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The Rudolf Steiner Archive

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Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen
GA 190

12 April 1919, Dornach

Zehnter Vortrag

[ 1 ] Stellen wir uns kurz noch einmal vor Augen, was wir gestern versuchten uns klarzumachen. Wir sagten: Die gegenwärtige Menschheit, insofern sie als zivilisierte Menschheit in Betracht kommt, geht als ganze Menschheit durch Ähnliches hindurch, was man in der individuellen Entwickelung des einzelnen Menschen bezeichnen kann als das Überschreiten der Schwelle zur übersinnlichen Welt. Wenn man nun so, wie ich es getan habe in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt», die Entwickelung des einzelnen Menschen bespricht, so meint man gewöhnlich den bewußten Aufstieg in das übersinnliche Leben. Dann meint man auch mit dem Überschreiten der Schwelle einen ganz bewußten Vorgang, wie wir ihn eben öfters beschrieben haben. Ich sagte nun gestern, daß man die Begriffe nicht pressen darf, wenn man genötigt ist, sie von einem Gebiet auf das andere zu übertragen. Deshalb muß ich sagen: Was die Menschheit jetzt als Ganzes durchläuft, ist etwas Ähnliches wie ein Überschreiten der Schwelle. Denn ich deutete schon an, es könnte ja geschehen, es wäre ja durchaus möglich, daß die Menschheit Geisteswissenschaft ablehnte. Dann würde sie kein Mittel haben, um etwas davon zu wissen, daß von der ganzen Menschheit ein solcher Prozeß durchgemacht wird wie das Überschreiten der Schwelle. Überhaupt finden ganz andere Vorgänge statt bei dem, was zu gelten hat als Überschreiten der Schwelle für die ganze Menschheit, als stattfinden beim einzelnen Menschen, wenn er bewußterweise den Gang in die übersinnliche Welt hinein tut. Und ich habe gestern schon angedeutet, daß das Wesentliche für die ganze Menschheit beim Überschreiten der Schwelle, wie es geschehen muß im Laufe der fünften nachatlantischen Zeit, der Zeit der Bewußtseinsentwickelung, besteht in dieser Ihnen dem Wesen nach bekannten Spaltung in die drei Seelenfähigkeiten zu einer gewissen Selbständigkeit. Denken, Fühlen und Wollen bleiben für die Gesamtmenschheit — also nicht für den einzelnen Menschen spreche ich jetzt, sondern für die Menschheit, insofern diese Menschheit miteinander verkehrt —, Denken, Fühlen und Wollen bleiben für die gesamte Menschheit nicht so chaotisch verschmolzen, wie sie es jetzt sind. Es gliedert sich das seelische Leben dieser ganzen Menschheit so, daß sie eben mehr als bisher selbständig empfindet ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Wollen. Und deshalb braucht diese Menschheit die Gliederung in die drei Gebiete des sozialen Organismus in der Zukunft, die sie bisher nicht in dieser Weise brauchte. Wenn man also von dieser Dreigliederung des sozialen Organismus heute redet, redet man aus dem Bewußtsein heraus von etwas, was nach geistigen Gesetzen des Universums mit der ganzen Menschheit sich notwendig vollzieht.

[ 2 ] Nun darf nicht der Fehler gemacht werden, daß gleich allzusehr in einzelnen Ereignissen, die da oder dort auftreten, das Umfassende, das Große gefunden werde. Wir haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts erst einen kleinen Teil von dem Zeitalter der BewußtseinsseelenEntwickelung durchlebt. Ein solcher Zeitraum dauert über zweitausend Jahre. Dieses Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung wird also noch lange dauern, und das wird sich in verschiedenen Stadien, durch verschiedene Ereignisse hindurch geltend machen, was man aber doch schon als dieses Überschreiten der Schwelle zum Übersinnlichen begreifen muß. Also den Fehler bitte ich Sie in Ihrem Denken nicht zu begehen, daß Sie etwa die gegenwärtige Weltkatastrophe allein identifizieren mit dem Umfassenden, von dem ich gestern gesprochen habe. Das wäre ein Fehler, wenn Sie das täten. Aber kein Fehler ist es, wenn man die Ereignisse, in denen man lebt, das, was um einen herum vorgeht, zu verstehen sucht aus den großen Vorgängen heraus, welche lange Zeitalter umfassen. Denn nur dann findet man sich in bezug auf die einzelnen Ereignisse zurecht, wenn man sie so versteht. Deshalb lassen Sie uns heute etwas besprechen, was gewissermaßen zur Symptomatologie, zur Kennzeichnung der Symptome dieser Entwickelung des fünften nachatlantischen Zeitraums nach dem Überschreiten der Schwelle gehört.

[ 3 ] Ganz besonders deutlich ist das Heraufkommen der Zeit der Bewußtseinsseelen-Entwickelung gerade an der mitteleuropäischen Kultur zu sehen. Es bereitet sich dieses Heraufkommen der mitteleuropäischen Kultur allerdings schon seit dem 10., 11., 12. und 13. Jahrhundert deutlich vor, führt dann zu gewissen Ereignissen, die wir gleich besprechen wollen, und gestaltet sich in diesem Mitteleuropa so, daß es ganz besonders jetzt in dem gegenwärtigen Augenblick der Menschheitsentwickelung zur mitteleuropäischen Katastrophe geführt hat und eben einfach weiter führen muß.

[ 4 ] Es ist schon so, daß dieses Mitteleuropa eigentlich dazu verurteilt ist, gewisse Dinge erstens schneller, zweitens aber auch energischer, charakteristischer zu erleben als das übrige Europa. Man kann sagen: Deutlich kann man sehen, wie gegen das 15. Jahrhundert zu in Mitteleuropa das heraufkommt, was das Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung einleitet. Und jetzt kann man an den katastrophalen Ereignissen gerade Mitteleuropas sehen, welchen schwierigen Weg die Menschheit gerade in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwikkelung zu durchmessen hat, welche schwierigen Kämpfe, welche furchtbaren Erschütterungen durchzumachen sind, damit das Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung die Impulse, die in ihm liegen, an die Oberfläche der geschichtlichen Entwickelung treiben kann.

[ 5 ] Da kann es insbesondere von einer gewissen Bedeutung sein, wenn man den Zeitpunkt etwa um das Jahr 1200 für Mitteleuropa ins Auge faßt. Von diesem Zeitpunkt nimmt man gewöhnlich an, approximativ natürlich, daß zum Abschluß gekommen ist die Nibelungendichtung, also jene Dichtung, welche sehr häufig in bezug auf die mitteleuropäische Bevölkerung verglichen wird mit dem, was Homer für das Griechentum war. In der Nibelungendichtung kommen zum Ausdruck in bildhafter, in imaginativer Gestalt offenbar bedeutsame Volksschicksale einer Zeit, die weit vorangegangen ist jenem Zeitalter, in dem eben die Nibelungendichtung zum Abschluß gekommen ist. Und wer sich heute mit einer ehrlichen, inneren Gesinnung auf die Nibelungendichtung einläßt, auch auf das, was verschiedene spätere, Wilhelm Jordan, Richard Wagner und andere, aus der Nibelungendichtung gemacht haben, der muß sich sagen: Die Menschlichkeit, das Menschenwesen, das aus der Nibelungendichtung herausleuchtet, das ist im Grunde genommen für den heutigen Menschen nur noch wenig verständlich. Die Nibelungendichtung weist auf eine Zeit zurück, in der es ganz offenbar in Mitteleuropa ganz, ganz anders ausgesehen hat als etwa nach dem Beginne des 12. Jahrhunderts. Die Nibelungendichtung weist auf eine Zeit zurück, in der es schon landschaftlich ganz anders in diesem Mitteleuropa ausgesehen haben muß und in der aus dem Landschaftlichen heraus ganz andere Menschencharaktere sich entwickelt haben als später. Man kann, wenn man anschauliches Wahrnehmungsvermögen hat, nicht anders als, ich möchte sagen, «herausriechen» aus der Nibelungendichtung, wie die Menschen, von denen diese Dichtung spricht, über öde Strecken hin gelebt haben, die weit, weit von dichten Wäldern bedeckt waren. Waldcharakter und alles, was sich den Menschen aufprägt dadurch, daß sie in den waldbedeckten Landen wohnten, das drückt sich in den Nibelungendichtungen aus. Wir können uns nicht vorstellen, daß die Nibelungenmenschen so aussahen, auch in den Gestalten des Nibelungenliedes, wo die Menschen sehr vermenschlicht sind, wie die Menschen zum Beispiel des späteren Deutschland nach dem Jahre 1200 ausgesehen haben. Wir müssen uns vorstellen, daß diese Menschen innerlich mit einem anderen Seelenleben begabt waren als jene späteren Menschen. Wir müssen uns vorstellen, daß sie ein viel instinktiveres, ein elementareres Fühlen hatten als die Menschen der späteren Zeit. Es war ja eigentlich in diese Nibelungenmenschen auch noch nicht der Strahl des Christentums hineingefallen. Wir wollen aber weniger auf den Inhalt dieses Seelenlebens sehen, als viel mehr auf das im Seelenleben dieser Menschen sehen, was das Formale ist, was die Artung dieses Seelenlebens ist. Es ist eben ein Instinktiveres, wenn man das Wort nicht mißversteht: ein Wilderes, eben ein Elementareres, das mit einer ursprünglicheren Kraft als später aus der Menschenseele hervorquillt.

[ 6 ] Ungefähr von dem Ende der Zeit, in das die Nibelungendichtung noch hineinweist, rührt dann das her, was man die mitteleuropäische Bürgerzeit, das mitteleuropäische bürgerliche Leben nennen könnte. Wie bildete sich das heraus? Das bildete sich so heraus, daß nach und nach in weitem Umkreise die Wälder ausgerodet wurden, daß über weite Landstrecken Mitteleuropas hin, auf den Gebieten, die früher mit fast undurchdringlichen Wäldern bedeckt waren, Wiesen und Kornfelder entstanden. Das brachte eine andere Menschheit herauf, als die letzte Waldmenschheit war. Das brachte eben im Grunde das mitteleuropäische Bürgertum der ersten Zeit der BewußtseinsseelenEntwickelung hervor. Und wohl nirgends sind die charakteristischen Eigenschaften dieses europäischen Bürgertums so stark zu studieren wie in diesem Mitteleuropa, aus dem Grunde, weil in diesem Mitteleuropa sich bis zum heutigen Zeitpunkt — ich möchte sagen in einer tragischen Weise — die Schicksale dieses Bürgertums schon gerundet haben, weil sie sich in unseren Tagen eben bis zu einem gewissen Abschluß bringen, weil in Mitteleuropa dieses Bürgertum im Grunde heute am Ende seiner Entwickelung ist, weil dieses Bürgertum gerade in Mitteleuropa seinen eigenen charakteristischen Anlagen gemäß, wegen seiner Natur durch etwas hindurchgegangen ist. Durch die Weltkatastrophe und durch das, was jetzt darauf folgt, wird es weiter so durch etwas ganz anderes durchgehen als das übrige europäische Bürgertum. Dieses wird gewisse Entwickelungsphasen erst durchmachen, welche beim mitteleuropäischen Bürgertum heute schon zur Endkatastrophe deutlich hinweisen. So haben wir in diesem mitteleuropäischen Bürgertum bereits eine Art von in sich gerundetem Schicksal: das Aufgehen in dem Zeitalter, in dem sich weite Waldstrecken gerade des späteren Deutschland aus Waldgegenden in Wiesen und Felder verwandeln, und dann die Entwickelung vom 13. bis ins 20. Jahrhundert hinein und den furchtbaren tragischen Absturz im 20. Jahrhundert.

[ 7 ] Diese Erscheinung, die da in Mitteleuropa eine gewisse Geschlossenheit hat, sie kann ihrer Symptomatologie nach nirgendswo als eben in diesem Mitteleuropa studiert werden. Und wer im Ernste die großen Impulse der Menschheitsentwickelung wirklich ins Auge fassen will, der darf nicht zu feige sein, das Augenmerk auf die charakteristischen, auf die bedeutsamen Symptome, die sich in so etwas ausdrücken, hinzulenken. Denn auch alles andere in Europa ist nur zu verstehen, wenn man diese in sich abgerundete Schicksalsreihe von dem höheren Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft einmal unbefangen ins Auge faßt.

[ 8 ] Man redet aber zunächst eigentlich nur einseitig von einer Kulturströmung, wenn man sagt: Mit dem 13. Jahrhundert kommt aus dem Nibelungenmenschen herauf das spätere mitteleuropäische Bürgertum und wird Träger dieser mitteleuropäischen Kultur. Man redet einseitig darüber. Wahr ist es allerdings und innerhalb dieser Grenze richtig aber eben nur, weil innerhalb dieser Grenze, einseitig —, daß sich ausbreitet, namentlich über die mitteleuropäischen Städte, jene Seelenstimmung, welche mit diesem mitteleuropäischen Bürgertum gemeint sein kann, daß sich aus diesem Bürgertum die mitteleuropäische Kultur herausentwickelt. Das ist von der einen Seite her vollständig wahr. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit, es ist nur ein Teil, ein Glied der Erscheinungen, die sich herausentwickelt haben in diesem Mitteleuropa, das in vielen Dingen, die sich mit ihm entwickelt haben, heute verröchelt. Der andere Teil ist der, daß etwas von den alten Wald- und Nibelungenmenschen zurückgeblieben ist, von solchen Charakteren, welche in ihrer Seele das alte Zeitalter, aus dem die Nibelungen berichten, weitergelebt haben. Die Menschen, die sich, wenn ich so sagen darf, unter dem Sonnenglanz der Kornfelder und Wiesen zum mitteleuropäischen Bürgertum entwickelten, das waren nicht die einzigen Menschen, die sich vom Jahre 1200 ab dann weiter bis ins 20. Jahrhundert entwickelt haben. Es waren noch andere Menschen da, die sich etwas zurückbehalten hatten von der alten innerlichen Seelenwildheit und Seelenprimitivität der Nibelungenmenschen.

[ 9 ] Wenn man aber eine solche Erscheinung ins Auge faßt, dann muß man nicht vergessen, daß die fortschreitende Zeit für die Entwickelung der Menschheit etwas bedeutet, daß sie eine Realität ist innerhalb der Entwickelung der Menschheit, und daß jemand, wenn er zurückbehält das, was eigentlich einem früheren Zeitalter der Seelenkultur angehört, nicht etwa in derselben Seelenstimmung bleibt, die diese alte Seelenkultur gehabt hat, sondern er kommt in die Dekadenz hinein, er kommt herunter, er kommt in eine Untergangsrichtung hinein, er wird fremd demjenigen, was der Zeit entspricht. Er entwickelt in einer späteren Zeit das, was in einer früheren Zeit hat entwickelt werden sollen, und er entwickelt daher das, was er in einer späteren Zeit entwickelt, nicht so, wie er es in einer früheren Zeit entwickelt hätte, sondern er entwickelt es in einer späteren Zeit krankhaft. Er entwickelt es eben mit den charakteristischen Zeichen des Verfalls, der Dekadenz. Daher sehen wir auf der einen Linie sich entwickeln das neuzeitliche mitteleuropäische Bürgertum, ich möchte sagen, das oberste Produkt der aus den Wäldern hervorgegangenen Kornfelder und Wiesen, und wir sehen auf der anderen Seite mitten unter diesen Bürgerlichen in Mitteleuropa die Menschen, die das alte Seelenleben der Nibelungenzeit bewahrt haben, die nur äußerlich die neue Zeit, selbst das Christentum aufgenommen haben, und die daher diesen alten innerlichen Nibelungen-Seelencharakter in einer Verfallswesenheit darlebten. Die Menschen, die diesen alten Nibelungencharakter in der Verfallsform darlebten, das sind die mittelalterlichen Territorialfürsten und ihr Anhang, die jetzt zu Dutzenden von ihren 'Thronen gestürzt sind. Zu diesem mittelalterlichen Nachwuchs gehört ja in erster Linie alles das, was Inhalt, menschlicher Inhalt war des Hauses Habsburg, aber auch die übrigen Territorialfürsten Mitteleuropas. Niemand versteht, was eigentlich sich jetzt tragisch vollzieht, der nicht auch diesen Untergrund der Ereignisse ins Auge zu fassen weiß, daß durch Jahrhunderte hindurch der fortgeschrittenere Teil der mitteleuropäischen Bevölkerung regiert und verwaltet worden ist von dem Teil, der in der Verfallsform den Seelencharakter der alten wilden Nibelungenmenschen zurückbehalten hat.

[ 10 ] Es war tatsächlich ein ungeheurer Kontrast zwischen dem ganz inneren Seelengefüge der Menschen, die man nennen könnte die Nachzügler des mitteleuropäischen Bürgertums, und denen, die auf den königlichen oder fürstlichen Thronen saßen, und allen denen, welche, anhänglich diesen Thronen, die Menschen auf diesen Thronen umgaben. Die Seele irgendeines Königs von Bayern oder Herzogs von Braunschweig und eines mittleren deutschen Menschen, der eine mittlere deutsche Bildung aufgenommen hat, das sind zwei durchaus voneinander verschiedene geistige Potenzen. Das lebte nebeneinander in den verflossenen Jahrhunderten wie zwei fremde Rassen, vielleicht sogar mit stärkeren Differenzierungen als zwei fremde Rassen.

[ 11 ] Man muß den Mut haben, solch einer historischen Untergrundtatsache ins Auge zu schauen. Denn nicht auf den äußeren Ereignissen, die die konventionelle Geschichte verzeichnet, beruht das, was am allermeisten Menschenschicksal und Menschenentwickelung berührt. Bedenken Sie nun, daß von diesem Schicksal, so unter einer Anzahl von Menschen zu stehen, die in ihrem Seelenleben ein früheres Zeitalter zurückbehalten haben, das übrige europäische Bürgertum nicht betroffen war, sondern eben gerade das mitteleuropäische Bürgertum. Nehmen Sie zum Beispiel, nur um das, was eigentlich gemeint ist, noch besser zu verstehen, die aus diesem mitteleuropäischen Bürgertum herauskommenden, aber vorher ausgewanderten, später die englisch sprechende Bevölkerung gewordenen Menschen. Diese haben sich, wenn ich so sagen darf, nicht eingelassen auf jene Entwickelung, die in Mitteleuropa durchgemacht worden ist, sie haben sich das, was in alten Zeiten innerhalb des europäischen, mitteleuropäischen Bürgertums vorhanden war, mitgenommen, haben es nicht im Kampfe mit zurückgebliebenen Nibelungenmenschen aufreiben müssen.

[ 12 ] Daher kommt das, was ich in anderem Zusammenhange schon ausgesprochen habe, daß zum Beispiel in der englisch sprechenden Bevölkerung gewisse Instinkte für die Entwickelung der Bewußtseinsseele vorhanden sind, die in Mitteleuropa gar nicht vorhanden sind, gewisse Instinkte vor allen Dingen für das politische Leben, während die Menschheit Mitteleuropas apolitisch, unpolitisch bleiben mußte, gar keine Anlage hatte, an einem politischen Leben irgendwie teilzunehmen, denn sie wurden ja beherrscht von Menschen, die ein früheres Zeitalter in ihrem Seelenleben zurückbehalten hatten.

[ 13 ] Wie grandios anschaulich tritt einem das, was ich eben charakterisiert habe, entgegen, wenn wir den Blick auf das Ende des 18. Jahrhunderts, auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinwenden, und wir hinschauen auf die Blüte des mitteleuropäischen Bürgertums, auf ihre geistige Blüte. Klopstock, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, und manche andere brauchten wir nur zu nennen, und wir hätten diese Blüte dessen, was keimhaft sich aus der alten Nibelungenzeit um das Jahr 1200 heraus entwickelt hat. Und in demselben Zeitalter steht entgegen diesen Menschen, die diese Blüte darstellen, deren höchste Kulmination in Goethe und im Goetheanismus liegt, dem steht entgegen die allerärgste Bewahrung der Nibelungenwildheit in vollstem Verfall unter Friedrich dem Großen. Suchen Sie sich Menschheitskontraste auf, wo Sie wollen: in der perspektivischen Betrachtung so tragisch wirkende wie Goethe neben Friedrich dem Großen gibt es sonst gar nicht! Für die Geschichte hinterher ist ja nur das zu sagen, daß die äußerste Gedankenlosigkeit, die furchtbarste Gleichgültigkeit gegenüber geistigen Interessen im 19. Jahrhundert eintrat und ins 20. Jahrhundert sich fortsetzen mußte, damit von dem Goetheanismus, von dieser für ihr Jahrhundert größten in die Menschheit einschlagenden Geistespulsation, eigentlich so gut wie gar nichts bemerkt wurde. Denn es ist von der allgemeinen Kultur kaum irgend etwas vom Goetheanismus berücksichtigt worden. Dazu gehört die ganze Gedankenlosigkeit, die ganze innere Unwahrhaftigkeit dieser Kultur des 19. und des Beginns des 20. Jahrhunderts, um für die neuere Zeit, das Zeitalter Friedrichs des Großen, die Impulse Friedrichs des Großen charakteristisch zu finden. Man konnte eigentlich nichts Unzutreffenderes sagen als das, was in den gangbaren geschichtlichen Darstellungen über Friedrich den Großen gesagt worden ist. Auf diesem Untergrunde muß man eben die neueren Ereignisse sehen, aber nicht bloß Ereignisse lokaler Art, sondern Ereignisse, die in das internationale Leben tief, tief eingreifen, Ereignisse allerdings, die bis heute von der Menschheit vollständig verschlafen werden. Gibt es denn etwas Tragikomischeres, als daß Menschen, die weit abstehen von alldem, was sich in Weimar entwickelt hat, sich nun in Weimar zu der Farce der gegenwärtigen Nationalversammlung vereinigen! Etwas Unsinnigeres als die Zusammenstellung dieser gegenwärtigen Versammlung in Weimar ist überhaupt nicht auszudenken, gibt es gar nicht!

[ 14 ] Das meinte ich vorhin, als ich von einer schnelleren und auch energischeren Entwickelung sprach. Ich muß heute oftmals an verschiedene Gespräche denken, die ich mit allerlei für das Deutschtum begeisterten Leuten in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts führte, zum Beispiel auch mit dem Manne, der dann später die Geschichte des neueren Österreich geschrieben hat, mit Heinrich Friedjung, den ich neulich in einem anderen Zusammenhange in dem Vortrag im Bernoullianum erwähnte, und dessen sonderbare Tat Sie ja erwähnt finden in einem meiner Vorträge, die ja auch in den Zyklen gedruckt sind. Dazumal wurde davon gesprochen, daß Mitteleuropa in dem Zeitalter Lessings, Herders, Goethes, Schillers und derjenigen, die zu ihnen gehören, eine Höhe der geistigen Entwickelung der Menschheit erreicht habe. Friedjung und andere, die dazumal in der Gesellschaft waren, sagten ungefähr: Nun muß es eben weitergehen, es muß weiter hinaufgehen. — Ich erinnere mich heute sehr gut, wie ich sagte: Nein, das ist der Höhepunkt, von nun an geht es herunter; mit diesem Zeitalter hat das mitteleuropäische Wesen das, was es an Subjektivität in sich gehabt hatte, heraus an die Oberfläche der Menschheitsentwickelung getrieben. Das ist die charakteristische Erscheinung von Mitteleuropa. — Selbstverständlich wurde einem das dazumal sehr, sehr übelgenommen, vielleicht sogar für Unsinn gehalten. Ich kann ja begreifen, daß vieles von dem, was ich sagen muß und in meinem ganzen Leben sagen mußte, von meinen Zeitgenossen als ein Unsinn angesehen wird. Aber es ist doch eben eine charakteristische Erscheinung, daß das, was um das Jahr 1200 begann, in der gewaltigen Kulminationskultur Herder-Lessing-Goethe-Schiller ausgelaufen ist, daß diese Kulminationskultur da ist, aber nicht verstanden werden kann innerhalb des nationalen mitteleuropäischen Lebens, sondern wohl erst von einem geisteswissenschaftlichen Leben verstanden werden wird, das aber nicht mehr national — was ich immer betont habe —, sondern hypernational, international sein will, wie es doch in unserer Geisteswissenschaft gegenüber allem nationalen Chauvinismus der gegenwärtigen Zeit ehrlich gepflegt werden soll. Das wird doch die charakteristische Erscheinung sein, daß erst von diesem geisteswissenschaftlichen Kulturleben die wahre Substanz dessen, was dazumal um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zutage getreten ist, wahrgenommen, gelebt werden kann.

[ 15 ] Wir können ein wenig zurückschauen, wenn wir eine gewisse Nuance dieses mitteleuropäischen Kulturlebens ins Auge fassen wollen. Für den, der die Geschichte symptomatisch, symptomatologisch zu nehmen weiß, bleibt es doch eine sehr merkwürdige, tief in historische Geheimnisse hineinweisende Tatsache, daß 1077, also verhältnismäßig schon lange vor dem Beginn des neueren Bewußtseinszeitalters, ein Vertreter der alten Nibelungen-Seelenwildheit, wie es die salischen Kaiser alle waren, wie es auch die sächsischen Kaiser waren, daß Heinrich IV. damals 1077 zu Canossa vor dem zum großen Papste gewordenen Mönch von Cluny, oder wenigstens Anhänger des Mönchtums von Cluny seine furchtbare Buße zu tun hatte. Denn der große Papst Gregor, der Heinrich IV. in den Kirchenbann getan hat und nach Canossa gezwungen hat, er stand ganz unter dem Einfluß der Cluniazenser, jener kirchlichen Strömung der damaligen Zeit, welche darauf ausging, die Kirche zur übermächtigen Gewalt, zum übermächtigen Imperium in Europa zu erheben. Und die ganze Wildheit des alten Nibelungencharakters prägte sich in jenem Heinrich IV., dem Salier, in seinem ganzen Verhältnis zu Papst Gregor aus.

[ 16 ] Und wiederum prägte sich noch etwas anderes aus, etwas, das dann noch eine gewisse Fortsetzung erfahren hat. Es prägte sich da aus, daß Mitteleuropa einfach nicht anders konnte, als in Streit zu kommen mit dem, was auf dem Umwege durch das Romanentum zum Pseudochristentum geworden war, was aus dem ursprünglichen christlichen ImPuls heraus zum christlichen Imperium geworden war. Noch hatte die alte Nibelungenwildheit abgerechnet mit dem Imperium Romanum, war aber in einer gewissen Weise unterlegen. Sie wurde dann abgelöst von jener Strömung, die ich Ihnen schon charakterisiert habe, die dann sich erhob über den in Kornfelder und Wiesen umgewandelten Wäldern Mitteleuropas. Im Grunde genommen war diese Fortsetzung, aber verwandelte Fortsetzung des alten Nibelungentums in nichts veranlagt dazu, unmittelbar die Impulse des Imperium Romanum aufzunehmen. Sie war eigentlich in einem fortwährenden Sträuben gegen das politisierte Christentum, gegen das von Rom aus politisierte Christentum. Und indem es auf der einen Seite seine eigene Natur zur Ausbreitung brachte, das, was in seinem eigenen Wesen war, zur Entfaltung brachte, sah es sich auf der anderen Seite geduckt, beherrscht, verwaltet von denen, die in der früher charakterisierten Weise zurückbehalten und zum Verfall gebracht hatten die alte Nibelungen-Seelenwildheit.

[ 17 ] Um solche Dinge zu verstehen, ich sage es noch einmal, muß man sich eben geisteswissenschaftlich klar darüber sein, daß wenn etwas, das für eine frühere Zeit groß war, bewahrt wird, es dann in einer späteren Zeit krank ist und in den Verfall gerät. Das macht jenes Charakteristische aus des Kontrastes, der besteht zwischen alldem, was sich erhoben hat mit dem Beginne des 13. Jahrhunderts nach dem Ausroden der alten Wälder, was angefangen hat von der Erde nach dem Himmel hinauf zu tönen mit den Liedern des Walther von der Vogelweide und was eingelaufen ist in den Goetheanismus. Das ist die eine Seite, die unpolitisch ist, die einen Kreislauf ihrer Entwickelung in sich selber durchmacht und die durch ihre eigene Struktur, ohne daß sie die ganze Tragweite dieser Tatsache erkennt, neben sich hat die verfallenden Nibelungencharaktere auf dem Throne und mit den Fürstenhüten.

[ 18 ] Unter solchen Voraussetzungen und Bedingungen kam über Mitteleuropa das 19. Jahrhundert, namentlich in seiner zweiten Hälfte, und es kam das 20. Jahrhundert. Und mit diesem 19., mit diesem 20. Jahrhundert traf dieses Mitteleuropa in einer anderen Art das, was jetzt so häufig geschildert werden muß als Gegenwart Europas, von Rußland abgesehen in dieser Betrachtungsweise. Gerade in den Dingen, die jetzt so vielfach besprochen werden müssen, muß ja geredet werden von der modernen industriellen Entwickelung, von dem Maschinenzeitalter, von dem heraufkommenden Kapitalismus. Das sind internationale Erscheinungen. Wenn man spricht von dem heraufkommenden technischen, von dem Maschinenzeitalter, von dem industriellen, dem kapitalistischen Zeitalter, so spricht man von internationalen Impulsen. Aber diese internationalen Impulse, sie schlugen ja überall in einer anderen Weise ein.

[ 19 ] Man möchte so sehr, daß einmal geschildert würde, unbefangen, ohne die scheußlichen Schulvorurteile, die sich in die konventionelle Geschichte hineingemacht haben auf allen Gebieten, das, was sich in Mitteleuropa entwickelt hat von jenem Tage an, da Walther von der Vogelweide gesungen hat, bis in jene Tage hinein, da Goethe von höchsten Dingen der Menschheit gesprochen hat, die von Goethes Worten nichts mehr verstand. Man möchte, daß einmal unbefangen geschildert würde, was in diesen Entwickelungsjahren liegt. Man möchte, daß dies vollständig der Wahrheit gemäß geschildert würde. Denn dann wird die Unwahrheit auch da ausgemerzt werden müssen, wo sie so ungeheuer elementar in die Menschenherzen und die Menschenseelen sich hineindrängte, daß selbst der Wahrste unwahr werden mußte. ‚Ausgemerzt wird werden müssen von der wahren Geschichte die Unwahrheit, zu der selbst ein Goethe gedrängt wurde, wenn er über Friedrich den Großen sprach, weil einfach die Macht desjenigen, was als allgemeines Vorurteil waltete, so stark war, daß der Wahrste gar nicht anders konnte, als mitreden mit den anderen.

[ 20 ] Die Wahrheit fordert noch etwas ganz anderes als irgendeinen blinden Autoritätsglauben oder dergleichen. Daher ist die Wahrheit eine so gemiedene Individualität in der Entwickelung der Menschheit, eine so gemiedene Wesenheit. Daher ist die Unwahrheit das, was so viel Tragik hervorruft in der menschlichen Entwickelung. Würde man wahrheitsgemäß, unbefangen das schildern, was liegt in der Entwickelung von jenem Zeitalter an, da Walther von der Vogelweide seine Lieder gesungen hat, bis zu dem noch ungehobenen Schatze von Geistesleben, von dem Goethe der ihn nicht verstehenden Mit- und Nachwelt sprach, man würde von einer ganz besonderen Offenbarung der neueren Zeit sprechen müssen und können. Aber man würde gedrängt sein, aufmerksam zu machen, daß gewissermaßen für die allgemeine Menschheit der Erde anonym sich da etwas entwickelte, da etwas geschah. Und das, was nicht anonym war, das, was man als Weltgeschichte betrachtete, das war die luziferische Ausgestaltung der alten Nibelungenwildheit.

[ 21 ] So stand vom Jahre 1200 bis in das 20. Jahrhundert hinein das, was sich als die naturgemäße Entwickelung Mitteleuropas ergab, einem Luzifertum gegenüber, das die zurückgebliebene Nibelungenwildheit war, als Seelenleben entfaltet in der neueren Zeit. Betrachten wir das, dessen Ausgangspunkt wir suchen dürfen ungefähr um das Jahr 1200 herum, und stellen wir ihm gegenüber das luziferische Element der Fürstentümer, der Territorialfürsten, dann werden wir begreifen, was es für ein besonderes Zusammenwirken ergab, als das ahrimanische Element des modernen Industrialismus mit der Technik und dem Kapitalismus heraufkam und in der letzten Phase des nun seinem Verröcheln entgegengehenden Mitteleuropa der furchtbar ahrimanisch-luziferische Zusammenhang zustande kam; namentlich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jenes Zusammenwirken zustande kam zwischen dem Industrialismus und dem alten Territorialfürstentum, dem alten Junkertum und den alten Anhängern der in den Verfall geratenen Nibelungenwildheit. Das ist es, was Mitteleuropa seinen Untergang gebracht hat: die Ehe zwischen dem Industrialismus und dem Territorialfürstentum, den politischen Verwaltern Mitteleuropas. Das ist es, was die in meinem «Aufrufe» geforderte Entfaltung einer wirklichen mitteleuropäischen und deutschen Mission nicht zustande kommen ließ: Die ahrimanisch-luziferische Ehe zwischen dem heraufkommenden Industrialismus, der andere Gegenden der Welt anders ergriffen hat als die Gegend, in der die alte Nibelungenwildheit im Territorialfürstentum in Mitteleuropa herrschend war. Und wenn einmal frank und frei wird geschildert werden sollen, welche furchtbaren Symptome eines welthistorischen, tragischen Niederganges vorhanden waren vom Jahre 1914 bis 1919, weiter hinaus vorhanden sein werden gerade in Mitteleuropa, dann wird man zu schildern haben das für dieses Mitteleuropa grausam-fürchterliche Zusammenwirken des alten verkommenen Nibelungenadels mit dem heraufkommenden, seine welthistorische Stellung durch keine inneren seelischen Ansprüche rechtfertigenden industriellen Menschentum Mitteleuropas. Die Typen, welche sich in Mitteleuropa in diesen Jahren gezeigt haben aus diesen beiderlei Kreisen heraus, das waren die Menschen, die in unendlichem Hochmut aus einer eingebildeten Praxis heraus durch Jahre hindurch alles niedergetreten haben, was irgendwie hat hinwirken wollen auf ein Wiederbemerken dessen, was mit Walther von der Vogelweide zu singen begonnen hat, und was mit dem Goetheanismus seinen Abschluß gefunden hat. Daß die äußere Welt sich das Schlagwort des «Militarismus» erfunden hat, um diese viel tiefere Erscheinung unzutreffend-zutreffend, zutreffendunzutreffend zu bezeichnen, das ist ja nicht weiter zu verwundern, denn furchtbar viel tiefsinniger als die mitteleuropäische Welt ist die außermitteleuropäische Welt auch nicht, wahrhaftig nicht. Ein Verständnis für mitteleuropäisches Wesen hat sich nirgends gefunden woanders, wenn auch gesagt werden muß, daß es mit Riesenschritten zurückgegangen ist, was in diesem Mitteleuropa sich entwickelt hat bis zum Goetheanismus hin, nach dem Zeitalter Goethes.

[ 22 ] Wenn man spricht von dem Überschreiten der Schwelle zum Übersinnlichen hin, dann muß man sich immer erinnern an das, was in alten Zeiten, wo man aus atavistischem Hellsehen heraus viel gewußt hat über das, was mit der Menschenseele vorgeht, wenn sie die Schwelle zum Übersinnlichen überschreitet, nämlich: Durchgang durch die Pforte des Todes. Mancherlei geht in der ganzen Menschheit vor, was seelisch-geistig heute sich schon ankündigt als ein Durchgehen durch die Pforte des Todes. Und mancherlei darf, wie ich noch einmal sagen will, nicht so betrachtet werden, daß man gleich die einzelne Erscheinung unmittelbar identifiziert mit den großen, umschlagenden revolutionierenden Impulsen der weltgeschichtlichen Entwickelung. Aber man muß das, was im einzelnen einen umgebend geschieht, in das Licht rücken können, was uns geisteswissenschaftlich als Beleuchtung werden kann für die großen umschlagenden Impulse.der Zeit. Es ist ja in der Tat gerade in Mitteleuropa Merkwürdiges vorgegangen. Charakteristische Erscheinungen! Was ich Ihnen jetzt öfters charakterisiert habe als ausdrückend die Realität des Seelenlebens durch die Sprache, das läßt sich auch verfolgen gerade um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in diesem mitteleuropäischen Geistesleben. Die industriell-technisch-kapitalistische Färbung, die allmählich die tonangebende Kultur Mitteleuropas angenommen hatte, die überall eingriff, bewirkte, daß man eigentlich die Vorzeit bis ins 12. Jahrhundert vollständig vergaß. Eigentlich wußten die Deutschen des endenden 19., beginnenden 20. Jahrhunderts nicht in Wirklichkeit, wie und wodurch sie Deutsche sind. Das wußten sie nicht, hatten eigentlich im Grunde keine Ahnung davon. In wirklichem Seelenschlafe wurden die Ereignisse der Vorzeit aufgenommen. Denn es war nichts eingedrungen in das Bewußtsein der sogenannten gebildeten Klassen, die allmählich brachen mit dem, was im Goetheanismus seinen Abschluß gefunden hatte, von der wirklichen Geistessubstanz, die da heraufgezogen war. Und so konnte es geschehen — und solche Erscheinungen ließen sich verhundert-, vertausendfachen —, daß elementare Menschen zum Beispiel eine Neigung hatten, die Glorifizierung deutscher Heldenvorzeit durch einen Wortplärrer wie Ernst von Wildenbruch wie ernsthafte Dramatik oder ernsthafte Dichtung entgegenzunehmen. Man weiß gar nicht, was alles Ernst von Wildenbruch in Dramen gebracht hat von irgendwelchen Kaisern, Königen und so weiter, Fürsten der Vorzeit. Stets die allerunbedeutendsten Familienereignisse, niemals die weltgeschichtlichen Impulse! Dabei hat man bei seinen Dramen das Gefühl: Da tönen Worte wie Blech, lauter geschlagenes Blech. Aber wir sind schon so weit gekommen im Zeitalter des Industrialismus, der gerade auf ein so zur Geistigkeit ursprünglich veranlagtes Volk wie das deutsche verheerend wirken mußte, daß man den Schellenklang des Ernst von Wildenbruch wie wahrhafte Dichtung empfand. Ja mehr! Wir sind so weit gekommen, daß Menschen, die aus der klassischen Empfindung heraus, aus der Empfindung, die sie sich geholt haben in der klassischen Zeit, die durchgegangen sind durch eine wirklich feine geistige Erfassung der neueren Kunstempfindung, die es gebracht haben zu einem feinen geistigen Erfassen seiner Entwickelungsphase der Menschheitsentwickelung wie Herman Grimm — Sie wissen, eine Persönlichkeit, die ich von den neueren Persönlichkeiten am meisten verehre —, daß eine solche Persönlichkeit, wie Herman Grimm, bewundernd, tief bewundernd dasteht vor dem seelenlosen Wortgeplärr Ernst von Wildenbruchs, und es vergleicht mit den Leistungen der größten Dichter der Weltgeschichte. So weit hat sich die neuere Menschheit entfernt von dem, was innerliches Erfassen der wahren Wirklichkeit ist.

[ 23 ] Das muß verzeichnet werden, wenn man charakterisieren soll, in welchem Zeitalter wir leben, das muß nicht ohne Betonung und ohne Charakteristik bleiben, wenn man verstehen will, was es heißen soll, daß unsere Zeit in gewisser Weise durch einen geistigen Tod durchgeht, um zu einer höheren Stufe der Menschheitsentwickelung zu kommen.