The Social Question as a
Question of Consciousness
GA 191
4 October 1919, Dornach
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The Social Question as a Question of Consciousness, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] In diesem mittleren der drei Vorträge möchte ich Ihnen einige anthroposophische Wahrheiten im besonderen entwickeln. Wir werden dann sehen, wie gerade diese anthroposophischen Wahrheiten in das alltägliche Leben des Menschen stark eingreifen; davon wollen wir dann morgen sprechen. Heute möchte ich Sie eben auf einiges Tiefere im Menschenwesen aufmerksam machen.
[ 1 ] In this middle of the three lectures, I would like to explore some anthroposophical truths in particular. We will then see how these very anthroposophical truths have a profound impact on people’s everyday lives; we will discuss that tomorrow. Today, I would simply like to draw your attention to some deeper aspects of the human being.
[ 2 ] Es wird sehr häufig nicht gefragt, durch welche Kräfte der Menschennatur die Erkenntnis der übersinnlichen Welten erlangt wird. Man versucht sich die Frage bloß so zu beantworten, daß man eben davon spricht: Es gibt die Möglichkeit, Übersinnliches durch gewisse Kräfte der Menschennatur zu erkennen. Aber in welchen Beziehungen, in welchen besonderen Beziehungen diese Kräfte zur Menschennatur stehen, danach wird nicht immer gefragt. Daher wird auch so wenig Rücksicht darauf genommen, die Erkenntnisse der übersinnlichen Welten für das gewöhnliche Leben richtig fruchtbar zu machen. Man kann sagen: Gerade für unser Zeitalter werden die übersinnlichen Erkenntnisse den Menschen immer notwendiger und notwendiger werden. Dann aber müssen sie auch in ihrer Beziehung zum gewöhnlichen alltäglichen Leben erfaßt werden.
[ 2 ] Very often, the question is not asked as to which powers of human nature enable us to gain knowledge of the supersensible worlds. People simply try to answer the question by saying: It is possible to perceive the supersensible through certain powers of human nature. But the nature of the relationship—the specific relationship—between these powers and human nature is not always examined. Consequently, little attention is paid to making the insights into the supersensible worlds truly fruitful for everyday life. One can say: Especially in our age, knowledge of the supersensible will become increasingly necessary for people. But then it must also be understood in relation to ordinary, everyday life.
[ 3 ] Sie wissen, die erste Fähigkeit, die den Menschen hinaufführt ins übersinnliche Wesen, ist die Kraft der Imagination, die zweite Fähigkeit ist die Kraft der Inspiration, die dritte Fähigkeit ist die Kraft der Intuition. Nun frägt es sich: Sind das Fähigkeiten, die man einfach nur ins Auge fassen muß, wenn von Erkenntnis übersinnlicher Welten die Rede ist, oder sind das Fähigkeiten, die auch irgendeine Rolle spielen im sonstigen Leben des Menschen? — Das letztere, sehen Sie, ist der Fall. Wir verfolgen ja das menschliche Leben, wie Sie das ersehen können aus der kleinen Schrift «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der Geisteswissenschaft», nach drei Epochen: nach der Epoche von der Geburt bis zum Zahnwechsel, vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, von der Geschlechtsreife bis etwa zum einundzwanzigsten Jahre. Wer nicht oberflächlich die menschliche Natur betrachtet, der wird darauf kommen, daß die ganze Art der Entwickelung des Menschen eine andere ist in den ersten sieben Jahren, eine andere in den zweiten sieben Jahren, eine andere in den dritten sieben Jahren des kindlich-jugendlichen Lebens. Damit, daß die dann bleibenden Zähne hervorgetrieben werden — ich habe auch darüber schon öfter gesprochen —, hängt zusammen die Entfaltung nicht bloß von Kräften, die etwa, sagen wir, in den Kiefern oder in ihren Nachbarorganen sitzen, sondern die Kräfte, welche die Zähne heraustreiben, sitzen im ganzen physischen Menschen. Da geht etwas vor in diesem physischen Menschen zwischen der Geburt und dem siebenten Jahre, was seinen Abschluß findet, gewissermaßen seinen Schlußpunkt findet, indem die bleibenden Zähne hervorgetrieben werden aus der Menschennatur.
[ 3 ] You know, the first faculty that leads a person up into the supersensible realm is the power of imagination; the second is the power of inspiration; and the third is the power of intuition. Now the question arises: Are these faculties that one need only take into account when speaking of the knowledge of the supersensible worlds, or are they faculties that also play a role in other aspects of human life? — The latter, you see, is the case. As you can see from the short treatise *The Education of the Child from the Point of View of Spiritual Science*, we divide human life into three epochs: from birth to the loss of baby teeth, from the loss of baby teeth to sexual maturity, and from sexual maturity to about the age of twenty-one. Anyone who does not view human nature superficially will come to realize that the entire nature of human development is different in the first seven years, different in the second seven years, and different in the third seven years of childhood and adolescence. The emergence of the permanent teeth—a topic I have also discussed on several occasions—is connected not only to the unfolding of forces located, say, in the jaws or their neighboring organs, but the forces that drive the teeth forth are present throughout the entire physical human being. Something takes place within this physical human being between birth and the age of seven that reaches its conclusion—its culmination, so to speak—when the permanent teeth are pushed forth from human nature.
[ 4 ] Diese Kräfte, die da arbeiten an der menschlichen physischen Wesenheit, die sind — man möchte sagen: selbstverständlich — übersinnlicher Natur. Das Sinnliche ist bloß das Material, in dem sie arbeiten. Diese übersinnlichen Kräfte, die in den ersten sieben Lebensjahren des Menschen in seiner ganzen Organisation tätig sind, werden gewissermaßen stillgelegt, wenn ihr Ziel erreicht ist, wenn die bleibenden Zähne erschienen sind. Diese Kräfte gehen nach dem siebenten Jahre, ich möchte sagen, schlafen. Sie sind verborgen in der Menschennatur; sie schlafen in der Menschennatur. Und sie können hervorgeholt werden aus dieser Menschennatur, wenn man solche Übungen macht, wie ich sie in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben habe, die da führen bis zur Intuition. Denn die Kräfte, die in der Intuition, in der intuitiven Erkenntnis angewendet werden, sind dieselben Kräfte, mit denen man bis zum siebenten Jahre so wächst, daß dieses Wachsen seinen Ausdruck findet im Zahnwechsel. Diese schlafenden Kräfte, die bis zum siebenten Jahr tätig sind in der Menschennatur, die benützt man in der übersinnlichen Erkenntnis, um zur Intuition zu kommen.
[ 4 ] These forces that are at work on the human physical being are—one might say, of course—of a supersensible nature. The physical is merely the material in which they work. These supersensible forces, which are active throughout the entire human organism during the first seven years of life, are, so to speak, set aside once their goal is achieved—that is, once the permanent teeth have appeared. After the seventh year, these forces, I might say, go to sleep. They are hidden within human nature; they sleep within human nature. And they can be brought forth from human nature through exercises such as those I have described in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, which lead to intuition. For the forces employed in intuition—in intuitive knowledge—are the very same forces by which one grows until the age of seven, a growth that finds its expression in the change of teeth. These dormant forces, which are active in human nature until the age of seven, are utilized in supersensible knowledge to attain intuition.
[ 5 ] Die Kräfte wiederum, die vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre, bis zur Geschlechtsreife tätig sind und dann schlafen gehen, drunten in der Menschennatur ruhen, die werden heraufgeholt und bilden die Kraft der Inspiration. Und diejenigen Kräfte, welche in früheren Zeiten den Menschen vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahre die jugendlichen Ideale eingegeben haben — es wäre zuviel behauptet, daß sie das jetzt noch tun — und Organe geschaffen haben im physischen Leib für diese jugendlichen Ideale, das sind dieselben Kräfte, die dann aus ihrem schlafenden Zustand hervorgeholt werden und die Imagination bewirken können.
[ 5 ] The forces, in turn, that are active from the seventh to the fourteenth year, until sexual maturity, and then go to sleep—resting deep within human nature—are brought to the surface and form the power of inspiration. And those forces which in earlier times instilled youthful ideals in people from the age of fourteen to twenty-one—it would be an exaggeration to claim that they still do so today—and created organs in the physical body for these youthful ideals, are the very same forces that are then roused from their dormant state and can give rise to imagination.
[ 6 ] Sie sehen daraus, daß die Kräfte der Imagination, die Kräfte der Inspiration und die Kräfte der Intuition nicht beliebige, von unbekannt woher geholte Kräfte sind, sondern daß es dieselben Kräfte sind, mit denen wir von unserer Geburt bis zum einundzwanzigsten Jahre wachsen. Es sind daher diejenigen Kräfte, die in Imagination, Inspiration und Intuition leben, sehr gesunde Kräfte. Es sind diejenigen Kräfte, die der Mensch braucht zu seinem gesunden Wachstum, und die dann, wenn die entsprechenden Phasen des Wachstums abgeschlossen sind, schlafen gehen in der Menschennatur.
[ 6 ] You can see from this that the powers of imagination, the powers of inspiration, and the powers of intuition are not arbitrary forces drawn from some unknown source, but rather the very same powers with which we grow from birth until the age of twenty-one. Therefore, the forces that live in imagination, inspiration, and intuition are very healthy forces. They are the forces that human beings need for their healthy growth, and once the corresponding phases of growth are complete, they lie dormant within human nature.
[ 7 ] Damit habe ich Sie hingewiesen auf dasjenige, was von übersinnlichen Erkenntniskräften Beziehungen hat zu der gewöhnlichen Menschennatur. Aber man kann auch ein gleiches sagen von den Kräften der normalen Menschennatur, derjenigen Menschennatur, die im gewöhnlichen Leben steht. Nur ist es da nicht so ausgesprochen. Eine sehr wichtige Kraft für das gewöhnliche Leben — wir haben es öfters besprochen — ist die Gedächtniskraft, die Erinnerungsfähigkeit. Diese Erinnerungsfähigkeit, wir beherrschen sie seelisch dann, wenn wir uns an irgend etwas, das wir erlebt haben, eben, wie wir sagen, erinnern. Aber Sie wissen alle: Mit dieser Erinnerungskraft ist es etwas Eigenartiges. Wir beherrschen sie und beherrschen sie doch nicht ganz. Gar mancher Mensch kämpft diesen oder jenen Augenblick seines Lebens damit, daß er sich an etwas erinnern möchte, aber er kann sich nicht erinnern. Dieses Sich-erinnern-Mögen und Sich-nicht-vollständig-erinnern-Können, das rührt davon her, daß dieselbe Kraft, die wir seelisch als Erinnerungskraft benützen, dazu dient, unsere aufgenommenen Nahrungsstoffe umzuwandeln in solche Substanzen, die von unserem Leib gebraucht werden können. Wenn Sie also ein Stück Brot essen und dieses Brot umgewandelt wird in Ihrem Leib in eine solche Substanz, daß diese Substanz Ihrem Leben dient, so ist das scheinbar ein physischer Vorgang. Aber dieser physische Vorgang wird beherrscht von übersinnlichen Kräften. Diese übersinnlichen Kräfte sind dieselben, die Sie anwenden, wenn Sie sich erinnern. So daß dieselbe Kräfteart verwendet wird auf der einen Seite zur Erinnerung, auf der anderen Seite zur Verarbeitung der Nahrungsstoffe im menschlichen Leben. Und Sie müssen eigentlich immer ein wenig hin und her pendeln zwischen Ihrer Seele und zwischen Ihrem Leibe, wenn Sie sich der Erinnerungskraft hingeben wollen. Verdaut Ihr Leib allzugut, dann, sehen Sie, können Sie vielleicht nicht so viel Kräfte abgewinnen diesem Leib, daß Sie sich gut erinnern können an gewisse Dinge. Sie müssen immer einen inneren Kampf, der im Unbewußten sich abspielt zwischen einem Seelischen und einem Leiblichen, ausführen, wenn Sie sich erinnern wollen an irgend etwas. Sie haben, wenn Sie so die Gedächtniskraft anschauen, die beste Art zu begreifen, wie unsinnig es im Grunde von einem höheren Gesichtspunkte aus ist, wenn die einen Menschen Idealisten sind und die anderen Menschen Materialisten. Das Verarbeiten der Nahrungsstoffe im menschlichen Leibe ist zweifellos ein materieller Vorgang. Die Kräfte, die ihn beherrschen, sind dieselben, die bei einem ideellen Vorgang wirksam sind: die Kräfte des Erinnerungsvermögens, die Gedächtniskräfte. Nur dann sieht man die Welt richtig, wenn man sie weder materialistisch noch idealistisch sieht, sondern wenn man imstande ist, dasjenige, was sich als materialistisch offenbart, ideell zu sehen, und dasjenige, was sich als Ideelles offenbart, ganz materiell verfolgen zu können. Nicht darauf beruht das Geistige einer Weltauffassung, daß man sagt: Da ist niederer Materialismus, der ist für den «Aussatz» der Menschheit; da ist der Idealismus, der ist für die Auserlesenen — zu denen sich der Betreffende, der das ausspricht, gewöhnlich dann selber rechnet —, sondern darin besteht das Wesentliche einer wirklich spirituellen Weltauffassung, daß diese spirituelle Weltauffassung imstande ist, mit dem, was sie erfaßt im Geistigen, unterzutauchen in das materielle Dasein, um gerade das materielle Dasein dann zu begreifen, daß es begriffen werde, nicht verachtet werde. Das ist der große Irrtum vieler Religionsbekenntnisse, daß sie das materielle Dasein verachten, statt es zu begreifen, statt den Geist in ihm zu suchen.
[ 7 ] I have thus drawn your attention to the aspects of the supersensible powers of cognition that relate to ordinary human nature. But the same can be said of the powers of normal human nature—that is, the human nature that exists in ordinary life. It is just not as pronounced there. A very important faculty for ordinary life—as we have often discussed—is the power of memory, the ability to recall. We exercise this ability to recall in our souls when we remember something we have experienced, just as we say. But you all know: there is something peculiar about this power of memory. We control it, and yet we do not control it entirely. Many a person struggles at one moment or another in their life with the fact that they want to remember something, but cannot. This desire to remember and this inability to remember fully stem from the fact that the very same force we use psychically as the power of memory also serves to transform the nutrients we have ingested into substances that our body can utilize. So when you eat a piece of bread and this bread is transformed in your body into a substance that serves your life, this appears to be a physical process. But this physical process is governed by supersensible forces. These supersensible forces are the same ones you use when you remember. So the same kind of force is used, on the one hand, for memory, and on the other hand, for the processing of nutrients in human life. And you actually always have to oscillate a little back and forth between your soul and your body if you want to engage your power of memory. If your body digests too well, then, you see, you may not be able to draw enough energy from that body to remember certain things clearly. You must always wage an inner struggle—one that takes place in the unconscious between the soul and the body—if you want to remember anything. When you look at the power of memory in this way, you have the best way to understand how nonsensical it is, from a higher point of view, for some people to be idealists and others to be materialists. The processing of nutrients in the human body is undoubtedly a material process. The forces that govern it are the same ones that are at work in an ideal process: the forces of memory, the powers of recollection. One sees the world correctly only when one views it neither materialistically nor idealistically, but rather when one is able to perceive that which appears materialistic in an ideal sense, and to trace that which appears ideal in a wholly material sense. The spiritual aspect of a worldview does not rest on saying: “Here is lower materialism, which is for the ‘outcasts’ of humanity; here is idealism, which is for the elect”—among whom the person uttering these words usually counts himself— but the essence of a truly spiritual worldview lies in its ability to immerse itself, with what it grasps in the spiritual realm, into material existence—precisely in order to comprehend that material existence, so that it may be understood rather than despised. This is the great error of many religious creeds: that they despise material existence instead of understanding it, instead of seeking the spirit within it.
[ 8 ] So handelt es sich darum, auf die Dinge einzugehen, nicht, wie es heute noch so vielfach üblich ist, auf mystischen Gebieten in Phrasen zu leben; auf die Dinge wirklich einzugehen, darum handelt es sich. Nachdem ich Ihnen nun gewissermaßen gezeigt habe, wie man auf diese Dinge eingehen könne, möchte ich etwas ganz besonders Wichtiges jetzt anführen. Man spricht gewöhnlich so, wenn man von dem materiellen Dasein und von dem übersinnlichen Dasein spricht, als ob sich ausbreitete in der Welt das materielle Dasein, und dann sei irgendwo dahinter oder darüber das übersinnliche Dasein, das man durch die Sinne nicht wahrnimmt. Wenn man so die Sache vorstellt, daß man einfach einerseits das sinnlich-physische Dasein hat, andrerseits das übersinnliche Dasein, wird man niemals den Menschen begreifen. Es gibt keine Möglichkeit, den Menschen wirklich zu erfassen, wenn man nur von dem Gegensatze ausgeht: Sinnliches und Übersinnliches. Es handelt sich vielmehr um das Folgende. Um uns herum breitet sich die Sinneswelt aus und die Welt, in der wir arbeiten, die Welt, in der auch unser soziales Leben liegt; die breiten sich um uns herum aus. Wollen wir einmal schematisch diese ausgebreitete Welt durch diese Linie darstellen (siehe Zeichnung waagrechte Linie). Ein vollständiges Bild von dem, was eigentlich in der Welt vorliegt, bekommen Sie nur, wenn Sie sich vorstellen: über dieser Linie Hegen Kräfte, übersinnliche Kräfte (rote Pfeile). Diese übersinnlichen Kräfte nimmt man nicht mit den gewöhnlichen Sinnen und auch nicht mit dem Verstande, der an die gewöhnlichen Sinne gebunden ist, wahr. Man nimmt nur dasjenige wahr, was im Bereiche dieser Linie liegt.
[ 8 ] The point, then, is to engage with things—not, as is still so often the case today, to dwell in mystical realms of empty phrases; to truly engage with things—that is what matters. Now that I have, so to speak, shown you how one might engage with these things, I would like to mention something particularly important. When people speak of material existence and supersensible existence, they usually speak as if material existence were spread out in the world, and then somewhere behind or above it were the supersensible existence, which cannot be perceived by the senses. If one conceives of the matter in this way—simply having, on the one hand, sensory-physical existence and, on the other, supersensory existence—one will never understand human beings. There is no way to truly grasp human beings if one proceeds solely from the opposition between the sensory and the supersensory. Rather, the situation is as follows. All around us lies the sensory world and the world in which we work—the world in which our social life also takes place; these extend all around us. Let us represent this expansive world schematically with this line (see drawing: horizontal line). You can only obtain a complete picture of what actually exists in the world if you imagine that above this line there are forces—super-sensory forces (red arrows). These super-sensory forces cannot be perceived by the ordinary senses, nor by the intellect, which is bound to the ordinary senses. One perceives only that which lies within the realm of this line.


[ 9 ] Aber es gibt auch unter dieser Linie Kräfte. Wir sprechen eigentlich nur dann vollständig von dem Nichtsinnlichen, von dem Geistigen, wenn wir von übersinnlichen und von untersinnlichen Kräften sprechen. Also wir müssen uns vorstellen, daß außerdem hier (orange Pfeile) die untersinnlichen Kräfte liegen.
[ 9 ] But there are also forces below this line. We can only truly speak of the non-sensory, of the spiritual, when we speak of supersensory and subsensory forces. So we must imagine that the subsensory forces lie here as well (orange arrows).
[ 10 ] Also, wir haben die Sinneswelt, die übersinnlichen Kräfte und die untersinnlichen Kräfte. Der Mensch selbst, wenn er leiblich vor Ihnen steht, wohin gehört er? Dasjenige, was leiblich vor Ihnen steht, das gehört ganz in diese Linie herein. Aber in das, was in die Linie hereingeht beim Menschen, wirken auf der einen Seite übersinnliche, auf der anderen Seite untersinnliche Kräfte. Der Mensch ist die Resultante zwischen übersinnlichen und untersinnlichen Kräften. Welche Kräfte der Menschennatur sind nun übersinnliche, welche Kräfte der Menschennatur sind untersinnliche? Übersinnlich sind alle mit dem Erkennen zusammenhängenden Kräfte; alles das, was wir aufbringen für das Erkennen, ist übersinnlich. Und es sind das dieselben Kräfte, die auch unseren Kopf formen, unser Haupt formen. So daß wir sagen können: Die übersinnlichen Kräfte sind die Erkenntniskräfte.
[ 10 ] So, we have the sensory world, the supersensory powers, and the subsensory powers. The human being himself—when he stands physically before you—where does he belong? That which stands physically before you belongs entirely within this line. But within what falls into this line in the human being, supersensible forces act on the one hand and subsensible forces on the other. The human being is the resultant of supersensible and subsensible forces. Which forces of human nature are supersensible, and which are subsensible? All forces connected with cognition are supersensible; everything we bring to bear for the sake of cognition is supersensible. And these are the very same forces that also shape our head. So we can say: The supersensible forces are the forces of cognition.
[ 11 ] Nun wirken in den Menschen hinein auch die untersinnlichen Kräfte. Was sind denn das für Kräfte? Das sind die Willenskräfte. Alle Willenskräfte, alles Willensartige in der Menschennatur ist untersinnlich.
[ 11 ] Now, the sub-sensory forces also act within human beings. What, then, are these forces? They are the forces of the will. All forces of the will, everything of a volitional nature in human nature, is sub-sensory.
[ 12 ] Nun werden Sie ja naheliegend haben die Frage: Ja, woher kommen denn diese untersinnlichen Kräfte, diese Willenskräfte? — Das sind dieselben Kräfte wie die Kräfte des Planeten, also hier für uns die Kräfte der Erde. In der Tat, in unseren Menschen wirken fortwährend herein die Kräfte der Erde. Und das, was zusammenhängt mit diesen Kräften des Planeten, mit diesen Kräften der Erde, das sind die Kräfte, die willensartiger Natur sind. Die Kräfte, die erkenntnisartiger Natur sind, die kommen uns aus der Peripherie der Welt, die ergießen sich gleichsam von außen, von außerhalb des Planeten auf uns herab. Die Kräfte, die willensartiger Natur sind, dringen in uns ein von dem Planeten aus. So leben in uns die Kräfte unseres eigenen Erdenplaneten. In dem Augenblick, wo wir mit der Geburt ins Dasein treten, sind in uns wirksam die Kräfte des Erdenplaneten.
[ 12 ] Now, you will naturally ask: Yes, where do these sub-sensory forces, these forces of the will, come from? — They are the same forces as the forces of the planet—in our case, the forces of the Earth. In fact, the forces of the Earth are constantly at work within us as human beings. And what is connected with these planetary forces—with these forces of the Earth—are the forces of a volitional nature. The forces of a cognitive nature, on the other hand, come to us from the periphery of the world; they pour down upon us, as it were, from outside, from beyond the planet. The forces of a volitional nature penetrate us from the planet itself. Thus, the forces of our own Earth live within us. From the moment we enter existence at birth, the forces of the Earth are at work within us.
[ 13 ] Die Frage entsteht: In welcher Verteilung sind sie in uns wirksam? Da ist wiederum ein beträchtlicher Unterschied zwischen dem ersten Lebensabschnitt, der ersten Lebensepoche, der zweiten und der dritten, bis zum siebenten Jahre, bis zum vierzehnten Jahre, bis zum einundzwanzigsten Jahre. Dasjenige, was in uns willensartig wirkt bis zum siebenten Lebensjahre, das wirkt ganz aus dem Inneren des Planeten heraus. Es ist sehr interessant, geisteswissenschaftlich zu verfolgen, wie in alledem, was in dem Kinde bis zum siebenten Jahre wirksam ist, kraften die Kräfte des Innersten der Erde. Wollen Sie die Kräfte des Erdeninneren in ihrer Offenbarung kennenlernen, dann studieren Sie alles dasjenige, was im Kinde vorgeht bis zum siebenten Jahre, denn das sind diese Kräfte des Erdeninneren. Es ist ganz und gar eine falsche Methode, hineinzugraben in die Erde, um die Kräfte des Erdeninneren zu finden. Da finden Sie nur die Erdensubstanzen. Die Kräfte, welche in der Erde wirksam sind, die offenbaren sich in dem, was sie vollbringen an dem Menschen bis zu seinem siebenten Lebensjahre hin. Und wiederum vom siebenten bis zum vierzehnten Lebensjahre wirken im Menschen die Kräfte des Luftkreises, also auch noch dasjenige, was zur Erde gehört, die Kräfte der Atmosphäre. Aber die sind vorzugsweise wirksam in alldem, was sich im Menschen ausbildet zwischen dem siebenten und dem vierzehnten Lebensjahr. Dann ist der wichtigste Abschnitt vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr. Da geht, ich möchte sagen, das Untersinnliche in das Übersinnliche über. Da bildet sich eine Art Ausgleich zwischen dem Unter- und dem Übersinnlichen. Da wirken die Kräfte des ganzen Sonnensystems, des zur Erde gehörigen Sonnensystems organisierend auf den Menschen.
[ 13 ] The question arises: How are they distributed within us? Here, too, there is a considerable difference between the first stage of life, the first epoch of life, and the second and third, up to the age of seven, up to the age of fourteen, and up to the age of twenty-one. That which acts within us in a volitional manner up to the age of seven acts entirely from the very core of the planet. It is very interesting, from the perspective of spiritual science, to observe how the forces of the Earth’s innermost core are at work in everything that is active within the child up to the age of seven. If you wish to come to know the forces of the Earth’s interior as they manifest, then study everything that takes place within the child up to the age of seven, for these are the forces of the Earth’s interior. It is an entirely wrong method to dig into the Earth in order to find the forces of the Earth’s interior. There you will find only the substances of the Earth. The forces at work within the Earth reveal themselves in what they accomplish in the human being up to the age of seven. And again, from the age of seven to fourteen, the forces of the air realm are at work in the human being—that is, the forces of the atmosphere, which also belong to the Earth. But these are primarily active in everything that develops within a human being between the ages of seven and fourteen. Then the most important period is from the age of fourteen to twenty-one. There, I would say, the sub-sensory transitions into the supersensory. A kind of balance forms between the sub-sensory and the supersensory. There, the forces of the entire solar system—the solar system belonging to the Earth—act in an organizing way upon the human being.
[ 14 ] Also Erdeninneres in der ersten Lebensepoche; Luftkreis in der zweiten Lebensepoche, dasjenige, worinnen die Erde selber eingehüllt ist. Was an Kräften herunterströmt aus dem Weltenraume, insoweit dieser Weltenraum erfüllt ist von unserem eigentlichen eigenen Planetensystem: bis zum einundzwanzigsten Jahre. Erst mit dem einundzwanzigsten Jahre reißt sich gewissermaßen der Mensch los von den Einflüssen desjenigen, was von außen durch den Planeten und durch das dazugehörige Planetensystem in ihm bewirkt wird.
[ 14 ] Thus, the Earth’s interior during the first epoch of life; the atmospheric sphere during the second epoch of life—that which envelops the Earth itself. The forces that flow down from outer space, insofar as this outer space is filled by our own planetary system: up to the age of twenty-one. It is only at the age of twenty-one that the human being, so to speak, breaks free from the influences of what is brought about within them from the outside through the planet and the associated planetary system.
[ 15 ] Sehen Sie, in alldem, was ich Ihnen jetzt gesagt habe, daß es auf den Menschen wirkt, in alldem ist durchaus auch körperliche Wirksamkeit. Es sind körperliche Vorgänge, die durch Kräfte vom Inneren des Planeten bis zum siebenten Jahre bewirkt werden. Es sind körperliche Vorgänge, die von dem Luftkreislaufe im Zusammenhange mit der Atmung zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre gebildet werden und so weiter. Es sind durchaus körperliche Vorgänge, es sind Umgestaltungen der leiblichen Organe, die da bewirkt werden; mit dem Größerwerden, mit dem Wachstum des Menschen hängt alles zusammen. Der Mensch wächst also heraus aus dem, was die Erde an ihm gestaltet; das hört mit dem einundzwanzigsten Jahre auf.
[ 15 ] You see, in everything I have just told you about how it affects human beings, there is certainly also a physical effect. These are physical processes brought about by forces from within the planet up to the age of seven. These are physical processes formed by the circulation of air in connection with breathing between the ages of seven and fourteen, and so on. These are entirely physical processes; they are transformations of the physical organs that are brought about there; everything is connected with the human being’s growth and development. The human being thus grows out of what the Earth shapes in him; this ceases at the age of twenty-one.
[ 16 ] Was ist aber dann? Was ist nach dem einundzwanzigsten Lebensjahre? Bis zum einundzwanzigsten Jahre haben wir in der geschilderten Weise gezehrt von der Erde und ihrem Planetensystem. Was da die Erde in uns hineinorganisiert hat, von dem haben wir gezehrt. Nunmehr, wenn wir einundzwanzig Jahre alt geworden sind, müssen wir von uns selber zehren. Da müssen wir nach und nach das wiederum heraufholen, was wir aus den Kräften des Planeten und des Planetensystems in unseren Organismus hinuntergeführt haben.
[ 16 ] But what then? What comes after the twenty-first year of life? Until the age of twenty-one, we have drawn sustenance from the Earth and its planetary system in the manner described. We have drawn sustenance from what the Earth has organized within us. Now, once we have reached the age of twenty-one, we must sustain ourselves from within. We must gradually draw up again what we have drawn down into our organism from the forces of the planet and the planetary system.
[ 17 ] Daß dies früher immer so geschehen ist, dazu waren die Kräfte des menschlichen Blutes tätig. Der Mensch hat es, wie Sie ja wohl wissen, nicht gelernt, nach seinem einundzwanzigsten Jahre die Kräfte des Planeten aus sich herauszuholen. Aber er hat es doch getan. Er hat es als unbewußten Vorgang getrieben. Das lag in seinem Blute. Es wurde ihm einorganisiert, daß er das so gemacht hat. Unser bedeutsamer Umschwung in der Gegenwart, wobei die Gegenwart natürlich ein langer Zeitraum von Jahrhunderten ist, liegt darin, daß das Blut der Menschen die Kraft verliert, das herauszuholen, was man bis zum einundzwanzigsten Jahre in den Organismus auf diese Weise hineingefügt hat.
[ 17 ] The fact that this always happened this way in the past was due to the forces of human blood at work. As you well know, human beings have not learned to draw the forces of the planet from within themselves after the age of twenty-one. Yet they did so nonetheless. They carried it out as an unconscious process. It was in their blood. It was ingrained in them to do it that way. Our significant shift in the present—where “present,” of course, refers to a long period spanning centuries—lies in the fact that human blood is losing the power to draw out what has been incorporated into the organism in this way up to the age of twenty-one.
[ 18 ] Darauf beruht das Wichtige, was vorgeht in der gegenwärtigen Zeit der Menschheit, daß das Blut in seinen Kräften nachläßt. Diese Dinge können nicht konstatiert werden von der äußeren Anatomie, von der äußeren Physiologie; die müßten ja Körper untersuchen aus dem 10., 9. Jahrhundert, dann würden sie darauf kommen, daß da das Blut anders war. Man würde noch nicht einmal die chemischen Reagenzien haben, um darauf zu kommen. Aber geisteswissenschaftlich kann man mit Sicherheit wissen: Das Blut der Menschen ist schwächer geworden. Und der große Umschwung zu dem Schwächerwerden des Blutes des Menschen lag in der Mitte des 15. Jahrhunderts.
[ 18 ] The crucial factor underlying what is happening in humanity’s present era is that the blood’s powers are waning. These things cannot be ascertained through external anatomy or external physiology; to do so, one would have to examine bodies from the 10th, 9th centuries; only then would they realize that the blood was different back then. We wouldn’t even have the chemical reagents to arrive at that conclusion. But from the perspective of spiritual science, we can know with certainty: human blood has become weaker. And the major turning point leading to the weakening of human blood occurred in the middle of the 15th century.
[ 19 ] Was ist die Folge? Die Folge ist, daß wir das, was wir nicht mehr imstande sind, unbewußt durch unser Blut zu bewirken, nunmehr durch unser Bewußtsein bewirken müssen. Wir müssen uns zu etwas erziehen, so daß wit es bewußt vollbringen können, was früher unbewußt einfach durch das Blut der Menschen bewirkt worden ist. Denn die Kraft des Blutes ist verlorengegangen und geht immer mehr verloren. Und was würde endlich, wenn wir kein Auskunftsmittel fänden, in einem Zeitalter eintreten, in welchem die Menschen völlig verlieren würden ihre Jugend, in welcher sie nicht fruchtbar machen könnten für sich die Kräfte ihrer Jugend, wenn nicht dasjenige, was früher das Blut getan hat unbewußt, vollbracht werden könnte bewußt?
[ 19 ] What is the consequence? The consequence is that what we are no longer able to accomplish unconsciously through our blood, we must now accomplish through our consciousness. We must train ourselves so that we can consciously accomplish what was once unconsciously brought about simply through human blood. For the power of the blood has been lost and is being lost more and more. And what would ultimately happen if we found no remedy, in an age in which people would completely lose their youth, in which they could not harness the powers of their youth for themselves—if what the blood once did unconsciously could not be accomplished consciously?
[ 20 ] Diese Dinge darf man natürlich nicht bloß theoretisch nehmen. Nimmt man sie theoretisch, so mögen sie interessante Wahrheiten sein. Aber sie bloß theoretisch zu nehmen, genügt nicht. Diese Dinge müssen heute praktisch genommen werden, denn sie hängen mit der Praxis der Entwickelung der Menschheit zusammen. Praktisch müssen sie so genommen werden, daß wir uns bewußt werden: Das ganze Erziehungssystem des Menschen muß ein anderes werden. Wir müssen den Menschen dahin bringen, daß er eine starke, bewußte Kraft entwickelt, dasjenige, was er in der Jugend in sich aufnimmt, im späteren Alter wie durch eine elementare Erinnerung wiederzuerleben.
[ 20 ] Of course, these things must not be taken merely in a theoretical sense. If taken theoretically, they may be interesting truths. But taking them merely theoretically is not enough. These things must be taken practically today, for they are connected with the practical process of human development. In practice, they must be approached in such a way that we become aware that the entire system of human education must change. We must lead people to develop a strong, conscious power to relive in later life—as if through an elemental memory—what they have absorbed within themselves during their youth.
[ 21 ] Vorläufig handeln die Menschen noch überall gegen diese Anforderung. Die Menschen sind zum Beispiel stolz darauf, in den Volksschulen «Anschauungsunterricht», wie sie sagen, zu treiben, recht anschaulich alles den Kindern beizubringen, und sie legen einen großen Wert darauf, nur ja nicht dem Kinde solche Dinge im Unterrichte zu offenbaren, die, wie man sagt, über das Fassungsvermögen des Kindes hinausgehen, sondern es soll der Lehrer, der Erzieher möglichst weit heruntersteigen zu dem Fassungsvermögen des Kindes. Ja, man stellt Rechenmaschinen auf, an denen man durch gezählte Kugeln alle möglichen Rechnungsarten anschaulich lehrt. Nichts soll über das Fassungsvermögen des Kindes hinausgehen. Dieser Anschauungsunterricht wird zu einer schauderhaften Trivialität und Banalität. Er muß ja schließlich dahin führen, daß man dem Kinde nur banale Begriffe beibringt, wenn man durchaus heruntersteigen soll zu der Auffassungsgabe des Kindes selber. Derjenige, der das anstrebt, der beachtet ganz und gar nicht eine wichtige, obwohl, ich möchte sagen, intime Erfahrung des menschlichen Lebens.
[ 21 ] For the time being, people everywhere are still acting contrary to this requirement. For example, people take pride in conducting what they call “visual instruction” in elementary schools—teaching children everything in a very vivid way— and they place great importance on making sure not to expose children in class to things that, as they say, exceed the child’s capacity for understanding; rather, the teacher or educator should, as far as possible, adapt to the child’s level of understanding. Yes, they set up abacuses on which all kinds of arithmetic are taught visually using counted beads. Nothing is to exceed the child’s capacity. This visual instruction becomes a dreadful triviality and banality. After all, it must ultimately lead to teaching the child only banal concepts if one is to lower oneself entirely to the child’s own level of comprehension. Anyone who strives for this completely disregards an important—though, I would say, intimate—experience of human life.
[ 22 ] Denken wir uns einmal, ein Kind wird so unterrichtet, daß es etwas aufnimmt, nicht weil das schon vollständig seinem Fassungsvermögen entspricht, sondern weil die begeisternde Wärme des Lehrers auf das Kind übergeht und das Kind das aufnimmt, weil der Lehrer durch seine Begeisterungsfähigkeit im Unterrichten dem Kind das übermittelt. Das Kind nimmt das auf, eben deshalb, weil es lebt in der Wärme, die vom Lehrer ausgeht. Es nimmt etwas auf, was über sein Verständnis hinausgeht, bloß aus der sich übertragenden Begeisterungsfähigkeit des Lehrers; dann versteht das Kind, was es aufgenommen hat, noch nicht, wie man im trivialen Leben sagt. Aber was es aufgenommen hat, sitzt im Gemüte des Kindes. An das, was das Kind vielleicht aufgenommen hat in seinem zehnten Jahre, erinnert sich der Erwachsene im dreißigsten Lebensjahre. Er erlebt das wieder. Jetzt ist er reif geworden, versteht das, was er herausholen kann aus den Tiefen seines Gemütes, was er dazumal nur aus der Begeisterung aufgenommen hat, was er aber jetzt aus dem reifen Geiste herausholen kann. Sehen Sie, das sind die fruchtbarsten Momente des Lebens, in denen man nicht bloß das auffaßt, was von außen an einen herandringt, sondern das, was man früher mit nicht hinreichendem, mit geringem Verständnis aufgenommen hat, was man wieder erlebt, indem man es heraufholt und mit vertieftem Verständnisse dann erst aufnehmen kann. Je mehr man sorgen kann im Unterrichte dafür, daß das Kind nicht bloß banal aufnimmt dasjenige, was es versteht — denn das verschwindet mit dem kindlichen Alter, daran kann ein späteres Lebensalter weder Freude noch Begeisterung entwickeln —, desto mehr tut man für die spätere Entwickelung des Menschen; denn dasjenige, was aufgenommen wird bloß aus der Wärme des Unterrichtenden heraus, das ist dasjenige, was, wiedererlebt, Lebenskräfte gibt.
[ 22 ] Let us imagine a child being taught in such a way that he or she absorbs something, not because it is already fully within his or her capacity to understand, but because the teacher’s inspiring warmth is transmitted to the child, and the child absorbs it because the teacher conveys it through his or her enthusiasm in teaching. The child absorbs this precisely because it is immersed in the warmth radiating from the teacher. It absorbs something that goes beyond its understanding, solely through the teacher’s infectious enthusiasm; at that point, the child does not yet understand what it has absorbed, as we say in everyday life. But what it has absorbed remains in the child’s mind. The adult, at the age of thirty, recalls what the child may have absorbed at the age of ten. He experiences it anew. Now he has matured and understands what he can draw from the depths of his soul—what he once absorbed solely through enthusiasm, but which he can now draw upon from his mature mind. You see, these are the most fruitful moments of life—moments in which one does not merely grasp what comes at one from the outside, but rather what one had previously absorbed with insufficient or limited understanding; one relives it by bringing it to the surface and can only truly absorb it then, with a deeper understanding. The more one can ensure in the classroom that the child does not merely take in in a superficial way what he or she understands—for that disappears with childhood, and later in life one can develop neither joy nor enthusiasm for it—the more one contributes to the person’s later development; for what is absorbed solely out of the warmth of the teacher is what, when relived, gives vitality.
[ 23 ] Auf das sollte beim heutigen Unterrichten besonders gesehen werden. Früher brauchte man nicht besonders darauf sehen, denn früher lag das Heraufwirken im Blut; jetzt muß es zum Bewußtsein gebracht werden. Es ist nicht einerlei, ob man solche Dinge einsieht wie diejenigen, die heute durch Geisteswissenschaft eben fruchtbar werden. Wenn man sie in der richtigen Weise einsieht, so findet man an irgendeiner Stelle des praktischen Lebens die Möglichkeit, diese Dinge zum Heile der Menschheit zu verwerten. Man findet also die Möglichkeit, die Tatsache, daß unser Blut schwach geworden ist, wenn man sie richtig durchschaut, so zu verwerten, daß man um so mehr Wert legt auf die Begeisterungsfähigkeit des Lehrers.
[ 23 ] This is something that should be given special attention in today’s teaching. In the past, it was not necessary to pay particular attention to this, because the upward force was inherent in the blood; now it must be brought into consciousness. It is not a matter of indifference whether one understands such things as those that are now bearing fruit through spiritual science. If one understands them correctly, one will find, at some point in practical life, the opportunity to put these things to use for the benefit of humanity. Thus, one finds the opportunity to use the fact that our blood has grown weak—if one truly understands it—in such a way that one places all the more value on the teacher’s capacity for enthusiasm.
[ 24 ] Aber man hat wenig Bewußtsein in unserer Zeit, daß es sich um so etwas handelt. Denn in unserer Zeit spielt noch immer eine große Rolle die Norm-Pädagogik, die Pädagogik, die in zahlreichen Normen arbeitet. Man lernt Pädagogik, man lernt, wie man ein Kind unterrichtet, wie man verfährt beim Unterrichten. Gegenüber unserem heutigen Menschheitsbewußtsein sollte uns das eigentlich so vorkommen, wie wenn wir lernen würden: Der Mensch besteht aus Kohlehydraten, Eiweißstoffen und so weiter — aus dem bestehen wir, und so und so verwandeln sie sich im Leibe, und bevor wir das nicht durchschaut haben, können wir nicht essen; denn erst wenn wir das verstehen, essen wir im Sinne der Physiologie. — Ich habe Ihnen einmal erzählt — und Sie wissen es ja vielleicht aus Ihrer eigenen Erfahrung —, daß man jetzt schon das Erlebnis haben kann: Man besucht den oder jenen, und siehe da, er hat eine Waage stehen neben seinem Teller und legt auf die Waage sorgfältig ein Stück Fleisch und wiegt ab, wie schwer das Stück Fleisch ist, denn nur ein Stück Fleisch von einem ganz bestimmten Gewichte darf er sich zuführen. Da bestimmt schon die Physiologie den Appetit. Aber das pflegen Gott sei Dank noch nicht alle Menschen. Es ist wichtig, daß man einsehe, daß die Physiologie nicht zum Essen gehört, sondern daß sie etwas ist, was ein Ziel neben dem Essen hat, daß man auch essen kann, ohne Physiologie studiert zu haben, ohne die Physiologie des Ernährungsvorganges zu kennen. Aber man setzt nicht voraus, daß man auch unterrichten sollte, lebendig unterrichten sollte, ohne die Norm-Pädagogik in sich aufgenommen zu haben. Für den heute im günstigsten Sinne Unterrichtenden ist diese Norm-Pädagogik genau so, wie für den Maler die Ästhetik der Farben ist. Er kann gut Ästhetik der Farben studiert haben, malen kann er deshalb nicht. Malen kann man durch ganz andere Dinge als dadurch, daß man die Ästhetik der Farben studiert. Unterrichten kann man durch ganz andere Dinge, als dadurch, daß man Pädagogik studiert. Nicht darum handelt es sich heute, daß man irgendeine Norm-Pädagogik, welche dogmatisch feststellt diese oder jene Dinge, wie man unterrichtet, seminaristisch an diejenigen heranbringt, die unterrichten sollen, sondern daß man dasjenige heranbringt an diejenigen, die unterrichten, was ähnlich zum Erzieher und Unterrichter macht, wie man Maler oder Botaniker wird. Das heißt: Es muß der Pädagoge aus dem Menschen geboren werden, nicht, es muß die Pädagogik erlernt werden.
[ 24 ] But in our time, there is little awareness that this is what it is all about. For in our time, “norm-based pedagogy”—the pedagogy that operates according to numerous norms—still plays a major role. One studies pedagogy; one learns how to teach a child, how to go about teaching. In light of our current understanding of humanity, this should actually strike us as if we were learning: Human beings consist of carbohydrates, proteins, and so on—that is what we are made of, and they are transformed in the body in such and such a way; and until we have grasped this, we cannot eat; for only when we understand this do we eat in accordance with physiology. — I once told you—and you may know this from your own experience—that one can already have this experience today: You visit someone, and lo and behold, they have a scale next to their plate and carefully place a piece of meat on it to weigh how much it weighs, because they are allowed to eat only a piece of meat of a very specific weight. In that case, physiology is already dictating their appetite. But thankfully, not everyone does that yet. It is important to realize that physiology is not part of eating, but rather that it serves a purpose separate from eating; that one can eat without having studied physiology, without knowing the physiology of the digestive process. But one does not assume that one should also teach—teach in a lively way—without having internalized standard pedagogy. For the teacher today—in the most favorable sense of the word—this standard pedagogy is exactly what the aesthetics of color is to the painter. He may well have studied the aesthetics of color, but that does not mean he can paint. One can paint through means entirely different from studying the aesthetics of color. One can teach through means entirely different from studying pedagogy. The point today is not to impart some kind of normative pedagogy—which dogmatically prescribes this or that method of teaching—in a seminar-style manner to those who are to teach, but rather to impart to those who teach what makes an educator and instructor similar to how one becomes a painter or a botanist. In other words: The educator must be born from within the person; pedagogy must not be merely learned.
[ 25 ] Daß die Pädagogik eine wirkliche Kunst sein müsse, das ist etwas, was eingesehen werden muß gerade aus dieser Umwandlung der Menschennatur heraus. Im Übergangszeitalter, da wußte man nicht recht, was man eigentlich tun soll mit dem Erziehen. Daher erfand man alle möglichen abstrakten Pädagogiken. Jetzt aber handelt es sich darum, daß man vorzugsweise demjenigen, der da lehrt, übermittle eine wirkliche Menschenerkenntnis. Denn sehen Sie, wenn man eine wirkliche Menschenerkenntnis hat und wendet sie beim Kinde an, dann besteht folgendes Eigentümliche: Nehmen Sie an, man ist ein Unterrichtender; man hat seine Kinder in der Schule. Wenn man ein Anhänger der Norm-Pädagogik ist, der Pädagogik, die nach Gesetzen arbeitet, dann weiß man, wie man unterrichten soll, denn man hat ja diese Norm gelernt. Man unterrichtet heute nach diesen Normen, hat gestern nach diesen Normen unterrichtet, und man wird morgen und übermorgen nach diesen Normen unterrichten. Wenn man als Pädagoge Künstler ist, dann hat man es gar nicht so gut; dann kann man nicht gestern und heute und morgen und übermorgen nach den gleichen Normen unterrichten, sondern dann muß man jedesmal neu lernen von dem Kinde selbst, wie man es zu unterrichten hat; dann muß jedesmal aus der Natur des Menschen heraus folgen, was man zu tun hat, und es ist am allerbesten für den Pädagogen, wenn er so unterrichten kann, weil das Kind ihm gebietet, so und so zu unterrichten, und wenn er dann immer wieder vergißt, was eigentlich Pädagogik ist, wenn er keine Ahnung hat von pädagogischen Regeln. Denn in dem Augenblick, wo das Kind wiederum vor ihm steht, ist er wiederum ganz elektrisiert von dem werdenden Menschen und weiß, was er mit ihm zu tun hat.
[ 25 ] The fact that pedagogy must be a true art is something that must be understood precisely in light of this transformation of human nature. In the transitional era, people weren’t quite sure what to do with education. That is why all sorts of abstract pedagogical theories were devised. But now the point is to impart a genuine understanding of human nature, preferably to the one who is teaching. For you see, when one has a genuine understanding of human nature and applies it to a child, the following peculiar phenomenon occurs: Suppose you are a teacher; you have your students in school. If you are a proponent of standard pedagogy—the kind of pedagogy that operates according to fixed rules—then you know how to teach, because you have, after all, learned these standards. You teach according to these standards today, taught according to them yesterday, and will teach according to them tomorrow and the day after tomorrow. If, as an educator, you are an artist, then you are not so well off; you cannot teach according to the same standards yesterday, today, tomorrow, and the day after tomorrow, but instead you must learn anew each time from the child itself how to teach it; then what one must do must arise each time from human nature itself, and it is best of all for the educator if he can teach in this way—because the child dictates to him how to teach—and if he then repeatedly forgets what pedagogy actually is, if he has no idea about pedagogical rules. For the moment the child stands before him again, he is once more completely electrified by the emerging human being and knows exactly what he must do with the child.
[ 26 ] Sie müssen achten auf diese Art und Weise, wie so etwas heute gesagt werden muß, wie über diese Dinge heute gesprochen werden muß. Man kann heute über diese Dinge nicht so sprechen, daß die Menschen sich beruhigen können in allerlei Prinzipien, sondern man kann nur so sprechen, daß man auf etwas hinweist, das lebt, das sich nicht in abstrakte Prinzipien bringen läßt, sondern das lebt, das durch Leben Leben erregt. Das ist es, worauf es ankommt. Daher ist heute für das unmittelbare Leben Geisteswissenschaft vonnöten, weil Geisteswissenschaft etwas ist, was nicht bloß für den Kopf ist, sondern was da ist für den ganzen Menschen und Willensimpulse aus dem Menschen loslöst. Das muß aber in viele Lebensgebiete hinein, auf daß zuletzt alle menschliche Betätigung so werde, daß Willensimpulse in das Leben des Menschen hineinversetzt werden.
[ 26 ] You must pay attention to the way in which such things must be said today, the way in which these matters must be discussed today. Today, one cannot speak of these things in a way that allows people to find comfort in all sorts of principles; rather, one can only speak in a way that points to something that is alive—something that cannot be reduced to abstract principles, but that is alive and stirs life through life itself. That is what matters. That is why spiritual science is necessary for immediate life today, because spiritual science is not merely for the intellect, but is there for the whole human being and releases impulses of will from within the person. But this must permeate many areas of life, so that ultimately all human activity may become such that impulses of will are infused into the life of the human being.
[ 27 ] Ich habe Ihnen dies ausgeführt für ein gewisses Gebiet des Lebens, für das Erziehen, wie wir das Erziehen, das wir üben bei dem Menschen bis zum einundzwanzigsten Jahre, auch für das spätere Leben fruchtbar machen können. Nun erzieht man aber die Menschen nicht bloß bis zum einundzwanzigsten Jahr; das Erziehen geht durch das ganze Leben weiter. Aber es ist nur gesund, wenn die Menschen sich aneinander erziehen.
[ 27 ] I have explained this to you in relation to a specific area of life—education—and how we can make the education we provide to people up to the age of twenty-one fruitful for their later lives as well. However, people are not educated only until the age of twenty-one; education continues throughout one’s entire life. But it is only healthy when people educate one another.
[ 28 ] Auch das hat in früheren Zeiten, in früheren geschichtlichen Epochen das Blut gegeben. Die Menschen taten das unbewußt, daß sie, wenn sie im sozialen Leben miteinander in Beziehung traten, sich gegenseitig aneinander erzogen, der eine mehr durch den andern, der andere weniger durch den anderen; das vermittelte alles das Blut. Aber das Blut ist schwach geworden, das Blut hat seine Kräfte verloren. Auch das muß durch mehr Bewußtsein ersetzt werden. Die Menschen müssen dahin kommen, von den anderen für sich selbst noch verhältnismäßig mehr zu haben, als sie durch sich selbst haben. In früheren Zeiten hat es genügt, sich, ich möchte sagen, dem Leben zu überlassen. Das Blut hat alles gemacht. Nunmehr handelt es sich darum, daß die Menschen wirklich dazu übergehen, Sinn für das Wesen des anderen Menschen zu entwickeln. Das wird von selbst angeregt dadurch, daß man seine Gedanken in die Richtung bringt, die durch die Geisteswissenschaft angeregt wird. Durch die Geisteswissenschaft werden Gedanken angeregt, die anders sind als die Gedanken, die ohne die Geisteswissenschaft angeregt werden.
[ 28 ] This, too, was provided by the blood in earlier times, in earlier historical epochs. People did this unconsciously: when they interacted with one another in social life, they shaped one another—one person more so by another, another less so by another; the blood conveyed all of this. But the blood has grown weak; the blood has lost its power. This, too, must be replaced by greater consciousness. People must come to the point where they gain relatively more from others for themselves than they do through themselves. In earlier times, it was enough, I might say, to simply surrender to life. Blood did it all. Now, however, the task is for people to truly begin to develop a sense of the essence of their fellow human beings. This is naturally stimulated by directing one’s thoughts in the direction inspired by spiritual science. Spiritual science inspires thoughts that are different from those inspired without it.
[ 29 ] Sie werden das nicht bezweifeln, denn es zeigt ja schon die Art und Weise, wie Geisteswissenschaft aufgenommen wird von denjenigen, die von ihren Gedanken nichts wissen wollen, daß die Gedanken der Geisteswissenschaft andere sind als diejenigen, die ohne Geisteswissenschaft an einen herankommen. Man muß eine ganz andere Art des Denkens entwickeln. Diese Denkungsart, die man da entwickelt, indem man sich gewöhnt, auch mit Übersinnlichem sich zu beschäftigen, diese Denkungsart, die ist zugleich diejenige, welche zurückwirkt auf unseren Organismus. Und wenn ich Ihnen heute gesagt habe: das Gedächtnis, die Erinnerungskraft ist dasselbe wie die Umwandlungskraft der Nahrungsmittel zu Stoffen, die der Mensch in seinem Organismus braucht, so werden Sie es auch nicht mehr als etwas Frappierendes empfinden, wenn auch andere Kräfte umgewandelt werden können im Menschen, wenn also die Kraft, durch die wir das Übersinnliche einsehen, uns dazu führt, den Menschen genauer zu erkennen, als wir ihn erkennen ohne gesunde Hinneigung zu einer übersinnlichen Erkenntnis.
[ 29 ] You will not doubt this, for the very way in which spiritual science is received by those who do not want to know anything about their own thoughts shows that the thoughts of spiritual science are different from those that come to a person without spiritual science. One must develop a completely different way of thinking. This way of thinking, which one develops by accustoming oneself to engaging with the supersensible as well—this way of thinking is at the same time the one that has a reciprocal effect on our organism. And if I have told you today that memory—the power of recollection—is the same as the power to transform food into the substances the human being needs in his organism, then you will no longer find it surprising that other forces can also be transformed within the human being—that is, that the power through which we perceive the supersensible leads us to understand human beings more precisely than we do without a healthy inclination toward supersensible knowledge.
[ 30 ] Sie studieren dasjenige, was in meiner «Geheimwissenschaft im Umriß» steht. Da müssen Sie gewisse Begriffe entwickeln, von denen die meisten Menschen heute noch sagen: Das ist die reine Narrheit. — Ich habe etst vor ein paar Tagen wiederum einen Brief übermittelt bekommen, worin jemand gerade die «Geheimwissenschaft» durchnimmt und fast von jedem Kapitel sagt, es sei der reine Wahnsinn. Man kann es verstehen, daß die Leute sagen, es sei der reine Wahnsinn. Warum? Das ist ganz natürlich, daß die Leute vielfach das heute sagen. Aber diejenigen Menschen, die sich nicht dazu bequemen, solche Begriffe aufzunehmen, die uns auf diese Weise zu Saturn, Sonne, Mond, Jupiter, Venus, Vulkan führen, die sich also nicht damit befassen, Ideen zu entwickeln in einer Welt, die nicht mit den Sinnen umfaßt werden kann, diese Menschen erwerben sich auch keine Menschenkenntnis; diese Menschen gehen an den anderen Menschen vorbei, merken höchstens, daß der eine eine ein wenig spitzere Nase, der andere eine ein wenig stumpfere Nase hat, daß der eine blaue Augen, der andere braune Augen hat; aber sie merken nichts von dem, was im Innern des Menschen, sich offenbarend als Seele, den Leib durchorganisiert. Dieselbe Kraft, die uns fähig macht, Interesse zu haben, ich sage nicht jetzt, übersinnliche okkulte Kräfte zu haben, sondern die uns fähig macht, Interesse zu haben für übersinnliche Erkenntnisse, die ist es, die uns Menschenerkenntnis, so wie wir sie heute brauchen, überliefert.
[ 30 ] You are studying what is written in my *Outline of Esoteric Science*. In doing so, you must develop certain concepts that most people today still dismiss as sheer nonsense. — Just a few days ago, I received another letter in which someone was working their way through *The Outline of Esoteric Science* and said of almost every chapter that it was sheer madness. It’s understandable that people say it’s sheer madness. Why? It’s only natural that many people say that today. But those people who cannot bring themselves to embrace such concepts—which lead us in this way to Saturn, the Sun, the Moon, Jupiter, Venus, and Vulcan—who, in other words, do not concern themselves with developing ideas in a world that cannot be grasped by the senses—these people also fail to gain any insight into human nature; these people pass others by, noticing at most that one has a slightly more pointed nose, another a slightly blunter one, that one has blue eyes, another brown eyes; but they notice nothing of what, within the human being and revealing itself as the soul, organizes the entire body. The very same power that enables us to take an interest—I am not speaking now of possessing supersensible, occult powers, but rather of the power that enables us to take an interest in supersensible knowledge—is the very power that has handed down to us the knowledge of human nature as we need it today.
[ 31 ] Sie können die grandiosesten sozialen Programme aufstellen, Sie können die schönsten sozialen Ideen entwickeln: Wenn die Menschen dabei stehenbleiben, keine Menschenerkenntnis zu entwickeln, so daß sie einander gegenüberstehen, ohne sich innerlich zu erkennen, können sie keine sozialen Zustände herbeirufen. Sie können nicht soziale Zustände herbeirufen, ohne zu begründen die Möglichkeit, daß es soziale Menschen gibt. Aber soziale Menschen gibt es nicht, wenn die Menschen aneinander vorbeigehen und ein jeder nur in sich lebt. Soziale Menschen gibt es nur dadurch, daß die Menschen sich im Leben begegnen, und daß etwas übergeht von dem einen Menschen zum anderen. Hier formuliert sich ja erst die Frage, die man heute die soziale nennt. Die meisten Menschen denken heute von der sozialen Frage so, daß sie sagen: Man muß gewisse Dinge so und so einrichten, dann werden die Menschen drinnen sozial leben können. — So ist es nicht. Sie können diese Einrichtungen machen, soziale Menschen werden mit diesen Einrichtungen gute Menschen im sozialen Sinne sein, und antisoziale Menschen werden mit jeder Art von Einrichtung antisozial sein.
[ 31 ] You can devise the most magnificent social programs; you can develop the most beautiful social ideas: If people stop short of developing an understanding of one another—so that they stand face to face without truly recognizing one another—they cannot bring about social conditions. You cannot bring about social conditions without first establishing the possibility that social human beings exist. But social human beings do not exist if people pass each other by and each lives only within themselves. Social human beings exist only when people encounter one another in life, and something passes from one person to another. It is here that the question—which we today call the “social question”—first takes shape. Most people today think of the social question in such a way that they say: Certain things must be organized in such and such a way, and then people will be able to live socially within that framework. — That is not the case. You can create these institutions; with these institutions, social people will be good people in the social sense, and antisocial people will remain antisocial regardless of the type of institution.
[ 32 ] Dasjenige, worum es sich handelt, ist, daß wir dahin gelangen, solche Einrichtungen zu treffen, innerhalb welcher die Menschen wirklich soziale Triebe entwickeln. Und einer dieser sozialen Triebe ist das Erkennen. Aber solange Sie zum Beispiel den Menschen so erziehen, daß Sie immer nur darauf sehen: Er soll ein Postbeamter oder ein Leutnant werden, oder irgend etwas anderes für den Staat werden, so lange werden Sie den Menschen nicht so erziehen, daß er den anderen Menschen erkennt. Denn diese Erziehung, die zum Postbeamten oder zum Leutnant gut ist, die läßt in dem anderen Menschen auch nur einen Postbeamten oder Leutnant erkennen. Diejenige Erziehung, die den Menschen zum Menschen macht, die läßt auch in dem anderen Menschen den Menschen erkennen. Aber es gibt keine Möglichkeit, in dem anderen Menschen den Menschen zu erkennen, wenn man nicht Sinn für übersinnliche Erkenntnis entwickelt. Und das Wichtigste, worin übersinnliche Erkenntnis wirken muß, das ist gerade die Erziehungskunst. Daher ist der größte Schaden, der angerichtet worden ist im Laufe der neuzeitlichen Entwickelung, der, daß die naturwissenschaftlich-materialistische Denkungsweise auch die Erziehungswissenschaft ergriffen hat. In dieser Beziehung erlebt man ja höchst, höchst merkwürdige Dinge.
[ 32 ] The point is that we must establish institutions within which people can truly develop social instincts. And one of these social instincts is cognition. But as long as, for example, you educate people in such a way that you focus solely on this: that they should become a postal clerk or a lieutenant, or some other functionary for the state—as long as you do that, you will not be educating them to recognize other human beings. For this kind of education, which is suitable for a postal clerk or a lieutenant, allows them to recognize only a postal clerk or a lieutenant in another person. The kind of education that makes a person truly human also enables them to recognize the human being in another person. But there is no way to recognize the human being in another person unless one develops a sense for supersensible knowledge. And the most important area in which supersensible knowledge must be at work is precisely the art of education. Therefore, the greatest harm that has been done in the course of modern development is that the scientific-materialistic way of thinking has also taken hold of the science of education. In this regard, one experiences some very, very strange things.
[ 33 ] Es gibt heute ja auf allen Gebieten, man möchte sagen, höchst gutmeinende Menschen, gutwillige Menschen auch, die möchten alles reformieren, sogar revolutionieren; aber wenn man mit den Menschen heute redet über diese Dinge, kommt ganz Sonderbares heraus. Die Leute bekennen sich ganz ehrlich zu einer gewissen Gesinnung, die die Dinge neu gestalten will. Allein, der eine fragt einen: Ja, sehen Sie, ich bin nun Schneider, wie wird, wenn die Verhältnisse umgestaltet werden, mein Dasein als Schneider sich gestalten? — Ein anderer, sagen wir er ist Eisenbahnbeamter, der sagt: Wie wird sich mein Dasein als Eisenbahnbeamter gestalten, wenn die Verhältnisse umgestaltet werden? — Das ist nur als Beispiel hingestellt, und alles das kommt zuletzt darauf hinaus, daß die Leute ganz einverstanden sind, daß alles anders werde, nur soll durch dieses Anderswerden sich nichts ändern, sondern es soll alles beim alten bleiben. Das ist nämlich die Gesinnung, die heute außerordentlich viele Menschen beseelt: Es soll alles beim alten bleiben, wenn es anders wird. Das sollte man durchaus nicht verkennen, daß die Sehnsucht der Menschen heute eine außerordentlich abstrakte Größe im gesellschaftlichen Leben ist: Sie möchten viel, die Menschen, aber es darf ja nichts für ihre Bequemlichkeit sich ändern.
[ 33 ] Today, in every field, there are—one might say—people with the best of intentions, well-meaning people, too, who want to reform everything, even revolutionize it; but when you talk to people today about these things, something quite strange comes out. People quite honestly profess a certain mindset that wants to reshape things. Yet one person asks: “Well, you see, I’m a tailor—if conditions are restructured, what will my life as a tailor look like?” — Another person—let’s say he’s a railroad official—says: “How will my life as a railroad official turn out if conditions are restructured?” — This is just an example, and it all boils down to the fact that people are perfectly fine with everything changing, but they don’t want anything to actually change as a result; instead, they want everything to stay the same. For that is precisely the mindset that animates an extraordinary number of people today: Everything should stay the same, even if things change. One should by no means fail to recognize that people’s longings today are an extraordinarily abstract factor in social life: People want many things, but nothing must change that affects their comfort.
[ 34 ] Und so ist es namentlich da, wo es sich darum handelt, daß die Menschen sich auch innerlich in wirklich neue Verhältnisse hineinfinden sollen. Und dennoch, gerade dies ist es, worauf es ankommt: daß die Menschen die Möglichkeit finden, den Übergang zu bewirken zu dem, worüber ganz neu gedacht werden muß, in bezug auf das man sich innerlichst zu ändern hat.
[ 34 ] And this is particularly true when it comes to people having to adapt, even inwardly, to truly new circumstances. And yet, this is precisely what matters: that people find the means to bring about the transition to what must be thought of in an entirely new way—a transition that requires a profound inner change.
[ 35 ] Nun entstehen ja aus alledem, was wir betrachtet haben, die allerverschiedensten Fragen, Fragen aber, die durchaus auf die Unmittelbarkeit des Lebens hingehen. Diese Fragen, die mußten wir so betrachten, daß wir für sie eine gewisse tiefere Grundlage dadurch geschaffen haben, daß wir davon gesprochen haben, wie gewisse Kräfte, die zunächst geistig-seelisch ausschauen, sich auch im Leiblichen ausdrücken. Denn es fehlt uns heute gar zu sehr die Fähigkeit, dasjenige, was wir uns geistig vorstellen, in das materielle Leben einzuführen. Ehe wir aber nicht wiederum dazu kommen, die Dinge, die wir uns geistig vorstellen, in das materielle Leben einzuführen, können wir nicht daran denken, den eigentlichen Nerv der sozialen Frage ins Auge zu fassen.
[ 35 ] Now, from everything we have considered, a wide variety of questions arise—questions, however, that point directly to the immediacy of life. We had to approach these questions in such a way that we created a certain deeper foundation for them by discussing how certain forces—which at first glance appear to be of a spiritual-psychic nature—also express themselves in the physical realm. For today we are sorely lacking the ability to bring what we conceive of spiritually into material life. But until we are once again able to bring the things we conceive of spiritually into material life, we cannot even begin to grasp the very heart of the social question.
[ 36 ] Und so handelt es sich denn darum, ein Geistesleben anzustreben, welches wirklich eine Menschenerkenntnis, damit aber soziale "Triebe entwickelt. Ja, ein Geistesleben, das herausgeformt wird aus ganz anderen Lebensverhältnissen, das genügt dazu nicht. Eben das Geistesleben, das vom Staat oder Wirtschaftsleben her geformt wird, das formt sich Postbeamte oder Leutnants. Das Geistesleben aber, das wir brauchen, ist dasjenige, welches Menschen formt. Das kann aber kein anderes sein als ein solches, das sich loslöst vom Wirtschaftsleben und loslöst vom staatlichen Leben. Daher mußte einmal das geschehen, was durch unsere «Dreigliederung des sozialen Organismus» geschehen ist. Es mußte radikal darauf hingewiesen werden: Alle Art der Abhängigkeit des geistigen Lebens vom Wirtschaftsleben, vom staatlichen Leben müsse aufhören und das Geistesleben auf seine eigenen Grundlagen gestellt werden. Dann wird das geistige Leben dem Wirtschafts- und dem Staatsleben dasjenige geben können, was das Staatsleben und das Wirtschaftsleben dem geistigen Leben nicht geben können.
[ 36 ] And so the point is to strive for a spiritual life that truly fosters an understanding of humanity and, through that, develops social “instincts.” Yes, a spiritual life shaped by entirely different life circumstances is not sufficient for this. Precisely the kind of spiritual life shaped by the state or economic life produces postal clerks or lieutenants. But the spiritual life we need is the one that shapes human beings. And that can be nothing other than a spiritual life that detaches itself from economic life and from state life. That is why what was achieved through our “Threefold Social Order” had to happen. It had to be pointed out in no uncertain terms: Every form of dependence of spiritual life on economic life and on state life must cease, and spiritual life must be placed on its own foundations. Then spiritual life will be able to give to economic and state life what state life and economic life cannot give to spiritual life.
[ 37 ] Das ist das Wesentliche, das ist das Wichtige! Ein Vollmensch wird entstehen erst wieder dadurch, daß wir aus einem selbständigen Geistesleben heraus arbeiten.
[ 37 ] That is the essence, that is what matters! A fully developed human being will only emerge again when we work from an independent spiritual life.
