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The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191

1 November 1919, Dornach

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Elfter Vortrag

Lecture I

[ 1 ] Wenn jetzt in dieser Zeit gerade von geisteswissenschaftlicher Seite her auch über soziale Fragen gesprochen wird, so beruht das ja, wie ich Ihnen übrigens von den verschiedensten Gesichtspunkten aus schon dargestellt habe, wahrhaftig nicht auf irgendeiner subjektiven Maxime, auf irgendeinem subjektiven Antriebe, sondern es beruht auf der Beobachtung der Entwickelung der Menschheit, auf der Beobachtung desjenigen, was die Entwickelungskräfte der Menschheit gerade für unsere Zeit enthalten, wozu sie uns in der Gegenwart und für die nächste Zukunft besonders auffordern.

[ 1 ] When social questions are discussed from a spiritual scientific point of view, this is not done out of any subjective motive or impulse. Everything is based upon observation of the evolution of humanity and of what the forces underlying that evolution demand of us now and in the immediate future.

[ 2 ] Es muß schon gesagt werden, daß die tieferen Impulse desjenigen zu enthüllen, was eigentlich für die gegenwärtige Menschheitsentwickelung in Betracht kommt, eine etwas unbequeme Sache ist; denn man ist in der Gegenwart nicht allzu geneigt, auf die Dinge, auf die es ankommt, einzugehen, sie mit wirklichstem, tiefstem Ernste zu betrachten. Aber unsere Zeit erfordert gegenüber den Angelegenheiten der Menschheit einen wirklichen, gründlichen Ernst. Sie erfordert namentlich das Sich-Freimachen von ganz bestimmten Vorurteilen und namentlich von Vorempfindungen. Ich möchte Ihnen nun heute einige Gesichtspunkte angeben, die Sie in die Lage versetzen, die Dinge, über die wir oft gesprochen haben, von einem tieferen Gesichtspunkte aus zu betrachten. Da werden wir schon wieder eben den Blick richten müssen über einen etwas größeren Menschheitszusammenhang.

[ 2 ] To reveal the deeper impulses working at the present time is not a congenial task, for there is little inclination to enter into such matters with any real earnestness. But our age calls for this earnestness wherever the affairs of humanity are concerned, above all for the discarding of prejudices and preconceptions. To-day, therefore, I shall put before you certain deeper aspects of matters to which reference has often been made.

[ 3 ] Wir unterscheiden ja denjenigen Zeitraum, in dem wir als in unserer kosmischen Gegenwart leben, so von den anderen Zeiträumen, daß wir ihn in der Mitte des 15. Jahrhunderts beginnen lassen, und wir nennen diesen Zeitraum, wie Sie wissen, den fünften nachatlantischen Zeitraum. Wir trennen ihn ab von demjenigen Zeitraume, der damals sein Ende gefunden hat und begonnen hat im 8. vorchristlichen Jahrhunderte, den wir den griechisch-lateinischen Zeitraum nennen, nach den Bevölkerungen, die seine Kultur getragen haben. Und dann, was voranging, das bezeichnen wir als den ägyptisch-chaldäischen Zeitraum.

[ 3 ] Once again it is necessary to survey a rather lengthy period in the life of humanity. As you know, we distinguish the present epoch from other epochs, reckoning that it began in the middle of the fifteenth century A.D. We speak of it as the Fifth Post-Atlantean epoch, distinguishing it from the previous epoch which began in the eighth century B.C. and is called the Greco-Latin epoch after the peoples responsible for its culture. It was preceded by the epoch of Egypto-Chaldean civilisation.

[ 4 ] Wenn man nun den ägyptisch-chaldäischen Zeitraum ins Auge faßt, ins Seelenauge selbstverständlich, dann findet man schon, daß die gewöhnliche Geschichtsbetrachtung gar sehr versagt. Man kommt, selbst wenn man die erschlossenen chaldäischen und ägyptischen Überlieferungen ins Auge faßt, mit der äußerlichen Geschichte nicht sehr weit zurück in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit. Aber verstehen kann man dasjenige, was für die Gegenwart bedeutsam ist, doch auch nur, wenn man gerade diesen dritten nachatlantischen Zeitraum aus seinen besonderen Eigentümlichkeiten heraus richtig versteht.

[ 4 ] When we come to consider the Egypto-Chaldean epoch we find that the records of ordinary history break down. Even with the help of accessible Egyptian and Chaldean lore, external evidence does not carry us very far back in the history of humanity. But it is not possible to grasp what is of importance for the present time unless we understand the intrinsic characteristics of that Third Post-Atlantean epoch of culture.

[ 5 ] Nun wissen Sie ja vor allen Dingen eines. In der gewöhnlichen Geschichte wird dasjenige, was als Kultur, als Zivilisation unter den Menschen war über die damals bekannte Welt hin, als das Heidnische bezeichnet. Wie eine Oase setzt sich in diese heidnische Kultur hinein, was das Jüdisch-Hebräische ist, das als Vorbereitung des Christentums aufgefaßt werden muß. Aber wenn wir absehen von dem, was von ganz anderer Natur als die übrige damalige Kultur als Judentum sich hineinsetzt in das Vorchristliche, so können wir den Blick richten auf das über die Zivilisation hingehende Heidentum. Was ist das Eigentümliche dieser alten heidnischen Kultur? Das Eigentümliche dieser alten heidnischen Kultur ist, daß sie vorzugsweise eine Kultur der Weisheit ist, eine Kultur des Hineinschauens in die Dinge und Vorgänge der Welt. Wenn auch dasjenige, was der alte Heide wiedergab von seinem Wissen über die Welt, herausgeströmt war aus den alten Mysterien, für die heutige «gescheite» Welt einen mythischen Charakter, einen Bildcharakter hat, so muß doch gesagt werden, daß alles dasjenige, was an solchen Bildern auf die Nachwelt gekommen ist, entstammt tiefen Einblicken in das Wesen der Dinge und Vorgänge.

[ 5 ] You are certainly aware that in the ordinary history of that ancient time, all civilisation, all culture in the then known world, goes by the name of Paganism. Like an oasis, Hebraic culture arises in its midst as a preparation for Christianity. But disregarding for the moment this Jewish culture which differed so fundamentally from the other forms of pre-Christian civilised life, let us turn our attention to Paganism. Its special characteristic may be said to lie in its wisdom, in its deep insight into the things and processes of the world. The knowledge contained in Paganism had its source in the ancient Mysteries and although according to modern scholarship it bears a mythical, pictorial character, it must be emphasised that all the imagery, all the pictures which have come down to posterity from this ancient Paganism are the fruits of profound insight.

[ 6 ] Man braucht nur sich zu erinnern übersinnlicher Weistümer, die wir versuchten aus den verschiedenen Gebieten dieser alten Zeit für die Gegenwart bloßzulegen, und man wird schon sehen, daß man es zu tun hat mit einer Urweisheit, die den Grund alles Denkens, alles Empfindens, alles Fühlens der alten Völker bildet. Ein gewisser Nachklang dieser Urweisheit, eine Tradition, die diese Urweisheit in sich schloß, war ja für gewisse Geheimgesellschaften auch in einer gedeihlichen Form bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, auch noch bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts vorhanden. Im 19. Jahrhundert ist das mehr oder weniger versiegt, und dasjenige, was geblieben ist, ist in den Dienst einzelner Gruppen, namentlich einzelner Nationalitäten gestellt worden. Und es kann heute dasjenige, was in den gewöhnlichen Geheimgesellschaften vorhanden ist, nicht mehr ein ersprießliches, mit Echtheit überliefertes altes heidnisches Weisheitsgut genannt werden.

[ 6 ] Recalling the many treasures of this super-sensible lore which we have been endeavouring to bring to light, it will be obvious that here we have to do with a primeval wisdom, a wisdom underlying all the thinking, all the perceptions and feelings of those ancient peoples. A kind of echo of this primeval wisdom, a tradition in which it was enshrined, survived here and there in secret societies, actually in a healthy form, until the end of the eighteenth century and at the beginning of the nineteenth. In the nineteenth century the source ran dry and such vestiges as remain have passed into the hands of isolated groups belonging to certain nationalities. And what is in the possession of ordinary secret societies to-day can no longer be regarded as wholesome or as a genuine tradition of the old Pagan wisdom.

[ 7 ] Dieses heidnische Weisheitsgut, es hat eine bestimmte Eigenschaft, die man nie aus dem Auge verlieren darf, wenn man verstehen will, um was es sich eigentlich handelt. Es hat eine Eigenschaft, derentwegen gerade sich hineinstellen mußte wie eine Oase in diesen Strom der alten heidnischen Weisheit die kleinere Strömung, das Judentum, das dann das Christentum vorbereitete.

[ 7 ] Now this ancient wisdom has one particular characteristic of which sight must never be lost. It has one characteristic on account of which Judaism, the smaller stream then making preparation for Christianity, had to be introduced as a kind of oasis.

[ 8 ] Wenn man die alte heidnische Kultur richtig erkennt, so findet man überall, daß sie hehre, große Weistümer, ungeheuer tief in das Wesen der Dinge Hineinschürfendes enthält; aber diese heidnischen Weistümer, sie enthalten keinen eigentlich sittlichen Antrieb für das menschliche Handeln. Man brauchte gewissermaßen diese sittlichen Antriebe für das menschliche Handeln nicht; denn ungleich demjenigen, was heute als Wissen, als Erkenntnis unter den Menschen figuriert, war diese alte heidnische Weisheit etwas, was dem Menschen wirklich das Gefühl und die Empfindung gab, daß er drinnensteht im ganzen Kosmos. Der Mensch, der hier auf der Erde stand und herumwandelte, fühlte sich nicht nur zusammengesetzt aus den Stoffen und Kräften, die außer ihm im irdischen Leben, die im mineralischen, im tierischen, im pflanzlichen Reiche vorhanden sind. Der Mensch fühlte, wie die Kräfte in ihn hereinspielten, die in den Sternen und in den Sonnen kreisten und so weiter. Der Mensch fühlte sich als ein Glied des ganzen Kosmos und er fühlte nicht etwa nur abstrakt, wie er ein Glied des ganzen Kosmos sei, sondern er bekam Anhaltspunkte aus seinen Mysterien heraus, wie er zum Handeln, zu seinem ganzen Verhalten vorzuschreiten habe im Sinne des Sternenlaufes. Was alte Sternenweisheit war, war ja keineswegs jene rechnerische Astrologie, welche heute die Menschen für etwas Bedeutsames halten, sondern es war jene alte Sternenweisheit etwas, was von den Leitern der alten heidnischen Mysterien so gefaßt wurde, daß da von diesen Mysterien herauskommen konnten wirkliche Antriebe für das Handeln, für das Verhalten des einzelnen Menschen. Der Mensch wußte sich gewissermaßen geborgen im Kosmos, nicht nur durch eine allgemeine Weisheit, sondern was er vom Morgen bis zum Abend an einem Tag des Jahres zu tun hatte, das lasen ihm ab und gaben ihm als Direktiven diejenigen, die er anerkannte als die Initiierten in den Mysterien. Aber es war aus alldem, was da die Initiierten aus den Mysterien ablasen, für die chaldäische, für die ägyptische Weisheit nicht zu gewinnen irgendein moralischer Antrieb für die Menschheit. Der eigentlich moralische Antrieb für die Menschheit wurde erst durch das Judentum vorbereitet, dann durch das Christentum weiter ausgebildet.

[ 8 ] If this ancient Paganism is rightly understood, it will be found to contain sublime, deeply penetrating wisdom, but no moral impulses for human action. These impulses were not really essential to man, for unlike what now passes as human knowledge, human insight, this old Pagan wisdom gave him the feeling of being membered into the whole cosmos. A man moving about the earth not only felt himself composed of the substances and forces present around him in earthly life, in the mineral, plant and animal kingdoms, but he felt that the forces operating, for example, in the movements of the stars and the sun were playing into him. This feeling of being a member of the whole cosmos was not a mere abstraction, for from the Mysteries he received directives based on the laws of the stars for his actions and whole conduct of life. This ancient star-wisdom was in no way akin to the arithmetical astrology sometimes considered valuable to-day, but it was a wisdom voiced by the Initiates in such a way that impulses for individual action and conduct went forth from the Mysteries. Not only did man feel safe and secure within the all-prevailing wisdom of the cosmos, but those whom he recognised as the Initiates of the Mysteries imparted this wisdom in directives for his actions from morning till evening on given days of the year. Yet neither Chaldean nor Egyptian wisdom contained a single moral impulse from what had been imparted by the Initiates in this way. The moral impulse in its real sense was prepared by Judaism and then further developed in Christianity.

[ 9 ] Und die Frage muß entstehen: Woher kommt es denn, daß die gloriose alte heidnische Weisheit, die zum Beispiel ja noch in dem Griechentum eine künstlerische und eine philosophische Blüte schönster Art trug, keinen moralischen Impuls in sich hatte?

[ 9 ] Inevitably the question arises: Why is it that this sublime Pagan wisdom, although it contained no moral impulse, was able, for example in ancient Greece, to come to flower in such beauty of art and grandeur of philosophy?

[ 10 ] Würden wir allerdings weiter zurückgehen hinter das 3. Jahrtausend der vorchristlichen Zeit, so würden wir finden, daß mit dem Weisheitsimpuls zugleich ein moralischer Impuls kommt, und daß das durchaus so ist, wie ich es hier schon auseinandergesetzt habe: daß in dem Weisheitsimpuls zugleich dasjenige enthalten war, was die alten Menschen als ihre Moral, als ihr Ethos brauchten. Aber ein besonderes Ethos, ein besonderer moralischer Impuls, wie er dann mit dem Christentum kam, war der heidnischen Weisheit als solcher nicht eigen. Warum? Aus dem Grunde, weil für die Jahrtausende, die unmittelbar dem Christentum vorangingen, diese heidnische Weisheit von einer Stelle weit in Asien drüben inspiriert war, aber inspiriert von einer sehr merkwürdigen Wesenheit, von der im 3. vorchristlichen Jahrtausend wirklich in Asien drüben, weit im Osten inkarnierten Wesenheit des Luzifer.

[ 10 ] If we were to go much farther back, to a time more than three thousand years before the Christian era, we should find that together with the promptings of wisdom there did come a moral impulse, that the moral principles, the ethics needed by these men of old were contained in this wisdom. But a specific ethos, a specific moral impulse such as came with Christianity was not an integral part of Paganism. Why was this?—It was because through the millennia directly preceding Christianity, this Pagan wisdom was inspired from a place far away in Asia, inspired by a remarkable Being who had been incarnated in the distant East in the third millennium before Christ—namely, Lucifer.

[ 11 ] Und zu dem mancherlei, das wir kennengelernt haben über die Menschheitsentwickelung, ist es notwendig, daß wir auch die Erkenntnis hinzufügen, daß es ebenso, wie es gegeben hat die Inkarnation von Golgatha, die Inkarnation des Christus in dem Menschen Jesus von Nazareth, auch gegeben hat eine wirkliche Inkarnation des Luzifer im 3. vorchristlichen Jahrtausend in Asien. Und ein großer Teil der alten Kultur ist eben inspiriert von der Seite her, die nur bezeichnet werden kann als eine irdische Inkarnation Luzifers in einem Menschen, der in Fleisch und Blut gelebt hat. Es wurde ja sogar das Christentum, das Mysterium von Golgatha, als es unter den Menschen sich abspielte, zuerst so gefaßt, wie die Menschen es fassen konnten durch dasjenige, was sie aus der alten luziferischen Weisheit bekommen "konnten. Auch die Einseitigkeit der aber sonst außerordentlich tiefsinnigen Gnosis rührt davon her, daß eben über die alte Welt diese Luziferinkarnation ging. Man versteht nicht richtig die volle Bedeutung des Mysteriums von Golgatha, wenn man nicht weiß, daß ihm — nicht ganz dreitausend Jahre — vorangegangen ist eine Luziferinkarnation.

[ 11 ] To the many things we have learned about the evolution of humanity, this knowledge too must be added: that just as there was the incarnation which culminated in Golgotha, the incarnation of Christ in the man Jesus of Nazareth, there was an actual incarnation of Lucifer in far off Asia, in the third millennium B.C. And the source of inspiration for much ancient culture was what can only be described as an earthly incarnation of Lucifer in a man of flesh and blood. Even Christianity, even the Mystery of Golgotha as enacted among men, was understood at first by the only means then available, namely the old Luciferic wisdom. The one-sidedness of the Gnosis, for all its amazing profundity, stems from the influence that had spread from this Lucifer-incarnation over the whole of the ancient world. The significance of the Mystery of Golgotha cannot be fully grasped without the knowledge that rather less than three thousand years previously, there had been the incarnation of Lucifer.

[ 12 ] Um zu dieser Luziferinspiration dasjenige hinzuzufügen, was diese Luziferinspiration aus der Einseitigkeit herausholt, kam die ChristusInkarnation. Und damit kam dasjenige, was nun den menschheitlichen Erziehungsimpuls bildet für die Entwickelung der europäischen Zivilisation und ihres amerikanischen Anhanges. Aber seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, seit in der Menschheitsentwickelung entstanden ist der Antrieb vorzugsweise zur Individualitäts-, zur Persönlichkeitsentwickelung, liegen in dieser Entwickelung auch die Kräfte, die eine neue Inkarnation eines übersinnlichen Wesens wiederum vorbereiten. Und ebenso wie es gegeben hat eine fleischliche Inkarnation Luzifers, wie es gegeben hat eine fleischliche Inkarnation des Christus, so wird es, ehe auch nur ein Teil des dritten Jahrtausends der nachchristlichen Zeit abgelaufen sein wird, geben im Westen eine wirkliche Inkarnation Ahrimans: Ahriman im Fleische. Dieser Inkarnation Ahrimans im Fleische kann nicht etwa die Erdenmenschheit entgehen. Die wird kommen. Es handelt sich nur darum, daß die Erdenmenschheit ihre richtige Stellung finden muß zu dieser ahrimanischen Erdeninkarnation.

[ 12 ] In order that the Luciferic inspiration might be lifted away from its one-sidedness, there came the incarnation of Christ and with it the impulse for the education and development of European civilisation and its American off-shoot. But since the middle of the fifteenth century, since the impulse for the development of individuality, of personality, has been at work, this phase of evolution has also contained within it certain forces whereby preparation is being made for the incarnation of another super-sensible Being. Just as there was an incarnation of Lucifer in the flesh and an incarnation of Christ in the flesh, so, before only a part of the third millennium of the post-Christian era has elapsed, there will be, in the West, an actual incarnation of Ahriman: Ahriman in the flesh. Humanity on earth cannot escape this incarnation of Ahriman. It will come inevitably. But what matters is that men shall find the right vantage-point from which to confront it.

[ 13 ] In alledem, was auf diese Art vorgeht, wenn sich solche Inkarnationen vorbereiten, muß hingesehen werden auf dasjenige, was nach und nach in der Menschheitsentwickelung hinführt zu solchen Inkarnationen. Solch eine Wesenheit wie Ahriman, die sich eine gewisse Zeit nach der unsrigen hier auf der Erde in der westlichen Welt inkarnieren will, bereitet ihre Inkarnation vor. Eine solche Wesenheit wie Ahriman, der auf der Erde inkarniert werden will, lenkt gewisse Kräfte in der menschlichen Entwickelung so, daß sie dieser Wesenheit zu ihrem ganz besonderen Vorteil gereichen. Und schlimm wäre es, wenn die Menschen schlafend dahinleben würden und gewisse Erscheinungen, die im Menschenleben vor sich gehen, nicht so nehmen würden, daß sie in ihnen erkennen können eine Vorbereitung für die fleischliche Inkarnation des Ahriman. Nur dadurch werden die Menschen die rechte Stellung finden, daß sie erkennen: In dieser oder jener Tatsachenreihe, die der menschheitlichen Entwickelung angehört, muß man erkennen, wie Ahriman vorbereitet sein irdisches Dasein. Und heute ist es an der Zeit, daß einzelne Menschen wissen, welche von den Vorgängen, die um sie herum sich abspielen, Machinationen Ahrimans sind, die — ihm zum Vorteil — seine demnächstige irdische Inkarnation womöglich vorbereiten.

[ 13 ] Whenever preparation is being made for incarnations of this character, we must be alert to certain indicative trends in evolution. A Being like Ahriman, who will incarnate in the West in time to come, prepares for this incarnation in advance. With a view to his incarnation on the earth, Ahriman guides certain forces in evolution in such a way that they may be of the greatest possible advantage to him. And evil would result were men to live on in a state of drowsy unawareness, unable to recognise certain phenomena in life as preparations for Ahriman's incarnation in the flesh. The right stand can be taken only by recognising in one or another series of events the preparation that is being made by Ahriman for his earthly existence. And the time has now come for individual men to know which tendencies and events around them are machinations of Ahriman, helping him to prepare for his approaching incarnation.

[ 14 ] Am günstigsten würde es ja zweifellos für Ahriman sein, wenn er es dahin brächte, daß die weitaus größte Anzahl der Menschen keine Ahnung hätte von dem, was eigentlich zur Begünstigung seines Daseins hinführen könnte; wenn die weitaus größte Anzahl von Menschen so dahinleben würde, daß diese Vorbereitungen für die Ahrimaninkarnation abliefen, aber die Menschen sie für etwas Fortschrittliches, Gutes, der Menschheitsentwickelung Angemessenes hielten. Wenn sich gewissermaßen Ahriman in eine schlafende Menschheit hereinschleichen könnte, dann würde ihm das am allerangenehmsten sein. Deshalb müssen diejenigen Ereignisse aufgezeigt werden, in denen Ahriman arbeitet für seine künftige Inkarnation.

[ 14 ] It would undoubtedly be of the greatest benefit to Ahriman if he could succeed in preventing the vast majority of men from perceiving what would make for their true well-being, if the vast majority of men were to regard these preparations for the Ahriman-incarnation as progressive and good for evolution. If Ahriman were able to slink into a humanity unaware of his coming, that would gladden him most of all. It is for this reason that the occurrences and trends in which Ahriman is working for his future incarnation must be brought to light.

[ 15 ] Sehen Sie, eine derjenigen Entwickelungstatsachen, in denen, ich möchte sagen, deutlich zu vernehmen ist der Impuls des Ahriman, das ist die Verbreitung des Glaubens unter der Menschheit, daß man durch jene mechanisch-mathematische Erfassung des Weltenalls, welche durch den Galileismus, Kopernikanismus und so weiter gekommen ist, wirklich verstehen könne dasjenige, was da draußen im Kosmos sich abspielt. Deshalb muß ja so streng von anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft betont werden, daß man Geist und Seele suchen muß im Kosmos, nicht bloß dasjenige, was der Galileismus, der Kopernikanismus suchen als Mathematik, Mechanik, wie wenn die Welt eine große Maschine wäre. Es würde eine Verführung durch Ahriman sein, wenn die Menschen stehenbleiben dabei, nur die Umlaufzeiten der Gestirne zu berechnen, nur Astrophysik zu studieren, um hinter die stofflichen Zusammensetzungen der Himmelskörper zu kommen, worauf die Menschen heute so stolz sind. Aber es würde schlimm sein, wenn nicht entgegengehalten würde diesem Galileismus, diesem Kopernikanismus dasjenige, was man wissen kann über die Durchseelung des Kosmos, über die Durchgeistigung des Kosmos. Das ist es, was Ahriman aber zugunsten seiner irdischen Inkarnation ganz besonders vermeiden möchte. Er möchte gewissermaßen die Menschen so stark in der Dumpfheit erhalten, daß sie nur das Mathematische der Astronomie begreifen. Daher verführt er viele Menschen dazu, ihre bekannte Abneigung gegen das Wissen vom Geist und der Seele des Weltenalls geltend zu machen. Aber das ist nur eine von den verführerischen Kräften, die gewissermaßen Ahriman in die Seele der Menschen hineingießt.

[ 15 ] One of the developments in which Ahriman's impulse is clearly evident is the spread of the belief that the mechanistic, mathematical conceptions inaugurated by Galileo, Copernicus and others, explain what is happening in the cosmos. That is why anthroposophical spiritual science lays such stress upon the fact that spirit and soul must be discerned in the cosmos, not merely the mathematical, mechanistic laws put forward by Galileo and Copernicus as if the cosmos were some huge machine. It would augur success for Ahriman's temptings if men were to persist in merely calculating the revolutions of the heavenly bodies, in studying astrophysics for the sole purpose of ascertaining the material composition of the planets — an achievement of which the modern world is so proud. But woe betide if this Copernicanism is not confronted by the knowledge that the cosmos is permeated by soul and spirit. It is this knowledge that Ahriman, in preparing his earthly incarnation, wants to withhold from men. He would like to keep them so obtuse that they can grasp only the mathematical aspect of astronomy. Therefore he tempts many men to carry into effect their repugnance to knowledge concerning soul and spirit in the cosmos. That is only one of the forces of corruption poured by Ahriman into the souls of men.

[ 16 ] Eine andere von diesen verführerischen Kräften des Ahriman — er arbeitet, möchte ich sagen, in entsprechender Weise mit den Luziferkräften zusammen — hängt ja natürlich für seine Inkarnation zusammen mit dem Bestreben, unter den Menschen nach Möglichkeit die bereits sehr verbreitete Stimmung zu erhalten, daß es für das öffentliche Leben genügt, wenn dafür gesorgt wird, daß die Menschen wirtschaftlich zufriedengestellt werden. Man berührt dabei einen Punkt, den der moderne Mensch oftmals nicht gern zugibt. Sehen Sie, für eine wirkliche Erkenntnis des Geistes und der Seele bietet ja eigentlich die heutige offizielle Wissenschaft gar nichts mehr; denn die Methoden, welche man in den heutigen öffentlichen Wissenschaften hat, taugen nur dazu, die äußere Natur, auch vom Menschen nur die äußere Natur aufzufassen. Aber denken Sie sich nur, wie verächtlich eigentlich so ein Durchschnittsbürger der Gegenwart hinblickt auf alles dasjenige, was ihm idealistisch vorkommt, was ihm wie ein Weg, auf irgendeine Art wie ein Weg ins Geistige hinein vorkommt! Er fragt doch im Grunde genommen immer wiederum: Ja, was bringt das ein? Was trägt das für irdische Güter? — Er läßt seine Söhne im Gymnasium ausbilden, ist vielleicht selber im Gymnasium oder in einer anderen Anstalt ausgebildet, er läßt sie an einer Universität oder an einer anderen Hochschule ausbilden. Allein, all das dient eigentlich nur dazu, um die Grundlagen für einen Beruf abzugeben, das heißt, um im Leben die materiellen Güter zu schaffen, die sie ernähren.

[ 16 ] Another means of temptation connected with his incarnation — he also works in co-operation with the Luciferic forces—another of his endeavours is to preserve the already widespread attitude that for the public welfare it is sufficient if the economic and material needs of men are provided for. Here we come to a point that is not willingly faced in modern life. Official science nowadays contributes nothing to real knowledge of the soul and spirit, for the methods adopted in the orthodox sciences are of value only for apprehending external nature, including the external constitution of man. Just think with what contempt the average citizen to-day regards anything that seems to him idealistic, anything that seems to be a path leading in any way to the spiritual. At heart he is always asking: What is the good of it? How will it help me to acquire this world's goods? He sends his sons to a public school, having perhaps been to one himself; he sends them on to a university or institute of advanced studies. But all this is done merely in order to provide the foundations for a career, in other words, to provide the material means of livelihood.

[ 17 ] Überblicken Sie einmal das, was berührt wird, wenn man gerade diese Frage ins Auge faßt. Wie viele Menschen bewerten heute eigentlich gar nicht mehr den Geist um des Geistes willen, die Seele um der Seele willen! Solche Menschen nehmen nur das auf, was ihnen vom öffentlichen Erkenntnisleben als nützlich gepriesen wird. Da muß man sich eine sehr wichtige, geheimnisvolle Tatsache der heutigen Menschheit schon eigentlich zum Bewußtsein bringen. So ein richtiger Durchschnittsbürger der Gegenwart, der von morgens bis abends vielleicht ganz fleißig in seinem Kontor ist, dann die bekannten «Abendformalitäten» durchmacht, der will sich durchaus nicht herbeilassen, solche «Allotria» mitzumachen, wie sie etwa in der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft vorgebracht werden. Es erscheint ihm als etwas Unnötiges; denn er denkt: Das kann man doch nicht essen. — Und schließlich: alles dasjenige, was wirklich nützlich ist an Erkenntnis, das soll doch — wenn auch die Menschen es sich nicht immer gestehen, aber es ist im öffentlichen Leben so — eine Vorbereitung dazu sein, um die Essensmöglichkeiten herbeizuführen.

[ 17 ] And now think of the consequences of this.—What numbers of people there are to-day who no longer value the spirit for the sake of the spirit or the soul for the sake of the soul! They are out to absorb from cultural life only what is regarded as “useful”. This is a significant and mysterious factor in the life of modern humanity and one that must be lifted into the full light of consciousness. The average citizen who works assiduously in his office from morning till evening and then goes through the habitual evening routine, will not allow himself to get mixed up with what he calls the “twaddle” to be found in Anthroposophy. It seems to him entirely redundant, for he thinks: that is something one cannot eat! It finally comes to this—although people will not admit it—that in ordinary life nothing in the way of knowledge is considered really useful unless it helps to put food in the mouth!

[ 18 ] Ja, es ist ein merkwürdiger Irrtum, dem sich eben gerade auf diesen Gebiet die Menschen der Gegenwart hingeben. Sie glauben, den Geist könne man doch nicht essen. Aber sehen Sie, die Menschen, die dies sagen, sind gerade diejenigen, die den Geist essen! Denn in demselben Maße, in dem man es ablehnt, irgend etwas Geistiges in sich aufzunehmen, das als Geistiges aufgenommen werden würde, in demselben Maße verzehrt man mit jedem Bissen, den man materiell durch den Mund in den Magen führt, das Geistige und befördert es auf einen anderen Weg, als es gehen sollte zum Heile der Menschheit.

[ 18 ] In this connection men to-day have succumbed to a strange fallacy. They do not believe that the spirit can be eaten, and yet the very ones who say this, do eat the spirit! Although they may refuse to accept anything spiritual, nevertheless with every morsel that passes through the mouth into the stomach they are devouring the spiritual, but dispatching it along a path other than the path which leads to the real well-being of mankind.

[ 19 ] Ich glaube, daß viele Europäer sich etwas auf ihre Zivilisation zugute tun werden dann, wenn sie sagen können: Wir sind doch keine Menschenfresser! — Aber Seelenfresser und Geistesfresser, das sind die Europäer mit ihrem amerikanischen Anhang! Das geistlos verzehrte Materielle bedeutet ein Hingeleiten des Geistes auf einen Abweg. Es ist schwierig, diese Dinge heute der Menschheit zu sagen. Denn erfassen Sie nur einmal richtig, in welcher Weise eigentlich vieles von der heutigen Kultur charakterisiert werden muß, wenn man diese Tatsache weiß. Und den Menschen in einem solchen seelen- und geistesfresserischen Zustande zu erhalten, das ist einer der Impulse des Ahriman, um seine Inkarnation zu befördern. Je mehr es gelingen würde, die Menschen aufzurütteln, daß sie nicht bloß wirtschaften im materiellen Sinne, sondern ebenso wie das Wirtschaftsleben auch das selbständige freie Geistesleben, das den wirklichen Geist hat, als ein Glied des sozialen Organismus betrachten, in demselben Maße würden die Menschen die Inkarnation Ahrimans so erwarten, daß sie eine menschheitsgemäße Stellung zu dieser Inkarnation würden einnehmen können.

[ 19 ] I believe that many Europeans think it is to the credit of their civilisation to be able to say: We are not cannibals! But these Europeans and their American affinities are, none the less, devourers of soul and spirit! The soulless devouring of material food leads to the side-tracking of the spirit. It is difficult to say these things to-day, for in the light of such knowledge just think what would have to be said of a large section of modern culture! To keep men in the state of being devourers of the soul and spirit is one of Ahriman's impulses in preparation for his incarnation. To the extent to which men can be roused into conducting their affairs not for material ends alone and into regarding a free and independent spiritual life, equally with economic life, as an integral part of the social organism—to that same extent Ahriman's incarnation will be awaited with an attitude worthy of humanity.

[ 20 ] Eine andere Strömung in unserem jetzigen Leben, die Ahriman benötigt, um seine eigene Inkarnation zu befördern, das ist diejenige, die heute so deutlich hervortritt in dem sogenannten nationalen Prinzip. Alles dasjenige, was die Menschen spalten kann in Menschengruppen, was sie entfernt von dem gegenseitigen Verständnis über die Erde hin, was sie auseinanderbringt, das fördert zu gleicher Zeit Ahrimans Impulse. Und man sollte eigentlich Ahrimans Stimme entnehmen aus dem, was heute so vielfach als ein neues Ideal über die Erde hin gesprochen wird: Befreiung der Völker, selbst der kleinsten, und so weiter. Die Zeiten sind vorüber, in denen das Blut entscheidet. Und konserviert man ein solches Altes, dann fördert man dasjenige, was Ahriman gefördert haben will.

[ 20 ] Another tendency in modern life of benefit to Ahriman in preparing his incarnation is all that is so clearly in evidence in nationalism. Whatever can separate men into groups, whatever can alienate them from mutual understanding the whole world over and drive wedges between them, strengthens Ahriman's impulse. In reality we should recognise the voice of Ahriman in what is so often proclaimed nowadays as a new ideal: “Freedom of the peoples, even the smallest”, and so forth.—But blood-relationship has ceased to be the decisive factor and if this outworn notion persists, we shall be playing straight into the hands of Ahriman.

[ 21 ] Ebenso fördert man dasjenige, was Ahriman gefördert haben will, wenn man dasjenige nicht energisch zurückweist, was ich ja hier schon öfter charakterisiert habe, indem ich Ihnen gezeigt habe: Heute gibt es Menschen mit den verschiedensten Parteimeinungen und Parteilebensauffassungen. Man kann davon die eine so gut beweisen wie die andere. Sie können ebensogut beweisen dasjenige, was irgendeine sozialistische Partei vertritt, wie das, was eine antisozialistische Partei vertritt, mit gleich guten Gründen, die dann die Menschen in Anspruch nehmen. Werden die Menschen nicht einsehen, daß diese Beweisartsoweitan der Oberfläche des Daseins liegt, daß man eben das Nein und das Ja zugleich beweisen kann mit unserer gegenwärtigen Intelligenz, die für die Naturwissenschaft sehr brauchbar ist, die aber für eine andere Erkenntnis unbrauchbar ist, werden die Menschen nicht einsehen, daß diese Intelligenz, die unserer Wissenschaft so große Dienste leistet, an der Oberfläche liegt, dann werden sie diese Intelligenz anwenden auf dasjenige, was soziales Leben ist, auf dasjenige, was geistiges Leben ist. Dann werden sie das Entgegengesetzte beweisen, der eine dieses, der andere jenes, die eine Gruppe dieses, die andere Gruppe jenes; und da man beides beweisen kann, so werden die Menschen übergehen zu Haß und Erbitterung, die wir ja genügend in unserer Zeit finden. Das alles sind wiederum Dinge, die Ahriman fördern will zur Förderung seiner eigenen Erdeninkarnation.

[ 21 ] His interests are promoted, too, by the fact that men are taken up with the most divergent shades of party opinions, of which the one can be justified as easily as the other. A socialist party programme and an anti-socialist programme can be supported by arguments of equal validity. And if men fail to realise that this kind of “proof” lies so utterly on the surface that the No and the Yes can both be justified with our modern intelligence—useful as it is for natural science but not for a different kind of knowledge—if men do not realise that this intelligence lies entirely on the surface in spite of serving economic life so effectively, they will continue to apply it to social life and spiritual life irrespectively. One group will prove one thing, another its exact opposite, and as both proofs can be shown to be equally logical, hatred and bitterness—of which there is more than enough in the world—will be intensified. These trends too are exploited by Ahriman in preparation for his earthly incarnation.

[ 22 ] Und was ganz besonders Ahriman dienen wird zur Förderung seiner Erdeninkarnation, das ist die einseitige Auffassung des Evangeliums selbst. Sie wissen ja, wie nötig geworden ist in unserer Zeit die Vertiefung der Evangelien im geisteswissenschaftlichen Sinne. Sie wissen aber auch, wie sehr heute noch die Gesinnung über die Erde hin verbreitet ist, man solle die Evangelien nicht geistig vertiefen, man solle sich nicht darauf einlassen, dies oder jenes aus einer wirklichen Erkenntnis des Geistes, des Kosmos über die Evangelien zu sagen. «Schlicht hinnehmen» solle man die Evangelien, so sie hinnehmen, wie sie sich heute den Menschen darbieten. Ich will gar nicht davon sprechen, daß sich die wahren Evangelien gar nicht darbieten; denn das, was heute die Menschen aus den Ursprachen als Übersetzungen der Evangelien haben, sind nicht die Evangelien. Aber darauf will ich gar nicht eingehen; sondern ich will nur die tieferliegende Tatsache vor Sie hinstellen, die darin besteht, daß man nicht zu einer wirklichen Christus-Auffassung kommen kann, wenn man sich nur, wie es die meisten Bekenntnisse und Sekten heute wollen, schlicht, das heißt bequem, in die Evangelien hineinfinden will. Man ist in der Zeit, als das Mysterium von Golgatha sich abgespielt hat, und einige Jahrhunderte nachher, zu einer Auffassung des realen Christus gekommen, weil man dasjenige, was überliefert war, fassen konnte mit Hilfe der heidnisch-luziferischen Weisheit. Diese heidnisch-luziferische Weisheit ist zurückgegangen, und dasjenige, was heute die Menschen aus Bekenntnissen und Sekten heraus in den Evangelien finden, das führt sie nicht zum realen Christus, den wir suchen durch unsere Geisteswissenschaft, sondern das führt sie nur zu einer Illusion oder höchstens zu einer Halluzination, zu einer seelischen oder vergeistigten Halluzination von dem Christus.

[ 22 ] Again, what will be of particular advantage to him is the short-sighted, narrow conception of the Gospel that is so prevalent to-day. You know how necessary it has become in our time to deepen understanding of the Gospels through spiritual science. But you also know how widespread is the notion that this is not fitting, that it is reprehensible to bring any real knowledge of the spirit or of the cosmos to bear upon the Gospels; it is said that the Gospels must be taken “in all their simplicity”, just as they stand. I am not going to raise the issue that we no longer possess the true Gospels. The translations are not faithful reproductions of the authentic Gospels, but I do not propose to go into this question now. I shall merely put before you the deeper fact, namely that no true understanding of Christ can be reached by the simple, easy-going perusal of the Gospels beloved by most religious denominations and sects to-day. At the time of the Mystery of Golgotha and for a few centuries afterwards, a conception of the real Christ was still possible, because accounts handed down by tradition could be understood with the help of the Pagan, Luciferic wisdom. This wisdom has now disappeared, and what sects and denominations find in the Gospels does not lead men to the real Christ for Whom we seek through spiritual science, but to an illusory picture, at most to a sublimated hallucination of Christ.

[ 23 ] Man kann nicht durch die Evangelien zu dem wirklichen Christus kommen, wenn man diese Evangelien nicht geisteswissenschaftlich durchdringt. Man kann durch die Evangelien nur bis zu einer Halluzination der weltgeschichtlichen Erscheinung des Christus kommen. Das hat sich übrigens gründlich auch gezeigt in der Theologie der neuesten Zeit. Warum liebt es denn diese Theologie der neuesten Zeit so sehr, von dem «schlichten Mann aus Nazareth» zu sprechen und den Christus eigentlich nur als den Jesus von Nazareth aufzufassen, der etwas hinausragt über die anderen geschichtlichen Größen? Weil man verloren hat die Möglichkeit, zum realen Christus zu kommen, und weil dasjenige, was die Menschen aus den Evangelien gewonnen haben, lediglich bis zu einer Halluzination, bis zu etwas Illusionsartigem kommt; sie können nicht wirklich ergreifen die Realität des Christus durch die Evangelien, sondern nur eine halluzinatorische oder illusorische Vorstellung. Das haben die Menschen auch erfaßt. Denken Sie, wie viele Theologen davon reden, daß Paulus vor Damaskus «nur eine Vision» gehabt habe. Sie kommen darauf, daß eigentlich durch ihre Betrachtung der Evangelien nur eine Halluzination, eine Vision zu gewinnen ist. Das ist nicht etwas Falsches, aber eben eigentlich nur ein inneres Erleben, das in keinem Zusammenhang steht mit der Realität des Christus-Wesens. Ich nenne das nicht halluzinatorisch mit dem Nebengeschmack, daß es unwahr ist, sondern ich will nur charakterisieren, daß die Christus-Wesenheit in derselben Art erfaßt wird, wie eine Halluzination innerlich erfaßt wird. Wenn nun die Menschen dabei stehenbleiben würden, nicht zu dem wirklichen Christus vorzudringen, sondern nur vorzudringen zu der Halluzination des Christus, dann würde Ahriman am meisten seine Zwecke gefördert finden.

[ 23 ] The Gospels cannot lead to the real Christ unless they are illumined by spiritual science. Failing this illumination, the Gospels as they stand give rise to what is no more than an hallucination of Christ's appearance in world-history. This becomes very evident in the theology of our time. Why does modern theology so love to speak of the “simple man of Nazareth” and to identify the Christ with Jesus of Nazareth—whom it regards as a man only a little more exalted than other great figures of history? It is because the possibility of finding the real Christ has been lost, and because what men glean from the Gospels leads to an hallucination, to a kind of illusion. An illusory conception of Christ is all that can be gleaned through the way in which the Gospels are read to-day—not the reality of Christ. In a certain sense this has actually dawned on the theologians and many of them are now describing Paul's experience on the way to Damascus as a “vision”. They have come to the point of realising that their way of studying the Gospels can lead only to a vision, to an hallucination. I am not saying that this vision is false or untrue, but that it is merely an inner experience, unconnected with the reality of the Christ Being. I do not use the word “illusion” with the side-implication of falsity, but I wish only to stress that the Christ Being is here a subjective, inner experience, of the same character as an hallucination. If men could be brought to a standstill at this point, not pressing on to the real Christ but contenting themselves with an hallucination of Christ, Ahriman's aims would be immeasurably furthered.

[ 24 ] (Zu Halluzinationen läuft das Wirken der Evangelien auch aus, wenn nur ein Evangelium auf die Menschen wirkt.) Man hat gegen dieses Prinzip, die Evangelien einzeln zu nehmen, gearbeitet, indem man vier Evangelien von vier verschiedenen Gesichtspunkten aus hingestellt hat, und da geht es doch nicht an, diese vier Evangelien, die, wie wir ja oft gesehen haben, sich äußerlich widersprechen, nun einzeln wörtlich, wortwörtlich zu nehmen. Aber es ist eine große Gefahr, ein einzelnes Evangelium wortwötrtlich zu nehmen. Was Sie bei den Sekten erleben, die auf das Johannes- oder auf das Lukas-Evangelium schwören als auf seinen wortwörtlichen Inhalt, ist eine Art WahnideeBildung, eine Art Dämmerung, Umdämmerung des Bewußtseins. Bei umdämmerten Bewußtseinen, die sich gerade durch die Evangelien, die man nicht geistig vertieft, herausbilden würden, würden sich Menschen ergeben, die am besten dazu dienen würden, daß Ahriman seine Inkarnation vorbereiten könnte, so daß die Menschen ganz in seinem Sinn zu ihm einstmals stehen würden.

[ 24 ] The influence of the Gospels also leads to hallucinations when one Gospel alone is taken as the basis of belief. Truth to tell, this principle has been forestalled by the fact that we have been given four Gospels, representing four different aspects, and it does not do to take each single Gospel word-for-word on its own, when outwardly there are obvious contradictions. To take one single Gospel word-for-word and disregard the other three, is actually dangerous. What you find in sects whose adherents swear by the literal content of the Gospel of St. Luke alone or that of St. John alone, is an illusory conception arising from a certain dimming of consciousness. With the dimming of consciousness that inevitably occurs when the deeper content of the Gospels is not revealed, men would fall wholly into Ahriman's service, helping in a most effective way to prepare for his incarnation, and adopting towards him the very attitude he desires.

[ 25 ] Sehen Sie, wiederum eine unbequeme Wahrheit für die Menschen der Gegenwart! Da leben die Menschen in ihren Konfessionen und sagen: Wir brauchen nicht irgend etwas wie eine Anthroposophie, denn wit bleiben bei dem schlichten Evangelium. — Aus Bescheidenheit — sagen die Leute — bleiben sie bei dem schlichten Evangelium. In Wahrheit ist es die furchtbarste Anmaßung, die nur zu denken ist. Und diese Anmaßung besteht darin, daß man scheinbar das Evangelium wortwörtlich nimmt, aber sich hermacht über das, was erarbeitet ist als Weisheitsgut, um es zu beurteilen mit dem, was man durch die Geburt mitbekommen hat und was aus dem Blute herauswirbelt an Ideen. Die «schlichtesten» Menschen sind meistens die hochmütigsten, gerade auf religiösen Gebieten, auf Bekenntnisgebieten. Aber was dabei in Betracht kommt, das ist, daß diejenigen am meisten die Inkarnation des Ahriman vorbereiten, die vor den Menschen immer wiederum predigen: Ihr braucht nichts weiter, als im Evangelium zu lesen!

[ 25 ] And now another uncomfortable truth for mankind to-day! Living in the arms of their denominations, people say: “We do not need Anthroposophy or anything of the kind; we are content with the Gospels in all their simplicity.” They insist that this is said out of “humility”. In reality, however, it is the greatest arrogance! For it means that such persons, making use of ideas which have been presented to them through their birth and surge out of their blood, are deigning to rule out the deeper treasures of wisdom to be discovered in the Gospels. These “humblest” of men are generally the most arrogant of all, especially in the sects and denominations. The point to remember is, however, that the people who do most to prepare for the incarnation of Ahriman are those who constantly preach: “All that is required is to read the Gospels word-for-word—nothing more than that!”

[ 26 ] Und merkwürdig, die zwei Parteien, wenn sie auch sehr, sehr verschieden voneinander sind, arbeiten sich in die Hände: diejenigen, die ich früher bezeichnet habe als Seelenfresser, Geistfresser, und diejenigen, welche in der letztcharakterisierten Weise durch das bloße Aufgehen im Wörtlichen der Evangelien die Inkarnation des Ahriman fördern. Die beiden arbeiten sich furchtbar in die Hände. Denn würde nichts sich geltend machen als die Weltanschauung der Seelen- und Geistfresser auf der einen Seite, der Bekenntnischristen, die nicht auf die Tiefen des Evangeliums eingehen wollen, auf der anderen Seite, dann würde Ahriman alle Menschen zu «Ahrimanianern» machen können auf der Erde! Dasjenige, was heute vielfach im positiven Christentum der äußeren Welt verbreitet wird, das ist eine Vorbereitung für die Inkarnation des Ahriman. Und aus gar manchem, was mit der Anmaßung auftritt, die Vertretung der rechtgläubigen Kirche zu sein, sollte man heute eigentlich hören eine Vorbereitung des Werkes des Ahriman.

[ 26 ] Strange to say, in spite of their radical differences, the two parties play into each other's hands: those whom I called “devourers of soul and spirit"” and those who demand the literal, word-for-word reading of the Gospels. Each party plays into the hands of the other, furthering the preparation of Ahriman's incarnation. For if the outlook of the “devourers of soul and spirit” on the one side and that of professed Christians who refuse to enter into the deeper truths of the Gospels on the other, were to hold the day, then Ahriman would be able to make all human beings on the earth his own. A good deal of what is spreading in external Christianity to-day is a preparation for Ahriman's incarnation. And in many things which arrogantly claim to represent true belief, we should recognise the preparation for Ahriman's work.

[ 27 ] Denn die Dinge sind heute nicht so, wie die Menschen sie wortwörtlich sagen. Die Menschen leben heute, wie ich oftmals auseinandergesetzt habe, eben viel zu sehr in Worten. Wir haben gar sehr nötig, von den Worten weg in die Dinge einzudringen. Heute ist es wirklich so, daß das Wort gewissermaßen die Menschen von dem wirklichen Wesen der Dinge trennt. Und am meisten trennen sich die Menschen von dem wirklichen Wesen, wenn sie die alten Urkunden, zu denen auch die Evangelien gehören, so nehmen wollen, wie es heute oftmals angedeutet wird im sogenannten «schlichten Verständnis». Viel schlichter ist dasjenige, was wirklich in den Geist der Dinge hineindringen und auch die Evangelien selber vom Gesichtspunkte des Geistes aus verstehen will.

[ 27 ] Words nowadays do not really convey the innermost reality of things. As I have often told you, far too much store is set upon words—for words do not necessarily lead to that reality; nowadays indeed it is rather a case of words separating men from the real nature of things in the world. And this they do most of all when men accept ancient records such as the Gospels with “simple understanding”—as the saying goes. But there is a far truer simplicity in trying to penetrate to the indwelling spirit of things and to understand the Gospels themselves from the vantage-ground of the spirit.

[ 28 ] Ich habe gesagt: Zusammenwirken werden Ahriman und Luzifer ja immer. Es handelt sich nur darum, welcher von beiden gewissermaßen für das Bewußtsein der Menschen die Übermacht in einem bestimmten Zeitalter erhält. Es war eine stark luziferische Kultur, die der Zeit nach bis über das Mysterium von Golgatha hinüberreichte, von der Inkarnation des Luzifer in China im 3. vorchristlichen Jahrtausend ab. Von da strahlte vieles aus, was besonders stark wirkte bis in die ersten christlichen Jahrhunderte herein, was aber auch noch in unserer Zeit wirkt.

[ 28 ] As I told you, Ahriman and Lucifer will always work hand in hand. The only question is which of the two predominates in man's consciousness at a particular epoch of time. It was a preeminently Luciferic culture that persisted until after the Mystery of Golgotha—a culture inspired by the incarnation of Lucifer in China in the third millennium B.C. Many influences of this incarnation continued to radiate and were still powerful in the early Christian centuries; indeed they are working to this day.

[ 29 ] Nun ist es aber in unserer Zeit jetzt so, daß gewissermaßen Luzifers Spuren mehr unsichtbar werden, weil bevorsteht eine Inkarnation des Ahriman im 3. Jahrtausend, und Ahrimans Wirken in solchen Dingen, wie ich sie Ihnen heute angeführt habe, besonders deutlich seinen Spuren nach wahrnehmbar ist. Ahriman hat gewissermaßen mit Luzifer einen Vertrag geschlossen, den ich so bezeichnen möchte: Ich, Ahriman, finde es für mich besonders günstig — so sagte Ahriman zu Luzifer —, die Konservenbüchsen in Anspruch zu nehmen; dir überlasse ich den Magen, wenn du es mir nur überläßt, die Mägen in Dämmerung zu wiegen, respektive die Bewußtseine der Menschen in bezug auf den Magen in Dämmerung zu wiegen.

[ 29 ] But now that we are facing an incarnation of Ahriman in the third millennium after Christ, Lucifer's tracks are becoming less visible, and Ahriman's activities in such trends as I have indicated, are coming into prominence. Ahriman has made a kind of pact with Lucifer, the import of which may be expressed in the following way.—Ahriman, speaking to Lucifer, says: “I, Ahriman, find it advantageous to make use of ‘preserving jars’. To you I will leave man's stomachs, if you will leave it to me to lull men to sleep—that is to say to lull their consciousness to sleep where their stomachs are concerned.”

[ 30 ] Sie müssen nur richtig verstehen, was ich damit meine. In Dämmerung über den Magen sind diejenigen Menschen, die ich eben als Seelenfresser und als Geistesfresser bezeichnet habe; denn sie führen direkt der luziferischen Strömung dasjenige zu, was sie ihrem Magen zuführen, wenn sie nicht in ihrer Menschheit Spirituelles tragen. Durch den Magen geht das ungeistig Gegessene und Getrunkene zu Luzifer hin!

[ 30 ] You must understand what I mean by this.—The consciousness of those human beings whom I have called devourers of soul and spirit is in a condition of dimness so far as their stomachs are concerned; for by not accepting the spiritual into their human nature, they drive straight into the Luciferic stream everything they introduce into their stomachs. What men eat and drink without spirituality goes straight to Lucifer!

[ 31 ] Und mit den Konservenbüchsen, was meine ich denn eigentlich damit? Mit den Konservenbüchsen meine ich die Bibliotheken und ähnliches, wo diejenigen Wissenschaften aufbewahrt sind, die man zwar treibt, die man aber nicht eigentlich mit seinem wirklichen Interesse verfolgt, die nicht bei den Menschen leben, sondern in den Büchern, die in den Bibliotheken stehen. Sehen Sie sich diese Wissenschaft an, die abseits von den Menschen getrieben wird! Viele Bücher stehen überall in den Bibliotheken. Jeder Student muß schon anfangen, wenn er das Doktorat macht, eine gelehrte Abhandlung zu machen; dann werden diese in möglichst viele Bibliotheken hineingestellt. Dann kommt wiederum eine gelehrte Abhandlung, wenn der Betreffende in irgendeine Stellung hineinrücken will. Aber auch sonst schreiben und schreiben und schreiben die Menschen heute. Aber gelesen wird das wenigste von dem, was heute geschrieben wird. Nur dann, wenn die Menschen sich vorbereiten müssen für dieses oder jenes, dann zitieren sie das, was da in den Bibliotheken drinnen modert, konserviert ist. Diese «Konservenbüchsen der Weisheit», das ist dasjenige, was besonders ein gutes Förderungsmittel für Ahriman ist.

[ 31 ] And what do I mean by “preserving jars”? I mean libraries and institutions of a similar kind, where the various sciences pursued by man without really stirring his interest, are preserved; these sciences are not really alive in him but are simply preserved in the books on the shelves of libraries. All this knowledge has been separated from man himself. Everywhere there are books, books, books! Every student, when he takes his doctor's degree, has to write a learned thesis which is then put into as many libraries as possible. When the student wants to take up some particular post, again he must write a thesis! In addition to this, people are forever writing, although only a very small proportion of what they write is ever read. Only when some special preparation has to be made do people resort to what is mouldering away in libraries. These “preserving jars” of wisdom are a particularly favourable means of furthering Ahriman's aims.

[ 32 ] Die Art, wie das getrieben wird, aber auch vieles andere, was ähnlich ist, was eigentlich nur in die Welt gesetzt wird, aber einen Sinn nur hätte, wenn sich die Menschen dafür interessieren würden, für das sie sich aber eigentlich nicht interessieren, sondern das eigentlich nur in einer von den Menschen getrennten Weise vorhanden ist, findet sich auf allen Gebieten. Bedenken Sie doch nur einmal, man könnte ja, wenn man dazu veranlagt wäre, verzweifeln! Da hat man zum Beispiel einen Prozeß, da muß man sich einen Advokaten nehmen. Dieser Advokat führt den Prozeß. Dann kommen die Zeiten, wo man mit dem Advokaten verhandeln muß; es häufen sich immer mehr und mehr die Papiere. Die hat er in einer Mappe. Aber wenn man dann mit ihm redet, so hat er keine Ahnung von dem Zusammenhang, er weiß nichts, er schlägt auf und auf und es kommt nichts dabei heraus. Er hat keinen Zusammenhang mit seinen Akten. Da ist eine Aktenmappe, da ist die nächste Aktenmappe. Die Akten wachsen. Aber das Interesse ist ganz und gar nicht vorhanden. Es ist zum Verzweifeln, wenn man mit den Fachleuten, die so irgendwie die Dinge machen, wirklich zu tun hat. Sie sind ganz und gar außer Verbindung mit dem, worum es sich handelt, wissen nichts davon in Wirklichkeit, denn alles steht in den Akten. Das sind die kleinen Konservenbüchsen, die Bibliotheken sind die großen Konservenbüchsen von Geist und Seele. Da wird alles konserviert. Aber die Menschen wollen es nicht mit sich vereinigen, wollen es nicht mit ihrem Interesse durchdringen. Und schließlich entsteht gerade daraus ja auch jene Stimmung in der neueren Zeit, welche gar nicht hineinlassen möchte in das Weltanschauungsbekenntnis dasjenige, ja, wozu schon etwas Kopf notwendig ist. Es ist ja etwas Kopf notwendig, um etwas zu verstehen. Die Menschen möchten das Bekenntnis, die Weltanschauung bloß auf das Herz zurückführen. Gewiß muß es auf das Herz zurückgeführt werden; aber die Art, wie die Menschen gegenwärtig oftmals über das religiöse Bekenntnis sprechen, kommt mir vor wie dasjenige, was mit einem Sprichwort getroffen werden soll, das viel in der Gegend angewendet wurde, wo ich meine Jugend verlebt habe. Da wurde gesagt: «Des mit der Liab, des is a ganz besundere Sach. Wama sie kaft, so kaft ma eigentli nur das Heaz, und in Kobf griag ma umasunst drauf.» Also mit der Liebe sei es eine ganz besondere Sache: Wenn man sie kaufe, so kaufe man nur das Herz, und den Kopf bekomme man umsonst als Zugabe dazu! — So ungefähr, sehen Sie, soll ja auch die Stimmung sein für dasjenige, was die Menschen heute gern als Inhalt ihrer Weltanschauung aufnehmen. Sie möchten alles ohne Anstrengung des Kopfes aufnehmen, durch das Herz, wie sie sagen, das allerdings ohne den Kopf nicht schlägt, aber durch das man gut aufnehmen kann, wenn man eigentlich den Magen meint. Und dann soll dasjenige, was eigentlich in der Menschheit geleistet werden soll durch den Kopf, das soll umsonst drauf sein, das soll insbesondere in den allerwichtigsten Dingen des Lebens umsonst drauf sein.

[ 32 ] This kind of thing goes on everywhere. It could only be to some purpose if men took a really live interest in it, but they do not; its existence is entirely separate and apart. Just think—if one were so disposed one might well despair—just think for example, of a lawsuit where a barrister has to be engaged to plead the case. The time comes when one has to go into matters with him. Documents pile up! He has them all there in a dossier, but when one starts talking to him he has no inkling of the circumstances. He turns the papers over and over without getting anywhere; he has no connection at all with his documents. Here is one portfolio full of them, there another. The number of documents grows and grows but as for interest in them—that is simply non-existent! These professional people make one despair when one has dealings with them; they really know nothing about the matter at issue, have no connection with it, for everything remains in the documents. These are the little preserving jars and the libraries the big preserving jars of soul and spirit. Everything is preserved in them but human beings do not want to connect themselves with it, to permeate it with their interest. And finally there arises the mood which does not want the head to play any part in a professed view of the world. But after all, the head, or some element of the head, is necessary for any understanding! What people like is to base their religious faith, their view of the world, on the heart alone. The heart must play a part, of course; but the way in which men to-day often speak of their religion reminds me of a saying much quoted in the district where my youth was spent. It was to this effect: “There is something very special about love. If you buy it, you buy the heart only and the head is thrown in gratis.” This is more or less the attitude which people to-day like to adopt in their view of life; they would like to take in everything through the heart, as they say, without exerting the head at all. The heart cannot beat without the head, but the heart is well able to take things in if by “heart” here one really means the stomach! And then, what ought to be achieved through the head is supposed to be thrown in gratis, especially where the most important things in life are concerned. It is very important indeed to pay heed to these matters, because in observing them it becomes evident what earnestness must be applied to life at this juncture, how necessary it is to learn from the illusions to which even the Gospels may give them and how dearly mankind to-day loves those illusions.

[ 33 ] Alle diese Dinge, sie sind sehr wichtig zu beachten, und es ist sehr wichtig, sie zu beachten. Denn man sieht, wenn man sie beachtet, wie großen Ernst man aufwenden muß gegenüber dem gegenwärtigen Menschenleben und wie es notwendig ist, zu lernen selbst von den Illusionen, die von den Evangelien ausgehen können, zu lernen von der Art, wie die Menschen gegenwärtig die Illusionen lieben. Mit der Art von Wissen, das die Menschen heute oftmals anstreben, ist nicht Wahrheit zu erreichen. Die Menschen finden es heute sehr sicher, wenn sie mit Zahlen rechnen, statistisch die Dinge der Welt zu beweisen. Mit der Statistik und mit den Zahlen hat Ahriman ein ganz besonders leichtes Spiel; denn er ist ganz besonders froh, wenn ein Gelehrter heute der Menschheit klarmacht, auf dem Balkan muß es so und so aussehen, denn da leben zum Beispiel in Mazedonien so und so viele Griechen, so und so viele Serben, so und so viele Bulgaren. Gegen Zahlen läßt sich nichts machen, denn die Menschen glauben an Zahlen. Und Ahriman macht mit den Zahlen, an die die Menschen glauben, seine Rechnung in dem Sinne, wie ich es Ihnen heute erklärt habe. Nur kommt man nachher dahinter, wie «sicher» diese Zahlen sind. Zahlen beweisen ganz bestimmt etwas für den Menschen; aber wenn man nicht stehenbleibt bei dem, was in den Büchern steht, wo mit Zahlen bewiesen wird, sondern genauer nachsieht, so merkt man oftmals: ja, in diesen Statistiken, sagen wir zum Beispiel den mazedonischen, da ist angeführt ein Vater, der ist Grieche, ein Sohn, der ist Serbe und ein anderer Sohn, der ist Bulgare; also steht der Vater bei den Griechen, der eine Sohn bei den Bulgaren, der andere bei den Serben. Wie das zugeht, daß in derselben Familie der eine ein Grieche ist, der andere ein Serbe, der andere ein Bulgare, und wie das in die Zahlen hineingeht, das zu durchschauen wäre dasjenige, was wirklich zur Wahrheit führt, nicht das Aufnehmen der Zahlen, womit sich die Menschen heute so befriedigen. Die Zahlen sind es, durch welche die Menschen in einer Richtung verführt werden, durch die Ahriman am besten seine Rechnung findet für seine künftige Inkarnation im 3. Jahrtausend. Davon wollen wir dann morgen weitersprechen.

[ 33 ] Truth is beyond the reach of the kind of knowledge for which people aspire to-day. They feel on secure ground when they can reckon by means of figures, when they can prove things by statistics. With statistics and figures Ahriman has an easy game; it suits him admirably when some erudite scholar points out, for example, that conditions in the Balkans are due to the fact that the population of Macedonia consists of so many Greeks, so many Serbs, so many Bulgarians. Nothing can stand up against figures because of the faith that is reposed in them; and Ahriman is only too ready to exploit figures for his purposes. But later on one begins to see just how “reliable” such figures are! Admittedly, figures are sometimes a means of proof, but if one goes beyond them and investigates more closely, one often notices things like the following.—In the statistics of Macedonia, for example, a father may be put down as a Greek, one son as a Serb, another son as a Bulgarian; so the father is counted in with the Greeks, one son with the Serbs and the other with the Bulgarians. What would really help one to get at the truth, however, would be to discover how it has happened that in the same family one is said to be Greek, one Serbian and one Bulgarian, and how this affects the figures—rather than simply accepting the figures that people find so satisfactory to-day. If the father is Greek then naturally the sons are Greek too. Figures are means whereby men are led astray in a direction favourable to Ahriman for his future incarnation in the third millennium A.D. We shall speak of these things again in the lecture tomorrow.