Past and Future Influences on Social Events
GA 190
14 April 1919, Dornach
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Past and Future Influences on Social Events, tr. SOL
Zwölfter Vortrag
Twelfth Lecture
[ 1 ] Heute liegt mir vor allen Dingen auf der Seele, einiges zu Ihnen zu sprechen mit Rücksicht auf das, was aus den Impulsen unserer Zeit, aus der Not unserer Zeit heraus zur Menschheit überhaupt gesprochen sein will durch meine in den nächsten Tagen erscheinende Schrift über die soziale Frage. Die Schrift wird heißen: «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft». ‚Aus den Betrachtungen der letzten Tage, die im Grunde genommen nur eine weitere Fortsetzung und ein Ausbau jener Betrachtungen waren, die wir hier seit vielen Wochen gepflogen haben, werden Sie ersehen haben, daß dasjenige, was von mir gesagt werden soll jetzt gerade mit Bezug auf die soziale Frage, nicht etwa nur wie eine Art Nebenströmung dasteht neben dem, was pulsiert in unserem ganzen geisteswissenschaftlichen Streben, sondern daß in der Tat die Sache so betrachtet werden muß, daß dieses geisteswissenschaftliche Streben gerade durch seine ihm eigene Art Verständnis entwickelt für die Bedürfnisse und Forderungen unserer Gegenwart und der nächsten Zukunft, und daß schon einmal der Grundcharakter gerade unserer Zeit darinnen liegt, daß der Not der Zeit radikal doch nur geholfen werden kann aus geistigen Impulsen heraus. Alles andere, was versucht würde — das habe ich ja von den verschiedensten Gesichtspunkten her betont —, würde doch höchstens ein Surrogat sein können. Auch das Äußere, was getan werden soll, es wird so geartet sein müssen, daß, ich will nicht sagen eine bestimmte Form der Geisteswissenschaft, aber daß ein Geistesleben, das hinaufdringt zum wirklichen Geist, innerhalb der sozialen Ordnung möglich werde.
[ 1 ] Today, above all else, it is close to my heart to speak to you about what my upcoming book on the social question—to be published in the coming days—seeks to convey to humanity as a whole, drawing on the impulses of our time and the hardships of our era. The book will be titled: “The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life for the Present and the Future.” “From the reflections of the past few days—which were, in essence, merely a continuation and expansion of the reflections we have been engaging in here for many weeks—you will have seen that what I am about to say specifically regarding the social question does not stand merely as a kind of side current alongside that which pulsates through our entire spiritual scientific endeavor, but that, in fact, the matter must be viewed in such a way that this spiritual scientific endeavor, precisely through its own unique mode of understanding, develops an awareness of the needs and demands of our present and the near future, and that the fundamental character of our time lies precisely in the fact that the needs of the time can, in a radical sense, only be met through spiritual impulses. Anything else that might be attempted—as I have emphasized from a wide variety of perspectives—could, at best, be nothing more than a surrogate. Even the external measures that are to be taken will have to be of such a nature that—I do not mean to say a specific form of spiritual science, but rather—a spiritual life that ascends to the true Spirit becomes possible within the social order.
[ 2 ] Das ist aus dem Grunde notwendig, weil durch die Entwickelung der Menschheit der Mensch der Gegenwart in einer ganz bestimmten Lage ist. Diese Lage des Menschen der Gegenwart, ich habe sie Ihnen von den verschiedensten Seiten her charakterisiert. Ich will heute nur noch einmal darauf hinweisen, daß im Grunde genommen alle Betrachtungen uns dazu geführt haben, einzusehen, wie der Mensch der Gegenwart durch seine Organisation einfach im jetzigen Zeitpunkte in einem gewissen Zwiespalt drinnen ist. Man kann ja leicht den Menschen seiner ganzen Wesenheit nach als eine Einheit ansehen. Er ist aber keine Einheit. Wir wissen, daß er ein dreigliedriges Wesen ist. Aber diese drei Glieder der menschlichen Wesenheit, sie standen zu den verschiedenen Epochen der nachatlantischen Zeit in verschiedenem Verhältnisse zur ganzen Außenwelt, der physischen, seelischen und geistigen Außenwelt, und zu dem eigenen Inneren. Wir können nun den dreigliedrigen Menschen auf zwei Arten betrachten. Machen wir das schematisch, setzen wir einfach die drei Glieder des Menschen übereinander (siehe Zeichnung). Wie wir sie nun benennen, ob nach ihrem physischen Aspekt: Nerven-Sinnessystem, rhythmisches System, Gliedmaßen-Stoffwechselsystem, oder nach dem geistigen Aspekte: dem intuitiven Geistigen, dem inspirierten Seelischen, dem imaginativen Leiblichen, ob wir mit anderen Worten mehr so vorgehen, wie ich das von dem geistigen Aspekte her in meinem Buche «Theosophie» dargestellt habe, oder ob wir die physische Projektion dieses dreigliedrigen Menschen nehmen, wie ich auf sie aufmerksam gemacht habe in meinem letzten Buche «Von Seelenrätseln», von allen Gesichtspunkten aus zeigt sich uns, daß der Mensch ein dreigliedriges Wesen ist. Aber dieses dreigliedrige Wesen Mensch, das ist, wenn ich so sagen darf, gar nicht so einfach dreifach. Der Mensch ist einmal ein kompliziertes Wesen, und die Dreiheit in ihm ist auch gar nicht so einfach dreifach, sondern wir können sagen: der Mensch ist in gewissem Sinne ein Doppelwesen, ein zweifaches Wesen, und die Grenze geht eigentlich mitten durch das Rhythmussystem, durch das Atmungs- und Herzsystem.
[ 2 ] This is necessary because, as a result of humanity’s development, people today find themselves in a very specific situation. I have described this situation of people today from a wide variety of perspectives. Today I would like to point out once more that, fundamentally, all our considerations have led us to recognize how modern human beings, by virtue of their constitution, are simply caught in a certain conflict at this very moment. It is, of course, easy to view human beings as a unity in terms of their entire being. But they are not a unity. We know that they are threefold beings. But these three aspects of the human being stood in different relationships—during the various epochs of the post-Atlantean era—to the entire external world—the physical, soul, and spiritual external worlds—and to the human being’s own inner world. We can now consider the threefold human being in two ways. Let us do this schematically by simply placing the three aspects of the human being one above the other (see diagram). However we choose to name them—whether according to their physical aspects: the nervous-sensory system, the rhythmic system, and the limb-metabolic system; or according to their spiritual aspects: the intuitive spiritual, the inspired soul, and the imaginative physical—or, in other words, whether we proceed more along the lines of how I have described them from the spiritual perspective in my book *Theosophy*, or whether we take the physical projection of this threefold human being, as I drew attention to it in my latest book *On the Mysteries of the Soul*—from every point of view it becomes clear to us that the human being is a threefold being. But this threefold human being is, if I may say so, not at all simply threefold. For one thing, the human being is a complex being, and the trinity within him is not simply a straightforward tripartite division; rather, we can say that the human being is, in a certain sense, a dual being, a twofold being, and the boundary actually runs right through the rhythmic system—through the respiratory and cardiac systems.


[ 3 ] Heute, in unserer gegenwärtigen Entwickelungsphase, ist die Sache so, daß eigentlich das Innere des Menschen so recht nur lebt im Stoffwechselsystem und in den unteren Gliedern des Lungen-Herzsystems, des rhythmischen Systems. Da ist eigentlich für die heutige Zeit der Mensch im wesentlichen innerlich. Dagegen mit Bezug auf den oberen Teil des Herz-Atmungssystems und mit Bezug auf das Nerven-Sinnessystem ist der Mensch heute auf eine starke Äußerlichkeit angewiesen. Sie werden gleich verstehen, was ich meine. Der Mensch nimmt durch seine Sinne die äußere Welt wahr. Er verarbeitet durch seinen Verstand die äußere Welt. Er atmet auch die äußere Welt durch seine Lunge ein. Das nimmt der Mensch von außen, was durch Wahrnehmungen, durch Verstandesbearbeitung, durch Einatmen kommt. Aber mit Bezug auf das, was da von außen in den Menschen kommt, ist der Mensch gewissermaßen doch nur eine Art von Wohnhaus. Eigentlich ist in diesem Teil des Menschen — dem oberen — die ganze äußere Natur drinnen: die Farben, die Töne von außen, die Sterne, die Wolken, die Luft sogar bis zum Atmungsprozeß; und Sie selbst sind eigentlich nur das Wohnhaus für dieses Äußerliche. In alten Zeiten haben die Menschen in diesem Äußerlichen noch etwas gefunden, was ihrem Inneren verwandt war: Elementargeister, auch göttlich-geistige Wesenheiten der höheren Hierarchien. Sie haben in ihren Mythologien, die weiser waren als die heutige naturwissenschaftliche Weisheit, von diesen Naturwesen gesprochen. Aber die sind aus dem menschlichen Wahrnehmen fort. Der Mensch nimmt heute nur das Sinnliche wahr und verarbeitet es. Da trägt er eigentlich nur die Außenwelt in sich. Man ist sehr häufig nicht genügend aufmerksam darauf, wie wenig in dem, was wir so in uns tragen als Wahrnehmung von der Außenwelt oder auch als dasjenige, was im Gedächtnis von der Außenwelt bleibt, wie wenig in dem eigentlich von uns ist. Wenn Sie des Morgens oder des Mittags über diesen Hügel heraufgehen und das Goetheanum sehen und wiederum hinuntergehen und das Bild des Goetheanums in sich tragen und all dasjenige, was Sie da gesehen haben, so haben Sie scheinbar etwas in sich, was aber in Ihnen nur ein Spiegelbild ist, denn das Goetheanum steht hier auf diesem Hügel. Alles das, was Sie gesehen haben, steht auch auf diesem Hügel. Sie sind nur mit dem Teil des Menschen, den ich hier abgegliedert habe, das Wohnhaus von dem. Und heute ist der Mensch so geistarm, weil er eben in diesem Äußeren nicht mehr den Geist finder.
[ 3 ] Today, in our current phase of development, the situation is such that the inner being of the human being truly lives only in the metabolic system and in the lower parts of the lung-heart system—the rhythmic system. In essence, this is where the human being is inwardly centered in the present day. In contrast, with regard to the upper part of the heart-respiratory system and the nervous-sensory system, the human being today is heavily dependent on the external world. You will understand what I mean in a moment. Human beings perceive the external world through their senses. They process the external world through their intellect. They also breathe in the external world through their lungs. This is what human beings take in from the outside—through perceptions, through intellectual processing, and through inhalation. But with regard to what comes into the human being from the outside, the human being is, in a sense, merely a kind of dwelling. In fact, within this part of the human being—the upper part—the whole of external nature is contained: the colors, the sounds from outside, the stars, the clouds, the air, even down to the process of breathing; and you yourselves are, in fact, merely the dwelling for this external world. In ancient times, people still found within this external world something akin to their inner being: elemental spirits, as well as divine-spiritual beings of the higher hierarchies. In their mythologies—which were wiser than today’s scientific wisdom—they spoke of these nature beings. But these have vanished from human perception. Today, human beings perceive only the sensory world and process it. In doing so, they actually carry only the external world within themselves. Very often, we do not pay sufficient attention to how little of what we carry within us—whether as perceptions of the external world or as what remains in our memory of it—is actually our own. When you walk up this hill in the morning or at noon and see the Goetheanum, and then walk back down, carrying the image of the Goetheanum within you along with everything you have seen there, you seem to have something within you—but it is only a reflection, for the Goetheanum stands right here on this hill. Everything you have seen also stands on this hill. You are merely, with the part of the human being that I have distinguished here, the dwelling place of that. And today, human beings are so spiritually impoverished precisely because they can no longer find the spirit in this outer world.
[ 4 ] Ja, es gab Zeiten in der Erdenentwickelung, wo auf die Menschen, die hier auf diesen Hügel heraufgegangen wären und so etwas erblickt hätten wie dieses Goetheanum, beim Hinuntergehen gewisse Dinge nicht wie eine Phantasie, nicht wie eine innere Mystik, sondern wie eine Tatsachenwelt gewirkt hätte. Wie etwas, was sie gesehen haben, wie etwa die Malerei oder dergleichen, würden sie mitgenommen haben in ihrer Seele, jene Geistwesen, die ihnen von allen Ecken herausgeschlüpft wären, und die mitgetan haben, indem die Menschen hier geschaffen haben. Aber das ist vorbei für die Menschen, so, wie wenn die elementarischen und die geistigen Wesen geflohen wären aus der äußeren Natur. Entgeistet ist die äußere Natur und damit auch dieser Teil des Menscheninneren. Und für das Innere bleibt eigentlich nur der untere Teil der Brust und der Stoffwechselleib mit den Gliedmaßen. Der ist für den heutigen veräußerlichten Menschen, für diese Periode der Menschheitsentwickelung dasjenige, was der Mensch, wenn er sich nicht wirklich anfängt für wahre Geistigkeit zu interessieren, was der Mensch sein Inneres nennt. Und hart an dem Punkte ist der Mensch angelangt, wo er zwar spricht von seinem Inneren, aber wo er mit diesem Inneren im Grunde genommen nichts anderes meint als seinen Stoffwechsel und höchstens die Korrespondenz, welche die Atmung und der Herzrhythmus mit seinem Stoffwechsel eingehen. Man täusche sich darüber nicht. Man sei sich darüber nur klar: die Menschen kommen heute und reden davon, daß sie mit ihrem Inneren nicht fertig werden, daß sie innere Schwierigkeiten haben. Das ist nur ein Wortausdruck für irgendeine Unregelmäßigkeit des Stoffwechsels. Der eine ist heiter, der andere ist mürrisch aus seinem Inneren heraus; der eine ist leidenschaftlich, der andere ist humorvoll. Es ist im Grunde genommen das alles ein Ergebnis des Stoffwechsels und höchstens des Rückschlages der Atmungs- und Herzzirkulation auf den Stoffwechsel. Viele Menschen sprechen heute von ihrem Inneren. Sie reden von den Bedürfnissen dieses Inneren. Sie reden davon, daß ihre Seele mit dem und jenem nicht fertig werde. In Wahrheit wird ihr Magen und werden ihre Gedärme nicht fertig. Und dieses, was sie vom seelischen Leben reden, ist im Grunde genommen nur ein Wortausdruck für dasjenige, was im Stoffwechsel vor sich geht. Und es ist so, daß die Menschen selbstverständlich nicht der Wahrheit gemäß zugeben würden: Mein Magen, meine Gedärme, Milz und Leber oder sonstige Dinge sind in mir nicht in Ordnung —, sondern sie sagen: Meine Seele hat diese oder jene Schwierigkeit. — Das klingt besser, vornehmer für manche Menschen, das halten sie für weniger materialistisch. Für denjenigen, der die Dinge der Wahrheit gemäß schaut, ist es nur verlogener. Denn wir stehen heute eben in derjenigen Entwickelungsphase, in der sich die menschliche Natur deutlich in diese zwei Glieder abgliedert.
[ 4 ] Yes, there were times in the Earth’s evolution when people who had climbed up this hill and beheld something like this Goetheanum would, on their way down, have perceived certain things not as a fantasy, not as an inner mysticism, but as a world of facts. Just as they would have carried in their souls something they had seen—such as a painting or the like—they would have carried with them those spiritual beings who had emerged from every corner and who had participated in the creative process as people built here. But that is over for human beings, just as if the elemental and spiritual beings had fled from the external natural world. Outer nature has been stripped of spirit, and with it this part of the human inner being as well. And for the inner being, all that really remains is the lower part of the chest and the metabolic body with the limbs. For today’s externalized human being, for this period of human development, this is what a person—unless they truly begin to take an interest in true spirituality—calls their inner being. And humanity has reached the point where, although people speak of their inner self, they essentially mean nothing more by it than their metabolism and, at most, the interplay between their breathing, heart rhythm, and metabolism. Let us not be deceived by this. Let us simply be clear about it: people today come and speak of not being able to cope with their inner self, of having inner difficulties. This is merely a verbal expression for some irregularity in metabolism. One person is cheerful, another is grumpy, stemming from their inner self; one is passionate, another is humorous. Essentially, all of this is a result of metabolism and, at most, the feedback from respiration and cardiac circulation on metabolism. Many people today speak of their inner selves. They talk about the needs of this inner self. They talk about how their soul cannot cope with this or that. In truth, it is their stomach and intestines that cannot cope. And what they refer to as “spiritual life” is, in essence, merely a verbal expression for what is taking place in their metabolism. And the fact is that people, of course, would not admit the truth by saying, “My stomach, my intestines, spleen, and liver—or other such things—are not functioning properly within me,” but instead they say, “My soul is experiencing this or that difficulty.” — That sounds better, more refined to some people; they consider it less materialistic. To those who view things in accordance with the truth, it is simply more disingenuous. For we are currently in precisely that phase of development in which human nature is clearly divided into these two parts.
[ 5 ] Und wenn Sie fragen: Was gibt es da für eine Hilfe? — es gibt nur die eine Hilfe für die Menschen heute: loszukommen von sich selbst durch ein Interesse für die Angelegenheiten der Menschheit, durch wirkliches Interesse für dasjenige, was alle Menschen der heutigen Zeit angeht, und möglichst wenig Aufmerksamkeit für diese heute doch zumeist vorhandenen Unregelmäßigkeiten des Stoffwechsels im weiteren Sinne. Wenn die Menschen loskommen können von ihrem Reden über sich selber durch ein weitgehendes Interesse, was nur durch ein Ernstnehmen der Geisteswissenschaft zu erreichen ist, dann kann allein Heil sich ausgießen über das gegenwärtige menschliche Geschlecht.
[ 5 ] And if you ask: What kind of help is there? — there is only one kind of help for people today: to break free from themselves through an interest in the affairs of humanity, through a genuine interest in what concerns all people of our time, and by paying as little attention as possible to these irregularities of metabolism—in the broader sense—that are, after all, so prevalent today. If people can move beyond talking about themselves through a broad-ranging interest—which can only be achieved by taking spiritual science seriously—then salvation alone can pour out upon the present human race.
[ 6 ] Man macht ja mit einer solchen Sache wirklich heute charakteristische Erfahrungen. Ich war neulich bei jenem Völkerbundskongreß in Bern, wo von all den Dingen gesprochen wurde, von denen es heute unnötig ist, zu sprechen, weil es doch zu nichts führt, und wo von alldem nicht gesprochen wurde, was heute das Notwendigste ist. Aber das will ich gar nicht einmal als die Hauptsache erwähnen. Als die Hauptsache möchte ich erwähnen ein gewisses Formales, das fast bei allen Rednern zutage getreten ist. In jedem dritten Satze mindestens findet sich bei diesen Rednern das Wörtchen «ich»: Ich bin der Ansicht —, ich meine —, mir scheint, daß dies oder jenes notwendig ist —, ich liebe dies oder jenes —, das können Sie fast in jedem Satze hören. Und die Menschen werden geradezu wild, wenn man nicht einstimmt in diesen Ton! Redet man mehr aus der Objektivität heraus, stellt man seine Sätze so, daß man den inneren, objektiven Gehalt ins Auge faßt, und nicht seine Meinung gibt, nicht dasjenige gibt, was man liebt, dann sagen sie, man rede autoritär, man rede anmaßlich. Natürlich ist die höchste Anmaßung, wenn einer in jedem dritten Satze das Wörtchen «ich» im Munde führt. Aber die Leute haben verlernt, diese Anmaßung zu spüren. Sie finden gescheiter, wenn einer immer von sich redet, und sie finden das höchst unbescheiden und anmaßlich, wenn jemand versucht, aus der Objektivität heraus zu reden. Sie haben dann das dunkle Gefühl, er behaupte, etwas anderes zu wissen, als was seine «persönliche Meinung» ist. Und das ist heute eine große Sünde, wenn jemand behauptet, etwas anderes zu wissen, als was seine persönliche Meinung ist! Nun, diese persönlichen Meinungen —! Der geisteswissenschaftlich Bewanderte möchte oftmals solch eine Versammlung genauer charakterisieren, gerade von seinem geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Er hört einen Redner von jener Sorte, die in jedem dritten Satze das Wörtchen «ich» äußert: Ich meine —, ich bin der Ansicht —, mir ist dies sympathisch —, ich bitte Sie, auf dieses einzugehen —, der redet dann von «Überstaat», «Überparlament», und geht ab. Der geisteswissenschaftlich Einsichtige sagt sich: Der Mann hat halt doch ein Leberleiden, es ist an der Leber irgend etwas nicht in Ordnung, und aus ihm redet der Stoffwechsel. Ein zweiter Redner tritt auf, redet formal in einer ähnlichen Weise; er geht ab. Der Mann hat wahrscheinlich Gallensteine. Der dritte neigt zu Magenverstimmungen!
[ 6 ] One really does have experiences today that are characteristic of such matters. I was recently at that League of Nations congress in Bern, where they discussed all the things that are unnecessary to discuss today—because it leads nowhere anyway—and where they failed to discuss everything that is most essential today. But I don’t even want to mention that as the main point. As the main point, I’d like to mention a certain formal aspect that became apparent in almost all the speakers. In at least every third sentence, these speakers use the little word “I”: “I am of the opinion—,” “I think—,” “It seems to me that this or that is necessary—,” I love this or that—you can hear that in almost every sentence. And people get downright furious if you don’t go along with this tone! If you speak more objectively, if you structure your sentences so that you focus on the inner, objective content—rather than expressing your opinion or stating what you love—then they say you’re speaking authoritatively, that you’re speaking presumptuously. Of course, the height of presumption is when someone drops the little word “I” into every third sentence. But people have forgotten how to sense this presumption. They think someone is smarter if they’re always talking about themselves, and they find it extremely immodest and presumptuous when someone tries to speak from a position of objectivity. They then have the vague feeling that the speaker is claiming to know something other than his “personal opinion.” And today, it is a great sin for someone to claim to know something other than his personal opinion! Well, these personal opinions—! Those well-versed in the humanities often wish to characterize such a gathering more precisely, precisely from their humanities perspective. He hears a speaker of the sort who utters the word “I” in every third sentence: “I mean—,” “I am of the opinion—,” “I find this appealing—,” “I ask you to address this—”; the speaker then talks about a “supra-state” and a “supra-parliament,” and walks off. The person with insight into the humanities says to himself: This man must have a liver ailment after all; something is wrong with his liver, and his metabolism is speaking through him. A second speaker takes the stage, speaks in a similarly formal manner; he leaves. The man probably has gallstones. The third one is prone to stomach upset!
[ 7 ] Diese Dinge werden bedeutsam nur in einem Zeitalter, in dem der Materialismus pulsiert, wo die freie von der Materie unabhängige Seele nicht spricht, wo eigentlich der Leib spricht. Und heute spricht vielfach der Leib. Die Leute sind nur noch gewöhnt, für ihre leiblichen Indispositionen die alten Worte zu gebrauchen. Dem die Dinge geisteswissenschaftlich Durchschauenden wäre es lieber, wenn sie, statt vom Übermenschen zu reden — ich meine natürlich nicht Nietzsche, aber die anderen, die ja auch nach Nietzsche vom Übermenschen gesprochen haben —, vom Untermagen sprechen würden. Denn damit würden sie die Realität besser treffen, die eigentlich aus ihnen spricht.
[ 7 ] These things become significant only in an age in which materialism is rampant, where the free soul—independent of matter—does not speak, where in fact the body speaks. And today, the body speaks in many cases. People are simply accustomed to using the old words to describe their physical ailments. Those who see through these things from a spiritual-scientific perspective would prefer it if, instead of speaking of the “superman”—I do not, of course, mean Nietzsche, but the others who also spoke of the “superman” after Nietzsche—they would speak of the “sub-stomach.” For in doing so, they would better capture the reality that is actually speaking through them.
[ 8 ] Das ist nicht Pessimismus, meine lieben Freunde, das ist ganz einfach die Welt der gegenwärtigen Tatsachen. Und der Mensch wird in der heutigen Zeit gedrängt, unwahr zu werden, aus dem einfachen Grunde, weil er sich schämen würde, die Tatsachen aufzuzählen. Sogar eine Sehnsucht ist vorhanden, sich diesem Menschen hinzugeben, der eigentlich nur der physische Mensch ist. In unserer Zeit ist es ja schon einmal eine Wahrheit, daß wir vielleicht nur deshalb keinen Moliere haben, der den «Malade imaginaire» schrieb, weil wir zu viele Molires brauchten, denn es ist heute ein wahrer Enthusiasmus des Krankseins vorhanden bei jenen Menschen, die Zeit haben, krank zu sein vor allem. Diejenigen Menschen, die nicht Zeit haben, krank zu sein, wenden zumeist auf diejenigen Zustände gar nicht die Aufmerksamkeit, die bei anderen, die Zeit haben, krank zu sein, eine hinlängliche Veranlassung sind, sich krank zu fühlen. Die verheerenden Wirkungen des Materialismus muß man nicht nur dort suchen, wo vom Materialismus gesprochen wird, oder wo materialistisch gesprochen wird, diese verheerenden Wirkungen des Materialismus zeigen sich in zahlreichem Maße. Und manchmal ist die Rederei vom Geiste heute nichts anderes als der purste Materialismus, weil diese Rederei vom Geiste für sehr viele Menschen nichts anderes ist als ein Betäubungsmittel für ihre sonstige behäbige Materialität. Den Menschen heute fehlt der Wille zur Aktivität, zur wirklichen inneren Betätigung. Und alle äußere Betätigung muß heute von der inneren Betätigung kommen. Das ist ja der Grund, warum das Bürgertum so sehr in der Nullität geblieben ist gegenüber der seit siebzig Jahren heraufkommenden sozialen Frage. Es ist ein ungeheuerer Materialismus, welcher in den verschiedensten Formen die Menschen ergriffen hat, und namentlich diejenigen Kreise, die die Aufgabe hatten in der neuesten Zeit, sich dem Geistigen zuzuwenden. Dies muß man ja wissen über die Grundimpulse unserer Zeit, über dasjenige, was in unserer Zeit lebt. Alles andere wäre ein SichHingeben an Illusionen. Geisteswissenschaft ist deswegen für den gegenwärtigen Menschen von einer so großen Bedeutung, weil sie ihn wegbringt von sich. Aber sie muß auch wirklich so aufgefaßt werden. Es darf nicht eine andere Illusion eintreten gegenüber der Geisteswissenschaft. Es kann leicht eine Eigenschaft, die in der Gegenwart gerade durch den Materialismus so recht verbreitet ist, auf dem Gebiete der Geisteswissenschaft sich geltend machen, und das ist die Oberflächlichkeit. Da können die Menschen, wenn sie oberflächlich erfassen dasjenige, was an Interesse erwecken will die Geisteswissenschaft, sich erst recht in sich verhärten, da können sie erst recht in sich gedrängt werden. Da hilft eben nichts anderes, als immer wieder und wiederum zu dem zurückzukehren, was uns als Person gar nichts angeht, und was im Inhalte unserer Geisteswissenschaft sich findet, und die Dinge, die im Inhalte unserer Geisteswissenschaft sich finden, so objektiv als möglich zu nehmen; und wenn über die subjektivsten Dinge gesprochen wird, sie ja nicht subjektiv zu nehmen. Denken Sie nur, wie klar es eigentlich ist, in diesem Punkte den naheliegenden Versuchungen sich zu widersetzen.
[ 8 ] This is not pessimism, my dear friends; it is quite simply the reality of the present day. And in this day and age, people are pressured to become untruthful, for the simple reason that they would be ashamed to list the facts. There is even a longing to surrender to this person, who is really nothing more than the physical being. In our time, it is indeed a truth that perhaps the only reason we do not have a Molière who wrote *The Imaginary Invalid* is that we needed too many Molières, for today there is a genuine enthusiasm for being sick among those people who, above all, have the time to be sick. Those who do not have time to be sick usually pay no attention at all to those conditions that, for others who do have time to be sick, are sufficient cause to feel ill. The devastating effects of materialism need not be sought only where materialism is discussed or where people speak in materialistic terms; these devastating effects of materialism manifest themselves in countless ways. And sometimes, today’s talk of the spirit is nothing more than the purest materialism, because for very many people, this talk of the spirit is nothing more than an anesthetic for their otherwise complacent materialism. People today lack the will for activity, for genuine inner activity. And all outward activity today must spring from inner activity. That is, after all, the reason why the middle class has remained so utterly passive in the face of the social question that has been emerging for the past seventy years. It is a monstrous materialism that has gripped people in the most diverse forms, and especially those circles that have had the task in recent times of turning toward the spiritual. One must indeed be aware of this regarding the fundamental impulses of our time, regarding what is alive in our time. Anything else would be succumbing to illusions. Spiritual science is of such great importance to people today precisely because it leads them away from themselves. But it must also be understood in this way. We must not allow another illusion to take hold regarding spiritual science. A trait that is so widespread today—precisely because of materialism—can easily assert itself in the realm of spiritual science, and that is superficiality. When people grasp superficially what spiritual science seeks to awaken in them, they may become even more hardened within themselves; they may feel even more confined within themselves. There is simply no other remedy than to return again and again to what has nothing to do with us as individuals—that is, to the content of our spiritual science—and to approach the things found within that content as objectively as possible; and even when speaking of the most subjective matters, we must not treat them subjectively. Just think how clear it actually is that we must resist the obvious temptations on this point.
[ 9 ] Wenn ich neulich hier davon gesprochen habe, wie der Mensch heute eigentlich nur bis zum achtundzwanzigsten Jahre von außen entwickeInngsfähig iss, dann die Entwickelung abschließt; gerade aber ehr. vor der Verstandesseele und vor dem Ich, und an diese nicht herankommt, dadurch einer gewissen inneren Leerheit entgegengeht, so ist das für die heutige Zeit eine wichtige Wahrheit. Es ist wichtig, das zu wissen, es ist wichtig, das als ein inneres Erlebnis in sich aufzunehmen. ‚Aber es ist schädlich, hinterher zu denken: Bin ich vielleicht einer von dieser Art, der von seinem achtundzwanzigsten Jahre an nicht richtig sich zu seiner Verstandesseele entwickelt hat? Gerade die subjektivsten Dinge, die sich auf das Allerwichtigste beziehen, sollten objektiv aufgefaßt werden; wir sollten nicht hinsehen, ob wir es sind, denen so etwas passieren kann, wir sollten gerade bei den wichtigsten menschlichen Wahrheiten von uns absehen können und auf das Zeitalter sehen können, auf die Menschheit sehen können, nicht immer in egoistischer Weise an uns selber denken.
[ 9 ] When I spoke here recently about how human beings today are actually capable of external development only up to the age of twenty-eight, at which point their development comes to an end—specifically, just before reaching the intellectual soul and the “I,” and thus unable to attain them, thereby heading toward a certain inner emptiness—this is an important truth for our time. It is important to know this; it is important to take it in as an inner experience. “But it is harmful to think afterward: Am I perhaps one of those who, from the age of twenty-eight onward, has not properly developed toward their intellectual soul?” It is precisely the most subjective matters—those relating to what is most important—that should be viewed objectively; we should not look to see if we are the ones to whom such a thing might happen. Especially when it comes to the most important human truths, we should be able to look beyond ourselves and consider the age, consider humanity, rather than always thinking of ourselves in a selfish way.
[ 10 ] Das ist dasjenige, was die Zeit charakterisiert, was hervorgeht aus den tiefsten Impulsen unserer Zeit, und was so schwierig macht, heute Ideen zu verbreiten, die sich beziehen auf die allerallerwichtigsten Impulse der Zeitentwickelung. Die Menschen können gewissermaßen aus dieser Grundstimmung, die ich eben charakterisiert habe, kein Interesse entwickeln. Die Ideen, sie bleiben für sie Sensationen, sie ergreifen sie nicht genügend, spornen sie nicht genügend an zur Aktivitä
[ 10 ] This is what characterizes our time, what emerges from the deepest impulses of our age, and what makes it so difficult today to spread ideas that relate to the very, very most important impulses of historical development. In a sense, people are unable to develop any interest out of this underlying mood that I have just described. For them, these ideas remain mere sensations; they do not grip them sufficiently, nor do they spur them on enough to take action
[ 11 ] Das ist es, was insbesondere jetzt gesagt werden muß, wo für alle diejenigen, die sich für unsere Geisteswissenschaft wahrhaftig interessieren, eine Art Übergang da ist. Sie haben bis jetzt eine Literatur gehabt, die sich auf die innere Entwickelung des Menschen und auf das Wissen über die geistige Welt bezieht, und die da sprach zu dem Menschen so, daß er die Welt, sein Verhältnis zur Welt, sein Verhältnis zu anderen Menschen, soweit es seelisch-geistig ist, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus anfassen konnte. Jetzt erzeugt diese Geisteswissenschaft eine gewisse Strömung — natürlich nur mit einer Verzweigung, sie geht als große Geisteswissenschaft weiter, denn gerade die große Geisteswissenschaft ist das Allernotwendigste auch für die Gesundung aller anderen Verhältnisse —, die redet über die soziale Frage, über die Gesundung des sozialen Organismus. Da läuft die Geisteswissenschaft in eine Strömung hinein, die nun gar nicht unaktiv, die gar nicht bloß passiv genommen werden darf, sonst verfehlt sie ihr Ziel, ihren Zweck. Und jetzt wird sich zeigen, wie viele von uns durch die vielen vorangegangenen Jahre, wo sie Geisteswissenschaft in sich aufgenommen haben, sich reif gemacht haben vor allen Dingen für ein klares Erfassen desjenigen, was jetzt als soziale Frage zu verstehen ist, denn auf ein klares, vorurteilsloses, unsentimentalisches Erfassen desjenigen, was ausgesprochen werden soll namentlich durch mein kommendes Buch über die Kernpunkte der sozialen Frage, auf das wird es ankommen. Das wird dasjenige sein, worüber wir jetzt eine gewisse Probe werden zu bestehen haben.
[ 11 ] This is what needs to be said, especially now, when there is a kind of transition for all those who are genuinely interested in our spiritual science. Until now, they have had a body of literature that relates to the inner development of the human being and to knowledge of the spiritual world, and which spoke to people in such a way that they could approach the world, their relationship to the world, and their relationship to other people—insofar as these are of a soul-spiritual nature—from a wide variety of perspectives. Now this spiritual science is giving rise to a certain current—of course, only as a branch; it continues as the great spiritual science, for it is precisely the great spiritual science that is absolutely essential for the healing of all other conditions as well—a current that addresses the social question and the healing of the social organism. Here, spiritual science is flowing into a current that must by no means be regarded as inactive or merely passive; otherwise, it will miss its goal, its purpose. And now it will become clear how many of us, through the many years that have gone by, during which we have absorbed spiritual science, have prepared ourselves above all for a clear understanding of what is now to be understood as the social question, for a clear, unbiased, and unsentimental grasp of what is to be articulated—namely, through my forthcoming book on the key points of the social question—is what will matter most. This will be the test we must now pass.
[ 12 ] Man konnte bisher ein guter Geisteswissenschafter schon sein, wenn man Geisteswissenschaft studierte, ohne daß man sich kümmerte um dasjenige, was draußen im Leben vorging. Und wir haben ja gerade zwei Erscheinungen innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung, über die wir eigentlich nachdenken sollten: Wir haben einerseits ganz gute Anthroposophen, welche aber, trotzdem sie ungeheuer viel wissen über die kosmische Entwickelung, über die Gliederung des Menschen, über Reinkarnation und Schicksal und Karma, von praktischen Gesichtspunkten des Lebens, von der Wirklichkeit des Lebens keine Ahnung haben, die gerade in der Anthroposophie etwas gesucht haben, um sich von dieser Wirklichkeit des Lebens fernzuhalten. Ja, diejenigen, die das, was ich jetzt sage, besonders betrifft, die ahnen nicht einmal, daß es sie betrifft. Denn eigentlich hält sich naiv jeder für einen Lebenspraktiker. Das also ist die eine Erscheinung, die wir unter uns haben.
[ 12 ] Until now, one could be considered a good scholar of the spiritual sciences simply by studying them, without paying any attention to what was happening out there in life. And there are precisely two phenomena within our anthroposophical movement that we really ought to reflect on: On the one hand, we have quite good anthroposophists who, despite knowing an immense amount about cosmic evolution, the structure of the human being, reincarnation, destiny, and karma, have no idea about the practical aspects of life or the reality of life—people who have sought something in anthroposophy precisely to keep themselves at a distance from this reality of life. Yes, those to whom what I am now saying applies in particular do not even suspect that it applies to them. For, in fact, each one naively considers himself a practical person. So this is one phenomenon we have among us.
[ 13 ] Die andere Erscheinung ist die Sektiererei in irgendeiner Form. Es ist ja eine tiefe Neigung vorhanden, gerade in solchen Bewegungen, die sich auf das Geistige beziehen, Sektiererei zu treiben. Ob diese Sektiererei nun sich heraus entwickelt aus kleinen Cliquen, die auch mit dem Charakter der Sektiererei, wenn auch in sehr inferioren Dingen, auftreten, oder ob direkt Sektiererei getrieben wird, darauf kommt es nicht an. Denn dasjenige, worauf es ankommt, ist, wirklich einzusehen, daß durch diese hier gemeinte, anthroposophisch orientierte geisteswissenschaftliche Bewegung Objektivität, Unpersönlichkeit gehen muß. Das war ja immer das Schwierige unserer Bewegung, daß das Persönliche, meistens ohne daß man es ahnte, verwechselt wurde mit dem Objektiv-Sachlichen. Die Leute sind in dem guten Glauben, wenn sie sich zu einer Clique zusammentun, die mehr oder weniger groß ist, daß sie ein ganz sachliches Interesse haben. Gewiß, sie sind in dem guten Glauben, denn sie merken gar nicht, daß sie eigentlich doch in der Hauptsache dasjenige treiben, was sie wollen, weil ihnen der gerade geisteswissenschaftlich nahesteht, der ihnen so oder so gegenübersteht, weil sie mit dem gerade das oder jenes Verhältnis haben wollen, und dergleichen. Das ahnen die Menschen nicht. Sie leben in dem guten Glauben, objektiv zu sein. Aber diese Sektiererei, dieses Cliquenwesen, das ist ja gerade dasjenige, was die schrecklichen Tatsachen gebracht hat, daß die Veröffentlichungen, die Kundgebungen der Geisteswissenschaft nach außen, auf welchem Gebiete sie sich auch geltend machen, nicht beurteilt werden nach dem, was sie durch sich selbst sind, sondern nach dem, was eine Gesellschaft, die Anthroposophische Gesellschaft aus ihnen macht und gemacht hat. Wenn man hinweist auf die ärgsten Schäden und die fürchterlichsten Sumpfpflanzen von der Art eines Seiling, so darf man doch nie, wenn man auf die Grundlagen der Sache geht, außer acht lassen, daß solche Sumpfpflanzen gehätschelt, gezüchtet, kultiviert worden sind von dem Cliquen- und Sektiererwesen, das sich sehr breit entwickelt hat in den verflossenen siebzehn, achtzehn Jahren der anthroposophischen Bewegung. Und was in dieser anthroPosophischen Bewegung vorgeht, das projiziert sich sehr vielfach auf die Anthroposophie, weil ja auch in sehr vielen Mitgliedern gesündigt wird gegen dasjenige, was heute bedeutsamster Zeitimpuls ist: der Individualismus auf geistigem Gebiete. Wie häufig hört man: Wir Anthroposophen, wir Theosophen wollen dies und jenes! Es ist schrecklich, daß wir überhaupt nur drei Grundsätze haben! — Wir brauchen gar keine Grundsätze, denn darauf kommt es nicht an; wir brauchen Wahrheiten, keine zusammenfassenden Grundsätze, und diese Wahrheiten sind nur für den einzelnen Menschen, für die Individualität. Die Gesellschaft, wie oft habe ich gesagt, sie soll etwas sein nach außen; aber die Sache selbst geht die Gesellschaft nichts an. Diese Dinge muß man doch nur wirklich einmal ernst nehmen können. Heute ist es gerade notwendig; denn wenn dasjenige, was nun gerade in die Welt kommen soll durch die Bestrebungen mit Bezug auf die soziale Frage, wenn das etwa auch getragen werden sollte von sektiererischem oder Cliquengeiste oder den verschiedenen Engherzigkeiten, die ich heute charakterisiert habe, dann würde gerade dieser Sache ganz furchtbar geschadet werden. Hier müssen wir wirklich zu einer größeren Denkweise uns entwickeln. Hier müssen wir wirklich den Eingang suchen in das real praktische Leben. Darauf kommt es an.
[ 13 ] The other phenomenon is sectarianism in any form. There is, after all, a deep tendency to engage in sectarianism, particularly in movements that relate to the spiritual. Whether this sectarianism develops out of small cliques—which also exhibit sectarian traits, albeit in very trivial matters—or whether sectarianism is practiced outright, that is not the point. For what really matters is to truly recognize that this anthroposophically oriented spiritual-scientific movement must be characterized by objectivity and impersonality. That has always been the difficulty with our movement: that the personal—usually without anyone realizing it—has been confused with the objective and factual. People act in good faith when they band together in a clique, large or small, believing they have a purely objective interest. Certainly, they are under this good faith, for they do not even realize that, in essence, they are primarily doing whatever they want—because they are close to a particular spiritual scientist who stands in opposition to them in one way or another, because they want to have a particular relationship with that person, and so on. People do not suspect this. They live under the good faith that they are being objective. But this sectarianism, this clique mentality—that is precisely what has led to the terrible reality that the publications and public statements of spiritual science, no matter in which field they make their mark, are not judged on their own merits, but rather on what a society—the Anthroposophical Society—makes of them and has made of them. When one points to the worst damages and the most dreadful weeds of the Seiling variety, one must never—when getting to the root of the matter— never overlook the fact that such weeds have been pampered, bred, and cultivated by the clique-like and sectarian tendencies that have spread so widely over the past seventeen or eighteen years of the anthroposophical movement. And what is happening within this anthroposophical movement is very often projected onto anthroposophy itself, because even among many members there is a failure to heed what is today the most significant impulse of our time: individualism in the spiritual realm. How often do we hear: “We anthroposophists, we theosophists, want this and that!” It is terrible that we have only three principles at all! — We don’t need any principles at all, for that is not what matters; we need truths, not summary principles, and these truths are meant only for the individual human being, for the individuality. The Society, as I have often said, is meant to be something outwardly; but the matter itself is none of the Society’s business. One really must be able to take these things seriously at least once. Today this is particularly necessary; for if what is now about to come into the world through the efforts regarding the social question—even if it were to be driven by a sectarian or clique-like spirit, or by the various forms of narrow-mindedness I have described today—then this very cause would be terribly harmed. Here we must truly develop a broader way of thinking. Here we must truly seek a way into real, practical life. That is what matters.
[ 14 ] Nehmen Sie, wenn ich über diese Dinge etwas sage, es wirklich nur in freundschaftlichstem Sinne. Nehmen Sie es nicht so, als ob ich irgendwie nach der einen oder nach der anderen Seite hin etwas Abträgliches sagen möchte. Aber ich bin einmal genötigt zu warnen, gründlich zu warnen gerade vor der sozialen Seite unserer Sache, ich meine, bevor diese soziale Seite unserer Sache Angelegenheit aller Mitglieder wird, die es werden soll, wirklich werden soll, gerade vorher dringend zu warnen: das Sektiererische, das Kleinliche, dasjenige, was keine großen Horizonte hat, nicht aus klarem Denken entspringt, nur ja nicht in dieses soziale Denken hineinzumischen, nur ja nicht, sondern da immer mehr zu versuchen, aus der Lebenserfahrung und aus der Lebenswirklichkeit heraus zu denken. Ich war ja hoch erstaunt, als vor kurzem einmal so an meine Ohren heranklang die Devise, die von der einen oder anderen Seite doch hier wohl ausgegangen sein muß, man solle die Dinge, die ich jetzt als soziale Ideen vortrage, praktisch ins Leben einführen. Und gemeint war die Überführung dieser praktischen Ideen in das Allerunpraktischste, was es nur geben kann. Wir dürfen wirklich nicht das tun, was gerade in die furchtbarsten Wirrnisse und Schäden der Zeit hineingeführt hat: verwechseln wahre Lebenspraxis mit illusorischer Lebenspraxis. Dasjenige, was da geäußert worden ist, ist so unpraktisch, ist so sektiererisch gedacht, hat so sehr nicht den Willen, wirklich ins praktische Leben einzutreten, daß ich gar nicht weiter darauf eingehen will. Ich bitte Sie, vor allen Dingen auf das zu sehen, was heute im wirklichen Leben vorgeht, kennenzulernen, woraus eigentlich die verschiedenen Sätze entspringen, die ich sage. Glauben Sie denn, das sei eine leichtherzige Theorie, wenn man über die Arbeitskraft mit dem Charakter der Ware redet? Das ist etwas, was nur gesagt werden darf, wenn man es immer wiederum als das Charakteristischste im wirklichen Leben erkannt hat. Und so die anderen Sachen. Klares, scharfes Verstehen der Lebenswirklichkeit ist es, worauf es heute ankommt. Also wirklich sine ira, mit der Bitte, ja nicht diese Dinge persönlich zu nehmen, möchte ich zum Beispiel folgendes sagen. Ich bin gefragt worden, ob denn nicht innerhalb unserer Gesellschaft die Dreigliederung verwirklicht werden könnte: Wirtschaftsleben, Rechtsleben, geistiges Leben.
[ 14 ] When I say something about these matters, please take it only in the friendliest sense. Do not take it as though I were trying to say anything derogatory toward one side or the other. But I feel compelled to warn—to warn strongly—precisely against the social aspect of our cause, I mean, before this social aspect of our cause becomes a matter for all members—as it should, as it truly must—I must urgently warn against it right now: do not, under any circumstances, allow sectarianism, pettiness, and narrow-mindedness—things that lack broad horizons and do not spring from clear thinking—to creep into this social thinking; do not, under any circumstances, but rather strive more and more to think from the perspective of life experience and the reality of life. I was, in fact, greatly astonished when, not long ago, a motto reached my ears—one that must surely have originated from one side or the other here—stating that the things I am now presenting as social ideas should be put into practice. And what was meant was the transformation of these practical ideas into the most impractical thing imaginable. We really must not do what has led us into the most terrible turmoil and damage of our time: confuse true practical living with illusory practical living. What was expressed there is so impractical, so sectarian in its thinking, and so utterly lacking in the will to truly enter into practical life, that I do not even wish to go into it further. I ask you, above all, to look at what is actually happening in real life today, to understand where the various statements I make actually come from. Do you really think it’s a frivolous theory when we speak of labor power as a commodity? This is something that may only be said if one has repeatedly recognized it as the most characteristic feature of real life. And so it is with the other matters. What matters today is a clear, sharp understanding of the reality of life. So, truly sine ira—with the request that you not take these things personally—I would like to say the following, for example. I have been asked whether the threefold social order could not be realized within our society: economic life, legal life, and spiritual life.
[ 15 ] Man kann gewiß so etwas mit Worten aussprechen, wenn man sehr gut drinnensteht in unserer Bewegung, wenn man es ganz ehrlich und tief meint mit unserer Bewegung. Aber es ist doch so, als ob man den Grundnerv unserer Bewegung gar nicht erfaßt hätte, wenn man dieses sagt. Man hat gar nichts verstanden von dem, was ich über die soziale Frage gesprochen habe, wenn man denkt, unsere Gesellschaft hier könne man wie eine Sekte dreigliedern! Welches sind denn die drei Zweige des gesunden sozialen Organismus? Zunächst das Wirtschaftsleben. Ja, meine lieben Freunde, wollen Sie denn das Allerschlimmste machen, wirtschaftliche Sektiererei treiben, indem Sie in dieser Gesellschaft eine gemeinschaftliche Wirtschaft führen innerhalb der anderen Wirtschaft draußen? Wollen Sie denn gar nicht verstehen, daß man sich heute nicht in egoistischer, wenn auch gruppenegoistischer Weise abschließen kann und das andere alles unberücksichtigt lassen! Sie wirtschaften doch mit der anderen Wirtschaft des hiesigen Territoriums. Sie beziehen doch Ihre Milch, Käse, Gemüse, dasjenige, was Sie brauchen, von einem Wirtschaftskörper, von dem Sie sich doch nicht isolieren können! Sie können doch wahrhaftig die Zeit nicht reformieren dadurch, daß Sie sich aus dieser Zeit herauslösen. Mir kommt es vor, wenn jemand eine solche Gesellschaft wie diese, zu einem Wirtschaftskörper machen will, geradeso wie wenn einer eine große Familie hat und sagt: Ich beginne jetzt in meiner Familie die Dreigliederung,
[ 15 ] One can certainly put something like that into words if one is deeply immersed in our movement, if one is completely sincere and deeply committed to our movement. But it is as if one had not grasped the very essence of our movement at all when one says this. You have understood absolutely nothing of what I have said about the social question if you think our society here can be divided into three parts like a sect! What, then, are the three branches of a healthy social organism? First of all, economic life. Yes, my dear friends, do you really want to do the very worst thing—to engage in economic sectarianism—by running a communal economy within this society alongside the other economy out there? Don’t you understand at all that today one cannot shut oneself off in a selfish—even if only group-selfish—way and disregard everything else! You are, after all, conducting your economic activities alongside the other economy of this region. You obtain your milk, cheese, vegetables—whatever you need—from an economic entity from which you simply cannot isolate yourselves! You certainly cannot reform the times by detaching yourselves from them. It seems to me that when someone wants to turn a society like this into an economic entity, it is just as if someone with a large family were to say: “I am now going to introduce the threefold social order into my family,”
[ 16 ] Diese Ideen sind zu ernst, zu umfassend, sie dürfen nicht in das Kleinlich-Bourgeoise der verschiedenen Sektierereien, die es immer gegeben hat, hineingezerrt werden. Sie müssen im Zusammenhang mit der ganzen Menschheit gedacht werden. Das mit Bezug auf das Wirtschaftsleben. Sie würden sich ja ganz abschließen vom wirklichen praktischen Denken mit Bezug auf den Wirtschaftskreislauf der Welt, wenn Sie eine gruppenegoistische Wirtschaft für eine Sekte einrichten wollen.
[ 16 ] These ideas are too serious, too comprehensive; they must not be dragged into the petty bourgeois mindset of the various sects that have always existed. They must be considered in the context of all humanity. This applies to economic life. You would, after all, completely cut yourselves off from real, practical thinking regarding the world’s economic cycle if you were to establish a group-egoistic economy for a sect.
[ 17 ] Und das Rechtsleben: Gründen Sie einmal innerhalb unserer Gesellschaft den Rechtsstaat! Wenn Sie etwas stehlen, wird es ganz und gar bedeutungslos sein, wenn hier drei Leute zusammentreten und urteilen über dieses Stehlen. Es wird das äußere Gericht Sie schon in Anspruch nehmen und urteilen. In bezug auf den Rechtsstaat werden Sie sich aus der äußeren Organisation wahrhaftig nicht herausziehen können.
[ 17 ] And as for the legal system: Try establishing the rule of law within our society! If you steal something, it will be completely meaningless for three people to gather here and pass judgment on that theft. The external court will already have taken up your case and passed judgment. As far as the rule of law is concerned, you will truly not be able to withdraw from the external organization.
[ 18 ] Und nun, meine lieben Freunde, in bezug auf das Geistesleben: Seit es eine Anthroposophische Gesellschaft gibt, beziehungsweise seit sie mit ihrem anthroposophischen Inhalt zur Theosophischen Gesellschaft gehört hat, wo war irgend etwas, was hier innerhalb dieser geistigen Gemeinschaft getrieben wird, im geringsten Grade abhängig von irgendeiner staatlichen oder politischen Organisation? Vom ersten Tage dieser Gesellschaft an war mit Bezug auf das Geistesleben, das vor allen Dingen unsere Aufgabe ist, unser Ideal erfüllt! Verstehen Sie nicht, daß von Anfang an dieses Ideal erfüllt ist mit Bezug auf dasjenige, was wir gerade sind? Glauben Sie, daß das heute erst gemacht werden sollte mit dieser Anthroposophischen Gesellschaft? Hat diese Anthroposophische Gesellschaft in irgendeinem Staate je eine Staatssubvention gehabt? Sind ihre Lehrer von einem Staate angestellt? Ist nicht alles erfüllt gerade in dieser Anthroposophischen Gesellschaft, was nur zu erlangen ist von den äußeren Geistesorganisationen? Ist sie nicht in bezug darauf geradezu das praktischste Ideal? Wollen Sie jetzt kommen und diese Anthroposophische Gesellschaft nach dieser Richtung hin noch reformieren? Sie müssen ja gar nicht begriffen haben, in welcher Gesellschaft Sie seit so und so viel Jahren sind, wenn Sie jetzt erst das geistige Drittel hier in dieser Gesellschaft realisieren wollen.
[ 18 ] And now, my dear friends, regarding spiritual life: Ever since the Anthroposophical Society came into being—or rather, ever since it became part of the Theosophical Society with its anthroposophical content—has anything that has been undertaken here within this spiritual community been in the slightest degree dependent on any state or political organization? From the very first day of this Society, our ideal has been fulfilled with regard to spiritual life—which is, above all, our task! Do you not understand that this ideal has been fulfilled from the very beginning with regard to what we are right now? Do you believe that this should only be achieved today through this Anthroposophical Society? Has this Anthroposophical Society ever received a government subsidy in any country? Are its teachers employed by a state? Is not everything that can be attained from external spiritual organizations already fulfilled precisely within this Anthroposophical Society? Is it not, in this respect, the very most practical ideal? Do you now want to come along and reform this Anthroposophical Society in this direction? You must not have understood at all what kind of society you have been a part of for so many years if you are only now seeking to realize the spiritual third here in this society.
[ 19 ] Betrachten Sie also gerade das, was wir sein konnten, was man noch retten konnte an einem Zipfel, die Freiheit des geistigen Forschens und Lehrens wenigstens bei Menschen, die für das, was sie hier lehrten, keine Staatsanstellungen verlangen, betrachten Sie das doch wenigstens als eine Art von Ausgangspunkt für das andere. Sehen Sie doch, was wirklich ist, und denken Sie nicht daran vorbei. In meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» wird als ein Erbübel der gegenwärtigen Zeit immer wieder angeführt, daß eben die sogenannten Lebenspraktiker von heute vorbeidenken und vorbeisprechen an demjenigen, worauf es ankommt. Soll bei uns dieses Übel grassieren, daß vorbeigesprochen wird an demjenigen, worauf es ankommt? Nicht das kann unsere Aufgabe sein, hier das freie Geistesleben hereinzutragen, sondern das kann die Aufgabe sein, daß Sie dasjenige, was hier als freies Geistesleben immer existiert hat, daß Sie das in die andere Welt hinaustragen, den Menschen klarmachen, daß alles Geistesleben von dieser Art sein muß, von dieser Art von Verfassung sein muß.
[ 19 ] So consider precisely what we could have been, what could still be saved in some small corner—the freedom of intellectual inquiry and teaching, at least among people who do not demand government positions for what they teach here—and consider that, at the very least, as a kind of starting point for the rest. Do see what is really there, and do not overlook it. In my book *The Key Points of the Social Question*, one of the deep-seated evils of the present age is repeatedly cited: that today’s so-called “practical people” think and speak past what really matters. Should this evil—speaking past what really matters—run rampant among us? Our task here cannot be to introduce free spiritual life; rather, our task can be to take what has always existed here as free spiritual life and carry it out into the wider world, making it clear to people that all spiritual life must be of this kind, must be of this nature.
[ 20 ] Worauf es ankommt, das ist, wenigstens zunächst die nächste Wirklichkeit zu sehen. In dieser Richtung muß zunächst von den Anthroposophen verstanden werden, was von mir über die soziale Frage vorgebracht wird. Man soll wenigstens innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft vermeiden, schrullenhafte Ideen zu verbreiten unter der Devise, das praktisch machen zu wollen, was hier vertreten wird. Nehmen Sie ernst, was wie ein Grundzug durch die Vorträge der letzten Wochen, ja vielleicht der letzten Monate durchgegangen ist, nehmen Sie vor allem ganz und gar ernst, daß die Gegenwart eine Neueinstellung der Menschen mit Bezug auf das Leben notwendig macht, daß es nicht getan ist damit, daß wir nur neue Gedanken aufnehmen, sondern daß wir die Möglichkeit finden, uns in einer neuen Weise dem Leben gegenüber einzustellen, daß wir alles vermeiden, was nach Isolierung und Abschluß hindrängt. Nehmen Sie vor allen Dingen ernst, daß die Menschheit mit ihrer sogenannten Kultur auf allen drei Gebieten in eine wirkliche Sackgasse hineingeraten ist. Wie konnte sich diese Sackgasse deutlicher zeigen als in den chaotischen, verheerenden Wirkungen in Ost- und Mitteleuropa? Das ist ja das Ergebnis desjenigen, was die Menschen gewohnt gewesen sind, seit Jahrzehnten und Jahrhunderten her zu empfinden, zu denken, zu glauben. Nicht von dem Kriege allein rühren die Zustände in Rußland her, der war nur die Kulmination, sondern von dem, was die Menschen gedacht, empfunden, gefühlt, gewollt haben seit langer, langer Zeit, was man genötigt war, eben wie eine Art von sozialer Krebskrankheit zu schildern. Was fehlt denn am meisten in der Gegenwart? In der Gegenwart fehlt am meisten Urteil über die Wirklichkeit! In der Gegenwart fehlt am meisten richtige soziale Aufklärung! Das ist es, was das Bürgertum am meisten vernachlässigt hat: richtige soziale Aufklärung. Es ist ja in den Menschen kein sozialer Sinn. Jeder kennt ja nur sich selbst. Daher wird dann das Urteil so kurzsinnig. Wenn heute einer davon spricht, es solle das Wirtschaftsleben in der Anthroposophischen Gesellschaft eingeführt werden, so würde ich mir höchstens unter diesem Satze etwas Reales vorstellen können, wenn einer eine Kuh kaufte, und sie pflegte und sie melken würde, und dadurch etwas produzieren würde und dieses Produzierte in der richtigen Weise verwalten würde; dann wäre das keine Sektiererei innerhalb unserer Gesellschaft, denn im Wirtschaftsleben handelt es sich vor allen Dingen um diejenigen Maßnahmen, die die Produktivität erhöhen, die den notwendigen Bedürfnissen Rechnung tragen. Da ist ja auch einmal ein Anfang gemacht worden, der nur zum Teil durch die Persönlichkeit, mit der er gemacht wurde, mißglückt ist. Erinnern Sie sich doch, wir haben mit unserem Brote durch Herrn von R. einen Anfang gemacht, indem wir Brot produziert haben nicht nach dem Grundsatze des Produzierens, sondern nach dem Grundsatze des Konsumierens, was der einzige wirkliche gesunde Grundsatz sein kann. Wir haben zuerst Konsumenten schaffen wollen, was möglich gewesen wäre durch eine Gesellschaft. Dann wäre danach die Produktion einzurichten gewesen. Das war ein wirklicher praktischer Anfang. Er ist nur deshalb nicht’geglückt, weil Herr von R. ein ganz unpraktischer Mann war, oder ist. Aber die Idee hätte sich realisieren lassen, wenn Herr von R. ein praktischer Mann gewesen wäre. Das wäre so eine praktische Idee, die aber mit der Anthroposophischen Gesellschaft nur das zu tun hat, daß die Anthroposophische Gesellschaft zunächst eine Summe von Konsumenten gebildet hat. Es handelt sich darum, den Blick auf die Sache zu lenken, nicht auf die Anthroposophische Gesellschaft, ja nicht diese zu einer abgeschlossenen Sekte zu machen.
[ 20 ] What matters is, at least initially, to perceive the immediate reality. In this regard, anthroposophists must first understand what I am putting forward regarding the social question. At the very least within the Anthroposophical Society, one should avoid spreading eccentric ideas under the pretext of wanting to put into practice what is advocated here. Take seriously—as a fundamental theme running through the lectures of the past few weeks, or perhaps even the past few months; above all, take it very, very seriously that the present situation necessitates a new attitude on the part of human beings toward life—that it is not enough merely to take in new ideas, but that we must find a way to approach life in a new way, avoiding everything that pushes us toward isolation and withdrawal. Above all, take seriously the fact that humanity, with its so-called culture, has reached a real dead end in all three areas. How could this dead end be more clearly revealed than in the chaotic, devastating effects in Eastern and Central Europe? This is, after all, the result of what people have been accustomed to feeling, thinking, and believing for decades and centuries. The conditions in Russia do not stem from the war alone—that was merely the culmination—but from what people have thought, sensed, felt, and willed for a long, long time, something that one was compelled to describe as a kind of social cancer. What is most lacking today? What is most lacking today is judgment regarding reality! What is most lacking today is proper social enlightenment! That is what the middle class has neglected the most: proper social enlightenment. After all, people lack a sense of the social. Everyone knows only themselves. That is why judgment becomes so short-sighted. If someone today were to say that economic life should be introduced into the Anthroposophical Society, I could only imagine something real in that statement if someone were to buy a cow, care for it, milk it, thereby produce something, and manage that produce in the proper way; then that would not be sectarianism within our Society, for economic life is, above all, about those measures that increase productivity and take necessary needs into account. A start was indeed made in this regard once, but it failed only in part because of the personality of the person who initiated it. Just remember, we made a start with our bread through Mr. von R. by producing bread not according to the principle of production, but according to the principle of consumption, which is the only truly sound principle. We first wanted to create consumers, which would have been possible through a society. Production could then have been organized accordingly. That was a truly practical beginning. It failed only because Mr. von R. was—or is—a completely impractical man. But the idea could have been realized if Mr. von R. had been a practical man. This would be such a practical idea, but its only connection to the Anthroposophical Society is that the Anthroposophical Society initially formed a group of consumers. The point is to direct attention to the matter itself, not to the Anthroposophical Society—and certainly not to turn it into a closed sect.
[ 21 ] Mit Bezug auf diese äußeren Dinge, die dem Produzieren zugrunde liegen, und mit Bezug auf manches andere, werden Sie nicht weit kommen, wenn Sie die Ideen, die in meinem Buche über die soziale Frage stehen, nicht im großen Stile auffassen. Denn schließlich, zur Reform des wirtschaftlichen Lebens gehört wirtschaftliche Praxis; sogar Kühe melken muß man verstehen, und es ist wichtiger, Kühe melken zu können, als in einer kleinen Sekte irgendeine Wirtschaft einzurichten und die Milch natürlich doch von außen zu beziehen. Worauf es aber ankommen würde bei uns, das ist, daß eingesehen würde, worin der ImPuls der Gegenwart gerade liegen muß, was das Wichtigste in der Gegenwart ist. Sie können heute Einrichtungen treffen, welche Sie wollen: Gehen Sie, wenn Sie können, nach Rußland, machen Sie dort, was Sie wollen, richten Sie die besten, idealsten Dinge ein, oder gehen Sie nach Deutschland, nach Österreich, nach Ungarn und so weiter, nach zehn Jahren sind alle diese Dinge verkracht, wenn sie sich nur zehn Jahre halten! So liegen die Dinge heute. Sie können mit den Gedanken, die die Menschen heute haben, die idealsten Einrichtungen machen, sie sind nach zehn Jahren verkracht, da können Sie ganz sicher sein. Es wird nicht immer so schnell gehen wie jetzt in München, wo die eine Räteregierung durch eine andere abgesetzt werden soll und die dann wieder durch eine noch radikalere und so weiter; aber all das, was Sie heute an solchen Einrichtungen treffen, die Ihnen sehr gesund und gut erscheinen, das wird wieder über den Haufen geworfen, wenn dieselben Ideen in den Menschenköpfen bleiben, die durch Jahrhunderte darin waren und die heute noch in ihnen spuken. Mit diesen Ideen ist nichts mehr anzufangen. Daher muß man sich schon dazu bequemen, umzudenken und umzulernen, muß schon wirklich als einen Bestandteil seines Seeleninneren die neuen Ideen aufnehmen. Das können Sie nicht von heute auf morgen. Sie können nicht von heute auf morgen gleich Einrichtungen treffen mit den neuen Ideen, Sie können aber diese Ideen, die in meinem Buche stehen, weil sie praktisch sind, bis zu den extremsten Spezialitäten herunter differenzieren. Sie können meinetwillen eine Meierei einrichten in dem Sinne, wie es in diesem Buche gemeint ist, aber wenn Sie nicht eine einzige Meierei bloß einrichten, wo Sie selbst Ihre Kühe melken drinnen, was ja nicht viel soziale Wirkung haben wird, die eine, einzige Meierei, wenn die anderen alle in dem alten Stile sind, wenn Sie nicht eine einzige einrichten, sondern wenn Sie verschiedene einrichten, so brauchen Sie ja doch Leute dazu. In deren Köpfen sind aber die alten Ideen. Diese Einrichtungen werden bald entweder verkrachen oder die alten Formen annehmen, und alles ist beim alten. Daraus sehen Sie, was heute das Wichtigste ist. Heute ist nicht das Wichtigste, dies oder jenes einzurichten. Sie können natürlich gute Einrichtungen treffen, ich will Sie gar nicht dazu verführen, schlechte Sachen einzurichten, aber ich mache Sie nur aufmerksam: Wenn Sie auch die beste Sache einrichten, so ändern Sie die Zeit nicht damit. Auf einzelnen Gebieten kann man das tun, wie ich es in bezug auf das Brot erwähnte, oder wie wir es mit unserer Literatur gemacht haben.
[ 21 ] With regard to these external factors underlying production, and with regard to many other things, you will not get very far unless you embrace the ideas set forth in my book on the social question on a grand scale. After all, reforming economic life requires economic practice; one must even know how to milk cows, and it is more important to be able to milk cows than to set up some kind of economy within a small sect and, of course, still have to source the milk from outside. But what really matters for us is that people recognize where the driving force of the present must lie, what is most important at this moment. You can set up whatever institutions you want today: Go to Russia, if you can; do whatever you want there; establish the best, most ideal things; or go to Germany, Austria, Hungary, and so on—in ten years, all these things will have fallen apart, if they even last ten years! That is how things stand today. You can create the most ideal institutions based on the ideas people have today, but they will be in ruins in ten years—of that you can be absolutely certain. It won’t always happen as quickly as it is now in Munich, where one council government is to be overthrown by another, which is then overthrown by an even more radical one, and so on; but everything you see today in such institutions—which seem very sound and good to you—will be thrown out again if the same ideas remain in people’s minds, ideas that have been there for centuries and still haunt them today. These ideas are no longer of any use. Therefore, one must bring oneself to rethink and relearn; one must truly incorporate the new ideas as an integral part of one’s innermost being. You cannot do this overnight. You cannot immediately put these new ideas into practice overnight, but you can break down these ideas—which are in my book because they are practical—down to the most specific details. For my sake, you can set up a dairy farm in the sense intended in this book, but if you don’t just set up a single dairy farm where you milk your own cows yourself—which, of course, won’t have much social impact, that one, single dairy farm, if all the others are still run in the old style—if you don’t set up just one, but instead set up several, then you’ll still need people to run them. But their minds are still filled with the old ideas. These institutions will soon either fail or revert to the old ways, and everything will remain the same. From this you can see what is most important today. Today, the most important thing is not to set up this or that. Of course, you can create good institutions—I don’t want to tempt you to set up bad ones at all—but I’m simply pointing out: even if you set up the very best institution, you won’t change the times with it. In certain areas, you can do so, as I mentioned with regard to bread, or as we’ve done with our literature.
[ 22 ] Wie haben wir angefangen? Ich habe zunächst vor einem sehr kleinen Kreise in Berlin gesprochen. Dann sind die Kreise immer größer und größer geworden. Indem die Kreise größer und größer wurden, entstand das Bedürfnis, dasjenige, was gesprochen wurde, in Büchern zu haben. Leser waren für die Bücher da, bevor die Bücher gedruckt wurden. Verfolgen Sie heute bei kundigeren Menschen die Theorien der sozialen Ideen: eines der Grundübel in unserer sozialen Ordnung sind die fortwährenden Krisen, die durch die sporadische Überproduktion entstehen, wenn so darauflos produziert wird. Das ist im Buchhandel am allerschlimmsten. Bedenken Sie, was alles im Buchhandel produziert wird an Büchern mit Auflagen von fünfhundert, manchmal noch mehr Exemplaren, von denen keine fünfzig Exemplare verkauft werden, und was für ein Unterschied ist zwischen einem Buch, von dem die ganze Auflage verkauft wird, und einem Buch, von dem vielleicht keine fünfzig Exemplare verkauft werden: Sie haben Setzer angestellt, Drucker angestellt, Papier verbraucht, alles für nichts! Das ist alles in den Wind gehangen, das ist alles Mißbrauch getrieben mit menschlicher Arbeitskraft. In dem Augenblicke, wo Sie drauflos produzieren, müssen Sie sich dessen bewußt sein, daß Sie menschliche Arbeitskraft mißbrauchen, wenn der Konsum nicht da ist, der den Verbrauch von menschlicher Arbeitskraft rechtfertigt, denn der Verbrauch von menschlicher Arbeitskraft ist nur durch das Bedürfnis gerechtfertigt, durch das vorhandene Bedürfnis gerechtfertigt. Nicht der Inhalt, sondern das Bedürfnis muß da sein; die Aufwendung von menschlicher Arbeitskraft ist nur gerechtfertigt, wenn man voraussehen kann, daß dasjenige, was die Menschen arbeiten, Menschen zugute kommt. Also auf dem einzigen Gebiete, wo wir in einer gewissen Weise reformierend auftreten konnten, haben wir es getan. Wir haben sogar unsere Zuflucht nehmen müssen nicht zur Überproduktion, sondern sogar zur Unterproduktion. Die Welt konnte gar nicht anders denken, als daß die Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» eingegangen sei wie andere Zeitschriften: aus Mangel an Lesern. Gerade als sie eingehen mußte, weil andere Anforderungen an mich herantraten, war aber der Moment gekommen, wo sie zunächst anderthalbmal, dann zweimal, dann dreimal so viel Leser bekommen hätte, als sie vorher hatte. Wir haben uns sogar zur Unterproduktion entschließen müssen, nicht zur Überproduktion.
[ 22 ] How did we get started? I first spoke to a very small group in Berlin. Then the groups grew larger and larger. As the groups grew larger and larger, the need arose to have what was said recorded in books. Readers were there for the books even before they were printed. Consider the theories of social thought put forward by more knowledgeable people today: one of the fundamental evils in our social order is the constant crises caused by sporadic overproduction, when production is carried out so recklessly. This is worst of all in the book trade. Consider all the books produced in the book trade with print runs of five hundred—sometimes even more—copies, of which not even fifty are sold, and what a difference there is between a book whose entire print run is sold and one of which perhaps not even fifty copies are sold: You’ve hired typesetters, hired printers, used up paper—all for nothing! All of that has gone to waste; all of that is a misuse of human labor. The moment you start producing indiscriminately, you must be aware that you are misusing human labor if there is no demand to justify the use of that labor, for the use of human labor is justified only by need—by an existing need. It is not the product itself, but the need that must exist; the expenditure of human labor is justified only if one can foresee that what people produce will benefit other people. So in the one area where we could, in a certain sense, act as reformers, we have done so. We even had to resort not to overproduction, but rather to underproduction. The world could not help but think that the magazine *Lucifer-Gnosis* had ceased publication like other magazines: due to a lack of readers. Just as it was about to cease publication—because other demands were being placed on me—the moment had arrived when it would have gained, first one and a half times, then twice, then three times as many readers as it had previously. We even had to decide on underproduction, not overproduction.
[ 23 ] So werden in gesunder Weise Krisen vermieden. Der Buchhandel lebt in einer fortwährenden Krisis. Macht man Statistiken von Büchern, die nicht gekauft werden, so sieht man, daß Bücher produziert werden, die gar nicht gekauft werden können, weil gar nicht Sorge getragen werden kann dafür, daß sie gekauft werden. Manchmal haben die Leute eine gewisse Einsicht in die Dinge. Ich sprach einmal mit Eduard von Hartmann in den achtziger Jahren über erkenntnistheoretische Literatur. Es war in der Zeit, als ich mein Büchelchen «Wahrheit und Wissenschaft» geschrieben habe, das jetzt vergriffen ist, von dem kein Exemplar vergeblich gedruckt, kein Exemplar vermakuliert wurde und durch welches daher keine menschliche Arbeitskraft vergeudet wurde. Eduard von Hartmann sagte: Da lassen die Leute alle ihre erkenntnistheoretischen Werke drucken in fünfhundert Exemplaren; wir haben doch nachweislich in Deutschland höchstens sechzig Leser; da sollte man höchstens hektographieren lassen und die Werke an die paar Leser, die sich wirklich interessieren, versenden. Nachweislich haben ja erkenntnistheoretische Werke nicht mehr Leser in der damaligen Zeit gehabt.
[ 23 ] This is how crises are avoided in a healthy way. The book trade exists in a state of perpetual crisis. If one compiles statistics on books that are not purchased, one sees that books are being produced that cannot be bought at all, because there is no way to ensure that they will be purchased. Sometimes people have a certain insight into things. I once spoke with Eduard von Hartmann in the 1980s about epistemological literature. It was around the time I wrote my little book *Truth and Science*, which is now out of print—not a single copy of which was printed in vain, not a single copy was pulped, and through which, therefore, no human labor was wasted. Eduard von Hartmann said: “People have all their epistemological works printed in runs of five hundred copies; yet we demonstrably have at most sixty readers in Germany; one should at most have them mimeographed and send the works to the few readers who are truly interested.” After all, it is a fact that epistemological works did not have more readers at that time.
[ 24 ] Tadeln Sie nicht, daß ich diese rein wirtschaftliche Frage der anthroposophischen Literatur hier einmal besprochen habe. Diese Dinge haben ja nichts zu tun mit dem Inhalte, nichts zu tun mit dem geistigen Wert. Aber sie können immerhin illustrieren, was eigentlich gemeint ist, und worauf es notwendig in der Gegenwart ankommt: daß zuerst eine gesunde Konsum-Assoziation geschaffen und nicht ins Blinde und Blaue hinein produziert werde. Aus bloßer menschlicher Vorliebe heraus sollte nicht einmal Wahrheit produziert werden!
[ 24 ] Please do not criticize me for having discussed this purely economic issue of anthroposophical literature here. After all, these matters have nothing to do with the content, nothing to do with the spiritual value. But they can at least illustrate what is actually meant, and what is essential in the present: that a sound consumer-oriented association must first be established, rather than producing blindly and haphazardly. Not even truth should be produced out of mere human preference!
[ 25 ] Darauf bezieht sich die Antwort, die ich einmal zwei katholischen Pfarrern in Kolmar nach einem Vortrag «Bibel und Weisheit» gegeben habe, und die ich neulich wieder erwähnte. Nach dem Vortrag kamen die beiden Pfarrer zu mir und sagten, gegen den Inhalt hätten sie eigentlich nichts besonderes einzuwenden, wohl aber gegen die Art zu reden, denn so wie sie sprächen von der Kanzel herunter, sei es für alle Menschen. So wie ich spräche, sei es nicht für alle Menschen, sondern nur für entsprechend gebildete. Ich konnte ihnen nur antworten: Auf das, was Sie meinen und was ich meine über die Art, wie man zu allen Menschen sprechen soll, kommt es nicht an; darüber können wir ja vielleicht allerlei interessante Vorstellungen haben, aber darauf kommt es nicht an, sondern darauf, was die Tatsachen fordern. Und da frage ich Sie: Gehen heute noch alle Leute zu Ihnen in die Kirche? Das können Sie nicht behaupten. Für die also, die draußen bleiben, und die doch auch ein Recht haben, vom Christus zu hören, für die rede ich, und das sind heute gerade genug.
[ 25 ] This is what I was referring to in the response I once gave to two Catholic priests in Colmar after a lecture titled “The Bible and Wisdom,” which I mentioned again recently. After the lecture, the two priests came up to me and said that they actually had no particular objection to the content, but they did take issue with the manner of speaking; for just as they spoke from the pulpit, their message was intended for all people. The way I spoke, they said, was not intended for all people, but only for those with the appropriate education. All I could say in reply was: What you mean and what I mean regarding the way one should speak to all people is irrelevant; we may well have all sorts of interesting ideas about that, but that is not what matters—what matters is what the facts demand. And so I ask you: Do all people still come to your church today? You cannot claim that they do. So I speak for those who remain outside—and who nevertheless also have a right to hear about Christ—and today there are just enough of them.
[ 26 ] Das sind Tatsachen. Dem widerspricht aber noch die alte bürgerliche Bildung, die ganz in sich verschlossen ist. Sie bildet sich ein: so ist etwas richtig, so muß es sein, so muß es gemacht werden. Aber so muß es gar nicht für das Leben gemacht werden! Für das Leben kommt alles darauf an, daß man beobachtet: Das ist da und das ist da, und daß man fordern läßt das, was man zu tun hat, durch das, was da ist. Dies sind nur scheinbar Trivialitäten, denn das Leben sündigt heute fortwährend gegen diese Trivialitäten.
[ 26 ] These are facts. But the old bourgeois education, which is completely closed off within itself, still contradicts this. It deludes itself into thinking: this is how something is right, this is how it must be, this is how it must be done. But that’s not at all how it needs to be done in life! In life, what matters most is observing: this is here and that is there—and allowing what you have to do to be dictated by what is there. These are only seemingly trivial matters, for life today constantly sins against these trivialities.
[ 27 ] Was also vor allen Dingen notwendig ist, das ist eine andere Einstellung. Auch die Einsicht, daß es notwendig ist zu sehen, wie diese Kultur, die so gelobt worden ist, den Tod in sich selber getragen hat, sich aufgelöst hat. Sie müssen nicht glauben, daß durch die heutigen radikal sozialistischen Bewegungen die Kultur verdorben worden ist. Die hat sich selbst verdorben! Das, was die Oberschicht an Kultur hatte, das hat sich selbst in die Nullität hineingeführt, das geht an sich selbst zugrunde. Diese Oberschicht hat nur nicht dafür gesorgt, daß die unteren proletarischen Schichten, die nachkommen, etwas Vernünftiges wissen über die sozialen Einrichtungen, und jetzt ist sie verwundert, wenn die in ihrer sozialen Unwissenheit herankommen und eigentlich nichts als ein Chaos herbeiführen. Die Lage ist eben ernst und aus dieser Erfassung des Ernstes der ganzen heutigen Welt fließen die Ideen, die ich in meinem Buche über die soziale Frage habe aussprechen müssen. Dieses Buch wird man nur richtig verstehen, wenn man begreift, daß man heute die besten Einrichtungen treffen kann, daß aber mit den Menschen, die die Ideen unserer Zeit im Kopfe haben, eben nichts zu machen ist. Vor allem müssen die Köpfe mit anderen Ideen erfüllt werden. Was ist also die wirkliche, reale, die wahrhaft praktische Aufgabe? Aufklärung verbreiten, meine lieben Freunde, vor allen Dingen Aufklärung verbreiten und die Menschen umdenken lehren! Das ist der Appell, der an jeden einzelnen von Ihnen geht, Aufklärung zu bringen in die Köpfe der Menschen, nicht an schrullenhafte Reformationen im einzelnen zu denken, sondern in universalistischer Weise aufklären über das, was not tut. Denn vor allen Dingen müssen heute die Menschen anders werden, das heißt, die Gedanken, die Empfindungen in den Seelen der Menschen müssen anders werden. Es handelt sich darum, diese Ideen dorthin zu tragen, wo man nur kann. Das ist das Praktische, das bedeutet: diese Ideen ins Praktische umsetzen. Mit jedem Viertelmenschen — verzeihen Sie, daß ich so spreche —, den Sie für diese Ideen gewinnen, ist etwas erreicht. Und am meisten ist erreicht, wenn Sie Leute, die in der Praxis stehen, gewinnen. Bei der Unterzeichnung des «Aufrufes» habe ich neulich gesagt: Es ist ja wirklich recht erfreulich, daß Schriftsteller unter diesem «Aufrufe» stehen, aber ein Bankdirektor, der den «Aufruf» wirklich versteht und in seinem Sinne wirkt, ist mehr wert als zehn Schriftsteller, die ihre Namen daruntersetzen. Es kommt heute darauf an, das Leben da anzufassen, wo es anzufassen ist. Und das geht heute nicht anders, als indem man vor allen Dingen Aufklärung verbreitet, aufklärend wirkt. Denn, was die Menschen am notwendigsten brauchen, das ist die Kenntnis von den Lebensbedingungen des gesunden Organismus. Wenn die Menschen nicht die Lebensbedingungen des gesunden sozialen Organismus erkennen lernen, so werden sie fortfahren, den alten sozialen Organismus zu zerstören, solange das Zerstören möglich ist. Es geht ja selbstverständlich nur bis zu einem gewissen Punkte. Alles, was jetzt gemacht wird ohne diese Ideen, ist Raubbau an der alten Ordnung, ist Abtragen der alten Ordnung. Dieses hat in Rußland begonnen und wird von da aus weitergehen. Worauf es ankommt, ist, aufzubauen. Aber aufbauen können Sie heute nur, wenn die Menschen verstehen, wie der Aufbau gemacht werden muß. Denn wir leben im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung, das heißt im Zeitalter der bewußten Individualitäten, in dem Zeitalter, wo die Menschen wissen müssen, was sie tun.
[ 27 ] What is needed above all, then, is a different attitude. Also, the realization that it is necessary to see how this culture, which has been so highly praised, carried death within itself and has disintegrated. You must not believe that today’s radical socialist movements have corrupted this culture. It has corrupted itself! The culture that the upper class possessed has led itself into nothingness; it is destroying itself. This upper class simply failed to ensure that the lower proletarian classes coming up behind them had any reasonable understanding of social institutions, and now it is surprised when they arrive in their social ignorance and bring about nothing but chaos. The situation is indeed serious, and it is from this grasp of the gravity of the entire modern world that the ideas I felt compelled to articulate in my book on the social question flow. This book will only be properly understood if one realizes that, while the best institutions can be established today, there is simply nothing to be done with people who have the ideas of our time in their heads. Above all, their minds must be filled with different ideas. So what, then, is the real, tangible, truly practical task? To spread enlightenment, my dear friends—above all, to spread enlightenment and teach people to think differently! This is the appeal I make to each and every one of you: to bring enlightenment into people’s minds, not to dwell on eccentric, piecemeal reforms, but to enlighten them in a universal way about what is truly needed. For above all, people today must change—that is, the thoughts and feelings in people’s souls must change. The point is to carry these ideas wherever you can. That is the practical aspect; it means putting these ideas into practice. With every “quarter-person”—forgive me for speaking this way—whom you win over to these ideas, something has been achieved. And the greatest achievement is when you win over people who are actively engaged in practical work. When signing the “Appeal” the other day, I said: It is indeed quite gratifying that writers have signed this “Appeal,” but a bank director who truly understands the “Appeal” and acts in its spirit is worth more than ten writers who simply put their names to it. What matters today is to address life where it needs to be addressed. And today, there is no other way to do this than, above all, by spreading enlightenment and working to educate. For what people need most of all is knowledge of the living conditions of a healthy social organism. If people do not learn to recognize the conditions of life of a healthy social organism, they will continue to destroy the old social organism as long as destruction is possible. Of course, this can only go so far. Everything that is being done now without these ideas is the overexploitation of the old order; it is the dismantling of the old order. This has begun in Russia and will continue from there. What matters is building up. But today you can only build up if people understand how this building up must be done. For we live in the age of the development of the conscious soul—that is, in the age of conscious individualities, the age in which people must know what they are doing.
[ 28 ] Aus diesem Geiste heraus ist mein Buch geschrieben, in diesem Geiste möchte ich es verstanden wissen. In diesem Geiste möchte ich es Ihnen ans Herz legen. Es will einfach der Zeit dienen; es will das aussprechen, was aus dem Geiste der Zeit heraus ausgesprochen werden muß. Cliquen, sektiererische Richtungen innerhalb unseres eigenen Gesellschaftskörpers haben genügend dafür gesorgt, daß man im Grunde genommen, wenn von Anthroposophie die Rede ist, allerlei bloßen Geisterspuk und dergleichen vermutet. Aber der Geist wird hier nicht darin gesucht, daß man immer bloß vom Geiste spricht — das kann man den Herren Saitschick und Foerster überlassen —, sondern es kommt darauf an, daß der Geist in der Lage ist, wirklich in das praktische Leben unterzutauchen, zu verstehen, wie das praktische Leben gehandhabt werden muß. Der glaubt schlecht an den Geist, der ihn nur in einer schattenhaften Gestalt, die über dem Leben schwebt, erfassen will. Daher müssen Sie selbst immer mehr und mehr abkommen von der Abkehr vom Leben, müssen immer mehr und mehr suchen, das Leben wirklich zu verstehen, hinzuschauen auf das Leben; sonst werden immer wieder die gleichen Erscheinungen eintreten, von denen ich gesprochen habe. Die Beispiele können aber verhundert-, vertausendfacht werden. Eine Dame kommt zu mir und sagt: Es ist ein Mensch zu mir gekommen, dem ich Geld leihen soll, aber das ist ein Bierbrauer, der braut für dieses Geld Bier. Ich kann doch das nicht unterstützen, die Bierbrauerei! — Nun ja, das ist ganz schön, in diesem engen Kreis wollte die Dame nicht die Bierbrauerei unterstützen, weil sie abstinent war, und nicht nur für sich abstinent sein wollte, sondern auch für die Abstinenz Propaganda machen wollte. Ich mußte ihr antworten: Sie haben doch Geld auf der Bank, von dem Sie leben. Haben Sie eine Ahnung, wieviel Bierbrauereien die Bank mit Ihrem Gelde versorgt, haben Sie eine Ahnung, was da alles gemacht wird? Glauben Sie, daß das alles im Sinne der Idee ist, die Sie jetzt eben hinsichtlich der Summe, die Sie einem Bierbrauer leihen sollen, erfüllt? Aber sind Sie nicht ebenso dabei, wenn Ihr in der Bank deponiertes Geld in das Wirtschaftsleben übergeführt wird? — Glauben Sie denn wirklich, daß es dem Leben zugekehrt sein heißt, wenn man nichts weiter treibt, als im allerengsten Kreise dieses Leben beurteilen, wenn man sich gar nicht darauf einläßt, die Weiten des Lebens ins Auge zu fassen?
[ 28 ] My book was written in this spirit, and it is in this spirit that I would like it to be understood. It is in this spirit that I would like to recommend it to you. It simply seeks to serve the times; it seeks to articulate what must be articulated from the spirit of the times. Cliques and sectarian movements within our own social body have done enough to ensure that, when anthroposophy is mentioned, people generally suspect all sorts of mere spiritual nonsense and the like. But the spirit is not sought here merely by constantly speaking of the spirit—that can be left to Messrs. Saitschick and Foerster—but rather it is essential that the spirit be able to truly immerse itself in practical life and understand how practical life must be managed. Anyone who seeks to grasp the spirit only as a shadowy figure hovering above life has little faith in the spirit. Therefore, you yourselves must increasingly turn away from this detachment from life; you must increasingly seek to truly understand life and look closely at it; otherwise, the same phenomena I have spoken of will occur again and again. But the examples could be multiplied a hundredfold or a thousandfold. A lady comes to me and says: “A man has come to me asking to borrow money, but he’s a brewer who uses that money to brew beer.” I certainly can’t support that—the brewery!” —Well, that’s quite something: within this narrow circle, the lady didn’t want to support the brewery because she was a teetotaler, and she didn’t just want to abstain for her own sake, but also wanted to campaign for abstinence. I had to reply to her: “But you have money in the bank that you live off. Do you have any idea how many breweries the bank supplies with your money? Do you have any idea what’s going on there? Do you believe that all of this is in line with the ideal that you’re currently so passionate about regarding the sum you’re supposed to lend to a brewer?” But aren’t you just as much a part of it when the money you’ve deposited in the bank is channeled into economic life? — Do you really believe that being “oriented toward life” means doing nothing more than judging that life within the narrowest of circles, without even attempting to take in the vastness of life?
[ 29 ] Darauf aber kommt es an: Unsere Anthroposophische Gesellschaft ist kein Experimentierfeld, sondern sie soll ein Kern sein für alles Gute, das über die Menschheit kommen soll. Mit Bezug auf die soziale Frage handelt es sich vor allen Dingen darum, daß von ihr ausströme ein weiter Strom von Aufklärung über soziale Notwendigkeiten. Dann handeln Sie schon praktisch, lebenskundig, wenn Sie diese Dinge verbreiten, aber Sie müssen sich wirklich auch bemühen, sie lebenskundig zu verbreiten, nicht im engen Sinne verbleiben. Ich hoffe, daß nicht einer von Ihnen auf die vertrackte Idee kommt, daß hier alte nationalökonomische Lehren tradiert werden, damit die Leute Nationalökonomie lernen. Um Gotteswillen nichts fachmännisch Nationalökonomisches heute hier hereintragen, denn das sind ja alles Ideen aus der allerältesten Rumpelkammer! Glauben Sie ja nicht, daß Sie nationalökonomisch oder volkswirtschaftlich denken lernen, wenn Sie heute die gangbaren Begriffe in schulmäßiger Weise, wie sie heute etwa an Universitäten gelehrt werden, in sich aufnehmen! Machen Sie ja keine Programme, die scheinbar das ins Praktische umsetzen, was von mir vorgetragen wird, die aber nichts weiter bedeuten, als die fürchterlich grinsenden, alten bürgerlichen Masken! Stellen wir uns auf den Boden der großen Forderungen unserer Zeit, betrachten wir das soziale Leben vor allen Dingen in diesen Forderungen unserer Zeit!
[ 29 ] But this is what matters: Our Anthroposophical Society is not a testing ground; rather, it is meant to be a nucleus for all that is good that is to come to humanity. With regard to social issues, the most important thing is that a broad stream of enlightenment about social necessities should flow out from it. You are already acting in a practical, life-affirming way when you spread these ideas, but you must also truly strive to spread them in a life-affirming way—not remain within a narrow framework. I hope that not a single one of you gets the crazy idea that we are passing on old economic theories here so that people can learn economics. For heaven’s sake, don’t bring any technical economic theory into this today, because those are all ideas from the very oldest junk drawer! Don’t think for a moment that you’ll learn to think in economic terms if you absorb the standard concepts in a textbook manner—as they’re taught at universities today, for example! By all means, do not devise programs that ostensibly put into practice what I am presenting, but which amount to nothing more than those dreadfully smirking, old bourgeois masks! Let us stand on the ground of the great demands of our time; let us view social life, above all else, through the lens of these demands of our time!
[ 30 ] Es war mir ein Bedürfnis, dieses noch vor Ihnen auszusprechen, jetzt, wo wir vor einer Reise nach Deutschland stehen und mancherlei Aufgaben an mich herantreten werden; und trotzdem wir hoffen, daß unsere Abwesenheit diesmal weit weniger lang sein wird als sonst, so leben wir ja doch in einer Zeit, wo man eigentlich niemals Pläne und Projekte über längere Zeiten hinaus machen soll. Man kann nur sagen: Menschen, die sich so zusammengefunden haben, wie die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sich zusammengefunden haben, bleiben zusammen, wo sie auch sind, die stehen mit festem Mut und innerlicher Kühnheit bei der Sache und lassen sich nicht beirren, was auch die furchtbaren Wogen in der Gegenwart bringen mögen; Leichtes werden sie zumeist nicht bringen; manches wird von uns erfahren werden können, das die Frage in uns aufwerfen wird: wie sollen die Dinge gerade bei uns weitergehen? Lassen Sie sich auch dadurch nicht beirren, tun Sie, was an Ihnen ist, um irgend etwas weiterzubringen in der Welt, und Sie werden das Richtige tun.
[ 30 ] I felt the need to say this to you before we set out on our trip to Germany, now that we are about to embark on a journey there and various tasks will be coming my way; and even though we hope that our absence this time will be far shorter than usual, we do, after all, live in an age when one should really never make plans or projects for the long term. One can only say: People who have come together in the way that the members of the Anthroposophical Society have come together will remain united, wherever they may be; they will stand firm in their cause with steadfast courage and inner boldness and will not be deterred, no matter what terrible storms the present may bring; They will not usually bring ease; we will experience many things that will raise the question within us: How are things to proceed, especially for us? Do not let this deter you either; do what you can to advance something in the world, and you will be doing the right thing.
[ 31 ] Ich konnte diesmal eben nur so lange dableiben, bis dieses Buch fertiggestellt war; denn dieses Buch soll der Zeit dienen. Unsere Freunde werden es hier übernehmen, werden für die Verbreitung in der Schweiz sorgen, und ich hoffe, gerade bei dieser Arbeit auch recht bald wiederum hier sein zu können, aus mancherlei Gründen. Zum Teil aus einem Grunde, der recht sehr mißverstanden wird, gerade hier in der Schweiz. Man kann schon von der einen oder anderen Seite her hören: Was will denn der Fremde gerade hier in der Schweiz? Er soll uns in Ruhe lassen! Unsere Demokratie besteht sechshundert Jahre, die ist gesund, sie ist gefeit gegen das, was da draußen unter den verruchten östlichen und mitteleuropäischen Völkern vorgeht. Ich habe nun die Überzeugung, daß heute das Beste getan werden könnte da, wo es aus freiem Willen noch geschehen könnte. Wenn heute solche sozialen Ideen, wie sie in meinem Buche verzeichnet sind, in Rußland aufblühen würden, so geschähe es, weil die äußerste Not dazu zwingt; und wenn die äuRerste Not dazu drängt — ebenso in Mitteleuropa, ebenso in Deutschland —, so ist der rechte Impuls nicht mehr da. Der rechte Impuls gerade für diese Ideen, die der Menschheit soziales Heil bringen wollen, wäre da, wo sie aus Freiheit heraus geschehen würden auf einem Boden, von dem man sagen kann: zu uns sind nicht die Bolschewisten gekommen, wir haben noch etwas von den alten Zuständen. Oh, wenn gerade auf diesem Boden hier, bevor auch hier den Leuten das Wasser in den Mund rinnt, Verständnis entwickelt würde dafür, aus freiem Willen heraus diese Ideen zu entwickeln, dann würde die Schweiz das Blütenland Europas werden können; denn durch ihre geographische Lage ist sie dazu ausgerüstet! Sie ist ausgerüstet mit einer riesigen Mission, trotz ihrer Kleinheit. Aber diese Mission wird sie nur erfüllen können, wenn sie aus freiem Willen das vollbringt, was weder die Ost- und Mittelstaaten heute mehr aus freiem Willen vollbringen können — da hätten sie früher angreifen müssen —, und was die Weststaaten nicht tun werden, weil sie dazu nicht die genügende Anlage haben. Hier wären Anlagen, hier wäre geographische Voraussetzung, hier wäre alles vorhanden! Hier ist nur notwendig: der gute Wille zum freien menschlichen Entschluß. Dazu gehört eben gerade Aktivität des Denkens. Dazu gehört Denkwille. Denkwille ist das, was der heutigen Menschheit am meisten fehlt. Denkwille entwickelt sich auch geographisch sehr gut unter denjenigen Menschen — gestern machte ich darauf aufmerksam: auf die Rassen geben die Seelen nicht mehr viel, sie gehen nach der geographischen Lage —, zu denen die Seelen deshalb kommen, weil sie in die Gebirge hinein wollen. Denkwille entwickelt sich nicht in solchen Gegenden, in denen man «Die drei Zigeuner» dichtet. Das ist ein sehr schönes Gedicht, aber es ist gedichtet in der Ebene. Heute braucht der Mensch nicht Ebenengesinnung, heute braucht der Mensch schon Gebirgsgesinnung. Deshalb könnte aus den schweizerischen Bergen vieles herauskommen, deshalb möchte man hier auch gewisse Grundlagen, einen Ausgangspunkt für etwas haben. Und deshalb scheint es mir wichtig, gerade hier nicht zu schweigen, sondern von den großen Bedürfnissen der Zeit zu reden, solange man kann. Und unsere Freunde hier in der Schweiz rufe ich besonders auf, die Forderung nach der Aufklärung zu verstehen, dafür zu sorgen, daß die Forderungen der Zeit in das Bewußtsein gerade der hiesigen Bewohner übergehen. Je mehr Schweizerköpfe und Schweizerherzen gerade für diese sozialen Ideen gewonnen werden, desto besser wird es für Europa und die Welt sein. Das sage ich insbesondere auch zu den Schweizern. Sie können ja, meine lieben Schweizer unter uns, das Fremde zu einem Schweizerischen machen, dann ist es ein Schweizerisches! Alle diese Unterscheidungen haben ja doch nur einen ephemeren Wert.
[ 31 ] This time, I could only stay until this book was finished; for this book is meant to serve its time. Our friends here will take it over and ensure its distribution in Switzerland, and I hope to be able to return here quite soon to work on this very project, for various reasons. Partly for a reason that is quite misunderstood, especially here in Switzerland. One can already hear from one side or the other: What does this foreigner want here in Switzerland, of all places? He should leave us alone! Our democracy has existed for six hundred years; it is sound, and it is immune to what is happening out there among the wicked Eastern and Central European peoples. I am now convinced that the best could be done today where it can still be done of one’s own free will. If social ideas such as those outlined in my book were to flourish in Russia today, it would be because extreme hardship compels it; and when extreme hardship compels it—just as in Central Europe, just as in Germany—the right impulse is no longer there. The right impulse for precisely these ideas—which aim to bring social salvation to humanity—would exist where they arise out of freedom, on ground where one can say: “The Bolsheviks have not come to us; we still have something of the old ways.” Oh, if, precisely on this ground here—before people’s mouths start watering here as well—an understanding were to develop for cultivating these ideas of one’s own free will, then Switzerland could become the flower of Europe; for its geographical location equips it for this! It is equipped with a vast mission, despite its small size. But it will only be able to fulfill this mission if it accomplishes of its own free will what neither the Eastern nor the Central European states can accomplish of their own free will today—they should have acted sooner—and what the Western states will not do because they lack the necessary aptitude. Here the aptitude exists, here the geographical conditions are in place, here everything is available! All that is needed here is the good will for free human decision-making. This requires, above all, active thinking. It requires the will to think. The will to think is what today’s humanity lacks most of all. The will to think also develops very well geographically among those people—I pointed this out yesterday: souls no longer care much about races; they are drawn to geographical locations—to whom souls are drawn precisely because they want to go into the mountains. The will to think does not develop in regions where poems like “The Three Gypsies” are written. That is a very beautiful poem, but it was composed on the plain. Today, people do not need a plain-minded attitude; today, people need a mountain-minded attitude. That is why much could emerge from the Swiss mountains, and why we would like to have certain foundations here—a starting point for something. And that is why it seems important to me not to remain silent here of all places, but to speak of the great needs of our time while we still can. And I call upon our friends here in Switzerland in particular to understand the call for enlightenment, to ensure that the demands of our time find their way into the consciousness of the local residents in particular. The more Swiss minds and hearts are won over to these social ideas, the better it will be for Europe and the world. I say this especially to the Swiss. After all, my dear Swiss friends among us, you can turn the foreign into something Swiss—and then it becomes Swiss! All these distinctions, after all, have only an ephemeral value.
[ 32 ] Es war mir ein Bedürfnis, Ihnen dieses heute zu sagen, und ich hoffe, daß Sie mich gerade in bezug auf diese Dinge richtig verstanden haben. Ich hoffe, daß der Geist, der diesen Bau erfüllen und umhüllen soll, durch die Gesinnung unserer Mitglieder weiter erhalten bleibe und daß wir uns nach einiger Zeit hier wiederfinden, zusammengehalten durch diesen Geist, der von Anfang an so war, wie er sich jetzt ausleben soll, und der auch nicht anders werden kann; denn er hat von Anfang an das in sich verwirklichen wollen, was in den Forderungen unserer Zeit liegt.
[ 32 ] I felt the need to tell you this today, and I hope that you have understood me correctly, especially with regard to these matters. I hope that the spirit intended to fill and envelop this building will continue to be sustained by the mindset of our members, and that after some time we will find ourselves here again, held together by this spirit—which has been from the very beginning just as it is now meant to manifest itself, and which cannot be otherwise; for from the very beginning it has sought to realize within itself what the demands of our time entail.
[ 33 ] Damit möchte ich für diesmal Abschied nehmen und auf Wiedersehen sagen für kommende Zeiten, die sich allerdings erhoffen lassen, aber man kann ja jetzt natürlich über solche Dinge, wie zum Beispiel Eisenbahnfahrten und so weiter, gar keine Urteile fällen. Sie wissen, es gibt schon recht weite Strecken, in denen der Personenverkehr sogar eingestellt ist. Also diese Dinge können kommen; aber hoffen wir, dass sie überwunden werden können. Dieser Ort hier soll doch eine solche geistige Wichtigkeit haben, daß, wenn es einmal notwendig werden sollte und noch möglich sein würde für mich, auf einem ganz abgezehrten, halbtoten Gaul hierherzureiten, um zu arbeiten, so würde ich auch nicht scheuen, auf einem abgezehrten, halbtoten Gaul hierherzureiten, um zu arbeiten hier. Wie gesagt, aber es können Aufgaben kommen, woanders, die die Zeit verzögern. Es können immerhin Verhältnisse eintreten, die die Zeit verzögern. Trotz alledem aber auf ein Wiedersehen in unserem Geiste, namentlich auch in dem Geiste, den ich heute noch bei diesem letzten diesmaligen Zusammensein ein wenig geschildert und Ihren Herzen dargestellt habe.
[ 33 ] With that, I’d like to take my leave for now and say goodbye until we meet again in the future—a future that, admittedly, gives us reason for hope, though of course we can’t make any judgments right now about things like train travel and so on. As you know, there are already quite long stretches where passenger service has even been suspended. So these things may happen; but let’s hope they can be overcome. This place here is supposed to have such spiritual significance that, if it ever became necessary—and were still possible for me—to ride here on a completely emaciated, half-dead horse to work, I would not hesitate to ride here on an emaciated, half-dead horse to work here. As I said, however, tasks may arise elsewhere that delay my return. Circumstances may indeed arise that delay my return. Despite all this, however, I look forward to seeing you again in our spirit—namely, in the spirit that I have described a little today and presented to your hearts during this final gathering.
