The Social Question as a Question of Consciousness
GA 189
16 March 1919, Dornach
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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. Unknown
Achter Vortrag
Lecture VIII
[ 1 ] Ich habe gestern gesagt, daß unter den mancherlei Zeichen, wie gegenwärtiges Denken weit von der Wirklichkeit abliegt, zum Beispiel auch folgendes sei, daß man jetzt in den Kreisen, die sich mit der einschlägigen Frage beschäftigen, gar nicht daran denkt, daß die Begründung eines Völkerbundes, als sie der Idee nach aus dem Kopfe Wilsons entstand, damals verkündet wurde als etwas, was nur in einer geeigneten Weise möglich würde, wenn ein Friede sich ergeben würde ohne den Sieg der einen oder der anderen Seite. Ich möchte Ihnen heute doch, damit Sie sehen, in welcher scharfen Weise dazumal am 22. Januar 1917 Wilson diese Bedingungen für den Völkerbund gestellt hat, die betreffende Stelle aus seiner Rede in der deutschen Übersetzung vorlesen. Sie können sie, wenn Sie wollen, vergleichen; es ist Ja hier jetzt auch die englische Ausgabe erschienen mit gegenüberstehender deutscher Übersetzung, und Sie werden finden, daß durch die deutsche Übersetzung der Sinn der Stelle keineswegs geändert wird. Wilson sagt:
[ 1 ] Yesterday I set about to show how far from reality present-day thinking is, when in circles working on international questions it is already forgotten that the founding of a League of Nations was, in accordance with Wilson's ideas at the time, deemed possible only if peace were concluded without victory on either side. That you may see how exactly Wilson, on 22nd January, 1917, set out these conditions for the League, I should like today to read you the relevant passage from his speech. He said:
[ 2 ] «Vor allem anderen ist damit gesagt, daß ein Friede ohne Sieg sein muß. Es ist nicht angenehm, das sagen zu müssen. Man wolle mir gestatten, meine eigene Auffassung dafür darzulegen und zu betonen, daß mir keine andere Auffassung in den Sinn gekommen ist. Ich suche bloß den Tatsachen ins Gesicht zu sehen, und zwar ohne alle schonenden Vertuschungen. Ein Sieg würde zu bedeuten haben, daß der Friede dem Besiegten aufgezwungen würde, daß der Unterlegene sich den Bedingungen des Siegers zu beugen hätte. Solche Bedingungen könnten nur in tiefer Demut, im Zustande der Nötigung und unter unerträglichen Opfern angenommen werden, und es würde eine schmerzende Wunde, ein Gefühl des Grolls und eine bittere Erinnerung zurückbleiben. Ein Friede, der auf solcher Grundlage ruhte, könnte keinen Bestand haben, sondern wäre wie auf Treibsand gebaut. Nur ein Friede zwischen Gleichgesinnten kann von Dauer sein — ein Friede, der seinem ganzen Wesen nach auf Gleichheit und auf dem gemeinsamen Genuß einer allen gemeinsam zugute kommenden Wohltat beruht. Die rechte Gesinnung, die rechte Gefühlsstimmung zwischen den verschiedenen Nationen ist für einen dauerhaften Frieden ebenso notwendig, wie die gerechte Beilegung hartnäckiger Streitfragen über Gebiets- oder Rassen- oder Volkszugehörigkeit.»
[ 2 ] “The chief thing in what has been said is that there must be peace without victory. It is not pleasant to have to say this. I may perhaps be allowed to state my own views about it and to emphasise that no other conception has entered my mind. I am trying merely to face the facts and to do this without shielding myself by hiding anything. A victory would mean that peace would be forced upon the vanquished, that the vanquished have to bow to the conditions of their conquerors. Such conditions could be accepted only with profound humility in circumstances of necessity and with insufferable sacrifice, and there would remain a smarting wound, a feeling of resentment, a bitter memory. A peace resting on such foundations could not be lasting, it would be like the house built on sand. The only lasting peace is a peace established between equals, a peace that in its whole essence rests on equality and the common benefit derived from a common act of good-will. The right attitude, the right mood of feeling, is as necessary between the different nations for enduring peace as for the just settlement of obstinate strife over questions of countries, races or peoples.”
[ 3 ] Das wurde als Bedingung dazumal geltend gemacht für die Begründung eines Völkerbundes. Und wenn klares Denken vorliegt, dann, meine lieben Freunde, kann nichts anderes gesagt werden als: Es müßte eben in dem Augenblicke, in dem es einen solchen Frieden ohne Sieg nicht gibt, alles Gerede über einen gegenwärtig zu begründenden Völkerbund, der doch keine Aussichten auf irgendwelches Gedeihen bieten könnte, aufgegeben werden. Aber das ist nicht geschehen. Die Leute denken nicht der Wirklichkeit entsprechend, die Leute denken abstrakt und lassen die Gedanken so fortrollen, wie sie einmal zu rollen begonnen haben, ganz gleichgültig, ob diese Gedanken unter Voraussetzungen gefaßt sind, die jetzt noch zutreffen, oder nicht.
[ 3 ] At that time this was held to be the condition for the founding of a League of Nations. And if we think clearly, it must be said that the moment this peace without victory is not forthcoming, all talk at present of founding a League ought to be abandoned, for it can no longer offer any prospect of success. But this has not happened. People do not think in accordance with reality, they think abstractly, letting their thoughts run on in the way they have begun, quite indifferent as to whether these thoughts have been based on suppositions likely to come true or not.
[ 4 ] Es ist dieses nur ein eklatantes Beispiel für das Denken, das die Welt in so großes Unglück gebracht hat. Und ehe man nicht einsehen wird, daß an die Stelle solchen wirklichkeitsfremden Denkens ein anderes Denken treten müsse, welches in die Wirklichkeit unterzutauchen in der Lage ist, werden sich die Verhältnisse ganz. gewiß nicht in einer der Menschheit heilsamen Art ändern können. Das muß für die großen Angelegenheiten der Welt eingesehen werden, das muß auch eingesehen werden für alles, was ein jeglicher in seinem alltäglichen Leben zu ordnen hat. Denn es greifen ineinander die Maßnahmen, die der einzelne im alltäglichen Leben trifft, mit den höchsten Angelegenheiten der Menschheit. Daher muß es uns immer wieder und wieder als eine Notwendigkeit vor die Seele treten, zu fragen, was denn in der Gegenwart eine wirkliche Änderung hervorrufen könnte.
[ 4 ] This is simply an outstanding example of the thinking that has brought the world so much misery. And unless we see that in place of this thinking estranged from reality there must be one that can penetrate reality, the situation will certainly not change in a way that is healing for mankind. This must be understood both in the great concerns of the world and also in the ordering of everyday life. For the measures affecting the daily life of individuals are closely connected with the most important affairs of mankind. The mention, therefore, must continually come before our souls: What then, today, could produce real change?
[ 5 ] Nun wissen wir ja, bei dem, was wir Annahme der Geisteswissenschaft durch die Menschen nennen, handelt es sich nicht allein darum, daß eine bestimmte Überzeugung von den übersinnlichen Welten aufgenommen werde. Das wäre das Was. Es handelt sich darum, daß derjenige, der im wahren Sinne des Wortes in sein Denken aufnimmt, was heute gerechterweise über die übersinnlichen Welten gesagt werden kann aus den geistigen Offenbarungen der Zeit heraus, daß der zu einem gewissen Wie in seinem Denken gelangt, daß sich sein Denken allmählich umgestaltet in einer solchen Art, daß er wirklich einen Sinn und ein Interesse erhält für das, was in der Welt wahrhaftig und wirklich vorgeht. Also nicht darauf, was wir anerkennen durch die Geisteswissenschaft, kommt es allein an, sondern wie wir durch die Geisteswissenschaft unser Denken umgestalten, wie unser Denken anders wird. Wenn das so ist, muß uns um so mehr die Frage ganz besonders naheliegen: Wie kommt es, daß in der Gegenwart ein so starker Widerstand herrscht gegen die Geisteswissenschaft?
[ 5 ] We know that what we call men's acceptance of Spiritual Science, is not merely a question of being convinced that there is a supersensible world. That is the what. But the important thing is that whoever in the true sense takes into his thinking what today can be told in the right way about the supersensible world, out of present spiritual revelation, should arrive at a certain how in his thinking. By this his thinking should gradually be transformed, in such a way that he really gets a sense for, an interest in, what truly and actually takes place in the world. It does not merely depend on what we acknowledge through Spiritual Science, but on how through it our thinking is transformed. The question therefore must touch us particularly closely why at present there is so strong an opposition to Spiritual Science.
[ 6 ] Nun, ich habe gestern schon darauf aufmerksam gemacht, daß natürlich alles, was man über diesen Widerstand sagen kann, zugleich bezogen werden müsse auf alles das, was entstehen kann unter dem Einfluß des dreigliedrigen sozialen Organismus. Ich sagte gestern: trete man nur einmal wirksam ein für die Stellung des Geisteslebens auf seinen eigenen Füßen, für die Unabhängigkeit des Geisteslebens vom Wirtschaftskreislauf und vom politischen Staatsleben, dann würde man in verhältnismäßig kurzer Zeit Geisteswissenschaft heute zur Verbreitung bringen. Aber man kann doch noch tiefer fragen: Warum sind denn die Leute so wenig geneigt, gerade das einzusehen, was sich als eine Notwendigkeit ergeben muß durch eine wahrhaftige Emanzipation des Geisteslebens, durch ein Auf-sich-Gestelltsein des Geisteslebens? — Das rührt allerdings davon her, daß dieses Geistesleben in der neueren Zeit eine gewisse Gestalt angenommen hat, welche als solche die Menschen abhält, ihre Blicke nach der geistigen Welt hin zu richten. Man könnte in einer gewissen Weise sogar davon reden, daß die gegenwärtigen traurigen Ereignisse eine gewisse Strafe der Menschheit seien für die Verkennung, für die notwendige Verkennung des geistigen Lebens, die in der neueren Zeit eingetreten ist. Und das, meine lieben Freunde, muß eingesehen werden, daß man ohne die Überleitung der menschlichen Gedanken in eine soziale Richtung in der Zukunft nicht auskommen wird. Das lehren die Tatsachen; solche Tatsachen, gegen die anzukämpfen eine Torheit ist. Aber auf der anderen Seite muß das, was Ihnen ja aus mancher Darstellung, die ich gegeben habe, schon hervorgeht, ganz tief in seinen Untergründen eingesehen werden: daß jegliche Art Sozialistik ohne gleichzeitig vor sich gehende Vergeistigung nicht das Heil, sondern das Unheil der Menschheit bewirken muß. Eine Grundlage, das einzusehen, verschafft man sich am besten, wenn man das sozialistische Denken in seinem Hervorgehen aus dem übrigen neuzeitlichen Denken einmal gründlich ins Auge faßt.
[ 6 ] Now yesterday I asked you to notice how everything that can be said about this opposition has to be related at the same time to all that can arise under the influence of the threefold social organism. I said that once it has come about that the spiritual sphere has been placed on its own feet, so that it becomes independent of the economic sphere and of the life of the State, then in a comparatively short time Spiritual Science will become widespread. But one might go deeper into the question and ask: Why are people so little inclined to recognise necessity for the proper emancipation, of the life of the spirit and for its being placed on its own foundation? The reason is that this spiritual life has in recent times taken on a certain form that holds men back from directing their gaze to the supersensible world. One might say that the present sad experiences are in a certain way a kind of punishment for the necessary misunderstanding of spiritual life which has recently arisen. It must be realised that unless future human thought is led in a social direction, man will never get anywhere. We are taught this by facts against which it is foolish to contend. On the other hand it must be realised by penetrating deeply into things that any kind of socialism that is not at the same time spiritualised will prove the undoing rather than the salvation of mankind. The best groundwork for this penetration is a thorough understanding of the fact that socialistic thinking has proceeded out of modern thinking as a whole.
[ 7 ] Andeutungen darüber, was auf diesem Gebiete vorliegt, habe ich Ihnen ja schon gegeben. Wir wollen heute mancherlei zusammenfassen, was wir bisher an Andeutungen nach dieser Richtung gehört haben. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß in solchen Geistern, wie zum Beispiel Fichte, etwas steckt, wenn sie ihr Denken auf das soziale Gebiet überleiten, was zu einer ganz ähnlichen Anschauung führt, wie sie uns heute zum Beispiel im Bolschewismus entgegentritt. Ich habe das dadurch zum Ausdruck zu bringen versucht, daß ich sagte: Johann Gottlieb Fichte wäre ein wirklicher, echter Bolschewist! Gewiß, Johann Gottlieb Fichte hatte noch so viel Geistigkeit, daß er, ich möchte sagen, ohne den Menschen gefährlich zu werden, dazumal bolschewistische Ideen in seinem «Geschlossenen Handelsstaat» drucken lassen konnte. Heute haben die Menschen ja so wenig Neigung, auf den wirklichen Inhalt von Dingen einzugehen, daß sie gar nicht merken, daß Johann Gottlieb Fichte in seinem «Geschlossenen Handelsstaat» ein echter Bolschewik ist.
[ 7 ] I have already given indications of this. Today we will gather up many of the things we have already heard. I have pointed out that there is something lurking in spirits like Fichte, when they direct their thoughts to the social sphere, that leads to an outlook quite similar to what is found today in Bolshevism. I tried to express this by saying that Johann Gottlieb Fichte would have actually been a genuine Bolshevist had he put his social theory into practice. He himself had so much spirituality that he could let his Bolshevist ideas appear in print (Der Geschlossene Handelsstaat) without becoming dangerous for mankind.
[ 8 ] Dasjenige Denken aber, das ganz besonders charakteristisch ist für die neuere Zeit, ist eigentlich zum Vorschein gekommen in Hegel. Und von Hegel habe ich Ihnen ja gesagt, ist wiederum abhängig Karl Marx, allerdings in einer höchst merkwürdigen Weise. Nun möchte ich zu Ihnen doch einmal, wenn das auch scheinbar, aber eben nur scheinbar, in abstrakte Höhen führt, über die besondere Artung des Hegelschen Denkens sprechen. Es ist ja viel Unzutreffendes in den Wirren der letzten viereinhalb Jahre gerade über Hegel gesagt worden. Warum sollte man nicht auch einmal objektiv auf die Art eingehen, wie er seine Sachen eigentlich gemeint hat.
[ 8 ] So little inclination exists today to penetrate into the real content of things that it is never noticed how in this book Fichte is a true Bolshevist. Nevertheless it is in Hegel that modern thinking comes to expression with its particular characteristics. And Karl Marx is again dependent upon Hegel though in a most remarkable way. Even if it leads us into the heights of abstraction I should like just to speak of what is characteristic in Hegel's mode of thinking. In the confusion of the last four-and-a-half years many inapt things have been said about Hegel. Why should we not for once be able to go objectively into the matter of his thinking?
[ 9 ] Fassen wir einmal ins Auge, wie Hegel über die Welt gedacht, gesonnen hat, wie er versucht hat, den Blick hinzurichten auf die Offenbarung der Weltgeheimnisse für den Menschen. Hegel stellt ja, was er über die eigentliche Grundwesenheit der Welt zu sagen hatte, öfter sogar ganz übersichtlich dar; am übersichtlichsten in seiner «Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften». Schauen wir uns einmal ganz in populärer Form an, welche Weltanschauung da zum Ausdruck kommt. Sehen Sie, die Weltanschauung Hegels zerfällt in drei Teile. Der erste Teil ist das, was Hegel Logik nennt. Aber Logik ist für Hegel nicht die Kunst des menschlichen, des subjektiven menschlichen Denkens, sondern Logik ist für Hegel die Summe aller derjenigen Ideen, welche in der Welt selbst wirksam sind. Hegel sieht nämlich in den Ideen nicht nur das, was im menschlichen Kopfe spukt. Was im menschlichen Kopfe spukt, ist nur die Anschauung der Idee. Ideen sind für Hegel gewissermaßen Kräfte, welche in den Dingen selber drinnen spielen. Und Hegel geht nicht weiter zum Wesen der Dinge zurück, als bis zu den Ideen, so daß er gleichsam in seiner Logik die Summe aller Ideen geben will, die in den Dingen drinnen sind. Die Ideen, die sich noch nicht schöpferisch in der Natur erweisen, die Ideen, die noch nicht im Menschen zur Spiegelung, zum Erkennen kommen, sind die Ideen an sich, die in der Welt als Ideen wirken. — Ich weiß sehr wohl, daß Sie aus dem, was ich sage, vielleicht nicht besonders klug werden können; aber das behaupten ja die Leute schon lange, daß sie aus Hegel nicht klug werden, weil sie sich nicht vorstellen können, daß irgendwo ein reines Ideengewebe existiere. Aber Hegel sieht in diesem reinen Ideengewebe Gott vor der Erschaffung der Welt. Also Gott ist für Hegel eigentlich eine Summe, besser gesagt, ein Organismus von Ideen geworden, und zwar in der Form, wie diese Ideen existiert haben, bevor eine Natur entstanden ist, und bevor wiederum auf der Grundlage der Natur sich der Mensch entwickelt hat. So sucht Hegel die Ideen in der reinen Logik darzustellen. Das ist Gott vor der Erschaffung der Welt. Also Gott vor der Erschaffung der Welt ist die reine Logik.
[ 9 ] Now let us consider how Hegel thought about the world, how he tried to direct his gaze to the revelations of the mysteries of the world. Hegel put what he had to say about his actual fundamental being of the world quite distinctly in various places—most distinctly of all in his Encyclopedia of Philosophical Knowledge. Let us observe in a quite ordinary way what sort of world-outlook we here find expressed. Hegel's world-outlook falls into three parts. The first part he called Logic. Logic for him, however, is not the art of subjective human thinking but the sum of all ideas active in the world itself. Hegel sees indeed in these ideas not only what flits ghostlike through human heads. That for him is only the perception of the idea. Ideas for Hegel are in a way forces working in the things themselves. And for the being of things Hegel goes no farther back than to the ideas, so that he wishes in his logic as it were the sum of all ideas contained in things. The ideas not appearing creatively in nature, the ideas that do not come to reflection in man and are not recognised by man, are ideas in themselves which are working in the world as ideas. I know quite well that perhaps you may not become much wiser from what I am saying; but people have long been maintaining that they do not gain much wisdom from Hegel, for they are unable to imagine the existence of a pure tissue of ideas. In this pure tissue of ideas, however, Hegel sees God before the creation of the world. For Hegel, God is a sum, or better, an organism, of ideas in the form in which these ideas existed before nature arose and before man was evolved on the foundation of nature. Thus Hegel tried to represent ideas in pure logic—that is, God before the creation of the world. God before the creation of the world is therefore pure logic.
[ 10 ] Nun könnte man sagen, es wäre schon sehr fruchtbar für das menschliche Geistesleben, wenn jemand alle Ideen hinstellen würde, welche da waren, gleichgültig ob sie Ideen eines lebendigen Gottes waren, oder ob sie nur als Ideen wie ein Spinngewebe in der Luft die es aber damals auch noch nicht gegeben hat — geschwebt hätten; es wäre das schon ein Gewinn für die menschliche Seele. Aber wenn Sie sich diese reine Logik bei Hegel vornehmen — und das ist der Grund, warum sie so wenige Leute vornehmen —, so finden Sie nichts als wiederum ein Gewebe von Ideen. Begonnen wird mit dem ärmsten Begriffe, mit dem reinen Sein. Dann wird weiter aufgestiegen zu dem Nichtsein, dann zu dem Dasein und so fort. Also Sie werden angehalten, die Summe aller Ideen, die sich der Mensch über die Welt macht, auf die er gewöhnlich nicht reflektiert, weil ihm das zu langweilig ist, von dem reinen Sein bis zu dem zweckmäßigen Aufbau des Organismus hin, abgesehen von jeder äußeren Welt, sich einmal vor die Seele zu stellen. Da bekommen Sie eine Summe von Ideen, aber nur von abstrakten Ideen. Und das lebendige Fühlen des Menschen wird natürlich eine gewisse Stellung einnehmen gegenüber dieser Summe oder diesem Organismus von abstrakten Ideen. Nehmen wir an einmal, es würde jemand sagen: Das ist ein pantheistisches Vorurteil, daß Hegel glaubt, die Ideen als solche seien da; ich nehme für mich an, ein Gott wäre vor der Erschaffung der Welt dagewesen, und der hätte eben diese Ideen gehabt und hätte nach diesen Ideen die Welt geschaffen. — Aber denken Sie einmal, wenn Sie sich die Vernunft und das Seelenleben eines Gottes vorstellen sollten, der nichts anderes in sich gehabt hätte als die Hegelschen Ideen, der also immer nur darüber nachgedacht hätte, was zwischen dem Sein und dem zweckmäßigen Organisieren lebt, der in sich nur gehabt hätte die Ideen der alleräußersten Abstraktion — was würden Sie zu einer solchen Zumutung, sich dieses Seelenleben Gottes zu denken, sagen? Sie würden gar nicht begreifen können, wie ein Gott so ärmlich sein könnte, in seiner göttlichen Vernunft nur diese abstrakten Ideen zu denken. Und dennoch, für Hegel ist die Summe dieser abstrakten Ideen Gott selbst, nicht nur der Verstand Gottes, sondern sogar Gott selbst vor der Erschaffung der Welt. Also das ist das Wesentliche, daß Hegel nicht in Wirklichkeit über abstrakte Ideen herauskommt, sondern gerade die abstrakten Ideen als das Göttliche ansieht.
[ 10 ] Now we might say that it would be very profitable for man's life were someone to set forth all the ideas there were, irrespective of whether they are ideas of a living God or ideas only hovering in the air like a spider's web—but at that time there was no such thing as a web—that this would be of great advantage to the human soul. If, however, you take this pure Hegelian logic, you again find nothing but a web of ideas; and this is the reason it is so seldom done. A beginning is made with the most meagre concept, that of pure being. Then it rises to the non-being, then to existence, and so on. You come therefore to the sum of all ideas man has had about the world, about which he does not usually reflect. He finds it tedious to place before his soul all that follows from pure being up to the appropriate building-up of the organism, apart from any external world. You then get a sum of ideas but only of abstract ideas. And man's living feeling will naturally take up a certain attitude towards this sum or this organism of abstract ideas. How anyone might protest that this is a pantheistic prejudice of Hegel's, this belief that ideas as such are there. I take up the standpoint that before the creation of the world a God would have been there who might have had these ideas and created the world in accordance with them. Try, however, for once to imagine the reason and the soul-life of a God who would have nothing in Him but these Hegelian ideas, and would have reflected only about what lived between being and suitable organisation, who would have had in Himself only ideas of the most external abstractions. What would you say on being expected thus to picture the soul-life of a God? You would never be able to understand how a God could be so poor in His divine reasoning as to think only in such abstractions! Nevertheless for Hegel the sum of these abstract ideas is God Himself, not merely God is understanding but God Himself before the creation of the world. The essential thing is that Hegel in reality never gets beyond abstract ideas, but looks upon these abstractions as divine.
[ 11 ] Dann schreitet er vor zu dem Zweiten: das ist die Natur. Ich könnte Ihnen auch da gewisse definitionsartige Urteile geben über die Art, wie Hegel nun vorschreitet von der Idee, das heißt von Gott vor der Erschaffung der Welt bis zu der Natur. Aber auch davon würden Sie wahrscheinlich, wenn Sie sich an die Ihnen bis jetzt gebräuchlichen Denkgewohnheiten halten, nicht gerade sehr viel haben. Die Logik enthält nach Hegel die Idee in ihrem Ansichsein. Die Natur enthält die Idee in ihrem Außersichsein. Was Sie also als Natur überschauen, ist auch Idee, ist eigentlich nichts anderes, als was die Logik enthält, nur eben in der anderen Form des Außersichseins. Und dann nimmt Hegel die Natur durch von der bloßen Mechanik bis zur Darstellung der biologischen, pflanzlichen, tierischen Verhältnisse. Das heißt, er versucht überall in dem Umfange, in dem die Natur dem Menschen vorliegt, Ideen in der Natur nachzuweisen, die Idee im Lichte, in der Wärme, in anderen Kräften, in der Schwerkraft und so weiter.
[ 11 ] Then he goes on to his second point—nature. Here too, I might give you certain opinions as a kind of definition of the way Hegel progresses from the idea, that is, God before the creation, to nature. Probably, however, you would not gain much here either, were you to keep to your ordinary way of thinking. According to Hegel, logic contains the idea in itself; nature contains the idea in its external form. What therefore you contemplate as nature is also idea, actually nothing but what is contained in logic, in the form, however, of being outside itself or having a different being. Then Hegel examines nature in its pure mechanism to the point where it displays its biological, plant, animal relations. He tries everywhere, as far as nature is an open book to man, to point to ideas in her, in the light, in warmth, and in other forces, that of gravity and so forth.
[ 12 ] Hegel entschädigt den, der seine Abstraktheit sinnvoll hinnehmen kann, durch eine gerade ihm eigene Anschaulichkeit und Bildlichkeit. Allein diese Anschaulichkeit und Bildlichkeit bei Hegel wird manch—: mal gefährlich für das Verständnis dessen, was Hegel eigentlich gewollt hat. Ich habe einmal einem befreundeten Universitätsprofessor gegenüber, einem Philosophen, Hegel zu verteidigen versucht. Sie wissen, ich verteidige Hegel, weil ich es für fruchtbarer halte, alles mit Bezug auf das wirklich Positive zu verteidigen, als bloß auf die eigene Meinung immer zu schwören und alles andere in Grund und Boden zu kritisieren. Wenn irgend etwas gut ist, so verteidige ich es immer; das ist der Positivismus der Geisteswissenschaft. Aber dazumal kam ich mit der Verteidigung Hegels etwas schief an. Der Betreffende sagte: Ach, gehen Sie mir mit Hegel fort; ein Mensch, der nichts anderes zu sagen weiß über die Kometen, als daß sie ein Aussatz am Himmel sind, den kann man doch nicht ernst nehmen! — Natürlich muß man solch eine Stelle, daß die Kometen ein Aussatz, ein Ausschlag, so etwas wie Masern oder dergleichen am Himmel seien, in dem ganzen Zusammenhange nehmen. Es ist selbstverständlich leicht, sich über solche Dinge lustig zu machen. Es kann sogar ganz charmant sein, wenn sich die Leute über solche Dinge lustig machen. Man braucht, um wirklichkeitsgemäß in die Welt hineinzuschauen, nicht immer ein Gesicht ganz hinunter zu machen, möglichst in die Länge gezogen, sondern man braucht einen gewissen Humor, gerade um auch die Tragik der Welt in vollem Sinne verstehen zu können.
[ 12 ] Hegel makes up for the significance lost through his abstractions, by his own powers of perception and imagination. But this perception and imagination of Hegel's sometimes endanger the understanding of what he actually wanted. I once tried to vindicate Hegel to a university professor, a philosopher with whom I was an friendly terms. I defend Hegel, you know, because I count it fruitful to defend everything positive rather than always to swear by one's own opinion, roundly criticizing everything else. Anything at all good I always defend. That is the positivism of Spiritual Science. But that time, in the defence of Hegel, I went to work the wrong way. The friend in question said: “O leave me in peace about Hegel. One can't take a man seriously who has nothing to say about the comets except that they are an eruption in the sky!”—Naturally such a statement, that the comets are some sort of rash in the heavens rather like measles, must be taken in its whole context.
[ 13 ] Nachdem Hegel auf diese Weise gewissermaßen ein Register aller Begriffe gegeben hat, aller Ideen, die in der Natur verkörpert sind, steigt er auf als Drittes zum Geist. Im Geist sieht er die Idee in ihrem Anundfürsichsein, das heißt, da ist sie nicht nur so, wie sie war vor der Erschaffung der Welt, nicht nur in ihrem Ansichsein, sondern da ist sie für sich. Sie lebt in der menschlichen Seele und da für sich — die Idee draußen objektiv und außerdem noch für sich, im Menschen. Da der Mensch aber Idee ist, weil alles Idee ist, so ist das die Idee in ihrem Anundfürsichsein. Da versucht Hegel wiederum die Idee nun zu verfolgen, wie sie anwesend ist erst in der Seele des einzelmenschlichen Individuums, dann wie sie anwesend ist — wenn ich einiges überspringe — im Staate. In der Seele des Menschen arbeitet die Idee im Innern; im Staate hat sie sich wiederum verobjektiviert, da lebt sie in den Gesetzen, in den Einrichtungen. Da lebt überall die Idee drinnen, da ist sie objektiv geworden. Sie entwickelt sich dann objektiv weiter in der Weltgeschichte. Staat, Weltgeschichte. Da wird also alles an Ideen registriert in der Weltgeschichte, was die FortentwickeJung der Menschheit auf dem physischen Plane bewirkt. Alles dasjenige, was an Ideen in Seele, Staat, Weltgeschichte lebt, das führt aber nirgends hinaus aus dem physischen Plan, macht nirgends den Menschen aufmerksam darauf, daß es etwa eine übersinnliche Welt gäbe, denn die übersinnliche Welt ist für Hegel eben nur die Summe der Ideen, die in dem allen drinnen lebt, einmal im Ansichsein vor der Erschaffung der Welt, in dem Außersichsein in der Natur, und in dem Anundfürsichsein der menschlichen Seele im Staat und der Weltgeschichte.
[ 13 ] Now after Hegel has given a sort of catalogue of all the concepts and ideas incorporated in nature, he goes on to his third point, the spirit. In the spirit he sees the idea in its own being, that is, not only as it was before the creation of the world, not only in itself, but as it is apart from all else. The idea lives in the human soul, then objectively outside, and then for itself apart, for man. Since man is the idea because all is idea, this is the idea for itself alone. Hegel again tries to follow up the idea as it is present first in the souls of single human individuals, then—if I skip over something—in the State. In human souls the idea is inwardly active; in the State it is again objectified, living in laws and administration. In all this the idea lives, having become objective. It then goes on developing objectively in world-history, State, world-history. Thus in world-history everything is registered as ideas which brings about the further evolution of mankind on the physical plane. Nothing living as ideas in souls, in the State, in world-history, goes beyond the physical plane, nor does it make man aware of there being a spiritual world. For the spiritual world is for Hegel only the sum total of the ideas living in everything, first in the being in itself before the creation of the world, then apart in nature, and in the separateness of the human soul, in the State and in world-history.
[ 14 ] Und dann entwickelt sie sich aufs Höchste herauf, die Idee, kommt gewissermaßen in einem letzten Augenblicke des Werdens zu sich, in Kunst, Religion und Philosophie.
[ 14 ] After this the idea is developed to its greatest height, in the last moment of its development comes, as it were, to itself, in art, religion and philosophy.
[ 15 ] Die drei: Kunst, Religion und Philosophie, wenn sie im Menschenleben auftreten, stehen nun über Staat und über Weltgeschichte, aber sie sind doch nur die Verkörperung der reinen Logik, sie sind die Verkörperungen der abstrakten Ideen. In der Kunst stellen sich diese Ideen, die vor der Erschaffung der Welt als Logik existiert haben, durch das sinnliche Bild dar; in der Religion durch die gefühlsmäßige Vorstellung; und in der Philosophie tritt endlich die Idee in ihrer reinen Gestalt selber im menschlichen Geiste auf. Der Mensch erfüllt sich mit Philosophie, blickt auf alles andere, was die Menschheit und die Natur an Ideen hervorgebracht hat, zurück und fühlt sich nun — wie soll man sagen — als erfüllt von dem Gotte, der aber die Idee ist, die zurückblickt auf ihr ganzes vorhergehendes Werden. Der Gott schaut sich im Menschen selber an. Aber eigentlich schaut sich die Idee im Menschen selber an. Abstraktion schaut die Abstraktion an.
[ 15 ] When the three, art, religion, and philosophy, arise in the life of man they stand above the State and world-history; nevertheless they are simply the embodiment of pure logic, the embodiment of abstract ideas. Those ideas existing before the creation of the world are represented in art in a physical image; in religion through a conception in accordance with feeling; and in philosophy the idea in its pure form appears finally in the human spirit. Man comes to fulfillment in philosophy, looks back on everything else that mankind and nature have produced in the way of ideas. He now feels himself filled with the God who is indeed the idea that looks back on the whole of its previous becoming. God sees Himself in men. Actually in man the idea is contemplating itself. Abstraction contemplates abstraction.
I. Logik: Idee in ihrem Ansichsein
II. Natur: Idee in ihrem Außersichsein
III. Geist: Idee in ihrem Anundfürsichsein
Seele — Staat — Weltgeschichte: Kunst Religion Philosophie
I. Logic: Idea in itself
II. Nature: Idea in its external being
III. Spirit: Idea in its separateness
Soul — State — World-history: Art—Religion—Philosophy
[ 16 ] Man kann sich nichts Genialeres denken, als diesen Gedanken über die menschliche Abstraktion, wenn man die Genialität auf dem Gebiete des Abstrakten ins Auge faßt. Und man kann sich eigentlich nichts innerlich Kühneres denken, als wenn der Mensch geltend macht: das Höchste sind die Ideen; außer den Ideen gibt es keinen Gott, die Ideen sind der Gott, und du Menschenseele bist auch Idee, nur daß es die Idee in dir zu ihrem Anundfürsichsein gebracht hat, sie schaut sich an. — Sie sehen, wir schwimmen in Ideen, wir sind selber Ideen, alles ist Idee. Die Welt in ihrer alleräußersten Abstraktion. Es ist von ungeheurer Bedeutung, daß gerade um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert und in das 19. Jahrhundert hinein ein Geist aufgetreten ist, der die Kühnheit hatte, einmal zu sagen: Nur derjenige erfaßt die Wirklichkeit, der sie in der abstrakten Idee erfaßt; es gibt keine andere höhere Wirklichkeit als die abstrakte Idee.
[ 16 ] Nothing more ingenious can be imagined than these thoughts about human abstraction, if one bears in mind that this ingenuity is in the sphere of abstraction. And one can conceive nothing more inwardly daring than what holds good in the following—Ideas are what is highest, there is no God beyond ideas, ideas are God, and you, O soul of man, you are also an idea, only in you the idea is brought to its separateness, it contemplates itself. Thus you see that we swim in ideas, we are ourselves ideas, everything is idea—the world in its extremest form of abstraction! It is of very great importance that just at the turn of the eighteenth century, and on into the nineteenth, there should have arisen a spirit who had the courage to say: It is only one who grasps the abstract idea who grasps reality; there is no higher reality than the abstract idea.
[ 17 ] Nun fehlt es allerdings, wenn Sie die Philosophie Hegels vom Anfange bis zum Ende durchgehen, überall an irgendeinem Weg in die übersinnliche Welt hinein! Es kann gar keinen solchen Weg in die übersinnliche Welt hinein geben, denn stirbt der Mensch, so geht er im Sinne der Hegelschen Philosophie, weil der Mensch eigentlich Idee ist, in die allgemeine Strömung der Weltenideen ein. Und nur über diese Strömung der Weltenideen kann man etwas sagen. Es gibt keinen einzigen Begriff — das ist eben gerade das Großartige der Hegelschen Philosophie —, der von irgend etwas Übersinnlichem handelte; nur daß alles, was nun — allerdings in eisigster Abstraktheit — uns als Philosophie Hegels entgegentritt, selber übersinnlich ist, aber eben das Abstrakt-Übersinnliche. Das erweist sich gänzlich ungeeignet, nun selber etwas Übersinnliches aufzunehmen; es erweist sich nur geeignet, das Sinnliche in sich aufzunehmen. Durch ein Übersinnliches wird das Sinnliche vergeistigt, allerdings nur in abstrakten Formen; aber zu gleicher Zeit wird alles Übersinnliche abgewiesen, weil die Summe der Ideen, die vom Anfang bis zum Ende gegeben werden, sich eben nur bezieht auf die sinnliche Welt. So kommt, möchte ich sagen, der übersinnliche Charakter dieser Ideen bei Hegel gar nicht so sehr in Betracht, denn dieses Übersinnliche bezieht sich nicht auf ein Übersinnliches, sondern nur auf das Sinnliche,
[ 17 ] In the whole of Hegel's philosophy, from beginning to and, there is no path that leads into the supersensible world. For Hegel there is no such path; and if a man dies, because he is actually idea, in the sense of Hegelian philosophy he goes into the universal stream of world ideas. It is only about this stream of world ideas that anything can be said. There is no single concept that deals with the supersensible—this is just what is so great-minded about the Hegelian philosophy. Everything that meets us in Hegel's philosophy—in icy abstraction, it is true—is itself supersensible, even though abstractly supersensible. This proves itself entirely unsuited to take up anything supersensible; it shows itself to be fitted only to enter into what is physical. The physical is spiritualised by the superphysical but only in a truly abstract form. At the same time everything supersensible is rejected because the sum of ideas given from beginning to end is related only to the physical world. Thus, I might say, the supersensible character of Hegel's ideas does not become very apparent, for this superphysical is not related to what is superphysical but only to what is physical.
[ 18 ] Ich möchte Sie hauptsächlich darauf aufmerksam machen, daß die Tendenz des neuzeitlichen Denkens sich darin äußerte, einmal mit aller Gründlichkeit das Übersinnliche abzuweisen, aber nicht mit oberflächlichem Materialismus, sondern mit der höchsten Kraft des geistigen Denkens. Hegel ist daher kein Materialist, er ist objektiver Idealist. Aber dieser objektive Idealismus behauptet, daß die objektive Idee selbst der Gott und die Grundlage der Welt und alles sei.
[ 18 ] I should particularly like to draw your attention to how the tendency of modern thinking is expressed in its fundamental rejection of the supersensible; not, however, in superficial materialism but in the highest force of spiritual thinking. Hegel is therefore no materialist; he is an objective idealist. His objective idealism upholds the view that the objective idea is itself God, the founder of the world, the founder of everything.
[ 19 ] Wer einen solchen Geistesimpuls ausdenkt, dem liefert dieses Ausdenken eine gewisse innere Befriedigung, die hinwegschauen läßt über das, was da fehlt. Derjenige aber, der dann nachkommt, der also nicht ursprünglich so etwas denkt, sondern es nachdenkt, der kann dann um so härter das Ungenügende empfinden. Auf alle diese Dinge habe ich in meinem Buch «Vom Menschenrätsel» ja hingewiesen.
[ 19 ] Whoever thinks out a spiritual impulse of this kind, experiences in his thinking a certain inner satisfaction, which makes him overlook what is lacking. But what is lacking is felt all the more strongly by anyone who is not the original conceiver of the system but only reflects upon it. I have indicated this in my book Vom Menschenrätsel (The Riddle of Man).
[ 20 ] Jetzt denken Sie sich, daß nicht ein Mensch wie Hegel mit einem inneren übersinnlichen Impuls so denkt, sondern daß dieses Denken aufgenommen wird von einem anderen Kopf, der ganz und gar nur einen Sinn hat für das Materielle, wie das bei Karl Marx der Fall war. Dann wird diese idealistische Philosophie Hegels gerade der Anlaß, alles Übersinnliche und damit alles Idealistische zurückzuweisen, abzulehnen. Und so wurde es für Karl Marx. Karl Marx eignete sich die Form des Denkens an, die er bei Hegel gefunden hatte. Allein er betrachtete nun nicht die Idee in der Wirklichkeit, sondern er betrachtete die Wirklichkeit so, wie sie sich selbst fortwährend als bloße äußere materielle Wirklichkeit fortspinnt. Er setzte den Impuls des Hegeltums fort und materialisierte ihn. Und so wurzelt gerade der Grundnerv des modernen sozialistischen Denkens in der Gipfelung des modernen idealistischen Denkens. Daß sich auch persönlich und weltgeschichtlich der allerabstrakteste Denker mit dem allermateriellsten Denker berührt, das war eine innere Notwendigkeit des 19. Jahrhunderts, das ist aber auch die Tragik des 19. Jahrhunderts; das ist gewissermaßen das Umschlagen des Geisteslebens in sein Gegenteil.
[ 20 ] Now imagine that a man—not like Hegel—spins thoughts in this way, with an inner supersensible impulse, but that this thinking is taken up by a different head having a sense only for the material—as was the case with Karl Marx. Then this idealistic philosophy of Hegel's becomes the motive for rejecting everything supersensible, and with it everything idealistic. And so it happened with Karl Marx. Karl Marx adopted the form of Hegel of thought. But he did not consider the idea in the reality; he considered the reality as it goes on shinning itself out as mere external material reality. He continued Hegel's impulse and materialised it. Thus the basic nerve of modern socialistic thought has its roots in the very pinnacle of modern idealistic thought. This personal contact that at the same time had to do with the history of the world, this contact of the most abstract thinker with the most material of all thinkers, was an inner necessity but also the tragedy of the nineteenth century; it has been in a certain way the change over of the spiritual life into its opposite.
[ 21 ] Hegel schreitet in den abstrakten Begriffen fort. Das Sein schlägt um, wird zum Nichtsein, kann sich mit dem Nichtsein nicht vertragen, wird dadurch zum Werden. Und so schreitet Begriff für Begriff durch Thesis, Antithesis, Synthesis weiter nach einem gewissen inneren Dreiklang, den Hegel großartig handhabt im Felde der reinen Idee. Karl Marx überträgt diesen innerlichen Dreiklang, den Hegel für Logik, Natur, Geist in der inneren Ideenbewegung gesucht hat, auf die äußere materielle Wirklichkeit, indem er zum Beispiel sagt: aus der neueren privatwirtschaftlich-kapitalistischen Gemeinsamkeitsform der Menschen entwickelte sich, wie bei Hegel aus dem Sein das Nichtsein, die Trustbildung, die kapitalistische Sozialisierung der privatkapitalistischen Wirtschaft. Wenn die Trusts immer mehr und mehr an Betriebsmitteln zusammenfassen, so schlägt gerade das Eigentum an Privatkapital in sein Gegenteil um. Es entstehen Sozietäten, das Gegenteil der Wirtschaft durch den Einzelnen. Das hat in sein Gegenteil umgeschlagen, in die Antithesis. Jetzt kommt die Synthesis. Das Ganze schlägt noch einmal um, wie das Nichtsein in das Werden. Und die Zusammenschweißung der Privatwirtschaften in die Trustwirtschaften, schlägt um in das noch Größere, das wiederum die Trustwirtschaft aufhebt, in die Gemeinwirtschaft an Produktionsmitteln. So schreitet die Wirklichkeit im Dreiklang fort, die rein äußere ökonomische Wirklichkeit. Was da Karl Marx gedacht hat, ist ganz nach dem Muster von Hegel gedacht, nur daß Hegel sich mit seinem Denken im Elemente der Ideen bewegt, Marx im Weben und Leben der äußeren ökonomischen Wirklichkeit. So liegen die Extreme beieinander, man möchte selbst sagen, wie Sein und Nichtsein.
[ 21 ] Hegel continues in abstract concepts. Being is changed into non-being, cannot reconcile itself with non-being and therefore merges into becoming. Thus the concept progresses through thesis, antithesis, synthesis, to a certain inner triad, dealt with by Hegel in a grandiose way in the field of pure idea. Karl Marx carries over this inner triad, sought by Hegel for logic, nature and spirit in the inner flexibility of ideas, into outer material reality. He says, for example: Out of the modern economic and capitalistic form of human community, under private ownership, there has developed, as there developed with Hegel nothingness, non-being out of being, the formation of trusts, the capitalistic socialisation of the economy of private capital. With the increased amassing of industrial plant by the trusts, the private ownership of capital changes into its opposite. There arise associations that are the reverse of individual economy. This is a changing over into the opposite, the antithesis. Then comes synthesis. Once again the whole is changed as nothingness is changed into becoming; and the merging of private economy into the economy of trusts changes into something still greater—the trust economy ends in the communal ownership of the means of production. This purely external economic reality progresses in the triad. Here Karl Marx has been thinking exactly after Hegel's model, only Hegel in his thinking moved in an element of ideas while Marx lived in a weaving and living of external economic reality. So, side-by-side we find the extremes, one might say like being and non-being.
[ 22 ] Aber, meine lieben Freunde, Sie können nunmehr streiten, so lange Sie wollen, über Idealismus und Realismus, Spiritualismus und Materialismus, da gibt es kein Resultat, kein Ergebnis. Einzig und allein kann das, was den Menschen trägt, gefunden werden, wenn im Sinne der modernen Trinität gedacht wird: der Mensch in der Mitte, das eine Extrem, das Luziferische auf der einen Seite; das ahrimanische Extrem auf der anderen Seite. Der ahrimanische Materialismus, der luziferische Spiritualismus als die beiden Extreme, der Mensch als die Gleichgewichtslage. Sie können nicht, wenn Sie zur Wahrheit kommen wollen, Idealist oder Realist, Materialist oder Spiritualist sein, Sie müssen sowohl das eine wie das andere sein. Sie müssen den Geist suchen bis zu einer solchen Intensität, daß Sie ihn als Geist auch in der Materie finden, und Sie müssen die Materie so durchschauen, daß Sie durch die Materie hindurch den Geist finden können. Das ist die Aufgabe der neueren Zeit: nicht weiter zu streiten über Spiritualismus und Materialismus, sondern die Gleichgewichtslage zu finden. Denn die beiden Extreme, die des Hegelschen Luziferismus und die des Marxschen Ahrimanismus haben sich ausgelebt. Sie waren da, sie haben sich geoffenbart. Es muß nun wirklich dasjenige gefunden werden, was der Ausgleich ist. Und das ist eben mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft gemeint. Da muß allerdings heraufgestiegen werden bis zu einem solchen reinen Denken, wie das, zu dem Hegel heraufgestiegen ist; aber dieses reine Denken muß benützt werden können, um durchzubrechen zu dem Übersinnlichen. Man muß nicht nur Logik finden, das heißt einen Organismus von Ideen, der sich dann doch nur auf die Sinnenwelt beziehen kann, man muß durchbrechen an der Stelle, wo man die Logik entdeckt hat, aus dem Sinnlichen in das Übersinnliche. Dieses Durchbrechen ist eben bei Hegel noch nicht gelungen. Daher wurde die Menschheit wieder zurückgeworfen.
[ 22 ] Now you can argue as long as you like about idealism and realism, spiritualism and materialism, but nothing comes of it, you get nowhere. What sustains man can be found only by thinking in the sense of the modern trinity, with man in the centre, the luciferic extreme on the one side, on the other the ahrimanic extreme. Ahrimanic materialism, luciferic spiritualism, as the two extremes, man keeping the balance. If you wish for the truth you can neither be idealist nor realist; you must be one just as much as the other. You must seek the spirit with such intensity that you find spirit even in the material; you must penetrate what is material so that through the material you find the spirit. That is the task of the modern age; no longer to wrangle about spiritualism and materialism but to find the balance between the two. For the two extremes of the luciferic in Hegel and the ahrimanic in Marx are outlived. They were there, they were manifested. Now there must be found what will bring agreement, and this can be done just by Spiritual Science. Here, it is true, we have to rise as did Hegel to the heights of pure thought, but this pure thought must be used for breaking through to the supersensible. We do not have to find logic, that is, an organism of ideas, which can be related only to the world of the senses; but at the point where logic has been found we must pierce through what belongs to the senses and reach the supersensible. Hegel was unable to succeed in thus breaking through, and because of this, men was thrown back.
[ 23 ] Also es hängt in einer gewissen Weise mit dem Reinsten und mit dem Edelsten zusammen, wozu sich das neuzeitliche Denken erhoben hat, daß der Sozialismus erschienen ist ohne den Hinweis auf irgend etwas Geistiges. Und daß es so schwer wurde, in der Gegenwart zum sozialistischen Denken das geistige Denken hinzuzufinden, das ist schon im inneren Entwickelungsgange der Menschheit in einer gewissen Weise mitbegründet. Nur muß man den ganzen Zusammenhang einsehen, damit man die Kraft gewinne, aus diesem Zusammenhang heraus das Erlösende zu finden. Dazu hat es der wissenschaftliche Betrieb, der heute durch die Universitäten propagiert wird, wahrhaftig nicht gebracht.
[ 23 ] In a certain way it depends upon the heights and purity reached by modern thinking that socialism should have appeared without any reference to what is to any degree spiritual. And the present day difficulty in adding spiritual thinking to socialistic thinking is bound up with the very ground of mankind's inner path of development. The whole connection must be seen into, however, for us to gain the strength to find the way out of the situation. The pursuit of science as it is now carried on in our universities has certainly not led to this.
[ 24 ] Was hat Hegel im Grunde genommen getan? Er hat den Menschen — nicht physisch, aber gedanklich — ausgepreßt, wie man eine Zitrone auspreßt, bis sie ganz trocken wird; und diese trockene MenschheitsZitrone ist dann nur noch eine Idee. Sie sitzen hier auf Ihren Stühlen; im Sinne der Hegelschen Philosophie sind Sie lauter Ideen, die hier sitzen, nicht Körper, nicht Seele: Ideen. Denn jeder von Ihnen trägt eine Idee in sich; die war da vor der Erschaffung der Welt als abstrakte Idee. Dann ist jeder für sich Körper, Natur: die Idee im Außersichsein sitzt da auf den Stühlen. Dann ist in Ihnen wiederum die Idee in ihrem Anundfürsichsein. Sie fassen selbst diese Idee, die Sie sind. Denken Sie, was Sie da für ein Schemen sind! Denken Sie nur, wie Sie ausgepreßt sind, wenn Sie so als «Idee» dasitzen: an sich, außer sich, an und für sich — aber doch eben als Idee nur!
[ 24 ] Not physically, but where thinking is concerned, Hegel has squeezed out man as a lemon is squeezed till it is dry; and this squeezed out lemon of a man is then only another idea. You sit there in your chairs; in the sense of Hegel's philosophy you are pure ideas; there are not bodies sitting there, not souls, but ideas, for each of you bears an idea within him. And this was already there an abstract idea before the creation of the world. Then each one of you in yourself is body, nature—the idea outside itself is sitting there on those chairs. Then again within you is the idea in its separateness. You yourself grasp this idea that is you. Think what a shadow you are: Only think how squeezed out you are while you sit there as the idea in itself, outside itself, and apart from itself—but always just idea!
[ 25 ] Und jetzt wiederum im Sinne von Karl Marx: Da ist gar nichts von Ideen — gerade weil er durch die Methode des Hegelschen Idealismus durchgegangen ist. Jetzt sind Sie nur das zweibeinig gewordene Tier, nur das, als was Sie in der Naturordnung äußerlich erscheinen. — Das andere Extrem!
[ 25 ] Now in the sense of Karl Marx you are quite different from ideas. Just because he has passed through Hegel's method of idealism you are for him an animal that has become two-legged, as you appear outwardly in the order of nature. The other extreme!
[ 26 ] Mußte da nicht gegenüber dem, was da in der Entwickelung der Menschheit vorhanden war, der Versuch unternommen werden, den Menschen wiederum auch in der Anschauung zum Menschen zu machen, das heißt, als das Wesen des Menschen nicht bloß die ganz allgemeine Idee, und auch nicht den bloßen tierischen Menschen hinzustellen, sondern den wirklichen, individuellen Menschen, der eine Hülle hat, die Gipfelpunkt der Natur ist, der in sich eine seelische Wesenheit hat, die Zielpunkt einer geistigen Welt geworden ist? Zum wirklichen Menschen mußte wiederum die menschliche Anschauung hingeleitet werden. Und diesen Versuch habe ich gemacht in meiner «Philosophie der Freiheit». Das ist die eigentliche historische Stellung des Problems, das vorlag, als es mich hindrängte, die «Philosophie der Freiheit» zu schreiben! Frei kann dieses höchst entwickelte Tier nicht sein, das den Menschen umhüllt; frei kann auch nicht jener schemenhafte Mensch sein, der Idee — Ansichsein, Außersichsein, Anundfürsichsein — ist, denn der ist durch logische Notwendigkeit gebildet. Beides ist nicht frei. Frei ist nur der wirkliche Mensch, der als das Gleichgewicht angesehen wird zwischen der Idee, die aber durchbricht zum wirklichen Geiste, und der äußeren materiellen Wirklichkeit.
[ 26 ] In face of what exists in man's evolution must we not make an attempt to give him back his manhood again even in our outward view of him? This means not taking man's nature to be merely universal idea nor animal-men, but really individual man in his own envelope, man who stands at the highest point in nature, who has within him a soul-being and is the goal of a spiritual world. The conception of man must be brought back to this real man. I have tried to do this in my The Philosophy of Spiritual Activity. That is the actual historical statement of the problem which I had before me when I was constrained to write The Philosophy of Spiritual Activity. The most highly developed animal enveloping man cannot be free, neither can there be freedom for the shadowy man—the idea in itself, outside itself, the idea in its separate being, for that is built up by the necessity of logic. Neither of these is free. Only the real man is free, the man who is the balance between the idea that breaks through to the actual spirit, and external materiel reality.
[ 27 ] Daher ist auch in dieser «Philosophie der Freiheit» versucht worden, das sittliche Leben nicht auf irgendeinen abstrakten Grundsatz zu begründen, sondern auf das innere, moralische Erlebnis, was ich damals die «moralische Phantasie» nannte; auf dasjenige, was im individuellen Menschen als solchem aus der Intuition heraus schöpft, bildlich ausgedrückt. Kant stellte den kategorischen Imperativ auf: Handle so, daß die Maxime deines Handelns Richtschnur sein kann für alle Menschen. — Zieh dir einen Rock an, der allen Menschen passen kann! Die freiheitsphilosophische Maxime lautet: Handle so, wie es dir, deinen höchsten menschlichen Kräften gerade im konkreten Augenblicke, im individuellen konkreten Augenblicke aus dem Geiste heraus eingeht.
[ 27 ] Therefore in the The Philosophy of Spiritual Activity an attempt was even made to base moral life not upon any kind of abstract principle, but upon inner moral experience, which at the time I called moral imagination, that is, upon what, expressed figuratively, individual man draws from the well of intuition. Kant set up the categorical imperative that runs: Act in such a way that the maxim of your action can be a guiding line for all men: Put on a coat that will fit every man.—The maxim of the philosophy of freedom runs: Let your action be such that it flows to you in a precise concrete moment, in an individual concrete moment, out of your highest human forces, out of the spirit.
[ 28 ] So gelangt man auf dem Umwege durch die Moralphilosophie in die Geistigkeit hinein. Und gerade das wäre vielleicht für die heutige Menschheit ein Weg, um zu einer Auffassung von der geistigen Welt zu gelangen: wenn diese Menschheit zunächst das, was ja im Grunde genommen nicht so schwer zu verstehen ist, einsehen würde, daß das Sittliche ja ohne jeden Halt ist, wenn es nicht als ein Teil eines Übersinnlich-Geistigen aufgefaßt wird.
[ 28 ] Through moral philosophy in this roundabout way we arrive at spirituality. And for modern mankind it might be a way of coming to an understanding of the spiritual world, were men first to see into something that, after all, is not hard to grasp, namely, that what is moral has no support if it is not conceived as part of the supersensible and spiritual.
[ 29 ] Sehen Sie, Hegels Logik ist vom Anfang bis zum Ende eine Summe von abstrakten Ideen. Was schadet denn das aber schließlich, wenn ich die ganze Natur, alles das, was oberflächlich da ist, nur als eine Schematik von Ideen ansehe? — Aber es schadet, wenn dasjenige, was uns zum Sittlichen anspornt und impulsiert, nicht aus der geistigen Welt kommt; denn wenn es nicht aus der geistigen Welt kommt, hat es gar keine wahrhaftige Wirklichkeit, ist es nur Schall und Rauch, die herauskommen aus dem tierischen Menschen. Wenn der tierische Mensch abstirbt, so ist nichts mehr da. Bei der Hegelschen Philosophie gibt es keinen einzigen Begriff, der sich beziehen könnte auf irgend etwas, was noch für den Menschen da wäre, wenn er durch die Pforte des Todes gegangen ist, oder bevor er durch die Pforte der Geburt gegangen ist. Die Hegelsche Philosophie ist groß, aber sie ist groß als Durchgangspunkt des 19. Jahrhunderts. Hegel anzuerkennen in seiner Größe führt gerade dazu, ihn fortzusetzen, das zu durchbrechen, was sich entgegenstellt da, wo man in das reine Denken, in die reine Logik, in die Idee, in ihr Ansichsein kommt — in die übersinnliche Welt hinein. Hegelianer sein, das kann nur das Privatvergnügen von einigen vertrackten Köpfen sein, die am Beginne des 20. Jahrhunderts ihre große Geistreichigkeit darin suchen, da zu stehen, wo es einem erlaubt war zu stehen in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Denn das, meine lieben Freunde, müssen wir lernen, nicht nur abstrakt als Mensch leben zu wollen, sondern in der Zeit zu leben, in der Entwickelung der Zeit zu leben. Wir kommen gerade dadurch ins Lebendige hinein, daß wir die Verabsolutisierung verneinen, sonst wird man nicht mitarbeiten können mit der menschlichen Entwickelung. Und darauf kommt es an, daß man mit der menschlichen Entwickelung mitarbeitet.
[ 29 ] From beginning to end Hegel's logic is a sum of abstract ideas. But ultimately what harm is there in my looking upon the whole of nature, upon every visible thing, as simply a scheme of ideas? It becomes harmful, however, when what spurs us on as an impulse to the moral, does not come from the spiritual world. For if it does not come from the spiritual world it has no true reality and is more noise and smoke issuing from animal-man. When animal-man dies nothing is left. In Hegel's philosophy there is no single concept related to anything that would still be there for man when he has gone through the gate of death, or that could have been there before he came through the gate of birth. Hegel's philosophy is great, but great as a point of transition for the nineteenth century. To recognise Hegel in his greatness leads us to carry him further, to make a passage through what stands in our way when we come to pure thought, to pure logic, to the idea in the abstract—a passage through to the supersensible world. Being still a follower of Hegel, can only be represented as the personal enjoyment of a few twisted minds who, at the beginning of the twentieth century set out to prove their great spirituality by going as far as it was permissible to go in the first decade of the nineteenth century. For we have to learn not only to wish to live abstractly as men, but to live wholly with the times, to live in the evolution of the time. We come to what is really living by refusing to be absolute, otherwise we cannot cooperate in the sense of human evolution. The important thing is that we should work together for human evolution.
[ 30 ] Sehen Sie, Raffael war groß. Die Sixtinische Madonna ist eine sehr bedeutende malerische Schöpfung. Sie richtig zu würdigen ist eigentlich nur derjenige berechtigt, der, wenn heute ein Maler die Sixtinische Madonna malen würde, sie für ein schlechtes Bild hielte. Denn nicht darauf kommt es an, daß man irgend etwas absolut nimmt, sondern darauf kommt es an, daß man sich in den großen Menschheitszusammenhang hineinzustellen versteht. Und das ist die große Sünde, das ist das eigentliche Unheil in unserer Zeit, wenn das mißachtet wird. Heute liegt die Notwendigkeit vor, endlich einmal nicht bloß, wie es in der Vorzeit erlaubt war, sich absolut hineinzustellen in die Welt, sondern im Zeitalter der Bewußtseinsentwickelung wird es eine Notwendigkeit, sich bewußt in dem Zeitpunkt zu fühlen, auf den man in einer bestimmten Inkarnation gesetzt ist. So paradox das klingt, zur richtigen Schätzung der Raffaelischen Sixtinischen Madonna wird nur der kommen, der, wenn heute ein Maler diese Sixtinische Madonna malen würde, sie für ein schlechtes Bild zu halten vermöchte aus den heutigen Gesinnungen des Malens heraus. Denn nichts hat einen absoluten Wert, sondern die Dinge haben ihren Wert an der Stelle der Welt, an der sie stehen. Bisher konnte man ohne eine solche Einsicht auskommen. Von heute ab ist eine solche Einsicht notwendig. Schließlich ist sie ja nicht einmal so ganz besonders tief. Der den pythagoräischen Lehrsatz erfunden hat, war zu seiner Zeit ein großer Mann. Wenn ihn heute einer erfindet oder entdeckt, wäre es interessant, nicht wahr; es wäre ja auch interessant, wenn heute jemand die Sixtinische Madonna macht — aber es ist halt nicht die Zeit dazu, es ist nicht das, was geschehen muß an dem Punkte der Entwickelung, an dem wir stehen.
[ 30 ] Raphael was great. The Sistine Madonna is a very important artistic creation. Actually it could be estimated justifiably only by someone who, if a painter produced a Sistine Madonna today, would consider it a bad picture. For it is a question of not taking anything as absolute, but of understanding how to place oneself into the great association of all mankind. And the necessity lies before us today of not simply taking up an absolute attitude in the world, as might be done formerly, but of feeling ourselves consciously in the epoch into which we are placed in a certain incarnation. Strange as it may sound, a right estimation of the Sistine Madonna could be made only by someone who was able to condemn the picture out of the modern attitude of mind, had it been painted today. For nothing has an absolute value; things derive their value from the place where they stand in the world. Up to now people have been able to make do without this insight; but from now on it is essential. It is not so particularly profound. In his epoch the discoverer of the Pythagorean theorem was a great man. Today should anyone invent or discover this theorem it would be interesting but nothing more. It would also be interesting were anyone to paint the Sistine Madonna today. It is however not the time for this; it in not what must happen at the point of evolution in which we now stand.
[ 31 ] Sie sehen, meine lieben Freunde, welche Reformation des Denkens notwendig ist, welche Sozialisierung des Gedankens! Miterleben mit der Menschheit, das ist es, worauf es heute ankommt. Das wird heute den meisten Menschen eben durchaus als paradox erscheinen. Wir sind aber heute schon einmal in die Notwendigkeit versetzt, gründlichst umzudenken, zu wirklich neuen Gedanken zu kommen. Mit den alten Gedanken läßt sich nicht mehr weiterleben. Mit den alten Gedanken kann es nur so sein, daß wenn die Menschen sie fortspinnen, die Welt ihnen über dem Kopf zusammenfallen muß. Daran hängt das Heil der Menschheit, daß die Menschen sich lossagen können von dem alten Denken und wirklich neues Denken wollen. Geisteswissenschaft ist neues Denken. Sie wird ja deshalb gerade so verpönt, weil sie im Grunde allen alten Denkgewohnheiten widerspricht. Nur die Menschen, die ein Empfinden haben von der Notwendigkeit, zu neuem Denken zu kommen, die werden für die Geisteswissenschaft im allgemeinen und auch für ihre Offenbarung in bezug auf einzelne Gebiete des Seelenlebens, wie zum Beispiel in bezug auf die soziale Frage eine volle Empfindung haben können.
[ 31 ] You see what a new form thinking must take, what a socialising of thought there must be to experience jointly with other men is the important thing for today. To most people this will seem distinctly strange. Today however we find ourselves compelled to make a fundamental change in our thinking, to come to really new thoughts. We are no longer able to live with the old thoughts. If men go on spinning these old thoughts, the world will simply tumble about their ears. The salvation of mankind depends on men being able to free themselves from the old thinking and really wish for new thinking. Spiritual Science is a new thinking. The very reason it is so shunned is that fundamentally it is at variance with the old habits of thought. It is only those men who perceive the necessity for a new thinking who will be able to have a true feeling for Spiritual Science generally, and also for its revelations concerning individual spheres of the life of soul, for example, concerning the social question.
[ 32 ] Und ein anderes noch macht das Ungesunde der gegenwärtigen Zeit aus: daß eigentlich im Unterbewußtsein die Menschen schon daran sind, anders zu denken, aber aus einem historischen Eigensinn heraus dieses im Unterbewußtsein sitzende andere Denken unterdrücken und dadurch die Strafe des unterdrückten Denkens erleiden. Die gegenwärtige geschichtliche Entwickelung ist ja vielfach eine Strafe für die eigensinnige menschliche Natur, die dasjenige, was in ihren Untergründen liegt, unterdrückt und sich künstlich an das hält, an was sie sich seit Jahrhunderten gehalten hat. Man sollte geradezu nicht die inkonsequenten, bequemen Denker, sondern die konsequenten Denker aus der abgelaufenen, abgestorbenen Zeitperiode nehmen, um an ihnen zu sehen, worin man sich geirrt hat. Charakteristisch für die abgestorbene Periode sind nicht die Denker, die jedes Konzessiönchen gemacht haben, sondern diejenigen, welche auf dem Standpunkt des Alten festgestanden haben. Als im österreichischen Herrenhause vor vielen Jahren einmal alle die Abstraktlinge und liberalen Fortschrittsmänner von Fortschritt und Liberalismus sprachen und all dem, wie man Religion umwandeln muß, damit sie den Anforderungen der neueren Zeit entspricht, nun kurz: was alle die braven, biederen Spießer, von Gladstone angefangen bis herüber zu den biederen parlamentarischen Spießern des Kontinents, immerzu, immerzu gesagt haben — da erwiderte der Kardinal Rauscher als ein ganz unmoderner, aber gerade im Alten feststehender Geistlicher: Die katholische Kirche kennt keinen Fortschritt, das was einmal wahr war, wird durch alle Zeiten wahr sein. Alles, was sich als Neuheit dagegen geltend machen will, hat keine Berechtigung. — Das war ein unmoderner, aber in sich vollendeter Geist der alten Zeit. Ebenso Pobedonoszew, der einzige, der in genialer, geistvoller Weise die ganze westliche Kultur der neueren Zeit verurteilt hat, weil sie im Grunde genommen nach seiner Ansicht zu nichts führen wird — sie konnte auch zu nichts führen. Die alte Ordnung, an die sich die moderne Bourgeoisie gewöhnt hatte, war nur aufrechtzuerhalten, wenn man die Welt so gestaltet glauben wollte, wie der Kardinal Rauscher und wie Pobedonoszew selbst sie gestaltet haben wollten. Hätte man die Welt wirklich nicht mit dem Wischiwaschi von Nikolaus II. ausstaffiert, sondern mit den starren Grundsätzen des Pobedonoszew, unser Krieg wäre selbstverständlich nicht gekommen. Nur ist das eine dagegen zu sagen: man hätte es mit den Ideen des Pobedonoszew nicht gekonnt, weil die Wirklichkeit andere Wege nahm als diese Ideen. Und worauf es nun ankommt, ist, der Wirklichkeit zu folgen, nicht indem man Konzessionen macht, nicht indem man sich so verhält, wie sich die meisten Geister im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts oder gar in den zwei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts verhalten haben, sondern indem man sich wirklich auch entschließt, etwas zu denken, was so verschieden ist von dem früheren Denken, wie die Verheerungen des Weltkrieges nach der anderen, der negativen Seite verschieden sind von dem, was bisher sich zugetragen hat. Von dem furchtbaren Unglück der Menschheit, von dem man immer wieder und wieder sagt, so etwas habe es noch nicht gegeben im Verlauf der Geschichte, sollte man jetzt wenigstens das lernen, daß man auch Gedanken fassen müsse, von denen man sagen kann: so etwas hat es ja noch gar nicht gegeben im Lauf der bisherigen Geschichte.
[ 32 ] Something else is making the present age unhealthy, namely that men have come to think differently in their subconscious, but out of historic obstinacy they suppress this different thinking sitting in their subconscious, and for this they will have to suffer the consequences. Present historical evolution is in many respects the punishment for man's obstinacy in suppressing what lies in his subconscious and clinging in an artificial way to what for centuries he has maintained. We should not take those thinkers who are illogical and love the easy way, we should take the logical thinker of the epoch that is past and gone and learn from him where we have gone astray. It is not the thinker who makes concessions who is characteristic of this period that is past, but the thinker who clings fast to the standpoint of what is old. When, many years ago in the Austrian Upper Chamber, all the lovers of abstraction and the advanced Liberals were speaking of progress and liberalism, and of how religion was to be transformed to suit modern demands—when they used the cliches of all those who take up the cudgels, from Gladstone down to the valiant parliamentarians of the continent—the following rejoinder was made by Cardinal Rauscher, a Churchman keeping fast to the old, with nothing modern about him. He said: The Catholic Church knows no progress; what was once true is true for all time; nothing opposing it in the way of innovation that claims validity, has any right to it!—This was no modern spirit but a finished product of bygone times. And the same is true of Pobedonosceff (Russian Jurist and Statesmen) the only man who in an intelligent way partaking of genius has condemned the whole modern culture of the west, because in his opinion it really led to nothing. It was only possible to uphold the old order to which the bourgeoisie of today have become accustomed if people were willing to believe the world to be formed as Cardinal Rauscher, and Pobedonosceff himself, would have it. Had the world not been fed on the twaddle of Nicolas II but with the stark Principles of Pobedonosceff, it goes without saying that the present war would not have taken place. But on the other hand there is this to be said: One could not have built on Pobedonosceff's ideas, because the reality went in another direction. And now it is a question of following the reality, not by making concessions, not by behaving in the way most spirits have behaved during the second half of the nineteenth century or in the first two decades of the twentieth, but by resolving to think something as different from the earlier thought as the devastation of the world war, in its other negative side, is different from what went before. From this terrible calamity, of which it is constantly said that there has never been anything like it in the course of history, we should learn to grasp thoughts of which we can say that there has never been anything like these in the course of history.
[ 33 ] Sie sehen, einen großen Entschluß zu fassen, obliegt einmal der Menschheit. Und was unbewußt aus Instinkten heraus diesen Entschluß zur Reife bringen will, ist im Grunde genommen das, was sich als Sozialismus geltend macht. Nicht früher wird die Welt aus dem Chaos herauskommen, bis eine genügend große Anzahl der Menschen zu dem materiellen Sozialismus den ideellen Spiritualismus hinzufügen wird. So hängen die Dinge heute einmal zusammen. Solange aber die Menschen noch nicht einmal so weit sind, daß sie das allernächste Wirkliche sehen, wenn es ihnen unmittelbar vor der Nase steht, so lange kann kein Heil ersprießen im geschichtlich-sozialen Werden der Menschheit. Dies sollte gewissermaßen die innere Seelenpraxis werden, die uns aus den Impulsen der Geisteswissenschaft heraus entsteht, meine lieben Freunde. Immer wieder und wiederum möchte ich versuchen, Sie auf diese innere Seelenpraxis hinzuweisen. Je stärker Sie empfinden, daß so etwas notwendig ist für unsere Zeit, wie ich es wiederum versuchte, in diesen heutigen Betrachtungen hinzustellen, desto richtiger werden Sie sich in derjenigen Geistesströmung bewegen, die belebt sein will von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft.
[ 33 ] Thus you see it is incumbent upon man to make a great resolution. What out of instinct will unconsciously bring this resolution to fruition makes itself felt as socialism. The world will never get out of chaos till a sufficient number of men combine material socialism with the socialism that is ideal and spiritual. This is the existing condition of things. Salvation cannot come to historical social evolution so long as man fails to reach the point of being able to see the immediate reality beneath his nose. This should become the inner practice, as it were, of the soul which can originate from the impulses of Spiritual Science. I should like to try to point you continually to this inner practice of the soul. The more strongly you feel the importance for our time of what I have been trying to put forward in these considerations, the more freely will you move in the spiritual stream which receives its life from the Spiritual Science of Anthroposophy.
[ 34 ] Davon wollen wir dann am nächsten Freitag weiter reden.
[ 34 ] Not translated
