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The Rudolf Steiner Archive

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Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen
GA 190

29 März 1919, Dornach

Fünfter Vortrag

[ 1 ] Wenn wir jetzt viel von der die Zeit bewegenden sozialen Frage sprechen, so ist für uns — außer dem, was natürlich für unsere Zeitgenossen als solche mit von besonderer Wichtigkeit in dieser Frage ist — noch wesentlich, daß die wirklich letzte praktische Lösung, die gegenüber dieser Frage in Betracht kommt, innig zusammenhängt mit geisteswissenschaftlichen Untergründen, und daß daher derjenige, der sich für Geisteswissenschaft interessiert, gerade eine besondere Veranlassung hat, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus auf diese Frage hinzusehen. Gewiß ist es heute dringend notwendig, daß in weitesten Kreisen Verständnis erweckt werde für dasjenige, was an Impulsen in der sozialen Bewegung liegt; aber auf der anderen Seite sind diese weitesten Kreise ja wenig vorbereitet, in die Grundlagen der Sache hineinzuschauen, die Sache wirklich aus ihren Fundamenten heraus ins Auge zu fassen. Es muß von den Menschen, die sich für Geisteswissenschaft interessieren, nach und nach auch gerade auf dem Gebiete der sozialen Bewegung ein gewisses Verständnis ausstrahlen, und dazu ist es notwendig, daß wir uns mit gewissen Grundtatsachen bekanntmachen, ohne deren Kenntnis ein wahrhaftiges Verständnis der sozialen Frage gar nicht möglich ist. Denn man täusche sich darüber nicht: Im sozialen Zusammenleben der Menschen spielt das Unbewußte und Unterbewußte eine ungeheuer große Rolle. Dasjenige, was im sozialen Leben wirkt, geht zuletzt doch hervor aus dem, was Menschen denken, was Menschen fühlen und was Menschen aus ihren Charakterimpulsen heraus wollen. Das wird aber im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung immer individueller und individueller. Die Menschen werden in bezug auf ihr Denken, Fühlen und Wollen immer verschiedener werden müssen: das ist die Aufgabe des Zeitalters der Bewußtseinsseelen-Entwickelung. Daher wird auch aus den unterbewußten Untergründen der Menschen im sozialen Zusammenwirken sehr vieles herausquellen, was hineinspielen wird in die soziale Bewegung, wie sie seit einem halben Jahrhundert begonnen hat, heute auf einem vorläufigen Gipfelpunkt angekommen ist und sich immer weiter und weiter bewegen wird, ungeheuer die Menschen in Anspruch nehmend. Denn, was heute hervortritt, das sind zunächst chaotische Forderungen. An die Stelle dieser chaotischen Forderungen werden immer klarere Vorstellungen und immer bessere und bessere Willensimpulse treten müssen Daß diese klaren Vorstellungen und guten Willensimpulse nicht vorhanden waren, das brachte ja die Menschheit in diese jetzige Katastrophe hinein und wird diese Katastrophe noch in ganz unermeßlicher Art vergrößern. Denn man kann nicht sagen, daß heute schon in weitesten Kreisen ein wirklich guter Wille vorhanden sei mit Bezug auf diese Fragen. Es ist so etwas vorhanden wie ein Nachgeben dem, was einem als das Unvermeidliche erscheint. Man möchte gern da und dort ein Stücklein beigeben, weil man Angst hat, daß das nicht anders gehen könnte, daß einem das Wasser in den Mund rinnen könnte und dergleichen. Aber, was auftreten wird müssen, das ist ein wirkliches inneres soziales Verständnis. Das wird sich hereinleben müssen in die Gemüter der Menschen, und das wird ein Bestandteil sogar unserer Schulerziehung werden müssen.

[ 2 ] So etwas kann aber nur erreicht werden, wenn wirklich aus der Erkenntnis der Menschennatur, aus der Erkenntnis der Beziehungen zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt wenigstens eine Anzahl von Menschen auf der Erde ein tieferes Verständnis entwickeln für diese Fragen, als es die meisten Menschen heute wegen der oberflächlichen Zeitbildung entwickeln können.

[ 3 ] Sie haben gestern gesehen, wie es eigentlich mit dem steht, was als Sprache im ganzen Menschenleben eine Rolle spielt. Nun bedenken Sie, welche Rolle anderseits wiederum die Sprachen spielen im internationalen Zusammenleben der Menschen über die Erde hin. Bedenken Sie, wie unendlich viel Empfindungen und Willensimpulse der mannigfaltigsten Art abhängen von den Sprachen. Und bedenken Sie wiederum, wie unendlich viele Unklarheiten gerade mit Bezug auf solche Dinge unter den Menschen der Gegenwart herrschen. Bleiben wir heute noch einmal ein wenig bei der Sprache stehen. Wir haben — ich erwähnte es gestern — vor uns drei Entwickelungszeiträume der nachatlantischen Menschheitsentwickelung. Wir leben im fünften nachatlantischen Zeitraum; auf den wird der sechste folgen und auf diesen der siebente; wir haben bis jetzt — und, wie Sie gestern gesehen haben, sogar unter Einstellung der Sprachenentwickelung — als Erdenmenschheit eigentlich einen gewissen Hang zu abstraktem Denken, zu unbildlichem Denken entwickelt. Dasjenige, was sich aber entwickeln muß, bevor dieser fünfte nachatlantische Zeitraum zu Ende geht, das ist bildliches Vorstellen, Imagination. Und es ist die spezielle Aufgabe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums, in der Erdenmenschheit die Gabe der Imagination zu entwickeln. Verwechseln Sie bitte dieses, was ich jetzt auseinandersetze, nicht mit den Dingen, die in dem Buche stehen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». In diesem Buche ist vom einzelnen individuellen Menschen die Rede. Das ist Gegenstand der esoterischen Entwickelung des einzelnen Menschen. Dasjenige, wovon ich jetzt spreche, ist soziales Völkerleben. Der Volksgenius entwickelt die Imagination. Seine eigene Imagination zu seiner esoterischen Entwickelung, die muß jeder für sich suchen; aber der Volksgenius entwickelt die Imagination, aus der heraus folgen muß die gemeinsame Geisteskultur der Zukunft. Eine imaginative Geisteskultur muß sich in der Zukunft entwickeln. Heute haben wir gewissermaßen den Kulminationspunkt der abstrakten Geisteskultur, der Geisteskultur, welche überall auf Abstraktion hinarbeitet; aus dem heraus muß sich eine Geisteskultur entwickeln mit bildhaften Vorstellungen. Durchdrungen muß gewissermaßen unsere Kultur werden von demjenigen, was man nicht wird in abstrakten Gedanken aussprechen wollen, sondern in solchen Bildern, wie zum Beispiel unsere «Gruppe» eines ist: mit dem Menschheitsrepräsentanten in der Mitte, mit dem Luziferischen als einem Pol, mit dem Ahrimanischen als anderem Pol. Und viele Menschen, immer mehr Menschen werden sich sagen müssen: Dasjenige, was eigentlich das Geistesleben angeht, ist nicht auszudrücken in abstrakten Gedanken. Man soll nicht immer um die abstrakten Gedanken fragen, sondern es ist richtig und sich recht einlebend in das menschliche Gemüt, eben sich auszudrücken durch Bilder. Das bildhafte Gemeinsamkeitsleben, das ist dasjenige, was auftreten muß.

[ 4 ] Im sechsten nachatlantischen Zeitraum soll sich insbesondere eine Art Inspiration der Volksgenien entwickeln. Und aus dieser Inspiration heraus sollen sich entwickeln Rechtsvorstellungen, welche empfunden werden wie eine Art Gabe für das irdische Leben. Das Leben, das im Rechtsstaat entwickelt wird, ist ja, wie ich Ihnen neulich schon auseinandergesetzt habe, ein solches, das entgegengesetzt ist allem Geistesleben. Das Staatsleben ist der Gegensatz zu allem Geistesleben. Wenn das Erdenleben heilsam verlaufen soll, nicht unheilsam, so muß dasjenige, was als Rechtsprinzipien sich nach und nach geltend machen wird, so empfunden werden wie Gaben aus der geistigen Welt, die durch Inspiration herunterkommen an den Volksgenius, um das irdische Leben zu regeln, so daß es nicht von menschlicher Willkür bloß, sondern im Sinne einer großen geistigen Führerschaft geregelt ist. Man könnte auch sagen: Gerade durch diese Inspiration, die der Volksgenius erfahren muß, wird Ahriman gefesselt werden. Sonst würde sich ein ahrimanisches Wesen über die ganze Erde hin entwickeln.

[ 5 ] Und der letzte Zeitraum würde vorzugsweise die Intuition zu entwickeln haben. Erst unter dem Einfluß dieser Intuition kann sich das ganze Wirtschaftsleben entwickeln, wie man es eigentlich als Wirtschaftsleben wie ein Ideal auffassen könnte. Aber das ist das Eigentümliche, daß von jetzt ab man nicht die Dinge so trennen kann, wie ich es eben auch mehr oder weniger abstrakt auf die Tafel geschrieben habe: V.: Imagination — VI.: Inspiration — VII.: Intuition.

[ 6 ] Man kann ganz gut sprechen vom urindischen Zeitraum, urpersischen Zeitraum, ägyptisch-chaldäischen Zeitraum, griechisch-lateinischen Zeitraum, als für sich bestehende Zeiträume, die nach hinten und vorne abgegrenzt sind; in jedem entwickelt sich eine ganz bestimmte Art des Menschenlebens. Das kann man zukünftig nicht mehr, da vermischen sich die Kulturimpulse. So daß, was als intuitives Leben im siebenten Zeitraum auftritt, in den fünften Zeitraum schon hereinwirkt, auch Inspiration in den fünften hereinwirkt, während die Imagination, die im fünften nicht voll erreicht wird, in den späteren Zeiträumen nachgetragen werden kann. Das geht alles durcheinander, wir sind nicht so streng voneinander abgegrenzt. Die Menschheit hat jetzt schon nötig, hinzuarbeiten auf dasjenige, was im imaginativen, im inspirierten Leben, im intuitiven Leben erreicht werden soll. Aber was zeitlich sich gewissermaßen durcheinanderschiebt, das muß eben gerade äußerlich vom Menschen auseinandergehalten werden. Das Geistesleben, das vorzugsweise gegen die Zukunft hin die Imagination zu entwickeln haben wird, dieses Geistesleben, das muß in der emanzipierten geistigen Organisation sich entwickeln. Das inspirierte Leben, das für den Volksgenius vorzugsweise die Rechtsvorstellungen geben wird, das muß sich im abgesonderten Staate entwickeln. Und das intuitive Leben, so sonderbar das erscheint, das muß sich im Wirtschaftsleben entwickeln. Es müssen diese Gebiete äußerlich auseinandergehalten werden, was ja von vielen Gesichtspunkten aus vor Ihnen schon vorgetragen worden ist.

[ 7 ] Nun werden Sie wiederum ein Stück tiefer in diese Gliederung eindringen, wenn Sie gerade dasjenige, was ich so auseinandergehalten habe, mit Bezug auf die Sprache ins Auge fassen. Sehen Sie, die Sprache ist scheinbar etwas ganz Einheitliches. Sie halten die Sprache für etwas Einheitliches, und die Menschen empfinden die Sprache wie etwas ganz Einheitliches. Das ist sie aber nicht. Die Sprache ist etwas ganz anderes mit Bezug auf das eigentliche geistig-seelische Leben des Menschen, wieder etwas ganz anderes mit Bezug auf das soziale Zusammenleben im Rechtsstaate, und wiederum etwas ganz anderes ist die Sprache mit Bezug auf das Wirtschaftsleben.

[ 8 ] Wollen wir einmal versuchen, ein wenig das zu charakterisieren, was zu charakterisieren sehr schwierig ist. Denken Sie bei der Sprache zunächst einmal an die Dichtung. Sie haben von mir schon öfter erwähnt gefunden, wieviel der Mensch eines jeden Kulturgebietes, wenn er Dichter ist — und wer ist nicht ein bißchen Dichter —, eigentlich der Sprache verdankt. Viel mehr als man glaubt, schafft eigentlich die Sprache. Die Sprache enthält große, gewaltige Geheimnisse; der Sprachgenius ist etwas ungeheuer Schöpferisches. Daher ist es so selten, daß innerhalb des Sprachlichen das eigene Menschlich-Schöpferische auftritt. Das bemerkt nur der, der mit einer gewissen innerlichen Hingabe die Entwickelung der Völker betrachtet. Die Menschen stehen ja gewöhnlich in einer Inkarnation eben auch nur in einem Zeitalter drinnen. Daher haben sie keinen rechten Anhaltspunkt, um so etwas, was ich jetzt meine, ordentlich zu beurteilen. Wir Deutschen zum Beispiel, wir sprechen heute da und dort etwas nuanciert; aber insofern wir die einheitliche, gebildete deutsche Umgangssprache sprechen, sprechen wir alle anders, als etwa gesprochen worden ist im 18. Jahrhundert. Wer aufmerksam die Literatur verfolgt bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts herein, der wird das schon merken. Denn die Sprache, die wir heute sprechen als gemeinsame, gebildete deutsche Umgangssprache, die ist ein Geschöpf des Goetheschen Schaffens und derjenigen Menschen, die mit diesem Goetheschen Schaffen zusammenhängen: Lessing, Herder, Wieland sogar, und ein wenig auch Schiller. Eine ganze große Summe von Wortbildungen waren ja vor diesen Geistern nicht vorhanden! Nehmen Sie sich das Adelungsche Wörterbuch und versuchen Sie einmal, manche Dinge, die heute gang und gäbe sind, nun im Adelungschen Wörterbuch, das verhältnismäßig spät geschrieben ist, aufzufinden: Sie werden sie nicht finden! In hohem Maße war dieses Zeitalter, das den Goetheanismus hervorgebracht hat, sprachschöpferisch, und wir leben in dem, was auf diese Art geschaffen worden ist. Da sehen Sie hineinspielen das Individual-Schöpferische in das, was der Sprachgenius als solcher ist. Da kann man auch bei Dichtern von Schöpferischem erster Natur sprechen; was dann nachkommt als Epigonen, das schöpft wieder vielfach bloß aus der Sprache heraus.

[ 9 ] Daher habe ich Ihnen öfter gesagt: Wenn man diese Dinge durchschaut, imponiert einem oftmals eine glatte Sprache, eine so recht geschniegelte dichterische Leistung gar nicht besonders. Das Originelle, was wirklich aus dem Innersten der Seele heraus pulsiert, das ist manchmal viel, viel ungeschickter als dasjenige, was aus gar keiner groRen Dichterkraft, aber mit einer gewissen Vollendung der Sprache, mit schönen Versen und dergleichen gemacht wird. Es ist ja auch in den anderen Künsten so. Solche Dinge müssen ins Auge gefaßt werden, wenn man einen Begriff bekommen will, wie im Sprachlichen selbst ein Leben ist, in das wir eingeschaltet sind. Und in der Vertiefung in diese Sprache wird sich ergeben die Möglichkeit eines imaginativen Fühlens und Empfindens. Es ist gewiß heute sehr vieles, was widerstrebt diesem Lernen des Imaginativen von der Sprache, weil die Menschen mit einem gewissen Recht, da die Sprachen in der letzten Zeit international geworden sind, gewöhnlich viele Sprachen bis zu einem gewissen Grade sich aneignen, oder wenigstens mehrere Sprachen. Diese Aneignung mehrerer Sprachen hat zunächst noch nicht das Tiefere der Sache an die Oberfläche getrieben, sondern eigentlich nur das Oberflächliche der Sache. Das Empfindungsgemäße, das die Imagination vermittelt, das ist noch nicht an die Oberfläche getrieben worden. Es muß heute derjenige, der sich mehrere Sprachen aneignet, doch Sklave der Wörterbücher werden, oder zum Sklaven der sonstigen Handbücher der betreffenden Sprachen. Dadurch lernt man, sich die ungeheuerliche Unwahrheit anzueignen, daß ein Wort, das man für ein Wort der eigenen Sprache im Wörterbuch einer anderen Sprache angeführt findet, dasselbe bedeute wie in der eigenen Sprache. Gewiß, in bezug auf dasjenige, was ich nachher anführen werde, bedeutet es dasselbe, aber es bedeutet nicht dasselbe mit Bezug auf das innerliche Erleben.

[ 10 ] Nehmen Sie zum Beispiel folgendes: Im Deutschen sagen wir «Kopf», im Französischen «tete», italienisch «testa» und so fort. Worauf weist das hin? «Kopf» sagen wir zum menschlichen Kopf, zum tierischen Kopf aus demselben Grunde, aus dem wir zum Kohlkopf «Kopf» sagen: weil das Ding rund ist, weil das Ding kugelig ist. Derjenige also, der deutsch den Kopf bezeichnet, der setzt ab, stilisiert mit Bezug auf die Form. T£te, testa, das ist abgestellt mit Bezug auf Zeugnisablegung, etwas bezeugen, testieren. Da ist ein ganz anderer Gesichtspunkt eingenommen, um dieses selbe Glied des menschlichen Organismus zu bezeichnen. «Fuß» sagen wir im Deutschen: das hängt zusammen mit Furt, mit dem Eindruck der Furche, die wir machen, wenn wir über den Boden hinschleifen; das ist der Gesichtspunkt, unter dem wir als Deutsche dieses Organ des menschlichen Organismus bezeichnen; «pied» — das Aufstellen, das Bezeichnen des Sich-auf-den-Boden-Aufstellens: etwas ganz anderes! Die Valeurs der Worte gehen aus verschiedenen Gesichtspunkten hervor. Und es prägt sich in diesem Impetus, dieselben Dinge aus ganz bestimmten Untergründen heraus zu bezeichnen, ein Unterbewußtsein im Volkscharakter aus, das man gewöhnlich gar nicht berücksichtigt.

[ 11 ] Nun denken Sie sich aber, Sie haben es nicht bloß mit auf der physischen Erde herumwandelnden physischen Menschen, sondern überhaupt mit Menschen zu tun; Sie studieren das ganze Verhältnis an den Toten. Da tritt eigentlich das Charakteristische der Sache erst ganz besonders hervor. Der Tote hat für dieses lexikographische Sprechen von einem Wort zum anderen eigentlich gar keinen Sinn, und er hat gerade für das Imaginative an der Sache den allertiefsten Sinn. Bildet man nun den Gedanken so, daß er die Gedankennuance bekommt von den sprachlichen Lauten, so hat der Tote zunächst die imaginative Form, die er bekommt. Er empfindet, wenn ihm das Wort für den «Kopf» deutsch gesagt wird, er empfindet die Rundung. Wenn ihm dasselbe Wort in einer romanischen Sprache gesagt wird, empfindet er das Bezeugende. Aber dieses Systematisieren, dieses Abstellen bloß, dieses abstrakte Beziehen auf irgendein einzelnes Organ, das erlebt der Tote nicht mit; er erlebt gerade dasjenige in der allerbedeutsamsten Weise, was der Mensch in der heutigen Abstraktheit gar nicht merkt. So daß der Mensch als Seele ein ganz besonderes Verhältnis zur Sprache hat. Es ist eigentlich das, was die Seele als Verhältnis zur Sprache hat, viel innerlicher als das allgemeine, gewöhnliche, alltägliche Verhältnis des Menschen zur Sprache. Innerlich fühlt schon die Seele diesen Unterschied, ob man den Fuß bezeichnet dadurch, daß man sich darauf stellt, oder dadurch, daß man eine Furt, eine Furche macht. Die Seele fühlt das; äußerlich abstrakt empfindet der Mensch nur die Beziehung des Wortes zu dem betreffenden einzelnen Organ. Die Seele ist innerlich in ihrem Sprachempfinden sehr ähnlich der Art, wie sie ist, wenn sie entkörpert ist. Und dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben vielfach eigentlich als das einzige der Sprache empfindet, das legt sich nur wie eine äußere Schicht über die Sprache hinüber. Und ein wahrer Dichter zum Beispiel ist eigentlich nur derjenige, der für dieses Innerliche der Sprache ein feines Gefühl hat, ein feineres Gefühl als die anderen. Wer wirklich das Imaginative der Sprache miterlebt, der ist eigentlich erst ein Dichter, wie im Grunde genommen ein Künstler nicht derjenige ist, der malen oder bildhauern kann, sondern derjenige, der in Farben oder in Formen leben kann.

[ 12 ] Solche Dinge müssen sich die Menschen aneignen von der Gegenwart ab in die Zukunft hinein. Ohne diese Dinge ist ein weiteres Fortleben der Menschheit in gedeihlicher Weise nicht möglich, weil das menschliche Geistesleben abdorren würde und die Menschen nur noch ein animalisches Leben entwickeln könnten, wenn Verständnis für solche Dinge nicht Platz greifen würde. Und das ist das Eigentümliche: Wenn man verfolgt, wie Kinder geboren werden, ihre ersten Kinderjahre entwickeln, erst lallen, dann allmählich sprechen lernen, da ist in dieser Art, wie sie sprechen lernen, etwas darinnen, was hineinmischt in das Sprechenlernen der Kinder eine Erbschaft, die sie herunterbringen aus den Erfahrungen, die sie noch in der geistigen Welt durchgemacht haben, bevor sie heruntergeboren worden sind; da vermischt sich etwas davon mit dem, was Mutter oder Amme oder Vater oder sonst irgend jemand dann im Sprechenlernen dem Kinde beibringt. Wer auf diesem Gebiete feiner beobachten kann, der wird ungeheure Überraschungen erleben, die ihm die Kinder darbieten, die sprechen lernen. Und er wird diese Überraschungen nur verstehen können, wenn er die Voraussetzung machen kann: das Kind bringt sich wirklich aus der geistigen Welt etwas von Anlagen mit, etwas, das es hineinmischt in dasjenige, was ihm von außen zum Sprechen kommt. In dem innerlichen Empfinden der Sprache lebt der Mensch etwas nach, was er sich mitbringt aus der geistigen Welt. Das aber ist das einzige, was wirklich an der Sprache das Geistige ist. Das ist eigentlich das eine Element der Sprache, dieses innerliche Erleben, das wir deshalb haben können, weil wir uns gewisse Impulse aus der geistigen Welt mitbringen.

[ 13 ] Das andere ist, daß die Sprache ein bloßes Verständigungsmittel ist. Als Verständigungsmittel kommt sie für alles dasjenige in Betracht, was die Menschen als Gleiche untereinander angeht. Wir reden miteinander, damit der eine von dem anderen weiß, was ihm der mitteilen will. Da kommt das innere Gefüge der Sprache nicht so sehr in Betracht, da kommt eine gewisse Konvention in Betracht. Da kommt in Betracht, daß wir nicht glauben, wenn einer «Tisch» sagt, er meine einen Stuhl, und wenn einer «Stuhl» sagt, er meine einen Tisch. Darüber brauchen sich die Menschen sozusagen hier auf der Erde nur miteinander zu verständigen; da spielt dasjenige nicht hinein, was innerliches Erleben der Sprache ist. Für die heutige Gegenwart ist diese Art des Sprachverstehens, wo die Sprache bloß als ein Verständigungsmittel genommen wird, eigentlich das einzige, was wirklich erlebt wird. Für die Menschen heute ist ja die Sprache nicht viel mehr als das Mittel, sich untereinander zu verständigen. Lauschen den geheimnisvollen inneren Impulsen der Sprache, um aus ihnen herauszuhören das göttliche Walten, wie es sich gerade durch die Sprache kundgibt, das ist heute wenigen Menschen eigen. Es gibt einige Persönlichkeiten der Gegenwart, die bemerkt haben, daß die Sprache selber ein innerliches Leben hat; aber bei allen, von denen dies bemerkt worden ist, tritt dieses Apergu eigentlich mit einer gewissen Koketterie auf, wie zum Beispiel bei dem Dichter Hofmannsthal oder selbst bei dem frechen Karl Kraus in Wien, der immer behauptet, daß er gar nicht selber seine Sätze schreibe, sondern daß er nur hinhöre auf das, was die Sprache schreiben will. Daß er dasjenige, was die Sprache schreiben will, zwar anhört, aber dann gerade so, wie wenn man aus der geistigen Welt heraus nach seinen eigenen Emotionen hört, schief und falsch, das bezeugt ja, daß er so furchtbar frech schreibt, wie die Sprache niemals ihn inspirieren würde. — Aber, wie gesagt, einzelne Menschen bemerken heute schon dieses Mitteilen der Sprache, das dann aus anderen Welten heraus kommt, und das gepflegt werden muß, wenn die Menschen den Weg finden sollen zu dem imaginativen Leben.

[ 14 ] Das wird ein wichtiges soziales Moment sein, denn es ist eben etwas, was die Menschen sozial bindet. Die gemeinsame Sprache, die eine gemeinsame Imagination bringt, das ist etwas, was eine soziale Tiefe abgeben wird. Das kann die Sprache als Verständigungsmittel zur Not auch noch, aber sie ist dann veräußerlicht; sie beruht darin, worinnen sie bloß Verständigungsmittel ist, sehr auf Konvention. Daher auch die Veräußerlichung des Seelenlebens heute, daß die Menschen im Grunde die Sprache nur haben, um anderen vorzuplappern, damit der eine weiß, was der andere denkt. Ja, Sie können gegen diesen Satz einwenden: da ja so viele nicht denken, so wissen manche, wenn eine Mitteilung gemacht wird, was der andere nicht denkt! Nun aber — wir verstehen uns doch.

[ 15 ] So haben wir in der Sprache etwas, was insbesondere hinweist auf das Geistesleben, auf das Leben in dem geistigen Organismus. Etwas anderes in der Sprache ist das bloß Verständigende, was einzig und allein im Grunde genommen heute in Betracht kommt, wenn die Leute ein Wörterbuch nehmen. Dieses weist auf das Rechtsleben. Und weil in der einen Sprache das Wort so heißt, in der anderen Sprache so, da kommt es bloß auf das äußerliche Verständnis an, da wird gar nicht der Unterklang in Betracht gezogen: ob der eine aus dem Impuls, der andere aus jenem Impuls heraus etwas bezeichnet! Da ist natürlich ein Riesenunterschied im Seelenleben, wenn man bei «Kopf» das Gerundete, also die Form zu verstehen hat, wie überhaupt die meisten substantivischen Bildungen im Deutschen plastische Imaginationen sind, oder ob, wie in den romanischen Sprachen, die meisten substantivischen Bildungen hergenommen sind vom Auftreten des Menschen, von dem Sich-in-die-Welt-Stellen, nicht vom Anschauen, sondern von dem Sich-Hinstellen in die Welt. Da verbergen sich große Geheimnisse in den Sprachen.

[ 16 ] Mit Bezug auf das Wirtschaftsleben, da können wir alle taubstumm sein und doch ein Wirtschaftsleben führen. Die Tiere führen es ja auch. Im Wirtschaftsleben ist die Sprache gewissermaßen ein Fremdling, ein richtiger Fremdling. Wir gebrauchen die Sprache im Wirtschaftsleben, weil wir nun schon einmal sprechende Menschen sind; aber man kann wirtschaften in einem fremden Lande, dessen Sprache man gar nicht kennt; man kann alles einkaufen, alles mögliche tun. Überhaupt — die Menschen brauchen die Sprache nicht gerade um des Wirtschaftslebens willen: da ist die Sprache ein vollständiger Fremdling. Das eigentliche geistige innere Element der Sprache ist im Geistesleben vorhanden; veräußerlicht schon wird das innere sprachliche Element im Rechtsleben, und völlig verloren geht alles, was die Sprache eigentlich für den Menschen bedeutet, im Wirtschaftsleben. Aber dafür ist auch das Wirtschaftsleben, wie ich Ihnen ausgeführt habe, dasjenige, welches auf seinem Grund und Boden entwickeln kann gerade die Vorbereitung für das Leben nach dem Tode. Wie wir uns im Wirtschaftsleben verhalten, welche Gefühle wir im Wirtschaftsleben entwickeln, ob wir Menschen sind, die gern einem anderen wirtschaftlich brüderlich beistehen, oder ob wir Neidhammel sind und alles nur selber verfressen wollen: das hängt schon zusammen mit der Grundkonstitution unserer Seele, und das ist im wesentlichen die stumme Vorbereitung für viele Impulse, die sich im nachtodlichen Leben zu entwickeln haben. Wir bringen uns eine Erbschaft herein aus dem vorgeburtlichen Leben, die sich, wie ich es geschildert habe, ausspricht in dem, was das Kind hineinträgt in das, was es lernt von der Amme oder der Mutter. Wir tragen aus dem Leben heraus ein stummes Element, das gerade aus der im Wirtschaftsleben sich entfaltenden Brüderlichkeit aufkeimt und das wichtige Impulse entwickelt im nachtodlichen Leben.

[ 17 ] Es ist gut, daß wir im Wirtschaftsleben die Sprache als einen solchen Fremdling haben, daß wir das Wirtschaftsleben auch entwickeln könnten, wenn wir taubstumm wären. Denn dadurch gerade entwickelt sich dieses unterbewußte Seelenleben, das dann eine Fortsetzung erfahren kann, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Würde der Mensch ganz aufgehen in dem, was er seelisch erlebt, in dem, was ausgesprochen werden kann zwischen Mensch und Mensch, würden wir nicht als Menschen einander dienen können in nicht ausgesprochener Weise, dann würden wir wenig hineintragen können in die Welt, die wir zu durchleben haben, nachdem wir die Pforte des Todes durchschritten haben.

[ 18 ] Aber auf der anderen Seite ist es außerordentlich schwierig, gerade die heutigen drängenden Forderungen der sozialen Bewegung zu besprechen, denn die heutigen drängenden Forderungen der sozialen Bewegung sind vielfach Wirtschaftssorgen der Menschheit. Und die Sprache ist eigentlich gar nicht da, um Wirtschaftssorgen zu besprechen. Unsere Begriffe taugen eigentlich am allerwenigsten für die Besprechung der sozialen Frage. Wir würden die soziale Frage vielleicht in Europa auf eine ganz andere Weise besprechen können, wenn wir alles dasjenige in der Sprache hätten, was die Orientalen in ihrer Sprache haben. Es ist dort nur der Volkscharakter in der Dekadenz; aber in der Sprache sind geistige Impulse da, die dann die Möglichkeit bieten, wie durch Gebärden hinzuweisen auf dasjenige, was gerade mit Bezug auf das soziale Leben zu besprechen ist, während wir Europäer eigentlich das Gefühl haben, es solle alles stets, wie wir glauben, in deutlichen Worten zum Ausdrucke kommen. Das kann es aber gar nicht. Wir müssen uns das Gefühl aneignen, daß, indem wir sprechen, wir eigentlich nichts anderes machen als Lautgesten hervorbringen, auf die Dinge hindeuten. Denn eine richtige Innerlichkeit mit Bezug auf die Lautgeste entwickelt ja der Mensch heute fast nur noch für die Interjektion; ein wenig, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, für die Zeitwörter, für die Verben; einen Anflug noch für die Eigenschaftswörter, gar keinen für die Substantiva. Die sind etwas völlig Abstraktes; daher verstehen die Toten diese Substantiva gar nicht. Es bleiben für sie Lücken, wenn wir uns mit ihnen verständigen und in der Sprache die Dinge zum Ausdruck bringen wollen. Daher hat man nötig, sich dem Toten verständlich zu machen dadurch, daß man innerlich das, was man sagen will, in wirkliche Gesten verwandelt, in wirkliche Bilder verwandelt, nicht versucht in Worten zu denken dem Toten gegenüber, sondern immer besser und besser versucht in Bildern zu denken, nach der Art, wie ich das gestern angeführt habe.

[ 19 ] Nun muß ich immer wieder sagen: Unterstützen kann uns in diesem Bilderempfinden dasjenige, was wir jetzt wiederum als eine sichtbare Sprache bringen wollen — das eurythmische Element. Das Eurythmisieren ist ein Umsetzen des Sprachlichen in den entsprechenden Bewegungsrhythmus, in die Geste und so weiter. Aber wir müssen umgekehrt auch wiederum lernen, dasjenige, was uns sichtbarlich entgegentritt, wie eine Art von Sprache zu empfinden. Wir müssen lernen, wie uns etwas sagt dasjenige, was gewöhnlich von uns nur angeschaut wird: der Morgen sagt uns etwas anderes als der Abend, und der Mittag sagt uns etwas anderes als die Nacht; ein mit Tauperlen besetztes Pflanzenblatt sagt uns etwas anderes als ein trockenes Pflanzenblatt. Das Sprechen der ganzen Natur müssen wir wieder verstehen lernen. Wir müssen lernen, durchzudringen durch das abstrakte Anschauen der Natur zu einem konkreten Anschauen der Natur. Unser Christentum muß erweitert werden durch ein Sich-Durchdringen, wie ich schon gestern gesagt habe, mit einem gesunden Heidentum. Die Natur muß uns wiederum etwas werden. Das ist das Eigentümliche der Menschheitsentwickelung in der bisherigen Epoche des fünften nachatlantischen Zeitraums, daß wir der Natur gegenüber immer gleichgültiger und gleichgültiger geworden sind. Gewiß, die Menschen haben noch Naturgefühl, sie sind gern in der Natur, sie wissen auch künstlerisch, ästhetisch die Natur zu empfinden. Aber sie können sich nicht dazu aufschwingen, das Innerlich-Lebendige der Natur wirklich so zu erleben, daß die Natur zu ihnen spricht, wie ein Mensch zu dem anderen Menschen spricht. Das aber ist notwendig, wenn wirklich wieder Intuition in das Menschenleben eintreten soll.

[ 20 ] Bevor alle diese drei Zeiträume, von denen wir da sprechen, abgelaufen sind, muß die Menschheit, wenn sie sich gesund entwickeln soll, zu allen Einzelheiten, durch die sie mit der Natur zusammenhängt, eine Art persönlichen Verhältnisses entwickeln. Dasjenige, was wir heute abstrakt sagen können: Wenn du Zucker issest, so verstärkst du deine Egoität; wenn du weniger Zucker issest, schwächst du deine Egoität; Tee ist dasjenige, was die Gedanken auseinandertreibt, das Diplomatengetränk, das Mittel, oberflächlich zu werden; Kaffee ist das Journalistengetränk, das in abstrakter Logik einen Gedanken an den anderen setzt, daher Journalisten so gern ins Kaffeehaus gehen, Diplomaten zu Tees und so weiter —, das können wir heute aus der Natur der Dinge heraus abstrakt entwickeln, aber die Menschen werden erst später dazu kommen, ein gesundes Verhältnis zu entwickeln zu allem, was ihnen so ein Verhältnis zur ganzen Natur gibt, wie die Tiere es instinktiv heute haben. Die Tiere wissen ganz genau, was sie fressen; die Menschen haben das ursprünglich in naiven Verhältnissen auch gewußt, was sie essen, aber sie haben es vergessen, haben es verlernt, sie müssen wiederum dieses Verhältnis gewinnen. Heute gibt es — ich erwähnte das schon öfters — merkwürdige Menschen, die haben, indem sie bei ihrem Tische sitzen, eine Waage, da wägen sie ab, wieviel Fleisch und andere Dinge sie essen sollen — weil das ausgerechnet ist, nicht wahr, von den Nahrungsmittelchemikern!

[ 21 ] Unter diesem abstrakten Verhältnis, das der Mensch zur Welt entwickelt, geht alles gesunde Sich-Inbeziehungsetzen zur Welt verloren. Wir müssen wiederum — verzeihen Sie, wenn ich das so ausspreche den Geist des Zuckers, den Geist des Tees, den Geist des Kaffees, des Salzes, den Geist aller anderen Dinge erleben, mit denen wir in Beziehung stehen einfach durch unseren Organismus; wir müssen das wiederum erfahren lernen, erleben lernen. Heute empfindet der Mensch auf dem Gebiete in allerabstraktester Form. Er fühlt sich was, wenn er sagt: Ich bin ein Mystiker, ich bin ein Theosoph. — Was ist das? Ein Mensch, der innerlich mit seinem Ich das göttliche Ich fühlt, der den Makrokosmos im Mikrokosmos fühlt; der göttliche Mensch in unserem Inneren, der wird fühlbar, der lebt — na, und wie das alles heißt. Das sind natürlich die allergrauesten, die allernebelhaftesten Abstraktionen. Aber die Menschen haben heute den Glauben, daß man über diese Abstraktionen überhaupt nicht hinauskommen könne. Das konkrete Miterleben mit der ganzen Welt, das suchen heute die Menschen nicht. Das gedankenlose Hinschwätzen von dem Erleben von Gott in seinem Inneren, das erscheint den Menschen heute etwas Großes. Wenn man ihnen sagt, sie sollen den Gott des Zuckers oder des Kaffees oder des Tees erleben — ich weiß nicht, sie denken darüber sehr sonderbar, die Menschen, und doch ist dieses das wirkliche Miterleben mit der Außenwelt: weil das menschliche Erleben der Außenwelt grob und materiell ist, wenn nicht gerade den materiellen Erlebnissen ein Geistiges zugrunde liegen kann.

[ 22 ] In der zweiten nachatlantischen Periode war es zum Beispiel noch so, daß jeder, der innerhalb der urpersischen Kultur etwas aß, auch fühlte, wieviel Licht er damit in sich aufnimmt. Die Sonne bereitet zu, gibt ihr Licht ab; wenn man ißt, ißt man das Licht mit; es fühlte ein jeder, wieviel Licht er in sich bekommt. Das ist in alten Zeiten erlebt worden, das muß auf einer höheren Stufe des Bewußtseins wiederkehren. Sehen Sie, das sind natürlich alles weitausschauende Ideale, aber sie sind eigentlich nicht so ferne, als man glaubt, dem, was die Menschen heute am notwendigsten haben. Denn gerade wenn man auf diese Dinge hinschaut, dann wird man sich immer mehr und mehr konkret und real dem nähern, was den Menschen gemeinsam ist. Das haben wir nun sehr nötig, uns dem zu nähern, was den Menschen gemeinsam ist. Und gerade auf dem Gebiete der Naturverehrung, auf dem Gebiete des Naturdurchschauens wird immer mehr und mehr dasjenige herauskommen, was auch das Wirtschaftsleben, das uns heute so materiell erscheint, dieses stumme Wirtschaftsleben gewissermaßen als ein Glied der göttlichen Weltordnung hinstellt. Und dann werden wir verstehen: Der soziale Organismus muß, wenn er gesund ist, dreifach gegliedert sein. Er muß die geistige Organisation haben, weil wir in diese vorzugsweise dasjenige hineintragen, was wir aus dem vorgeburtlichen Leben uns mitbringen; er muß die wirtschaftliche Organisation haben, weil sich in dieser stumm entwickeln muß dasjenige, was wir durch die Todespforte tragen und was Impulse nach dem Tode werden; und er muß abgesondert von diesen beiden anderen das Leben des Rechtsstaates haben, weil auf diesem Gebiete sich vorzugsweise dasjenige ausprägt, was für dieses irdische Leben gilt. Schematisch ausgedrückt:

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[ 23 ] Wenn dieses das irdische Leben ist (siehe Zeichnung), so kommt in dieses irdische Leben herein, es gewissermaßen überstrahlend, dasjenige, was wir uns aus dem vorgeburtlichen Leben mitbringen (gelbe Pfeile, links); und wiederum entwickeln wir in diesem Leben dasjenige, was wir hinaustragen (gelb, rechts). In dem, was ich hier als rote Linie bezeichnet habe, ist von vornherein dasjenige drinnen, was geistig ist; es kommt vorzugsweise durch die Sprachen oder durch ähnliches hinein. In dem, was ich hier blau gezeichnet habe, strahlt nach dem Tode durch die Impulse, die wir aufgesogen haben im Wirtschaftsleben, das Geistige aus (gelbe Pfeile). Dieses Mittlere, das ich weiß gezeichnet habe, wird von dem Geistigen gewissermaßen seitwärts durchstrahlt (gelb). Das Rechtsleben ist als solches ganz irdisch, aber es wird gewissermaßen seitwärts durchstrahlt, so daß die Inspiration, die den Ahriman bändigen soll, im Rechtsleben sich ausleben soll. Wir müssen zu Rechtsvorstellungen vordringen, die wirklich dem Geistesleben entnommen sind, die eigentlich Initiationsvorstellungen sind.

[ 24 ] Aber solche Dinge, von denen ich Ihnen heute gesprochen habe, wie sollen sie weiteren Kreisen der Gegenwartsmenschen so ohne weiteres schon verständlich sein? Das können sie ja nicht! Dazu wird schon notwendig sein, daß das geisteswissenschaftliche Element unsere gesamte Zeitbildung und Zeitkultur durchdringt. Ohne das geht es in die Zukunft hinein nicht. Deshalb hängt die Gesundung unseres sozialen Lebens innig zusammen mit der Ausbreitung eines wirklichen Verständnisses für Geist-Erkenntnis. Freilich wird auf der anderen Seite bei denjenigen Menschen, die einen guten Willen haben zur Aufnahme sozialer Vorstellungen, nach und nach der Drang entstehen, auch Geistiges in sich aufzunehmen. Am meisten sträuben werden sich diejenigen gegen das Geistige, welche starr stehenbleiben wollen bei jenen Dingen, von denen ich gerade gestern sagen mußte, daß sie antipathisch sind den Kindern, die seit einer Anzahl von Jahren aus der geistigen Welt in diese irdische Welt heruntersteigen. Da ist es allerdings manchmal jammervoll, wenn man so sieht, wie wenig die Menschen geneigt sind, von den Ereignissen wirklich zu lernen, wie sehr die Menschen heute noch immer die Vorstellungen zeigen, die sie früher gehabt haben, bevor sich geoffenbart hat, daß die Welt, welche in diesen Vorstellungen lebt, eben die Menschheit in diese furchtbare Zeitkatastrophe hineingetrieben hat. Da sollte sich der Menschheit bemächtigen ein gewisses Gefühl der Verantwortlichkeit, und ein Verständnis dafür, nun wirklich einmal in weiterem Umfange diese Zeitbedürfnisse auch zu sehen! Denken Sie nur, wie man heute — mit Bezug auf sehr viele Menschen muß das gesagt werden — sehr egoistisch in sich selbst steckt, und wieviel Ursache man heute hätte, eigentlich so ziemlich von der eigenen Person ganz abzusehen und auf die großen Fragen der Menschheit hinzuschauen! Sie sind ja so überwältigend groß, diese Menschheitsfragen heute, daß man kaum, wenn man ein vernünftiger Mensch ist, Zeit finden sollte, die engsten persönlichen Schicksale ins Auge zu fassen, wenn diese engsten persönlichen Schicksale nicht fruchtbar gemacht werden können für die großen Zeitfragen, die heute eben im Schoße der Entwickelungsepoche der Menschheit liegen. Man möchte, daß die Menschen die starke Diskrepanz bemerken zwischen dem Wesenlosen, das heute persönliches Schicksal ist, und dem Wesentlichen, das in den großen, heute überwältigenden Menschheitsfragen zutage tritt. Und man kann in Wirklichkeit Geisteswissenschaft nicht verstehen, wenigstens in der gegenwärtigen Zeit nicht verstehen, wenn man nicht für diese großen Menschheitsfragen Verständnis und Entgegenkommen hat. Manches beginnt sich jetzt doch zu entwickeln; aber gerade von denjenigen, die sich in einem gewissen Sinne bekennen zur Geist-Erkenntnis-Bewegung, von denen sollte ein besonders energisches Verständnis erstrebt werden dessen, was sich in weitem Umfange in der sozialen Bewegung der Gegenwart abspielt und was, wie Sie auch wiederum aus diesen heutigen Andeutungen ersehen können, weitere Horizonte hat, als man gewöhnlich denkt.

[ 25 ] Auf den gestern und heute gemachten Voraussetzungen wollen wir dann morgen einen Abschluß aufbauen.