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The Rudolf Steiner Archive

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How Can Humanity Rediscover the Christ?
The Fall of the Spirits of Darkness
GA 187

29 December 1918, Dornach

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Sechster Vortrag

Sixth Lecture

[ 1 ] Die Vorstellung könnte vielleicht entstehen, daß die Vorgänge, von denen berichtet wird, wenn man von Initiation spricht, gewissermaßen heraufbeschworen würden durch diese Initiation. Diese Vorstellung wäre ganz besonders für unsere Zeit nicht richtig. Dasjenige, was als Vorgang der Initiation beschrieben werden kann insbesondere in unserer Zeit, das spielt sich im Inneren — oder im Verhältnis des Inneren zur Welt — bei den weitaus meisten Menschen der Gegenwart ab; nur wissen sie nichts davon, nur spielt es sich unbewußt ab. Und dasjenige, um was es sich dann handelt, wenn man von Initiation spricht, das ist, daß man aufmerksam wird darauf, daß man ein Bewußtsein erhält von dem, was sich unbewußt im Menschen abspielt. Also der Unterschied des Erkennenden von dem Nichterkennenden liegt eben gerade in der Erkenntnis von Vorgängen, die die Menschen, wenigstens die weitaus größte Zahl der Menschen, in der Gegenwart wie von selbst, wenn auch unbewußt, erleben. Daher spricht man, indem man von diesen Dingen spricht, im Grunde von etwas, was jeden Menschen mehr oder weniger, namentlich in der Gegenwart, wiederum angeht.

[ 1 ] One might perhaps get the impression that the processes described when speaking of initiation are, in a sense, brought about by this initiation itself. This impression would be particularly incorrect in our time. What can be described as the process of initiation—especially in our time—takes place within—or in the relationship between the inner self and the world—for the vast majority of people today; they are simply unaware of it, and it unfolds unconsciously. And what is at stake when we speak of initiation is that one becomes attentive to this, that one gains an awareness of what is taking place unconsciously within the human being. Thus, the difference between the one who recognizes and the one who does not lies precisely in the recognition of processes that people—at least the vast majority of people—experience in the present as if of their own accord, even if unconsciously. Therefore, when speaking of these things, one is essentially speaking of something that concerns every human being to a greater or lesser extent, especially in the present.

[ 2 ] Nun habe ich gesagt: Gerade an der Schilderung dieser Vorgänge, das heißt an der Schilderung desjenigen, was man wahrnimmt, wenn man diese Vorgänge erkennend verfolgt durch die Initiationswissenschaft, erkennt man, welche Wandlungen im Lauf seiner Entwickelung der Mensch auch in historischen Zeiten durchgemacht hat. Und wir haben auf einiges in diesen Wandlungen insbesondere in bezug auf die Entwickelung des Christentums hingewiesen. Im äußeren täglichen Leben merkt man von diesen Entwickelungen gewissermaßen nur den äußeren Abglanz, diesen äußeren Abglanz, der eigentlich im Grunde so wenig verständlich ist für den Menschen, der wirklich verstehen will, der die Impulse eines Verstehens in sich entwickelt.

[ 2 ] Now I have said: It is precisely through the description of these processes—that is, through the description of what one perceives when one follows these processes with insight through the science of initiation—that one recognizes the transformations human beings have undergone in the course of their development, even in historical times. And we have pointed out some aspects of these transformations, particularly with regard to the development of Christianity. In outward daily life, one perceives, as it were, only the outward reflection of these developments—this outward reflection, which is actually, at its core, so difficult to understand for the person who truly wants to understand, who develops the impulses of understanding within themselves.

[ 3 ] Nehmen Sie einmal, um sich das zu vergegenwärtigen, diesen äußeren Abglanz in der Entwickelung des Christus-Begriffes im Laufe der letzten nahezu zwei Jahrtausende seit dem Mysterium von Golgatha. Sie werden, wenn Sie tiefer gehen im Verstehenwollen, eben manches unverständlich finden, manches finden, wo Sie mit Fragen gründlich einsetzen müssen, wenn Sie nicht oberflächlich bleiben oder irgendein Dogma blind annehmen wollen. Verfolgen Sie — was man eigentlich auch schon aus der äußeren Geschichte wissen kann —, wie beim Eintritt des Christus-Impulses in die Welt noch ein gewisser stark leuchtender Überrest der Gnosis da war, wie in den ersten Jahrhunderten versucht worden ist, den Christus-Impuls und seinen Durchgang durch das Mysterium von Golgatha mit Hilfe der durch die Gnosis erworbenen Begriffe zu verstehen. Da war viel gesagt in diesen Begriffen, die auf ganz andere Dinge gingen als die Begriffe, die man heute aus der äußeren Welt gewinnen kann, da war viel gesagt von dem, wie sich die Welt entwickelt hat, wie der Christus in dieser Weltentwickelung war, wie es zu seinem Herabsteigen zu der Menschheit gekommen ist, wie es zu seiner Vereinigung mit der menschlichen Wesenheit gekommen ist. Da war wiederum manches gesagt über den Rückgang des Christus zu der geistigen Welt, die dann die geistige Erdenwelt ist. Kurz, es waren leuchtende, weit leuchtende, umfassende Vorstellungen, die Erbgut waren der Urweisheit der Menschheit, in welche man gefaßt hat dasjenige, was man sagen wollte über das Mysterium von Golgatha. Die Kirche hat in den ersten Jahrhunderten gründlich dafür gesorgt, daß bis auf spärliche, nicht viel sagende Überreste die Vorstellungen der alten Gnosis verlorengegangen sind. Und ich habe Ihnen angedeutet, wie man sich heute geradezu bemüht, wo man kann, eine unbequem werdende Weltanschauung dadurch zu verketzern, daß man sagt, sie wolle eine alte Gnosis wieder aufwärmen, womit man glaubt, etwas furchtbar Schlimmes zu sagen.

[ 3 ] To bring this into focus, consider this external reflection in the development of the concept of Christ over the course of the past nearly two millennia since the Mystery of Golgotha. If you delve deeper in your quest for understanding, you will find many things incomprehensible, and many points where you must thoroughly examine the issues—unless you wish to remain superficial or blindly accept some dogma. Consider—as one can actually already gather from external history—how, at the time of the Christ impulse’s entry into the world, a certain brightly shining remnant of Gnosticism still existed, and how, in the first centuries, attempts were made to understand the Christ impulse and its passage through the Mystery of Golgotha with the help of concepts derived from Gnosticism. Much was said in these terms, which referred to things quite different from the concepts one can derive from the external world today; much was said about how the world has developed, how Christ was present in this world development, how his descent to humanity came about, and how his union with the human being came about. Much was also said about Christ’s return to the spiritual world, which is then the spiritual world of the Earth. In short, these were luminous, far-reaching, and comprehensive concepts—the legacy of humanity’s primordial wisdom—into which was woven everything that was to be said about the Mystery of Golgotha. In the early centuries, the Church took great care to ensure that, apart from a few sparse and insignificant remnants, the concepts of ancient Gnosticism were lost. And I have hinted to you how people today go out of their way, wherever they can, to denounce a worldview that has become inconvenient by claiming that it seeks to rehash an ancient Gnosticism—a charge they believe to be something terribly bad.

[ 4 ] Dann trat an die Stelle dieser Auffassung des Mysteriums von Golgatha eine andere, welche rechnete mit den primitiver und immer primitiver werdenden menschlichen Begriffen, welche damit rechnete, daß die Menschen nichts mehr in sich lebendig machen können von den umfassenden, weit leuchtenden gnostischen Vorstellungen. Und ich sagte Ihnen, es blieb der Rest, der den Anfang des JohannesEvangeliums bildet; der ist eigentlich nichts mehr als ein Hinweis darauf, daß der Christus etwas zu tun habe mit dem übersinnlich wahrnehmbaren Logos, dem Weltenworte, daß als solcher der Christus der Schöpfer alles desjenigen ist, was den Menschen umgibt, was der Mensch erlebt. Aber im übrigen blieb nichts anderes als die Evangelienerzählungen, die allerdings, wenn sie mit den Mitteln der Geisteswissenschaft durchdrungen werden, viel Gnostisches enthalten, aber sie wurden nicht gnostisch interpretiert. Sie wurden in den ersten Jahrhunderten überhaupt den Gläubigen vorenthalten, nur für die Priesterschaft reserviert. Aus ihnen aber wurde entnommen eine Art von Weltanschauung, welche das Mysterium von Golgatha in sich begriff, welche berechnet war auf die immer abstrakter und abstrakter werdenden, wenig nach dem Geistigen hinneigenden Vorstellungen der sogenannten gebildeten Welt. Man wollte, ich möchte sagen, immer mehr und mehr einfache Begriffe, zu deren Fassung man sich nicht sehr anzustrengen brauchte. Daher auch der eigentümliche Weg, den die Erklärung der Evangelien machte. Während man in den ersten Jahrhunderten noch durchaus das Bewußtsein hatte, daß die Evangelien aus geistigen Tiefen heraus zu erklären sind, versuchte man immer mehr, die Evangelien als bloße Erzählungen des Erdenlebens jenes Wesens aufzufassen, über das man mit Bezug auf seinen kosmischen Zusammenhang eben nicht mehr geltend machen wollte — wenigstens durch menschliches Wissen — als den Anfang des Johannes-Evangeliums und einige Abstraktionen wie die Trinitätsabstraktion und dergleichen. Diese hat man in den abstrakten Formen herausgeschält aus den alten gnostischen Vorstellungen, die man aber ihres gnostischen Impulses entkleidete und in Form von Dogmen den Gläubigen hingab. Immer primitiver und primitiver wurden aber die Evangelieninterpretationen. Sie sollten immer mehr werden eine bloße Erzählung eben über das Wesen, um dessen Wesenheit man sich nicht viel von höheren übersinnlichen Gesichtspunkten aus bekümmerte, über das Wesen, das da auf der Erde gelebt hat und das der Christus Jesus genannt wird.

[ 4 ] Then this conception of the Mystery of Golgotha was replaced by another, one that relied on increasingly primitive human concepts—concepts that assumed people could no longer bring to life within themselves any of the all-encompassing, radiant Gnostic ideas. And I told you, what remained was the passage that forms the beginning of the Gospel of John; this is actually nothing more than an indication that Christ has something to do with the supersensibly perceptible Logos, the World Word, and that as such, Christ is the Creator of everything that surrounds human beings and everything they experience. But apart from that, nothing remained but the Gospel narratives, which, admittedly, when penetrated by the methods of spiritual science, contain much that is Gnostic; yet they were not interpreted in a Gnostic sense. In the first centuries, they were withheld from the faithful altogether and reserved solely for the priesthood. From them, however, a kind of worldview was derived that encompassed the Mystery of Golgotha, a worldview tailored to the increasingly abstract ideas of the so-called educated world, which were not particularly inclined toward the spiritual. People wanted, I might say, more and more simple concepts that did not require much effort to grasp. Hence, too, the peculiar path that the interpretation of the Gospels took. While in the early centuries there was still a clear awareness that the Gospels must be explained from spiritual depths, people increasingly sought to understand the Gospels as mere narratives of the earthly life of that Being, regarding whose cosmic context they no longer wished to make any claim—at least through human knowledge — than the beginning of the Gospel of John and certain abstractions such as the concept of the Trinity and the like. These were distilled in abstract form from the ancient Gnostic ideas, which were, however, stripped of their Gnostic impulse and presented to the faithful in the form of dogmas. But the interpretations of the Gospels became increasingly primitive. They were meant to become more and more merely a narrative about the being whose essence was not much of a concern from higher, supersensory perspectives—about the being who lived here on earth and who is called Christ Jesus.

[ 5 ] Dann kam immer mehr die Notwendigkeit, die Evangelien auch der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und es kam damit der Protestantismus herauf. Er hielt zunächst noch fest an den Evangelien. Und solange ein Zusammenhang, ein Erkenntniszusammenhang bestand mit dem Johannes-Evangelium, so lange konnte man auch in einer gewissen Beziehung doch eine Art Band finden, das die einzelnen Seelen verbindet mit den kosmischen Höhen, in die man doch aufschauen muß, wenn man von dem wirklichen Christus reden will.

[ 5 ] Then the need to make the Gospels accessible to the general public became increasingly apparent, and with it, Protestantism emerged. At first, it still held fast to the Gospels. And as long as there was a connection—a connection of insight—with the Gospel of John, it was still possible, in a certain sense, to find a kind of bond that connects individual souls with the cosmic heights to which one must look if one wishes to speak of the true Christ.

[ 6 ] Aber es ging immer mehr verloren, man kann sagen, nicht bloß das Verständnis, sondern auch die Hinneigung zu dem JohannesEvangelium. Die Folge davon war, daß ein richtiger Zusammenhang mit dem Christus-Impuls, mit jener Wesenheit, welche in dem Leibe des Jesus lebte, dem neueren Protestantismus, dem denkenden Christentum überhaupt verlorengegangen ist. Der Christus-Begriff schwand immer mehr dahin, indem man zuerst die Interpretation beschränkt hat auf die irdischen Schicksale, menschlich erzählt, des Christus Jesus. Es schwand, weil man die Sache immer mehr und mehr ins materialistische Fahrwasser brachte, völlig die Möglichkeit, den Christus-Begriff noch zu haben: der menschliche Jesus blieb zurück. Und so wurden die Evangelien immer mehr als eine bloße Beschreibung des menschlichen Lebens Jesu genommen. Und an diese Beschreibung knüpfte sich in einer sehr abstrakten Form der Glaube an Unsterblichkeit, an die göttliche Wesenheit und dergleichen — ich habe über den Glaubensbegriff gestern gesprochen. Kein Wunder ist es, daß überhaupt nach und nach die Menschen wenig mehr zu sagen wußten, wenn die Vorstellung des Christus Jesus angeschlagen wurde. Man nahm gewissermaßen Christus auf der einen Seite, Jesus auf der andern Seite wie Synonyma, wie etwas, was dasselbe bezeichnet. Und was war die Folge, eine Folge, die gar nicht anders als eintreten konnte? Die Folge war, daß endlich diese Schilderung des bloßen irdischen Lebens eines Jesus, aus der das Bewußtsein des Zusammenhanges mit dem Christus geschwunden war, daß diese Beschreibung auch das Wesen des Jesus selbst verlor, und überhaupt allen Zusammenhang mit den Anfängen des Christentums verlor. Denn indem man nach und nach auf die bloßen materiellen Evangelien noch zurückging, auf nichts anderes als auf diese materiellen Evangelien, kam man zu der sogenannten Evangelienkritik selber. Und die konnte zu keinem andern Ergebnis führen, als daß die Tatsache des Mysteriums von Golgatha und was damit zusammenhängt, sich nicht historisch beweisen läßt, weil die Evangelien keine historischen Urkunden sind. Man verlor zuletzt den Zusammenhang mit dem Jesus selbst. So wie man in der neueren Wissenschaft über Beweise denkt, konnte da nicht bewiesen werden. Da man aber bei der modernen Wissenschaft bleiben wollte, auch wenn man Theologe war oder ist, verlor man nach und nach auch den Jesus-Begriff, da es äußere, historisch nachweisbare Urkunden nicht gibt.

[ 6 ] But more and more was lost—one might say not only an understanding of, but also an affinity for, the Gospel of John. The result was that a true connection with the Christ impulse—with that being who lived in the body of Jesus—was lost to modern Protestantism and to thinking Christianity in general. The concept of Christ gradually faded away as people first restricted its interpretation to the earthly destinies—told in human terms—of Jesus Christ. It faded because people steered the matter more and more into materialistic waters, completely eliminating the possibility of retaining the concept of Christ: the human Jesus was left behind. And so the Gospels came to be regarded more and more as a mere description of the human life of Jesus. And linked to this description, in a very abstract form, was the belief in immortality, in the divine essence, and the like—I spoke about the concept of faith yesterday. It is no wonder that, little by little, people had little left to say when the idea of Christ Jesus was brought up. In a sense, Christ on one side and Jesus on the other were treated as synonyms, as terms denoting the same thing. And what was the consequence—a consequence that could not have been otherwise? The consequence was that, ultimately, this account of the mere earthly life of a Jesus—from which the awareness of the connection with the Christ had vanished—also lost the essence of Jesus himself and, in general, lost all connection with the beginnings of Christianity. For as people gradually reverted to the mere material Gospels—and to nothing but these material Gospels—they arrived at so-called Gospel criticism itself. And this could lead to no other conclusion than that the fact of the Mystery of Golgotha and all that is connected with it cannot be historically proven, because the Gospels are not historical documents. Ultimately, the connection to Jesus himself was lost. Given the way evidence is viewed in modern scholarship, it could not be proven there. But since people wanted to adhere to modern scholarship—even if they were or are theologians—they gradually lost the very concept of Jesus as well, since there are no external, historically verifiable documents.

[ 7 ] Harnack, der ein christlicher Theologe ist, sogar ein tonangebender der Gegenwart, hat gesagt: Alles dasjenige, was man außer den Evangelien, die keine historischen Urkunden sind, historisch über den Jesus aufschreiben kann, läßt sich auf ein Quartblatt aufschreiben. — Aber das, was man auf ein Quartblatt aufschreiben kann, die Josephus-Stelle und so weiter, hält vor der modernen Historik auch nicht stand, so daß eigentlich nichts übrigbleibt, um den Ausgangspunkt des Christentums zu beweisen. Das ist eigentlich für diejenigen, die mit dem modernen Denken die Entwickelung des Christentums verfolgt haben, etwas, was nicht anders kommen konnte; es ist der Weg, der endlich die Menschheit weggeführt hat von dem Christus Jesus, selbst von dem Jesus, und der erst recht die Notwendigkeit zeigt, eben einen andern Weg zu suchen, einen Weg des übersinnlichen Erkennens in der Art, wie das durch das moderne Geistesleben allein angestrebt werden kann. Denn allen übrigen Wegen, heute zu dem Christus Jesus zu kommen, kann eben einfach die moderne Evangelienkritik und die moderne historische Forschung entgegengehalten werden, die im Einklang ist mit dem wissenschaftlichen Bewußtsein unserer Zeit, und die nicht aufrechterhalten kann, irgendeine historische Tatsache an den Ausgangspunkt der Entwickelung des Christentums zu stellen. Haben wir doch in unserer Zeit die merkwürdige groteske Tatsache erlebt, daß christliche, allerdings protestantische Pastoren ihre Aufgabe darin gesehen haben, das Mysterium von Golgatha als historische Tatsache überhaupt zu leugnen und die Entstehung des Christentums zurückzuführen auf gewisse Vorstellungen, die sich gebildet haben aus der sozialen Gesamtmenschheitslage der Zeit, mit der unsere Zeitrechnung beginnt. So der Pfarrer Kalthoff in Bremen, der, trotzdem er christlicher Pfarrer war, so gepredigt hat, daß seiner Weltanschauung, seiner Lebensauffassung kein historischer Christus zugrunde lag. Er meinte, es hätte sich nur eine Vorstellung von einer solchen Gestalt in den Köpfen herausgebildet aus den Voraussetzungen heraus, die damals in der Zeit, wo unsere Zeitrechnung beginnt, eben in den Köpfen waren. Christliche Pastoren ohne den Glauben an einen wirklichen Christus Jesus sind das notwendige Ergebnis der modernen Evangelienkritik. Das konnte gar nicht anders kommen, denn es hängt zusammen mit all den Entwickelungsimpulsen, von denen ich in diesen Tagen, insbesondere auch gestern, gesprochen habe.

[ 7 ] Harnack, who is a Christian theologian—indeed, one of the leading figures of our time—has said: “Everything that can be written down historically about Jesus, apart from the Gospels—which are not historical documents—can be written on a single sheet of quarto-sized paper.” — But what can be written on a quarto sheet—the passage from Josephus and so on—does not hold up to modern historical scrutiny either, so that in fact nothing remains to prove the origin of Christianity. For those who have followed the development of Christianity with a modern mindset, this is actually something that was inevitable; it is the path that has ultimately led humanity away from Christ Jesus—even from Jesus himself—and which all the more clearly demonstrates the necessity of seeking a different path, a path of supersensible knowledge of the kind that can be pursued solely through modern spiritual life. For all other paths to Christ Jesus today can simply be countered by modern Gospel criticism and modern historical research, which are in harmony with the scientific consciousness of our time and which cannot uphold any historical fact as the starting point of the development of Christianity. After all, we have witnessed in our own time the strange and grotesque fact that Christian—albeit Protestant—pastors have seen it as their duty to deny the Mystery of Golgotha as a historical fact altogether and to trace the origins of Christianity back to certain ideas that arose from the social conditions of humanity as a whole at the time with which our calendar begins. Take, for example, Pastor Kalthoff in Bremen, who—despite being a Christian pastor—preached in such a way that his worldview and his conception of life were not grounded in a historical Christ. He believed that an idea of such a figure had simply emerged in people’s minds from the conditions that existed at the time—the time when our calendar begins—precisely as they were in people’s minds then. Christian pastors who do not believe in a real Jesus Christ are the inevitable result of modern Gospel criticism. It could not have turned out any other way, for this is connected to all the developmental impulses I have been speaking about these past few days, especially yesterday.

[ 8 ] Das ist durchaus festzuhalten, daß der Weg zu dem Christus Jesus in unserer Zeit ein übersinnlicher werden muß, daß er nur gegangen werden kann von jener Wissenschaft, die selbst übersinnliche Methoden sucht, aber mit dem wissenschaftlichen Gewissen der modernen Naturanschauung rechnet.

[ 8 ] It is certainly worth noting that the path to Christ Jesus in our time must be a supersensory one, and that it can only be taken by that branch of science which itself seeks supersensory methods, yet takes into account the scientific conscience of the modern view of nature.

[ 9 ] Immer wird es gut sein für diese moderne Art, einen übersinnlichen Weg auch zu dem Christus zu finden, sich klarzumachen, wie bis in unsere Tage herein die Umwandlungen der Initiationswissenschaft, des Initiationswissens sich abgespielt, abgewickelt haben. Und aus diesem Grunde möchte ich heute noch einmal auf etwas hinweisen, auf das ich hier an diesem Ort schon vor einiger Zeit, aber von einem andern Gesichtspunkte aus, hingewiesen habe.

[ 9 ] It will always be beneficial for this modern approach—which seeks a spiritual path to Christ—to understand how the transformations in the science and knowledge of initiation have unfolded right up to the present day. And for this reason, I would like to draw attention once again today to something I have already mentioned here some time ago, though from a different perspective.

[ 10 ] Wir wissen, daß mit Bezug auf diese Dinge der große Umschwung verstanden werden muß, den die äußere Geschichte verschweigt, der sich in der neueren Entwickelung vollzogen hat gegen das 15. Jahrhundert hin und eben im 15. Jahrhundert hauptsächlich vollzogen hat. Aber er bereitete sich schon vorher vor. Wir wissen, dieser Umschwung ist für uns das Auftreten der fünften nachatlantischen Kulturperiode, welche die vierte, die griechisch-lateinische Kulturperiode, ablöst.

[ 10 ] We know that, with regard to these matters, one must understand the great turning point—which external history fails to mention—that took place in recent history around the 15th century and was primarily carried out during the 15th century itself. But it had already been in the making beforehand. We know that this turning point marks for us the emergence of the fifth post-Atlantean cultural epoch, which succeeds the fourth, the Greco-Latin cultural epoch.

[ 11 ] Nun ist es selbst schon für die äußere Wissenschaft eine Frage geworden, allerdings nur für einige verständigere Gelehrte, wie sich das erklären läßt, was man gewöhnlich nur nennt das Heraufkommen der Renaissancezeit — aber damit ist die Sache nur höchst äußerlich gekennzeichnet —, also dasjenige, was sich vom 12., 13., 14. bis ins 15. Jahrhundert hinein mit elementarer Gewalt über die gebildete Welt hin abspielt. Ein merkwürdiger Drang, eine merkwürdige Sehnsucht — äußere Gelehrte haben das schon ausgesprochen — lebte auch in den Menschen und läßt sich nicht durch äußere Gründe erklären. Es zeigt sich, daß etwas Elementares in den Menschen wallt und wogt und sie zu einer bestimmten Seelenverfassung bringt.

[ 11 ] Now it has become a question even for external scholarship—though only for a few of the more discerning scholars—how to explain what is commonly referred to simply as the “rise of the Renaissance”—though this term describes the matter only in the most superficial terms—that is, the phenomenon that, from the 12th, 13th, 14th, and well into the 15th centuries, unfolding with elemental force across the educated world. A strange urge, a strange longing—as external scholars have already pointed out—also lived within people and cannot be explained by external reasons. It becomes apparent that something elemental surges and swells within people, leading them to a particular state of mind.

[ 12 ] Nun ist es interessant und bedeutsam, sich folgendes vor Augen zu führen: Im 12., 13., 14. Jahrhundert hat man es noch zu tun mit der ablaufenden griechisch-lateinischen Zeit. Dann kommt der Umschwung. An dieser Stelle muß sich also etwas Besonderes zeigen. Und das, was die äußere Wissenschaft erkundet hat, das ist es eben, was sich da zeigt. Weniger hat die äußere Wissenschaft den Umschwung in Betracht gezogen; aber sie hat sehr stark in Betracht gezogen, verschiedene Rätsel sich da vorgelegt, das allmähliche Abglimmen derjenigen Seelenverfassung, die für den vierten nachatlantischen Zeitraum charakteristisch war, das Abglimmen im 12., 13., 14. Jahrhundert. Während da die Renaissance heraufkommt, deren gewöhnliche Schilderung in den Äußerlichkeiten eben steckenbleibt, spielt sich in den Seelenverfassungen der europäischen Menschheit, wenn man genauer hinsieht, doch etwas außerordentlich Wichtiges ab. Es ist so, daß man verspürt: Es muß etwas verglimmen. Man erlebt noch gewisse Dinge in der Seele, die man nach einiger Zeit wieder anders erleben muß. Man muß sich gewissermaßen beeilen — wenn man mit der Entwickelung Schritt halten will —, diese Dinge noch zu erleben, denn die Menschheit wird sie später nach dem Umschwung nicht mehr erleben können. Es ist dasjenige, worauf ich im Anfange der heutigen Betrachtung hingewiesen habe. Was da im Unterbewußtsein vor sich geht, was, wenn es erkannt wird, der Initiationsvorgang ist, das ist etwas, was sich fortwährend, wie gesagt, bei der weitaus größten Mehrzahl der Menschen abspielt. Einige kommen dann durch die Beobachtung des « Erkenne dich selbst» darauf, diese Dinge wirklich in ihr Bewußtsein hereinzubringen. Es ist ein großer Unterschied zwischen diesem Vorgang und dem, was sich im vierten nachatlantischen Zeitraum als Mysterienerlebnis in den Menschenseelen abgespielt hat, ein größerer Unterschied als gegenüber dem, was sich zum Beispiel in der dritten nachatlantischen Kulturperiode abgespielt hat. Ich habe Ihnen vor einigen Tagen ungefähr charakterisiert, was sich in der dritten nachatlantischen Zeit abgespielt hat, indem der Mensch durch das Tor des Menschen ging, dann durch den zweiten Grad, dann durch das Tor des Todes, und weiter, bis er ein Christophorus wurde. Und so, wie ich Ihnen diese Dinge geschildert habe, so spielten sie sich im Unterbewußten ab und konnten dann durch die Initiation bei den weitaus meisten Menschen der dritten nachatlantischen Kulturperiode ins Bewußtsein heraufgetragen werden. Aber verändert schon war der ganze Vorgang bei den Menschen der vierten nachatlantischen Kulturperiode. Noch nicht so sehr verändert war er im ersten Drittel dieser vierten nachatlantischen Kulturperiode, das dem Mysterium von Golgatha voranging — 747 v.Chr. beginnt ja die vierte nachatlantische Kulturperiode, das Mysterium von Golgatha schließt ungefähr das erste Drittel ab. Und dann beginnt eine Zeit, wo das Mysterium von Golgatha schon da war, wo auch für dasjenige, was sich im Unterbewußtsein des Menschen abspielt und dann durch die Initiationswissenschaft bewußt werden kann, eine bedeutendere Veränderung eintrat. Annähernd bis zum Mysterium von Golgatha nur geringe Ausnahmefälle abgerechnet — war, man kann schon sagen, der notwendige Weg, um zur Initiation zu kommen, der, daß man erwählt wurde von irgendeinem den Mysterien angehörigen Priesterweisen, der aus gewissen Erkenntnissen heraus die Leute wählte, die er zur Initiation, zum Durchmachen der Grade bestimmen konnte. Es schwand diese Notwendigkeit nach und nach dahin, nachdem sich das Mysterium von Golgatha abgespielt hatte, obwohl die Initiation, an den alten Mysterien orientiert, auf die neuen Verhältnisse eingerichtet wurde. Solche Mysterien hat es immer gegeben, Mysterien, die dann in die neueren Geheimgesellschaften übergegangen sind und, nur mehr in abstrakten Symbolen, zumeist alte Einweihungszeremonien und Einweihungsvorgänge nachahmen, die nicht mehr an den Menschen herandringen, während die wirkliche Initiation immer weniger und weniger in solchen Geheimgesellschaften erlangt wird, weil die Menschen nicht vordringen zu dem Erleben desjenigen, was sich vor ihren Augen symbolisch abspielt. Es geschahen aber in immer weiterem und weiterem Maße — und charakteristisch gerade am Ausgang der vierten nachatlantischen Kulturperiode — Einweihungen, die, ich möchte sagen, von der geistigen Welt aus selbst geleitet wurden, wo also nicht der Initiationspriester den Bettreffenden auswählte, sondern wo die Auswahl von der geistigen Welt selbst gemacht wurde. Äußerlich nimmt es sich natürlich dann so aus, als ob es eine Selbsteinweihung wäre, weil der Führende eben ein Geist und nicht ein Mensch ist; ein Mensch ist ja auch ein Geist, aber Sie wissen, was ich meine. Insbesondere war so gegen das Ende des vierten nachatlantischen Kulturzeitraumes schon sehr stark das vorhanden, daß die Initiationen in solcher unmittelbaren geistigen Führung stattfanden. Und ich habe schon, wie gesagt, vor einiger Zeit darauf hingewiesen, wie aufzufassen ist als eine wirkliche Initiation die Einweihung, die auf solche Art erfahren hat der Lehrer und Meister des Dante, Brunetto Latini.

[ 12 ] Now it is interesting and significant to bear the following in mind: In the 12th, 13th, and 14th centuries, we are still dealing with the waning Greek-Latin era. Then comes the turning point. So something special must manifest itself at this point. And what external science has explored is precisely what manifests there. External science has paid less attention to the turning point itself; but it has focused very strongly on various mysteries that presented themselves there—the gradual fading of the spiritual disposition that was characteristic of the fourth post-Atlantean epoch, the fading in the 12th, 13th, 14th centuries. While the Renaissance was emerging—a period whose conventional descriptions tend to focus solely on external appearances—something extraordinarily important was unfolding in the soul states of the European people, if one looks more closely. One senses that something must fade away. One still experiences certain things in the soul that, after some time, one will have to experience differently. One must, so to speak, hurry—if one wishes to keep pace with development—to experience these things while one still can, for humanity will no longer be able to experience them after the turning point. This is what I referred to at the beginning of today’s reflection. What is taking place in the subconscious—which, when recognized, is the process of initiation—is something that, as I said, is constantly occurring in the vast majority of people. Some then, through the practice of “Know thyself,” come to truly bring these things into their consciousness. There is a great difference between this process and what took place in human souls during the fourth post-Atlantean epoch as a mystery experience—a greater difference than there is, for example, from what took place in the third post-Atlantean cultural epoch. A few days ago, I gave you a rough description of what took place in the third post-Atlantean epoch, in which a person passed through the Gate of Man, then through the second degree, then through the Gate of Death, and onward until they became a Christophorus. And just as I have described these things to you, so they took place in the subconscious and could then be brought up into consciousness through initiation for the vast majority of people in the third post-Atlantean cultural period. But the entire process had already changed for the people of the fourth post-Atlantean cultural period. It had not yet changed all that much during the first third of this fourth post-Atlantean cultural epoch, which preceded the Mystery of Golgotha—the fourth post-Atlantean cultural epoch begins in 747 B.C., and the Mystery of Golgotha brings the first third to a close. And then a time began in which the Mystery of Golgotha was already present, and in which a more significant change also took place regarding what occurs in the human subconscious and can then be brought into consciousness through the science of initiation. Up until the Mystery of Golgotha—with only a few rare exceptions—one could say that the necessary path to initiation was to be chosen by a priest-sage belonging to the mysteries, who, based on certain insights, selected the people he deemed fit for initiation and for progressing through the degrees. This necessity gradually faded away after the Mystery of Golgotha had taken place, although initiation—based on the ancient mysteries—was adapted to the new circumstances. Such mysteries have always existed; they then passed into the newer secret societies and, now merely imitate, in abstract symbols, mostly ancient initiation ceremonies and processes that no longer speak to people, while true initiation is attained less and less frequently in such secret societies, because people do not penetrate to the experience of what is symbolically unfolding before their eyes. However, to an ever-increasing extent—and characteristically just at the end of the fourth post-Atlantean cultural period—initiations took place that, I would say, were guided by the spiritual world itself; that is, it was not the initiation priest who selected the candidates, but rather the selection was made by the spiritual world itself. Outwardly, of course, it then appears as if it were a self-initiation, because the guide is a spirit and not a human being; a human being is, after all, also a spirit, but you know what I mean. In particular, toward the end of the fourth post-Atlantean cultural period, it was already very common for initiations to take place under such direct spiritual guidance. And, as I said, I pointed out some time ago how the initiation experienced in this way by Dante’s teacher and master, Brunetto Latini, should be understood as a true initiation.

[ 13 ] Äußerlich erzählt, nimmt sich dasjenige, was als ein höchst Wichtiges Brunetto Latini schildert, wie eine Art Novelle aus, eine Novelle, die allerdings legendarischen Charakter hat. Brunetto Latini will seine Einweihung schildern, seine Initiation. Er schildert sie etwa in der folgenden Weise, und Sie werden aus dieser Weise erkennen, wie die Erlebnisse der Initiation des Brunetto Latini dann gewirkt haben auf die ganze Komposition und Phantasiegestaltung des Danteschen großen Gedichtes, der «Divina Commedia». Brunetto Latini, er war Gesandter beim König von Kastilien für seine Vaterstadt Florenz, erzählt, wie er die Reise zurückmachen mußte von seinem Gesandtschaftsposten und wie er, als er schon nahe seiner Vaterstadt Florenz war, erfuhr, daß seine Partei, die welfische Partei, unterlegen war; daß also alles, was ihn verbunden hat mit Florenz, gewissermaßen unterminiert sei, daß er mit Bezug auf die äußeren Verhältnisse plötzlich keinen Boden unter den Füßen mehr fühlt. Man muß, indem von einem Menschen aus dem Dante-Zeitalter eine solche Sache geschildert wird, nicht an heutige Verhältnisse, nicht an heutige Auffassungen denken. In dieser Beziehung hat sich die Seelenverfassung ganz ungeheuerlich verändert. Nicht wahr, wenn heute jemand in der Schweiz erfährt, daß zum Beispiel die Stadt Köln, mit der er lange Zeit zusammengehangen hat, in eine ganz andere Weltstruktur hineingekommen ist, von einer ganz andern Seite her beherrscht wird, so fühlt er sich als heutiger Mensch nicht so, als ob ihm der Boden unter den Füßen entzogen wäre, wenigstens innerlich nicht. Aber von dieser Seelenverfassung muß man nicht die Vorstellungen nehmen für jene Zeit. Für einen solchen Menschen wie Brunetto Latini war das wie eine Art Weltuntergang. Er hing zusammen mit Bezug auf sein Eingeordnetsein in die Welt mit den Weltenverhältnissen seiner Vaterstadt. Das war weg, und das erfuhr er, als er sich dieser seiner Vaterstadt Florenz näherte: es war einfach die Welt nicht mehr da, in der er arbeitete. Jetzt erzählt er weiter, nachdem er aufmerksam gemacht hat auf diese Umstände, auf diese Tatsache, wie er geführt wurde in einen Wald, wie er durch geistige Führung aus dem Wald hingeleitet wird auf einen Berg, der umgeben ist von der ganzen Schöpfung, soweit sie ihm bekannt war.

[ 13 ] Told from an external perspective, what Brunetto Latini describes as something of the utmost importance takes the form of a kind of novella—a novella that, however, has a legendary character. Brunetto Latini seeks to describe his initiation. He describes it roughly as follows, and from this account you will see how the experiences of Brunetto Latini’s initiation subsequently influenced the entire composition and imaginative structure of Dante’s great poem, the *Divina Commedia*. Brunetto Latini, who had served as an envoy to the King of Castile on behalf of his hometown of Florence, recounts how he had to make the return journey from his post as envoy and how, when he was already near his hometown of Florence, he learned that his faction, the Guelph faction, had been defeated; that everything connecting him to Florence had, so to speak, been undermined, and that, in light of the external circumstances, he suddenly felt as if the ground had been pulled out from under his feet. When such an event is described by a person from Dante’s era, one must not think of today’s circumstances or today’s perspectives. In this regard, the state of the human spirit has changed quite dramatically. Isn’t it true that if someone in Switzerland today learns, for example, that the city of Cologne—with which he has long been connected—has entered a completely different world structure and is now governed from an entirely different direction, he, as a person of today, does not feel as though the ground has been pulled out from under his feet—at least not inwardly. But one must not apply the mental state of today to that era. For a man like Brunetto Latini, it was like a kind of apocalypse. His sense of belonging in the world was tied to the social conditions of his hometown. That was gone, and he realized it as he approached his hometown of Florence: the world in which he had been working was simply no longer there. Now, after drawing attention to these circumstances, to this fact, he continues his story, describing how he was led into a forest and, through spiritual guidance, out of the forest and up a mountain surrounded by all of creation, as far as he knew it.

[ 14 ] Man erkennt sofort, was eigentlich Brunetto Latini andeuten will. Er ist durch das Leben so geführt worden, daß in einem gewissen Momente vor seine Seele ein so bestürzendes Ereignis trat, daß es das Geistig-Seelische freimachte von dem Leiblich-Physischen, daß er herauskam aus seinem physischen Leibe. Er erlebte Geistiges. Da haben Sie das Eingreifen eines geistigen Führers, der diesen Menschen seinem Karma nach in dem Augenblicke, wo er so frappiert, so geistig erschüttert ist, daß diese Erschütterung sein Geistig-Seelisches trennen kann von dem Leiblich-Physischen, in die geistige Welt einführt. Nun schildert Brunetto Latini, wie die Schöpfung sich um den Berg ausbreitet, wie ihm auf dem Berg eine riesige Frauengestalt erscheint, auf deren Worte hin, auf deren Wortangaben hin sich diese Schöpfung, die um den Berg ist, wandelt und ändert, andere Formen annimmt. Und so wie Brunetto Latini spricht, so erkennt man: er spricht so über diese Frauengestalt, wie in den alten Einweihungsmysterien gesprochen worden ist über Proserpina. Nur hat die Vorstellung über die Proserpina eben die Wandlung durchgemacht von der alten Griechenzeit bis zum Ausgang der griechisch-lateinischen Zeit. Nicht so wie die alten griechischen Dichter die Proserpina schildern, schildert Brunetto Latini sie; er schildert sie eben so, wie sie in den menschlichen Seelen lebte im Ausgang des griechisch-lateinischen Zeitalters. Und dennoch: Das, was der alte Ägypter anhörte, wenn ihm die Beschreibung der Isis, und was der Grieche anhörte, wenn ihm die Beschreibung der Proserpina nahetrat durch die Einweihung, man kann es vergleichen mit dem, was Brunetto Latini erzählt von dieser Frauengestalt, auf deren Geheiß und Worte hin sich die Gestalten der Schöpfung wandeln. Und man wird finden, daß starke Ähnlichkeiten da sind. Derjenige, der nur oberflächlich betrachtet, wird überhaupt sagen: Es ist eigentlich dasselbe, was Brunetto Latini über seine Frauengestalt sagt und was die Alten sagten über ihre Proserpina. Dasselbe ist es nicht, denn wenn man genauer hinsieht, so merkt man: Bei den alten Griechen, wenn sie von der Proserpina sprachen, oder bei den Ägyptern, wenn sie von der Isis sprachen, handelte es sich mehr um die Schilderung dessen, was in allem Ruhenden lebt, in allem, was bleibt, was durch alles Bleibende hindurchzieht. Bei Brunetto Latini handelt es sich darum, zu schildern, wie ein gewisser Kraftimpuls — der Isis-Impuls, der Proserpina-Impuls, als Impuls der «Natura», so heißt die Gestalt bei Brunetto Latini —, durch alles hindurchgeht, aber alles in Bewegung setzt, fortwährend wandelt. Das ist der große Unterschied.

[ 14 ] One immediately recognizes what Brunetto Latini is actually trying to convey. He had been led through life in such a way that, at a certain moment, an event so shocking presented itself to his soul that it liberated his spiritual and soul aspects from his physical body, causing him to emerge from his physical body. He experienced the spiritual. Here we see the intervention of a spiritual guide who, in accordance with this man’s karma, at the very moment when he is so struck, so spiritually shaken that this shock can separate his spiritual-soul aspect from his physical-bodily aspect, leads him into the spiritual world. Brunetto Latini then describes how creation spreads out around the mountain, how a gigantic female figure appears to him on the mountain, and how, in response to her words and her instructions, this creation surrounding the mountain transforms and changes, taking on other forms. And as Brunetto Latini speaks, one realizes: he speaks of this female figure in the same way that Proserpina was spoken of in the ancient initiation mysteries. Only the conception of Proserpina had undergone a transformation from the time of the ancient Greeks to the end of the Greco-Latin era. Brunetto Latini does not depict Proserpina as the ancient Greek poets did; rather, he depicts her exactly as she lived in human souls at the end of the Greco-Latin era. And yet: what the ancient Egyptian heard when the description of Isis was conveyed to him, and what the Greek heard when the description of Proserpina was brought to him through initiation, can be compared to what Brunetto Latini recounts about this female figure, at whose command and by whose words the forms of creation are transformed. And one will find that there are strong similarities. Anyone who looks only superficially will say: It is actually the same thing that Brunetto Latini says about his female figure and what the ancients said about their Proserpina. It is not the same, for if one looks more closely, one notices: For the ancient Greeks, when they spoke of Proserpina, or for the Egyptians, when they spoke of Isis, it was more a matter of describing what lives in all that is at rest, in all that remains, what runs through all that endures. For Brunetto Latini, it is a matter of depicting how a certain impulse of power—the Isis impulse, the Proserpina impulse, as the impulse of “Natura,” as the figure is called by Brunetto Latini—passes through everything, yet sets everything in motion and continually transforms it. That is the great difference.

[ 15 ] Damit ist ihm aber der Anstoß gegeben — indem er schaut, wie sich alles wandelt, indem er diese auf das Geheiß der Göttin Natura sich wandelnde Schöpfung schaut —, nun in der neuen Art Selbsterkenntnis zu üben. Die übt er natürlich nicht so, wie es heute die mystischen Bequemlinge beschreiben, sondern er übt sie in konkreten Einzelheiten. Brunetto Latini beschreibt, wie er nun, nachdem er diese sich wandelnde Schöpfung geschaut hat, die Welt der menschlichen Sinne schaut. Er lernt den Menschen nach und nach von außen kennen. Es ist ein Unterschied, ob man die äußere Welt, welche die Sinne einfach im gewöhnlichen Bewußtsein wahrnehmen, schaut und beschreibt, oder ob man das beschreibt, was in den Sinnen, also schon innerlich im Menschen vor sich geht. Denn mit dem gewöhnlichen Bewußtsein kommt man in das Innere der Sinne nicht hinein: man würde die Außenwelt nicht sehen. Denn wenn man die Sinne im Inneren sieht, kann man die Außenwelt nicht beschreiben; man sieht dann nicht die Außenwelt.

[ 15 ] This, however, provides him with the impetus—as he observes how everything changes, as he observes this creation transforming itself at the behest of the goddess Natura—to now practice self-knowledge in this new way. Of course, he does not practice this in the way that today’s mystical slackers describe it, but rather in concrete details. Brunetto Latini describes how, having now observed this ever-changing creation, he observes the world of the human senses. He gradually comes to know human beings from the outside. There is a difference between observing and describing the external world—which the senses simply perceive in ordinary consciousness—and describing what is taking place within the senses, that is, already internally within the human being. For ordinary consciousness cannot penetrate into the inner realm of the senses: one would not see the external world. For when one sees the senses from within, one cannot describe the external world; one does not then see the external world.

[ 16 ] Abgestimmt auf die gegenwärtige Zeit — wir werden gleich nachher davon sprechen — habe ich versucht, dieses Schauen des Inneren des Menschen, wenn man in der Region der Sinneswelt ist, bei dem Ausmalen der großen Kuppel hier im Bau wirken zu lassen. Das wird Ihnen ungefähr eine Vorstellung davon geben, was gemeint ist mit diesem «Erkenne dich selbst», insofern man in der Region der Sinne ist. Sie werden zum Beispiel deutlich wahrnehmen, wenn Sie die große Kuppel betrachten, wie das Innere des Auges, das Mikrokosmische, das sich im Inneren des Auges offenbart, auf der einen Seite, auf der Westseite, festzuhalten versucht ist. Nicht das, was das Auge außen sieht, auch nicht das Physikalische des Auges, sondern was innerlich erlebt ist, wenn man mit dem seelischen Schauen im Auge drinnen ist, was man natürlich nur kann, wenn man im gewöhnlichen Sinne sich getrennt hat von dem Gebrauch der Augen als Werkzeuge für die äußere Sinneswahrnehmung, wenn man ebenso das Innere des Auges schaut, wie man sonst mit dem Auge das Äußere schaut.

[ 16 ] In keeping with the present time—we’ll talk about this in a moment—I have tried to incorporate this insight into the inner life of the human being, as experienced within the realm of the sensory world, into the painting of the great dome here in the building. This will give you a rough idea of what is meant by “Know thyself,” insofar as one is in the realm of the senses. For example, when you look at the great dome, you will clearly perceive how the inner eye—the microcosm that reveals itself within the eye—is sought to be captured on one side, the western side. Not what the eye sees on the outside, nor the physical aspect of the eye, but rather what is experienced inwardly when one is inside the eye with soul-gazing—which, of course, is possible only when one has, in the ordinary sense, separated oneself from the use of the eyes as tools for external sensory perception, and when one gazes into the interior of the eye just as one otherwise gazes at the exterior with the eye.

[ 17 ] Nicht so, wie das heute dargestellt werden muß, sondern etwas anders — er macht nur kurz darauf aufmerksam — erlebte es Brunetto Latini. Dann dringt er weiter von außen nach innen ins Menschliche vor: er gelangt dann zu den vier Temperamenten. Da lernt man schon erkennen, wie der Mensch nun nicht in dem Inneren der Sinnesregion ist, sondern wie er ist, indem der melancholische, der cholerische, der phlegmatische, der sanguinische Impuls ineinander wirken, wie die Menschen sich dann äußerlich differenzieren, indem irgendeiner dieser vier Impulse die Oberhand gewinnt. Man kommt dann durch die Region der Sinne weiter in das menschliche Innere zu der Region der Temperamente. Der Unterschied in der Beobachtung der Sinnesregion und in der Beobachtung der Temperamente ist der, daß, wenn man die Sinnesregion betrachtet, sich die einzelnen Regionen der Sinne sehr stark voneinander unterscheiden. Bei den Temperamenten steigt man schon tiefer in das Menschliche hinein; da enthüllt sich schon mehr von der universellen Natur des Menschen.

[ 17 ] Brunetto Latini experienced it not quite as it must be portrayed today, but somewhat differently—he merely briefly draws attention to this. He then proceeds to delve deeper into the human nature, moving from the outside in: he eventually arrives at the four temperaments. There one begins to recognize how the human being is not located within the region of the senses, but rather how the melancholic, choleric, phlegmatic, and sanguine impulses interact within one another, and how people then differentiate themselves externally as one of these four impulses gains the upper hand. One then proceeds through the region of the senses further into the human interior, to the region of the temperaments. The difference between observing the region of the senses and observing the temperaments is that, when one considers the region of the senses, the individual regions of the senses differ greatly from one another. With the temperaments, one descends even deeper into the human being; there, more of the universal nature of the human being is revealed.

[ 18 ] Wenigstens, ich möchte sagen, ein Glied von diesem Schauen, aber nur ein Glied davon, mit Orientierung nach bestimmten Richtungen hin, aber wiederum abgestellt auf das heutige Schauen, ist dann versucht worden, in der Ausmalung der kleinen Kuppel festzuhalten.

[ 18 ] At least, I would say, one aspect of this vision—but only one aspect of it, oriented toward certain directions, yet grounded in today’s perspective—was then attempted to be captured in the painting of the small dome.

[ 19 ] So muß der Mensch in dieser Weise vordringen. Sie sehen, Brunetto Latini schildert stückweise seine Initiation. Zugrunde liegt eine geistige Führung. Dann gelangt er schon in eine Region, in welcher der Mensch sich nicht mehr recht von der Außenwelt unterscheiden kann. Wenn der Mensch die Region seiner Sinne und die Region der Temperamente beobachtet, dann kann er sich noch sehr gut von der Außenwelt unterscheiden; aber dann kommt er in eine Region, in der er sich wenig noch unterscheiden kann, in der sozusagen sein Wesen mit der Außenwelt zusammenfließt: er kommt in die Region der vier Elemente. Da erlebt der Mensch sein Weben innerhalb von Erde, Wasser, Feuer und Luft, wie er mit diesen im Weltenall lebt. Er unterscheidet sich nicht mehr sehr stark mit Bezug auf seine Subjektivität von der äußeren Objektivität. Man erlebt höchstens noch stark den Unterschied in bezug auf das Irdische, aber mit Bezug auf das wässerige, das flüssige Element, da fühlt man sich schon schwimmend in einer Art von All. Es ist noch ein Unterschied zwischen dem Subjektiven und dem Objektiven, aber es ist eben, wenn man die 'Temperamente betrachtet, viel weniger stark als bei den festen Sinnesorganen, bei denen man weiß: sie leben nur im Menschen innerhalb der physischen Welt, sie leben nicht auch außerhalb.

[ 19 ] This is how a person must proceed. As you can see, Brunetto Latini describes his initiation step by step. It is based on spiritual guidance. Then he reaches a realm in which a person can no longer really distinguish himself from the external world. When a person observes the realm of the senses and the realm of the temperaments, they can still very clearly distinguish themselves from the external world; but then they enter a realm in which they can hardly distinguish themselves anymore, in which, so to speak, their being merges with the external world: they enter the realm of the four elements. There, a person experiences their interweaving within earth, water, fire, and air, and how they live with these in the universe. In terms of their subjectivity, they no longer differ very strongly from external objectivity. At most, one still strongly experiences the difference in relation to the earthly, but in relation to the watery, the liquid element, one already feels oneself floating in a kind of universe. There is still a difference between the subjective and the objective, but—as one can see when considering the ‘temperaments’—it is much less pronounced than with the solid sense organs, about which we know: they exist only within the human being in the physical world; they do not exist outside of it.

[ 20 ] Dann schildert er, wie er weiter kommt in die Region der Planeten, wie er durch die Planetenregion durchgeht, und wie er dann, nachdem er durch die Planetenregion durchgegangen ist, den Ozean durchirrt, im Ozean den Ort erreicht, den die verschiedensten Mystiker bezeichnen als den Ort der Säulen des Herkules. Dann geht er hinaus über die Säulen des Herkules und ist nun vorbereitet, nachdem ihn dieses «Erkenne dich selbst» bis zu den Säulen des Herkules getrieben hat, aufzunehmen ein Wissen, eine Erkenntnis über die übersinnliche Welt. Die Säulen des Herkules sind für die Mystiker — insbesondere für die Mystiker der Zeit, von der ich jetzt spreche — dasjenige Erlebnis, durch das man noch stärker, als es bei den vier Elementen oder bei den Planeten der Fall ist, ganz aus dem Menschen herauskommt und die äußere Geistwelt betritt, die dann erst in der dritten Initiationsstufe in ihren konkreten Wesenheiten sich zeigt. Aber man betritt sie wie einen sich ausbreitenden Ozean, wie eine allgemeine Geistigkeit, im ersten Grade, den Brunetto Latini hier schildert. Er schildert dann weiter, wie — was ja sein mußte, nachdem er soweit gekommen war — eine starke Versuchung an ihn herantritt. Diese Versuchung, die schildert er sehr sachgemäß. Er schildert, wie er in die Notwendigkeit versetzt wird, neue Vorstellungen sich zu bilden über Gut und Böse, weil eben verlorengeht dasjenige, was ihn über Gut und Böse, solange er in der Sinneswelt war, aufgeklärt hat. Er schildert dann, wie er diese neuen Vorstellungen über Gut und Böse wirklich erlangt, wie er dadurch, daß er alles das durchgemacht hat, gewissermaßen ein anderer Mensch geworden ist, ein Teilnehmer an der geistigen Welt. Man sieht an der Schilderung des Brunetto Latini ganz genau, wie jemand, der durch eine geistige Wesenheit selbst geführt wird, in dieser Zeit des ausgehenden griechisch-lateinischen Zeitalters von der sinnlichen in die übersinnliche Welt hineingeht.

[ 20 ] He then describes how he proceeds further into the region of the planets, how he passes through the planetary region, and how, after passing through the planetary region, he wanders through the ocean, reaching a place in the ocean that various mystics refer to as the Pillars of Hercules. He then goes beyond the Pillars of Hercules and is now prepared—having been driven by this “Know thyself” to the Pillars of Hercules—to receive knowledge and insight into the supersensible world. For mystics—especially for the mystics of the era I am now speaking of—the Pillars of Hercules represent the experience through which one emerges entirely from within the human being, even more so than is the case with the four elements or the planets, and enters the outer spiritual world, which only reveals itself in its concrete entities in the third stage of initiation. But one enters it like an expanding ocean, like a universal spirituality, in the first stage that Brunetto Latini describes here. He goes on to describe how—as was bound to happen once he had come this far—a powerful temptation approaches him. He describes this temptation very objectively. He describes how he is compelled to form new concepts of good and evil, precisely because what had enlightened him about good and evil while he was in the sensory world is now lost to him. He then describes how he truly acquires these new concepts of good and evil, and how, by having gone through all of this, he has, in a sense, become a different person—a participant in the spiritual world. Brunetto Latini’s account shows very clearly how someone who is guided by a spiritual being himself enters the supersensible world from the sensory world during this period at the end of the Greco-Roman era.

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[ 21 ] Halten wir fest diese Schilderung, die auch äußerlich in der Menschheitsentwickelung jene ungeheuer fruchtbare Wirkung gehabt hat, daß sie Dante, den Schüler des Brunetto Latini, angeregt hat zu der «Göttlichen Komödie», der «Divina Commedia». Wenn wir das festhalten, daß es eine typische, eine repräsentative Einweihung war, die dieser Brunetto Latini schildert, daß er wirklich das schildert, was sich im Unterbewußtsein der Menschen gerade in dieser Zeit abspielt und was durch eine solche wirkliche Initiation erlangt, erkannt werden kann, so haben wir eben vor uns dasjenige, was im verglimmenden vierten nachatlantischen Zeitraum als Seelenverfassung da war.

[ 21 ] Let us note this description, which also had such an immensely fruitful effect on the outward course of human development that it inspired Dante, the student of Brunetto Latini, to write the *Divine Comedy*, the *Divina Commedia*. If we note that what Brunetto Latini describes was a typical, representative initiation—that he truly depicts what was taking place in the subconscious of people at that very time, and what can be attained and recognized through such a genuine initiation— then we have before us precisely what existed as a state of the soul during the waning fourth post-Atlantean epoch.

[ 22 ] Nun kann uns schon die Frage als bedeutsam interessieren: Wie änderte sich das in kurzen Zeiträumen? Nicht lange, ein paar Jahrhunderte sind vergangen seit dem, was ich geschildert habe. Wie ändert sich in kurzen Zeiträumen das, was da der Mensch im Unterbewußtsein durchmacht und was in der Initiation ins Bewußtsein herauftritt? Natürlich, je höhere Initiationsstufen der Mensch erlangt, desto mehr, ich möchte sagen, verschwindet für seinen Geistesblick dasjenige, was bei den ersten Stufen gar sehr in Betracht kommt. Aber bei den ersten Stufen muß man wirklich hinschauen auf dasjenige, was eigentlich das Bedeutsame ist. Denn diese ersten Stufen stellen gerade das dar, was sich in den weitaus meisten Menschenseelen eben tatsächlich abspielt, auch wenn sie es nicht wissen, auch wenn sie sich nicht dazu herbeilassen, durch Geisteswissenschaft oder gar durch Initiation ins Wissen heraufzuheben, was sich unbewußt in ihrem tieferen Menschen eigentlich immer abspielt. Da ist es sehr wichtig, daß man folgendes Beispiel ins Auge faßt. Ich habe gesagt: Brunetto Latini schildert, wie er hingeführt wird vor die Göttin Natura. Dann schreitet er durch gewisse Stufen: die Sinne, die Temperamente, die Elemente, die Planeten, den Ozean, wo er also schon draußen ist, wo er an der Grenze des Menschlichen, an den Säulen des Herkules, hinübergetreten ist in das außen sich Ausbreitende, wo nicht einmal mehr das in Betracht kommt, was schon bei den Elementen der Fall ist, daß er nicht unterscheiden kann, wo er gewissermaßen sich selber verloren hat und in dem Meere des Daseins schwimmt.

[ 22 ] Now, the question itself may be of interest to us: How did this change over short periods of time? Not long—just a few centuries—have passed since what I have described. How does what a person experiences in the subconscious, and what emerges into consciousness during initiation, change over short periods of time? Of course, the higher the levels of initiation a person attains, the more—I would say—what is of great importance at the first levels disappears from their spiritual vision. But at the first levels, one really must look closely at what is actually significant. For these first stages represent precisely what is actually taking place in the vast majority of human souls, even if they are unaware of it, even if they are unwilling to allow spiritual science—or even initiation—to bring to light what is actually always taking place unconsciously in their deeper being. It is very important, then, to consider the following example. I have said: Brunetto Latini describes how he is led before the goddess Natura. Then he proceeds through certain stages: the senses, the temperaments, the elements, the planets, the ocean—where he is already outside, where he has crossed over from the boundary of the human realm, at the Pillars of Hercules, into the realm that extends outward, where not even what is already the case with the elements—that he cannot distinguish—comes into consideration anymore; where, in a sense, he has lost himself and is swimming in the sea of existence.

[ 23 ] Diese Säulen des Herkules spielen dann in der Symbolik eine große Rolle als Jakim- und Boas-Säule, wobei nur zu bemerken ist, daß in den heutigen Geheimgesellschaften diese Säulen nicht mehr in der richtigen Weise aufgestellt werden können, auch nicht mehr aufgestellt werden sollen, weil sich diese richtige Aufstellung eben bei der wirklichen innerlich erlebten Initiation erst zeigt. Außerdem kann man sie im Raume nicht so aufstellen, wie sie in Wirklichkeit eben sich aufgestellt zeigen, wenn der Mensch seinen Leib verläßt.

[ 23 ] These Pillars of Hercules then play a major role in symbolism as the Pillars of Jakim and Boas; it should be noted, however, that in today’s secret societies these pillars can no longer be set up in the correct manner, nor should they be set up at all, because this correct arrangement only becomes apparent during the actual, inwardly experienced initiation. Furthermore, they cannot be arranged in a room in the same way that they actually appear to be arranged when a person leaves their body.

[ 24 ] Nun, damit hat man gewissermaßen, wenn ich mich des trockenen Ausdruckes bedienen darf, das Schema hingestellt, welches durchlebt wurde an der Wende des 12. zum 13. Jahrhundert, erlebt wurde auch von einem solchen Menschen, der die Initiation so durchmachte wie der Lehrer Dantes, Brunetto Latini. Nun kann man das vergleichen mit dem, was heute in den Untergründen der Menschenseelen vorgeht. Gar so sehr ist es ja nicht verschieden. Aber wenn heute der Mensch unmittelbar bei der ersten Stufe der Initiation unter der Führung dieser ja auch heute vorhandenen riesigen Frauengestalt, der Göttin Natura, hintreten wollte vor die ihm von ihr gezeigte Schöpfung, dann fängt ja in der Schöpfung der übersinnliche Weg für ihn erst an.

[ 24 ] Well, with that, one has, so to speak—if I may use such a dry expression—laid out the pattern that was lived through at the turn of the 12th to the 13th century, a pattern also experienced by a man such as Brunetto Latini, who underwent initiation in the same way as Dante’s teacher. Now one can compare this to what is happening today in the depths of the human soul. It is not all that different, after all. But if today a person, at the very first stage of initiation and under the guidance of that immense female figure who still exists today—the goddess Natura—were to step forward before the creation she has shown him, then the supersensible path for him would only just begin within that creation.

[ 25 ] Wenn der Mensch heute gleich vor die Sinne hintreten würde oder in die Sinne hinein wollte, so würde er sich der Gefahr aussetzen, innerhalb der Sinnesregion ziemlich im Finstern zu sein. Er würde gewissermaßen ohne eine ordentliche Beleuchtung in der Sinnesregion sich aufhalten müssen und dann nichts Ordentliches auch unterscheiden können in dieser Sinnesregion. Heute ist nämlich notwendig, daß vor dieser Sinnesregion noch ein anderes Erlebnis durchgemacht wird. Das Durchmachen dieses andern Erlebnisses bereitet einen erst in der rechten Weise vor, in diese Sinnesregion eindringen zu können. Und dieses Erlebnis habe ich Ihnen gestern schon angeführt. Es ist einfach die Möglichkeit, Geistig-Ideelles als äußerliche Wirklichkeit in der Metamorphose der Gestaltung der Welt zu schauen. Also bevor man in die Sinnesregion eintreten will, soll man sich bemühen, die Metamorphose der Gestalten in der Außenwelt zu verfolgen. Goethe hat nur die Elemente gegeben, aber die Methode ist schon bei ihm zu finden. Ich habe gesagt: Was Goethe für die Pflanzen, für das tierische Skelett gefunden hat, das zeigt sich in der Metamorphose so weiter ausgebildet, daß uns unser Haupt auf das frühere Erdenleben, unser Extremitätenorganismus auf das spätere Erdenleben hinweist. Also dieses In-die-Möglichkeit-Versetztsein, die Welt nicht als fertige, ruhige Gestaltung hinzunehmen, sondern in der unmittelbar vorliegenden Gestalt den Hinweis auf eine andere Gestalt zu sehen, das Versetztsein in diese Möglichkeit, das ist schon eine notwendige Vorstufe der gegenwärtigen Initiation.

[ 25 ] If a person were to step directly in front of the senses today, or were to try to enter into the senses, they would run the risk of being quite in the dark within the sensory realm. They would, so to speak, have to remain in the sensory realm without proper illumination and would then be unable to distinguish anything clearly within that realm. For today it is necessary to undergo another experience before entering this realm of the senses. It is only by undergoing this other experience that one is properly prepared to penetrate this realm of the senses. And I already mentioned this experience to you yesterday. It is simply the ability to perceive the spiritual-ideal as an external reality in the metamorphosis of the world’s form. So before one wishes to enter the sensory realm, one should strive to observe the metamorphosis of forms in the external world. Goethe provided only the elements, but the method can already be found in his work. I have said: What Goethe discovered regarding plants and the animal skeleton is revealed in metamorphosis in such a way that our head points to our earlier earthly life, and our limb system points to our later earthly life. So this being placed within the realm of possibility—not accepting the world as a finished, static form, but seeing in the immediately present form a reference to another form—this being placed within this possibility is already a necessary preliminary stage of the present initiation.

[ 26 ] Sie finden auch Anhaltspunkte zu dieser Anschauung in der Weise, wie sie am richtigsten vom gegenwärtigen Menschen absolviert werden kann, gleich im Beginn meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert. Das wird schon erreicht, wenn in der richtigen Weise die Anweisungen dieses Buches befolgt werden, daß, wenn Sie einem Menschen gegenübertreten, Ihnen aus seinem Kopf etwas herausspringt wie die Vorstellung seiner früheren Inkarnation. Sie können gar nicht anders, als seinem Kopfe etwas von der Gestaltung in der früheren Inkarnation anempfinden. Wenn Sie ihm nachgehen, sehen, wie er die Füße aufstellt, mit den Armen schlenkert, oder wenn Sie vor ihm stehen und seine sonstigen Gesten mit Armen und Händen beobachten, dann bekommen Sie ein Gefühl, wie es in der nächsten Inkarnation mit seiner Gestaltung bestellt sein wird. Ich habe deshalb in öffentlichen Vorträgen öfter gesagt, indem ich dieses schon vor vielen Jahren auseinandergesetzt habe: Mit den wiederholten Erdenleben ist es eigentlich gar nicht einmal so schlimm, daß der Materialismus sich ganz und gar dagegen zu wehren brauchte. Wenn er nur ein weniges verstünde von der menschlichen Gestalt, so sind ja die wiederholten Erdenleben gar nicht etwas, wogegen der Materialismus sich zu sträuben braucht, denn sie sind handgreiflich. Und wenn Sie zum Beispiel nicht nach dem Buche, sondern nach der erlebten Einsicht Phrenologe, Schädeluntersucher sind, dann untersuchen Sie mit dem Schädel eigentlich die Gestaltung der früheren Inkarnation, das ist handgreiflich die frühere Inkarnation! Also man muß natürlich diese Metamorphosengestalt, Metamorphosenanschauung des Lebens bis in diese Region ausdehnen. Man muß gewissermaßen sich aneignen — ich habe vom sozialen Gesichtspunkte von dieser Aneignung gesprochen — ein so starkes Interesse für den Menschen, daß einem aus seinem Schädel fortwährend ins Gesicht springt etwas von der Empfindung seiner früheren Inkarnation, weil der Schädel der umgestaltete Mensch in einer früheren Inkarnation in gewisser Beziehung, namentlich in bezug auf das Physiognomische und die Gestaltung der Kopfformation ist. Und so erlangt man eine Anschauung der Welt, welche nicht stehenbleibt bei der einen Gestalt, wie Goethe nicht beim Blütenblatt und grünen Laubblatt stehenbleibt, sondern eines auf das andere bezieht. So erlangt man eine solche Anschauung, welche nicht stehenbleibt bei der einzelnen Gestalt, sondern von Gestalt zu Gestalt weitergeht, die Verwandlung der Gestaltungen ins Auge faßt.

[ 26 ] You will also find guidance on this view—specifically, on how it can best be put into practice by people today—right at the beginning of my book *How to Gain Insight into the Higher Worlds*. This is already achieved when the instructions in this book are followed correctly, so that when you stand before a person, something seems to leap out at you from their head—such as the image of their previous incarnation. You cannot help but sense something of their form in their previous incarnation emanating from their head. If you watch them—how they position their feet, how they swing their arms—or if you stand before them and observe their other gestures with arms and hands, then you will get a sense of what their form will be like in their next incarnation. That is why I have often said in public lectures—having already elaborated on this many years ago— Repeated earthly lives are actually not so bad that materialism would need to oppose them entirely. If materialism understood even a little about the human form, then repeated earthly lives would not be something against which it needs to resist, for they are tangible. And if, for example, you are a phrenologist—someone who studies skulls—not based on a book but on insight gained through experience, then by examining the skull you are actually examining the form of a previous incarnation; that is, the previous incarnation is tangible! So, of course, one must extend this view of life as a series of metamorphoses into this realm. One must, so to speak, make one’s own — I have spoken of this appropriation from a social standpoint — such a strong interest in the human being that something of the sensation of their past incarnation constantly leaps out at you from their skull, because the skull is, in a certain sense—namely with regard to physiognomy and the shape of the head—the transformed human being from a past incarnation. And in this way one gains a view of the world that does not stop at a single form—just as Goethe does not stop at the petal or the green leaf—but relates one thing to another. Thus one gains a view that does not stop at the individual form, but moves from form to form, taking in the transformation of forms.

[ 27 ] Ich habe versucht, eine Empfindung hervorzurufen von solchem Gestaltenwandel, indem ich diesen Gestaltenwandel selber habe festzuhalten gesucht in unserer Holzarchitektur, beim Übergang von einem Kapitäl in das nächste und in die weiteren Kapitäle, bei der Weitergestaltung der Architrave, wo alles aufgebaut ist nach diesem Prinzip der Metamorphose. So daß derjenige, der einmal unsere Säulenfolge und was dazugehört, in unserem hiesigen Goetheanum sehen wird, eine Vorstellung haben wird, wie man sich beweglich mit Bezug auf seine Seelenverfassung zur Außenwelt zu verhalten hat. Wenn man diese Vorstufe absolvieren will, die notwendig ist für den heutigen Menschen — und lange noch notwendig sein wird für den Menschen der Zukunft —, sich hineinfindet in das innere Verständnis, wie die zweite Säule aus der ersten mit Sockel und Kapitäl und Architrav hervorgeht, die dritte aus der zweiten Säule und so weiter, dann findet man in diesem wirklichen Verständnis einen Anhaltspunkt, um eben nach den heutigen Möglichkeiten erst in das Innere der Sinnesregion vorzudringen. So ist festgehalten unten in der Säulenregion etwas, was schon zusammenhängt mit dem gegenwärtigen Initiationsprinzip. Und weiter in der Kuppelregion finden Sie etwas anderes, was mit dem heutigen Initiationsprinzip zusammenhängt; da gehen die Dinge etwas verändert vor sich.

[ 27 ] I have tried to evoke a sense of such a transformation of form by seeking to capture this transformation myself in our wooden architecture—in the transition from one capital to the next and to the subsequent capitals, and in the further development of the architraves, where everything is constructed according to this principle of metamorphosis. So that whoever one day sees our colonnade and its accompanying elements here at our Goetheanum will have an idea of how to relate to the external world in a flexible manner, in accordance with one’s state of mind. If one wishes to complete this preliminary stage—which is necessary for people today and will remain necessary for people of the future for a long time to come—and to find one’s way into the inner understanding of how the second column emerges from the first, with its base, capital, and architrave, the third from the second column, and so on, then one finds in this true understanding a point of reference for penetrating, in accordance with today’s possibilities, into the inner region of the senses. Thus, something is established down in the column region that is already connected to the present principle of initiation. And further on, in the dome region, you will find something else connected to the present principle of initiation; there, things proceed somewhat differently.

[ 28 ] Also in dem Zeitalter des Brunetto Latini konnte den Menschen noch erspart werden dasjenige, was man hier nennen kann die Metamorphosen des Lebens (siehe Schema Seite 134), aus denen man dann in die Region der Sinne hineinkommt. Wollten wir die Sache schematisch uns vergegenwärtigen, so könnten wir sagen: In dem Zeitalter des Brunetto Latini konnte man noch — wenn wir das Auge als Repräsentanten nehmen — direkt ins Auge hineingehen und dieses als erste Region empfinden. Heute muß man zuerst dasjenige, was den Menschen umhüllt, betrachten. In diesem den Menschen Umhüllenden, was vor der Region der Sinne äußerlich liegt, da prägen sich die Metamorphosen des Lebens aus. Es liegt vor den Sinnen. Das muß man bewußt durchschreiten.

[ 28 ] Thus, in the age of Brunetto Latini, people were still spared what might be called here the metamorphoses of life (see diagram on page 134), through which one then enters the realm of the senses. If we were to visualize this schematically, we could say: In the age of Brunetto Latini, it was still possible—if we take the eye as a representative—to enter directly into the eye and perceive it as the first region. Today, one must first observe that which envelops human beings. In this enveloping layer—which lies externally before the realm of the senses—the metamorphoses of life take shape. It lies before the senses. One must consciously pass through it.

[ 29 ] Nun geht man auch heute durch Sinnesregion, Temperamentenregion, Elementenregion, Planetenregion durch. Dann aber ist es notwendig, bevor man sich heute durch die Säulen des Herkules in den freien Ozean der Geistigkeit begibt, daß wiederum eine Einschiebung geschieht. Also hier (siehe Schema Seite 134) lagert sich etwas vor, hier geschieht eine Einschiebung. Diese Einschiebung brauchte in der Zeit des Brunetto Latini noch nicht erlebt zu werden. Sie wird sich nicht leicht schildern lassen, weil diese Dinge selbstverständlich intimen und subtilen Regionen des menschlichen Erlebens angehören. Aber man kann vielleicht doch in der folgenden Art eine Schilderung bieten, gerade indem man auf Brunetto Latini hinweist. Brunetto Latini erlebte, gewissermaßen als das erste Zeichen seiner Führung durch eine Geistwesenheit, das, was ihm die Mitteilung war, daß seine Vaterstadt für ihn unterhöhlt sei. Es ist das ein Ereignis, das in den Menschen Brunetto Latini hineinspielt, das aber doch seinem Tatsacheninhalte nach äußerlich war, von der Außenwelt hineinspielte. Dieses Ereignis, das ihn so stark erschütterte, daß er eben mit seinem Geistig-Seelischen aus dem Leiblichen herausging, schilderte er als etwas, was in sein Leben eintrat, was in seinem Leben vorging. Man kann sagen, dieses Ereignis wird von ihm nicht bewußt, sondern wie etwas geschildert, was an ihn herantritt wie ein Schicksalsereignis.

[ 29 ] Even today, we pass through the regions of the senses, the temperaments, the elements, and the planets. But before we cross the Pillars of Hercules into the open ocean of spirituality, another interlude must take place. So here (see diagram on page 134) something interposes itself; here an interposition occurs. This interposition did not yet need to be experienced in Brunetto Latini’s time. It will not be easy to describe, because these things naturally belong to the innermost and most subtle regions of human experience. But perhaps a description can be offered in the following way, precisely by referring to Brunetto Latini. Brunetto Latini experienced—as, so to speak, the first sign of his guidance by a spiritual being—the message that his hometown had been undermined for him. This is an event that resonated within Brunetto Latini as a human being, yet in terms of its factual content, it was external—it came from the outside world and resonated within him. He described this event—which shook him so deeply that his spiritual and soul aspects stepped out of his physical body—as something that entered his life, something that took place within his life. One could say that he does not describe this event consciously, but rather as something that approaches him like an act of fate.

[ 30 ] Ein solches Ereignis, oder eigentlich ein ähnliches — Sie werden darauf auch hingewiesen finden an einer Stelle meines Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» —, muß der heute zu Initiierende ganz bewußt durchmachen. Aber es muß bei ihm ein inneres Erlebnis sein, das er nicht wie Brunetto Latini im Zusammenhang mit der Außenwelt, sondern das er innerlich durchmacht: irgend etwas, was innerlich stark verwandelnd auf den Menschen wirkt. Solche Ereignisse gibt es schon im Leben der weitaus meisten Menschen, nur beachten es die Menschen kaum stark. Wer sein Leben überblickt, wird schon sehen können, daß Ereignisse — wenn ich so sagen darf, trotzdem das trivial ist — allerersten Ranges, und insbesondere eir Ereignis allerersten Ranges in das Leben hereinspielen. Man versuche nur einmal, nicht so sehr nach der äußerlichen Bedeutung, sondern nach dem inneren Wandel, den es im Menschen hervorbringt, auf ein solches Ereignis im Leben zurückzublicken. Man wird dann auf eines aufmerksam sein, auf das man eigentlich recht aufmerksam sein sollte: Man wird aufmerksam werden darauf, daß eben solche Ereignisse in dem Leben der Menschen nicht tief genug genommen werden. Sie können unendlich viel tiefer, das heißt erschütternder, bemerkbarer im Leben genommen werden, als es heute geschieht. Man kann schon durch eine gewisse allgemein-menschliche Innerlichkeit manches im Leben vertieft spüren, aber es wird doch gegenüber dem, was man namentlich von Ereignissen allerersten Ranges erleben kann, über eine gewisse Oberflächlichkeit nicht hinauskommen, wenn man nur bei dem gewöhnlichen Menschlichen bleibt. Denn solche Ereignisse, wie ich sie meine, die lassen sich eigentlich nicht im gewöhnlichen Bewußtsein ihrer vollen Geltung nach erkennen. Man muß erst die andern Stufen durchmachen. Dann zeigt sich, wenn man die Metamorphosen des Lebens, wenn man die Region der Sinne, der Temperamente, der Elemente, der Planeten durchgemacht hat und hierhergekommen ist (siehe Seite 134), daß man in einer neuen Gestalt gerade ein solches Erlebnis wiederum beobachten kann, und daß man jetzt, wenn man schon ein stark verwandelter Mensch geworden ist, zu seiner eigentlichen Tiefe vordringt, indem man sich als ein Angehöriger nicht nur der Erde, sondern der Himmelswelten, der Planetenregion erkannt hat. Dann erkennt man erst so recht die Bedeutung von solchen Erlebnissen allerersten Ranges. Dann wird einem erst klar, was für einen selbst und für die Welt solch ein Erlebnis bedeuten kann. Und man muß, wenn man da durchgeht, auf das wichtigste Ereignis seines Lebens schon kommen.

[ 30 ] Such an event—or rather, a similar one—which you will also find mentioned in a passage from my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—must be consciously experienced by those being initiated today. But it must be an inner experience for him, one that he does not undergo in connection with the external world, as Brunetto Latini did, but rather one he experiences inwardly: something that has a profoundly transformative effect on the human being from within. Such events already occur in the lives of the vast majority of people; it is just that people hardly pay much attention to them. Anyone who looks back on their life will be able to see that events—if I may put it that way, even though it sounds trivial—of the very highest order, and in particular one event of the very highest order, come into play in their life. Just try, for once, to look back on such an event in your life, focusing not so much on its external significance but on the inner transformation it brings about in you. One will then become aware of something to which one really ought to pay close attention: one will realize that precisely such events are not taken deeply enough in people’s lives. They can be experienced infinitely more deeply—that is, more profoundly and more tangibly—than is the case today. One can indeed feel many things in life more deeply through a certain general human inwardness, but compared to what one can experience—particularly in events of the very highest order—one will not be able to move beyond a certain superficiality if one remains only within the realm of the ordinary human experience. For such events, as I mean them, cannot actually be recognized in their full significance within ordinary consciousness. One must first pass through the other stages. Then it becomes apparent—once one has passed through the metamorphoses of life, once one has passed through the realm of the senses, the temperaments, the elements, and the planets, and has arrived here (see page 134), that one can observe precisely such an experience again in a new form, and that one now—having already become a profoundly transformed human being—penetrates to its true depth by recognizing oneself as a member not only of the Earth but also of the heavenly worlds, the planetary region. Only then does one truly recognize the significance of such experiences of the very highest order. Only then does it become clear what such an experience can mean for oneself and for the world. And when one goes through this, one must inevitably arrive at the most important event of one’s life.

[ 31 ] Wenn man, bevor man in den weiten Ozean der Geistigkeit hinaustritt, hier ankommt, so kann es nicht fehlen, sofern man nicht ein ganz starker Egoistling ist und noch irgend etwas anderes kennt in der Welt als sich selbst, daß, während man durch die früheren Stufen durchgeht, man aufmerksam wird auf dieses Ereignis. Bevor man in den Ozean der Geistigkeit hinaustritt, tritt einem schon in der völligen Stärke dieses Ereignis vor die Seele. Aber es schiebt sich eben da ein. Und dieses Ereignis, das bedeutet an dieser Stelle des inneren Erlebens außerordentlich viel. Es bedeutet, daß man jetzt eigentlich erst hinausfahren kann in den unermeßlichen Ozean der Geistigkeit; es bedeutet, daß man durch dieses Erlebnis einen gewissen Schwerpunkt erlangen kann. Ich möchte sagen: Würde man unter den heutigen Geistesverhältnissen einfach, nachdem man sich erkannt hat als Bürger der Planetenwelt, hinausschiffen wollen auf den Ozean der Geistigkeit, man würde in ein Wellenmeer hineinkommen, würde sich nirgends sicher fühlen, würde unter allen möglichen geistigen Erlebnissen hin und her geworfen werden, würde nicht einen innerlichen Schwerpunkt haben. Diesen innerlichen Schwerpunkt muß man schon dadurch finden, daß man ein solches Ereignis allerersten Ranges, das sieh in der Regel niemals in den bloßen Regionen des Egoismus abspielen wird, sondern das eine allgemein-menschliche Bedeutung haben wird, wirklich tief innerlich durchlebt, und man sich selbst in ihm tief innerlich durchlebt. Man kann heute sagen, indem man ganz genau den Tatsachenbestand ausspricht: An den Säulen des Herkules muß, bevor der Mensch diese Säulen des Herkules durchschifft, sein bedeutsamstes Erlebnis vor ihn hintreten, Vertieftestes ihm Erlebnis werden. Da fühlt der Mensch an dieser Stelle des Erlebens eine ganz besondere Vertiefung seines Wesens. Da kommt etwas über ihn, von dem man sagen kann, es trägt die objektive Welt in sein Inneres herein. Es kommt schon etwas an den Menschen heran, wenn er hier durchkommt — so geartet, wie ich das eben geschildert habe — durch die Säulen des Herkules, das man etwa in der folgenden Weise schildern kann: Wenn der Mensch natürlich auch immer wiederum bei dieser oder jener Gelegenheit in dasjenige zurückfällt, was sich im Lichte seines gewöhnlichen Bewußtseins abspielt, auch wenn er diese Erlebnisse hat, wenn er auch nicht bei jedem Schritt und Tritt seines Lebens gewissermaßen aufrechterhalten kann diese Seelenstimmung, die sich hier erzeugt, so wird es doch, wenn diese Seelenstimmung einmal durchgemacht worden ist, immerhin Momente geben, und immer sich wiederholende Momente geben, die mit dieser Seelenstimmung zusammenhängen. Denn es würde gar nicht gut sein, wenn der Mensch, nachdem er diese Seelenstimmung erlebt hat, ganz wieder aus ihr herauskommen würde. Was mit dieser Seelenstimmung gemeint ist, das läßt sich etwa in folgender Art charakterisieren.

[ 31 ] If one arrives here before stepping out into the vast ocean of spirituality, it is inevitable—unless one is a thoroughly selfish person who knows nothing else in the world but oneself—that, while passing through the earlier stages, one will become aware of this event. Even before one sets out into the ocean of spirituality, this event already presents itself to the soul in all its full force. But it is precisely there that it makes its way in. And this event holds extraordinary significance at this point in one’s inner experience. It means that one can now, in fact, set out into the immeasurable ocean of spirituality; it means that through this experience one can attain a certain center of gravity. I would like to say: If, under today’s spiritual conditions, one were simply to set sail onto the ocean of spirituality after recognizing oneself as a citizen of the planetary world, one would enter a sea of waves, would feel secure nowhere, would be tossed back and forth among all manner of spiritual experiences, and would lack an inner center of gravity. One must find this inner center of gravity precisely by truly and deeply experiencing such an event of the very highest order—one that, as a rule, will never take place in the mere realms of egoism, but will have a universal human significance—and by deeply experiencing oneself within it. Today one can say, by stating the facts quite precisely: At the Pillars of Hercules, before a person sails through them, their most significant experience must come to the fore and become their most profound experience. There, at this point in the experience, the person feels a very special deepening of their being. Something comes over them that one might say carries the objective world into their inner being. Something does indeed approach the person as they pass through here—in the manner I have just described—through the Pillars of Hercules, which can be described roughly as follows: Of course, even though a person may always fall back, on this or that occasion, into what takes place in the light of their ordinary consciousness—even when they have these experiences, even if they cannot, so to speak, maintain this mood of the soul that is generated here at every step of their life—once this mood of the soul has been experienced, there will still be moments, and moments that recur again and again, which are connected to this state of mind. For it would not be good at all if, after experiencing this state of mind, a person were to emerge from it entirely. What is meant by this state of mind can be characterized roughly as follows:

[ 32 ] Man möchte bei diesen Dingen immer sagen — Hand aufs Herz, meine lieben Freunde —: Für das gewöhnliche Bewußtsein bleibt es doch bestehen, daß, auch wenn der Mensch noch so selbstlos ist, es für ihn das Allerwichtigste, wenigstens verhältnismäßig das Allerwichtigste ist, was innerhalb seiner Haut vorgeht. Wichtiger ist eben doch in der Regel für das gewöhnliche Bewußtsein dasjenige, was innerhalb der Haut vorgeht, als was außerhalb der Haut vorgeht. Aber das ist eben eine Seelenstimmung, die gerade hier beim Betreten des Ozeans erzeugt werden soll, damit sie wenigstens für wichtige Lebensmomente beibehalten werden kann: daß es für den Menschen äußere Dinge geben kann, die ihn subjektiv gar nichts angehen, die er aber gerade so stark miterlebt wie diejenigen Dinge, die ihn subjektiv angehen. Heute hat der Mensch, wenn er will, reichlich Gelegenheit, sich gut vorzubereiten für diese Seelenstimmung, die an dem geschilderten Punkte erlebt wird. Denn wenn er sich einläßt nicht auf subjektive Naturerkenntnis oder dergleichen, sondern auf wahrhaftige Naturerkenntnis, namentlich wenn der Mensch versucht, von solcher Naturerkenntnis auszugehen, so wird schon viel von dieser Stimmung erzeugt, aber sie muß erzogen werden an jener Stufe auf die Art, wie ich sie geschildert habe. Dann, wenn der Mensch diese Stimmung haben kann, wenn er so, wie es hier geschieht, das wichtigste Ereignis seines Lebens erfahren kann, so vertieft erfahren kann, dann bekommt er, wenigstens für viele Momente des Lebens, diese Stimmung der Objektivität, die ich geschildert habe, wo ihm Äußeres so wichtig sein kann wie Inneres, wo das wahr ist, daß ihm Äußeres so wichtig sein kann wie Inneres. Viele Menschen behaupten zwar das oder jenes; das ist aber dann nicht wahr, sie täuschen sich selber über die Sache. Aber damit hat der Mensch zugleich einen Schwerpunkt erlangt, eine Richtung würde ich vielleicht besser sagen, einen Kompaß, durch den er die Möglichkeit hat, nun wirklich auf den Ozean des geistigen Lebens hinauszutreiben. Hier (x, siehe Schema Seite 134) muß also dasjenige eintreten, was man nennen kann das Ausgerüsterwerden mit dem Werkzeug der Richtung. Man betritt also die Säulen des Herkules und wird ausgestattet mit dem Werkzeug der Orientierung, dem Kompaß. Dann erst, also nachdem er mehr erlebt hat, kann der moderne Mensch in die Geistigkeit hinausfahren.

[ 32 ] One is always tempted to say—hand on heart, my dear friends—that for ordinary consciousness, the fact remains that, no matter how selfless a person may be, what happens inside their own skin is still the most important thing—or at least, relatively speaking, the most important thing—to them. As a rule, what happens inside one’s skin is simply more important to ordinary consciousness than what happens outside it. But this is precisely the state of mind that is meant to be evoked here, upon entering the ocean, so that it can be maintained at least during important moments in life: that there can be external things for a person that, subjectively speaking, have nothing to do with them, yet which they experience just as intensely as those things that do concern them subjectively. Today, if they so choose, people have ample opportunity to prepare themselves well for this state of mind, which is experienced at the point described. For if they engage not in subjective knowledge of nature or the like, but in true knowledge of nature—namely, if people try to proceed from such knowledge of nature—then much of this mood is already generated; but it must be cultivated at that stage in the manner I have described. Then, when a person can attain this state of mind—when they can experience, as happens here, the most important event of their life in such a profound way—then they acquire, at least for many moments of their life, this state of objectivity that I have described, in which the external can be as important to them as the internal, where it is true that the external can be as important to them as the internal. Many people may claim this or that; but that is not true—they are deceiving themselves about the matter. Yet at the same time, the person has attained a center of gravity—or perhaps I should say a direction—a compass through which they now have the possibility of truly setting out onto the ocean of spiritual life. Here (x, see diagram on page 134), therefore, what one might call the “equipping oneself with the tool of direction” must take place. One thus enters the Pillars of Hercules and is equipped with the tool of orientation—the compass. Only then—that is, after having experienced more—can modern man set out into the spiritual realm.

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[ 33 ] Sie sehen an den Beispielen, die ich Ihnen jetzt geschildert habe, an der Initiation des Brunetto Latini und an der Umwandlung dieser Initiation bis in unsere Tage — und das wird noch lange gelten —, daß die Menschennatur sich auch für kürzere Zeiträume in einer Verwandlung schildern läßt, wenn man versucht, sie mit der Initiationswissenschaft zu beschreiben. Das alles, was man so schildert, trägt aber der Mensch wirklich in sich. Das charakterisiert den Wandel, den die menschliche Seelenstimmung im Lauf der Jahrhunderte durchmacht. Die Menschen werden gewöhnlich nur nicht aufmerksam auf diese Dinge, und sie drücken sich dann eben in dem äußeren Leben wie in ihrem Abglanz aus. In dem Zeitalter des Brunetto Latini, dessen Schüler eben Dante war, ist man so Christ, wie Dante Christ ist. Da geht noch durch die menschliche Seele hindurch die ganze Himmelswelt, indem man sich wirklich christlich fühlt. In unserem Zeitalter ist dieser Ruck zurück gemacht worden, wir rücken nur ein bißchen heraus, so daß wir eine Region vor den Sinnen durchmachen müssen, bevor wir wiederum heraustreten, damit wir jetzt die Region, die wir vorher von außen schon kennengelernt haben, nicht in derselben Weise betreten, sondern, bevor wir uns weiter aus dem Leibe lösen, sie verändert betreten, mit einem neuen Werkzeug orientiert werden. In dieser unserer Zeit hat sich das im Abglanz äußerlich so verwandelt, daß die am meisten denkenden Menschen, die sich gerade ausrüsten mit dem wissenschaftlichen Gewissen unserer Zeit, welches aber diesen Kompaß nicht hat — es hat ihn wahrhaftig nicht —, den Christus Jesus verloren haben. Er kann nicht mehr bewiesen werden mit den Mitteln, die man heute wissenschaftlich nennt, und die Religion selbst, die christliche Religion ist in den Materialismus verfallen. Sie strebt auch sehr stark nach dem Materialismus. Eines der stärksten Beispiele für das Hinstreben nach dem Materialismus im Katholizismus war die Aufstellung des Infallibilitätsdogmas, eine rein materialistische Maßnahme. Ich habe davon schon vor einiger Zeit gesprochen.

[ 33 ] You can see from the examples I have just described to you—the initiation of Brunetto Latini and the transformation of this initiation right up to the present day—and this will remain true for a long time to come—that human nature can be depicted as undergoing a transformation even over shorter periods of time when one attempts to describe it using the science of initiation. But everything that is described in this way is truly carried within the human being. This characterizes the transformation that the human soul’s disposition undergoes over the course of the centuries. People usually simply do not pay attention to these things, and they are then expressed in outer life as a reflection of them. In the age of Brunetto Latini, of whom Dante was a student, one is as Christian as Dante is. In that age, the entire heavenly world still passes through the human soul, in that one truly feels Christian. In our age, this step backward has been taken; we step out only a little, so that we must pass through a region beyond the senses before stepping out again—not so that we may now enter the region we have already known from the outside in the same way, but so that, before we detach ourselves further from the body, we may enter it transformed, guided by a new instrument. In our time, this has been transformed outwardly in its reflection to such an extent that the most thoughtful people—who are equipping themselves precisely with the scientific conscience of our time, which, however, lacks this compass—it truly does not have it—have lost Christ Jesus. He can no longer be proven by the means that are today called scientific, and religion itself—the Christian religion—has fallen into materialism. It also strives very strongly toward materialism. One of the strongest examples of this striving toward materialism in Catholicism was the establishment of the dogma of infallibility, a purely materialistic measure. I spoke about this some time ago.

[ 34 ] Nun könnten Sie sagen: Und trotz alledem, wenn man hineinschaut in das Innere des Menschen, zeigt sich dieser Ruck! — Der Mensch ist mit seinem Wesen etwas heraußen aus der Region der Sinne; dafür aber hat er eine Art Höhlung, wo unbewußt das wichtigste Ereignis seines ganzen Lebens auf seinen ganzen Organismus Einfluß nimmt, so daß er dann so erleben kann, wie ich es geschildert habe. Denn das hat schon Einfluß auf den Menschen, wenn er auch nichts davon weiß, aber es kann in der verschiedensten Weise sich ausleben, wenn es im Unbewußten verläuft. Der eine wird vielleicht sieben Jahre, nachdem er dieses wichtigste Ereignis durchgemacht hat, ein unleidiger Kerl, oder begeht allerlei Schändlichkeiten, ein anderer verliebt sich — er braucht es nicht gleich zu tun, das Verlieben selbst kann dieses wichtigste Ereignis darstellen —, ein Dritter kriegt Gallensteine und so weiter. In der verschiedensten Weise kann sich, wenn das Ereignis im Unbewußten bleibt, die Sache im menschlichen Dasein ausleben. So sieht das im Inneren des Menschen aus, was so in das Bewußtsein hereintritt, wie ich es geschildert habe. Im Äußeren des Menschen stellt es sich so dar, daß neben vielem anderen — ich habe ja nur die eine Sache erwähnt — man den Christus Jesus verliert.

[ 34 ] Now you might say: And despite all that, when you look into the innermost being of a human being, this jolt becomes apparent! — In his very nature, the human being is somewhat outside the realm of the senses; but in return, he has a kind of cavity where, unconsciously, the most important event of his entire life exerts an influence on his whole organism, so that he can then experience it as I have described. For this already has an influence on the person, even if they are unaware of it, but it can manifest itself in the most varied ways when it takes place in the unconscious. One person might, perhaps seven years after going through this most significant event, become an insufferable fellow or commit all sorts of misdeeds; another might fall in love—he doesn’t have to do so immediately; falling in love itself can represent this most significant event—; a third might develop gallstones, and so on. If the event remains in the unconscious, it can manifest itself in human existence in the most diverse ways. This is what it looks like within a person when it enters consciousness as I have described it. Externally, it manifests itself in such a way that, among many other things—I have, after all, mentioned only this one thing—one loses the Christ Jesus.

[ 35 ] Da können Sie sagen: Was sich im Inneren des Menschen aus seinem Leibe heraus bis zu einem gewissen Grade als dieses Rückfluten darstellt, hat also äußerlich ein wenig erfreuliches Resultat! — Das ist aber auch nur scheinbar. Ein jegliches hat in der Welt zwei Seiten. Es gab in der Mitte ungefähr und auch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts den theoretischen Materialismus: der dicke Vogt in Genf, Moleschott oder Ludwig Büchner, sie alle waren theoretische Materialisten. Clifford hat den Ausspruch getan, daß das Gehirn Gedanken ausschwitze wie die Leber die Galle; also einen rein materiellen Vorgang sah Clifford in dem Bilden von Gedanken: wie die Galle aus der Leber kommt, so kommen Gedanken aus dem Gehirn. Dieses materialistische Zeitalter sah bloß auf die Materie hin; aber die Leute dachten doch über die Materie, und man kann zweierlei anschauen: Man kann in diesem Zeitalter lesen die Bücher von Clifford, von Ludwig Büchner, meinetwillen auch Auguste Comte, dem dicken Vogt in Genf und so weiter; dann kann man sich, wenn man noch Sympathie und Antipathie bei solcher Lektüre entwickelt, fürchterlich darüber ärgern, daß die Leute in dem Entwickeln der Gedanken nur ein Ausschwitzen aus dem Gehirn sehen. Man kann das bitter empfinden. Nun schön! Wenn man nicht ein Materialist ist, so kann man das. Aber man kann es auch anders anschauen. Man kann sagen: Was da der Clifford, Auguste Comte, der Vogt in Genf, was die da über die Welt gesagt haben, das sehe ich als Wischiwaschi an, dafür interessiere ich mich nicht. Aber ich will jetzt in das, was da im eigentlichen Denken von Vogt, von Clifford, von Auguste Comte vorgeht, einmal selbst hineinschauen. Diese Art zu denken, daß die Gedanken nur aus dem Gehirn ausgeschwitzt werden wie Galle aus der Leber, das ist zwar Wischiwaschi, danach will ich mich nicht richten, was Vogt sagt, sondern danach, wie er denkt.

[ 34 ] Now you might say: And despite all that, when you look into the innermost being of a human being, this jolt becomes apparent! — In his very nature, the human being is somewhat outside the realm of the senses; but in return, he has a kind of cavity where, unconsciously, the most important event of his entire life exerts an influence on his whole organism, so that he can then experience it as I have described. For this already has an influence on the person, even if they are unaware of it, but it can manifest itself in the most varied ways when it takes place in the unconscious. One person might, perhaps seven years after going through this most significant event, become an insufferable fellow or commit all sorts of misdeeds; another might fall in love—he doesn’t have to do so immediately; falling in love itself can represent this most significant event—; a third might develop gallstones, and so on. If the event remains in the unconscious, it can manifest itself in human existence in the most diverse ways. This is what it looks like within a person when it enters consciousness as I have described it. Externally, it manifests itself in such a way that, among many other things—I have, after all, mentioned only this one thing—one loses the Christ Jesus.

[ 36 ] Da stellt sich etwas Merkwürdiges heraus, wenn man das tun kann. Da stellt sich heraus, daß die Art zu denken, die die Leute entwickelt haben, der Keim einer sehr weitgehenden Spiritualität ist. Die Gedanken sind in ihrer eigenen Substanz — weil sie ja nur Spiegelbilder sind, wie ich vorgestern auseinandergesetzt habe — so furchtbar dünn, sie sind noch dünner als dünn, weil sie ja nur Bilder sind, sie sind so dünn, daß sie erfordern, daß der Mensch eine ungeheure Geistigkeit anwendet, um überhaupt noch zu denken, um zu verhindern, daß das hinuntersinkt und ergriffen wird von dem bloß Materiellen des Daseins. Es wird auch sehr häufig heute ergriffen von dem Materiellen des Daseins, sinkt hinunter, und ich bin sogar überzeugt, daß die meisten heute noch materialistisch denkenden Menschen, wenn sie nicht auf der Schule gedrillt worden wären, nicht an den Universitäten geochst hätten, um zum Examen zu kommen, wenn sie nicht den Materialismus eingesogen hätten, weil der Professor ihn als die richtige Weltanschauung verlangt, sich das Denken erspart hätten, das zur materialistischen Weltanschauung aufgewendet werden muß! Sie möchten am liebsten »icht denken! Die meisten gingen auch lieber auf den Paukboden, zur Korpskneipe, als daß sie ihr Denken in Aktivität brächten, oder sie reden nach. Wenn Sie einmal den Versuch machen würden, die wirklichen erkannten Weistümer, die sich bloß auf die Materie beziehen, bei all den Individuen zu studieren, die als Mitglieder monistischer Gesellschaften, wie sich heute etwas nobler die Materialisten nennen, so in der Welt herumlaufen, lange Reden halten, wenn Sie studieren würden, was die eigentlich gedacht haben: Sie würden furchtbar wenig finden! Die reden eigentlich meistens nach. Eigentlich haben den Materialismus nur ein paar Autoritäten begründet; die andern reden nur nach. Weil nämlich, um die modernen naturwissenschaftlichen Gedanken zu hegen, eigentlich eine starke Anstrengung des Geistes notwendig ist! Diese Anstrengung, die ist eine geistige Anstrengung, die ist wahrhaftig nicht so ausgeschwitzt vom Gehirn wie die Galle von der Leber. Das ist eine geistige Anstrengung, eine gute Vorbereitung, um gerade zum Spirituellen aufzusteigen. Ehrlich materialistisch gedacht zu haben, aber ehrlich selbst gedacht zu haben, das ist eine gute Vorbereitung für ein Eindringen in die spirituelle Welt.

[ 36 ] If one can do that, something remarkable becomes apparent. It turns out that the way of thinking people have developed is the seed of a very profound spirituality. Thoughts, in their very essence—since they are, after all, merely reflections, as I explained the day before yesterday—are so incredibly thin, they are even thinner than thin, because they are, after all, only images; they are so thin that they require a person to apply an immense amount of spiritual power just to think at all, to prevent them from sinking down and being overwhelmed by the purely material aspects of existence. Very often today, they are overwhelmed by the material aspects of existence and sink down, and I am even convinced that most people who still think materialistically today—if they hadn’t been drilled in school, if they hadn’t struggled through university just to pass their exams, if they hadn’t absorbed materialism because the professor demanded it as the correct worldview—would have spared themselves the thinking that must be expended on a materialistic worldview! They would prefer not to think at all! Most would also rather go to the cramming room or the fraternity bar than put their minds to work, or they simply parrot what they’ve heard. If you were to attempt to study the actual, recognized insights—those that relate solely to matter—among all the individuals who, as members of monistic societies (as materialists now call themselves, somewhat more nobly), roam the world delivering long speeches, if you were to study what they actually thought: you would find terribly little! Most of the time, they’re just parroting others. In fact, only a few authorities have actually founded materialism; the others are merely parroting them. For, in order to cultivate modern scientific thought, a tremendous mental effort is actually required! This effort—it is an intellectual effort—is truly not something that is simply sweated out of the brain like bile from the liver. It is an intellectual effort, a good preparation for ascending precisely to the spiritual realm. To have thought honestly in a materialistic way, but to have thought it honestly for oneself—that is a good preparation for entering the spiritual world.

[ 37 ] Ich habe das einmal in einem Berliner Vortrag dadurch ausgedrückt, daß ich sagte: Wer Haeckels Bücher nur liest, der erkennt natürlich in Haeckel — wenn er nicht manches, was zwischen den Zeilen doch bemerkbar ist, ins Auge faßt — leicht einen Materialisten von reinstem Wasser. Aber gerade wenn man mit Haeckel redet, dann merkt man, daß eigentlich sein ganzes Denken, insofern es materialistisch ist, nur durch die Vorurteile der Zeit diese Gestaltung annimmt, daß es aber schon hintendiert — schon wie er jetzt ist, dieser Haeckel — zum Spirituellen. Daher sagte ich in diesem Berliner Vortrag: Man erkennt Haeckel dann richtig, wenn man sich klar ist, daß er theoretisch gleichsam diese materialistische Seele hat, daß er aber eine andere Seele hat, die nach dem Spirituellen hintendiert. — Für uns kann ich sagen: die ganz gewiß in der nächsten Inkarnation mit einer starken Spiritualität wiedergeboren wird. Der Stenograph, der dazumal offiziell von uns angestellt war, ein richtiger Berufsstenograph, hat geschrieben, daß ich gesagt hätte, Haeckel hätte trotz seines Materialismus eine spiritistische Seele.

[ 37 ] I once expressed this in a lecture in Berlin by saying: Anyone who merely reads Haeckel’s books will, of course, easily recognize Haeckel as a materialist of the purest kind—unless they take into account certain things that are nevertheless discernible between the lines. But it is precisely when one speaks with Haeckel that one realizes that, in fact, his entire way of thinking—insofar as it is materialistic—takes on this form only because of the prejudices of the times, and that it already tends—even as he is now, this Haeckel—toward the spiritual. That is why I said in that lecture in Berlin: One truly understands Haeckel when one realizes that, theoretically speaking, he has, as it were, this materialistic soul, but that he also has another soul that tends toward the spiritual. — For us, I can say: one that will most certainly be reborn in the next incarnation with a strong spirituality. The stenographer, who was officially employed by us at the time—a true professional stenographer—wrote that I had said Haeckel, despite his materialism, had a spiritualist soul.

[ 38 ] Also darauf wollte ich hinweisen, daß man, was da als materialistische Denkweise auftritt, gewiß bekämpfen kann, nicht scharf genug bekämpfen kann, denn im Bekämpfen liegt gerade das Weiterentwickeln zum Spirituellen, aber es ist innerlich darin die Kraft zur Spiritualität. Und in den Seelen, die heute bloß unter dem Einfluß der äußeren Theologie zu einem ganz äußerlichen oder gar schon verlogenen Christus-Begriff gekommen sind, entwickeln sich auf spirituellen Wegen Fähigkeiten, die sie dazu bringen, in der Zukunft diesen Christus-Begriff zu suchen. Das soll nicht etwa eine Aufforderung zur Bequemlichkeit sein, man soll nicht etwa sagen: Na, dann wird die Geistesanschauung schon kommen, denn der dicke Vogt, Clifford und so weiter haben sie ja gut vorbereitet! — Da muß schon mitwirken, daß derjenige, der weiß, welche Finsternis der Materialismus bedeutet, gegen den Materialismus kämpfe! Denn es ist die Kraft, die in diesen Kämpfen wirkt, notwendig, damit die Veranlagung zur Spiritualität in den theoretischen Materialisten ausgebildet werde.

[ 38 ] So I wanted to point out that what appears here as a materialistic way of thinking can certainly be combated—indeed, it cannot be combated strongly enough—for it is precisely in this struggle that the path toward the spiritual lies; yet within it lies the inner power for spirituality. And in the souls who today, under the influence of external theology alone, have arrived at a wholly external—or even already false—concept of Christ, spiritual paths are developing abilities that will lead them to seek this concept of Christ in the future. This is not meant to be an invitation to complacency; one should not say: “Well, then the spiritual perspective will just come on its own, since Dick Vogt, Clifford, and so on have prepared the ground so well!” — Those who know what darkness materialism entails must actively fight against it! For it is the power at work in these struggles that is necessary to develop the predisposition toward spirituality in theoretical materialists.

[ 39 ] Aber Sie sehen, wie die Dinge kompliziert sind, wie sie verschiedene Seiten haben. Dann, wenn man versucht, durch die Initiationswissenschaft in die Tiefen der Welt einzudringen, dann erlangt man erst vertiefte Menschenerkenntnis, dringt durch zu dem, was in den Tiefen der Menschennatur wirkt.

[ 39 ] But you see how complicated things are, how they have different sides. Then, when one tries to penetrate the depths of the world through the science of initiation, only then does one gain a deeper understanding of human nature and penetrate to what is at work in the depths of human nature.