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The Rudolf Steiner Archive

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Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192

1 Mai 1919, Stuttgart

Dritter Vortrag

[ 1 ] Das letztemal, als wir uns hier trafen, konnte ich Ihnen sprechen von inneren Gründen für den Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich habe die Betrachtungen so weit führen können, daß wir aufmerksam wurden darauf, in welchem Sinne wir in der Gegenwart in einer gewissen Weise in einer Übergangszeit leben. Sie werden ja diese Bemerkung nicht mißverstehen, da ich oftmals gesagt habe: Wenn ich hier von einer Übergangszeit rede, so soll nicht jene Trivialität gemeint sein, die man oftmals im Auge hat, wenn gesagt wird, man lebe in einer Übergangszeit. Denn schließlich ist jede Zeit, so sagte ich oftmals, eine Übergangszeit, nämlich von der vorhergehenden zu der nachfolgenden. Es kommt darauf an, auf dasjenige gerade das Augenmerk zu richten, was übergeht. Und dafür gibt es allerdings bedeutungsvolle und weniger bedeutungsvolle Augenblicke in der großen weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Und es ist für die Betrachtung des Geisteslebens in jenen Tiefen, in denen es der menschlichen Beobachtung zugänglich ist, klar, daß gerade mit Bezug auf wichtigste, allerwichtigste Impulse der Menschheitsentwickelung in unserer Zeit gewissermaßen unter der Schwelle der äußeren Vorgänge Maßgebendes vorgeht. Ich habe Sie letztes Mal schon darauf aufmerksam gemacht, wie man hineinsehen muß in dasjenige, was man oftmals das Unbewußte oder Unterbewußte der menschlichen Natur, der menschlichen Wesenheit nennt, um zu erkennen, was heute gerade für die Menschheit in einem wesentlichen, in einem wichtigen Sinn in einem Übergang begriffen ist. Nicht das eigentlich sagt uns über die Entwickelung der ganzen Menschheit viel, was wir heute in unserem Bewußtsein haben, obwohl wir im Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung gerade leben, obwohl es für den einzelnen Menschen in diesem Zeitalter gerade weltgeschichtlich gesetzmäßig ist, daß er seine Bewußtseinsseele entwickelt. Es ist für die ganze Menschheit, zum Unterschied von einzelnen Menschen, dieses Zeitalter so, daß eben die ganze Menschheit mit Bezug auf die inneren Seelen- und Geisteskräfte durch eine Epoche durchgeht, die die Entwickelung mehr im Unterbewußten sich vollziehen läßt. Im Unterbewußten müssen wir für die ganze Menschheit die wesentlichsten Übergangskräfte finden, wie wir für den einzelnen Menschen heute in diesem Zeitalter die wichtigsten Kräfte finden müssen gerade in der Aneignung des vollen Bewußtseins. Für den einzelnen Menschen geht das instinktive, das mehr naive Erleben der Seele immer mehr und mehr in ein bewußtes Erleben der Seele über; für die ganze Menschheit aber vollzieht sich unbewußt ein Wichtiges, ohne daß der einzelne oftmals auf dieses Wichtige hinschaut, wenn er nicht gerade geisteswissenschaftliche Vertiefung anstrebt.

[ 2 ] Und dieses Wichtige, dieses Wesentlichste, es ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Denn unsere Sprache ist ja im Grunde genommen gemacht für die seelische Wiedergabe der äußeren sinnlichen Wirklichkeit. Diese Sprache macht es uns schwer, ganz präzise, namentlich hinreichend zu schildern, was nicht der sinnlichen Wirklichkeit angehört, was dem übersinnlichen Dasein angehört. Man muß sich da oftmals helfen durch Vergleiche, aber nicht durch abstrakte Vergleiche, sondern durch solche Vergleiche, wie Sie sie gut aus der Geisteswissenschaft her kennen, die immer eine Lebenserscheinung mit der anderen zusammenstellt, damit die eine Lebenserscheinung die andere erörtere. Wenn dann solche Vergleiche gebildet werden, dann muß man sich klar sein, daß nur ein bewegliches Denken, ein Denken, das die Begriffe, die Worte nicht preßt, auf den genauen Sinn des Darzustellenden wirklich kommt. Ich muß nämlich vergleichen, wenn ich das Wichtigste, was in der gesamten Menschheit in der weltgeschichtlichen Gegenwart vor sich geht, charakterisieren will — ich habe das schon neulich angedeutet —, ich muß vergleichen die heutigen Untergründe der geschichtlichen Vorgänge mit der Erfahrung, welche der einzelne Mensch nur dann bewußt durchmachen kann, wenn er, wie man sagt, die Schwelle in die übersinnliche Welt überschreitet. Sie wissen ja alle aus der Darstellung, die ich über dieses individuelle Erlebnis des Menschen gegeben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», daß es ein tief in die Menschenwesenheit eingreifendes Ereignis ist, wenn der Mensch jene Schwelle überschreitet, diesseits welcher für das Bewußtsein des Menschen die sinnliche Welt und jenseits welcher die übersinnliche Welt ist. Es wird ja wahrhaftig alles jenseits dieser Schwelle zur übersinnlichen Welt anders, als hier in der sinnlichen Welt die Dinge liegen. Und der Mensch macht da etwas durch — Sie wissen es ja —, was von denjenigen, die es namentlich im Stile älterer Zeitalter durchgemacht haben, mit dem bedeutungsvollen Worte «das Überschreiten der Pforte des Todes» bezeichnet worden ist. Den Tod in seiner Wesenheit muß eben derjenige kennenlernen, der diese Schwelle wirklich überschreiten will. Den Tod in seiner Bedeutung für das gesamte Leben des Menschen muß er erkennen.

[ 3 ] Nun wissen Sie aus der Darstellung, die ich diesem Ereignis der Überschreitung der Schwelle in die übersinnliche Welt in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben habe, daß bei diesem Überschreiten die ganze seelische Wesenheit des Menschen eine Umänderung erfährt, allerdings natürlich nur für diejenigen Zeiten, in denen man da bewußt in der übersinnlichen Welt verweilt. Mit der Seelenverfassung, die man hier in der sinnlichen Welt hat, die für das Leben, für das Wirken, für das Handeln in dieser sinnlichen Welt angemessen ist, mit dieser Seelenverfassung läßt sich gar nicht hineinkommen in die übersinnliche Welt. Hier in der sinnlichen Welt sind die Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen in einem unzertrennlichen Zusammenhang, so daß wir in unserem Sinnesleben gar nicht dazu kommen, diese Seelenkräfte getrennt zu empfinden, zu erleben. Jemand, der nicht zugleich in der Seele ein gewisses Maß von Wollen, wenn auch in innerem latentem Zustande, entwickeln würde, während er denkt, der wäre seelisch eigentlich nicht gesund. Wir sind gar nicht in unserem sinnlichen Leben imstande, diese drei Seelenkräfte voneinander zu trennen, so daß wir mit der Seele eigentlich niemals ein reines, bloßes Denken entwickeln, nie ein bloßes reines Fühlen, nie ein bloßes reines Wollen. Immer sind in unserem Vorstellen Empfinden, Handeln und Wollen, diese drei Seelenkräfte doch miteinander vermischt, miteinander vermengt. Überschreiten wir die Pforte in die übersinnliche Welt, das heißt, bringen wir unsere Seele dahin, daß wir wirklich, so wie wir sonst hier in der Welt von Sinnesdingen, von Sinnesgeschehnissen umgeben sind, jetzt umgeben sind von übersinnlichen Wesenheiten, von übersinnlichen Taten dieser Wesenheiten, dann muß in unserer Seele eine reinliche Trennung eintreten zwischen Denken, Fühlen und Wollen. Der Mensch muß dann, wie Sie ja aus den Darstellungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» entnehmen können, so geschult sein, daß er die innere Kraft entwickeln kann, mit seinem Ich diese drei Elemente des Seelenlebens zusammenzuhalten: Denken, Fühlen und Wollen; sonst würde er sich zerspalten in drei Persönlichkeiten.

[ 4 ] Ja, das ist das bedeutsame innere Aktivitätserlebnis, das wir haben müssen nach dem Überschreiten der Schwelle: dieses Sich-Hineinfinden in höchste Aktivität des Ich, in höchste Betätigung des Ich, um die getrennten Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen, zusammenzuhalten. Das ist auch zunächst die Furcht, die der heutige schwachmütige Mensch hat: die Furcht vor wirklich übersinnlichen Erkenntnissen, diese Furcht vor innerer Seelenbetätigung höchsten Stiles. Der Mensch möchte heute eigentlich alle seine Betätigung so verlaufen lassen, daß sie von der Außenwelt hervorgerufen wird und in der Außenwelt erfolgt. Innere Aktivität liegt dem heutigen Menschen noch nicht, muß sich aber gerade für den heutigen Menschen immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin entwickeln. Aber weil diese Entwickelung erst eine Aufgabe ist, nicht eigentlich schon vorhanden ist, deshalb hat der Mensch die Scheu, die Furcht, in die übersinnliche Welt einzutreten. Unbewußt fürchtet er sich — wenn ich diesen Ausdruck formulieren darf — vor dieser Kraftanstrengung, die drei Seelenfähigkeiten, die sich da trennen, zusammenzuhalten. Ich schildere dieses innere individuelle Erlebnis hier, um Ihnen charakterisieren zu können — sonst würde man es gar nicht charakterisieren können —, was im Inneren des seelischen Erlebens — und Sie wissen, wir dürfen von einem solchen reden —, was im Inneren des seelischen Erlebens der gesamten Menschheit im jetzigen Zeitalter vorgeht. Das, was ich eben geschildert habe als individuelles Erlebnis beim Überschreiten der Schwelle in die übersinnliche Welt, das ist natürlich für den, der diese Schwelle überschreitet, ein vollbewußtes Ereignis, viel bewußter als irgendwelche bewußten Erlebnisse des gewöhnlichen wachen Tagesbewußtseins. Ein gesteigertes Bewußtsein ist es, in dem man die Schwelle überschreitet und in dem man die innere Dreigliederung der menschlichen Seelenwesenheit in der übersinnlichen Welt wahrnimmt.

[ 5 ] Etwas Ähnliches, aber jetzt naturgemäß von selbst, nicht bewußt, macht im heutigen Zeitalter als ein kosmisches geschichtliches Ereignis die ganze Menschheit durch. Man merkt es nicht, wenn man nicht den unbewußten Vorgang, der sich für die ganze Menschheit abspielt, geisteswissenschaftlich bewußt studiert. Sie wissen, unser Zeitalter ist das fünfte nach der großen atlantischen Katastrophe, durch die ja erst die gegenwärtige Konfiguration unserer Erdoberfläche entstanden ist. Die fünfte nachatlantische Periode ist es, in der wir leben, und in dieser Periode muß in ihrer Gesamtentwickelung die Menschheit durchgehen durch etwas Ähnliches, wie es die Schwelle ist für den einzelnen individuellen Menschen beim Hineinschreiten in die übersinnliche Welt. Die Menschheit als Ganzes, sagte ich, in ihrer kosmischen, oder wir können auch sagen meinetwillen terrestrischen Geschichtsentwickelung, sie schreitet über die Schwelle, diesseits welcher, das heißt in der vorhergehenden Zeit, eine ganz andere Art von Weltanschauung, von Erkenntnis für die Gesamtmenschheit notwendig war, als jenseits der Schwelle, das heißt nachher.

[ 6 ] Das ist es, was im Unbewußten der ganzen Menschheit sich heute abspielt, was man bloßlegen muß durch die Geisteswissenschaft, was aber auch beweist, wie notwendig dieser heutigen Menschheit die Geisteswissenschaft ist. Denn dieses Überschreiten der Schwelle darf eigentlich nicht im Unbewußten bleiben. Dieses Überschreiten der Schwelle muß den Menschen bekannt werden, sonst verschlafen oder mindestens verträumen die Menschen dasjenige, was eigentlich als wichtigstes Ereignis mit ihnen vorgeht. Und wir sollen ja gerade in dieser fünften nachatlantischen Epoche das Bewußtsein ausbilden. Wir können mit Bezug auf das Wichtigste, was mit der Menschheit vorgeht, nicht das Bewußtsein anders ausbilden, als dutch Aufsteigen von der bloßen Sinneswissenschaft zur Geisteswissenschaft.

[ 7 ] Wenn Sie dies bedenken, dann wird Ihnen vielleicht ins Gedächtnis kommen, was immer wiederum gesagt worden ist im Laufe der jetzt ja schon seit so langer Zeit auch hier in Stuttgart aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft heraus gehaltenen Vorträge. Sehen Sie, immer wiederum mußte ich betonen: Geisteswissenschaft — so wie sie hier gemeint ist — ist nicht bloß etwas, was gewissermaßen subjektive Erkenntnisbedürfnisse des Einzelnen befriedigen soll. Geisteswissenschaft ist etwas, was mit dem Erfassen, dem denkenden, fühlenden, wollenden Erfassen des Grundimpulses der Menschheit in unserer Zeit zusammenhängt. So daß die Beschäftigung mit Geisteswissenschaft eben nicht sein sollte eine bloße Befriedigung von Neugierde oder Wißbegierde des Einzelnen. Sondern Geisteswissenschaft soll sein die Erfüllung einer gewissen Pflicht, die man hat mit Bezug auf die ganze Menschheit, die erkennen soll in der Gegenwart, was in ihren Tiefen, in den Tiefen ihrer Entwickelung gerade in dieser Epoche vorgeht.

[ 8 ] Nun, ich habe Ihnen, als ich neulich vor Ihnen sprechen durfte, ja gesagt, wie einzelne Menschen, die eine gewisse äußere, durch die gegenwärtige wissenschaftliche Schulung ausgebildete Klugheit haben, an bestimmten Erscheinungen merken, was wir heute als Menschheit in einer solchen Epoche erleben, der irgend etwas Unbestimmtes in den menschlichen Tiefen entspricht. Ich habe Ihnen angeführt, wie solche Leute, wie zum Beispiel Frifz Mauthner, davon sprechen, daß der Mensch zunächst seine sinnliche Anschauung haben könne, daß aber eigentlich dies die einzige wahre Wirklichkeit sei, von der der Mensch sprechen könne. Aber diese Wirklichkeit, die er höchstens in der Kunst, im Schönen, im Erhabenen gestaltet, diese Wirklichkeit läßt ihn nicht zur Befriedigung kommen. Er will tiefer in das Wesen der Dinge eindringen. Versucht er dies, versucht er durch sein Inneres in das Wesen der Dinge einzudringen, so kommt er nicht zu einem wirklichen Verbundensein mit der wahren Wesenheit der Welt, so sagt Mauthner, sondern nur zu einem Träumen, wenn auch zu einem solchen Träumen, das sich wohl fühlt, weil es sich verbunden ahnt mit den Zentralkräften der Welt, das aber doch eben nur träumend wissen kann in der Mystik. Diese Mystik ist dann die zweite Stufe menschlichen inneren Seelenstrebens für solche Leute. Allein, sie behaupten, und sie haben von ihrem Gesichtspunkte aus recht, weil sie eine übersinnliche Erkenntnis ablehnen: Mystik ist TraumErkennen. Und als dritte Stufe läßt Fritz Mauthner gelten ein Wissen, das man anstrebt, indem man sich aneignet Naturgesetze, die die Welt beherrschen, historische Gesetze oder sonstige. Allein, das alles bezeichnet er im Grunde genommen als Docta ignorantia aus dem Grunde, weil, indem wir glauben, durch Wissenschaft etwas zu erkennen, wir nicht bloß träumen wie in der Mystik, sondern schlafen, schlafen mit Bezug auf dasjenige, was Verbindung wäre mit den eigentlichen Zentralkräften der Welt. So meinen solche Leute wie Fritz Mauthner: Der Mensch kann höchstens wachend sinnlich wahrnehmen und die sinnlichen Wahrnehmungen durch Kunst veredeln. Der Mensch muß träumen, wenn er versucht, sich religiös oder mystisch durch sein Inneres mit der wahren Wirklichkeit zu verbinden. Und der Mensch muß schlafen, wenn er glaubt, durch Wissenschaft, durch Weisheit irgendwie sich mit den Dingen zu verbinden.

[ 9 ] Nun, absolut gesprochen, ist so etwas eine Torheit. Relativ gesprochen, für die besondere Seelenverfassung der Menschheit, die sich entwickelt hat durch das neunzehnte Jahrhundert hindurch und in das zwanzigste Jahrhundert herein, ganz besonders für diese Menschheit gesprochen, nicht im allgemeinen gesprochen, ist es eine Wahrheit. Mit den Mitteln, die die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse groß gemacht haben, mit den Mitteln, durch die wir in einen solchen Schiffbruch hineingekommen sind mit Bezug auf die soziale Ordnung der Menschheit, mit diesen Mitteln ist nur seelisch so zu leben, dreistufig, wie Fritz Mauthner es schildert: in der Sinnlichkeit wachend, in der Mystik träumend, in der Wissenschaft schlafend. Den Durchgang durch die Schwelle der gesamten Menschheit findet solch ein Mensch wie Fritz Mauthner. Wer solche Werke gelesen hat, wie «Die Kritik der Sprache» von Fritz Mauthner, in der Mauthner Kant zu überkanten trachtet, wo er nicht nur Begriffe, sondern die Sprache selbst kritisiert, und wer namentlich das «Philosophische Wörterbuch», das dicke, zweibändige von Fritz Mauthner wenigstens in bezug auf den einen oder anderen Artikel gelesen hat — es ist ja alphabetisch angeordnet —, der weiß, in welche Seelenverfassung er gerade durch diese Werke von Fritz Mauthner kommt.

[ 10 ] Ich rate Ihnen da ganz besonders — in diesem Falle werden Sie mir vielleicht nur von der einen Seite her für meinen Rat dankbar sein —, ich rate Ihnen, den Artikel «Christentum» zum Beispiel in diesem Wörterbuch der Philosophie zu lesen, oder den Artikel «Res publica», oder den Artikel «Goethes Weisheit», oder den Artikel « Unsterblichkeit». Sie werden überall das Gefühl haben: Jetzt lesen Sie einen Satz. Im zweiten Satz wird das, was man gelesen hat, abgeschwächt. Im dritten wird das Abgeschwächte wieder abgeschwächt. Im vierten das erste zurückgenommen. Im fünften Satz dann das Ganze zurückgenommen mit allen Behauptungen und Abschwächungen. Dann kommen Sie in eine Drehung Ihres ganzen Verstandes- und Gemüts und Seelensystems hinein, und es ist etwas Furchtbares, was man nach solcher Lektüre empfindet. Es ist eine furchtbare innere Seelenqual. Und Sie werden, indem Sie diese innere Seelenqual schildern, die ein Mensch empfindet beim Lesen, der nur die letzte Konsequenz der gegenwärtigen Seelenverfassung zu ziehen den Mut hat — im Gegensatz zu vielen, die eben diesen Mut nicht haben —, Sie werden mit einer Kritik, die Sie so aussprechen, wie ich sie jetzt ausgesprochen habe, nicht etwa Fritz Mauthner verletzen, indem Sie sie ihm selber entgegenhalten, denn er gesteht zu, er hat selber die gleiche Seelenverfassung, wenn er diesen Artikel niederschreibt. Denn er sagt: Man kann mit menschlicher Erkenntnis überhaupt zu nichts anderem kommen als zu einer Art von Geistestanz, in dem man sich nicht ausfindet. Fritz Mauthner verwechselt die im neunzehnten Jahrhundert und im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert notwendig gewordene Haltlosigkeit des Erkennens mit einer vermeintlichen absoluten Haltlosigkeit des Erkennens beim Menschen. Was liegt aber in Wirklichkeit vor? Etwas ganz anderes, als Mauthner glaubt.

[ 11 ] In älteren Zeiten hat der Mensch, wie Sie wissen, im atlantischen Hellsehen nicht mystisch geträumt, sondern mystisch erkennend sich mit einer Wirklichkeit verbunden. Er hat auch nicht bloß in Weisheit geschlafen. Wir erkennen noch in den Resten ältester Weisheit, wie bei Plato, wie sie Großes der Menschheit zu sagen wußten. Bei Aristoteles hört es schon auf. Die Menschheit hat nicht nur eine Docta ignorantia gehabt, sondern sie hat eine Weisheit gehabt, durch die sie sich verbunden hat mit den Zentralkräften der Welt, die zugleich die Zentralkräfte des menschlichen Wesens selber sind. Aber diese Fähigkeiten fluteten ab. Sie mußten abfluten, damit der Mensch in sich selber die starken Kräfte suchte, das, was ihm früher von außen durch geistige Wesen ohne sein Zutun gegeben war, durch sein Inneres zu suchen. Heute gehen wir über die Schwelle als ganze Menschheit. Beim Übergang über die Schwelle müssen wir entwickeln die Kräfte aus unserem Innern heraus, die Mystik, die sonst durch unsere Natur in uns schläft, zum Wachen zu bringen, das Träumen der Mystik durch unsere eigene Kraft zu einem Erleben im Geistigen aufzurufen, und ebenso dasjenige, was sonst tote, abstrakte Wissenschaft ist, durch innere Aktivität, durch innere Kraft zum wirklichen Erleben des übersinnlich Geistigen aufzurufen. Heute ist das in unsere Kraft gegeben. Daher müssen wir durch ein solches Studium durchgehen, und daher können Menschen, die nicht zur Geisteswissenschaft kommen wollen, wie Fritz Mauthner, nur dasjenige empfinden, was wie eine notwendige Tragik eben zum Hervorrufen der inneren Kräfte dem Menschen notwendig war. Deshalb müssen Menschen wie Mauthner, die solches empfinden, solches erleben, und nicht zur Geisteswissenschaft kommen wollen, eigentlich verzweifeln an der Möglichkeit, sich für irgend etwas im Leben erkennend zu verbinden mit den Zentralkräften des Daseins, die zu gleicher Zeit die Zentralkräfte der menschlichen Wesenheit selber sind.

[ 12 ] Wenn Sie das gründlich überdenken, was ich eben gesagt habe, müssen Sie sich da nicht sagen: Der Mensch ist gegenwärtig durch das unbewußte Überschreiten der Schwelle vor eine starke Prüfung in der Menschheitsentwickelung gestellt? Ja, das ist er. Denn wenn er Aktivität der Seele, starke Betätigung der Seele nicht entwickeln will, so ist er dazu verurteilt, in Untätigkeit, in Inaktivität, und dadurch in Unglauben gegenüber dem Dasein zu verfallen, wenigstens in eine Art von Unsicherheit zu verfallen, wenn es sich darum handelt, mit seinem Innern sich hineinzustellen in das ganze Getriebe der Weltentwickelung. So ist ungefähr die Seelenverfassung eines solchen repräsentativen, typischen Menschen wie Fritz Mauthner. Es gibt viele solche in der Gegenwart, nur ist er innerlich tapfer genug gewesen, das in vielen Schriften zu gestehen, während andere in der gleichen Seelenverfassung sind und es nicht gestehen. Er hat auch die Resignation gehabt, sich zuletzt in einer Südecke Bayerns zurückzuziehen, nachdem er sein Leben lang Journalist gewesen war zum Brotverdienen. Und da hat er die «Kritik der Sprache», sein Buch herber Verzweiflung an menschlichem Erkennen, ausgedacht, hat dann dort sein «Philosophisches Wörterbuch» geschrieben. Er hat sich zurückgezogen, er schreibt noch mancherlei Artikel, die wahrhaftig nicht mehr als seine Bücher geeignet sind, in ein positives, tatkräftiges Sich-Hineinstellen des Menschen in die Gesamtentwickelung hineinzuführen. Es ist bei ihm immer eine Art Zweifel an der Möglichkeit, in das Dasein richtig einzugreifen, weil man ja im Grunde genommen das Dasein nicht erkennend erfassen kann. Mauthner hat die Konsequenz gezogen, sich zurückzuziehen in einen für ihn gleichgültigen Beruf, dem Journalismus sich hingegeben, bei dem man schon Skeptiker, am Leben Zweifelnder, sein kann. Aber es gibt auch Schüler von Fritz Mauthner, die haben diese Resignation nicht gehabt.

[ 13 ] Und fragen wir uns jetzt einmal etwas ganz Bestimmtes aus inneren Gründen heraus: Was wird aus diesen Schülern, die mit vollem Herzen sich zu der Lebensauffassung Mauthners bekennen, was wird aus diesen Schülern niemals werden können? Niemals werden sie zu einem lebensvollen Erfassen der Wirklichkeit kommen können. Daher kein solches Erfassen der Wirklichkeit, das fruchtbar in diese Wirklichkeit eingreifen kann. Diese Menschen können nicht ins Leben hineinpassen, wenn sie sich hineinstellen. Fritz Mauthner hat sich ja auch hinausgestellt. Diese Leute erfassen ja nur das sinnliche Leben und glauben an das, was darüber hinausgeht, nur wie an einen Traum, an ein Schlafen.

[ 14 ] Solch ein Schüler Mauthners, ehrlich, aufrichtig, aber daher für das soziale Leben der Gegenwart so untauglich wie möglich, ist zum Beispiel Gustav Landauer. Das ist ein wirklicher Schüler von Fritz Mauthner. Es genügt heute nicht, das Leben nur von der Oberfläche aus zu beurteilen. Wir stehen heute vor Aufgaben, die nur zu bewältigen sind, wenn wir den guten Willen haben, in die Untergründe des Lebens unterzutauchen. Wir dürfen heute nicht, wie solche Menschen, wie ich sie eben geschildert habe, aus demjenigen heraus, was die Zeit gebracht hat, Gedankenimpulse suchen für eine neue, soziale Ordnung. Nein, wir müssen aus der aufgehenden Zeit, aus den Impulsen, die eben erst im Aufgang sind, aus den Impulsen der geistigen Erkenntnis heraus, auch die sozialen Impulse suchen; sonst kommen wir nicht zu wirklichen sozialen Impulsen. Dann, wenn sie gefunden sind, können sie, wie alle geisteswissenschaftlichen Ergebnisse, vom gesunden Menschenverstand aufgefaßt werden. In einem solchen Sinn möchte ich auch noch auf unsere Dreigliederung hinweisen.

[ 15 ] Heute ist es notwendig, daß in allen Dingen die Menschen lernen, mit tiefster Ehrlichkeit erstens nach wahrhaftiger Selbsterkenntnis, zweitens nach wahrhaftiger Welterkenntnis zu suchen.

[ 16 ] Nehmen Sie das, was hier Geisteswissenschaft genannt wird, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus durch. Gewiß, auch da wird, wie in mancher abstrakten Mystik und in manchem abstrakten Okkultismus, von Selbsterkenntnis in ihrer Notwendigkeit, von Welterkenntnis in ihrer Notwendigkeit gesprochen, aber anders. So wird gesprochen, wie ich es besonders unserer Zeit ins Herz schreiben möchte: Daß man niemals zur wirklichen Selbsterkenntnis kommen kann, ohne diese Selbsterkenntnis durch Welterkenntnis zu suchen. Hineinbrüten in das Selbst liefert keine Selbsterkenntnis. Welterkenntnis schult erst unser Selbst so, daß dieses Selbst zur Selbsterkenntnis kommen kann. Und wiederum: Niemand kann zu einer Welterkenntnis kommen, ohne daß er den Weg ins eigene Selbst tut. Welterkenntnis ist nicht möglich ohne Selbsterkenntnis. Die beiden Dinge scheinen sich da sogar etwas zu widersprechen, aber dieser Widerspruch ist lebensvoll und fruchtbar: Welterkenntnis nicht ohne Selbsterkenntnis, Selbsterkenntnis nicht ohne Welterkenntnis. Es ist wie das Schlagen eines Pendels, der hin und zurück ausschlagen muß. So muß der Mensch in seinem Leben suchen, stetig suchen den Pendelschlag zwischen Selbsterleben und Welterleben, Welterleben und Selbsterleben. Das aber erst gibt dann Stärkung der Seele, jene innere Aktivität der Seele, die heute und gegen die Zukunft hin der ganzen Menschheit notwendiger und notwendiger werden wird. Deshalb, weil der Mensch aus einem gewissen, im Zeitalter der Bewußtseinsseele natürlichen Egoismus, so sehr leicht in sein Inneres hineinbrütet, deshalb ist die Menschheit verfallen in unserem Zeitalter in die Liebe zur Abstraktion. Sie kann eigentlich gar nicht einmal mehr selber richtig beurteilen, wie stark die Liebe zum bloßen Abstrahieren in unserem Zeitalter ist. Dafür aber auch ist es das Allernotwendigste, daß wir aufsteigen, gerade um die Schwelle, die ich bezeichnet habe, in der richtigen Weise zu überschreiten, daß wir uns bewegen von einer bloßen Abstraktionsnotwendigkeit, einer bloßen Gedankennotwendigkeit, zu einer Tatsache. Von einem bloßen abstrakten Erkennen zu einem Tatsachenerleben. Zu einem Denken in uns nicht im bloßen Gedanken, sondern zu einem Denken, das untertaucht in die Dinge und mit den Dingen und Ereignissen der Welt denkt. Nur dann können wir der Gegenwart gewachsen bleiben. Dafür will ich Ihnen ein Beispiel anführen. Ich bemerke aber von vorneherein, daß Sie nicht das, was ich jetzt sagen werde, so auffassen sollen, wie wenn ich, indem ich die eine oder andere Weltanschauungsrichtung dabei zu charakterisieren habe, auch Stellung nehmen wollte zu dieser einen oder anderen Weltanschauungsrichtung. Ich will nur charakterisieren, nicht richten.

[ 17 ] Dasjenige, was man naturwissenschaftliche Weltanschauung, naturwissenschaftlich orientiertes Denken nennt, es hat ja eine Entwickelung genommen, die ich Ihnen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus charakterisiert habe. Es ist zuletzt angelangt bei einer solchen Anschauung, wie die von Mauthner ist. Aber auch in anderen Schattierungen hat sie sich ausgedrückt. Ich weiß nicht, ob Sie sich an einen Mann erinnern, von dem ich Ihnen, allerdings in einer anderen Hinsicht und um etwas anderes Ihnen zu charakterisieren, vor Jahren hier einmal gesprochen habe, an jenen Mann, der einmal in einem seiner Bücher, das er «Analyse der Empfindungen» nennt, die Schwierigkeit der Selbsterkenntnis schildern wollte. Er wollte schildern schon die äußere Schwierigkeit der Selbsterkenntnis. Und um diese zu schildern, führte er zwei Beispiele an, wo er in bezug auf Selbsterkennen schon bei seinem Exterieur recht starken Illusionen ausgesetzt war. Einmal, so sagt er, ging er auf der Straße. Plötzlich kommt ihm einer entgegen — der Betreffende war Professor —, er denkt sich: Was für eine Schulmeistergestalt kommt mir denn da entgegen? Sie war ihm ganz unsympathisch, diese Gestalt, so erzählt er selbst. Dann merkte er, was ihm passiert war: er kam vor einen Schaufensterspiegel und kam sich selber in diesem Spiegel entgegen, indem er die Straße entlang ging. Ein andermal stieg er in einen Omnibus ein. Gegenüber der Tür, durch die er einstieg, war ein Spiegel. Er war furchtbar müde. Er sah das Bild und sagte bei sich: Was für ein abgetakelter Kerl steigt denn da zur andern Türe in den Omnibus ein? Erst nach und nach kam er darauf, daß er das selbst war.

[ 18 ] Ich habe Ihnen das erzählt, und Sie werden danach schon beurteilen können, daß das immerhin ein ernstzunehmender Mann ist: Ernst Mach, der aus einem Naturforscher Philosoph gewordene Ernst Mach. Nun, er hat wieder verschiedene Schüler. Seine Weltanschauung ist der von Mauthner nicht unähnlich, nur daß Ernst Mach weniger zur Zweifelssucht, zur Haltlosigkeit gekommen ist, sondern einfach an das Spiel der Gedanken glaubt. Das Ich selber ist ihm ein bloßer Mythos, wie auch bei Mauthner, nur ist Mach damit zufrieden. Man muß aber diesen Ernst Mach studieren und dann sein Leben kennenlernen, die ganze Persönlichkeit kennenlernen. Ich erinnere mich selbst, wie ich zuerst Ernst Mach gesehen habe in der Wiener Akademie der Wissenschaften, wo er einen Festvortrag hielt über die Ökonomie des Denkens, wo er alles das, was man denkt, bloß wie eine Anordnung der Gedanken nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes erklärte. Ich hatte damals eine große Wut auf diese Darstellung des Denkprozesses. Dann hat er das ausgebaut, hat seine Bücher geschrieben, welche auf viele Leute einen großen Einfluß gewonnen haben. Kennt man sonst sein Leben, dann weiß man: Er war ganz gewiß ein sehr, sehr braver, dem Staate, dem er durch sein Lehrfach diente, sehr gehorsamer Staatsbürger, mit Bezug auf sein Gelehrtentum ein typischer Vertreter des sich in der neueren Zeit heraufentwikkelnden Denkens. Ich könnte Ihnen noch einen ähnlichen Denker nennen. Mach hat selber nicht in Zürich gelehrt, sondern nur ein Schüler von ihm: Friedrich Adler, derselbe Adler, der dann den österreichischen Minister Stürgkh erschossen hat. Aber ein zwar viel abstrakter noch denkender Mann hat in Zürich eine der Machschen Philosophie, der Machschen Weltanschauung sehr ähnliche Weltanschauung vertreten: Richard Avenarius. Ich kann Ihnen nicht raten, die Bücher von Avenarius zu lesen; Sie würden sie nach der zweiten Seite wegwerfen. Sie sind in einer unverständlichen Sprache geschrieben. Es würde für Sie nur das eine Unerklärliche vorliegen: wie es denn kommt, daß sich doch sehr, sehr viele Menschen in die Bücher von Avenarius vertieft haben und sich aus seiner Philosophie heraus heute eine Weltanschauung gebildet haben.

[ 19 ] Was ich Ihnen hier bespreche, sind extreme Fälle, die Sie aufmerksam machen können auf den Unterschied einer bloß abstrakten Gedankenlogik und einer Tatsachenlogik. Avenatius war auch seinem Leben nach wahrhaftig ein guter Durchschnittsbürger, ein braver Staatsbürger in bestem Sinne des Wortes. Aber solche Leute wie Ernst Mach, sein Schüler Adler, bei dem es schon mehr sichtbar wurde, und Avenarius — nehmen wir zunächst einmal Mach und Avenarius —, die fühlen nichts von der Tatsachenlogik, in der sie durch ihre eigenen Tatsachen stehen. Denn, sehen Sie, was ist denn geworden aus der Weltanschauung von Ernst Mach und Avenarius, diesen braven, gehorsamen, waschechten Bourgeois-Gelehrten? Was ist daraus geworden? Es ist daraus geworden die Staatsphilosophie der Bolschewisten, die Weltanschauung, die dem Bolschewismus zugrunde liegt. Es ist nur durch andere menschliche Temperamente gegangen, durch andere menschliche Seelenverfassungen gegangen. Tatsachenkonsequenz! Konsequenz nach der Tatsachenlogik desjenigen, was Ernst Mach und Avenarius gelehrt haben.

[ 20 ] Das ist nicht nur durch einen äußeren Zufall geschehen, daß gerade durch das Studieren von begabten russischen Studenten bei Avenarius und dann bei Adler in Zürich etwa zufällig hinübergetragen worden ist nach Rußland diese Philosophie, sondern da liegt ein innerer geistiger Zusammenhang vor. Den begreift nur derjenige, der nicht mit Gedanken über die Dinge denkt, sondern der in den Dingen denken kann, der weiß, daß zwar nicht eine abstrakt logische Konsequenzmacherei von Avenarius und Mach zu Lenin und Trotzki führt, daß aber eine sehr tatsächliche Logik führt von dem einen zum anderen. Das sind die Dinge, auf die es heute ankommt. Sie sind heute nur zugänglich dem, der den Ernst dazu hat, das Innere des Werdens zu studieren. Denn wir sind in einer komplizierten Zeit des inneren Lebens angekommen, wo so jemand wie Mach und Avenarius glauben kann, daß er ein Mann der Ordnung ist, daß er ein Mann ist, der nur in geistigen Ordnungshöhen lebt, und nicht ahnt, daß es zu politischem Dynamit werden kann, was er lehrt, wenn seine Gedanken übergehen von ihm in andere Seelen.

[ 21 ] Es ergeht heute an die Menschheit der große Ruf, sich einen Sinn anzueignen für die tieferen Zusammenhänge des Lebens. Ohne diesen Sinn kommt man nicht weiter. Wollen wir zu fruchtbaren sozialen Ideen kommen, dann dürfen wir auch nicht wie Richard Avenarius und Ernst Mach die toten Endprodukte der alten, in sich selber sich vernichtenden Weltanschauungen aussuchen, sondern wir müssen uns zuwenden jenem Neuaufbau der Weltanschauungen, der nur in der Geisteswissenschaft gegeben werden kann und der allein in der richtigen Weise zu fragen versteht: Was muß als soziale Ordnung auftreten, wenn der Mensch in der Zukunft, von der Gegenwart an und in der Zukunft immer mehr und mehr so innerlich dreigeteilt — denn er geht über die Schwelle innerlich dreigeteilt — durch die Welt schreitet? Da muß ihm die äußere soziale Ordnung das Spiegelbild sein; da muß die äußere soziale Ordnung dreigeteilt sein. Dann wird Äußeres und Inneres sich in der Zukunft entsprechen. Diese Dreigliederung ist, wenn man sie wirklich mit ernster geistiger Wissenschaft zu betrachten vermag, nicht etwas Ersonnenes; sie ist etwas einfach dem wahren inneren Werdegang der Menschheit, wie er vorschreitet von der Gegenwart zu der Zukunft, Abgelauschtes.

[ 22 ] Zu allen anderen Erfordernissen, die an den Menschen der Gegenwart sich richten, gehört eben auch dieses, daß der Mensch den guten Willen entwickelt, sich auf die Betrachtung der geistigen Welt einzulassen. Daß er zunächst einmal den guten Willen entwickelt, sich selber so zu betrachten, daß der Betrachtung anschaulich wird, was geistig diesem Menschen zugrunde liegt. Eine Prüfung, nicht etwas Endgültiges, war der naturwissenschaftliche Materialismus. Deshalb ist er auch so bedeutungsvoll und nützlich, selbst in der Gestalt des Haeckelianismus. Eine Prüfung, durch die durchgegangen werden muß, ist das alles. Da wird der Mensch an die Tierreihe angereiht, weil im Grunde genommen mit Bezug auf alles dasjenige, worauf diese Betrachtung Wert legt, der Mensch doch nur als höherentwickeltes Tier erscheint. Beginnen wir aber, den Menschen mit Bezug auf die Selbsterkenntnis im Zusammenhang mit der Welt zu betrachten, so wird die Sache gleich anders. Da werden Dinge, die sonst als unwichtig gelten, zu wichtigen, und umgekehrt. Da strahlt einfach dadurch, daß man auf einem besonderen Betrachtungs-Standpunkt steht, ein neues Licht auf die ganze Wesenheit des Menschen. Im wesentlichen, wir wissen es, geht das Tier so über die Erde hin, daß es — die Ausnahmen lehren gerade sehr viel für das Wesentliche — sein Rückgrat parallel der Erdoberfläche trägt. Der Mensch richtet sich in der ersten Zeit seines Lebens auf, stellt die Hauptrichtung seines Leibes, das heißt die Richtung seines Rückgrates, senkrecht auf die Erdoberfläche, bildet mit dieser Erdoberfläche im Rückgrat ein Kreuz, bildet auch mit der Richtung des tierischen Rückgrates ein Kreuz. Indem man das ausspricht, spricht man klar aus das Verhältnis des Menschen zur übrigen Welt. Es ist anders beim Tier, es ist anders beim Menschen. Da können Sie immer lesen bei Aaeckel: Der Mensch hat gerade so viele Knochen und Muskeln wie die höheren Tiere. — Aber es gibt noch andere Dinge, die nicht gezählt werden können, die in einem intuitiven, oder besser gesagt imaginativen Erfassen der Gestalt in ihrem Verhältnis zur Gesamtgestaltung des Kosmos und der Erde bestehen, und dieses Erfassen der Gestalt, nicht ein Sprechen über das Wesen des Menschen, das ist wichtiger als das Zählen der Knochen und der Muskeln, wichtiger als das, was die vergleichende Morphologie über den Menschen zu sagen hat.

[ 23 ] Von da ausgehend könnte ich Ihnen nun vieles sagen, was Ihnen zeigen würde, daß da, wo aufhören muß die bisherige Weltenbetrachtung, die im Menschen solche Denkgewohnheiten gezeitigt hat, welche den Menschen ins gegenwärtige Unglück hineingeführt haben, daß da, wo dieses Denken und diese Denkgewohnheiten endigen, nunmehr ein Neues beginnen muß, welches zum Beispiel sich anschließt an die Gestalt. Das wird dann eine geistige Betrachtung der Welt geben, das wird befruchten den selbständigen, sozialen Geistesorganismus.

[ 24 ] Und eine noch höhere Stufe — diese Stufen werden nicht wie sonst bei unseren Zeitgenossen nur träumend-mystisch aufwachen —, eine noch höhere Stufe wird lebendig erfassen dasjenige Sein, das immer um uns ist, das «offenbare Geheimnis», wie Goethe sagt. Von da wird dann aufgestiegen werden in solchem «Erwachtsein», wie ich es in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln» genannt habe, zu dem, was nun nicht nur ein Hineinstellen der Gestalt in den Kosmos ist, sondern was ein Mitschwingen ist mit den großen rhythmischen Schwingungen des Kosmos.

[ 25 ] Sie wissen, der Mensch besteht aus diesen drei Gliedern: NervenSinnessystem, rhythmisches System, Stoffwechselsystem. Im NervenSinnessystem steht er so drinnen, daß er dadurch die Gestalt im Verhältnis zum Kosmos erfassen kann. In bezug auf sein Fühlen, das Rhythmus-, das Atmungs- oder Brustsystem, da steht er drinnen mit diesem Rhythmus in dem Rhythmus der ganzen Welt. Diesen Rhythmus können wir ja zunächst — wir könnten natürlich viel mehr haben, weil wir von den verschiedensten Gesichtspunkten aus im Lauf der Jahre vieles erwähnt haben —, diesen Rhythmus können wir zunächst nur an einem Zipfel erfassen. Ich will nur wiederholen schon öfter Gesagtes. Wir sehen hin auf unsere Atmung. Wir haben beim normalen Atmen 18 Atemzüge in der Minute. Das gibt in einem Tag bei 24 Stunden ungefähr 25 920 Atemzüge. So daß wir in einem Tage rhythmisch hintereinander vollziehen das Einatmen und das Ausatmen: ungefähr 25 920 mal. Das ist das kleinste Atmen, das unser individueller Mensch entfaltet. Sie wissen, schon im Alten Testament hat man das Patriarchenalter auf 70 Jahre ungefähr angenommen. Man kann natürlich älter werden, man kann auch jünger sterben, aber das ist so etwa das Durchschnittsalter der Menschen, 70 bis 72 Jahre. Wieviel Lebenstage sind dies? Sehr approximativ gerechnet 25 920 Lebenstage. Wenn Sie nun nehmen jenen großen Atemzug, der mit uns gemacht wird, indem wir am Morgen untertauchen mit unserem Ich und Astralleib in unsern Ätherleib und physischen Leib, so daß wir morgens einatmen unser Geistig-Seelisches und abends wieder ausatmen, wenn Sie das nehmen als einen Atemzug, der jeden Tag vollzogen wird, dann vollzieht unser Lebenstag, der ungefähr 71 Jahre umfaßt, 25 920 Atemzüge. Das heißt, jener große Geist, der da atmet, indem wir geboren werden und sterben, der atmet in seinem Lebenstag, der unser ganzes Menschenleben umfaßt, so oft ein und aus wie wir in 24 Stunden. So sind wir angepaßt mit unserem menschlichen Atmen jenem geistigen Atmen, das der Geist vollzieht, für den das Ein- und Ausatmen ist, was für uns Geborenwerden und Sterben ist. Wir sind das Ergebnis seiner Atemzüge in unserem Wach- und Schlafesleben. Und die Sonne, von der Sie ja wenigstens ahnen können, daß sie eine Beziehung zu unserem Erleben hat: der Mensch beobachtet, wie ihr Aufgang vorrückt im Tierkreisbild um eine bestimmte Anzahl Grade jährlich, so daß, wenn der Frühlingspunkt liegt an einer bestimmten Stelle eines bestimmten Tierkreisbildes, er das nächste Jahr weiter verschoben ist und so weiter. So kreist der Aufgangspunkt der Sonne scheinbar um die ganze Ekliptik herum, in dem, was ein platonisches Weltenjahr genannt wird, und das umfaßt 25 920 Jahre. Ein Lebenstag von uns enthält 25 920 Atemzüge, unser Leben zwischen Geburt und Tod enthält 25 920 Lebenstage, ein großes Sonnenjahr 25 920 unserer Lebensjahre. So fügen wir uns hinein in dasjenige, was geatmet wird im Sonnen-Erden-Prozeß durch ein platonisches Weltenjahr hindurch. Da sehen Sie hinein in einen Weltenrhythmus, durch den der Mensch hineingegliedert wird in den Kosmos.

[ 26 ] Ohne wenigstens den guten Willen zu haben, den Menschen in beweglicher Erkenntnis im Zusammenhang zu erkennen mit dem Kosmos, können Sie keine Erkenntnis des Menschen gewinnen. Sie können nichts mehr begreifen mit der heutigen Naturwissenschaft, so sonderbar das klingt, als des Menschen Leben bis zur Geburt. Nachdem der Mensch geboren worden ist, tritt etwas mit seinem Leben ein, das die Naturwissenschaft nicht mehr erfassen kann. Daher muß die Naturwissenschaft bei der Methode, welche besonders beliebt ist, bei der Embryologie stehenbleiben. Das zeigt sich heute besonders darin, daß die ganze Entwickelungslehre heute nur ein Ausbilden ist der Embryologie. Das andere ist alles Phantasie. Beginnt der Mensch auf der Erde zu leben, so tritt die Notwendigkeit ein, in imaginativer, in inspirierter Erkenntnis ihn zu durchschauen. Denn nur mit dieser kann man durchschauen, was der Mensch beim Tode erlebt, und was der Tod ist. Durch die höchste Stufe der Erkenntnis, die Sie beschrieben finden in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als die Stufe der wahrhaften Intuition, erlangt man jene Einsicht in das Wesen, das wunderbar in der Sprache selbst angedeutet wird, indem man vom Leichnam, und zwar mit einem gewissen Recht, sagt: er verwest. Wenn man heute so etwas noch fühlen könnte bei den Worten, so würde man wahrhaftig fühlen: Verwesen heißt ins Wesen übergehen, ins Wesen hineingehen, mit dem Wesen eins werden. Indem die Sprache von Verwesen redet, redet sie wahrhaftig nicht von Vergehen. Und der geheimnisvolle Prozeß, den eine künftige Naturwissenschaft aus den Tiefen des Erkennens herausholen wird, der erst dann sich vollzieht, wenn der menschliche Leib scheinbar verwest oder verbrennt, der ist nicht ein Vernichten; der ist gerade etwas Bedeutungsvolles im inneren Aufbau des Geschehens.

[ 27 ] Ich möchte durch eine solche Betrachtung wie die heutige ein Gefühl davon hervorrufen, wie ein innerer Zusammenhang ist zwischen dem, was ersterbende Weltanschauung und wissenschaftliche Richtung der alten Zeit ist, und der noch im Keime befindlichen, heute eigentlich erst auftauchenden Geisteswissenschaft im Sinne dessen, was werden muß gegen die Zukunft hin. Es stoßen aber hart die beiden Dinge aneinander. Und hier beginnt anschaulich zu werden eine tiefe Tragik des modernen Lebens, die wir durch innere Menschenkraft besiegen müssen. Dasjenige, was ich, mag man mir es noch so übel nehmen, die untergehende bürgerliche Welt- und Lebensauffassung nenne, das ist ein letztes Ende, das bereitet sich selber den Untergang. Dasjenige, was heute noch wahrhaftig sehr weit von dem entfernt ist, was es werden soll, was als proletarische Sehnsucht herauftaucht, das hat andere menschliche Untergründe. Während die bürgerliche Weltanschauung untergeht im Ätherleib, geht aus dem Astralleib auf dasjenige, was sich aus der proletarischen Welt entwickelt. Und ein furchtbar deutlich sprechendes Symbolum der untergehenden Weltanschauung war die Egoistik Max Stirners. Sie finden sie in ihrem Zusammenhange geschildert in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie». Jetzt leben wir in einem Zeitalter, wo wir durchaus versuchen müssen, dasjenige, was aufgeht, nicht nach seiner Außenseite zu beurteilen. Mag es heute da oder dort noch so viel irren, wir müssen dasjenige, was sich heute als soziale Bewegung aus dem Proletariat heraus entwickelt, als das Werden des Zukünftigen anschauen können, gerade vom geistigen Gesichtspunkte des Menschen aus. Wir müssen sehen können: Die Menschheit überschreitet eine Schwelle, sie muß hinein in das übersinnliche Erkennen. Und gerade das ist für den geistig Erkennenden ein scharf sprechendes Mittel, die Richtung zu schauen, daß sich gerade die proletarische Welt in diesen oder jenen Führern, in diesen oder jenen Bonzen, recht sehr materialistisch benimmt und sich wehrt gegen das, was sie einst sein wird. Sie wehrt sich. Sie hat angenommen als letztes Erbstück die bürgerliche Denkungsweise, aber sie ist in der menschlichen Entwickelung dazu berufen, bewußt über die Schwelle zu schreiten, sich herauszuarbeiten aus materialistischem Irrwahn zur wirklichen Erkenntnis des Übersinnlichen. Gerade dasjenige, worauf hier hingewiesen wird, es muß durch Beobachtung eines geistigen Untergrundes so erforscht werden, daß es nicht bloß zu abstraktem Erkennen wird, sondern daß es unserem Willen innerlich Impuls werden kann. Dann werden wir uns zur rechten Zeit in der rechten Weise in diese gegenwärtige soziale Ordnung mit vollem Bewußtsein hineinstellen können.