The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191
3 October 1919, Dornach
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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Es ist von den verschiedensten Seiten, auch von verschiedenen Seiten hier in der Schweiz, in der letzten Zeit darauf gesehen worden, wie die Beziehungen sich stellen zu dem, was jahrelang in unseren Kreisen als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft gepflegt worden ist, so gepflegt worden ist, daß es zu der Errichtung dieses Baues hier, des Goetheanum, geführt hat, und zuletzt zu dem, was nach anderer Seite hin von uns in die Welt gesetzt werden soll, anknüpfend an die sozialen Bewegungen und Bestrebungen der Gegenwart. Daß wir hinzuzufügen hatten zu unserem anthroposophischen Streben dieses soziale Streben, hat die verschiedenartigsten Beurteilungen erfahren, ablehnende und zustimmende. Für die Art, wie wir unseren Weg zu verfolgen haben, kann das ja selbstverständlich nicht maßgebend sein; aber not tut es doch, den Blick auf mancherlei Tatsachen zu lenken, die in dieser Beziehung zutage getreten sind.
[ 1 ] Recently, attention has been drawn from a wide variety of quarters—including various quarters here in Switzerland—to the nature of the relationship with what has for years been cultivated in our circles as an anthroposophically oriented spiritual science, —a pursuit that led to the construction of this building here, the Goetheanum, and ultimately to what we are now called upon to bring forth into the world, in connection with the social movements and aspirations of the present day. The fact that we have had to add this social endeavor to our anthroposophical striving has been met with a wide variety of assessments, both negative and positive. Of course, this cannot be decisive for the way in which we must pursue our path; but it is nevertheless necessary to draw attention to various facts that have come to light in this regard.
[ 2 ] Anthroposophen sagen oftmals, daß diese anthroposophische Bewegung nicht sich hätte belasten sollen mit demjenigen, was in der Bewegung der Dreigliederung des sozialen Organismus liegt. Und manche von denjenigen Menschen, die ein Interesse gefaßt haben für die soziale Bewegung, die zur Dreigliederung führen soll, empfinden es wiederum als störend, daß die Idee der Dreigliederung gerade von dem vielfach als mystisch, dunkel, unklar empfundenen anthroposophischen Erkennen den Ausgangspunkt genommen hat. So werden die Dreigliederer oftmals getadelt von den Anthroposophen, die Anthroposophen von den Dreigliederern. Und auf beiden Seiten wird die Gemeinschaft manchmal nicht gern gesehen.
[ 2 ] Anthroposophists often say that the anthroposophical movement should not have burdened itself with the idea of the threefold social order. And some of those who have taken an interest in the social movement aimed at achieving this threefold social order, in turn, find it troubling that the idea of threefold social order originated precisely from anthroposophical knowledge, which is often perceived as mystical, obscure, and unclear. Thus, the advocates of social threefolding are often criticized by the anthroposophists, and the anthroposophists by the advocates of social threefolding. And on both sides, the other group is sometimes viewed with suspicion.
[ 3 ] Wie gesagt, beirren kann uns das nicht; aber wichtig ist es doch, sich eine solche Tatsache voll zum Bewußtsein zu bringen und sich dabei zu erinnern an den inneren Zusammenhang, den wir ja zwischen beiden in den Betrachtungen, die hier gepflogen worden sind, öfter vor unsere Seele hinstellen mußten.
[ 3 ] As I said, this cannot mislead us; but it is nevertheless important to fully bring such a fact to mind and, in doing so, to recall the inner connection that we have, after all, had to repeatedly bring to the forefront of our minds in the reflections that have been carried out here.
[ 4 ] Aber auch ein anderes ist immer mehr und mehr zutage getreten, und dieses andere ist, ich möchte sagen, etwas, das für unsere Aufgabe vielleicht intensiver zu bedenken ist; denn schließlich, wenn man von sozial denkender Seite her die Gemeinschaft mit der Anthroposophie bemängelt, so können wir dagegen nichts machen, ebensowenig wenn Anthroposophen betonen, es wäre besser, wenn wir uns nicht mit sozialem Denken belastet hätten. Wir können auch dagegen nichts Besonderes machen, sondern müssen unseren Weg unbeirrt weitergehen, wie wir ihn als richtig erkannt haben. Aber was vielleicht dringlicher ist zu berücksichtigen, das ist, daß auch diejenigen Personen doch immer mehr und mehr ihre Stimme geltend machen, die da sagen: Es sei notwendig, für das persönliche Verständnis des “ Dreigliederungsgedankens gerade eine anthroposophische Grundlage zu schaffen. Der Dreigliederungsgedanke würde viel besser verstanden werden, wenn eine anthroposophische Grundlage geschaffen würde. Und zum Beispiel gerade in proletarischen Kreisen wird immer mehr und mehr verlangt eine solche anthroposophische Grundlage. Das ist etwas, was vielleicht manchem gerade überraschend kommt, obwohl es im Grunde nicht allzu überraschend ist.
[ 4 ] But something else has also become increasingly apparent, and that is, I would say, something that perhaps warrants more careful consideration in our work; for after all, if those with a social perspective criticize our association with anthroposophy, there is nothing we can do about it—just as there is nothing we can do when anthroposophists insist it would be better if we had not burdened ourselves with social thought. We cannot do anything in particular about that either, but must continue unwaveringly on our path, as we have recognized it to be the right one. But what is perhaps more urgent to consider is that those who say it is necessary to create an anthroposophical foundation specifically for the personal understanding of the “idea of threefolding” are also making their voices heard more and more. The idea of social threefolding would be much better understood if an anthroposophical foundation were established. And, for example, especially in proletarian circles, there is an ever-increasing demand for such an anthroposophical foundation. This is something that may come as a surprise to some, although it is not really all that surprising.
[ 5 ] So wie früher vielfach das anthroposophische Streben gehalten worden ist, war es von unseren Freunden schon so gehalten — das war ja auch durch die Klassenunterschiede bedingt —, daß in proletarische Kreise wenig Anthroposophie hat hineingetragen werden können. Und nun ist es ja unvermeidlich, daß jeder Mensch, an den die Dreigliederung herantritt, irgendwie auch von der Anthroposophie etwas hört, mit Anthroposophie zunächst äußerlich bekannt wird. Und sehr merkwürdig ist es, daß gerade ein lebhaftes Bedürfnis nach Anthroposophie auftritt.
[ 5 ] Just as the anthroposophical endeavor was often viewed in the past—and this was indeed due to class differences—our friends already held the view that very little anthroposophy could be brought into proletarian circles. And now it is inevitable that every person who comes into contact with the threefold social order will, in some way, also hear about anthroposophy and become acquainted with it, at least superficially. And it is very remarkable that a lively need for anthroposophy arises.
[ 6 ] Wir haben zum Beispiel in Stuttgart nötig gehabt, nachdem eine Zeitlang der Dreigliederungsgedanke gepflegt worden ist, ohne daß irgendwie Anthroposophisches dabei besprochen wurde, Vortragszyklen über rein anthroposophische Gegenstände zu halten. Aus guten Gründen heraus war es nötig geworden, und sie werden weiter gehalten werden.
[ 6 ] For example, in Stuttgart, after the idea of the threefold social order had been discussed for some time without any mention of anthroposophy, we found it necessary to hold lecture series on purely anthroposophical topics. This had become necessary for good reasons, and these series will continue.
[ 7 ] Das ist eine Sache, die nun eigentlich ganz besonders hier berücksichtigt werden sollte, und eigentlich nur diesen Gedanken möchte ich heute einleitend vor Ihre Seele hinstellen. Hier in der Schweiz sind wir ja in bezug auf diese beiden Richtungen, die soziale Strömung und die mit ihr doch — für uns wenigstens — zusammenhängende anthroposophische Strömung, in einer ganz besonderen Lage. Die Frage des aus anthroposophischem Denken heraus geborenen sozialen Strebens liegt ja tatsächlich für Mitteleuropa ganz anders als hier für die Schweiz. Für Mitteleuropa stehen die Dinge so, daß es sich handelt um Leben und Tod, um Leben und Tod des Volkstums. Es mag heute viele Leute geben, die sich den Ernst der Situation nicht klarmachen; aber es handelt sich um Leben und Tod des Volkstums. Die Menschen denken bei so etwas viel zu oberflächlich. Wenn man sagt «Tod des Volkstums», so denken Sie: Achtzig Millionen Menschen kann man doch nicht in einer kurzen Zeit töten, also kann es sich nicht um einen Tod des Volkstums handeln.
[ 7 ] This is a matter that should really be given special consideration here, and that is really the only thought I would like to present to you today by way of introduction. Here in Switzerland, we find ourselves in a very special situation with regard to these two movements: the social movement and the anthroposophical movement, which—at least for us—is closely connected to it. The question of the social endeavor born of anthroposophical thought is, in fact, quite different for Central Europe than it is here in Switzerland. For Central Europe, the situation is such that it is a matter of life and death—the life and death of national culture. There may be many people today who do not fully grasp the gravity of the situation; but it is a matter of the life and death of national culture. People think far too superficially about such matters. When one says “the death of a people,” they think: “You can’t possibly kill eighty million people in a short time, so it can’t be a matter of the death of a people.”
[ 8 ] Wer so denkt, versteht eben ganz und gar nicht, um was es sich eigentlich handelt. Das ist ja schon ganz natürlich, daß man achtzig oder neunzig Millionen Menschen nicht in einer kurzen Zeit physisch töten kann. Aber der Tod des Volkstums bedeutet doch noch etwas ganz anderes. Man braucht sich nur daran zu erinnern, daß, als Jerusalem zerstört worden ist, es sich auch nicht um den Tod der einzelnen in Jerusalem dazumal lebenden Juden gehandelt hat. Dennoch handelte es sich damals in einer gewissen Weise um den Tod des Volkstums, und dieser Tod des Volkstums kann noch in einer ganz anderen Weise auftreten, als er dazumal aufgetreten ist. Es handelt sich da schon um Leben oder Tod! Und das Leben kann wahrhaftig — man könnte sonst noch manches andere über die Dreigliederung denken — auf keine andere Weise gerettet werden als durch die Inaugurierung der Dreigliederung des sozialen Organismus. Da handelt es sich zunächst — und wirklich zunächst für die allernächste Zeit — um ein Entweder-Oder: um ein Verständnis der Dreigliederung oder um den Tod des Volkstums. Das mag heute den Leuten unbescheiden und vielleicht sogar albern erscheinen. Aber es ist so. So daß man sagen kann: Da ist viel Grund vorhanden, aus einem gewissen Zwang heraus zur Dreigliederung nach und nach zu greifen. Mag es länger oder kürzer dauern, aber es ist Grund zu einem Zwang vorhanden. Dieser Zwang besteht auch noch nach dem Osten von Europa hin, nach diesem unbeschreiblich von seinem Karma niedergetretenen Osten.
[ 8 ] Anyone who thinks this way simply does not understand at all what this is really about. It is, of course, only natural that eighty or ninety million people cannot be physically killed in a short period of time. But the death of a people means something entirely different. One need only recall that when Jerusalem was destroyed, it was not a matter of the death of the individual Jews living in Jerusalem at that time. Nevertheless, in a certain sense, it was the death of a people, and this death of a people can occur in a very different way than it did back then. It is truly a matter of life or death! And life can truly—one might otherwise think many other things about the threefold social order—be saved in no other way than through the establishment of the threefold social order. Here, it is first and foremost—and truly first and foremost for the very near future—a matter of either/or: either an understanding of the threefold social order or the death of the national spirit. That may seem presumptuous and perhaps even silly to people today. But it is so. So that one can say: There is ample reason, out of a certain compulsion, to gradually turn to the threefold social order. Whether it takes longer or shorter, there is reason for this compulsion. This compulsion also extends toward the East of Europe, toward this East that has been indescribably trampled underfoot by its karma.
[ 9 ] Anders liegen die Dinge hier. Hier besteht — bestünde noch — die Möglichkeit, aus freiem Willen heraus zu so etwas wie der Dreigliederung zu greifen; denn hier handelt es sich ebensowenig wie im Westen um Leben und Tod, sondern um den Fortgang der Ereignisse in einem mehr oder weniger geistigen oder ungeistigen Sinne. Man kann selbstverständlich für lange Zeiten in der Schweiz und im Westen das Leben im materialistischen Sinne — ohne einen geistigen Impuls zu haben — fortsetzen; oder aber man kann aus freiem Willen heraus dazu kommen, in einer eminent spirituellen Bewegung, wie es die Bewegung der Dreigliederung ist, dasjenige zu sehen, was einen neuen Impuls geben muß. Man hat nicht nötig zu denken, daß es sich da um Leben oder Tod handelt.
[ 9 ] Things are different here. Here there is—or rather, there still would be—the possibility of turning to something like the threefold social order of one’s own free will; for here, just as in the West, it is not a matter of life and death, but rather of the course of events in a more or less spiritual or non-spiritual sense. Of course, one can continue to live in a materialistic sense—without any spiritual impulse—for long periods of time in Switzerland and in the West; or one can, of one’s own free will, come to see, within an eminently spiritual movement such as the threefold social order, that which must provide a new impulse. There is no need to think that this is a matter of life or death.
[ 10 ] Nun ist es aber etwas ganz anderes, eine Sache aus freiem Willen heraus durchzuführen oder aus dem Zwang, aus der Unfreiheit heraus. Und man kann auch sagen: Für die Gesamtentwickelung der Welt würde es etwas ganz anderes bedeuten, aus freier Erkenntnis heraus gerade an einer solchen Stätte, wie die Schweiz es ist, doch zu der Strömung der Dreigliederung zu kommen. Es ist heute außerordentlich schwierig, selbst für mich, diese Dinge in objektiver Weise zu formulieren und auszusprechen. Es würde, wie ich glaube, ein großer Segen sein, wenn von irgend jemandem, der dem Westen oder insbesondere einem neutralen Land angehört, der Mut aufgebracht würde, dies ohne weiteres auszusprechen; denn es würde äußerlich etwas ganz anderes bedeuten. Insbesondere müßte dabei das Folgende berücksichtigt werden: Was aus den wenigen neutral gebliebenen Ländern kommen würde, wäre auch innerlich angesehen das Allerbedeutsamste. Würde daher aus einem in bezug auf die früheren kriegerischen Verhältnisse neutralen Lande, neutralen Gebiete so etwas ausgehen können wie der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, dann würde eigentlich für die weltgeschichtliche Bewegung etwas ganz Bedeutsames damit getan sein. Dieses einzusehen, das ist auch schon eine anthroposophische Frage. Denn nur anthroposophisch kann die Frage beantwortet werden: Was bedeutet in der Gesamtentwickelung der Menschen das Einfügen eines solchen Impulses? — Und da ist es nicht gleichgültig, daß dieser Impuls einfach in der abstrakten Form formuliert wird, sondern da ist es bedeutsam, aus welchen Tatsachen er hervorgeht: ob er aus der Tatsache der freien Erkenntnis hervorgeht oder ob er hervorgeht aus der Tatsache der Notwendigkeit, wie er ja in Mitteleuropa nur hervorgehen kann, weil da jetzt nichts anderes entstehen kann als dasjenige, was aus der bittersten Not hervorgeht.
[ 10 ] But it is quite another thing to carry out an action out of free will or out of compulsion, out of a lack of freedom. And one could also say: For the overall development of the world, it would mean something entirely different to arrive at the movement toward threefolding—precisely in a place like Switzerland—out of free insight. It is extraordinarily difficult today, even for me, to formulate and express these things objectively. It would, I believe, be a great blessing if someone—whether from the West or, in particular, from a neutral country—were to muster the courage to speak this out plainly; for it would have a very different external significance. In particular, the following must be taken into account: What would come from the few countries that have remained neutral would also be, viewed from within, of the utmost significance. If, therefore, something like the impulse for the threefold social order were to emerge from a country or region that had remained neutral with regard to the earlier warlike conditions, then something truly significant would actually be accomplished for the course of world history. To recognize this is, in itself, already an anthroposophical question. For only from an anthroposophical perspective can the question be answered: What does the introduction of such an impulse mean for the overall development of humanity? — And it is not irrelevant that this impulse is simply formulated in abstract terms; rather, it is significant from which facts it arises: whether it arises from the fact of free knowledge or whether it arises from the fact of necessity—as it can indeed only arise in Central Europe, because nothing else can emerge there now except that which arises from the most bitter necessity.
[ 11 ] So meine ich, müßte gerade hier in der Schweiz das angesehen werden, was Begeisterung geben könnte für die Idee von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Und die Frage drängt sich eben dann auf die Seele: Wie kommt man über ein gewisses Dilemma hinweg? — Unter Ihnen sitzen ja so manche, die jetzt doch wirklich schon ziemlich lange teilnehmen an unserer anthroposophischen Bewegung, die auch haben bemerken können, wie langsam oder wie schnell — zumeist wie langsam — dasjenige, was in dieser anthroposophischen Bewegung gemeint ist, die Seelen der Menschen durchdringt. Es geht langsam. Und wenn es darauf ankommen würde, daß erst die Menschen Anthroposophen würden, um dann in der richtigen Weise sozial denken zu können, dann könnte es eben unter Umständen doch viel, viel zu spät sein. Daher mußte daran gedacht werden, die Idee von der Dreigliederung, wenn sie dabei auch weniger stark fundiert erscheint, für sich in die Welt hinzustellen, weil eben nicht gewartet werden kann, bis sie sich aus anthroposophisch orientiertem Denken als eine Selbstverständlichkeit ergibt. Es wird aber wohl notwendig sein, daß dann diese Idee der Dreigliederung eine gewisse Unterstützung erfährt. Da sie diese Unterstützung nicht schnell genug wird erfahren können von wirklicher Ausbreitung der Anthroposophie, die ja langsam geht, so sollte sie diese Unterstützung erfahren können doch eigentlich von dem Dasein der Mitglieder der anthroposophischen Bewegung, das heißt: die Mitglieder der anthroposophischen Bewegung sollten, indem sie auch sozial auftreten, versuchen, durch ihr Auftreten Vertrauen zu erwirken.
[ 11 ] So I believe that here in Switzerland, in particular, we should consider what might inspire enthusiasm for the idea of the threefold social order. And the question then naturally arises: How can we overcome a certain dilemma? — Among you are quite a few who have been participating in our anthroposophical movement for quite some time now, and who have also been able to observe how slowly or how quickly—mostly how slowly—what is meant in this anthroposophical movement permeates people’s souls. It is a slow process. And if it were a matter of people first becoming anthroposophists in order to then be able to think socially in the right way, then under certain circumstances it might well be much, much too late. Therefore, it was necessary to consider presenting the idea of the threefold social order—even if it appears to have less solid foundations—to the world on its own terms, precisely because we cannot wait until it emerges as a matter of course from anthroposophically oriented thinking. However, it will likely be necessary for this idea of the threefold social order to receive a certain amount of support. Since it will not be able to receive this support quickly enough from the actual spread of anthroposophy—which, after all, proceeds slowly—it should in fact be able to receive this support from the very existence of the members of the anthroposophical movement; that is to say: the members of the anthroposophical movement should, by engaging in social activities, try to inspire trust through their conduct.
[ 12 ] Jedenfalls ist dies eine Frage, die sich nicht theoretisch beantworten läßt, sondern die sich nur praktisch, lebensgemäß beantworten läßt, weil sie eine Frage des Auftretens ist. Wir müssen versuchen, das Soziale so zu vertreten, daß die Menschen in der Art, wie sie es vertreten, etwas Vertrauenerweckendes sehen können, auch wenn die Fundierung von anthroposophischer Seite eben nicht schnell genug erfolgen kann.
[ 12 ] In any case, this is a question that cannot be answered theoretically, but only practically, in a way that reflects real life, because it is a question of how one behaves. We must try to present the social realm in such a way that people can see something that inspires trust in the way it is presented, even if the anthroposophical foundation cannot be established quickly enough.
[ 13 ] Nun werden Sie mich fragen: Ja, wie ist das möglich, gewissermaßen den richtigen Takt im Auftreten für die soziale Bewegung zu finden? — Auch darüber läßt sich selbstverständlich keine katechismusartige Anweisung geben. Aber etwas läßt sich doch sagen, das, wenn es genügend berücksichtigt wird, stark hilft: Es müßte jeder einzelne unter uns sich immer mehr und mehr bemühen, das, was man soziale Bewegung nennt, lebensgemäß wirklich kennenzulernen. Daß dies nicht der Fall war, das konnte man ja wirklich schen, als in unseren Kreisen mit einer sozial gefärbten Bewegung begonnen wurde. Unter den gutmeinendsten und wohlwollendsten Mitarbeitern unserer anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Bewegung befanden sich wirklich nicht eben wenige, die eigentlich völlig verschlafen haben die Tatsache, daß es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und bis in unsere Tage herein das gegeben hat und gibt, was man die moderne soziale Bewegung nennt. Das heißt, ich meine damit nicht, daß nicht alle Mitglieder gewußt hätten: es gibt eine soziale Bewegung. Damit ist aber gar nichts getan, daß man weiß, es gibt eine soziale Bewegung; es ist auch gar nichts damit getan, daß man verfolgt dasjenige, was Zeitungen berichten von sozialer Bewegung. Sondern es handelt sich darum, daß man die konkreten Äußerungen und Aspirationen dieser Bewegung wirklich kennt. Ich habe Leute kennengelernt aus unserer Mitte heraus — es ist noch nicht lange her —, die wußten nicht, als die Dreigliederung begann, daß es Gewerkschaften gibt und was Gewerkschaften sind. Wir sind zu sehr gewohnt geworden, im Leben an den Menschen vorbeizugehen und uns nicht zu kümmern um dasjenige, was die Menschen eigentlich treiben und tun. Wir müssen lernen, uns um die Seelen der Menschen wirklich zu bekümmern, für die Seelen der Menschen wirklich Interesse zu fassen. Dafür gibt es ein großes Hindernis, das ich, ohne jemand verletzen zu wollen, nennen möchte das «bürgerliche Wohlwollen» für die werktätige arbeitende Bevölkerung. Dieses bürgerliche Wohlwollen für die werktätige arbeitende Bevölkerung, das oftmals nur so trieft von sozialem Impetus, das ist im Grunde genommen ein schlimmes Hindernis für die soziale Wirksamkeit in der Gegenwart. Auf den verschiedensten Gebieten haben wir erlebt, was ich eigentlich damit meine. Denken Sie nur einmal, wie wir erlebt haben ein gewisses Kennenlernen des sogenannten «Volkes». Wir haben geschichtliche Romane, Volksromane, Volksnovellen erlebt, in denen geschildert worden ist von Leuten, die nichts vom. Volk verstanden — zum Beispiel von Berthold Auerbach oder ähnlichen —, die Art, wie das Volk war oder ist, und was von dieser Seite gekommen ist, wurde dann hingenommen als eine Beschäftigung, eine Erkenntnis-Beschäftigung mit dem Volke. Man hat es so‘gar als etwas zur sozialen Frage Gehöriges empfunden, wenn man sich Gerhart Hauptmanns «Weber» angesehen hat. Gewiß, in Gerhart Hauptmanns «Weber» sieht man das Elend proletarischer Massen so, daß einem auf der Bühne vorgeführt wird, wie eine arme Familie von einem krepierten Hunde sich ernähren muß. Aber es ist doch eine sonderbare Auffassung der Erkenntnis des sozialen Lebens, wenn in irgendeiner großen Stadt im Parkett oder auf der Galerie die Menschen sitzen, die sich da anschauen, wie die arme Familie sich nähren muß von einem krepierten Hunde, und die dann nach Hause gehen, um, sagen wir, eines der üblichen Soupes zu begehen. Damit will ich nicht sagen, daß es in unserer heutigen Zeit vielleicht möglich sei, von heute auf morgen die Klassengegensätze zu überbrücken. Aber dasjenige, um was es sich handelt, ist, daß wir wirklich Sinn bekommen müßten für das, was geschieht; daß wir uns abgewöhnen müßten, an den Menschen vorbeizugehen und nicht zu wissen, in welchen Lebenszusammenhängen die Menschen drinnenstehen. Es handelt sich heute wirklich darum, daß jeder einzelne sich einen großen weltgeschichtlichen Zusammenhang vor das geistige Auge führen kann, einen Zusammenhang, der sich nur eröffnet, wenn wir zurückblicken auf frühere Zeiten, welche noch zurückgelassen haben manches, was in unserer Gegenwart lebt, und wenn wir hinblicken auf Neues, das in dieser Gegenwart wie aus Urtiefen heraus an die Oberfläche des Lebens durchstößt.
[ 13 ] Now you will ask me: Yes, how is it possible, so to speak, to find the right approach when it comes to the social movement? — Of course, there can be no catechism-like instruction on this either. But one thing can be said that, if given sufficient consideration, is of great help: Each and every one of us must strive more and more to truly get to know, in a way that is true to life, what is called the social movement. That this was not the case was indeed evident when a socially oriented movement began in our circles. Among the most well-meaning and benevolent collaborators in our anthroposophically oriented spiritual science movement, there were indeed quite a few who had completely overlooked the fact that, from the second half of the 19th century right up to the present day, there has been—and continues to be—what is called the modern social movement. By this I do not mean that not all members were aware that a social movement exists. But merely knowing that a social movement exists accomplishes nothing; nor does simply following what newspapers report about the social movement. Rather, the point is to truly understand the concrete manifestations and aspirations of this movement. I have met people from our own ranks—not long ago—who, when the Threefold Social Order initiative began, did not know that trade unions existed or what they were. We have become too accustomed to passing people by in life and not caring about what people are actually doing and engaged in. We must learn to truly care for people’s souls, to take a genuine interest in them. There is a major obstacle to this, which—without wishing to offend anyone—I would like to call “bourgeois benevolence” toward the working population. This bourgeois benevolence toward the working class—which is often simply dripping with social zeal—is, in essence, a serious obstacle to social effectiveness in the present day. We have seen what I actually mean by this in a wide variety of areas. Just think for a moment about how we have come to know the so-called “people.” We have encountered historical novels, folk novels, and folk short stories in which people who understood nothing about the “people”—for example, Berthold Auerbach or similar authors—depicted what the people were or are like; and what emerged from this perspective was then accepted as a form of engagement, a quest for understanding the people. It was even perceived as something pertaining to the social question when one looked at Gerhart Hauptmann’s *The Weaver*. Certainly, in Gerhart Hauptmann’s *The Weaver*, one sees the misery of the proletarian masses in such a way that one is shown on stage how a poor family must subsist on a dead dog. But it is, after all, a peculiar conception of understanding social life when people sit in the stalls or the balcony of a theater in some large city, watching how the poor family must feed itself on a dead dog, and then go home to enjoy, let’s say, one of their usual soups. I do not mean to say that it might be possible in our present age to bridge class divisions overnight. But the point is that we really need to develop a sense of what is happening; that we need to break the habit of passing people by without knowing the circumstances of their lives. What really matters today is that each individual be able to visualize a broad context of world history in their mind’s eye—a context that only reveals itself when we look back at earlier times, which have left behind much of what lives on in our present, and when we look toward the new, which in this present bursts to the surface of life as if from primeval depths.
[ 14 ] Eine Frage, die immer wieder auftritt, wenn vom modernen öffentlichen Leben die Rede ist, das ist die Frage der Organisation. Unsere Lebensverhältnisse sind kompliziert geworden. Die Arbeit hat immer mehr und mehr Teilung erfahren. Der einzelne steht in einem engbegrenzten Gebiet des Wirkens und Arbeitens drinnen. Wir können nur arbeiten, wir können nur wirken als moderne Menschen durch Organisationen. Organisationen hat es immer gegeben. Aber das berücksichtigt man nicht, daß Organisationen älterer Natur etwas ganz anderes waren als die Organisationen, die entstehen müssen. Heute leben wir fast nur in solchen Organisationen, die zum Teil Altes fortsetzen, zum Teil aber schon das Neue in sich haben, fortwährend innere Erschütterungen erleben. Jedoch das Bewußtsein ist nicht durchgedrungen, daß wirklich etwas durchgreifend Neues sich aus Urtiefen der Menschheitsentwickelung an die Oberfläche tragen muß.
[ 14 ] One question that arises time and again when discussing modern public life is the question of organization. Our living conditions have become complicated. Work has become increasingly compartmentalized. The individual operates within a narrowly defined sphere of activity and work. As modern people, we can only work and act through organizations. Organizations have always existed. But people fail to realize that organizations of an older nature were something entirely different from the organizations that must now emerge. Today we live almost exclusively within such organizations, which in part carry on the old, but in part already contain the new, and are constantly undergoing internal upheavals. Yet the realization has not yet taken hold that something truly radical and new must rise to the surface from the primal depths of human development.
[ 15 ] Wenn wir nachälteren Organisationen fragen, so können wir eigentlich eines als den Impuls solcher Organisationen hinstellen: das menschliche Blut, die Blutzusammengehörigkeit. Wenn wir in ältere Zeiten sehen, sehen wir zusammengehörige Stämme, zusammengehörige Großfamilien. Das, was zusammengehött, ist eigentlich organisiert aus menschlichen Tiefen heraus durch das Blut. Das bedingt, daß das Organisationsprinzip vielfach ein Unterbewußtes ist, daß es nicht vollständig ins Bewußtsein heraufkommt. Die Menschen sind dabei beim Organisieren, aber es dringt nicht ins Bewußtsein herauf. Es wirken höhere Geister als der Mensch bei diesem Organisieren mit.
[ 15 ] When we consider older forms of organization, we can actually identify one thing as the driving force behind them: human blood, the bond of kinship. When we look back to earlier times, we see tribes and extended families bound together by kinship. That which belongs together is actually organized from the depths of the human being through blood. This means that the organizing principle is often subconscious; it does not fully rise to consciousness. People are involved in the organizing process, but it does not rise to consciousness. Higher spirits than human beings are at work in this organizing process.
[ 16 ] Heute sind wir eben vor diese Notwendigkeit gestellt, das, was früher unbewußt geschehen ist, das heißt, vielfach von höheren Geistern, als der Mensch ist, aus dem menschlichen Bewußtsein heraus selber zu vollziehen. Wir wollen uns bewußt zusammenschließen in Assoziationen, in Organisationen zur Förderung der sozialen Arbeit. Dasjenige, was die Menschen zusammengeschlossen hat aus dem Blute heraus, verliert allmählich seine Bedeutung.
[ 16 ] Today we are faced with the necessity of carrying out—on our own, outside of human consciousness—what used to happen unconsciously, that is, in many cases through spirits higher than human beings. Let us consciously unite in associations and organizations to promote social work. That which once bound people together through blood ties is gradually losing its significance.
[ 17 ] Die beobachtete, die erkannte Sache, das Objektive muß die Gründe abgeben für das Zusammenschließen. Unterbewußtes oder unbewußtes Zusammenschließen muß bewußtem Zusammenschließen weichen. In diesem Ineinander von diesen zwei Strömungen: bewußtem Organisieren und unbewußtem Organisieren, leben wir mitten drinnen, und die Erschütterungen der Gegenwart hängen vielfach mit dem Zusammenfließen dieser zwei Strömungen zusammen. Nehmen Sie nur einmal dasjenige, was einem heute in der Öffentlichkeit entgegentritt als das Bestreben der sozialistischen Parteien der verschiedensten Nuancen. In diesen sozialistischen Parteien lebt ja ganz, wenn auch heute noch instinktiv, ein gewisses Hindrängen zum bewußten Organisieren. Man will organisieren. Aber auf der anderen Seite ist man noch nicht dazu vorgedrungen, das Objekt zu finden für das bewußte Organisieren.
[ 17 ] The observed, the recognized—the objective—must provide the grounds for synthesis. Subconscious or unconscious organization must give way to conscious organization. We live right in the midst of this interplay between these two currents—conscious organization and unconscious organization—and the upheavals of the present are often linked to the convergence of these two currents. Just consider, for example, what we encounter in public today as the aspirations of socialist parties of the most diverse shades. Within these socialist parties, a certain drive toward conscious organization is very much alive, even if it remains instinctive for now. People want to organize. But on the other hand, they have not yet managed to find the object of that conscious organization.
[ 18 ] Sie können, indem Sie sich das klarmachen wollen, einfach, ich möchte sagen, auf das Urphänomen des heutigen sozialen Strebens hinschauen. Nehmen Sie einmal an, hier träte jemand auf — wir wollen ganz unbefangen sprechen — und würde sagen: Es soll sozial gestrebt werden! — Was würde er damit meinen? Er würde damit meinen: In der Schweiz soll sozial gestrebt werden. Wenn man ihm nun zumuten würde, er solle anders denken, so würde er das selbstverständlich als eine Zumutung empfinden. Oder denken Sie gar, in Frankreich würde jemand so auftreten: er würde selbstverständlich denken, daß innerhalb der französischen Grenzen sozial gestrebt werden soll. Es ist ja auch theoretisch ausgesprochen worden, daß sozialistische Programme die alten Staatsgrenzen als einen Rahmen für große sozialistische Genossenschaften benützen sollen. Der Staat soll sich verwandeln in eine große sozialistische Genossenschaft. Aber der Staat ist ja das Übriggebliebene der alten, aus der Blutsverwandtschaft hervorgegangenen Verbände, der alten Blutsverbände. Es soll also einfach etwas über dasjenige, was aus den alten Blutsverwandtschaften herauskommt, darübergestülpt werden.
[ 18 ] If you want to understand this, you can simply—I would say—look at the fundamental phenomenon of today’s social striving. Suppose someone were to step forward here—let’s speak quite candidly—and say: “We must strive for social progress!”—What would he mean by that? He would mean: “We must strive for social progress in Switzerland.” If one were now to expect him to think otherwise, he would naturally find that unreasonable. Or imagine if someone in France were to make such a statement: he would naturally assume that social progress should take place within France’s borders. It has, after all, been stated in theory that socialist programs should use the old national borders as a framework for large socialist cooperatives. The state is to be transformed into a large socialist cooperative. But the state is, after all, what remains of the old associations that arose from blood kinship—the old blood ties. So something is simply to be superimposed upon what has emerged from those old blood ties.
[ 19 ] Man mutet heute dem Menschen viel zu, wenn man ihm zumutet, er solle klar über diese Sache denken. Und die Menschen werden gar nicht klar über diese Dinge denken können, wenn sie nicht Anthroposophen werden. So sonderbar das ist, was ich jetzt ausspreche, es ist so: Die Menschen werden gar nicht klar darüber denken können. Denn, was geht für ein Ruf durch diese Welt? Durch unsere Welt geht der Ruf: Befreiung der Völker, das heißt, die alten Blutsverbände, die aus den alten Zeiten stammen, sollen in irgendeiner Weise neu organisiert werden. Befreiung der Völker! — Indem dieser Ruf durch die Welt geht, ignoriert er vollständig dasjenige, was Organisation aus dem Bewußtsein heraus sein soll. So hart stoßen zusammen in unserer Gegenwart die Dinge. Daher wird nur ein wirkliches anthroposophisches, ein allgemeines Menschenverständnis führen können zu dem, wohin geführt werden soll.
[ 19 ] We expect far too much of people today when we expect them to think clearly about this matter. And people will not be able to think clearly about these things at all unless they become anthroposophists. As strange as what I am about to say may sound, it is true: People will not be able to think clearly about this at all. For what kind of call is resounding through this world? A call is resounding through our world: “Liberation of the peoples”—that is, the old blood ties dating back to ancient times are to be reorganized in some way. Liberation of the peoples! — As this call resounds through the world, it completely ignores what organization, arising from consciousness, should be. Things clash so fiercely in our present time. Therefore, only a truly anthroposophical, universal understanding of humanity will be able to lead us to where we are meant to go.
[ 20 ] Damit aber hat es seine guten Wege. Denn das anthroposophische Verständnis, namentlich das frühere sogenannte theosophische Verständnis hat ja gerade bei dieser Frage immer haltgemacht. Wohl hat man gesagt: Brüderliches Verständnis der Menschen ohne Unterschied von Rasse, Farbe und so weiter. — Aber ist das irgendwo real geworden in unserer neueren Zeit? Theorie ist es geworden, abstrakte Theorie; real geworden ist es nicht in unserer Zeit. Und real ist es jetzt am allerwenigsten.
[ 20 ] But this has its own merits. For the anthroposophical understanding—and especially the earlier, so-called theosophical understanding—has always focused precisely on this question. It is true that people have spoken of brotherly understanding among human beings, without distinction of race, color, and so on. — But has that become a reality anywhere in our recent times? It has become theory—abstract theory; it has not become a reality in our time. And it is least of all a reality now.
[ 21 ] Dadurch hat gerade dieses anthroposophisch-theosophische Streben teilgenommen an der allgemeinen Liebe für das Abstrakte, von dem hier so oftmals gesprochen worden ist, jener allgemeinen Liebe für das Abstrakte, die da lebt in den gedanklichen, gefühlsmäßigen Daseinen, die sich absondern vom Leben. Wir leben als moderne Menschen, als Menschen der Gegenwart, das Leben, das wir nicht leben dürfen, das Doppelleben: auf der einen Seite das Leben in der äußeren Arbeit, wo wir unseren Beruf haben, wo wir manches andere noch haben wie den Beruf, und das Leben, wo wir bedenken, wo wir empfinden. Ein Leben des Alltags, ein Leben des Sonntags. Wir wollen nicht hören, wenn vom Geiste gesprochen wird, etwas, was eingreift in das Leben vom Montag und Dienstag und Mittwoch und Donnerstag und Freitag und Sonnabend; wir wollen, wenn vom Geiste gesprochen wird, ein Leben haben, bei dem es sich uns wohl anfühlt, wenn es am Sonntag, Vor- oder Nachmittag, von der Kanzel vermeldet wird, wobei wir nicht zu denken brauchen an das, was am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag vorgeht, sondern wobei wir nur eine gewisse Wollust empfinden bei den Worten: Brüderlichkeit, Nächstenliebe und so weiter. Das erstreckt sich bis in das Leben der Wissenschaft. Und da zeigt es sich insbesondere, wie es bewirkt worden ist; dieses geschichtliche Bewirken, das muß ins Auge gefaßt werden.
[ 21 ] In this way, this very anthroposophical-theosophical striving has shared in the general love for the abstract—of which so much has been spoken here—that general love for the abstract which lives in the intellectual and emotional existences that separate themselves from life. As modern people, as people of the present, we live the life we are not allowed to live—a double life: on the one hand, the life of outward work, where we have our profession, where we have many other things besides our profession; and on the other hand, the life where we reflect and feel. A life of the weekday, a life of Sunday. We do not want to hear, when the Spirit is spoken of, anything that interferes with life on Monday, Tuesday, Wednesday, Thursday, Friday, and Saturday; when the Spirit is spoken of, we want a life in which we feel at ease when it is proclaimed from the pulpit on Sunday morning or afternoon, without having to think about what happens on Monday, Tuesday, Wednesday, and Thursday, but rather feeling a certain pleasure at the words: brotherhood, love of neighbor, and so on. This extends into the realm of scholarship. And there, in particular, it becomes evident how this has come about; this historical process must be taken into account.
[ 22 ] Sehen Sie, unsere profanen Wissenschaften erlauben sich eigentlich gar nicht mehr, vom Geiste, und nicht einmal mehr von der Seele irgend etwas zu wissen. Man findet es ganz selbstverständlich, daß die profanen Wissenschaften sich nicht erlauben, vom Geiste und von der Seele etwas zu wissen. Gelehrte verkündigen heute, daß die Wissenschaft frei sein müsse von dem, was Glaube ist, und sie denken damit der vorurteilslosen Wissenschaft zu dienen. Sie denken, man sei befangen, wenn man auf dem Gebiete der Wissenschaft noch etwas von der Seele und von dem Geiste zu sagen hat, denn darüber entscheide doch nur der subjektive Glaube — so meinen die Leute. Woher rührt das aber in Wirklichkeit? In Wirklichkeit rührt es davon her, daß sich das Zeitalter so gestaltet hat, daß die religiösen Bekenntnisse für sich monopolisiert haben die Hinneigung zum Seelenhaften und zum Geistigen. Die religiösen Bekenntnisse haben sich ein Monopol gebildet für das Seelische und für das Geistige. Und man empfindet es heute ganz selbstverständlich, wenn von dieser Seite so etwas beurteilt wird, wie Anthroposophie es ist, daß die Leute einfach sagen: Das darf nicht gepflegt werden; Wissenschaft muß frei bleiben von diesen Dingen, Wissenschaft hat nicht hineinzureden in das Seelische und Geistige, weil die Beziehung zum Seelischen und Geistigen ein Monopol sein soll für die Konfessionen, für die Bekenntnisse. — Deshalb ist es so humotristisch — verzeihen Sie, daß ich den Ausdruck gebrauche gegenüber einer sehr ernsten Tatsache, aber da es Tragikomisches gibt, so kann es auch ein Ernsthumotistisches geben, und das Tragikomische ist manchmal für die Entwickelung der Welt bedeutsamer als das bloße Tragische oder Komische —, es ist humoristisch, wenn man heute von den Lehrkanzeln deklamieren hört, die Wissenschaft müsse so und so objektiv sein, ohne sich auf die Dinge der Seele oder des Geistes einzulassen, denn dadurch würde die Exaktheit der Wissenschaft durchbrochen. Es ist deshalb humoristisch, dergleichen zu hören, weil es davon kommt, daß den Leuten, die nicht zu vertreten haben den Glauben, verboten war durch so und so lange Zeit, über Geist und Seele zu sprechen. Und diejenigen, die heute glauben, als wissenschaftliche Gelehrte die Wissenschaft rein erhalten zu müssen um ihrer Exaktheit willen, die wollen sie in Wahrheit rein erhalten, weil ihnen verboten worden ist durch die Dogmatik, über Seele und Geist zu denken. Es ist der Bodensatz, der Rückstand, das Residuum der alten kirchlichen Verbote, die uns heute als exakte wissenschaftliche Forderungen von den Lehrkanzeln verkündet werden. Die Menschen wissen eben gar nicht, wie sich historisch dasjenige herausgebildet hat, was sie heute als eine selbstverständliche und manchmal nach ihrer Ansicht hohe Wahrheit verkündigen. Und diesen Dingen gegenüber sollte eben nicht der Seelenschlaf geschlafen werden, sondern diesen Dingen gegenüber sollten die Menschen aufwachen. Aber ohne daß wir diesen Dingen gegenüber aufwachen, kommen wir keinen Schritt weiter. Wir können noch so sehr schöne Sachen tradieren über die soziale Frage, wir kommen nicht weiter, wenn wir uns irgendwelcher Illusion über die größte Lüge hingeben, die es eigentlich gibt, über die Wissenschaftslüge der Gegenwart. Wir empfinden sie noch gar nicht, diese Wissenschaftslüge, aber wir müssen lernen, sie zu empfinden.
[ 22 ] You see, our secular sciences no longer allow themselves to know anything at all about the spirit, or even about the soul. It is taken for granted that the secular sciences do not allow themselves to know anything about the spirit or the soul. Scholars today proclaim that science must be free from what constitutes faith, and in doing so they believe they are serving unbiased science. They think one is biased if one still has anything to say about the soul and the spirit in the realm of science, for only subjective faith determines such matters—or so people believe. But where does this really come from? In reality, it stems from the fact that the age has developed in such a way that religious denominations have monopolized the inclination toward the soul and the spirit. Religious denominations have established a monopoly over the soul and the spirit. And today it is taken for granted that when something like anthroposophy is judged from this perspective, people simply say: This must not be encouraged; science must remain free from these things; science has no business interfering in matters of the soul and the spirit, because the relationship to the soul and the spirit is supposed to be a monopoly of the denominations, of the religious confessions. — That is why it is so “humotristic”—forgive me for using this term in connection with a very serious matter, but just as there is the tragicomic, so there can also be the “serious-humotristic,” and the tragicomic is sometimes more significant for the development of the world than the merely tragic or comic— it is humorous to hear people declaim from the pulpits today that science must be objective in such-and-such a way, without engaging with matters of the soul or the spirit, because doing so would undermine the precision of science. It is therefore humorous to hear such things because it stems from the fact that people who do not profess the faith were forbidden for such-and-such a long time to speak about the spirit and the soul. And those who believe today, as scientific scholars, that they must keep science pure for the sake of its precision—in truth, they want to keep it pure because they have been forbidden by dogma to think about the soul and the spirit. It is the dregs, the residue, the remnant of the old ecclesiastical prohibitions that are proclaimed to us today from the pulpits as exact scientific demands. People simply have no idea how, historically, what they proclaim today as a self-evident and—in their view—sometimes lofty truth came to be. And in the face of these things, people should not remain in a state of spiritual slumber; rather, they should awaken to them. But unless we awaken to these things, we will not make any progress. No matter how many beautiful ideas we pass down regarding the social question, we will not make any progress if we succumb to any illusion about the greatest lie that actually exists—the scientific lie of the present. We do not yet perceive this scientific lie at all, but we must learn to perceive it.
[ 23 ] Das ist nicht emotionell gemeint, das ist ganz theoretisch gemeint, was ich eben gesagt habe, und kann auch nur richtig verstanden werden, wenn es in diesem Theoretisch-Gemeintsein aufgenommen wird. Sehen Sie, ich fühle mich nur berufen, das Wort Wissenschaftslüge auszusprechen, weil ich ebenso, wie ich dieses Wort ausspreche und rückhaltlos von diesem Gesichtspunkte aus die gegenwärtige Wissenschaft kritisiere, sie ebensosehr wieder verteidige; denn sie ist groß geworden durch alles dasjenige, was sie erreichen konnte dadurch, daß eine Zeitlang die Menschen bloß das Physisch-Leibliche durch die Wissenschaft untersucht haben, sich nicht besonders hingewandt haben zum Seelisch-Geistigen. Aber das darf nur als ein Utilitätsprinzip angesehen werden und als ein pädagogisches Prinzip der Menschheitsentwickelung, nicht als irgend etwas Erkenntnistheoretisches.
[ 23 ] What I just said is not meant emotionally; it is meant entirely theoretically, and can only be properly understood if it is accepted as being meant in this theoretical sense. You see, I feel compelled to use the term “scientific lie” only because, just as I use this term and unreservedly criticize contemporary science from this perspective, I defend it just as strongly; for it has grown great through all that it was able to achieve by the fact that, for a time, people investigated only the physical and corporeal through science, without turning their attention particularly to the soul and spirit. But this must be regarded solely as a principle of utility and as a pedagogical principle of human development, not as anything epistemological.
[ 24 ] So müßte auch heute die Notwendigkeit eingesehen werden, gerade die profane Wissenschaft wiederum zu durchdringen mit wirklichen Erkenntnissen des Seelischen und des Geistigen. Denn nur daraus wird die Kraft entspringen, die sozialen Probleme tief genug anzufassen. In unserer Zeit ist der Mensch nun schon einmal vor die Notwendigkeit gestellt, anders zu erkennen, als heute in unseren Schulen erkannt wird. Dinge werden heute, ich möchte sagen, fällig in der Erkenntnis, die längere Zeit nicht fällig zu sein brauchten. Man hat lange ganz ausgereicht mit der kopernikanischen Weltanschauung. Es war nützlich für die Menschen, sich so hübsch vorzustellen: Hier die Sonne — die Erde bewegt sich in einer Ellipse herum, um die Erde bewegt sich wiederum der Mond, zwischen Sonne und Erde Merkur und Venus, weiter weg Mars und so weiter. — Es war hübsch, dieses ganze Bild der Bewegung der Planeten um die Sonne in Ellipsen so hinzustellen für die Menschheit. Man reichte aus bis zur Gegenwart mit diesem Bild.
[ 24 ] Thus, even today, we must recognize the need to once again infuse secular science with genuine insights into the soul and the spirit. For only from this will the strength arise to address social problems with sufficient depth. In our time, humanity is now faced with the necessity of perceiving things differently than is currently taught in our schools. Today, I would say, there is a need to understand things that for a long time did not need to be understood. For a long time, the Copernican worldview was entirely sufficient. It was useful for people to imagine things so neatly: Here is the Sun—the Earth moves in an ellipse around it; the Moon, in turn, moves around the Earth; between the Sun and the Earth are Mercury and Venus; farther away is Mars, and so on. — It was a lovely way to present this whole picture of the planets’ movement around the Sun in ellipses to humanity. This picture has sufficed up to the present day.


[ 25 ] Aber wie ist historisch dieses Bild entstanden? Das habe ich öfter schon erwähnt. Historisch ist dieses Bild dadurch entstanden, daß einstmals der große Kopernikus sein Buch über die Umwälzung der Weltenkörper geschrieben hat. In dem stehen gleich anfangs drei Sätze. Beachtet man sie alle drei, dann ist es gut. Aber sie wurden nicht alle drei beachtet, sondern nur die zwei ersten. Der dritte wurde unberücksichtigt gelassen. Beachtet man nur die zwei ersten kopernikanischen Sätze, dann kommt das kopernikanische System, im Keplerschen, im Newtonschen Sinne weitergeführt, heraus. Nur stimmt dieses System nicht. Wenn irgendein Planet nach der Rechnung dieses Systems an einer bestimmten Stelle sein sollte und man richtet das Fernrohr hin — er ist nicht da! Aber er müßte da sein nach diesem System. Daher setzt man schon seit längerer Zeit die sogenannten «Besselschen Reduktionen» ein; man korrigiert immer die Stelle. Bevor man das Fernrohr einrichtet, richtet man es nicht nach dem Punkt hin, für welchen man es nach diesem System richten müßte, sondern nach dem Punkt hin, für welchen man zuerst die Besselschen Korrekturen eingesetzt hat. Diese Besselschen Korrekturen, was bedeuten sie eigentlich? Sie bedeuten, daß man immer von neuem anwenden muß das, was man auf einmal anwenden würde, wenn man alle drei kopernikanischen Gesetze beachten würde, das heißt, wenn man das dritte nicht unberücksichtigt gelassen hätte. Aber wenn man dieses dritte kopernikanische Gesetz berücksichtigt, dann stimmt die Geschichte wieder nicht mit den schönen Umdtrehungen der Planeten um die Sonne. Dann muß man an ein anderes Weltensystem denken. Aber die Menschen werden auch an dieses _ andere Weltensystem nicht denken, bevor sie gehörig vorbereitet sind zu solchem Umdenken durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft. Denn wie schauen heute die Menschen die Welt an? Die Menschen schauen sie heute so an, wie wenn sie in einem Eisenbahnzug drinnensäßen, niemals zum Fenster hinausschauten und auch niemals ausstiegen, sondern immer drinnensitzen und nur leben würden mit den Insassen des Eisenbahnzuges. Aber ein Mensch könnte auch so mit einem Eisenbahnzug durch die Welt fahren, daß er eine Strecke fährt, dann läßt er den Zug stehen, steigt aus, erlebt das, was in einer Stadt ist; es kann ja dann ein anderer Zug sein, darauf kommt es nicht an, in den er wieder einsteigt. Er reist wiederum weiter, erlebt etwas in einer anderen Stadt. Das sind Etappen, die man da erlebt. Das trägt man dann mit sich.
[ 25 ] But how did this image come about historically? I have mentioned this several times before. Historically, this image arose because the great Copernicus once wrote his book on the revolution of the celestial bodies. Right at the beginning of that book are three propositions. If all three are taken into account, then all is well. But not all three were taken into account—only the first two. The third was disregarded. If one considers only the first two Copernican propositions, then the Copernican system—carried forward in the Keplerian and Newtonian sense—emerges. Only this system is incorrect. If, according to the calculations of this system, a planet should be at a certain location and you point the telescope in that direction—it isn’t there! But it should be there according to this system. That is why the so-called “Besselian reductions” have been used for quite some time; the position is always corrected. Before setting up the telescope, one does not point it toward the point where it should be aimed according to this system, but rather toward the point for which one has first applied the Bessel corrections. What do these Bessel corrections actually mean? They mean that one must continually reapply what one would apply all at once if one were to observe all three Copernican laws—that is, if one had not disregarded the third. But if one takes this third Copernican law into account, then the story once again does not align with the beautiful orbits of the planets around the sun. Then one must consider a different world system. But people will not even consider this _ other world system until they have been properly prepared for such a shift in thinking through anthroposophically oriented spiritual science. For how do people view the world today? People view it today as if they were sitting inside a train, never looking out the window and never getting off, but always sitting inside and living only with the other passengers on the train. But a person could also travel through the world by train in such a way that they ride a certain distance, then stop the train, get off, and experience what a city has to offer; it could even be a different train—it doesn’t matter which one they board again. They travel on once more, experiencing something in another city. These are the stages one goes through. That is what one then carries with them.
[ 26 ] Die heutige astronomische Wissenschaft erlebt den Gang mit der Erde durch den Weltenraum so, wie wenn man in einem Eisenbahnzug sitzt und nichts anderes als die Erlebnisse mit den Mitinsassen erlebt, niemals aussteigt. Nun werden Sie sagen: Wie kann man denn von der Erde aussteigen? Kann man denn das, von der Erde aussteigen? — Man kann das, nur ist es etwas anderes, von der Erde aussteigen als aus einem Eisenbahnzug auszusteigen. Aus einem Eisenbahnzug aussteigen, heißt: zur Waggontüre hinausgehen und dann irgendwo hingehen. Von der Erde aussteigen heißt: in das menschliche Innere, in die Seele eindringen. Dringen Sie wirklich in die Seele ein, erreichen Sie das, was im Inneren der Seele ist, dann sind Sie aus der Erde ausgestiegen; dann haben Sie in bezug auf die Erde dieselbe Prozedur durchgemacht, die Sie durchmachen, wenn Sie aus einem Zug aussteigen und wiederum einsteigen. Aber nun ist das Eigentümliche, daß man, wenn man aussteigt, das heißt, wenn man wirklich innerlich sich vertieft, konkret vertieft, nicht durch Illusionen, sondern konkret vertieft, daß man dann bei jedem Aussteigen etwas anderes erlebt, wirklich bei jedem Aussteigen etwas anderes erlebt. Deklamieren von Mystik, die sich in das menschliche Innere vertieft, die Gott in der Seele erlebt, das ist eben ein bloßes Deklamieren. Wirklich im Inneren etwas erleben, das stellt sich so heraus, daß es in den verschiedenen Zeitaltern verschieden ist, daß es immer erneuertes Erleben ist. Wenn jemand wirklich innerlich erlebt hat 1870, und wiederum innerlich erlebt 1919, so sind die beiden Dinge verschieden innerlich erlebt. Warum sind sie verschieden? Weil der Mensch den Weltenraum erlebt, immer an einem anderen Orte erlebt.
[ 26 ] Modern astronomy experiences the Earth’s journey through space as if one were sitting in a train, experiencing nothing but the shared experiences with one’s fellow passengers, never getting off. Now you will say: How can one possibly step off the Earth? Is it even possible to step off the Earth? — It is possible, but stepping off the Earth is something different from stepping off a train. Stepping off a train means walking out the train car door and then going somewhere. Stepping off the Earth means penetrating into the human inner being, into the soul. If you truly penetrate the soul and reach what lies within it, then you have stepped off the Earth; then, in relation to the Earth, you have gone through the same process that you go through when you get off a train and get back on again. But now the peculiar thing is that when one steps off—that is, when one truly delves inward, delves concretely, not through illusions but concretely—one then experiences something different with every step off, truly experiences something different with every step off. To merely recite mysticism—which delves into the human inner being, which experiences God in the soul—is nothing more than mere recitation. Truly experiencing something within oneself turns out to be different in different eras; it is always a renewed experience. If someone truly experienced something inwardly in 1870, and again experienced something inwardly in 1919, then these two experiences are different in their inner nature. Why are they different? Because the human being experiences the cosmos, always experiencing it in a different place.
[ 27 ] Durch solches innerliches Erleben haben die Alten ihr Himmelssystem gefunden, nicht durch rein äußerliches Erleben. Durch ein Erleben wie das im Eisenbahnzug ist das kopernikanische System entstanden. Das System der Zukunft wird wiederum innerlich erlebt sein müssen, indem der Mensch die Reise durch die Welt an innerlichen Erlebnissen durchmißt. Dann wird etwas anderes herauskommen. Vor allen Dingen wird das herauskommen, daß wir lernen werden, konkret die Welt zu erleben, nicht, wie man es heute liebt, abstrakt diese Welt zu erleben.
[ 27 ] It was through such inner experience that the ancients discovered their celestial system, not through purely external experience. The Copernican system arose from an experience like that on a train. The system of the future, in turn, will have to be experienced inwardly, as human beings traverse the world through inner experiences. Then something different will emerge. Above all, what will emerge is that we will learn to experience the world concretely, not—as is so popular today—to experience it abstractly.
[ 28 ] Mir ist neulich in Berlin etwas Sonderbates passiert, das mich im Grunde genommen recht befriedigt hat. Da ist vor einiger Zeit ein schmachvoller Artikel in der deutschen Zeitschrift «Die Hilfe» erschienen, «Falscher Prophet», heißt der Artikel. Nun, solche Artikel werden gelesen, werden verschlafen. Aber wie ich jetzt vor einigen Wochen in Berlin war, besuchte mich ein Amerikaner und sagte, er besuche mich eigentlich aus dem Grunde, weil er den Artikel in der «Hilfe» gelesen habe, in dem so schrecklich geschimpft werde und in einer solchen Weise, daß man Interesse fassen müsse. Das will ich nur zur Einleitung sagen. Was mich eigentlich befriedigt hat, war eine Frage, die dieser Mann gestellt hat, die in höchstem Maße sachlich war. Er sagte, er habe sehr schnell begriffen, um was es sich bei der Dreigliederung des sozialen Organismus handle, aber er möchte nun fragen: Halten Sie dafür, daß diese Dreigliederung des sozialen Organismus eine ewige Wahrheit ist, die, einmal gefunden, soziale Zustände schafft, die nun immer bleiben müssen, oder ist es eine Wahrheit für einige Zeit, die nur ablöst alte Dinge; ist es eine Wahrheit, die wiederum von etwas anderem abgelöst wird? — Ich war förmlich frappiert, daß sich in der Gegenwart noch solche verständige Menschen finden, die nicht glauben an den Chiliasmus, an das 'Tausendjährige Reich, wo einmal ein Absolutes gefunden wird und bleibt, bloß ein Wahres über die ganze Erde hin und in die ganzen Ewigkeiten. Denkt heute einer sozialistisch, so denkt er: Morgen muß der soziale Staat verwirklicht werden; wenn er da ist, dann braucht er nimmer anders zu werden.
[ 28 ] Something rather special happened to me recently in Berlin, which, all things considered, actually made me quite happy. Some time ago, a scathing article appeared in the German magazine *Die Hilfe*; the article is titled “False Prophet.” Well, articles like that are read, then forgotten. But when I was in Berlin a few weeks ago, an American came to visit me and said he was actually visiting me because he had read the article in “Die Hilfe,” which contained such terrible ranting—and in such a way that one couldn’t help but take an interest. I just want to mention that by way of introduction. What actually pleased me was a question this man asked, one that was extremely objective. He said he had very quickly grasped what the threefold social order was all about, but he now wanted to ask: Do you consider this threefold structure of the social organism to be an eternal truth which, once discovered, creates social conditions that must now remain forever, or is it a truth for a certain time that merely replaces old things; is it a truth that will in turn be replaced by something else? — I was truly struck that there are still such sensible people today who do not believe in millenarianism, in the “Millennial Kingdom,” where an Absolute is found once and for all, a single Truth throughout the entire earth and for all eternity. If someone thinks like a socialist today, they think: Tomorrow, the socialist state must be realized; once it exists, it will never need to change.
[ 29 ] Ich habe meine Antwort dann so formuliert, daß ich sagte: Selbstverständlich haben die letzten Jahrhunderte nach dem Einheitsstaate gestrebt; jetzt sind wir im konkreten Dasein so weit, daß wir ihn dreigliedern müssen. Nach einiger Zeit wird wiederum das andere, die Synthesis kommen; da wird wiederum das Entgegengesetzte auftreten müssen. — Sehen Sie, das ist nicht so bequem, immer die konkreten Verhältnisse verfolgen zu müssen, das ist nicht so bequem, wie ein absolutes System auszudenken. Aber heute ist es notwendig, daß die konkreten Verhältnisse befolgt werden, daß man sich bewußt ist: Was wir zu schaffen haben, haben wir für die gegenwärtige Weltenlage zu schaffen. Das kann aber heute schon «astronomisch» begriffen werden, indem wir erstens sehen, daß die mystischen Erlebnisse verschieden sind, je nachdem sie in diesem Jahrzehnt oder jenem Jahrzehnt, in diesem Jahrhundert oder in jenem Jahrhundert gewonnen werden, und daß man die Bewegungen der Erde selbst verfolgen, innerlich mystisch erleben kann. Aber es muß das «große Astronomische» heute zusammen geschaut und zusammen empfunden werden mit dem Sozialen. Wir müssen die Möglichkeit gewinnen, so vorzuschteiten, daß wir heute eine Stufe überschreiten, die sich nur parallelisieren läßt mit Stufen der früheren Zeit, die ebenso nicht nur Übergänge, sondern Stöße waren der Entwickelung.
[ 29 ] I then phrased my answer as follows: Of course, the past few centuries have strived for a unified state; now, in our concrete reality, we have reached the point where we must divide it into three parts. After some time, the other—the synthesis—will come again; then the opposite will have to emerge once more. — You see, it’s not so convenient to always have to follow concrete circumstances; it’s not as convenient as devising an absolute system. But today it is necessary to follow concrete circumstances, to be aware that what we have to create, we must create for the current state of the world. But this can already be understood “astronomically” today, in that we see, first of all, that mystical experiences differ depending on whether they are gained in this decade or that decade, in this century or that century, and that one can follow the movements of the Earth itself and experience them mystically within oneself. But today, the “great astronomical” must be viewed and felt in conjunction with the social. We must gain the ability to proceed in such a way that we transcend a stage today that can only be paralleled with stages of earlier times, which were likewise not merely transitions but jolts in the course of development.
[ 30 ] Nehmen Sie den alten Griechen. Er hatte sein Landgebiet. Bis zu den Säulen des Herkules war für ihn die Erde noch etwas, was konkret war. Dann kam das Unbestimmte, das ganz Unbestimmte. Er hatte ein Landbewußtsein. Es kam die neuere Zeit herauf, die Entdeckung Amerikas, das Segeln nach Ostindien, ähnliche Dinge. Erdenbewußtsein trat auf. Aus dem Landbewußtsein der Griechen wurde das Erdenbewußtsein der neueren Zeit. Geradeso wie für den Griechen dasjenige, was außerhalb der Säulen des Herkules lag, unbestimmt war, so ist heute dasjenige, was außerhalb des Erdenbewußtseins ist, für den Menschen unbestimmt, bloß mathematische Phantasie, Galileische, Newtonsche Phantasie und so weiter. Diese Phantasie muß durch die realen Tatsachen ersetzt werden. Wir müssen umwandeln das Erdenbewußtsein in das Weltenbewußtsein, wie man umwandelte das Landbewußtsein der Griechen in das Erdenbewußtsein. Wir stehen heute an diesem Punkte, und wir kommen auch sozial nicht vorwärts, wenn wir nicht den Weg finden, ebenso wie das Landbewußtsein der Griechen in das Erdenbewußtsein der modernen Zeit umgewandelt wurde, das Weltenbewußtsein der Zukunft herauszuentwickeln aus dem Erdenbewußtsein der neueren Zeit.
[ 30 ] Take the ancient Greeks. They had their own territory. Up to the Pillars of Hercules, the earth was still something concrete to them. Then came the indefinite, the utterly indefinite. They had a sense of the land. The modern era dawned—the discovery of America, voyages to the East Indies, and similar events. A sense of the Earth emerged. The Greeks’ sense of the land gave way to the modern sense of the Earth. Just as what lay beyond the Pillars of Hercules was indeterminate for the Greeks, so today what lies beyond Earth-consciousness is indeterminate for human beings—mere mathematical imagination, Galilean and Newtonian imagination, and so on. This imagination must be replaced by real facts. We must transform Earth consciousness into world consciousness, just as the Greeks’ land consciousness was transformed into Earth consciousness. We stand at this point today, and we will not make progress socially either unless we find a way—just as the land consciousness of the Greeks was transformed into the Earth consciousness of modern times—to develop the world consciousness of the future out of the Earth consciousness of recent times.
[ 31 ] Wenn wir nicht ausbilden durch die Lehren anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft das große astronomische Weltbild desjenigen, was draußen als Weltenraum ist, dann ergreifen wir nicht die Wahrheit des Weltenraumes. Aber ergreifen wir nicht die Wahrheit des Weltenraumes, so können wir nicht Weltenbürger werden. Aber wir werden nicht früher soziale Bürger, als bis wir in unserem Bewußtsein Weltenbürger geworden sind.
[ 31 ] If we do not cultivate, through the teachings of anthroposophically oriented spiritual science, the grand astronomical worldview of what lies outside as outer space, then we do not grasp the truth of outer space. But if we do not grasp the truth of outer space, we cannot become citizens of the cosmos. Yet we will not become social citizens until we have first become citizens of the cosmos in our consciousness.
