Die soziale Frage als Bewußtseinsfrage
GA 191
3 Oktober 1919, Dornach
Erster Vortrag
[ 1 ] Es ist von den verschiedensten Seiten, auch von verschiedenen Seiten hier in der Schweiz, in der letzten Zeit darauf gesehen worden, wie die Beziehungen sich stellen zu dem, was jahrelang in unseren Kreisen als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gepflegt worden ist, so gepflegt worden ist, daß es zu der Errichtung dieses Baues hier, des Goetheanum, geführt hat, und zuletzt zu dem, was nach anderer Seite hin von uns in die Welt gesetzt werden soll, anknüpfend an die sozialen Bewegungen und Bestrebungen der Gegenwart. Daß wir hinzuzufügen hatten zu unserem anthroposophischen Streben dieses soziale Streben, hat die verschiedenartigsten Beurteilungen erfahren, ablehnende und zustimmende. Für die Art, wie wir unseren Weg zu verfolgen haben, kann das ja selbstverständlich nicht maßgebend sein; aber not tut es doch, den Blick auf mancherlei Tatsachen zu lenken, die in dieser Beziehung zutage getreten sind.
[ 2 ] Anthroposophen sagen oftmals, daß diese anthroposophische Bewegung nicht sich hätte belasten sollen mit demjenigen, was in der Bewegung der Dreigliederung des sozialen Organismus liegt. Und manche von denjenigen Menschen, die ein Interesse gefaßt haben für die soziale Bewegung, die zur Dreigliederung führen soll, empfinden es wiederum als störend, daß die Idee der Dreigliederung gerade von dem vielfach als mystisch, dunkel, unklar empfundenen anthroposophischen Erkennen den Ausgangspunkt genommen hat. So werden die Dreigliederer oftmals getadelt von den Anthroposophen, die Anthroposophen von den Dreigliederern. Und auf beiden Seiten wird die Gemeinschaft manchmal nicht gern gesehen.
[ 3 ] Wie gesagt, beirren kann uns das nicht; aber wichtig ist es doch, sich eine solche Tatsache voll zum Bewußtsein zu bringen und sich dabei zu erinnern an den inneren Zusammenhang, den wir ja zwischen beiden in den Betrachtungen, die hier gepflogen worden sind, öfter vor unsere Seele hinstellen mußten.
[ 4 ] Aber auch ein anderes ist immer mehr und mehr zutage getreten, und dieses andere ist, ich möchte sagen, etwas, das für unsere Aufgabe vielleicht intensiver zu bedenken ist; denn schließlich, wenn man von sozial denkender Seite her die Gemeinschaft mit der Anthroposophie bemängelt, so können wir dagegen nichts machen, ebensowenig wenn Anthroposophen betonen, es wäre besser, wenn wir uns nicht mit sozialem Denken belastet hätten. Wir können auch dagegen nichts Besonderes machen, sondern müssen unseren Weg unbeirrt weitergehen, wie wir ihn als richtig erkannt haben. Aber was vielleicht dringlicher ist zu berücksichtigen, das ist, daß auch diejenigen Personen doch immer mehr und mehr ihre Stimme geltend machen, die da sagen: Es sei notwendig, für das persönliche Verständnis des “ Dreigliederungsgedankens gerade eine anthroposophische Grundlage zu schaffen. Der Dreigliederungsgedanke würde viel besser verstanden werden, wenn eine anthroposophische Grundlage geschaffen würde. Und zum Beispiel gerade in proletarischen Kreisen wird immer mehr und mehr verlangt eine solche anthroposophische Grundlage. Das ist etwas, was vielleicht manchem gerade überraschend kommt, obwohl es im Grunde nicht allzu überraschend ist.
[ 5 ] So wie früher vielfach das anthroposophische Streben gehalten worden ist, war es von unseren Freunden schon so gehalten — das war ja auch durch die Klassenunterschiede bedingt —, daß in proletarische Kreise wenig Anthroposophie hat hineingetragen werden können. Und nun ist es ja unvermeidlich, daß jeder Mensch, an den die Dreigliederung herantritt, irgendwie auch von der Anthroposophie etwas hört, mit Anthroposophie zunächst äußerlich bekannt wird. Und sehr merkwürdig ist es, daß gerade ein lebhaftes Bedürfnis nach Anthroposophie auftritt.
[ 6 ] Wir haben zum Beispiel in Stuttgart nötig gehabt, nachdem eine Zeitlang der Dreigliederungsgedanke gepflegt worden ist, ohne daß irgendwie Anthroposophisches dabei besprochen wurde, Vortragszyklen über rein anthroposophische Gegenstände zu halten. Aus guten Gründen heraus war es nötig geworden, und sie werden weiter gehalten werden.
[ 7 ] Das ist eine Sache, die nun eigentlich ganz besonders hier berücksichtigt werden sollte, und eigentlich nur diesen Gedanken möchte ich heute einleitend vor Ihre Seele hinstellen. Hier in der Schweiz sind wir ja in bezug auf diese beiden Richtungen, die soziale Strömung und die mit ihr doch — für uns wenigstens — zusammenhängende anthroposophische Strömung, in einer ganz besonderen Lage. Die Frage des aus anthroposophischem Denken heraus geborenen sozialen Strebens liegt ja tatsächlich für Mitteleuropa ganz anders als hier für die Schweiz. Für Mitteleuropa stehen die Dinge so, daß es sich handelt um Leben und Tod, um Leben und Tod des Volkstums. Es mag heute viele Leute geben, die sich den Ernst der Situation nicht klarmachen; aber es handelt sich um Leben und Tod des Volkstums. Die Menschen denken bei so etwas viel zu oberflächlich. Wenn man sagt «Tod des Volkstums», so denken Sie: Achtzig Millionen Menschen kann man doch nicht in einer kurzen Zeit töten, also kann es sich nicht um einen Tod des Volkstums handeln.
[ 8 ] Wer so denkt, versteht eben ganz und gar nicht, um was es sich eigentlich handelt. Das ist ja schon ganz natürlich, daß man achtzig oder neunzig Millionen Menschen nicht in einer kurzen Zeit physisch töten kann. Aber der Tod des Volkstums bedeutet doch noch etwas ganz anderes. Man braucht sich nur daran zu erinnern, daß, als Jerusalem zerstört worden ist, es sich auch nicht um den Tod der einzelnen in Jerusalem dazumal lebenden Juden gehandelt hat. Dennoch handelte es sich damals in einer gewissen Weise um den Tod des Volkstums, und dieser Tod des Volkstums kann noch in einer ganz anderen Weise auftreten, als er dazumal aufgetreten ist. Es handelt sich da schon um Leben oder Tod! Und das Leben kann wahrhaftig — man könnte sonst noch manches andere über die Dreigliederung denken — auf keine andere Weise gerettet werden als durch die Inaugurierung der Dreigliederung des sozialen Organismus. Da handelt es sich zunächst — und wirklich zunächst für die allernächste Zeit — um ein Entweder-Oder: um ein Verständnis der Dreigliederung oder um den Tod des Volkstums. Das mag heute den Leuten unbescheiden und vielleicht sogar albern erscheinen. Aber es ist so. So daß man sagen kann: Da ist viel Grund vorhanden, aus einem gewissen Zwang heraus zur Dreigliederung nach und nach zu greifen. Mag es länger oder kürzer dauern, aber es ist Grund zu einem Zwang vorhanden. Dieser Zwang besteht auch noch nach dem Osten von Europa hin, nach diesem unbeschreiblich von seinem Karma niedergetretenen Osten.
[ 9 ] Anders liegen die Dinge hier. Hier besteht — bestünde noch — die Möglichkeit, aus freiem Willen heraus zu so etwas wie der Dreigliederung zu greifen; denn hier handelt es sich ebensowenig wie im Westen um Leben und Tod, sondern um den Fortgang der Ereignisse in einem mehr oder weniger geistigen oder ungeistigen Sinne. Man kann selbstverständlich für lange Zeiten in der Schweiz und im Westen das Leben im materialistischen Sinne — ohne einen geistigen Impuls zu haben — fortsetzen; oder aber man kann aus freiem Willen heraus dazu kommen, in einer eminent spirituellen Bewegung, wie es die Bewegung der Dreigliederung ist, dasjenige zu sehen, was einen neuen Impuls geben muß. Man hat nicht nötig zu denken, daß es sich da um Leben oder Tod handelt.
[ 10 ] Nun ist es aber etwas ganz anderes, eine Sache aus freiem Willen heraus durchzuführen oder aus dem Zwang, aus der Unfreiheit heraus. Und man kann auch sagen: Für die Gesamtentwickelung der Welt würde es etwas ganz anderes bedeuten, aus freier Erkenntnis heraus gerade an einer solchen Stätte, wie die Schweiz es ist, doch zu der Strömung der Dreigliederung zu kommen. Es ist heute außerordentlich schwierig, selbst für mich, diese Dinge in objektiver Weise zu formulieren und auszusprechen. Es würde, wie ich glaube, ein großer Segen sein, wenn von irgend jemandem, der dem Westen oder insbesondere einem neutralen Land angehört, der Mut aufgebracht würde, dies ohne weiteres auszusprechen; denn es würde äußerlich etwas ganz anderes bedeuten. Insbesondere müßte dabei das Folgende berücksichtigt werden: Was aus den wenigen neutral gebliebenen Ländern kommen würde, wäre auch innerlich angesehen das Allerbedeutsamste. Würde daher aus einem in bezug auf die früheren kriegerischen Verhältnisse neutralen Lande, neutralen Gebiete so etwas ausgehen können wie der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, dann würde eigentlich für die weltgeschichtliche Bewegung etwas ganz Bedeutsames damit getan sein. Dieses einzusehen, das ist auch schon eine anthroposophische Frage. Denn nur anthroposophisch kann die Frage beantwortet werden: Was bedeutet in der Gesamtentwickelung der Menschen das Einfügen eines solchen Impulses? — Und da ist es nicht gleichgültig, daß dieser Impuls einfach in der abstrakten Form formuliert wird, sondern da ist es bedeutsam, aus welchen Tatsachen er hervorgeht: ob er aus der Tatsache der freien Erkenntnis hervorgeht oder ob er hervorgeht aus der Tatsache der Notwendigkeit, wie er ja in Mitteleuropa nur hervorgehen kann, weil da jetzt nichts anderes entstehen kann als dasjenige, was aus der bittersten Not hervorgeht.
[ 11 ] So meine ich, müßte gerade hier in der Schweiz das angesehen werden, was Begeisterung geben könnte für die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und die Frage drängt sich eben dann auf die Seele: Wie kommt man über ein gewisses Dilemma hinweg? — Unter Ihnen sitzen ja so manche, die jetzt doch wirklich schon ziemlich lange teilnehmen an unserer anthroposophischen Bewegung, die auch haben bemerken können, wie langsam oder wie schnell — zumeist wie langsam — dasjenige, was in dieser anthroposophischen Bewegung gemeint ist, die Seelen der Menschen durchdringt. Es geht langsam. Und wenn es darauf ankommen würde, daß erst die Menschen Anthroposophen würden, um dann in der richtigen Weise sozial denken zu können, dann könnte es eben unter Umständen doch viel, viel zu spät sein. Daher mußte daran gedacht werden, die Idee von der Dreigliederung, wenn sie dabei auch weniger stark fundiert erscheint, für sich in die Welt hinzustellen, weil eben nicht gewartet werden kann, bis sie sich aus anthroposophisch orientiertem Denken als eine Selbstverständlichkeit ergibt. Es wird aber wohl notwendig sein, daß dann diese Idee der Dreigliederung eine gewisse Unterstützung erfährt. Da sie diese Unterstützung nicht schnell genug wird erfahren können von wirklicher Ausbreitung der Anthroposophie, die ja langsam geht, so sollte sie diese Unterstützung erfahren können doch eigentlich von dem Dasein der Mitglieder der anthroposophischen Bewegung, das heißt: die Mitglieder der anthroposophischen Bewegung sollten, indem sie auch sozial auftreten, versuchen, durch ihr Auftreten Vertrauen zu erwirken.
[ 12 ] Jedenfalls ist dies eine Frage, die sich nicht theoretisch beantworten läßt, sondern die sich nur praktisch, lebensgemäß beantworten läßt, weil sie eine Frage des Auftretens ist. Wir müssen versuchen, das Soziale so zu vertreten, daß die Menschen in der Art, wie sie es vertreten, etwas Vertrauenerweckendes sehen können, auch wenn die Fundierung von anthroposophischer Seite eben nicht schnell genug erfolgen kann.
[ 13 ] Nun werden Sie mich fragen: Ja, wie ist das möglich, gewissermaßen den richtigen Takt im Auftreten für die soziale Bewegung zu finden? — Auch darüber läßt sich selbstverständlich keine katechismusartige Anweisung geben. Aber etwas läßt sich doch sagen, das, wenn es genügend berücksichtigt wird, stark hilft: Es müßte jeder einzelne unter uns sich immer mehr und mehr bemühen, das, was man soziale Bewegung nennt, lebensgemäß wirklich kennenzulernen. Daß dies nicht der Fall war, das konnte man ja wirklich schen, als in unseren Kreisen mit einer sozial gefärbten Bewegung begonnen wurde. Unter den gutmeinendsten und wohlwollendsten Mitarbeitern unserer anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Bewegung befanden sich wirklich nicht eben wenige, die eigentlich völlig verschlafen haben die Tatsache, daß es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein das gegeben hat und gibt, was man die moderne soziale Bewegung nennt. Das heißt, ich meine damit nicht, daß nicht alle Mitglieder gewußt hätten: es gibt eine soziale Bewegung. Damit ist aber gar nichts getan, daß man weiß, es gibt eine soziale Bewegung; es ist auch gar nichts damit getan, daß man verfolgt dasjenige, was Zeitungen berichten von sozialer Bewegung. Sondern es handelt sich darum, daß man die konkreten Äußerungen und Aspirationen dieser Bewegung wirklich kennt. Ich habe Leute kennengelernt aus unserer Mitte heraus — es ist noch nicht lange her —, die wußten nicht, als die Dreigliederung begann, daß es Gewerkschaften gibt und was Gewerkschaften sind. Wir sind zu sehr gewohnt geworden, im Leben an den Menschen vorbeizugehen und uns nicht zu kümmern um dasjenige, was die Menschen eigentlich treiben und tun. Wir müssen lernen, uns um die Seelen der Menschen wirklich zu bekümmern, für die Seelen der Menschen wirklich Interesse zu fassen. Dafür gibt es ein großes Hindernis, das ich, ohne jemand verletzen zu wollen, nennen möchte das «bürgerliche Wohlwollen» für die werktätige arbeitende Bevölkerung. Dieses bürgerliche Wohlwollen für die werktätige arbeitende Bevölkerung, das oftmals nur so trieft von sozialem Impetus, das ist im Grunde genommen ein schlimmes Hindernis für die soziale Wirksamkeit in der Gegenwart. Auf den verschiedensten Gebieten haben wir erlebt, was ich eigentlich damit meine. Denken Sie nur einmal, wie wir erlebt haben ein gewisses Kennenlernen des sogenannten «Volkes». Wir haben geschichtliche Romane, Volksromane, Volksnovellen erlebt, in denen geschildert worden ist von Leuten, die nichts vom. Volk verstanden — zum Beispiel von Berthold Auerbach oder ähnlichen —, die Art, wie das Volk war oder ist, und was von dieser Seite gekommen ist, wurde dann hingenommen als eine Beschäftigung, eine Erkenntnis-Beschäftigung mit dem Volke. Man hat es so‘gar als etwas zur sozialen Frage Gehöriges empfunden, wenn man sich Gerhart Hauptmanns «Weber» angesehen hat. Gewiß, in Gerhart Hauptmanns «Weber» sieht man das Elend proletarischer Massen so, daß einem auf der Bühne vorgeführt wird, wie eine arme Familie von einem krepierten Hunde sich ernähren muß. Aber es ist doch eine sonderbare Auffassung der Erkenntnis des sozialen Lebens, wenn in irgendeiner großen Stadt im Parkett oder auf der Galerie die Menschen sitzen, die sich da anschauen, wie die arme Familie sich nähren muß von einem krepierten Hunde, und die dann nach Hause gehen, um, sagen wir, eines der üblichen Soupes zu begehen. Damit will ich nicht sagen, daß es in unserer heutigen Zeit vielleicht möglich sei, von heute auf morgen die Klassengegensätze zu überbrücken. Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß wir wirklich Sinn bekommen müßten für das, was geschieht; daß wir uns abgewöhnen müßten, an den Menschen vorbeizugehen und nicht zu wissen, in welchen Lebenszusammenhängen die Menschen drinnenstehen. Es handelt sich heute wirklich darum, daß jeder einzelne sich einen großen weltgeschichtlichen Zusammenhang vor das geistige Auge führen kann, einen Zusammenhang, der sich nur eröffnet, wenn wir zurückblicken auf frühere Zeiten, welche noch zurückgelassen haben manches, was in unserer Gegenwart lebt, und wenn wir hinblicken auf Neues, das in dieser Gegenwart wie aus Urtiefen heraus an die Oberfläche des Lebens durchstößt.
[ 14 ] Eine Frage, die immer wieder auftritt, wenn vom modernen öffentlichen Leben die Rede ist, das ist die Frage der Organisation. Unsere Lebensverhältnisse sind kompliziert geworden. Die Arbeit hat immer mehr und mehr Teilung erfahren. Der einzelne steht in einem engbegrenzten Gebiet des Wirkens und Arbeitens drinnen. Wir können nur arbeiten, wir können nur wirken als moderne Menschen durch Organisationen. Organisationen hat es immer gegeben. Aber das berücksichtigt man nicht, daß Organisationen älterer Natur etwas ganz anderes waren als die Organisationen, die entstehen müssen. Heute leben wir fast nur in solchen Organisationen, die zum Teil Altes fortsetzen, zum Teil aber schon das Neue in sich haben, fortwährend innere Erschütterungen erleben. Jedoch das Bewußtsein ist nicht durchgedrungen, daß wirklich etwas durchgreifend Neues sich aus Urtiefen der Menschheitsentwickelung an die Oberfläche tragen muß.
[ 15 ] Wenn wir nachälteren Organisationen fragen, so können wir eigentlich eines als den Impuls solcher Organisationen hinstellen: das menschliche Blut, die Blutzusammengehörigkeit. Wenn wir in ältere Zeiten sehen, sehen wir zusammengehörige Stämme, zusammengehörige Großfamilien. Das, was zusammengehött, ist eigentlich organisiert aus menschlichen Tiefen heraus durch das Blut. Das bedingt, daß das Organisationsprinzip vielfach ein Unterbewußtes ist, daß es nicht vollständig ins Bewußtsein heraufkommt. Die Menschen sind dabei beim Organisieren, aber es dringt nicht ins Bewußtsein herauf. Es wirken höhere Geister als der Mensch bei diesem Organisieren mit.
[ 16 ] Heute sind wir eben vor diese Notwendigkeit gestellt, das, was früher unbewußt geschehen ist, das heißt, vielfach von höheren Geistern, als der Mensch ist, aus dem menschlichen Bewußtsein heraus selber zu vollziehen. Wir wollen uns bewußt zusammenschließen in Assoziationen, in Organisationen zur Förderung der sozialen Arbeit. Dasjenige, was die Menschen zusammengeschlossen hat aus dem Blute heraus, verliert allmählich seine Bedeutung.
[ 17 ] Die beobachtete, die erkannte Sache, das Objektive muß die Gründe abgeben für das Zusammenschließen. Unterbewußtes oder unbewußtes Zusammenschließen muß bewußtem Zusammenschließen weichen. In diesem Ineinander von diesen zwei Strömungen: bewußtem Organisieren und unbewußtem Organisieren, leben wir mitten drinnen, und die Erschütterungen der Gegenwart hängen vielfach mit dem Zusammenfließen dieser zwei Strömungen zusammen. Nehmen Sie nur einmal dasjenige, was einem heute in der Öffentlichkeit entgegentritt als das Bestreben der sozialistischen Parteien der verschiedensten Nuancen. In diesen sozialistischen Parteien lebt ja ganz, wenn auch heute noch instinktiv, ein gewisses Hindrängen zum bewußten Organisieren. Man will organisieren. Aber auf der anderen Seite ist man noch nicht dazu vorgedrungen, das Objekt zu finden für das bewußte Organisieren.
[ 18 ] Sie können, indem Sie sich das klarmachen wollen, einfach, ich möchte sagen, auf das Urphänomen des heutigen sozialen Strebens hinschauen. Nehmen Sie einmal an, hier träte jemand auf — wir wollen ganz unbefangen sprechen — und würde sagen: Es soll sozial gestrebt werden! — Was würde er damit meinen? Er würde damit meinen: In der Schweiz soll sozial gestrebt werden. Wenn man ihm nun zumuten würde, er solle anders denken, so würde er das selbstverständlich als eine Zumutung empfinden. Oder denken Sie gar, in Frankreich würde jemand so auftreten: er würde selbstverständlich denken, daß innerhalb der französischen Grenzen sozial gestrebt werden soll. Es ist ja auch theoretisch ausgesprochen worden, daß sozialistische Programme die alten Staatsgrenzen als einen Rahmen für große sozialistische Genossenschaften benützen sollen. Der Staat soll sich verwandeln in eine große sozialistische Genossenschaft. Aber der Staat ist ja das Übriggebliebene der alten, aus der Blutsverwandtschaft hervorgegangenen Verbände, der alten Blutsverbände. Es soll also einfach etwas über dasjenige, was aus den alten Blutsverwandtschaften herauskommt, darübergestülpt werden.
[ 19 ] Man mutet heute dem Menschen viel zu, wenn man ihm zumutet, er solle klar über diese Sache denken. Und die Menschen werden gar nicht klar über diese Dinge denken können, wenn sie nicht Anthroposophen werden. So sonderbar das ist, was ich jetzt ausspreche, es ist so: Die Menschen werden gar nicht klar darüber denken können. Denn, was geht für ein Ruf durch diese Welt? Durch unsere Welt geht der Ruf: Befreiung der Völker, das heißt, die alten Blutsverbände, die aus den alten Zeiten stammen, sollen in irgendeiner Weise neu organisiert werden. Befreiung der Völker! — Indem dieser Ruf durch die Welt geht, ignoriert er vollständig dasjenige, was Organisation aus dem Bewußtsein heraus sein soll. So hart stoßen zusammen in unserer Gegenwart die Dinge. Daher wird nur ein wirkliches anthroposophisches, ein allgemeines Menschenverständnis führen können zu dem, wohin geführt werden soll.
[ 20 ] Damit aber hat es seine guten Wege. Denn das anthroposophische Verständnis, namentlich das frühere sogenannte theosophische Verständnis hat ja gerade bei dieser Frage immer haltgemacht. Wohl hat man gesagt: Brüderliches Verständnis der Menschen ohne Unterschied von Rasse, Farbe und so weiter. — Aber ist das irgendwo real geworden in unserer neueren Zeit? Theorie ist es geworden, abstrakte Theorie; real geworden ist es nicht in unserer Zeit. Und real ist es jetzt am allerwenigsten.
[ 21 ] Dadurch hat gerade dieses anthroposophisch-theosophische Streben teilgenommen an der allgemeinen Liebe für das Abstrakte, von dem hier so oftmals gesprochen worden ist, jener allgemeinen Liebe für das Abstrakte, die da lebt in den gedanklichen, gefühlsmäßigen Daseinen, die sich absondern vom Leben. Wir leben als moderne Menschen, als Menschen der Gegenwart, das Leben, das wir nicht leben dürfen, das Doppelleben: auf der einen Seite das Leben in der äußeren Arbeit, wo wir unseren Beruf haben, wo wir manches andere noch haben wie den Beruf, und das Leben, wo wir bedenken, wo wir empfinden. Ein Leben des Alltags, ein Leben des Sonntags. Wir wollen nicht hören, wenn vom Geiste gesprochen wird, etwas, was eingreift in das Leben vom Montag und Dienstag und Mittwoch und Donnerstag und Freitag und Sonnabend; wir wollen, wenn vom Geiste gesprochen wird, ein Leben haben, bei dem es sich uns wohl anfühlt, wenn es am Sonntag, Vor- oder Nachmittag, von der Kanzel vermeldet wird, wobei wir nicht zu denken brauchen an das, was am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag vorgeht, sondern wobei wir nur eine gewisse Wollust empfinden bei den Worten: Brüderlichkeit, Nächstenliebe und so weiter. Das erstreckt sich bis in das Leben der Wissenschaft. Und da zeigt es sich insbesondere, wie es bewirkt worden ist; dieses geschichtliche Bewirken, das muß ins Auge gefaßt werden.
[ 22 ] Sehen Sie, unsere profanen Wissenschaften erlauben sich eigentlich gar nicht mehr, vom Geiste, und nicht einmal mehr von der Seele irgend etwas zu wissen. Man findet es ganz selbstverständlich, daß die profanen Wissenschaften sich nicht erlauben, vom Geiste und von der Seele etwas zu wissen. Gelehrte verkündigen heute, daß die Wissenschaft frei sein müsse von dem, was Glaube ist, und sie denken damit der vorurteilslosen Wissenschaft zu dienen. Sie denken, man sei befangen, wenn man auf dem Gebiete der Wissenschaft noch etwas von der Seele und von dem Geiste zu sagen hat, denn darüber entscheide doch nur der subjektive Glaube — so meinen die Leute. Woher rührt das aber in Wirklichkeit? In Wirklichkeit rührt es davon her, daß sich das Zeitalter so gestaltet hat, daß die religiösen Bekenntnisse für sich monopolisiert haben die Hinneigung zum Seelenhaften und zum Geistigen. Die religiösen Bekenntnisse haben sich ein Monopol gebildet für das Seelische und für das Geistige. Und man empfindet es heute ganz selbstverständlich, wenn von dieser Seite so etwas beurteilt wird, wie Anthroposophie es ist, daß die Leute einfach sagen: Das darf nicht gepflegt werden; Wissenschaft muß frei bleiben von diesen Dingen, Wissenschaft hat nicht hineinzureden in das Seelische und Geistige, weil die Beziehung zum Seelischen und Geistigen ein Monopol sein soll für die Konfessionen, für die Bekenntnisse. — Deshalb ist es so humotristisch — verzeihen Sie, daß ich den Ausdruck gebrauche gegenüber einer sehr ernsten Tatsache, aber da es Tragikomisches gibt, so kann es auch ein Ernsthumotistisches geben, und das Tragikomische ist manchmal für die Entwickelung der Welt bedeutsamer als das bloße Tragische oder Komische —, es ist humoristisch, wenn man heute von den Lehrkanzeln deklamieren hört, die Wissenschaft müsse so und so objektiv sein, ohne sich auf die Dinge der Seele oder des Geistes einzulassen, denn dadurch würde die Exaktheit der Wissenschaft durchbrochen. Es ist deshalb humoristisch, dergleichen zu hören, weil es davon kommt, daß den Leuten, die nicht zu vertreten haben den Glauben, verboten war durch so und so lange Zeit, über Geist und Seele zu sprechen. Und diejenigen, die heute glauben, als wissenschaftliche Gelehrte die Wissenschaft rein erhalten zu müssen um ihrer Exaktheit willen, die wollen sie in Wahrheit rein erhalten, weil ihnen verboten worden ist durch die Dogmatik, über Seele und Geist zu denken. Es ist der Bodensatz, der Rückstand, das Residuum der alten kirchlichen Verbote, die uns heute als exakte wissenschaftliche Forderungen von den Lehrkanzeln verkündet werden. Die Menschen wissen eben gar nicht, wie sich historisch dasjenige herausgebildet hat, was sie heute als eine selbstverständliche und manchmal nach ihrer Ansicht hohe Wahrheit verkündigen. Und diesen Dingen gegenüber sollte eben nicht der Seelenschlaf geschlafen werden, sondern diesen Dingen gegenüber sollten die Menschen aufwachen. Aber ohne daß wir diesen Dingen gegenüber aufwachen, kommen wir keinen Schritt weiter. Wir können noch so sehr schöne Sachen tradieren über die soziale Frage, wir kommen nicht weiter, wenn wir uns irgendwelcher Illusion über die größte Lüge hingeben, die es eigentlich gibt, über die Wissenschaftslüge der Gegenwart. Wir empfinden sie noch gar nicht, diese Wissenschaftslüge, aber wir müssen lernen, sie zu empfinden.
[ 23 ] Das ist nicht emotionell gemeint, das ist ganz theoretisch gemeint, was ich eben gesagt habe, und kann auch nur richtig verstanden werden, wenn es in diesem Theoretisch-Gemeintsein aufgenommen wird. Sehen Sie, ich fühle mich nur berufen, das Wort Wissenschaftslüge auszusprechen, weil ich ebenso, wie ich dieses Wort ausspreche und rückhaltlos von diesem Gesichtspunkte aus die gegenwärtige Wissenschaft kritisiere, sie ebensosehr wieder verteidige; denn sie ist groß geworden durch alles dasjenige, was sie erreichen konnte dadurch, daß eine Zeitlang die Menschen bloß das Physisch-Leibliche durch die Wissenschaft untersucht haben, sich nicht besonders hingewandt haben zum Seelisch-Geistigen. Aber das darf nur als ein Utilitätsprinzip angesehen werden und als ein pädagogisches Prinzip der Menschheitsentwickelung, nicht als irgend etwas Erkenntnistheoretisches.
[ 24 ] So müßte auch heute die Notwendigkeit eingesehen werden, gerade die profane Wissenschaft wiederum zu durchdringen mit wirklichen Erkenntnissen des Seelischen und des Geistigen. Denn nur daraus wird die Kraft entspringen, die sozialen Probleme tief genug anzufassen. In unserer Zeit ist der Mensch nun schon einmal vor die Notwendigkeit gestellt, anders zu erkennen, als heute in unseren Schulen erkannt wird. Dinge werden heute, ich möchte sagen, fällig in der Erkenntnis, die längere Zeit nicht fällig zu sein brauchten. Man hat lange ganz ausgereicht mit der kopernikanischen Weltanschauung. Es war nützlich für die Menschen, sich so hübsch vorzustellen: Hier die Sonne — die Erde bewegt sich in einer Ellipse herum, um die Erde bewegt sich wiederum der Mond, zwischen Sonne und Erde Merkur und Venus, weiter weg Mars und so weiter. — Es war hübsch, dieses ganze Bild der Bewegung der Planeten um die Sonne in Ellipsen so hinzustellen für die Menschheit. Man reichte aus bis zur Gegenwart mit diesem Bild.
[ 25 ] Aber wie ist historisch dieses Bild entstanden? Das habe ich öfter schon erwähnt. Historisch ist dieses Bild dadurch entstanden, daß einstmals der große Kopernikus sein Buch über die Umwälzung der Weltenkörper geschrieben hat. In dem stehen gleich anfangs drei Sätze. Beachtet man sie alle drei, dann ist es gut. Aber sie wurden nicht alle drei beachtet, sondern nur die zwei ersten. Der dritte wurde unberücksichtigt gelassen. Beachtet man nur die zwei ersten kopernikanischen Sätze, dann kommt das kopernikanische System, im Keplerschen, im Newtonschen Sinne weitergeführt, heraus. Nur stimmt dieses System nicht. Wenn irgendein Planet nach der Rechnung dieses Systems an einer bestimmten Stelle sein sollte und man richtet das Fernrohr hin — er ist nicht da! Aber er müßte da sein nach diesem System. Daher setzt man schon seit längerer Zeit die sogenannten «Besselschen Reduktionen» ein; man korrigiert immer die Stelle. Bevor man das Fernrohr einrichtet, richtet man es nicht nach dem Punkt hin, für welchen man es nach diesem System richten müßte, sondern nach dem Punkt hin, für welchen man zuerst die Besselschen Korrekturen eingesetzt hat. Diese Besselschen Korrekturen, was bedeuten sie eigentlich? Sie bedeuten, daß man immer von neuem anwenden muß das, was man auf einmal anwenden würde, wenn man alle drei kopernikanischen Gesetze beachten würde, das heißt, wenn man das dritte nicht unberücksichtigt gelassen hätte. Aber wenn man dieses dritte kopernikanische Gesetz berücksichtigt, dann stimmt die Geschichte wieder nicht mit den schönen Umdtrehungen der Planeten um die Sonne. Dann muß man an ein anderes Weltensystem denken. Aber die Menschen werden auch an dieses _ andere Weltensystem nicht denken, bevor sie gehörig vorbereitet sind zu solchem Umdenken durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn wie schauen heute die Menschen die Welt an? Die Menschen schauen sie heute so an, wie wenn sie in einem Eisenbahnzug drinnensäßen, niemals zum Fenster hinausschauten und auch niemals ausstiegen, sondern immer drinnensitzen und nur leben würden mit den Insassen des Eisenbahnzuges. Aber ein Mensch könnte auch so mit einem Eisenbahnzug durch die Welt fahren, daß er eine Strecke fährt, dann läßt er den Zug stehen, steigt aus, erlebt das, was in einer Stadt ist; es kann ja dann ein anderer Zug sein, darauf kommt es nicht an, in den er wieder einsteigt. Er reist wiederum weiter, erlebt etwas in einer anderen Stadt. Das sind Etappen, die man da erlebt. Das trägt man dann mit sich.
[ 26 ] Die heutige astronomische Wissenschaft erlebt den Gang mit der Erde durch den Weltenraum so, wie wenn man in einem Eisenbahnzug sitzt und nichts anderes als die Erlebnisse mit den Mitinsassen erlebt, niemals aussteigt. Nun werden Sie sagen: Wie kann man denn von der Erde aussteigen? Kann man denn das, von der Erde aussteigen? — Man kann das, nur ist es etwas anderes, von der Erde aussteigen als aus einem Eisenbahnzug auszusteigen. Aus einem Eisenbahnzug aussteigen, heißt: zur Waggontüre hinausgehen und dann irgendwo hingehen. Von der Erde aussteigen heißt: in das menschliche Innere, in die Seele eindringen. Dringen Sie wirklich in die Seele ein, erreichen Sie das, was im Inneren der Seele ist, dann sind Sie aus der Erde ausgestiegen; dann haben Sie in bezug auf die Erde dieselbe Prozedur durchgemacht, die Sie durchmachen, wenn Sie aus einem Zug aussteigen und wiederum einsteigen. Aber nun ist das Eigentümliche, daß man, wenn man aussteigt, das heißt, wenn man wirklich innerlich sich vertieft, konkret vertieft, nicht durch Illusionen, sondern konkret vertieft, daß man dann bei jedem Aussteigen etwas anderes erlebt, wirklich bei jedem Aussteigen etwas anderes erlebt. Deklamieren von Mystik, die sich in das menschliche Innere vertieft, die Gott in der Seele erlebt, das ist eben ein bloßes Deklamieren. Wirklich im Inneren etwas erleben, das stellt sich so heraus, daß es in den verschiedenen Zeitaltern verschieden ist, daß es immer erneuertes Erleben ist. Wenn jemand wirklich innerlich erlebt hat 1870, und wiederum innerlich erlebt 1919, so sind die beiden Dinge verschieden innerlich erlebt. Warum sind sie verschieden? Weil der Mensch den Weltenraum erlebt, immer an einem anderen Orte erlebt.
[ 27 ] Durch solches innerliches Erleben haben die Alten ihr Himmelssystem gefunden, nicht durch rein äußerliches Erleben. Durch ein Erleben wie das im Eisenbahnzug ist das kopernikanische System entstanden. Das System der Zukunft wird wiederum innerlich erlebt sein müssen, indem der Mensch die Reise durch die Welt an innerlichen Erlebnissen durchmißt. Dann wird etwas anderes herauskommen. Vor allen Dingen wird das herauskommen, daß wir lernen werden, konkret die Welt zu erleben, nicht, wie man es heute liebt, abstrakt diese Welt zu erleben.
[ 28 ] Mir ist neulich in Berlin etwas Sonderbates passiert, das mich im Grunde genommen recht befriedigt hat. Da ist vor einiger Zeit ein schmachvoller Artikel in der deutschen Zeitschrift «Die Hilfe» erschienen, «Falscher Prophet», heißt der Artikel. Nun, solche Artikel werden gelesen, werden verschlafen. Aber wie ich jetzt vor einigen Wochen in Berlin war, besuchte mich ein Amerikaner und sagte, er besuche mich eigentlich aus dem Grunde, weil er den Artikel in der «Hilfe» gelesen habe, in dem so schrecklich geschimpft werde und in einer solchen Weise, daß man Interesse fassen müsse. Das will ich nur zur Einleitung sagen. Was mich eigentlich befriedigt hat, war eine Frage, die dieser Mann gestellt hat, die in höchstem Maße sachlich war. Er sagte, er habe sehr schnell begriffen, um was es sich bei der Dreigliederung des sozialen Organismus handle, aber er möchte nun fragen: Halten Sie dafür, daß diese Dreigliederung des sozialen Organismus eine ewige Wahrheit ist, die, einmal gefunden, soziale Zustände schafft, die nun immer bleiben müssen, oder ist es eine Wahrheit für einige Zeit, die nur ablöst alte Dinge; ist es eine Wahrheit, die wiederum von etwas anderem abgelöst wird? — Ich war förmlich frappiert, daß sich in der Gegenwart noch solche verständige Menschen finden, die nicht glauben an den Chiliasmus, an das 'Tausendjährige Reich, wo einmal ein Absolutes gefunden wird und bleibt, bloß ein Wahres über die ganze Erde hin und in die ganzen Ewigkeiten. Denkt heute einer sozialistisch, so denkt er: Morgen muß der soziale Staat verwirklicht werden; wenn er da ist, dann braucht er nimmer anders zu werden.
[ 29 ] Ich habe meine Antwort dann so formuliert, daß ich sagte: Selbstverständlich haben die letzten Jahrhunderte nach dem Einheitsstaate gestrebt; jetzt sind wir im konkreten Dasein so weit, daß wir ihn dreigliedern müssen. Nach einiger Zeit wird wiederum das andere, die Synthesis kommen; da wird wiederum das Entgegengesetzte auftreten müssen. — Sehen Sie, das ist nicht so bequem, immer die konkreten Verhältnisse verfolgen zu müssen, das ist nicht so bequem, wie ein absolutes System auszudenken. Aber heute ist es notwendig, daß die konkreten Verhältnisse befolgt werden, daß man sich bewußt ist: Was wir zu schaffen haben, haben wir für die gegenwärtige Weltenlage zu schaffen. Das kann aber heute schon «astronomisch» begriffen werden, indem wir erstens sehen, daß die mystischen Erlebnisse verschieden sind, je nachdem sie in diesem Jahrzehnt oder jenem Jahrzehnt, in diesem Jahrhundert oder in jenem Jahrhundert gewonnen werden, und daß man die Bewegungen der Erde selbst verfolgen, innerlich mystisch erleben kann. Aber es muß das «große Astronomische» heute zusammen geschaut und zusammen empfunden werden mit dem Sozialen. Wir müssen die Möglichkeit gewinnen, so vorzuschteiten, daß wir heute eine Stufe überschreiten, die sich nur parallelisieren läßt mit Stufen der früheren Zeit, die ebenso nicht nur Übergänge, sondern Stöße waren der Entwickelung.
[ 30 ] Nehmen Sie den alten Griechen. Er hatte sein Landgebiet. Bis zu den Säulen des Herkules war für ihn die Erde noch etwas, was konkret war. Dann kam das Unbestimmte, das ganz Unbestimmte. Er hatte ein Landbewußtsein. Es kam die neuere Zeit herauf, die Entdeckung Amerikas, das Segeln nach Ostindien, ähnliche Dinge. Erdenbewußtsein trat auf. Aus dem Landbewußtsein der Griechen wurde das Erdenbewußtsein der neueren Zeit. Geradeso wie für den Griechen dasjenige, was außerhalb der Säulen des Herkules lag, unbestimmt war, so ist heute dasjenige, was außerhalb des Erdenbewußtseins ist, für den Menschen unbestimmt, bloß mathematische Phantasie, Galileische, Newtonsche Phantasie und so weiter. Diese Phantasie muß durch die realen Tatsachen ersetzt werden. Wir müssen umwandeln das Erdenbewußtsein in das Weltenbewußtsein, wie man umwandelte das Landbewußtsein der Griechen in das Erdenbewußtsein. Wir stehen heute an diesem Punkte, und wir kommen auch sozial nicht vorwärts, wenn wir nicht den Weg finden, ebenso wie das Landbewußtsein der Griechen in das Erdenbewußtsein der modernen Zeit umgewandelt wurde, das Weltenbewußtsein der Zukunft herauszuentwickeln aus dem Erdenbewußtsein der neueren Zeit.
[ 31 ] Wenn wir nicht ausbilden durch die Lehren anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft das große astronomische Weltbild desjenigen, was draußen als Weltenraum ist, dann ergreifen wir nicht die Wahrheit des Weltenraumes. Aber ergreifen wir nicht die Wahrheit des Weltenraumes, so können wir nicht Weltenbürger werden. Aber wir werden nicht früher soziale Bürger, als bis wir in unserem Bewußtsein Weltenbürger geworden sind.
