How Can Humanity Rediscover the Christ?
The Fall of the Spirits of Darkness
GA 187
31 December 1918, Dornach
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How Can Humanity Rediscover the Christ?, tr. SOL
Siebenter Vortrag
Seventh Lecture
[ 1 ] Es entspricht wohl einem elementarischen Bedürfnisse jeder einzelnen Menschenseele, an dem Tage, der das Jahr schließt, bevor das neue Jahr beginnt, die Gedanken hinzulenken auf die Vergänglichkeit des Zeitlichen. Und der Mensch schaut wohl aus diesem elementarischen Bedürfnisse heraus prüfend, forschend, selbsterkennend zurück auf das, was in dem verflossenen Jahre an sein äußeres Leben, an seine Seele herangetreten ist. Er schaut wohl auch zurück auf die Fortschritte, die er im Leben gemacht hat, auf die Früchte der Erfahrungen, die sich ihm durch das Leben ergeben haben. Wenn solche Rückschau gehalten wird, dann fällt gewissermaßen von dieser Rückschau aus eine Art Beleuchtung auf jenes Gefühl, welches uns das Menschenleben mehr oder weniger wertvoll, mehr oder weniger problematisch oder auch mehr oder weniger befriedigend erscheinen läßt. Wir sind niemals in der Lage, unser Leben nur so zu betrachten, wie wir es als einzelne Menschenindividualität führen. Wir fühlen uns gedrängt, unser Leben im Zusammenhange mit dem Weltganzen und mit dem Menschenganzen zu betrachten. Treiben wir im Ernst eine geisteswissenschaftliche Weltanschauung, so wird sich insbesondere die Notwendigkeit vor unsere Seele hinstellen, unser Verhältnis zur Welt immer wieder und wiederum an diesem Jahreswendepunkte, dem Abschluß des einen und dem Beginn des andern Jahres, zu betrachten. Ä
[ 1 ] It is surely a fundamental need of every human soul, on the day that marks the end of the year, before the new year begins, to turn one’s thoughts to the transience of all things temporal. And, driven by this fundamental need, a person looks back—examining, exploring, and gaining self-knowledge—on what has come into contact with their outer life and their soul during the past year. They also look back on the progress they have made in life and on the fruits of the experiences that life has brought them. When such a retrospective is undertaken, a kind of light is shed, as it were, on that feeling which makes human life appear to us more or less valuable, more or less problematic, or even more or less satisfying. We are never in a position to view our lives solely as we lead them as individual human beings. We feel compelled to view our lives in the context of the whole world and the whole of humanity. If we seriously pursue a spiritual-scientific worldview, the necessity will present itself to our souls, in particular, to repeatedly reflect on our relationship to the world at this turning point of the year—the end of one year and the beginning of the next. Ä
[ 2 ] Aber wenn diese Betrachtung jetzt stattfindet, in einem Zeitabschnitte, in dem so vieles an unserer Seele vorbeigezogen ist, in dem vor allen Dingen alles das vor unserer Seele steht, was die Menschheit in den letzten viereinhalb Jahren durchgemacht hat, und wenn man als Geisteswissenschafter sein Verhältnis in Betracht zieht zu Welt und Menschheit auf dem Hintergrunde der ja unvergleichlichen Weltereignisse der letzten Jahre, dann nimmt sich wohl gerade die Jahresschau dieses Jahres in einer ganz besonderen Weise aus.
[ 2 ] But when we consider this now, at a time when so much has passed before our eyes—a time in which, above all, everything that humanity has gone through in the last four and a half years stands before us— and when, as a scholar of the spiritual sciences, one considers one’s relationship to the world and to humanity against the backdrop of the truly incomparable world events of recent years, then this year’s annual review takes on a very special significance.
[ 3 ] Episodisch, ich möchte sagen, abgestimmt auf all das, was ich jetzt eben angeschlagen habe, herausfallend aus unserem übrigen Zusammenhange, mögen daher diejenigen Gedanken von Ihnen aufgenommen werden, die ich heute vorbringen möchte. Vergänglichkeit, Wechsel der Zeit und der Ereignisse in dieser Zeit, wie das alles an die Menschenseele herantritt, das steht vor unserem Geistesauge in diesem Augenblicke. Aber als Geisteswissenschafter werden wir nicht vergessen, daß, wenn wir auf die verfließende Zeit, die Erfahrungen, die wir in dieser verfließenden Zeit gemacht haben, zurückblicken, mancherlei Schwierigkeiten der Betrachtung auch sich geltend machen. Schwierigkeiten der Weltbetrachtung sind es vor allem, welche an dasjenige Gemüt herantreten, das sich im Ernste und in aller Würde geisteswissenschaftlichen Gedanken hingibt.
[ 3 ] As a side note—I would say, in line with everything I have just touched upon, and standing apart from the rest of our discussion—I hope you will take to heart the thoughts I would like to present today. Transience, the passage of time and the events of this era—how all of this affects the human soul—is what stands before our inner eye at this very moment. But as scholars of spiritual science, we must not forget that when we look back on the passing of time and the experiences we have had during this passing time, various difficulties in our contemplation also come to the fore. It is above all the difficulties of viewing the world that confront the mind that devotes itself to spiritual scientific thought with seriousness and dignity.
[ 4 ] Sie kennen alle jene eigentümliche Erscheinung, welche Leute befällt, die noch nicht oft im Eisenbahnzug gefahren sind. Sie sehen zum Fenster hinaus, und es kommt ihnen vor, als wenn sich die ganze Landschaft bewegte, als wenn die ganze Landschaft ihnen entgegeneilte. Sie spüren nicht, daß sie selbst im Zuge in Bewegung sind, sondern sie schreiben die Bewegung der Landschaft zu, durch die sie mit dem Zuge hindurchfahren. Erst allmählich, durch Lebensgewohnheiten, verliert man diese Illusion und setzt auch für das gewöhnliche Anschauen, das sich einem darbietet, wenn man zum Fenster hinausblickt, das Richtige. Im Grunde sind wir dem Weltengetriebe gegenüber immer in der Lage, wie solch ein Mensch im Eisenbahnzuge ist, nur in einer etwas komplizierteren Weise. Er täuscht sich, dieser Mensch, über die Ruhe und Bewegung dessen, was draußen in der Landschaft ist. Der Mensch durcheilt die Weltenereignisse, indem er eingebettet ist in seine physisch-ätherische Körperlichkeit, die ihm wie ein Fuhrwerk gegeben wird, wenn er hereintritt aus geistigen Gebieten in das physische Dasein zwischen Geburt und Tod. Durch die Werkzeuge dieses physischen Fuhrwerkes, in dem er seinen physischen Lebenslauf durcheilt, betrachtet er die Welt. Und in dieser Weltbetrachtung erscheint das weitaus meiste in einer illusionären Weise. So daß wir wirklich den Vergleich wagen können: Wir sehen die Welt so falsch wie derjenige, der, ungewohnt des Eisenbahnfahrens, die Landschaft draußen sieht, von der er vermeint, daß sie an ihm vorübersaust. Und die Korrektur dieser illusionären Weltanschauung, der sich die Menschen hingeben, ist nicht so leicht wie die Korrektur beim Hinausschauen aus dem Fenster des Eisenbahnzuges.
[ 4 ] You are all familiar with that peculiar sensation that befalls people who have not yet traveled by train very often. They look out the window, and it seems to them as if the entire landscape were moving, as if the entire landscape were rushing toward them. They do not realize that they themselves are moving in the train; rather, they attribute the movement to the landscape through which they are traveling with the train. Only gradually, through the habits of daily life, does one lose this illusion and come to perceive correctly the ordinary view that presents itself when one looks out the window. Essentially, we are always in the same position vis-à-vis the workings of the world as such a person is on a train, only in a somewhat more complicated way. This person is mistaken about the stillness and movement of what lies outside in the landscape. Human beings rush through world events while embedded in their physical-etheric body, which is given to them like a vehicle when they enter physical existence between birth and death from spiritual realms. Through the instruments of this physical vehicle, in which they rush through their physical life course, they observe the world. And in this view of the world, the vast majority of things appear in an illusory way. So that we can truly venture the comparison: We see the world as falsely as someone who, unaccustomed to traveling by train, sees the landscape outside, which he supposes is rushing past him. And correcting this illusory worldview to which people succumb is not as easy as correcting one’s perception when looking out the window of a train.
[ 5 ] Solch ein Gedanke mag Ihrer Seele kommen zu Silvester gerade dieses Jahres, im Laufe dessen wir mancherlei von landläufigen Weltvotstellungen zu berichtigen hatten. Sie wissen, wie ich Ihnen gesprochen habe über die Erfahrungen, die wir machen würden, wenn wir bewußt das Leben so durchlaufen würden, wie wir es unbewußt machen von der Kindheit bis ins späte Alter. Ich habe Ihnen gesagt, wie der Mensch erst in bestimmten Jahren seines Alters reif wird, das oder jenes aus sich selbst heraus wirklich zu wissen. Mit Bezug auf diese verschiedenen Reifezustände des menschlichen Lebens muß sich der Mensch aus den Gründen, die ich eben jetzt angedeutet habe, mancherlei Illusionen hingeben.
[ 5 ] Such a thought may come to your mind on New Year’s Eve this year in particular, a year during which we have had to correct many common misconceptions about the world. You know how I have spoken to you about the experiences we would have if we were to consciously live our lives the way we do unconsciously, from childhood to old age. I have told you how a person only matures at certain stages of life to truly know this or that from within themselves. With regard to these various stages of maturity in human life, people must, for the reasons I have just indicated, succumb to all sorts of illusions.
[ 6 ] Zweierlei Illusionen sind es vor allen Dingen, denen wir im Leben unterworfen sind, die sich auch sogleich in unser Gemüt hineinsenken, wenn wir etwa zu Silvester einen Rückblick auf das verflossene Jahr oder einen Vorblick auf das nächstliegende Jahr machen, zwei Illusionen, die davon kommen, daß wir keine Ahnung haben im gewöhnlichen Bewußtsein, wie wir eigentlich mit Bezug auf gewisse Verhältnisse zur Außenwelt stehen. Diese Außenwelt ist nicht nur eine räumlich geordnete Summe von Dingen, sondern diese Außenwelt ist ein Verlauf von Ereignissen. Sie beobachten durch Ihre Sinne die äußeren Ereignisse, die um Sie herum vorgehen, insofern diese Ereignisse Naturereignisse sind. Auch die Naturereignisse im Menschenreiche betrachten Sie so. Die Welt ist im Werden, die Welt ist in Vorgängen begriffen. Man denkt gewöhnlich nicht daran, aber es ist doch so! Diese Vorgänge spielen sich ab mit einer gewissen Geschwindigkeit. Was sich abspielt, hat immer eine gewisse Geschwindigkeit. Dann können Sie von diesen Vorgängen hinblicken auf dasjenige, was sich in Ihnen selbst abspielt. Sie wissen, bewußte und unbewußte Vorgänge spielen sich in Ihnen selbst ab. Nicht nur als ein fertiges, abgeschlossenes Raumeswesen stehen Sie der Welt gegenüber, sondern Sie stehen der Welt so gegenüber, daß Sie eigentlich in einem fortwährenden Geschehen, gegenüber einem fortwährenden Werden, in fortwährenden Vorgängen drinnen sind, und die spielen sich auch wiederum mit einer gewissen Geschwindigkeit ab.
[ 6 ] There are, above all, two kinds of illusions to which we are subject in life, illusions that immediately take root in our minds when, for example, on New Year’s Eve, we look back on the past year or look ahead to the coming year— two illusions that arise from the fact that, in our ordinary consciousness, we have no idea how we actually relate to the external world in certain circumstances. This external world is not merely a spatially ordered collection of things; rather, it is a sequence of events. Through your senses, you observe the external events taking place around you, insofar as these events are natural phenomena. You view natural phenomena within the human realm in the same way. The world is in a state of becoming; the world is in the midst of processes. People usually do not think about it, but it is indeed so! These processes unfold at a certain speed. Whatever is taking place always has a certain speed. Then, from these processes, you can turn your gaze to what is taking place within yourself. You know that conscious and unconscious processes take place within you. You do not face the world merely as a finished, complete spatial being; rather, you face the world in such a way that you are actually immersed in a continuous unfolding, in a continuous becoming, in continuous processes—and these, too, unfold at a certain speed.
[ 7 ] Betrachten wir nun unsere eigene Geschwindigkeit, mit der wir die Welt durcheilen, im Verhältnisse zu der Geschwindigkeit, die die Naturereignisse haben. Die äußere Wissenschaft des Menschen beachtet nicht, daß ein gewaltiger Unterschied ist zwischen unserer eigenen Geschwindigkeit, mit der wir durch die Welt gehen, und zwischen der Geschwindigkeit der Naturereignisse. Wenn wir denjenigen Teil unseres Lebens, der an die sinnliche Beobachtung der Außenwelt geknüpft ist und aus der sinnlichen Beobachtung der Außenwelt seine Erfahrungen schöpft, wenn wir diesen Teil unseres Lebensgehaltes, den wir den Sinnen verdanken, in bezug auf sein Werden, in bezug auf sein Dahinfließen vergleichen mit den äußeren Naturereignissen, auf die diese Sinne gerichtet sind, so gehen wir viel langsamer durch den Zeitenstrom als die Naturereignisse. Das ist wichtig, daß wir das ins Auge fassen. Die Naturereignisse gehen verhältnismäßig schnell, wir gehen langsam. Sie wissen, ich habe, als ich einmal hier in der Nachbarschaft, in Liestal, den Vortrag hielt «Das menschliche Leben vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», auf diese Verschiedenheit hingewiesen. Wir Menschen brauchen von dem Punkte an, wo wir geboren werden, bis zum Zahnwechsel, zum Ausbilden unseres physischen Leibes sieben Jahre, dann wiederum zum Ausbilden unseres Ätherleibes weitere sieben Jahre. Wenn wir das Pflanzenreich, das wir in dieser Beziehung als repräsentativ betrachten können, zum Beispiel mit Bezug auf unseren Ätherleib, vergleichen mit uns selbst, so sagen wir uns: Das Pflanzenreich, so wie es nun einmal bei den einjährigen Pflanzen ist, durcheilt im Laufe eines einzigen Jahres alle Entwickelung, die es im Ätherleib durchmachen kann. Wir brauchen sieben Jahre zu dem, was die einjährige Pflanze in einem Jahre durchmacht. Das heißt: Die Natur draußen, insoferne sie sich in der Pflanzenwelt enthüllt, eilt siebenmal schneller dahin als wit. Und vieles steht in derselben Gesetzmäßigkeit wie das, was sich in der Pflanzenwelt enthüllt, nämlich alles, insoferne es der ätherischen Welt untersteht.
[ 7 ] Let us now consider our own speed—the speed at which we rush through the world—in relation to the speed of natural phenomena. Human science does not take into account that there is a vast difference between our own speed, with which we move through the world, and the speed of natural phenomena. If we take that part of our life that is linked to the sensory observation of the external world and draws its experiences from that observation—if we compare this part of our life, which we owe to the senses, in terms of its unfolding and its flow, with the external natural phenomena toward which these senses are directed, we move much more slowly through the stream of time than natural phenomena do. It is important that we bear this in mind. Natural phenomena proceed relatively quickly; we move slowly. As you know, I once pointed out this difference when I gave the lecture “Human Life from the Perspective of Spiritual Science” here in the neighborhood, in Liestal. From the moment we are born until our teeth fall out, we humans need seven years to develop our physical body, and then another seven years to develop our etheric body. If we compare the plant kingdom—which we can regard as representative in this regard, for example with reference to our etheric body—with ourselves, we say to ourselves: The plant kingdom, as is the case with annual plants, rushes through in the course of a single year all the development it can undergo in the etheric body. It takes us seven years to accomplish what the annual plant accomplishes in one year. This means that nature outside, insofar as it reveals itself in the plant world, moves seven times faster than we do. And much follows the same law as that which is revealed in the plant world—namely, everything that is subject to the etheric world.
[ 8 ] Sie kommen darauf, was das für eine Bedeutung hat, wenn Sie nur einmal sich überlegen, wie es sich ausnimmt zum Beispiel, wenn Sie in einem langsam fahrenden Zuge fahren neben einem in der gleichen Richtung, aber schneller fahrenden Zug. Es wird Ihnen die Schnelligkeit dieses andern Zugs nicht so schnell erscheinen, wenn Sie selbst langsamer fahren, als wenn Sie stillstehen; oder aber, wenn Sie nun nicht in einem ganz langsamen Zuge fahren, sondern in einem etwas schnelleren Zuge, der aber immer noch langsamer geht als der andere Schnellzug, so erscheint Ihnen der Schnellzug ganz langsam gehend. Fahren Sie aber gerade so schnell wie der Schnellzug, so bleiben Sie immer neben dem Schnellzug. Sie sehen, die Art und Weise, wie Sie den andern Zug sehen, ändert sich, je nachdem Sie selbst sich mit einer gewissen Geschwindigkeit bewegen.
[ 8 ] You’ll realize what this means if you just stop to think about how it looks, for example, when you’re riding in a slow-moving train next to another train traveling in the same direction but at a faster speed. The speed of that other train will not seem as fast to you when you yourself are traveling more slowly than when you are standing still; or, if you are not riding on a very slow train but on a somewhat faster one—which is still slower than the other express train—then the express train will seem to be moving very slowly. But if you’re traveling at exactly the same speed as the express train, you’ll always stay alongside it. As you can see, the way you perceive the other train changes depending on your own speed.
[ 9 ] Nun, die Geschwindigkeit, von der wir hier reden, die Geschwindigkeit, mit der wir unser eigenes ätherisches Leben ablaufen lassen, enthält viel mehr als bloß die Raumesbeziehungen; sie enthält unser ganzes Beurteilen, unser ganzes Empfinden, unsere ganze Verfassung gegenüber der Welt draußen. Der Geisteswissenschafter, der diese Sache untersuchen kann, sagt: Wie wäre denn das eigentlich, wenn wir als Menschen anders organisiert wären, wenn wir zum Beispiel so organisiert wären, daß wir vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife nur ein Jahr brauchten, also genau dieselbe Geschwindigkeit hätten wie das, was draußen in der Natur dem Ätherleben unterworfen ist, wenn wir also im Ablaufe des ersten Jahres unsere zweiten Zähne bekämen und nach Ablauf des zweiten Jahres so weit wären, wie wir bis zur Geschlechtsreife im vierzehnten bis fünfzehnten Jahre sind? Da würden wir mit unserem eigenen Lebenslauf ganz in dem Lauf der Naturereignisse, insoferne sie dem Ätherleben unterliegen, drinnenstehen. Da würden wir uns gar nicht unterscheiden können von der Natur. Denn wir unterscheiden uns im wesentlichen dadurch, daß wir eine andere Geschwindigkeit haben im Vorwärtsbewegen durch den Zeitenstrom. Wir würden auf ganz natürliche Weise die Meinung haben, wir gehören zur Natur dazu. Und vor allen Dingen muß eins gesagt werden: Würden wir in dieser Weise in dieselbe Geschwindigkeit eingeschaltet sein wie die äußeren Naturereignisse, wir könnten niemals von innen heraus krank werden. Denn alle Krankheit, die von innen heraus an den Menschen herantreten kann, die rührt durchaus auch davon her, daß wir verschiedene Geschwindigkeit haben von der Geschwindigkeit der Ereignisse der äußeren Natur, insofern diese dem Ätherleben unterliegen. Also ganz anders wäre unser Menschenleben, wenn wir uns nicht dadurch von der äußeren Welt unterscheiden würden, daß wir siebenmal langsamer leben, als die äußere Natur lebt.
[ 9 ] Well, the speed we are talking about here—the speed at which we live out our own ethereal life—encompasses much more than mere spatial relationships; it encompasses all our judgments, all our feelings, and our entire attitude toward the outside world. The spiritual scientist who can investigate this matter says: What would it actually be like if we, as human beings, were organized differently—if, for example, we were organized in such a way that we needed only one year from the time our baby teeth fell out until we reached sexual maturity, that is, if we had exactly the same pace as that which, out in nature, is subject to etheric life—if, in other words, we were to get our permanent teeth during the course of the first year and, by the end of the second year, were as far along as we are by the time we reach sexual maturity at the age of fourteen or fifteen? Then we would be fully immersed in the course of natural events—insofar as they are subject to etheric life—through the course of our own lives. Then we would be indistinguishable from nature. For we differ essentially in that we move forward through the stream of time at a different pace. We would quite naturally feel that we are part of nature. And above all, one thing must be said: If we were attuned in this way to the same speed as external natural phenomena, we could never become ill from within. For every illness that can affect a human being from within stems entirely from the fact that we move at a different speed than the events of external nature, insofar as these are subject to etheric life. So our human life would be quite different if we were not distinguished from the external world by the fact that we live seven times more slowly than external nature does.
[ 10 ] So blicken wir zurück zu Silvester auf ein Jahr und denken nicht daran, daß wir eigentlich in diesem Jahre mit unserem eigenen Erleben aus dem Weltenleben herausgefallen sind. Das werden wir erst gewahr, wenn wir wirklich in ernster Weise — nachdem wir schon einen gewissen starken Lebensverlauf erlangt haben — wiederholt solche Silvesterbetrachtungen angestellt haben. Leute, welche darüber entscheiden können, werden mir bei ordentlicher Selbstrückschau recht geben, schon aus der ganz gewöhnlichen äußeren Lebenserfahtung heraus, daß, wenn wir zum Beispiel in die Fünfzigerjahre gekommen sind und solche Rückschau immer wieder gepflogen haben, wir uns sagen müssen: Eigentlich sind wir so, daß wir niemals aus einem Jahreslauf dasjenige herausgezogen haben, was sich herausziehen läßt. Wir lassen gewissermaßen die Erfahrung, die wir machen könnten, die uns bereichern könnte, ungenützt. Wir lernen siebenmal weniger, als wir lernen könnten von der Natur, wenn wir nicht siebenmal langsamer als die Natur selbst unseren Lebenslauf durcheilten. Und eigentlich — so sagen wir uns, wenn wir in die Fünfzigerjahre gekommen sind —, wenn du jedes Jahr so hättest ausnützen können, daß du alles aus diesem Jahr gesogen hättest, was das Jahr dir hat geben wollen, dann brauchtest du jetzt im Grunde genommen nur sieben oder acht Jahre oder höchstens zehn oder zwölf Jahre alt zu sein, und du würdest in diesen zehn oder zwölf Jahren alles herausgesogen haben, was du jetzt erst nach Jahrzehnten herausgesogen hast. |
[ 10 ] So, on New Year’s Eve, we look back on the year and do not realize that, through our own experiences, we have actually fallen out of the flow of world life during that year. We will only become aware of this when, having already attained a certain depth of life experience, we have repeatedly engaged in such New Year’s Eve reflections in a truly serious manner. People who are in a position to judge this will, upon proper self-reflection, agree with me—based simply on ordinary external life experience—that when, for example, we have reached our fifties and have repeatedly engaged in such reflection, we must admit to ourselves: In truth, we have never drawn from the course of a year what could have been drawn from it. In a sense, we leave the experiences we could have—experiences that could enrich us—unused. We learn seven times less than we could from nature if we did not rush through the course of our lives seven times slower than nature itself. And actually—as we tell ourselves once we’ve reached our fifties—if you had been able to make the most of every year by drawing out everything that year had to offer, then you’d essentially be only seven or eight years old now, or at most ten or twelve, and in those ten or twelve years you would have drawn out everything that you’ve only now drawn out after decades. |
[ 11 ] Aber noch ein anderes findet statt. Wir würden niemals zu der Anschauung kommen können, daß die Welt eine materielle ist, wenn wir uns mit ihr in gleicher Geschwindigkeit bewegten. Dadurch, daß wir uns nicht in gleicher Geschwindigkeit bewegen, erscheint uns die Welt draußen, die rascher geht, in stofflicher Art, materiell, und unser eigenes Leben erscheint uns geistig-seelisch. Der Unterschied tritt durch die verschiedene Geschwindigkeit des Lebens auf. Würden wir uns mit der gleichen Geschwindigkeit vorwärtsbewegen wie die äußere Natur, so wäre kein Unterschied zwischen unserem SeelischGeistigen und dem äußeren Naturlaufe; wir würden uns zu der äußeren Natur zählen, und alles als geistig-seelisch gleichbedeutend mit uns empfinden. Wir würden also dann in ganz anderer Weise in die Welt hineingeschaltet sein. Daß wir unsere eigene Geschwindigkeit haben, die viel langsamer ist als die Geschwindigkeit der Welt, das täuscht uns, wenn wir zu Silvester zurückblicken auf das Jahr. Denn wir blicken wohl zurück, aber vieles fällt aus diesem Rückblicke heraus, was nicht herausfallen würde, wenn wir mit der Welt eben die gleiche Geschwindigkeit hätten. Das sollte aus geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus gewissermaßen wie ein Unterton jene ernste Stimmung durchziehen, die wohl demjenigen, der sich der Geisteswissenschaft widmet, in einem solchen Jahresrückblicke geziemt. Das sollte uns sagen, wie wir als Menschen wohl nötig haben, andere Zugänge zur Welt zu suchen als diejenigen, die wir nur aus diesem äußeren Lebenslauf, der uns also in Illusionen versetzt, ziehen können.
[ 11 ] But something else is happening as well. We would never be able to arrive at the view that the world is a material one if we were moving at the same speed as it. Because we do not move at the same speed, the outside world—which moves more rapidly—appears to us as material, while our own life appears to us as spiritual and soulful. The difference arises from the different speeds of life. If we were to move forward at the same speed as the external natural world, there would be no difference between our spiritual-soul life and the course of the external natural world; we would count ourselves as part of the external natural world and perceive everything as spiritually and soulfully equivalent to ourselves. We would thus be engaged with the world in an entirely different way. The fact that we have our own pace—which is much slower than the world’s—deceives us when we look back on the year at New Year’s Eve. For although we do look back, much is left out of this retrospective that would not be left out if we were moving at the same pace as the world. From a spiritual-scientific perspective, this should, as it were, permeate like an undertone the serious mood that befits anyone devoted to spiritual science in such a year-in-review. It should tell us how necessary it is for us, as human beings, to seek other approaches to the world than those we can derive solely from this external course of life, which thus lulls us into illusions.
[ 12 ] Dies ist die eine Täuschung. Insofern wir der Welt mit unseren Sinnen gegenüberstehen, gehen wir viel langsamer durch die Welt, als die äußere Natur läuft. Aber noch eine andere Täuschung liegt vor, und die tritt vor uns, wenn wir all das in Erwägung ziehen, was unser Denken durchglüht, was unser Denken beflügelt, insofern dieses Denken aus unserem eigenen Inneren aufsteigt, wenn wir das Nachdenken in Betracht ziehen, das von unserem Willen abhängt. Die äußere Sinnenwelt gibt uns nicht nach unserem Willen das, was sie uns geben könnte, sondern wir müssen erst vor die Dinge hintreten. Die Ereignisse treten an uns heran. Das ist etwas anderes, als wenn wir unsere Begriffe, unsere Ideen fassen, die aus unserem eigenen Willen erglimmen. Das ist wieder eine andere Geschwindigkeit. Wenn wir jenes Seelenleben, das zwar ein Gedankenleben ist, aber mit unserem Willen, mit unserem Begehren, mit unseren Wünschen zusammenhängt, ins Auge fassen, so ist da wieder eine andere Geschwindigkeit als die Geschwindigkeit der Welt, die wir als Menschen zwischen Geburt und Tod durchziehen. Und da zeigt sich, wenn man die Sache geisteswissenschaftlich untersucht, das Kuriose: Mit unseren Gedanken, insofern sie von unserem Willen abhängig sind, bewegen wir uns viel schneller als der äußere Weltenlauf.
[ 12 ] This is one illusion. To the extent that we face the world with our senses, we move through the world much more slowly than the external world moves. But there is yet another illusion, and it presents itself to us when we consider all that sets our thinking ablaze, all that inspires our thinking—insofar as this thinking arises from within us—when we consider the kind of reflection that depends on our will. The external sensory world does not give us, according to our will, what it could give us; rather, we must first step before things. Events approach us. This is different from when we grasp our concepts, our ideas, which arise from our own will. That is yet another speed. When we consider that inner life of the soul—which is indeed a life of thought but is connected to our will, our desires, and our wishes—there is yet another speed than the speed of the world through which we, as human beings, pass between birth and death. And here, when one examines the matter from a spiritual scientific perspective, something curious becomes apparent: with our thoughts—insofar as they depend on our will—we move much faster than the outer course of the world.
[ 13 ] Also denken Sie, mit alldem, was mit unseren Sinnen zusammenhängt, bewegen wir uns langsamer, mit alledem, was mit unserem Denken zusammenhängt, bewegen wir uns viel schneller, als der äußere Lebenslauf ist. Eigentlich bewegen wir uns mit unseren Gedanken, insofern diese von unserem Willen, von unseren Sehnsuchten, von unseren Wünschen beherrscht sind, so schnell, daß wir, wenn auch unbewußt, das Gefühl haben können — und das hat auch ein jeder —, daß eigentlich das Jahr viel zu lang ist. Für unsere Sinnesauffassung ist es siebenmal zu kurz. Für unsere Gedankenauffassung, insofern die Gedanken abhängig sind von unseren Wünschen und von unseren Sehnsuchten, hat in den Tiefen der Mensch unbewußt das Gefühl: das Jahr ist viel zu lang. Er will eigentlich das Jahr viel kürzer haben, denn er ist überzeugt davon, daß er in einer viel kürzeren Zeit die Gedanken fassen könnte, die er so aus seinen eigenen Wünschen und aus seinem eigenen Willen heraus faßt. Es ist in der Tiefe der Seele eines jeden Menschen etwas, was er sich nicht zum Bewußtsein bringt, was aber in dem ganzen Empfinden, in der ganzen Seelenstimmung wirkt, was alles färbt, was wir in unserem subjektiven Innenleben haben. Es ist etwas, was uns sagt: Uns genügte das Jahr in bezug auf die Gedanken, die wir uns bilden, wenn wir nur die Sonntage hätten und gar keine Wochentage. Denn in bezug auf diese Art der Gedanken lebt der Mensch so, daß er eigentlich nichts anderes will, als nur die Sonntage erleben. Von den Wochentagen denkt er, wenn er sich das auch nicht mehr zum Bewußtsein bringt, sie halten ihn nur auf; sie stellen sich in das Leben nur wie etwas hinein, was er eigentlich nicht nötig hat, um mit seinen Gedanken vorwärts zu kommen. In bezug auf die Gedanken, die von unserem Willen, die von unseren Sehnsuchten und Wünschen abhängig sind, sind wir schnell fertig, da bewegen wir uns rasch. Das ist einer der Gründe für unseren Egoismus. Und das ist einer der Gründe dafür, daß wir mit Bezug auf unsere Gedanken so eigensinnig sind.
[ 13 ] So you think that with everything related to our senses, we move more slowly, and with everything related to our thinking, we move much faster than the external course of life. In fact, insofar as our thoughts are governed by our will, our longings, and our desires, we move so quickly that we may—even if unconsciously—have the feeling—and everyone has this—that the year is actually much too long. For our sensory perception, it is seven times too short. As for our conceptual understanding—insofar as our thoughts depend on our desires and longings—deep within, each person unconsciously feels that the year is far too long. They actually want the year to be much shorter, for they are convinced that in a much shorter time they could grasp the thoughts that arise from their own desires and their own will. Deep within the soul of every human being there is something that they do not bring to consciousness, but which influences their entire sensibility, their entire state of mind, coloring everything in our subjective inner life. It is something that tells us: The year would be enough for us in terms of the thoughts we form, if only we had Sundays and no weekdays at all. For as far as this kind of thinking is concerned, a person lives in such a way that they actually want nothing more than to experience Sundays. As for the weekdays—even if they no longer bring this to conscious awareness—they think these days merely hold them back; they intrude into life as something they don’t really need in order to move forward with their thoughts. When it comes to thoughts that depend on our will, our longings, and our desires, we are quick to act; we move swiftly. That is one of the reasons for our selfishness. And that is one of the reasons why we are so stubborn when it comes to our thoughts.
[ 14 ] Wenn Sie nicht so organisiert wären, wie ich es jetzt charakterisiert habe, wenn Sie mit Ihren Gedanken wirklich dem äußeren Lauf der Welt folgen würden, wenn Sie da nicht viel schneller vorwärtsgingen, siebenmal schneller als der äußere Weltenlauf, wenn Sie da nicht bloß auf die Sonntage Rücksicht nehmen würden, dann würden Sie sich so in der Welt seelisch gestimmt finden, daß Ihnen niemals Ihre eigene Meinung wertvoller wäre als die Meinung eines andern. Sie würden sich immer leicht in die Meinung eines andern hineinfinden können. Aber bedenken Sie, darauf beruht ein großer Teil unseres Menschenwesens, daß wir uns immer zuschreiben, daß unsere Meinung doch die wertvollere ist. Wir denken, wenigstens von einem gewissen Gesichtspunkte: Der andere hat doch immer unrecht; mindestens hat er erst dann recht, wenn wir uns befugt fühlen, ihm recht zu geben.
[ 14 ] span>If you were not as organized as I have just described, if your thoughts truly followed the external course of the world, if you did not move forward much faster—seven times faster than the external course of the world—and if you did not merely take Sundays into account, then you would find yourself in such a spiritual state of mind in the world that your own opinion would never be more valuable to you than the opinion of another. You would always be able to easily adopt someone else’s opinion. But consider this: a large part of our human nature rests on the fact that we always assume our own opinion is the more valuable one. We think—at least from a certain point of view—that the other person is always wrong; at the very least, they are only right when we feel authorized to agree with them.
[ 15 ] Also wir sind ein merkwürdig zwiespältiges Wesen als Mensch. Wir bewegen uns auf der einen Seite viel langsamer, als der äußere Weltenlauf ist, insoferne wir Sinnesmensch sind; wir bewegen uns in Gedanken viel schneller, als der äußere Weltenlauf ist, insofern wir Willensmenschen sind. Das trübt unseren Blick, wenn wir in die äußere Welt hineinschauen. Wir wissen, weil wir uns dann immer Illusionen hingeben, nicht, daß wir aus der Natur herausfallen und dadurch die Möglichkeit haben, krank zu werden, dadurch materialistische Vorstellungen über die Welt gewinnen. Diese Vorstellungen sind gerade so falsch, wie die Vorstellung falsch ist, daß die Landschaft draußen in entgegengesetzter Richtung des Zuges vorbeiläuft; und sie sind nur deshalb da, diese materialistischen Vorstellungen, weil wir uns siebenmal langsamer bewegen als die Welt. Und wir hegen den geheimen Wunsch: Wenn es nur immer Sonntag wäre! — weil uns, vergleichsweise gesprochen, die Wochentage eigentlich unnötig erscheinen für das, was wir von der Welt rein äußerlich aus unseren Wünschen, aus unserem Willen heraus vorstellen wollen. Dieser geheime Wunsch ist in jedem Menschen. Die Seelenverfassung der Menschen wird ja nicht immer so treffend bezeichnet wie im folgenden. Bismarck hat einmal über jenen Kaiser, der der letzte der Hohenzollern war, ein merkwürdiges Wort gesagt. Als er seine Bedenken darüber aussprach, was über Deutschland durch diesen Kaiser kommen werde, sagte er: Dieser Mann will so leben, wie wenn er jeden Tag Geburtstag hätte; unsereiner ist froh, wenn er den Geburtstag wieder vorüber hat, weil er all den Wünschen und alldem, was der Geburtstag an Aufregungen bedeutet, ausgesetzt ist; der aber möchte jeden Tag Geburtstag haben! — Das ist ein Wort, das Bismarck sorgenvoll einmal ganz im Anfange der neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts zur Charakteristik des Kaisers gesprochen hat. Nun, den Geburtstag, den hebt der menschliche Egoismus so stark heraus, daß er sich den Unterschied klarmacht von den übrigen Tagen; immer Geburtstag zu haben, wünscht der Mensch gerade nicht, aber er wünscht von einem gewissen Gesichtspunkte aus, daß es immer Sonntag wäre, denn da würde er genug wissen. Und vieles in unserer Seelenstimmung, das sich in ganz anderer Weise maskiert, beruht darauf, daß wir eigentlich nur die Sonntage mögen.
[ 15 ] So, as human beings, we are strangely ambivalent creatures. On the one hand, we move much more slowly than the course of the external world, insofar as we are sensory beings; on the other hand, we move much faster in thought than the course of the external world, insofar as we are beings of will. This clouds our vision when we look out into the external world. Because we are constantly succumbing to illusions, we fail to realize that we are detached from nature—and that this detachment makes us susceptible to illness and leads us to adopt materialistic conceptions of the world. These ideas are just as false as the notion that the landscape outside is passing by in the opposite direction of the train; and these materialistic ideas exist only because we move seven times slower than the world. And we harbor a secret wish: If only it were always Sunday! — because, relatively speaking, the weekdays actually seem unnecessary to us for what we want to imagine about the world purely from the outside, based on our desires and our will. This secret wish is in every person. The state of people’s souls is rarely described as aptly as in the following. Bismarck once said something remarkable about that emperor who was the last of the Hohenzollerns. When he expressed his concerns about what this emperor would bring upon Germany, he said: “This man wants to live as if he had a birthday every day; people like us are glad when our birthday is over, because we are exposed to all the wishes and all the excitement that a birthday entails; but he would like to have a birthday every day!” — This is a remark that Bismarck once made with concern, right at the beginning of the 1890s, to characterize the emperor. Well, human selfishness emphasizes birthdays so strongly that it makes a clear distinction between them and other days; people do not actually wish to have a birthday all the time, but from a certain point of view, they do wish it were always Sunday, because then they would have enough. And much of our state of mind, which masks itself in entirely different ways, is based on the fact that we actually only like Sundays.
[ 16 ] Die Illusionen, die von diesen Dingen herrühren, sind in älteren Zeiten der Menschheitsentwickelung durch das atavistische Hellsehen in der mannigfaltigsten Weise korrigiert worden. Sie werden in unserem Zeitalter am wenigsten korrigiert. Dasjenige, was sie aber korrigiert und was eintreten muß, und was ich Sie bitte, als eine Art sozialen Impuls heute in Ihre Seele aufzunehmen, das ist, daß, wenn wir uns in die Geisteswissenschaft, wie sie hier gemeint ist, vertiefen, so daß wir sie nicht als Theorie, sondern in jener Lebendigkeit aufnehmen, von der ich oftmals gesprochen habe, wir dann in dieser Geisteswissenschaft eine Möglichkeit haben, innerlich seelenmäßig die Illusionen, die aus diesen zwei Irrtumsquellen herkommen, zu korrigieren. Geisteswissenschaft — machen wir uns das insbesondere an der Jahreswende klar — ist etwas, was uns auf der einen Seite dasjenige draußen in der Welt wirklichkeitsgemäß erleben läßt, was wir nicht wirklichkeitsgemäß erleben, weil wir zu langsam durch die Welt gehen. Es hängt wirklich alles ab von der Art, wie wir selbst uns zu den Dingen stellen. Denken Sie doch nur einmal, was alles davon abhängt, wie wir selber uns zu der Welt stellen! Wir müssen, um uns solche Dinge klarzumachen, manchmal hypothetisch unmögliche Gedanken uns vor die Seele rücken. Denken Sie, der Physiker sagt Ihnen: Gewisse Töne, das C, D, E einer gewissen Oktave, haben so und so viele Schwingungen, das heißt, die Luft vollführt so und so viele Schwingungen. Sie vernehmen nichts von den Schwingungen, Sie hören den Ton. Aber denken Sie, wenn Sie so organisiert wären — es ist natürlich ein unmöglicher Gedanke, aber man kann sich daran etwas klarmachen —, daß Sie jede einzelne Luftschwingung wahrnehmen würden, so würden Sie vom Tone nichts hören können. Welche Geschwindigkeit Ihr eigenes Leben hat, hängt lediglich davon ab, wie Sie irgend etwas wahrnehmen. Die Welt schaut so aus, wie sie ausschauen muß nach der Geschwindigkeit, die wir selbst gegenüber der Welt haben. Geisteswissenschaft aber macht uns aufmerksam auf jene Wirklichkeit, welche vorhanden ist, abgesehen von unserem Verhältnis zur Welt.
[ 16 ] The illusions arising from these things were corrected in the most diverse ways in earlier periods of human development through atavistic clairvoyance. They are corrected the least in our age. But what does correct them—and what must happen, and what I ask you to take into your soul today as a kind of social impulse—is this: if we immerse ourselves in spiritual science, as it is meant here, so that we take it in not as a theory but with that vitality of which I have often spoken, then we have, within this spiritual science, the possibility of correcting—innerly and soulfully—the illusions that arise from these two sources of error. Spiritual science—let us make this especially clear to ourselves at the turn of the year—is something that, on the one hand, allows us to experience in the world as it truly is what we do not experience as it truly is because we move too slowly through the world. Everything really depends on the way we ourselves relate to things. Just think for a moment about how much depends on how we ourselves relate to the world! To make such things clear to ourselves, we sometimes have to bring hypothetically impossible thoughts to mind. Imagine a physicist telling you: Certain tones—the C, D, and E of a certain octave—have so many vibrations; that is, the air undergoes so many vibrations. You don’t perceive any of these vibrations; you hear the tone. But imagine—if you were organized in such a way—it is, of course, an impossible thought, but it helps clarify something—that you would perceive every single vibration of the air; in that case, you would not be able to hear the tone at all. The speed of your own life depends solely on how you perceive anything. The world looks the way it must, given the speed at which we ourselves move relative to the world. Spiritual science, however, draws our attention to the reality that exists independently of our relationship to the world.
[ 17 ] Man spricht davon in der Geisteswissenschaft, daß sich unsere Erde allmählich gebildet habe, indem sie zuerst eine Saturn-, eine Sonnen-, eine Mondenzeit durchgemacht hat und dann zu dieser Erdenzeit vorgerückt ist. Aber natürlich ist alles immer da. In dem Dasein, in dem wir jetzt als dem Erdendasein drinnen leben, bereiten andere Welten ihr Saturndasein, andere Welten ihr Sonnendasein vor. Man kann das geisteswissenschaftlich beobachten. Das Saturndasein ist auch jetzt noch da. Wir wissen nur, unsere Erde hat dieses Stadium überwunden; andere Welten sind erst in diesem Saturnstadium. Da kann man dann beobachten, wie es hereinragt. Aber dieses Saturnstadium beobachten zu können, das hängt davon ab, daß man die Geschwindigkeit sich erst ändert, mit der man die Ereignisse verfolgt, sonst kann man sie nicht sehen. Also Geisteswissenschaft bringt uns in einer gewissen Beziehung das Zusammenleben mit der wahren Wirklichkeit, mit dem, was in der Welt wahrhaftig vor sich geht. Und nehmen wir sie lebendig auf, diese Geisteswissenschaft, von der ich gesprochen habe als der Offenbarung der Geister der Persönlichkeit, die als Schöpfer neu eingreifen, nehmen wir sie für unsere Zeit nicht bloß als Menschenwerk, sondern, wie ich sagte, als von Himmelshöhen geoflenbart, nehmen wir die Impulse dieser Geisteswissenschaft lebendig in uns auf, dann bringen sie uns — was für unsere Zeit so notwendig ist — über die Täuschungen unserer mit der Welt verschiedenen Geschwindigkeit hinaus, dann bringen sie uns mit der Welt so zusammen, daß wir wenigstens in unserem Empfinden gegenüber der Welt manches korrigieren können.
[ 17 ] In spiritual science, it is said that our Earth gradually came into being by first passing through a Saturn era, a Sun era, and a Moon era, and then advancing to this Earth era. But of course, everything is always there. Within the existence we are now living as the Earth existence, other worlds are preparing for their Saturn existence, and other worlds for their Sun existence. This can be observed from a spiritual scientific perspective. The Saturn existence is still present even now. We simply know that our Earth has moved beyond this stage; other worlds are only just entering this Saturn stage. There, one can then observe how it extends into our existence. But being able to observe this Saturn stage depends on first changing the pace at which we follow events; otherwise, we cannot see it. Thus, spiritual science brings us, in a certain sense, into communion with true reality—with what is truly taking place in the world. And if we take this spiritual science to heart—which I have spoken of as the revelation of the spirits of personality who are intervening anew as creators—if we accept it for our time not merely as a human creation but, as I said, as revealed from the heights of heaven, and if we take the impulses of this spiritual science to heart, then they will lead us—which is so necessary for our time — beyond the illusions created by our different pace from that of the world; then they will bring us into such harmony with the world that we can at least correct certain aspects of our perception of the world.
[ 18 ] Und dann stellt sich für uns auch die Folge dieser geisteswissenschaftlichen Bestrebungen ein. Ich habe auch im Laufe dieses Jahres auf manche Folge dieser Bestrebungen hingewiesen. Heute möchte ich in Silvesterrückschau Sie nur hinweisen darauf, was ich von einem andern Gesichtspunkte aus schon gesagt habe: Geisteswissenschaft, lebendig aufgenommen, erhält den Menschen in einer gewissen Weise jung, läßt uns nicht so altern, wie wir sonst altern. Das ist eine der Folgen der Geisteswissenschaft. Und für die heutige Zeit ist diese Folge ganz besonders wichtig. Sie besteht darin, daß wir wirklich imstande sein können, wenn wir auch noch so sehr schon in reiferen Jahren sind, etwas lernen zu können, wie man als Kind gelernt hat. Ist man in die Fünfzigerjahre gekommen, so fühlt man sich vom Standpunkte des gewöhnlichen Bewußtseins aus in der Regel ziemlich alt in der Welt. Fragen Sie einmal Ihre Zeitgenossen, ob sie gerade eine große Neigung haben, mit fünfzig Jahren noch viel zu lernen! Wenn sie es auch sagen, versuchen Sie, ob sie es tun, ob sie es in Wirklichkeit tun. Geisteswissenschaftliche Begriffe und Ideen, lebendig aufgenommen, können den Menschen wirklich nach und nach in die Möglichkeit versetzen, in reifen Jahren noch so zu lernen, wie man sonst als Kind gelernt hat, auch Dinge, die man als Kind eben nicht gelernt hat, gewissermaßen einen weiteren Menschen und immer weiteren Menschen in sich aufzunehmen. Sie bringt den Menschen dazu, seelisch sich immer mehr jung zu fühlen, aber nicht bloß abstrakt, wie man das oftmals tut, sondern so, daß man wirklich in einer ähnlichen Weise etwas lernen mag, wie man gelernt hat, als man acht oder neun Jahre alt war. Dadurch wird in einer gewissen Weise ausgeglichen, was durch die verschiedene Geschwindigkeit mit der Welt in dem Menschen bewirkt wird. Dadurch sind wir zwar in reiferen Jahren natürlich alt, aber unsere Seele läßt uns nicht alt sein, unsere Seele läßt uns in einer gewissen Weise Kind sein, uns der Welt gegenüber wie ein Kind benehmen. Dann sagen wir uns, wenn wir in die Fünfzigerjahre gekommen sind: Du hast eigentlich dadurch, daß du langsamer lebtest als der äußere Weltenlauf, nur das in dich aufgenommen, was, wenn du ebenso schnell lebtest wie der äußere Weltenlauf, du in sieben oder zehn Jahren aufnehmen würdest. Aber ist man frisch geblieben, dann bewahrt man sich auch die Möglichkeit, so sich zu verhalten, wie man sich verhalten würde, wenn man nur sieben, acht, neun, zehn Jahre durchlebt hätte. Das ist ein voller Ausgleich. Und das bedingt, weil sich in der Welt die Dinge immer die Waage halten, den andern Ausgleich: daß man auch die schnellere Geschwindigkeit, diese Willkürgedanken, diese Sonntagswünsche, wie ich sie Ihnen charakterisiert habe, auch in einer gewissen Weise hinunterdrückt, daß man sich die Möglichkeit verschaflt, nicht immer nur Sonntage haben zu wollen, sondern auch die Wochentage für das Lernen auszunützen, das ganze Leben zur Schule zu machen.
[ 18 ] And then we also begin to see the consequences of these spiritual scientific endeavors. I have pointed out some of these consequences over the course of this year. Today, as we look back on the year, I would simply like to draw your attention to what I have already said from a different perspective: Spiritual science, when taken to heart, keeps people young in a certain way; it prevents us from aging as we otherwise would. This is one of the consequences of spiritual science. And for our time, this consequence is particularly important. It consists in the fact that, no matter how advanced in years we may be, we can truly be capable of learning in the same way a child learns. Once you’ve reached your fifties, from the standpoint of ordinary consciousness, you generally feel quite old in the world. Ask your contemporaries whether they really feel much inclination to keep learning a great deal at the age of fifty! Even if they say they do, try to see if they actually do it—if they really put it into practice. Concepts and ideas from spiritual science, when taken to heart, can truly enable a person, little by little, to learn in their mature years just as one used to learn as a child—and even to learn things one didn’t learn as a child—in a sense, to take on another human being and ever more human beings within oneself. It leads people to feel increasingly young in their souls—not merely in an abstract sense, as is often the case, but in such a way that they can truly learn in a manner similar to how they learned when they were eight or nine years old. In a certain sense, this compensates for the effects caused within a person by the differing pace at which they engage with the world. As a result, although we are naturally old in our later years, our soul does not allow us to be old; our soul allows us, in a certain sense, to be children, to behave toward the world like a child. Then, when we reach our fifties, we say to ourselves: By living at a slower pace than the outer course of the world, you have actually taken in only what you would have absorbed in seven or ten years had you lived just as fast as the outer course of the world. But if one has remained youthful, then one also preserves the ability to behave as one would have if one had lived through only seven, eight, nine, or ten years. That is a complete balance. And because things in the world always balance each other out, this leads to the other balance: that one also, in a certain way, curbs that faster pace—those capricious thoughts, those “Sunday wishes,” as I have described them to you—so that one creates the opportunity not to always want only Sundays, but also to make use of the weekdays for learning, to turn one’s entire life into a school.
[ 19 ] Gewiß, ich stelle Ihnen da eine Art Ideal so geisteswissenschaftlich streng hin. Aber vielleicht hat schon mancher von Ihnen die Silvester der letzten vier Jahre als ernstere empfunden als die früheren. Derjenige aber, der etwas tiefer in die Weltenereignisse blickt, wird wohl den diesjährigen Silvester, auch im Vergleiche mit den Silvestern der verflossenen vier Jahre, als allerernstesten betrachten. Er fordert uns schon auf, tief hineinzuschauen in das, was in der Welt vor sich geht, und diesen Gedanken zu verbinden mit dem, was wir doch aus unserem Verhältnis zur Geisteswissenschaft gewinnen können an Vorstellungen über das, was der Welt in der Gegenwart und in der nächsten Zukunft notwendig ist. Wir sollen ja gewissermaßen durch Geisteswissenschaft aufwachen für die Weltenereignisse, wir sollen wachende Menschen werden. Ein flüchtiger Blick kann die Menschen heute belehren, wie sehr das Schlafen verbreitet ist. Vergleichen Sie nur das heutige Leben mit dem Leben früherer Epochen, dann werden Sie schon darauf aufmerksam werden, wie schließlich das Jugend- und Altersleben sich geändert hat. Die Jugend von heute in ihrer überwiegenden Mehrheit, wie wirkt auf sie die materialistische Zeit? So frisch, so hell, so lebendig wie die Jugendideale in früheren Epochen waren, sind sie heute nicht. Die Jugend ist eine fordernde geworden. Man will das, was die Jugend bietet, in seiner Seelenstimmung nicht so sehr darauf verwenden, um in das Zukunftsleben zu schauen, um weithin leuchtende Ideale sich vorzumalen und von diesen Idealen ein gehobenes Leben zu haben; man will schon in der Jugend das, was man als Leben hat, verbrauchen. Das aber bedingt ein Alter, welches nun nicht dasjenige aufnehmen kann, was geeignet wäre, gerade durch das Alter erst recht aufgenommen zu werden. Unsere Jugend verbraucht ihre Kräfte, und das Alter läßt die Schätze des Lebens auf dem Wege liegen. Unsere Jugend ist nicht mehr hoffnungsreich genug; unser Alter ist wesenlos resignierend. Unsere Jugend wendet sich nicht mehr an das Alter, um zu fragen: Verwirklichen sich die Jugendträume, die selbstverständlich aus meinem Herzen hervorquellen ? — Unser Alter wäre aber auch kaum in der Lage, zu sagen: Ja, sie verwirklichen sich. — Unser Alter sagt mehr oder weniger ausgesprochen heute nur allzu oft: Auch ich habe das geträumt; diese Jugendträume gehen leider nicht in Erfüllung. — Man wird ernüchtert durch das Leben.
[ 19 ] Certainly, I am presenting you with a kind of ideal that is strictly based on the humanities. But perhaps some of you have already found the New Year’s Eves of the past four years to be more serious than those of earlier years. However, anyone who looks a little more deeply into world events will likely regard this year’s New Year’s Eve—even in comparison with the New Year’s Eves of the past four years—as the most serious of all. It already calls on us to look deeply into what is happening in the world and to connect this insight with what we can gain—through our relationship to spiritual science—in terms of ideas about what the world needs in the present and in the near future. We are, in a sense, to be awakened by spiritual science to world events; we are to become people who are awake. A cursory glance can show people today just how widespread this slumber is. Just compare life today with life in earlier eras, and you will immediately notice how the lives of young and old have changed. The vast majority of today’s youth—how does this materialistic age affect them? The ideals of youth today are not as fresh, as bright, or as vibrant as they were in earlier eras. Youth has become a demanding force. People do not wish to devote the spirit of their youth—what youth has to offer—so much to looking toward the future, to envisioning far-reaching, luminous ideals, and to living a life elevated by these ideals; they want to consume what they have as life while they are still young. But this leads to an old age that is now unable to absorb what would be most suitable for old age to embrace. Our youth consumes its energies, and old age leaves the treasures of life by the wayside. Our youth is no longer hopeful enough; our old age is resigned without purpose. Our youth no longer turns to old age to ask: Are the dreams of youth—which naturally spring from my heart—coming true? — But our old age would hardly be in a position to say: Yes, they are coming true. — All too often today, our older generation says, more or less explicitly: “I, too, dreamed that; unfortunately, those youthful dreams do not come true.” — Life brings disillusionment.
[ 20 ] Mit all diesen Dingen hängt aber zusammen das Unglück unserer Zeit. Mit all diesen Dingen hängt doch zusammen, was die Menschheit heute tief erschüttert. Dann aber, wenn Sie auf das hinblicken, dann werden Sie auch die Notwendigkeit geisteswissenschaftlicher Impulse tief in die Seele sich einschreiben können. Denn an diesem Jahreswendetage muß man sich doch fragen, wenn man wach sein will: Wie stellt sich denn eigentlich diese Zeit dar? Was kann werden in der Zukunft? Was kann aus dem hervorgehen, was sich bis heute aus den Wirrsalen der letzten Jahre für die zivilisierte Menschheit ergeben hat? — Wenn man sich diese Fragen als wacher Mensch vorlegt, entsteht eine wesentlich andere Frage, eine Frage, die ganz tief zusammenhängt mit allen unseren möglichen Hoffnungen für die Menschheitszukunft. Solche Hoffnungen, oder solche Sorgen könnte ich auch sagen, sie stiegen einem in den letzten Jahren oftmals auf, ganz besonders dann, wenn man den Blick hinwendete auf diejenigen Menschenwesen, die heute vier, fünf, sechs, sieben, acht Jahre alt sind. Wir, die Älteren, haben manches hinter uns, was unsere Seelenstimmung gegenüber dem, was da kommt, beeinflussen kann. Wir haben manches hinter uns, was uns auch solche Freude bereitet hat, die diejenigen nicht haben werden, die heute fünf, sechs, acht, neun Jahre alt sind. Aber nichts ist absolut in der Welt, nicht einmal, wenn man zu Silvester den Rückblick macht auf das Jahr. Alles, was uns da erscheint, erscheint uns illusionär, weil wir auf der einen Seite zu langsam, auf der andern Seite zu schnell zum Weltenlaufe gehen. Nichts ist absolut, alles ist relativ. Und die Frage, die aber nicht eine bloße theoretische, sondern eine reale Frage ist, wie Sie gleich sehen werden, diese Frage tritt vor uns auf: Wie kann es denn heute eigentlich in der Seele eines Menschen ausschauen, der nicht an geisteswissenschaftliche Vorstellungen herantreten kann, wenn sich dieser Mensch Fragen stellt über die Zukunft der Menschheit? Man kann schlafen, und das bedeutet gegenüber dem Fortschritte der Menschheit unehrlich sein, wenn auch unbewußt unehrlich sein. Aber man kann auch wachen, und man sollte wachen. Dann kann diese Frage insbesondere gegenüber der allgemeinen Menschheitsverfassung in unserer Zeit auftreten: Wie malt sich denn wohl in den Menschenseelen die Menschenzukunft, wenn diese Menschenseelen nicht in der Lage sind, an Geisteswissenschaftliches heranzutreten? Solche Menschen sind nur allzu zahlreich in dieser Welt gegenwärtig. Ich meine nicht die trockenen, selbstgefälligen Materialisten allein, sondern ich meine jene zahlreichen andern, die es heute schon gibt, die eine gewisse Furcht haben vor dem wirklich Geistigen, und die doch in ihrer Art Idealisten sein möchten. Sie sind abstrakte Idealisten, die von allem möglichen Schönen, von: Liebet eure Feinde —, von schönen sozialen Reformen reden, die aber nicht zum wirklichen konkreten Erfassen der Welt kommen können. Sie sind aus Schwäche zwar Idealisten, aber nicht Geistschauer. Sie wollen nicht den Geist schauen, sie halten sich ferne von dem Geist.
[ 20 ] Yet the misfortune of our time is connected to all these things. What is deeply shaking humanity today is, after all, connected to all these things. But then, when you reflect on this, you will also be able to deeply inscribe the necessity of spiritual-scientific impulses into your soul. For on this day marking the turn of the year, if one wishes to remain awake, one must ask oneself: What is the true nature of this era? What might the future hold? What might emerge from what has arisen for civilized humanity thus far from the turmoil of recent years? — When one, as an alert person, considers these questions, a fundamentally different question arises—one that is deeply connected to all our possible hopes for the future of humanity. Such hopes—or such concerns, I might also say—have often come to mind in recent years, especially when one turns one’s gaze toward those human beings who are four, five, six, seven, or eight years old today. We, the older generation, have lived through many things that can influence our state of mind regarding what lies ahead. We have experienced many things that have brought us a joy that those who are five, six, eight, or nine years old today will not have. But nothing in the world is absolute, not even when we look back on the year at New Year’s Eve. Everything that appears to us seems illusory, because on the one hand we move too slowly, and on the other hand too quickly, with the course of the world. Nothing is absolute; everything is relative. And the question—which is not merely a theoretical one, but a real one, as you will soon see—this question confronts us: What might the inner world of a person actually look like today who cannot engage with spiritual scientific ideas, when that person asks themselves questions about the future of humanity? One can remain asleep—and that means being dishonest toward the progress of humanity, even if unconsciously so. But one can also stay awake—and one ought to stay awake. Then this question may arise, particularly in light of the general state of humanity in our time: How, then, is the future of humanity envisioned in human souls if those souls are unable to engage with spiritual science? Such people are all too numerous in the world today. I do not mean only the dry, self-satisfied materialists, but I mean those many others who already exist today, who have a certain fear of what is truly spiritual, and who yet would like to be idealists in their own way. They are abstract idealists who speak of all manner of beauty, of “Love your enemies,” and of noble social reforms, but who are unable to grasp the world in a real, concrete way. They are idealists out of weakness, but they are not seekers of the spirit. They do not wish to behold the spirit; they keep their distance from it.
[ 21 ] Diese Frage möchte ich heute als eine Jahreswendefrage aufwerfen: Wenn nun einmal solch ein Mensch ehrlich ist, der zwar glaubt, er lebe für den Geist, der auch glaubt, durch seinen Glauben überzeugt zu sein von dem Weben und Wesen des Geistes in der Welt, der aber nicht den Mut hat, hinzugehen zu jenem konkreten Geistigen, zu der geistigen Wirklichkeit, welche durch Geisteswissenschaft sich heute den Menschen offenbaren will, wenn sich in einem solchen Menschen das Ganze der gegenwärtigen Welt oder nur ein Teil ehrlich malt, was entsteht dann für ein Bild? Ich möchte Ihnen nicht eine abstrakte Schilderung geben, ich möchte Ihnen eine Schilderung geben, die gegenwärtig durch die Weltblätter geht und die von einem Menschen herrührt, den ich in einem andern Zusammenhange auch schon erwähnte, von einem Menschen, der sich eben aus den Gründen, die ich jetzt erörtert habe, fernhält von wirklichem Eintritt in die Geisteswissenschaft, der glaubt, soziale Ideale gewinnen zu können ohne Geisteswissenschaft, der glaubt, reden zu können über Menschenfortschritt und Menschenwesenheit, ohne in Geisteswissenschaft eintreten zu wollen, aber ein Mensch, der ehrlich ist von diesem seinem Gesichtspunkte aus. Ich habe öfter erwähnt den Namen Walther Rathenau, erwähnt manches, was entschieden schwach ist an ihm; aber Sie erinnern sich, daß ich seine «Kritik der Zeit» auch einstmals anerkennend erwähnt habe. Das ist so recht ein Typ, und zwar einer der besten Typen von Menschen unserer Zeit, die Idealisten sind, die auch den Glauben haben, daß ein Geistiges die Welt durchwebt und durchlebt, die aber das konkrete Geistige nicht finden können, jenes Geistige, welches allein Heilung bringen kann gegenüber den Schäden, die jetzt die Welt durchbeben. Deshalb ist es nützlich zu fragen, was denn ein solcher, der der Geisteswissenschaft ferne steht, aber ehrlich ist, der den heutigen Weltenlauf von seinem Orte aus betrachtet, was ein solcher sich sagt. Das ist immerhin lehrreich. Deshalb möchte ich, daß auch wir hier, weil Sie es vielleicht nicht alle gelesen haben, vor unsere Seele treten lassen jene Worte, welche Walther Rathenau in diesen Tagen an die ganze Welt richtet. Er sagt: «Ein Deutscher wendet sich an alle Nationen. Mit welchem Recht? Mit dem Rechte eines, der den kommenden Krieg verkündete, der das Ende voraussah, die Katastrophe erkannte, dem Spott, Hohn und Zweifel trotzte und vier lange Jahre den Machthabern zur Versöhnung riet. Mit dem Rechte eines, der das Vorgefühl des tiefsten Sturzes jahrzehntelang in sich trug, und weiß, daß der Sturz tiefer ist, als Menschen, Freunde und Feinde ahnen. Mit dem Rechte eines, der niemals ein einziges Unrecht seines Volkes verschwiegen hat, und nun für das Recht seines Volkes eintreten darf.
[ 21 ] Today, I would like to raise this question as one for the turn of the year: Suppose such a person is honest—someone who believes he lives for the Spirit—who also believes that, through his faith, he is convinced of the workings and nature of the Spirit in the world—but who does not have the courage to go toward that concrete spiritual reality, toward the spiritual reality that spiritual science seeks to reveal to people today—if the whole of the present world, or even just a part of it, is honestly depicted within such a person, what kind of picture then emerges? I do not wish to give you an abstract description; I wish to give you a description that is currently making the rounds in the world press and that originates from a person whom I have already mentioned in another context—a person who, precisely for the reasons I have just discussed, refrains from truly engaging with spiritual science—a person who believes he can achieve social ideals without spiritual science, who believes he can speak of human progress and the human condition without wishing to engage with spiritual science, but who is honest from his own point of view. I have often mentioned the name Walther Rathenau, and pointed out many things about him that are decidedly weak; but you will recall that I once spoke appreciatively of his *Critique of the Age*. He is truly a representative figure—indeed, one of the finest examples of the idealists of our time: those who believe that a spiritual force permeates and animates the world, yet who cannot find the concrete spiritual reality—that very spiritual reality which alone can bring healing to the ills that now shake the world. That is why it is useful to ask what someone like this—who is far removed from spiritual science but is honest, who observes the course of world events today from his own vantage point—what such a person says to himself. That is instructive, after all. That is why I would like us here—since perhaps not all of you have read them—to let those words that Walther Rathenau is addressing to the whole world these days sink into our souls. He says: “A German addresses all nations. By what right? By the right of one who foretold the coming war, who foresaw the end, who recognized the catastrophe, who defied scorn, derision, and doubt, and who for four long years advised those in power to seek reconciliation. With the right of one who carried within himself for decades the premonition of the deepest downfall, and knows that the downfall is deeper than people—friends and enemies alike—can imagine. With the right of one who has never concealed a single injustice committed by his people, and who may now stand up for the rights of his people.
[ 22 ] Das deutsche Volk ist schuldlos. Schuldlos hat es ein Unrecht begangen. Schuldlos hat es aus alter, kindlicher Abhängigkeit seinen Herrn und Machthabern gedient. Es wußte nicht, daß diese Herren und Machthaber, äußerlich unverändert, sich innerlich gewandelt hatten. Es wußte nichts von der Selbstverantwortung der Völker. Es kannte keine Revolutionen. Es duldete den Militarismus und Feudalismus, es ließ sich leiten und organisieren. Es ließ sich töten und tötete, wenn es befohlen war. Es glaubte, was seine angebornen Führer ihm sagten. Schuldlos hat es das Unrecht begangen: zu glauben.
[ 22 ] The German people are innocent. Innocently, they committed an injustice. Innocently, out of an old, childlike dependence, they served their masters and rulers. They did not know that these masters and rulers, though outwardly unchanged, had changed inwardly. It knew nothing of the personal responsibility of nations. It knew nothing of revolutions. It tolerated militarism and feudalism; it allowed itself to be led and organized. It allowed itself to be killed and killed when ordered to do so. It believed what its natural-born leaders told it. Innocently, it committed the injustice: to believe.
[ 23 ] Unser Unrecht wird schwer auf uns lasten. Unsere Schuldlosigkeit werden die Mächte erkennen, die in die Herzen blicken.»
[ 23 ] Our wrongdoing will weigh heavily upon us. The powers that see into our hearts will recognize our innocence.»
[ 24 ] Also Sie sehen, es ist ein Mensch, der hinweist auf dasjenige, auf was Judentum und Christentum hinwiesen, auf die Vorsehung, die aber in abstrakte Formen gefaßt wird.
[ 24 ] So you see, it is a person who points to what Judaism and Christianity pointed to—providence—but expressed in abstract forms.
[ 25 ] «Deutschland gleicht jenen künstlich fruchtbaren Ländern, die grünen, solange ein Netz von Kanälen sie bewässert. Zerbricht eine einzige Schleuse, so stirbt alles Leben, das Land vertrocknet zur Wüste.
[ 25 ] “Germany is like those artificially fertile lands that remain green as long as a network of canals irrigates them. If a single lock breaks, all life dies, and the land withers into a desert.
[ 26 ] Wir haben Nahrung für die Hälfte unserer Menschen. Die andere Hälfte muß Lohnarbeit für andere Völker leisten, Rohstoffe kaufen und Ware verkaufen. Nimmt man ihr die Arbeit oder den Ertrag der Arbeit, so stirbt sie oder wird heimatlos. Mit der äußersten Arbeit, deren ein Volk fähig ist, ersparten wir im Jahre fünf bis sechs Milliarden. Die dienten dazu, Werkzeuge und Werkstätten zu bauen, Bahnen und Häfen zu schaffen, Werke der Forschung zu betreiben. Das gab uns die Möglichkeit, erwerbsfähig zu bleiben und uns in natürlicher Fruchtbarkeit zu vermehren. Man nimmt uns die Kolonien, das Reichsland, die Erze und Schiffe, und wir werden ein machtloses, dürftiges Land. Mag das hingehen, auch unsere Vorfahren waren arm und machtlos und haben dem Geist der Erde besser gedient als wir. Man beschränkt unsern Güteraustausch, man nimmt, wie man uns androht, entgegen dem Geiste der Wilsonschen Stipulationen, das Dreifache oder Vierfache der belgischen und nordfranzösischen Schäden, die sich auf etwa zwanzig Milliarden belaufen: was geschieht? Unsere Wirtschaft wird ertraglos. Wir arbeiten, um kümmerlich ersparnislos zu leben. Wir können nichts instand halten, nichts erneuern, nichts erweitern. Das Land, seine Bauten, Straßen, Einrichtungen verkommen. Die Technik wird rückständig, die Forschung hört auf. Wir haben die Wahl: Unfruchtbarkeit, Abwanderung oder tiefstes Elend.
[ 26 ] We have enough food for half of our people. The other half must perform wage labor for other nations, buy raw materials, and sell goods. If their work or the fruits of their labor are taken away, they will die or become homeless. Through the utmost labor a people is capable of, we saved five to six billion a year. These savings were used to build tools and workshops, construct railroads and ports, and fund research. This gave us the opportunity to remain productive and to multiply in accordance with our natural fertility. If our colonies, our imperial territories, our ores, and our ships are taken from us, we will become a powerless, impoverished nation. So be it; even our ancestors were poor and powerless, yet they served the spirit of the earth better than we do. Our trade is restricted; as we are threatened, contrary to the spirit of Wilson’s stipulations, we are being charged three or four times the damages incurred by Belgium and northern France—which amount to about twenty billion: what happens? Our economy becomes unprofitable. We work merely to eke out a meager, savings-free existence. We cannot maintain anything, renew anything, or expand anything. The country—its buildings, roads, and infrastructure—is falling into disrepair. Technology is becoming outdated, and research has come to a halt. We have a choice: barrenness, emigration, or the deepest misery.
[ 27 ] Es ist die Vernichtung.
[ 27 ] It is annihilation.
[ 28 ] Wir werden nicht viel klagen, sondern unser Schicksal auf uns nehmen und schweigend zugrunde gehen. Die Besten von uns werden nicht auswandern und sich nicht töten, sondern das Geschick ihrer Brüder teilen. Die meisten kennen ihr Geschick noch nicht, sie wissen nicht, daß sie und ihre Kinder geopfert sind. Auch die Völker der Erde wissen noch nicht, daß es um das Leben eines Menschenvolkes geht. Vielleicht wissen es nicht einmal die, mit denen wir gekämpft haben. Einzelne sagen: Gerechtigkeit. Andere sagen: Vergeltung. Es gibt auch welche, die sagen: Rache. Wissen sie, daß das, was sie Gerechtigkeit, Vergeltung, Rache nennen, daß es der Mord ist?
[ 28 ] We will not complain much, but will accept our fate and perish in silence. The best among us will not emigrate or take their own lives, but will share the fate of their brothers. Most do not yet know their fate; they do not know that they and their children are being sacrificed. Nor do the peoples of the world yet know that the very existence of a nation is at stake. Perhaps not even those with whom we have fought know it. Some say: justice. Others say: retribution. There are also those who say: revenge. Do they know that what they call justice, retribution, and revenge is, in fact, murder?
[ 29 ] Wir, die wir in unser Schicksal gehen, stumm, nicht blind: noch einmal erheben wir unsere Stimme, so daß die Welt sie hört, und klagen an. Den Völkern der Erde, denen, die neutral, und denen, die befreundet waren, den freien überseeischen Staaten, den jungen Staatsgebilden, die neu entstanden sind, den Nationen unserer bisherigen Feinde, den Völkern, die sind und denen, die nach uns kommen, in tiefem, feierlichem Schmerz, in der Wehmut des Scheidens und in flammender Klage rufen wir das Wort in ihre Seelen:
[ 29 ] We, who are walking toward our fate, silent but not blind: once more we raise our voices so that the world may hear them, and we bring our accusations. To the peoples of the earth, to those who were neutral and those who were our friends, to the free overseas states, to the young nations that have newly emerged, to the nations that were once our enemies, to the peoples who are here now and to those who will come after us—in deep, solemn sorrow, in the melancholy of parting, and in fiery lament—we call these words into their souls:
[ 30 ] Wir werden vernichtet. Deutschlands lebendiger Leib und Geist wird getötet. Millionen deutscher Menschen werden in Not und Tod, in Heimatlosigkeit, Sklaverei und Verzweiflung getrieben. Eines der geistigsten Völker im Kreise der Erde verlischt. Seine Mütter, seine Kinder, seine Ungebornen werden zu Tode getroffen.»
[ 30 ] We are being destroyed. Germany’s living body and spirit are being killed. Millions of Germans are being driven into hardship and death, into homelessness, slavery, and despair. One of the most spiritually advanced peoples on earth is being wiped out. Its mothers, its children, and its unborn are being struck down.»
[ 31 ] Das ist nicht aus Leidenschaft heraus gesagt, das ist berechnet, das ist mit kältestem Verstande berechnet. Das ist eben jemand, der Materialist zwar ist, aber der mit kaltem Verstande die wirklichen Verhältnisse berechnen kann, der sich nicht Illusionen hingibt, sondern ehrlich die Wahrheit gesteht, eben von seinem materialistischen Standpunkte aus. Das ist errechnet, das ist nicht etwas, was sich widerlegen läßt mit ein paar Worten oder Empfindungen aus Sympathie oder Antipathie heraus, sondern was mit kaltem Verstande berechnet ist von einem Menschen, der jahrzehntelang das sagen konnte: es wird so kommen —, der auch den Mut hatte, während des Krieges die Dinge zu sagen.
[ 31 ] This is not said out of passion; it is calculated—calculated with the coldest of reason. This is simply someone who, while a materialist, is able to calculate the real circumstances with a cold, rational mind—someone who does not indulge in illusions but honestly acknowledges the truth, precisely from his materialist standpoint. This is a calculated assessment; it is not something that can be refuted with a few words or feelings of sympathy or antipathy, but rather something calculated with a cool head by a man who, for decades, was able to say, “It will happen this way”—and who also had the courage to speak the truth during the war.
[ 32 ] Hier war es zwecklos; in Berlin und andern Orten Deutschlands habe ich in meine Vorträge immer eingeschaltet, was gerade Rathenau nach dieser Richtung hin gesagt hat.
[ 32 ] It was futile here; in Berlin and other places in Germany, I always included in my lectures whatever Rathenau had recently said on this subject.
[ 33 ] «Wir werden vernichtet, wissend und sehend, von Wissenden und Sehenden. Nicht wie dumpfe Völker des Altertums, die ahnungslos und stumpf in Verbannung und Sklaverei geführt wurden, nicht von fanatischen Götzendienern, die einen Moloch zu verherrlichen glauben. Wir werden vernichtet von Brudervölkern europäischen Blutes, die sich zu Gott und Christus bekennen, deren Leben und Verfassung auf Sittlichkeit beruht, die sich auf Menschlichkeit, Ritterlichkeit und Zivilisation berufen, die um vergossenes Menschenblut trauern, die den Frieden der Gerechtigkeit und den Völkerbund verkünden, die die Verantwortung für das Schicksal des Erdkreises tragen.
[ 33 ] “We are being destroyed, knowing and seeing it, by those who know and see. Not like the dull peoples of antiquity, who were led into exile and slavery, clueless and apathetic; not by fanatical idolaters who believe they are glorifying a Moloch. We are being destroyed by brother nations of European blood who profess faith in God and Christ, whose lives and constitutions are based on morality, who invoke humanity, chivalry, and civilization, who mourn the shedding of human blood, who proclaim the peace of justice and the League of Nations, and who bear responsibility for the fate of the world.
[ 34 ] Wehe dem und seiner Seele, der es wagt, dieses Blutgericht Gerechtigkeit zu nennen. Habt den Mut, sprecht es aus, nennt es bei seinem Namen: es heißt Rache.
[ 34 ] Woe to him and his soul who dares to call this bloodbath justice. Have the courage to say it, call it by its name: it is called vengeance.
[ 35 ] Euch aber frage ich, geistige Menschen aller Völker, Geistliche aller Konfessionen und Gelehrte, Staatsmänner und Künstler; euch frage ich, Arbeiter, Proletarier, Bürger aller Nationen; dich frage ich, ehrwürdiger Vater und höchster Herr der katholischen Kirche, dich frage ich im Namen Gottes:
[ 35 ] But I ask you, people of intellect from all nations, clergy of all denominations, and scholars; I ask you, statesmen and artists; I ask you, workers, proletarians, and citizens of all nations; I ask you, venerable Father and Supreme Head of the Catholic Church; I ask you in the name of God:
[ 36 ] Darf um der Rache willen ein Volk der Erde von seinen Brudervölkern vernichtet werden, und wäre es das letzte und armseligste aller Völker? Darf ein lebendiges Volk geistiger, europäischer Menschen mit seinen Kindetn und Ungebornen seines geistigen und leiblichen Daseins beraubt, zur Fronarbeit verurteilt, ausgestrichen wetden aus dem Kreis der Lebenden?
[ 36 ] May a people on earth be annihilated by its brother nations for the sake of revenge, even if it were the last and most wretched of all peoples? May a living people of intellectual, European individuals—along with their children and unborn children—be deprived of their spiritual and physical existence, condemned to forced labor, and wiped out from the circle of the living?
[ 37 ] Wenn dieses Ungeheuerste geschieht, gegen das der schrecklichste aller Kriege nur ein Vorspiel war, so soll die Welt wissen, was geschieht, sie soll wissen, was sie zu tun im Begriffe steht. Sie soll niemals sagen dürfen: wir haben es nicht gewußt, wir haben es nicht gewollt. Sie soll vor dem Angesicht Gottes und vor der Verantwortung der Ewigkeit ruhig und kalt das Wort aussprechen: Wir wissen es. Und wir wollen es.»
[ 37 ] When this most monstrous event occurs—against which even the most terrible of all wars was merely a prelude—the world must know what is happening; it must know what it is about to do. It must never be allowed to say: “We did not know; we did not want this.” It must calmly and dispassionately declare before the face of God and in the face of eternal accountability: “We know it. And we want it.”
[ 38 ] Auch er, Rathenau, will, daß die Menschheit aufwacht, zu sehen.
[ 38 ] Rathenau, too, wants humanity to wake up and see.
[ 39 ] «Milliarden! Fünfzig, hundert, zweihundert Milliarden — was ist das? Handelt es sich also um Geld?
[ 39 ] “Billions! Fifty, a hundred, two hundred billion—what is that? So is this about money?
[ 40 ] Geld, Reichtum und Armut eines Menschen bedeutet wenig. Jeder einzelne von uns wird mit Freude und Stolz arm sein, wenn das Land gerettet wird. Doch in der traurigen Sprache unseres wirtschaftlichen Denkens haben wir keinen andern Ausdruck für die lebendige Kraft eines Volkes als den armseligen Begriff der Milliarde. Wir bemessen nicht die Lebenskraft eines Menschen nach den viertausend Gramm Blut, die er in sich hat; wir können die Lebenskraft eines Volkes nicht anders messen als nach den zwei- oder dreihundert Milliarden seines Besitzes. Vermögenslosigkeit ist hier nicht nur Armut und Not, sondern Sklaverei, und doppelt für ein Volk, das die Hälfte seines notdürftigen Lebensunterhaltes kaufen muß. Nicht die willkürliche, persönliche, grausame oder milde Sklaverei des Altertums, sondern die anonyme, systematische, wissenschaftliche Fronarbeit von Volk zu Volk. In dem abstrakten Begriff der hundert Milliarden steckt nicht allein Geld und Wohlstand, sondern Blut und Freiheit. Die Forderung ist nicht die des Kaufmanns: zahle mir Geld, sondern die Forderung Shylocks: gib mir das Blut deines Leibes. Es ist nicht die Börse, sondern nach der Verstümmelung des Staatskörpers durch Abtretung von Land und Macht ist es das Leben. Wer in zwanzig Jahren Deutschland betritt...»
[ 40 ] A person’s money, wealth, and poverty mean little. Each and every one of us will be poor with joy and pride if the country is saved. Yet in the sad language of our economic thinking, we have no other expression for the vital force of a people than the pitiful concept of a billion. We do not measure a person’s vitality by the four thousand grams of blood within them; we can measure the vitality of a nation only by the two or three hundred billion of its possessions. Here, lack of wealth is not merely poverty and hardship, but slavery—and doubly so for a nation that must purchase half of its meager livelihood. Not the arbitrary, personal, cruel, or lenient slavery of antiquity, but the anonymous, systematic, scientific forced labor imposed by one nation upon another. The abstract concept of one hundred billion encompasses not only money and prosperity, but blood and freedom. The demand is not that of the merchant—“pay me money”—but Shylock’s demand: “give me the blood of your body.” It is not the stock market; rather, following the mutilation of the body of the state through the cession of land and power, it is life itself. Whoever sets foot in Germany in twenty years...»
[ 41 ] Und das, was jetzt kommt, ist wiederum Berechnung, mit kaltem Verstande berechnet. Das ist nicht so gesprochen, wie andere Menschen oftmals schlafend die Weltereignisse beobachten!
[ 41 ] And what follows is, once again, a calculation—one made with a cool, rational mind. This is not the way other people often observe world events while asleep!
[ 42 ] «Wer in zwanzig Jahren Deutschland betritt, das er als eines der blühendsten Länder der Erde gekannt hat, wird niedersinken vor Scham und Trauer. Die großen Städte des Altertums, Babylon, Niniveh, Theben, waren von weichem Lehm gebaut, die Natur ließ sie zerfallen und glättete Boden und Hügel. Die deutschen Städte werden nicht als Trümmer stehen, sondern als halberstorbene steinerne Blöcke, noch zum Teil bewohnt von kümmerlichen Menschen. Ein paar Stadtviertel sind belebt, aber aller Glanz und alle Heiterkeit ist gewichen. Müde Gefährte bewegen sich auf dem morschen Pflaster, Spelunken sind erleuchtet. Die Landstraßen sind zertreten, die Wälder sind abgeschlagen, auf den Feldern keimt dürftige Saat. Häfen, Bahnen, Kanäle verkommen, und überall stehen, traurige Mahnungen, die hohen, verwitternden Bauten aus der Zeit der Größe. Ringsumher blühen erstarkt alte und neue Länder im Glanz und Leben neuer Technik und Kraft, ernährt vom Blut des erstorbenen Landes, bedient von seinen vertriebenen Söhnen. Der deutsche Geist, der für die Welt gesungen und gedacht hat, wird Vergangenheit. Ein Volk, das Gott zum Leben geschaffen hat, das noch heute jung und stark ist, lebt und ist tot.
[ 42 ] “Anyone who returns to Germany in twenty years—a country they once knew as one of the most prosperous on earth—will sink to the ground in shame and grief. The great cities of antiquity—Babylon, Nineveh, Thebes—were built of soft clay; nature allowed them to crumble and smoothed out the ground and hills. The German cities will not stand as ruins, but as half-dead stone blocks, still partly inhabited by wretched people. A few city districts are still bustling, but all splendor and cheer have vanished. Weary travelers make their way over the crumbling pavement; dive bars are lit up. The country roads are trampled, the forests are stripped bare, and meager crops sprout in the fields. Ports, railroads, and canals fall into disrepair, and everywhere stand, as sad reminders, the tall, weathered structures from the era of greatness. All around, old and new lands are flourishing and growing stronger in the splendor and vitality of new technology and power, nourished by the blood of the dead land, served by its exiled sons. The German spirit, which sang and thought for the world, is becoming a thing of the past. A people whom God created for life, who are still young and strong today, live and yet are dead.
[ 43 ] Es gibt Franzosen, die sagen: dies Volk sterbe. Wir wollen nie mehr einen starken Nachbar haben. Es gibt Engländer, die sagen: dies Volk sterbe. Wir wollen nie mehr einen kontinentalen Nebenbuhler haben. Es gibt Amerikaner, die sagen: dies Volk sterbe. Wir wollen nie mehr einen Konkurrenten der Wirtschaft haben. Sind diese Menschen die wahren Vertreter ihrer Nationen? Niemals. Alle starken Nationen werden die Stimmen der Furchtsamen und Neidischen verleugnen. Sind die Rachedurstigen die wahren Vertreter ihrer Nationen? Niemals. Diese schreckliche Leidenschaft ist bei gesitteten Menschen nicht von Dauer.
[ 43 ] There are Frenchmen who say: “May this nation perish. We never want to have a strong neighbor again.” There are Englishmen who say: “May this nation perish. We never want to have a continental rival again.” There are Americans who say: “May this nation perish.” We never want to have an economic competitor again. Are these people the true representatives of their nations? Never. All strong nations will reject the voices of the fearful and the envious. Are those thirsting for revenge the true representatives of their nations? Never. This terrible passion does not last long among civilized people.
[ 44 ] Dennoch: wenn die Furchtsamen, die Neidischen und die Rachsüchtigen in einer einzigen Stunde, in der Stunde der Entscheidung, siegen und die drei großen Staatsmänner ihrer Nationen mit sich reißen, ist das Schicksal erfüllt.
[ 44 ] Nevertheless, if the fearful, the envious, and the vengeful prevail in a single hour—the hour of decision—and drag the three great statesmen of their nations along with them, then fate is fulfilled.
[ 45 ] Dann ist aus dem Gewölbe Europas der einstmals stärkste Stein zermalmt, dann ist die Grenze Asiens an den Rhein gerückt, dann reicht der Balkan bis zur Nordsee. Dann wird eine Horde von Verzweifelten, ein uneuropäischer Wirtschaftsgeist vor den Toren der westlichen Zivilisation lagern, der nicht mit Waffen, sondern mit Ansteckung die gesicherten Nationen bedroht.
[ 45 ] Then the once-mightiest stone of Europe’s vault will have been shattered; then Asia’s border will have advanced to the Rhine; then the Balkans will extend all the way to the North Sea. Then a horde of desperate people—a non-European economic force—will camp at the gates of Western civilization, threatening secure nations not with weapons but through contagion.
[ 46 ] Nie kann aus Unrecht Recht und Glück entstehen.
[ 46 ] Right and happiness can never arise from wrongdoing.
[ 47 ] Das Unrecht seiner Abhängigkeit und Unselbständigkeit, das Deutschland schuldlos auf sich lud, büßen wir, wie nie ein Unrecht gebüßt worden ist. Wenn aber die westlichen Nationen in ruhiger, kalter Überlegung aus Vorsicht, Interesse oder Rachegefühl Deutschland langsam töten und diese Tat Gerechtigkeit nennen, indem sie ein neues Leben der Völker, einen ewigen Frieden der Versöhnung und einen Völkerbund verkünden, so wird Gerechtigkeit nie wieder sein, was sie ist, und niemals wieder wird die Menschheit froh werden, trotz allen Triumphen. Ein Bleigewicht wird auf dem Planeten liegen, und die kommenden Geschlechter werden mit einem Gewissen geboren werden, das nicht mehr frei ist. Die Kette der Schuld, die jetzt noch zerschnitten werden kann, wird unzerreißbar und unendlich den Leib der Erde umschnüren. Der Zwist und Streit der künftigen Epoche wird bitterer und vielspältiger sein als je zuvor, weil er mit dem Gefühl gemeinsamen Unrechts getränkt ist. Nie hat gleiche Macht und gleiche Verantwortung auf den Stirnen eines Triumvirats gelastet. Wenn die Geschichte der Menschheit, die sinnvoll es gewollt hat, daß eine einzige Stunde durch den Entschluß dreier Männer über Jahrhunderte der Erde und eine Menschheit von Millionen entscheidet, so hat sie dies eine gewollt, eine einzige große Frage des Bekenntnisses sollte den siegreich zivilisierten und religiösen Nationen gestellt werden.
[ 47 ] We are atoning for the injustice of Germany’s dependence and lack of autonomy—an injustice Germany incurred through no fault of its own—as no injustice has ever been atoned for. But if the Western nations, in calm, cold deliberation—whether out of caution, self-interest, or a desire for revenge—slowly kill Germany and call this act justice, while proclaiming a new life for the peoples, an eternal peace of reconciliation, and a League of Nations, then justice will never again be what it is, and humanity will never again be happy, despite all its triumphs. A leaden weight will lie upon the planet, and future generations will be born with a conscience that is no longer free. The chain of guilt, which can still be severed now, will bind the body of the earth unbreakably and endlessly. The strife and conflict of the coming era will be more bitter and multifaceted than ever before, for it will be steeped in the sense of a shared injustice. Never has equal power and equal responsibility weighed upon the brows of a triumvirate. If the history of humanity—which has meaningfully willed that a single hour, through the decision of three men, should determine centuries of the Earth and a humanity of millions—has willed this, then it has willed that a single great question of faith be posed to the victorious civilized and religious nations.
[ 48 ] Diese Frage lautet: Menschlichkeit oder Gewalt, Versöhnung oder Rache, Freiheit oder Unterdrückung?
[ 48 ] The question is: humanity or violence, reconciliation or revenge, freedom or oppression?
[ 49 ] Menschen aller Völker bedenkt es! Diese Stunde entscheidet nicht nur über uns Deutsche, sie entscheidet über uns und euch, über uns alle.
[ 49 ] People of all nations, take this to heart! This hour will determine not only our fate as Germans, but also ours and yours—the fate of us all.
[ 50 ] Entscheidet sie gegen uns, so werden wir unser Schicksal tragen und in die irdische Vernichtung gehen. Unsere Klage werdet ihr nicht hören. Dennoch wird sie da gehört werden, wo noch nie eine Klage aus Menschenbrust ungehört verhallte.»
[ 50 ] If she rules against us, we will bear our fate and face earthly destruction. You will not hear our plea. Yet it will be heard where no plea from the human heart has ever gone unheard.»
[ 51 ] Ich habe Ihnen dieses aus nüchternstem Verstande Errechnete, wahrhaftig nicht aus Chauvinismus hervorgegangene Urteil, das aber das Urteil des materialistischen Denkens ist, ich habe Ihnen dieses Urteil vorgebracht; vorgebracht schon auch aus dem Grunde, weil wir ja mitten in einer Welt leben, in der die Menschen heute noch immer nicht geneigt sind, irgendwie darüber nachzudenken, daß Ernst da ist. Wie unzählige Menschen werden heute Silvester feiern, so, wie sie nicht nur während der letzten vier Jahre, sondern wie sie auch vor den katastrophalen Ereignissen Silvester feierten! Und unzählige Menschen werden es als eine Beeinträchtigung ihrer Ruhe, als eine Beeinträchtigung ihrer sorglosen Seele empfinden, wenn man sie nur aufmerksam darauf macht, daß so etwas auf dem Spiele steht. Ach, so arg wird es nicht werden — wenn die Menschen auch nicht diesen Satz sagen, in ihrem Innersten fühlen die Menschen so, sonst würden sie die ganze Beurteilung der Zeit anders einstellen.
[ 51 ] I have presented to you this judgment, calculated with the utmost objectivity—a judgment that truly did not arise from chauvinism, but is rather the judgment of materialistic thinking; I have presented this judgment to you; and I have presented it, in part, because we live in a world where people today are still not inclined to give any thought to the fact that Ernst is here. Countless people will celebrate New Year’s Eve today just as they have not only during the last four years, but just as they celebrated New Year’s Eve even before the catastrophic events! And countless people will perceive it as a disturbance to their peace, as a disturbance to their carefree spirit, if one merely draws their attention to the fact that something like this is at stake. “Oh, it won’t be that bad”—even if people don’t say this out loud, deep down they feel this way; otherwise, they would assess the times differently.
[ 52 ] Wie viele gibt es denn, welche anerkennen, was wir immer wieder und wiederum sagen mußten in diesen Jahren, in denen man so oft hörte: Nun, wenn wieder Friede ist, dann ist es eben wieder so wie früher, dann ist es gewiß so und so und so weiter —, wie viele gibt es denn, die sich bewußt wurden dessen, was immer wieder gesagt werden mußte von der Unmöglichkeit eines solchen Zustandes, wie sich die Menschen ihn vorstellen?
[ 52 ] How many people are there, after all, who recognize what we have had to say time and time again over the past few years, during which one so often heard: “Well, once peace returns, things will just go back to the way they were before; then it will certainly be this way and that way and so on”—how many people have come to realize what we’ve had to say time and again about the impossibility of such a state of affairs as people imagine it to be?
[ 53 ] Eine errechnete Sache ist es, um die es sich da handelt. Allerdings nehmen sich die Dinge anders aus, ob man sie errechnet mit materialistischem Geiste, oder ob man in Verbindung steht mit dem, was aus geisteswissenschaftlichen Impulsen folgen kann. Äußerlich betrachtet, bleiben die Dinge so richtig. Es besteht keine Aussicht, daß nicht wissend das getan wird, was Walther Rathenau noch im letzten Augenblicke abwenden will, indem er den Leuten zu Gewissen redet. Ja, dieses Zu-Gewissen-Reden! ... Man kann nur Punkte machen. Es wird schon nicht abgewendet werden! Äußerlich werden sich die Dinge so vollziehen. Es gibt nur eines, wenn wir hinblicken auf das, was durch die Vergangenheit angerichtet worden ist — angerichtet wahrlich nicht von dem oder jenem Volk, angerichtet von der ganzen zivilisierten Menschheit der Erde —, es gibt nur eines: wie in einer großen Weltsilvesterbetrachtung hinzublicken auf das, was die Menschheit bisher durchlebt hat, und dann gewahr zu werden, daß nun in einem gewissen Sinne die Menschheit reif war, an ein Ende zu kommen, und eingetreten ist in das, was die neuen Geister der Persönlichkeit aus Himmelshöhen auf die Erde hereintragen wollen. Aber hier begegnen sich Einsicht und Wille. Das, was die Geister der Persönlichkeit als neue Schöpfer offenbaren wollen, es wird nur in die Welt kommen können, wenn es in Menschenherzen und in Menschenseelen, in Menschengemütern einen fruchtbaren Boden findet, wenn die Menschen sich hinfinden zu den geisteswissenschaftlichen Impulsen. Was ein nüchterner, materialistischer Geist sagt über die materiellen Impulse, die da wirken können, es stimmt schon. Es sollten sich einmal diejenigen solche Dinge von einem nüchternen Geiste anhören, die heute von einem frivoleren Standpunkte aus, als es Walther Rathenau getan hat, davon reden, was aus unserer Zeit werden soll! Als die Menschen in vollem Rausch und Träumen waren, als die Menschen im Grunde genommen, wenn man nur ein wenig vorwärtsblickte, lauter Unsinn redeten — den sie sich ja jetzt, wenigstens ein Teil der Menschheit, gründlich abgewöhnt haben —, da konnte man hören, aus diesem Kriege würde hervorgehen ein neuer Idealismus, eine neue Religiosität. Oh, ich habe das oftmals gehört! Und besonders Professoren, auch sogar Professoren der Theologie, haben das immer wieder und wiederum geschrieben. Sie brauchen sogar nicht gerade weit zu gehen: wenn es nicht gerade Sonntag ist, können Sie in zehn Minuten diese Theologieprofessoren erreichen, die auch solche prophetische Weisheit verkündet haben. Jetzt reden die Leute schon anders. Die jetzt in die Höhe gekommen sind, sagen: Nun wird wohl eine Zeit gesunden Atheismus kommen; die Menschheit wird geheilt sein von der Religionsspielerei, die insbesondere Poeten und Literaten in der letzten Zeit getrieben haben. — Diese Urteile tauchen schon auf. Diese Urteile sind bei denjenigen zu finden, die so ein wenig anhören sollten, was ihnen ein Mensch sagt, der nüchtern rechnen kann, wie die Wirklichkeit sich gestaltet.
[ 53 ] This is a matter of calculation. However, things appear differently depending on whether one calculates them from a materialistic perspective or in connection with what may follow from spiritual-scientific impulses. Viewed from the outside, things remain exactly as they are. There is no prospect that what Walther Rathenau is still trying to avert at the very last moment—by appealing to people’s consciences—will be done unwittingly. Yes, this appeal to conscience! ... One can only make a point. It will not be averted! Outwardly, things will unfold in this way. There is only one thing to do when we look at what has been wrought by the past—wrought, truly, not by this or that people, but by all of civilized humanity on Earth— there is only one thing: to look back, as in a great New Year’s Eve reflection on the world, at what humanity has lived through so far, and then to realize that, in a certain sense, humanity was now ripe to come to an end and has entered into what the new spirits of personality wish to bring down to Earth from the heights of heaven. But here insight and will meet. What the spirits of personality seek to reveal as new creators will only be able to come into the world if it finds fertile ground in human hearts and souls, in human minds—if people turn toward the impulses of spiritual science. What a sober, materialistic mind says about the material impulses that may be at work here is certainly true. Those who today speak of what is to become of our time from a more frivolous standpoint than Walther Rathenau did should once listen to such things from a sober mind! When people were in the throes of intoxication and daydreams, when—if one looked just a little into the future—they were, in essence, spouting nothing but nonsense—which they have now, at least a portion of humanity, thoroughly outgrown—one could hear that a new idealism, a new religiosity, would emerge from this war. Oh, I’ve heard that so often! And professors in particular—even professors of theology—have written this over and over again. You don’t even have to go very far: unless it’s Sunday, you can reach these theology professors in ten minutes—the very ones who proclaimed such prophetic wisdom. Now people are already speaking differently. Those who have now risen to prominence say: Now a time of sound atheism will surely come; humanity will be healed of the religious games that poets and writers in particular have been playing of late. — These judgments are already emerging. These judgments can be found among those who ought to listen a little to what a person says who can soberly assess how reality is taking shape.
[ 54 ] Demgegenüber kann man nur sagen: Wenn nur die äußeren materialistischen Impulse wirken in der Welt und in den Menschenköpfen und in den Menschenherzen, dann wird es so werden! Dann wird mit einer furchtbaren Sklavenkette wahrhaftig nicht nur Deutschland und die Mittelländer und Rußland, sondern die ganze zivilisierte Erde wird nach und nach mit furchtbaren Sklavenketten umgürtet werden und niemals wieder froh werden. Denn durch dasjenige, was nur von altersher heraufkommt, ist die Welt an einem Ende! Neues kommt nicht daher. Neues muß kommen aus der geistigen Welt. Aber es kommt nicht, wenn der Mensch sich ihm nicht nahen will, wenn der Mensch nicht in freiem Willen es aufnehmen will. Rettung kann nur kommen, wenn Menschenseelen sich finden, die dem Geist entgegengehen, der sich in der neuen Weise durch die Geister der Persönlichkeit offenbaren will, die aus bloßen Zeitgeistern Schöpfer werden wollen. Es gibt keinen andern Ausweg. Ehrlich kann man nur auf zweierlei Art sein: entweder so sprechen wie Walther Rathenau oder aber hinweisen auf die Notwendigkeit des Sich-Hinneigens zur geistigen Welt.
[ 54 ] In response to this, one can only say: If only external materialistic impulses are at work in the world, in people’s minds, and in people’s hearts, then that is exactly what will happen! Then, with a terrible chain of slavery, truly not only Germany, the Central European countries, and Russia, but the entire civilized world will gradually be bound by terrible chains of slavery and will never again know joy. For through that which comes only from ancient times, the world is coming to an end! Nothing new comes from there. The new must come from the spiritual world. But it will not come if people do not wish to draw near to it, if people do not wish to receive it of their own free will. Salvation can come only when human souls are found who reach out toward the Spirit, who wishes to reveal Himself in a new way through the spirits of personality—those who wish to become creators rather than mere spirits of the age. There is no other way out. One can be honest in only two ways: either by speaking as Walther Rathenau did, or by pointing out the necessity of turning toward the spiritual world.
[ 55 ] Das letztere wird Gegenstand unserer Neujahrsbetrachtung sein.
[ 55 ] The latter will be the subject of our New Year's reflection.
[ 56 ] Die Silvesterbetrachtung sollte für jeden wachen Menschen nicht so sein, daß er sich wohlig ins neue Jahr hinüberbegibt; sie soll ihn ernst stimmen, sie soll ihm vor Augen führen dasjenige, was in der Zeiten Schoß liegt, wenn nicht in diesem Zeitenschoß das Geistkind geboren wird. Bei diesem Geisteslicht allein kann eine richtige Neujahrsperspektive empfunden werden. Wollen wir einmal von heute zu morgen versuchen, uns in unserer Seele ernst zu stimmen! Ich durfte heute nicht anders schließen als mit ernstem Hinweis, den ich noch dazu nicht selber geben wollte. Aufmerksam wollte ich machen, wie diese Silvesterbetrachtung sich ausnimmt in der Seele eines Menschen, der ehrlich ist, der hinschaut auf die Welt, aber nur die materiellen Mächte geltend findet. So muß es aussehen in den Köpfen, in den Herzen, in den Gemütern, in den Seelen — wenn sie ehrlich sind — derjenigen, die nicht geistig werden wollen; die andern, die auch Materialisten sind, sind nicht ehrlich, und sie schlafen, damit sie sich ihre Unehrlichkeit nicht zu gestehen brauchen.
[ 56 ] For every conscious person, New Year’s Eve reflection should not be a matter of simply drifting comfortably into the new year; it should put them in a serious frame of mind, and it should bring to their attention what lies in the womb of time if the child of the spirit is not born within that womb. Only in the light of this spirit can a true New Year’s perspective be felt. Let us try, from today to tomorrow, to adopt a serious attitude in our souls! I could not conclude today without a serious reminder—one that I did not wish to offer myself. I wanted to draw attention to how this New Year’s Eve reflection appears in the soul of a person who is honest, who looks at the world but finds only material forces at work. This is how it must appear in the minds, hearts, dispositions, and souls—if they are honest—of those who do not wish to become spiritual; the others, who are also materialists, are not honest, and they remain asleep so that they need not admit their dishonesty.
[ 57 ] Das ist die Perspektive nach rückwärts, das ist die Silvesterstimmung!
[ 57 ] That's the view looking back—that's the New Year's Eve atmosphere!
[ 58 ] Morgen wollen wir sehen, wie sich aus der Betrachtung der geistigen Welt die Zukunftsperspektive, die Neujahrsstimmung empfinden läßt.
[ 58 ] Tomorrow we will see how contemplating the spiritual world allows us to sense the outlook for the future and the New Year’s spirit.
