Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
GA 191

4 Oktober 1919, Dornach

Zweiter Vortrag

[ 1 ] In diesem mittleren der drei Vorträge möchte ich Ihnen einige anthroposophische Wahrheiten im besonderen entwickeln. Wir werden dann sehen, wie gerade diese anthroposophischen Wahrheiten in das alltägliche Leben des Menschen stark eingreifen; davon wollen wir dann morgen sprechen. Heute möchte ich Sie eben auf einiges Tiefere im Menschenwesen aufmerksam machen.

[ 2 ] Es wird sehr häufig nicht gefragt, durch welche Kräfte der Menschennatur die Erkenntnis der übersinnlichen Welten erlangt wird. Man versucht sich die Frage bloß so zu beantworten, daß man eben davon spricht: Es gibt die Möglichkeit, Übersinnliches durch gewisse Kräfte der Menschennatur zu erkennen. Aber in welchen Beziehungen, in welchen besonderen Beziehungen diese Kräfte zur Menschennatur stehen, danach wird nicht immer gefragt. Daher wird auch so wenig Rücksicht darauf genommen, die Erkenntnisse der übersinnlichen Welten für das gewöhnliche Leben richtig fruchtbar zu machen. Man kann sagen: Gerade für unser Zeitalter werden die übersinnlichen Erkenntnisse den Menschen immer notwendiger und notwendiger werden. Dann aber müssen sie auch in ihrer Beziehung zum gewöhnlichen alltäglichen Leben erfaßt werden.

[ 3 ] Sie wissen, die erste Fähigkeit, die den Menschen hinaufführt ins übersinnliche Wesen, ist die Kraft der Imagination, die zweite Fähigkeit ist die Kraft der Inspiration, die dritte Fähigkeit ist die Kraft der Intuition. Nun frägt es sich: Sind das Fähigkeiten, die man einfach nur ins Auge fassen muß, wenn von Erkenntnis übersinnlicher Welten die Rede ist, oder sind das Fähigkeiten, die auch irgendeine Rolle spielen im sonstigen Leben des Menschen? — Das letztere, sehen Sie, ist der Fall. Wir verfolgen ja das menschliche Leben, wie Sie das ersehen können aus der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», nach drei Epochen: nach der Epoche von der Geburt bis zum Zahnwechsel, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis etwa zum einundzwanzigsten Jahre. Wer nicht oberflächlich die menschliche Natur betrachtet, der wird darauf kommen, daß die ganze Art der Entwickelung des Menschen eine andere ist in den ersten sieben Jahren, eine andere in den zweiten sieben Jahren, eine andere in den dritten sieben Jahren des kindlich-jugendlichen Lebens. Damit, daß die dann bleibenden Zähne hervorgetrieben werden — ich habe auch darüber schon öfter gesprochen —, hängt zusammen die Entfaltung nicht bloß von Kräften, die etwa, sagen wir, in den Kiefern oder in ihren Nachbarorganen sitzen, sondern die Kräfte, welche die Zähne heraustreiben, sitzen im ganzen physischen Menschen. Da geht etwas vor in diesem physischen Menschen zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre, was seinen Abschluß findet, gewissermaßen seinen Schlußpunkt findet, indem die bleibenden Zähne hervorgetrieben werden aus der Menschennatur.

[ 4 ] Diese Kräfte, die da arbeiten an der menschlichen physischen Wesenheit, die sind — man möchte sagen: selbstverständlich — übersinnlicher Natur. Das Sinnliche ist bloß das Material, in dem sie arbeiten. Diese übersinnlichen Kräfte, die in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen in seiner ganzen Organisation tätig sind, werden gewissermaßen stillgelegt, wenn ihr Ziel erreicht ist, wenn die bleibenden Zähne erschienen sind. Diese Kräfte gehen nach dem siebenten Jahre, ich möchte sagen, schlafen. Sie sind verborgen in der Menschennatur; sie schlafen in der Menschennatur. Und sie können hervorgeholt werden aus dieser Menschennatur, wenn man solche Übungen macht, wie ich sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe, die da führen bis zur Intuition. Denn die Kräfte, die in der Intuition, in der intuitiven Erkenntnis angewendet werden, sind dieselben Kräfte, mit denen man bis zum siebenten Jahre so wächst, daß dieses Wachsen seinen Ausdruck findet im Zahnwechsel. Diese schlafenden Kräfte, die bis zum siebenten Jahr tätig sind in der Menschennatur, die benützt man in der übersinnlichen Erkenntnis, um zur Intuition zu kommen.

[ 5 ] Die Kräfte wiederum, die vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, bis zur Geschlechtsreife tätig sind und dann schlafen gehen, drunten in der Menschennatur ruhen, die werden heraufgeholt und bilden die Kraft der Inspiration. Und diejenigen Kräfte, welche in früheren Zeiten den Menschen vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre die jugendlichen Ideale eingegeben haben — es wäre zuviel behauptet, daß sie das jetzt noch tun — und Organe geschaffen haben im physischen Leib für diese jugendlichen Ideale, das sind dieselben Kräfte, die dann aus ihrem schlafenden Zustand hervorgeholt werden und die Imagination bewirken können.

[ 6 ] Sie sehen daraus, daß die Kräfte der Imagination, die Kräfte der Inspiration und die Kräfte der Intuition nicht beliebige, von unbekannt woher geholte Kräfte sind, sondern daß es dieselben Kräfte sind, mit denen wir von unserer Geburt bis zum einundzwanzigsten Jahre wachsen. Es sind daher diejenigen Kräfte, die in Imagination, Inspiration und Intuition leben, sehr gesunde Kräfte. Es sind diejenigen Kräfte, die der Mensch braucht zu seinem gesunden Wachstum, und die dann, wenn die entsprechenden Phasen des Wachstums abgeschlossen sind, schlafen gehen in der Menschennatur.

[ 7 ] Damit habe ich Sie hingewiesen auf dasjenige, was von übersinnlichen Erkenntniskräften Beziehungen hat zu der gewöhnlichen Menschennatur. Aber man kann auch ein gleiches sagen von den Kräften der normalen Menschennatur, derjenigen Menschennatur, die im gewöhnlichen Leben steht. Nur ist es da nicht so ausgesprochen. Eine sehr wichtige Kraft für das gewöhnliche Leben — wir haben es öfters besprochen — ist die Gedächtniskraft, die Erinnerungsfähigkeit. Diese Erinnerungsfähigkeit, wir beherrschen sie seelisch dann, wenn wir uns an irgend etwas, das wir erlebt haben, eben, wie wir sagen, erinnern. Aber Sie wissen alle: Mit dieser Erinnerungskraft ist es etwas Eigenartiges. Wir beherrschen sie und beherrschen sie doch nicht ganz. Gar mancher Mensch kämpft diesen oder jenen Augenblick seines Lebens damit, daß er sich an etwas erinnern möchte, aber er kann sich nicht erinnern. Dieses Sich-erinnern-Mögen und Sich-nicht-vollständig-erinnern-Können, das rührt davon her, daß dieselbe Kraft, die wir seelisch als Erinnerungskraft benützen, dazu dient, unsere aufgenommenen Nahrungsstoffe umzuwandeln in solche Substanzen, die von unserem Leib gebraucht werden können. Wenn Sie also ein Stück Brot essen und dieses Brot umgewandelt wird in Ihrem Leib in eine solche Substanz, daß diese Substanz Ihrem Leben dient, so ist das scheinbar ein physischer Vorgang. Aber dieser physische Vorgang wird beherrscht von übersinnlichen Kräften. Diese übersinnlichen Kräfte sind dieselben, die Sie anwenden, wenn Sie sich erinnern. So daß dieselbe Kräfteart verwendet wird auf der einen Seite zur Erinnerung, auf der anderen Seite zur Verarbeitung der Nahrungsstoffe im menschlichen Leben. Und Sie müssen eigentlich immer ein wenig hin und her pendeln zwischen Ihrer Seele und zwischen Ihrem Leibe, wenn Sie sich der Erinnerungskraft hingeben wollen. Verdaut Ihr Leib allzugut, dann, sehen Sie, können Sie vielleicht nicht so viel Kräfte abgewinnen diesem Leib, daß Sie sich gut erinnern können an gewisse Dinge. Sie müssen immer einen inneren Kampf, der im Unbewußten sich abspielt zwischen einem Seelischen und einem Leiblichen, ausführen, wenn Sie sich erinnern wollen an irgend etwas. Sie haben, wenn Sie so die Gedächtniskraft anschauen, die beste Art zu begreifen, wie unsinnig es im Grunde von einem höheren Gesichtspunkte aus ist, wenn die einen Menschen Idealisten sind und die anderen Menschen Materialisten. Das Verarbeiten der Nahrungsstoffe im menschlichen Leibe ist zweifellos ein materieller Vorgang. Die Kräfte, die ihn beherrschen, sind dieselben, die bei einem ideellen Vorgang wirksam sind: die Kräfte des Erinnerungsvermögens, die Gedächtniskräfte. Nur dann sieht man die Welt richtig, wenn man sie weder materialistisch noch idealistisch sieht, sondern wenn man imstande ist, dasjenige, was sich als materialistisch offenbart, ideell zu sehen, und dasjenige, was sich als Ideelles offenbart, ganz materiell verfolgen zu können. Nicht darauf beruht das Geistige einer Weltauffassung, daß man sagt: Da ist niederer Materialismus, der ist für den «Aussatz» der Menschheit; da ist der Idealismus, der ist für die Auserlesenen — zu denen sich der Betreffende, der das ausspricht, gewöhnlich dann selber rechnet —, sondern darin besteht das Wesentliche einer wirklich spirituellen Weltauffassung, daß diese spirituelle Weltauffassung imstande ist, mit dem, was sie erfaßt im Geistigen, unterzutauchen in das materielle Dasein, um gerade das materielle Dasein dann zu begreifen, daß es begriffen werde, nicht verachtet werde. Das ist der große Irrtum vieler Religionsbekenntnisse, daß sie das materielle Dasein verachten, statt es zu begreifen, statt den Geist in ihm zu suchen.

[ 8 ] So handelt es sich darum, auf die Dinge einzugehen, nicht, wie es heute noch so vielfach üblich ist, auf mystischen Gebieten in Phrasen zu leben; auf die Dinge wirklich einzugehen, darum handelt es sich. Nachdem ich Ihnen nun gewissermaßen gezeigt habe, wie man auf diese Dinge eingehen könne, möchte ich etwas ganz besonders Wichtiges jetzt anführen. Man spricht gewöhnlich so, wenn man von dem materiellen Dasein und von dem übersinnlichen Dasein spricht, als ob sich ausbreitete in der Welt das materielle Dasein, und dann sei irgendwo dahinter oder darüber das übersinnliche Dasein, das man durch die Sinne nicht wahrnimmt. Wenn man so die Sache vorstellt, daß man einfach einerseits das sinnlich-physische Dasein hat, andrerseits das übersinnliche Dasein, wird man niemals den Menschen begreifen. Es gibt keine Möglichkeit, den Menschen wirklich zu erfassen, wenn man nur von dem Gegensatze ausgeht: Sinnliches und Übersinnliches. Es handelt sich vielmehr um das Folgende. Um uns herum breitet sich die Sinneswelt aus und die Welt, in der wir arbeiten, die Welt, in der auch unser soziales Leben liegt; die breiten sich um uns herum aus. Wollen wir einmal schematisch diese ausgebreitete Welt durch diese Linie darstellen (siehe Zeichnung waagrechte Linie). Ein vollständiges Bild von dem, was eigentlich in der Welt vorliegt, bekommen Sie nur, wenn Sie sich vorstellen: über dieser Linie Hegen Kräfte, übersinnliche Kräfte (rote Pfeile). Diese übersinnlichen Kräfte nimmt man nicht mit den gewöhnlichen Sinnen und auch nicht mit dem Verstande, der an die gewöhnlichen Sinne gebunden ist, wahr. Man nimmt nur dasjenige wahr, was im Bereiche dieser Linie liegt.

AltName

[ 9 ] Aber es gibt auch unter dieser Linie Kräfte. Wir sprechen eigentlich nur dann vollständig von dem Nichtsinnlichen, von dem Geistigen, wenn wir von übersinnlichen und von untersinnlichen Kräften sprechen. Also wir müssen uns vorstellen, daß außerdem hier (orange Pfeile) die untersinnlichen Kräfte liegen.

[ 10 ] Also, wir haben die Sinneswelt, die übersinnlichen Kräfte und die untersinnlichen Kräfte. Der Mensch selbst, wenn er leiblich vor Ihnen steht, wohin gehört er? Dasjenige, was leiblich vor Ihnen steht, das gehört ganz in diese Linie herein. Aber in das, was in die Linie hereingeht beim Menschen, wirken auf der einen Seite übersinnliche, auf der anderen Seite untersinnliche Kräfte. Der Mensch ist die Resultante zwischen übersinnlichen und untersinnlichen Kräften. Welche Kräfte der Menschennatur sind nun übersinnliche, welche Kräfte der Menschennatur sind untersinnliche? Übersinnlich sind alle mit dem Erkennen zusammenhängenden Kräfte; alles das, was wir aufbringen für das Erkennen, ist übersinnlich. Und es sind das dieselben Kräfte, die auch unseren Kopf formen, unser Haupt formen. So daß wir sagen können: Die übersinnlichen Kräfte sind die Erkenntniskräfte.

[ 11 ] Nun wirken in den Menschen hinein auch die untersinnlichen Kräfte. Was sind denn das für Kräfte? Das sind die Willenskräfte. Alle Willenskräfte, alles Willensartige in der Menschennatur ist untersinnlich.

[ 12 ] Nun werden Sie ja naheliegend haben die Frage: Ja, woher kommen denn diese untersinnlichen Kräfte, diese Willenskräfte? — Das sind dieselben Kräfte wie die Kräfte des Planeten, also hier für uns die Kräfte der Erde. In der Tat, in unseren Menschen wirken fortwährend herein die Kräfte der Erde. Und das, was zusammenhängt mit diesen Kräften des Planeten, mit diesen Kräften der Erde, das sind die Kräfte, die willensartiger Natur sind. Die Kräfte, die erkenntnisartiger Natur sind, die kommen uns aus der Peripherie der Welt, die ergießen sich gleichsam von außen, von außerhalb des Planeten auf uns herab. Die Kräfte, die willensartiger Natur sind, dringen in uns ein von dem Planeten aus. So leben in uns die Kräfte unseres eigenen Erdenplaneten. In dem Augenblick, wo wir mit der Geburt ins Dasein treten, sind in uns wirksam die Kräfte des Erdenplaneten.

[ 13 ] Die Frage entsteht: In welcher Verteilung sind sie in uns wirksam? Da ist wiederum ein beträchtlicher Unterschied zwischen dem ersten Lebensabschnitt, der ersten Lebensepoche, der zweiten und der dritten, bis zum siebenten Jahre, bis zum vierzehnten Jahre, bis zum einundzwanzigsten Jahre. Dasjenige, was in uns willensartig wirkt bis zum siebenten Lebensjahre, das wirkt ganz aus dem Inneren des Planeten heraus. Es ist sehr interessant, geisteswissenschaftlich zu verfolgen, wie in alledem, was in dem Kinde bis zum siebenten Jahre wirksam ist, kraften die Kräfte des Innersten der Erde. Wollen Sie die Kräfte des Erdeninneren in ihrer Offenbarung kennenlernen, dann studieren Sie alles dasjenige, was im Kinde vorgeht bis zum siebenten Jahre, denn das sind diese Kräfte des Erdeninneren. Es ist ganz und gar eine falsche Methode, hineinzugraben in die Erde, um die Kräfte des Erdeninneren zu finden. Da finden Sie nur die Erdensubstanzen. Die Kräfte, welche in der Erde wirksam sind, die offenbaren sich in dem, was sie vollbringen an dem Menschen bis zu seinem siebenten Lebensjahre hin. Und wiederum vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre wirken im Menschen die Kräfte des Luftkreises, also auch noch dasjenige, was zur Erde gehört, die Kräfte der Atmosphäre. Aber die sind vorzugsweise wirksam in alldem, was sich im Menschen ausbildet zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Lebensjahr. Dann ist der wichtigste Abschnitt vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr. Da geht, ich möchte sagen, das Untersinnliche in das Übersinnliche über. Da bildet sich eine Art Ausgleich zwischen dem Unter- und dem Übersinnlichen. Da wirken die Kräfte des ganzen Sonnensystems, des zur Erde gehörigen Sonnensystems organisierend auf den Menschen.

[ 14 ] Also Erdeninneres in der ersten Lebensepoche; Luftkreis in der zweiten Lebensepoche, dasjenige, worinnen die Erde selber eingehüllt ist. Was an Kräften herunterströmt aus dem Weltenraume, insoweit dieser Weltenraum erfüllt ist von unserem eigentlichen eigenen Planetensystem: bis zum einundzwanzigsten Jahre. Erst mit dem einundzwanzigsten Jahre reißt sich gewissermaßen der Mensch los von den Einflüssen desjenigen, was von außen durch den Planeten und durch das dazugehörige Planetensystem in ihm bewirkt wird.

[ 15 ] Sehen Sie, in alldem, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, daß es auf den Menschen wirkt, in alldem ist durchaus auch körperliche Wirksamkeit. Es sind körperliche Vorgänge, die durch Kräfte vom Inneren des Planeten bis zum siebenten Jahre bewirkt werden. Es sind körperliche Vorgänge, die von dem Luftkreislaufe im Zusammenhange mit der Atmung zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre gebildet werden und so weiter. Es sind durchaus körperliche Vorgänge, es sind Umgestaltungen der leiblichen Organe, die da bewirkt werden; mit dem Größerwerden, mit dem Wachstum des Menschen hängt alles zusammen. Der Mensch wächst also heraus aus dem, was die Erde an ihm gestaltet; das hört mit dem einundzwanzigsten Jahre auf.

[ 16 ] Was ist aber dann? Was ist nach dem einundzwanzigsten Lebensjahre? Bis zum einundzwanzigsten Jahre haben wir in der geschilderten Weise gezehrt von der Erde und ihrem Planetensystem. Was da die Erde in uns hineinorganisiert hat, von dem haben wir gezehrt. Nunmehr, wenn wir einundzwanzig Jahre alt geworden sind, müssen wir von uns selber zehren. Da müssen wir nach und nach das wiederum heraufholen, was wir aus den Kräften des Planeten und des Planetensystems in unseren Organismus hinuntergeführt haben.

[ 17 ] Daß dies früher immer so geschehen ist, dazu waren die Kräfte des menschlichen Blutes tätig. Der Mensch hat es, wie Sie ja wohl wissen, nicht gelernt, nach seinem einundzwanzigsten Jahre die Kräfte des Planeten aus sich herauszuholen. Aber er hat es doch getan. Er hat es als unbewußten Vorgang getrieben. Das lag in seinem Blute. Es wurde ihm einorganisiert, daß er das so gemacht hat. Unser bedeutsamer Umschwung in der Gegenwart, wobei die Gegenwart natürlich ein langer Zeitraum von Jahrhunderten ist, liegt darin, daß das Blut der Menschen die Kraft verliert, das herauszuholen, was man bis zum einundzwanzigsten Jahre in den Organismus auf diese Weise hineingefügt hat.

[ 18 ] Darauf beruht das Wichtige, was vorgeht in der gegenwärtigen Zeit der Menschheit, daß das Blut in seinen Kräften nachläßt. Diese Dinge können nicht konstatiert werden von der äußeren Anatomie, von der äußeren Physiologie; die müßten ja Körper untersuchen aus dem 10., 9. Jahrhundert, dann würden sie darauf kommen, daß da das Blut anders war. Man würde noch nicht einmal die chemischen Reagenzien haben, um darauf zu kommen. Aber geisteswissenschaftlich kann man mit Sicherheit wissen: Das Blut der Menschen ist schwächer geworden. Und der große Umschwung zu dem Schwächerwerden des Blutes des Menschen lag in der Mitte des 15. Jahrhunderts.

[ 19 ] Was ist die Folge? Die Folge ist, daß wir das, was wir nicht mehr imstande sind, unbewußt durch unser Blut zu bewirken, nunmehr durch unser Bewußtsein bewirken müssen. Wir müssen uns zu etwas erziehen, so daß wit es bewußt vollbringen können, was früher unbewußt einfach durch das Blut der Menschen bewirkt worden ist. Denn die Kraft des Blutes ist verlorengegangen und geht immer mehr verloren. Und was würde endlich, wenn wir kein Auskunftsmittel fänden, in einem Zeitalter eintreten, in welchem die Menschen völlig verlieren würden ihre Jugend, in welcher sie nicht fruchtbar machen könnten für sich die Kräfte ihrer Jugend, wenn nicht dasjenige, was früher das Blut getan hat unbewußt, vollbracht werden könnte bewußt?

[ 20 ] Diese Dinge darf man natürlich nicht bloß theoretisch nehmen. Nimmt man sie theoretisch, so mögen sie interessante Wahrheiten sein. Aber sie bloß theoretisch zu nehmen, genügt nicht. Diese Dinge müssen heute praktisch genommen werden, denn sie hängen mit der Praxis der Entwickelung der Menschheit zusammen. Praktisch müssen sie so genommen werden, daß wir uns bewußt werden: Das ganze Erziehungssystem des Menschen muß ein anderes werden. Wir müssen den Menschen dahin bringen, daß er eine starke, bewußte Kraft entwickelt, dasjenige, was er in der Jugend in sich aufnimmt, im späteren Alter wie durch eine elementare Erinnerung wiederzuerleben.

[ 21 ] Vorläufig handeln die Menschen noch überall gegen diese Anforderung. Die Menschen sind zum Beispiel stolz darauf, in den Volksschulen «Anschauungsunterricht», wie sie sagen, zu treiben, recht anschaulich alles den Kindern beizubringen, und sie legen einen großen Wert darauf, nur ja nicht dem Kinde solche Dinge im Unterrichte zu offenbaren, die, wie man sagt, über das Fassungsvermögen des Kindes hinausgehen, sondern es soll der Lehrer, der Erzieher möglichst weit heruntersteigen zu dem Fassungsvermögen des Kindes. Ja, man stellt Rechenmaschinen auf, an denen man durch gezählte Kugeln alle möglichen Rechnungsarten anschaulich lehrt. Nichts soll über das Fassungsvermögen des Kindes hinausgehen. Dieser Anschauungsunterricht wird zu einer schauderhaften Trivialität und Banalität. Er muß ja schließlich dahin führen, daß man dem Kinde nur banale Begriffe beibringt, wenn man durchaus heruntersteigen soll zu der Auffassungsgabe des Kindes selber. Derjenige, der das anstrebt, der beachtet ganz und gar nicht eine wichtige, obwohl, ich möchte sagen, intime Erfahrung des menschlichen Lebens.

[ 22 ] Denken wir uns einmal, ein Kind wird so unterrichtet, daß es etwas aufnimmt, nicht weil das schon vollständig seinem Fassungsvermögen entspricht, sondern weil die begeisternde Wärme des Lehrers auf das Kind übergeht und das Kind das aufnimmt, weil der Lehrer durch seine Begeisterungsfähigkeit im Unterrichten dem Kind das übermittelt. Das Kind nimmt das auf, eben deshalb, weil es lebt in der Wärme, die vom Lehrer ausgeht. Es nimmt etwas auf, was über sein Verständnis hinausgeht, bloß aus der sich übertragenden Begeisterungsfähigkeit des Lehrers; dann versteht das Kind, was es aufgenommen hat, noch nicht, wie man im trivialen Leben sagt. Aber was es aufgenommen hat, sitzt im Gemüte des Kindes. An das, was das Kind vielleicht aufgenommen hat in seinem zehnten Jahre, erinnert sich der Erwachsene im dreißigsten Lebensjahre. Er erlebt das wieder. Jetzt ist er reif geworden, versteht das, was er herausholen kann aus den Tiefen seines Gemütes, was er dazumal nur aus der Begeisterung aufgenommen hat, was er aber jetzt aus dem reifen Geiste herausholen kann. Sehen Sie, das sind die fruchtbarsten Momente des Lebens, in denen man nicht bloß das auffaßt, was von außen an einen herandringt, sondern das, was man früher mit nicht hinreichendem, mit geringem Verständnis aufgenommen hat, was man wieder erlebt, indem man es heraufholt und mit vertieftem Verständnisse dann erst aufnehmen kann. Je mehr man sorgen kann im Unterrichte dafür, daß das Kind nicht bloß banal aufnimmt dasjenige, was es versteht — denn das verschwindet mit dem kindlichen Alter, daran kann ein späteres Lebensalter weder Freude noch Begeisterung entwickeln —, desto mehr tut man für die spätere Entwickelung des Menschen; denn dasjenige, was aufgenommen wird bloß aus der Wärme des Unterrichtenden heraus, das ist dasjenige, was, wiedererlebt, Lebenskräfte gibt.

[ 23 ] Auf das sollte beim heutigen Unterrichten besonders gesehen werden. Früher brauchte man nicht besonders darauf sehen, denn früher lag das Heraufwirken im Blut; jetzt muß es zum Bewußtsein gebracht werden. Es ist nicht einerlei, ob man solche Dinge einsieht wie diejenigen, die heute durch Geisteswissenschaft eben fruchtbar werden. Wenn man sie in der richtigen Weise einsieht, so findet man an irgendeiner Stelle des praktischen Lebens die Möglichkeit, diese Dinge zum Heile der Menschheit zu verwerten. Man findet also die Möglichkeit, die Tatsache, daß unser Blut schwach geworden ist, wenn man sie richtig durchschaut, so zu verwerten, daß man um so mehr Wert legt auf die Begeisterungsfähigkeit des Lehrers.

[ 24 ] Aber man hat wenig Bewußtsein in unserer Zeit, daß es sich um so etwas handelt. Denn in unserer Zeit spielt noch immer eine große Rolle die Norm-Pädagogik, die Pädagogik, die in zahlreichen Normen arbeitet. Man lernt Pädagogik, man lernt, wie man ein Kind unterrichtet, wie man verfährt beim Unterrichten. Gegenüber unserem heutigen Menschheitsbewußtsein sollte uns das eigentlich so vorkommen, wie wenn wir lernen würden: Der Mensch besteht aus Kohlehydraten, Eiweißstoffen und so weiter — aus dem bestehen wir, und so und so verwandeln sie sich im Leibe, und bevor wir das nicht durchschaut haben, können wir nicht essen; denn erst wenn wir das verstehen, essen wir im Sinne der Physiologie. — Ich habe Ihnen einmal erzählt — und Sie wissen es ja vielleicht aus Ihrer eigenen Erfahrung —, daß man jetzt schon das Erlebnis haben kann: Man besucht den oder jenen, und siehe da, er hat eine Waage stehen neben seinem Teller und legt auf die Waage sorgfältig ein Stück Fleisch und wiegt ab, wie schwer das Stück Fleisch ist, denn nur ein Stück Fleisch von einem ganz bestimmten Gewichte darf er sich zuführen. Da bestimmt schon die Physiologie den Appetit. Aber das pflegen Gott sei Dank noch nicht alle Menschen. Es ist wichtig, daß man einsehe, daß die Physiologie nicht zum Essen gehört, sondern daß sie etwas ist, was ein Ziel neben dem Essen hat, daß man auch essen kann, ohne Physiologie studiert zu haben, ohne die Physiologie des Ernährungsvorganges zu kennen. Aber man setzt nicht voraus, daß man auch unterrichten sollte, lebendig unterrichten sollte, ohne die Norm-Pädagogik in sich aufgenommen zu haben. Für den heute im günstigsten Sinne Unterrichtenden ist diese Norm-Pädagogik genau so, wie für den Maler die Ästhetik der Farben ist. Er kann gut Ästhetik der Farben studiert haben, malen kann er deshalb nicht. Malen kann man durch ganz andere Dinge als dadurch, daß man die Ästhetik der Farben studiert. Unterrichten kann man durch ganz andere Dinge, als dadurch, daß man Pädagogik studiert. Nicht darum handelt es sich heute, daß man irgendeine Norm-Pädagogik, welche dogmatisch feststellt diese oder jene Dinge, wie man unterrichtet, seminaristisch an diejenigen heranbringt, die unterrichten sollen, sondern daß man dasjenige heranbringt an diejenigen, die unterrichten, was ähnlich zum Erzieher und Unterrichter macht, wie man Maler oder Botaniker wird. Das heißt: Es muß der Pädagoge aus dem Menschen geboren werden, nicht, es muß die Pädagogik erlernt werden.

[ 25 ] Daß die Pädagogik eine wirkliche Kunst sein müsse, das ist etwas, was eingesehen werden muß gerade aus dieser Umwandlung der Menschennatur heraus. Im Übergangszeitalter, da wußte man nicht recht, was man eigentlich tun soll mit dem Erziehen. Daher erfand man alle möglichen abstrakten Pädagogiken. Jetzt aber handelt es sich darum, daß man vorzugsweise demjenigen, der da lehrt, übermittle eine wirkliche Menschenerkenntnis. Denn sehen Sie, wenn man eine wirkliche Menschenerkenntnis hat und wendet sie beim Kinde an, dann besteht folgendes Eigentümliche: Nehmen Sie an, man ist ein Unterrichtender; man hat seine Kinder in der Schule. Wenn man ein Anhänger der Norm-Pädagogik ist, der Pädagogik, die nach Gesetzen arbeitet, dann weiß man, wie man unterrichten soll, denn man hat ja diese Norm gelernt. Man unterrichtet heute nach diesen Normen, hat gestern nach diesen Normen unterrichtet, und man wird morgen und übermorgen nach diesen Normen unterrichten. Wenn man als Pädagoge Künstler ist, dann hat man es gar nicht so gut; dann kann man nicht gestern und heute und morgen und übermorgen nach den gleichen Normen unterrichten, sondern dann muß man jedesmal neu lernen von dem Kinde selbst, wie man es zu unterrichten hat; dann muß jedesmal aus der Natur des Menschen heraus folgen, was man zu tun hat, und es ist am allerbesten für den Pädagogen, wenn er so unterrichten kann, weil das Kind ihm gebietet, so und so zu unterrichten, und wenn er dann immer wieder vergißt, was eigentlich Pädagogik ist, wenn er keine Ahnung hat von pädagogischen Regeln. Denn in dem Augenblick, wo das Kind wiederum vor ihm steht, ist er wiederum ganz elektrisiert von dem werdenden Menschen und weiß, was er mit ihm zu tun hat.

[ 26 ] Sie müssen achten auf diese Art und Weise, wie so etwas heute gesagt werden muß, wie über diese Dinge heute gesprochen werden muß. Man kann heute über diese Dinge nicht so sprechen, daß die Menschen sich beruhigen können in allerlei Prinzipien, sondern man kann nur so sprechen, daß man auf etwas hinweist, das lebt, das sich nicht in abstrakte Prinzipien bringen läßt, sondern das lebt, das durch Leben Leben erregt. Das ist es, worauf es ankommt. Daher ist heute für das unmittelbare Leben Geisteswissenschaft vonnöten, weil Geisteswissenschaft etwas ist, was nicht bloß für den Kopf ist, sondern was da ist für den ganzen Menschen und Willensimpulse aus dem Menschen loslöst. Das muß aber in viele Lebensgebiete hinein, auf daß zuletzt alle menschliche Betätigung so werde, daß Willensimpulse in das Leben des Menschen hineinversetzt werden.

[ 27 ] Ich habe Ihnen dies ausgeführt für ein gewisses Gebiet des Lebens, für das Erziehen, wie wir das Erziehen, das wir üben bei dem Menschen bis zum einundzwanzigsten Jahre, auch für das spätere Leben fruchtbar machen können. Nun erzieht man aber die Menschen nicht bloß bis zum einundzwanzigsten Jahr; das Erziehen geht durch das ganze Leben weiter. Aber es ist nur gesund, wenn die Menschen sich aneinander erziehen.

[ 28 ] Auch das hat in früheren Zeiten, in früheren geschichtlichen Epochen das Blut gegeben. Die Menschen taten das unbewußt, daß sie, wenn sie im sozialen Leben miteinander in Beziehung traten, sich gegenseitig aneinander erzogen, der eine mehr durch den andern, der andere weniger durch den anderen; das vermittelte alles das Blut. Aber das Blut ist schwach geworden, das Blut hat seine Kräfte verloren. Auch das muß durch mehr Bewußtsein ersetzt werden. Die Menschen müssen dahin kommen, von den anderen für sich selbst noch verhältnismäßig mehr zu haben, als sie durch sich selbst haben. In früheren Zeiten hat es genügt, sich, ich möchte sagen, dem Leben zu überlassen. Das Blut hat alles gemacht. Nunmehr handelt es sich darum, daß die Menschen wirklich dazu übergehen, Sinn für das Wesen des anderen Menschen zu entwickeln. Das wird von selbst angeregt dadurch, daß man seine Gedanken in die Richtung bringt, die durch die Geisteswissenschaft angeregt wird. Durch die Geisteswissenschaft werden Gedanken angeregt, die anders sind als die Gedanken, die ohne die Geisteswissenschaft angeregt werden.

[ 29 ] Sie werden das nicht bezweifeln, denn es zeigt ja schon die Art und Weise, wie Geisteswissenschaft aufgenommen wird von denjenigen, die von ihren Gedanken nichts wissen wollen, daß die Gedanken der Geisteswissenschaft andere sind als diejenigen, die ohne Geisteswissenschaft an einen herankommen. Man muß eine ganz andere Art des Denkens entwickeln. Diese Denkungsart, die man da entwickelt, indem man sich gewöhnt, auch mit Übersinnlichem sich zu beschäftigen, diese Denkungsart, die ist zugleich diejenige, welche zurückwirkt auf unseren Organismus. Und wenn ich Ihnen heute gesagt habe: das Gedächtnis, die Erinnerungskraft ist dasselbe wie die Umwandlungskraft der Nahrungsmittel zu Stoffen, die der Mensch in seinem Organismus braucht, so werden Sie es auch nicht mehr als etwas Frappierendes empfinden, wenn auch andere Kräfte umgewandelt werden können im Menschen, wenn also die Kraft, durch die wir das Übersinnliche einsehen, uns dazu führt, den Menschen genauer zu erkennen, als wir ihn erkennen ohne gesunde Hinneigung zu einer übersinnlichen Erkenntnis.

[ 30 ] Sie studieren dasjenige, was in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» steht. Da müssen Sie gewisse Begriffe entwickeln, von denen die meisten Menschen heute noch sagen: Das ist die reine Narrheit. — Ich habe etst vor ein paar Tagen wiederum einen Brief übermittelt bekommen, worin jemand gerade die «Geheimwissenschaft» durchnimmt und fast von jedem Kapitel sagt, es sei der reine Wahnsinn. Man kann es verstehen, daß die Leute sagen, es sei der reine Wahnsinn. Warum? Das ist ganz natürlich, daß die Leute vielfach das heute sagen. Aber diejenigen Menschen, die sich nicht dazu bequemen, solche Begriffe aufzunehmen, die uns auf diese Weise zu Saturn, Sonne, Mond, Jupiter, Venus, Vulkan führen, die sich also nicht damit befassen, Ideen zu entwickeln in einer Welt, die nicht mit den Sinnen umfaßt werden kann, diese Menschen erwerben sich auch keine Menschenkenntnis; diese Menschen gehen an den anderen Menschen vorbei, merken höchstens, daß der eine eine ein wenig spitzere Nase, der andere eine ein wenig stumpfere Nase hat, daß der eine blaue Augen, der andere braune Augen hat; aber sie merken nichts von dem, was im Innern des Menschen, sich offenbarend als Seele, den Leib durchorganisiert. Dieselbe Kraft, die uns fähig macht, Interesse zu haben, ich sage nicht jetzt, übersinnliche okkulte Kräfte zu haben, sondern die uns fähig macht, Interesse zu haben für übersinnliche Erkenntnisse, die ist es, die uns Menschenerkenntnis, so wie wir sie heute brauchen, überliefert.

[ 31 ] Sie können die grandiosesten sozialen Programme aufstellen, Sie können die schönsten sozialen Ideen entwickeln: Wenn die Menschen dabei stehenbleiben, keine Menschenerkenntnis zu entwickeln, so daß sie einander gegenüberstehen, ohne sich innerlich zu erkennen, können sie keine sozialen Zustände herbeirufen. Sie können nicht soziale Zustände herbeirufen, ohne zu begründen die Möglichkeit, daß es soziale Menschen gibt. Aber soziale Menschen gibt es nicht, wenn die Menschen aneinander vorbeigehen und ein jeder nur in sich lebt. Soziale Menschen gibt es nur dadurch, daß die Menschen sich im Leben begegnen, und daß etwas übergeht von dem einen Menschen zum anderen. Hier formuliert sich ja erst die Frage, die man heute die soziale nennt. Die meisten Menschen denken heute von der sozialen Frage so, daß sie sagen: Man muß gewisse Dinge so und so einrichten, dann werden die Menschen drinnen sozial leben können. — So ist es nicht. Sie können diese Einrichtungen machen, soziale Menschen werden mit diesen Einrichtungen gute Menschen im sozialen Sinne sein, und antisoziale Menschen werden mit jeder Art von Einrichtung antisozial sein.

[ 32 ] Dasjenige, worum es sich handelt, ist, daß wir dahin gelangen, solche Einrichtungen zu treffen, innerhalb welcher die Menschen wirklich soziale Triebe entwickeln. Und einer dieser sozialen Triebe ist das Erkennen. Aber solange Sie zum Beispiel den Menschen so erziehen, daß Sie immer nur darauf sehen: Er soll ein Postbeamter oder ein Leutnant werden, oder irgend etwas anderes für den Staat werden, so lange werden Sie den Menschen nicht so erziehen, daß er den anderen Menschen erkennt. Denn diese Erziehung, die zum Postbeamten oder zum Leutnant gut ist, die läßt in dem anderen Menschen auch nur einen Postbeamten oder Leutnant erkennen. Diejenige Erziehung, die den Menschen zum Menschen macht, die läßt auch in dem anderen Menschen den Menschen erkennen. Aber es gibt keine Möglichkeit, in dem anderen Menschen den Menschen zu erkennen, wenn man nicht Sinn für übersinnliche Erkenntnis entwickelt. Und das Wichtigste, worin übersinnliche Erkenntnis wirken muß, das ist gerade die Erziehungskunst. Daher ist der größte Schaden, der angerichtet worden ist im Laufe der neuzeitlichen Entwickelung, der, daß die naturwissenschaftlich-materialistische Denkungsweise auch die Erziehungswissenschaft ergriffen hat. In dieser Beziehung erlebt man ja höchst, höchst merkwürdige Dinge.

[ 33 ] Es gibt heute ja auf allen Gebieten, man möchte sagen, höchst gutmeinende Menschen, gutwillige Menschen auch, die möchten alles reformieren, sogar revolutionieren; aber wenn man mit den Menschen heute redet über diese Dinge, kommt ganz Sonderbares heraus. Die Leute bekennen sich ganz ehrlich zu einer gewissen Gesinnung, die die Dinge neu gestalten will. Allein, der eine fragt einen: Ja, sehen Sie, ich bin nun Schneider, wie wird, wenn die Verhältnisse umgestaltet werden, mein Dasein als Schneider sich gestalten? — Ein anderer, sagen wir er ist Eisenbahnbeamter, der sagt: Wie wird sich mein Dasein als Eisenbahnbeamter gestalten, wenn die Verhältnisse umgestaltet werden? — Das ist nur als Beispiel hingestellt, und alles das kommt zuletzt darauf hinaus, daß die Leute ganz einverstanden sind, daß alles anders werde, nur soll durch dieses Anderswerden sich nichts ändern, sondern es soll alles beim alten bleiben. Das ist nämlich die Gesinnung, die heute außerordentlich viele Menschen beseelt: Es soll alles beim alten bleiben, wenn es anders wird. Das sollte man durchaus nicht verkennen, daß die Sehnsucht der Menschen heute eine außerordentlich abstrakte Größe im gesellschaftlichen Leben ist: Sie möchten viel, die Menschen, aber es darf ja nichts für ihre Bequemlichkeit sich ändern.

[ 34 ] Und so ist es namentlich da, wo es sich darum handelt, daß die Menschen sich auch innerlich in wirklich neue Verhältnisse hineinfinden sollen. Und dennoch, gerade dies ist es, worauf es ankommt: daß die Menschen die Möglichkeit finden, den Übergang zu bewirken zu dem, worüber ganz neu gedacht werden muß, in bezug auf das man sich innerlichst zu ändern hat.

[ 35 ] Nun entstehen ja aus alledem, was wir betrachtet haben, die allerverschiedensten Fragen, Fragen aber, die durchaus auf die Unmittelbarkeit des Lebens hingehen. Diese Fragen, die mußten wir so betrachten, daß wir für sie eine gewisse tiefere Grundlage dadurch geschaffen haben, daß wir davon gesprochen haben, wie gewisse Kräfte, die zunächst geistig-seelisch ausschauen, sich auch im Leiblichen ausdrücken. Denn es fehlt uns heute gar zu sehr die Fähigkeit, dasjenige, was wir uns geistig vorstellen, in das materielle Leben einzuführen. Ehe wir aber nicht wiederum dazu kommen, die Dinge, die wir uns geistig vorstellen, in das materielle Leben einzuführen, können wir nicht daran denken, den eigentlichen Nerv der sozialen Frage ins Auge zu fassen.

[ 36 ] Und so handelt es sich denn darum, ein Geistesleben anzustreben, welches wirklich eine Menschenerkenntnis, damit aber soziale "Triebe entwickelt. Ja, ein Geistesleben, das herausgeformt wird aus ganz anderen Lebensverhältnissen, das genügt dazu nicht. Eben das Geistesleben, das vom Staat oder Wirtschaftsleben her geformt wird, das formt sich Postbeamte oder Leutnants. Das Geistesleben aber, das wir brauchen, ist dasjenige, welches Menschen formt. Das kann aber kein anderes sein als ein solches, das sich loslöst vom Wirtschaftsleben und loslöst vom staatlichen Leben. Daher mußte einmal das geschehen, was durch unsere «Dreigliederung des sozialen Organismus» geschehen ist. Es mußte radikal darauf hingewiesen werden: Alle Art der Abhängigkeit des geistigen Lebens vom Wirtschaftsleben, vom staatlichen Leben müsse aufhören und das Geistesleben auf seine eigenen Grundlagen gestellt werden. Dann wird das geistige Leben dem Wirtschafts- und dem Staatsleben dasjenige geben können, was das Staatsleben und das Wirtschaftsleben dem geistigen Leben nicht geben können.

[ 37 ] Das ist das Wesentliche, das ist das Wichtige! Ein Vollmensch wird entstehen erst wieder dadurch, daß wir aus einem selbständigen Geistesleben heraus arbeiten.