Past and Future Influences on Social Events
GA 190
12 April 1919, Dornach
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Past and Future Influences on Social Events, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Stellen wir uns kurz noch einmal vor Augen, was wir gestern versuchten uns klarzumachen. Wir sagten: Die gegenwärtige Menschheit, insofern sie als zivilisierte Menschheit in Betracht kommt, geht als ganze Menschheit durch Ähnliches hindurch, was man in der individuellen Entwickelung des einzelnen Menschen bezeichnen kann als das Überschreiten der Schwelle zur übersinnlichen Welt. Wenn man nun so, wie ich es getan habe in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und in der Schrift «Die Schwelle der geistigen Welt», die Entwickelung des einzelnen Menschen bespricht, so meint man gewöhnlich den bewußten Aufstieg in das übersinnliche Leben. Dann meint man auch mit dem Überschreiten der Schwelle einen ganz bewußten Vorgang, wie wir ihn eben öfters beschrieben haben. Ich sagte nun gestern, daß man die Begriffe nicht pressen darf, wenn man genötigt ist, sie von einem Gebiet auf das andere zu übertragen. Deshalb muß ich sagen: Was die Menschheit jetzt als Ganzes durchläuft, ist etwas Ähnliches wie ein Überschreiten der Schwelle. Denn ich deutete schon an, es könnte ja geschehen, es wäre ja durchaus möglich, daß die Menschheit Geisteswissenschaft ablehnte. Dann würde sie kein Mittel haben, um etwas davon zu wissen, daß von der ganzen Menschheit ein solcher Prozeß durchgemacht wird wie das Überschreiten der Schwelle. Überhaupt finden ganz andere Vorgänge statt bei dem, was zu gelten hat als Überschreiten der Schwelle für die ganze Menschheit, als stattfinden beim einzelnen Menschen, wenn er bewußterweise den Gang in die übersinnliche Welt hinein tut. Und ich habe gestern schon angedeutet, daß das Wesentliche für die ganze Menschheit beim Überschreiten der Schwelle, wie es geschehen muß im Laufe der fünften nachatlantischen Zeit, der Zeit der Bewußtseinsentwickelung, besteht in dieser Ihnen dem Wesen nach bekannten Spaltung in die drei Seelenfähigkeiten zu einer gewissen Selbständigkeit. Denken, Fühlen und Wollen bleiben für die Gesamtmenschheit — also nicht für den einzelnen Menschen spreche ich jetzt, sondern für die Menschheit, insofern diese Menschheit miteinander verkehrt —, Denken, Fühlen und Wollen bleiben für die gesamte Menschheit nicht so chaotisch verschmolzen, wie sie es jetzt sind. Es gliedert sich das seelische Leben dieser ganzen Menschheit so, daß sie eben mehr als bisher selbständig empfindet ihr Denken, ihr Fühlen, ihr Wollen. Und deshalb braucht diese Menschheit die Gliederung in die drei Gebiete des sozialen Organismus in der Zukunft, die sie bisher nicht in dieser Weise brauchte. Wenn man also von dieser Dreigliederung des sozialen Organismus heute redet, redet man aus dem Bewußtsein heraus von etwas, was nach geistigen Gesetzen des Universums mit der ganzen Menschheit sich notwendig vollzieht.
[ 1 ] Let us briefly recall what we tried to clarify yesterday. We said: Present-day humanity, insofar as it can be considered civilized humanity, is, as a whole, going through something similar to what, in the individual development of a single human being, can be described as crossing the threshold into the supersensible world. When one discusses the development of the individual human being—as I have done in the book *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* and in the treatise *The Threshold of the Spiritual World*—one usually refers to the conscious ascent into the supersensible life. In that context, “crossing the threshold” also refers to a fully conscious process, as we have often described. I said yesterday that one must not force the concepts when one is compelled to transfer them from one field to another. Therefore, I must say: What humanity as a whole is now going through is something akin to crossing the threshold. For I have already hinted that it could happen—it would indeed be entirely possible—that humanity might reject spiritual science. In that case, it would have no means of knowing that all of humanity is undergoing a process such as the crossing of the threshold. In general, the processes involved in what must be regarded as the crossing of the threshold for all of humanity are entirely different from those that take place within the individual human being when he or she consciously enters the supersensible world. And I already indicated yesterday that what is essential for all of humanity in crossing the threshold—as must happen in the course of the fifth post-Atlantean epoch, the epoch of the development of consciousness—consists in this division, familiar to you in essence, into the three soul faculties, each attaining a certain degree of independence. Thinking, feeling, and willing will no longer remain as chaotically intertwined for all of humanity—that is, I am not speaking now of the individual human being, but of humanity insofar as it interacts with one another—thinking, feeling, and willing will no longer remain as chaotically intertwined for all of humanity as they are now. The soul life of all humanity will be structured in such a way that people will experience their thinking, feeling, and willing as more independent than before. And that is why humanity will need this division into the three spheres of the social organism in the future—a need it has not had in this way until now. So when we speak today of this threefold structure of the social organism, we are speaking from a place of awareness about something that, according to the spiritual laws of the universe, is necessarily taking place within all of humanity.
[ 2 ] Nun darf nicht der Fehler gemacht werden, daß gleich allzusehr in einzelnen Ereignissen, die da oder dort auftreten, das Umfassende, das Große gefunden werde. Wir haben seit der Mitte des 15. Jahrhunderts erst einen kleinen Teil von dem Zeitalter der BewußtseinsseelenEntwickelung durchlebt. Ein solcher Zeitraum dauert über zweitausend Jahre. Dieses Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung wird also noch lange dauern, und das wird sich in verschiedenen Stadien, durch verschiedene Ereignisse hindurch geltend machen, was man aber doch schon als dieses Überschreiten der Schwelle zum Übersinnlichen begreifen muß. Also den Fehler bitte ich Sie in Ihrem Denken nicht zu begehen, daß Sie etwa die gegenwärtige Weltkatastrophe allein identifizieren mit dem Umfassenden, von dem ich gestern gesprochen habe. Das wäre ein Fehler, wenn Sie das täten. Aber kein Fehler ist es, wenn man die Ereignisse, in denen man lebt, das, was um einen herum vorgeht, zu verstehen sucht aus den großen Vorgängen heraus, welche lange Zeitalter umfassen. Denn nur dann findet man sich in bezug auf die einzelnen Ereignisse zurecht, wenn man sie so versteht. Deshalb lassen Sie uns heute etwas besprechen, was gewissermaßen zur Symptomatologie, zur Kennzeichnung der Symptome dieser Entwickelung des fünften nachatlantischen Zeitraums nach dem Überschreiten der Schwelle gehört.
[ 2 ] Now, we must not make the mistake of seeking the all-encompassing, the great, too readily in individual events that occur here and there. Since the middle of the 15th century, we have experienced only a small part of the age of the development of the souls of consciousness. Such a period lasts over two thousand years. This age of the development of the soul of consciousness will therefore continue for a long time yet, and it will make itself felt in various stages and through various events—though one must already understand this as the crossing of the threshold into the supersensible. So I ask you not to make the mistake in your thinking of identifying the present global catastrophe solely with the all-encompassing process of which I spoke yesterday. That would be a mistake if you did so. But it is no mistake to seek to understand the events in which we live—what is happening around us—in light of the great processes that span long ages. For only then can one make sense of the individual events if one understands them in this way. Therefore, let us discuss today something that, in a sense, belongs to the symptomatology—the characterization of the symptoms—of this development of the fifth post-Atlantean epoch following the crossing of the threshold.
[ 3 ] Ganz besonders deutlich ist das Heraufkommen der Zeit der Bewußtseinsseelen-Entwickelung gerade an der mitteleuropäischen Kultur zu sehen. Es bereitet sich dieses Heraufkommen der mitteleuropäischen Kultur allerdings schon seit dem 10., 11., 12. und 13. Jahrhundert deutlich vor, führt dann zu gewissen Ereignissen, die wir gleich besprechen wollen, und gestaltet sich in diesem Mitteleuropa so, daß es ganz besonders jetzt in dem gegenwärtigen Augenblick der Menschheitsentwickelung zur mitteleuropäischen Katastrophe geführt hat und eben einfach weiter führen muß.
[ 3 ] The emergence of the era of the development of the consciousness soul is particularly evident in Central European culture. However, this rise of Central European culture had already been clearly preparing itself since the 10th, 11th, 12th, and 13th centuries; it then led to certain events that we will discuss shortly, and it has taken such a course in Central Europe that—especially now, at this present moment in human development—it has led to the Central European catastrophe and simply must continue to do so.
[ 4 ] Es ist schon so, daß dieses Mitteleuropa eigentlich dazu verurteilt ist, gewisse Dinge erstens schneller, zweitens aber auch energischer, charakteristischer zu erleben als das übrige Europa. Man kann sagen: Deutlich kann man sehen, wie gegen das 15. Jahrhundert zu in Mitteleuropa das heraufkommt, was das Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung einleitet. Und jetzt kann man an den katastrophalen Ereignissen gerade Mitteleuropas sehen, welchen schwierigen Weg die Menschheit gerade in diesem Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwikkelung zu durchmessen hat, welche schwierigen Kämpfe, welche furchtbaren Erschütterungen durchzumachen sind, damit das Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung die Impulse, die in ihm liegen, an die Oberfläche der geschichtlichen Entwickelung treiben kann.
[ 4 ] It is indeed true that Central Europe is, in a sense, destined to experience certain things, first, more quickly, and second, more vigorously and distinctively than the rest of Europe. One could say: It is clear to see how, toward the 15th century, what ushers in the age of the development of the consciousness soul began to emerge in Central Europe. And now, one can see from the catastrophic events in Central Europe in particular just what a difficult path humanity must traverse in this very age of the development of the consciousness-soul—what difficult struggles and what terrible upheavals must be endured— so that the Age of the Development of the Conscious Soul can bring the impulses inherent in it to the surface of historical development.
[ 5 ] Da kann es insbesondere von einer gewissen Bedeutung sein, wenn man den Zeitpunkt etwa um das Jahr 1200 für Mitteleuropa ins Auge faßt. Von diesem Zeitpunkt nimmt man gewöhnlich an, approximativ natürlich, daß zum Abschluß gekommen ist die Nibelungendichtung, also jene Dichtung, welche sehr häufig in bezug auf die mitteleuropäische Bevölkerung verglichen wird mit dem, was Homer für das Griechentum war. In der Nibelungendichtung kommen zum Ausdruck in bildhafter, in imaginativer Gestalt offenbar bedeutsame Volksschicksale einer Zeit, die weit vorangegangen ist jenem Zeitalter, in dem eben die Nibelungendichtung zum Abschluß gekommen ist. Und wer sich heute mit einer ehrlichen, inneren Gesinnung auf die Nibelungendichtung einläßt, auch auf das, was verschiedene spätere, Wilhelm Jordan, Richard Wagner und andere, aus der Nibelungendichtung gemacht haben, der muß sich sagen: Die Menschlichkeit, das Menschenwesen, das aus der Nibelungendichtung herausleuchtet, das ist im Grunde genommen für den heutigen Menschen nur noch wenig verständlich. Die Nibelungendichtung weist auf eine Zeit zurück, in der es ganz offenbar in Mitteleuropa ganz, ganz anders ausgesehen hat als etwa nach dem Beginne des 12. Jahrhunderts. Die Nibelungendichtung weist auf eine Zeit zurück, in der es schon landschaftlich ganz anders in diesem Mitteleuropa ausgesehen haben muß und in der aus dem Landschaftlichen heraus ganz andere Menschencharaktere sich entwickelt haben als später. Man kann, wenn man anschauliches Wahrnehmungsvermögen hat, nicht anders als, ich möchte sagen, «herausriechen» aus der Nibelungendichtung, wie die Menschen, von denen diese Dichtung spricht, über öde Strecken hin gelebt haben, die weit, weit von dichten Wäldern bedeckt waren. Waldcharakter und alles, was sich den Menschen aufprägt dadurch, daß sie in den waldbedeckten Landen wohnten, das drückt sich in den Nibelungendichtungen aus. Wir können uns nicht vorstellen, daß die Nibelungenmenschen so aussahen, auch in den Gestalten des Nibelungenliedes, wo die Menschen sehr vermenschlicht sind, wie die Menschen zum Beispiel des späteren Deutschland nach dem Jahre 1200 ausgesehen haben. Wir müssen uns vorstellen, daß diese Menschen innerlich mit einem anderen Seelenleben begabt waren als jene späteren Menschen. Wir müssen uns vorstellen, daß sie ein viel instinktiveres, ein elementareres Fühlen hatten als die Menschen der späteren Zeit. Es war ja eigentlich in diese Nibelungenmenschen auch noch nicht der Strahl des Christentums hineingefallen. Wir wollen aber weniger auf den Inhalt dieses Seelenlebens sehen, als viel mehr auf das im Seelenleben dieser Menschen sehen, was das Formale ist, was die Artung dieses Seelenlebens ist. Es ist eben ein Instinktiveres, wenn man das Wort nicht mißversteht: ein Wilderes, eben ein Elementareres, das mit einer ursprünglicheren Kraft als später aus der Menschenseele hervorquillt.
[ 5 ] In this context, it may be particularly significant to consider the period around the year 1200 for Central Europe. It is generally assumed—approximately, of course—that the Nibelungen saga was completed around this time; that is, the epic that is very often compared, in relation to the Central European population, to what Homer was to the Greeks. The Nibelungen saga expresses, in vivid and imaginative form, the clearly significant destinies of a people from a time that long preceded the very era in which the Nibelungen saga was completed. And anyone who engages with the Nibelungen saga today with an honest, sincere attitude—including what various later figures, such as Wilhelm Jordan, Richard Wagner, and others, made of it—must admit: the humanity, the human condition, that shines forth from the Nibelungen saga is, in essence, scarcely comprehensible to people today. The Nibelungen saga points back to a time when Central Europe clearly looked very, very different from what it did, for example, after the beginning of the 12th century. The Nibelungen saga points back to a time when the landscape of Central Europe must have looked quite different, and when, shaped by that landscape, human characters developed that were very different from those of later times. If one possesses a vivid sense of perception, one cannot help but—I would say—“sense” from the Nibelungen saga how the people of whom this saga speaks lived across barren stretches of land that were far, far from dense forests. The character of the forest and everything that shaped the people through their life in forest-covered lands is expressed in the Nibelungen sagas. We cannot imagine that the Nibelung people looked, even in the figures of the *Nibelungenlied*—where the characters are highly humanized—like the people of, for example, later Germany after the year 1200. We must imagine that these people were endowed with a different inner life than those of later times. We must imagine that they had a much more instinctive, more elemental way of feeling than the people of later times. After all, the light of Christianity had not yet penetrated these Nibelung people. However, we want to focus less on the content of this inner life and much more on what is formal in the inner life of these people—that is, the nature of this inner life. It is simply more instinctive—if one does not misunderstand the word—more untamed, indeed more elemental, welling up from the human soul with a more primal force than it did later on.
[ 6 ] Ungefähr von dem Ende der Zeit, in das die Nibelungendichtung noch hineinweist, rührt dann das her, was man die mitteleuropäische Bürgerzeit, das mitteleuropäische bürgerliche Leben nennen könnte. Wie bildete sich das heraus? Das bildete sich so heraus, daß nach und nach in weitem Umkreise die Wälder ausgerodet wurden, daß über weite Landstrecken Mitteleuropas hin, auf den Gebieten, die früher mit fast undurchdringlichen Wäldern bedeckt waren, Wiesen und Kornfelder entstanden. Das brachte eine andere Menschheit herauf, als die letzte Waldmenschheit war. Das brachte eben im Grunde das mitteleuropäische Bürgertum der ersten Zeit der BewußtseinsseelenEntwickelung hervor. Und wohl nirgends sind die charakteristischen Eigenschaften dieses europäischen Bürgertums so stark zu studieren wie in diesem Mitteleuropa, aus dem Grunde, weil in diesem Mitteleuropa sich bis zum heutigen Zeitpunkt — ich möchte sagen in einer tragischen Weise — die Schicksale dieses Bürgertums schon gerundet haben, weil sie sich in unseren Tagen eben bis zu einem gewissen Abschluß bringen, weil in Mitteleuropa dieses Bürgertum im Grunde heute am Ende seiner Entwickelung ist, weil dieses Bürgertum gerade in Mitteleuropa seinen eigenen charakteristischen Anlagen gemäß, wegen seiner Natur durch etwas hindurchgegangen ist. Durch die Weltkatastrophe und durch das, was jetzt darauf folgt, wird es weiter so durch etwas ganz anderes durchgehen als das übrige europäische Bürgertum. Dieses wird gewisse Entwickelungsphasen erst durchmachen, welche beim mitteleuropäischen Bürgertum heute schon zur Endkatastrophe deutlich hinweisen. So haben wir in diesem mitteleuropäischen Bürgertum bereits eine Art von in sich gerundetem Schicksal: das Aufgehen in dem Zeitalter, in dem sich weite Waldstrecken gerade des späteren Deutschland aus Waldgegenden in Wiesen und Felder verwandeln, und dann die Entwickelung vom 13. bis ins 20. Jahrhundert hinein und den furchtbaren tragischen Absturz im 20. Jahrhundert.
[ 6 ] What might be called the Central European bourgeois era—or Central European bourgeois life—dates back roughly to the end of the period to which the Nibelungen saga still refers. How did this come about? It came about as the forests were gradually cleared over a wide area, so that across vast stretches of Central Europe—in regions that had previously been covered with nearly impenetrable forests—meadows and grain fields sprang up. This gave rise to a different kind of humanity than the last, forest-dwelling humanity. This essentially gave rise to the Central European bourgeoisie of the early period of the development of the conscious soul. And surely nowhere can the characteristic traits of this European bourgeoisie be studied as intensely as in Central Europe, for the reason that in Central Europe, up to the present day, — I would say in a tragic way — the destinies of this bourgeoisie have already come full circle, because they are now reaching a certain conclusion in our time, because in Central Europe this bourgeoisie is essentially at the end of its development today, because this bourgeoisie, precisely in Central Europe, has gone through a process in accordance with its own characteristic dispositions and by virtue of its nature. Through the global catastrophe and what now follows, it will continue to go through something entirely different from the rest of the European bourgeoisie. The latter will only now undergo certain phases of development that, in the case of the Central European bourgeoisie, already clearly point to the final catastrophe. Thus, we already see a kind of self-contained destiny in this Central European bourgeoisie: its emergence in an era when vast tracts of forest—particularly in what would later become Germany—were transforming from wooded areas into meadows and fields, followed by its development from the 13th through the 20th century, and finally its terrible, tragic downfall in the 20th century.
[ 7 ] Diese Erscheinung, die da in Mitteleuropa eine gewisse Geschlossenheit hat, sie kann ihrer Symptomatologie nach nirgendswo als eben in diesem Mitteleuropa studiert werden. Und wer im Ernste die großen Impulse der Menschheitsentwickelung wirklich ins Auge fassen will, der darf nicht zu feige sein, das Augenmerk auf die charakteristischen, auf die bedeutsamen Symptome, die sich in so etwas ausdrücken, hinzulenken. Denn auch alles andere in Europa ist nur zu verstehen, wenn man diese in sich abgerundete Schicksalsreihe von dem höheren Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft einmal unbefangen ins Auge faßt.
[ 7 ] This phenomenon, which exhibits a certain coherence in Central Europe, cannot be studied anywhere else in terms of its symptomatology as it can in Central Europe itself. And anyone who seriously wishes to truly grasp the great impulses of human development must not be too timid to direct their attention to the characteristic, significant symptoms that are expressed in such phenomena. For everything else in Europe, too, can only be understood if one views this self-contained sequence of events impartially from the higher perspective of spiritual science.
[ 8 ] Man redet aber zunächst eigentlich nur einseitig von einer Kulturströmung, wenn man sagt: Mit dem 13. Jahrhundert kommt aus dem Nibelungenmenschen herauf das spätere mitteleuropäische Bürgertum und wird Träger dieser mitteleuropäischen Kultur. Man redet einseitig darüber. Wahr ist es allerdings und innerhalb dieser Grenze richtig aber eben nur, weil innerhalb dieser Grenze, einseitig —, daß sich ausbreitet, namentlich über die mitteleuropäischen Städte, jene Seelenstimmung, welche mit diesem mitteleuropäischen Bürgertum gemeint sein kann, daß sich aus diesem Bürgertum die mitteleuropäische Kultur herausentwickelt. Das ist von der einen Seite her vollständig wahr. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit, es ist nur ein Teil, ein Glied der Erscheinungen, die sich herausentwickelt haben in diesem Mitteleuropa, das in vielen Dingen, die sich mit ihm entwickelt haben, heute verröchelt. Der andere Teil ist der, daß etwas von den alten Wald- und Nibelungenmenschen zurückgeblieben ist, von solchen Charakteren, welche in ihrer Seele das alte Zeitalter, aus dem die Nibelungen berichten, weitergelebt haben. Die Menschen, die sich, wenn ich so sagen darf, unter dem Sonnenglanz der Kornfelder und Wiesen zum mitteleuropäischen Bürgertum entwickelten, das waren nicht die einzigen Menschen, die sich vom Jahre 1200 ab dann weiter bis ins 20. Jahrhundert entwickelt haben. Es waren noch andere Menschen da, die sich etwas zurückbehalten hatten von der alten innerlichen Seelenwildheit und Seelenprimitivität der Nibelungenmenschen.
[ 8 ] However, one is actually speaking of a cultural movement in a one-sided way when one says: With the 13th century, the later Central European bourgeoisie emerged from the “Nibelungenman” and became the bearer of this Central European culture. One speaks of it in a one-sided way. It is true, however—and correct within these limits, but only because, within these limits, one-sidedly—that a certain spiritual mood, which can be associated with this Central European bourgeoisie, spreads, particularly throughout the Central European cities, and that Central European culture develops out of this bourgeoisie. From one perspective, this is entirely true. But it is not the whole truth; it is only a part, one aspect of the phenomena that have developed in this Central Europe, which is now fading away in many of the things that developed alongside it. The other part is that something has remained from the ancient forest and Nibelung peoples—from those characters who, in their souls, kept alive the ancient age of which the Nibelungen tell. The people who, if I may put it that way, developed into the Central European bourgeoisie under the sunlit splendor of the cornfields and meadows were not the only ones who continued to evolve from the year 1200 onward into the 20th century. There were others as well who had retained something of the ancient inner wildness and primal nature of the Nibelung people.
[ 9 ] Wenn man aber eine solche Erscheinung ins Auge faßt, dann muß man nicht vergessen, daß die fortschreitende Zeit für die Entwickelung der Menschheit etwas bedeutet, daß sie eine Realität ist innerhalb der Entwickelung der Menschheit, und daß jemand, wenn er zurückbehält das, was eigentlich einem früheren Zeitalter der Seelenkultur angehört, nicht etwa in derselben Seelenstimmung bleibt, die diese alte Seelenkultur gehabt hat, sondern er kommt in die Dekadenz hinein, er kommt herunter, er kommt in eine Untergangsrichtung hinein, er wird fremd demjenigen, was der Zeit entspricht. Er entwickelt in einer späteren Zeit das, was in einer früheren Zeit hat entwickelt werden sollen, und er entwickelt daher das, was er in einer späteren Zeit entwickelt, nicht so, wie er es in einer früheren Zeit entwickelt hätte, sondern er entwickelt es in einer späteren Zeit krankhaft. Er entwickelt es eben mit den charakteristischen Zeichen des Verfalls, der Dekadenz. Daher sehen wir auf der einen Linie sich entwickeln das neuzeitliche mitteleuropäische Bürgertum, ich möchte sagen, das oberste Produkt der aus den Wäldern hervorgegangenen Kornfelder und Wiesen, und wir sehen auf der anderen Seite mitten unter diesen Bürgerlichen in Mitteleuropa die Menschen, die das alte Seelenleben der Nibelungenzeit bewahrt haben, die nur äußerlich die neue Zeit, selbst das Christentum aufgenommen haben, und die daher diesen alten innerlichen Nibelungen-Seelencharakter in einer Verfallswesenheit darlebten. Die Menschen, die diesen alten Nibelungencharakter in der Verfallsform darlebten, das sind die mittelalterlichen Territorialfürsten und ihr Anhang, die jetzt zu Dutzenden von ihren 'Thronen gestürzt sind. Zu diesem mittelalterlichen Nachwuchs gehört ja in erster Linie alles das, was Inhalt, menschlicher Inhalt war des Hauses Habsburg, aber auch die übrigen Territorialfürsten Mitteleuropas. Niemand versteht, was eigentlich sich jetzt tragisch vollzieht, der nicht auch diesen Untergrund der Ereignisse ins Auge zu fassen weiß, daß durch Jahrhunderte hindurch der fortgeschrittenere Teil der mitteleuropäischen Bevölkerung regiert und verwaltet worden ist von dem Teil, der in der Verfallsform den Seelencharakter der alten wilden Nibelungenmenschen zurückbehalten hat.
[ 9 ] But when one considers such a phenomenon, one must not forget that the passage of time has significance for the development of humanity—that it is a reality within the development of humanity, and that when someone clings to what actually belongs to an earlier age of soul culture, they do not remain in the same spiritual mood that this old soul culture possessed, but rather they enter into decadence; they decline; they move toward decline; they become alienated from what corresponds to the times. He develops in a later era what should have been developed in an earlier era, and therefore he develops what he develops in a later era not as he would have developed it in an earlier era, but rather in a pathological way. He develops it precisely with the characteristic signs of decay and decadence. Thus, on one line we see the development of the modern Central European bourgeoisie— I would say, the highest product of the grain fields and meadows that emerged from the forests; and on the other hand, right in the midst of these bourgeois in Central Europe, we see the people who have preserved the old soul life of the Nibelung era—people who have embraced the new age, and even Christianity, only outwardly, and who therefore lived out this old, inner Nibelung soul character in a state of decay. The people who lived out this ancient Nibelung character in its decaying form are the medieval territorial princes and their entourage, who have now been toppled from their “thrones” by the dozen. This medieval offspring includes, first and foremost, everything that constituted the substance—the human substance—of the House of Habsburg, but also the other territorial princes of Central Europe. No one can understand what is actually unfolding so tragically now unless they are also able to grasp the underlying context of these events: that for centuries, the more advanced segment of the Central European population has been ruled and governed by that segment which, in its form of decline, has retained the soul-character of the ancient, wild Nibelung people.
[ 10 ] Es war tatsächlich ein ungeheurer Kontrast zwischen dem ganz inneren Seelengefüge der Menschen, die man nennen könnte die Nachzügler des mitteleuropäischen Bürgertums, und denen, die auf den königlichen oder fürstlichen Thronen saßen, und allen denen, welche, anhänglich diesen Thronen, die Menschen auf diesen Thronen umgaben. Die Seele irgendeines Königs von Bayern oder Herzogs von Braunschweig und eines mittleren deutschen Menschen, der eine mittlere deutsche Bildung aufgenommen hat, das sind zwei durchaus voneinander verschiedene geistige Potenzen. Das lebte nebeneinander in den verflossenen Jahrhunderten wie zwei fremde Rassen, vielleicht sogar mit stärkeren Differenzierungen als zwei fremde Rassen.
[ 10 ] There was indeed a tremendous contrast between the innermost spiritual makeup of the people—who might be called the stragglers of the Central European bourgeoisie—and those who sat on royal or princely thrones, as well as all those who, devoted to these thrones, surrounded the people on them. The soul of any King of Bavaria or Duke of Brunswick and that of an average German who has received a standard German education—these are two entirely distinct intellectual capacities. They coexisted in past centuries like two foreign races, perhaps even with greater differences than two foreign races.
[ 11 ] Man muß den Mut haben, solch einer historischen Untergrundtatsache ins Auge zu schauen. Denn nicht auf den äußeren Ereignissen, die die konventionelle Geschichte verzeichnet, beruht das, was am allermeisten Menschenschicksal und Menschenentwickelung berührt. Bedenken Sie nun, daß von diesem Schicksal, so unter einer Anzahl von Menschen zu stehen, die in ihrem Seelenleben ein früheres Zeitalter zurückbehalten haben, das übrige europäische Bürgertum nicht betroffen war, sondern eben gerade das mitteleuropäische Bürgertum. Nehmen Sie zum Beispiel, nur um das, was eigentlich gemeint ist, noch besser zu verstehen, die aus diesem mitteleuropäischen Bürgertum herauskommenden, aber vorher ausgewanderten, später die englisch sprechende Bevölkerung gewordenen Menschen. Diese haben sich, wenn ich so sagen darf, nicht eingelassen auf jene Entwickelung, die in Mitteleuropa durchgemacht worden ist, sie haben sich das, was in alten Zeiten innerhalb des europäischen, mitteleuropäischen Bürgertums vorhanden war, mitgenommen, haben es nicht im Kampfe mit zurückgebliebenen Nibelungenmenschen aufreiben müssen.
[ 11 ] One must have the courage to face such a fundamental historical reality. For what most profoundly affects human destiny and human development does not rest on the external events recorded by conventional history. Consider now that this fate—that of being among a group of people who, in their inner lives, have retained a bygone era—did not affect the rest of the European bourgeoisie, but specifically the Central European bourgeoisie. Take, for example—just to better understand what is actually meant—the people who came from this Central European middle class but had emigrated earlier and later became part of the English-speaking population. These people, if I may put it that way, did not engage with the development that took place in Central Europe; they carried with them what had existed in the past within the European, Central European middle class, and did not have to wear it down in the struggle against the backward “Nibelung people.”
[ 12 ] Daher kommt das, was ich in anderem Zusammenhange schon ausgesprochen habe, daß zum Beispiel in der englisch sprechenden Bevölkerung gewisse Instinkte für die Entwickelung der Bewußtseinsseele vorhanden sind, die in Mitteleuropa gar nicht vorhanden sind, gewisse Instinkte vor allen Dingen für das politische Leben, während die Menschheit Mitteleuropas apolitisch, unpolitisch bleiben mußte, gar keine Anlage hatte, an einem politischen Leben irgendwie teilzunehmen, denn sie wurden ja beherrscht von Menschen, die ein früheres Zeitalter in ihrem Seelenleben zurückbehalten hatten.
[ 12 ] This is why I have already stated in another context that, for example, certain instincts for the development of the conscious soul exist among the English-speaking population that are completely absent in Central Europe—certain instincts, above all, for political life, whereas the people of Central Europe had to remain apolitical; they had no predisposition whatsoever to participate in political life in any way, for they were, after all, ruled by people who had retained an earlier era in their spiritual life.
[ 13 ] Wie grandios anschaulich tritt einem das, was ich eben charakterisiert habe, entgegen, wenn wir den Blick auf das Ende des 18. Jahrhunderts, auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts hinwenden, und wir hinschauen auf die Blüte des mitteleuropäischen Bürgertums, auf ihre geistige Blüte. Klopstock, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, und manche andere brauchten wir nur zu nennen, und wir hätten diese Blüte dessen, was keimhaft sich aus der alten Nibelungenzeit um das Jahr 1200 heraus entwickelt hat. Und in demselben Zeitalter steht entgegen diesen Menschen, die diese Blüte darstellen, deren höchste Kulmination in Goethe und im Goetheanismus liegt, dem steht entgegen die allerärgste Bewahrung der Nibelungenwildheit in vollstem Verfall unter Friedrich dem Großen. Suchen Sie sich Menschheitskontraste auf, wo Sie wollen: in der perspektivischen Betrachtung so tragisch wirkende wie Goethe neben Friedrich dem Großen gibt es sonst gar nicht! Für die Geschichte hinterher ist ja nur das zu sagen, daß die äußerste Gedankenlosigkeit, die furchtbarste Gleichgültigkeit gegenüber geistigen Interessen im 19. Jahrhundert eintrat und ins 20. Jahrhundert sich fortsetzen mußte, damit von dem Goetheanismus, von dieser für ihr Jahrhundert größten in die Menschheit einschlagenden Geistespulsation, eigentlich so gut wie gar nichts bemerkt wurde. Denn es ist von der allgemeinen Kultur kaum irgend etwas vom Goetheanismus berücksichtigt worden. Dazu gehört die ganze Gedankenlosigkeit, die ganze innere Unwahrhaftigkeit dieser Kultur des 19. und des Beginns des 20. Jahrhunderts, um für die neuere Zeit, das Zeitalter Friedrichs des Großen, die Impulse Friedrichs des Großen charakteristisch zu finden. Man konnte eigentlich nichts Unzutreffenderes sagen als das, was in den gangbaren geschichtlichen Darstellungen über Friedrich den Großen gesagt worden ist. Auf diesem Untergrunde muß man eben die neueren Ereignisse sehen, aber nicht bloß Ereignisse lokaler Art, sondern Ereignisse, die in das internationale Leben tief, tief eingreifen, Ereignisse allerdings, die bis heute von der Menschheit vollständig verschlafen werden. Gibt es denn etwas Tragikomischeres, als daß Menschen, die weit abstehen von alldem, was sich in Weimar entwickelt hat, sich nun in Weimar zu der Farce der gegenwärtigen Nationalversammlung vereinigen! Etwas Unsinnigeres als die Zusammenstellung dieser gegenwärtigen Versammlung in Weimar ist überhaupt nicht auszudenken, gibt es gar nicht!
[ 13 ] How magnificently vividly does what I have just described come to life when we turn our gaze to the end of the 18th century—to the second half of the 18th century—and look at the heyday of the Central European bourgeoisie, at its intellectual flowering. We need only mention Klopstock, Lessing, Herder, Schiller, Goethe, and many others, and we would have this flowering of what had developed in embryonic form from the old Nibelung era around the year 1200. And in that same era, in contrast to these figures who embody this flowering—whose highest culmination lies in Goethe and Goetheanism—we find the most abject preservation of the Nibelung wildness in its most complete decay under Frederick the Great. Look for contrasts in human history wherever you will: from a perspective that makes them seem so tragic, there is simply no other example quite like Goethe alongside Frederick the Great! As for the history that followed, all that can be said is that the most extreme thoughtlessness, the most appalling indifference toward intellectual interests, set in during the 19th century and was bound to continue into the 20th century, so that virtually nothing was noticed of Goetheanism—this spiritual pulsation, the greatest of its century to have impacted humanity. For general culture has taken hardly anything of Goetheanism into account. This includes the complete thoughtlessness, the complete inner insincerity of this culture of the 19th and early 20th centuries, which led it to regard the impulses of Frederick the Great as characteristic of his own era. In fact, nothing could be more inaccurate than what has been said about Frederick the Great in the prevailing historical accounts. It is against this backdrop that one must view recent events—not merely events of a local nature, but events that profoundly, profoundly impact international life; events, however, that humanity has completely overlooked to this day. Is there anything more tragicomic than the fact that people who stand far removed from everything that has developed in Weimar are now gathering in Weimar for the farce of the current National Assembly! Nothing more nonsensical than the composition of this current assembly in Weimar can even be imagined—it simply does not exist!
[ 14 ] Das meinte ich vorhin, als ich von einer schnelleren und auch energischeren Entwickelung sprach. Ich muß heute oftmals an verschiedene Gespräche denken, die ich mit allerlei für das Deutschtum begeisterten Leuten in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts führte, zum Beispiel auch mit dem Manne, der dann später die Geschichte des neueren Österreich geschrieben hat, mit Heinrich Friedjung, den ich neulich in einem anderen Zusammenhange in dem Vortrag im Bernoullianum erwähnte, und dessen sonderbare Tat Sie ja erwähnt finden in einem meiner Vorträge, die ja auch in den Zyklen gedruckt sind. Dazumal wurde davon gesprochen, daß Mitteleuropa in dem Zeitalter Lessings, Herders, Goethes, Schillers und derjenigen, die zu ihnen gehören, eine Höhe der geistigen Entwickelung der Menschheit erreicht habe. Friedjung und andere, die dazumal in der Gesellschaft waren, sagten ungefähr: Nun muß es eben weitergehen, es muß weiter hinaufgehen. — Ich erinnere mich heute sehr gut, wie ich sagte: Nein, das ist der Höhepunkt, von nun an geht es herunter; mit diesem Zeitalter hat das mitteleuropäische Wesen das, was es an Subjektivität in sich gehabt hatte, heraus an die Oberfläche der Menschheitsentwickelung getrieben. Das ist die charakteristische Erscheinung von Mitteleuropa. — Selbstverständlich wurde einem das dazumal sehr, sehr übelgenommen, vielleicht sogar für Unsinn gehalten. Ich kann ja begreifen, daß vieles von dem, was ich sagen muß und in meinem ganzen Leben sagen mußte, von meinen Zeitgenossen als ein Unsinn angesehen wird. Aber es ist doch eben eine charakteristische Erscheinung, daß das, was um das Jahr 1200 begann, in der gewaltigen Kulminationskultur Herder-Lessing-Goethe-Schiller ausgelaufen ist, daß diese Kulminationskultur da ist, aber nicht verstanden werden kann innerhalb des nationalen mitteleuropäischen Lebens, sondern wohl erst von einem geisteswissenschaftlichen Leben verstanden werden wird, das aber nicht mehr national — was ich immer betont habe —, sondern hypernational, international sein will, wie es doch in unserer Geisteswissenschaft gegenüber allem nationalen Chauvinismus der gegenwärtigen Zeit ehrlich gepflegt werden soll. Das wird doch die charakteristische Erscheinung sein, daß erst von diesem geisteswissenschaftlichen Kulturleben die wahre Substanz dessen, was dazumal um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert zutage getreten ist, wahrgenommen, gelebt werden kann.
[ 14 ] That is what I meant earlier when I spoke of a faster and more vigorous development. Today I often find myself thinking of various conversations I had in the 1880s with all sorts of people enthusiastic about German culture—for example, with the man who later wrote the history of modern Austria, Heinrich Friedjung, whom I recently mentioned in another context during my lecture at the Bernoullianum, and whose peculiar deed you will find mentioned in one of my lectures, which are also printed in the cycles. At that time, it was said that Central Europe, in the age of Lessing, Herder, Goethe, Schiller, and those associated with them, had reached a pinnacle of humanity’s intellectual development. Friedjung and others who were part of that circle at the time said something along the lines of: “Now things simply must go on; they must rise even higher.” — I remember very well today how I said: “No, that is the peak; from now on, it will go downhill; with this era, the Central European essence has driven what it had within itself in terms of subjectivity out to the surface of human development. That is the characteristic feature of Central Europe.” — Of course, people took great, great offense at that back then; perhaps they even considered it nonsense. I can certainly understand that much of what I must say—and have had to say throughout my entire life—is regarded as nonsense by my contemporaries. But it is precisely a characteristic phenomenon that what began around the year 1200 culminated in the magnificent culture of Herder, Lessing, Goethe, and Schiller; that this culture of culmination exists, but cannot be understood within the context of national Central European life; rather, it will likely only be understood by a spiritual-scientific life—one that, however, no longer seeks to be national—as I have always emphasized—but rather hypernational and international, as it should honestly be cultivated in our spiritual science in opposition to all national chauvinism of the present day. This will surely be the defining feature: that only through this cultural life rooted in the humanities can the true substance of what came to light at the turn of the 18th to the 19th century be perceived and lived.
[ 15 ] Wir können ein wenig zurückschauen, wenn wir eine gewisse Nuance dieses mitteleuropäischen Kulturlebens ins Auge fassen wollen. Für den, der die Geschichte symptomatisch, symptomatologisch zu nehmen weiß, bleibt es doch eine sehr merkwürdige, tief in historische Geheimnisse hineinweisende Tatsache, daß 1077, also verhältnismäßig schon lange vor dem Beginn des neueren Bewußtseinszeitalters, ein Vertreter der alten Nibelungen-Seelenwildheit, wie es die salischen Kaiser alle waren, wie es auch die sächsischen Kaiser waren, daß Heinrich IV. damals 1077 zu Canossa vor dem zum großen Papste gewordenen Mönch von Cluny, oder wenigstens Anhänger des Mönchtums von Cluny seine furchtbare Buße zu tun hatte. Denn der große Papst Gregor, der Heinrich IV. in den Kirchenbann getan hat und nach Canossa gezwungen hat, er stand ganz unter dem Einfluß der Cluniazenser, jener kirchlichen Strömung der damaligen Zeit, welche darauf ausging, die Kirche zur übermächtigen Gewalt, zum übermächtigen Imperium in Europa zu erheben. Und die ganze Wildheit des alten Nibelungencharakters prägte sich in jenem Heinrich IV., dem Salier, in seinem ganzen Verhältnis zu Papst Gregor aus.
[ 15 ] We can look back a little if we wish to consider a certain nuance of this Central European cultural life. For those who know how to interpret history symptomatically, it remains a very curious fact—one that points deep into historical mysteries—that in 1077, that is, relatively long before the dawn of the modern age of consciousness, a representative of the ancient Nibelung spirit of wildness—as all the Salian emperors were, and as the Saxon emperors were as well—that Henry IV had to perform his terrible penance in 1077 at Canossa before the monk from Cluny who had become the great Pope, or at least a follower of the Cluniac monastic order. For the great Pope Gregory, who excommunicated Henry IV and forced him to Canossa, was entirely under the influence of the Cluniacs—that ecclesiastical movement of the time which sought to elevate the Church to the status of an all-powerful force, an all-powerful empire in Europe. And the full ferocity of the ancient Nibelung character was evident in that Henry IV, the Salian, in his entire relationship with Pope Gregory.
[ 16 ] Und wiederum prägte sich noch etwas anderes aus, etwas, das dann noch eine gewisse Fortsetzung erfahren hat. Es prägte sich da aus, daß Mitteleuropa einfach nicht anders konnte, als in Streit zu kommen mit dem, was auf dem Umwege durch das Romanentum zum Pseudochristentum geworden war, was aus dem ursprünglichen christlichen ImPuls heraus zum christlichen Imperium geworden war. Noch hatte die alte Nibelungenwildheit abgerechnet mit dem Imperium Romanum, war aber in einer gewissen Weise unterlegen. Sie wurde dann abgelöst von jener Strömung, die ich Ihnen schon charakterisiert habe, die dann sich erhob über den in Kornfelder und Wiesen umgewandelten Wäldern Mitteleuropas. Im Grunde genommen war diese Fortsetzung, aber verwandelte Fortsetzung des alten Nibelungentums in nichts veranlagt dazu, unmittelbar die Impulse des Imperium Romanum aufzunehmen. Sie war eigentlich in einem fortwährenden Sträuben gegen das politisierte Christentum, gegen das von Rom aus politisierte Christentum. Und indem es auf der einen Seite seine eigene Natur zur Ausbreitung brachte, das, was in seinem eigenen Wesen war, zur Entfaltung brachte, sah es sich auf der anderen Seite geduckt, beherrscht, verwaltet von denen, die in der früher charakterisierten Weise zurückbehalten und zum Verfall gebracht hatten die alte Nibelungen-Seelenwildheit.
[ 16 ] And once again, something else became apparent—something that subsequently experienced a certain continuation. What became apparent was that Central Europe simply could not help but come into conflict with what, through a detour via Roman culture, had become pseudo-Christianity—what, emerging from the original Christian impulse, had become the Christian Empire. The old Nibelung spirit had not yet settled its accounts with the Roman Empire, but had, in a certain sense, been defeated. It was then superseded by that current I have already described to you, which then arose above the forests of Central Europe that had been transformed into cornfields and meadows. Essentially, this continuation—though a transformed one—of the old Nibelung spirit was in no way predisposed to directly absorb the impulses of the Roman Empire. It was, in fact, in a state of constant resistance against politicized Christianity, against the Christianity politicized from Rome. And while, on the one hand, it allowed its own nature to spread—allowing what was inherent in its very essence to unfold—on the other hand, it found itself subdued, dominated, and administered by those who, in the manner described earlier, had held back and brought about the decline of the old Nibelung spirit’s wildness.
[ 17 ] Um solche Dinge zu verstehen, ich sage es noch einmal, muß man sich eben geisteswissenschaftlich klar darüber sein, daß wenn etwas, das für eine frühere Zeit groß war, bewahrt wird, es dann in einer späteren Zeit krank ist und in den Verfall gerät. Das macht jenes Charakteristische aus des Kontrastes, der besteht zwischen alldem, was sich erhoben hat mit dem Beginne des 13. Jahrhunderts nach dem Ausroden der alten Wälder, was angefangen hat von der Erde nach dem Himmel hinauf zu tönen mit den Liedern des Walther von der Vogelweide und was eingelaufen ist in den Goetheanismus. Das ist die eine Seite, die unpolitisch ist, die einen Kreislauf ihrer Entwickelung in sich selber durchmacht und die durch ihre eigene Struktur, ohne daß sie die ganze Tragweite dieser Tatsache erkennt, neben sich hat die verfallenden Nibelungencharaktere auf dem Throne und mit den Fürstenhüten.
[ 17 ] To understand such things—and I’ll say it again—one must be clear, from a humanities perspective, that when something that was great in an earlier era is preserved, it becomes diseased and falls into decay in a later era. This is what defines the characteristic contrast that exists between everything that arose at the beginning of the 13th century following the clearing of the old forests—everything that began to resound from the earth toward the heavens with the songs of Walther von der Vogelweide—and what has culminated in Goetheanism. This is the one side that is apolitical, that undergoes a cycle of development within itself, and which—by virtue of its own structure, without realizing the full significance of this fact—has beside it the decaying Nibelung characters on the throne and wearing princely crowns.
[ 18 ] Unter solchen Voraussetzungen und Bedingungen kam über Mitteleuropa das 19. Jahrhundert, namentlich in seiner zweiten Hälfte, und es kam das 20. Jahrhundert. Und mit diesem 19., mit diesem 20. Jahrhundert traf dieses Mitteleuropa in einer anderen Art das, was jetzt so häufig geschildert werden muß als Gegenwart Europas, von Rußland abgesehen in dieser Betrachtungsweise. Gerade in den Dingen, die jetzt so vielfach besprochen werden müssen, muß ja geredet werden von der modernen industriellen Entwickelung, von dem Maschinenzeitalter, von dem heraufkommenden Kapitalismus. Das sind internationale Erscheinungen. Wenn man spricht von dem heraufkommenden technischen, von dem Maschinenzeitalter, von dem industriellen, dem kapitalistischen Zeitalter, so spricht man von internationalen Impulsen. Aber diese internationalen Impulse, sie schlugen ja überall in einer anderen Weise ein.
[ 18 ] Under such circumstances and conditions, the 19th century dawned over Central Europe—particularly in its second half—and the 20th century followed. And with the 19th and 20th centuries, Central Europe encountered—in a different way—what must now so frequently be described as the present state of Europe, with the exception of Russia in this context. Precisely in the matters that must now be discussed so often, one must speak of modern industrial development, of the age of machinery, and of the rise of capitalism. These are international phenomena. When one speaks of the emerging technological age, the machine age, the industrial age, and the capitalist age, one is speaking of international impulses. But these international impulses took effect differently everywhere.
[ 19 ] Man möchte so sehr, daß einmal geschildert würde, unbefangen, ohne die scheußlichen Schulvorurteile, die sich in die konventionelle Geschichte hineingemacht haben auf allen Gebieten, das, was sich in Mitteleuropa entwickelt hat von jenem Tage an, da Walther von der Vogelweide gesungen hat, bis in jene Tage hinein, da Goethe von höchsten Dingen der Menschheit gesprochen hat, die von Goethes Worten nichts mehr verstand. Man möchte, daß einmal unbefangen geschildert würde, was in diesen Entwickelungsjahren liegt. Man möchte, daß dies vollständig der Wahrheit gemäß geschildert würde. Denn dann wird die Unwahrheit auch da ausgemerzt werden müssen, wo sie so ungeheuer elementar in die Menschenherzen und die Menschenseelen sich hineindrängte, daß selbst der Wahrste unwahr werden mußte. ‚Ausgemerzt wird werden müssen von der wahren Geschichte die Unwahrheit, zu der selbst ein Goethe gedrängt wurde, wenn er über Friedrich den Großen sprach, weil einfach die Macht desjenigen, was als allgemeines Vorurteil waltete, so stark war, daß der Wahrste gar nicht anders konnte, als mitreden mit den anderen.
[ 19 ] span>One would so dearly like to see an unbiased account—free from the hideous academic prejudices that have crept into conventional history in every field—of what unfolded in Central Europe from the day Walther von der Vogelweide sang until those days when Goethe spoke of the highest matters of humanity, a humanity that no longer understood a word of what Goethe said. One would like to see an unbiased account of what lies within those years of development. One would like this to be described entirely in accordance with the truth. For then the untruth will also have to be eradicated where it forced its way so monstrously and fundamentally into people’s hearts and souls that even the most truthful person was compelled to become untruthful. ‘The untruth to which even a Goethe was compelled when he spoke of Frederick the Great will have to be eradicated from true history, simply because the power of what prevailed as a general prejudice was so strong that even the most truthful person could do nothing but go along with the others.’
[ 20 ] Die Wahrheit fordert noch etwas ganz anderes als irgendeinen blinden Autoritätsglauben oder dergleichen. Daher ist die Wahrheit eine so gemiedene Individualität in der Entwickelung der Menschheit, eine so gemiedene Wesenheit. Daher ist die Unwahrheit das, was so viel Tragik hervorruft in der menschlichen Entwickelung. Würde man wahrheitsgemäß, unbefangen das schildern, was liegt in der Entwickelung von jenem Zeitalter an, da Walther von der Vogelweide seine Lieder gesungen hat, bis zu dem noch ungehobenen Schatze von Geistesleben, von dem Goethe der ihn nicht verstehenden Mit- und Nachwelt sprach, man würde von einer ganz besonderen Offenbarung der neueren Zeit sprechen müssen und können. Aber man würde gedrängt sein, aufmerksam zu machen, daß gewissermaßen für die allgemeine Menschheit der Erde anonym sich da etwas entwickelte, da etwas geschah. Und das, was nicht anonym war, das, was man als Weltgeschichte betrachtete, das war die luziferische Ausgestaltung der alten Nibelungenwildheit.
[ 20 ] Truth demands something entirely different from any blind faith in authority or the like. That is why truth is such a shunned individuality in the development of humanity, such a shunned entity. That is why untruth is what causes so much tragedy in human development. If one were to describe truthfully and impartially what lies in the development from that era when Walther von der Vogelweide sang his songs up to the still-unexplored treasure of spiritual life—of which Goethe spoke to his contemporaries and posterity, who did not understand him—one would have to and could speak of a very special revelation of modern times. But one would be compelled to point out that, in a sense, something developed there anonymously for the general humanity of the Earth; something took place there. And that which was not anonymous—that which was regarded as world history—was the Luciferic manifestation of the ancient Nibelung wildness.
[ 21 ] So stand vom Jahre 1200 bis in das 20. Jahrhundert hinein das, was sich als die naturgemäße Entwickelung Mitteleuropas ergab, einem Luzifertum gegenüber, das die zurückgebliebene Nibelungenwildheit war, als Seelenleben entfaltet in der neueren Zeit. Betrachten wir das, dessen Ausgangspunkt wir suchen dürfen ungefähr um das Jahr 1200 herum, und stellen wir ihm gegenüber das luziferische Element der Fürstentümer, der Territorialfürsten, dann werden wir begreifen, was es für ein besonderes Zusammenwirken ergab, als das ahrimanische Element des modernen Industrialismus mit der Technik und dem Kapitalismus heraufkam und in der letzten Phase des nun seinem Verröcheln entgegengehenden Mitteleuropa der furchtbar ahrimanisch-luziferische Zusammenhang zustande kam; namentlich im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts jenes Zusammenwirken zustande kam zwischen dem Industrialismus und dem alten Territorialfürstentum, dem alten Junkertum und den alten Anhängern der in den Verfall geratenen Nibelungenwildheit. Das ist es, was Mitteleuropa seinen Untergang gebracht hat: die Ehe zwischen dem Industrialismus und dem Territorialfürstentum, den politischen Verwaltern Mitteleuropas. Das ist es, was die in meinem «Aufrufe» geforderte Entfaltung einer wirklichen mitteleuropäischen und deutschen Mission nicht zustande kommen ließ: Die ahrimanisch-luziferische Ehe zwischen dem heraufkommenden Industrialismus, der andere Gegenden der Welt anders ergriffen hat als die Gegend, in der die alte Nibelungenwildheit im Territorialfürstentum in Mitteleuropa herrschend war. Und wenn einmal frank und frei wird geschildert werden sollen, welche furchtbaren Symptome eines welthistorischen, tragischen Niederganges vorhanden waren vom Jahre 1914 bis 1919, weiter hinaus vorhanden sein werden gerade in Mitteleuropa, dann wird man zu schildern haben das für dieses Mitteleuropa grausam-fürchterliche Zusammenwirken des alten verkommenen Nibelungenadels mit dem heraufkommenden, seine welthistorische Stellung durch keine inneren seelischen Ansprüche rechtfertigenden industriellen Menschentum Mitteleuropas. Die Typen, welche sich in Mitteleuropa in diesen Jahren gezeigt haben aus diesen beiderlei Kreisen heraus, das waren die Menschen, die in unendlichem Hochmut aus einer eingebildeten Praxis heraus durch Jahre hindurch alles niedergetreten haben, was irgendwie hat hinwirken wollen auf ein Wiederbemerken dessen, was mit Walther von der Vogelweide zu singen begonnen hat, und was mit dem Goetheanismus seinen Abschluß gefunden hat. Daß die äußere Welt sich das Schlagwort des «Militarismus» erfunden hat, um diese viel tiefere Erscheinung unzutreffend-zutreffend, zutreffendunzutreffend zu bezeichnen, das ist ja nicht weiter zu verwundern, denn furchtbar viel tiefsinniger als die mitteleuropäische Welt ist die außermitteleuropäische Welt auch nicht, wahrhaftig nicht. Ein Verständnis für mitteleuropäisches Wesen hat sich nirgends gefunden woanders, wenn auch gesagt werden muß, daß es mit Riesenschritten zurückgegangen ist, was in diesem Mitteleuropa sich entwickelt hat bis zum Goetheanismus hin, nach dem Zeitalter Goethes.
[ 21 ] Thus, from the year 1200 well into the 20th century, what emerged as the natural development of Central Europe stood in opposition to a form of Luciferism that was the lingering Nibelung wildness, unfolding as a spiritual life in more recent times. If we consider that which we may trace back to around the year 1200, and set it against the Luciferic element of the principalities and the territorial princes, then we will understand what a unique interplay emerged when the Ahrimanic element of modern industrialism, along with technology and capitalism, rose to prominence, and in the final phase of Central Europe—now heading toward its demise—the terrible Ahrimanic-Luciferic connection came into being; namely, in the last decade of the 19th century and the first decades of the 20th century, that interplay came about between industrialism and the old territorial princedoms, the old Junker class, and the old adherents of the decaying “Nibelung wildness.” That is what brought about Central Europe’s downfall: the marriage between industrialism and the territorial principalities, the political administrators of Central Europe. That is what prevented the unfolding of a true Central European and German mission—as called for in my “Appeals”—from coming to fruition: the Ahrimanic-Luciferic marriage between the rising industrialism, which had taken hold of other regions of the world differently than the region where the old Nibelung wildness reigned in the territorial principalities of Central Europe. And when the time comes to describe frankly and freely the terrible symptoms of a world-historical, tragic decline that existed from 1914 to 1919, and will continue to exist precisely in Central Europe, then one will have to describe the cruel and dreadful interplay, for this Central Europe, between the old, degenerate Nibelung nobility and the rising industrial humanity of Central Europe, which could not justify its world-historical position through any inner spiritual claims. The types who emerged in Central Europe during those years from these two circles were people who, in boundless arrogance and based on a deluded set of practices, trampled for years on everything that sought in any way to bring about a renewed appreciation of what began with Walther von der Vogelweide and found its culmination in Goetheanism. That the outside world has invented the buzzword “militarism” to describe this much deeper phenomenon—in a way that is both inaccurate and accurate, accurate and inaccurate—is hardly surprising, for the world outside Central Europe is not, truly not, all that much more profound than the Central European world. Nowhere else has an understanding of the Central European essence been found, although it must be said that what developed in this Central Europe up to Goetheanism—following the age of Goethe—has regressed by leaps and bounds.
[ 22 ] Wenn man spricht von dem Überschreiten der Schwelle zum Übersinnlichen hin, dann muß man sich immer erinnern an das, was in alten Zeiten, wo man aus atavistischem Hellsehen heraus viel gewußt hat über das, was mit der Menschenseele vorgeht, wenn sie die Schwelle zum Übersinnlichen überschreitet, nämlich: Durchgang durch die Pforte des Todes. Mancherlei geht in der ganzen Menschheit vor, was seelisch-geistig heute sich schon ankündigt als ein Durchgehen durch die Pforte des Todes. Und mancherlei darf, wie ich noch einmal sagen will, nicht so betrachtet werden, daß man gleich die einzelne Erscheinung unmittelbar identifiziert mit den großen, umschlagenden revolutionierenden Impulsen der weltgeschichtlichen Entwickelung. Aber man muß das, was im einzelnen einen umgebend geschieht, in das Licht rücken können, was uns geisteswissenschaftlich als Beleuchtung werden kann für die großen umschlagenden Impulse.der Zeit. Es ist ja in der Tat gerade in Mitteleuropa Merkwürdiges vorgegangen. Charakteristische Erscheinungen! Was ich Ihnen jetzt öfters charakterisiert habe als ausdrückend die Realität des Seelenlebens durch die Sprache, das läßt sich auch verfolgen gerade um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert in diesem mitteleuropäischen Geistesleben. Die industriell-technisch-kapitalistische Färbung, die allmählich die tonangebende Kultur Mitteleuropas angenommen hatte, die überall eingriff, bewirkte, daß man eigentlich die Vorzeit bis ins 12. Jahrhundert vollständig vergaß. Eigentlich wußten die Deutschen des endenden 19., beginnenden 20. Jahrhunderts nicht in Wirklichkeit, wie und wodurch sie Deutsche sind. Das wußten sie nicht, hatten eigentlich im Grunde keine Ahnung davon. In wirklichem Seelenschlafe wurden die Ereignisse der Vorzeit aufgenommen. Denn es war nichts eingedrungen in das Bewußtsein der sogenannten gebildeten Klassen, die allmählich brachen mit dem, was im Goetheanismus seinen Abschluß gefunden hatte, von der wirklichen Geistessubstanz, die da heraufgezogen war. Und so konnte es geschehen — und solche Erscheinungen ließen sich verhundert-, vertausendfachen —, daß elementare Menschen zum Beispiel eine Neigung hatten, die Glorifizierung deutscher Heldenvorzeit durch einen Wortplärrer wie Ernst von Wildenbruch wie ernsthafte Dramatik oder ernsthafte Dichtung entgegenzunehmen. Man weiß gar nicht, was alles Ernst von Wildenbruch in Dramen gebracht hat von irgendwelchen Kaisern, Königen und so weiter, Fürsten der Vorzeit. Stets die allerunbedeutendsten Familienereignisse, niemals die weltgeschichtlichen Impulse! Dabei hat man bei seinen Dramen das Gefühl: Da tönen Worte wie Blech, lauter geschlagenes Blech. Aber wir sind schon so weit gekommen im Zeitalter des Industrialismus, der gerade auf ein so zur Geistigkeit ursprünglich veranlagtes Volk wie das deutsche verheerend wirken mußte, daß man den Schellenklang des Ernst von Wildenbruch wie wahrhafte Dichtung empfand. Ja mehr! Wir sind so weit gekommen, daß Menschen, die aus der klassischen Empfindung heraus, aus der Empfindung, die sie sich geholt haben in der klassischen Zeit, die durchgegangen sind durch eine wirklich feine geistige Erfassung der neueren Kunstempfindung, die es gebracht haben zu einem feinen geistigen Erfassen seiner Entwickelungsphase der Menschheitsentwickelung wie Herman Grimm — Sie wissen, eine Persönlichkeit, die ich von den neueren Persönlichkeiten am meisten verehre —, daß eine solche Persönlichkeit, wie Herman Grimm, bewundernd, tief bewundernd dasteht vor dem seelenlosen Wortgeplärr Ernst von Wildenbruchs, und es vergleicht mit den Leistungen der größten Dichter der Weltgeschichte. So weit hat sich die neuere Menschheit entfernt von dem, was innerliches Erfassen der wahren Wirklichkeit ist.
[ 22 ] When speaking of crossing the threshold into the supersensible realm, one must always remember what was known in ancient times—when, through atavistic clairvoyance, people knew much about what happens to the human soul as it crosses the threshold into the supersensible realm—namely: Passing through the gate of death. Many things are taking place throughout humanity that, in a soul-spiritual sense, are already heralding a passing through the gate of death. And many things, as I wish to say once more, must not be viewed in such a way that one immediately identifies the individual phenomenon with the great, transformative, revolutionary impulses of world-historical development. But we must be able to place what is happening around us in the light of what, from the perspective of spiritual science, can serve as illumination for the great, transformative impulses of our time. Indeed, remarkable things have taken place, particularly in Central Europe. Characteristic phenomena! What I have often described to you as expressing the reality of soul life through language can also be traced precisely at the turn of the 19th to the 20th century in this Central European spiritual life. The industrial, technical, and capitalist character that had gradually come to define the dominant culture of Central Europe—and which permeated everything—led people to completely forget the past, all the way back to the 12th century. In reality, the Germans at the end of the 19th and beginning of the 20th centuries did not truly know how or why they were German. They did not know this; in fact, they had no real idea of it at all. The events of the past were absorbed while their souls were in a state of slumber. For nothing of the true spiritual substance that had emerged—which had found its culmination in Goetheanism—had penetrated the consciousness of the so-called educated classes, who were gradually breaking with it. And so it could happen—and such phenomena could be multiplied a hundredfold, a thousandfold—that unrefined people, for example, were inclined to accept the glorification of Germany’s heroic past by a verbose demagogue like Ernst von Wildenbruch as serious drama or serious poetry. One has no idea what Ernst von Wildenbruch actually included in his plays about all sorts of emperors, kings, and so on—princes of antiquity. Always the most insignificant family events, never the impulses of world history! And yet, when reading his plays, one gets the feeling: the words ring out like tin, nothing but clanging tin. But we have already come so far in the age of industrialism—which was bound to have a devastating effect on a people as inherently spiritually inclined as the Germans—that people came to perceive the clanging sound of Ernst von Wildenbruch as true poetry. Indeed, more than that! We have come so far that people who, drawing on a classical sensibility—a sensibility they acquired during the classical era—have passed through a truly refined intellectual grasp of the newer artistic sensibility, and have arrived at a refined intellectual understanding of this phase of human development, such as Herman Grimm — you know, a figure whom I revere most among the modern thinkers — that such a figure as Herman Grimm stands in awe, in deep admiration, before the soulless verbal clamor of Ernst von Wildenbruch, and compares it to the achievements of the greatest poets in world history. That is how far modern humanity has strayed from what constitutes an inner grasp of true reality.
[ 23 ] Das muß verzeichnet werden, wenn man charakterisieren soll, in welchem Zeitalter wir leben, das muß nicht ohne Betonung und ohne Charakteristik bleiben, wenn man verstehen will, was es heißen soll, daß unsere Zeit in gewisser Weise durch einen geistigen Tod durchgeht, um zu einer höheren Stufe der Menschheitsentwickelung zu kommen.
[ 23 ] This must be noted if one is to characterize the age in which we live; it must not be overlooked or left undemarcated if one wishes to understand what it means that our time is, in a certain sense, undergoing a spiritual death in order to reach a higher stage of human development.
