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Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192

21 April 1919, Stuttgart

Erster Vortrag

[ 1 ] Zu demjenigen, was hier vor jetzt wohl genau einem Jahr zu Ihnen gesprochen werden konnte, ist ja zweifellos für Sie alle etwas anderes hinzugetreten, was zu Ihnen gesprochen hat ein sehr eindringlich redender Lehrmeister: das sind, als der letzte große Lehrmeister, die eindringlich sprechenden, die eine so deutliche Sprache sprechenden Tatsachen, die sich, seit wir das letztemal hier versammelt waren, abgespielt haben. Ja, diese Tatsachen haben für Sie alle eine um so deutlichere Sprache gesprochen, als sie wohl für viele etwas anderes aussagten als das, was lange Zeiten hindurch als ein in die Zukunft hineinschweifender Glaube gestanden hat. Es ist ja wahrhaftig ein weiter Weg, inhaltlich, wenn auch zeitlich scheinbar kurz, von den ersten Augusttagen des Jahres 1914, wo unter mancherlei Hoffnungen und unter noch mehr Illusionen Deutschland ausgezogen ist zunächst mit einem Heere, das noch nicht einmal auf Kriegsfuß war, das noch nicht die Mobilisations-Ordre mit sich trug, und den sogenannten «Lütticher Handstreich » ausführte — als unter den mancherlei Illusionen man sich gewöhnt hatte nachzusprechen, was zu denken von gewissen Seiten her befohlen wurde —, es ist ein weiter Weg von dort bis in jene Tage hinein, in denen im vorigen Herbste die Gefahr drohte, daß in wenigen Tagen das jenseits der deutschen Grenzen befindliche Heer abgeschnitten werde von allen Lebensmitteln der Heimat, was dann ja zu den Ihnen wenigstens der Hauptsache nach bekannten Tatsachen geführt hat. Es ist ein weiter Weg inhaltlich, wenn auch der Zeit nach wenige Jahre umfassend. Und zu alledem wird ja für den tiefer blikkenden Menschen die Enttäuschung getreten sein, daß zu der äußeren militärischen Kapitulation auch die geistige Kapitulation von seiten Deutschlands durch den Mann hinzugefügt worden ist, auf den wie auf eine letzte Hoffnung viele Menschen gerade in den Herbsttagen des Jahres 1918 hingeschaut haben. Da waren, in diesem Herbste 1918, Ereignisse eingetreten, welche sehr, sehr geeignet waren, Korrektur auszuüben an all demjenigen, was in den letzten Jahren zwar zwischen den Zeilen in so mancher Beziehung angedeutet werden konnte, was aber offen auszusprechen innerhalb der Grenzen des ehemaligen Deutschen Reiches völlig unmöglich war, wie Sie ja alle wissen.

[ 2 ] Nun, meine lieben Freunde, jetzt stehen wir gewissermaßen davor — und das muß insbesondere heute und gerade zu Ihnen gesprochen werden, in dem Sinne, wie das hier öfters angedeutet worden ist —, eine Probe durchzumachen auf dasjenige, was sich innerhalb unserer Reihen herausgebildet hat, und was ich mit einem vielleicht sonderbar klingenden Ausdruck «unsere anthroposophische Überzeugung » nennen möchte. Was ich insbesondere im Laufe der letzten Jahre immer wieder und wieder betont habe: daß diese unsere anthroposophische Überzeugung sich ja nicht darauf beschränken darf, etwas aufzunehmen, um gewissermaßen bloß ein inneres mystisches Wohlgefühl zu haben, das ist es, was uns die laut sprechenden Tatsachen der Gegenwart so eindringlich lehren. Gar mancher hat ja in unseren Reihen sich darauf beschränkt, etwas aus der Anthroposophie aufzunehmen, was ihm gewisse innere Seelenfragen beantworten kann — was selbstverständlich an sich berechtigt ist —, aber, wahrhaftig nicht ohne Grund ist in den letzten Jahren immer wieder und wiederum betont worden, daß unsere anthroposophische Überzeugung dazu führen müsse, das praktische, das unmittelbar wirkliche Leben, das ja für den Einsichtigen vom Geiste durchwallt ist, besser zu verstehen, als es ohne die Grundlagen dieser anthroposophischen Überzeugung verstanden werden kann. Nicht ohne Grund wurden diejenigen, welche sich mit anthroposophischer Überzeugung haben durchdringen können, aufgerufen zum Durchdenken der großen menschheitlichen Probleme. Jetzt stehen wir vor einer Probe gewissermaßen, vor der Probe, ob dasjenige, was wir haben aufnehmen können, was wir oftmals doch nur als die Befriedigung eines höheren Seelenegoismus aufgenommen haben, ob das wirklich wird eindringen können in unseren Verstand, in unser Gemüt, in unser Herz, so daß wir gewachsen sein werden den Aufgaben, die jetzt in immer erhöhterem Maße den Menschen gestellt werden. Denn manches, was jetzt hereindringt, hat erst seinen Anfang genommen. Wir stehen mit Bezug auf vieles erst vor einem Anfang. Und es ist notwendig, daß wir von den Tatsachen lernen. Bedenken Sie nur einmal, wie das ganze Leben innerhalb dieser Tatsachen sich zugespitzt hat. Bedenken Sie, wie diejenigen, die sich oftmals als die allerpraktischsten Menschen dünkten, die auf die Geisteswissenschaft als auf eine furchtbare Phantasterei hinsahen, wie gerade diese praktischen Menschen sich wenig gewachsen erzeigt haben gegenüber dem, was über die Menschheit mit elementarer, mit gewaltig großer Macht hereingebrochen ist. Man muß heute sich erinnern, wie diejenigen Persönlichkeiten, denen die irdischen Geschicke der Menschheit anvertraut waren, unmittelbar vor dem Eintritt der großen Weltkriegskatastrophe gesprochen haben. Ich habe wohl auch hier schon vor Jahren aufmerksam gemacht auf die Art und Weise, wie da gesprochen worden ist. Ich will Sie heute nur daran erinnern, wie in entscheidenden Sitzungen des Deutschen Reichstages der damals für die auswärtige Politik verantwortliche Minister im Frühling 1914 sagen konnte: Die allgemeine politische Entspannung hat in der letzten Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht. — Wie er sagen konnte in derselben Rede: Unsere freundschaftlichen Beziehungen mit Rußland sind auf dem besten Wege; das Petersburger Kabinett kümmert sich nicht um die Pressetreibereien, und wir werden unsere freundnachbarlichen Beziehungen in der nächsten Zeit fortsetzen können. — Sagen konnte er in derselben Rede: Mit England sind aussichtsvolle Unterhandlungen angeknüpft, welche wohl in der nächsten Zeit zugunsten des Weltfriedens zum Abschlusse kommen werden; wie überhaupt die beiden Regierungen — er meinte die englische und die deutsche — so stehen, daß sich die Beziehungen immer inniger und inniger gestalten werden.

[ 3 ] Das wurde von denjenigen gesprochen, welche ausersehen waren, die Geschicke der Menschheit zu führen. Das wurde gesprochen in der selben Zeit, in welcher ich genötigt war, das, was ich immer wieder und wiederum betont habe, im Frühjahr 1914 in meinem Vortrage in Wien zusammenzufassen mit den Worten: «Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, überall, wie furchtbar die Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprießen. Das ist die große Kultursorge, die auftritt für den, der das Dasein durchschaut. Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der Lebensvorgänge durch die Mittel einer Geist-erkennenden Wissenschaft unterdrücken könnte, einen dazu bringen müßte, von den Heilmitteln zu sprechen, die dagegen verwendet werden können, daß man Worte darüber der Welt gleichsam entgegenschreien möchte. Wenn der soziale Organismus sich so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden der Kultur, die für diesen Organismus dasselbe sind, was Krebsbildungen im menschlichen natürlichen Organismus sind.»

[ 4 ] So sprach man dazumal, wenn man von den sogenannten praktischen Leuten als ein Phantast angesehen worden ist. Die allgemeine Entspannung, von der dazumal Herr von Jagow vor der erleuchteten Versammlung des Deutschen Reichstages gesprochen hat, vor denen, die ein Urteil haben sollten, die aber alles ruhig anhörten und es glaubten — sie hat Fortschritte in der Richtung gemacht, daß in den nächsten Jahren mindestens zehn bis zwölf Millionen Menschen totgeschlagen und dreimal so viele zu Krüppeln geschlagen worden sind. Das sage ich aus dem Grunde, weil heute gesagt werden muß, daß es darauf ankommt, die Lage der Menschheit zur rechten Zeit richtig zu würdigen, daß es darauf ankommt, sich durch ein ganz anderes Denken als das, woran sich die leitenden Kreise gewöhnt haben, Einsicht in die Lage der Menschheit zu verschaffen, daß es darauf ankommt, heute immer besser und eindringlicher zu verstehen, was aus der alten Weltanschauung herausgeflossen ist. Nichts taugen kann ein solches altes Denken, auch nicht für das praktische Leben, weil das praktische Leben immer mehr und mehr die unmöglichsten Gedanken erzeugte, die zu Katastrophen führen mußten. Es kommt nicht darauf an, sich über Einrichtungen Gedanken zu machen, sondern darauf, einzusehen, daß die Menschheit umlernen muß mit Bezug auf die tiefsten Gedanken.

[ 5 ] Das war der eine Grund, warum so eindringlich gesprochen worden ist von der Notwendigkeit der Erneuerung der ganzen Weltanschauung, einer Hinwendung der ganzen Menschheit zu den Quellen der Wirklichkeit, die allein im geistigen Leben liegen. Denn zum Schlusse kommt alles darauf an, daß eingesehen werde, daß wir nicht bloß auf dem oder jenem Gebiete so oder so geänderte Einrichtungen brauchen, sondern zuletzt kommt alles darauf an, einzusehen, daß wir vor allen Dingen etwas ganz anderes für die Zukunft, für die allernächste Zukunft brauchen: Köpfe brauchen wir, in denen etwas ganz anderes pulsiert, als in denjenigen Köpfen, die sich unter dem Einfluß der abgetanen Weltanschauung herausgebildet haben. Vor allen Dingen brauchen wir eine Neuorganisation, einen Neuaufbau der Gedanken in den Menschenköpfen. Das ist es, woran man arbeiten wollte in den letzten zwei Jahrzehnten, weil dieses Arbeiten notwendig geworden war. Köpfe brauchen wir, die anders organisiert sind als diejenigen, die die Menschheit ins Unglück gestürzt haben. Solange dies nicht in allen Teilen eingesehen wird, solange nicht eingesehen wird, daß das Licht, das allein aus der Geisteswissenschaft kommen kann, die verfinsterten Köpfe erleuchten muß, solange kann — ob man nun konservativ, ob man radikal, oder sonstwie denkt — solange kann keine Besserung kommen. Mit irgendwelchen kleinlichen Mitteln, die aus alten Gedanken fließen, wird der Menschheit kein Heil beschert. Neue Gedanken sind vor allen Dingen notwendig, neue Gedanken, die allein erstehen können auf Grund dessen, was hier in diesen Räumen seit Jahren als die größten Anforderungen für die Gegenwart und für die nächste Zukunft besprochen worden ist.

[ 6 ] Sie kennen zunächst dasjenige, was sich aus den Notwendigkeiten der Zeit heraus ergeben hat, als der sogenannte « Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt», in dem zum ersten Mal öffentlich ausgesprochen worden ist, was in engeren Kreisen auszusprechen ich mich bemüht habe in den letzten Jahren, wo es keinen Widerhall gefunden hat, wo nur der Donner der Kanonen gehört werden wollte, nicht die Stimmen des Geistes. Sie wissen, daß in diesem Aufruf zunächst in positiver Weise gefordert wird, was in den Impulsen der Menschheitsentwickelung selbst für unsere Zeit liegt. Denn für das größte Unheil hält derjenige, der eine Einsicht in die treibenden Kräfte der Menschheit hat, die abstrakten, die sogenannten ewigen Ideale, die nicht aus dem wirklichen Geistesleben, sondern bloß aus den Spiegelbildern der menschlichen Begriffe und Ideen hervorkommen, die keine Wirklichkeit sind, die nur eine Spiegelungswirklichkeit in sich haben. Darauf muß man gerade in der Gegenwart besonders aufmerksam sein. Auch in der Gegenwart werden zahlreich diejenigen Menschen sein, die da glauben, etwas Bedeutungsvolles zu sagen, wenn sie darüber reden, wie die Menschheit für ewige Zeiten beglückt werden kann, was für Zustände herbeigeführt werden müssen als Idealzustände der Menschheit. Solche Ewigkeitsideen und solche Idealzustände der Menschheit denkt derjenige nicht, der aus dem wirklichen geistigen Leben heraus seine Erkenntnisse schöpft. Wie ich es immer hier auseinandergesetzt habe, war die Entwickelung so, daß stets eine bestimmte Epoche einer anderen Epoche folgte und vor allen Dingen für alle Hauptepochen der nachatlantischen Zeit ein eigenes konkretes Ideal vorhanden war, wie auch für unsere Zeit und für die nächste Zukunft. Nicht darauf kommt es an, wie in chiliastischer Weise ein tausendjähriges Reich herbeizuführen ist, sondern was die geistige Welt für eine kurze Zeitspanne verwirklichen will, die man aber nur übersehen kann, wenn man sich auf eine geistige Wissenschaft wirklich einläßt. Und unsere Zeit fordert eben in dringlicher Art das, was als der Grundnerv dieses Aufrufes geltend gemacht wurde: Die Dreigliederung des sozialen Organismus. Der soziale Organismus kann nur dadurch gesund werden, daß er diese Dreigliederung erhält, die Sie gelesen haben in dem Aufruf, und wie Sie sie finden werden in meiner Broschüre «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft». Der gegenwärtige Menschheitszyklus erfordert diese Dreigliederung.

[ 7 ] Sehen Sie, ein ganz anderes wäre es gewesen, wenn noch in der Mitte oder selbst noch im Herbste des Jahres 1917 diese Dreigliederung von bedeutungsvoller Seite, entweder Deutschlands oder Österreichs, geltend gemacht worden wäre, als eine Kundgebung der Impulse Mitteleuropas gegenüber den von amerikanischen Gesichtspunkten entworfenen sogenannten Vierzehn Punkten des Woodrow Wilson. Dazumal wäre das eine historische Notwendigkeit gewesen. Ich habe Kühlmann dazumal gesagt: Sie haben die Wahl, entweder jetzt Vernunft anzunehmen und auf das hinzuhorchen, was in der Entwickelung der Menschheit sich ankündigt als etwas, was geschehen soll — denn was in diesen Auseinandersetzungen steht, ist nicht irgendein Programm, wie es heute so viele haben, sondern ist etwas, was herausgelesen ist aus der Entwickelung der Menschheit und was ganz gewiß realisiert wird in den nächsten fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, was aber vor allen Dingen realisiert werden muß innerhalb Mitteleuropas —, heute haben Sie die Wahl, entweder Vernunft anzunehmen, was sich realisieren will, durch Vernunft zu realisieren, oder Sie gehen Revolutionen und Kataklysmen entgegen. — Statt Vernunft anzunehmen, bekamen wir den Frieden von Brest-Litowsk, den sogenannten Frieden von Brest-Litowsk. Denken Sie, was es gewesen wäre — das kann ohne Renommisterei gesagt werden —, wenn gegenüber den sogenannten Vierzehn Punkten dazumal in den Donner der Kanonen die Stimme des Geistes hineingetönt hätte. Ganz Osteuropa hätte dafür Verständnis gehabt — das weiß jeder, der die Kräfte in Osteuropa kennt —, den Zarismus ablösen zu lassen von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dann wäre zustande gekommen, was eigentlich hätte zustande kommen müssen. Diejenigen, die der Sache dazumal wohlwollend gegenübergestanden haben, haben höchstens den Rat gegeben, man solle das als Broschüre drucken lassen. Nun denken Sie sich, welcher Unsinn das dazumal gewesen wäre. In den mancherlei Dingen, die dazumal nicht gelesen wurden, wäre auch das selbstverständlich Literatur geblieben. Die Zeiten ändern sich. Heute, wo alles auszugehen hat von der breiten Masse, heute, wo zwischen dort und jetzt die Oktober- und Novembertage des Jahres 1918 liegen, heute ist der richtige Weg der, sich mit diesen Dingen an die breite Öffentlichkeit zu wenden. Das sind die größten Schädlinge der Menschheit, die immer glauben, die Sache müsse, wenn sie richtig ist, insofern sie sich auf das praktische Leben bezieht, zu jeder Zeit in gleicher Weise richtig sein. Nein, so faul darf unser Denken nicht werden, wie die Leute, die diese Ansicht haben, glauben. Die Dinge sind zu verschiedenen Zeiten von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus zu beurteilen.

[ 8 ] Man muß ja allerdings etwas tiefer hineinschauen in die Entwickelung der Menschheit, wenn man die ganze, volle, weitgehende Praxis desjenigen würdigen will, was gerade dieser Dreigliederung zugrunde liegt. Diese Dreigliederung ist, ich muß das immer wieder und wiederum betonen, nicht etwas, was einem einfallen kann. Sie ist etwas, was der Geist der Zeit und der Gegenwart unbedingt von den Menschen fordert, was der Geist der Zeit verwirklichen will, was der Geist der Zeit — bitte, wenn Sie das Folgende hören, werden Sie auch diesen Satz, den ich jetzt vorausschicken kann, verstehen —, was der Geist der Zeit tatsächlich verwirklicht. Und gerade dadurch entsteht das Chaos, daß die Menschheit anders denkt und vor allen Dingen anders handelt, als der Geist der Zeit denkt und handelt. Eigentlich verwirklicht sich schon seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts das, was in dieser Dreigliederung steht, nur die Menschen haben sich anders verhalten und sind dadurch in furchtbare Widersprüche geraten mit dem, was in den Tatsachen verwirklicht wird. Sie wissen, es handelt sich vor allen Dingen um die Dreigliederung des sozialen Organismus in einen geistigen Teil, in einen eigentlich staatlichen oder politischen Teil und in einen wirtschaftlichen Teil. Betonen möchte ich zunächst: Das Erweisen der Richtigkeit dieser Grundanschauung kann aus dem bloßen gesunden Menschenverstand geschehen, wie überhaupt alles aus dem gesunden Menschenverstand heraus begriffen werden kann, was geisteswissenschaftlich gewonnen wird, wie ich das ja auch immer betont habe. Aber ich glaube allerdings nicht, daß aus dem heutigen Denken heraus man in richtiger Weise — bitte nicht zu vergessen, daß ich sagte: in richtiger Weise — dazu kommen kann. Es sind ja Menschen, welche zu ähnlichem gekommen sind, aber es handelt sich darum, daß man auf wirklich praktischer Grundlage dazu kommt, auf einer Grundlage, die dasjenige berücksichtigt, was in unserer Zeit sich verwirklichen will, und eigentlich sich verwirklicht.

[ 9 ] Betrachten wir also einmal heute, ich möchte sagen provisorisch und einleitend, einiges, was uns Vorstellungen geben kann über die Art, wie eine gründliche Betrachtung der Zeit über diese Dreigliederung spricht. Sehen Sie, als in der neueren Zeit, seit etwa vier Jahrhunderten, heraufgezogen ist über die Menschheit das, was man heute nennt die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die moderne technische Ordnung, da zog auch herauf die neue Denkgewohnheit, die neue Weltanschauung. Wenn das, was man in der Schule Geschichte nennt, nicht eine Fable convenue wäre, so würde aus der Geschichte schon folgen, wie gründlich sich die Denkgewohnheiten der ganzen zivilisierten Welt geändert haben vom dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert in die folgenden Jahrhunderte hinein. Eine oberflächliche Betrachtung glaubt ja, daß sich alles das langsam entwickelt, während dem im historischen Werden die großen Umschwünge erfolgen. Ein solcher Umschwung liegt zugrunde dem, was sich seit drei bis vier Jahrhunderten in den ganzen geistigen Lebensgewohnheiten und Denkgewohnheiten der Menschen entwickelt hat.

[ 10 ] Da möchte ich Sie vor allen Dingen auf eine Erscheinung aufmerksam machen, die sich unter den Augen, ich meine immer Seelenaugen, abgespielt hat, aber im Grunde genommen kaum tiefer gewürdigt worden ist. Man hat eben sie sich so abspielen lassen, diese Erscheinung. Das ist die Erscheinung: Welche geringe Rolle eigentlich im Leben der Menschheit, besonders der deutschen Menschheit, die sogenannten geistigen Persönlichkeiten gespielt haben, wie wenig die allgemeine Schulbildung bis hinauf zur Hochschule dazu beigetragen hat, daß dasjenige, was sich in den letzten Jahrhunderten in einzelnen geistigen Individualitäten ausgebildet hat, eingezogen ist in das allgemeine Kulturgut. Nehmen Sie den Fall, den ich hier oftmals erwähnt habe, den Fall Goethe. Ja, Goethe war der Träger einer großen, umfassenden Weltanschauung. Es hat sich für die Entwickelung der Menschheit Ungeheueres abgespielt in den Jahren von 1749, wo Goethe geboren worden ist, bis 1832, da er gestorben ist. Ein Ungeheures an geistigen Impulsen liegt in diesem Goethe. Sehen wir aber, welchen Eindruck Goethes Weltanschauung, der Goetheanismus, auf die deutsche Menschheit gemacht hat, da bekommen wir ein furchtbar trauriges Bild. Selbst diejenigen, die glauben, etwas von Goethe zu wissen, wissen von den innersten Impulsen seines Geisteswesens gar nichts. Und ebenso könnte man, vielleicht in noch höherem Grade, von manchem anderen sprechen. Davon muß man sprechen, daß, seit sich die Technik, seit der Kapitalismus sich ausgebreitet hat, das geistige Leben, das sich in einzelnen Individualitäten gerade mit Bezug auf das rein und allgemein Menschliche geltend gemacht hat, sich, man kann nicht anders sagen, wie ein Parasit, wie etwas Parasitäres auf dem übrigen Kulturkörper entwickelt hat. Es war da, aber es war im Grunde genommen zu nichts da. Wie um eine Bestätigung zu liefern dafür, daß das geistige Leben, insofern es zum Beispiel Goethe betrifft, zu nichts da war, wie es zurückgewiesen wurde, wie es nicht aufgenommen wurde, sondern nur theatralisch, zum Schein damit kokettiert wurde, sehen wir, daß schließlich die Goethe-Gesellschaft, die sich als die offizielle Vertreterin des Goetheanismus fühlt, aus einem Impulse heraus, der allmählich mehr und mehr gang und gäbe geworden war, fragte: Wen wählen wir jetzt am besten zum Vorsitzenden unserer Goethe-Gesellschaft? — Und da wurde nicht gedacht: Wer versteht am meisten von Goetheanismus?, sondern daran wurde gedacht, wer die besten Kratzfüße machen könnte, wenn die GoetheGesellschaft bei irgendwelchem Hofe auftreten mußte. Da wurde dann ein ehemaliger Finanzminister zum ersten Vorsitzenden der GoetheGesellschaft in Weimar gewählt, dessen geistige Wege niemals zu Goethe führten. Was einen etwas hinweisen konnte auf die Hohlheit des Ganzen, war, daß der Vorname des Betreffenden war: Kreuzwendedich. Kreuzwendedich von Rheinbaben war dazumal wie aus einer Ironie des Schicksals heraus gewählt worden als Vorsitzender der Goethe-Gesellschaft. Das sind scheinbar unbedeutende Tatsachen, aber gerade daß sie als unbedeutend angesehen werden können, wo sie doch in Wahrheit Symptome für das tiefste Fühlen sind, das ist das Schreckliche. Derjenige, der diese Tatsachen nicht als wichtige Symptome für die Enthüllung des innersten Denkens und Empfindens erklärt, der erklärt sich im Grunde genommen einverstanden mit all dem, was die Menschheit in das schreckliche Unglück hineingeführt hat.

[ 11 ] Diesen Parasitismus des Geisteslebens, diese Zusammenhangslosigkeit dessen, was auf den Höhen der Menschheit produziert wurde, mit dem allgemeinen Volksleben, vergleichen Sie es mit den früheren Zeitaltern. Es ist in früheren Zeitaltern gar nicht denkbar. Denken Sie einmal, welchen Eindruck für das allgemeine Volksleben, sagen wir, um ein Beispiel herauszugreifen, im späteren Indien der Buddha gemacht hat. Vergleichen Sie diese Popularität des Buddha mit der Popularität, die ein Goethe gehabt hat. Vielleicht werden Sie sagen: Nun ja, neben Goethe sind so viele andere Geisteshelden, Buddha war nur einer. — Wer diesen Einwand macht, zeigt, daß er nichts versteht von dem, was die Grundbedingungen der Entwickelung der Menschheit sind. Denn das ist das große Unglück, daß an solch geistigen Leuten, an solch geistigen Persönlichkeiten durch die natürlichen Verhältnisse eine furchtbare Überproduktion entstanden ist. So daß die, die im allgemeinen Leben drinnen stehen und zu arbeiten haben, sich schon gar nicht zurechtzufinden wissen. Nicht wahr, es ist ja nicht bloß Goethe da, sondern auch noch Herder und Schelling und Schlegel; aber nicht nur diese, nun soll man auch noch Geibel, Wildenbruch lesen. Und gar erst auf allen möglichen anderen Gebieten: mit was allern man sich da beschäftigen soll, was zum allgemeinen Kulturwert gehören soll! Und wenn man nun gar erst an die internationalen Verhältnisse denkt!

[ 12 ] Ja, was da zugrunde liegt, das ist etwas sehr tief Einschneidendes, etwas außerordentlich Bedeutungsvolles. Zwischen denjenigen, die so in den Literaturgeschichten nebeneinander figurieren, zwischen denen ist trotzdem ein großer Unterschied. Aber den Respekt vor dem geistigen Leben haben die Menschen im Laufe der letzten Jahrhunderte eben im großen Stile verloren. Das tritt einem in einzelnen Dingen entgegen. Symptomatisch muß man die Entwickelung der Menschheit betrachten können, dann findet man aus den Symptomen schon heraus, was eigentlich in den Untergründen pulsiert! Ich sprach einmal in einem kleinen Kreise im Anfang der neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts mit einigen Leuten, die auch Mitglieder von Gymnasiallehrer-Prüfungskommissionen waren. Ein besonders angesehener Prüfer der Gymnasiallehrer-Prüfungskommission sprach dazumal innerhalb dieses kleinen Kreises, und wir besprachen, wie bedrückend es eigentlich ist, daß in den jetzigen Gymnasien so furchtbar wenig für die allgemeine Erhöhung der geistigen Impulse geschieht, daß doch so furchtbar wenig hineinkommt in die jungen Leute und in die Knaben — später sind auch die Mädchen dazugekommen, dadurch wurde nichts gebessert —, die vom zehnten bis achtzehnten Jahre da in diesen Anstalten geistig dressiert werden. Da sagte der betreffende Prüfungskommissär: Ja, wenn wir da sehen, wie wir diese Kamele loslassen auf die Jugend, die wir da zu prüfen haben, wenn wir schen, wie wir diese Kamele hinschicken müssen als Lehrer der Jugend, dann kann man nicht hoflen, daß etwas Günstiges dabei herauskommt. — Sehen Sie, das ist ein Symptom. Solche Leute, die in den letzten Jahren verantwortlich waren gerade für das Geistesleben der weniger breiten Massen, der führenden Klassen, die hatten so wenig Respekt, daß sie es als selbstverständlich ansahen, die Gymnasiallehrer zu prüfen und als Kamele loszulassen auf die Jugend. Sie sind überzeugt, daß die, welche die besten Examina machten, die größten Kamele sind. Ja, aber das Denken der Menschen, die Denkgewohnheiten, die sind es doch, von denen, trotz aller gegenteiligen Anschauung, alles abhängt. Wir sehen zuletzt, indem sich die Dinge summieren, wirklich Glück und Unglück der Menschheit abhängen von diesen Denkgewohnheiten, die sich zuletzt kumulieren zu solchen Weltkatastrophen, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben. Man muß auf die Kleinheiten eingehen, denn sie sind Symptome für das, was in den unterbewußten Sphären regiert und was unberücksichtigt bleibt für die Zeit, in der man mit Recht hinweist auf technische Entwickelung, auf Kapitalismus und so weiter.

[ 13 ] So hat man es gehalten mit dem Geistesleben, und im Grunde genommen ist ein Luxus-Geistesleben entstanden, ein Geistesleben, das die Menschen in den verschiedensten Zweigen eigentlich nur noch als Luxus empfinden konnten. Aber sie lieben diesen Luxus. Man könnte auf vielen Gebieten auf diesen Luxus hinweisen, der an Stelle des Geistes getreten ist. Nehmen wir ein Gebiet heraus: die Landschaftsmalerei, wie sie das letzte Jahrhundert entwickelt hat. Glauben Sie, daß außer den wenigen Menschen, die darauf dressiert werden, glauben Sie, daß die breite Masse der Menschheit wirklich ein offenes Herz und Sinn haben kann für diese Landschaftsmalerei? Glauben Sie, daß zum Beispiel der Proletarier, der durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung und den technischen Betrieb eingespannt worden ist in eine wahrhaft trostlose Ödigkeit des Lebens, daß der, wenn Sie ihm so allerlei Brocken, die da abfallen, hinwerfen in Volksvorträgen und Volkskursen, in Volkshäusern, in Veranstaltungen, wo Sie ihm Bilder zeigen, glauben Sie, daß er wahrhaftig mit seinem Innern daran herankommen könnte? Ja, die Landschaftsmalerei — glauben Sie mir: der, der nicht darauf dressiert ist, sagt: Ja, warum malt man das? Draußen ist es ja doch viel schöner. Warum malt man das eigentlich? — Sie können ihm andressieren, wenn Sie Volkskurse abhalten als Heil- und Palliativmittel, daß das wirksam ist; aber das Unterbewußte fällt nicht darauf herein. Das Unterbewußtsein sagt immer: Wozu malen die das? Man muß doch nicht die Menschheitskräfte verschwenden auf solches Zeug. — Aus diesen Stimmungen setzt sich zuletzt das zusammen, was heute in so laut sprechenden Tatsachen auspulst. Das ist es schon, worauf es ankommt. Denn, nicht wahr, was konnte man nicht in den letzten Jahrzehnten immer wieder darüber hören, wie wir es so herrlich weit gebracht haben, wie der menschliche Gedanke mit Blitzesschnelligkeit hinrollt über die weitesten Länderstrecken, wie wir so bequem reisen können, wie die geistige Kultur sich ausbreitet und so weiter. Aber das alles, was man so lobhudeln konnte, war ja doch nur dadurch möglich, daß es sich ausbreitete auf einem Unterbau, der Millionen von Menschen umfaßte, die nicht teilnehmen konnten an diesen Dingen. Sie alle hätten nicht reisen können mit der Eisenbahn, hätten nicht telephonieren können, hätten nicht den Gedanken hinschicken können über weite Strecken, wenn nicht unzählige Menschen außerstande gewesen wären, irgendwie an dieser Kultur teilzunehmen, wenn diese Kultur nicht Millionen und aber Millionen von Menschen leiblich und seelisch Elend und Not gebracht hätte.

[ 14 ] Ja, blicken wir einmal auf einen bestimmten Zeitpunkt, blicken wir hin auf die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, denn diese Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist es ja ungefähr auch, wo das, was man häufig die soziale Frage nennt, eigentlich begonnen hat. Die führenden Kreise, die sind allmählich aus jener Stimmung entstanden, welche man nicht anders charakterisieren kann, als daß man auf den Parasitismus des eigentlich guten Geisteslebens hinweist. Das gute Geistesleben ist zum Parasiten geworden, weil es die anderen nicht angenommen haben. Es war vorbestimmt, einzudringen in die wirkliche Volkskultur, aber es wurde nichts dazu getan, es einzulassen, das Kreuz hatte sich eben noch nicht gewendet. Ja, in dieser Zeit waren die Menschen dieser führenden, leitenden Kreise allmählich dahin gelangt, für ihre Seele doch etwas zu bekommen. Wie oft habe ich es hier betont, welch unnatürliche Wege diese Sehnsucht mancher Seelen geht. Nicht wahr, man konnte es erfahren, wie die Leute in gut eingeheizten Zimmern zuletzt Theosophen geworden sind, als letztes Ende des Bourgeoisie-Strebens, wie sie — aber das war ja die letzte Phase — da geredet haben von Brüderlichkeit, von Menschenliebe, von hehren ethischen Idealen und so weiter. In welchen Zimmern geschah denn das? In welchen Räumen geschah denn das? Ich rede von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist nachher, aber wahrhaftig nicht durch das Verdienst der führenden Kreise, etwas besser geworden, wenn auch nicht viel. In welchen Räumen geschah denn das? In solchen Räumen, die mit Kohlen geheizt waren, für die die englische Regierungs-Enquete schon in den vierziger Jahren das Resultat festgestellt hatte, daß in den Kohlengruben neun-, elf-, dreizehnjährige Kinder arbeiteten, Kinder, welche außerhalb des Sonntags niemals das Sonnenlicht sahen, einfach aus dem Grunde, weil sie, bevor die Sonne aufging, in den Schacht geführt wurden und nach Sonnenuntergang heraufkamen. Ja, es ließ sich leicht von Nächstenliebe, von Brüderlichkeit, von allgemeiner Menschenliebe sprechen, wenn man mit Kohlen heizte, die durch solche «Brüderlichkeit» gewonnen wurden. Da ließ sich auch leicht von der Erhöhung der Sittlichkeit der Menschen sprechen, wenn man mit Kohle heizte, die aus diesen Schächten geholt wurde, wo, wie wiederum die englische Enquete feststellte, Männer und Frauen den ganzen Tag zusammen arbeiten mußten, nackt; schwangere Frauen halbnackt, Männer ganz nackt, denn in den Schächten ist es sehr heiß. Ich erwähne diese Dinge, die verhundertfältigt werden könnten, um Ihnen das Bild zu zeigen, um das es sich handelt, das Bild der Kultur der letzten Jahrhunderte, eben der Luxuskultur, einer Kultur, welche noch außerdem ihren Verwesungsgeruch in sich trug: unten der Unterbau, ohne den diese Kultur nicht möglich geworden wäre, Millionen und Millionen von Menschen, die nicht teilnehmen konnten an dieser Kultur. Wie allmählich der Verstand der Menschen beschaffen war, die diese sechzehnstündige Arbeit in den Kohlengruben verrichteten, das wurde dazumal bei der Enquete auch konstatiert. Aber was war denn das Charakteristische des letzten halben Jahrhunderts? Das Charakteristische war die Gedankenlosigkeit. Vorzugsweise die Gedankenlosigkeit. Und die Gedankenlosigkeit ist dasjenige, worauf man vor allen Dingen sehen muß, wenn auf Besserung hingearbeitet werden soll. Statt daß man so leicht sagt: Lieber Ofen, erfülle deine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen — sollte man lieber mit Holz einheizen und das Predigen lassen. Das ist es, was in priesterlichen Kreisen und in Kreisen der Atheisten immer getan worden ist: gepredigt wurde. Und was unterlassen worden ist, ist das Denken, das Denken an die Wirklichkeit. Das ist es, worauf es ankommt, Das ist es vor allen Dingen, was dem heutigen Menschen nahelegen kann, daß gerade im Geistesleben ein Umschwung eintreten muß.

[ 15 ] Das Geistesleben kann nicht gedeihen, wenn es nicht jeden Tag aufs neue seine eigene Wirklichkeit beweisen muß. Aber das Geistesleben wird sich beweisen können nur dann, wenn es auf sich selbst gestellt ist. Von der niedersten Schulstelle an bis hinauf zur höchsten Schulstelle, von dem ausgesprochenen Zweig der Wissenschaft bis zur freien künstlerischen Schöpfung: es muß in sich, für sich bestehen, geistig in sich bestehen, weil es auf nichts anderes bauen kann, als auf dasjenige, was in seiner eigenen Stärke lebt. Derjenige, der das Geistesleben kennt, der weiß, welches Unheil angerichtet worden ist in den letzten vier Jahrhunderten durch die moderne Staatsform, dadurch, daß der Staat seine Fittiche gespannt hat über dieses Geistesleben, daß alles, was Geistesleben ist, allmählich verstaatlicht werden sollte mit Ausnahme von einigen wenigen Zweigen, die noch geblieben sind und denen auch der Untergang droht. Denn wäre es weiter gegangen im Sinne der letzten Zeit, so wären auch die letzten Zweige des freien Geisteslebens noch verstaatlicht worden. Aber die Denkgewohnheiten der Menschen sind heute noch nicht so weit, daß sie einsehen, daß gerade mit Bezug auf die furchtbare Versklavung des Geisteslebens durch das politische Staatsleben der Rückweg angetreten werden muß, daß dieses Geistesleben befreit werden muß. Noch immer gehen die Ziele der Menschen auf die Unterbindung der Freiheit des Geisteslebens und die Verstaatlichung des Geisteslebens hin, wo so viele Staaten bewiesen haben, wie eigentlich das Umfassen des Geisteslebens durch den Staat gewirkt hat.

[ 16 ] Es ist ja den Menschen die Illusion des Staatslebens auch heute noch sehr schwer auszutreiben. Ich war in der letzten Zeit einmal in Bern, wo die sogenannte «Völkerbund-Konferenz» war. Die Leute sprachen von allem möglichen, so ungefähr im Stil der vorigen Zeit, wie Herr von Jagow im Mai 1914 gesprochen hat von den kommenden Dingen. So wie das, was dazumal gekommen ist, verschieden war von dem, was ausgedrückt worden ist durch «die allgemeine Entspannung macht Fortschritte», so wird sich das unterscheiden, was kommen wird, von dem, was in Bern gesagt worden ist. Die Herren stehen nirgends im Boden der Wirklichkeit drinnen. Da wurde gesprochen von Leuten, die Reden halten, die in deutschen Zeitungen schreiben, was alles geschehen solle, um diesen Völkerbund zustandezubringen. Wie ein Parlament gebildet werden solle, das so wie die Parlamente der Staaten vorher, nun den ganzen Zusammenhang von Staaten umfassen werde. Der betreffende Herr konnte sich auch nicht entbrechen, zu sagen: Ein Überparlament muß geschaffen werden, ein Überstaat. — Ich habe damals in einem Vortrag, den ich zur gleichen Zeit hielt, gesagt, daß es mehr an der Zeit wäre, darüber nachzudenken, was die Staaten unterlassen sollten, als darüber, was sie tun sollten, um nicht das, was in die Weltkatastrophe hineingeführt hat, noch weiter auszudehnen. Man fragt nur: Was soll geschehen im Sinne des alten Staates? — Man hat nicht gelernt von der Zeit, zu fragen: Was sollen die Staaten unterlassen? — Sie sollen vor allen Dingen unterlassen, sich in das geistige und in das wirtschaftliche Leben hineinzumischen. Man soll nicht daran denken, Überparlamente und Überstaaten zu gründen, nachdem die Unterparlamente und Unterstaaten so geringe Eifolge gehabt haben. Heute kann nicht die Frage sein: Was sollen die Staaten tun? sondern: Was sollen die Staaten unterlassen? Das paßt in die heutige Zeit hinein. Aber man muß den Mut haben, mit Bezug auf das Denken, in diese Dinge rückhaltlos hineinzuschauen.

[ 17 ] Den Zusammenhang gerade zwischen diesem Geistesleben und demjenigen, was sich nun in den anderen Zweigen des sozialen Organismus abspielt, diesen Zusammenhang einzuschen, dazu wird man gar nicht kommen, wenn man nicht erst etwas gefüllt hat den Kopf durch das Aufnehmen derjenigen Gedanken, die in der Geisteswissenschaft enthalten sind. Warum ist denn für viele Leute die Geisteswissenschaft in der Gegenwart ein solcher Greuel? Nun, weil sie eben fordert, daß man anders denkt, als die Menschen denken. Aber die Tatsachen haben ja gelehrt, daß es mit dem Denken, in dem die Menschheit steckt, eben nicht weiter geht. Daran können sich die Menschen so schwer gewöhnen, daß sie umdenken müssen. Sie können nicht auf die Tatsachen hinschauen.

[ 18 ] Dreigliederung: die Menschen finden sie heute schwer verständlich, weil sie eben nicht haben sehen wollen auf das, was wirklich geschehen ist. Die Entwickelung der Menschheit hat eigentlich in den Tatsachen, die sich nur den Blicken der Menschen entziehen, ein großes Stück der Dreigliederung schon verwirklicht, nur passen sich die Menschen der Verwirklichung nicht an. Ich will Ihnen ein Beispiel anführen: Wenn wir in die sechziger Jahre zurückgehen, so finden wir, daß innerhalb Deutschlands die Eisenindustrie so beschaffen war, daß dazumal ungefähr 799 000 Tonnen Rohstofle zu Eisen verarbeitet werden mußten: von etwas mehr als 20 000 Arbeitern wurden diese 799 000 Tonnen Rohstoffe zutage gefördert. Bis zum Ende der achtziger Jahre war durch den Aufschwung der Eisenindustrie, durch die großen Anforderungen, welche auf der einen Seite der vermehrte Eisenbahnverkehr, die großen Kriegsrüstungen auf der anderen Seite stellten — das hat sich später noch ins Unermeßliche gesteigert —, schon am Ende der achtziger Jahre war die Eisenindustrie so gestiegen, daß nicht mehr 799000 Tonnen Roheisen verarbeitet wurden, sondern daß notwendig wurden bereits 4500000 Tonnen Roheisen. Nun werden Sie fragen können: Wie viele Arbeiter sind denn nun notwendig geworden, um dieses Roheisen zutage zu fördern? Ich sagte: Etwas über 20000 Arbeiter waren notwendig, um 799000 Tonnen zutage zu fördern. Dann waren es 4500000 Tonnen. Dazu waren am Ende der achtziger Jahre nur etwa 21300 Menschen notwendig. Also bitte, lassen Sie diese Zahlen einmal zu Ihrem Gemüte sprechen, lassen Sie sie nicht so sprechen, wie Statistiker sprechen, sondern fassen Sie diese Zahlen auf: Etwas über 20000 Menschen ungefähr haben 799000 Tonnen zutage gefördert im Anfang der sechziger Jahre. 21000 Menschen ungefähr, also wenig mehr Menschen, haben 4500000 Tonnen Roheisen gefördert Ende der achtziger Jahre. Wie ist das möglich? Sie müssen doch fragen: Wie ist das möglich? Das ist nur möglich geworden durch ungeheuer knifflige technische Verbesserungen, nur dadurch, daß ausgiebigste, geradezu unermeßliche technische Verbesserungen eingetreten sind, die es möglich gemacht haben, daß ein Mann so viel mehr an Roheisen zutage förderte. Also für alles das, was an Fortschritten stattgefunden hat mit Bezug auf diesen Betriebszweig — und man könnte Ähnliches ausführen für fünfundzwanzig bis dreißig Betriebszweige erster Linie, erster Repräsentation —, für alles das, was in einem solchen Betriebszweige stattgefunden hat, sind solche Verbesserungen eingetreten.

[ 19 ] Was bedeutet denn das? Was bedeutet es, wenn fast dieselbe Menschenzahl durch rein technische Verbesserungen soundso viel mehr produziert? Glauben Sie, das hat keine Folgen? Natürlich hat es die Folgen, da die Menschenzahl sich nicht sehr vermehrt hat, daß dieselbe Menschenzahl dieselbe Sache produziert in so viel größeren Mengen, daß dadurch das ganze übrige Wirtschaftliche, das sich daranschließt, revolutioniert wird. Denken Sie sich einmal, was das bedeutet für den dritten Zweig des abgegliederten, des dreigliedrigen Organismus. Von allen Rechtsverhältnissen, von allen geistigen Verhältnissen braucht sich nichts zu verändern, lediglich hat sich etwas verändert in dem wirtschaftlichen Verhältnis. Denn alles das, was sich verändert hat, kam in der Preislage des Eisens und alledem, was damit in Zusammenhang steht, zum Ausdruck. Es heißt das nichts Geringeres, als daß sich unabhängig von der geistigen Entwickelung, von der rechtlichen Entwickelung — denn Sie brauchen kein anderes Recht, wenn Sie nicht auf das Ganze schauen —, unabhängig davon sich das Wirtschaftsleben loslöste und, ohne daß die Menschen daran teilnahmen, sich umgestaltete. Die Dinge taten das Ihrige, nur die Menschen nahmen keine Rücksicht darauf. Das mag Ihnen ein Beweis dafür sein, daß in den Tatsachen die Dreigliederung sich vollzog. Die wahre Wirtschaftslehre ist ganz von selber weiter fortgeschritten, die Menschen aber kamen nicht nach; sie verwendeten ihren Verstand dazu, nicht nachkommen zu brauchen, bei den alten Verhältnissen bleiben zu können. Mag man noch so sehr begeistert sein für die große Kapazität, die in die Verbesserung hineinging, das ist richtig, aber darauf kommt es nicht an für heute. Heute kommt es darauf an, daß das Wirtschaftsleben sich emanzipiert hat. In der Preisbildung und in alledem, was mit der Preisbildung und der Währungsbildung zusammenhängt, hat das Wirtschaftsleben seinen eigenen Gang gemacht. Darauf kommt es an. Die drei Zweige haben sich im Grunde genommen voneinander emanzipiert, und die Menschen haben sie künstlich zusammengeschweißt und waren genötigt, sie immer mehr und mehr zusammenzuschweißen. Dadurch sind wir in die Weltkatastrophe hineingekommen.

[ 20 ] Die Dinge liegen unter der Oberfläche dessen, was die Menschen heute denken wollen. Man muß tief in die Verhältnisse hineinschauen, wenn man die Wirklichkeit beurteilen will. Ich wollte ein solches Beispiel herausgreifen, damit Sie sehen, wie blödsinnig es ist, wenn als unsinnig hingestellt wird die Dreigliederung. Die Dreigliederung ist aus den allerpraktischsten Verhältnissen herausgeholt, während es die Menschen, denen in den letzten Jahrzehnten die Schicksale der Menschen anvertraut waren, vermieden haben, den praktischen Verhältnissen sich anzupassen. Sie können überall beweisen durch gesunden Menschenverstand, daß diese Dreigliederung das einzige ist, worauf hingearbeitet werden muß, wenn eine gesunde Entwickelung des sozialen Organismus eintreten soll. Das nützt heute gar nichts, wenn der einzelne nur daran denkt, wie notwendig es ist, die Verhältnisse aufrechtzuerhalten, weil das oder jenes nicht entbehrt werden kann.

[ 21 ] Da trifft man auf die sonderbarsten Einwendungen. Manches ganz verrenkte Denken trifft man an. Zum Beispiel neulich sprach ich in Basel in einem Vortrage über die Dreigliederung. In der darauf folgenden Diskussion ist ein sehr gescheiter Mann aufgetreten, der sagte: Ja, über diese Dreigliederung sei ja manches Treffliche gesagt worden, und doch könne man die Dreigliederung nicht begreifen, denn da würde doch nur durch den politischen Staat, also durch ein Drittel des sozialen Organismus, die Gerechtigkeit hervorgebracht, aber die Gerechtigkeit müsse doch auch im Wirtschaftsleben und im Geistesleben sein. Ich mußte damals erwidern mit einem Bild. Ich sagte: Nun ja, nehmen wir einmal an, irgendeine Familie auf dem Lande bestünde aus dem Herrn und der Frau, ein paar Kindern, Knechten, Mägden und drei Kühen. Die ganze Familie braucht Milch, wie alle drei Glieder des sozialen Organismus Gerechtigkeit brauchen. Ist es aber deshalb notwendig, daß alle Familienglieder Milch geben? Das ist gewiß nicht notwendig, sondern sie werden gerade alle mit Milch gut versorgt sein, wenn die drei Kühe Milch geben. So ist es auch mit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Es handelt sich ja gerade darum, daß alle drei Glieder wirklich Gerechtigkeit haben, aber sie werden sie nur haben, wenn von dem staatlichen Organismus, dem mittleren Gliede, Gerechtigkeit wirklich erzeugt wird, wie die Milch von den Kühen. So verrenkt ist das Denken der Menschen, daß es über die einfachsten Vorstellungen glaubt, die allerklügsten Dinge hinüberstülpen zu müssen.

[ 22 ] Gewiß, die Leute sind nicht dumm, die solche Einwendungen machen. Man kann durchaus nicht sagen, daß die Leute dumm sind. Die Leute, die heute Einwendungen machen, schätze ich oftmals als sehr gescheit. Ich will nicht die Gescheitheit der Leute in Abrede stellen, sondern ich möchte mit der Umschreibung eines ShakespeareWortes «Ehrenwerte Männer sind sie alle» sagen: Gescheite Leute sind sie alle, alle, alle. Aber darauf kommt es an, daß man nicht bloß die gescheiten Gedanken findet, sondern daß man die richtigen Gedanken findet, daß man findet, was in der Wirklichkeit tatsächlich verwendet werden kann, gebraucht werden kann. Und auf ein gesundes Denken, ein Denken, das wirklich eindringen kann in die Wirklichkeit, kommt es an, gerade in der Geisteswissenschaft. Sie können nämlich die vertracktesten Gedanken haben in bezug auf das äußere physische Geschehen, da können Sie höchstens bei den elementarsten Dingen der reinen Mathematik und Technik nachweisen, wenn einer einen Kohl gemacht hat: Wenn einer eine Eisenbahnbrücke falsch baut, geht vielleicht beim dritten Eisenbahnzug, der darüber fährt, die Brücke kaputt. Aber nicht nachweisen können Sie zum Beispiel, nun, sagen wir, aus der medizinischen Wissenschaft heraus, wenn soundso viele Leute gesund werden und soundso viele Leute sterben, welchen Anteil daran die medizinische Wissenschaft gehabt hat. Da liegt die Sache nicht so klar. Und mit Bezug auf den sozialen Organismus, ja, da liegt die Sache erst recht unklar. Da können die Kurpfuschermethoden in der wüstesten Weise sich breit machen.

[ 23 ] Da bat man schon das Gefühl: Dasjenige, was man als alten Aberglauben verlachte, das ist so recht eingezogen in der neueren Zeit, wenn auch auf anderen Gebieten. Sie kennen alle die Stelle im zweiten Teil des «Faust», wo wiederbelebt wird die mittelalterliche Homunkulus-Idee. Heute sind viele Menschen der Ansicht: Das ist Aberglaube, zusammensetzen zu wollen einen Homunkulus. — Es ist aber auch Aberglaube, aus bloßen Verstandesurteilen das zustande zu bringen. Sie denken aber nicht daran, daß sie den Aberglauben nur verpflanzt haben auf ein anderes Gebiet. Das, was heute als soziale Theorien existiert, das will den sozialen Homunkulus produzieren, das will aus dem bloßen Verstand heraus etwas künstlich zusammensetzen. Gerade auf das Entgegengesetzte geht diese Dreigliederung. Sie geht nicht darauf hin, ein künstliches Programm aufzustellen, sondern zu suchen, wie sich die Menschen zusammenfinden müssen in der Dreigliederung, um aus sich heraus dasjenige zu finden, um was es sich handelt. Sie geht gerade auf die Wirklichkeit, auf die Wirklichkeit, in der innerhalb des sozialen Organismus eben die Menschen stehen. Weil sie so verschieden ist von demjenigen, was die Menschen sich als Homunkulus-Ideen gewöhnt haben zu denken in den letzten Jahrzehnten, deshalb wird die Sache heute noch so schwer begriffen. Deshalb findet man sie unverständlich, trotzdem sie eigentlich kaum irgendeinen unverständlichen oder einen nicht ganz leicht verständlichen Satz enthält. Das ist es, daß die Menschen verlernt haben, in gerader Weise zu denken, daß die Menschen überall befriedigt sind, wenn sie in die Ecken hinein denken. Weil sie nur befriedigt sind, wenn sie entweder über die Ecke denken sollen, oder wenn sie denken können, was ihnen befohlen wird zu denken von irgendeiner Seite.

[ 24 ] Auf der anderen Seite darf nicht unberücksichtigt bleiben, daß das, was dieser Dreigliederung zugrunde liegt, eben manches zusammenfaßt von dem, was einseitig da oder dort auftritt. Man kann nicht sagen, daß nicht in zahlreichen Köpfen auch fruchtbare soziale Ideen aufgetreten sind; sie sind aber meist einseitig. Ich muß daher sagen: Ich bin mit den Leuten, die mir etwas einzuwenden haben, meist einverstanden, aber sie sind es nicht mit mir. Das, was sie vertreten, ist von ihrem einseitigen Standpunkte aus richtig, aber damit kommt man nicht vorwärts, weil man sich mit einseitigen Standpunkten hineinreitet in irgendeine Realisierung, welche auf der anderen Seite wiederum Schaden hervorbringt. Es handelt sich darum heute, daß wir in umfassender Weise die Dinge treffen. Daß wir nicht zum Beispiel fragen: Was sollen wir mit dem Gelde machen? — Diese Frage, wie auch die Frage nach der Währung, wird auf dem Boden des selbständigen Wirtschaftslebens zur Lösung kommen. Das ist es, worauf es ankommt, daß man aus der Wirklichkeit heraus versteht. Man braucht nicht vom Verstande in den Einzelheiten ausspintisierte Programme, man braucht Impulse, die sich auf die Wirklichkeit beziehen. Wo man dann angreift, kommt man schon auf das Praktische. Nur die, die Theoretiker sind, während sie sich einbilden, Praktiker zu sein, sind so geartet, daß sie überall für das wirkliche Leben bestimmte Programme haben wollen. Um solche Programme kann es sich nicht handeln. Es ist etwas Fundamentales in dem, was diesem Aufrufe und dem eben vollendeten Buche zugrunde liegt. Es ist einmal auf dasjenige hingewirkt, was allein in den realen Impulsen des sozialen Lebens sein kann.

[ 25 ] Um mich darüber noch verständlicher zu machen, will ich einen Vergleich nehmen. Es ist oft gesagt worden: Würde ein einzelner Mensch sich auf einer Insel vom kleinen Kind auf entwickeln, so würde er niemals sprechen lernen. Sprechen lernt man nur in der menschlichen Gesellschaft. — Das ist richtig, da die Sprache eine soziale Erscheinung ist, weil die Sozietät notwendig ist, damit der Mensch sprechen kann. Nur in einer anderen Weise ist das aber auch für die sozialen Impulse in umfassendster Art richtig. Nur innerhalb des sozialen Organismus kann sich das soziale Leben für einen Menschen entwickeln. Ein einzelner Mensch kann niemals wirklich ein soziales Programm aufstellen, denn das innere, das individuelle Leben ist zu etwas ganz anderem da, als um soziale Programme aufzustellen. Man kann nur sagen: So und so müssen die Menschen stehen, so und so müssen die Menschen orientiert sein auf dem Gebiete des Geisteslebens, so und so auf dem politischen Gebiet und so und so in bezug auf das Wirtschaftsieben. Dann wird sich ergeben, was notwendig ist. Das ist es, worauf es ankommt. Denn wenn der Mensch seine einzelne Individualität verwendet, um heute im Zeitalter der Bewußtseinsseele, wo alles auf Individualität gebaut ist, ein soziales Programm zu entwickeln, was kommt dabei heraus? Ich möchte Ihnen ein Beispiel sagen: Sie reden heute von Bolschewiken, von Lenin und Trotzki. Nun ja, ich führe Ihnen einen dritten an, der neben diesen ein gründlicher Bolschewik ist, nur bemerken es die Leute nicht: Johann Gottlieb Fichte. Johann Gottlieb Fichte, den wir anerkennen als einen ganz idealen, als einen großartigen Denker. Lesen Sie den «Geschlossenen Handelsstaat». Das, was Fichte da als Programm entwickelt, unterscheidet sich so wenig von dem Bolschewiken-Programm, daß Sie ganz gut unterschieben könnten dem Trotzki den «Geschlossenen Handelsstaat » von Fichte. Woher kommt das? Das kommt daher, weil der einzelne Mensch heute ein soziales Ideal macht, und das hat Fichte auch getan. Fichte war nur noch in einem Zeitalter, wo an so etwas nicht gedacht werden konnte wie an die Verwirklichung dieses «Geschlossenen Handelsstaates». Erst die Kriegskatastrophe konnte dazu führen. Wenn der einzelne Mensch aus sich heraus ein umfassendes soziales Programm machen will, so wird es so. Dafür ist Fichte der Beweis. Es wird kein soziales Programm, so wenig wie der einzelne Mensch auf einer Insel sprechen lernt. Daher ist das Fundamentale dieses, daß man die Orientierung, die Struktur des sozialen Organismus finde. Darum handelt es sich nicht, Programme aufzustellen, sondern daß man die Art findet, wie die Menschen zusammenleben müssen, um das zu finden, was soziale Impulse sein können. Das steht auf dem Boden der Wirklichkeit, was sich an die Sozietät wendet und nicht an den einzelnen.

[ 26 ] Wie oft ist mir immer wieder und wiederum gesagt worden in den letzten Wochen: Ja, der und der stellt bestimmte Programme auf, die in allen einzelnen Punkten das soziale Leben regeln. — Darauf kommt es aber nicht an, das haben die Leute schon immer getan. Sehen Sie sich doch an, wie unzählige Utopien es gibt. Aber es soll eben keine Utopie sein, es soll das sein, was im praktischen Leben wirklich wurzelt. Und da ist schon notwendig, daß man ein Gefühl hat für das, was ich als Vergleich auch hier schon gebracht habe. Ich habe oft gesagt: Derjenige, der die geistigen Impulse nicht sieht in der äußeren Wirklichkeit, der kommt mir vor wie jemand, der ein halbrundes Stück Eisen hat. Es sagt ihm einer: Das ist ein Magnet, das zieht anderes Eisen an. — Er aber sagt: Ach was, das ist kein Magnet, damit beschlägt man doch nur die Rosse. — Das ist auch wahr. Die beiden unterscheiden sich nicht dadurch, daß der eine recht und der andere unrecht hat; aber das tiefere Recht hat doch der, der weiß, daß es ein Magnet ist und daß es Verschwendung ist, das Eisen als Hufeisen zu brauchen. So ist es auch mit der äußeren Wirklichkeit. Die haben recht, die von Materialität sprechen, aber der Geist erst macht die volle Wirklichkeit. Es handelt sich darum jetzt, daß man auf diesen Geist zurückkommt, aber es darf wahrhaftig nicht bei der Phrase bleiben.

[ 27 ] Es gehen jetzt durch die Welt mancherlei Prediger. Die machen es so, wie es diejenigen gemacht haben, die in Spiegelsälen oder in gut geheizten Zimmern von Nächstenliebe und Brüderlichkeit gesprochen haben. Wie ich schon sagte: Ofen, erfülle deine Ofenpflicht, — so sagen sie. So gehen Prediger durch die Welt und sagen: Über die Menschheit ist Unglück gekommen durch Materialismus. Die Menschen müssen sich wiederum zurückwenden zum Geiste. — Ja, sogar das konnte man erleben, daß diesem Aufruf der Vorwurf gemacht worden ist, er enthalte zu wenig Geist, er widme sich zu sehr dem materiellen Leben. Darauf kommt es nicht an, daß vom Geiste geredet wird, sondern darauf kommt es an, daß wir den Geist zu verwirklichen wissen. Nicht der ist wirklich auf dem Boden einer GeistErkenntnis, der immer nur redet: Geist, Geist, Geist —, sondern der, der den Geist so in sich aufnimmt, daß der Geist wirklich auch die Probleme des Lebens zu lösen vermag. Darauf kommt es an.

[ 28 ] Die Ermahnungen der Menschen, wiederum zum Geiste sich zurückzuwenden, die könnte man unterlassen. Wichtig ist es, daß man sich heute anstrengt, den Geist in sich tätig und lebendig zu machen. Aber das haben die Menschen nach und nach verlernt, indem ihnen gerade der Staat zu etwas geworden ist — ja, zu was denn? Im «Faust » steht, allerdings als Mädchenunterricht, und die Philosophen haben es nur mißverstanden, haben darin eine große Tiefe gesucht: Der Allumfasser, der Allerhalter, erhält er nicht dich, mich, sich selbst? Aber so redeten allmählich, besonders während der Kriegszeit, die Leute vom Staate. Der Allumfasser, der Allerhalter, erhält er nicht mich, dich, sich selbst? Im Unterbewußtsein war bei den Leuten, die solchen Unterricht gaben, natürlich das «mich» betont. Denn sie haben darauf ein großes Gewicht gelegt, daß sie ein etwas gediegenes, nach ihrer Art aber nicht sehr innerlich aktives Verhältnis zum Geiste hatten. Was hatten die Menschen für ein Verhältnis zum Geiste? Sie strebten darnach, daß ihre Nachkommen bis zu einem gewissen Jahr nach Anordnung des Staates zu Theologen, zu Juristen oder sonstigen Leuten gemacht worden sind. Dann sollten sie in den Staat hineinwachsen, sollten all dasjenige tun, was der Staat verlangt, sollten dazu ganz besonders tauglich sein. Aber die innere Aktivität, das ganze Dabeisein bei dem Weltprozeß, was der Nerv der Geisteswissenschaft ist, wo war das? Es lag darin, daß die Leute sagten: Ich will vom Staate mein Gehalt beziehen bis zu gewissen Jahren, dann aber meine sichere Pension haben, also so lange für den Staat arbeiten, als der Staat es vorschreibt; dann soll der Staat sorgen für eine Pension bis an mein Lebensende. Und dann, nach dem Lebensende, für das begründete man auch kein aktives Verhältnis, sondern ein passives: dann soll die Kirche sorgen für die ewige Seligkeit der Seele. Nun, so war man als passiver Mensch allerdings recht gut versorgt, zunächst in den Schoß des Staates gelegt, erzogen nach seinem Sinn, dann arbeitend für ihn, dann versorgt von ihm bis zum Tode, und dann sorgte die Kirche für die ewige Seligkeit, ohne daß man selber den Impuls des Ewigen in sich aufnahm. Ein herrlicheres Leben konnte man nicht führen. Ein Leben, ohne selbst etwas dazuzutun, das war immer mehr und mehr das Ideal der Menschen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts geworden oder gar am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber es gab eben nur die Möglichkeit, so zu denken auf Grundlage jenes Unterbaues, von dem ich gesprochen habe: wo die Leute gar nicht versorgt waren bis zu ihrem Tode, sondern wo man höchst dürftig durch allerlei Versicherungswesen in letzter Zeit anfing, sie zu versorgen. Deshalb haben diese Leute dann auch angefangen, da nichts Rechtes mehr heraussprießen konnte aus der Weltanschauung der leitenden Kreise, deshalb haben sie auch angefangen, nicht mehr zu glauben an jene nachtodliche Alters- und Invalidenversicherung, welche durch die Kirche gegeben wurde mit Bezug auf die ewige Seligkeit.

[ 29 ] Sehen Sie, das ist es, wo angefaßt werden muß heute. Aber man faßt der Wirklichkeit gemäß nur an, wenn man praktisch zu denken vermag dasjenige, was in der Dreigliederung gegeben ist.