Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen
GA 190
28 März 1919, Dornach
Vierter Vortrag
[ 1 ] Zunächst werde ich einiges vorzubringen haben, das scheinbar weniger mit den Auseinandersetzungen, die wir jetzt hier pflegen, zusammenhängt: mit den Auseinandersetzungen nämlich über die soziale Frage. Aber es wird sich morgen schon herausstellen, wie dieser Zusammenhang doch vorhanden ist. Ich habe das letzte Mal damit geschlossen, daß ich Ihnen gezeigt habe, aus welchen Gründen Kinder, die in den letzten Jahren, so seit 1912/1913 geboren werden, mitbringen aus ihrem geistigen Leben vor der Geburt, man könnte sagen, eine gewisse ‚Abneigung, in dasjenige sich hineinzuleben, was sie durch die unmittelbaren oder mittelbaren Vorfahren der letzten Jahrhunderte hier auf der Erde vorfinden wie ein Kulturerbgut. Ich habe Ihnen gesagt, daß unter den konkreten Erfahrungen, die man über die geistige Welt machen kann, die ist, daß eine Art Begegnung stattfindet in der geistigen Welt zwischen den Seelen derer, welche jüngst verstorben sind, die also durch die Pforte des Todes hinauf in die geistige Welt zurückkehren, und jenen Seelen, die sich eben anschicken, den irdischen Schauplatz wiederum zubetreten. Welche Zusammenhänge die Menschen gehabt haben mit der geistigen Welt, bevor sie gestorben sind, das wirkt sehr stark nach, wenn die Menschen durch die Todespforte gegangen sind. Das hat insbesondere eine große Bedeutung für unsere Zeit. In unserer Zeit sind nur wenige atavistische Gefühle im Menschen noch vorhanden, die ihn zusammenhängen lassen mit der geistigen Welt. Daher bekommt er Impulse, die er dann hinauftragen kann, nachdem er durch die Todespforte eingetreten ist in diese geistige Welt, nur dann, wenn er sich bewußt in Vorstellungen mit der geistigen Welt befaßt. Es ist schon einmal heute ein größerer Unterschied zwischen solchen Verstorbenen, die von irgendwoher Ideen bekommen haben über die geistige Welt, Ideen, die in wirklicher Gedankenform sind, und solchen Persönlichkeiten, die lediglich in den Vorstellungen unserer materialistischen Kultur gelebt haben. Es ist ein großer Unterschied zwischen diesen Seelen im nachtodlichen Leben, und namentlich empfinden stark diesen Unterschied die Seelen, welche sich eben anschicken, wiederum auf die Erde herunter zur Verkörperung zu kommen.
[ 2 ] Nun wissen Sie ja, daß im Lauf der letzten Zeit, bis in das 20. Jahrhundert herein, die materialistischen Neigungen, das materialistische Denken und Empfinden auf der Erde immer intensiver und intensiver geworden sind. Die Menschen, die also durch die Todespforte in die geistige Welt hinaufkommen, haben wenig Impulse, die gewissermaßen, wenn ich mich so ausdrücken darf, sympathische Erwartungen erwekken für ihren Erdenaufenthalt bei denen, die nun heruntersteigen wollen auf die Erde.
[ 3 ] Das hatte seine Kulmination im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts erreicht. Und so kamen diejenigen Kinder, die im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts geboren waren, mit einer starken geistigen Antipathie gegen dasjenige, was hergebrachte Kultur, hergebrachte Bildung war, auf der Erde an. Dieser Strom von Impulsen, der da mit diesen jüngstgeborenen Kindern auf die Erde hereinkam, der hat mächtig dazu beigetragen, auf der Erde die Neigung hervorzurufen, diese alte Kultur, diese Kultur der kapitalistischen und technischen Zeit wegzuwischen, wegzufegen. Und wer in der rechten Weise in der Lage ist, einzugehen auf den Zusammenhang zwischen der physischen und der überphysischen Welt, der wird nicht mißverstehen, wenn gesagt wird, daß, was in den Herzen und Seelen unserer jüngsten irdischen Mitbürger lebt an Begierde nach einer spirituellen Kultur, wesentlich mitgewirkt hat an demjenigen, was in den letzten Jahren auf der Erde sich ereignet hat. Sehen Sie, meine lieben Freunde, das ist gewissermaßen, wenn ich sagen darf, die Lichtseite der traurigen, der fürchterlichen Ereignisse der letzten Jahre. Es ist deshalb eineLichtseite, weil es zeigt, daß das Furchtbare, das angerichtet worden ist, wenn man sich so ausdrücken darf, wegen der Versumpftheit des materialistischen Zeitalters, vom Himmel gewollt worden ist und als Botschaft heruntergeschickt worden ist durch das Unterbewußte der jüngstgeborenen Kinder. Das ist der Seelenausdruck, der ein ganz anderer ist bei den allerjüngsten Kindern, als bei denjenigen, die etwa im 19. oder im Anfange des 20. Jahrhunderts geboren worden sind. Und es wird schon notwendig sein, daß sich die Menschheit auf solche feineren Beobachtungen einrichtet. Heute ist die Menschheit stolz auf ihren praktischen Sinn. Aber wo sich dieser praktische Sinn betätigen sollte im wirklichen Lebensbeobachten, da wird über alles hinweggesehen, da wird über alleshinweggeredet und hinweggedacht. Den melancholischen Ausdruck, der sich auf zahlreichen jüngsten Kindern, Kinderantlitzen zeigt seit fünf bis sechs Jahren, den bemerken heute die Menschen wenig. Würden sie ihn bemerken, so würden sie daraus den Impuls schöpfen — schon daraus —, daß eine mächtige soziale Bewegung Platz greifen muß.
[ 4 ] Aber man muß eben sich aneignen den Sinn für den Blick, für die Physiognomie, die der Mensch trägt in den allerjüngsten Jahren seines Erdendaseins; dazu ist allerdings notwendig, daß die Menschen diesen Sinn ausbilden. Nun kann viel von diesem Sinne ausgebildet werden, so grotesk es heute für manchen sich noch ausnehmen mag, wenn das gesagt wird, wenn man sich ein wenig — aber nun nicht bloß, indem man auf Sensation ausgeht, sondern indem man mit der Seele dabei ist — einläßt auf dasjenige, was eigentlich die Eurythmie will. Sie werden gleich sehen aus welchem Grunde.
[ 5 ] Wer heute in der Lage ist, durch seine okkulte Erfahrung mit den Toten zu verkehren, der bemerkt sehr bald — man verkehrt mit den Toten ja durch Gedanken —, daß sehr viele Gedanken, durch die man sich selber mit den Toten verständigen will, von diesen Toten nicht verstanden werden. Viele von den Gedanken der Menschen hier auf Erden, von den Gedanken, an die sich die Menschen gewöhnt haben, klingen für die Toten — Sie müssen das natürlich entsprechend nehmen, ich rede von Gedankenverkehr mit den Toten —, wie eine unverständliche, eine fremde Sprache. Und wenn man näher auf dieses ganze Verhältnis eingeht, so findet man namentlich, daß Verben, Zeitwörter, auch Präpositionen und vor allen Dingen Interjektionen von den Toten verhältnismäßig leicht verstanden werden, Substantiva, Hauptwörter hingegen fast gar nicht. Die bilden sozusagen im Sprachverstehen der Toten eine gewisse Lücke. Da versteht der Tote nimmer, wenn man viel in Hauptwörtern mit ihm sprechen will. Und man merkt, wenn man versucht, das Hauptwort in ein Verbum umzusetzen, daß er dann anfängt zu verstehen. Wenn Sie zum Beispiel zu einem Toten sagen: Der Keim für irgend etwas —, so bleibt ihm das Wort «der Keim» in den meisten Fällen unverständlich, ja, es ist, als ob er überhaupt nichts hörte. Wenn Sie sagen, etwas keimt, wenn Sie also «der Keim» verwandeln in das Verbum: etwas keimt —, dann fängt er an zu verstehen.
[ 6 ] Woran liegt das? Sie kommen darauf, daß das durchaus nicht an dem Toten liegt, sondern das liegt an einem selbst. Das liegt an dem Menschen, der mit dem Toten spricht, und zwar aus dem Grunde, weil die heutigen Menschen seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, wenigstens für alle mittel- und westeuropäischen Sprachen — es ist um so mehr der Fall, je weiter man nach Westen kommt —, verloren haben für die Substantiva das lebendige Bildgefühl, was das Substantive ausdrückt: es ist so irgend etwas Nebuloses, was nur eigentlich im Verständnis anklingt, wenn der Mensch heute ein Substantivum sagt; die wenigsten Menschen denken überhaupt noch etwas Wirkliches, wenn sie in einem Substantivum sprechen. Wenn sie dann das Substantivum in ein Verbum verwandeln müssen, dann sind sie innerlich gezwungen, ein bißchen konkreter zu denken. Wenn einer sagt «der Keim», so werden Sie in den meisten Fällen, insbesondere wenn er in abstrakten Reden redet, nicht finden, daß er sich konkret irgendeinen Pflanzenkeim, etwa eine keimende Bohne, irgendwie noch im Bilde vorstellt; er stellt sich etwas ganz Nebuloses im Bilde vor, so irgend etwas im Prinzip. Wenn Sie sagen «was keimt», oder «dasjenige, welches keimt», so sind Sie wenigstens gezwungen, dadurch daß Sie die Verbalform haben, an das Herauskommen zu denken, also doch an irgend etwas, das sich bewegt. Das heißt: Sie gehen aus dem Abstrakten ins Konkrete hinein. Dadurch, daß Sie selbst aus dem Abstrakten ins Konkrete hineingehen, beginnt der Tote Sie zu verstehen. Aber die Menschen werden genötigt werden, weil aus Gründen, die ich hier oftmals angeführt habe, die lebendigen Zusammenhänge zwischen den hier auf der Erde lebenden und den durch die Pforte des Todes gegangenen, unverkörperten Seelen immer enger und enger werden müssen, weil die Impulse der Toten immer mehr und mehr hereinwirken müssen auf die Erde, allmählich in ihre Sprache, in ihr Sprechen und damit in ihr Denken etwas aufzunehmen, welches vom Abstrakten ins Konkrete herüberführt. Das muß geradezu ein Bestreben der Menschen werden, wiederum bildhaft, imaginativ zu denken, wenn gesprochen wird.
[ 7 ] Nun frage ich Sie: Wie viele Menschen denken zum Beispiel konkret, wenn sie, sagen wir, lesen von einer Gerichtsverhandlung, wo Richter waren, die gerichtet haben, Urteile gesprochen haben, also die richterliche Tätigkeit ausübten? Wo in aller Welt wird konkret gedacht, wenn irgend jemand das Hauptwort ausspricht, das Substantivum «das Recht»? Stellen Sie sich nur einmal diese schattenhafteste Abstraktheit vor, die in den Köpfen vorhanden ist, wenn vom Recht gesprochen wird, wenn «rechten», «das Richtige» in der Sprache zum Ausdruck kommt? Was ist denn eigentlich, rein sprachlich genommen, das Recht? Wir haben jetzt viel gesprochen davon, daß der Staat vor allem ein Rechtsstaat sein soll. Was ist denn rein so für sich genommen das Recht? Es bleibt für die meisten eine ganz schattenhafte Vorstellung, eine Vorstellung, die in Abstraktionen wüstester Art spielt. Wie können Sie denn zu einer konkreten Vorstellung vom Recht kommen? Wollen wir da einmal im einzelnen Fall die Sache durchgehen.
[ 8 ] Sie haben schon gehört, daß man gewisse Menschen linkisch nennt. Was sind linkische Menschen? Sehen Sie, was wir mit der linken Hand auszuführen versuchen, wenn wir nicht gerade Linkshänder sind, das tun wir gewöhnlich ungeschickt, da sind wir nicht anstellig dazu. Wenn jemand sich in seinem ganzen Leben so verhält, wie man sich selber verhält, wenn man etwas mit der linken Hand tut, so ist er linkisch. Es liegt der Bezeichnung «linkisch» die ganz konkrete Vorstellung zugrunde: Der macht alles so, wie ich es mache, wenn ich etwas mit der linken Hand tue; nicht irgendeine wüste Abstraktheit, sondern das ganz Konkrete: Der verhält sich so, wie ich mich in den Fällen verhalte, wo ich etwas mit der linken Hand mache. Daraus entsteht, konkret aufgefaßt, ein Gefühlsgegensatz zwischen dem Linkischen und dem Rechtsischen, demjenigen, was man mit der rechten Hand macht und dem, was man mit der linken Hand macht. Und das, was rechtsisch ist, das wird im Substantivum «das Recht». Das Recht ist einfach ursprünglich dasjenige, was so geschickt für die Wirklichkeit gemacht wird, wie das, was man mit der rechten und nicht mit der linken Hand macht.
[ 9 ] Da haben Sie schon etwas Konkretheit in die Sache hineingebracht. Jetzt aber stellen Sie sich einmal vor — Sie brauchen sich es ja nur an der Uhr vorzustellen, aber es gibt zahlreiche andere Fälle, wo man Ähnliches tun könnte —, Sie werden in der Regel nicht, wenn Sie eine Uhr zu richten haben, mit der linken Hand drehen, sondern mit der rechten Hand: da richten Sie die Uhr. Dieses Drehen von links nach rechts, das man mit der rechten Hand macht, das ist das konkrete Richten, Rechten. Man sagt sogar «zurechtrichten». Da haben Sie die konkrete Vorstellung des von links nach rechts im Kreisegehens, des Zurechtsetzens. Das ist richten. Einer der nach links abgeirrt ist, wohin er nicht sollte, den setzt der Richter zurecht.
[ 10 ] Durch solche Dinge kommen Sie darauf, konkrete bildhafte Vorstellungen mit dem Worte noch zu verbinden. Sehen Sie, solche bildhafte Vorstellungen waren mit den Worten bis ins 15. Jahrhundert bei allen Menschen noch verknüpft. Dieses bildhafte Vorstellen ist erst abgeworfen worden. Dazu muß man sich wiederum zurückbändigen, zu diesem bildhaften Vorstellen. Denn der Tote versteht nur dasjenige, was noch bildhaft in der Sprache drinnen klingt. Alles das, was — wie es beim heutigen Sprechen zumeist der Fall ist nicht mehr bildhaft klingt, was nicht mehr bildhaft formuliert ist, so daß bei dem Betreffenden eine bildhafte Vorstellung sitzt, das ist für die Toten unverständlich.
[ 11 ] Wenn Sie die Sache weiter überlegen, dann werden Sie sehen, daß bei allem Umsetzen ins Bildhafte eigentlich das Substantivische zuerst verlorengeht. Das geht alles ins Verbale, ins Zeitwortgemäße über, oder wenigstens geht es in etwas so über, daß man genötigt ist, bildhafte Vorstellungen zu entwickeln. Wenn man heute einen solchen Stil entwickelt, daß überall bildhafte Vorstellungen zugrunde liegen, dann bekommt man in der Regel zur Antwort: Die Leute verstehen das nicht, das ist schwer verständlich. Aber wer es ehrlich meint mit unserer Zeit, der strebt bewußt einen solchen Stil an, der vorgestellt werden kann durch und durch in Bildern. Ich habe jetzt in der Broschüre, die über soziale Fragen erscheint — selbst da, wo man so sehr gedrängt ist zu Abstraktionen, weil die Gegenwart, da wo über die soziale Frage diskutiert wird, fast nur noch Abstraktionen zutage fördert —, selbst da habe ich angestrebt, möglichst so zu stilisieren, daß die Dinge in Bilder umgesetzt werden können. Gerade bei den heutigen Redereien über die soziale Frage ist das Abstraktionsvermögen zum Alleräußersten getrieben. Und die Menschen haben sich allmählich angewöhnt, die Worte gewissermaßen wie Redemünzen hinzunehmen, bei denen sie ganz und gar nicht mehr an irgend etwas konkret Bildliches denken. Lesen Sie heute eine soziale Broschüre oder ein soziales Buch: da können Sie nur zurechtkommen, wenn Sie sich jahrelang hineingewöhnt haben in dasjenige, was gemeint ist, denn nur auf dem konventionellen Gebrauch der Worte beruht eigentlich der ganze Sinn solcher Reden. Wer fühlt heute, wenn er von «Besitzenden» spricht, daß dieses Wort einen gewissen Zusammenhang hat mit besessen sein! Und dennoch, der Sprachgenius, der, wie ich oftmals bemerkt habe, viel, viel bedeutender ist als dasjenige, was das einzelne menschliche Individuum denken und sprechen kann, der hat unzählige Beziehungen geschaffen, welche von dem Individuum nur entdeckt zu werden brauchen, um wiederum hineinzukommen in ein gewisses geistiges Leben. Und gerade wenn wir uns bestreben, hinter jedem Substantivum sein Verbum zu suchen, und geradezu übungsgemäß nicht immer vom Licht und vom Schall sprechen, sondern von dem sprechen, was leuchtet, und von dem, was schallt, und dann uns genötigt finden, immer mehr und mehr auf Wesenhaftiges einzugehen gegenüber dem Nichtwesenhaften, dann kommen wir auf eine Bahn, die in dieser Beziehung heilsam sein kann.
[ 12 ] Viel besser als das Substantivum ist schon das Adjektivum. Viel konkreter ist es, wenn ich sage: Wer fleißig ist —, als wenn ich einfach sage: Der Fleißige. — Aber «der Fleißige» ist schon wiederum viel konkreter, als wenn ich gar das furchtbare Gespenst — der Tote empfindet es nämlich als ein furchtbares Gespenst — «der Fleiß» zitiere. Wenn Sie sagen: das Wie, das Was — Goethe prägt einmal den schönen Satz: Das Was bedenke, mehr bedenke Wie —, dann ist das für den Toten deshalb eine lebendige Sprache, weil Sie selbst genötigt sind, indem Sie substantivisch solche Worte gebrauchen wie Was und Wie, konkret zu fühlen. Wenn Sie heute sagen: Ich stehe aus Prinzip auf einem gewissen Standpunkte —, dann haben Sie für den Toten zwei Gespenster zitiert, erst das «Prinzip», denn kaum ein Mensch denkt sich heute bei Prinzip etwas Konkretes, zweitens: «Standpunkt.» Dieses Gespenst «StandPunkt» ist ja in unserer Sprache und in allen westeuropäischen Sprachen schon so korrumpiert, daß man, wenn einer spricht, meistens schon das Allerwichtigste wegläßt. Sogar die Setzer korrigieren einen manchmal! Wenn ich in einem Manuskript schreibe: Wenn man von einem Standpunkte aus etwas sieht —, dann korrigiert der Setzer das «aus» zumeist heraus, und man muß es in der Korrektur wieder einsetzen; denn die Leute haben sich gewöhnt, den Unsinn zu sagen: Wenn man von einem Standpunkte etwas sieht. — Man kann, wenn man konkret spricht, nur sagen: Wenn man von einem Standpunkte aus etwas sieht dadurch wird eine Konkretheit hineingelegt. Aber wenn man von einem Standpunkte etwas sieht — da ist höchstens für den, der konkret spricht, die Vorstellung möglich, sich vorzustellen, daß man von dem Punkt etwas sieht, worauf der steht: ein Stückchen von dem Punkt. Na, ein Stückchen von dem Punkt ist schon an sich schwer vorzustellen, nicht wahr?
[ 13 ] Sehen Sie, diese Dinge sind außerordentlich wichtig und bedeutsam, denn sie weisen auf die Intimitäten der Beziehungen zwischen der sinnlichen und der geistigen Welt hin. Diese Dinge geben viel mehr eine Vorstellung über die Beziehungen des Sinnlichen und des Übersinnlichen, als das meiste, was in abstrakten Worten heute darüber geprägt wird. Gehen Sie einmal diejenige geisteswissenschaftliche Literatur durch, die ich versucht habe zu schreiben, und prüfen Sie sie auf ihre Methode hin. Das ist eine Prüfung, die wahrscheinlich bis heute die wenigsten Menschen vollzogen haben, denn immer ist die Methode eingeschlagen, daß eigentlich das eine durch das andere erklärt wird, daß immer die Dinge aufeinander hinweisen. Und ein wirkliches Geistesverständnis kann man auf gar keine andere Weise hervorrufen, als daß ein Ding immer auf anderes hinweist. Nehmen Sie nur einmal das Wort «Geist»! Geist, Geist, Geist — glaubt heute jeder immer sprechen zu müssen, der über den Materialismus hinweg sein will. Nehmen wir «Geist» in der deutschen Sprache. In der lateinischen trägt es ja einen noch mehr konkreten Charakter: Spiritus — aber, nicht wahr, das ist etwas, was die meisten Menschen nicht sehr stark zum Geiste hinführen wird, nach dem, was man unter «Geist» versteht, und wenn Sie dann nachdenken darüber, so wird die Sache sehr abstrakt, weil Sie sich doch nicht vorstellen können einen «Spiritus», nicht wahr? Das ist aber die konkrete Vorstellung, die zugrunde liegt. Aber, was ist «Geist»? Die meisten Menschen stellen sich ja, wenn sie sich den Geist vorstellen — ich habe das oft getadelt — eine sehr, sehr dünne Materie nur vor, so einen recht dünnen Nebel, und wenn sie irgendwo vom Geiste sprechen wollen, reden sie von «Vibrationen». Ich habe früher oft gehört, nicht gerade in theosophischen Versammlungen, aber bei theosophischen Tees, daß die Leute gesagt haben: Da sind so gute Vibrationen! — Ich weiß nicht, wie sie das meinten, aber jedenfalls ist ja auch das ein sehr materieller Vorgang, den man hineinphantasiert in den Raum. Das Wort «Geist», «Gischt», «Geischt», «Geschti» ist ja so etwas wie Dampf, der heraus-gischt aus irgendeiner Öffnung; das würde die konkrete Vorstellung sein. Aber in unserer heutigen Zeit, in dem fünften nachatlantischen Kulturzeitalter, kann man auf diese Weise gar nicht zu irgendeiner konkreten Vorstellung über den Geist kommen; das ist ja rein unmöglich. Denn, nicht wahr, entweder bleiben Sie bei irgendeiner schattenhaften Abstraktion stehen, die Sie mit dem Worte «Geist» verbinden, oder Sie sind genötigt, an Spiritus, an Weingeist zu denken; bei einem «begeisterten Menschen» werden Sie dann zu einer kuriosen Vorstellung kommen. Oder aber Sie denken an Gischt, Geischt, an etwas, was aus irgendeinem Spalt, in dem sich ein Ventil öffnet, heraus-gischt. Da würden Sie zu dem Konkreten kommen.
[ 14 ] Nun wird in der Methode, die hier in dem anthroposophischen Betrieb der Geisteswissenschaft eingeführt ist, versucht, durch die gegenseitigen Bedingungen der Vorstellungen, auf die angespielt ist, diese ins Konkrete allmählich überzuführen. Denken Sie doch, daß nur auf der einen Seite davon gesprochen wird, der Mensch zerfalle in physischen Leib, Ätherleib, Astralleib, Empfindungsseele, Verstandesseele, Bewußtseinsseele; und dann tritt «Geist» auf: Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch. Es wird mit vollem Bewußtsein nur angeschlagen, da davon überhaupt die meisten, welche die Sache anhören, noch keine konkreten Vorstellungen bekommen können. Dann aber folgt sehr bald darauf, daß den Leuten gesagt wird: Betrachtet den Lebenslauf eines Menschen: von der Geburt bis zum siebenten Jahre, bis zum Zahnwechsel, ist vorzugsweise der physische Leib in Tätigkeit, dann bis zum vierzehnten Jahre der ätherische Leib, dann der Empfindungsleib, dann vom einundzwanzigsten bis zum achtundzwanzigsten Jahre die Empfindungsseele, dann in den Dreißigerjahren die Verstandes- oder Gemütsseele und so weiter. Damit wird der Mensch darauf hingewiesen: Beobachte äußerlich an dem konkreten Menschen, der sich durch seinen Lebenslauf hin entwickelt, welche Verschiedenheiten auftreten. Siehst du einen Menschen mit seinen besonderen Eigentümlichkeiten an, der im Anfang der Zwanzigerjahre ist, so seien dir diese Eigentümlichkeiten Symptome für dasjenige, was du vorzustellen hast, wenn der Ausdruck «Empfindungsseele» gebraucht wird. Siehst du ein Kind mit seiner Eigentümlichkeit, alles das zu tun, was der Große tut, durch die Hülle des Leibes zu leben, dann bekommst du in der Art, wie das Kind sich gebärdet, eine Vorstellung davon, was man eigentlich unter «physischem Leib» versteht. Und siehst du einen alten Menschen mit grauen Haaren und runzeligem Gesicht, wo die Materie bemerklich welkt, und du beobachtest ihn in seinen Bewegungen, in der Art und Weise, wie er sich darlebt, dann siehst du nicht mehr wie beim Kinde, wie sich da etwas, das ja in ihm ist, vorzüglich durch die Hülle darlebt, sondern du siehst in dem Greise wirksam dasjenige, was sich schon beginnt loszulösen vom physischen Leib. Beobachte den Greis: du wirst an seinen Gebärden, an der Art seines Verhaltens allmählich aufsteigen zu einer Vorstellung vom Geiste. Wenn du den Greis vergleichst mit dem Kinde und die Gebärde des Greises vergleichst mit den kindlichen Imitationsgebärden, dann erweckt sich in deiner Seele ein Gefühl des Unterschieds zwischen Geist und Materie. — Denken Sie, wie da der Bildlichkeit, dem imaginativen Vorstellen geholfen wird. Da wird der Mensch darauf hingewiesen: Stelle dir konkret den Lebenslauf eines Menschen vor und empfinde an diesem Lebenslauf etwas, dann füllen sich deine sonstigen abstrakten Worte mit konkreten Inhalten an.
[ 15 ] Und wiederum wird versucht, auf alle mögliche Weise zu zeigen, wie die Menschheit als solche immer jünger und jünger geworden ist, wie wir jetzt siebenundzwanzig Jahre alt sind, das heißt, wie unsere Kultur darin besteht, daß wir siebenundzwanzig Jahre alt sind als Menschheit. Wenn Sie das vergleichen mit dem, was Sie wissen können von früheren Kulturperioden, was Sie erhoffen können von späteren Kulturperioden, so unterstützt Ihnen das wiederum das bildliche Vorstellen. Vergleichsweise, beziehungsweise Vorstellungen bilden, das ist etwas, wodurch Sie vorschreiten vom Abstrakten zum Konkreten und dahin gelangen, die Abstraktionen allmählich überhaupt nicht mehr als Abstraktionen gelten zu lassen, sondern ins Konkrete überzuführen, den Sprachgenius zu belauschen.
[ 16 ] Da müßte nun wirklich heute die Schule zu Hilfe kommen demjenigen, was eine große Kulturaufgabe ist. Übungen müßten in der Schule angestellt werden in diesem Konkretmachen der Vorstellungen, damit der Mensch anfange, wenn er etwas spricht, sich in dem Sprechen drinnen zu fühlen, im Sprechen in der Welt sich zu fühlen. Nehmen Sie zum Beispiel an, ich habe etwas auf die Tafel geschrieben. Irgend jemand sagt einem: Das begreife ich nicht. — Denken Sie an die schattenhaften Abstraktionen, die Sie manchmal in Ihrem Gemüte haben, wenn Sie sagen: Das begreife ich nicht. — Konkret würden die nämlich werden, wenn Sie sich vorstellen wollten, Sie wollten das begreifen, hin-greifen, doch Sie begreifen es nicht, Sie bleiben zurück, Sie kommen nicht an die Sache. — Aber da müßten Sie mit Ihren Händen das vorstellen. Versuchen Sie das gerade bei den wichtigsten Worten, was werden Sie dann tun? Sie werden eigentlich im Geiste Eurythmie treiben! Wenn Sie nämlich konkret sprechen, so treiben Sie im Geiste Eurythmie. Sie können gar nicht anders, als im Geiste Eurythmie treiben. Und derjenige, der in solchen Dingen lebendig drinnensteht, der empfindet die meisten heutigen Menschen — verzeihen Sie — als schreckliche Faulpelze, als Menschen, die eigentlich immer herumgehen mit den Händen in den Hosentaschen und sich nicht bewegen wollen und dann reden. Denn abstrakt vorstellen, das ist, geistig empfunden, die Hacken und auch die Fußspitzen zusammenmachen, die Hände in die Hosentaschen tun und alles so einzwängen in sich, wie man nur kann! So redet der heutige Mensch. Die Konkretheit fortlassen aus den Vorstellungen: das heißt nämlich «latsch» sein! Aber so sind die meisten heutigen Menschen. Die Menschen müssen innerlich wieder beweglich werden, das heißt, sie müssen sich mitfühlen mit der Welt. Selbst diejenigen, die das tun, die tun es manchmal nur unbewußt. Man kennt Menschen, wenn sie über etwas nachdenken, so machen sie es mit dem Finger an der Nase. Daß dies aber eine ganz konkrete eurythmische Vorstellung ist für das Sich-stark-fühlen-Wollen, um etwas zu entscheiden, dessen werden sich die Menschen gar nicht bewußt. Die Menschen denken ja heute nicht einmal darüber nach, warum sie eine rechte und eine linke Hand haben, oder warum sie zwei Augen haben. Und in den gelehrten Büchern stehen namentlich über das Sehen mit den zwei Augen die allertollsten Dinge, die eigentlich gar nichts erklären. Hätten wir nämlich nicht zwei Hände, so daß wir die linke mit unserer rechten angreifen könnten, so könnten wir nie eine ordentliche Ich-Vorstellung haben. Nur daß wir Gleiches mit Gleichem von rechts nach links angreifen, dadurch wird die Ich-Vorstellung allmählich in der rechten Weise möglich. Und geradeso wie wir mit der rechten Hand die linke zur Kreuzung bringen können, wie wir uns selber empfinden und erstaunt sind über unser Empfinden, über das, daß wir uns empfinden, so kreuzen wir auch die Augenachsen. Die sind nur nicht so sichtbar gekreuzt wie die beiden Hände. Und damit wir kreuzen können, haben wir zwei Augen, aus demselben Grund, warum wir zwei Hände respektive Arme haben.
[ 17 ] Das ist, was man sich vor Augen führen muß, wenn man die intimeren Notwendigkeiten der menschlichen Entwickelung von der Gegenwart in die Zukunft ins Auge fassen will: diese Notwendigkeit, in die Sprache dasjenige aufzunehmen, was der Sprache heute fehlt. Und weil es fehlt, schließt sich der Mensch ab von der ganzen Welt, in der er ist zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Deshalb wird immer ermahnt, wenn man eine Verbindung herstellen will mit einem Toten, nicht einfach mit ihm in Wortvorstellungen zu sprechen, denn das führt nicht zu viel, sondern irgendeine konkrete Situation zu denken: So hast du neben ihm gestanden, seine Stimme hast du gehört, das hat dich in der Empfindung mit ihm zusammengeführt —, ganz konkret sich die Situation und alles, was dabei vorgekommen ist, zu denken, das verbindet mit dem Toten. Denn die Menschen brauchen heute die Sprache in einem Sinn, durch den sie geradezu von der Welt der Toten abgeschlossen werden; der Sprachgenius ist zum größten Teil eben gestorben und muß wiederum verlebendigt werden. Da muß wahrscheinlich vieles fallen, was die Leute heute gewöhnt sind, als Sprachfügungen und dergleichen zu haben! Das ist es, worauf vieles, vieles ankommt, meine lieben Freunde. Denn nur dadurch werden wir — was ich schon einmal hier erwähnte als notwendig für die zukünftige Entwickelung — in das imaginative Vorstellen wieder hineinkommen, indem wir wirklich versuchen, dem Sprachgenius abzulauschen, was den Worten Konkretes zugrunde liegt. Da werden wir überhaupt die vertrackte Abstraktion allmählich losbekommen.
[ 18 ] Und etwas anderes wird eintreten. Heute fühlt der Mensch eine ungeheure Befriedigung, wenn er in Abstraktionen denken kann, wenn er loskommt von der Wirklichkeit, die für ihn die sinnliche Wirklichkeit ist. Aber er kommt eigentlich dadurch nur in lauter Vorstellungslöcher hinein, wenigstens für den Toten sind sie Vorstellungslöcher. Und wenn heute die Leute von Geist, Geist, Geist sprechen, so sind das ebenso viele Vorstellungslöcher, denn die Menschen stellen sich nichts Konkretes vor. Die meisten Gedanken sind heute Abstraktionen. Je weiter man nach dem Osten geht — sagen die Europäer —, um so bildhafter wird die Sprache. Das ist es gerade, warum die Sprache geistverwandter ist, je weiter man nach Osten kommt: Weil sie bildhafter ist. In Abstraktionen sprechen sollte nämlich gar nicht wegführen vom sinnlich-konkreten Vorstellen, sondern es sollte das sinnlich-konkrete Vorstellen nur durchleuchten. Aber denken Sie nur einmal: Haben viele oder werden viele von Ihnen an das Konkrete desjenigen Satzes gedacht haben, den ich jetzt ausgesprochen habe: Die sinnlich-wirklichen Vorstellungen sollen durch die Abstraktionen durchleuchtet werden? — Sie müssen sich also die sinnlich-konkreten Vorstellungen dunkel vorstellen, eine Finsternis; in die wird durch die Abstraktion hineingeleuchter. Also indem wir den Satz aussprechen: In unsere konkreten Vorstellungen wird durch die Abstraktion hineingeleuchtet —, denken wir uns Lichtstrahlen in einen dunklen Raum hineinfallend, der womöglich blauschwarz ist, während das Hineinfallende gelblich hineinstrahlt. Indem ich den Satz ausspreche: In unsere konkreten sinnlichen Vorstellungen leuchten die Abstraktionen hinein —, habe ich einen dunklen Raum im Geiste, in den helle Lichtstrahlen hineinfallen (siehe Zeichnung). Bei wie vielen Menschen ist das heute der Fall, daß wirklich in ihrem Gemüte solch ein Bild lebt? Sie sprechen das Wort «durchleuchten» aus, ohne daß sie die konkrete Vorstellung in dem, was sie geistigen Sinn nennen, irgendwie noch haben. Aber darauf kommt es an, daß wir nicht nur das Konkrete, das Sinnliche anders vorstellen, wenn wir zur Abstraktion übergehen, sondern daß wir eine Empfindung haben von diesem Andersvorstellen! Diese Empfindung können wir uns aneignen, wenn wir gerade das Boryilimische anschauen; denn da komm durch ein:anderes Mittel, das weniger abgebraucht ist, durch das Mittel der Gebärde dasjenige, was in den Worten liegt, zum Ausdruck. Und die Menschen können sich wieder zurückfinden zu dem bildlichen Vorstellen.
[ 19 ] Es ist wenigen Menschen bewußt, daß eine Handstreckung ein wirkliches I ist, weil sie nicht wissen, wenn sie I aussprechen und dieses I mit einer konkreten Vorstellung verknüpft ist, daß sie etwas strecken in ihrem Ätherleib. Aber Sie kommen allmählich darauf, daß Sie etwas strecken in Ihrem ätherischen Leib, wenn Sie I aussprechen, wenn Sie eben dieselbe Bewegung in der Eurythmie beobachten. Das ist also keine willkürliche Sache, die jetzt hereingetragen wird, sondern es ist tatsächlich eine Sache, die mit unserer Kulturentwickelung außerordentlich stark zusammenhängt.
[ 20 ] Sehen Sie, es ist wichtig, dies zu begreifen. Wir haben jetzt den fünften nachatlantischen Zeitraum; dann haben wir noch vor uns den sechsten und siebenten bis zu einem großen Einschnitt in der Menschheitsentwickelung. Während dieses fünften nachatlantischen Zeitraums müssen die Sprachen wiederum zurückkehren zur Konkretisierung, zum bildhaften Vorstellen. Nur auf diese Weise können wir die Aufgabe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums wirklich erfüllen. Nun werden die Sprachen um so weniger zurückkehren zum bildhaften Vorstellen, je mehr der Staat das geistige Leben unterjochen wird. Je mehr Schulen und Geistesbetriebe verstaatlicht worden sind in den letzten Jahrhunderten, desto abstrakter ist das ganze Leben geworden. Erst das auf sich selbst gebaute Geistesleben wird diese notwendige Verbildlichung des geistigen Wesens des Menschen herbeiführen können, die herbeigefürt werden muß. Innerhalb dieser Bestrebung werden Dinge auftreten im Laufe des fünften nachatlantischen Zeitraums, die sehr störend eingreifen werden in die spirituellen Bestrebungen. Während dieses fünften nachatlantischen Zeitraums wird jeder Mensch sich nur richtig empfinden, der sich denken kann in der Situation: Du bist stehend in der Welt, du mußt dir bewußt sein, daß du auf der einen Seite immerfort nahekommst luziferischer Wesenheit, auf der anderen Seite nahekommst ahrimanischer Wesenheit (es wird gezeichnet). Dieses lebendige Gefühl, in diese Trinität hineingestellt zu sein als Mensch, das muß die Menschen während des fünften nachatlantischen Zeitraums immer mehr und mehr durchdringen; dadurch kommen sie über die großen Gefahren dieses fünften nachatlantischen Zeitraums hinaus. Die mannigfaltigsten Menschencharaktere werden auftreten während dieses fünften nachatlantischen Zeitraums: Da werden Idealisten sein, da werden Materialisten sein. Aber die Idealisten, die werden immerfort vor der Gefahr stehen, daß sie mit ihren Vorstellungen in luziferische Regionen hineinkommen, daß sie Schwärmer, Phantasten, Schwarmgeister, Lenine, Trotzkijs werden, ohne wirklichen Boden unter den Füßen; mit ihrem Willen können sie leicht ahrimanisch werden, despotisch, tyrannisch. Was ist eigentlich für ein Unterschied zwischen einem Zaren und einem Lenin? — Die Materialisten werden in ihren Vorstellungen leicht ahrimanisch werden, nüchtern, philiströs, trocken, bürgerlich; in ihrem Willen können die Materialisten luziferisch werden; animalisch, begierlich, nervös, sensitiv, hysterisch. Ich will das auf die Tafel schreiben:
Idealisten:
Vorstellungen können leicht luziferisch werden;
Schwärmer, Phantasten, Schwarmgeister.
Wille kann leicht ahrimanisch werden; despotisch, tyrannisch.
Materialisten:
Vorstellungen können leicht ahrimanisch werden;
nüchtern, philiströs, trocken, bürgerlich.
Wille kann leicht luziferisch werden;
animalisch, begierlich, nervös, sensitiv; hyeterisch.
[ 21 ] Sie sehen: Idealisten und Materialisten, sie sind, nur von verschiedenen Seiten her, im fünften nachatlantischen Zeitraum den gleichen Gefahren ausgesetzt, die Idealisten von seiten der Vorstellungen dem Luziferischen, von seiten des Willens dem Ahrimanischen; die Materialisten von seiten der Vorstellungen dem Ahrimanischen und von seiten des Willens dem Luziferischen. Die verschiedenen Charaktere, die auftreten, werden das in den verschiedensten Abstufungen haben. Da wird die Schwierigkeit liegen, die Menschheit wirklich vorwärtszubringen, denn all das werden zugleich Quellen des Abirrens der Menschheit sein. Denn niemals wird der Mensch einseitig als Idealist oder als Materialist richtig vorwärtskommen können, sondern nur dann, wenn er den guten Willen hat, ebenso in die materielle Wirklichkeit verständnisvoll einzudringen, wie auch auf der anderen Seite sich vom Geiste in der richtigen Weise erleuchten zu lassen. Aber einseitig soll man nicht werden selbst mit Bezug auf die allerkonkretesten Anschauungen des Lebens, da erst recht nicht.
[ 22 ] Wer nur Kinder gerne hat, der steht vor der Gefahr, daß sehr starke ahrimanische Einflüsse auf ihn wirken; wer nur Alte gerne hat, steht vor der Gefahr, daß sehr starke luziferische Einflüsse auf ihn wirken. Vielseitigkeit der Interessen, das ist dasjenige, was den Menschen notwendig wird, wenn sie Beihilfe leisten wollen zu einem fruchtbaren Entwickeln der Kultur nach der Zukunft hin. Das wird vorzugsweise die Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitraums sein. Aber diese drei Zeiträume, die noch folgen müssen, werden sehr ineinander übergreifen. Das, was für den sechsten zum Ausdruck kommt, muß auch schon mitentwickelt werden in dem fünften, und auch das, was in dem siebenten zum Ausdruck kommt; es kann nicht alles so geschieden werden in der Zukunft, wie es in der Vergangenheit geschieden war. Und für den sechsten Zeitraum, da wird vor allen Dingen notwendig sein, daß die Menschen es dahin bringen, das Ahrimanische zu fesseln, das heißt, mit der Wirklichkeit so recht fertig zu werden. Wie werden sie mit der Wirklichkeit fertig? Dazu ist notwendig vor allen Dingen, daß das Rechtsleben, das ausgesondert hat das geistige Leben und das Wirtschaftsleben, daß dieses Rechtsleben, also dasjenige, was von Mensch zu Mensch demokratisch leben muß, jetzt so bewußt werden muß, wie es während der ägyptisch-chaldäischen Kulturperiode unbewußt war. Es muß der Mensch lernen, bei alledem, was vorgeht in der Welt zwischen Mensch und Mensch, bedeutsame Vorgänge höher zu empfinden. Lebendig werden solche Vorstellungen werden müssen, wie sie angeschlagen waren in meinem letzten Mysteriendrama in jener ägyptischen Szene, wo von Capesius ausgesprochen wird, wie dasjenige, was da im engen Raume vorgeht, eine Bedeutung hat für das ganze Weltgeschehen. Wenn die Menschen wissen werden wiederum, daß man niemanden anlügen kann, ohne daß in der geistigen Welt mächtige Dinge toben, dann wird so etwas erfüllt werden, wie es immer mehr erfüllt werden muß in dem sechsten nachatlantischen Zeitraum. — Und wenn wir wiederum kommen zu der Möglichkeit eines weisheitsvollen Heidentums neben dem Christentum, dann wird etwas von dem verwirklicht, was für den siebenten nachatlantischen Zeitraum, aber auch schon für jetzt ganz besonders notwendig ist. Die Menschen haben verloren das Verhältnis zur Natur. Die Natur spricht nicht mehr in Gebärden zu den Menschen. Wie viele Menschen können sich heute noch etwas davon vorstellen, wenn man sagt: Im Sommer schläft die Erde, im Winter wacht die Erde? — Das ist für sie eine Abstraktion. Es ist keine Abstraktion! Zur ganzen Natur muß wiederum ein solches Verhältnis gewonnen werden, daß der Mensch sich eigentlich als etwas Gleiches fühlt mit der ganzen Natur.
[ 23 ] Das sind Dinge, die für das intimere Seelenleben wesentlich sind. Wie sie zusammenhängen mit dem, was wir soziale Impulse nennen können, davon wollen wir dann morgen weiter sprechen.
