich blind und taub macht gegen das, was eine Wirklichkeit ist. Es muß in anderer Weise Hilfe geschaffen werden.
[ 16 ] This fear is certainly not unfounded. Unless you are completely sober, unemotional people—and of course there is no one like that here—you will get something like goosebumps when you consider that you are, in fact, the stage upon which all manner of spiritual beings act, as is indeed the case. Once you become aware that you are the stage for the activity of all manner of spiritual beings, you get the feeling that you are being swallowed up by these spiritual beings, who are stuffing you full. You feel like a sack stuffed with all manner of beings. This feeling—these goosebumps—is certainly not unfounded; but it truly cannot be dispelled by denying the fact that one is such a sack, by, so to speak, shutting one’s consciousness off from it and making oneself blind and deaf to what is a reality. Help must be found in another way.
[ 17 ] Nun, da liegt eine sehr wichtige Tatsache vor. Nehmen Sie an, so ein Menschenkohäter, so ein Mensch, in den hereinschlägt die Welle des Kampfes, der aber nicht geneigt ist, auf das geistige Leben etwas zu geben, gibt sich der Denkweise der heutigen Zeit im eminentesten Sinne hin, der Denkweise, die nach dem Muster naturwissenschaftlicher Weltanschauung aufgebaut ist. Man muß wirklich sich ernsthaft den Dingen gegenüberstellen, denn in unserer heutigen Zeit kann man keinen Lichtstrahl empfangen, sondern nur sich Rathenauschem Pessimismus hingeben, wenn man nicht auf diese Dinge hinschaut. Nehmen Sie zum Beispiel folgendes. Nehmen Sie an, so ein Mann wie Ludendorff wäre Professor der Botanik geworden. Er wäre wahrscheinlich ein ausgezeichneter Professor der Botanik geworden, würde Außerordentliches geleistet haben als Professor der Botanik, würde, wie man sagt, ein berühmter Knopf geworden sein, so berühmt, daß es sogar seinen Ehrgeiz hätte befriedigen können, aber er würde nicht eine so große Zahl von Menschen unglücklich gemacht haben, wie er es getan hat. Nun stand er nicht an einem Platze, wo er ein unschuldiger Professor der Botanik war — unschuldig jetzt im Weltenzusammenhange; wahrscheinlich würde er diejenigen doch einigermaßen gemartert haben, die bei ihm hätten Examen machen sollen —, aber nehmen wir an, er wäre also im Weltenzusammenhange ein unschuldiger Professor der Botanik geworden, so wäre die Sache gut vor sich gegangen. So ist er es aber nicht geworden, sondern er ist ein sogenannter Stratege geworden. Und dutch das, was in ihm lag: nur denken zu können im Sinne der Gespenstgespinste der naturwissenschaftlichen Richtung, konnte er nicht das, was sich in seiner Seele entlud, ins Bewußtsein heraufbekommen; denn diese Denkweise ist nicht geeignet, das, was da unten sich in der Seele entlädt, ins Bewußtsein heraufzubekommen. Und so ist er das Unglück eines großen Teiles der Menschheit. So ist er einer von den dreißig bis vierzig Menschen der Gegenwart, von denen äußerlich die Katastrophe abhängt, ein Mensch, der an dem Platze, an dem er steht, einfach sich sträubt gegen die Anerkennung von irgend etwas Geistigem. Es ist aber heute schon die Zeit da, wo diejenigen Menschen zum Menschenunglück werden können, die in führenden Stellungen sich gegen die Anerkennung eines Geistigen sträuben, die nicht anerkennen wollen, daß das Geistige hereinspielt namentlich in das Menschenleben. Das ist sehr wichtig, daß man diese Tatsache ins Auge faßt. Nun, wenn sie auch nicht zunächst in führenden Stellungen waren bei dieser kriegerischen Katastrophe, so sind doch diejenigen Menschen heute sehr zahlreich, die einfach aus Furchtsamkeit oder andern Gründen zurückstoßen die Welle des geistigen Lebens, die hereinflutet durch die Geister der Persönlichkeit, weil sie nur naturwissenschaftlich denken wollen.
[ 17 ] Well, that is a very important fact. Suppose there is such a person—a person who is swept up in the tide of struggle but who is not inclined to value spiritual life, who surrenders himself in the most profound sense to the mindset of our time, a mindset built on the model of a scientific worldview. One really must confront these matters seriously, for in our present age one cannot receive a ray of light, but can only succumb to Rathenau-style pessimism, if one does not look at these things. Take the following example. Suppose a man like Ludendorff had become a professor of botany. He would probably have become an excellent professor of botany, would have achieved extraordinary things as a professor of botany, would, as they say, have become a famous figure—so famous that it might even have satisfied his ambition—but he would not have made such a large number of people unhappy as he did. Now, he wasn’t in a position where he was an innocent professor of botany—innocent, that is, in the context of the world; he probably would have tormented, to some extent, those who were supposed to take exams under him—but let’s assume he had become an innocent professor of botany in the context of the world; then things would have gone well. But that is not what he became; instead, he became a so-called strategist. And because of what lay within him—the ability to think only in terms of the phantom constructs of the natural sciences—he could not bring what was unleashing itself in his soul up into consciousness; for this way of thinking is not suited to bringing what is unleashing itself down there in the soul up into consciousness. And so he is the misfortune of a large part of humanity. Thus he is one of the thirty to forty people of the present day upon whom the catastrophe outwardly depends—a person who, in the position he occupies, simply resists the recognition of anything spiritual. But the time has already come when those people in positions of leadership who resist acknowledging the spiritual—who refuse to acknowledge that the spiritual plays a role, particularly in human life—can become a source of human misfortune. It is very important to face this fact squarely. Now, even if they were not initially in positions of leadership during this war-torn catastrophe, there are nevertheless a great many people today who, simply out of fear or for other reasons, push back against the wave of spiritual life that is flooding in through the spirits of the personality, because they wish to think solely in terms of natural science.
[ 18 ] Da liegt der Grund, warum viele Persönlichkeiten so unverständlich sind in der Gegenwart, und warum viele Persönlichkeiten so falsch beurteilt werden. Es ist unendlich tragisch, daß solche Menschen wie Ludendorff als große Menschen angesehen worden sind. Aber es ist schon einmal so, daß diese Tatsache, die ich eben angeführt habe, das ganze Urteil über die Menschen trübt. Es spielt da in die Menschen allerlei Dämonisches herein, das man ihnen zuschreibt, das sie aber eigentlich selber zurückstoßen, weil sie ein bloßes Gespenstgespinst nach dem Muster der Naturwissenschaft in ihrer Seele tragen und mit diesem die Sache nicht auffassen können. Solch ein Mensch wie derjenige, den ich eben jetzt als Beispiel angeführt habe, der lebt sich dann aus, um in allerlei solchen Dingen, wie es diese Persönlichkeit gemacht hat, sich zu betäuben über die Spaltung der Persönlichkeit, über das, was da rumort und tobt. Das ist überhaupt bei sehr vielen Menschen der Gegenwart der Fall. Sie betäuben sich über das, was eigentlich in ihrem Inneren tobt, wenn sie in eine bestimmte Lage kommen im äußeren Leben, durch das oder jenes, was sie tun; der eine prügelt seinen Nachbarn durch, der andere schreibt ein blödsinniges botanisches Buch und dergleichen. Sie betäuben sich über das, was eigentlich in ihrem Inneren tobt, und was immer darin besteht, daß ihre Persönlichkeit zu zerfallen droht; einfach unter dem Einfluß der notwendigen Zeitereignisse droht ihre Persönlichkeit zu zerfallen, weil sie sich davor fürchten, sich in den Kampf hineinzustürzen, der hinter den Kulissen in der Welt jetzt spielt und auf dessen Wellen die Geister der Persönlichkeit einziehen wollen in unsere Zeit.
[ 18 ] That is why so many personalities are so difficult to understand today, and why so many are so misjudged. It is infinitely tragic that people like Ludendorff have been regarded as great figures. But the fact is that the point I have just made clouds our entire judgment of people. All sorts of demonic elements come into play in these people—elements that are attributed to them, but which they themselves actually reject—because they carry within their souls a mere phantom construct modeled on the natural sciences, and with this they are unable to grasp the matter. A person like the one I just cited as an example then indulges in all sorts of such things—as this individual did—to numb himself to the split in his personality, to what is churning and raging within. This is generally the case with very many people today. They numb themselves to what is actually raging within them when they find themselves in a certain situation in their outer lives, through this or that action they take; one beats up his neighbor, another writes a nonsensical botanical book, and so on. They numb themselves to what is actually raging within them—and whatever that may be—that threatens to cause their personality to disintegrate; simply under the influence of the inevitable events of the times, their personalities threaten to disintegrate, because they are afraid to throw themselves into the struggle that is now playing out behind the scenes in the world—a struggle on whose waves the spirits of personality seek to enter our time.
[ 19 ] Anerkennung des Geistigen erfordert einFertigwerden mit derFrage, die wir eben jetzt ins Auge fassen. Und da ist es von ungeheurer Notwendigkeit, wirklich das ernst zu nehmen, was hier so oft betont wird: Geisteswissenschaft nicht bloß als eine Theorie zu betrachten. Wenn Sie sie als eine Theorie betrachten, dann lesen Sie lieber Kochbücher und dergleichen; denn das, was bloßer Inhalt ist in der Geisteswissenschaft, ist nicht eigentlich das Wesentliche und Wichtige. Das, worauf es ankommt, ist die Art, wie man denken muß, um Geisteswissenschaft anzuerkennen. Es ist eine andere Art des Denkens als diejenige, die man gerade aus dem heute gebräuchlichen Naturanschauen gewonnen hat. Es gibt eben zwei Arten, sich Gedanken zu bilden. Die eine Art ist die zergliedernde, die unterscheidende, die gerade in der Naturwissenschaft heute eine so große Rolle spielt, wo man unterscheidet, sorgfältig unterscheidet. Sie finden das gerade in der Naturwissenschaft tonangebend. Alles, was in der Naturwissenschaft gesagt, geschrieben, getan wird, steht unter dem Einfluß der zergliedernden Denkweise, der unterscheidenden Denkweise. Man sucht stramme Definitionen. Und wenn einer heute etwas sagt, so nagelt man ihn an stramme Definitionen. Stramme Definitionen sind aber nichts weiter als Unterscheidungen der Sachen, die man definiert, von andern Sachen. Diese Denkweise ist eine Art von Maske, der sich insbesondere gern bedienen die Geister, die heute uns zerreißen möchten, die in diesem Kampfe drinnenstehen. Trivial könnte man sagen: Eine große Anzahl derjenigen Menschen, die die gegenwärtige Kriegskatastrophe herbeigeführt haben, und derjenigen, die noch drinnenstehen in dem, was die Folgen sind, sind eigentlich verrückt. Aber das ist, wie gesagt, nur etwas Triviales. Um was es sich da handelt, ist, daß man versteht, wodurch ihre Persönlichkeiten zerrissen werden. Von dieser Denkweise, zu der einen Zugang haben die verschiedenen, den Menschen auseinanderreißenden Mächte, muß man klar unterscheiden die andere, die in der Geisteswissenschaft allein angewendet wird. Sie ist eine ganz andere Vorstellungsart, eine ganz andere Denkweise. Sie ist, im Gegensatz zu der zergliedernden, eine gestaltende Denkweise. Sehen Sie genauer zu, verfolgen Sie, was ich versuche in den verschiedenen Büchern über Geisteswissenschaft auszuführen, so werden Sie sich sagen: Nicht so sehr liegt der Unterschied in dem, was mitgeteilt wird — das kann man so oder so beurteilen —, aber aufmerksam sollte man werden, daß die ganze Art der Eingliederung der ganzen Welt, die ganze Art der Vorstellungen eine andere ist. Diese ist gestaltend, sie gibt abgeschlossene Bildheiten, sie versucht Konturen und durch Konturen Farben zu geben. Das werden Sie durch die ganze Darstellung hindurch verfolgen können: sie hat nicht das Zergliedernde, welches die ganze heutige Wissenschaft hat. Dieser Unterschied des Wie muß hervorgehoben werden ebenso wie der Unterschied des Was. Also es gibt eine gestaltende Denkweise, die insbesondere ausgebildet wird und die den Zweck hat, in die übersinnlichen Welten hineinzuführen. Wenn Sie zum Beispiel das Buch nehmen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», wo ein solcher Weg in die übersinnlichen Welten vorgezeichnet wird, so werden Sie finden, daß. darin alles, was die Gedanken und Vorstellungen in Anspruch nimmt, auf gestaltendes Denken veranlagt ist.
[ 19 ] Recognition of the spiritual requires coming to terms with the question we are now addressing. And here it is of immense importance to truly take seriously what is so often emphasized here: not to regard spiritual science merely as a theory. If you regard it as a theory, then you would be better off reading cookbooks and the like; for what is mere content in spiritual science is not actually the essential and important part. What matters is the way one must think in order to recognize spiritual science. It is a different way of thinking than the one derived from the view of nature commonly held today. There are, in fact, two ways of forming thoughts. One is the analytical, distinguishing way of thinking that plays such a major role in natural science today, where distinctions are made—careful distinctions. You find this approach setting the tone in natural science. Everything that is said, written, or done in natural science is influenced by this analytical, distinguishing way of thinking. People seek rigid definitions. And when someone says something today, they pin him down to rigid definitions. But rigid definitions are nothing more than distinctions between the things being defined and other things. This way of thinking is a kind of mask that is particularly favored by those minds that wish to tear us apart today, those who are right in the thick of this struggle. To put it trivially, one could say: A large number of the people who brought about the current catastrophe of war, and those who are still caught up in its consequences, are actually insane. But that, as I said, is merely a trivial observation. What is at stake here is understanding what is tearing their personalities apart. One must clearly distinguish this way of thinking—to which the various forces that tear people apart have access—from the other, which is applied solely in spiritual science. It is an entirely different mode of conception, an entirely different way of thinking. In contrast to the disintegrating one, it is a formative way of thinking. If you look more closely and follow what I am trying to explain in the various books on spiritual science, you will say to yourself: The difference lies not so much in what is communicated—that can be judged one way or another—but one should take note that the entire way of integrating the whole world, the entire nature of the concepts, is different. This approach is formative; it presents complete images; it seeks to create contours and, through contours, to convey colors. You will be able to trace this throughout the entire presentation: it lacks the analytical approach that characterizes all of today’s science. This difference in method must be emphasized just as much as the difference in content. So there is a formative way of thinking that is specifically cultivated and whose purpose is to lead into the supersensible worlds. If, for example, you take the book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, in which such a path into the supersensible worlds is outlined, you will find that everything in it that engages the thoughts and ideas is oriented toward formative thinking.
[ 20 ] Das ist etwas, was für die Gegenwart notwendig ist. Denn das gestaltende Denken hat eine ganz bestimmte Eigenschaft. Wenn Sie zergliedernd denken, wenn Sie so denken, wie der heutige Naturforscher denkt, dann denken Sie ebenso wie gewisse Geister der ahrimanischen Welt, und daher können diese ahrimanischen Geister in Ihre Seele hereindringen. Wenn Sie aber das gestaltende Denken nehmen, das metamorphosierte Denken, ich könnte auch sagen das Goethesche Denken, wie es sich zum Beispiel darstellt in der Gestaltung unserer Säulen und Kapitäle und so weiter, wenn Sie dieses gestaltende Denken nehmen, das auch in all den Büchern beachtet ist, die ich versuchte in die Geisteswissenschaft hineinzustellen, so ist dieses Denken eng an den Menschen gebunden. So gestaltend, wie der Mensch mit dem Denken in sich selber wirkt, vermögen es keine andern Wesen als diejenigen, die mit der normalen Menschheitsentwickelung zusammenhängen. Das ist das Eigentümliche. Dadurch können Sie nie auf falsche Wege kommen, wenn Sie sich durch die Geisteswissenschaft auf gestaltendes Denken einlassen. Da können Sie niemals sich verlieren an die verschiedenen geistigen Wesenheiten, die Einfluß gewinnen wollen auf Sie. Die gehen natürlich durchaus durch Ihre Wesenheit hindurch. Aber sobald Sie gestaltend denken, sobald Sie sich bemühen, nicht bloß zu spintisieren und zu unterscheiden, sondern so zu denken, wie es wirklich diese moderne Geisteswissenschaft will, so bleiben Sie in sich, so können Sie nicht das Gefühl der bloßen Ausgehöhltheit haben. Deshalb betont man, wenn man auf dem Standpunkt unserer Geisteswissenschaft steht, so häufig den Christus-Impuls, weil der Christus-Impuls in der geraden Linie des gestaltenden Denkens liegt. Die Evangelien kann man auch nicht verstehen, wenn man sie bloß zergliedert. Was dabei herauskommt, hat gerade die moderne protestantische Theologie gezeigt. Die zergliedert, aber es ist ihr auch alles entfallen, und es ist gar nichts mehr geblieben. Diejenigen Zyklen, die von den Evangelien handeln, die verfolgen den entgegengesetzten Weg. Sie bauen etwas auf, was gestaltet wird, um durch diese neuen Gestaltungen zum Verstehen der alten Evangelien vorzurücken. Es braucht heute tatsächlich — das ist gar nicht übertrieben — jemand nichts anderes, als sich an die Vorstellungsart, an die Denkweise dieser Geisteswissenschaft zu halten, dann können ihm diejenigen dämonischen Wesenheiten, die als Begleiterscheinungen der Geister der Persönlichkeit hereinrollen mit der neuen Welle, nichts anhaben. Daher sehen Sie, was es eigentlich für ein großer Schaden für die Menschheit ist, wenn sie sich sträubt, geisteswissenschaftlich zu denken.
[ 20 ] This is something that is necessary for the present. For creative thinking has a very specific characteristic. If you think in a dissecting manner, if you think the way today’s natural scientist thinks, then you think just like certain spirits of the Ahrimanic world, and therefore these Ahrimanic spirits can penetrate your soul. But if you adopt formative thinking—metamorphosed thinking, or, as I might also say, Goethean thinking, as it is manifested, for example, in the design of our columns and capitals and so on—if you adopt this formative thinking, which is also addressed in all the books I have sought to incorporate into spiritual science, then this thinking is closely bound to the human being. No beings other than those connected to normal human evolution are capable of shaping thought in the way that human beings do within themselves. That is what makes it unique. Consequently, you can never stray onto the wrong path if you engage in formative thinking through spiritual science. You can never lose yourself to the various spiritual beings that seek to exert influence over you. Of course, these beings do pass right through your being. But as soon as you think creatively—as soon as you strive not merely to speculate and distinguish, but to think in the way that modern spiritual science truly intends—you remain centered within yourself, and you cannot feel a sense of mere emptiness. That is why, from the standpoint of our spiritual science, the Christ impulse is so frequently emphasized—because the Christ impulse lies directly in the line of formative thinking. Nor can one understand the Gospels by merely dissecting them. Modern Protestant theology has clearly demonstrated what results from this approach. It dissects, but in doing so, it has lost everything, and nothing at all remains. The cycles that deal with the Gospels follow the opposite path. They build up something that takes shape, in order to advance toward an understanding of the old Gospels through these new forms. In fact, what is needed today—and this is by no means an exaggeration—is simply for a person to adhere to the mode of imagination, to the way of thinking of this spiritual science; then those demonic beings that roll in as accompaniments to the spirits of the personality with the new wave will be unable to harm him. Therefore, you can see what a great harm it actually is to humanity when it resists thinking in the spirit of spiritual science.
[ 21 ] Ich sagte vorhin: Es läßt sich diese Welle nicht aufhalten, wenn die Menschen sie auch abweisen, sie flutet herein, auch wenn die Menschen sich gegen sie sträuben, wenn sie sie nicht auffassen wollen. Dann kommt dasjenige heraus, was im Grunde zur Katastrophe der Gegenwart im tieferen Sinne geführt hat: das Nichtanerkennen der geistigen Welt. Das ist doch die tiefere Ursache für die heutigen katastrophalen Ereignisse, namentlich auch für die heutigen katastrophalen Seelenverfassungen. Und da es ein Kampf ist, der unten ja waltet, so gibt es kein anderes Mittel, als durch das gestaltende Denken die menschliche Persönlichkeit in sich selber plastisch auszubilden und dadurch den Kampf in der Seele zu erleben. Sonst wird der Kampf in der Außenwelt sich bleibend abspielen. Deshalb muß man schon sagen: Es ist wahrhaftig nicht richtig, wenn die Menschen sich nicht hinneigen wollen zu diesem geistigen Untergrunde der gegenwärtigen katastrophalen Weltlage. Denn Sie bemerken: Es liegt etwas außerordentlich Neues in dem, was hier gesagt worden ist; es ist ein Rechnen mit einer neuen Welle, die hereinspielt, und die durch eine ganz besondere Vorstellungsweise an den Menschen herangebracht werden soll, der in der Gegenwart lebt. Wenn man sich Gedanken, die nach dem Muster der Naturwissenschaft sind, hingibt, kann man einfach nicht der heutigen Zeit gewachsen sein. Wenn man bloß dasjenige ordnen will, was hier in der physischen Welt ist, wenn man bloß über das nachdenkt, was hier in der physischen Welt ist und nichts anderes gelten lassen will, dann zerstört man nur. Und man soll sich dann nicht wundern, wenn der Kampf, dessen man nicht Meister werden will im Geistigen, in das physische Leben hereinspielt, denn er schlägt ja herein in die Menschen. Und wenn sie ihn nicht in der Seele ausfechten wollen, so führt er den einen gegen den andern, Völker gegen Völker, Menschen gegen Menschen. Was hier in der physischen Welt geschieht, kann nur ein Abbild sein der geistigen Welt: Entweder der Mensch nimmt den Kampf so, daß er ihn in seiner Seele ausficht, das heißt, die Menschen vertiefen sich geistig, oder aber dieser Kampf, der durch das Bewußtsein wie durch ein Sieb hindurchgeht, wenn man bloß so denken will, wie die Gegenwart denkt, entlädt sich, indem er den Menschen, die menschliche Seele ausschaltet in der äußeren Welt, und verursacht alles das, was Sie eben jetzt sehen. Sie werden, wenn Sie so etwas bedenken, einsehen, daß es wirklich der heutigen Menschheit obliegt, sich zum Geiste hinzuwenden, daß dies notwendig vorgezeichnet wird von den Weltereignissen.
[ 21 ] As I said earlier: This wave cannot be stopped; even if people reject it, it will flood in, even if they resist it, even if they refuse to grasp it. Then what has, in a deeper sense, led to the catastrophe of the present will come to light: the failure to acknowledge the spiritual world. That is, after all, the deeper cause of today’s catastrophic events—and specifically, of today’s catastrophic states of mind. And since this is a struggle that rages within, there is no other means than to shape the human personality within oneself through formative thinking and thereby experience the struggle within the soul. Otherwise, the struggle will continue to play out in the outer world. That is why one must say: It is truly not right for people to refuse to turn their attention to this spiritual undercurrent of the current catastrophic world situation. For you will notice: There is something extraordinarily new in what has been said here; it involves reckoning with a new wave that is surging in, and which is to be brought to the people living in the present through a very special way of thinking. If one devotes oneself to thoughts modeled on the natural sciences, one simply cannot rise to the challenge of the present age. If one merely seeks to organize what exists here in the physical world, if one merely reflects on what exists here in the physical world and refuses to acknowledge anything else, then one only destroys. And one should not be surprised when the struggle—which one refuses to master in the spiritual realm—spills over into physical life, for it does indeed strike at human beings. And if people do not wish to fight it out in their souls, it pits one against the other, nations against nations, people against people. What happens here in the physical world can only be a reflection of the spiritual world: Either human beings approach the struggle by fighting it out in their souls—that is, by deepening themselves spiritually—or this struggle, which passes through consciousness as if through a sieve when one chooses to think merely as the present age does, discharges itself by sidelining the human soul in the outer world, thereby causing everything you are witnessing right now. When you reflect on such things, you will realize that it truly falls to humanity today to turn toward the spirit, and that this is necessarily foreshadowed by world events.
[ 22 ] Betrachten wir eine solche Zeit, wie sie uns dargeboten wird an der Jahreswende, wo wir doch ein wenig auf das Kommende hinblicken sollen, das wahrhaftig in einer erschütternden Perspektive vor uns steht. Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist es, was man erreichen muß: daß man sich nicht betäubt, indem man die Perspektive der Zukunft doch zu verschlafen versucht. Ich habe Ihnen gestern aus diesem Grunde die Perspektive vorgeführt, die ein Mensch entworfen hat, der rechnet, der nun wirklich die Dinge nicht aus Sympathien und Antipathien heraus streut, sondern der sie berechnet. Ich habe das aus dem Grunde getan, damit Sie sehen, wozu ein rechnender Materialist in der heutigen Zeit kommt. Die Menschheit schickt sich zu etwas ganz anderem an als dazu, wirklich einmal Ernst zu machen mit der Anerkennung der Tatsache, daß zum Heil der Menschheit die geistige Welt anerkannt werden muß. Wer die geistige Welt und ihr Verhältnis zur physischen Welt durchschaut, der weiß, daß gewisse Gesetze herrschen, wenn das auch keine logische Folge ist, aber die logische Folge liegt eben im zergliedernden, nicht im gestaltenden Denken, nicht im anschauenden Denken, das ich charakterisiert habe. Sie sehen, solche Gesetze walten auch äußerlich nicht so, daß sie ganz stramm ziffernmäßig vorhanden sind, aber sie sind da. Nehmen Sie nur einmal solch ein Gesetz, das natürlich auch Ausnahmen hat: daß — zum Heile der Menschen — ungefähr ebensoviel Männer wie Frauen über die Erde hin geboren werden. Es könnte ja, rein theoretisch gedacht, zum Unheil der Menschheit doch auch einmal eintreten, daß in irgendeinem Jahrhundert nur ein Zwanzigstel der Menschheit Männer wären, und die andern alle als Frauen geboren würden! Solche Gesetze also, die sich nicht mit der gewöhnlichen Logik begründen lassen, sondern die nur geisteswissenschaftlich zu durchschauen sind, solche Gesetze gibt es. Ein solches Gesetz aber ist auch dieses: In dem Maße, in dem die Menschen ihre Seele durchdringen mit Anerkennung des Geistigen, wie ich es heute geschildert habe, so daß also auch dasjenige, was in einem Zeitalter geistig ist, herabfließt in das Bewußtsein, in dem Maße kann sich auch das gewöhnliche Zusammenleben in der Menschheit entfalten, in dem Maße können die Menschen über die antisozialen Triebe, über das, was der Sozialisierung entgegenarbeitet, hinauskommen.
[ 22 ] Let us consider a time such as this, as it is presented to us at the turn of the year, when we should look ahead a little to what lies ahead—which truly lies before us in a sobering perspective. You see, my dear friends, this is what we must achieve: not to numb ourselves by trying to sleep through the prospects of the future. For this reason, I presented to you yesterday the outlook devised by a man who calculates—who does not judge things based on likes and dislikes, but who calculates them. I did this so that you might see what a calculating materialist arrives at in our time. Humanity is setting itself on a course toward something entirely different from actually getting serious about acknowledging the fact that, for the sake of humanity’s salvation, the spiritual world must be recognized. Anyone who understands the spiritual world and its relationship to the physical world knows that certain laws prevail—even if this is not a logical consequence—but the logical consequence lies precisely in analytical thinking, not in creative thinking, nor in the intuitive thinking I have described. You see, such laws do not operate externally in such a way that they are strictly quantifiable, but they are there. Just take, for example, a law like this—which, of course, also has exceptions—that—for the good of humanity—roughly as many men as women are born on Earth. Purely theoretically speaking, it could indeed happen—to the detriment of humanity—that in some century only one-twentieth of humanity would be men, and the rest would all be born as women! Such laws, then, which cannot be justified by ordinary logic but can only be understood through spiritual science—such laws do exist. But this is also one such law: To the extent that people imbue their souls with an appreciation of the spiritual, as I have described today, so that what is spiritual in a given age flows down into consciousness—to that extent can ordinary social life among humanity unfold, and to that extent can people rise above antisocial impulses, above that which works against socialization.
[ 23 ] Es haben die Menschen heute nur nicht den Mut, das Geistige wirklich in ihr Bewußtsein hereinspielen zu lassen. Aber wenigstens einige Menschen sollten wissen, daß es sich darum handelt, heute ins unmittelbare Bewußtsein das Geistige hereinspielen zu lassen. Betrachten Sie von diesem Gesichtspunkte aus bestimmte Zeiterscheinungen, ich möchte sagen, Zeitliebhabereien, dann werden Sie sehen, wie die Menschen heute einen Drang haben, aus ihrem Bewußtsein den Zusammenhang mit dem geistigen Gesetze des Daseins auszuschließen. Und wie sogar im praktischen Handeln mit solchen Dingen zu rechnen ist, durch die der bewußte Zusammenhang ausgeschlossen werden kann, habe ich Ihnen neulich einmal vorgeführt, als ich von den Begabtenprüfungen sprach. Da will man möglichst nicht mehr einen unmittelbar elementaren Zusammenhang mit der Begabung des Schülers haben, sondern durch allerlei äußere Maßregeln Gedächtnis, Verständniskräfte prüfen, damit man nicht zu denken braucht. Deshalb haben die Leute die Mathematik so gern. Da stellt man erst einige Regeln auf, und dann wird mechanisch gerechnet. Da braucht man nicht die Einzelheiten mit der Intelligenz zu verfolgen. Man könnte ja auch nicht. Nicht wahr, Sie können sich nebeneinander drei, vier, fünf Bohnen vielleicht vorstellen, auch zehn Bohnen noch, zwanzig sich auf einen Blick vorzustellen, wird schon schwer gehen. Aber denken Sie sich, Sie sollten sich jetzt tausend oder gar eine Million auf einen Blick vorstellen! Aber rechnen können Sie es ganz gut, weil Sie da mechanisch den Ansatz machen; Sie brauchen die Einzelheit dessen, was Sie da tun, nicht mit der Intelligenz zu verfolgen. Das lieben aber die Menschen heute ganz besonders, wenn man ihnen etwas beweisen kann, wobei sie nicht eigentlich mit der Intelligenz dabeizusein brauchen. Wenn man an sie den Anspruch macht, sie sollen alle einzelnen Etappen des Beweises verfolgen, so ist das den Menschen furchtbar unangenehm. Daher soll lieber die Sache beweisen, ohne daß der Mensch dabei ist. Man möchte am liebsten die Sache, die geistige Welt, so beweisen, daß sie sich da draußen selber zeigt: Spiritismus und dergleichen. Den Menschen ist es furchtbar, daß die Geisteswissenschaft den Anspruch erhebt, daß man wirklich dabei ist, daß man aktiv ist in den einzelnen Etappen. Ohne das ist aber Geisteswissenschaft gar nicht denkbar. Daher liebt man auch die Symbole der alten Geheimwissenschaft und dergleichen. Man liebt Ritualien, von denen die Leute sagen: Sie spielen sich vor uns ab, aber wir brauchen nicht sie mit unserer Intelligenz zu verfolgen, wir brauchen uns keine Vorstellung davon zu machen, was da eigentlich geschieht —, und dergleichen. Doch das ist schon etwas, was moderne Geisteswissenschaft haben muß: dieses Verfolgen des einzelnen.
[ 23 ] People today simply lack the courage to truly allow the spiritual to enter their consciousness. But at least some people should know that what is at stake today is allowing the spiritual to enter their immediate consciousness. If you consider certain contemporary phenomena—I would say, contemporary fads—from this perspective, you will see how people today feel an urge to exclude from their consciousness any connection with the spiritual law of existence. And I demonstrated to you recently, when I spoke about aptitude tests, how such things—which can exclude this conscious connection—must be reckoned with even in practical action. There, people want to avoid, as much as possible, a direct, fundamental connection with the student’s aptitude; instead, they test memory and powers of comprehension through all sorts of external measures, so that they do not need to think. That is why people are so fond of mathematics. First, you establish a few rules, and then you calculate mechanically. There is no need to follow the details with your intellect. You wouldn’t be able to anyway. After all, you can perhaps picture three, four, or five beans side by side—even ten beans—but picturing twenty at a glance would already be quite difficult. But imagine if you had to picture a thousand or even a million at a glance! Yet you can calculate it quite well because you approach it mechanically; you don’t need to follow the details of what you’re doing with your intellect. But people today especially love it when you can prove something to them without them actually having to engage their intellect in the process. If you expect them to follow every single step of the proof, that is terribly unpleasant for people. Therefore, it is better for the matter itself to prove itself without human involvement. People would prefer to prove the matter—the spiritual world—in such a way that it reveals itself out there on its own: spiritualism and the like. It is unbearable to people that spiritual science makes the claim that one must truly be present, that one must be active in the individual stages. Without this, however, spiritual science is simply inconceivable. That is why people also love the symbols of the ancient esoteric sciences and the like. People love rituals about which they say: “They take place before our eyes, but we don’t need to follow them with our intellect; we don’t need to form a mental picture of what is actually happening there”—and so on. Yet this is precisely what modern spiritual science must have: this following of the individual.
[ 24 ] Es ist sehr merkwürdig: Im Osten von Europa haben wir aufkeimend, was eigentlich auf die nächste Epoche wartet. Da werden, gerade im Osten, allerlei Dinge getrieben, welche zeigen, wie man das, was eigentlich nur mit dem Netz der Intelligenz umspannt werden soll, mit der Intelligenz durchdringen will. Im Zeitalter des Bewußtseins, wo die Intelligenz wirken soll, wo das alles in das Netz der Intelligenz eingespannt werden soll, da sucht man das Intelligente hineinzubringen. Nehmen Sie zum Beispiel nur einmal die Art, wie namentlich in Rußland Propaganda getrieben worden ist, um in den letzten zwei Jahrzehnten den Sturz des Zarentums allmählich herbeizuführen! In diesem geknechteten, geknuteten Rußland konnte man natürlich nicht eine ganz offene Propaganda treiben. Das wäre alles polizeilich konfisziert worden, was man irgendwie als Propagandaschriften verbreitet hätte. Reden durfte man auch nicht. Dennoch, in einer verhältnismäßig kurzen Zeit, von 1900 bis 1904, sind in Rußland sechzig Millionen antizaristische Schriften erschienen. Von diesen sechzig Millionen Schriften sind nur zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent polizeilich aufgespürt worden, die andern sind hinausgegangen, und Ungeheueres ist erschienen in der Zeit, die dem Sturz des Zarentums vorangegangen ist; ein großer Teil des Volkes war dadurch vorbereitet auf diesen Sturz des Zarentums. Worauf beruht es denn, daß — trotzdem alles, was nur irgendwie aufgespürt werden konnte, sorgfältig polizeilich konfisziert wurde — dennoch von sechzig Millionen Schriften, die alle hingearbeitet haben auf die Revolution, auf den Sturz des Zarentums, kaum ein Viertel der Beschlagnahme verfallen ist? Das beruht darauf, daß die leitenden Führer der Agitation auf etwas ganz Bestimmtes gekommen sind, was heute ungeheuer wichtig ist, was aber die Menschen durchaus nicht einsehen wollen. Wenn man es aber in ahrimanischem Sinne, wie diese Führer, einsieht, dann kann man ungeheuer stark wirken. Die sind darauf gekommen, daß irgend etwas, was man mit denselben Worten ausspricht, in ganz verschiedener Weise wirkt, ob man es einem Polizeimann, der stramm zaristisch denkt, oder ob man es einem Menschen aus dem Volke vorlegt. Dieselben Sätze, die, wenn sie nur in der entsprechenden Weise gesagt sind, auf den Polizeimann lammfromm wirken, die können unter Umständen unter dem Volke in furchtbarstem Sinne sozialistisch wirken. Allerdings, man hat nicht solche Schriften geschrieben, wie sie jetzt in der Schweiz geschrieben werden, die dann konfisziert werden, sondern man hatte Bücher oder Broschüren verbreitet über Botanik, über Pflanzen, die einfach durch die Art der Abfassung im eminentesten Sinne die Seelen so präpatierten, daß Rußland wirklich im Jahre 1917 auf die Revolution vorbereitet war. Hinter das Geheimnis zu kommen, daß eine Sache, die man sagt, auf den einen ganz anders wirkt als auf den andern, das ist ungeheuer wichtig. Allerdings wird das gerade sorgfältig studiert, und die Studien, die auf diesem Gebiete gemacht werden, sind so recht charakteristisch für unsere Zeit. Sie sind eigentlich etwas von dem, was sich am allerärgsten gegen das sträubt, was geisteswissenschaftlich in die Welt hereinkommt. Ich kann mir zum Beispiel nicht denken, daß es etwas gibt, was sich stärker gegen das eigentliche Urelement des Geistigen sträubt, als solche Bücher wie die von Nikolai Rubakin, der es versucht, in ganz neuartiger Weise, aber eben in einer Weise, die dem Lebendigen der Geisteswissenschaft ganz entgegenstrebt, die Menschenseele zu studieren, so daß man gewissermaßen die Intelligenz festhält, wie sie wirkt, aber die Aktivität der Intelligenz in dem Wirken ausschließen kann. Das Streben solch eines Menschen rechnet damit: In unserer Zeit will alles intelligent geschehen, aber man soll nicht durch Anstrengung der subjektiven Intelligenz überall mitwirken. Deshalb hat er in einer ungeheuer weitgetriebenen Art das Folgende versucht.
[ 24 ] It is very strange: In Eastern Europe, we are seeing the emergence of what is actually awaiting the next epoch. There, especially in the East, all sorts of things are being done that show how people want to permeate with intelligence that which should actually only be encompassed by the web of intelligence. In the age of consciousness, where intelligence is meant to take effect, where everything is to be woven into the web of intelligence—it is precisely there that people are seeking to introduce intelligence. Just take, for example, the way propaganda has been waged, particularly in Russia, to gradually bring about the fall of the tsarist regime over the last two decades! In this enslaved, oppressed Russia, it was of course impossible to conduct entirely open propaganda. Anything distributed as propaganda literature would have been confiscated by the police. Public speeches were also forbidden. Nevertheless, in a relatively short period, from 1900 to 1904, sixty million anti-tsarist writings appeared in Russia. Of these sixty million pamphlets, only twenty to twenty-five percent were tracked down by the police; the rest made their way out, and an enormous volume of material appeared in the period leading up to the fall of the tsarist regime; a large portion of the people was thus prepared for this fall of the tsarist regime. What, then, is the reason that—despite the fact that everything that could be tracked down in any way was carefully confiscated by the police—barely a quarter of the sixty million pamphlets, all of which contributed to the revolution and the fall of the tsarist regime, were actually seized? This is because the leading figures of the agitation arrived at something very specific, which is immensely important today, but which people are absolutely unwilling to understand. However, if one understands it in the Ahrimanic sense, as these leaders do, then one can exert an immensely powerful influence. They realized that something expressed in the very same words can have a completely different effect depending on whether it is presented to a police officer who thinks staunchly in tsarist terms or to a person from the common people. The same sentences, which—if spoken in the right way—have a meek and docile effect on the police officer, can, under certain circumstances, have a terribly socialist effect among the common people. Admittedly, they did not write the kind of texts that are being written in Switzerland today—which are then confiscated—but rather they distributed books and pamphlets on botany and plants that, simply by the way they were written, prepared people’s minds in the most profound sense, so that Russia was truly ready for the revolution in 1917. Unraveling the mystery of why something one says affects one person quite differently than another is immensely important. Indeed, this is currently being studied with great care, and the research being conducted in this field is truly characteristic of our time. It is, in fact, something that resists most vehemently what is entering the world through the spiritual sciences. For example, I cannot imagine anything that resists the very primal element of the spiritual more strongly than books such as those by Nikolai Rubakin, who attempts to study the human soul in a completely new way—but precisely in a way that runs entirely counter to the vitality of spiritual science—so that, in a sense, one captures intelligence as it operates, but can exclude the activity of intelligence in that functioning. The striving of such a person is based on the assumption that in our time everything is supposed to happen intelligently, but one should not intervene everywhere through the exertion of subjective intelligence. That is why he has attempted the following in an extremely extreme manner.
[ 25 ] Er organisierte das Studium der Leser, der Menschen, die etwas lesen. Er läßt sich mitteilen, welches ihre Lieblingsbücher sind, was in diesen Büchern besonders auf sie wirkt, wie sie durch diese Bücher an Einfluß gewonnen haben. Und die Fragen, die dabei gestellt werden an die Leute, sind so gestellt, daß man nicht etwa mit den Sympathien und Antipathien für die Bücher rechnet, sondern daß gerade diese ausgeschaltet sind, daß eigentlich nur das objektive Wirken der Intelligenz in Betracht kommt. Das ist die eine Art: daß er die Leser sich selber so zergliedern läßt, daß sie ihm einfach durch die Fragestellung, die er gibt, Sachen sagen, durch die er tiefer in ihre Seelen hineinschaut, als sie selber es tun.
[ 25 ] He organized a study of readers—people who read. He asks them to share which books are their favorites, what particularly resonates with them in those books, and how they have gained influence through them. And the questions posed to people in this process are phrased in such a way that one does not take into account their likes and dislikes regarding the books, but rather that these are set aside entirely, so that only the objective workings of the intellect are considered. That is one approach: he allows readers to dissect themselves in such a way that, simply through the questions he poses, they reveal things to him that enable him to look deeper into their souls than they do themselves.
[ 26 ] Die andere Seite ist diese, daß er nun in Tausenden und Tausenden von Fällen wiederum durch solch raffinierte Fragestellungen die Bücher von den Menschen analysieren läßt, die erscheinen. Es wird ganz abgesehen davon, ob das Buch ein mathematisches oder ein botanisches oder ein politisches oder sozialistisches oder anarchistisches ist, das kommt weniger in Betracht, denn das ist der Inhalt, und die Menschen achten nicht darauf, daß der Inhalt nur der eine Teil ist. Aber er läßt feststellen, wie das Buch wirkt durch die Schönheit seiner Sätze oder dadurch, daß der Verfasser Temperament verrät, oder langweilig schreibt, also lauter Eigenschaften, durch die man die objektiv waltende Intelligenz, die in den Büchern nun statistisch festgestellt wird, kennenlernt. Die ganze Art geht darauf hin, die innerhalb des Zeitalters wirkende Intelligenz in der Ausströmung und in dem Aufnehmen kennenzulernen. Würde man eine solche Wissenschaft bis zu einem gewissen Grade ausgebildet haben, dann könnte man auch einmal über den Jupiter ein Buch schreiben, das ein furchtbar revolutionäres Buch sein würde, und auf der andern Seite ein Buch über das erste rechte Bein der Maikäfer, und dieses würde ebenso dem Zweck dienen können, wie das andere Buch über den Jupiter. Denn da handelt es sich wirklich nicht darum, was man sagt, sondern wie man es sagt, weil man dadurch kennenlernt, was als Intelligenz objektiv in der Menschheit wirkt, dessen sich die Menschen aber nicht bewußt sind. Man wirkt jetzt nicht nur subjektiv, indem man seine eigene Intelligenz, wie beim Rechnen, nicht mittun läßt, sondern man wirkt in dem, was als Intelligenz waltet, aber nicht in dem, was diese Intelligenz von Mensch zu Mensch anwendet, sondern indem man die subjektive Intelligenz ganz ausschaltet.
[ 26 ] The other side of the matter is that, in thousands upon thousands of cases, he in turn has people analyze the books that are published by posing such sophisticated questions. It makes no difference whatsoever whether the book is mathematical, botanical, political, socialist, or anarchist—that is of little consequence, for that is the content, and people do not realize that the content is only one part of it. But he has people determine how the book affects them—through the beauty of its sentences, or because the author reveals a certain temperament, or writes in a boring way—in other words, all the qualities through which one comes to know the objectively prevailing intelligence, which is now statistically determined in the books. The whole approach is aimed at getting to know the intelligence at work within the age through its outward expression and its reception. If such a science were developed to a certain degree, one could even write a book about Jupiter—which would be a tremendously revolutionary book—and, on the other hand, a book about the right front leg of the May beetle, and this would serve the purpose just as well as the other book about Jupiter. For it is really not a matter of what one says, but of how one says it, because through this one comes to know what objectively acts as intelligence within humanity, yet of which people are not aware. One now acts not only subjectively—by not allowing one’s own intelligence to participate, as in arithmetic—but one acts within what functions as intelligence; not, however, in the way this intelligence is applied from person to person, but by completely shutting out subjective intelligence.
[ 27 ] Man könnte heute eine Hochschule begründen, welche auf Grund einer solchen Wissenschaft sich die Aufgabe stellte, revolutionäre Propaganda zu betreiben einfach dadurch, daß man in der Richtlinie vorgeht, wie ich es Ihnen angedeutet habe. Solche Bestrebungen gibt es in der Gegenwart. Sie alle gehen eigentlich darauf hinaus, den Menschen im Zeitalter der Intelligenz nicht in diese Intelligenz hereinzuholen, sondern ihn gerade hinauszuwerfen aus der Intelligenz. Es ist dasselbe, was nicht will, daß der Mensch bewußt, mit dem Bewußtsein, das schon einmal das Bewußtsein der Gegenwart ist, die geistige, die spirituelle Welt aufnimmt. Das aber ist notwendig. Und nur das kann der Menschheit Heil bringen in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft: sich kühn und mutig dem Hereinspielen der geistigen Welt zu überlassen. Weder durch Begabtenprüfungen noch dadurch, daß man Bücher und Leser statistisch untersucht, wird man zu dem kommen, was heraus will aus dem, was gerade im Menschen jetzt lebt, sondern man wird anders vorgehen. Denn worauf läuft das alles hinaus? Man kann, wenn man trivial sprechen wollte, sagen: All diese Bestrebungen, gerade diese von Rubakin und so weiter, laufen darauf hinaus, daß der Mensch eigentlich heute aus seiner Haut fahren will, weil er in der Haut in die Notwendigkeit versetzt ist, sich seiner Intelligenz zu bedienen, sie aber auf das spirituelle Leben anzuwenden. Der Mensch möchte aus seiner Haut heraus, möchte nicht in seiner Haut leben, weil er weiß: da strömt ein Lebendiges herein. Aber es ist ihm unangenehm, mit diesem Lebendigen bekanntzuwerden; also möchte er heraus. Er möchte selbst das intelligente Wesen verobjektivieren, möchte heraus und sich neben sich setzen, damit diese Welle durch ihn hindurchgehen kann. Das ist aber dasjenige, was Geisteswissenschaft will: eine Wissenschaft, die eben nicht innerhalb der Haut beschlossen worden ist, weil man nicht auf unrechtmäßige Weise durch solche Experimente, wie ich es gesagt habe, aus der Haut herausfahren soll. Den Drang dazu haben schon die Menschen. Die Menschen sollen aber in der Wirklichkeit das Wissen aufnehmen, das durch den gesunden Menschenverstand aufgenommen werden kann. Man braucht nicht immer selber leibfrei zu werden, um ein Wissen zu erwerben, welches in der Welt so handelt, daß das Handeln unabhängig von dem ist, was man mit dem Wirkungskreis des Leibes vollbringt. Das ist die Aufgabe der Wahrheit, und das andere sind die Karikaturen der Wahrheit. Diese Karikaturen aber der eigentlichen spirituellen Aufgabe in der Gegenwart, die sind es, welche das Unheil unserer Zeit, das Landen in Sackgassen bewirken.
[ 27 ] One could establish a university today that, based on such a science, would set itself the task of conducting revolutionary propaganda simply by following the guidelines I have outlined to you. Such efforts exist at present. They all essentially amount to not bringing people into this age of intelligence, but rather to casting them out of it. It is the same force that does not want people to consciously perceive the spiritual world—using the consciousness that is already the consciousness of the present. But this is necessary. And only this can bring salvation to humanity in the present and in the near future: to boldly and courageously surrender to the spiritual world’s influence. Neither through aptitude tests nor by statistically analyzing books and readers will one arrive at what is striving to emerge from what is currently alive within human beings; rather, one must proceed differently. For what does all this amount to? To put it trivially, one could say: All these endeavors—especially those of Rubakin and others—boil down to the fact that people today actually want to break out of their own skin, because within that skin they are compelled to make use of their intelligence, yet apply it to spiritual life. Human beings want to step out of their own skin; they do not want to live within it, because they know that something living is flowing in. But it is unpleasant for them to become acquainted with this living force; so they want to step out. They want to objectify the intelligent being themselves, want to step out and sit beside themselves so that this wave can pass through them. But this is precisely what spiritual science aims for: a science that is not confined within the skin, because one should not escape from the skin in an illegitimate way through such experiments as I have described. People already have this urge. But in reality, people should absorb the knowledge that can be absorbed through common sense. One does not always have to become disembodied oneself in order to acquire knowledge that acts in the world in such a way that the action is independent of what one accomplishes through the sphere of influence of the body. That is the task of truth, and the rest are caricatures of the truth. But it is these caricatures of the actual spiritual task in the present that are causing the calamity of our time and leading us into dead ends.
[ 28 ] Sieht man in dieser Weise hinein in dasjenige, was in unserer Zeit waltet, dann weiß man, woher es kommt, daß Menschen, die nicht den eigentlichen Geist anerkennen wollen, die aber, wenn sie ehrlich sind, nicht dazu kommen, sich zu betäuben, sich klarmachen, was der Menschheit bevorsteht, wenn sie beim Materialismus bleiben will. Und man muß einsehen, daß in der Hinlenkung zum Geiste dasjenige liegt, was einen durchaus nicht in die Notwendigkeit versetzt, Pessimist zu werden. Wenn man sich klarmacht, wie wenig heute noch die Menschen geneigt sind, so in die spirituelle Welt hineinzugehen, wie es die Geisteswissenschaft verlangt, dann sieht man schon, wo die tieferen Ursachen des Verfalls in unserer Zeit liegen.
[ 28 ] If one looks in this way at what prevails in our time, one understands why people who refuse to acknowledge the true spirit—but who, if they are honest, cannot bring themselves to turn a blind eye—come to realize what lies in store for humanity if it insists on clinging to materialism. And one must realize that turning toward the spirit is precisely what prevents one from having to become a pessimist. When one realizes how little people today are still inclined to enter the spiritual world in the way that spiritual science requires, one can already see where the deeper causes of the decline in our time lie.
[ 29 ] Es sind auch in diesen Jahren wiederum allerlei Weihnachtsartikel erschienen. Man sollte gar nicht glauben, daß gegenüber dem Ernste dieser Zeit solches Zeug erscheint, wie es jetzt vielfach wiederum erschienen ist. Die Leute schreiben ja alle furchtbar gut, sie schreiben furchtbar nett, schreiben, wie sich die Menschen lieben sollen. Sie hassen sich zwar so, wie sie sich noch nie gehaßt haben, aber geschrieben wird, wie man sich lieben soll, wie man die Feinde lieben soll und so weiter. Kurz, man schreibt so, wie auch die Dame schreibt, welche die «Briefe einer Frau an Walther Rathenau» geschrieben hat. Man schreibt so, daß eigentlich, geistig angesehen, das Vorstellen, das diesem Schreiben zugrunde liegt, in einer ganz eigentümlichen Weise verläuft. Die Leute schreiben von Menschenliebe, von Christentum, von allem möglichen. Es ist sehr schön, was sie schreiben, und die Leute, die es lesen, finden auch, daß es wunderschön ist. Und dennoch sind es nichts anderes als abgebrauchte Begriffsmünzen, die so fortkollern im Kopf oder im Herzen. Und indem sie so kollern, so rollen, steht der Schreibende oder der Lesende dahinter, und dann wirkt das so wie Zuckerbrot, wenn man sich in der Liebe zu solchen Worten wollüstig ergeht. Man kann so schön träumen, wenn man sagt: Der Christus hat gesprochen von Nächstenliebe, das Christentum muß wiederum aufblühen — und so weiter. Man braucht sich da nicht aus der innersten Seele heraus, mit dem ganzen Menschen auf die konkrete geistige Welt einzulassen, wie die Geisteswissenschaft es verlangt. Aber gerade darauf kommt es an, daß man Einst mit diesen Sachen macht. Wenn diese Sachen theoretisch anerkannt werden, und dann doch die Menschen wiederum nichts anderes tun als den Wilsonianismus verehren oder in nationalen Chauvinismus verfallen und so reden, wie man heute eben redet, dann bleibt diese katastrophale Zeit. Und sie wird so lange bleiben, bis sich die Menschen darauf einlassen, die geistige Welt wirklich so aufzunehmen, wie heute die geistige Welt aufgenommen werden muß: mit dem Bewußtsein, konkret, ohne Furcht und ohne Zaghaftigkeit.
[ 29 ] All sorts of Christmas items have appeared again in recent years. One would hardly believe that, given the solemnity of this time of year, such material—as has once again appeared in abundance—could be published. People write terribly well, they write terribly nicely, writing about how people should love one another. Although they hate one another as they have never hated before, they write about how one should love, how one should love one’s enemies, and so on. In short, they write just as the lady did who wrote the “Letters from a Woman to Walther Rathenau.” They write in such a way that, from an intellectual standpoint, the imagination underlying this writing unfolds in a very peculiar manner. People write about love for humanity, about Christianity, about all sorts of things. What they write is very beautiful, and the people who read it also find it wonderful. And yet it is nothing more than worn-out clichés that keep tumbling around in the mind or in the heart. And as they tumble and roll, the writer or the reader stands behind them, and then it has the effect of a sweet treat when one indulges voluptuously in the love of such words. One can dream so beautifully when one says: Christ spoke of love for one’s neighbor, Christianity must flourish once more—and so on. There is no need to engage with the concrete spiritual world from the depths of one’s soul, with one’s whole being, as spiritual science demands. But that is precisely what matters—that one eventually does something with these ideas. If these ideas are acknowledged in theory, yet people still do nothing but worship Wilsonianism or fall into national chauvinism and speak as people do today, then this catastrophic era will persist. And it will persist until people are willing to truly embrace the spiritual world as it must be embraced today: with awareness, concretely, without fear and without hesitation.
[ 30 ] So daß wir, wenn wir hineinschauen in das neue Weltenjahr, auf der einen Seite die Menschen sehen, wie sie, nur um sich betäuben zu können, prophetisch politisieren, Völkerbünde begründen, welche die Kriege aus der Welt schaffen sollen. Freilich fangen die Leute heute schon an, trotzdem sie damit renommieren, daß ein neuer «Wiener Kongreß» nicht kommen soll, sich zu sagen, sie würden froh sein, wenn der Versailler Kongreß so viele Monate den Frieden bewirke, wie der Wiener Kongreß Jahre des Friedens bewirkt hat. Nun, die Menschen mögen eben Gedanken, die sie betäuben! Der hauptsächlichste heutige Betäubungsgedanke für die Menschheit ist dieser, daß nun, nachdem man einige andere abgesägt hat, Wilson der richtige Mann für die Zukunft ist. Er ist der große Mann, nicht wahr? Ein Mann, der vierzehn abstrakte Gedanken für fähig hält, die Welt des Erdendaseins in ein Paradies zu verwandeln! Aber es ist bequem, es ist dasjenige, was einen betäuben kann. Und es ist unbequemer, sich zu sagen: Wenn nicht eine solche Perspektive dastehen soll vor uns, wie die von Rathenau geschaute, ist es notwendig, daß möglichst viele Leute zu einer bewußten Anerkennung der geistigen Welt kommen. Das möchte man in einigen Seelen wenigstens bewirken, nachdem man sich zu einer solchen Silvesterempfindung herbeigelassen hat, wie wir sie gestern durch unsere Seelen ziehen ließen: daß die Wahrheit dieser Silvesterempfindungen so in den Seelen erlebt werde, daß sie sich sagen: Bleibt man stehen bei dem, woran sich die Menschheit in ihrem Denken gewöhnt hat und was wahrhaftig nicht bei einem Volke, sondern bei allen Völkern über das Erdenrund hin waltet, dann ist diese Perspektive von Rathenau richtig. — Sie braucht nicht richtig zu sein! Es ist in der Möglichkeit der Menschen gelegen, daß diese Perspektive nicht richtig zu sein braucht. Das kann die Neujahrsbetrachtung sein, daß man den Willen walten lasse, daß diese Perspektive nicht richtig sei. Dazu ist aber notwendig, daß man sich von allen Vorurteilen absondert, die man heute noch in sich hegt, indem man Urältestes wiederum hervorholt, um sich darinnen wollüstig zu ergehen, daß man sich viel mehr einläßt auf das wirklich Neue.
[ 30 ] So that when we look ahead to the new world year, on the one hand we see people engaging in prophetic politicking—merely to numb themselves—and founding leagues of nations intended to eliminate war from the world. Admittedly, people today are already beginning—even though they boast that a new “Congress of Vienna” must not come—to tell themselves that they would be glad if the Versailles Congress brought about as many months of peace as the Congress of Vienna brought about years of peace. Well, people simply like thoughts that numb them! The foremost thought that numbs humanity today is this: that now, after a few others have been ousted, Wilson is the right man for the future. He is the great man, isn’t he? A man who believes that fourteen abstract ideas are capable of transforming the world of earthly existence into a paradise! But it is convenient; it is precisely what can numb one. And it is more uncomfortable to tell oneself: If we are not to face a future like the one envisioned by Rathenau, it is necessary that as many people as possible come to a conscious recognition of the spiritual world. One would like to bring this about in at least a few souls, after having allowed oneself to be moved by such New Year’s Eve sentiments as we let pass through our souls yesterday: that the truth of these New Year’s Eve sentiments be experienced in the souls in such a way that they say to themselves: If one clings to what humanity has grown accustomed to in its thinking—and what truly prevails not among a single people but among all peoples across the globe—then Rathenau’s perspective is correct. — It need not be correct! It lies within human capacity that this perspective need not be correct. This can be the New Year’s reflection: to let one’s will prevail so that this perspective is not correct. For this, however, it is necessary to detach oneself from all the prejudices one still harbors within, by bringing forth what is most ancient once again in order to revel in it, so that one may engage much more fully with what is truly new.
[ 31 ] Derjenige, der das einsieht, der wird wissen, wo man den Geist sucht, und da wird Aussicht sein für ein Heil in der Zukunft. Wo man den Geist nicht suchen wird, man mag da Sieger oder Besiegter sein, da wird nicht Heil sein in der Zukunft! Mögen die Menschen des einen Teiles der Welt von den andern Milliarden verlangen, diese Milliarden, sie werden zu einem glühenden Golde werden und vernichtend wirken, während auf der andern Seite die Armut, wenn sie vom Geist beflügelt ist, doch die Menschen emportragen wird in die Höhen, in welche die Zukunft der Menschenentwickelung hinführen soll.
[ 31 ] Whoever understands this will know where to seek the Spirit, and there will be hope for salvation in the future. Where the Spirit is not sought—whether one is victor or vanquished—there will be no salvation in the future! May the people of one part of the world demand these billions from the others; these billions will turn into glowing gold and have a destructive effect, while on the other hand, poverty—if inspired by the Spirit—will nevertheless lift people up to the heights toward which the future of human development is meant to lead.
[ 32 ] Aber das muß man empfinden aus innerer Einsicht in den Gang des Geistes. Und kein Hinblicken auf irgend etwas Äußerliches, kein Schwören auf neue Götzen, wie es sich jetzt vorbereitet, kann die Menschheit retten, sondern nur das Sich-Halten an den Geist, das Halten zum Geiste, das Wirken im Geiste.
[ 32 ] But this must be felt through an inner understanding of the workings of the Spirit. And no turning to anything external, no swearing allegiance to new idols—as is now taking shape—can save humanity; rather, only holding fast to the Spirit, remaining true to the Spirit, and acting in the Spirit.
