Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192
21 April 1919, Stuttgart
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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
Erster Vortrag
First Lecture
[ 1 ] Zu demjenigen, was hier vor jetzt wohl genau einem Jahr zu Ihnen gesprochen werden konnte, ist ja zweifellos für Sie alle etwas anderes hinzugetreten, was zu Ihnen gesprochen hat ein sehr eindringlich redender Lehrmeister: das sind, als der letzte große Lehrmeister, die eindringlich sprechenden, die eine so deutliche Sprache sprechenden Tatsachen, die sich, seit wir das letztemal hier versammelt waren, abgespielt haben. Ja, diese Tatsachen haben für Sie alle eine um so deutlichere Sprache gesprochen, als sie wohl für viele etwas anderes aussagten als das, was lange Zeiten hindurch als ein in die Zukunft hineinschweifender Glaube gestanden hat. Es ist ja wahrhaftig ein weiter Weg, inhaltlich, wenn auch zeitlich scheinbar kurz, von den ersten Augusttagen des Jahres 1914, wo unter mancherlei Hoffnungen und unter noch mehr Illusionen Deutschland ausgezogen ist zunächst mit einem Heere, das noch nicht einmal auf Kriegsfuß war, das noch nicht die Mobilisations-Ordre mit sich trug, und den sogenannten «Lütticher Handstreich » ausführte — als unter den mancherlei Illusionen man sich gewöhnt hatte nachzusprechen, was zu denken von gewissen Seiten her befohlen wurde —, es ist ein weiter Weg von dort bis in jene Tage hinein, in denen im vorigen Herbste die Gefahr drohte, daß in wenigen Tagen das jenseits der deutschen Grenzen befindliche Heer abgeschnitten werde von allen Lebensmitteln der Heimat, was dann ja zu den Ihnen wenigstens der Hauptsache nach bekannten Tatsachen geführt hat. Es ist ein weiter Weg inhaltlich, wenn auch der Zeit nach wenige Jahre umfassend. Und zu alledem wird ja für den tiefer blikkenden Menschen die Enttäuschung getreten sein, daß zu der äußeren militärischen Kapitulation auch die geistige Kapitulation von seiten Deutschlands durch den Mann hinzugefügt worden ist, auf den wie auf eine letzte Hoffnung viele Menschen gerade in den Herbsttagen des Jahres 1918 hingeschaut haben. Da waren, in diesem Herbste 1918, Ereignisse eingetreten, welche sehr, sehr geeignet waren, Korrektur auszuüben an all demjenigen, was in den letzten Jahren zwar zwischen den Zeilen in so mancher Beziehung angedeutet werden konnte, was aber offen auszusprechen innerhalb der Grenzen des ehemaligen Deutschen Reiches völlig unmöglich war, wie Sie ja alle wissen.
[ 1 ] In addition to what was said to you here exactly one year ago, something else has undoubtedly come to light for all of you—something conveyed by a very compelling teacher: namely, the facts—as the ultimate great teacher—that speak so forcefully and clearly, which have unfolded since we last gathered here. Indeed, these facts have spoken all the more clearly to all of you, inasmuch as for many they conveyed something different from what had long stood as a belief reaching into the future. It is truly a long journey—in substance, even if seemingly short in time—from the first days of August 1914, when, amid various hopes and even more illusions, Germany set out—initially with an army that was not even on a war footing, that had not yet received mobilization orders, and carried out the so-called “Liège coup”—as people, under the influence of various illusions, had grown accustomed to parroting whatever certain quarters commanded them to think— it is a long way from there to those days last fall when the danger loomed that, within a few days, the army stationed beyond the German borders would be cut off from all food supplies from the homeland, which then led to the events with which you are, at least in broad terms, familiar. It is a long way in terms of substance, even if, in terms of time, it spans only a few years. And on top of all this, for those with a deeper insight, there must have been the disappointment that, in addition to the external military surrender, Germany’s intellectual surrender was also brought about by the man to whom many people—especially in the autumn days of 1918—had looked as their last hope. In that fall of 1918, events had occurred that were very, very well suited to correcting everything that, in recent years, could indeed be hinted at between the lines in many respects, but which was completely impossible to state openly within the borders of the former German Empire, as you all know.
[ 2 ] Nun, meine lieben Freunde, jetzt stehen wir gewissermaßen davor — und das muß insbesondere heute und gerade zu Ihnen gesprochen werden, in dem Sinne, wie das hier öfters angedeutet worden ist —, eine Probe durchzumachen auf dasjenige, was sich innerhalb unserer Reihen herausgebildet hat, und was ich mit einem vielleicht sonderbar klingenden Ausdruck «unsere anthroposophische Überzeugung » nennen möchte. Was ich insbesondere im Laufe der letzten Jahre immer wieder und wieder betont habe: daß diese unsere anthroposophische Überzeugung sich ja nicht darauf beschränken darf, etwas aufzunehmen, um gewissermaßen bloß ein inneres mystisches Wohlgefühl zu haben, das ist es, was uns die laut sprechenden Tatsachen der Gegenwart so eindringlich lehren. Gar mancher hat ja in unseren Reihen sich darauf beschränkt, etwas aus der Anthroposophie aufzunehmen, was ihm gewisse innere Seelenfragen beantworten kann — was selbstverständlich an sich berechtigt ist —, aber, wahrhaftig nicht ohne Grund ist in den letzten Jahren immer wieder und wiederum betont worden, daß unsere anthroposophische Überzeugung dazu führen müsse, das praktische, das unmittelbar wirkliche Leben, das ja für den Einsichtigen vom Geiste durchwallt ist, besser zu verstehen, als es ohne die Grundlagen dieser anthroposophischen Überzeugung verstanden werden kann. Nicht ohne Grund wurden diejenigen, welche sich mit anthroposophischer Überzeugung haben durchdringen können, aufgerufen zum Durchdenken der großen menschheitlichen Probleme. Jetzt stehen wir vor einer Probe gewissermaßen, vor der Probe, ob dasjenige, was wir haben aufnehmen können, was wir oftmals doch nur als die Befriedigung eines höheren Seelenegoismus aufgenommen haben, ob das wirklich wird eindringen können in unseren Verstand, in unser Gemüt, in unser Herz, so daß wir gewachsen sein werden den Aufgaben, die jetzt in immer erhöhterem Maße den Menschen gestellt werden. Denn manches, was jetzt hereindringt, hat erst seinen Anfang genommen. Wir stehen mit Bezug auf vieles erst vor einem Anfang. Und es ist notwendig, daß wir von den Tatsachen lernen. Bedenken Sie nur einmal, wie das ganze Leben innerhalb dieser Tatsachen sich zugespitzt hat. Bedenken Sie, wie diejenigen, die sich oftmals als die allerpraktischsten Menschen dünkten, die auf die Geisteswissenschaft als auf eine furchtbare Phantasterei hinsahen, wie gerade diese praktischen Menschen sich wenig gewachsen erzeigt haben gegenüber dem, was über die Menschheit mit elementarer, mit gewaltig großer Macht hereingebrochen ist. Man muß heute sich erinnern, wie diejenigen Persönlichkeiten, denen die irdischen Geschicke der Menschheit anvertraut waren, unmittelbar vor dem Eintritt der großen Weltkriegskatastrophe gesprochen haben. Ich habe wohl auch hier schon vor Jahren aufmerksam gemacht auf die Art und Weise, wie da gesprochen worden ist. Ich will Sie heute nur daran erinnern, wie in entscheidenden Sitzungen des Deutschen Reichstages der damals für die auswärtige Politik verantwortliche Minister im Frühling 1914 sagen konnte: Die allgemeine politische Entspannung hat in der letzten Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht. — Wie er sagen konnte in derselben Rede: Unsere freundschaftlichen Beziehungen mit Rußland sind auf dem besten Wege; das Petersburger Kabinett kümmert sich nicht um die Pressetreibereien, und wir werden unsere freundnachbarlichen Beziehungen in der nächsten Zeit fortsetzen können. — Sagen konnte er in derselben Rede: Mit England sind aussichtsvolle Unterhandlungen angeknüpft, welche wohl in der nächsten Zeit zugunsten des Weltfriedens zum Abschlusse kommen werden; wie überhaupt die beiden Regierungen — er meinte die englische und die deutsche — so stehen, daß sich die Beziehungen immer inniger und inniger gestalten werden.
[ 2 ] Well, my dear friends, we are now, so to speak, facing—and this must be said especially today and specifically to you, in the sense that has often been hinted at here—a test of what has developed within our ranks, and what I would like to call, using an expression that may sound strange, “our anthroposophical conviction.” What I have emphasized again and again, especially over the course of the last few years, is that our anthroposophical conviction must not be limited to taking something in merely to experience, so to speak, an inner, mystical sense of well-being—that is what the loud and clear facts of the present teach us so forcefully. Indeed, quite a few in our ranks have limited themselves to taking in from anthroposophy whatever can answer certain inner questions of the soul—which is, of course, legitimate in itself— but it is truly not without reason that it has been emphasized again and again in recent years that our anthroposophical conviction must lead us to a better understanding of practical, immediate, real life—which, for the discerning, is permeated by the spirit—than can be achieved without the foundations of this anthroposophical conviction. It is not without reason that those who have been able to imbue themselves with anthroposophical conviction have been called upon to think through the great problems of humanity. Now we face a test, so to speak—a test of whether what we have been able to take in, what we have often accepted merely as the gratification of a higher form of soul egoism, will truly be able to penetrate our intellect, our mind, and our heart, so that we may be ready to meet the challenges now being presented to humanity to an ever-increasing degree. For much of what is now coming to the fore has only just begun. With regard to many things, we are only at the beginning. And it is necessary that we learn from the facts. Just consider for a moment how the whole of life has come to a head within the context of these facts. Consider how those who often regarded themselves as the most practical of people—who viewed spiritual science as a terrible fantasy—how precisely these practical people have proved ill-equipped to face what has descended upon humanity with elemental, with immense power. Today we must recall how those figures to whom the earthly destiny of humanity was entrusted spoke immediately before the onset of the great catastrophe of the World War. I believe I drew attention here years ago to the manner in which they spoke at that time. Today I simply want to remind you of how, in decisive sessions of the German Reichstag in the spring of 1914, the minister responsible for foreign policy at the time was able to say: “The general political détente has made gratifying progress in recent times.” — As he was able to say in the same speech: “Our friendly relations with Russia are on the right track; the St. Petersburg cabinet pays no heed to the press hype, and we will be able to continue our friendly neighborly relations in the near future.” — In the same speech, he was able to say: “Promising negotiations have been initiated with England, which will likely be concluded in the near future in the interest of world peace; indeed, the two governments—he meant the English and the German—are in such a position that relations will become ever closer and closer.”
[ 3 ] Das wurde von denjenigen gesprochen, welche ausersehen waren, die Geschicke der Menschheit zu führen. Das wurde gesprochen in der selben Zeit, in welcher ich genötigt war, das, was ich immer wieder und wiederum betont habe, im Frühjahr 1914 in meinem Vortrage in Wien zusammenzufassen mit den Worten: «Die in der Gegenwart herrschenden Lebenstendenzen werden immer stärker werden, bis sie sich zuletzt in sich selber vernichten werden. Da schaut derjenige, der das soziale Leben geistig durchblickt, überall, wie furchtbar die Anlagen zu sozialen Geschwürbildungen aufsprießen. Das ist die große Kultursorge, die auftritt für den, der das Dasein durchschaut. Das ist das Furchtbare, was so bedrückend wirkt und was selbst dann, wenn man allen Enthusiasmus sonst für das Erkennen der Lebensvorgänge durch die Mittel einer Geist-erkennenden Wissenschaft unterdrücken könnte, einen dazu bringen müßte, von den Heilmitteln zu sprechen, die dagegen verwendet werden können, daß man Worte darüber der Welt gleichsam entgegenschreien möchte. Wenn der soziale Organismus sich so weiter entwickelt, wie er es bisher getan hat, dann entstehen Schäden der Kultur, die für diesen Organismus dasselbe sind, was Krebsbildungen im menschlichen natürlichen Organismus sind.»
[ 3 ] This was said by those who were destined to guide the fate of humanity. It was said at the very time when I was compelled to summarize—in my lecture in Vienna in the spring of 1914—what I had emphasized time and again, with the words: “The trends in life prevailing at present will grow ever stronger until they ultimately destroy themselves. Anyone who spiritually penetrates social life sees everywhere how terribly the seeds of social ulcers are sprouting. This is the great cultural concern that arises for those who see through existence. This is the terrible reality that has such a depressing effect and that—even if one were to suppress all enthusiasm for understanding the processes of life through the means of a science that recognizes the spirit—would compel one to speak of the remedies that can be employed against it, so much so that one would want to cry out these words to the world, as it were. If the social organism continues to develop as it has done so far, then damage to culture will arise that is to this organism what cancerous growths are to the human natural organism.”
[ 4 ] So sprach man dazumal, wenn man von den sogenannten praktischen Leuten als ein Phantast angesehen worden ist. Die allgemeine Entspannung, von der dazumal Herr von Jagow vor der erleuchteten Versammlung des Deutschen Reichstages gesprochen hat, vor denen, die ein Urteil haben sollten, die aber alles ruhig anhörten und es glaubten — sie hat Fortschritte in der Richtung gemacht, daß in den nächsten Jahren mindestens zehn bis zwölf Millionen Menschen totgeschlagen und dreimal so viele zu Krüppeln geschlagen worden sind. Das sage ich aus dem Grunde, weil heute gesagt werden muß, daß es darauf ankommt, die Lage der Menschheit zur rechten Zeit richtig zu würdigen, daß es darauf ankommt, sich durch ein ganz anderes Denken als das, woran sich die leitenden Kreise gewöhnt haben, Einsicht in die Lage der Menschheit zu verschaffen, daß es darauf ankommt, heute immer besser und eindringlicher zu verstehen, was aus der alten Weltanschauung herausgeflossen ist. Nichts taugen kann ein solches altes Denken, auch nicht für das praktische Leben, weil das praktische Leben immer mehr und mehr die unmöglichsten Gedanken erzeugte, die zu Katastrophen führen mußten. Es kommt nicht darauf an, sich über Einrichtungen Gedanken zu machen, sondern darauf, einzusehen, daß die Menschheit umlernen muß mit Bezug auf die tiefsten Gedanken.
[ 4 ] That is how people spoke back then when they were regarded as dreamers by the so-called practical people. The general easing of tensions, of which Mr. von Jagow spoke back then before the enlightened assembly of the German Reichstag—before those who were supposed to pass judgment but who listened calmly to everything and believed it—has progressed to the point where, in the years that followed, at least ten to twelve million people were beaten to death and three times as many were maimed. I say this because it must be stated today that what matters is to properly assess the situation of humanity at the right time; that what matters is to gain insight into the situation of humanity through a way of thinking entirely different from that to which the ruling circles have become accustomed; that what matters is understand today, ever more clearly and deeply, what has flowed from the old worldview. Such old thinking is of no use whatsoever, not even for practical life, because practical life increasingly gave rise to the most impossible ideas, which were bound to lead to catastrophes. What matters is not to dwell on institutions, but to realize that humanity must re-educate itself with regard to its deepest thoughts.
[ 5 ] Das war der eine Grund, warum so eindringlich gesprochen worden ist von der Notwendigkeit der Erneuerung der ganzen Weltanschauung, einer Hinwendung der ganzen Menschheit zu den Quellen der Wirklichkeit, die allein im geistigen Leben liegen. Denn zum Schlusse kommt alles darauf an, daß eingesehen werde, daß wir nicht bloß auf dem oder jenem Gebiete so oder so geänderte Einrichtungen brauchen, sondern zuletzt kommt alles darauf an, einzusehen, daß wir vor allen Dingen etwas ganz anderes für die Zukunft, für die allernächste Zukunft brauchen: Köpfe brauchen wir, in denen etwas ganz anderes pulsiert, als in denjenigen Köpfen, die sich unter dem Einfluß der abgetanen Weltanschauung herausgebildet haben. Vor allen Dingen brauchen wir eine Neuorganisation, einen Neuaufbau der Gedanken in den Menschenköpfen. Das ist es, woran man arbeiten wollte in den letzten zwei Jahrzehnten, weil dieses Arbeiten notwendig geworden war. Köpfe brauchen wir, die anders organisiert sind als diejenigen, die die Menschheit ins Unglück gestürzt haben. Solange dies nicht in allen Teilen eingesehen wird, solange nicht eingesehen wird, daß das Licht, das allein aus der Geisteswissenschaft kommen kann, die verfinsterten Köpfe erleuchten muß, solange kann — ob man nun konservativ, ob man radikal, oder sonstwie denkt — solange kann keine Besserung kommen. Mit irgendwelchen kleinlichen Mitteln, die aus alten Gedanken fließen, wird der Menschheit kein Heil beschert. Neue Gedanken sind vor allen Dingen notwendig, neue Gedanken, die allein erstehen können auf Grund dessen, was hier in diesen Räumen seit Jahren als die größten Anforderungen für die Gegenwart und für die nächste Zukunft besprochen worden ist.
[ 5 ] That was one reason why there has been such insistent talk of the need to renew our entire worldview, for all of humanity to turn to the sources of reality, which lie solely in spiritual life. For in the end, it all comes down to realizing that we do not merely need institutions that have been changed in one way or another in this or that area; rather, ultimately, it all comes down to realizing that, above all else, we need something entirely different for the future—for the very near future: We need minds in which something entirely different pulsates than in those minds that have developed under the influence of the discredited worldview. Above all, we need a reorganization, a rebuilding of thought within human minds. This is what we have sought to work toward over the past two decades, because this work had become necessary. We need minds that are organized differently from those that have plunged humanity into misfortune. As long as this is not fully recognized, as long as it is not recognized that the light—which can come only from spiritual science—must illuminate these darkened minds, as long as that is the case—whether one thinks conservatively, radically, or in any other way—as long as that is the case, no improvement can come. No salvation will come to humanity through petty means stemming from old ways of thinking. Above all, new ideas are necessary—new ideas that can arise only on the basis of what has been discussed here in these rooms for years as the greatest challenges for the present and the near future.
[ 6 ] Sie kennen zunächst dasjenige, was sich aus den Notwendigkeiten der Zeit heraus ergeben hat, als der sogenannte « Aufruf an das deutsche Volk und an die Kulturwelt», in dem zum ersten Mal öffentlich ausgesprochen worden ist, was in engeren Kreisen auszusprechen ich mich bemüht habe in den letzten Jahren, wo es keinen Widerhall gefunden hat, wo nur der Donner der Kanonen gehört werden wollte, nicht die Stimmen des Geistes. Sie wissen, daß in diesem Aufruf zunächst in positiver Weise gefordert wird, was in den Impulsen der Menschheitsentwickelung selbst für unsere Zeit liegt. Denn für das größte Unheil hält derjenige, der eine Einsicht in die treibenden Kräfte der Menschheit hat, die abstrakten, die sogenannten ewigen Ideale, die nicht aus dem wirklichen Geistesleben, sondern bloß aus den Spiegelbildern der menschlichen Begriffe und Ideen hervorkommen, die keine Wirklichkeit sind, die nur eine Spiegelungswirklichkeit in sich haben. Darauf muß man gerade in der Gegenwart besonders aufmerksam sein. Auch in der Gegenwart werden zahlreich diejenigen Menschen sein, die da glauben, etwas Bedeutungsvolles zu sagen, wenn sie darüber reden, wie die Menschheit für ewige Zeiten beglückt werden kann, was für Zustände herbeigeführt werden müssen als Idealzustände der Menschheit. Solche Ewigkeitsideen und solche Idealzustände der Menschheit denkt derjenige nicht, der aus dem wirklichen geistigen Leben heraus seine Erkenntnisse schöpft. Wie ich es immer hier auseinandergesetzt habe, war die Entwickelung so, daß stets eine bestimmte Epoche einer anderen Epoche folgte und vor allen Dingen für alle Hauptepochen der nachatlantischen Zeit ein eigenes konkretes Ideal vorhanden war, wie auch für unsere Zeit und für die nächste Zukunft. Nicht darauf kommt es an, wie in chiliastischer Weise ein tausendjähriges Reich herbeizuführen ist, sondern was die geistige Welt für eine kurze Zeitspanne verwirklichen will, die man aber nur übersehen kann, wenn man sich auf eine geistige Wissenschaft wirklich einläßt. Und unsere Zeit fordert eben in dringlicher Art das, was als der Grundnerv dieses Aufrufes geltend gemacht wurde: Die Dreigliederung des sozialen Organismus. Der soziale Organismus kann nur dadurch gesund werden, daß er diese Dreigliederung erhält, die Sie gelesen haben in dem Aufruf, und wie Sie sie finden werden in meiner Broschüre «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft». Der gegenwärtige Menschheitszyklus erfordert diese Dreigliederung.
[ 6 ] You are first of all familiar with what arose out of the necessities of the time, namely the so-called “Appeal to the German People and to the Cultural World,” in which was publicly articulated for the first time what I have endeavored to express in more restricted circles over the past few years—years in which these words found no echo, years in which only the thunder of cannons was to be heard, not the voices of the spirit. You know that this appeal first and foremost calls for, in a positive sense, what lies within the very impulses of human development for our time. For anyone who has insight into the driving forces of humanity considers the greatest calamity to be the abstract, so-called eternal ideals—those that do not arise from real spiritual life but merely from the reflections of human concepts and ideas, which are not reality but possess only a reflected reality within themselves. One must be particularly attentive to this, especially in the present. Even today, there will be many people who believe they are saying something significant when they speak of how humanity can be made happy for all eternity, or of what conditions must be brought about as ideal states for humanity. Such ideas of eternity and such ideal states of humanity are not conceived by those who draw their insights from real spiritual life. As I have always explained here, development has proceeded in such a way that one specific epoch has always followed another, and above all, each major epoch of the post-Atlantean era has had its own concrete ideal—just as our own time and the near future do. What matters is not how a millennial kingdom is to be brought about in a chiliastic manner, but rather what the spiritual world intends to bring about within a brief span of time—a span that can only be grasped if one truly engages with spiritual science. And our time urgently calls for precisely what has been asserted as the central theme of this appeal: The threefold structure of the social organism. The social organism can only become healthy by adopting this threefold structure, which you have read about in the appeal and which you will find described in my pamphlet *The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life for the Present and the Future*. The current cycle of human history requires this threefold structure.
[ 7 ] Sehen Sie, ein ganz anderes wäre es gewesen, wenn noch in der Mitte oder selbst noch im Herbste des Jahres 1917 diese Dreigliederung von bedeutungsvoller Seite, entweder Deutschlands oder Österreichs, geltend gemacht worden wäre, als eine Kundgebung der Impulse Mitteleuropas gegenüber den von amerikanischen Gesichtspunkten entworfenen sogenannten Vierzehn Punkten des Woodrow Wilson. Dazumal wäre das eine historische Notwendigkeit gewesen. Ich habe Kühlmann dazumal gesagt: Sie haben die Wahl, entweder jetzt Vernunft anzunehmen und auf das hinzuhorchen, was in der Entwickelung der Menschheit sich ankündigt als etwas, was geschehen soll — denn was in diesen Auseinandersetzungen steht, ist nicht irgendein Programm, wie es heute so viele haben, sondern ist etwas, was herausgelesen ist aus der Entwickelung der Menschheit und was ganz gewiß realisiert wird in den nächsten fünfzehn, zwanzig, fünfundzwanzig Jahren, was aber vor allen Dingen realisiert werden muß innerhalb Mitteleuropas —, heute haben Sie die Wahl, entweder Vernunft anzunehmen, was sich realisieren will, durch Vernunft zu realisieren, oder Sie gehen Revolutionen und Kataklysmen entgegen. — Statt Vernunft anzunehmen, bekamen wir den Frieden von Brest-Litowsk, den sogenannten Frieden von Brest-Litowsk. Denken Sie, was es gewesen wäre — das kann ohne Renommisterei gesagt werden —, wenn gegenüber den sogenannten Vierzehn Punkten dazumal in den Donner der Kanonen die Stimme des Geistes hineingetönt hätte. Ganz Osteuropa hätte dafür Verständnis gehabt — das weiß jeder, der die Kräfte in Osteuropa kennt —, den Zarismus ablösen zu lassen von der Dreigliederung des sozialen Organismus. Dann wäre zustande gekommen, was eigentlich hätte zustande kommen müssen. Diejenigen, die der Sache dazumal wohlwollend gegenübergestanden haben, haben höchstens den Rat gegeben, man solle das als Broschüre drucken lassen. Nun denken Sie sich, welcher Unsinn das dazumal gewesen wäre. In den mancherlei Dingen, die dazumal nicht gelesen wurden, wäre auch das selbstverständlich Literatur geblieben. Die Zeiten ändern sich. Heute, wo alles auszugehen hat von der breiten Masse, heute, wo zwischen dort und jetzt die Oktober- und Novembertage des Jahres 1918 liegen, heute ist der richtige Weg der, sich mit diesen Dingen an die breite Öffentlichkeit zu wenden. Das sind die größten Schädlinge der Menschheit, die immer glauben, die Sache müsse, wenn sie richtig ist, insofern sie sich auf das praktische Leben bezieht, zu jeder Zeit in gleicher Weise richtig sein. Nein, so faul darf unser Denken nicht werden, wie die Leute, die diese Ansicht haben, glauben. Die Dinge sind zu verschiedenen Zeiten von ganz verschiedenen Gesichtspunkten aus zu beurteilen.
[ 7 ] You see, it would have been quite a different matter if, in the middle or even in the fall of 1917, this threefold division had been asserted by a significant power—either Germany or Austria—as a manifestation of Central Europe’s impulses in response to Woodrow Wilson’s so-called Fourteen Points, which were drafted from an American perspective. At that time, that would have been a historical necessity. I said to Kühlmann at the time: You have the choice—either to accept reason now and listen to what is emerging in the development of humanity as something that is meant to happen—for what is at stake in these conflicts is not just any program, as so many have today, but is something that has been discerned from the development of humanity and that will most certainly be realized in the next fifteen, twenty, twenty-five years—but which, above all, must be realized within Central Europe—today you have the choice: either to accept reason, to realize through reason what is seeking to be realized, or to head toward revolutions and cataclysms. —Instead of accepting reason, we got the Treaty of Brest-Litovsk, the so-called Treaty of Brest-Litovsk. Just imagine what it would have been like—and this can be said without exaggeration—if, in the face of the so-called Fourteen Points at that time, the voice of the spirit had resounded amid the thunder of the cannons. All of Eastern Europe would have understood—as anyone familiar with the forces in Eastern Europe knows—the need to replace tsarism with the threefold social order. Then what actually should have come to pass would have come to pass. Those who were sympathetic to the cause at the time advised, at most, that it should be printed as a pamphlet. Now imagine what nonsense that would have been back then. Among the many things that went unread at the time, this, too, would naturally have remained mere literature. Times change. Today, when everything must originate from the broad masses; today, with the days of October and November 1918 lying between then and now; today, the right course is to address the general public with these matters. These are humanity’s greatest pests—those who always believe that if a matter is correct, insofar as it relates to practical life, it must be equally correct at all times. No, our thinking must not become as lazy as the people who hold this view believe. Things must be judged at different times from entirely different perspectives.
[ 8 ] Man muß ja allerdings etwas tiefer hineinschauen in die Entwickelung der Menschheit, wenn man die ganze, volle, weitgehende Praxis desjenigen würdigen will, was gerade dieser Dreigliederung zugrunde liegt. Diese Dreigliederung ist, ich muß das immer wieder und wiederum betonen, nicht etwas, was einem einfallen kann. Sie ist etwas, was der Geist der Zeit und der Gegenwart unbedingt von den Menschen fordert, was der Geist der Zeit verwirklichen will, was der Geist der Zeit — bitte, wenn Sie das Folgende hören, werden Sie auch diesen Satz, den ich jetzt vorausschicken kann, verstehen —, was der Geist der Zeit tatsächlich verwirklicht. Und gerade dadurch entsteht das Chaos, daß die Menschheit anders denkt und vor allen Dingen anders handelt, als der Geist der Zeit denkt und handelt. Eigentlich verwirklicht sich schon seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts das, was in dieser Dreigliederung steht, nur die Menschen haben sich anders verhalten und sind dadurch in furchtbare Widersprüche geraten mit dem, was in den Tatsachen verwirklicht wird. Sie wissen, es handelt sich vor allen Dingen um die Dreigliederung des sozialen Organismus in einen geistigen Teil, in einen eigentlich staatlichen oder politischen Teil und in einen wirtschaftlichen Teil. Betonen möchte ich zunächst: Das Erweisen der Richtigkeit dieser Grundanschauung kann aus dem bloßen gesunden Menschenverstand geschehen, wie überhaupt alles aus dem gesunden Menschenverstand heraus begriffen werden kann, was geisteswissenschaftlich gewonnen wird, wie ich das ja auch immer betont habe. Aber ich glaube allerdings nicht, daß aus dem heutigen Denken heraus man in richtiger Weise — bitte nicht zu vergessen, daß ich sagte: in richtiger Weise — dazu kommen kann. Es sind ja Menschen, welche zu ähnlichem gekommen sind, aber es handelt sich darum, daß man auf wirklich praktischer Grundlage dazu kommt, auf einer Grundlage, die dasjenige berücksichtigt, was in unserer Zeit sich verwirklichen will, und eigentlich sich verwirklicht.
[ 8 ] One must, however, look a little deeper into the development of humanity if one wishes to appreciate the full, comprehensive, and far-reaching practice of what underlies this very threefold division. This threefold division—and I must emphasize this again and again—is not something that can simply occur to one. It is something that the spirit of the times and the present absolutely demands of human beings; it is what the spirit of the times seeks to bring about; it is what the spirit of the times—please, when you hear what follows, you will also understand this sentence that I can now preface—it is what the spirit of the times is actually bringing about. And it is precisely this—that humanity thinks differently and, above all, acts differently from the way the spirit of the times thinks and acts—that gives rise to chaos. In fact, what is described in this threefold division has been coming to fruition since the 1870s; it is only that people have behaved differently and have thereby fallen into terrible contradictions with what is actually being realized. As you know, this concerns above all the threefold division of the social organism into a spiritual part, a properly state or political part, and an economic part. I would like to emphasize first of all: The validity of this fundamental view can be demonstrated through simple common sense, just as everything that is gained through spiritual science can be understood through common sense—as I have always emphasized. However, I do not believe that one can arrive at this in the right way—please do not forget that I said “in the right way”—based on contemporary thinking. There are, of course, people who have arrived at similar conclusions, but the point is to arrive at this on a truly practical basis, on a basis that takes into account what is striving to become reality in our time and is, in fact, becoming reality.
[ 9 ] Betrachten wir also einmal heute, ich möchte sagen provisorisch und einleitend, einiges, was uns Vorstellungen geben kann über die Art, wie eine gründliche Betrachtung der Zeit über diese Dreigliederung spricht. Sehen Sie, als in der neueren Zeit, seit etwa vier Jahrhunderten, heraufgezogen ist über die Menschheit das, was man heute nennt die kapitalistische Wirtschaftsordnung und die moderne technische Ordnung, da zog auch herauf die neue Denkgewohnheit, die neue Weltanschauung. Wenn das, was man in der Schule Geschichte nennt, nicht eine Fable convenue wäre, so würde aus der Geschichte schon folgen, wie gründlich sich die Denkgewohnheiten der ganzen zivilisierten Welt geändert haben vom dreizehnten, vierzehnten, fünfzehnten Jahrhundert in die folgenden Jahrhunderte hinein. Eine oberflächliche Betrachtung glaubt ja, daß sich alles das langsam entwickelt, während dem im historischen Werden die großen Umschwünge erfolgen. Ein solcher Umschwung liegt zugrunde dem, was sich seit drei bis vier Jahrhunderten in den ganzen geistigen Lebensgewohnheiten und Denkgewohnheiten der Menschen entwickelt hat.
[ 9 ] So let us consider today—I would say tentatively and by way of introduction—a few things that can give us an idea of how a thorough examination of time speaks to this threefold division. You see, as what we now call the capitalist economic order and the modern technological order have emerged over humanity in recent times—for about four centuries—a new way of thinking, a new worldview, has also emerged. If what is called “history” in school were not a fable convenue, it would be evident from history itself just how thoroughly the habits of thought throughout the entire civilized world have changed from the thirteenth, fourteenth, and fifteenth centuries into the centuries that followed. A superficial observation, of course, assumes that all of this develops slowly, whereas in historical development, major upheavals take place. Such a radical shift underlies what has been developing over the past three to four centuries in all of humanity’s intellectual habits and ways of thinking.
[ 10 ] Da möchte ich Sie vor allen Dingen auf eine Erscheinung aufmerksam machen, die sich unter den Augen, ich meine immer Seelenaugen, abgespielt hat, aber im Grunde genommen kaum tiefer gewürdigt worden ist. Man hat eben sie sich so abspielen lassen, diese Erscheinung. Das ist die Erscheinung: Welche geringe Rolle eigentlich im Leben der Menschheit, besonders der deutschen Menschheit, die sogenannten geistigen Persönlichkeiten gespielt haben, wie wenig die allgemeine Schulbildung bis hinauf zur Hochschule dazu beigetragen hat, daß dasjenige, was sich in den letzten Jahrhunderten in einzelnen geistigen Individualitäten ausgebildet hat, eingezogen ist in das allgemeine Kulturgut. Nehmen Sie den Fall, den ich hier oftmals erwähnt habe, den Fall Goethe. Ja, Goethe war der Träger einer großen, umfassenden Weltanschauung. Es hat sich für die Entwickelung der Menschheit Ungeheueres abgespielt in den Jahren von 1749, wo Goethe geboren worden ist, bis 1832, da er gestorben ist. Ein Ungeheures an geistigen Impulsen liegt in diesem Goethe. Sehen wir aber, welchen Eindruck Goethes Weltanschauung, der Goetheanismus, auf die deutsche Menschheit gemacht hat, da bekommen wir ein furchtbar trauriges Bild. Selbst diejenigen, die glauben, etwas von Goethe zu wissen, wissen von den innersten Impulsen seines Geisteswesens gar nichts. Und ebenso könnte man, vielleicht in noch höherem Grade, von manchem anderen sprechen. Davon muß man sprechen, daß, seit sich die Technik, seit der Kapitalismus sich ausgebreitet hat, das geistige Leben, das sich in einzelnen Individualitäten gerade mit Bezug auf das rein und allgemein Menschliche geltend gemacht hat, sich, man kann nicht anders sagen, wie ein Parasit, wie etwas Parasitäres auf dem übrigen Kulturkörper entwickelt hat. Es war da, aber es war im Grunde genommen zu nichts da. Wie um eine Bestätigung zu liefern dafür, daß das geistige Leben, insofern es zum Beispiel Goethe betrifft, zu nichts da war, wie es zurückgewiesen wurde, wie es nicht aufgenommen wurde, sondern nur theatralisch, zum Schein damit kokettiert wurde, sehen wir, daß schließlich die Goethe-Gesellschaft, die sich als die offizielle Vertreterin des Goetheanismus fühlt, aus einem Impulse heraus, der allmählich mehr und mehr gang und gäbe geworden war, fragte: Wen wählen wir jetzt am besten zum Vorsitzenden unserer Goethe-Gesellschaft? — Und da wurde nicht gedacht: Wer versteht am meisten von Goetheanismus?, sondern daran wurde gedacht, wer die besten Kratzfüße machen könnte, wenn die GoetheGesellschaft bei irgendwelchem Hofe auftreten mußte. Da wurde dann ein ehemaliger Finanzminister zum ersten Vorsitzenden der GoetheGesellschaft in Weimar gewählt, dessen geistige Wege niemals zu Goethe führten. Was einen etwas hinweisen konnte auf die Hohlheit des Ganzen, war, daß der Vorname des Betreffenden war: Kreuzwendedich. Kreuzwendedich von Rheinbaben war dazumal wie aus einer Ironie des Schicksals heraus gewählt worden als Vorsitzender der Goethe-Gesellschaft. Das sind scheinbar unbedeutende Tatsachen, aber gerade daß sie als unbedeutend angesehen werden können, wo sie doch in Wahrheit Symptome für das tiefste Fühlen sind, das ist das Schreckliche. Derjenige, der diese Tatsachen nicht als wichtige Symptome für die Enthüllung des innersten Denkens und Empfindens erklärt, der erklärt sich im Grunde genommen einverstanden mit all dem, was die Menschheit in das schreckliche Unglück hineingeführt hat.
[ 10 ] Above all, I would like to draw your attention to a phenomenon that has unfolded before our eyes—and by that I mean the eyes of the soul—but which, when it comes down to it, has hardly been appreciated in any depth. People have simply allowed this phenomenon to unfold. The phenomenon is this: what a minor role the so-called intellectual figures have actually played in the life of humanity—especially the German people—and how little general schooling, right up to the university level, has contributed to ensuring that what has developed in individual intellectual personalities over the past few centuries has been incorporated into the general cultural heritage. Take the case I have often mentioned here—the case of Goethe. Yes, Goethe was the bearer of a great, comprehensive worldview. Tremendous events took place for the development of humanity in the years from 1749, when Goethe was born, to 1832, when he died. An immense wealth of spiritual impulses lies within this Goethe. But when we consider the impact that Goethe’s worldview—Goetheanism—has had on the German people, we are presented with a terribly sad picture. Even those who believe they know something about Goethe know absolutely nothing of the innermost impulses of his spiritual being. And one could say the same—perhaps to an even greater degree—about many others. It must be said that, ever since technology and capitalism have spread, spiritual life—which had asserted itself in individual personalities precisely in relation to what is purely and universally human—has developed, one cannot put it any other way, like a parasite, like something parasitic, on the rest of the cultural body. It was there, but it was, in essence, there for nothing. As if to confirm that intellectual life, insofar as it concerns Goethe, for example, was for nothing—how it was rejected, how it was not embraced, but merely flirted with theatrically, for show—we see that ultimately the Goethe Society, which sees itself as the official representative of Goetheanism, asked—out of an impulse that had gradually become more and more commonplace: “Who would be the best person to elect as president of our Goethe Society?” — And the question was not: “Who understands Goetheanism best?” but rather: “Who could curtsy the best when the Goethe Society had to make an appearance at some court or other?” A former finance minister was then elected as the first president of the Goethe Society in Weimar, a man whose intellectual path had never led him to Goethe. What might have hinted at the hollowness of the whole affair was that the man’s first name was Kreuzwendedich. Kreuzwendedich von Rheinbaben had been elected president of the Goethe Society at that time as if by some irony of fate. These are seemingly insignificant facts, but the very fact that they can be regarded as insignificant—when in truth they are symptoms of the deepest feelings—is what is so terrifying. Anyone who does not recognize these facts as important symptoms revealing the innermost thoughts and feelings is, in essence, declaring their agreement with everything that has led humanity into this terrible calamity.
[ 11 ] Diesen Parasitismus des Geisteslebens, diese Zusammenhangslosigkeit dessen, was auf den Höhen der Menschheit produziert wurde, mit dem allgemeinen Volksleben, vergleichen Sie es mit den früheren Zeitaltern. Es ist in früheren Zeitaltern gar nicht denkbar. Denken Sie einmal, welchen Eindruck für das allgemeine Volksleben, sagen wir, um ein Beispiel herauszugreifen, im späteren Indien der Buddha gemacht hat. Vergleichen Sie diese Popularität des Buddha mit der Popularität, die ein Goethe gehabt hat. Vielleicht werden Sie sagen: Nun ja, neben Goethe sind so viele andere Geisteshelden, Buddha war nur einer. — Wer diesen Einwand macht, zeigt, daß er nichts versteht von dem, was die Grundbedingungen der Entwickelung der Menschheit sind. Denn das ist das große Unglück, daß an solch geistigen Leuten, an solch geistigen Persönlichkeiten durch die natürlichen Verhältnisse eine furchtbare Überproduktion entstanden ist. So daß die, die im allgemeinen Leben drinnen stehen und zu arbeiten haben, sich schon gar nicht zurechtzufinden wissen. Nicht wahr, es ist ja nicht bloß Goethe da, sondern auch noch Herder und Schelling und Schlegel; aber nicht nur diese, nun soll man auch noch Geibel, Wildenbruch lesen. Und gar erst auf allen möglichen anderen Gebieten: mit was allern man sich da beschäftigen soll, was zum allgemeinen Kulturwert gehören soll! Und wenn man nun gar erst an die internationalen Verhältnisse denkt!
[ 11 ] Compare this parasitism of intellectual life—this disconnect between what was produced at the pinnacle of human achievement and the general life of the people—with earlier eras. It is simply inconceivable in earlier eras. Just think of the impact the Buddha had on the general life of the people—to take one example—in later India. Compare the Buddha’s popularity with that of Goethe. Perhaps you will say: Well, there are so many other intellectual heroes besides Goethe; the Buddha was just one of them. — Anyone who raises this objection shows that they understand nothing of the fundamental conditions for the development of humanity. For the great misfortune is that, due to natural circumstances, there has been a terrible overproduction of such intellectual figures, such intellectual personalities. As a result, those who are immersed in everyday life and have to work simply do not know how to find their way. Isn’t that right? It’s not just Goethe, but also Herder, Schelling, and Schlegel; and not only them—now one is also supposed to read Geibel and Wildenbruch. And then there are all sorts of other fields: what on earth is one supposed to engage with, what is supposed to constitute general cultural value! And when one considers the international situation as well!
[ 12 ] Ja, was da zugrunde liegt, das ist etwas sehr tief Einschneidendes, etwas außerordentlich Bedeutungsvolles. Zwischen denjenigen, die so in den Literaturgeschichten nebeneinander figurieren, zwischen denen ist trotzdem ein großer Unterschied. Aber den Respekt vor dem geistigen Leben haben die Menschen im Laufe der letzten Jahrhunderte eben im großen Stile verloren. Das tritt einem in einzelnen Dingen entgegen. Symptomatisch muß man die Entwickelung der Menschheit betrachten können, dann findet man aus den Symptomen schon heraus, was eigentlich in den Untergründen pulsiert! Ich sprach einmal in einem kleinen Kreise im Anfang der neunziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts mit einigen Leuten, die auch Mitglieder von Gymnasiallehrer-Prüfungskommissionen waren. Ein besonders angesehener Prüfer der Gymnasiallehrer-Prüfungskommission sprach dazumal innerhalb dieses kleinen Kreises, und wir besprachen, wie bedrückend es eigentlich ist, daß in den jetzigen Gymnasien so furchtbar wenig für die allgemeine Erhöhung der geistigen Impulse geschieht, daß doch so furchtbar wenig hineinkommt in die jungen Leute und in die Knaben — später sind auch die Mädchen dazugekommen, dadurch wurde nichts gebessert —, die vom zehnten bis achtzehnten Jahre da in diesen Anstalten geistig dressiert werden. Da sagte der betreffende Prüfungskommissär: Ja, wenn wir da sehen, wie wir diese Kamele loslassen auf die Jugend, die wir da zu prüfen haben, wenn wir schen, wie wir diese Kamele hinschicken müssen als Lehrer der Jugend, dann kann man nicht hoflen, daß etwas Günstiges dabei herauskommt. — Sehen Sie, das ist ein Symptom. Solche Leute, die in den letzten Jahren verantwortlich waren gerade für das Geistesleben der weniger breiten Massen, der führenden Klassen, die hatten so wenig Respekt, daß sie es als selbstverständlich ansahen, die Gymnasiallehrer zu prüfen und als Kamele loszulassen auf die Jugend. Sie sind überzeugt, daß die, welche die besten Examina machten, die größten Kamele sind. Ja, aber das Denken der Menschen, die Denkgewohnheiten, die sind es doch, von denen, trotz aller gegenteiligen Anschauung, alles abhängt. Wir sehen zuletzt, indem sich die Dinge summieren, wirklich Glück und Unglück der Menschheit abhängen von diesen Denkgewohnheiten, die sich zuletzt kumulieren zu solchen Weltkatastrophen, wie wir sie in den letzten Jahren erlebt haben. Man muß auf die Kleinheiten eingehen, denn sie sind Symptome für das, was in den unterbewußten Sphären regiert und was unberücksichtigt bleibt für die Zeit, in der man mit Recht hinweist auf technische Entwickelung, auf Kapitalismus und so weiter.
[ 12 ] Yes, what lies at the root of this is something very profound, something extraordinarily significant. Between those who appear side by side in literary histories, there is nevertheless a great difference. But over the course of the last few centuries, people have simply lost their respect for intellectual life on a grand scale. This becomes apparent in specific instances. One must be able to view the development of humanity symptomatically; then, from the symptoms alone, one can discern what is actually pulsating beneath the surface! I once spoke in a small circle in the early 1890s with several people who were also members of high school teacher examination boards. A particularly respected examiner on the high school teacher examination board spoke within this small circle at the time, and we discussed how disheartening it actually is that in today’s high schools so terribly little is done to generally elevate intellectual impulses, that so terribly little actually reaches the young people and the boys —girls were later included as well, but this did nothing to improve the situation—who are intellectually conditioned in these institutions from the ages of ten to eighteen. Then the examiner in question said: “Yes, when we see how we’re unleashing these camels on the young people we’re supposed to examine, when we realize that we have to send these camels out as teachers of the youth, then one cannot hope that anything good will come of it.” — You see, that’s a symptom. Such people, who in recent years have been responsible precisely for the intellectual life of the less educated masses and the ruling classes, had so little respect that they took it for granted to examine high school teachers and unleash them like camels on the youth. They’re convinced that those who scored the highest on the exams are the biggest camels. Yes, but people’s thinking—their habits of thought—are, after all, what everything depends on, despite all opinions to the contrary. Ultimately, as things add up, we see that the true happiness and misfortune of humanity depend on these habits of thought, which ultimately accumulate into such global catastrophes as we have experienced in recent years. One must pay attention to the small details, for they are symptoms of what reigns in the subconscious realms and what remains unconsidered at a time when people rightly point to technological development, capitalism, and so on.
[ 13 ] So hat man es gehalten mit dem Geistesleben, und im Grunde genommen ist ein Luxus-Geistesleben entstanden, ein Geistesleben, das die Menschen in den verschiedensten Zweigen eigentlich nur noch als Luxus empfinden konnten. Aber sie lieben diesen Luxus. Man könnte auf vielen Gebieten auf diesen Luxus hinweisen, der an Stelle des Geistes getreten ist. Nehmen wir ein Gebiet heraus: die Landschaftsmalerei, wie sie das letzte Jahrhundert entwickelt hat. Glauben Sie, daß außer den wenigen Menschen, die darauf dressiert werden, glauben Sie, daß die breite Masse der Menschheit wirklich ein offenes Herz und Sinn haben kann für diese Landschaftsmalerei? Glauben Sie, daß zum Beispiel der Proletarier, der durch die kapitalistische Wirtschaftsordnung und den technischen Betrieb eingespannt worden ist in eine wahrhaft trostlose Ödigkeit des Lebens, daß der, wenn Sie ihm so allerlei Brocken, die da abfallen, hinwerfen in Volksvorträgen und Volkskursen, in Volkshäusern, in Veranstaltungen, wo Sie ihm Bilder zeigen, glauben Sie, daß er wahrhaftig mit seinem Innern daran herankommen könnte? Ja, die Landschaftsmalerei — glauben Sie mir: der, der nicht darauf dressiert ist, sagt: Ja, warum malt man das? Draußen ist es ja doch viel schöner. Warum malt man das eigentlich? — Sie können ihm andressieren, wenn Sie Volkskurse abhalten als Heil- und Palliativmittel, daß das wirksam ist; aber das Unterbewußte fällt nicht darauf herein. Das Unterbewußtsein sagt immer: Wozu malen die das? Man muß doch nicht die Menschheitskräfte verschwenden auf solches Zeug. — Aus diesen Stimmungen setzt sich zuletzt das zusammen, was heute in so laut sprechenden Tatsachen auspulst. Das ist es schon, worauf es ankommt. Denn, nicht wahr, was konnte man nicht in den letzten Jahrzehnten immer wieder darüber hören, wie wir es so herrlich weit gebracht haben, wie der menschliche Gedanke mit Blitzesschnelligkeit hinrollt über die weitesten Länderstrecken, wie wir so bequem reisen können, wie die geistige Kultur sich ausbreitet und so weiter. Aber das alles, was man so lobhudeln konnte, war ja doch nur dadurch möglich, daß es sich ausbreitete auf einem Unterbau, der Millionen von Menschen umfaßte, die nicht teilnehmen konnten an diesen Dingen. Sie alle hätten nicht reisen können mit der Eisenbahn, hätten nicht telephonieren können, hätten nicht den Gedanken hinschicken können über weite Strecken, wenn nicht unzählige Menschen außerstande gewesen wären, irgendwie an dieser Kultur teilzunehmen, wenn diese Kultur nicht Millionen und aber Millionen von Menschen leiblich und seelisch Elend und Not gebracht hätte.
[ 13 ] This is how things have been handled with regard to intellectual life, and essentially, a “luxury” intellectual life has emerged—one that people in the most diverse fields could really only perceive as a luxury. But they love this luxury. One could point to this luxury—which has taken the place of the spirit—in many fields. Let’s take one example: landscape painting, as it developed over the last century. Do you believe that, apart from the few people who have been trained to appreciate it, the broad masses of humanity can truly have an open heart and mind for this landscape painting? Do you believe, for example, that the proletarian—who has been ensnared by the capitalist economic order and industrial operations into a truly desolate wasteland of a life—that he, when you throw him all sorts of scraps that fall by the wayside in public lectures and courses, in community centers, at events where you show him pictures—do you believe he could truly engage with them from within? Yes, landscape painting—believe me: someone who isn’t conditioned to it will say, “Yes, why do they paint that? It’s much more beautiful out there, after all. Why do they actually paint that?”—You can condition him, when you hold public courses as a remedy or palliative measure, to believe that it’s effective; but the subconscious doesn’t fall for it. The subconscious always says: Why are they painting that? Surely we don’t have to waste humanity’s energies on such nonsense. — It is these moods that ultimately give rise to what today pulsates forth in such resounding realities. That is precisely what matters. After all, haven’t we heard time and again over the past few decades about how wonderfully far we’ve come, how human thought races at lightning speed across the vastest distances, how comfortably we can travel, how spiritual culture is spreading, and so on. But all of that which was so highly praised was, after all, only possible because it was built upon a foundation comprising millions of people who could not participate in these things. None of them would have been able to travel by train, make phone calls, or send their thoughts across vast distances if countless people had not been unable to participate in this culture in any way—if this culture had not brought physical and emotional misery and hardship to millions upon millions of people.
[ 14 ] Ja, blicken wir einmal auf einen bestimmten Zeitpunkt, blicken wir hin auf die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, denn diese Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist es ja ungefähr auch, wo das, was man häufig die soziale Frage nennt, eigentlich begonnen hat. Die führenden Kreise, die sind allmählich aus jener Stimmung entstanden, welche man nicht anders charakterisieren kann, als daß man auf den Parasitismus des eigentlich guten Geisteslebens hinweist. Das gute Geistesleben ist zum Parasiten geworden, weil es die anderen nicht angenommen haben. Es war vorbestimmt, einzudringen in die wirkliche Volkskultur, aber es wurde nichts dazu getan, es einzulassen, das Kreuz hatte sich eben noch nicht gewendet. Ja, in dieser Zeit waren die Menschen dieser führenden, leitenden Kreise allmählich dahin gelangt, für ihre Seele doch etwas zu bekommen. Wie oft habe ich es hier betont, welch unnatürliche Wege diese Sehnsucht mancher Seelen geht. Nicht wahr, man konnte es erfahren, wie die Leute in gut eingeheizten Zimmern zuletzt Theosophen geworden sind, als letztes Ende des Bourgeoisie-Strebens, wie sie — aber das war ja die letzte Phase — da geredet haben von Brüderlichkeit, von Menschenliebe, von hehren ethischen Idealen und so weiter. In welchen Zimmern geschah denn das? In welchen Räumen geschah denn das? Ich rede von der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist nachher, aber wahrhaftig nicht durch das Verdienst der führenden Kreise, etwas besser geworden, wenn auch nicht viel. In welchen Räumen geschah denn das? In solchen Räumen, die mit Kohlen geheizt waren, für die die englische Regierungs-Enquete schon in den vierziger Jahren das Resultat festgestellt hatte, daß in den Kohlengruben neun-, elf-, dreizehnjährige Kinder arbeiteten, Kinder, welche außerhalb des Sonntags niemals das Sonnenlicht sahen, einfach aus dem Grunde, weil sie, bevor die Sonne aufging, in den Schacht geführt wurden und nach Sonnenuntergang heraufkamen. Ja, es ließ sich leicht von Nächstenliebe, von Brüderlichkeit, von allgemeiner Menschenliebe sprechen, wenn man mit Kohlen heizte, die durch solche «Brüderlichkeit» gewonnen wurden. Da ließ sich auch leicht von der Erhöhung der Sittlichkeit der Menschen sprechen, wenn man mit Kohle heizte, die aus diesen Schächten geholt wurde, wo, wie wiederum die englische Enquete feststellte, Männer und Frauen den ganzen Tag zusammen arbeiten mußten, nackt; schwangere Frauen halbnackt, Männer ganz nackt, denn in den Schächten ist es sehr heiß. Ich erwähne diese Dinge, die verhundertfältigt werden könnten, um Ihnen das Bild zu zeigen, um das es sich handelt, das Bild der Kultur der letzten Jahrhunderte, eben der Luxuskultur, einer Kultur, welche noch außerdem ihren Verwesungsgeruch in sich trug: unten der Unterbau, ohne den diese Kultur nicht möglich geworden wäre, Millionen und Millionen von Menschen, die nicht teilnehmen konnten an dieser Kultur. Wie allmählich der Verstand der Menschen beschaffen war, die diese sechzehnstündige Arbeit in den Kohlengruben verrichteten, das wurde dazumal bei der Enquete auch konstatiert. Aber was war denn das Charakteristische des letzten halben Jahrhunderts? Das Charakteristische war die Gedankenlosigkeit. Vorzugsweise die Gedankenlosigkeit. Und die Gedankenlosigkeit ist dasjenige, worauf man vor allen Dingen sehen muß, wenn auf Besserung hingearbeitet werden soll. Statt daß man so leicht sagt: Lieber Ofen, erfülle deine Ofenpflicht, das Zimmer warm zu machen — sollte man lieber mit Holz einheizen und das Predigen lassen. Das ist es, was in priesterlichen Kreisen und in Kreisen der Atheisten immer getan worden ist: gepredigt wurde. Und was unterlassen worden ist, ist das Denken, das Denken an die Wirklichkeit. Das ist es, worauf es ankommt, Das ist es vor allen Dingen, was dem heutigen Menschen nahelegen kann, daß gerade im Geistesleben ein Umschwung eintreten muß.
[ 14 ] Yes, let’s take a look at a specific point in time—the mid-nineteenth century—because it was around this time that what is often called the “social question” actually began. The leading circles gradually emerged from a mood that can only be characterized by pointing to the parasitism of what was actually a good spiritual life. That good spiritual life had become parasitic because others had not embraced it. It was destined to penetrate into the true folk culture, but nothing was done to let it in; the tide had simply not yet turned. Indeed, during this time, the people in these leading, guiding circles had gradually come to find something for their souls. How often have I emphasized here the unnatural paths that this longing of many souls takes. Isn’t it true that one could see how people in well-heated rooms eventually became Theosophists—as the final stage of bourgeois ambition—and how they—though that was, of course, the final phase—spoke there of brotherhood, of love for humanity, of lofty ethical ideals, and so on. In what kind of rooms did that happen? In what kind of rooms did that happen? I am speaking of the mid-nineteenth century. Things have improved somewhat since then—though certainly not thanks to the leading circles—even if not by much. In what kind of rooms did that happen? In rooms heated with coal—rooms for which an English government inquiry had already established, as early as the 1840s, that nine-, eleven-, and thirteen-year-old children were working in the coal mines, children who never saw sunlight except on Sundays, simply because they were led down the shaft before sunrise and came back up after sunset. Yes, it was easy to speak of charity, of brotherhood, of universal love for humanity when one heated with coal extracted through such “brotherhood.” It was also easy to speak of raising people’s moral standards when one heated with coal extracted from these shafts, where—as the English inquiry again found—men and women had to work together all day, naked; pregnant women half-naked, men completely naked, because it is very hot in the shafts. I mention these things—which could be multiplied a hundredfold—to show you the picture at hand: the picture of the culture of the past centuries, namely the culture of luxury, a culture that, moreover, carried within it the stench of decay: at the bottom, the foundation without which this culture would not have been possible—millions upon millions of people who could not participate in this culture. The state of mind of the people who performed this sixteen-hour work in the coal mines was also noted at the time during the inquiry. But what, then, was the defining characteristic of the last half-century? The defining characteristic was thoughtlessness. Above all, thoughtlessness. And thoughtlessness is precisely what we must focus on above all else if we are to work toward improvement. Instead of so easily saying, “Dear stove, fulfill your duty to warm the room”—we should rather stoke the fire with wood and let the preaching be. That is what has always been done in priestly circles and in circles of atheists: preaching. And what has been neglected is thinking—thinking about reality. That is what matters. That is, above all, what can convince people today that a radical change must take place, particularly in spiritual life.
[ 15 ] Das Geistesleben kann nicht gedeihen, wenn es nicht jeden Tag aufs neue seine eigene Wirklichkeit beweisen muß. Aber das Geistesleben wird sich beweisen können nur dann, wenn es auf sich selbst gestellt ist. Von der niedersten Schulstelle an bis hinauf zur höchsten Schulstelle, von dem ausgesprochenen Zweig der Wissenschaft bis zur freien künstlerischen Schöpfung: es muß in sich, für sich bestehen, geistig in sich bestehen, weil es auf nichts anderes bauen kann, als auf dasjenige, was in seiner eigenen Stärke lebt. Derjenige, der das Geistesleben kennt, der weiß, welches Unheil angerichtet worden ist in den letzten vier Jahrhunderten durch die moderne Staatsform, dadurch, daß der Staat seine Fittiche gespannt hat über dieses Geistesleben, daß alles, was Geistesleben ist, allmählich verstaatlicht werden sollte mit Ausnahme von einigen wenigen Zweigen, die noch geblieben sind und denen auch der Untergang droht. Denn wäre es weiter gegangen im Sinne der letzten Zeit, so wären auch die letzten Zweige des freien Geisteslebens noch verstaatlicht worden. Aber die Denkgewohnheiten der Menschen sind heute noch nicht so weit, daß sie einsehen, daß gerade mit Bezug auf die furchtbare Versklavung des Geisteslebens durch das politische Staatsleben der Rückweg angetreten werden muß, daß dieses Geistesleben befreit werden muß. Noch immer gehen die Ziele der Menschen auf die Unterbindung der Freiheit des Geisteslebens und die Verstaatlichung des Geisteslebens hin, wo so viele Staaten bewiesen haben, wie eigentlich das Umfassen des Geisteslebens durch den Staat gewirkt hat.
[ 15 ] Intellectual life cannot flourish unless it must prove its own reality anew every day. But intellectual life will be able to prove itself only if it is left to its own devices. From the lowest level of education all the way up to the highest, from the specific branch of science to free artistic creation: it must exist within itself, for itself—it must exist spiritually within itself—because it can rely on nothing other than that which lives by its own strength. Anyone who understands spiritual life knows what harm has been wrought over the last four centuries by the modern form of government—by the state spreading its wings over this spiritual life, so that everything that constitutes spiritual life was gradually to be nationalized, with the exception of a few branches that still remain and which are also threatened with extinction. For if things had continued in the same vein as in recent times, even the last branches of free spiritual life would have been nationalized. But people’s ways of thinking today have not yet progressed far enough for them to realize that, precisely in light of the terrible enslavement of spiritual life by political state life, we must turn back, that this spiritual life must be liberated. People’s goals still point toward the suppression of the freedom of spiritual life and the nationalization of spiritual life, even though so many states have demonstrated the actual effects of the state’s encroachment on spiritual life.
[ 16 ] Es ist ja den Menschen die Illusion des Staatslebens auch heute noch sehr schwer auszutreiben. Ich war in der letzten Zeit einmal in Bern, wo die sogenannte «Völkerbund-Konferenz» war. Die Leute sprachen von allem möglichen, so ungefähr im Stil der vorigen Zeit, wie Herr von Jagow im Mai 1914 gesprochen hat von den kommenden Dingen. So wie das, was dazumal gekommen ist, verschieden war von dem, was ausgedrückt worden ist durch «die allgemeine Entspannung macht Fortschritte», so wird sich das unterscheiden, was kommen wird, von dem, was in Bern gesagt worden ist. Die Herren stehen nirgends im Boden der Wirklichkeit drinnen. Da wurde gesprochen von Leuten, die Reden halten, die in deutschen Zeitungen schreiben, was alles geschehen solle, um diesen Völkerbund zustandezubringen. Wie ein Parlament gebildet werden solle, das so wie die Parlamente der Staaten vorher, nun den ganzen Zusammenhang von Staaten umfassen werde. Der betreffende Herr konnte sich auch nicht entbrechen, zu sagen: Ein Überparlament muß geschaffen werden, ein Überstaat. — Ich habe damals in einem Vortrag, den ich zur gleichen Zeit hielt, gesagt, daß es mehr an der Zeit wäre, darüber nachzudenken, was die Staaten unterlassen sollten, als darüber, was sie tun sollten, um nicht das, was in die Weltkatastrophe hineingeführt hat, noch weiter auszudehnen. Man fragt nur: Was soll geschehen im Sinne des alten Staates? — Man hat nicht gelernt von der Zeit, zu fragen: Was sollen die Staaten unterlassen? — Sie sollen vor allen Dingen unterlassen, sich in das geistige und in das wirtschaftliche Leben hineinzumischen. Man soll nicht daran denken, Überparlamente und Überstaaten zu gründen, nachdem die Unterparlamente und Unterstaaten so geringe Eifolge gehabt haben. Heute kann nicht die Frage sein: Was sollen die Staaten tun? sondern: Was sollen die Staaten unterlassen? Das paßt in die heutige Zeit hinein. Aber man muß den Mut haben, mit Bezug auf das Denken, in diese Dinge rückhaltlos hineinzuschauen.
[ 16 ] Even today, it is still very difficult to dispel the illusion of state life from people’s minds. I was recently in Bern, where the so-called “League of Nations Conference” was taking place. People were talking about all sorts of things, much in the style of earlier times, just as Mr. von Jagow spoke in May 1914 about the things to come. Just as what actually happened back then differed from what was expressed by the phrase “the general easing of tensions is making progress,” so too will what is to come differ from what was said in Bern. These gentlemen have no grounding in reality whatsoever. There was talk of people who give speeches and write in German newspapers about everything that should be done to bring about this League of Nations—how a parliament should be formed that, like the parliaments of the individual states before it, would now encompass the entire community of states. The gentleman in question could not resist adding: A “super-parliament” must be created, a “superstate.” — I said at the time, in a lecture I gave around the same time, that it would be more appropriate to consider what the states should refrain from doing rather than what they should do, so as not to further exacerbate the very conditions that led to the global catastrophe. People only ask: What should be done in the spirit of the old state? — They have not learned from that period to ask: What should the states refrain from doing? — Above all, they should refrain from interfering in spiritual and economic life. One should not think of establishing super-parliaments and superstates, given that the sub-parliaments and sub-states have had so little effect. Today, the question cannot be: “What should the states do?” but rather: “What should the states refrain from doing?” This is appropriate for the present age. But one must have the courage, in terms of thinking, to look unreservedly into these matters.
[ 17 ] Den Zusammenhang gerade zwischen diesem Geistesleben und demjenigen, was sich nun in den anderen Zweigen des sozialen Organismus abspielt, diesen Zusammenhang einzuschen, dazu wird man gar nicht kommen, wenn man nicht erst etwas gefüllt hat den Kopf durch das Aufnehmen derjenigen Gedanken, die in der Geisteswissenschaft enthalten sind. Warum ist denn für viele Leute die Geisteswissenschaft in der Gegenwart ein solcher Greuel? Nun, weil sie eben fordert, daß man anders denkt, als die Menschen denken. Aber die Tatsachen haben ja gelehrt, daß es mit dem Denken, in dem die Menschheit steckt, eben nicht weiter geht. Daran können sich die Menschen so schwer gewöhnen, daß sie umdenken müssen. Sie können nicht auf die Tatsachen hinschauen.
[ 17 ] One will never be able to grasp the connection between this spiritual life and what is now taking place in the other branches of the social organism unless one has first filled one’s mind by taking in the ideas contained in spiritual science. Why, then, is spiritual science such an abomination to many people today? Well, precisely because it demands that one think differently than people do. But the facts have shown that the way of thinking in which humanity is stuck simply leads nowhere. People find it so difficult to come to terms with this that they have to change their way of thinking. They are unable to look at the facts.
[ 18 ] Dreigliederung: die Menschen finden sie heute schwer verständlich, weil sie eben nicht haben sehen wollen auf das, was wirklich geschehen ist. Die Entwickelung der Menschheit hat eigentlich in den Tatsachen, die sich nur den Blicken der Menschen entziehen, ein großes Stück der Dreigliederung schon verwirklicht, nur passen sich die Menschen der Verwirklichung nicht an. Ich will Ihnen ein Beispiel anführen: Wenn wir in die sechziger Jahre zurückgehen, so finden wir, daß innerhalb Deutschlands die Eisenindustrie so beschaffen war, daß dazumal ungefähr 799 000 Tonnen Rohstofle zu Eisen verarbeitet werden mußten: von etwas mehr als 20 000 Arbeitern wurden diese 799 000 Tonnen Rohstoffe zutage gefördert. Bis zum Ende der achtziger Jahre war durch den Aufschwung der Eisenindustrie, durch die großen Anforderungen, welche auf der einen Seite der vermehrte Eisenbahnverkehr, die großen Kriegsrüstungen auf der anderen Seite stellten — das hat sich später noch ins Unermeßliche gesteigert —, schon am Ende der achtziger Jahre war die Eisenindustrie so gestiegen, daß nicht mehr 799000 Tonnen Roheisen verarbeitet wurden, sondern daß notwendig wurden bereits 4500000 Tonnen Roheisen. Nun werden Sie fragen können: Wie viele Arbeiter sind denn nun notwendig geworden, um dieses Roheisen zutage zu fördern? Ich sagte: Etwas über 20000 Arbeiter waren notwendig, um 799000 Tonnen zutage zu fördern. Dann waren es 4500000 Tonnen. Dazu waren am Ende der achtziger Jahre nur etwa 21300 Menschen notwendig. Also bitte, lassen Sie diese Zahlen einmal zu Ihrem Gemüte sprechen, lassen Sie sie nicht so sprechen, wie Statistiker sprechen, sondern fassen Sie diese Zahlen auf: Etwas über 20000 Menschen ungefähr haben 799000 Tonnen zutage gefördert im Anfang der sechziger Jahre. 21000 Menschen ungefähr, also wenig mehr Menschen, haben 4500000 Tonnen Roheisen gefördert Ende der achtziger Jahre. Wie ist das möglich? Sie müssen doch fragen: Wie ist das möglich? Das ist nur möglich geworden durch ungeheuer knifflige technische Verbesserungen, nur dadurch, daß ausgiebigste, geradezu unermeßliche technische Verbesserungen eingetreten sind, die es möglich gemacht haben, daß ein Mann so viel mehr an Roheisen zutage förderte. Also für alles das, was an Fortschritten stattgefunden hat mit Bezug auf diesen Betriebszweig — und man könnte Ähnliches ausführen für fünfundzwanzig bis dreißig Betriebszweige erster Linie, erster Repräsentation —, für alles das, was in einem solchen Betriebszweige stattgefunden hat, sind solche Verbesserungen eingetreten.
[ 18 ] Threefold social order: People today find it difficult to understand because they have simply refused to see what really happened. In reality, human development has already realized a large part of the threefold order in events that are hidden from human view; it is simply that people have not adapted to this reality. Let me give you an example: If we go back to the 1960s, we find that within Germany, the iron industry was such that at that time approximately 799,000 metric tons of raw materials had to be processed into iron: these 799,000 metric tons of raw materials were extracted by just over 20,000 workers. By the end of the 1980s, due to the boom in the iron industry and the immense demands placed on it—on the one hand by increased rail traffic and, on the other, by massive war armaments (which later escalated to immeasurable proportions)— by the end of the 1880s, the iron industry had already grown to such an extent that it was no longer 799,000 metric tons of pig iron that were being processed, but rather 4,500,000 metric tons of pig iron were now required. Now you might ask: How many workers were then needed to extract this pig iron? I said: Just over 20,000 workers were needed to produce 799,000 metric tons. Then it was 4,500,000 metric tons. By the end of the 1880s, only about 21,300 people were needed for that. So please, let these numbers speak to you; don’t let them speak the way statisticians do, but take these numbers to heart: A little over 20,000 people, roughly, produced 799,000 metric tons in the early 1960s. About 21,000 people—just a few more—produced 4,500,000 metric tons of pig iron by the end of the 1980s. How is that possible? You have to ask: How is that possible? It became possible only through incredibly sophisticated technical improvements—only because of the most extensive, virtually immeasurable technical advancements that made it possible for a single man to produce so much more pig iron. So for all the progress that has taken place in this branch of industry—and one could say the same for twenty-five to thirty primary, leading branches of industry—for everything that has taken place in such a branch of industry, such improvements have occurred.
[ 19 ] Was bedeutet denn das? Was bedeutet es, wenn fast dieselbe Menschenzahl durch rein technische Verbesserungen soundso viel mehr produziert? Glauben Sie, das hat keine Folgen? Natürlich hat es die Folgen, da die Menschenzahl sich nicht sehr vermehrt hat, daß dieselbe Menschenzahl dieselbe Sache produziert in so viel größeren Mengen, daß dadurch das ganze übrige Wirtschaftliche, das sich daranschließt, revolutioniert wird. Denken Sie sich einmal, was das bedeutet für den dritten Zweig des abgegliederten, des dreigliedrigen Organismus. Von allen Rechtsverhältnissen, von allen geistigen Verhältnissen braucht sich nichts zu verändern, lediglich hat sich etwas verändert in dem wirtschaftlichen Verhältnis. Denn alles das, was sich verändert hat, kam in der Preislage des Eisens und alledem, was damit in Zusammenhang steht, zum Ausdruck. Es heißt das nichts Geringeres, als daß sich unabhängig von der geistigen Entwickelung, von der rechtlichen Entwickelung — denn Sie brauchen kein anderes Recht, wenn Sie nicht auf das Ganze schauen —, unabhängig davon sich das Wirtschaftsleben loslöste und, ohne daß die Menschen daran teilnahmen, sich umgestaltete. Die Dinge taten das Ihrige, nur die Menschen nahmen keine Rücksicht darauf. Das mag Ihnen ein Beweis dafür sein, daß in den Tatsachen die Dreigliederung sich vollzog. Die wahre Wirtschaftslehre ist ganz von selber weiter fortgeschritten, die Menschen aber kamen nicht nach; sie verwendeten ihren Verstand dazu, nicht nachkommen zu brauchen, bei den alten Verhältnissen bleiben zu können. Mag man noch so sehr begeistert sein für die große Kapazität, die in die Verbesserung hineinging, das ist richtig, aber darauf kommt es nicht an für heute. Heute kommt es darauf an, daß das Wirtschaftsleben sich emanzipiert hat. In der Preisbildung und in alledem, was mit der Preisbildung und der Währungsbildung zusammenhängt, hat das Wirtschaftsleben seinen eigenen Gang gemacht. Darauf kommt es an. Die drei Zweige haben sich im Grunde genommen voneinander emanzipiert, und die Menschen haben sie künstlich zusammengeschweißt und waren genötigt, sie immer mehr und mehr zusammenzuschweißen. Dadurch sind wir in die Weltkatastrophe hineingekommen.
[ 19 ] What does that mean, then? What does it mean when almost the same number of people produce so much more simply through technical improvements? Do you think this has no consequences? Of course it has consequences: since the population has not increased significantly, the fact that the same number of people are producing the same thing in such much larger quantities revolutionizes the entire rest of the economy that is connected to it. Just imagine what this means for the third branch of the threefold, three-part organism. None of the legal relationships, none of the spiritual relationships need to change; only the economic relationship has changed. For everything that has changed is reflected in the price of iron and everything related to it. This means nothing less than that, independently of spiritual development and legal development—for you need no other law if you do not look at the whole—economic life broke away and was transformed without human intervention. Things took their course; it was only that people paid no heed to it. This may serve as proof to you that the threefold social order was taking shape in reality. True economic theory has advanced all on its own, but people have not kept pace; they used their intellect to avoid having to keep up, so they could remain in the old conditions. No matter how enthusiastic one may be about the great capacity that went into these improvements—and that is true—that is not what matters today. What matters today is that economic life has emancipated itself. In price formation and in everything connected with price formation and monetary policy, economic life has followed its own course. That is what matters. The three branches have, in essence, emancipated themselves from one another, and people have artificially fused them together and were compelled to fuse them ever more closely. This is what led us into the global catastrophe.
[ 20 ] Die Dinge liegen unter der Oberfläche dessen, was die Menschen heute denken wollen. Man muß tief in die Verhältnisse hineinschauen, wenn man die Wirklichkeit beurteilen will. Ich wollte ein solches Beispiel herausgreifen, damit Sie sehen, wie blödsinnig es ist, wenn als unsinnig hingestellt wird die Dreigliederung. Die Dreigliederung ist aus den allerpraktischsten Verhältnissen herausgeholt, während es die Menschen, denen in den letzten Jahrzehnten die Schicksale der Menschen anvertraut waren, vermieden haben, den praktischen Verhältnissen sich anzupassen. Sie können überall beweisen durch gesunden Menschenverstand, daß diese Dreigliederung das einzige ist, worauf hingearbeitet werden muß, wenn eine gesunde Entwickelung des sozialen Organismus eintreten soll. Das nützt heute gar nichts, wenn der einzelne nur daran denkt, wie notwendig es ist, die Verhältnisse aufrechtzuerhalten, weil das oder jenes nicht entbehrt werden kann.
[ 20 ] Things lie beneath the surface of what people today want to believe. One must look deeply into the circumstances if one wants to assess reality. I wanted to highlight such an example so that you can see how absurd it is to portray the threefold order as nonsense. The threefold social order is derived from the most practical of circumstances, whereas those to whom the fate of humanity has been entrusted in recent decades have avoided adapting to practical circumstances. You can prove everywhere, using common sense, that this threefold social order is the only thing we must work toward if a healthy development of the social organism is to take place. That is of no use today if the individual thinks only of how necessary it is to maintain the status quo because this or that cannot be dispensed with.
[ 21 ] Da trifft man auf die sonderbarsten Einwendungen. Manches ganz verrenkte Denken trifft man an. Zum Beispiel neulich sprach ich in Basel in einem Vortrage über die Dreigliederung. In der darauf folgenden Diskussion ist ein sehr gescheiter Mann aufgetreten, der sagte: Ja, über diese Dreigliederung sei ja manches Treffliche gesagt worden, und doch könne man die Dreigliederung nicht begreifen, denn da würde doch nur durch den politischen Staat, also durch ein Drittel des sozialen Organismus, die Gerechtigkeit hervorgebracht, aber die Gerechtigkeit müsse doch auch im Wirtschaftsleben und im Geistesleben sein. Ich mußte damals erwidern mit einem Bild. Ich sagte: Nun ja, nehmen wir einmal an, irgendeine Familie auf dem Lande bestünde aus dem Herrn und der Frau, ein paar Kindern, Knechten, Mägden und drei Kühen. Die ganze Familie braucht Milch, wie alle drei Glieder des sozialen Organismus Gerechtigkeit brauchen. Ist es aber deshalb notwendig, daß alle Familienglieder Milch geben? Das ist gewiß nicht notwendig, sondern sie werden gerade alle mit Milch gut versorgt sein, wenn die drei Kühe Milch geben. So ist es auch mit der Dreigliederung des sozialen Organismus. Es handelt sich ja gerade darum, daß alle drei Glieder wirklich Gerechtigkeit haben, aber sie werden sie nur haben, wenn von dem staatlichen Organismus, dem mittleren Gliede, Gerechtigkeit wirklich erzeugt wird, wie die Milch von den Kühen. So verrenkt ist das Denken der Menschen, daß es über die einfachsten Vorstellungen glaubt, die allerklügsten Dinge hinüberstülpen zu müssen.
[ 21 ] One encounters the strangest objections. One comes across some truly twisted ways of thinking. For example, I recently gave a lecture in Basel on the threefold social order. In the discussion that followed, a very intelligent man spoke up and said: Yes, many excellent things have been said about this threefold social order, and yet one cannot understand it, because justice is supposedly brought about only through the political state—that is, through one third of the social organism—but justice must also exist in economic life and in spiritual life. At the time, I had to respond with an analogy. I said: “Well, let’s suppose a family in the countryside consists of the husband and wife, a couple of children, farmhands, maidservants, and three cows. The whole family needs milk, just as all three members of the social organism need justice. But does that mean every member of the family has to produce milk? That is certainly not necessary; rather, they will all be well supplied with milk if the three cows produce it. The same is true of the threefold structure of the social organism. The point is precisely that all three members should truly have justice, but they will have it only if justice is truly produced by the state organism—the middle member—just as milk is produced by the cows. People’s thinking is so twisted that they believe they must impose the most sophisticated concepts onto even the simplest ideas.
[ 22 ] Gewiß, die Leute sind nicht dumm, die solche Einwendungen machen. Man kann durchaus nicht sagen, daß die Leute dumm sind. Die Leute, die heute Einwendungen machen, schätze ich oftmals als sehr gescheit. Ich will nicht die Gescheitheit der Leute in Abrede stellen, sondern ich möchte mit der Umschreibung eines ShakespeareWortes «Ehrenwerte Männer sind sie alle» sagen: Gescheite Leute sind sie alle, alle, alle. Aber darauf kommt es an, daß man nicht bloß die gescheiten Gedanken findet, sondern daß man die richtigen Gedanken findet, daß man findet, was in der Wirklichkeit tatsächlich verwendet werden kann, gebraucht werden kann. Und auf ein gesundes Denken, ein Denken, das wirklich eindringen kann in die Wirklichkeit, kommt es an, gerade in der Geisteswissenschaft. Sie können nämlich die vertracktesten Gedanken haben in bezug auf das äußere physische Geschehen, da können Sie höchstens bei den elementarsten Dingen der reinen Mathematik und Technik nachweisen, wenn einer einen Kohl gemacht hat: Wenn einer eine Eisenbahnbrücke falsch baut, geht vielleicht beim dritten Eisenbahnzug, der darüber fährt, die Brücke kaputt. Aber nicht nachweisen können Sie zum Beispiel, nun, sagen wir, aus der medizinischen Wissenschaft heraus, wenn soundso viele Leute gesund werden und soundso viele Leute sterben, welchen Anteil daran die medizinische Wissenschaft gehabt hat. Da liegt die Sache nicht so klar. Und mit Bezug auf den sozialen Organismus, ja, da liegt die Sache erst recht unklar. Da können die Kurpfuschermethoden in der wüstesten Weise sich breit machen.
[ 22 ] Certainly, the people who raise such objections are not stupid. One certainly cannot say that these people are stupid. I often consider the people who raise objections today to be very intelligent. I do not wish to deny people’s intelligence, but I would like to paraphrase a line from Shakespeare—“All men are honorable”—to say: They are all, all, all intelligent people. But what matters is not merely finding clever ideas, but finding the right ideas—finding what can actually be applied and put to use in reality. And sound thinking—thinking that can truly penetrate reality—is what matters, especially in the spiritual sciences. For you may have the most intricate thoughts regarding external physical events, and at most you can demonstrate—in the most elementary areas of pure mathematics and technology—when someone has made a mistake: If someone builds a railroad bridge incorrectly, the bridge might collapse when the third train crosses it. But you cannot prove, for example—let’s say from the perspective of medical science—when so many people recover and so many people die, what part medical science played in that. There, the matter is not so clear. And with regard to the social organism—yes, there the matter is even less clear. There, quack methods can spread in the most rampant way.
[ 23 ] Da bat man schon das Gefühl: Dasjenige, was man als alten Aberglauben verlachte, das ist so recht eingezogen in der neueren Zeit, wenn auch auf anderen Gebieten. Sie kennen alle die Stelle im zweiten Teil des «Faust», wo wiederbelebt wird die mittelalterliche Homunkulus-Idee. Heute sind viele Menschen der Ansicht: Das ist Aberglaube, zusammensetzen zu wollen einen Homunkulus. — Es ist aber auch Aberglaube, aus bloßen Verstandesurteilen das zustande zu bringen. Sie denken aber nicht daran, daß sie den Aberglauben nur verpflanzt haben auf ein anderes Gebiet. Das, was heute als soziale Theorien existiert, das will den sozialen Homunkulus produzieren, das will aus dem bloßen Verstand heraus etwas künstlich zusammensetzen. Gerade auf das Entgegengesetzte geht diese Dreigliederung. Sie geht nicht darauf hin, ein künstliches Programm aufzustellen, sondern zu suchen, wie sich die Menschen zusammenfinden müssen in der Dreigliederung, um aus sich heraus dasjenige zu finden, um was es sich handelt. Sie geht gerade auf die Wirklichkeit, auf die Wirklichkeit, in der innerhalb des sozialen Organismus eben die Menschen stehen. Weil sie so verschieden ist von demjenigen, was die Menschen sich als Homunkulus-Ideen gewöhnt haben zu denken in den letzten Jahrzehnten, deshalb wird die Sache heute noch so schwer begriffen. Deshalb findet man sie unverständlich, trotzdem sie eigentlich kaum irgendeinen unverständlichen oder einen nicht ganz leicht verständlichen Satz enthält. Das ist es, daß die Menschen verlernt haben, in gerader Weise zu denken, daß die Menschen überall befriedigt sind, wenn sie in die Ecken hinein denken. Weil sie nur befriedigt sind, wenn sie entweder über die Ecke denken sollen, oder wenn sie denken können, was ihnen befohlen wird zu denken von irgendeiner Seite.
[ 23 ] One was already tempted to think: What we used to dismiss as old superstition has actually taken root in modern times, albeit in different areas. You are all familiar with the passage in the second part of *Faust* where the medieval idea of the homunculus is revived. Today, many people believe that attempting to construct a homunculus is superstition. — But it is also superstition to bring this about through mere intellectual judgments. They do not realize, however, that they have merely transplanted this superstition into a different realm. What exists today as social theories seeks to produce the social homunculus; it seeks to artificially assemble something out of mere intellectual reasoning. This threefold order aims precisely at the opposite. It does not aim to establish an artificial program, but rather to seek how people must come together within the threefold order in order to find, from within themselves, what is at stake. It is directed precisely toward reality—the reality in which human beings themselves are situated within the social organism. Because it is so different from what people have become accustomed to thinking of as “homunculus ideas” in recent decades, this is why the concept is still so difficult to grasp today. That is why people find it incomprehensible, even though it actually contains hardly any sentences that are incomprehensible or not quite easy to understand. The point is that people have forgotten how to think in a straightforward way; they are satisfied everywhere when they think in a roundabout way. Because they are only satisfied when they are either supposed to think in a roundabout way, or when they can think what they are told to think by some authority.
[ 24 ] Auf der anderen Seite darf nicht unberücksichtigt bleiben, daß das, was dieser Dreigliederung zugrunde liegt, eben manches zusammenfaßt von dem, was einseitig da oder dort auftritt. Man kann nicht sagen, daß nicht in zahlreichen Köpfen auch fruchtbare soziale Ideen aufgetreten sind; sie sind aber meist einseitig. Ich muß daher sagen: Ich bin mit den Leuten, die mir etwas einzuwenden haben, meist einverstanden, aber sie sind es nicht mit mir. Das, was sie vertreten, ist von ihrem einseitigen Standpunkte aus richtig, aber damit kommt man nicht vorwärts, weil man sich mit einseitigen Standpunkten hineinreitet in irgendeine Realisierung, welche auf der anderen Seite wiederum Schaden hervorbringt. Es handelt sich darum heute, daß wir in umfassender Weise die Dinge treffen. Daß wir nicht zum Beispiel fragen: Was sollen wir mit dem Gelde machen? — Diese Frage, wie auch die Frage nach der Währung, wird auf dem Boden des selbständigen Wirtschaftslebens zur Lösung kommen. Das ist es, worauf es ankommt, daß man aus der Wirklichkeit heraus versteht. Man braucht nicht vom Verstande in den Einzelheiten ausspintisierte Programme, man braucht Impulse, die sich auf die Wirklichkeit beziehen. Wo man dann angreift, kommt man schon auf das Praktische. Nur die, die Theoretiker sind, während sie sich einbilden, Praktiker zu sein, sind so geartet, daß sie überall für das wirkliche Leben bestimmte Programme haben wollen. Um solche Programme kann es sich nicht handeln. Es ist etwas Fundamentales in dem, was diesem Aufrufe und dem eben vollendeten Buche zugrunde liegt. Es ist einmal auf dasjenige hingewirkt, was allein in den realen Impulsen des sozialen Lebens sein kann.
[ 24 ] On the other hand, we must not overlook the fact that what underlies this threefold division actually brings together many of the ideas that arise one-sidedly here and there. One cannot say that fruitful social ideas have not also emerged in numerous minds; however, they are mostly one-sided. I must therefore say: I usually agree with the people who take issue with me, but they do not agree with me. What they advocate is correct from their one-sided point of view, but that does not lead us forward, because one-sided viewpoints lead us into some kind of implementation that, in turn, causes harm on the other side. The point today is that we approach things in a comprehensive way. That we do not, for example, ask: What should we do with the money? — This question, as well as the question of currency, will be resolved on the basis of an independent economic life. That is what matters: understanding things based on reality. We do not need programs spun out of the mind in minute detail; we need impulses that relate to reality. Wherever we then take action, we will already be addressing practical matters. Only those who are theorists—while imagining themselves to be practitioners—are of such a nature that they want specific programs for real life in every area. Such programs are not what is at stake here. There is something fundamental in what underlies this appeal and the book just completed. It is directed, first and foremost, toward that which can exist solely in the real impulses of social life.
[ 25 ] Um mich darüber noch verständlicher zu machen, will ich einen Vergleich nehmen. Es ist oft gesagt worden: Würde ein einzelner Mensch sich auf einer Insel vom kleinen Kind auf entwickeln, so würde er niemals sprechen lernen. Sprechen lernt man nur in der menschlichen Gesellschaft. — Das ist richtig, da die Sprache eine soziale Erscheinung ist, weil die Sozietät notwendig ist, damit der Mensch sprechen kann. Nur in einer anderen Weise ist das aber auch für die sozialen Impulse in umfassendster Art richtig. Nur innerhalb des sozialen Organismus kann sich das soziale Leben für einen Menschen entwickeln. Ein einzelner Mensch kann niemals wirklich ein soziales Programm aufstellen, denn das innere, das individuelle Leben ist zu etwas ganz anderem da, als um soziale Programme aufzustellen. Man kann nur sagen: So und so müssen die Menschen stehen, so und so müssen die Menschen orientiert sein auf dem Gebiete des Geisteslebens, so und so auf dem politischen Gebiet und so und so in bezug auf das Wirtschaftsieben. Dann wird sich ergeben, was notwendig ist. Das ist es, worauf es ankommt. Denn wenn der Mensch seine einzelne Individualität verwendet, um heute im Zeitalter der Bewußtseinsseele, wo alles auf Individualität gebaut ist, ein soziales Programm zu entwickeln, was kommt dabei heraus? Ich möchte Ihnen ein Beispiel sagen: Sie reden heute von Bolschewiken, von Lenin und Trotzki. Nun ja, ich führe Ihnen einen dritten an, der neben diesen ein gründlicher Bolschewik ist, nur bemerken es die Leute nicht: Johann Gottlieb Fichte. Johann Gottlieb Fichte, den wir anerkennen als einen ganz idealen, als einen großartigen Denker. Lesen Sie den «Geschlossenen Handelsstaat». Das, was Fichte da als Programm entwickelt, unterscheidet sich so wenig von dem Bolschewiken-Programm, daß Sie ganz gut unterschieben könnten dem Trotzki den «Geschlossenen Handelsstaat » von Fichte. Woher kommt das? Das kommt daher, weil der einzelne Mensch heute ein soziales Ideal macht, und das hat Fichte auch getan. Fichte war nur noch in einem Zeitalter, wo an so etwas nicht gedacht werden konnte wie an die Verwirklichung dieses «Geschlossenen Handelsstaates». Erst die Kriegskatastrophe konnte dazu führen. Wenn der einzelne Mensch aus sich heraus ein umfassendes soziales Programm machen will, so wird es so. Dafür ist Fichte der Beweis. Es wird kein soziales Programm, so wenig wie der einzelne Mensch auf einer Insel sprechen lernt. Daher ist das Fundamentale dieses, daß man die Orientierung, die Struktur des sozialen Organismus finde. Darum handelt es sich nicht, Programme aufzustellen, sondern daß man die Art findet, wie die Menschen zusammenleben müssen, um das zu finden, was soziale Impulse sein können. Das steht auf dem Boden der Wirklichkeit, was sich an die Sozietät wendet und nicht an den einzelnen.
[ 25 ] To make myself even clearer on this point, I’ll use an analogy. It has often been said: If a single person were to develop from infancy onward on a desert island, he would never learn to speak. One can only learn to speak within human society. — This is true, since language is a social phenomenon; society is necessary for a person to be able to speak. But in a different sense, this is also true in the most comprehensive way for social impulses. Social life can develop for a person only within the social organism. A single human being can never truly formulate a social program, for inner, individual life exists for something entirely different than formulating social programs. One can only say: People must stand in such and such a way; they must be oriented in such and such a way in the realm of spiritual life, in such and such a way in the political realm, and in such and such a way with regard to economic life. Then what is necessary will emerge. That is what matters. For if a person uses his or her individuality to develop a social program today—in the age of the consciousness soul, where everything is built on individuality—what will come of it? Let me give you an example: You speak today of the Bolsheviks, of Lenin and Trotsky. Well, I’ll mention a third figure who, alongside them, is a thoroughgoing Bolshevik—only people don’t realize it: Johann Gottlieb Fichte. Johann Gottlieb Fichte, whom we recognize as a truly ideal, magnificent thinker. Read *The Closed Commercial State*. What Fichte develops there as a program differs so little from the Bolshevik program that you could quite easily attribute Fichte’s *The Closed Commercial State* to Trotsky. Where does this come from? It comes from the fact that today the individual human being is made into a social ideal, and that is exactly what Fichte did as well. Fichte simply lived in an era when it was inconceivable to even consider the realization of this “Closed Commercial State.” Only the catastrophe of war could have brought it about. When the individual seeks to create a comprehensive social program out of his own being, this is the result. Fichte is proof of this. It does not become a social program, any more than an individual on an island can learn to speak. Therefore, the fundamental point is to find the orientation, the structure, of the social organism. It is not a matter of drawing up programs, but of finding the way in which people must live together in order to discover what social impulses might be. This is grounded in reality—it addresses society as a whole, not the individual.
[ 26 ] Wie oft ist mir immer wieder und wiederum gesagt worden in den letzten Wochen: Ja, der und der stellt bestimmte Programme auf, die in allen einzelnen Punkten das soziale Leben regeln. — Darauf kommt es aber nicht an, das haben die Leute schon immer getan. Sehen Sie sich doch an, wie unzählige Utopien es gibt. Aber es soll eben keine Utopie sein, es soll das sein, was im praktischen Leben wirklich wurzelt. Und da ist schon notwendig, daß man ein Gefühl hat für das, was ich als Vergleich auch hier schon gebracht habe. Ich habe oft gesagt: Derjenige, der die geistigen Impulse nicht sieht in der äußeren Wirklichkeit, der kommt mir vor wie jemand, der ein halbrundes Stück Eisen hat. Es sagt ihm einer: Das ist ein Magnet, das zieht anderes Eisen an. — Er aber sagt: Ach was, das ist kein Magnet, damit beschlägt man doch nur die Rosse. — Das ist auch wahr. Die beiden unterscheiden sich nicht dadurch, daß der eine recht und der andere unrecht hat; aber das tiefere Recht hat doch der, der weiß, daß es ein Magnet ist und daß es Verschwendung ist, das Eisen als Hufeisen zu brauchen. So ist es auch mit der äußeren Wirklichkeit. Die haben recht, die von Materialität sprechen, aber der Geist erst macht die volle Wirklichkeit. Es handelt sich darum jetzt, daß man auf diesen Geist zurückkommt, aber es darf wahrhaftig nicht bei der Phrase bleiben.
[ 26 ] How often have I been told, time and time again, over the past few weeks: “Yes, so-and-so is drawing up certain programs that regulate every single aspect of social life.” — But that’s not the point; people have always done that. Just look at how many utopias there are. But this is not supposed to be a utopia; it is supposed to be something that is truly rooted in practical life. And for that, it is essential to have a sense of what I have already cited as an analogy here. I have often said: Anyone who fails to see the spiritual impulses in external reality strikes me as someone who has a semicircular piece of iron. Someone tells him: “That’s a magnet; it attracts other pieces of iron.” — But he says: “Oh, come on, that’s not a magnet; you just use it to shoe horses.” — That’s true, too. The two are not different in the sense that one is right and the other is wrong; but the deeper truth lies with the one who knows that it is a magnet and that it is a waste to use the iron as a horseshoe. So it is with external reality as well. Those who speak of materiality are right, but it is the spirit alone that constitutes full reality. The point now is to return to this spirit, but it truly must not remain merely a phrase.
[ 27 ] Es gehen jetzt durch die Welt mancherlei Prediger. Die machen es so, wie es diejenigen gemacht haben, die in Spiegelsälen oder in gut geheizten Zimmern von Nächstenliebe und Brüderlichkeit gesprochen haben. Wie ich schon sagte: Ofen, erfülle deine Ofenpflicht, — so sagen sie. So gehen Prediger durch die Welt und sagen: Über die Menschheit ist Unglück gekommen durch Materialismus. Die Menschen müssen sich wiederum zurückwenden zum Geiste. — Ja, sogar das konnte man erleben, daß diesem Aufruf der Vorwurf gemacht worden ist, er enthalte zu wenig Geist, er widme sich zu sehr dem materiellen Leben. Darauf kommt es nicht an, daß vom Geiste geredet wird, sondern darauf kommt es an, daß wir den Geist zu verwirklichen wissen. Nicht der ist wirklich auf dem Boden einer GeistErkenntnis, der immer nur redet: Geist, Geist, Geist —, sondern der, der den Geist so in sich aufnimmt, daß der Geist wirklich auch die Probleme des Lebens zu lösen vermag. Darauf kommt es an.
[ 27 ] All sorts of preachers are now roaming the world. They do things the same way as those who spoke of charity and brotherhood in hall of mirrors or in well-heated rooms. As I have already said: “Stove, fulfill your duty as a stove”—that is what they say. So preachers go about the world saying: Misfortune has befallen humanity because of materialism. People must turn back to the spirit. — Yes, one has even witnessed this call being criticized for containing too little spirit and for devoting itself too much to material life. What matters is not that we speak of the spirit, but that we know how to bring the spirit to life. It is not the one who merely keeps saying, “Spirit, spirit, spirit,” who truly stands on the ground of spiritual knowledge, but the one who absorbs the spirit within themselves in such a way that the spirit is truly able to solve the problems of life. That is what matters.
[ 28 ] Die Ermahnungen der Menschen, wiederum zum Geiste sich zurückzuwenden, die könnte man unterlassen. Wichtig ist es, daß man sich heute anstrengt, den Geist in sich tätig und lebendig zu machen. Aber das haben die Menschen nach und nach verlernt, indem ihnen gerade der Staat zu etwas geworden ist — ja, zu was denn? Im «Faust » steht, allerdings als Mädchenunterricht, und die Philosophen haben es nur mißverstanden, haben darin eine große Tiefe gesucht: Der Allumfasser, der Allerhalter, erhält er nicht dich, mich, sich selbst? Aber so redeten allmählich, besonders während der Kriegszeit, die Leute vom Staate. Der Allumfasser, der Allerhalter, erhält er nicht mich, dich, sich selbst? Im Unterbewußtsein war bei den Leuten, die solchen Unterricht gaben, natürlich das «mich» betont. Denn sie haben darauf ein großes Gewicht gelegt, daß sie ein etwas gediegenes, nach ihrer Art aber nicht sehr innerlich aktives Verhältnis zum Geiste hatten. Was hatten die Menschen für ein Verhältnis zum Geiste? Sie strebten darnach, daß ihre Nachkommen bis zu einem gewissen Jahr nach Anordnung des Staates zu Theologen, zu Juristen oder sonstigen Leuten gemacht worden sind. Dann sollten sie in den Staat hineinwachsen, sollten all dasjenige tun, was der Staat verlangt, sollten dazu ganz besonders tauglich sein. Aber die innere Aktivität, das ganze Dabeisein bei dem Weltprozeß, was der Nerv der Geisteswissenschaft ist, wo war das? Es lag darin, daß die Leute sagten: Ich will vom Staate mein Gehalt beziehen bis zu gewissen Jahren, dann aber meine sichere Pension haben, also so lange für den Staat arbeiten, als der Staat es vorschreibt; dann soll der Staat sorgen für eine Pension bis an mein Lebensende. Und dann, nach dem Lebensende, für das begründete man auch kein aktives Verhältnis, sondern ein passives: dann soll die Kirche sorgen für die ewige Seligkeit der Seele. Nun, so war man als passiver Mensch allerdings recht gut versorgt, zunächst in den Schoß des Staates gelegt, erzogen nach seinem Sinn, dann arbeitend für ihn, dann versorgt von ihm bis zum Tode, und dann sorgte die Kirche für die ewige Seligkeit, ohne daß man selber den Impuls des Ewigen in sich aufnahm. Ein herrlicheres Leben konnte man nicht führen. Ein Leben, ohne selbst etwas dazuzutun, das war immer mehr und mehr das Ideal der Menschen am Ende des neunzehnten Jahrhunderts geworden oder gar am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts. Aber es gab eben nur die Möglichkeit, so zu denken auf Grundlage jenes Unterbaues, von dem ich gesprochen habe: wo die Leute gar nicht versorgt waren bis zu ihrem Tode, sondern wo man höchst dürftig durch allerlei Versicherungswesen in letzter Zeit anfing, sie zu versorgen. Deshalb haben diese Leute dann auch angefangen, da nichts Rechtes mehr heraussprießen konnte aus der Weltanschauung der leitenden Kreise, deshalb haben sie auch angefangen, nicht mehr zu glauben an jene nachtodliche Alters- und Invalidenversicherung, welche durch die Kirche gegeben wurde mit Bezug auf die ewige Seligkeit.
[ 28 ] One could do without exhorting people to turn back to the spirit. What is important is that we make an effort today to make the spirit active and alive within ourselves. But people have gradually forgotten how to do this, precisely because the state has become something to them—yes, but what exactly? In *Faust* it is written—admittedly as a lesson for young girls—and the philosophers have merely misunderstood it, seeking great depth in it: Does not the All-Encompassing One, the All-Sustaining One, sustain you, me, and Himself? But this is how people gradually came to speak of the state, especially during wartime. The All-Encompassing One, the Sustainer of All—does He not sustain me, you, and Himself? In the subconscious of the people who imparted such teachings, the “me” was naturally emphasized. For they placed great importance on the fact that they had a somewhat dignified, though in their own way not very inwardly active, relationship to the Spirit. What kind of relationship did people have with the spirit? They strove to ensure that, by a certain age and in accordance with state regulations, their offspring would be trained as theologians, lawyers, or other professionals. Then they were to grow into the state, do everything the state demanded, and be particularly well-suited for it. But where was the inner activity, the full engagement with the world process—which is the very essence of spiritual science? It lay in the fact that people said: I want to receive my salary from the state until a certain age, but then have my secure pension—that is, work for the state for as long as the state prescribes; then the state shall provide for a pension until the end of my life. And then, after the end of life—for which no active relationship was established, but rather a passive one—the church was to provide for the soul’s eternal bliss. Well, as a passive person, one was indeed quite well provided for: first placed in the bosom of the state, raised according to its will, then working for it, then provided for by it until death, and then the church ensured eternal bliss without one’s having to embrace the impulse of the eternal within oneself. One could not lead a more glorious life. A life in which one contributed nothing oneself—that had increasingly become the ideal for people at the end of the nineteenth century, or even at the beginning of the twentieth century. But it was only possible to think this way on the basis of that foundation I spoke of: where people were not provided for at all until their death, but where, only recently, a very meager provision had begun through various insurance systems. That is why these people then began—since nothing worthwhile could any longer spring from the worldview of the ruling circles—to stop believing in that postmortem old-age and disability insurance provided by the Church with reference to eternal bliss.
[ 29 ] Sehen Sie, das ist es, wo angefaßt werden muß heute. Aber man faßt der Wirklichkeit gemäß nur an, wenn man praktisch zu denken vermag dasjenige, was in der Dreigliederung gegeben ist.
[ 29 ] You see, that is where we need to start today. But, in keeping with reality, we can only begin if we are able to think practically about what is given in the threefold social order.
