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Past and Future Influences on Social Events
GA 190

13 April 1919, Dornach

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Past and Future Influences on Social Events, tr. SOL
  1. Vergangenheits- und Zukunftsimpulse im sozialen Geschehen

Elfter Vortrag

Eleventh Lecture

[ 1 ] Aus den beiden Vorträgen von vorgestern und gestern werden Sie ersehen haben, daß wahrhaftig nicht aus irgendeiner subjektiven Meinung, aus irgendeinem subjektiven Wollen heraus von seiten anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft gegenwärtig gesprochen werden muß von jener sozialen Dreigliederung, von der wir ja jetzt so oft gesprochen haben und die auch zum Gegenstande öffentlicher Darstellungen gemacht worden ist. Was besonders die Auseinandersetzungen von gestern betrifft, so ist darüber zu sagen, daß ich dabei die Absicht haben mußte, darauf hinzuweisen, welche tiefgehenden Impulse in dem Völkerleben der gegenwärtigen zivilisierten Welt, also der Welt der fünften nachatlantischen Zeit herrschen. Ich versuchte zu zeigen, wie ungefähr vom Jahre 1200 ab in Mitteleuropa ein Impuls erwacht, der in diesem Mitteleuropa eigentlich bedeutete den Aufstieg desjenigen, was man nennen kann die bürgerliche soziale Ordnung, daß aber sich hineinmischte in dieses bürgerlich soziale Leben Mitteleuropas wie zurückgebliebenes Seelenleben aus früheren Jahrhunderten, verfallendes Nibelungentum, jenes verfallene Nibelungentum, welches als Seelenleben sich ausgestaltete, namentlich in den verwaltenden und regierenden Oberschichten der mitteleuropäischen Länder. Und ich betonte ganz besonders, welch ein einschneidender Kontrast in diesem mitteleuropäischen Leben vorhanden war vom 13. bis ins 20. Jahrhundert herein, wo er eben dann geführt hat zu jenem furchtbaren sozialen Röcheln, das auch über Mitteleuropa hereingebrochen ist. Ich versuchte darauf hinzuweisen, welch ein einschneidender Kontrast vorhanden war zwischen dem inneren seelischen Erleben der breiten bürgerlichen Bevölkerung und denjenigen Leuten, welche, hervorkommend aus dem alten Rittertum, aus den alten Lehensträgern, aus alldem, was eben Überbleibsel war in seelischer Beziehung des alten Nibelungentums, im Grunde die Politik dieses Mitteleuropa machten, während die breite Masse des Bürgertums unpolitisch, apolitisch blieb. Man muß sich schon einmal ganz ernsthaftig, gerade wenn man von praktischen Gesichtspunkten aus Geisteswissenschafter sein will, hineinversetzen in diesen Seelenunterschied, der da besteht oder bestanden hat, namentlich zwischen dem sogenannten gebildeten Bürgertum und seinen Angehörigen und zwischen alldem, was auf irgendwie gearteten Regierungssesseln in Mitteleuropa gesessen hat. Das habe ich gestern charakterisiert.

[ 1 ] From the two lectures given the day before yesterday and yesterday, you will have seen that it is truly not out of any subjective opinion or any subjective desire on the part of anthroposophically oriented spiritual science that we must currently speak of that social threefolding of which we have now spoken so often and which has also been the subject of public presentations. As regards yesterday’s discussions in particular, it should be noted that my intention was to point out the profound impulses at work in the life of nations in the present-day civilized world—that is, the world of the fifth post-Atlantean epoch. I attempted to show how, beginning around the year 1200 in Central Europe, an impulse arose that in this region actually signified the rise of what might be called the bourgeois social order; yet this bourgeois social life in Central Europe was intertwined with a backward spiritual life from earlier centuries—a decaying Nibelung spirit, that decaying Nibelung spirit, which took shape as a spiritual life, particularly among the administrative and ruling upper classes of the Central European countries. And I emphasized in particular what a stark contrast existed in this Central European life from the 13th through the 20th century, where it ultimately led to that terrible social agony that also descended upon Central Europe. I tried to point out what a stark contrast existed between the inner spiritual experience of the broad middle-class population and that of the people who, emerging from the old knighthood, from the old feudal lords, from all that which was, in spiritual terms, a remnant of the old Nibelung spirit, who, in essence, shaped the politics of this Central Europe, while the broad masses of the middle class remained unpolitical and apolitical. One must, especially if one wishes to be a scholar of the humanities from a practical standpoint, seriously try to put oneself in the shoes of this difference in spirit that exists or has existed, namely between the so-called educated middle class and its members, and between all those who have held positions of power of any kind in Central Europe. I characterized this yesterday.

[ 2 ] Nun wollen wir ein wenig näher ins Auge fassen, warum eigentlich diese im Grunde doch großartige Geistesbewegung, die da geht von Walther von der Vogelweide bis herauf zum Goetheanismus, während sie nach dem Goetheanismus einen jähen Absturz erfährt, warum denn diese Geistesbewegung so gar nicht dahin gekommen ist, das soziale Leben irgendwie zu bewältigen, in dem sozialen Leben irgendwie Gedanken zu fassen. Man bedenke doch nur, daß selbst Goethe, der über vieles in der Welt die umfassendsten Ideen zu entwickeln verstand, eigentlich nur in gewissen Andeutungen, von denen man dreist sagen kann, daß sie ihm selber nicht ganz klar waren, zu sprechen verstand über dasjenige, was da als eine neue soziale Ordnung über die zivilisierte Menschheit heraufkommen muß. Im Grunde war schon die Tendenz nach der Dreigliederung des gesunden sozialen Organismus seit dem Ende des 18. Jahrhunderts in dem Unterbewußtsein der Menschen vorhanden. Und die Rufe nach Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die nur dann Sinn bekommen werden, wenn einmal die Dreigliederung sich verwirklicht, sie bezeugten, daß diese unterbewußte Sehnsucht nach der Dreigliederung vorhanden war. Warum eigentlich kam sie nicht ans Tageslicht?

[ 2 ] Now let us take a closer look at why this essentially magnificent spiritual movement—which stretches from Walther von der Vogelweide all the way up to Goetheanism, only to suffer an abrupt decline after Goetheanism—why this spiritual movement has failed so completely to come to terms with social life in any way, to give form to thoughts within social life. One need only consider that even Goethe, who was able to develop the most comprehensive ideas about so many things in the world, could actually speak only in certain hints—about which one can boldly say that they were not entirely clear even to him—regarding what must emerge as a new social order for civilized humanity. In essence, the tendency toward the threefold structure of a healthy social organism had already been present in people’s subconscious since the end of the 18th century. And the calls for liberty, equality, and fraternity—which will only make sense once the threefold structure is realized—testified to the existence of this subconscious longing for the threefold structure. Why, then, did it not come to light?

[ 3 ] Das hängt mit der ganzen Artung des Geisteslebens Mitteleuropas zusammen. Ich habe gestern am Schlusse hingewiesen auf eine eigentümliche Erscheinung, ich habe gesagt: Der von mir so hoch verehrte Herman Grimm, der mit seinen Ideen in so manches hineinleuchten konnte, was Künstlerisches, was Allgemein-Menschliches ist, was die Antike betrifft, er verfiel in die merkwürdige Unwahrheit, einen bloRen Wortphraseur wie Wildenbruch zu bewundern. Ich habe öfter im Lauf der Jahre — gestatten Sie diese persönliche Bemerkung — auf etwas hingewiesen, was, wenn man es so erzählt, recht unbedeutend dem Zuhörer erscheinen könnte, was aber für den, der das Leben symptomatologisch betrachtet, eine große, tiefgehende Bedeutung haben kann. Ich hatte unter manchen anderen Gesprächen, die ich führen durfte in der Zeit, als ich mit Herman Grimm persönlichen Verkehr hatte, auch einmal ein Gespräch mit ihm, im Verlauf dessen ich von meinem Gesichtspunkte aus auf manches hinwies, was geistig zu verstehen ist. Und wenn ich dies erzählt habe, habe ich immer darauf aufmerksam gemacht, daß Herman Grimm für eine solche Rede über das Geistige nur eine abwehrende Handbewegung hatte; er meinte, das ist etwas, worauf er sich nicht einläßt. Es war in diesem Momente eine ungeheuer wahre Bemerkung, die in dieser Handbewegung bestand. Inwiefern war diese Bemerkung ungeheuer wahr? Wahr war sie insofern, als Herman Grimm bei allem seinem Eingehen auf manches in der sogenannten geistigen Entwickelung der Menschheit, in der Kunst, in der Darlebung des ‚Allgemein-Menschlichen, auch nicht die geringste Ahnung hatte von dem, was eigentlich Geist sein muß dem Menschen des fünften nachatlantischen Zeitalters. Herman Grimm wußte einfach nicht vom Gesichtspunkte aus eines Menschen des fünften nachatlantischen Zeitraums, was Geist ist. Wenn man solch eine Sache bespricht, dann ist es schon nötig, daß man nicht schroff sich auf den Gesichtspunkt der Wahrheit stellt; wenigstens bis zum Geiste hin war ein solcher Mensch wie Herman Grimm wahr —: weil er nichts wußte von der Art, wieman über den Geist denkt, machte er eine abwehrende Bewegung. Wäre er einer gewesen von den Phraseuren, die heute wieder als Propheten maskiert herumgehen und die Menschen bessern wollen, dann würde er geglaubt haben, er könne über den Geist mitreden, dann würde er geglaubt haben, wenn man sagt: Geist, Geist, Geist —, dann wäre damit irgend etwas gesagt, was auch entsprechen würde einem Inhalt, den man in seiner eigenen Seele hegt.

[ 3 ] This is connected to the entire nature of intellectual life in Central Europe. Yesterday, at the end of my talk, I pointed out a peculiar phenomenon; I said: Herman Grimm, whom I hold in such high esteem—and who, with his ideas, was able to shed light on so many aspects of art, of what is universally human, and of antiquity—fell into the strange error of admiring a mere wordsmith like Wildenbruch. Over the years—if I may be permitted this personal remark—I have often pointed out something that, when recounted in this way, might seem quite insignificant to the listener, but which can have great and profound significance for those who view life symptomatologically. Among the many conversations I had the privilege of having during the time I was on personal terms with Herman Grimm, there was also one in which I pointed out, from my own perspective, various things that must be understood in a spiritual sense. And whenever I have recounted this, I have always pointed out that Herman Grimm’s only response to such talk about the spiritual was a dismissive wave of the hand; he felt that this was something he would not engage with. At that moment, that wave of the hand was an immensely true remark. In what sense was this remark incredibly true? It was true insofar as Herman Grimm, despite all his engagement with various aspects of humanity’s so-called spiritual development, in art, and in the portrayal of the “universally human,” had not even the slightest inkling of what the spirit must actually be for a person of the fifth post-Atlantean epoch. Herman Grimm simply did not know, from the perspective of a human being of the fifth post-Atlantean epoch, what spirit is. When discussing such a matter, it is indeed necessary not to take a brusque stance from the standpoint of truth; at least as far as the spirit was concerned, a man like Herman Grimm was true—because he knew nothing of the way one thinks about the spirit, he made a defensive gesture. Had he been one of those windbags who today once again go about masquerading as prophets and seeking to improve people, he would have believed he could speak authoritatively about the spirit; he would have believed that when people say “spirit, spirit, spirit”—that this expressed something corresponding to a content cherished within one’s own soul.

[ 4 ] Unter denjenigen, die auch viel vom Geiste gesprochen haben in den letzten Jahrzehnten, ohne eine Ahnung zu haben von dem, was Geist ist, sind ja auch die Majorität der Theosophen zu verzeichnen. Denn eigentlich kann man schon sagen, daß unter allen geistlosen Schwätzereien, die in der neuesten Zeit gepflogen worden sind, die theosophischen die betrübendsten waren, auch die schlimmsten Früchte zum Teil getragen haben. Wenn man aber so etwas ausspricht wie dasjenige, was ich eben in bezug auf Herman Grimm gesagt habe, den ich dabei nicht als Persönlichkeit, sondern als Repräsentanten, als Typus unserer Zeit ins Auge fassen möchte, dann kann man doch die Frage stellen, wie es denn eigentlich möglich ist, daß ein solcher, das mitteleuropäische Leben ganz und gar repräsentierender Mensch keine Ahnung davon hat, wie man denken muß, wenn man über den Geist denkt. Damit ist nämlich Herman Grimm wirklich nur der Repräsentant für mitteleuropäisches Leben. Denn fassen wir eben gerade diejenige Kultur ins Auge, die ich gestern charakterisiert habe, die als die Kultur des Bürgertums, sagen wir im Jahre 1200 — approximativ natürlich — aufgeht und dann bis in den Goetheanismus hinein sich erstreckt, fassen wir gerade diese Kultur, diese glanzvolle Kultur ins Auge, dann muß uns als das Charakteristische dieser Kultur, die ja deshalb nicht geringer geschätzt zu werden braucht, erscheinen, daß sie im schönsten Sinne von demjenigen durchpulst ist, was man Seele nennt, daß ihr aber ganz und gar dasjenige fehlt, was man Geist nennen kann. Das muß man nur mit all der dazu nötigen tragischen Empfindung ins Auge fassen können, daß gerade dieser glanzvollen Kultur dasjenige fehlt, was man Geist nennen könnte. Nur muß man natürlich den Geist in dem Sinne nehmen, wie man den Geist zu nehmen lernt durch die anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft.

[ 4 ] Among those who have spoken extensively about the Spirit in recent decades without having the slightest idea of what the Spirit is, the majority of theosophists must also be included. For one could indeed say that, of all the spiritless ramblings that have been indulged in in recent times, the theosophical ones were the most disheartening and have, in part, borne the worst fruits. But if one says something like what I just said regarding Herman Grimm—whom I wish to consider not as a personality but as a representative, as a type of our time— then one can certainly ask how it is actually possible that such a person—who so fully represents Central European life—has no idea how one must think when thinking about the spirit. In this sense, Herman Grimm is truly only a representative of Central European life. For if we consider precisely that culture which I characterized yesterday—the culture of the bourgeoisie, which, let us say, in the year 1200 — approximately, of course — and then extends all the way into Goetheanism; if we consider precisely this culture, this resplendent culture, then what must appear to us as the defining characteristic of this culture—which, of course, need not be held in any lower esteem for this reason—is that it is, in the most beautiful sense, pulsing with what is called the soul, yet it is entirely lacking in what can be called the spirit. One must simply be able to grasp this with all the necessary tragic sensibility: that this very resplendent culture lacks what one might call spirit. Of course, one must understand “spirit” in the sense that one learns to understand it through anthroposophically oriented spiritual science.

[ 5 ] Ich komme immer wiederum auf diese repräsentative Persönlichkeit, Herman Grimm, zurück, denn so, wie er gedacht hat, so haben Tausende und aber Tausende von Gebildeten Mitteleuropas gedacht. Herman Grimm hat ein ausgezeichnetes Buch über Goethe geschrieben, das zusammenfaßt Vorlesungen, die er in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts an der Berliner Universität gehalten hat. Mit Bezug auf all dasjenige, was Herman Grimm über Goethe gesagt hat, ist es richtig, daß er eigentlich das Beste gesagt hat, was in umfassender Weise aus dieser Bildungsschicht heraus über Goethe gesagt worden ist. Und Herman Grimm hatte von seinem seelenvollen Standpunkte aus die Gabe, Menschen zu charakterisieren, aber auch die Gabe, Menschencharakteristiken in richtiger Weise aufzufassen, in richtiger Weise zu taxieren. In dieser Beziehung war er glänzend im Auffinden der Worte, um irgend etwas zu charakterisieren. Ich möchte nur an eines erinnern. Herman Grimm gehörte natürlich auch zu den Menschen, von denen ich gestern gesprochen habe, die mit Bezug auf die Nibelungenwildlinge in der Unwahrheit drinnen waren. Er war begeistert für Friedrich den Großen und hatte in seiner Seele eine ganz bestimmte Vorstellung, wie er sich Friedrich den Großen als einen germanisch-deutschen Helden vorzustellen habe. Nun hat der englische Historiker und Schriftsteller Macaulay eine Charakteristik Friedrichs des Großen gegeben, die selbstverständlich vom englischen Gesichtspunkte aus geschrieben ist. Herman Grimm wollte in einem Aufsatz über Macaulay klarmachen, wie eigentlich nur ein richtig empfindender Deutscher Friedrich den Großen verstehen und die Linien ziehen kann, durch die dieser Charakter gezeichnet wird, und die Macaulaysche Zeichnung von Friedrich dem Großen charakterisierte er sehr treffend, indem er sagte: Macaulay macht aus Friedrich dem Großen ein verzwicktes englisches Lordsgesicht mit Schnupftabak auf der Nase.

[ 5 ] I keep coming back to this prominent figure, Herman Grimm, because the way he thought is the way thousands upon thousands of educated people in Central Europe thought. Herman Grimm wrote an excellent book on Goethe, which compiles lectures he gave at the University of Berlin in the 1870s. With regard to everything Herman Grimm said about Goethe, it is true that he actually expressed the finest and most comprehensive insights into Goethe that have ever been offered by this educated class. And from his soulful perspective, Herman Grimm had the gift of characterizing people, but also the gift of correctly grasping and assessing human characteristics. In this regard, he was brilliant at finding the right words to characterize anything. I would just like to recall one thing. Herman Grimm, of course, was also among those people I spoke of yesterday who were caught up in falsehood regarding the Nibelungen wildlings. He was enthusiastic about Frederick the Great and had a very specific idea in his soul of how he should imagine Frederick the Great as a Germanic-German hero. Now, the English historian and writer Macaulay provided a characterization of Frederick the Great that is, of course, written from an English perspective. In an essay on Macaulay, Herman Grimm sought to make clear how only a truly sensitive German can understand Frederick the Great and draw the lines that define this character; and he characterized Macaulay’s portrayal of Frederick the Great very aptly by saying: “Macaulay turns Frederick the Great into a dandyish English lord with snuff on his nose.”

[ 6 ] Nun, solch eine Charakteristik zu finden, das ist etwas, das bedeutet etwas, nämlich, daß man runden kann seine Ideen, seine Vorstellungen, daß diese Vorstellungen plastisch werden können. Solche Beispiele, aus denen anschaulich wird, wie solch ein Geist wie Herman Grimm treffend charakterisieren kann, könnte man viele geben, aber auch von anderen ähnlichen Geistern aus der ganzen Kulturzeit Mitteleuropas, die ich gestern charakterisiert habe. Aber sieht man gerade mit diesem guten Willen, der aus einer solchen Anerkennung Herman Grimms hervorgeht, seine Goethe-Monographie an, die weitaus die beste ist von denen, die geschrieben worden sind, was hat man dann für eine Empfindung? Man hat die Empfindung: Das ist etwas sehr Schönes, etwas außerordentlich Gutes — aber Goethe ist es nicht! Von Goethe ist eigentlich im Grunde genommen nur ein Schattenbild da, wie wenn man von einem Gebilde, das drei Dimensionen hat, nur ein Schattenbild, das auf die Wand geworfen wird und zwei Dimensionen hat, macht. Ich möchte sagen: Kapitel für Kapitel wandelt Goethe wie ein Gespenst vom Jahre 1749 bis 1832. Ein gespenstiger Goethe wird geschildert, nicht dasjenige, was Goethe war, was Goethe dachte, was Goethe fühlte, was Goethe wollte, sondern dasjenige, was wie ein Gespenst durch die Jahrzehnte, auf die ich eben gedeutet habe, hinwanderte und -wandelte.

[ 6 ] Well, finding such a characterization is something that means something—namely, that one can give shape to one’s ideas and concepts, so that these concepts can become vivid. One could give many such examples that illustrate how a mind like Herman Grimm’s can characterize things so aptly—and also examples from other similar minds throughout the cultural history of Central Europe, whom I described yesterday. But if one looks at his monograph on Goethe—which is by far the best of those that have been written—with precisely this goodwill that arises from such an appreciation of Herman Grimm, what impression does one then have? One has the feeling: This is something very beautiful, something extraordinarily good—but it is not Goethe! In essence, there is really only a shadow image of Goethe here, as if one were to take a three-dimensional figure and cast only a two-dimensional shadow of it onto the wall. I would say: chapter by chapter, Goethe wanders like a ghost from 1749 to 1832. A ghostly Goethe is portrayed—not the Goethe who actually was, what Goethe thought, what Goethe felt, what Goethe wanted—but rather that which wandered and moved like a ghost through the decades I have just referred to.

[ 7 ] Goethe selber hat nicht alles von dem, was in seiner Seele lebte, was in seiner Seele namentlich geistig lebte, auch geistig sich zum Bewußtsein gebracht. Das ist gerade heute das große Problem Goethe, dasjenige, was in Goethe geistig lebte, wirklich auf geistige Art ins Bewußtsein heraufzuholen, was Goethe noch nicht konnte, denn es war dazumal nicht möglich, etwas anderes als eine seelenvolle, nicht eine geistige Kultur zu haben. So hat auch Herman Grimm, der ganz in der Goethe-Tradition drinnen fußt, wenn er von dem Geist Goethes reden sollte, nur einen Schatten, ein Gespenst, ein Schema. Und es ist schon eine charakteristische Erscheinung, daß dasjenige, was man aus der heutigen Kultur hervorgehend als das Beste über Goethe und den Goetheanismus bezeichnen muß, nur ein Gespenst von Goethe gibt. Das ist schon eine bezeichnende Erscheinung.

[ 7 ] Goethe himself did not bring everything that lived within his soul—especially that which lived there spiritually—into his consciousness in a spiritual way. This is precisely the great problem with Goethe today: to truly bring to consciousness, in a spiritual way, that which lived spiritually within him—something Goethe himself was not yet able to do, for in his time it was not possible to have anything other than a soulful culture, not a spiritual one. Thus, even Herman Grimm, who is firmly rooted in the Goethean tradition, has only a shadow, a specter, a schema when he speaks of Goethe’s spirit. And it is indeed a characteristic phenomenon that what must be described as the best about Goethe and Goetheanism emerging from today’s culture is merely a specter of Goethe. That is indeed a telling phenomenon.

[ 8 ] Ja, woher rührt es denn aber, daß durch diese ganze glanzvolle Kulturentwickelung hindurch der Begriff, das Erleben, das Erfühlen des eigentlichen Geistes fehlt? Tastend haben Leute wie Troxler, wie auch manchmal Schelling, hingewiesen auf den Geist. Aber rein objektiv gesehen, muß man sagen: In dieser ganzen Kultur fehlt der Geist. Und weil der Geist fehlte, kannte man auch nicht die Bedürfnisse des Geistes, kannte man nicht die Lebensbedingungen des Geistes. Das ist wiederum etwas, was als tragische Empfindung hervorquellen kann aus der Wahrnehmung dieser Kulturströmung, daß man innerhalb ihrer die Lebensbedingungen des Geistes, auch die sozialen Lebensbedingungen des Geistes nicht wahrzunehmen, nicht zu empfinden vermochte. Daran liegt es aber, daß sich das mitteleuropäische soziale Leben durch die Jahrhunderte herauf entwickeln konnte und, weil es kein eigentliches Erlebnis vom Geiste hatte, auch nicht das Bedürfnis bekam, die Grundbedingungen dieses Geisteslebens dadurch zu erfüllen, daß man das Geistesleben emanzipiert, auf sich selber stellt und von dem Staatsleben absondert. Weil man den Geist nicht kannte, kannte man auch nicht die innersten Lebensbedingungen des Geistes, empfand daher nicht die Notwendigkeit — ich rede immer nur von diesen Gebieten, bei den anderen Gebieten der gegenwärtigen zivilisierten Welt empfand man es auch nicht, aber aus anderen Gründen —, den Geist auf sich selbst zu stellen, sondern ließ ihn verschmelzen mit dem, worinnen er sich nur in Fesseln entwickeln konnte: mit dem Staatswesen. 1200, sagte ich, ist der Zeitpunkt, in dem auch die Tätigkeit Walthers von der Vogelweide verzeichnet werden kann, der Zeitpunkt, in dem das geistige Leben Mitteleuropas in mächtigen Imaginationen dahinpulste, von denen die konventionelle Geschichte wenig verzeichnet. Dann gleitet dieses Geistesleben durch die Jahrhunderte weiter, nimmt aber eigentlich schon vom 15., 16. Jahrhundert an die Keime des Niedergangs in sich auf, und es stellt sich hinein in dieses Geistesleben Mitteleuropas die Begründung der Universitäten Prag, Ingolstadt, Freiburg, Heidelberg, Rostock, Würzburg und so weiter. Die Begründung dieser Universitäten, die sich so aussäen über das mitteleuropäische Leben, fällt fast ganz in ein Jahrhundert hinein. Mit diesem Denken, mit diesem Leben, das von den Universitäten ausstrahlte, wurde die Tendenz gebracht nach dem Abstrakten, nach demjenigen, das dann als das rein naturwissenschaftliche Denken vergöttert und verehrt wurde — vergöttert kann man natürlich nur vergleichsweise sagen und das heute so verheerend in die Denkgewohnheiten der Menschen eingreift.

[ 8 ] Yes, but where does it stem from that, throughout this entire glorious cultural development, the concept, the experience, and the sense of the true spirit are missing? People like Troxler—and sometimes Schelling as well—have tentatively pointed toward the spirit. But viewed purely objectively, one must say: The spirit is missing from this entire culture. And because the spirit was missing, people were also unaware of the spirit’s needs; they were unaware of the spirit’s conditions of life. This, in turn, is something that can well spring forth as a tragic feeling from the perception of this cultural current—that within it, people were unable to perceive or feel the spirit’s conditions of life, including its social conditions of life. But this is precisely why Central European social life was able to develop over the centuries and, because it had no real experience of the spirit, did not feel the need to fulfill the fundamental conditions of this spiritual life by emancipating it, establishing it on its own, and separating it from political life. Because people did not know the spirit, they also did not know the innermost conditions of the spirit’s existence; therefore, they did not feel the necessity—I am speaking only of these areas; in other areas of the present-day civilized world, people did not feel it either, but for different reasons—to establish the spirit on its own, but instead allowed it to merge with that within which it could develop only in chains: the state. The year 1200, as I said, is the point in time when the work of Walther von der Vogelweide can also be documented—the point in time when the spiritual life of Central Europe pulsed with powerful imaginations, of which conventional history records little. Then this intellectual life continued to flow through the centuries, though it actually began to absorb the seeds of its own decline as early as the 15th and 16th centuries, and it was within this intellectual life of Central Europe that the universities of Prague, Ingolstadt, Freiburg, Heidelberg, Rostock, Würzburg, and so on were founded. The founding of these universities, which spread like seeds throughout Central European life, took place almost entirely within a single century. With this way of thinking, with this life that radiated from the universities, came the tendency toward the abstract, toward that which was then idolized and revered as purely scientific thinking—though, of course, one can only speak of “idolization” in a relative sense—and which today so devastatingly interferes with people’s habits of thought.

[ 9 ] Und mit diesem Leben wurde im Grunde genommen der ganzen gebildeten Bürgerwelt die Nuance gegeben. Wie war denn diese Nuance der ganzen gebildeten Bürgerwelt? Natürlich spricht da vieles mit, was nicht in jedem einzelnen, ich möchte sagen, quellenhaft wirkte, aber dessen Wirkung auf jeden einzelnen überging. Es wirkte das mit, daß ja in dieser Zeit immer mehr und mehr heraufkam die Empfänglichkeit für ein ganz fremdes Seelenleben, das gebildet wurde durch Träger der Bildung in diesem Bürgertum, das dann in Goethe und Herder und Schiller kulminierte. Das entwickelte ja außer dem, was in der eigenen Seele lag, im wesentlichen fremde Elemente, fremde Impulse.

[ 9 ] And this way of life essentially imparted a certain nuance to the entire educated middle class. What, then, was this nuance that characterized the entire educated middle class? Of course, many factors played a role—factors that did not, I would say, have a direct, source-like effect on every individual, but whose influence extended to each and every one. Another contributing factor was that, during this period, there was a growing receptivity to a completely foreign spiritual life, one that was shaped by the educated members of this bourgeoisie and which then culminated in Goethe, Herder, and Schiller. This developed, in addition to what lay within one’s own soul, essentially foreign elements and foreign impulses.

[ 10 ] Damit weise ich auf eine ungeheuer charakteristische Erscheinung hin. Die Seelen dieser Leute, die Träger des Bürgertums waren, sie suchten ja nach dem Geiste, dessen Begriff sie nicht einmal hatten. Aber wo suchten sie nach dem Geiste? In der griechischen Bildung. Sie lernten in ihren Mittelschulen griechisch, und was als Geistesinhalt in die Seelen floß, war griechischer Inhalt. Wenn man vom 13. Jahrhundert bis ins 20. Jahrhundert in Mitteleuropa vom Geist sprach, hätte man immer sagen müssen: Dasjenige, was einem die eingeimpfte griechische Bildung über den Geist beibrachte. Es entstand da kein eigenes Leben über den Geist. Griechische Bildung aber über den Geist war noch nicht die Bildung desjenigen Zeitraumes in der Menschheitsentwickelung, den wir den Zeitraum der Bewußtseinsentwickelung nennen. Der beginnt erst mit der Mitte des 15. Jahrhunderts. So trug dieses Bürgertum in sich veraltete Bildung, griechische Bildung, und die gab ihm allein dasjenige, was der Grieche vom Geiste eigentlich fühlte und empfand.

[ 10 ] With this, I am pointing to an immensely characteristic phenomenon. The souls of these people, who were the bearers of the bourgeoisie, were indeed searching for the Spirit, a concept they did not even possess. But where were they searching for the Spirit? In Greek education. They learned Greek in their secondary schools, and what flowed into their souls as spiritual content was Greek content. If one spoke of the “Spirit” in Central Europe from the 13th to the 20th century, one would always have had to say: that which the instilled Greek education taught one about the Spirit. No independent life concerning the Spirit arose there. Greek education concerning the spirit, however, was not yet the education of that period in human development which we call the period of the development of consciousness. That period did not begin until the middle of the 15th century. Thus, this bourgeoisie carried within itself an outdated education—Greek education—and that alone provided it with what the Greeks actually felt and sensed about the spirit.

[ 11 ] Dasjenige aber, was der Grieche vom Geiste empfand, das war durchaus bloß die Seelenseite des Geistes. Darin liegt ja die Tiefe des Griechentums, daß der Grieche gewissermaßen gerade hinaufgelangte bis zur Empfindung des höchsten Seelischen. Das nannte er Geist. Gewiß, der Geist erglänzt herunter aus den Höhen. So wie ich ihn hier zeichne, erglänzt er aus den Höhen herunter, durchpulst das Seelische. Aber wenn man den Blick hinaufrichtet, so hat man das Seelische des Geistes.

[ 11 ] But what the Greeks perceived of the Spirit was, strictly speaking, merely the soul aspect of the Spirit. Therein lies the depth of Greek culture: that the Greeks, so to speak, ascended directly to the perception of the highest soul aspect. They called this the Spirit. Certainly, the Spirit shines down from on high. Just as I depict it here, it shines down from on high, pulsing through the soul. But when one looks upward, one perceives the soulful aspect of the Spirit.

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[ 12 ] Aber es wurde die Aufgabe des fünften nachatlantischen Zeitraums, sich zu erheben in den Geist selbst. Das konnte diese Kulturentwickelung noch nicht. Das ist viel wichtiger, als man gewöhnlich denkt. Denn das klärt auf über die ganze Art, wie neuzeitlich-mittelalterliche Bildung von dem Geist Besitz ergreifen konnte.

[ 12 ] But it became the task of the fifth post-Atlantean epoch to rise up into the Spirit itself. This cultural development was not yet capable of doing so. This is much more important than is usually thought. For it sheds light on the entire way in which modern-medieval education was able to take hold of the Spirit.

[ 13 ] Was war denn notwendig, um zu einem Begriff des Geistes, zu einem inneren Erleben des Geistes im neuzeitlichen Sinne zu kommen? Gerade an einer solchen repräsentativen Erscheinung wie Herman Grimm ist es möglich zu studieren, was notwendig war, um in der neueren Zeit sich durchzuarbeiten zum inneren Erleben des Geistes. Dazu ist nämlich notwendig gewesen, wovon gerade ein so klassisch gebildeter Mensch wie Herman Grimm keine Ahnung hatte: naturwissenschaftliches Streben, naturwissenschaftliche Denkweise. Warum? Die naturwissenschaftliche Denkweise ist geistlos. Die naturwissenschaftliche Denkweise enthält gerade, wenn sie groß ist, nicht ein Stückchen Geist, gar nichts Geistiges. Alle naturwissenschaftlichen Begriffe, alle Begriffe von Naturgesetzen sind geistlos, weil sie nur Schattenbilder vom Geiste sind, weil im Bewußtsein, wenn man etwas weiß von Naturgesetzen, nichts vom Geist anwesend ist. Man kann dann zwei Wege gehen. Man kann sich der Naturwissenschaft hingeben, wie viele sich ihr heute hingeben, kann stehenbleiben bei dem, was die Naturwissenschaft gibt; dann wird man geistlos. Man kann gerade dadurch ein großer Naturforscher sein, aber man muß geistlos sein. Das ist der eine Weg.

[ 13 ] What, then, was necessary to arrive at a concept of the spirit, at an inner experience of the spirit in the modern sense? It is precisely through a figure as representative as Herman Grimm that we can study what was necessary in modern times to work one’s way toward an inner experience of the spirit. For this, in fact, required something of which a man with such a classical education as Herman Grimm had no idea: scientific inquiry, the scientific way of thinking. Why? The scientific way of thinking is spiritless. Scientific thinking, especially when it is highly developed, contains not a shred of spirit, nothing spiritual at all. All scientific concepts, all concepts of natural laws, are spiritless because they are merely shadows of the spirit; because, in one’s consciousness, when one knows something about natural laws, nothing of the spirit is present. One can then take two paths. One can devote oneself to natural science, as many do today, and be content with what natural science provides; then one becomes devoid of spirit. One can be a great natural scientist precisely because of this, but one must be devoid of spirit. That is one path.

[ 14 ] Der andere Weg ist der, daß man die Geistlosigkeit der Naturwissenschaft gerade da, wo sie in ihrer Größe aufgetreten ist, innerlich tragisch erlebt, daß man mit seiner Seele untertaucht in das Naturwissen. Wenn man mit seiner Seele untertaucht in dasjenige, was an abstrakten Naturgesetzen, die sehr interessant sind und in manches hineinleuchten, gefunden wurde, die aber geistlos sind, wenn man untertaucht in die Naturgesetze der Chemie, der Physik, der Biologie, die am Seziertisch gewonnen werden und schon dadurch andeuten, wie sie von dem Lebendigen nur das Tote geben, wenn man versucht, mit dem nicht nur in menschlichem Hochmut als einer Erkenntnis zu leben, sondern wenn man versucht zu fragen: Was gibt das der menschlichen Seele? — dann ist es erlebt! Das gibt nichts von Geistlosigkeit. Das ist ja auch das tragische Problem Nietzsche, der gerade an dem Empfinden der Geistlosigkeit der modernen naturwissenschaftlichen Bildung in seinem Seelenleben zerklüftet und zerrissen wird.

[ 14 ] The other path is to experience the soullessness of natural science—precisely where it has manifested its grandeur—as an inner tragedy, to immerse one’s soul in the knowledge of nature. When one immerses one’s soul in those abstract laws of nature—which are very interesting and shed light on many things, but which are spiritless—when one immerses oneself in the laws of nature found in chemistry, physics, biology—which are derived at the dissection table and thereby already suggest how they yield only the dead from the living—if one tries not only to live with this as a form of knowledge born of human arrogance, but if one tries to ask: What does this give to the human soul?—then it is experienced! There is nothing spiritless about it. This, indeed, is the tragic problem of Nietzsche, whose inner life is fractured and torn precisely by the sense of the spiritlessness of modern scientific education.

[ 15 ] Und dann kann die Reaktion eintreten im Inneren der Seele. Dann kann man erleben, wie im Anschauen der Natur der Geist ganz stumm, ganz schweigsam bleibt, nichts sagt. Die Seele bäumt sich auf, nimmt ihre Kraft zusammen, sucht dann aus dem Inneren heraus den Geist zu gebären. Das kann nur in dem Zeitalter geschehen, in dem die unmittelbare Naturanlage bei solchen Menschen wie denen der mitteleuropäischen bürgerlichen Bildung nicht vorhanden sind, und an die herantritt naturwissenschaftliche Kultur. Dann, wenn sie nicht innerlich tot sind, wenn sie innerlich lebendig sind, dann rafft sich in ihrem Inneren der Impuls des Geistes selbst auf. An dem Toten muß seit der Mitte des 15. Jahrhunderts der Geist geboren werden, wenn der Geist in das menschliche Seelenleben überhaupt hereintreten soll. Daher werden diejenigen, die nur mit der klassischen Bildung jenen Nachduft des Griechischen ausleben, der das Seelenhafte des Geistes durch des Menschen eigene Seele durchpulsieren läßt, noch befriedigt sein können in dem inneren Erleben, das ihnen gibt die Empfindung dieses griechischen Seelen-Geistes, dieser griechischen Geistes-Seele. Diejenigen aber, die genötigt sind, mit der Naturwissenschaft innerlich lebendig Ernst zu machen und ihren Tod, ihr Leichnamhaftes zu empfinden, die werden dann den Geist in ihrer Seele erstehen lassen.

[ 15 ] And then the reaction can take place within the soul. Then one can experience how, when contemplating nature, the spirit remains completely silent, utterly still, saying nothing. The soul rears up, gathers its strength, and then seeks to give birth to the spirit from within. This can only happen in an age in which the immediate natural disposition is absent in people such as those of Central European bourgeois education, and in which scientific culture is making inroads. Then, if they are not inwardly dead, if they are inwardly alive, the impulse of the spirit itself stirs within them. Since the middle of the 15th century, the spirit must be born anew in the dead if the spirit is to enter human soul life at all. Therefore, those who, through a classical education alone, live out that lingering echo of the Greek spirit—which causes the soulful aspect of the spirit to pulse through the human soul—can still find satisfaction in the inner experience afforded by the sensation of this Greek soul-spirit, this Greek spirit-soul. But those who are compelled to take natural science seriously in their inner lives and to perceive its death, its corpse-like nature—they will then allow the spirit to arise within their souls.

[ 16 ] Man muß schon, um in der neueren Zeit ein wirkliches unmittelbares Erlebnis vom Geist zu haben, nicht nur in Laboratorien gewesen sein und dort Zyansäure oder Ammoniak gerochen oder im Seziersaal gewesen sein und die frischen Präparate der Leichen angeschaut haben, man muß aus der ganzen naturwissenschaftlichen Richtung heraus den Leichenduft verspürt haben, um aus dieser Empfindung heraus zu dem Licht des Geistes zu kommen. Das ist ein Impuls, der in neuerer Zeit aufleben muß. Das ist eine der Prüfungen, die die Menschen durchmachen müssen in der neueren Zeit. Die Naturwissenschaft ist viel mehr dazu da, die Menschen zu erziehen, als Wahrheiten über die Natur zu vermitteln. Nur der naive Mensch kann glauben, daß in irgendeinem Naturgesetz, das die gelehrten Naturwissenschafter verzeichnen, eine innerliche Wahrheit ist. Nein, die ist nicht drinnen; aber zur Erziehung der Menschen zum Geiste ist gerade die geistlose Naturwissenschaft da. Das ist eine von jenen Paradoxien der weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit.

[ 16 ] In order to have a truly direct experience of the spirit in modern times, one must not only have been in laboratories and smelled hydrocyanic acid or ammonia there, or have been in the dissection room and looked at the fresh specimens of corpses, one must have sensed the scent of death from the entire field of natural science in order to arrive at the light of the spirit through this sensation. This is an impulse that must be revived in modern times. This is one of the trials that people must undergo in modern times. Natural science exists far more to educate people than to convey truths about nature. Only a naive person can believe that there is an inner truth in any natural law recorded by learned natural scientists. No, it is not there; but it is precisely this spiritless natural science that serves to educate people toward the spirit. This is one of those paradoxes of humanity’s development throughout world history.

[ 17 ] So leuchtete erst in der neuesten Zeit — in der Zeit, die den Goetheanismus ablöste, denn da kam erst die eigentliche Leichenhaftigkeit, das eigentliche Tote der Naturwissenschaft herauf — der Geist, allerdings nur für diejenigen Menschen, die sein Licht empfangen wollten. Und so schützten sich die Menschen bis zur Goethe-Zeit und noch Goethe selber gegen das Verheerende eines in den Staatszwang hineingefesselten Geisteslebens dadurch, daß sie im Grunde genommen das griechische Geistesleben verarbeiten, das ja dem modernen Staate nicht angehörte, weil es überhaupt der modernen Zeit nicht angehörte. Die Abtrennung des Geisteslebens von dem Staatsleben wurde surrogativ dadurch besorgt, daß man ein fremdes Geistesleben, das griechische, in sich aufnahm. Dieses griechische Geistesleben, das war es eben, welches die innere Geistleerheit der neueren europäischen Welt überhaupt zudeckt. Das war auf der einen Seite.

[ 17 ] It was only in the most recent era—the era that succeeded Goetheanism, for it was then that the true cadaverousness, the true death of the natural sciences, began to emerge—that the spirit shone forth, though only for those people who were willing to receive its light. And so, up until the time of Goethe—and even Goethe himself—people protected themselves against the devastating effects of a spiritual life shackled to state coercion by, in essence, assimilating the Greek spiritual life, which, after all, did not belong to the modern state because it did not belong to the modern era at all. The separation of spiritual life from state life was achieved, as a surrogate, by assimilating a foreign spiritual life—the Greek one. It was precisely this Greek spiritual life that conceals the inner spiritual emptiness of the modern European world. That was one aspect of it.

[ 18 ] Auf der anderen Seite empfand man aber auch nicht die Notwendigkeit der Trennung des Wirtschaftslebens von dem Rechtsleben, von dem Leben des eigentlichen politischen Staates. Warum nicht? Dem Wirtschaftsleben kann sich ja der Mensch niemals entziehen. Dafür sorgt, trivial ausgedrückt, eben der Magen. Es ist nicht möglich, daß die Menschen solche Kataklysmen auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens unbemerkt erleben, wie sie unbemerkt erlebt werden auf dem Gebiete des Rechtslebens und des Geisteslebens. Das Wirtschaften war also da, und dieses Wirtschaften entwickelte sich auch in einer sehr geraden Linie. Das, was ich gestern angedeutet habe, die Verwandlung der alten, undurchdringlichen Wälder in Wiesen und Kornfelder mit alldem, was als wirtschaftliche Konsequenz davon dasteht, das entwickelte sich in sehr gerader, regulärer Linie. Das war eine sehr gerade Strömung. Aber es fiel in das Erleben dieses Wirtschaftlichen hinein wiederum ein Fremdes, das eigentlich schon länger stark war in der mitteleuropäischen Seele als das Griechische: Es fiel hinein das Lateinisch-Romanische. Und aus dem Lateinisch-Romanischen stammt alles, was sich auf Staats- und Rechtsleben, auf Politik bezieht. Und das ist ja diese merkwürdige Inkongruenz, wiederum etwas, was von der Geschichte der Zukunft scharf wird betont werden müssen, was aber übersehen wird von der parteiischen, für den Materialismus namentlich parteiischen konventionellen Geschichtsschreibung der unmittelbaren Vergangenheit: daß gewisse wirtschaftliche Vorstellungen, gewisse wirtschaftliche Hantierungen des Lebens, ein gewisses Nehmen des Wirtschaftens im Leben sich in gerader Linie aus den sozialen Verhältnissen fortentwickelte, die Tacitus beschreibt für das erste Jahrhundert der germanischen Welt nach der Begründung des Christentums. Aber diese wirtschaftlichen Denkgewohnheiten haben sich nicht ungehindert fortentwickelt. Da schlug die politische Denkart des Romanisch-Lateinischen hinein und infizierte sie ganz und gar und hielt auseinander die ursprünglichen europäischen Wirtschaftsgewohnheiten und das politische Rechtsleben. Und so waren künstlich nebeneinander, scheinbar geteilt, so daß die Teilung eine Maske war, Wirtschaftsleben und politisches Leben, weil das politische Leben die Nuance des Lateinisch-Romanischen und das Wirtschaftsleben die Nuance des Altgermanischen hatte. Weil zwei einander fremde Schichtungen ineinanderlebten, empfand man, daß das nicht zusammengehörte und schmolz äußerlich ineinander, aber man war zufrieden, weil man es ja doch innerlich, seelisch, als getrennt erlebte. Man muß nur einmal die Geschichte des Mittelalters und der neueren Zeit studieren, dann wird man sehen, wie eigentlich diese Geschichte in Wahrheit in Mitteleuropa ein fortwährendes Aufmucken, ein fortwährendes Sich-Wehren, eine fortwährende Opposition ist der wirtschaftlichen Verhältnisse, die aus den alten Zeiten heraufgebracht worden sind, gegen das Staatswesen, gegen den juristischen Romanismus. Man sieht förmlich, wenn man die Dinge bildlich sieht, wie durch die Köpfe der Verwaltungsbeamten der Romanismus als Jurisprudenz eindringt in die Menschen. Da dringt auch viel vom Romanismus gerade in die verfallenden Nibelungenwildlinge hinein. «Graf» hängt mit grapho, schreiben zusammen, das habe ich schon einmal gesagt. Da dringt der Romanismus hinein. Wie ich sagte: man kann es förmlich im Bilde sehen, wie die Bauern, die erfüllt sind von diesem wirtschaftsorientierten Denken, entweder die Fäuste in den Taschen ballen oder mit den Dreschflegeln sich gegen dieses Romanische, Juristische aufbäumen. Das geschieht natürlich nicht immer so äußerlich habhaft. Aber im ganzen moralischen Treiben, wenn man die Geschichte wirklich betrachtet, ist es schon so. So war das, was aus den Keimen der mitteleuropäischen Welt sich heraufentwickelte, durchsetzt — ich charakterisiere bloß, kritisiere nicht, denn alles, was da sich vollzogen hat, hat auch seinen Segen gebracht und war notwendig, war in der historischen Entwickelung in Mitteleuropa nicht zu umgehen —, es war durchsetzt, infiziert von dem juristisch-politischen Romanismus und dem griechischen Humanismus, von dem griechischen Geist-Seele-Begriff, Seelen-Geist-Begriff. Und erst als einschlug das moderne internationale wirtschaftliche Element mit allem, was es im Gefolge hatte, da war es eigentlich nicht mehr möglich, die alten Dinge aufrechtzuerhalten. Man konnte sehr gut klassisch gebildet sein und ein Ignorant sein in bezug auf die naturwissenschaftliche Bildung der neueren Zeit, aber man war dann eben trotzdem innerlich-seelisch ein Rückschrittler. Man konnte nicht mit seiner Zeit gehen, wenn man bloß klassisch gebildet war, wenn man nicht eindrang in dasjenige, was die naturwissenschaftliche Bildung der neueren Zeit gab. Und war man naturwissenschaftlich gebildet, war man vertraut mit dem, was die Naturwissenschaft der neueren Zeit bringen wollte, so konnte man wahrhaftig nur Kulturkrankheiten, Kulturscharlach, Kulturmasern durchmachen, wenn man sich bekanntmachte mit dem, was innerhalb des Zeitraumes, von dem ich Ihnen gesprochen habe, aus dem alten juristischen Romanismus geworden war. Im alten Imperium Romanum war dieser juristische Romanismus am Platze. Dann hatte sich dieses romanische Juristentum, die Res publica, beziehungsweise die Anschauungen darüber, vom alten Romanismus her, ebenso wie auf der anderen Seite die Nibelungenwildheit, durch die mitteleuropäische Bildung hindurch fortgepflanzt.

[ 18 ] On the other hand, however, people did not feel the need to separate economic life from legal life or from the life of the political state proper. Why not? After all, human beings can never escape economic life. To put it simply, the stomach makes sure of that. It is not possible for people to experience such cataclysms in the realm of economic life unnoticed, as they are experienced unnoticed in the realms of legal and intellectual life. Economic activity was therefore present, and this activity developed in a very straightforward manner. What I alluded to yesterday—the transformation of the old, impenetrable forests into meadows and cornfields, with all the economic consequences that entailed—developed in a very straightforward, regular manner. It was a very direct current. But something foreign entered into the experience of this economic life—something that had actually been stronger in the Central European soul for longer than the Greek: the Latin-Romance element entered into it. And everything relating to state and legal life, to politics, stems from the Latin-Romance tradition. And this is, after all, that strange incongruity—again, something that the history of the future will have to emphasize sharply, but which is overlooked by the biased, specifically materialist-biased conventional historiography of the immediate past: that certain economic concepts, certain economic ways of managing life, and a certain approach to economic activity in life developed in a straight line from the social conditions that Tacitus describes for the first century of the Germanic world following the establishment of Christianity. But these economic ways of thinking did not develop unhindered. The Roman-Latin political mindset intervened, thoroughly infecting them and keeping the original European economic customs and political-legal life apart. And so economic life and political life existed artificially side by side, seemingly divided—though the division was merely a mask—because political life bore the character of the Latin-Roman tradition and economic life that of the Old Germanic tradition. Because two layers alien to one another coexisted, people sensed that they did not belong together and outwardly merged, yet they were content because, inwardly and spiritually, they experienced them as separate. One need only study the history of the Middle Ages and modern times to see how, in truth, this history in Central Europe is a continuous rebellion, a continuous resistance, a continuous opposition by the economic conditions inherited from ancient times against the state apparatus and against legal Romanism. If one visualizes these things, one can literally see how Romanism, as a form of jurisprudence, penetrates people’s minds through the heads of administrative officials. Much of Romanism also penetrates precisely into the decaying Nibelung savages. “Graf” is related to *grapho*, to write—I have said this before. That is where Romanism penetrates. As I said: one can literally see it in the picture—how the farmers, filled with this economically oriented way of thinking, either clench their fists in their pockets or rise up with their flails against this Roman, legalistic mindset. Of course, this does not always manifest itself so outwardly. But in the whole moral fabric of things, if one truly examines history, this is indeed the case. Thus, what developed from the seeds of the Central European world was permeated—I am merely characterizing, not criticizing, for everything that took place there also brought its blessings and was necessary; it was unavoidable in the historical development of Central Europe— it was permeated, infected by legal-political Romanism and Greek humanism, by the Greek concept of spirit and soul, the soul-spirit concept. And it was only when the modern international economic element struck, with everything it brought in its wake, that it was actually no longer possible to maintain the old ways. One could very well be classically educated and yet be ignorant of modern scientific knowledge, but one was then, nevertheless, inwardly and spiritually a reactionary. One could not keep up with the times if one was merely classically educated, if one did not delve into what modern scientific knowledge had to offer. And if one was educated in the natural sciences—if one was familiar with what modern natural science sought to achieve—then one could truly only suffer from “cultural diseases,” “cultural scarlet fever,” and “cultural measles” by becoming acquainted with what had emerged from the old Roman legal tradition during the period I have described to you. In the ancient Roman Empire, this legal Romanism had its place. Then this Roman legal tradition—the Res publica, or rather the views regarding it—had been passed down from ancient Romanism, just as, on the other hand, the “Nibelung wildness” had been transmitted through Central European education.

[ 19 ] Ja, meine lieben Freunde, Kulturscharlach, Kulturmasern bekommt man, wenn man die Jurisprudenz nicht bloß abstrakt denkt, sondern mit gesunden naturwissenschaftlichen Begriffen durchtränkt sich einläßt auf dieses Etwas, das als moderne Juristerei in der Literatur und in der Wissenschaft figuriert.

[ 19 ] Yes, my dear friends, one contracts “cultural scarlet fever” and “cultural measles” when one does not merely think about jurisprudence in abstract terms, but instead engages with this “something”—which appears in literature and scholarship as modern jurisprudence—by imbuing it with sound scientific concepts.

[ 20 ] Einen gewissen Höhepunkt hat das erreicht, als einer, der eigentlich geistreich war, wie Rudolf von Ihering, schon gar nicht mehr wußte, wie er zurechtkommen sollte mit diesen Jammerbegriffen von Jurisprudenz der neueren Zeit. Grotesk wurde das Buch, das Ihering schrieb über den «Zweck im Recht», weil ein Mensch, der ein bißchen sich hineingefunden hatte in naturwissenschaftliches Denken, diese sprachlichen Begriffe, die er hatte, nun auf die Jurisprudenz anwenden wollte, so daß ein Wechselbalg des menschlichen Denkens herauskam. Es ist tatsächlich ein Martyrium für ein gesundes Denken, sich in die neuere juristische Literatur einzulassen, denn man hat alle Augenblicke das Gefühl: das geht wie Regenwürmer durch das Gehirn. Es ist schon so, ich schildere nur die imaginativen Wahrnehmungen.

[ 20 ] This reached a certain climax when even someone who was actually witty, like Rudolf von Ihering, no longer knew how to make sense of these wretched concepts of modern jurisprudence. The book Ihering wrote on the “purpose of law” became grotesque because a man who had become somewhat accustomed to scientific thinking now wanted to apply the linguistic concepts he had acquired to jurisprudence, resulting in a monstrosity of human thought. It is indeed an ordeal for sound thinking to engage with modern legal literature, for one has the constant feeling that it wriggles through the brain like earthworms. That is indeed the case; I am merely describing these imaginative perceptions.

[ 21 ] Man muß den Mut haben, auch diese Dinge gehörig ins Auge zu fassen, um einzusehen, daß wir an dem Zeitpunkt angekommen sind, wo nicht nur gewisse Einrichtungen, sondern wo die Denkgewohnheiten der Menschen metamorphosiert, umgestaltet werden müssen, wo die Menschen beginnen müssen, über manche Dinge anders zu denken. Dann erst werden die sozialen Einrichtungen in der Außenwelt unter dem Einfluß der menschlichen Denkgewohnheiten und Empfindungsgewohnheiten so werden können, wie es diese furchtbaren, schreckhaft sprechenden Tatsachen fordern.

[ 21 ] We must have the courage to face these realities squarely in order to realize that we have reached a point where not only certain institutions, but also people’s ways of thinking must be transformed and reshaped—a point where people must begin to think differently about certain things. Only then will social institutions in the external world, under the influence of people’s ways of thinking and feeling, be able to become what these terrible, alarming facts demand.

[ 22 ] Es ist schon ein gründliches Umlernen mit Bezug auf allerwichtigste Dinge der modernen Menschheit notwendig. Weil aber diese moderne Menschheit insbesondere in der Zeit, von der ich gestern sprach, 1200 anfangend, mit dem Goetheanismus schließend, solche wie Regenwürmer durch das Gehirn ziehende Gedanken in sich aufnahm und das nicht bemerkte, geschah es, daß jene Lässigkeit, jene Passivität des Denkens eintrat, die eine charakteristische Erscheinung der neueren Zeit ist. Diese charakteristische Erscheinung der neueren Zeit ist ja das Nichtvorhandensein des Willens im Element des Denkens. Die Menschen lassen ihre Gedanken über sich kommen, sie geben sich ihnen hin, sie haben die Gedanken am liebsten als Instinkt. Auf diese Weise kann man niemals zum Geiste dringen. Man kann nur zum Geiste dringen, wenn man wahrhaft objektiv den Willen in das Denken hineinlegt, so daß das Denken eine Handlung wird wie irgendeine andere Handlung, wie Holzhacken. Haben denn die modernen Menschen wirklich das Gefühl, daß man beim Denken ermüdet? Das haben sie nicht, weil das Denken für sie keine Tätigkeit ist. Die modernen Menschen haben das Gefühl, daß man beim Holzhacken ermüdet. Daß aber für den, der nicht mit Worten, sondern mit Gedanken denkt, ebenso nach kürzerer Zeit als beim Holzhacken jene Ermüdung kommt, die ganz genau ebenso ist wie beim Holzhacken, daß man nicht weiter kann, das haben die modernen Menschen nicht, das erleben die modernen Menschen nicht. Das muß erlebt werden, sonst wird nicht von der modernen Menschheit in ihrem Zusammenleben jener Durchgang vollbracht werden können, von dem ich nun gestern und vorgestern sprach, jener Durchgang von der sinnlichen in die übersinnliche Welt. Sie wissen, man braucht nicht hellsehend zu werden, um in die übersinnliche Welt überzugehen, sondern man braucht nur durch den gesunden Menschenverstand zu begreifen, was aus der übersinnlichen Welt heraus erforscht werden kann durch einen Hellseherweg. Nicht ist notwendig, daß die ganze Menschheit hellsehend wird, aber notwendig ist, was für jeden Menschen möglich ist: mit dem gesunden Menschenverstand die Einsichten in die geistige Welt zu bekommen. Nur auf diesem Wege kann Harmonie in die moderne Seele hineinkommen, denn diese Harmonie in den modernen Seelen geht gerade aus den Bedingungen der Zeitentwickelung heraus verloren. Wir sind heute einmal an einem Punkt, namentlich der europäischen Entwickelung mit ihrem amerikanischen Anhange und ihren asiatischen Vorposten, angekommen, in der von den Geistern der überirdischen Welt real das Fazit gezogen wird zwischen dem, was in älteren Zeiten gang und gäbe war mit Bezug auf das Nebeneinander der Bevölkerungen auf der Erde, und dem, was in späterer Zeit gang und gäbe geworden ist.

[ 22 ] A thorough re-education is indeed necessary with regard to the most important matters facing modern humanity. But because modern humanity—especially during the period I spoke of yesterday, beginning in 1200 and ending with Goetheanism—absorbed thoughts that crawled through its brain like earthworms without even noticing it, that indifference, that passivity of thought set in, which is a characteristic phenomenon of modern times. This characteristic feature of modern times is, after all, the absence of will in the realm of thought. People let their thoughts come over them; they surrender to them; they prefer to experience thoughts as instincts. In this way, one can never penetrate to the spirit. One can only penetrate to the spirit if one truly and objectively brings the will into thinking, so that thinking becomes an action like any other action, such as chopping wood. Do modern people really feel that thinking is tiring? They do not, because thinking is not an activity for them. Modern people feel that one gets tired from chopping wood. But modern people do not realize—and do not experience—that for those who think not with words but with thoughts, that same fatigue sets in after a shorter time than when chopping wood, a fatigue that is exactly the same as when chopping wood—the point where one can go no further. This must be experienced; otherwise, modern humanity will not be able to accomplish in its communal life that transition of which I spoke yesterday and the day before—that transition from the sensory to the supersensory world. You know, one does not need to become clairvoyant to pass into the supersensible world; rather, one need only use common sense to understand what can be explored from the supersensible world through the path of clairvoyance. It is not necessary for all of humanity to become clairvoyant, but what is necessary is what is possible for every human being: to gain insights into the spiritual world through common sense. Only in this way can harmony enter the modern soul, for this harmony is precisely what is being lost in modern souls due to the conditions of historical development. Today we have reached a point—namely, in European development with its American offshoot and its Asian outposts—where the spirits of the supersensible world are actually drawing a conclusion between what was the norm in earlier times regarding the coexistence of peoples on Earth and what has become the norm in later times.

[ 23 ] Wie waren in ältester Zeit die Völker auf der Erdkugel angeordnet? Bis zu einem gewissen Zeitpunkte, der eigentlich nicht weit vor dem Mysterium von Golgatha zurückliegt, da war alles, was an Völkerkonfiguration auf der Erde bewirkt worden ist, von oben herunter bedingt, dadurch bedingt, daß die Seelen sich einfach senkten aus dem Kosmos, aus der geistigen Welt in die Körper, welche an einem bestimmten Territorium lebendig waren in der physischen Menschheitsentwickelung. So waren in Griechenland in den älteren Zeiten aus den physiologischen, geographischen, klimatischen Verhältnissen heraus gewisse Menschenleiber da, auf der italischen Halbinsel gewisse Menschenleiber da. Die Eltern brachten zwar die Kinder zur Welt, doch kamen die Seelen von oben, waren nur ganz von oben bestimmt und griffen sehr tief in die ganze Konfiguration des Menschen, in seine äußere körperliche Physiognomie ein.

[ 23 ] How were the peoples of the globe arranged in ancient times? Up to a certain point in time—which actually lies not far before the Mystery of Golgotha—everything that had been brought about in terms of the configuration of peoples on Earth was determined from above, by the fact that souls simply descended from the cosmos, from the spiritual world, into the bodies that were alive in a specific territory during the physical development of humanity. Thus, in ancient Greece, certain human bodies existed as a result of physiological, geographical, and climatic conditions, and certain human bodies existed on the Italian Peninsula. Although parents gave birth to their children, the souls came from above; they were determined entirely from above and intervened very deeply in the entire configuration of the human being, in his or her external physical physiognomy.

[ 24 ] Dann kamen die großen Völkerwanderungen. Menschen wanderten in verschiedenen Strömungen über die Erde. Die Rassenmischungen traten ein, Völkermischungen traten ein. Dadurch kam in ausgiebigem Maße das Vererbungselement im irdischen Leben zur Geltung. Da lebte an einem bestimmten Orte der Erde eine Bevölkerung, die wanderte an einen anderen Ort; so lebten in gewissen Gegenden des Kontinents die Angeln und die Sachsen, die wanderten nach den englischen Inseln aus. Das ist solch eine Völkerwanderung. Nun sind doch die Nachkommen der Angeln und der Sachsen in physischer Vererbung abhängig von dem, was sich vorher auf dem Kontinente entwickelte; sie sehen so aus in bezug auf ihre Physiognomie, mit Bezug auf ihre Hantierungen und so weiter. Dadurch kommt etwas hinein in die Entwickelung der Menschheit, was horizontal abhängig ist. Während früher die Verteilungen der Menschen über die Erde nur abhängig waren von der Art und Weise, wie sich die Seelen inkarnierten, heruntersenkten, wurde jetzt mitbestimmend dasjenige, was an Wanderungen, an Strömungen auftrat. Aber mit Bezug darauf ist gerade um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert ein neues kosmisch-geschichtliches Element aufgetreten, ein neuer kosmisch-geschichtlicher Impuls. Es war eine Zeit hindurch so, daß eine gewisse Sympathie bestand zwischen den Seelen, die herunterkamen aus der geistigen Welt, und den Körpern, die unten waren. Also konkret gesprochen: Auf den englischen Inseln, über den englischen Inseln senkten sich Seelen, die sympathisch berührt waren von der Gestaltung der Leiber, die als Nachkommen der Angeln und der Sachsen auf der britischen Insel lebten. Diese Sympathie hörte mit dem 15. Jahrhundert immer mehr und mehr auf, und die Seelen richten sich seit diesem 15. Jahrhundert nicht mehr nach den Rasseneigentümlichkeiten, sondern wiederum nach den geographischen Verhältnissen, nach dem Klima, nach dem, ob da unten Ebene, ob da Gebirge ist. Die Seelen kümmern sich seit dem 15. Jahrhundert immer weniger darum, wie die Menschen rassengemäß aussehen; sie richten sich mehr nach den geographischen Verhältnissen. So daß es heute in der über die Erde hin ausgebreiteten Menschheit etwas gibt, wie einen Zwiespalt zwischen dem angeerbten Rassenmäßigen und dem Seelischen, das aus der geistigen Welt kommt. Und würden die heutigen Menschen mehr ihr Unterbewußtes wirklich ins Bewußtsein bringen können, dann würden sich heute die wenigsten Menschen — wenn ich mich trivial ausdrücken darf — in ihrer Haut wohlfühlen. Die meisten Menschen würden heute sagen: Ich bin doch heruntergestiegen auf die Erde, um in der Ebene zu leben, unter Grünem oder über Grünem, um dieses oder jenes Klima zu haben, und im Grunde genommen ist es mir gar nicht so besonders wichtig, daß ich ein romanisch oder ein germanisch aussehendes Gesicht trage.

[ 24 ] Then came the great migrations. People migrated across the Earth in various waves. Racial mixing occurred, and the mixing of peoples took place. As a result, the hereditary element came to play a significant role in earthly life. A population living in a certain place on Earth migrated to another place; for example, the Angles and the Saxons lived in certain regions of the continent and migrated to the British Isles. That is an example of such a migration of peoples. Now, the descendants of the Angles and the Saxons are, in terms of physical heredity, dependent on what previously developed on the continent; they resemble their ancestors in terms of their physical features, their mannerisms, and so on. As a result, something enters into the development of humanity that is horizontally dependent. Whereas in the past the distribution of people across the Earth depended solely on the way in which souls incarnated and descended, now the migrations and currents that occurred became a contributing factor. But in this regard, precisely at the turn of the 14th to the 15th century, a new cosmic-historical element emerged—a new cosmic-historical impulse. For a time, there was a certain affinity between the souls descending from the spiritual world and the bodies that were down below. To put it concretely: Over the English islands, souls descended who were drawn by the form of the bodies of those living on the British Isles as descendants of the Angles and Saxons. This affinity gradually ceased during the 15th century, and since then, souls have no longer been guided by racial characteristics but rather by geographical conditions—by the climate, and by whether the terrain below consists of plains or mountains. Since the fifteenth century, souls have cared less and less about how people look in terms of race; they are guided more by geographical conditions. As a result, there is today, among humanity spread across the earth, something like a conflict between inherited racial characteristics and the soul, which comes from the spiritual world. And if people today were truly able to bring more of their subconscious into consciousness, then very few people today—if I may put it in trivial terms—would feel comfortable in their own skin. Most people today would say: I came down to Earth to live on the plain, among greenery or above it, to experience this or that climate, and, when it comes down to it, it isn’t all that important to me whether I have a Romance-looking or a Germanic-looking face.

[ 25 ] Ja, es sieht schon einmal paradox aus, wenn man diese Dinge, die von eminentester Wichtigkeit sind für das Menschenleben heute, im Konkreten schildert. Pantheistisch von Geist, Geist, Geist reden auch die Menschen, die gute Lehren geben, die sagen, man solle sich vom Materialismus abwenden und wiederum dem Geiste zuwenden; das schockiert die Leute heute nicht. Aber wenn man in dieser Konkretheit spricht über den Geist, dann lassen sich das die Leute heute noch nicht recht gefallen. Aber so ist es schon. Und Harmonie muß wiederum gesucht werden zwischen, ich möchte sagen, einer geographischen Prädestination und einem Rassenelemente, das sich über die Erde hin breitet. Daher kommen die internationalen Neigungen in unserer Zeit, daß die Seelen sich nicht kümmern mehr um das Rassenmäßige.

[ 25 ] Yes, it does seem paradoxical at first glance when one describes in concrete terms these things that are of the utmost importance for human life today. Even those who offer sound teachings—who say one should turn away from materialism and turn back to the spirit—speak in pantheistic terms of “spirit, spirit, spirit”; that doesn’t shock people today. But when one speaks of the spirit in such concrete terms, people today still aren’t quite ready to accept it. Yet that is indeed the case. And harmony must once again be sought between, I would say, a geographical predestination and a racial element that spreads across the earth. This is the source of the international tendencies of our time, in which souls no longer concern themselves with racial matters.

[ 26 ] Ich habe dasjenige, was jetzt geschieht, einmal verglichen mit einer vertikalen Völkerwanderung, während früher eine horizontale Völkerwanderung war. Der Vergleich ist nicht bloß eine Analogie, der Vergleich ist auf Grund der Tatsachen des geistigen Lebens ausgesprochen.

[ 26 ] I once compared what is happening now to a vertical migration of peoples, whereas in the past there was a horizontal migration of peoples. This comparison is not merely an analogy; it is based on the facts of spiritual life.

[ 27 ] Zu alldem muß hinzugenommen werden, daß der Mensch einfach durch die geistige Entwickelung der neueren Zeit im Unterbewußten immer geistiger wird, und daß eigentlich jene materialistische Gesinnung, die im Oberbewußtsein auftritt, immer mehr widerspricht dem, was der Mensch in seinem Unterbewußtsein hat. Um das einzusehen, dazu ist allerdings notwendig, auf die dreifache Gliederung des Menschen selbst noch einmal einzugehen.

[ 27 ] To all this must be added that, simply as a result of modern intellectual development, human beings are becoming increasingly spiritual in their subconscious, and that, in fact, the materialistic mindset that arises in the conscious mind is increasingly at odds with what people hold in their subconscious. To understand this, however, it is necessary to revisit the threefold structure of the human being itself.

[ 28 ] Diese dreifache Gliederung empfindet zunächst der heute nur dem Sinnlich-Physischen zugewendete Mensch so, daß er sich sagt: Ich nehme wahr durch meine Sinne, die sind durch den ganzen Körper verteilt, aber hauptsächlich im Kopfe zentralisiert; ich habe im Wahrnehmen das Nerven-Sinnesleben. Aber weiter kommt der Mensch heute nicht. Er kann dann allenfalls beschreiben, daß der Mensch atmet, und daß das Leben von dem Atmen in die Herzbewegung, in die Blutpulsation übergeht. Aber viel weiter kommt der Mensch nicht. Den Stoffwechsel studiert man ja sehr genau, aber nicht als ein Glied des dreigliedrigen Menschen; man betrachtet ihn eigentlich als den ganzen Menschen. Man braucht ja nicht so weit zu gehen, wie jener naturwissenschaftliche Denker, der gesagt hat: Der Mensch ist, was er ißt —, aber im Ganzen ist die naturwissenschaftliche Gesinnung ziemlich stark davon durchdrungen, daß der Mensch ist, was er ißt. In Mitteleuropa wird er ja bald dasjenige sein, was er nicht ißt!

[ 28 ] At first, a person today—who is focused solely on the sensory-physical realm—perceives this threefold structure in such a way that he says to himself: I perceive through my senses, which are distributed throughout the entire body but are mainly concentrated in the head; in my perception, I have the nervous-sensory life. But people today do not get any further than that. At most, they can describe that a person breathes, and that life passes from breathing into the movement of the heart and the pulsation of the blood. But people do not get much further than that. Metabolism is studied very closely, but not as a component of the threefold human being; it is actually regarded as the whole human being. One need not go as far as that scientific thinker who said, “Man is what he eats”—but on the whole, the scientific mindset is quite strongly permeated by the idea that man is what he eats. In Central Europe, he will soon be what he does not eat!

[ 29 ] Diese Dreigliederung des Menschen, die sich hineinfinden will in eine soziale Dreigliederung, weil sie immer deutlicher und deutlicher auftritt, die tritt auch differenziert über die Erde hin auf. Der Mensch ist wahrhaftig nicht bloß dasjenige, was innerhalb seiner Haut eingeschlossen ist. Es entsprach schon einer tiefen Empfindung, als ich in meinem ersten Mysterium «Die Pforte der Einweihung» Capesius und Strader allerlei Dinge verrichten ließ und darauf aufmerksam machte, daß das, was da auf der Erde hantiert wird von den Menschen, entspricht kosmischen Vorgängen draußen im Weltenall. Bei jedem Gedanken, den wir fassen, jeder Handbewegung, die wir tun, bei allem, was wir sagen, ob wir gehen, stehen, oder was wir sonst vollbringen, da geht immer etwas im Kosmos vor. Um diese Dinge wirklich zu durchleben, fehlen dem heutigen Menschen die Wahrnehmungsmöglichkeiten. Der Mensch weiß heute nicht — man kann es auch nicht verlangen, und es ist paradox, so zu reden, wie ich jetzt rede —, wie er sich ausnehmen würde, wenn er nur vom Monde aus meinetwillen beobachten würde, wie es auf der Erde hier zugeht. Da würde er sehen, daß das Nerven-Sinnesleben noch etwas ganz anderes ist, als dasjenige, was man davon weiß im physisch-sinnlichen Dasein. Das Nerven-Sinnesleben, also dasjenige, was vorgeht während Sie sehen, während Sie hören, riechen, tasten, das ist Licht im Kosmos, das Ausstrahlen von Licht in den Kosmos. Von Ihrem Schauen, von Ihrem Fühlen, von Ihrem Hören erglänzt die Erde in den Kosmos hinaus.

[ 29 ] This threefold structure of the human being, which seeks to find its place within a social threefold structure because it is becoming increasingly evident, also manifests itself in a differentiated way across the earth. Human beings are truly not merely what is enclosed within their skin. It was already in keeping with a deep intuition when, in my first mystery play, *The Gate of Initiation*, I had Capesius and Strader perform all manner of actions and drew attention to the fact that what human beings do here on Earth corresponds to cosmic processes out there in the universe. With every thought we form, every movement of the hand we make, with everything we say—whether we are walking, standing, or doing anything else—something is always happening in the cosmos. Modern human beings lack the perceptual capacity to truly experience these things. People today do not know—nor can one expect them to, and it is paradoxical to speak as I am speaking now—what they would look like if, for my sake, they were to observe from the moon what is happening here on Earth. There they would see that the life of the nerves and senses is something entirely different from what is known of it in physical-sensory existence. Nervous-sensory life—that is, what takes place while you see, hear, smell, and touch—is light in the cosmos, the radiating of light into the cosmos. Through your seeing, your feeling, and your hearing, the Earth shines out into the cosmos.

[ 30 ] Anders wiederum ist die Wirkung alles dessen, was rhythmisch ist im Menschen: Atmung, Herzbewegung, Blutpulsation. Das geht in mächtigen Rhythmen, die von dem entsprechenden Gehörorgane gehört würden, in das Weltenall hinaus. Der menschliche Stoffwechsel geht als von der Erde ausströmendes Leben in den Weltenraum hinaus. Sie können nicht wahrnehmen, nicht hören, nicht sehen, nicht riechen, nicht fühlen, ohne daß Sie leuchten in den Kosmos hinaus. Sie können Ihr Blut nicht zirkulieren lassen, ohne daß Sie hinausklingen in den Weltenraum, und Sie können nicht den Stoffwechsel in sich vollbringen, ohne daß von außen sich das ansieht als das Leben der Erde, das Leben der ganzen Erde.

[ 30 ] The effect of everything that is rhythmic in the human being—breathing, the beating of the heart, the pulsation of the blood—is different. These radiate into the cosmos in powerful rhythms that would be heard by the corresponding organs of hearing. The human metabolism radiates into the cosmos as life flowing out from the Earth. You cannot perceive, hear, see, smell, or feel without radiating out into the cosmos. You cannot circulate your blood without resonating out into the cosmos, and you cannot carry out your metabolism within yourself without it being perceived from the outside as the life of the Earth, the life of the entire Earth.

[ 31 ] Mitt Bezug darauf aber ist ein großer Unterschied zum Beispiel zwischen Asien und Europa. Von außen angesehen würde die eigentümliche Denkweise der Asiaten selbst heute noch, wo schon ein großer Teil der Asiaten unspirituell geworden ist, sprühendes, helles Licht in den geistigen Weltenraum hinaus verbreiten. Das wird immer dunkler, je weiter man nach dem Westen geht, immer weniger wird hinausgeleuchtet in den Weltenraum. Dagegen pulsiert immer mehr Leben hinaus in den Weltenraum, je weiter man nach Westen geht. So allein entsteht in der menschlichen Seele das, was man nennen könnte die Anschauung von dem kosmischen Aspekt der Erde; und zur Erde gehört die Menschheit dazu.

[ 31 ] In this regard, however, there is a great difference, for example, between Asia and Europe. Viewed from the outside, the unique way of thinking of Asians—even today, when a large portion of them have become unspiritual—would still radiate a sparkling, bright light out into the spiritual realm. This light grows darker the further one goes westward; less and less light shines out into the spiritual realm. In contrast, the further one goes westward, the more life pulsates out into the spiritual realm. Only in this way does what might be called the perception of the Earth’s cosmic aspect arise in the human soul; and humanity is part of the Earth.

[ 32 ] Solche Vorstellungen wird man brauchen, wenn die Menschheit einer heilsamen und nicht einer unheilsamen Zukunft entgegengehen soll. Jenes Idiotentum, welches erzeugt wird in der Menschheit allmählich, indem man die gegenwärtigen geographischen Karten bloß zeichnet und die Menschen lernen läßt: hier Donau, hier Rhein, hier Reuß, hier Aare, hier liegt Bern, hier Basel, hier Zürich — bloß dieses äußerliche theoretische Liniieren, das dann, den Globus ergänzend, nur das Sinnliche verbreitet, diese Art von Bildung wird die Menschheit immer mehr herunterbringen. Gewiß, sie ist notwendig als eine Grundlage, sie soll nicht angefochten werden, aber sie wird die Menschheit immer mehr und mehr herunterbringen. Der Globus der zukünftigen Zeit muß verzeichnen: da leuchtet die Erde, weil in den Köpfen der Menschen da Spiritualität ist; da strahlt die Erde mehr Leben in den kosmischen Raum hinaus, weil das eben den Menschen auf diesem Territorium besonders entspricht.

[ 32 ] Such ideas will be needed if humanity is to move toward a hopeful—rather than a hopeless—future. That idiocy which is gradually being bred in humanity by merely drawing current geographical maps and teaching people: here is the Danube, here the Rhine, here the Reuss, here the Aare, here lies Bern, here Basel, here Zurich—this mere external, theoretical mapping, which, complementing the globe, merely propagates the sensory; this kind of education will drag humanity down more and more. Certainly, it is necessary as a foundation; it should not be contested, but it will drag humanity down more and more. The globe of the future must show: there the Earth glows because spirituality exists in people’s minds; there the Earth radiates more life out into cosmic space, because that is precisely what corresponds to the people in that region.

[ 33 ] Damit hängt es auch zusammen, was ich schon einmal hier bemerkt habe. Man muß immer das eine durch das andere beleuchten. Ich sagte Ihnen, daß wenn die Europäer sich allmählich in Amerika ansiedeln, sie indianerhafte Hände bekommen, dem Typus des alten Indianers ähnlich werden. Das rührt davon her, daß heute die Seelen, die herunterkommen und sich senken in Menschenleiber, sich mehr nach dem Geographischen richten, wie in alten Zeiten, wo noch die Indianerkultur eine nächstgegebene ist. Jetzt richten sich die Seelen nicht nach den Rassen, richten sich nicht nach dem, was sich aus dem Blute heraus entwickelt, sie richten sich nach den geographischen Verhältnissen. Es wird notwendig sein, daß man innerlich durchdringt dasjenige, was in der Menschheit vorgeht. Diese Durchdringung wartet auf die Menschheit, auf die Geneigtheit der Menschheit zu beweglicheren Begriffen, die eingehen können in solche Dinge. Die können sich aber nur entwickeln auf geisteswissenschaftlicher Grundlage. Und geisteswissenschaftliche Grundlage ist nur möglich, wenn der Geist in der Menschenseele geboren werden kann. Dazu braucht man das emanzipierte freie Geistesleben. Dazu braucht man die Herauslösung des Geisteslebens aus dem politischen Staatsleben.

[ 33 ] This is also related to what I have already noted here. One must always shed light on one thing through the other. I told you that as Europeans gradually settle in America, they develop hands like those of Native Americans and come to resemble the type of the ancient Native American. This stems from the fact that today, the souls that descend and incarnate in human bodies are guided more by geographical factors, as in ancient times, when Native American culture was still the most readily available. Now souls do not orient themselves according to races, nor according to what develops from the blood; they orient themselves according to geographical conditions. It will be necessary to penetrate inwardly what is taking place within humanity. This penetration awaits humanity, awaiting humanity’s openness to more flexible concepts that can grasp such things. But these can only develop on a spiritual-scientific foundation. And a spiritual-scientific foundation is only possible if the spirit can be born within the human soul. For this, we need an emancipated, free spiritual life. For this, we need the separation of spiritual life from political and state life.

[ 34 ] Nun, meine lieben Freunde, ich habe Ihnen über dasjenige heute einige Andeutungen gegeben, was sich so durchzieht durch jene Menschheit, die heute streben muß nach einer sozialen Neugestaltung. Man kann heute nicht mit den gewöhnlichen Trivialbegriffen soziale Forderungen aufstellen. Man muß eine Einsicht haben in die Natur der gegenwärtigen Menschheit. Man muß einholen dasjenige, was man versäumt hat im Studium der gegenwärtigen Menschheit.

[ 34 ] Well, my dear friends, today I have given you some insights into what pervades that segment of humanity that must now strive for social renewal. Today, one cannot formulate social demands using ordinary, trivial concepts. One must have an understanding of the nature of present-day humanity. One must make up for what one has neglected in the study of present-day humanity.

[ 35 ] Da wir jetzt doch bald abreisen müssen, so werde ich morgen zum letzten Male über diese Dinge sprechen. Wir werden uns also morgen um halb acht Uhr hier wiederum versammeln. Vielleicht werden einige eurythmische Stückchen dann auch gegeben werden können, und dann wollen wir morgen noch einen Vortrag hier haben, eben aus dem Grunde, weil wir ja vermutlich diese Woche hier wegfahren müssen. Ich habe Ihnen dann auch einiges zu sagen morgen, was anknüpft an mein Buch über die soziale Frage, das jetzt ausgedruckt ist und demnächst, allernächst erscheinen wird. In Anknüpfung an dieses Buch habe ich dann einiges zu sagen, was mir besonders am Herzen liegt.

[ 35 ] Since we will have to leave soon after all, I will speak about these matters one last time tomorrow. So we will gather here again tomorrow at half past seven. Perhaps we will also be able to perform a few eurythmy pieces then, and we will have another lecture here tomorrow, precisely because we will likely have to leave here this week. I’ll also have a few things to say to you tomorrow that tie in with my book on the social question, which has now been printed and will be published very soon. In connection with this book, I’ll have a few things to say that are particularly close to my heart.