Past and Future Influences on Social Events
GA 190
29 March 1919, Dornach
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Past and Future Influences on Social Events, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Wenn wir jetzt viel von der die Zeit bewegenden sozialen Frage sprechen, so ist für uns — außer dem, was natürlich für unsere Zeitgenossen als solche mit von besonderer Wichtigkeit in dieser Frage ist — noch wesentlich, daß die wirklich letzte praktische Lösung, die gegenüber dieser Frage in Betracht kommt, innig zusammenhängt mit geisteswissenschaftlichen Untergründen, und daß daher derjenige, der sich für Geisteswissenschaft interessiert, gerade eine besondere Veranlassung hat, vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus auf diese Frage hinzusehen. Gewiß ist es heute dringend notwendig, daß in weitesten Kreisen Verständnis erweckt werde für dasjenige, was an Impulsen in der sozialen Bewegung liegt; aber auf der anderen Seite sind diese weitesten Kreise ja wenig vorbereitet, in die Grundlagen der Sache hineinzuschauen, die Sache wirklich aus ihren Fundamenten heraus ins Auge zu fassen. Es muß von den Menschen, die sich für Geisteswissenschaft interessieren, nach und nach auch gerade auf dem Gebiete der sozialen Bewegung ein gewisses Verständnis ausstrahlen, und dazu ist es notwendig, daß wir uns mit gewissen Grundtatsachen bekanntmachen, ohne deren Kenntnis ein wahrhaftiges Verständnis der sozialen Frage gar nicht möglich ist. Denn man täusche sich darüber nicht: Im sozialen Zusammenleben der Menschen spielt das Unbewußte und Unterbewußte eine ungeheuer große Rolle. Dasjenige, was im sozialen Leben wirkt, geht zuletzt doch hervor aus dem, was Menschen denken, was Menschen fühlen und was Menschen aus ihren Charakterimpulsen heraus wollen. Das wird aber im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung immer individueller und individueller. Die Menschen werden in bezug auf ihr Denken, Fühlen und Wollen immer verschiedener werden müssen: das ist die Aufgabe des Zeitalters der Bewußtseinsseelen-Entwickelung. Daher wird auch aus den unterbewußten Untergründen der Menschen im sozialen Zusammenwirken sehr vieles herausquellen, was hineinspielen wird in die soziale Bewegung, wie sie seit einem halben Jahrhundert begonnen hat, heute auf einem vorläufigen Gipfelpunkt angekommen ist und sich immer weiter und weiter bewegen wird, ungeheuer die Menschen in Anspruch nehmend. Denn, was heute hervortritt, das sind zunächst chaotische Forderungen. An die Stelle dieser chaotischen Forderungen werden immer klarere Vorstellungen und immer bessere und bessere Willensimpulse treten müssen Daß diese klaren Vorstellungen und guten Willensimpulse nicht vorhanden waren, das brachte ja die Menschheit in diese jetzige Katastrophe hinein und wird diese Katastrophe noch in ganz unermeßlicher Art vergrößern. Denn man kann nicht sagen, daß heute schon in weitesten Kreisen ein wirklich guter Wille vorhanden sei mit Bezug auf diese Fragen. Es ist so etwas vorhanden wie ein Nachgeben dem, was einem als das Unvermeidliche erscheint. Man möchte gern da und dort ein Stücklein beigeben, weil man Angst hat, daß das nicht anders gehen könnte, daß einem das Wasser in den Mund rinnen könnte und dergleichen. Aber, was auftreten wird müssen, das ist ein wirkliches inneres soziales Verständnis. Das wird sich hereinleben müssen in die Gemüter der Menschen, und das wird ein Bestandteil sogar unserer Schulerziehung werden müssen.
[ 1 ] When we speak now at length about the social issue that is shaping our times, it is essential for us—apart from what is, of course, of particular importance in this matter for our contemporaries as such—that the truly ultimate practical solution that can be considered in relation to this issue is intimately connected with the foundations of the spiritual sciences, and that, therefore, anyone interested in the humanities has a special reason to examine this issue from the perspective of the humanities. Certainly, it is urgently necessary today to awaken understanding in the broadest circles for the driving forces behind the social movement; but on the other hand, these broadest circles are, after all, ill-prepared to look into the foundations of the matter, to truly grasp the issue from its very foundations. People interested in the humanities must gradually begin to radiate a certain understanding, particularly in the realm of social movements, and for this it is necessary that we familiarize ourselves with certain fundamental facts, without knowledge of which a true understanding of the social question is simply not possible. For let us make no mistake: in human social life, the unconscious and the subconscious play an immensely large role. What is at work in social life ultimately stems from what people think, what people feel, and what people desire based on their character impulses. But in the age of the development of the consciousness soul, this is becoming more and more individual. People will have to become increasingly diverse in their thinking, feeling, and willing: that is the task of the age of the development of the consciousness-soul. Consequently, a great deal will well up from the subconscious depths of human beings in their social interactions, which will play a role in the social movement that began half a century ago, has now reached a provisional peak, and will continue to move further and further, placing immense demands on people. For what is emerging today are, at first, chaotic demands. These chaotic demands will have to be replaced by ever clearer ideas and ever better and better impulses of will. The fact that these clear ideas and good impulses of will were lacking is precisely what led humanity into this current catastrophe and will continue to magnify this catastrophe in an immeasurable way. For one cannot say that a truly good will already exists today in the broadest circles with regard to these issues. What exists is something like a resignation to what appears to be inevitable. People are willing to make small concessions here and there because they fear that there is no other way, that they might be left high and dry, and so on. But what must emerge is a genuine, inner social understanding. This must take root in people’s minds, and it must even become an integral part of our school education.
[ 2 ] So etwas kann aber nur erreicht werden, wenn wirklich aus der Erkenntnis der Menschennatur, aus der Erkenntnis der Beziehungen zwischen sinnlicher und übersinnlicher Welt wenigstens eine Anzahl von Menschen auf der Erde ein tieferes Verständnis entwickeln für diese Fragen, als es die meisten Menschen heute wegen der oberflächlichen Zeitbildung entwickeln können.
[ 2 ] However, this can only be achieved if, based on an understanding of human nature and the relationship between the sensory and supersensory worlds, at least a number of people on Earth develop a deeper understanding of these questions than most people today are able to due to the superficial nature of our times.
[ 3 ] Sie haben gestern gesehen, wie es eigentlich mit dem steht, was als Sprache im ganzen Menschenleben eine Rolle spielt. Nun bedenken Sie, welche Rolle anderseits wiederum die Sprachen spielen im internationalen Zusammenleben der Menschen über die Erde hin. Bedenken Sie, wie unendlich viel Empfindungen und Willensimpulse der mannigfaltigsten Art abhängen von den Sprachen. Und bedenken Sie wiederum, wie unendlich viele Unklarheiten gerade mit Bezug auf solche Dinge unter den Menschen der Gegenwart herrschen. Bleiben wir heute noch einmal ein wenig bei der Sprache stehen. Wir haben — ich erwähnte es gestern — vor uns drei Entwickelungszeiträume der nachatlantischen Menschheitsentwickelung. Wir leben im fünften nachatlantischen Zeitraum; auf den wird der sechste folgen und auf diesen der siebente; wir haben bis jetzt — und, wie Sie gestern gesehen haben, sogar unter Einstellung der Sprachenentwickelung — als Erdenmenschheit eigentlich einen gewissen Hang zu abstraktem Denken, zu unbildlichem Denken entwickelt. Dasjenige, was sich aber entwickeln muß, bevor dieser fünfte nachatlantische Zeitraum zu Ende geht, das ist bildliches Vorstellen, Imagination. Und es ist die spezielle Aufgabe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums, in der Erdenmenschheit die Gabe der Imagination zu entwickeln. Verwechseln Sie bitte dieses, was ich jetzt auseinandersetze, nicht mit den Dingen, die in dem Buche stehen «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». In diesem Buche ist vom einzelnen individuellen Menschen die Rede. Das ist Gegenstand der esoterischen Entwickelung des einzelnen Menschen. Dasjenige, wovon ich jetzt spreche, ist soziales Völkerleben. Der Volksgenius entwickelt die Imagination. Seine eigene Imagination zu seiner esoterischen Entwickelung, die muß jeder für sich suchen; aber der Volksgenius entwickelt die Imagination, aus der heraus folgen muß die gemeinsame Geisteskultur der Zukunft. Eine imaginative Geisteskultur muß sich in der Zukunft entwickeln. Heute haben wir gewissermaßen den Kulminationspunkt der abstrakten Geisteskultur, der Geisteskultur, welche überall auf Abstraktion hinarbeitet; aus dem heraus muß sich eine Geisteskultur entwickeln mit bildhaften Vorstellungen. Durchdrungen muß gewissermaßen unsere Kultur werden von demjenigen, was man nicht wird in abstrakten Gedanken aussprechen wollen, sondern in solchen Bildern, wie zum Beispiel unsere «Gruppe» eines ist: mit dem Menschheitsrepräsentanten in der Mitte, mit dem Luziferischen als einem Pol, mit dem Ahrimanischen als anderem Pol. Und viele Menschen, immer mehr Menschen werden sich sagen müssen: Dasjenige, was eigentlich das Geistesleben angeht, ist nicht auszudrücken in abstrakten Gedanken. Man soll nicht immer um die abstrakten Gedanken fragen, sondern es ist richtig und sich recht einlebend in das menschliche Gemüt, eben sich auszudrücken durch Bilder. Das bildhafte Gemeinsamkeitsleben, das ist dasjenige, was auftreten muß.
[ 3 ] Yesterday you saw what the situation actually is regarding the role that language plays throughout a person’s life. Now consider, on the other hand, the role that languages play in the international coexistence of people across the globe. Consider how an infinite number of feelings and impulses of will of the most diverse kinds depend on languages. And consider, in turn, how an infinite number of ambiguities prevail among people today, particularly with regard to such matters. Let us dwell a little longer on language today. As I mentioned yesterday, we have before us three periods of post-Atlantean human development. We are living in the fifth post-Atlantean period; this will be followed by the sixth, and then the seventh; up to now—and, as you saw yesterday, even with the development of language coming to a halt—we as the human race on Earth have actually developed a certain inclination toward abstract thinking, toward non-imaginative thinking. But what must develop before this fifth post-Atlantean period comes to an end is imaginative thinking, imagination. And it is the specific task of this fifth post-Atlantean epoch to develop the gift of imagination within humanity. Please do not confuse what I am now explaining with the matters discussed in the book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*. That book deals with the individual human being. That is the subject of the individual’s esoteric development. What I am speaking of now is social life among peoples. The national genius develops imagination. Each person must seek their own imagination for their own esoteric development; but the national genius develops the imagination from which the shared spiritual culture of the future must emerge. An imaginative spiritual culture must develop in the future. Today we have, so to speak, reached the culmination of abstract spiritual culture—the spiritual culture that strives everywhere toward abstraction; from this, a spiritual culture based on pictorial concepts must develop. Our culture must, so to speak, be permeated by that which one would not wish to express in abstract thoughts, but rather in images such as our “Group” exemplifies: with the representative of humanity at the center, with the Luciferic as one pole, and with the Ahrimanic as the other pole. And many people—more and more people—will have to say to themselves: That which actually pertains to spiritual life cannot be expressed in abstract thoughts. One should not always seek abstract thoughts; rather, it is right—and truly in tune with the human soul—to express oneself through images. This pictorial communal life is what must emerge.
[ 4 ] Im sechsten nachatlantischen Zeitraum soll sich insbesondere eine Art Inspiration der Volksgenien entwickeln. Und aus dieser Inspiration heraus sollen sich entwickeln Rechtsvorstellungen, welche empfunden werden wie eine Art Gabe für das irdische Leben. Das Leben, das im Rechtsstaat entwickelt wird, ist ja, wie ich Ihnen neulich schon auseinandergesetzt habe, ein solches, das entgegengesetzt ist allem Geistesleben. Das Staatsleben ist der Gegensatz zu allem Geistesleben. Wenn das Erdenleben heilsam verlaufen soll, nicht unheilsam, so muß dasjenige, was als Rechtsprinzipien sich nach und nach geltend machen wird, so empfunden werden wie Gaben aus der geistigen Welt, die durch Inspiration herunterkommen an den Volksgenius, um das irdische Leben zu regeln, so daß es nicht von menschlicher Willkür bloß, sondern im Sinne einer großen geistigen Führerschaft geregelt ist. Man könnte auch sagen: Gerade durch diese Inspiration, die der Volksgenius erfahren muß, wird Ahriman gefesselt werden. Sonst würde sich ein ahrimanisches Wesen über die ganze Erde hin entwickeln.
[ 4 ] In the sixth post-Atlantean epoch, a kind of inspiration of the national spirits is to develop in particular. And out of this inspiration, legal concepts are to develop that are experienced as a kind of gift for earthly life. The life that develops in a constitutional state is, as I explained to you recently, one that is opposed to all spiritual life. Public life is the antithesis of all spiritual life. If earthly life is to proceed in a salutary manner, rather than a harmful one, then what will gradually assert itself as legal principles must be perceived as gifts from the spiritual world, descending through inspiration to the national genius in order to regulate earthly life, so that it is governed not merely by human arbitrariness but in the spirit of a great spiritual leadership. One could also say: It is precisely through this inspiration, which the national spirit must experience, that Ahriman will be bound. Otherwise, an Ahrimanic being would develop across the entire Earth.
[ 5 ] Und der letzte Zeitraum würde vorzugsweise die Intuition zu entwickeln haben. Erst unter dem Einfluß dieser Intuition kann sich das ganze Wirtschaftsleben entwickeln, wie man es eigentlich als Wirtschaftsleben wie ein Ideal auffassen könnte. Aber das ist das Eigentümliche, daß von jetzt ab man nicht die Dinge so trennen kann, wie ich es eben auch mehr oder weniger abstrakt auf die Tafel geschrieben habe: V.: Imagination — VI.: Inspiration — VII.: Intuition.
[ 5 ] And the final stage would ideally be devoted to developing intuition. Only under the influence of this intuition can the entire economic life develop in the way that one might actually conceive of economic life as an ideal. But the peculiar thing is that from now on, one cannot separate these things as I have just written them on the board in a more or less abstract way: V.: Imagination — VI.: Inspiration — VII.: Intuition.
[ 6 ] Man kann ganz gut sprechen vom urindischen Zeitraum, urpersischen Zeitraum, ägyptisch-chaldäischen Zeitraum, griechisch-lateinischen Zeitraum, als für sich bestehende Zeiträume, die nach hinten und vorne abgegrenzt sind; in jedem entwickelt sich eine ganz bestimmte Art des Menschenlebens. Das kann man zukünftig nicht mehr, da vermischen sich die Kulturimpulse. So daß, was als intuitives Leben im siebenten Zeitraum auftritt, in den fünften Zeitraum schon hereinwirkt, auch Inspiration in den fünften hereinwirkt, während die Imagination, die im fünften nicht voll erreicht wird, in den späteren Zeiträumen nachgetragen werden kann. Das geht alles durcheinander, wir sind nicht so streng voneinander abgegrenzt. Die Menschheit hat jetzt schon nötig, hinzuarbeiten auf dasjenige, was im imaginativen, im inspirierten Leben, im intuitiven Leben erreicht werden soll. Aber was zeitlich sich gewissermaßen durcheinanderschiebt, das muß eben gerade äußerlich vom Menschen auseinandergehalten werden. Das Geistesleben, das vorzugsweise gegen die Zukunft hin die Imagination zu entwickeln haben wird, dieses Geistesleben, das muß in der emanzipierten geistigen Organisation sich entwickeln. Das inspirierte Leben, das für den Volksgenius vorzugsweise die Rechtsvorstellungen geben wird, das muß sich im abgesonderten Staate entwickeln. Und das intuitive Leben, so sonderbar das erscheint, das muß sich im Wirtschaftsleben entwickeln. Es müssen diese Gebiete äußerlich auseinandergehalten werden, was ja von vielen Gesichtspunkten aus vor Ihnen schon vorgetragen worden ist.
[ 6 ] One can quite rightly speak of the Proto-Indian period, the Proto-Persian period, the Egyptian-Chaldean period, and the Greek-Latin period as distinct periods, each bounded by what came before and what followed; within each, a very specific way of human life develops. This will no longer be possible in the future, as cultural impulses will intermingle. Thus, what emerges as intuitive life in the seventh epoch already exerts an influence in the fifth epoch; inspiration, too, exerts an influence in the fifth, while imagination—which is not fully attained in the fifth—can be carried forward into later epochs. Everything becomes intertwined; we are no longer so strictly demarcated from one another. Humanity already needs to work toward what is to be achieved in imaginative, inspired, and intuitive life. But what, so to speak, becomes intermingled in time must be kept separate by human beings on the outside. Spiritual life—which will primarily have to develop imagination with a view to the future—must develop within an emancipated spiritual organization. Inspired life—which will primarily provide the national genius with its concepts of justice—must develop within the separate state. And intuitive life—as strange as that may seem—must develop within economic life. These spheres must be kept distinct from one another externally, a point that has already been presented to you from many different perspectives.
[ 7 ] Nun werden Sie wiederum ein Stück tiefer in diese Gliederung eindringen, wenn Sie gerade dasjenige, was ich so auseinandergehalten habe, mit Bezug auf die Sprache ins Auge fassen. Sehen Sie, die Sprache ist scheinbar etwas ganz Einheitliches. Sie halten die Sprache für etwas Einheitliches, und die Menschen empfinden die Sprache wie etwas ganz Einheitliches. Das ist sie aber nicht. Die Sprache ist etwas ganz anderes mit Bezug auf das eigentliche geistig-seelische Leben des Menschen, wieder etwas ganz anderes mit Bezug auf das soziale Zusammenleben im Rechtsstaate, und wiederum etwas ganz anderes ist die Sprache mit Bezug auf das Wirtschaftsleben.
[ 7 ] Now you will delve a bit deeper into this structure when you consider, specifically, what I have just distinguished with regard to language. You see, language appears to be something entirely uniform. You regard language as something uniform, and people perceive language as something entirely uniform. But it is not. Language is something entirely different in relation to the actual spiritual and soul life of the human being; it is again something entirely different in relation to social coexistence in a constitutional state; and yet again, language is something entirely different in relation to economic life.
[ 8 ] Wollen wir einmal versuchen, ein wenig das zu charakterisieren, was zu charakterisieren sehr schwierig ist. Denken Sie bei der Sprache zunächst einmal an die Dichtung. Sie haben von mir schon öfter erwähnt gefunden, wieviel der Mensch eines jeden Kulturgebietes, wenn er Dichter ist — und wer ist nicht ein bißchen Dichter —, eigentlich der Sprache verdankt. Viel mehr als man glaubt, schafft eigentlich die Sprache. Die Sprache enthält große, gewaltige Geheimnisse; der Sprachgenius ist etwas ungeheuer Schöpferisches. Daher ist es so selten, daß innerhalb des Sprachlichen das eigene Menschlich-Schöpferische auftritt. Das bemerkt nur der, der mit einer gewissen innerlichen Hingabe die Entwickelung der Völker betrachtet. Die Menschen stehen ja gewöhnlich in einer Inkarnation eben auch nur in einem Zeitalter drinnen. Daher haben sie keinen rechten Anhaltspunkt, um so etwas, was ich jetzt meine, ordentlich zu beurteilen. Wir Deutschen zum Beispiel, wir sprechen heute da und dort etwas nuanciert; aber insofern wir die einheitliche, gebildete deutsche Umgangssprache sprechen, sprechen wir alle anders, als etwa gesprochen worden ist im 18. Jahrhundert. Wer aufmerksam die Literatur verfolgt bis ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts herein, der wird das schon merken. Denn die Sprache, die wir heute sprechen als gemeinsame, gebildete deutsche Umgangssprache, die ist ein Geschöpf des Goetheschen Schaffens und derjenigen Menschen, die mit diesem Goetheschen Schaffen zusammenhängen: Lessing, Herder, Wieland sogar, und ein wenig auch Schiller. Eine ganze große Summe von Wortbildungen waren ja vor diesen Geistern nicht vorhanden! Nehmen Sie sich das Adelungsche Wörterbuch und versuchen Sie einmal, manche Dinge, die heute gang und gäbe sind, nun im Adelungschen Wörterbuch, das verhältnismäßig spät geschrieben ist, aufzufinden: Sie werden sie nicht finden! In hohem Maße war dieses Zeitalter, das den Goetheanismus hervorgebracht hat, sprachschöpferisch, und wir leben in dem, was auf diese Art geschaffen worden ist. Da sehen Sie hineinspielen das Individual-Schöpferische in das, was der Sprachgenius als solcher ist. Da kann man auch bei Dichtern von Schöpferischem erster Natur sprechen; was dann nachkommt als Epigonen, das schöpft wieder vielfach bloß aus der Sprache heraus.
[ 8 ] Let’s try to characterize, at least to some extent, something that is very difficult to characterize. When thinking about language, consider poetry first. You have often noted in my writings just how much people from every cultural sphere—if they are poets (and who isn’t a poet to some extent?)—actually owe to language. Language actually accomplishes far more than one might think. Language contains great, immense mysteries; linguistic genius is something tremendously creative. That is why it is so rare for one’s own human creativity to emerge within the realm of language. Only those who observe the development of peoples with a certain inner devotion notice this. After all, people are usually confined to a single era within a given incarnation. That is why they lack a proper point of reference to properly assess what I mean here. We Germans, for example, speak with some nuance here and there today; but insofar as we speak the uniform, cultured German colloquial language, we all speak differently than people did, say, in the 18th century. Anyone who closely follows the literature up into the last third of the 18th century will already notice this. For the language we speak today as a common, educated German colloquial language is a creation of Goethe’s work and of those people associated with that work: Lessing, Herder, even Wieland, and to some extent Schiller as well. A vast number of word formations simply did not exist before these great minds! Take Adelung’s dictionary and try to find some terms that are commonplace today in that dictionary—which was written relatively late—and you won’t find them! To a great extent, this era—which gave rise to Goetheanism—was linguistically creative, and we live within what was created in this way. Here you can see the individual creative spirit at play in what constitutes linguistic genius as such. One can also speak of a creative spirit of the highest order in poets; what follows in the form of epigones, however, often draws merely from the language itself.
[ 9 ] Daher habe ich Ihnen öfter gesagt: Wenn man diese Dinge durchschaut, imponiert einem oftmals eine glatte Sprache, eine so recht geschniegelte dichterische Leistung gar nicht besonders. Das Originelle, was wirklich aus dem Innersten der Seele heraus pulsiert, das ist manchmal viel, viel ungeschickter als dasjenige, was aus gar keiner groRen Dichterkraft, aber mit einer gewissen Vollendung der Sprache, mit schönen Versen und dergleichen gemacht wird. Es ist ja auch in den anderen Künsten so. Solche Dinge müssen ins Auge gefaßt werden, wenn man einen Begriff bekommen will, wie im Sprachlichen selbst ein Leben ist, in das wir eingeschaltet sind. Und in der Vertiefung in diese Sprache wird sich ergeben die Möglichkeit eines imaginativen Fühlens und Empfindens. Es ist gewiß heute sehr vieles, was widerstrebt diesem Lernen des Imaginativen von der Sprache, weil die Menschen mit einem gewissen Recht, da die Sprachen in der letzten Zeit international geworden sind, gewöhnlich viele Sprachen bis zu einem gewissen Grade sich aneignen, oder wenigstens mehrere Sprachen. Diese Aneignung mehrerer Sprachen hat zunächst noch nicht das Tiefere der Sache an die Oberfläche getrieben, sondern eigentlich nur das Oberflächliche der Sache. Das Empfindungsgemäße, das die Imagination vermittelt, das ist noch nicht an die Oberfläche getrieben worden. Es muß heute derjenige, der sich mehrere Sprachen aneignet, doch Sklave der Wörterbücher werden, oder zum Sklaven der sonstigen Handbücher der betreffenden Sprachen. Dadurch lernt man, sich die ungeheuerliche Unwahrheit anzueignen, daß ein Wort, das man für ein Wort der eigenen Sprache im Wörterbuch einer anderen Sprache angeführt findet, dasselbe bedeute wie in der eigenen Sprache. Gewiß, in bezug auf dasjenige, was ich nachher anführen werde, bedeutet es dasselbe, aber es bedeutet nicht dasselbe mit Bezug auf das innerliche Erleben.
[ 9 ] That is why I have often told you: Once you see through these things, polished language—a poetic achievement that’s all too polished—often fails to impress you very much. What is original—what truly pulsates from the very depths of the soul—is sometimes much, much clumsier than that which is produced not by any great poetic power, but with a certain perfection of language, with beautiful verses, and the like. It is the same in the other arts as well. Such things must be taken into account if one wishes to grasp how language itself contains a life in which we are immersed. And through deepening one’s engagement with this language, the possibility of imaginative feeling and perception will emerge. There is certainly much today that stands in the way of learning the imaginative aspect of language, because—with a certain justification, given that languages have recently become international—people usually acquire many languages to a certain degree, or at least several languages. This acquisition of multiple languages has not yet brought the deeper aspects of the matter to the surface, but has in fact revealed only its superficial aspects. The sensibility conveyed by the imagination has not yet been brought to the surface. Today, anyone who acquires several languages must inevitably become a slave to dictionaries or to other reference works on those languages. As a result, one learns to accept the monstrous falsehood that a word found in the dictionary of another language—which one regards as a word of one’s own language—means the same thing as it does in one’s own language. Certainly, with regard to what I will mention later, it means the same thing, but it does not mean the same thing with regard to inner experience.
[ 10 ] Nehmen Sie zum Beispiel folgendes: Im Deutschen sagen wir «Kopf», im Französischen «tete», italienisch «testa» und so fort. Worauf weist das hin? «Kopf» sagen wir zum menschlichen Kopf, zum tierischen Kopf aus demselben Grunde, aus dem wir zum Kohlkopf «Kopf» sagen: weil das Ding rund ist, weil das Ding kugelig ist. Derjenige also, der deutsch den Kopf bezeichnet, der setzt ab, stilisiert mit Bezug auf die Form. T£te, testa, das ist abgestellt mit Bezug auf Zeugnisablegung, etwas bezeugen, testieren. Da ist ein ganz anderer Gesichtspunkt eingenommen, um dieses selbe Glied des menschlichen Organismus zu bezeichnen. «Fuß» sagen wir im Deutschen: das hängt zusammen mit Furt, mit dem Eindruck der Furche, die wir machen, wenn wir über den Boden hinschleifen; das ist der Gesichtspunkt, unter dem wir als Deutsche dieses Organ des menschlichen Organismus bezeichnen; «pied» — das Aufstellen, das Bezeichnen des Sich-auf-den-Boden-Aufstellens: etwas ganz anderes! Die Valeurs der Worte gehen aus verschiedenen Gesichtspunkten hervor. Und es prägt sich in diesem Impetus, dieselben Dinge aus ganz bestimmten Untergründen heraus zu bezeichnen, ein Unterbewußtsein im Volkscharakter aus, das man gewöhnlich gar nicht berücksichtigt.
[ 10 ] Take the following example: In German we say “Kopf,” in French “tête,” in Italian “testa,” and so on. What does this indicate? We say “Kopf” for the human head and for the head of an animal for the same reason we call a head of cabbage “Kopf”: because the thing is round, because the thing is spherical. So whoever refers to the head in German is abstracting, stylizing with reference to its shape. Tête, testa—these are derived with reference to bearing witness, testifying. A completely different perspective is taken here to designate this same part of the human organism. We say “Fuß” in German: this is connected to “Furt” (ford), to the impression of the furrow we make when we drag our feet across the ground; that is the perspective from which we, as Germans, designate this organ of the human organism; “pied”—the act of standing, of designating the act of standing on the ground: something entirely different! The meanings of the words arise from different perspectives. And in this impulse to designate the same things from very specific underlying contexts, a subconscious aspect of the national character emerges that is usually not taken into account at all.
[ 11 ] Nun denken Sie sich aber, Sie haben es nicht bloß mit auf der physischen Erde herumwandelnden physischen Menschen, sondern überhaupt mit Menschen zu tun; Sie studieren das ganze Verhältnis an den Toten. Da tritt eigentlich das Charakteristische der Sache erst ganz besonders hervor. Der Tote hat für dieses lexikographische Sprechen von einem Wort zum anderen eigentlich gar keinen Sinn, und er hat gerade für das Imaginative an der Sache den allertiefsten Sinn. Bildet man nun den Gedanken so, daß er die Gedankennuance bekommt von den sprachlichen Lauten, so hat der Tote zunächst die imaginative Form, die er bekommt. Er empfindet, wenn ihm das Wort für den «Kopf» deutsch gesagt wird, er empfindet die Rundung. Wenn ihm dasselbe Wort in einer romanischen Sprache gesagt wird, empfindet er das Bezeugende. Aber dieses Systematisieren, dieses Abstellen bloß, dieses abstrakte Beziehen auf irgendein einzelnes Organ, das erlebt der Tote nicht mit; er erlebt gerade dasjenige in der allerbedeutsamsten Weise, was der Mensch in der heutigen Abstraktheit gar nicht merkt. So daß der Mensch als Seele ein ganz besonderes Verhältnis zur Sprache hat. Es ist eigentlich das, was die Seele als Verhältnis zur Sprache hat, viel innerlicher als das allgemeine, gewöhnliche, alltägliche Verhältnis des Menschen zur Sprache. Innerlich fühlt schon die Seele diesen Unterschied, ob man den Fuß bezeichnet dadurch, daß man sich darauf stellt, oder dadurch, daß man eine Furt, eine Furche macht. Die Seele fühlt das; äußerlich abstrakt empfindet der Mensch nur die Beziehung des Wortes zu dem betreffenden einzelnen Organ. Die Seele ist innerlich in ihrem Sprachempfinden sehr ähnlich der Art, wie sie ist, wenn sie entkörpert ist. Und dasjenige, was man im gewöhnlichen Leben vielfach eigentlich als das einzige der Sprache empfindet, das legt sich nur wie eine äußere Schicht über die Sprache hinüber. Und ein wahrer Dichter zum Beispiel ist eigentlich nur derjenige, der für dieses Innerliche der Sprache ein feines Gefühl hat, ein feineres Gefühl als die anderen. Wer wirklich das Imaginative der Sprache miterlebt, der ist eigentlich erst ein Dichter, wie im Grunde genommen ein Künstler nicht derjenige ist, der malen oder bildhauern kann, sondern derjenige, der in Farben oder in Formen leben kann.
[ 11 ] But now imagine that you are not merely dealing with physical human beings walking around on the physical earth, but with human beings in general; you are studying the entire relationship to the dead. That is when the distinctive nature of the matter really comes to the fore. For the dead, this lexicographical way of speaking—moving from one word to another—actually makes no sense at all, whereas the imaginative aspect of the matter holds the deepest meaning for them. If one now forms the thought in such a way that it takes on the nuance of the linguistic sounds, the deceased initially perceives the imaginative form that it takes. When the German word for “head” is spoken to him, he perceives its roundness. If the same word is spoken to him in a Romance language, he perceives the attesting quality. But this systematization, this mere categorization, this abstract reference to some individual organ—the deceased does not experience any of this; rather, he experiences precisely that which, in today’s abstract world, human beings do not even notice, in the most significant way. Thus, the human being, as a soul, has a very special relationship to language. It is actually the soul’s relationship to language that is far more inner than the general, ordinary, everyday relationship of human beings to language. Internally, the soul already senses this difference: whether one designates the foot by standing on it, or by making a ford or a furrow. The soul senses this; externally and abstractly, human beings perceive only the relationship of the word to the individual organ in question. In its inner sense of language, the soul is very similar to the way it is when it is disembodied. And what is often perceived in ordinary life as the sole essence of language merely lies over language like an outer layer. And a true poet, for example, is actually only the one who has a subtle sense of this inner aspect of language—a more subtle sense than others. Only those who truly experience the imaginative aspect of language are truly poets, just as, fundamentally speaking, an artist is not someone who can paint or sculpt, but someone who can live in colors or forms.
[ 12 ] Solche Dinge müssen sich die Menschen aneignen von der Gegenwart ab in die Zukunft hinein. Ohne diese Dinge ist ein weiteres Fortleben der Menschheit in gedeihlicher Weise nicht möglich, weil das menschliche Geistesleben abdorren würde und die Menschen nur noch ein animalisches Leben entwickeln könnten, wenn Verständnis für solche Dinge nicht Platz greifen würde. Und das ist das Eigentümliche: Wenn man verfolgt, wie Kinder geboren werden, ihre ersten Kinderjahre entwickeln, erst lallen, dann allmählich sprechen lernen, da ist in dieser Art, wie sie sprechen lernen, etwas darinnen, was hineinmischt in das Sprechenlernen der Kinder eine Erbschaft, die sie herunterbringen aus den Erfahrungen, die sie noch in der geistigen Welt durchgemacht haben, bevor sie heruntergeboren worden sind; da vermischt sich etwas davon mit dem, was Mutter oder Amme oder Vater oder sonst irgend jemand dann im Sprechenlernen dem Kinde beibringt. Wer auf diesem Gebiete feiner beobachten kann, der wird ungeheure Überraschungen erleben, die ihm die Kinder darbieten, die sprechen lernen. Und er wird diese Überraschungen nur verstehen können, wenn er die Voraussetzung machen kann: das Kind bringt sich wirklich aus der geistigen Welt etwas von Anlagen mit, etwas, das es hineinmischt in dasjenige, was ihm von außen zum Sprechen kommt. In dem innerlichen Empfinden der Sprache lebt der Mensch etwas nach, was er sich mitbringt aus der geistigen Welt. Das aber ist das einzige, was wirklich an der Sprache das Geistige ist. Das ist eigentlich das eine Element der Sprache, dieses innerliche Erleben, das wir deshalb haben können, weil wir uns gewisse Impulse aus der geistigen Welt mitbringen.
[ 12 ] People must make these things their own, from the present into the future. Without them, the continued flourishing of humanity is not possible, because human spiritual life would wither away, and people would be able to develop only an animalistic existence if an understanding of such things were not to take root. And this is what is peculiar: When one observes how children are born, how they develop during their early childhood—first babbling, then gradually learning to speak—there is something in the way they learn to speak that blends into their language development a legacy they bring down from the experiences they underwent in the spiritual world before they were born; something of that blends with what the mother, nurse, father, or anyone else then teaches the child as it learns to speak. Anyone who can observe this process more closely will experience tremendous surprises presented to them by children who are learning to speak. And they will only be able to understand these surprises if they can accept the premise that the child truly brings with them from the spiritual world certain predispositions—something that blends into what comes to them from the outside as they learn to speak. In their inner experience of language, human beings relive something they bring with them from the spiritual world. But that is the only thing about language that is truly spiritual. That is, in fact, the one element of language—this inner experience—which we are able to have precisely because we bring certain impulses with us from the spiritual world.
[ 13 ] Das andere ist, daß die Sprache ein bloßes Verständigungsmittel ist. Als Verständigungsmittel kommt sie für alles dasjenige in Betracht, was die Menschen als Gleiche untereinander angeht. Wir reden miteinander, damit der eine von dem anderen weiß, was ihm der mitteilen will. Da kommt das innere Gefüge der Sprache nicht so sehr in Betracht, da kommt eine gewisse Konvention in Betracht. Da kommt in Betracht, daß wir nicht glauben, wenn einer «Tisch» sagt, er meine einen Stuhl, und wenn einer «Stuhl» sagt, er meine einen Tisch. Darüber brauchen sich die Menschen sozusagen hier auf der Erde nur miteinander zu verständigen; da spielt dasjenige nicht hinein, was innerliches Erleben der Sprache ist. Für die heutige Gegenwart ist diese Art des Sprachverstehens, wo die Sprache bloß als ein Verständigungsmittel genommen wird, eigentlich das einzige, was wirklich erlebt wird. Für die Menschen heute ist ja die Sprache nicht viel mehr als das Mittel, sich untereinander zu verständigen. Lauschen den geheimnisvollen inneren Impulsen der Sprache, um aus ihnen herauszuhören das göttliche Walten, wie es sich gerade durch die Sprache kundgibt, das ist heute wenigen Menschen eigen. Es gibt einige Persönlichkeiten der Gegenwart, die bemerkt haben, daß die Sprache selber ein innerliches Leben hat; aber bei allen, von denen dies bemerkt worden ist, tritt dieses Apergu eigentlich mit einer gewissen Koketterie auf, wie zum Beispiel bei dem Dichter Hofmannsthal oder selbst bei dem frechen Karl Kraus in Wien, der immer behauptet, daß er gar nicht selber seine Sätze schreibe, sondern daß er nur hinhöre auf das, was die Sprache schreiben will. Daß er dasjenige, was die Sprache schreiben will, zwar anhört, aber dann gerade so, wie wenn man aus der geistigen Welt heraus nach seinen eigenen Emotionen hört, schief und falsch, das bezeugt ja, daß er so furchtbar frech schreibt, wie die Sprache niemals ihn inspirieren würde. — Aber, wie gesagt, einzelne Menschen bemerken heute schon dieses Mitteilen der Sprache, das dann aus anderen Welten heraus kommt, und das gepflegt werden muß, wenn die Menschen den Weg finden sollen zu dem imaginativen Leben.
[ 13 ] The other point is that language is merely a means of communication. As a means of communication, it applies to everything that concerns people as equals. We speak to one another so that one person knows what the other wants to communicate. In this context, the inner structure of language is not so much a factor; rather, a certain convention comes into play. What matters is that we do not assume that when someone says “table,” they mean a chair, or that when someone says “chair,” they mean a table. For this purpose, people here on earth need only communicate with one another, so to speak; the inner experience of language plays no role here. In the present day, this way of understanding language—where language is taken merely as a means of communication—is actually the only one that is truly experienced. For people today, language is, after all, little more than a means of communicating with one another. Few people today are capable of listening to the mysterious inner impulses of language in order to discern from them the divine workings as they are revealed precisely through language. There are some contemporary figures who have noticed that language itself has an inner life; but in all those who have recognized this, this insight actually manifests with a certain air of coquetry—as, for example, in the poet Hofmannsthal or even in the irreverent Karl Kraus in Vienna, who always claimed that he did not write his own sentences at all, but merely listened to what language itself wanted to write. The fact that, while he does listen to what the language wants to write, he does so in exactly the same way as one might listen to one’s own emotions from the spiritual world—skewed and distorted—proves that he writes in such a terribly cheeky manner that the language would never inspire him to do so. — But, as I said, some people today are already noticing this communication from language that comes from other worlds, and this must be nurtured if people are to find their way to an imaginative life.
[ 14 ] Das wird ein wichtiges soziales Moment sein, denn es ist eben etwas, was die Menschen sozial bindet. Die gemeinsame Sprache, die eine gemeinsame Imagination bringt, das ist etwas, was eine soziale Tiefe abgeben wird. Das kann die Sprache als Verständigungsmittel zur Not auch noch, aber sie ist dann veräußerlicht; sie beruht darin, worinnen sie bloß Verständigungsmittel ist, sehr auf Konvention. Daher auch die Veräußerlichung des Seelenlebens heute, daß die Menschen im Grunde die Sprache nur haben, um anderen vorzuplappern, damit der eine weiß, was der andere denkt. Ja, Sie können gegen diesen Satz einwenden: da ja so viele nicht denken, so wissen manche, wenn eine Mitteilung gemacht wird, was der andere nicht denkt! Nun aber — wir verstehen uns doch.
[ 14 ] This will be an important social factor, because it is precisely something that binds people together socially. A shared language, which fosters a shared imagination, is something that will lend social depth. Language can still serve as a means of communication in a pinch, but it is then externalized; insofar as it is merely a means of communication, it relies heavily on convention. Hence the externalization of inner life today: people essentially use language only to parrot what others say, so that one person knows what the other is thinking. Yes, you might object to this statement: since so many do not think, some people know—when a message is conveyed—what the other person is not thinking! But still—we understand each other, don’t we?
[ 15 ] So haben wir in der Sprache etwas, was insbesondere hinweist auf das Geistesleben, auf das Leben in dem geistigen Organismus. Etwas anderes in der Sprache ist das bloß Verständigende, was einzig und allein im Grunde genommen heute in Betracht kommt, wenn die Leute ein Wörterbuch nehmen. Dieses weist auf das Rechtsleben. Und weil in der einen Sprache das Wort so heißt, in der anderen Sprache so, da kommt es bloß auf das äußerliche Verständnis an, da wird gar nicht der Unterklang in Betracht gezogen: ob der eine aus dem Impuls, der andere aus jenem Impuls heraus etwas bezeichnet! Da ist natürlich ein Riesenunterschied im Seelenleben, wenn man bei «Kopf» das Gerundete, also die Form zu verstehen hat, wie überhaupt die meisten substantivischen Bildungen im Deutschen plastische Imaginationen sind, oder ob, wie in den romanischen Sprachen, die meisten substantivischen Bildungen hergenommen sind vom Auftreten des Menschen, von dem Sich-in-die-Welt-Stellen, nicht vom Anschauen, sondern von dem Sich-Hinstellen in die Welt. Da verbergen sich große Geheimnisse in den Sprachen.
[ 15 ] Thus, in language we have something that points specifically to spiritual life, to life within the spiritual organism. Another aspect of language is the purely cognitive element—which, when people consult a dictionary today, is essentially the only thing they take into account. This points to legal life. And because a word is called one thing in one language and another in another, what matters is merely the external understanding; the underlying nuance is not taken into account at all: whether one designates something out of this impulse and the other out of that impulse! There is, of course, a huge difference in the life of the soul when, in the case of “Kopf,” one must understand the rounded, that is, the shape—just as most noun formations in German are plastic imaginations—or whether, as in the Romance languages, most noun formations are derived from the human stance, from placing oneself in the world—not from observing, but from positioning oneself within the world. Great mysteries are hidden within languages.
[ 16 ] Mit Bezug auf das Wirtschaftsleben, da können wir alle taubstumm sein und doch ein Wirtschaftsleben führen. Die Tiere führen es ja auch. Im Wirtschaftsleben ist die Sprache gewissermaßen ein Fremdling, ein richtiger Fremdling. Wir gebrauchen die Sprache im Wirtschaftsleben, weil wir nun schon einmal sprechende Menschen sind; aber man kann wirtschaften in einem fremden Lande, dessen Sprache man gar nicht kennt; man kann alles einkaufen, alles mögliche tun. Überhaupt — die Menschen brauchen die Sprache nicht gerade um des Wirtschaftslebens willen: da ist die Sprache ein vollständiger Fremdling. Das eigentliche geistige innere Element der Sprache ist im Geistesleben vorhanden; veräußerlicht schon wird das innere sprachliche Element im Rechtsleben, und völlig verloren geht alles, was die Sprache eigentlich für den Menschen bedeutet, im Wirtschaftsleben. Aber dafür ist auch das Wirtschaftsleben, wie ich Ihnen ausgeführt habe, dasjenige, welches auf seinem Grund und Boden entwickeln kann gerade die Vorbereitung für das Leben nach dem Tode. Wie wir uns im Wirtschaftsleben verhalten, welche Gefühle wir im Wirtschaftsleben entwickeln, ob wir Menschen sind, die gern einem anderen wirtschaftlich brüderlich beistehen, oder ob wir Neidhammel sind und alles nur selber verfressen wollen: das hängt schon zusammen mit der Grundkonstitution unserer Seele, und das ist im wesentlichen die stumme Vorbereitung für viele Impulse, die sich im nachtodlichen Leben zu entwickeln haben. Wir bringen uns eine Erbschaft herein aus dem vorgeburtlichen Leben, die sich, wie ich es geschildert habe, ausspricht in dem, was das Kind hineinträgt in das, was es lernt von der Amme oder der Mutter. Wir tragen aus dem Leben heraus ein stummes Element, das gerade aus der im Wirtschaftsleben sich entfaltenden Brüderlichkeit aufkeimt und das wichtige Impulse entwickelt im nachtodlichen Leben.
[ 16 ] When it comes to economic life, we could all be deaf and mute and still lead an economic life. After all, animals do too. In economic life, language is, in a sense, a stranger—a true stranger. We use language in economic life simply because we happen to be speaking human beings; but one can conduct business in a foreign country whose language one does not know at all; one can buy everything, do all sorts of things. In general—people do not need language specifically for the sake of economic life: there, language is a complete stranger. The true spiritual, inner element of language is present in spiritual life; the inner linguistic element is already externalized in legal life, and everything that language actually means to human beings is completely lost in economic life. But for that very reason, economic life—as I have explained to you—is the very sphere in which, on its own foundation, the preparation for life after death can develop. How we conduct ourselves in economic life, what feelings we develop there—whether we are people who gladly support others economically in a spirit of brotherhood, or whether we are envious misers who want to hoard everything for ourselves—all of this is connected to the fundamental constitution of our soul, and this is essentially the silent preparation for many impulses that are to develop in the life after death. We bring with us an inheritance from our prenatal life which, as I have described, manifests itself in what the child carries into what it learns from the nurse or the mother. We carry out of this life a silent element that springs precisely from the brotherhood unfolding in our economic life and that develops important impulses in the life after death.
[ 17 ] Es ist gut, daß wir im Wirtschaftsleben die Sprache als einen solchen Fremdling haben, daß wir das Wirtschaftsleben auch entwickeln könnten, wenn wir taubstumm wären. Denn dadurch gerade entwickelt sich dieses unterbewußte Seelenleben, das dann eine Fortsetzung erfahren kann, wenn der Mensch durch die Pforte des Todes gegangen ist. Würde der Mensch ganz aufgehen in dem, was er seelisch erlebt, in dem, was ausgesprochen werden kann zwischen Mensch und Mensch, würden wir nicht als Menschen einander dienen können in nicht ausgesprochener Weise, dann würden wir wenig hineintragen können in die Welt, die wir zu durchleben haben, nachdem wir die Pforte des Todes durchschritten haben.
[ 17 ] It is good that, in economic life, language is such a stranger to us that we could develop economic life even if we were deaf and mute. For it is precisely through this that this subconscious inner life develops, which can then continue once a person has passed through the gate of death. If a person were to be completely absorbed in what they experience soulfully—in what can be spoken between one person and another—we would not be able to serve one another as human beings in unspoken ways; then we would have little to contribute to the world we must live through after we have passed through the gate of death.
[ 18 ] Aber auf der anderen Seite ist es außerordentlich schwierig, gerade die heutigen drängenden Forderungen der sozialen Bewegung zu besprechen, denn die heutigen drängenden Forderungen der sozialen Bewegung sind vielfach Wirtschaftssorgen der Menschheit. Und die Sprache ist eigentlich gar nicht da, um Wirtschaftssorgen zu besprechen. Unsere Begriffe taugen eigentlich am allerwenigsten für die Besprechung der sozialen Frage. Wir würden die soziale Frage vielleicht in Europa auf eine ganz andere Weise besprechen können, wenn wir alles dasjenige in der Sprache hätten, was die Orientalen in ihrer Sprache haben. Es ist dort nur der Volkscharakter in der Dekadenz; aber in der Sprache sind geistige Impulse da, die dann die Möglichkeit bieten, wie durch Gebärden hinzuweisen auf dasjenige, was gerade mit Bezug auf das soziale Leben zu besprechen ist, während wir Europäer eigentlich das Gefühl haben, es solle alles stets, wie wir glauben, in deutlichen Worten zum Ausdrucke kommen. Das kann es aber gar nicht. Wir müssen uns das Gefühl aneignen, daß, indem wir sprechen, wir eigentlich nichts anderes machen als Lautgesten hervorbringen, auf die Dinge hindeuten. Denn eine richtige Innerlichkeit mit Bezug auf die Lautgeste entwickelt ja der Mensch heute fast nur noch für die Interjektion; ein wenig, wie ich gestern auseinandergesetzt habe, für die Zeitwörter, für die Verben; einen Anflug noch für die Eigenschaftswörter, gar keinen für die Substantiva. Die sind etwas völlig Abstraktes; daher verstehen die Toten diese Substantiva gar nicht. Es bleiben für sie Lücken, wenn wir uns mit ihnen verständigen und in der Sprache die Dinge zum Ausdruck bringen wollen. Daher hat man nötig, sich dem Toten verständlich zu machen dadurch, daß man innerlich das, was man sagen will, in wirkliche Gesten verwandelt, in wirkliche Bilder verwandelt, nicht versucht in Worten zu denken dem Toten gegenüber, sondern immer besser und besser versucht in Bildern zu denken, nach der Art, wie ich das gestern angeführt habe.
[ 18 ] But on the other hand, it is extremely difficult to discuss precisely the pressing demands of today’s social movement, because those demands are, in many cases, the economic concerns of humanity. And the language we have is actually not at all suited to discussing economic concerns. Our concepts are actually the least suitable for discussing the social question. We might be able to discuss the social question in Europe in a completely different way if we had in our language everything that Easterners have in theirs. There, the national character is merely in a state of decadence; but in the language there are spiritual impulses that offer the possibility of pointing—as if through gestures—to precisely what needs to be discussed in relation to social life, whereas we Europeans actually feel that everything should always, as we believe, be expressed in clear words. But that is simply not possible. We must cultivate the sense that, when we speak, we are actually doing nothing more than producing vocal gestures that point to things. For today, people develop a true inner sense in relation to vocal gestures almost exclusively for interjections; a little, as I explained yesterday, for verbs; a hint of it for adjectives; and none at all for nouns. These are something entirely abstract; that is why the dead do not understand these nouns at all. Gaps remain for them when we try to communicate with them and express things through language. That is why it is necessary to make oneself understood by the dead by inwardly transforming what one wants to say into real gestures, into real images—not by trying to think in words when facing the dead, but by striving more and more to think in images, in the manner I described yesterday.
[ 19 ] Nun muß ich immer wieder sagen: Unterstützen kann uns in diesem Bilderempfinden dasjenige, was wir jetzt wiederum als eine sichtbare Sprache bringen wollen — das eurythmische Element. Das Eurythmisieren ist ein Umsetzen des Sprachlichen in den entsprechenden Bewegungsrhythmus, in die Geste und so weiter. Aber wir müssen umgekehrt auch wiederum lernen, dasjenige, was uns sichtbarlich entgegentritt, wie eine Art von Sprache zu empfinden. Wir müssen lernen, wie uns etwas sagt dasjenige, was gewöhnlich von uns nur angeschaut wird: der Morgen sagt uns etwas anderes als der Abend, und der Mittag sagt uns etwas anderes als die Nacht; ein mit Tauperlen besetztes Pflanzenblatt sagt uns etwas anderes als ein trockenes Pflanzenblatt. Das Sprechen der ganzen Natur müssen wir wieder verstehen lernen. Wir müssen lernen, durchzudringen durch das abstrakte Anschauen der Natur zu einem konkreten Anschauen der Natur. Unser Christentum muß erweitert werden durch ein Sich-Durchdringen, wie ich schon gestern gesagt habe, mit einem gesunden Heidentum. Die Natur muß uns wiederum etwas werden. Das ist das Eigentümliche der Menschheitsentwickelung in der bisherigen Epoche des fünften nachatlantischen Zeitraums, daß wir der Natur gegenüber immer gleichgültiger und gleichgültiger geworden sind. Gewiß, die Menschen haben noch Naturgefühl, sie sind gern in der Natur, sie wissen auch künstlerisch, ästhetisch die Natur zu empfinden. Aber sie können sich nicht dazu aufschwingen, das Innerlich-Lebendige der Natur wirklich so zu erleben, daß die Natur zu ihnen spricht, wie ein Mensch zu dem anderen Menschen spricht. Das aber ist notwendig, wenn wirklich wieder Intuition in das Menschenleben eintreten soll.
[ 19 ] Now I must say again and again: What can support us in this perception of images is precisely what we now wish to present as a visible language—the eurythmic element. Eurythmy is the translation of language into the corresponding rhythm of movement, into gesture, and so on. But conversely, we must also learn to perceive what appears visibly before us as a kind of language. We must learn how what we usually merely look at speaks to us: the morning tells us something different from the evening, and noon tells us something different from the night; a plant leaf covered with dewdrops tells us something different from a dry plant leaf. We must learn once again to understand the language of all of nature. We must learn to move beyond an abstract view of nature to a concrete view of nature. Our Christianity must be enriched, as I said yesterday, by a fusion with a healthy form of paganism. Nature must once again become something to us. This is the distinctive feature of human development in the current epoch of the fifth post-Atlantean period: that we have become increasingly indifferent toward nature. Certainly, people still have a sense of nature; they enjoy being in nature, and they also know how to perceive nature artistically and aesthetically. But they cannot rise to the level of truly experiencing the inner life of nature in such a way that nature speaks to them as one human being speaks to another. Yet this is necessary if intuition is truly to re-enter human life.
[ 20 ] Bevor alle diese drei Zeiträume, von denen wir da sprechen, abgelaufen sind, muß die Menschheit, wenn sie sich gesund entwickeln soll, zu allen Einzelheiten, durch die sie mit der Natur zusammenhängt, eine Art persönlichen Verhältnisses entwickeln. Dasjenige, was wir heute abstrakt sagen können: Wenn du Zucker issest, so verstärkst du deine Egoität; wenn du weniger Zucker issest, schwächst du deine Egoität; Tee ist dasjenige, was die Gedanken auseinandertreibt, das Diplomatengetränk, das Mittel, oberflächlich zu werden; Kaffee ist das Journalistengetränk, das in abstrakter Logik einen Gedanken an den anderen setzt, daher Journalisten so gern ins Kaffeehaus gehen, Diplomaten zu Tees und so weiter —, das können wir heute aus der Natur der Dinge heraus abstrakt entwickeln, aber die Menschen werden erst später dazu kommen, ein gesundes Verhältnis zu entwickeln zu allem, was ihnen so ein Verhältnis zur ganzen Natur gibt, wie die Tiere es instinktiv heute haben. Die Tiere wissen ganz genau, was sie fressen; die Menschen haben das ursprünglich in naiven Verhältnissen auch gewußt, was sie essen, aber sie haben es vergessen, haben es verlernt, sie müssen wiederum dieses Verhältnis gewinnen. Heute gibt es — ich erwähnte das schon öfters — merkwürdige Menschen, die haben, indem sie bei ihrem Tische sitzen, eine Waage, da wägen sie ab, wieviel Fleisch und andere Dinge sie essen sollen — weil das ausgerechnet ist, nicht wahr, von den Nahrungsmittelchemikern!
[ 20 ] Before all three of these periods we are discussing have come to an end, humanity—if it is to develop healthily—must develop a kind of personal relationship with all the details through which it is connected to nature. What we can say abstractly today is this: If you eat sugar, you strengthen your ego; if you eat less sugar, you weaken your ego; tea is what scatters the thoughts, the diplomat’s drink, the means of becoming superficial; coffee is the journalist’s drink, which, through abstract logic, links one thought to the next—which is why journalists love going to coffeehouses, diplomats to tea parties, and so on—we can deduce all this abstractly today from the nature of things, but people will only come to develop a healthy relationship with everything that gives them such a connection to all of nature—as animals instinctively have today—at a later stage. Animals know exactly what they eat; humans, too, originally knew what they were eating in simpler times, but they have forgotten it, have unlearned it—they must regain this relationship. Today there are—as I’ve mentioned many times before—strange people who, while sitting at their tables, have a scale with which they measure out exactly how much meat and other foods they should eat—because that’s been calculated, isn’t it, by food chemists!
[ 21 ] Unter diesem abstrakten Verhältnis, das der Mensch zur Welt entwickelt, geht alles gesunde Sich-Inbeziehungsetzen zur Welt verloren. Wir müssen wiederum — verzeihen Sie, wenn ich das so ausspreche den Geist des Zuckers, den Geist des Tees, den Geist des Kaffees, des Salzes, den Geist aller anderen Dinge erleben, mit denen wir in Beziehung stehen einfach durch unseren Organismus; wir müssen das wiederum erfahren lernen, erleben lernen. Heute empfindet der Mensch auf dem Gebiete in allerabstraktester Form. Er fühlt sich was, wenn er sagt: Ich bin ein Mystiker, ich bin ein Theosoph. — Was ist das? Ein Mensch, der innerlich mit seinem Ich das göttliche Ich fühlt, der den Makrokosmos im Mikrokosmos fühlt; der göttliche Mensch in unserem Inneren, der wird fühlbar, der lebt — na, und wie das alles heißt. Das sind natürlich die allergrauesten, die allernebelhaftesten Abstraktionen. Aber die Menschen haben heute den Glauben, daß man über diese Abstraktionen überhaupt nicht hinauskommen könne. Das konkrete Miterleben mit der ganzen Welt, das suchen heute die Menschen nicht. Das gedankenlose Hinschwätzen von dem Erleben von Gott in seinem Inneren, das erscheint den Menschen heute etwas Großes. Wenn man ihnen sagt, sie sollen den Gott des Zuckers oder des Kaffees oder des Tees erleben — ich weiß nicht, sie denken darüber sehr sonderbar, die Menschen, und doch ist dieses das wirkliche Miterleben mit der Außenwelt: weil das menschliche Erleben der Außenwelt grob und materiell ist, wenn nicht gerade den materiellen Erlebnissen ein Geistiges zugrunde liegen kann.
[ 21 ] Under this abstract relationship that humans develop with the world, all healthy engagement with the world is lost. We must once again—forgive me for putting it this way—experience the spirit of sugar, the spirit of tea, the spirit of coffee, of salt, the spirit of all other things with which we are connected simply through our organism; we must learn to experience this once more. Today, people perceive things in this realm in the most abstract form. They feel something when they say: “I am a mystic, I am a theosophist.”—What is that? A person who, inwardly through their “I,” feels the divine “I,” who feels the macrocosm within the microcosm; the divine human being within us becomes perceptible, comes to life—well, whatever all that is called. These are, of course, the grayest, the most nebulous of abstractions. But people today believe that one cannot go beyond these abstractions at all. Concrete participation in the experience of the whole world—that is not what people seek today. Mindless chatter about experiencing God within oneself—that seems like something great to people today. If you tell them to experience the God of sugar or coffee or tea—I don’t know, people think about this in very strange ways, and yet this is the true shared experience with the outside world: because human experience of the outside world is crude and material, unless a spiritual element can underlie those material experiences.
[ 22 ] In der zweiten nachatlantischen Periode war es zum Beispiel noch so, daß jeder, der innerhalb der urpersischen Kultur etwas aß, auch fühlte, wieviel Licht er damit in sich aufnimmt. Die Sonne bereitet zu, gibt ihr Licht ab; wenn man ißt, ißt man das Licht mit; es fühlte ein jeder, wieviel Licht er in sich bekommt. Das ist in alten Zeiten erlebt worden, das muß auf einer höheren Stufe des Bewußtseins wiederkehren. Sehen Sie, das sind natürlich alles weitausschauende Ideale, aber sie sind eigentlich nicht so ferne, als man glaubt, dem, was die Menschen heute am notwendigsten haben. Denn gerade wenn man auf diese Dinge hinschaut, dann wird man sich immer mehr und mehr konkret und real dem nähern, was den Menschen gemeinsam ist. Das haben wir nun sehr nötig, uns dem zu nähern, was den Menschen gemeinsam ist. Und gerade auf dem Gebiete der Naturverehrung, auf dem Gebiete des Naturdurchschauens wird immer mehr und mehr dasjenige herauskommen, was auch das Wirtschaftsleben, das uns heute so materiell erscheint, dieses stumme Wirtschaftsleben gewissermaßen als ein Glied der göttlichen Weltordnung hinstellt. Und dann werden wir verstehen: Der soziale Organismus muß, wenn er gesund ist, dreifach gegliedert sein. Er muß die geistige Organisation haben, weil wir in diese vorzugsweise dasjenige hineintragen, was wir aus dem vorgeburtlichen Leben uns mitbringen; er muß die wirtschaftliche Organisation haben, weil sich in dieser stumm entwickeln muß dasjenige, was wir durch die Todespforte tragen und was Impulse nach dem Tode werden; und er muß abgesondert von diesen beiden anderen das Leben des Rechtsstaates haben, weil auf diesem Gebiete sich vorzugsweise dasjenige ausprägt, was für dieses irdische Leben gilt. Schematisch ausgedrückt:
[ 22 ] In the second post-Atlantean period, for example, it was still the case that anyone who ate something within the ancient Persian culture could also feel how much light they were taking into themselves. The sun prepares the food and gives off its light; when one eats, one eats the light along with it; everyone felt how much light they were taking into themselves. This was experienced in ancient times, and it must return at a higher level of consciousness. You see, these are, of course, all far-reaching ideals, but they are actually not as far removed from what people need most today as one might think. For it is precisely when one looks at these things that one will come closer and closer, in a concrete and real way, to what people have in common. We now have a great need to draw closer to what people have in common. And precisely in the realm of reverence for nature, in the realm of insight into nature, what will increasingly emerge is that which also presents economic life—which seems so material to us today, this silent economic life—as, in a sense, a link in the divine world order. And then we will understand: The social organism, if it is healthy, must be structured in three parts. It must have a spiritual organization, because it is into this that we primarily bring what we carry with us from our prenatal life; it must have an economic organization, because within this must silently develop what we carry through the gate of death and what becomes impulses after death; and it must have, separate from these other two, the life of the constitutional state, because it is in this realm that what applies to this earthly life is primarily expressed. Schematically speaking:


[ 23 ] Wenn dieses das irdische Leben ist (siehe Zeichnung), so kommt in dieses irdische Leben herein, es gewissermaßen überstrahlend, dasjenige, was wir uns aus dem vorgeburtlichen Leben mitbringen (gelbe Pfeile, links); und wiederum entwickeln wir in diesem Leben dasjenige, was wir hinaustragen (gelb, rechts). In dem, was ich hier als rote Linie bezeichnet habe, ist von vornherein dasjenige drinnen, was geistig ist; es kommt vorzugsweise durch die Sprachen oder durch ähnliches hinein. In dem, was ich hier blau gezeichnet habe, strahlt nach dem Tode durch die Impulse, die wir aufgesogen haben im Wirtschaftsleben, das Geistige aus (gelbe Pfeile). Dieses Mittlere, das ich weiß gezeichnet habe, wird von dem Geistigen gewissermaßen seitwärts durchstrahlt (gelb). Das Rechtsleben ist als solches ganz irdisch, aber es wird gewissermaßen seitwärts durchstrahlt, so daß die Inspiration, die den Ahriman bändigen soll, im Rechtsleben sich ausleben soll. Wir müssen zu Rechtsvorstellungen vordringen, die wirklich dem Geistesleben entnommen sind, die eigentlich Initiationsvorstellungen sind.
[ 23 ] If this is earthly life (see diagram), then what we bring with us from our prenatal life (yellow arrows, left) enters into this earthly life, so to speak, outshining it; and in turn, we develop in this life what we carry out into the world (yellow, right). What I have marked here as a red line contains, from the very beginning, that which is spiritual; it enters primarily through languages or similar means. In what I have drawn here in blue, the spiritual radiates after death through the impulses we have absorbed in economic life (yellow arrows). This middle section, which I have drawn in white, is, so to speak, radiated through from the side by the spiritual (yellow). Legal life is, as such, entirely earthly, but it is, so to speak, illuminated from the side, so that the inspiration intended to subdue Ahriman may find its expression in legal life. We must advance toward legal concepts that are truly drawn from spiritual life, that are, in fact, concepts of initiation.
[ 24 ] Aber solche Dinge, von denen ich Ihnen heute gesprochen habe, wie sollen sie weiteren Kreisen der Gegenwartsmenschen so ohne weiteres schon verständlich sein? Das können sie ja nicht! Dazu wird schon notwendig sein, daß das geisteswissenschaftliche Element unsere gesamte Zeitbildung und Zeitkultur durchdringt. Ohne das geht es in die Zukunft hinein nicht. Deshalb hängt die Gesundung unseres sozialen Lebens innig zusammen mit der Ausbreitung eines wirklichen Verständnisses für Geist-Erkenntnis. Freilich wird auf der anderen Seite bei denjenigen Menschen, die einen guten Willen haben zur Aufnahme sozialer Vorstellungen, nach und nach der Drang entstehen, auch Geistiges in sich aufzunehmen. Am meisten sträuben werden sich diejenigen gegen das Geistige, welche starr stehenbleiben wollen bei jenen Dingen, von denen ich gerade gestern sagen mußte, daß sie antipathisch sind den Kindern, die seit einer Anzahl von Jahren aus der geistigen Welt in diese irdische Welt heruntersteigen. Da ist es allerdings manchmal jammervoll, wenn man so sieht, wie wenig die Menschen geneigt sind, von den Ereignissen wirklich zu lernen, wie sehr die Menschen heute noch immer die Vorstellungen zeigen, die sie früher gehabt haben, bevor sich geoffenbart hat, daß die Welt, welche in diesen Vorstellungen lebt, eben die Menschheit in diese furchtbare Zeitkatastrophe hineingetrieben hat. Da sollte sich der Menschheit bemächtigen ein gewisses Gefühl der Verantwortlichkeit, und ein Verständnis dafür, nun wirklich einmal in weiterem Umfange diese Zeitbedürfnisse auch zu sehen! Denken Sie nur, wie man heute — mit Bezug auf sehr viele Menschen muß das gesagt werden — sehr egoistisch in sich selbst steckt, und wieviel Ursache man heute hätte, eigentlich so ziemlich von der eigenen Person ganz abzusehen und auf die großen Fragen der Menschheit hinzuschauen! Sie sind ja so überwältigend groß, diese Menschheitsfragen heute, daß man kaum, wenn man ein vernünftiger Mensch ist, Zeit finden sollte, die engsten persönlichen Schicksale ins Auge zu fassen, wenn diese engsten persönlichen Schicksale nicht fruchtbar gemacht werden können für die großen Zeitfragen, die heute eben im Schoße der Entwickelungsepoche der Menschheit liegen. Man möchte, daß die Menschen die starke Diskrepanz bemerken zwischen dem Wesenlosen, das heute persönliches Schicksal ist, und dem Wesentlichen, das in den großen, heute überwältigenden Menschheitsfragen zutage tritt. Und man kann in Wirklichkeit Geisteswissenschaft nicht verstehen, wenigstens in der gegenwärtigen Zeit nicht verstehen, wenn man nicht für diese großen Menschheitsfragen Verständnis und Entgegenkommen hat. Manches beginnt sich jetzt doch zu entwickeln; aber gerade von denjenigen, die sich in einem gewissen Sinne bekennen zur Geist-Erkenntnis-Bewegung, von denen sollte ein besonders energisches Verständnis erstrebt werden dessen, was sich in weitem Umfange in der sozialen Bewegung der Gegenwart abspielt und was, wie Sie auch wiederum aus diesen heutigen Andeutungen ersehen können, weitere Horizonte hat, als man gewöhnlich denkt.
[ 24 ] But how can the things I have spoken to you about today be readily understood by broader circles of people today? They simply cannot! For that to happen, it will be necessary for the spiritual-scientific element to permeate our entire conception of time and our culture of time. Without that, we cannot move forward into the future. That is why the healing of our social life is intimately connected with the spread of a genuine understanding of spiritual knowledge. Of course, on the other hand, those people who are willing to embrace social ideas will gradually feel the urge to take in spiritual matters as well. Those who will resist the spiritual most strongly are the ones who want to remain rigidly attached to those things about which I had to say just yesterday that they are repulsive to the children who have been descending from the spiritual world into this earthly world for a number of years now. It is indeed sometimes lamentable to see how little people are inclined to truly learn from events, and how much people today still cling to the ideas they held in the past, before it became clear that the world living within these very ideas is precisely what has driven humanity into this terrible catastrophe of our time. Humanity should be seized by a certain sense of responsibility and an understanding of the need to truly begin to see these contemporary challenges on a broader scale! Just think how people today—and this must be said with regard to a great many people—are so selfishly absorbed in themselves, and how much reason they actually have today to set aside their own selves almost entirely and turn their attention to the great questions facing humanity! These questions of humanity are so overwhelmingly vast today that, if one is a reasonable person, one should hardly find time to focus on the most immediate personal fates—unless those very personal fates can be made fruitful for the great questions of our time, which lie at the very heart of humanity’s current epoch of development. One would like people to notice the stark discrepancy between the insubstantial—which is personal fate today—and the essential, which comes to light in the great, overwhelming questions of humanity today. And in reality, one cannot understand spiritual science—at least not at the present time—unless one has understanding and openness toward these great questions of humanity. Certain things are now beginning to develop; but it is precisely from those who, in a certain sense, profess allegiance to the Spiritual Knowledge Movement that a particularly vigorous effort should be made to understand what is taking place on a broad scale in the social movement of the present—and which, as you can also see from these remarks today, has broader horizons than is generally thought.
[ 25 ] Auf den gestern und heute gemachten Voraussetzungen wollen wir dann morgen einen Abschluß aufbauen.
[ 25 ] Based on the groundwork laid yesterday and today, we will then build on it tomorrow.
