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The Rudolf Steiner Archive

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Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192

23 April 1919, Stuttgart

Zweiter Vortrag

[ 1 ] Heute möchte ich gewissermaßen episodisch etwas einfügen, was zu tun hat mit der das letztemal auch vor Ihnen hier erwähnten Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich möchte es als Episode einfügen gewissermaßen zu einer tieferen geisteswissenschaftlichen Betrachtung der Sache. Natürlich, manches von dem, was auch unsere heutigen Ausführungen begründen wird, müssen Sie aus der Gesamtheit der geisteswissenschaftlichen Weltanschauung nach und nach zusammennehmen. Man kann nicht in jedem einzelnen Vortrage weitläufig die Begründungen geben. Aber dasjenige, was uns äußerlich als die Notwendigkeit einer Dreigliederung des sozialen Organismus entgegentritt, das wollen wir heute einmal gewissermaßen von innen, von seiner Innenseite her betrachten, und es dadurch etwas vertiefen. Es ist eigentlich nicht schwierig für den, der sich etwas eingelebt hat in geisteswissenschaftliche Vorstellungen, bei sich eine Empfindung hervorzurufen von der großen Verschiedenheit der drei Lebensgebiete, in die der soziale Organismus nach unseren Intentionen gegliedert werden soll. Ist man nur einmal aufmerksam darauf, daß eine solche Dreigliederung etwas Ernsthaft-zu-Nehmendes ist, dann ergibt sich zunächst empfindungsgemäß eine mögliche Unterscheidung zwischen diesen drei Gebieten, die jedes einzelne stark unterschieden von den anderen wahrnehmen läßt.

[ 2 ] Diese drei Gebiete, sie sind Ihnen ja jetzt schon hinlänglich bekannt: das Gebiet dessen, was wir das geistige Leben nennen, insofern dieses geistige Leben sich ausgestaltet, sich offenbart in dem, was wir die physische Welt nennen, also der ganze Umfang des sogenannten — wenn ich das paradoxe Wort brauchen soll — physischen Geisteslebens. Wir wissen ja, was wir darunter zu verstehen haben. Dazu wird alles das gehören, was zusammenhängt mit den individuellen Fähigkeiten und Begabungen des Menschen. Für uns ist, im Gegensatz zu den materialistisch gesinnten Menschen, das Geistesleben nämlich etwas weit Ausgedehnteres, wie wir gleich nachher sehen werden, als für den materialistisch gesinnten Menschen. Wir sind nämlich genötigt, das Geistesleben viel materieller zu denken als die materialistischen Menschen, sofern wir vom physischen Geistesleben sprechen. Das hat ja schon manchen meiner Vorträge durchdrungen, daß das Geistesleben nur erfaßt werden kann, wenn man davon ausgeht, daß alles materielle Leben vom Geistigen wirklich konkret durchtränkt ist, so daß es für uns ein bloß Materielles gar nicht gibt, sondern immer dasjenige, was durch das Mittel des Materiellen sich offenbart, seinem inneren Wesen nach auch, ich sage auch, ein Geistiges ist. Kunst, Wissenschaft, Rechtsanschauungen, sittliche Impulse der Menschheit, alles das würde zunächst, grob gesprochen, den Umfang dieses Geisteslebens ausmachen. Vor.allen Dingen aber würde in den Umfang dieses Geisteslebens fallen alles das, was zur Pflege der individuellen Begabungen gehört, also das gesamte Erziehungs-, Unterrichts- und Schulwesen.

[ 3 ] Dann ist deutlich von diesem Leben eines wiederum zu unterscheiden, das in einer gewissen Weise zusammenhängt mit dem physischen Geistesleben, das aber doch sich prinzipiell von ihm unterscheidet. Das ist alles das, was man bezeichnen kann als Rechtsleben, als politisches Leben, als Staatsleben. Natürlich muß man sein Wahrnehmungsvermögen etwas einstellen auf deutliche Unterscheidungen auf diesem Gebiet, wenn man nicht in den Fehler verfallen will, sich zu sagen: das Rechtsleben ist ja im Grunde genommen das, was Rechtlichkeit ist. Aber wir, die wir gewohnt sind, genau und deutlich zu unterscheiden, wir werden unterscheiden müssen zwischen dem Erfassen von Rechtsideen, zwischen dem — wenn ich mich so ausdrücken darf — Inspiriertsein von Rechtsideen und dem Ausleben des Rechtes in der äußeren Welt. Wir werden von all diesen Dingen gleich genauer sprechen.

[ 4 ] Das dritte ist dann, das werden Sie leicht unterscheiden können von den beiden anderen, das Wirtschaftsleben. Nun steht der Mensch zu den drei Gebieten des Lebens, die wit eben verzeichnet haben, in einem ganz anderen Verhältnis. Wenn Sie versuchen, durch eine rein gesunde Empfindung aufzufassen dasjenige, was physisches Geistesleben ist, so werden Sie verspüren — versuchen Sie nur einmal, die Wahrnehmungsfähigkeiten der Seele in die Richtung zu lenken, von der ich jetzt gesprochen habe —, daß alles das, was irgendwie wurzelt in der individuellen Begabung, den individuellen Fähigkeiten des Menschen, gewissermaßen am allerinnerlichsten für die menschliche Natur verläuft, am allerinnerlichsten von der menschlichen Natur erzeugt wird. Geht man nun ganz wissenschaftlich an die Arbeit des Wahrnehmens heran, so findet man, daß alles, was sich auslebt in Kunst und Wissenschaft, in den Impulsen der Erziehung, empfunden werden kann als Geistig-Seelisches, das in uns lebt, wenn wir uns seiner Betätigung hingeben; so in uns lebt, daß wir es nur in der richtigen Weise innerlich erfahren können, wenn wir uns etwas zurückziehen aus der äußeren Welt. Gewiß, wir müssen es offenbaren in der äußeren Welt — das ist dann etwas anderes, als es innerlich zunächst erleben —, aber wir können als Menschen das, was sich in Kunst und Wissenschaft, in Erziehungsimpulsen auslebt, nicht konzipieren, nicht innerlich erfassen, wenn wir uns nicht etwas vom Leben zurückziehen können. Natürlich braucht das nicht ein Zurückziehen in eine Eremitenklause zu sein, man kann spazierengehen meinetwillen, aber man muß sich etwas zurückziehen, muß seelisch werden, muß in sich leben. Das ist etwas, was sich für eine ganz naive Empfindung, wenn sie nur ausgebildet werden will in der Menschenseele, für das physische Geistesleben ergibt, und was die Geisteswissenschaft so ausdrücken muß, daß sie sagt: Dieses physische Geistesleben wird von unserer Menschenseele so erlebt, daß wir ohne völlige Inanspruchnahme des Leibes dieses physische Geistesleben ausleben. Da muß Geisteswissenschaft, und das können Sie aus allem entnehmen, was Geisteswissenschaft Ihnen bisher gebracht hat, in der allerentschiedensten Weise gegen die materialistische Ausdeutung des Menschenwesens sich wenden, welche in dem Aberglauben lebt, daß sich, wenn man innerlich ausgestaltet, was dem physischen Geistesleben angehört, diese Ausgestaltung ganz restlos durch das Instrument des Gehirns, des Nervensystems und so weiter vollzieht. Nein, wir wissen, das ist nicht wahr. Wir wissen, daß ein selbständiges Innenleben im Menschen vorhanden sein muß, wenn Offenbarungen dieses physischen Geisteslebens zustande kommen sollen. Es geht etwas vor im Menschen bei diesem physischen Geistesleben, das nicht seine Parallelerscheinungen im physischen Leibe hat; es geht etwas vor, was nur abläuft innerhalb des geistig-seelischen Wesens im Menschen.

[ 5 ] Anders ist das, wenn wir diejenigen Impulse des Lebens ausbilden, die wir in unserer Dreigliederung auf eine demokratische Grundlage stellen wollen, wenn wir ausbilden, was gewissermaßen alle Menschen vor allen Menschen gleich erscheinen läßt. Das kann sich nur ausbilden, wenn wir uns bedienen der Werkzeuge unserer Leiblichkeit, die Mensch mit Mensch verbinden. Nicht innerliche Rechtsideen, aber Rechtsimpulse des Lebens, nicht innerlich sittliche Ideen, aber sittliche Impulse des Lebens, die also zwischen den Menschen tätig sind, die bilden sich aus, indem Mensch zu Mensch herantritt, Mensch gegen Mensch wirkt, Mensch und Mensch austauschen, was sie aneinander gegenseitig erleben. Diese Dinge bilden sich nur aus, wenn Menschen miteinander verkehren, wenn Menschen ihre leibliche Außenseite einander zukehren, wenn sie miteinander sprechen, wenn sie sich sehen, wenn sie durch Mitempfindung miteinander leben, kurz, nur im menschlichen Wechselverkehr kann das ausgebildet werden. Mit Bezug auf alles das, was sich auf Grundlage unserer individuellen Fähigkeiten ausbildet, also mit Bezug auf das, was in dem eben genannten Sinn unabhängig von unserer Leiblichkeit ist, sind wir als Menschen individuell gestaltet, jeder ein Eigener, jeder ein Individuum. Mit Ausnahme der viel geringeren Differenzierung, welche durch Rassenunterschiede, Volksunterschiede und dergleichen hervortreten, die aber eben als Differenzierung eine Kleinigkeit sind — wenn man nur ein Organ dafür hat, muß man das wissen — gegenüber der Differenzierung durch individuelle Begabungen und Fähigkeiten, mit Ausnahme davon sind wir mit Bezug auf unsere äußere physische Menschlichkeit, durch die wir als Mensch den Menschen gegenübertreten, durch die wir Rechtsimpulse, Sittenimpulse ausbilden, als Menschen gleich. Wir sind als Menschen gleich, hier in der physischen Welt, gerade durch die Gleichheit unserer menschlichen Gestalt, einfach durch die Tatsache, daß wir alle Menschenantlitz tragen. Dieses, daß wir alle Menschenantlitz tragen, daß wir uns als äußere physische Menschen begegnen, die miteinander auf dem demokratischen Boden die Rechtsimpulse, die Sittenimpulse ausbilden, dieses macht uns auf diesem Boden gleich. Wir sind verschieden voneinander durch unsere individuellen Begabungen, die aber unserer Innerlichkeit angehören.

[ 6 ] Das dritte, das wirtschaftliche Gebiet: Man braucht wahrhaftig nicht einer falschen Askese zuzuneigen, denn diese falsche Askese ist ganz gewiß gegen die Grundtendenz unserer gegenwärtigen Zeit, namentlich des Abendlandes — darüber haben wir oftmals gesprochen hier —, aber man kann wahrnehmen, wie das Wirtschaftsleben den Menschen gewissermaßen untertauchen läßt hier in der physischen Welt in einen Lebensstrom, in ein Lebensmeer, in dem er sich bis zu einem gewissen Grade als Mensch verliert. Haben Sie nicht die Empfindung, dem Wirtschaftsleben gegenüber, daß Sie untertauchen in etwas, was Sie nicht so Mensch sein läßt, wie das Rechts- oder Staatsleben? Noch mehr ist das der Fall gegenüber dem Leben, das aus Ihren individuellen Fähigkeiten, überhaupt aus den individuellen Fähigkeiten des Menschen fließt. Wir fühlen es, wie gesagt, ohne in falsche asketische Neigung zu verfallen, wir fühlen: dem Wirtschaftsleben gegenüber ist es so, daß wir aufhören, indem wir wirtschaften müssen, Vollmenschen zu sein. Wir müssen einen Tribut zahlen an das in uns, was untermenschlich ist, indem wir wirtschaften.

[ 7 ] Wir haben sozusagen dasjenige, was dem Wirtschaftsleben angehört als Warenproduktion, Warenzirkulation, Warenkonsum, auch wenn es sich hinaufsteigert zu geistigen Leistungen, die aber eben deshalb mit demselben Charakter wie Warenzirkulation des Wirtschaftslebens entstehen, weil wir Menschen sind und nicht Engel, wir wissen, daß auch das, was geistige Produktion ist, insofern das Wirtschaftliche dafür in Betracht kommt, den Charakter annimmt des Wirtschaftlichen, das in den materiellen Gütern verläuft. Und die materiellen Güter, die zur Befriedigung unseres Leiblichen notwendig sind, und geistige Leistungen, wie zahnärztliche und dergleichen, im Wirtschaftsleben müssen sie auch zuletzt durch den Warenaustausch dazu führen, daß der Zahnarzt durch das Wirtschaftsleben physisch leben kann. Irgendwie hängt das Wirtschaftsleben immer mit dem physischen Leben zusammen. Das ist aber etwas, was uns in eine gewisse, wenn auch ins Menschliche hinaufgehobene Beziehung zum Tierischen bringt. Es läßt uns untertauchen in dasjenige, was instinktiv mit dem Tier zusammen erlebt wird. Da haben Sie zunächst einer naiven, aber gesunden Empfindung gegenüber dasjenige, was die drei Gebiete für den einzelnen individuellen Menschen unterscheidet.

[ 8 ] Gehen wir jetzt tiefer geisteswissenschaftlich in die Sache ein. Der Geisteswissenschafter muß da besonders beobachten die Gliederung des menschlichen Lebens in der Zeit, die Entwickelung des menschlichen Lebens zunächst von der Geburt oder Empfängnis bis zum Tode. Derjenige, der sich ein Wahrnehmungsvermögen aneignet für den Verlauf des Menschenlebens, der wird stark beeindruckt sein davon, wie sich alles das, was individuelle Fähigkeiten des Menschen sind, in der allerersten Kindheit bedeutsam ankündigt. Für den, der sich dafür ein geistiges Auge und Lebenserfahrung angeeignet hat, für den ist stark vorhanden die Wahrnehmung der besonderen Ausgestaltung der Kindesseele. In dem was heranwächst in den drei ersten Lebensstufen vom ersten bis zum siebten, vom siebten bis zum vierzehnten, vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Jahr, in dem kündigt sich dasjenige wie aus einer inneren elementaren Kraft heraus an, was individuelle Fähigkeiten des Menschen sind. Und nicht nur das, was wir gewöhnlich geneigt sind, als individuelle Fähigkeiten des Menschen zu betrachten, kündigt sich da an, sondern damit hängt dann zusammen, ob wir physisch stark oder schwach sind, ob wir mehr oder weniger Muskelarbeit leisten können. Da ist es, wo wir das Geistige mehr in Materielles ausdehnen müssen als die materialistisch Denkenden. Geistig angeschaut sehen wir einen guten Zusammenhang zwischen der Ausgestaltung des Muskelsystems und der individuellen Veranlagung des Menschen. Alles das hängt für den, der das Menschenwesen beobachten kann, mit der Entwickelung des menschlichen Hauptes zusammen. Auch sogar in den äußeren Formen, ob einer starke Beine hat oder schwache, ob einer viel laufen kann, das sieht der, der sich einen geistigen Blick erworben hat, schon dem Kopfe an, gerade dem Kopfe. Ob einer geschickt oder ungeschickt ist, sieht man dem Kopfe des Menschen an. Diese sogenannten physischen Fähigkeiten des Menschen, die eng zusammenhängen mit seiner Eignung für äußere materielle, manuelle Arbeit, sie hängen mit der Ausgestaltung des Kopfes zusammen. Nun wissen Sie, was ich Ihnen über die Ausgestaltung des Kopfes wiederholt gesagt und aus den verschiedensten Untergründen heraus begründet habe. Ich habe Ihnen gesagt: Alles das, was im menschlichen Haupte zur Ausgestaltung kommt, was dem menschlichen Haupte seine Konfiguration, seine Formung gibt, das weist hin auf das Vorgeburtliche, das weist hin auf dasjenige, was der Mensch aus den geistigen Welten, sei es aus der geistigen Welt selbst oder sei es aus vorhergehenden Erdeninkarnationen, sich durch die Geburt mit herein ins physische Leben bringt. Indem nun ein Zusammenhang geschaut wird zwischen allen individuellen Fähigkeiten des Menschen, seien sie nun geistige oder manuelle Fähigkeiten, gerade mit der Ausbildung des menschlichen Hauptes, wird man dann weitergeleitet in seinem Schauen, so daß man alles, was aus der individuellen Fähigkeit des Menschen hervorgeht, zurückleitet auf das vorgeburtliche Leben.

[ 9 ] Sehen Sie, das ist es, was den Geisteswissenschafter zu einer für ihn so bedeutungsvollen Beleuchtung dessen führt, was physisches Geistesleben ist. Physisches Geistesleben ist deshalb hier in der physischen Welt, weil wir als Menschen uns etwas durch die Geburt mit hereinbringen. Alles physische Geistesleben, in dem Umfang, wie ich heute davon zu Ihnen gesprochen habe, entsteht nicht bloß aus dieser physischen Welt heraus, es entsteht aus denjenigen Impulsen heraus, die wir hereintragen durch unsere Geburt aus der geistigen Welt in das physische Dasein. Indem wir Menschen sind, die hereinbringen in das physische Dasein Nachklänge eines übersinnlichen Daseins, gestalten wir in der menschlichen Gesellschaft hier in der physischen Welt dasjenige aus, was dieses physische Geistesleben ist. Es gäbe keine Kunst, es gäbe keine Wissenschaft, höchstens eine Experimentalbeschreibung, eine Beschreibung von Experimenten, es gäbe keine Erziehungsimpulse, wir könnten die Kinder nicht erziehen, wir könnten keine Schulbildung erteilen, wenn wir nicht durch die Geburt Impulse aus dem vorgeburtlichen Leben in das physische Leben hineinbrächten. Das ist das eine.

[ 10 ] Nun bitte, nehmen Sie alles das, was Sie an Beschreibung der übersinnlichen Welt in meiner «’Theosophie» oder in der «Geheimwissenschaft» finden. Nehmen Sie insbesondere das, was in diesen Büchern gesagt ist aus der übersinnlichen Welt heraus über die Beziehungen, die da herrschen zwischen Menschenseele und Menschenseele, wenn diese Seelen entkörpert sind, wenn diese Seelen leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Sie wissen, wir müssen da von ganz anderen Beziehungen von Seele zu Seele sprechen, als diejenigen, von denen wir hier in der physischen Welt sprechen können. Sie erinnern sich, wie ich zusammengesetzt habe das, was von Seele zu Seele erlebt wird, aus Grundklängen, die hier in schattenhaften Bildern vorhanden sind. Sie erinnern sich der Beschreibung in der « Theosophie » des Lebens in der Seelenwelt, wie ich von gewissen Wechselwirkungen, von in der physischen Welt nicht vorhandenen Seelen- und Astralkräften sprechen mußte, indem ich das entkörperte Leben in der übersinnlichen Welt zwischen dem Tod und einer neuen Geburt schildern wollte. Da steht Seele zu Seele in einer inneren Beziehung. Da ist ein Verhältnis von Seele zu Seele, welches durch die innere Kraft der Seele selbst hervorgerufen wird. Durchdringt man sich nun ganz fest mit dem, was so als Verhältnis von Seele zu Seele existiert in der übersinnlichen Welt, faßt man das ins Auge und macht man sich so recht gegenständlich, was so existiert, dann bekommt man, wenn man in der richtigen Weise vergleicht, eine merkwürdige Anschauung heraus. Sie wissen, es beruht auf solch inneren Tendenzleistungen sehr vieles, was zur Erkenntnis in der übersinnlichen Welt, oder auch zur Erkenntnis der Zusammenhänge der übersinnlichen mit der sinnlichen Welt führt. Man wird da direkt auf das Rechts-, Staats- oder politische Leben geleitet, und zwar so, daß es keinen größeren Gegensatz gibt gegen die besondere Ausgestaltung des übersinnlichen Lebens als das politische, das Rechtsleben hier auf dem physischen Plan. Das sind die beiden großen Gegensätze, und man empfindet diese Gegensätze, wenn man in sachgemäßer Weise das übersinnliche Leben kennenlernt. Das übersinnliche Leben hat gar nichts von dem, was durch Rechtssatzungen oder äußere Sittenimpulse geregelt werden kann, denn da wird alles durch innere Seelenimpulse geregelt. Hier, im physischen Leben, wird der volle Gegensatz aufgestellt, indem man das Staatsleben mit seiner Grundnuance aufstellt, weil uns durch die Geburt dasjenige verlorengeht, was in der Seele lebt als Grundimpulse, die von Seele zu Seele das Verhältnis herstellen; weil das verlorengeht, weil wir uns das Gegenteil hier aneignen zwischen Geburt und Tod. Dieses Gegenteil sind die Rechtssatzungen, die existieren; die stellen her, was hergestellt werden muß, das Rechtsverhältnis, weil der Mensch das, was in der übersinnlichen Welt das Verhältnis von Seele zu Seele angeht, verloren hat. Das sind die beiden Pole: übersinnliches Verhältnis von Seele zu Seele — Staatsverhältnis hier auf dem physischen Plan.

[ 11 ] Von Mensch zu Mensch tragen wir in die physische Geisteskulturwelt etwas herein, was uns durch die Geburt als Nachklang bleibt aus der übersinnlichen Welt. Wir breiten gleichsam einen Glanz über das Leben aus dadurch, daß wir hereinleuchten lassen das, was wir in die Welt hineintragen, indem wir es zu offenbaren suchen in Kunst, Wissenschaft und Erziehung der anderen Menschen. Das ist mit dem Rechtsleben etwas anderes. Das müssen wir hier begründen auf der physischen Erde als einen Ersatz für das, was wir in übersinnlicher Beziehung verlieren, indem wir durch die Geburt in das physische Dasein hereinkommen.

[ 12 ] Das gibt Ihnen zu gleicher Zeit einen Begriff davon, was gewisse religiöse Urkunden meinen — und Sie wissen, inwiefern religiöse Urkunden immer etwas durchdrungen sind von diesen oder jenen okkulten Wahrheiten —, wenn sie sprechen von dem berechtigten «Fürsten dieser Welt». Sie meinen, wenn sie davon sprechen: der Staat soll sich nur ja nicht darauf einlassen, dasjenige verwalten zu wollen, was der Mensch sich durch die Geburt aus der übersinnlichen Welt als deren Abglanz hereinbringt in die physische Welt. Er soll sich darauf beschränken, den rechtlichen Fürsten auszubilden, der das gerade Gegenteil hier im Staatsleben ausgestaltet: das Leben, das wir brauchen, weil uns die Impulse der geistigen Welt, indem wir durch die Geburt gegangen sind, verlorengingen. Das Staatsleben hat die Aufgabe, das auszubilden, was notwendig ist für den Menschenverkehr in der physischen Welt; es hat nur eine Bedeutung für das Leben zwischen Geburt und Tod.

[ 13 ] Sehen wir uns das dritte an, das Wirtschaftsleben. Da wird etwas gesagt werden müssen, was ganz besonders paradox ist: Wir tauchen, kraß ausgedrückt, gewissermaßen unter in ein Untermenschliches, indem wir uns in das Wirtschaftsleben einlassen. Dadurch aber zieht immer etwas vor unsere Seele, indem wir uns in das Untermenschliche einlassen. Und das können Sie ja spüren. Denken Sie einmal, wie sehr Sie sich anstrengen müssen in sich, aktiv, wenn Sie sich der geistigen Kultur hingeben, und wie gedankenlos manche Menschen sein können im bloßen Wirtschaftsleben. Man überläßt sich oftmals den Trieben und Instinkten. Das Wirtschaften geht eben überhaupt ohne viel unmittelbar innerlich aktives Denken vor sich. Aber jedenfalls: wir tauchen unter in ein Untermenschliches. Da bewahrt sich die Seele innerlich etwas zurück. Geisteswissenschaftlich gesprochen ist der Körper mehr angestrengt, wenn wir bei einer materiellen Tätigkeit sind, als man sogar gewöhnlich glaubt. Wir müssen, wenn wir vom Wirtschaftsleben sprechen, auch von dem Endgliede des Wirtschaftsprozesses sprechen, von Essen und Trinken. Wir müssen uns klar sein, daß da nicht ein voller Parallelismus ist zwischen leiblicher und geistiger Tätigkeit, daß da der Körper überwiegt in bezug auf die Tätigkeit gegenüber dem Geistig-Seelischen. Aber dieses GeistigSeelische, das entwickelt dann eine stark unbewußte Tätigkeit. Und in dieser unbewußten Tätigkeit liegt ein Keim. Diesen Keim, den tragen wir durch die Pforte des Todes. Die Seele kann gewissermaßen ruhen, wenn wir wirtschaften. Das aber, was äußerlich dem Bewußtsein als Ruhe erscheint, das entwickelt einen Keim, der durch die Pforte des Todes getragen wird. Und entwickeln wir gar moralisch die Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben, wie ich es jetzt immer schildere, dann tragen wir einen guten Keim durch die Pforte des Todes, gerade durch das, was wir als Mensch dem Menschen gegenüber im Wirtschaftsleben entwickeln. Mag es Ihnen materialistisch erscheinen, wenn ich sage: Gerade in der Brüderlichkeit des Wirtschaftslebens legt sich der Mensch in die Seele die Keime für sein Leben nach dem Tode, während er in dem, was Geisteskultur ist, von der Erbschaft desjenigen zehrt, was er hereinbringt aus vorgeburtlichem Leben, — mag Ihnen das materialistisch erscheinen, es ist wahr, einfach wahr gegenüber der geisteswissenschaftlichen Forschung. Mag es Ihnen materiell erscheinen, daß ich Ihnen sage: Wenn Sie untertauchen in die Tierheit, sorgt Ihre Menschheit dafür, daß Sie das Übersinnliche für die Zeit nach dem Tode entwickeln — es ist so. Der Mensch ist ein dreigliedriges Wesen. Er hat in seinem Wesen ein Erbgut aus vorgeburtlicher Zeit, er entwickelt etwas, was zwischen der Geburt und dem Tode allein Gültigkeit hat, er entwickelt hier in der physischen Welt etwas, durch das er anknüpft das Zukunftsleben nach dem Tode an das physische Leben hier. Dasjenige, was hier ausgestaltet wird, was hier geoffenbart wird als Lebensglanz und Lebenszukunft und Lebensinteresse in der physischen Geisteskultur, das ist ein Erbgut der geistigen Welt, das wir uns hereinbringen in die physische Welt. Indem wir dieses Geistesgut erleben, es recht erleben, erweisen wir uns als Angehörige der geistigen Welt, bringen in die physische Welt einen Abglanz der übersinnlichen Welt, die wir durchlaufen haben vor unserer Geburt und Empfängnis.

[ 14 ] Die abstrakte Wissenschaft, auch die abstrakte Philosophie, redet ja natürlich immer im Abstrakten herum. Die redet davon, man müsse die Ewigkeit der Substanz, also das, was von der menschlichen Substanz bei der Geburt vorhanden ist, dann bleibt, und dann wiederum durch den Tod geht, beweisen. Solche Beweise können nie aus dem bloßen Denken gelingen. Die Philosophen haben sie auch immer gesucht, aber es hat der Beweis niemals standgehalten gegenüber dem inneren logischen Gewissen, weil die Sache einfach nicht so ist. Mit der Unsterblichkeit verhält es sich nämlich viel geistiger. Nichts irgendwie Materielles, geschweige denn Substantielles ist in einer solchen Weise vorhanden. Was vorhanden ist, ist das Bewußtsein, das Bewußtsein nach dem Tode, das zurückschaut in diese Welt. Das ist das, was wir betrachten müssen, wenn wir die Unsterblichkeit betrachten. Wir müssen viel immaterieller werden, als selbst die abstrakten Philosophen, wenn wir von diesen höheren Dingen reden. Aber die Sache ist so, daß wir das, was ich eben charakterisiert habe, als einen Abglanz der übersinnlichen Welt, den wir offenbaren als den Schmuck, den Glanz des Lebens hier, daß wir den verbrauchen und neu anknüpfen hier im physischen Leben, daß wir ein neues Kettenglied unseres ewigen Daseins hier anknüpfen müssen, das wir durch den Tod tragen. Wenn jemand nur an das denkt, was sich fortsetzt in dieses Leben hinein: wenn er konsequent forscht, muß der Faden abreißen; nur wenn er weiß, daß er ein neues Kettenglied ansetzt, das hinausgeht über den Tod, kommt er an die Unsterblichkeit heran.

[ 15 ] So ist der Mensch dieses dreigliedrige Wesen. Er entwickelt in sich Fähigkeiten, die diesen Abglanz der übersinnlichen Welt in dieses Leben hereintragen. Ein Leben entwickelt er, das die Brücke bildet zwischen dem vorgeburtlichen und dem nachtodlichen Leben, und das sich auslebt in all dem, was nur seine Wurzel hat in dem Leben zwischen Geburt und Tod, was sich äußerlich darstellt in dem äußerlichen Rechts-, Staatsorganismus und so weiter. Und indem er untertaucht in das Wirtschaftsleben, und indem er in der Lage ist, in diesem Wirtschaftsleben ein Moralisches zu pflanzen, das Brüderliche, entwickelt er die Keime für das nachtodliche Leben. Das ist der dreifache Mensch.

[ 16 ] Und denken Sie sich diesen dreifachen Menschen nun seit dem fünfzehnten Jahrhundert in einer solchen Entwickelungsphase, daß er alles das, was früher instinktiv war, bewußt ausbilden muß. Dadurch ist er heute in die Notwendigkeit versetzt, daß sein äußeres soziales Leben ihm Anhaltspunkte bietet, daß er drinnen stehe mit seiner dreifachen Menschlichkeit in einem dreifachen Organismus. Wir können nur, weil wir drei ganz verschiedene Wesensglieder, das Vorgeburtliche, das Irdischlebendige, das Nachtodliche in uns vereinigen, in dem sozialen Organismus richtig drinnen stehen in drei Gliedern. Sonst kommen wir als bewußte Menschen in einen Mißklang mit der übrigen Welt. Und wir werden immer mehr und mehr dahin kommen, wenn wir nicht danach trachten würden, diese umliegende Welt als dreigliedrigen sozialen Organismus zu gestalten.

[ 17 ] Sehen Sie, da haben Sie die Sache verinnerlicht. Ich versuche zu zeigen, wie sich der geisteswissenschaftlichen Forschung der Finger bietet, um den dreigliedrigen sozialen Organismus zu finden; wie er gefunden werden muß aus der menschlichen Natur selber heraus. Auf den bloßen Gedanken von dem, was ich jetzt entwickelt habe, auf den sind ja manche Menschen schon gekommen. Aber ich habe mich in öffentlichen Vorträgen und auch sonst immer dagegen verwahrt, daß, wenn ich auch Anhaltspunkte gebe für diese Gedanken, man das verwechselt mit den Gedanken des alten Schäffle «Vom Bau des sozialen Organismus», oder mit den Dilettantismen des jüngst erschienenen Buches von Meray über «Weltmutation», oder ähnliche Dinge. Solche Analogiespiele treibt der Geisteswissenschafter nicht; sie sind höchst unfruchtbar. Das, was ich möchte, auch wenn ich spreche über sozialen Organismus, das ist, daß der Mensch seine Gedanken schult. Die allgemeine Gedankenschulung ist heute nicht einmal so weit, daß in der Naturwissenschaft begriffen würde, was ich nach fünfunddreißigjähriger Forschung in meinem Buche «Von Seelenrätseln» dargestellt habe, wo ich gezeigt habe, daß das ganze menschliche Wesen besteht aus den drei Gliedern: Nerven-Sinnesleben, Rhythmusleben, Stoffwechselleben. Das Nerven-Sinnesleben kann man auch das Kopfleben nennen, das rhythmische Leben kann man auch das Atmungsleben, das Blutleben nennen, das Stoffwechselleben ist das, was den übrigen Organismus konstruktionsmäßig umfaßt. Ebenso wie dieser menschliche Organismus dreigegliedert ist und jedes der Glieder in sich zentriert ist, so muß sich auch der soziale Organismus dadurch zeigen, daß jedes seiner Glieder gerade dadurch für das Ganze wirkt, daß es in sich zentriert ist. Die heutige Physiologie und Biologie glaubt, daß der Mensch ein zentralisiertes Wesen als Ganzes ist. Das ist nicht wahr. Sogar bis in die Kommunikation nach außen ist der Mensch ein dreigliedriges Wesen: das Kopfleben steht dutch die Sinnenwelt selbsttätig mit der Außenwelt in Verbindung, das Atmungsleben ist verbunden mit der Außenwelt durch die Luft, das Stoffwechselleben wiederum steht durch selbständige Öffnungen mit der Außenwelt in Beziehung. In dieser Weise muß auch der soziale Organismus dreigliedrig sein, jedes Glied in sich zentriert. Wie der Kopf nicht atmen kann, sondern das, was durch die Atmung vermittelt wird, durch das rhythmische System empfängt, so soll der soziale Organismus nicht selber etwa ein Rechtsleben entwickeln wollen, sondern er soll das Recht empfangen von dem Staatsorganismus.

[ 18 ] Aber ich sagte: Man darf das, was hier auseinandergesetzt wird, nicht verwechseln mit dem bloßen Analogiespiel, das dann eintritt, wenn man allerlei Hypothesen sucht. Geisteswissenschaft ist wirkliche Forschung und geht auf die Erscheinungen los. Wenn man Geisteswissenschafter ist, glauben nur die anderen Menschen, man denke etwas aus. Bevor man richtiger Geistesforscher ist, fängt man nur an, diese geistige Welt zu beobachten. Man muß sich das Denken erst abgewöhnen; das gilt für die physische Welt. Natürlich nicht für das ganze Leben abgewöhnen, sondern bloß für die geistige Forschung.

[ 19 ] Ich habe Ihnen gesagt, man kommt in der Regel auf das Verkehrte, wenn man nach Analogien der sinnlichen Welt die geistige Welt charakterisieren will. Erinnern Sie sich an ein Beispiel. Die Geistesforschung zeigt, daß die Erde eigentlich ein Organismus ist; daß das, was die Geologen, die Mineralogen finden, ein Knochensystem nur ist, daß die Erde lebend ist, daß sie schläft und wacht wie der Mensch. Aber jetzt kann man nicht äußerlich nach einem Analogiespiel gehen. Wenn Sie äußerlich einen Menschen fragen: Wann wacht die Erde und wann schläft die Erde? — dann wird er ganz gewiß sagen: Sie wacht im Sommer und schläft im Winter. — Das ist das Gegenteil von dem, was wahr ist. Das Wahre besteht darin, daß die Erde tatsächlich im Sommer schläft und im Winter wach ist. Auf das kommt man natürlich nur, wenn man wirklich in der geistigen Welt forscht. Das ist das Vexierspiel, was das geistige Forschen so leicht dem Irrtum aussetzt, daß, wenn man etwas hineinträgt aus der physischen in die geistige Welt, man zumeist auf das Gegenteil oder auf Viertelswahrheiten kommt. Man muß eben jeden einzelnen Fall erforschen.

[ 20 ] So ist es auch mit dem Analogiespiel, das die Leute treiben zwischen den drei Gliedern des individuellen Organismus und den drei Gliedern des sozialen Organismus. Was wird derjenige sagen, der dieses Analogiespiel treibt? Er muß sagen: Außen ist ein Geistesleben, Kunst, Wissenschaft. Das wird er in Parallele ziehen mit dem, was der menschliche Kopf hervorbringt, mit dem Nerven-Sinnesleben. Wie sollte er anders! Dann wird er, wenn er das gelten läßt, was ich in meinen «Seelenrätseln» angeführt habe, als das Materiellste das Stoffwechselleben mit dem Wirtschaftsleben in Zusammenhang bringen. Das ist das Verkehrteste, was herauskommen kann. Und man kommt auf keinen grünen Zweig, wenn man die Sache so ansehen will. Deshalb muß man sich, um zur Wahrheit zu kommen, alles Spielen mit Analogien abgewöhnen. Die außer der Geisteswissenschaft Stehenden glauben, daß man durch ein Gedanken-Analogiespiel zu diesen Dingen komme. Das ist das Allertäuschendste. Es paßt nichts, wenn man das äußere physische Geistesleben mit dem Kopfleben parallelisiert. Es paßt nichts, wenn man das Wirtschaftsleben mit dem Stoffwechselleben zusammenhält. Sobald man eingehen will auf die Sache, so paßt nichts. Wenn man wirklich forscht, so erhält man ein sehr paradoxes Resultat. Wenn man vergleicht den sozialen Organismus mit dem menschlichen Organismus, so kommt man nur zurecht, wenn man sich den sozialen Organismus umgekehrt hingestellt denkt: Wenn man das Wirtschaftsleben mit dem menschlichen NervenSinnesleben vergleicht. Dann allerdings kann man vergleichen das Staatsleben mit dem rhythmischen System. Aber das physische Geistesleben, das muß man mit dem Stoffwechsel vergleichen, denn da sind ähnliche Gesetze vorhanden. Denn das, was als Naturgrundlage vorhanden ist für das Wirtschaftsleben, das ist für den sozialen Organismus ganz gleichbedeutend mit den individuellen Befähigungen, die der Mensch durch die Geburt mitbringt. Wie der Mensch im individuellen Leben von der Erziehung, von dem, was er mitbringt, abhängt, so hängt der wirtschaftliche Organismus ab von dem, was die Natur ihm liefert durch eigene Vorbedingungen des Wirtschaftslebens. Die Vorbedingungen des Wirtschaftslebens, der Boden und so weiter, ist dasselbe wie die individuellen Begabungen, die der Mensch mitbringt in das individuelle Leben. Wieviel Kohle, wieviel Metalle unter der Erde sind, ob ein fruchtbarer oder unfruchtbarer Boden vorhanden ist, das sind gewissermaßen die Begabungen des sozialen Organismus.

[ 21 ] Und in demselben Verhältnis, in dem das Stoffwechselsystem des Menschen zu dem menschlichen Organismus und seinen Funktionen steht, in diesem Verhältnis stehen die menschlichen Hervorbringungen des Geisteslebens zum sozialen Organismus. Der soziale Organismus ißt und trinkt dasjenige, was wir ihm zuführen in Form von Kunst, Wissenschaft, technischen Ideen und so weiter. Davon nährt er sich. Das ist sein Stoffwechsel. Ein Land, das ungünstige Naturbedingungen für sein Wirtschaftsleben hat, ist wie ein Mensch, der schlecht begabt ist. Und ein Land, dem seine Bewohner nichts zuführen an Kunst, an Wissenschaft, an technischen Ideen, das ist wie ein Mensch, der verhungern muß, weil er nichts zu essen hat. — Das ist die Realität, das ist die Wirklichkeit. Der soziale Organismus ißt unsere geistigen Erzeugnisse und trinkt sie. Und die Befähigungen, die Begabungen des sozialen Organismus, das sind die Naturbedingungen. Der Vergleich des geistigen Organismus mit dem Kopfleben hat nur so lange eine Bedeutung, solange man ein Analogiespiel treibt. Dann erst kommt man auf das Richtige, was einem helfen kann, wenn man weiß, daß die Sache so ist, daß die Gesetze so sind, wie ich es dargestellt habe. Man kann wissen: die Gesetze des menschlichen Stoffwechsels sind diese. Aber dabei muß man dasselbe Denken anwenden, das man anwendet auf den sozialen Organismus, und dann bekommt man das weitere leicht heraus. Geistige Dinge ohne solchen Leitfaden zu treiben, ist außerordentlich schwierig und langwierig. Weil heute dadurch, daß manchmal ein Analogiespiel getrieben wird, eine starke Abneigung vorhanden ist gegen dieses Parallelisieren des sozialen Organismus mit dem menschlichen Organismus, habe ich das in meinem Buche nur gestreift; aber ich versuchte es wenigstens anzudeuten, weil für die, welche die Sache gesund denken, es wiederum eine große Hilfe sein kann.

[ 22 ] So sehen Sie, daß wir heute als Menschen in einer eigentümlichen Lage sind. Die Naturwissenschaft, welche diese großen Fortschritte gemacht hat, welche die Denkgewohnheiten der Menschen so beeinflußt hat, daß im Grunde genommen alles soziale Denken bei den Leuten, die sozial denken, naturwissenschaftlich orientiert wird, wenn sie es auch nicht wissen — die Naturwissenschaft ist nicht fähig, den Menschen in der richtigen Weise zu beurteilen. Sie sagt zum Beispiel den krassen Unsinn: Wenn Sie etwas fühlen, das Gefühl sei auch durch das Nervensystem vermittelt. Es ist der reine Unsinn. Das Gefühl ist direkt ebenso durch das Atmungssystem, das rhythmische System vermittelt, wie der Gedanke durch das NervenSinnessystem. Und der Wille ist durch den Stoffwechsel vermittelt, gar nicht durch das Nervensystem in elementarer Weise. Erst der Gedanke des Wollens ist durch das Nervensystem vermittelt. Nur indem Sie als Menschen ein deutliches Bewußtsein haben von dem Wollen, ist das Nervensystem beteiligt. Indem Sie Ihr Wollen mitdenken, ist das Nervensystem beteiligt. Weil man das nicht weiß, ist herausgekommen jenes furchtbar Beirrende der heutigen Physiologie und Anatomie, daß man sensitive Nerven und Bewegungsnerven unterscheidet. Es gibt gar keine krassere Unrichtigkeit als diese Unterscheidung der sensitiven Nerven und Bewegungsnerven im menschlichen Leibe. Die Anatomen sind immer in Verlegenheit, wenn sie dieses Kapitel besprechen, aber sie kommen nicht darüber hinaus. Sie sind in furchtbarer Verlegenheit, weil sich anatomisch diese beiden Arten von Nerven nicht unterscheiden. Das ist reine Spekulation. Und alles das, was sich durch Untersuchungen der Tabes anschließt, das ist durchaus alles ohne Halt. Die Bewegungsnerven unterscheiden sich nicht von den sensitiven Nerven, weil die Bewegungsnerven nicht dazu da sind, die Muskeln in Bewegung zu setzen. Die Muskeln werden in Bewegung gesetzt durch den Stoffwechsel. Und während Sie mit den sogenannten sensitiven Nerven auf dem Umweg durch die Sinne die Außenwelt wahrnehmen, nehmen Sie mit den anderen Nerven ihre eigenen Bewegungen, die Muskelbewegungen wahr. Die heutige Physiologie nennt sie nur falscherweise Bewegungsnerven.

[ 23 ] Solche furchtbaren Vorurteile sind in der Wissenschaft und korrumpieren das, was in das populäre Bewußtsein übergeht und viel korrumpierender wirkt, als man gewöhnlich denkt,

[ 24 ] Also die Naturwissenschaft ist nicht so weit, diesen dreigliedrigen Menschen zu durchschauen. In der Naturwissenschaft kann man warten, ob theoretische Anschauungen ein paar Jahre früher oder später populär werden. Das macht nichts aus für das Glück der Menschen. Aber das Denken ist nicht vorhanden, um diesen dreigliedrigen Menschen zu begreifen. Dieselbe Art zu denken muß aber vorhanden sein, um den sozialen Organismus in seiner Dreigliedrigkeit zu begreifen. Da wird die Sache ernst. Da stehen wir heute an dem Zeitpunkte, wo begriffen werden uf. Deshalb ist eine solche Umkehr des Denkens, ein solches Umlernen wahrhaftig nicht nur für die naiven Menschen notwendig, sondern für die gelehrten Menschen am allermeisten. Die naiven Menschen wissen wenigstens nichts von dem, was alles in der Naturwissenschaft aufgestellt worden ist, um unbewußt die Dreigliedrigkeit des Menschen zu kaschieren. Die gelehrten Menschen aber sind vollgesteckt mit all diesen Begriffen, die heute diese Dreigliederung für einen Unsinn erklären lassen. Für den heutigen Physiologen ist sie das reine Blech. Wenn man ihm sagt, es gibt keine Bewegungsnerven, und davon spricht, daß die Gefühle nicht ebenso wie die Gedanken durch das Nervensystem vermittelt sind, sondern nur der Gedanke an das Gefühl durch den Nerv vermittelt wird, also das Bewußtsein davon, nicht das Gefühl als solches, dann wird er große Einwendungen machen. Die Einwendungen gegen diese Dinge kennt man gut. Die Menschen können natürlich sagen: Nun ja, sieh einmal, du nimmst Musikalisches wahr, das nimmst du durch die Sinne wahr. — Nein, das musikalische Empfinden ist viel komplizierter vorhanden. Es beruht darauf, daß sich der Atmungsrhythmus in unserem Gehirn begegnet mit der Sinneswahrnehmung, und in dem Zusammenschlag zwischen dem Atmungsthythmus und der äußeren Sinneswahrnehmung entsteht die musikalisch-ästhetische Empfindung. Auch da ist es so, daß das Elementare im rhythmischen System liegt. Und das, was dieses Elementare zum Bewußtsein bringt, ist im Nervensystem.

[ 25 ] Das alles weist Sie aber darauf hin, daß wir mit Bezug auf viele Dinge heute doch in einer Übergangszeit leben. Sie wissen, ich liebe es nicht, von Übergangszeiten zu sprechen, denn jede Zeit ist ja eine Übergangszeit von der Vergangenheit in die Zukunft. Das ist es, wenn man abstrakt spricht, und von jeder Zeit kann einem mehr oder weniger vorkommen, daß es eine Übergangszeit sei. Aber nicht davon will ich sprechen, daß unsere Zeit eine Übergangszeit ist, sondern in was sie es ist. Sie ist innerlich in sehr bedeutsamer Weise in bezug auf wichtige innere Menschheitsimpulse eine Übergangszeit. Das zeigt sich aber auch bei Menschen, welche diese Wahrnehmung machen können, in einer gewissen Weise scharf. Es sind die Menschen heute nicht sehr geneigt, Nebensymptome mit dem nötigen Ernst zu betrachten. Ich will Ihnen zuerst eine rein geisteswissenschaftliche Wahrnehmung sagen. Natürlich kann ich Ihnen diese geisteswissenschaftliche Wahrnehmung ebensowenig beweisen, wie Ihnen der Mensch, der schon einen Walfisch gesehen hat, beweisen kann, daß er existiert. Er kann nur erzählen.

[ 26 ] Wenn man es dahin gebracht hat, sein geistiges Anschauungsvermögen wirklich so zu gestalten, daß man eine Verbindung mit Menschenseelen haben kann, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt sich entwickeln, dann macht man recht sehr überraschende Erfahrungen. Diese Kommunikation kann nur in Gedanken hergestellt werden; aber indem wir hier im physischen Leibe denken, klingt immer in unseren Gedanken etwas an, was von der Sprache herkommt. Mit dem Gedanken vibriert immer etwas von der Sprache. Wir denken immer stark in Worten. Ich habe es sogar einmal erleben müssen, als ich energisch behauptete: Ich bin mir wohl bewußt, daß ich denken kann, ohne daß Worte mitklingen —, daß Hartmann mir sagte: Das ist ein Unsinn, das gibt es gar nicht. Der Mensch kann nicht denken, ohne daß er in Worten denkt.

[ 27 ] So gibt es also sehr geistvolle Philosophen, die überhaupt nicht glauben, daß man ohne innerliche Wortpräsenz denken kann. Man kann es. Aber im gewöhnlichen alltäglichen Denken denkt der Mensch in Worten, besonders dann, wenn er einen Verkehr mit den Toten spirituell entwickeln soll. Denn Sie wissen ja, daß dieser Verkehr mit den Toten nicht in Abstraktionen verlaufen darf — das ist so, wie wenn wir ins Blaue hineindenken würden —, sondern er muß in Konkretheit verlaufen, der Verkehr mit den Toten. Deshalb sagte ich: Bestimmte Bilder, die sehr konkret vorgestellt werden, die kommen an die Toten heran, nicht abstrakte Gedanken. Besonders weil das so ist, sind wir dann auch sehr geneigt, in diesem Gedankenverkehr mit den Toten in der Sprache zu denken, die Sprache innerlich mit anklingen zu lassen. Da machen wir die eigentümliche Erfahrung — Sie mögen es glauben oder nicht, aber es ist eben eine Erfahrung —, daß zum Beispiel die Toten Substantive nicht hören. Das sind wie Lücken in unseren Sätzen im Verkehr mit den Toten. Eigenschaftswörter sind schon besser, aber auch noch sehr schwach. Aber bei Verben, Tätigkeitswörtern, da greift ihr Verstehen ein. Das lernt man erst ganz allmählich. Man weiß nicht, warum manches so schlecht geht in diesem Verkehr. Man kommt erst nach und nach darauf, daß man bei diesem Verkehr nur ja nicht viele Hauptwörter anwenden darf. Man kann es ja für sich übersetzen, damit man es versteht. Und man kommt darauf, daß das davon herrührt, daß der Mensch, indem er Tätigkeitswörter, Verben gebraucht, nicht anders kann, als innerlich selber dabei sein, bei den Wörtern. Es ist etwas Persönliches in den Verben. Man erlebt die Tätigkeit mit, während das Substantiv immer zu etwas ganz Abstraktem wird. In dem liegt es wohl, daß diese Erscheinung eintritt, von welcher ich gesprochen habe. Daraus ersehen Sie aber, daß das sprachliche Element etwas ist, was uns nur in sehr beschränktem Maße mit der übersinnlichen Welt verbindet, was sogar dadurch, daß in dem Gebiet der Sprache immer mehr die Neigung zu Hauptwörtern auftritt, bewirkt, daß wir uns abschnüren können von der geistigen Welt. Und je mehr wir in Hauptwörtern denken, desto mehr schnüren wir uns ab von der geistigen Welt.

[ 28 ] Ich wollte Ihnen mit dieser Tatsache nur andeuten, daß die Sprache für unser übersinnliches Leben eine große Bedeutung hat, eine fundamentale Bedeutung hat. Aber die Sprache ist in der menschlichen Entwickelung selber in voller Entwickelung begriffen. Und das Eigentümliche in der Sprachentwickelung ist, daß sie immer mehr und mehr den Menschen zur Abstraktion hinbringt, daß sie ihn immer mehr und mehr von dem lebendigen, inneren Gedankenerleben entfernt. Sie können das äußerlich dadurch wahrnehmen, daß Sie sich fragen: Wie sind die westlichen Sprachen im Vergleich zu den östlichen Sprachen gestaltet? Nehmen Sie zum Beispiel die äußerlich auf dem physischen Plan am weitesten vorgeschrittene Sprache, die englische: sie verläuft fast nur in Worten, hat am wenigsten Gedankeninhalt. Nehmen Sie die orientalischen Sprachen: sie sind ganz voll mit Gemütsinhalt, mit Gedankeninhalt. Das ist der Zug der Sprache vom Osten nach dem Westen. Die Sprache entleert sich des Gedankeninhaltes von Osten nach Westen. Das ist eine wichtige Differenzierung mit Bezug auf das soziale Völkerleben.

[ 29 ] Nun gibt es in unserer Zeit einen Mann, der hat einen großen Scharfsinn entwickelt in der Beobachtung der menschlichen Sprache. Dieser Mann ist so gescheit mit Bezug auf die Beobachtung dessen, was mit der menschlichen Sprache zusammenhängt, ja fast so gescheit, daß er schon beinahe wiederum nicht gescheit ist. Es gibt nämlich einen Grad von Gescheitheit, wo man wieder anfängt ein bißchen dumm zu werden vor übergroßer Gescheitheit. Es ist schon wahr. Man kann ja einen großen Respekt haben vor dieser Gescheitheit, man soll sie aber vor der entsprechenden Wahrheit nicht überschätzen. Da ist Fritz Mauthner, der Kant überkantet hat in seiner «Kritik der Sprache». Es sind außerordentlich feine Bemerkungen in dem schrecklichen Buche über die «Kritik der Sprache», und auch im «Wörterbuch», Beobachtungen, die doch aus den Impulsen der Zeit heraus gemacht sind. Das läßt sich gar nicht leugnen. So ist nun Mauthner auf etwas ganz Bestimmtes gekommen, das ganz besonders den Geisteswissenschafter frappieren muß: darauf, daß eigentlich die menschliche innere Seelentätigkeit in einer Art von Dreistufigkeit verläuft. Das erste ist das gewöhnliche sinnliche Wahrnehmen, wie es dann organisch gestaltet ist in der Kunst. An das glaubt Mauthner als an etwas, was real ist, was eine Wirklichkeit ist. Wenn man nun innerlich erlebt, angeregt durch die sinnliche Wahrnehmung, etwas, was in das Übersinnliche schon hineinführt, so läßt Fritz Mauthner solches innerliche Erleben gelten. Er nennt es «mystisches Erleben », «religiöses Erleben». Schön, aber er sagt: Indem der Mensch so mystisch erlebt, kann er nur träumen. Es ist ja angenehm zu träumen, aber man ist aus der Wirklichkeit heraus. Mauthner zweifelt überhaupt an der Möglichkeit, an die Wirklichkeit der Dinge heranzukommen, denn die einzige Wirklichkeit ist ihm die sinnliche Wahrnehmung. Höchstens die Kunst kann noch heran. Aber sobald man sich von der sinnlichen Wahrnehmung entfernt, so weit, daß man etwas erlebt in mystisch-religiösem Leben, so träumt man eigentlich über die Wirklichkeit; man hat sie schon verlassen. Und dann kann man noch weiter gehen, meint Mauthner. Er kommt zu all diesen Überzeugungen durch die Betrachtung der Sprache. Er analysiert, er kritisiert die Sprache, besonders in seinem philosophischen Wörterbuch: Es ist etwas Schreckliches, das zu lesen. Ich habe Sie schon aufmerksam gemacht bei einer anderen Gelegenheit auf jene Qualen, die man durchmacht, wenn man von diesen Artikeln, die von A bis Z laufen, den einen oder anderen liest. Man fängt an, einen solchen Artikel zu lesen: Da wird etwas gesagt. Dann wird ein anderer Satz gesprochen, wo das, was gesagt wird, ein bißchen eingeschränkt wird. Dann ein dritter Satz, wo das, was eingeschränkt wird, wiederum eingeschränkt wird, so daß es ein bißchen auf den ersten Satz zurückkommt. Man dreht sich, dreht sich, dreht sich, und hat am Ende nichts, wenn man den ganzen Artikel zu Ende liest. Schrecklich ist der Artikel «Christentum». Eine furchtbare Qual. Aber es ist begründet, in Mauthners Sinn, daß das so ist. Mauthner weiß das, und er verurteilt eigentlich seinen Leser dazu, solche Qualen zu empfinden. Er hat sie selbst empfunden. Er glaubt nicht, daß der Mensch imstande ist, wenn er etwas wissen will, zu etwas anderem zu kommen als zu einem solchen Sichdrehen. Er ist absolut Skeptiker. Er findet nirgends in der Sprache einen anderen Inhalt, als die Sprache selbst hat. Sie hat für ihn nur einen Zufallswert. Und so wird ihm auch zu einem Traume das innere mystische Erleben. Will man aus der Sprache herauskommen: indem man herauskommt, wird sie zum innerlichen Träumen.

[ 30 ] Man kann aber zu einer dritten Stufe gehen: Man kann glauben zu denken, aber man spricht nur innerlich. Ob man nun der einen oder anderen Sprache zuneigt, die Sprachlaute, die Worte sind einmal an den äußeren sinnlichen Dingen entwickelt. Ich habe Ihnen ja gesprochen von verschiedenen Anschauungen der Gelehrten, wie Sprache entstanden ist. Sie wissen, daß man die Anschauungen über Sprachentwickelung in zwei Hauptklassen teilt: Bimbamtheorie und Wauwautheorie. Das sind Termini technici. Nun findet Mauthner, daß alles nur entwickelt ist an der äußeren Sinneswahrnehmung. Eigentlich sind wirkliche Gedanken nicht für den Menschen vorhanden. Aber in der Wissenschaft strebt er wirkliche Gedanken an, indem er auf die dritte Stufe gestiegen ist. Er gelangt aber nicht dazu, etwas Wirkliches zu wissen. In der Mystik träumt er noch. Wenn er sich zur Gedankenwirklichkeit, zum Beispiel zu Naturgesetzen erhebt, dann träumt er nicht einmal mehr, dann schläft er schon. Daher ist für Mauthner alle Wissenschaft Docta ignorantia. Das sind seine drei Stufen.

[ 31 ] Nun, ich sagte Ihnen, man kann einen gewissen Respekt haben vor einer solchen Beobachtung, denn sie ist nicht einmal unrichtig, aber eben nicht unrichtig für die heutige Zeit. Es ist nämlich etwas, wozu jetzt die Menschheit neigt, von Mauthner richtig empfunden. Es ist so: Wenn der heutige Mensch zur Mystik kommen will, so ist das etwas ganz anderes als beim früheren Menschen. Der frühere Mensch war innerlich noch verbunden mit der Realität. Der heutige Mensch kann das nicht; er träumt wirklich als Mystiker. Und die Naturgesetze, die der Mensch heute findet — nun, man kann sich ja nicht ganz auf solch schroffen Standpunkt stellen wie gewisse ’Theoretiker, die die Sache auch bemerkt haben wie Mauthner, wie zum Beispiel der französische Denker Boutroux oder Ernst Mach —, aber man muß doch sagen, was man heute Naturgesetze nennt, wenn man diese Naturgesetze auf ihren Inhalt prüft, so sind im Grunde genommen keine Gedanken da — man glaubt nur, sie seien Gedanken —, sondern nur Zusammenfassungen von Tatsachen. Es sind eigentlich bloße Registraturen. Das haben einzelne bemerkt, zum Beispiel Mach. Mauthner hat es gehörig bemerkt, daher spricht er von Docta ignorantia, von einer gelehrten Unwissenheit, von einer unwissenden Gelehrsamkeit. Ja, für den heutigen Entwickelungszustand der Menschen ist das schon so. Der Mensch ist heute sowohl mystisch wie naturwissenschaftlich sehr unfruchtbar geworden. Er bemerkt es nur noch nicht deutlich genug in seinem Hochmut. Das ist aber nicht ein allgemein menschliches Zeichen. Mauthner und die anderen glauben nur, es sei dies, weil sie in Wahrheit doch nicht an menschliche Entwickelung denken, sondern weil sie glauben: wie heute die Seele ist, so war sie immer. Aber es ist charakteristisch für die heutige Zeit. Deutlich ist für das heutige Seelenleben nur die Wahrnehmung. Wir kommen in ein Träumen hinein und gar in gelehrte Unwissenheit, wenn wir in frühere Stufen steigen wollen. Man darf aber daraus nicht den Schluß ziehen: Die menschliche Natur ist so, daß sie entweder in mystisches Träumen verfallen muß oder in gelehrte Unwissenheit — wie es die tun, die denken wie Mauthner —, sondern man muß daraus den Schluß ziehen: Also muß auf neuen Wegen gefunden werden, was die Alten auf alten Wegen gefunden haben. Das heißt, wir müssen eine neue Mystik suchen, nicht in alte Mystik hineinkommen. Diese neue Mystik ist gesucht in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Wir müssen aufsteigen zu einer neuen Imagination, zu einer neuen Inspiration, aber wir müssen aufsteigen auf neuen Wegen. Ich habe das scharf ausgeführt in meinem Buche «Vom Menschenrätsel»: Weil wir mystisch träumen oder gar wissenschaftlich schlafen, haben wir es heute notwendig, daß wir aufwachen. Deshalb habe ich das Urphänomen der heutigen Erkenntnis in diesem Buche als ein «Aufwachen » bezeichnet. Wir müssen an die Stelle des mystischen Träumens eine wache Imagination setzen, an Stelle der Docta ignorantia die Inspiration, in dem Sinne, wie es gemeint ist in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?».

[ 32 ] In bezug darauf stehen wir heute in einem Übergang, gerade in bezug auf die Menschenseele, daß wir aus den tiefsten Untergründen dieser Menschenseele heraufentwickeln müssen aktive Kraft, welche zum Geistigen führt. Wir finden uns sonst nicht durch das Chaos der gegenwärtigen Zeit hindurch, wenn wir nicht den guten Willen entwickeln, aktive innere Seelenkräfte zu entwickeln. Die Spiritisten tun das Gegenteil. Sie spüren unbewußt, daß aus dem Innern nichts quillt, also lassen sie sich die Geister in äußerer Erscheinung vorführen, in äußerer sinnlicher Anschauung.

[ 33 ] Und eine tragische Erscheinung tritt in der Gegenwart auf. Wir können es heute erleben, daß Menschen, die vor kurzem noch glaubten, daß der Materialismus ihre Seele ausfüllen könnte, im zunehmenden Alter doch am Materialismus irre werden. Das ist ja nichts anderes als das, was die gesunde Seele erfühlen muß gegenüber der heutigen Biologie, der Soziologie auch: Leichengeruch, seelischen Leichengeruch, den man nur losbekommt durch eine innerliche Seelenaktivität. Das wollen heute viele nicht. Daraus entsteht die Tragik der bejahrten Menschen, die aber nicht an geisteswissenschaftliches Forschen heranwollen und in den Katholizismus zurückgehen. Der gibt den passiv bleibenden Seelen dann etwas, von dem sie glauben, daß es ein geistiger Inhalt ist. Das ist eine große Gefahr. Das weist wiederum von einer anderen Seite auf den Durchgang hin, den wir als Menschheit in der gegenwärtigen Zeit durchmachen. Ganz im geheimen geht die Menschenseele durch einen wichtigen Entwickelungspunkt. Und mit diesem Durchgang durch einen wichtigen Entwickelungspunkt hängt innerlich zusammen die Notwendigkeit, daß wir neu denken lernen in bezug auf den sozialen Organismus, daß wir in manchem anderen auch umdenken lernen in bezug auf den Menschen.

[ 34 ] Nun lesen Sie, wie der einzelne Mensch, wenn er in die übersinnliche Welt hinaufrückt, anfängt, sich dreizuteilen. Lesen Sie es in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Die Durcheinanderschmelzung von Denken, Fühlen und Wollen, die hier in der Sinneswelt beim Menschen das Natürliche ist — lesen Sie das Kapitel vom «Hüter der Schwelle» —, Denken, Fühlen und Wollen treten auseinander, wenn man in diese übersinnliche Welt hineinkommt. Das macht die Menschheit heute im geheimen durch im Unterbewußtsein. Da wird eine Schwelle überschritten. Die Menschen gliedern sich innerlich in einen dreigliedrigen Menschen in anderer Weise, als das früher vorhanden war. Dieses Beobachten des Durchganges des Menschen durch eine gewisse Schwelle, die belehrt einen, daß aus den geistigen Untergründen des Daseins selbst heraus uns diktiert wird die Dreigliederung des sozialen Organismus. Wenn wir in Zukunft finden wollen ein Bild von uns in der Außenwelt, so daß wir damit zusammenpassen, dann müssen wir den sozialen Organismus dreigegliedert haben.

[ 35 ] Sehen Sie, das sind solche Winke, die die Geisteswissenschaft gibt für die Dreigliederung des sozialen Organismus. Aber ich betone auch dabei wiederum: Ist einmal die Dreigliederung des sozialen Organismus gefunden, so kann sie, wie alle okkulten Wahrheiten, aus gesundem Menschenverstand eingesehen werden. Zum Finden ist notwendig geisteswissenschaftliche Forschung. Ist sie gefunden, dann spricht der gesunde Menschenverstand die Sache aus. Das ist auch etwas, was wir bei jeder Gelegenheit berücksichtigen müssen.

[ 36 ] Nun habe ich heute versucht, Ihnen etwas zu verinnerlichen, was heute, der Zeit dienend, über die Dreigliederung des sozialen Organismus gesagt werden muß. Am nächsten Sonntag wollen wir diese Betrachtung erweitern, abschließen, und vielleicht erst zu dem bringen, was sie sein soll, nämlich zur völligen inneren Vollständigkeit.