Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen
GA 190
11 April 1919, Dornach
Neunter Vortrag
[ 1 ] Aus den verschiedenen Besprechungen unserer gegenwärtigen Menschheitsentwickelungsanlage werden Sie gesehen haben, daß von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus über die Gegenwart gesagt werden muß, daß die Menschheit eine sehr bedeutsame Phase ihres Daseins durchschreitet. Wenn ich sage: in der gegenwärtigen Zeit —, muß man sich natürlich bewußt sein, daß diese Gegenwart eine sehr, sehr lange Zeit ist, und wenn wir heute von der Gegenwart sprechen, so sprechen wir im wesentlichen von der Entwickelungszeit der Bewußtseinsseele, in welche die Menschheit, wie wir ja wissen, um die Mitte ungefähr des 15. Jahrhunderts eingetreten ist, und in der sie zweitausend Jahre lang sein wird. Wir wissen, daß diese Zeit der fünfte nachatlantische Zeitraum ist, und wir wissen ferner, daß dieser Zeitraum abgelöst werden wird von einem anderen, in dem eine ganz andere Wesenheit der menschlichen Natur an die Oberfläche dringen wird, als in den verflossenen Zeiträumen da war. Bedenken wir nur einmal, was da eigentlich vorliegt.
[ 2 ] Wir gliedern ja die Gesamtentwickelung der Menschheit, ob wir nun längere oder kürzere Zeiträume ins Auge fassen, immer in siebengliedrige Phasen. Wir stehen also jetzt im fünften Zeitraum und wissen, daß im sechsten Zeitraum das Geistselbst in einer gewissen Art von der Menschheit Besitz ergreifen soll, daß unser Zeitraum, wenn er auch im wesentlichen zum Ausdruck bringt die Bewußtseinsseele, der Entwickelung des Ich angehört. Damit sehen Sie schon, daß beim Übergange von dem fünften in den sechsten nachatlantischen Zeitraum der Mensch eine Art Rubikon überschreitet (siehe Zeichnung), der Mensch als ganze Menschheit eintritt in eine Entwickelungsphase, welche hinaufgeht in die höhere Geistigkeit. Das ist eine sehr wichtige, eine bedeutungsvolle Tatsache. Nun ist es immer unzulänglich, wenn man Entwickelungszustände im großen, also zum Beispiel Entwickelungszustände, die die ganze Menschheit betreffen, charakterisiert durch Entwickelungszustände des einzelnen Menschen. Es kommen da leicht bloße Vergleiche zustande. Das, was ich jetzt anführen werde, ist allerdings mehr als ein bloßer Vergleich, aber Sie müssen sich hüten, die Sache pedantisch zu nehmen, Sie müssen die Sache weitherzig nehmen.
[ 3 ] Sie wissen, wenn der Mensch eintritt in diejenige Welt, die wir die übersinnliche nennen, dann hat er dasjenige zu überschreiten, was wir die Schwelle des Hüters nennen. Man kommt hinüber in die übersinnliche Welt durch das Überschreiten dieser Schwelle. Dieses Überschreiten finden Sie in dem kleinen Büchelchen «Die Schwelle der geistigen Welt» von mir geschildert, Wenn Sie dasjenige, was dort’geschildert ist, zusammennehmen mit gewissen Kapiteln der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dann bekommen Sie nach einer gewissen Richtung hin genauere Vorstellungen. Sie wissen, daß jene Zusammenfügung, die in der Menschenseele aus Denken, Fühlen und Wollen besteht, mehr gespalten wird, wenn man die Schwelle überschreitet, daß gewissermaßen das Denken an sich selbständiger wird, das Fühlen an sich selbständiger wird, das Wollen selbständiger wird, während im gewöhnlichen Geistesleben diesseits der Schwelle diese drei Tätigkeiten des Menschen mehr zusammengeschmolzen sind, mehr ineinandergewoben sind.
[ 4 ] Also diese zwei Tatsachen wollen wir ganz genau berücksichtigen, daß, wenn man in die übersinnliche Welt eintreten will, man zu überschreiten hat die Schwelle, daß dann gewissermaßen eine Art Spaltung eintritt der drei Haupttätigkeiten des menschlichen Seelenlebens, die selbständig macht Denken, Fühlen und Wollen. Das, was der Mensch so bewußt beim Übergang in die übersinnliche Welt durchmachen kann, das macht, ohne daß es dem einzelnen Menschen bewußt werden müßte, die ganze Menschheit durch in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum. In diesem fünften nachatlantischen Zeitraum liegt die Schwelle (siehe Zeichnung), durch die die Gesamtmenschheit durchgehen muß.
[ 5 ] Daß die gesamte Menschheit durch diese Schwelle durchgeht, das braucht den einzelnen Menschen so unmittelbar gar nicht zum Bewußtsein zu kommen. Wenn die Menschen zum Beispiel beharren würden bei der Gesinnung, die die Mehrzahl jetzt hat, bei der Ablehnung aller geistigen Erkenntnisse, dann würde zwar die gesamte Menschheit doch im Laufe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums durch die Schwelle durchgehen; aber die Menschen würden in ihrer Mehrzahl das nicht bemerken. Jenes gewaltige Ereignis für die Menschen, das ein geistig-seelisches Ereignis ist, und das gekennzeichnet werden kann als der Durchgang durch die Schwelle, es kann den Menschen nur bewußt werden, wenn sie sich einlassen auf diejenigen Erkenntnisse, welche durch die Geisteswissenschaft vermittelt werden. Aber selbst wenn kein Mensch bemerken würde, daß dieser Durchgang der gesamten Menschheit durch die Schwelle stattfindet, daß die Menschheit eigentlich schon jetzt in diesem Durchgang begriffen ist, so würde dasjenige, was dieser Durchgang für die Entwickelung der Menschheit bedeutet, doch wirklich da sein. Daß so etwas ein Ereignis in der Menschheitsentwickelung ist, hängt gar nicht ab davon, ob die Menschen das bemerken oder nicht. Den Menschen kann das Bemerken verlorengehen. Sie können durch ihre Starrköpfigkeit dem Eingange des Wissens von dieser Tatsache ein Hindernis entgegensetzen. Aber daß sich dasjenige, was diese Tatsache bedeutet, in der ganzen menschlichen Entwickelung zum Ausdrucke bringt, das wird dadurch nicht verhindert.
[ 6 ] Wenn Sie das zunächst in dieser Abstraktheit nehmen, dann werden Sie sich sagen können: Während dieses unseres fünften nachatlantischen Zeitraums, während der Entwickelung der Bewußtseinsseele, geht mit der Menschheit Bedeutungsvolles, Großartiges vor sich. Und zwar geht mit der Menschheit auch das vor sich, daß eine gewisse Trennung des Gedankenlebens, des Gefühlslebens und des Willenslebens stattfindet. Also bitte, fassen Sie das klar ins Auge. Eine gewisse Trennung, eine Verselbständigung des Gedankenlebens, des Gefühlslebens, des Willenslebens geht mit der Menschheit vor sich im fünften nachatlantischen Zeitraum. Diese drei Gebiete des Seelenlebens der Gesamtmenschheit werden selbständiger. Und das wird die Menschheit der Zukunft unterscheiden von der Menschheit der Vergangenheit, daß die Seele in der Vergangenheit mehr in sich zentralisiert war, während die Seele in der Zukunft sich dreigliedrig fühlen wird. Wenn der Mensch einsam für sich sein wird, wird er ja seine Entwickelung durchmachen können in dem Sinne, wie wir sie angedeutet finden in «Wie er: langt man Erkenntnisse der höheren Welten?»; das geht den einzelnen individuellen Menschen an. Indem aber die Menschen zusammen sind die Menschen sind ja zusammen als Volk, als Staat, im Wirtschaftskreislauf und so weiter —, indem die Menschen miteinander verkehren, ihre gemeinsamen Interessen erkennen und befriedigen, entwickelt sich das, was ich eben charakterisiert habe, entwickelt sich im lebendigen Verkehr der Menschen diese Spaltung des Gesamtseelenlebens in die drei Sphären, weil, wie gesagt, hinter den Kulissen des Daseins die gesamte Menschheit durch eine Entwickelungsphase durchgeht, die man vergleichen kann mit dem Durchgang des einzelnen Menschen durch die Schwelle zur übersinnlichen Welt, mit dem Übergang des einzelnen Menschen durch die Schwelle zur übersinnlichen Welt.
[ 7 ] Nun kann man sagen, daß es in unserer Zeit Menschen durchaus gibt, welche von diesen hinter den Kulissen des Daseins sich abspielenden Ereignissen etwas merken. Nur merken sie es, ich möchte sagen, im negativen Sinne. Ich habe Ihnen öfter den Namen Fritz Mauthner angeführt, der eine «Kritik der Sprache» geschrieben und ein dickes zweibändiges «Wörterbuch der Philosophie» veröffentlicht hat. Nachdem ich Ihnen in der letzten Zeit gerade über die Bedeutung der Sprache im menschlichen Leben etwas Wirkliches gesagt habe, darf es für Sie interessant sein, jetzt sich mit der Frage zu beschäftigen: Wie denkt ein Mensch in der Gegenwart über das eigentliche Seelenleben des Menschen, der seine Aufmerksamkeit, wie Fritz Mauthner, gerade auf die Sprache richtet, der aber keine Ahnung hat von dem Vorhandensein einer Geisteswissenschaft, der nichts ahnt von dem, was Geisteswissenschaft der Menschheit geben kann? Ein solcher Mensch, der ein vollständiger Ignorant in geisteswissenschaftlichen Dingen, aber ein scharfsinniger Kopf ist, der gescheiter ist als unzählige offizielle Gelehrte, wenn er die Aufmerksamkeit darauf wendet, was die menschliche Seele unter der Wirkung der Sprache wird, äußert eigentümliche Wahrnehmungen über die menschliche Entwickelung. Im ganzen, wissen Sie ja, ist die heutige Menschheit noch unendlich stolz auf dasjenige, was sie ihre Wissenschaft nennt. Fritz Mauthner ist gar nicht stolz auf diese Wissenschaft. Er hält von dieser Wissenschaft gar nichts. Denn er glaubt, daß die Menschen, während sie denken eine Wissenschaft zu haben, eigentlich bloß in Worten kramen, daß sie bloß an Worten hängen, und indem sie in Worten denken, in Worten sich verständigen, meinen sie, ein inneres Seelenleben zu haben; während sie im Grunde genommen doch nur in den äußeren Worten sich bewegen. Das hat Fritz Mauthner bewiesen.
[ 8 ] Nun erinnern Sie sich, daß ich Ihnen neulich gesagt habe: Von dem ganzen Gefüge unserer Sprache verstehen die Toten höchstens dasjenige klar, was wir in Verben, in Zeitwörtern zu ihnen sagen, während sie fast gar nichts merken von dem, was wir wollen, wenn wir zu ihnen sprechen in Substantiven, in Hauptwörtern. Daraus schon können Sie empfinden, welche Bedeutung das Sprechen im wirklichen geistigen Leben des Menschen hat. Und wenn der Mensch nicht loskommen kann mit seinem sogenannten Denken von dem Sprachinhalte, so denkt er eigentlich, wenn er substantivisch denkt, etwas ganz Ungeistiges, etwas, was gar nicht hineindringt in die geistige Welt. Er schnürt sich einfach durch das substantivische Denken von der geistigen Welt ab. Das ist auch in der Gegenwart reichlich der Fall, daß sich die Menschen durch ein gewisses substantivisches Denken von der geistigen Welt abschnüren. Völker, welche schon in die Dekadenz gekommen sind und welche selbst die Verben sehr substantivisch empfinden, wie die Neger, die schnüren sich dadurch vollständig von der geistigen Welt ab.
[ 9 ] Indem nun Fritz Mauthner meint, daß in all dem, was die Menschen heute als Wissenschaft haben, eigentlich nichts anderes liegt als eine Art Sich-selbst-Narren durch die Sprache, kommt er zu einer für die Gegenwart höchst merkwürdigen Ansicht über dieses menschliche Seelenleben. Er sagt: die Menschen stehen zunächst der Welt gegenüber. Indem sie der Welt mit ihren Sinnen gegenüberstehen, nehmen sie zunächst nur diejenigen Eindrücke der Welt wahr, welche sie mit Eigenschaftswörtern bezeichnen. Auf das achtet man nicht. Aber es ist eine gute Bemerkung. Wenn Sie einen Vogel fliegen sehen, wenn Sie einen Tisch stehen sehen, so nehmen Sie durch Ihre Sinne eigentlich nur die Eigenschaften, sagen wir, die Farbe des Vogels wahr; Sie nehmen an dem Tisch auch nur die Eigenschaften wahr. Daß Sie außer den Eigenschaften noch einen besonderen Tisch wahrnehmen, daß Sie außer denjenigen Eindrücken, die Sie durch Eigenschaftswörter bezeichnen, noch etwas wahrnehmen, was Sie substantivisch bezeichnen können, das ist ja nur eine Selbsttäuschung, das ist nur eine Illusion. Sinnlich nimmt der Mensch nur die Eigenschaften der Dinge wahr. Aber indem er diese sinnlichen Eigenschaften durch die Adjektiva, durch die Eigenschaftswörter der Sprache ausspricht, lebt er äußerlich sinnlich mit den Dingen. Und solch ein Mensch, wie Fritz Mauthner, frägt sich: Was kann denn da der Mensch, wenn er äußerlich mit den Dingen lebt, eigentlich von den Dingen in sich aufnehmen, wiedergeben von den Dingen? — Er kann nur von den Dingen aufnehmen, meint Fritz Mauthner, dasjenige, was wiedergegeben wird durch die Kunst. Dabei muß man allerdings denken an die Kunst von den primitivsten Stufen der Menschheit an bis hinauf zu demjenigen, was man als die höchste Stufe der Kunst bis heute bezeichnen kann. Wenn der Mensch dasjenige, was er mit den Sinnen wahrnimmt, was er durch Eigenschaftswörter ausdrücken kann, verarbeitet, so entsteht Kunst. Für solche Leute wie Fritz Mauthner, die viel Abergläubisches der Gegenwart abgestreift haben, die vor allen Dingen abgestreift haben den Aberglauben unserer Schule, für die ist das künstlerische Schaffen, zu dem also auch das allerprimitivste künstlerische Schaffen gehört, das einzige, was der Mensch zustande bringt im Schaffen im Verein mit den Dingen. Aber der Mensch ist nicht zufrieden damit, daß er bloß die Eigenschaften der Dinge durch Eigenschaftswörter ausdrückt. Er bildet sich Substantiva, Hauptwörter Aber mit den Hauptwörtern bezeichnet man gar nichts von dem, was in der äußeren Sinnenwelt an den Menschen herantritt. Das macht sich Fritz Mauthner besonders klar und deshalb sagt er auf zweiter Stufe: Wenn der Mensch zu dem illusionären Leben aufsteigt, indem er Substantive bildet, da entsteht in seiner Seele die Mystik. Da glaubt er einzudringen in das Wesen der Dinge und merkt nicht, daß er eigentlich nichts hat in den Substantiven. Auf diesem Gebiete, meint Fritz Mauthner, läßt sich nur träumen. So sagt er zu den Menschen: Wenn ihr wirklich leben wollt, so müßt ihr künstlerisch vorstellen, da wacht ihr eigentlich allein. Wenn ihr keinen Sinn für künstlerische Vorstellungen habt, so wacht ihr eigentlich gar nicht mit euerer Seele, ihr träumt, wenn ihr glaubt, in das Wesen der Dinge eindringen zu können über das bloße künstlerische Gestalten des sinnlichen Eigenschaftsmaterials hinaus. Ihr geratet mit eurer Mystik in die Unwirklichkeit, aber ihr habt an dieser Mystik eine gewisse Befriedigung. Ihr träumt über die Dinge, indem ihr über sie Hauptwörter, Substantive bildet.
[ 10 ] Das ist zwar eine vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte blödsinnige Behauptung, aber eine außerordentlich scharfsinnige, für die Gegenwart außerordentlich bedeutsame Behauptung, weil in der Tat, wenn der Mensch bloß diejenigen Eigenschaften ausbildet, die man heute liebt, er in der ganzen substantivischen Welt, in der er mystisch leben kann, nur Traumillusionen erlebt. Die meisten Menschen machen sich das nur nicht klar. So sonderbar dies auch klingt, es ist eine für das Leben der Gegenwart außerordentlich bedeutsame Tatsache: die Menschen arbeiten mit den äußeren sinnlichen Eigenschaften die Dinge, die sie in den Eigenschaftswörtern zum Ausdruck bringen. Sie gestalten diese äußeren Dinge, indem sie ihre Eigenschaften irgendwie verändern. Dann außer dem, daß sie an diesen äußeren Dingen arbeiten, meinetwillen in primitiver Kunst — auch das Handwerk, jegliche Tätigkeit ist eine primitive Kunst —, wenden sich die Leute noch, sagen wir an die Kirche, an die Schule. Da, meinen sie, hören sie etwas über das Wesen der Dinge. Aber da bekommen sie nur eine substantivische Bildung, also etwas, was eigentlich lauter Illusionen sind. Ein Mensch wie Fritz Mauthner hat eine ganz richtige Empfindung dafür. Wenn man über eine Wiese geht, dort die grüne Fläche sieht, in der mannigfaltigsten Weise differenziert, durchspickt mit weißen, blauen, gelben, rötlichen Pflanzenblüten, dann hat man dasjenige, was eigentlich in der sinnlichen Welt das Wirkliche ist. Aber die Menschen glauben darüber noch etwas hinaus zu haben. Wenn sie des Weges gehen, der eine neben dem anderen, und der eine streckt seine Hand aus, pflückt so etwas, was gelb aussieht, so frägt er den anderen: Wie heißt denn diese Pflanze? — Der andere hat vielleicht einmal durch irgendeinen anderen Menschen oder in der Schule gehört, wie diese Pflanze heißt und spricht ein Substantivum aus. Aber diese ganze Tätigkeit ist eine illusorische Tätigkeit, ist eine Traumtätigkeit. Die wirkliche Tätigkeit ist allein das Sehen eines Gelben, eines gestalteten Gelben; was aber darüber in Substantiven gesprochen wird, das ist eine Traumtätigkeit. Diese Traumtätigkeit lieben die Menschen heute, aber sie hat eigentlich keinen Inhalt. Viele Menschen, die unbefriedigt sind mit dem bloßen Hantieren mit den äußeren eigenschaftlichen Eindrücken, hören sich Predigten an, machen Gottesdienste mit. Alles dasjenige aber, was in ihrer Seele durch diese Predigten, durch die Gottesdienste lebt, ist im Grunde genommen nichts weiter als ein Traum, eine Summe von Illusionen, ist nichts Wirkliches. Solche Menschen, die sich genauer befassen mit dem Charakter der Sprache, wie Fritz Mauthner, die merken das und machen die Menschen aufmerksam, daß in dem Augenblicke, wo sie über das Künstlerische oder künstliche Hantieren hinwegkommen, sie sogleich in das Gebiet des mystischen Träumens hineinkommen.
[ 11 ] Dann unterscheidet Fritz Mauthner noch eine dritte Stufe im Seelenleben des heutigen Menschen. Diese Stufe nennt er die Wissenschaft. Sie ist heute ganz besonders stolz auf die Idee der Entwickelung, der Evolution. Dasjenige, was sie darstellt, drückt sie vorzugsweise in Verben aus. Aber nun nehmen Sie, was ich Ihnen gesagt habe mit Bezug auf das Erleben der verbalen Tätigkeit, der Tätigkeit der Zeitwörter. Wie viele Menschen erleben denn heute die Zeitwörter eurythmisch? Wie trocken und nüchtern und abstrakt ist dasjenige, was die Menschen in den Zeitwörtern erleben! Der Deutsche sagt: Entwickelung. «Evolution» sagt man, wenn man dasselbe anders ausdrücken will. Aber man hat ja gar nichts von dem Worte Evolution oder Entwickelung, wenn man nicht in der Lage ist, dieses ganze Wort konkret durchzuempfinden, innerlich durchzuleben. Wie viele Menschen denken aber, wenn sie sagen, der gegenwärtige physische Mensch habe sich von niederen Organismen her entwickelt, an einen Zwirnknäuel, der zusammengewickelt ist, und der aufgewickelt wird, der entwickelt wird? Wenn Sie einen Ballen haben, darum einen Faden gewickelt und den abwickeln, so sagen Sie: Sie entwickeln das. Das ist Entwickelung. Da haben Sie diese konkrete Vorstellung. Nehmen Sie nun Ernst Haekkel, wenn er sagt, der Mensch habe sich aus dem Affen entwickelt. Wir wollen nicht über das Substantielle der Sache sprechen. Glauben Sie, daß er daran denkt, daß da ein Zwirnknäuel vorliegt und daß sich da etwas abgewickelt hat, indem aus dem Affen ein Mensch geworden ist? Nicht wahr, so etwas Konkretes liegt ganz gewiß nicht in dem Wort, das ausgesprochen wird, indem man sagt, der Mensch habe sich aus dem Affen entwickelt, sonst müßte man an das Aufwickeln eines Fadens von einem Knäuel denken. Was heißt es, daß man das Wort «entwickelt» ausspricht, aber sich eigentlich nichts darunter vorstellt? Das ist gerade das Merkwürdige, daß die Menschen heute, indem sie wissenschaftlich denken, vorzugsweise verbal sich ausdrücken, zu Verben, zu Zeitwörtern ihre Zuflucht nehmen, daß sie aber bei Zeitwörtern gar nichts mehr denken. Denn würden sie sich sprachlich klarmachen, was sie da eigentlich denken, so würden sie gar nicht mit dem zurechtkommen, was sie in Wirklichkeit denken. Die wissenschaftlichen Begriffe sind eigentlich nichts anderes als wissenschaftliche Gedankenlosigkeiten. Sie können heute die dicksten gelehrten Bücher aufschlagen, insbesondere in der Volkswirtschaftslehre, und können da die Begriffe durchgehen; es sind ebenso viele Gedankenlosigkeiten, als Begriffe darinnen sind.
[ 12 ] Nun kann :so jemand wie Fritz Mauthner, der keine Ahnung hat von Geisteswissenschaft, natürlich nicht die Gründe der Gedankenlosigkeit einsehen, die wir jetzt einsehen, nachdem wir neulich die Dinge besprochen haben, die mit der Sprache zusammenhängen. Aber Fritz Mauthner fühlt, daß eigentlich, indem die Leute heute wissenschaftlich reden, infolge der Grenzen des sprachlichen Denkens dieses wissenschaftliche Reden nichts weiter ist als eine Gedankenlosigkeit. Es ist immerhin eine harte Tatsache, wenn man zugestehen muß: auf den untersten Schulstufen, wo ja schon reichlich gesündigt wird den Kindern gegenüber, da macht es das kindliche Gemüt notwendig, weil es noch etwas Sinnliches haben will, daß man ihm irgend etwas an konkreten Gedanken noch gibt. Treten aber dann die Leute ins Gymnasium ein, oder werden sie «höhere Töchter», dann kann man ihnen schon mehr zumuten an Gedankenlosigkeit, dann hört schon der Inhalt des Begrifflichen auf. Und kommt man gar auf die Universität hinauf, dann ist der Gipfel der Gedankenlosigkeit dasjenige, was da als Wissenschaft tradiert wird, denn wie Wirklichkeit sind heute nur die Hantierungen, das Künstliche, was man aus dem Laboratorium, was man aus dem Seziersaal und so weiter hinausträgt, das Technische, das Künstliche. Dasjenige aber, was gedacht wird — ich spreche einen Unsinn, indem ich sage: was gedacht wird, denn es wird eben nichts gedacht, es wird Gedankenlosigkeit kultiviert —, dasjenige, was gedacht wird, ist nichts Gedachtes, ist Gedankenlosigkeit.
[ 13 ] So etwas fühlt Fritz Mauthner. Deshalb stellt er diese Skala von drei Stufen auf: Erstens die Kunst; zweitens die Mystik, die aber ein Träumen ist, und drittens die Wissenschaft, von der er sagt, daß sie in Wirklichkeit eine Docta ignorantia, eine gelehrte Unwissenheit ist. So etwas von einem solchen Manne ausgesprochen, muß man wie ein Geständnis eines repräsentativen Menschen der Gegenwart nehmen. So etwas sagt eben ein Mensch, der jenen Aberglauben abgestreift hat, unter dem die meisten Menschen heute leben, der namentlich durch die Betrachtung der Sprache darauf gekommen ist, welche Leerheit sich ergießt über die heutige Menschheit, indem auf der Höhe der Bildung angebliche Gedanken gelehrt werden, die aber nur die Gedankenlosigkeit sind. Und diese Gedankenlosigkeit, die ergießt wortklappernd sich dann hinein in die populäre Literatur und wird endlich der furchtbare Wortsumpf in der Journalistik, von der sich die meisten Menschen heute geistig nähren.
[ 14 ] Wenn Sie dies bedenken, wie ich es Ihnen vorgeführt habe an einem repräsentativen Menschen der Gegenwart, der keine Ahnung hat von der Geisteswissenschaft, und wenn Sie bedenken, daß ebenso wie ich Fritz Mauthner als ein Beispiel genommen habe, ich manche andere Persönlichkeit der Gegenwart anführen könnte, die nur nicht so präzise die Sache zum Ausdrucke bringt, nicht so borniert systematisch, und wenn Sie vorurteilslos dazunehmen die Gespräche, die die heutigen Menschen untereinander führen, vom gewöhnlichen Kaffeeklatsch bis in die Stände-, Bundes-, Reichstäglichen Versammlungen hinauf, bis in die Duma hinauf, so ist da vorhanden ein Zusammenschallen von Sprachlauten, Worten und Gedankenlosigkeit, dieses Zusammenschallen durchsetzend.
[ 15 ] Damit charakterisiert man aber den wirklichen Tatbestand desjenigen, was man heute Kultur nennen muß, wenn man von ihm redet, damit charakterisiert man diejenige Welt, die man heute Kulturwelt nennen muß, wenn man sie nicht beleidigen will, indem man sie anspricht. Ich habe Ihnen nichts weiter geschildert als Tatsachen, die eben einfach bestehen. Und des Geisteswissenschafters Aufgabe ist es, diesen Bestand unbefangen, mutig zu durchschauen, ohne Selbstillusion. Und Sie sehen, Leute, die außerhalb der Geisteswissenschaft stehen, kommen schon darauf, daß es ein furchtbarer Aberglaube ist, die Wissenschaft, wie sie heute herrscht, für etwas zu halten — daß sie eine Docta ignorantia ist. Und das ist sie geworden nach und nach. Seit Nikolaus der Cusaner sie im 15. Jahrhundert bezeichnet hat mit dem Worte «docta ignorantia», ist unsere Wissenschaft immer mehr und mehr dazu geworden. Tröpfe könnten jetzt allerdings kommen und sagen: Was redest du denn da? Du hast uns doch so oft gesagt, daß die Gegenwart großartige Triumphe in bezug auf die Naturwissenschaft erreicht hat, und daß du gerade diese Triumphe der Naturwissenschaft voll anerkennen willst! Ja, meine lieben Freunde, aber die Natur ist dasjenige, was keine Gedanken in sich enthält! kann gerade im Zeitalter der Gedankenlosigkeit am allergrößten wer It! Die Naturwissenschaft kann gerade im Zeitalter der Gedankenlosigkeit am aller größten werden, weil man keine Gedanken, sondern nur äußere Formelworte braucht, um die naturwissenschaftlichen Tatsachen zusammenzuhalten. Gerade dem Umstande verdankt die Naturwissenschaft ihre Größe, daß sie, um rechte Naturwissenschaft zu sein, gedankenlos sein darf und sein soll sogar. Aber worauf ich Sie vor allen Dingen aufmerksam machen wollte, das ist, daß schon in der Gegenwart bemerkt wird, wie die Menschheit durch etwas durchgeht, was ihr das innere Seelenleben zu einem Träumen und die eigentliche Wissenschaft zu einem Schlafen macht, zu einer Ignorantia. Das ist auch das Wohlige, das die Menschen heute an der Wissenschaft und am wissenschaftlichen Denken empfinden, daß sich darinnen seelisch so wohlig schlafen läßt. Man glaubt gar nicht, wie stark die heutige Menschheit schläft, indem sie etwas zu wissen glaubt, wie sie überall autoritätsgläubig bis zum Exzeß ist gegenüber dem, was sie Wissenschaft nennt, und was ihr als Wissenschaft gegeben wird, wie sie aber nirgends aus ihrem tiefen Schlaf heraus diese Wissenschaft auf die wirkliche Umgebung anwenden kann. Ja, sie sieht es als eine Phantasterei an, wenn «Wissenschaftliches» auf das äußere Leben angewendet wird.
[ 16 ] Stellen Sie einmal in einer Bibliothek — sie müßte sehr groß sein — alle gelehrten psychiatrischen Werke, alle Werke über Irrenkunde zusammen, da hätte man im Sinne der heutigen Zeit vieles Scharfsinnige beisammen. Aber man muß doch auch annehmen, daß die Psychiater, die sich fachlich mit den Dingen beschäftigen, das kennen, was in den Büchern steht; wenigstens der Hauptsache nach müßten sie es kennen, und sie kennen es auch, aber eben schlafend. Denn wenn es zum Beispiel darauf ankommt, das Leben zu betrachten, einzusehen, daß ein Mensch, der jahrelang über einen großen Teil Europas hin die Ereignisse beherrscht, wirklich wahnsinnig war und ist, dann nützt den Leuten ihre Wissenschaft der Psychiatrie nichts, denn sie kommen nicht darauf, ihre Wissenschaft anzuwenden auf das wirkliche Leben.
[ 17 ] Diese Dinge waren nicht immer so in der Menschheitsentwickelung. Wenn wir zurückgehen in andere Zeiträume, so war das nicht in demselben Maße vorhanden. Und je weiter wir zurückgehen, in desto geringerem Maße war es vorhanden. Als die Menschen das alte atavistische Hellsehen noch hatten, da waren ihre Träume nicht Träume in dem heutigen Sinn, sondern da hatten ihre Träume einen seelischen Inhalt, in dem sie etwas Reales wahrnahmen. Und menschliche Angelegenheiten erforschten die Leute eben gerade aus dem Schlafe heraus. Aber heute ist es so geworden, daß die Menschen, wenn sie Menschen bleiben wollen, eine andere Erkenntnis sammeln müssen, als diejenige ist, vor die sie Fritz Mauthner als eine Docta ignorantia oder als eine träumerische Mystik gestellt findet. Die Menschen müssen aufwachen, und sie können nur aufwachen durch geisteswissenschaftliches Erkennen. Deshalb nenne ich aber dasjenige, was eintreten muß, ein Aufwachen. Dieses Aufwachen muß etwas sehr Reales, etwas in das Leben sehr, sehr Eingreifendes werden. Die Menschen sprechen heute und denken in der Sprache. Das haben wir ja charakterisiert. Daher glauben sie, auch Gedanken zu haben. Aber in Wirklichkeit sind diese Gedanken nicht da. Denn, was sind für den heutigen Menschen Gedanken, wenn er sie wirklich als Gedanken faßt? Sie sind gar nicht eigentlich Reales, sie sind Spiegelbilder von einem Realen. Und selbst wenn sich der heutige Mensch, ja, gerade dann, wenn er sich zu wirklichen Gedanken aufschwingt, ein wirkliches Ideenleben anstrebt, so muß er sich dessen bewußt sein, daß diese Ideen Schattenbilder einer Wirklichkeit, nicht selbst eine Wirklichkeit sind.
[ 18 ] Ich habe Ihnen neulich ein Kapitel Hegel vorgeführt. Ich habe Ihnen gesagt, es wird Ihnen schwierig sein, weil Hegel sich immer in Gedanken bewegt. Das ist ja für die heutigen Menschen so furchtbar schwierig, sich in Gedanken zu bewegen. Man wird sogar anstößig, höchst anstößig, wenn man in Gedanken sich bewegt. Als von mir begonnen worden ist, in Berlin zunächst, über Anthroposophie zu sprechen, da kamen allerlei Leute aus den verschiedensten Richtungen des sogenannten Geisteslebens und wollten nun auch einmal sehen, was es denn da gibt; Leute, die im Spiritismus gestanden haben, die versucht haben, durch allerlei fragwürdige mediale Dinge etwas von der geistigen Welt zu erfahren, Leute, die mancherlei über die geistige Welt geträumt haben, sie kamen halt heran. Und da stellte es sich oftmals heraus, daß gerade solche Leute, namentlich wenn sie selber etwas medial waren, regelmäßig bei meinen Vorträgen einschliefen. Man konnte da manchen gesund schlafen sehen. Dann blieben sie wieder aus. Und einige von ihnen sagten, sie dürften nicht mehr zu diesen Vorträgen gehen, denn die Geister hätten ihnen gesagt, da würde mit Ideen, mit Gedanken gearbeitet, und da dürften sie nicht dazu gehen. Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Dame, welche — sie schien unpäßlich geworden zu sein — mit einer gewissen Schnelligkeit zur Türe hinauslief, aber kaum daß sie draußen war, legt sie sich der Länge nach hin. Diesen Eindruck hatte das Geben von Gedanken auf sie gemacht. Die Leute sind heute im allgemeinen auf Gedanken wirklich nicht eingeschult, weil sie das Sich-Bewegen in den Projektionen der Sprache lieber für Gedanken halten. Aber gerade dann, wenn man sich auf das Denken einläßt, merkt man, daß man in unserem heutigen fünften nachatlantischen Zeitraum, indem man wirklich denkt, das heißt in Gedanken lebt, Schattenbilder von etwas hat, man merkt, wenn man den Charakter des Gedankenlebens richtig auffaßt, da bewegt sich die Seele gewissermaßen auf der Fläche der Gedanken, und dahinter ist etwas, was im Unbewußten bleibt. Da ist die Seele. Aber sie sieht etwas, was sie gewissermaßen vorausschickt als die Schattenbilder dessen, in dem sie lebt. Da muß aber die Seele hinein in das, worin sie wirklich lebt. Sie muß die Schattenbilder, Gedanken, Ideen auffassen und muß sie hineintragen in etwas, was dem Menschen heute noch vielfach unbewußt bleibt. Wodurch kann sie das? Sie kann das nur dadurch, daß aufgenommen wird in das Gedankenleben dasjenige, worüber wir uns, wenn wir es aufnehmen, keinerlei Täuschung hingeben können: das ist. der Denkwille, die Empfindung des Wollens, indem wir denken — die Empfindung, daß wir dabei sind, indem wir denken —, daß wir wirklich mit dem einen Gedanken zu dem anderen überleiten, daß wir immer ein anschauliches Bild unterliegend haben, indem wir denken. Das lieben die Menschen heute nicht. Die Menschen sitzen, gehen, stehen heute und ihre Gedanken spielen durch den Kopf dasjenige, was ich eben jetzt charakterisiert habe, was eigentlich Gedankenlosigkeit ist, aber es spielt durch den Kopf. Die Menschen überlassen sich diesen sogenannten Gedanken, sie geben sich passiv hin, nehmen auch jeden sogenannten Gedanken an, der ihnen durch den Kopf rollt. Und die Folge davon ist, daß der Gedankenwille, das Willkürliche, das aktiv Arbeitende im Gedanken, daß das heute in den Menschenseelen zu dem Allerseltensten gehört.
[ 19 ] Der Mensch, der sich heute für den tonangebenden hält, der will sich überhaupt am wenigsten gerne hinsetzen und aus seinem Willen heraus tätig werden. Rasch greift er nach der Zeitung, damit von außen seine Gedanken abgerollt werden, oder nach einem Buch, um ja nicht im Inneren die Aktivität zu entwickeln, die nun wirklich zum aktiven Denken führt. Mit Bezug auf dieses aktive Denken lebt die heutige Menschheit in einer — man kann es nicht anders nennen — sozialen Faulheit.
[ 20 ] Das alles gibt die wirkliche Gestalt jenes Überganges, den ein Mensch wie Fritz Mauthner fühlt, indem er so etwas ausspricht, wie ich es Ihnen vorhin charakterisiert habe. Das alles aber sind Begleiterscheinungen des Durchganges durch die Schwelle von seiten der ganzen Menschheit. Durch den ernsten Hüter, an dem ernsten Hüter vorbei muß die ganze Menschheit in diesem fünften nachatlantischen Zeitalter. Und zum Bewußtsein sollte es kommen gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung, daß die Menschheit durch dieses Stadium ihrer Entwickelung durchgeht. Da muß aber eine Art von Spaltung des Seelenlebens eintreten. Dasjenige, was früher als Einheit zentralisiert war, muß in eine Dreiheit auseinandergespalten werden, und jedes einzelne Glied muß für sich zentralisiert werden. Das kann nur geschehen — weil es um die Menschheit sich handelt in ihrem Zusammenleben, nicht um den einzelnen Menschen —, wenn äußere Anhaltspunkte da sind, an denen sich diese Tendenz zu der inneren Dreigliederung fortentwickeln kann. Diese äußeren Anhaltspunkte müssen nun da sein in dem sozialen Organismus, in dem der Mensch drinnen lebt. Das ist durchaus nicht ein beliebig aufgebrachtes Aperçu, daß heute gesprochen werden muß von dem dreigliedrigen sozialen Organismus. Das ist dasjenige, was aus den Zeichen der Zeit heraus der Menschheit klargemacht werden muß, aus jenen Zeichen der Zeit heraus, die sich ergeben, wenn man bedenkt, daß die Menschheit vorbeigehen muß an dem ernsten Hüter der Schwelle. Und wenn Sie nach einer inneren Charakteristik suchen der Gründe, warum im sozialen Organismus die Dreigliederung eintreten muß, dann bitte lesen Sie noch einmal nach jenes Kapitel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», das vom Hüter der Schwelle handelt. Da steht von einem anderen Gesichtspunkte aus schon alles darinnen.
[ 21 ] Sie sehen daraus, daß, indem man Geisteswissenschaft studiert, man die wichtigsten Impulse der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung studiert, daß hingedeutet wird durch die Geisteswissenschaft von den verschiedensten Gesichtspunkten aus auf die intensivst wirkenden Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart. Und indem in jenem Kapitel von dem Hüter der Schwelle in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» hingewiesen wird auf die Spaltung der Menschenseele in die drei Glieder Denken und Fühlen und Wollen, wird zu gleicher Zeit für die ganze Menschheit herausgefordert das Denken an den dreigliedrigen sozialen Organismus.
[ 22 ] So hängen die Dinge zusammen. Betrachten Sie den Einzelmenschen, der die Schwelle zur übersinnlichen Welt überschreitet, so können Sie sich sagen: Dieser Mensch erlebt in sich die Spaltung in ein Gedankenleben, in ein Gefühlsleben, in ein Willensleben. Betrachten Sie die heutige Menschheit, die, indem sie den fünften nachatlantischen Zeitraum durchmacht, hinter den Kulissen des geschichtlichen Werdens die Schwelle überschreitet, dann müssen Sie sagen: Diese Menschheit muß ihr Gedankenleben in einem selbständigen Geistesorganismus finden; ihr Gefühlsleben, das heißt die Verhältnisse der Gefühle, die zwischen Mensch und Mensch spielen, in dem selbständigen Rechtsorganismus; das Willensleben in dem Wirtschaftskreislauf, Wirtschaftsorganismus.
[ 23 ] Wenn Sie diese Dinge so betrachten, werden Sie die richtigen Grundlagen, die tieferen Grundlagen haben für die Notwendigkeit dessen, was mit dem dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist. Dann werden Sie aber auch über das bloße Wortgeplärr hinauskommen, das die Gegenwart vielfach beherrscht. Dann werden Sie einsehen, daß man gegenwärtig nicht streiten sollte in Worten, sondern gerade einsehen sollte, daß die Worte erst dann ihr Gewicht erhalten und auf Gedanken hinweisen, wenn man sie in die richtige Richtung bringt, wenn man zum Beispiel bedenkt, daß alles dasjenige, was sich als Gedankenleben im Geistorganismus der Menschheit entwickeln muß, die Pflege der individuellen Fähigkeiten der Menschen ist, daß herrschen muß im Geistorganismus Individualismus, im Rechts- oder Staatsorganismus, weil dieser mit dem zu tun hat, was jeder Mensch zu jedem Menschen als Verhältnis entwickelt, die Demokratie; und auf dem Gebiete der Wirtschaft das assoziative Leben, das zusammenfaßt die Berufsgenossen oder die Genossenschaften, welche auch durch die Verbindung von Produktion mit Konsumtion entstehen, daß mit anderen Worten herrschen muß auf dem Gebiet des Wirtschaftsorganismus der Sozialismus. Aber getrennt für die drei selbständigen Glieder müssen die Dinge auftreten.
[ 24 ] Jetzt leben wir noch in einer Zeit, in der Ahriman Ball spielt mit den Menschen, indem er sie in Illusionen wiegt über dasjenige, was eigentlich geschehen soll. So läßt er sie wie in alten Zeiten Willensorganismus und Gefühlsorganismus vermischen, nämlich Sozialismus und Demokratie, und läßt sie sagen: Wir streben Sozialdemokratie an. Dabei wird das individualistische Moment ganz ausgelassen, weil man ja Gedanken nicht liebt. Denn sonst müßte man sagen: Es muß angestrebt werden Individual-Sozial-Demokratie, was aufheben würde die wichtigsten Vorstellungen, die die programmäßige Sozialdemokratie heute hat. In der Konfusion, die im Zusammenspannen von Sozialismus und Demokratie in der Sozialdemokratie ist, sehen Sie ein Geschäft, das Ahriman treibt mit den Menschen. Sie sehen aber darin zugleich, wie man fühlen muß, daß aus dem Ballspiel, das Ahriman mit den Menschen treibt, das Richtige herausentwickelt werden muß. Und den Ernst dieses Richtigen wird man nur fühlen, wenn man den Durchgang an der Schwelle in der fünften nachatlantischen Zeit ins Auge faßt und weiß, daß ja eintreten muß, weil die ganze Menschheit im sozialen Organismus drinnen lebt, eine Dreigliederung des sozialen Organismus, so wahr wie beim Übergang des einzelnen Menschen über die Schwelle eine Dreigliederung seines seelischen Lebens eintreten muß.
[ 25 ] Davon wollen wir dann morgen weitersprechen; wir kommen morgen wiederum um sieben Uhr hier zusammen.
