Past and Future Influences on Social Events
GA 190
11 April 1919, Dornach
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Past and Future Influences on Social Events, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] Aus den verschiedenen Besprechungen unserer gegenwärtigen Menschheitsentwickelungsanlage werden Sie gesehen haben, daß von einem gewissen höheren Gesichtspunkte aus über die Gegenwart gesagt werden muß, daß die Menschheit eine sehr bedeutsame Phase ihres Daseins durchschreitet. Wenn ich sage: in der gegenwärtigen Zeit —, muß man sich natürlich bewußt sein, daß diese Gegenwart eine sehr, sehr lange Zeit ist, und wenn wir heute von der Gegenwart sprechen, so sprechen wir im wesentlichen von der Entwickelungszeit der Bewußtseinsseele, in welche die Menschheit, wie wir ja wissen, um die Mitte ungefähr des 15. Jahrhunderts eingetreten ist, und in der sie zweitausend Jahre lang sein wird. Wir wissen, daß diese Zeit der fünfte nachatlantische Zeitraum ist, und wir wissen ferner, daß dieser Zeitraum abgelöst werden wird von einem anderen, in dem eine ganz andere Wesenheit der menschlichen Natur an die Oberfläche dringen wird, als in den verflossenen Zeiträumen da war. Bedenken wir nur einmal, was da eigentlich vorliegt.
[ 1 ] From the various discussions of humanity’s current stage of development, you will have seen that, from a certain higher perspective, it must be said of the present that humanity is passing through a very significant phase of its existence. When I say “in the present time”— one must of course be aware that this “present” is a very, very long period of time, and when we speak of the present today, we are essentially speaking of the period of development of the consciousness soul, into which humanity, as we know, entered around the middle of the 15th century, and in which it will remain for two thousand years. We know that this is the fifth post-Atlantean epoch, and we also know that this epoch will be succeeded by another in which a completely different essence of human nature will come to the surface than was present in the past epochs. Let us just consider for a moment what is actually at stake here.
[ 2 ] Wir gliedern ja die Gesamtentwickelung der Menschheit, ob wir nun längere oder kürzere Zeiträume ins Auge fassen, immer in siebengliedrige Phasen. Wir stehen also jetzt im fünften Zeitraum und wissen, daß im sechsten Zeitraum das Geistselbst in einer gewissen Art von der Menschheit Besitz ergreifen soll, daß unser Zeitraum, wenn er auch im wesentlichen zum Ausdruck bringt die Bewußtseinsseele, der Entwickelung des Ich angehört. Damit sehen Sie schon, daß beim Übergange von dem fünften in den sechsten nachatlantischen Zeitraum der Mensch eine Art Rubikon überschreitet (siehe Zeichnung), der Mensch als ganze Menschheit eintritt in eine Entwickelungsphase, welche hinaufgeht in die höhere Geistigkeit. Das ist eine sehr wichtige, eine bedeutungsvolle Tatsache. Nun ist es immer unzulänglich, wenn man Entwickelungszustände im großen, also zum Beispiel Entwickelungszustände, die die ganze Menschheit betreffen, charakterisiert durch Entwickelungszustände des einzelnen Menschen. Es kommen da leicht bloße Vergleiche zustande. Das, was ich jetzt anführen werde, ist allerdings mehr als ein bloßer Vergleich, aber Sie müssen sich hüten, die Sache pedantisch zu nehmen, Sie müssen die Sache weitherzig nehmen.
[ 2 ] We always divide the overall development of humanity—whether we consider longer or shorter periods of time—into seven distinct phases. We are therefore now in the fifth epoch and know that in the sixth epoch the spiritual self is to take possession of humanity in a certain way, and that our epoch—even though it essentially expresses the consciousness soul—belongs to the development of the “I.” From this you can already see that, in the transition from the fifth to the sixth post-Atlantean epoch, humanity crosses a kind of Rubicon (see diagram); humanity as a whole enters a phase of development that ascends into higher spirituality. This is a very important and significant fact. Now, it is always inadequate to characterize stages of development on a large scale—for example, stages of development that affect all of humanity—by referring to the developmental stages of the individual human being. This can easily lead to mere comparisons. What I am about to mention is, however, more than a mere comparison, but you must be careful not to take the matter too literally; you must take it with an open mind.
[ 3 ] Sie wissen, wenn der Mensch eintritt in diejenige Welt, die wir die übersinnliche nennen, dann hat er dasjenige zu überschreiten, was wir die Schwelle des Hüters nennen. Man kommt hinüber in die übersinnliche Welt durch das Überschreiten dieser Schwelle. Dieses Überschreiten finden Sie in dem kleinen Büchelchen «Die Schwelle der geistigen Welt» von mir geschildert, Wenn Sie dasjenige, was dort’geschildert ist, zusammennehmen mit gewissen Kapiteln der Schrift «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» dann bekommen Sie nach einer gewissen Richtung hin genauere Vorstellungen. Sie wissen, daß jene Zusammenfügung, die in der Menschenseele aus Denken, Fühlen und Wollen besteht, mehr gespalten wird, wenn man die Schwelle überschreitet, daß gewissermaßen das Denken an sich selbständiger wird, das Fühlen an sich selbständiger wird, das Wollen selbständiger wird, während im gewöhnlichen Geistesleben diesseits der Schwelle diese drei Tätigkeiten des Menschen mehr zusammengeschmolzen sind, mehr ineinandergewoben sind.
[ 3 ] You know that when a person enters the world we call the supersensible world, they must cross what we call the threshold of the Guardian. One enters the supersensible world by crossing this threshold. I have described this crossing in my little book *The Threshold of the Spiritual World*. If you combine what is described there with certain chapters of the work *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*, you will gain a clearer understanding in a certain direction. You know that the unity within the human soul—composed of thinking, feeling, and willing—becomes more divided when one crosses the threshold; that, in a sense, thinking becomes more independent in itself, feeling becomes more independent in itself, and willing becomes more independent in itself, whereas in ordinary mental life on this side of the threshold, these three human activities are more fused together, and are more interwoven.
[ 4 ] Also diese zwei Tatsachen wollen wir ganz genau berücksichtigen, daß, wenn man in die übersinnliche Welt eintreten will, man zu überschreiten hat die Schwelle, daß dann gewissermaßen eine Art Spaltung eintritt der drei Haupttätigkeiten des menschlichen Seelenlebens, die selbständig macht Denken, Fühlen und Wollen. Das, was der Mensch so bewußt beim Übergang in die übersinnliche Welt durchmachen kann, das macht, ohne daß es dem einzelnen Menschen bewußt werden müßte, die ganze Menschheit durch in diesem fünften nachatlantischen Zeitraum. In diesem fünften nachatlantischen Zeitraum liegt die Schwelle (siehe Zeichnung), durch die die Gesamtmenschheit durchgehen muß.
[ 4 ] So let us take these two facts very carefully into account: that if one wishes to enter the supersensible world, one must cross the threshold, and that then, in a sense, a kind of division occurs among the three main activities of human soul life—thinking, feeling, and willing—which make them independent. What a person can consciously experience during the transition into the supersensible world is what all of humanity is undergoing in this fifth post-Atlantean epoch, without each individual necessarily being aware of it. In this fifth post-Atlantean epoch lies the threshold (see diagram) that all of humanity must cross.


[ 5 ] Daß die gesamte Menschheit durch diese Schwelle durchgeht, das braucht den einzelnen Menschen so unmittelbar gar nicht zum Bewußtsein zu kommen. Wenn die Menschen zum Beispiel beharren würden bei der Gesinnung, die die Mehrzahl jetzt hat, bei der Ablehnung aller geistigen Erkenntnisse, dann würde zwar die gesamte Menschheit doch im Laufe dieses fünften nachatlantischen Zeitraums durch die Schwelle durchgehen; aber die Menschen würden in ihrer Mehrzahl das nicht bemerken. Jenes gewaltige Ereignis für die Menschen, das ein geistig-seelisches Ereignis ist, und das gekennzeichnet werden kann als der Durchgang durch die Schwelle, es kann den Menschen nur bewußt werden, wenn sie sich einlassen auf diejenigen Erkenntnisse, welche durch die Geisteswissenschaft vermittelt werden. Aber selbst wenn kein Mensch bemerken würde, daß dieser Durchgang der gesamten Menschheit durch die Schwelle stattfindet, daß die Menschheit eigentlich schon jetzt in diesem Durchgang begriffen ist, so würde dasjenige, was dieser Durchgang für die Entwickelung der Menschheit bedeutet, doch wirklich da sein. Daß so etwas ein Ereignis in der Menschheitsentwickelung ist, hängt gar nicht ab davon, ob die Menschen das bemerken oder nicht. Den Menschen kann das Bemerken verlorengehen. Sie können durch ihre Starrköpfigkeit dem Eingange des Wissens von dieser Tatsache ein Hindernis entgegensetzen. Aber daß sich dasjenige, was diese Tatsache bedeutet, in der ganzen menschlichen Entwickelung zum Ausdrucke bringt, das wird dadurch nicht verhindert.
[ 5 ] The fact that all of humanity is passing through this threshold does not need to be immediately apparent to the individual. If, for example, people were to persist in the attitude held by the majority today—the rejection of all spiritual knowledge—then all of humanity would indeed pass through the threshold in the course of this fifth post-Atlantean epoch; but the majority of people would not notice it. That momentous event for humanity—which is a spiritual-soul event and can be described as the crossing of the threshold—can only become conscious to people if they open themselves to the insights conveyed by spiritual science. But even if no one were to notice that this crossing of the threshold by all of humanity is taking place—that humanity is, in fact, already in the midst of this crossing—what this crossing signifies for human development would still truly be there. The fact that such an event is part of human development does not depend at all on whether people notice it or not. People may fail to notice it. Through their stubbornness, they may erect an obstacle to the acquisition of knowledge about this fact. But this does not prevent what this fact signifies from finding expression in the entire course of human development.
[ 6 ] Wenn Sie das zunächst in dieser Abstraktheit nehmen, dann werden Sie sich sagen können: Während dieses unseres fünften nachatlantischen Zeitraums, während der Entwickelung der Bewußtseinsseele, geht mit der Menschheit Bedeutungsvolles, Großartiges vor sich. Und zwar geht mit der Menschheit auch das vor sich, daß eine gewisse Trennung des Gedankenlebens, des Gefühlslebens und des Willenslebens stattfindet. Also bitte, fassen Sie das klar ins Auge. Eine gewisse Trennung, eine Verselbständigung des Gedankenlebens, des Gefühlslebens, des Willenslebens geht mit der Menschheit vor sich im fünften nachatlantischen Zeitraum. Diese drei Gebiete des Seelenlebens der Gesamtmenschheit werden selbständiger. Und das wird die Menschheit der Zukunft unterscheiden von der Menschheit der Vergangenheit, daß die Seele in der Vergangenheit mehr in sich zentralisiert war, während die Seele in der Zukunft sich dreigliedrig fühlen wird. Wenn der Mensch einsam für sich sein wird, wird er ja seine Entwickelung durchmachen können in dem Sinne, wie wir sie angedeutet finden in «Wie er: langt man Erkenntnisse der höheren Welten?»; das geht den einzelnen individuellen Menschen an. Indem aber die Menschen zusammen sind die Menschen sind ja zusammen als Volk, als Staat, im Wirtschaftskreislauf und so weiter —, indem die Menschen miteinander verkehren, ihre gemeinsamen Interessen erkennen und befriedigen, entwickelt sich das, was ich eben charakterisiert habe, entwickelt sich im lebendigen Verkehr der Menschen diese Spaltung des Gesamtseelenlebens in die drei Sphären, weil, wie gesagt, hinter den Kulissen des Daseins die gesamte Menschheit durch eine Entwickelungsphase durchgeht, die man vergleichen kann mit dem Durchgang des einzelnen Menschen durch die Schwelle zur übersinnlichen Welt, mit dem Übergang des einzelnen Menschen durch die Schwelle zur übersinnlichen Welt.
[ 6 ] If you take this at face value for now, you will be able to say to yourself: During this fifth post-Atlantean epoch of ours, during the development of the conscious soul, something significant and magnificent is taking place within humanity. And what is also taking place within humanity is a certain separation of the life of thought, the life of feeling, and the life of will. So please, keep this clearly in mind. A certain separation—a becoming independent—of the life of thought, the life of feeling, and the life of will is taking place within humanity during the fifth post-Atlantean epoch. These three spheres of the soul life of humanity as a whole are becoming more independent. And this is what will distinguish the humanity of the future from the humanity of the past: whereas in the past the soul was more centered within itself, in the future the soul will experience itself as threefold. When a person is alone, they will indeed be able to undergo their development in the sense indicated in *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*; this concerns the individual human being. But when people are together—and people are indeed together as a people, as a state, within the economic cycle, and so on—when people interact with one another, recognize their common interests, and satisfy them, what I have just described develops: in the living interaction of people, this division of the collective soul life into the three spheres develops, because, as I said, behind the scenes of existence, all of humanity is passing through a phase of development that can be compared to the individual human being’s passage through the threshold into the supersensible world, to the individual human being’s transition through the threshold into the supersensible world.
[ 7 ] Nun kann man sagen, daß es in unserer Zeit Menschen durchaus gibt, welche von diesen hinter den Kulissen des Daseins sich abspielenden Ereignissen etwas merken. Nur merken sie es, ich möchte sagen, im negativen Sinne. Ich habe Ihnen öfter den Namen Fritz Mauthner angeführt, der eine «Kritik der Sprache» geschrieben und ein dickes zweibändiges «Wörterbuch der Philosophie» veröffentlicht hat. Nachdem ich Ihnen in der letzten Zeit gerade über die Bedeutung der Sprache im menschlichen Leben etwas Wirkliches gesagt habe, darf es für Sie interessant sein, jetzt sich mit der Frage zu beschäftigen: Wie denkt ein Mensch in der Gegenwart über das eigentliche Seelenleben des Menschen, der seine Aufmerksamkeit, wie Fritz Mauthner, gerade auf die Sprache richtet, der aber keine Ahnung hat von dem Vorhandensein einer Geisteswissenschaft, der nichts ahnt von dem, was Geisteswissenschaft der Menschheit geben kann? Ein solcher Mensch, der ein vollständiger Ignorant in geisteswissenschaftlichen Dingen, aber ein scharfsinniger Kopf ist, der gescheiter ist als unzählige offizielle Gelehrte, wenn er die Aufmerksamkeit darauf wendet, was die menschliche Seele unter der Wirkung der Sprache wird, äußert eigentümliche Wahrnehmungen über die menschliche Entwickelung. Im ganzen, wissen Sie ja, ist die heutige Menschheit noch unendlich stolz auf dasjenige, was sie ihre Wissenschaft nennt. Fritz Mauthner ist gar nicht stolz auf diese Wissenschaft. Er hält von dieser Wissenschaft gar nichts. Denn er glaubt, daß die Menschen, während sie denken eine Wissenschaft zu haben, eigentlich bloß in Worten kramen, daß sie bloß an Worten hängen, und indem sie in Worten denken, in Worten sich verständigen, meinen sie, ein inneres Seelenleben zu haben; während sie im Grunde genommen doch nur in den äußeren Worten sich bewegen. Das hat Fritz Mauthner bewiesen.
[ 7 ] Now, one could say that there are certainly people in our time who are aware of these events unfolding behind the scenes of existence. Only, they are aware of them—I would say—in a negative sense. I have often mentioned the name Fritz Mauthner to you, who wrote a “Critique of Language” and published a thick, two-volume “Dictionary of Philosophy.” Since I have recently spoken to you in earnest about the significance of language in human life, it may be of interest to you to now consider the question: How does a person today think about the actual inner life of the human being—someone who, like Fritz Mauthner, focuses his attention specifically on language, but who has no idea of the existence of spiritual science, who has no inkling of what spiritual science can offer humanity? Such a person—who is completely ignorant of spiritual science but possesses a keen intellect, and who is more intelligent than countless official scholars—expresses peculiar insights into human development when he turns his attention to what becomes of the human soul under the influence of language. All in all, as you know, humanity today is still infinitely proud of what it calls its science. Fritz Mauthner is not at all proud of this science. He thinks absolutely nothing of this “science.” For he believes that while people think they possess a science, they are actually merely rummaging through words, clinging to words; and because they think in words and communicate through words, they imagine they possess an inner spiritual life—whereas, in essence, they are merely moving within the realm of external words. Fritz Mauthner has proven this.
[ 8 ] Nun erinnern Sie sich, daß ich Ihnen neulich gesagt habe: Von dem ganzen Gefüge unserer Sprache verstehen die Toten höchstens dasjenige klar, was wir in Verben, in Zeitwörtern zu ihnen sagen, während sie fast gar nichts merken von dem, was wir wollen, wenn wir zu ihnen sprechen in Substantiven, in Hauptwörtern. Daraus schon können Sie empfinden, welche Bedeutung das Sprechen im wirklichen geistigen Leben des Menschen hat. Und wenn der Mensch nicht loskommen kann mit seinem sogenannten Denken von dem Sprachinhalte, so denkt er eigentlich, wenn er substantivisch denkt, etwas ganz Ungeistiges, etwas, was gar nicht hineindringt in die geistige Welt. Er schnürt sich einfach durch das substantivische Denken von der geistigen Welt ab. Das ist auch in der Gegenwart reichlich der Fall, daß sich die Menschen durch ein gewisses substantivisches Denken von der geistigen Welt abschnüren. Völker, welche schon in die Dekadenz gekommen sind und welche selbst die Verben sehr substantivisch empfinden, wie die Neger, die schnüren sich dadurch vollständig von der geistigen Welt ab.
[ 8 ] Now, remember that I told you the other day: Of the entire structure of our language, the dead clearly understand, at most, what we say to them using verbs—the words that indicate time—while they are almost completely unaware of what we mean when we speak to them using nouns. From this alone you can sense the significance that speech has in the true spiritual life of human beings. And if a person cannot detach their so-called thinking from the content of language, then when they think in terms of nouns, they are actually thinking something entirely non-spiritual—something that does not penetrate the spiritual world at all. Through noun-based thinking, they simply cut themselves off from the spiritual world. This is also very much the case today, that people cut themselves off from the spiritual world through a certain kind of noun-based thinking. Peoples who have already fallen into decadence and who even perceive verbs in a very noun-like way—such as Black people—completely cut themselves off from the spiritual world as a result.
[ 9 ] Indem nun Fritz Mauthner meint, daß in all dem, was die Menschen heute als Wissenschaft haben, eigentlich nichts anderes liegt als eine Art Sich-selbst-Narren durch die Sprache, kommt er zu einer für die Gegenwart höchst merkwürdigen Ansicht über dieses menschliche Seelenleben. Er sagt: die Menschen stehen zunächst der Welt gegenüber. Indem sie der Welt mit ihren Sinnen gegenüberstehen, nehmen sie zunächst nur diejenigen Eindrücke der Welt wahr, welche sie mit Eigenschaftswörtern bezeichnen. Auf das achtet man nicht. Aber es ist eine gute Bemerkung. Wenn Sie einen Vogel fliegen sehen, wenn Sie einen Tisch stehen sehen, so nehmen Sie durch Ihre Sinne eigentlich nur die Eigenschaften, sagen wir, die Farbe des Vogels wahr; Sie nehmen an dem Tisch auch nur die Eigenschaften wahr. Daß Sie außer den Eigenschaften noch einen besonderen Tisch wahrnehmen, daß Sie außer denjenigen Eindrücken, die Sie durch Eigenschaftswörter bezeichnen, noch etwas wahrnehmen, was Sie substantivisch bezeichnen können, das ist ja nur eine Selbsttäuschung, das ist nur eine Illusion. Sinnlich nimmt der Mensch nur die Eigenschaften der Dinge wahr. Aber indem er diese sinnlichen Eigenschaften durch die Adjektiva, durch die Eigenschaftswörter der Sprache ausspricht, lebt er äußerlich sinnlich mit den Dingen. Und solch ein Mensch, wie Fritz Mauthner, frägt sich: Was kann denn da der Mensch, wenn er äußerlich mit den Dingen lebt, eigentlich von den Dingen in sich aufnehmen, wiedergeben von den Dingen? — Er kann nur von den Dingen aufnehmen, meint Fritz Mauthner, dasjenige, was wiedergegeben wird durch die Kunst. Dabei muß man allerdings denken an die Kunst von den primitivsten Stufen der Menschheit an bis hinauf zu demjenigen, was man als die höchste Stufe der Kunst bis heute bezeichnen kann. Wenn der Mensch dasjenige, was er mit den Sinnen wahrnimmt, was er durch Eigenschaftswörter ausdrücken kann, verarbeitet, so entsteht Kunst. Für solche Leute wie Fritz Mauthner, die viel Abergläubisches der Gegenwart abgestreift haben, die vor allen Dingen abgestreift haben den Aberglauben unserer Schule, für die ist das künstlerische Schaffen, zu dem also auch das allerprimitivste künstlerische Schaffen gehört, das einzige, was der Mensch zustande bringt im Schaffen im Verein mit den Dingen. Aber der Mensch ist nicht zufrieden damit, daß er bloß die Eigenschaften der Dinge durch Eigenschaftswörter ausdrückt. Er bildet sich Substantiva, Hauptwörter Aber mit den Hauptwörtern bezeichnet man gar nichts von dem, was in der äußeren Sinnenwelt an den Menschen herantritt. Das macht sich Fritz Mauthner besonders klar und deshalb sagt er auf zweiter Stufe: Wenn der Mensch zu dem illusionären Leben aufsteigt, indem er Substantive bildet, da entsteht in seiner Seele die Mystik. Da glaubt er einzudringen in das Wesen der Dinge und merkt nicht, daß er eigentlich nichts hat in den Substantiven. Auf diesem Gebiete, meint Fritz Mauthner, läßt sich nur träumen. So sagt er zu den Menschen: Wenn ihr wirklich leben wollt, so müßt ihr künstlerisch vorstellen, da wacht ihr eigentlich allein. Wenn ihr keinen Sinn für künstlerische Vorstellungen habt, so wacht ihr eigentlich gar nicht mit euerer Seele, ihr träumt, wenn ihr glaubt, in das Wesen der Dinge eindringen zu können über das bloße künstlerische Gestalten des sinnlichen Eigenschaftsmaterials hinaus. Ihr geratet mit eurer Mystik in die Unwirklichkeit, aber ihr habt an dieser Mystik eine gewisse Befriedigung. Ihr träumt über die Dinge, indem ihr über sie Hauptwörter, Substantive bildet.
[ 9 ] Since Fritz Mauthner believes that everything people today consider to be science is actually nothing more than a kind of self-deception through language, he arrives at a view of human inner life that is highly peculiar to the present day. He says: People initially face the world. Since they face the world with their senses, they initially perceive only those impressions of the world that they describe with adjectives. People don’t pay attention to that. But it is a good observation. When you see a bird flying, when you see a table standing there, you actually perceive through your senses only the qualities—let’s say, the color of the bird; you also perceive only the qualities of the table. That you perceive, in addition to these attributes, a specific table—that you perceive, in addition to the impressions you describe with adjectives, something else that you can designate with a noun—is merely self-deception; it is merely an illusion. Sensually, a person perceives only the properties of things. But by expressing these sensory properties through adjectives—through the descriptive words of language—he lives externally and sensually with things. And a person like Fritz Mauthner asks himself: What, then, can a person—if he lives externally with things—actually take in from things and reproduce from them? — He can only take in from things, says Fritz Mauthner, that which is conveyed through art. In this context, however, one must consider art from the most primitive stages of humanity all the way up to what can be described as the highest level of art to date. When a person processes what they perceive with their senses—what they can express through descriptive words—art emerges. For people like Fritz Mauthner, who have shed much of the superstition of the present day—and who, above all, have shed the superstition of our school—artistic creation, which thus includes even the most primitive forms of artistic expression, is the only thing a person can achieve in creating in harmony with things. But human beings are not satisfied with merely expressing the qualities of things through adjectives. They form nouns. Yet nouns do not denote anything at all of what approaches human beings in the external sensory world. Fritz Mauthner makes this particularly clear to himself, and that is why he says, in the second stage: When a person ascends to an illusory life by forming nouns, mysticism arises in their soul. There they believe they are penetrating the essence of things and do not realize that they actually have nothing in these nouns. In this realm, Fritz Mauthner believes, one can only dream. So he says to people: If you truly want to live, you must imagine artistically; that is where you are truly awake. If you have no sense for artistic imagination, then you are not truly awake with your soul at all; you are dreaming when you believe you can penetrate the essence of things beyond the mere artistic shaping of the material of sensory qualities. Your mysticism leads you into unreality, yet you derive a certain satisfaction from this mysticism. You dream about things by forming nouns out of them.
[ 10 ] Das ist zwar eine vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte blödsinnige Behauptung, aber eine außerordentlich scharfsinnige, für die Gegenwart außerordentlich bedeutsame Behauptung, weil in der Tat, wenn der Mensch bloß diejenigen Eigenschaften ausbildet, die man heute liebt, er in der ganzen substantivischen Welt, in der er mystisch leben kann, nur Traumillusionen erlebt. Die meisten Menschen machen sich das nur nicht klar. So sonderbar dies auch klingt, es ist eine für das Leben der Gegenwart außerordentlich bedeutsame Tatsache: die Menschen arbeiten mit den äußeren sinnlichen Eigenschaften die Dinge, die sie in den Eigenschaftswörtern zum Ausdruck bringen. Sie gestalten diese äußeren Dinge, indem sie ihre Eigenschaften irgendwie verändern. Dann außer dem, daß sie an diesen äußeren Dingen arbeiten, meinetwillen in primitiver Kunst — auch das Handwerk, jegliche Tätigkeit ist eine primitive Kunst —, wenden sich die Leute noch, sagen wir an die Kirche, an die Schule. Da, meinen sie, hören sie etwas über das Wesen der Dinge. Aber da bekommen sie nur eine substantivische Bildung, also etwas, was eigentlich lauter Illusionen sind. Ein Mensch wie Fritz Mauthner hat eine ganz richtige Empfindung dafür. Wenn man über eine Wiese geht, dort die grüne Fläche sieht, in der mannigfaltigsten Weise differenziert, durchspickt mit weißen, blauen, gelben, rötlichen Pflanzenblüten, dann hat man dasjenige, was eigentlich in der sinnlichen Welt das Wirkliche ist. Aber die Menschen glauben darüber noch etwas hinaus zu haben. Wenn sie des Weges gehen, der eine neben dem anderen, und der eine streckt seine Hand aus, pflückt so etwas, was gelb aussieht, so frägt er den anderen: Wie heißt denn diese Pflanze? — Der andere hat vielleicht einmal durch irgendeinen anderen Menschen oder in der Schule gehört, wie diese Pflanze heißt und spricht ein Substantivum aus. Aber diese ganze Tätigkeit ist eine illusorische Tätigkeit, ist eine Traumtätigkeit. Die wirkliche Tätigkeit ist allein das Sehen eines Gelben, eines gestalteten Gelben; was aber darüber in Substantiven gesprochen wird, das ist eine Traumtätigkeit. Diese Traumtätigkeit lieben die Menschen heute, aber sie hat eigentlich keinen Inhalt. Viele Menschen, die unbefriedigt sind mit dem bloßen Hantieren mit den äußeren eigenschaftlichen Eindrücken, hören sich Predigten an, machen Gottesdienste mit. Alles dasjenige aber, was in ihrer Seele durch diese Predigten, durch die Gottesdienste lebt, ist im Grunde genommen nichts weiter als ein Traum, eine Summe von Illusionen, ist nichts Wirkliches. Solche Menschen, die sich genauer befassen mit dem Charakter der Sprache, wie Fritz Mauthner, die merken das und machen die Menschen aufmerksam, daß in dem Augenblicke, wo sie über das Künstlerische oder künstliche Hantieren hinwegkommen, sie sogleich in das Gebiet des mystischen Träumens hineinkommen.
[ 10 ] Although this is a claim that is nonsensical from the standpoint of the humanities, it is an extraordinarily astute one, and one of great significance for the present day, because in fact, if a person develops only those qualities that are valued today, they will experience nothing but dream-like illusions in the entire substantive world in which they can live mystically. Most people simply do not realize this. As strange as this may sound, it is a fact of extraordinary significance for contemporary life: people work with the external, sensory qualities of the things they express through adjectives. They shape these external things by altering their qualities in some way. Then, apart from working on these external things—say, in primitive art (and craftsmanship, too; every activity is a form of primitive art)—people also turn, let’s say, to the church or to school. There, they believe, they learn something about the essence of things. But there they receive only a “substantive” education—that is, something that is actually nothing but illusions. A person like Fritz Mauthner has a very accurate sense of this. When you walk across a meadow, seeing that green expanse, differentiated in the most varied ways, dotted with white, blue, yellow, and reddish flower blossoms, then you have what is actually real in the sensory world. But people believe they have something beyond that. When they walk along the path, one beside the other, and one reaches out his hand to pick something that looks yellow, he asks the other: “What is this plant called?” — The other may have once heard from someone else or in school what this plant is called and utters a noun. But this entire activity is an illusory activity; it is a dreamlike activity. The real activity is solely the seeing of something yellow, a formed yellow; but whatever is said about it in terms of nouns is a dreamlike activity. People today love this dreamlike activity, but it actually has no substance. Many people who are dissatisfied with merely fiddling with external, attribute-based impressions listen to sermons and attend church services. But everything that lives in their souls through these sermons and church services is, at the root of it, nothing more than a dream, a sum of illusions—it is nothing real. People like Fritz Mauthner, who examine the nature of language more closely, realize this and point out to others that the moment they move beyond artistic or artificial manipulation, they immediately enter the realm of mystical dreaming.
[ 11 ] Dann unterscheidet Fritz Mauthner noch eine dritte Stufe im Seelenleben des heutigen Menschen. Diese Stufe nennt er die Wissenschaft. Sie ist heute ganz besonders stolz auf die Idee der Entwickelung, der Evolution. Dasjenige, was sie darstellt, drückt sie vorzugsweise in Verben aus. Aber nun nehmen Sie, was ich Ihnen gesagt habe mit Bezug auf das Erleben der verbalen Tätigkeit, der Tätigkeit der Zeitwörter. Wie viele Menschen erleben denn heute die Zeitwörter eurythmisch? Wie trocken und nüchtern und abstrakt ist dasjenige, was die Menschen in den Zeitwörtern erleben! Der Deutsche sagt: Entwickelung. «Evolution» sagt man, wenn man dasselbe anders ausdrücken will. Aber man hat ja gar nichts von dem Worte Evolution oder Entwickelung, wenn man nicht in der Lage ist, dieses ganze Wort konkret durchzuempfinden, innerlich durchzuleben. Wie viele Menschen denken aber, wenn sie sagen, der gegenwärtige physische Mensch habe sich von niederen Organismen her entwickelt, an einen Zwirnknäuel, der zusammengewickelt ist, und der aufgewickelt wird, der entwickelt wird? Wenn Sie einen Ballen haben, darum einen Faden gewickelt und den abwickeln, so sagen Sie: Sie entwickeln das. Das ist Entwickelung. Da haben Sie diese konkrete Vorstellung. Nehmen Sie nun Ernst Haekkel, wenn er sagt, der Mensch habe sich aus dem Affen entwickelt. Wir wollen nicht über das Substantielle der Sache sprechen. Glauben Sie, daß er daran denkt, daß da ein Zwirnknäuel vorliegt und daß sich da etwas abgewickelt hat, indem aus dem Affen ein Mensch geworden ist? Nicht wahr, so etwas Konkretes liegt ganz gewiß nicht in dem Wort, das ausgesprochen wird, indem man sagt, der Mensch habe sich aus dem Affen entwickelt, sonst müßte man an das Aufwickeln eines Fadens von einem Knäuel denken. Was heißt es, daß man das Wort «entwickelt» ausspricht, aber sich eigentlich nichts darunter vorstellt? Das ist gerade das Merkwürdige, daß die Menschen heute, indem sie wissenschaftlich denken, vorzugsweise verbal sich ausdrücken, zu Verben, zu Zeitwörtern ihre Zuflucht nehmen, daß sie aber bei Zeitwörtern gar nichts mehr denken. Denn würden sie sich sprachlich klarmachen, was sie da eigentlich denken, so würden sie gar nicht mit dem zurechtkommen, was sie in Wirklichkeit denken. Die wissenschaftlichen Begriffe sind eigentlich nichts anderes als wissenschaftliche Gedankenlosigkeiten. Sie können heute die dicksten gelehrten Bücher aufschlagen, insbesondere in der Volkswirtschaftslehre, und können da die Begriffe durchgehen; es sind ebenso viele Gedankenlosigkeiten, als Begriffe darinnen sind.
[ 11 ] Fritz Mauthner then distinguishes a third stage in the inner life of modern human beings. He calls this stage “science.” Today, science takes particular pride in the idea of development, of evolution. It expresses what it represents primarily through verbs. But now consider what I have told you regarding the experience of verbal activity—the activity of verbs. How many people today experience verbs in a eurythmic way? How dry, sober, and abstract is what people experience in verbs! The German says: “Entwicklung.” “Evolution” is used when one wants to express the same thing differently. But the words “evolution” or “Entwicklung” are of no use at all if one is not able to feel the entire word concretely, to live it through inwardly. Yet how many people, when they say that the present physical human being has evolved from lower organisms, think of a ball of thread that is wound up and then unwound—that is, “developed”? If you have a ball of thread, have wound a thread around it, and then unwind it, you say: You are developing it. That is development. There you have this concrete idea. Now take Ernst Haeckel, when he says that humans evolved from apes. We do not want to discuss the substance of the matter. Do you think he has in mind that there is a ball of thread and that something has been unwound, in that a human being has emerged from an ape? Surely, nothing so concrete is contained in the words spoken when one says that humans evolved from apes; otherwise, one would have to think of unwinding a thread from a ball. What does it mean to utter the word “evolved” without actually imagining anything by it? That is precisely what is strange: that people today, in thinking scientifically, express themselves primarily verbally, taking refuge in verbs—in time-related words—yet no longer think anything at all when using those verbs. For if they were to clarify for themselves linguistically what they are actually thinking, they would not be able to come to terms with what they are really thinking. Scientific concepts are actually nothing more than scientific thoughtlessness. You can open the thickest scholarly books today—especially in economics—and go through the concepts; there are just as many instances of thoughtlessness as there are concepts within them.


[ 12 ] Nun kann :so jemand wie Fritz Mauthner, der keine Ahnung hat von Geisteswissenschaft, natürlich nicht die Gründe der Gedankenlosigkeit einsehen, die wir jetzt einsehen, nachdem wir neulich die Dinge besprochen haben, die mit der Sprache zusammenhängen. Aber Fritz Mauthner fühlt, daß eigentlich, indem die Leute heute wissenschaftlich reden, infolge der Grenzen des sprachlichen Denkens dieses wissenschaftliche Reden nichts weiter ist als eine Gedankenlosigkeit. Es ist immerhin eine harte Tatsache, wenn man zugestehen muß: auf den untersten Schulstufen, wo ja schon reichlich gesündigt wird den Kindern gegenüber, da macht es das kindliche Gemüt notwendig, weil es noch etwas Sinnliches haben will, daß man ihm irgend etwas an konkreten Gedanken noch gibt. Treten aber dann die Leute ins Gymnasium ein, oder werden sie «höhere Töchter», dann kann man ihnen schon mehr zumuten an Gedankenlosigkeit, dann hört schon der Inhalt des Begrifflichen auf. Und kommt man gar auf die Universität hinauf, dann ist der Gipfel der Gedankenlosigkeit dasjenige, was da als Wissenschaft tradiert wird, denn wie Wirklichkeit sind heute nur die Hantierungen, das Künstliche, was man aus dem Laboratorium, was man aus dem Seziersaal und so weiter hinausträgt, das Technische, das Künstliche. Dasjenige aber, was gedacht wird — ich spreche einen Unsinn, indem ich sage: was gedacht wird, denn es wird eben nichts gedacht, es wird Gedankenlosigkeit kultiviert —, dasjenige, was gedacht wird, ist nichts Gedachtes, ist Gedankenlosigkeit.
[ 12 ] Now, of course, someone like Fritz Mauthner, who has no understanding of the humanities, cannot grasp the reasons for the thoughtlessness that we now recognize, having recently discussed matters related to language. But Fritz Mauthner senses that, in fact, when people speak scientifically today, due to the limitations of linguistic thought, this scientific discourse is nothing more than thoughtlessness. It is, after all, a harsh reality that one must admit: at the lowest levels of schooling—where, as it is, children are already subjected to plenty of wrongdoing—the child’s mind, because it still craves something sensory, necessitates that one still provide it with some concrete thoughts. But once people enter high school, or become “daughters of the upper classes,” one can expect more thoughtlessness from them, and the content of conceptual thinking comes to an end. And when one even reaches the university level, the pinnacle of thoughtlessness is what is passed down there as “science,” for what is regarded as reality today consists solely of manipulations, the artificial—what is carried out of the laboratory, the dissection room, and so on—the technical, the artificial. But that which is thought—I’m talking nonsense when I say “that which is thought,” because nothing is actually thought; thoughtlessness is cultivated—that which is thought is not something thought, it is thoughtlessness.
[ 13 ] So etwas fühlt Fritz Mauthner. Deshalb stellt er diese Skala von drei Stufen auf: Erstens die Kunst; zweitens die Mystik, die aber ein Träumen ist, und drittens die Wissenschaft, von der er sagt, daß sie in Wirklichkeit eine Docta ignorantia, eine gelehrte Unwissenheit ist. So etwas von einem solchen Manne ausgesprochen, muß man wie ein Geständnis eines repräsentativen Menschen der Gegenwart nehmen. So etwas sagt eben ein Mensch, der jenen Aberglauben abgestreift hat, unter dem die meisten Menschen heute leben, der namentlich durch die Betrachtung der Sprache darauf gekommen ist, welche Leerheit sich ergießt über die heutige Menschheit, indem auf der Höhe der Bildung angebliche Gedanken gelehrt werden, die aber nur die Gedankenlosigkeit sind. Und diese Gedankenlosigkeit, die ergießt wortklappernd sich dann hinein in die populäre Literatur und wird endlich der furchtbare Wortsumpf in der Journalistik, von der sich die meisten Menschen heute geistig nähren.
[ 13 ] This is how Fritz Mauthner feels. That is why he establishes this three-tiered scale: first, art; second, mysticism—which, however, is a form of dreaming; and third, science, which he says is in reality a *docta ignorantia*, a learned ignorance. When such words are spoken by a man like this, one must take them as a confession from a representative figure of the present. This is precisely the kind of thing said by a person who has cast off the superstition under which most people live today—a person who, notably through his study of language, has come to realize the emptiness that pours over humanity today, as so-called thoughts are taught at the highest levels of education, thoughts that are in fact nothing but thoughtlessness. And this thoughtlessness, clattering with words, then pours into popular literature and ultimately becomes the dreadful quagmire of words in journalism, from which most people today draw their intellectual sustenance.
[ 14 ] Wenn Sie dies bedenken, wie ich es Ihnen vorgeführt habe an einem repräsentativen Menschen der Gegenwart, der keine Ahnung hat von der Geisteswissenschaft, und wenn Sie bedenken, daß ebenso wie ich Fritz Mauthner als ein Beispiel genommen habe, ich manche andere Persönlichkeit der Gegenwart anführen könnte, die nur nicht so präzise die Sache zum Ausdrucke bringt, nicht so borniert systematisch, und wenn Sie vorurteilslos dazunehmen die Gespräche, die die heutigen Menschen untereinander führen, vom gewöhnlichen Kaffeeklatsch bis in die Stände-, Bundes-, Reichstäglichen Versammlungen hinauf, bis in die Duma hinauf, so ist da vorhanden ein Zusammenschallen von Sprachlauten, Worten und Gedankenlosigkeit, dieses Zusammenschallen durchsetzend.
[ 14 ] If you consider this, as I have demonstrated to you using a representative figure of our time who has no idea about spiritual science, and if you consider that just as I have taken Fritz Mauthner as an example, I could cite many other contemporary figures who simply do not express the matter as precisely, not in such a narrow-minded, systematic way, and if you consider, without prejudice, the conversations that people today have with one another—from ordinary coffee-table chatter all the way up to the assemblies of the estates, the federal parliament, and the Reichstag, right up to the Duma—there is a clamour of speech sounds, words, and thoughtlessness, a clamour that permeates it all.
[ 15 ] Damit charakterisiert man aber den wirklichen Tatbestand desjenigen, was man heute Kultur nennen muß, wenn man von ihm redet, damit charakterisiert man diejenige Welt, die man heute Kulturwelt nennen muß, wenn man sie nicht beleidigen will, indem man sie anspricht. Ich habe Ihnen nichts weiter geschildert als Tatsachen, die eben einfach bestehen. Und des Geisteswissenschafters Aufgabe ist es, diesen Bestand unbefangen, mutig zu durchschauen, ohne Selbstillusion. Und Sie sehen, Leute, die außerhalb der Geisteswissenschaft stehen, kommen schon darauf, daß es ein furchtbarer Aberglaube ist, die Wissenschaft, wie sie heute herrscht, für etwas zu halten — daß sie eine Docta ignorantia ist. Und das ist sie geworden nach und nach. Seit Nikolaus der Cusaner sie im 15. Jahrhundert bezeichnet hat mit dem Worte «docta ignorantia», ist unsere Wissenschaft immer mehr und mehr dazu geworden. Tröpfe könnten jetzt allerdings kommen und sagen: Was redest du denn da? Du hast uns doch so oft gesagt, daß die Gegenwart großartige Triumphe in bezug auf die Naturwissenschaft erreicht hat, und daß du gerade diese Triumphe der Naturwissenschaft voll anerkennen willst! Ja, meine lieben Freunde, aber die Natur ist dasjenige, was keine Gedanken in sich enthält! kann gerade im Zeitalter der Gedankenlosigkeit am allergrößten wer It! Die Naturwissenschaft kann gerade im Zeitalter der Gedankenlosigkeit am aller größten werden, weil man keine Gedanken, sondern nur äußere Formelworte braucht, um die naturwissenschaftlichen Tatsachen zusammenzuhalten. Gerade dem Umstande verdankt die Naturwissenschaft ihre Größe, daß sie, um rechte Naturwissenschaft zu sein, gedankenlos sein darf und sein soll sogar. Aber worauf ich Sie vor allen Dingen aufmerksam machen wollte, das ist, daß schon in der Gegenwart bemerkt wird, wie die Menschheit durch etwas durchgeht, was ihr das innere Seelenleben zu einem Träumen und die eigentliche Wissenschaft zu einem Schlafen macht, zu einer Ignorantia. Das ist auch das Wohlige, das die Menschen heute an der Wissenschaft und am wissenschaftlichen Denken empfinden, daß sich darinnen seelisch so wohlig schlafen läßt. Man glaubt gar nicht, wie stark die heutige Menschheit schläft, indem sie etwas zu wissen glaubt, wie sie überall autoritätsgläubig bis zum Exzeß ist gegenüber dem, was sie Wissenschaft nennt, und was ihr als Wissenschaft gegeben wird, wie sie aber nirgends aus ihrem tiefen Schlaf heraus diese Wissenschaft auf die wirkliche Umgebung anwenden kann. Ja, sie sieht es als eine Phantasterei an, wenn «Wissenschaftliches» auf das äußere Leben angewendet wird.
[ 15 ] But this is how one characterizes the true nature of what one must today call “culture” when speaking of it; this is how one characterizes the world that one must today call the “cultural world” if one does not wish to offend it by addressing it. I have described to you nothing more than facts that simply exist. And it is the task of the scholar of the humanities to see through this reality impartially and courageously, without self-delusion. And you see, people who stand outside the humanities are already coming to realize that it is a terrible superstition to regard science, as it prevails today, as anything at all—that it is a “docta ignorantia.” And that is what it has gradually become. Ever since Nicholas of Cusa described it in the 15th century with the term “docta ignorantia,” our science has increasingly become just that. Of course, some fools might now come along and say: “What are you talking about? You’ve told us so often that the present age has achieved magnificent triumphs in the natural sciences, and that you want to fully acknowledge precisely these triumphs of the natural sciences!” Yes, my dear friends, but nature is that which contains no thoughts within itself! It can achieve its greatest potential precisely in the age of thoughtlessness! Natural science can achieve its greatest potential precisely in the age of thoughtlessness, because one needs no thoughts, but only external formulaic words, to hold the scientific facts together. It is precisely to this circumstance that natural science owes its greatness: that, in order to be true natural science, it may—and indeed must—be thoughtless. But what I wanted to draw your attention to above all else is that even in the present, it is evident how humanity is going through a phase that turns its inner spiritual life into a dream and true science into a slumber—into a state of ignorance. This is also the comfort that people today find in science and scientific thinking: that it allows them to sleep so comfortably in their souls. You would not believe how deeply humanity today is asleep, believing it knows something, how it is everywhere excessively deferential to authority regarding what it calls science and what is presented to it as science, yet how it is nowhere able to apply this science to the real world while still in its deep slumber. Indeed, it regards it as mere fantasy when “scientific” concepts are applied to external life.
[ 16 ] Stellen Sie einmal in einer Bibliothek — sie müßte sehr groß sein — alle gelehrten psychiatrischen Werke, alle Werke über Irrenkunde zusammen, da hätte man im Sinne der heutigen Zeit vieles Scharfsinnige beisammen. Aber man muß doch auch annehmen, daß die Psychiater, die sich fachlich mit den Dingen beschäftigen, das kennen, was in den Büchern steht; wenigstens der Hauptsache nach müßten sie es kennen, und sie kennen es auch, aber eben schlafend. Denn wenn es zum Beispiel darauf ankommt, das Leben zu betrachten, einzusehen, daß ein Mensch, der jahrelang über einen großen Teil Europas hin die Ereignisse beherrscht, wirklich wahnsinnig war und ist, dann nützt den Leuten ihre Wissenschaft der Psychiatrie nichts, denn sie kommen nicht darauf, ihre Wissenschaft anzuwenden auf das wirkliche Leben.
[ 16 ] If you were to gather together in a library—it would have to be very large—all the scholarly works on psychiatry, all the works on the study of the insane, you would find a great deal of insightful material there, in keeping with the spirit of our times. But one must also assume that psychiatrists who deal with these matters professionally are familiar with what is written in the books; at least in the main, they ought to be familiar with it, and they are—but it lies dormant within them. For when it comes, for example, to examining life and realizing that a person who for years has dominated events across a large part of Europe was and is truly insane, then their knowledge of psychiatry is of no use to them, because they fail to apply their science to real life.
[ 17 ] Diese Dinge waren nicht immer so in der Menschheitsentwickelung. Wenn wir zurückgehen in andere Zeiträume, so war das nicht in demselben Maße vorhanden. Und je weiter wir zurückgehen, in desto geringerem Maße war es vorhanden. Als die Menschen das alte atavistische Hellsehen noch hatten, da waren ihre Träume nicht Träume in dem heutigen Sinn, sondern da hatten ihre Träume einen seelischen Inhalt, in dem sie etwas Reales wahrnahmen. Und menschliche Angelegenheiten erforschten die Leute eben gerade aus dem Schlafe heraus. Aber heute ist es so geworden, daß die Menschen, wenn sie Menschen bleiben wollen, eine andere Erkenntnis sammeln müssen, als diejenige ist, vor die sie Fritz Mauthner als eine Docta ignorantia oder als eine träumerische Mystik gestellt findet. Die Menschen müssen aufwachen, und sie können nur aufwachen durch geisteswissenschaftliches Erkennen. Deshalb nenne ich aber dasjenige, was eintreten muß, ein Aufwachen. Dieses Aufwachen muß etwas sehr Reales, etwas in das Leben sehr, sehr Eingreifendes werden. Die Menschen sprechen heute und denken in der Sprache. Das haben wir ja charakterisiert. Daher glauben sie, auch Gedanken zu haben. Aber in Wirklichkeit sind diese Gedanken nicht da. Denn, was sind für den heutigen Menschen Gedanken, wenn er sie wirklich als Gedanken faßt? Sie sind gar nicht eigentlich Reales, sie sind Spiegelbilder von einem Realen. Und selbst wenn sich der heutige Mensch, ja, gerade dann, wenn er sich zu wirklichen Gedanken aufschwingt, ein wirkliches Ideenleben anstrebt, so muß er sich dessen bewußt sein, daß diese Ideen Schattenbilder einer Wirklichkeit, nicht selbst eine Wirklichkeit sind.
[ 17 ] These things were not always this way in human evolution. If we go back to other periods, they were not present to the same extent. And the further back we go, the less prevalent it was. When people still possessed the ancient, atavistic gift of clairvoyance, their dreams were not dreams in the modern sense; rather, their dreams had a spiritual content in which they perceived something real. And people explored human affairs precisely through their sleep. But today it has come to pass that if people wish to remain human, they must acquire a different kind of knowledge than that which Fritz Mauthner finds them confronted with—a “docta ignorantia” or a dreamy mysticism. People must awaken, and they can only awaken through spiritual scientific knowledge. That is why I call what must take place an “awakening.” This awakening must become something very real, something that intervenes very, very deeply in life. People today speak and think in language. We have already characterized this. Therefore, they believe they also have thoughts. But in reality, these thoughts are not there. For what are thoughts for modern people when they truly grasp them as thoughts? They are not actually real at all; they are reflections of something real. And even when modern people—indeed, precisely when they rise to genuine thoughts and strive for a genuine life of ideas—they must be aware that these ideas are shadows of a reality, not a reality in themselves.
[ 18 ] Ich habe Ihnen neulich ein Kapitel Hegel vorgeführt. Ich habe Ihnen gesagt, es wird Ihnen schwierig sein, weil Hegel sich immer in Gedanken bewegt. Das ist ja für die heutigen Menschen so furchtbar schwierig, sich in Gedanken zu bewegen. Man wird sogar anstößig, höchst anstößig, wenn man in Gedanken sich bewegt. Als von mir begonnen worden ist, in Berlin zunächst, über Anthroposophie zu sprechen, da kamen allerlei Leute aus den verschiedensten Richtungen des sogenannten Geisteslebens und wollten nun auch einmal sehen, was es denn da gibt; Leute, die im Spiritismus gestanden haben, die versucht haben, durch allerlei fragwürdige mediale Dinge etwas von der geistigen Welt zu erfahren, Leute, die mancherlei über die geistige Welt geträumt haben, sie kamen halt heran. Und da stellte es sich oftmals heraus, daß gerade solche Leute, namentlich wenn sie selber etwas medial waren, regelmäßig bei meinen Vorträgen einschliefen. Man konnte da manchen gesund schlafen sehen. Dann blieben sie wieder aus. Und einige von ihnen sagten, sie dürften nicht mehr zu diesen Vorträgen gehen, denn die Geister hätten ihnen gesagt, da würde mit Ideen, mit Gedanken gearbeitet, und da dürften sie nicht dazu gehen. Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Dame, welche — sie schien unpäßlich geworden zu sein — mit einer gewissen Schnelligkeit zur Türe hinauslief, aber kaum daß sie draußen war, legt sie sich der Länge nach hin. Diesen Eindruck hatte das Geben von Gedanken auf sie gemacht. Die Leute sind heute im allgemeinen auf Gedanken wirklich nicht eingeschult, weil sie das Sich-Bewegen in den Projektionen der Sprache lieber für Gedanken halten. Aber gerade dann, wenn man sich auf das Denken einläßt, merkt man, daß man in unserem heutigen fünften nachatlantischen Zeitraum, indem man wirklich denkt, das heißt in Gedanken lebt, Schattenbilder von etwas hat, man merkt, wenn man den Charakter des Gedankenlebens richtig auffaßt, da bewegt sich die Seele gewissermaßen auf der Fläche der Gedanken, und dahinter ist etwas, was im Unbewußten bleibt. Da ist die Seele. Aber sie sieht etwas, was sie gewissermaßen vorausschickt als die Schattenbilder dessen, in dem sie lebt. Da muß aber die Seele hinein in das, worin sie wirklich lebt. Sie muß die Schattenbilder, Gedanken, Ideen auffassen und muß sie hineintragen in etwas, was dem Menschen heute noch vielfach unbewußt bleibt. Wodurch kann sie das? Sie kann das nur dadurch, daß aufgenommen wird in das Gedankenleben dasjenige, worüber wir uns, wenn wir es aufnehmen, keinerlei Täuschung hingeben können: das ist. der Denkwille, die Empfindung des Wollens, indem wir denken — die Empfindung, daß wir dabei sind, indem wir denken —, daß wir wirklich mit dem einen Gedanken zu dem anderen überleiten, daß wir immer ein anschauliches Bild unterliegend haben, indem wir denken. Das lieben die Menschen heute nicht. Die Menschen sitzen, gehen, stehen heute und ihre Gedanken spielen durch den Kopf dasjenige, was ich eben jetzt charakterisiert habe, was eigentlich Gedankenlosigkeit ist, aber es spielt durch den Kopf. Die Menschen überlassen sich diesen sogenannten Gedanken, sie geben sich passiv hin, nehmen auch jeden sogenannten Gedanken an, der ihnen durch den Kopf rollt. Und die Folge davon ist, daß der Gedankenwille, das Willkürliche, das aktiv Arbeitende im Gedanken, daß das heute in den Menschenseelen zu dem Allerseltensten gehört.
[ 18 ] I recently presented a chapter on Hegel to you. I told you it would be difficult for you because Hegel always moves within the realm of thought. It is, after all, so terribly difficult for people today to move within the realm of thought. It’s even considered offensive—highly offensive—to engage in abstract thought. When I first began speaking about anthroposophy, initially in Berlin, all sorts of people from the most diverse strands of so-called spiritual life came to see what it was all about; people who had been involved in spiritualism, who had tried to learn something about the spiritual world through all sorts of questionable mediumistic practices, people who had dreamed all manner of things about the spiritual world—they simply came along. And it often turned out that precisely such people, especially if they themselves had some mediumistic abilities, would regularly fall asleep during my lectures. You could see quite a few of them sleeping soundly. Then they stopped coming. And some of them said they were no longer allowed to attend these lectures, because the spirits had told them that ideas and thoughts were being worked with there, and they weren’t supposed to go. I still vividly remember a lady who—she seemed to have become unwell—ran out the door rather quickly, but no sooner was she outside than she lay down flat on her back. That was the effect the sharing of thoughts had had on her. People today are generally not really trained in thinking, because they prefer to regard moving through the projections of language as thinking. But precisely when one engages in thinking, one realizes that in our present fifth post-Atlantean epoch, by truly thinking—that is, by living in thoughts—one has shadow images of something; one realizes that when one correctly grasps the nature of the life of thought, the soul moves, as it were, on the surface of thoughts, and behind that lies something that remains in the unconscious. There is the soul. But it sees something that it, so to speak, sends ahead as the shadows of that in which it lives. Yet the soul must enter into that in which it truly lives. It must grasp the shadows—thoughts, ideas—and carry them into something that remains largely unconscious to people today. How can it do this? It can do so only by incorporating into the life of thought that which, when we take it in, leaves no room for any illusion: that is the will to think, the sensation of willing as we think—the sensation that we are actively engaged in the act of thinking—that we are truly moving from one thought to the next, that we always have a vivid image underlying our thinking. People today do not appreciate this. People today sit, walk, and stand, and their thoughts run through their minds—what I have just described, which is actually thoughtlessness, but it runs through their minds. People abandon themselves to these so-called thoughts; they surrender to them passively, accepting every so-called thought that rolls through their minds. And the result of this is that the will to think—the arbitrary, active force at work in thought—has become one of the rarest things in people’s souls today.
[ 19 ] Der Mensch, der sich heute für den tonangebenden hält, der will sich überhaupt am wenigsten gerne hinsetzen und aus seinem Willen heraus tätig werden. Rasch greift er nach der Zeitung, damit von außen seine Gedanken abgerollt werden, oder nach einem Buch, um ja nicht im Inneren die Aktivität zu entwickeln, die nun wirklich zum aktiven Denken führt. Mit Bezug auf dieses aktive Denken lebt die heutige Menschheit in einer — man kann es nicht anders nennen — sozialen Faulheit.
[ 19 ] The person who considers himself the trendsetter today is the one least willing to sit down and act out of his own will. He quickly reaches for the newspaper so that his thoughts are fed to him from the outside, or for a book, so as not to develop within himself the activity that truly leads to active thinking. With regard to this active thinking, humanity today lives in a state of—one can’t call it anything else—social laziness.
[ 20 ] Das alles gibt die wirkliche Gestalt jenes Überganges, den ein Mensch wie Fritz Mauthner fühlt, indem er so etwas ausspricht, wie ich es Ihnen vorhin charakterisiert habe. Das alles aber sind Begleiterscheinungen des Durchganges durch die Schwelle von seiten der ganzen Menschheit. Durch den ernsten Hüter, an dem ernsten Hüter vorbei muß die ganze Menschheit in diesem fünften nachatlantischen Zeitalter. Und zum Bewußtsein sollte es kommen gerade im Zeitalter der Bewußtseinsseelen-Entwickelung, daß die Menschheit durch dieses Stadium ihrer Entwickelung durchgeht. Da muß aber eine Art von Spaltung des Seelenlebens eintreten. Dasjenige, was früher als Einheit zentralisiert war, muß in eine Dreiheit auseinandergespalten werden, und jedes einzelne Glied muß für sich zentralisiert werden. Das kann nur geschehen — weil es um die Menschheit sich handelt in ihrem Zusammenleben, nicht um den einzelnen Menschen —, wenn äußere Anhaltspunkte da sind, an denen sich diese Tendenz zu der inneren Dreigliederung fortentwickeln kann. Diese äußeren Anhaltspunkte müssen nun da sein in dem sozialen Organismus, in dem der Mensch drinnen lebt. Das ist durchaus nicht ein beliebig aufgebrachtes Aperçu, daß heute gesprochen werden muß von dem dreigliedrigen sozialen Organismus. Das ist dasjenige, was aus den Zeichen der Zeit heraus der Menschheit klargemacht werden muß, aus jenen Zeichen der Zeit heraus, die sich ergeben, wenn man bedenkt, daß die Menschheit vorbeigehen muß an dem ernsten Hüter der Schwelle. Und wenn Sie nach einer inneren Charakteristik suchen der Gründe, warum im sozialen Organismus die Dreigliederung eintreten muß, dann bitte lesen Sie noch einmal nach jenes Kapitel in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», das vom Hüter der Schwelle handelt. Da steht von einem anderen Gesichtspunkte aus schon alles darinnen.
[ 20 ] All of this reveals the true nature of the transition that a person like Fritz Mauthner experiences when he expresses something such as what I described to you earlier. But all of this is merely a side effect of humanity’s passage through the threshold. In this fifth post-Atlantean epoch, all of humanity must pass through the serious guardian, past the serious guardian. And it should become clear, precisely in the epoch of the development of the consciousness soul, that humanity is passing through this stage of its development. But a kind of division of the soul life must occur. That which was previously centralized as a unity must be split into a trinity, and each individual member must be centralized in its own right. This can only happen—because we are dealing with humanity in its collective life, not with the individual human being—if there are external points of reference against which this tendency toward inner threefolding can develop. These external points of reference must now be present in the social organism in which human beings live. This is by no means a random insight that we must speak today of the threefold social organism. This is precisely what must be made clear to humanity from the signs of the times—from those signs of the times that arise when one considers that humanity must pass before the solemn Guardian of the Threshold. And if you are looking for an inner characterization of the reasons why the threefold structure must take shape within the social organism, then please read once more that chapter in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* that deals with the Guardian of the Threshold. Everything is already set forth there from a different perspective.
[ 21 ] Sie sehen daraus, daß, indem man Geisteswissenschaft studiert, man die wichtigsten Impulse der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung studiert, daß hingedeutet wird durch die Geisteswissenschaft von den verschiedensten Gesichtspunkten aus auf die intensivst wirkenden Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart. Und indem in jenem Kapitel von dem Hüter der Schwelle in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» hingewiesen wird auf die Spaltung der Menschenseele in die drei Glieder Denken und Fühlen und Wollen, wird zu gleicher Zeit für die ganze Menschheit herausgefordert das Denken an den dreigliedrigen sozialen Organismus.
[ 21 ] You can see from this that by studying spiritual science, one studies the most important impulses of humanity’s present development; spiritual science points, from a wide variety of perspectives, to the most intensely active necessities of life in the present. And when that chapter on the Guardian of the Threshold in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* points to the division of the human soul into its three members—thinking, feeling, and willing—it simultaneously challenges all of humanity to consider the threefold social organism.
[ 22 ] So hängen die Dinge zusammen. Betrachten Sie den Einzelmenschen, der die Schwelle zur übersinnlichen Welt überschreitet, so können Sie sich sagen: Dieser Mensch erlebt in sich die Spaltung in ein Gedankenleben, in ein Gefühlsleben, in ein Willensleben. Betrachten Sie die heutige Menschheit, die, indem sie den fünften nachatlantischen Zeitraum durchmacht, hinter den Kulissen des geschichtlichen Werdens die Schwelle überschreitet, dann müssen Sie sagen: Diese Menschheit muß ihr Gedankenleben in einem selbständigen Geistesorganismus finden; ihr Gefühlsleben, das heißt die Verhältnisse der Gefühle, die zwischen Mensch und Mensch spielen, in dem selbständigen Rechtsorganismus; das Willensleben in dem Wirtschaftskreislauf, Wirtschaftsorganismus.
[ 22 ] This is how things are connected. Consider the individual who crosses the threshold into the supersensible world; you can say to yourself: This person experiences within themselves a division into a life of thought, a life of feeling, and a life of will. Consider humanity today, which, as it passes through the fifth post-Atlantean epoch, is crossing the threshold behind the scenes of historical development; then you must say: Humanity must find its life of thought in an independent spiritual organism; its life of feeling—that is, the relationships of feeling that play out between one person and another—in the independent legal organism; and its life of will in the economic cycle, the economic organism.
[ 23 ] Wenn Sie diese Dinge so betrachten, werden Sie die richtigen Grundlagen, die tieferen Grundlagen haben für die Notwendigkeit dessen, was mit dem dreigliedrigen sozialen Organismus gegeben ist. Dann werden Sie aber auch über das bloße Wortgeplärr hinauskommen, das die Gegenwart vielfach beherrscht. Dann werden Sie einsehen, daß man gegenwärtig nicht streiten sollte in Worten, sondern gerade einsehen sollte, daß die Worte erst dann ihr Gewicht erhalten und auf Gedanken hinweisen, wenn man sie in die richtige Richtung bringt, wenn man zum Beispiel bedenkt, daß alles dasjenige, was sich als Gedankenleben im Geistorganismus der Menschheit entwickeln muß, die Pflege der individuellen Fähigkeiten der Menschen ist, daß herrschen muß im Geistorganismus Individualismus, im Rechts- oder Staatsorganismus, weil dieser mit dem zu tun hat, was jeder Mensch zu jedem Menschen als Verhältnis entwickelt, die Demokratie; und auf dem Gebiete der Wirtschaft das assoziative Leben, das zusammenfaßt die Berufsgenossen oder die Genossenschaften, welche auch durch die Verbindung von Produktion mit Konsumtion entstehen, daß mit anderen Worten herrschen muß auf dem Gebiet des Wirtschaftsorganismus der Sozialismus. Aber getrennt für die drei selbständigen Glieder müssen die Dinge auftreten.
[ 23 ] If you look at these things in this way, you will have the right foundations—the deeper foundations—for understanding the necessity of the threefold social organism. Then, however, you will also move beyond the mere clamor of words that so often dominates the present. Then you will realize that at present one should not argue with words, but rather recognize that words only gain their weight and point to thoughts when they are directed in the right direction—when, for example, one considers that everything that must develop as a life of thought within humanity’s spiritual organism is the cultivation of people’s individual abilities; that individualism must prevail in the spiritual organism, in the legal or state organism—because this has to do with the relationships each person develops with every other person—democracy must prevail; and in the realm of the economic organism, associative life must prevail—which encompasses professional associations or cooperatives, which also arise through the connection of production with consumption—in other words, socialism must prevail in the realm of the economic organism. But these three independent spheres must function separately.
[ 24 ] Jetzt leben wir noch in einer Zeit, in der Ahriman Ball spielt mit den Menschen, indem er sie in Illusionen wiegt über dasjenige, was eigentlich geschehen soll. So läßt er sie wie in alten Zeiten Willensorganismus und Gefühlsorganismus vermischen, nämlich Sozialismus und Demokratie, und läßt sie sagen: Wir streben Sozialdemokratie an. Dabei wird das individualistische Moment ganz ausgelassen, weil man ja Gedanken nicht liebt. Denn sonst müßte man sagen: Es muß angestrebt werden Individual-Sozial-Demokratie, was aufheben würde die wichtigsten Vorstellungen, die die programmäßige Sozialdemokratie heute hat. In der Konfusion, die im Zusammenspannen von Sozialismus und Demokratie in der Sozialdemokratie ist, sehen Sie ein Geschäft, das Ahriman treibt mit den Menschen. Sie sehen aber darin zugleich, wie man fühlen muß, daß aus dem Ballspiel, das Ahriman mit den Menschen treibt, das Richtige herausentwickelt werden muß. Und den Ernst dieses Richtigen wird man nur fühlen, wenn man den Durchgang an der Schwelle in der fünften nachatlantischen Zeit ins Auge faßt und weiß, daß ja eintreten muß, weil die ganze Menschheit im sozialen Organismus drinnen lebt, eine Dreigliederung des sozialen Organismus, so wahr wie beim Übergang des einzelnen Menschen über die Schwelle eine Dreigliederung seines seelischen Lebens eintreten muß.
[ 24 ] We are still living in a time when Ahriman plays games with people by lulling them into illusions about what is actually supposed to happen. Thus, as in ancient times, he causes them to mix the organism of the will with the organism of feeling—namely, socialism and democracy—and makes them say: “We are striving for social democracy.” In doing so, the individualistic element is completely omitted, because people do not love ideas. Otherwise, one would have to say: “We must strive for individual-social democracy,” which would negate the most important concepts held by programmatic social democracy today. In the confusion inherent in the fusion of socialism and democracy within social democracy, you see a scheme that Ahriman is carrying out with human beings. But at the same time, you see in it how one must feel that what is right must be developed out of the game that Ahriman plays with human beings. And one will only sense the gravity of this “right path” when one contemplates the passage across the threshold into the fifth post-Atlantean epoch and knows that—because all of humanity lives within the social organism—a threefolding of the social organism must occur, just as surely as a threefolding of the individual’s soul life must occur when that individual crosses the threshold.
[ 25 ] Davon wollen wir dann morgen weitersprechen; wir kommen morgen wiederum um sieben Uhr hier zusammen.
[ 25 ] We'll talk more about that tomorrow; we'll meet here again tomorrow at seven o'clock.
