Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
11 Mai 1919, Stuttgart
Vierter Vortrag
[ 1 ] Die Auseinandersetzungen, die ich heute geben werde, sollen volkspädagogischer Natur sein, und zwar in solcher Art, daß das ihnen Zugrundeliegende der Zeit, unserer so ernsten Zeit dienen kann. Sie werden ja, wie ich glaube, von selbst gesehen haben, daß dasjenige, was nur andeutungsweise gegeben werden konnte in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft», viele Untergründe, und vor allen Dingen sehr viele nach den Tatsachen der neuen Weltgestaltung hingehende Konsequenzen hat. So daß eigentlich von allem, was heute nach dieser Richtung gesprochen werden müßte und vor allen Dingen, wozu Anregungen gegeben werden müßten, immer nur einzelne Leitlinien statt irgend etwas Erschöpfendem zunächst gegeben werden können.
[ 2 ] Wenn wir heute auf unsere Zeit sehen — und wir haben das nötig, denn wir müssen diese Zeit verstehen —, so muß uns wirklich immer wieder auffallen, welcher Abgrund vorhanden ist zwischen dem, was man eine Niedergangskultur nennen muß, und dem, was man nennen muß eine ja noch chaotisch arbeitende, aber aufsteigende Kultur. Ich will ausdrücklich darauf aufmerksam machen, daß ich heute nur ein ganz spezielles Kapitel behandeln will, und bitte Sie daher, dieses Kapitel im Zusammenhang mit dem Ganzen zu betrachten, das ich jetzt bei verschiedenen Gelegenheiten vorbringe.
[ 3 ] Das, wovon ich ausgehen möchte, ist: Sie aufmerksam darauf zu machen, daß in der Tat deutlich bemerkbar ist, wie eine Kultur, deren Träger die bürgerliche Gesellschaftsordnung war, in raschem Abstieg begriffen ist; wie auf der anderen Seite eine andere Kultur sich in ihrer Morgenröte zeigt, deren Träger heute, wie gesagt noch aus einer vielfach unbegriffenen Unterlage heraus, eben das Proletariat ist. Will man diese Dinge verstehen — fühlen kann man es ja ohne das, es bleibt aber unklar —, so muß man sie auffassen in ihren Symptomen. Symptome sind immer Einzelheiten, und das ist es, was ich Sie bitte, bei meinen heutigen Betrachtungen zu berücksichtigen. Ich werde natürlich durch die Sache selbst gezwungen sein, Einzelheiten aus einem Ganzen herauszureißen, aber ich bemühe mich, diese Symptomatologie so zu gestalten, daß sie nicht in agitatorischem oder demagogischem Sinne wirken kann, sondern daß sie wirklich aus der Sachlage heraus gestaltet ist. Nach dieser Richtung kann man ja heute vielfach mißverstanden werden, allein diesen Mißverständnissen muß man sich eben aussetzen.
[ 4 ] Ich habe Sie im Laufe der Jahre oftmals darauf aufmerksam gemacht, daß auf dem Boden der Weltanschauung, auf dem hier gestanden wird, man sein kann in erster Linie ein wirklicher Verfechter und Verteidiger der modernen naturwissenschaftlichen Weltorientierung. Wie oft habe ich all dasjenige, was zur Verteidigung dieser naturwissenschaftlichen Weltorientierung gesagt werden kann, angeführt. Ich habe aber niemals auch versäumt zu sagen, welche ungeheuren Schattenseiten diese naturwissenschaftliche Weltorientierung hat. Noch letzthin habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß sich das sogleich zeigt, wenn man eben durch das, was man hier die symptomatologische Betrachtungsweise nennt, auf einzelne spezielle Fälle hinweist, also ganz empirisch zu Werke geht. Ich habe Ihnen loben müssen aus anderen Zusammenhängen heraus ein ausgezeichnetes Werk der Gegenwart von Oscar Hertwig, dem ausgezeichneten Biologen, «Das Werden der Organismen; eine Widerlegung der Darwinschen Zufallstheorie»; und ich habe, damit keine Mißverständnisse entstehen, sogleich aufmerksam machen müssen — nachdem Oscar Hertwig ein zweites Büchelchen hat erscheinen lassen —, daß dieser Mann hingestellt hat neben ein großartiges naturwissenschaftliches Buch eine Betrachtung über soziale Lebensverhältnisse, die ganz minderwertig ist. Das ist eine bedeutsame Tatsache der Gegenwart. Das zeigt, auf welchem Grund und Boden, auf welchem als naturwissenschaftliche Weltorientierung selbst ausgezeichneten Grund und Boden dasjenige nicht entstehen kann, was in erster Linie notwendig ist zum Verständnis der Gegenwart: eine Erkenntnis der sozialen Impulse, die in unserer Zeit vorhanden sind.
[ 5 ] Ich will Ihnen heute ein anderes Beispiel vorführen, an dem Sie so recht werden sehen können, wie auf der einen Seite bürgerliche Bildung dem Niedergang entgegengeht und sich nur retten wird können auf eine bestimmte Weise; wie auf der anderen Seite etwas Aufsteigendes vorhanden ist, das man nur hegen und pflegen muß in verständnisvoller und richtiger Weise, dann wird es der Ausgangspunkt für die Kultur der Zukunft sein.
[ 6 ] So recht als ein symptomatisches, typisches Produkt des niedergehenden Bürgertums liegt mir hier ein Buch vor, das unmittelbar nach dem Weltkrieg erscheint, das sich nennt, etwas anspruchsvoll, «Der Leuchter, Weltanschauung und Lebensgestaltung». — Dieser Leuchter ist so recht geeignet, möglichst viel Finsternis ausstrahlen zu lassen mit Bezug auf alles dasjenige, was heute so notwendig ist als soziale Bildung und ihre geistigen Grundlagen. Eine merkwürdige Gesellschaft hat sich zusammengefunden, welche merkwürdige Sachen zum sogenannten Neubau unseres sozialen Organismus in einzelnen Aufsätzen schreibt. Ich kann natürlich nur einzelnes aus diesem etwas umfangreichen Buche anführen. Da ist zunächst ein Naturforscher, Jakob von Ueuküll, wahrhaftig ein guter, typischer Naturforscher, der, und das ist das Bedeutsame, nicht nur Kenntnisse sich angeeignet hat in der Naturwissenschaft — da ist er ein nicht bloß beschlagener, sondern als Forscher vollkommener Mann der Gegenwart —, sondern der sich auch gezwungen fühlt, wie das ja auch andere tun, die aus naturwissenschaftlichern Boden herausgewachsen sind, nun seine Folgerungen für die soziale Weltgestaltung zum besten zu geben. Er hat am sogenannten Zellenstaat, wie man den Organismus oftmals in naturwissenschaftlichen Kreisen nennt, gelernt. Und zwar hat er gelernt, seinen Denkorganismus auszubilden, und mit diesem ausgebildeten Denkorganismus betrachtet er nun das soziale Leben. Ich will Ihnen nur Einzelheiten anführen, aus denen Sie sehen können, wie dieser Mann, und zwar, wie man sagen kann, nicht aus Naturwissenschaft, sondern aus naturwissenschaftlicher Denkungsweise im Grunde genommen ganz richtig, aber eben lebensgemäß total unsinnig die heutige soziale Gestaltung betrachtet. Er lenkt seinen Blick auf den sozialen Organismus und auf den natürlichen Organismus, und findet, daß die Harmonie in einem natürlichen Organismus zuweilen auch dutch Krankheitsprozesse gestört werden kann, und sagt nun mit Bezug auf den sozialen Organismus das Folgende:
[ 7 ] «Jede Harmonie kann durch Krankheit gestört werden. Wir nennen die furchtbarste Krankheit des menschlichen Körpers — «Krebs». Sein Merkmal ist die schrankenlose Tätigkeit des Protoplasmas, das sich nicht mehr um die Erhaltung der Werkzeuge kümmert, sondern nur noch freie Protoplasmazellen erzeugt. Diese verdrängen das Körpergefüge, können aber selbst keine Arbeit leisten, da sie des Gefüges entbehren.
[ 8 ] Die gleiche Krankheit kennen wir im menschlichen Gemeinwesen, wenn die Parole des Volkes: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, an die Stelle der Staatsparole: Zwang, Verschiedenheit und Unterordnung tritt.»
[ 9 ] Nun, da haben Sie einen typischen naturwissenschaftlichen Denker. Er betrachtet es als eine Krebskrankheit am Volkskörper, wenn aus dem Volke heraus die Impulse von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gesetzt werden. Er will an die Stelle von Freiheit gesetzt haben Zwang, an Stelle der Gleichheit Verschiedenheit, an Stelle der Brüderlichkeit Unterordnung. Das hat er gelernt am Zellenstaat als Betrachtungsweise in sich aufzunehmen, das überträgt er als Konsequenz auf den sozialen Organismus. Auch im übrigen sind seine Auseinandersetzungen nicht gerade unerheblich, wenn man sie richtig symptomatologisch betrachtet. Er kommt dazu, im sozialen Organismus auch etwas zu finden, was im natürlichen Organismus dem Blutkreislauf entspricht, und zwar nicht so, wie ich es jetzt in verschiedenen Vorträgen dargestellt habe, sondern so, wie es sich eben ihm darstellt. Er kommt dazu, als dieses mit Recht im sozialen Organismus zirkulierende Blut das Gold anzusehen, und er sagt: «Das Gold besitzt aber auch die Fähigkeit, unabhängig vom Warenstrom zu kreisen, und gelangt dann in die großen Banken als Zentralsammelstellen (Goldherz).» — Also der Naturforscher kommt dazu, etwas für das Herz zu suchen im sozialen Organismus, und findet dafür die großen Banken als Zentralsammelstellen, « die einen überwiegenden Einfluß auf den gesamten Gold- und Warenstrom ausüben können».
[ 10 ] Nun bemerke ich Ihnen ausdrücklich, daß ich nicht irgend etwas lächerlich machen möchte, sondern daß ich Ihnen nur vor Augen führen möchte, wie ein Mensch, der von dieser Grundlage aus den Mut auch hat zu denken bis zu den Konsequenzen, eigentlich denken muß. Wenn viele Menschen sich heute hinwegtäuschen darüber, daß wir es im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte zu einer Entwickelung gebracht haben, die ganz begreiflich macht solches Denken, so liegt eben die Tatsache vor, daß diese Leute mit den Seelen schlafen, daß sie sich Betäubungsmitteln, Kulturbetäubungsmitteln hingeben, die ihnen nicht gestatten, mit wacher Seele auf das hinzuschauen, was eigentlich in der sogenannten bürgerlichen Bildung drinnen steckt. Sehen Sie, da habe ich Ihnen in einem Symptom hingeleuchtet auf diesen «Leuchter», hingeleuchtet auf die Grundlage der gegenwärtigen Bildung, insofern diese aus naturwissenschaftlicher Denkweise heraus das soziale Leben begreift. — Ich will Ihnen auch an einem anderen Beispiel zeigen, wie dasjenige wirkt, was auf geistigem Gebiet einem entgegentritt.
[ 11 ] Zu denjenigen Menschen, die hier in der Gesellschaft vereinigt sind, gehört auch ein auf mehr geistigem Boden Stehender, Friedrich Niebergall. Nun, dieser Friedrich Niebergall, der darf schon aus dem Grunde angeführt werden, weil er gewissen Dingen, die uns wertvoll sind, sogar recht wohlwollend gegenübersteht. Aber ich möchte sagen, das ist es eben, wie man wohlwollend gewissen Dingen von solcher Seite gegenübersteht. Sieht man auf das Wie, so schätzt man dieses Wohlwollen, natürlich wenn man nicht egoistisch ist, sondern auf die großen sozialen Impulse sieht, nicht sehr hoch ein; und es würde gut sein, wenn man sich über solche Dinge keiner Täuschung hingäbe. Wir wissen doch — wenigstens einige könnten es wissen: Das, was hier als sogenannte Geisteswissenschaft gepflegt wird, als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, das ist bei uns seit lange schon so gedacht, daß es sein soll die wirklich geistige Grundlage desjenigen, was heute im Aufstiege ist. Da stoßen allerdings gewöhnlich die äußersten Extreme aneinander. Und ich habe es immer wieder erfahren müssen, wie diejenigen, die teilnehmen an unseren geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, abschwenken nach anderen Dingen hinüber, die sie «ganz verwandt» fühlen, die aber dadurch von diesen geisteswissenschaftlichen Bestrebungen verschieden sind, daß sie die ärgsten bürgerlichen Niedergangserscheinungen sind, während die Geisteswissenschaft von jeher in dem schärfsten Kampfe mit diesem bürgerlichen Niedergangsstandpunkte war. Und so finden wir denn auch ziemlich kunterbunt durcheinander gemischt von einem, der eben diese beiden Strömungen nicht sehen kann, wie zum Beispiel Niebergall, eine Erscheinung, die geradezu eben sich erweist als ein charakteristischer Ausfluß unserer Dekadenzkultur, Johannes Müller; und gleich auf der anderen Seite — Sie wissen, daß ich solche Dinge nicht aus irgendeiner albernen Einbildung heraus sage — finden Sie dann meinen Namen verzeichnet. Da wird sogar über das, was ich versuche zu leisten, allerlei Niedliches gesagt, recht viel Niedliches. Aber nun werden Sie wissen, daß mein ganzes Bestreben immer dahin geht, für alles das, was vorgebracht wurde innerhalb dieser sogenannten Geisteswissenschaft, zuletzt den gesunden Menschenverstand in Anspruch zu nehmen und alle nebulose Mystik, alles sogenannte mystisch-theosophische Zeug, gerade in der schärfsten Weise zu bekämpfen. Das konnte nur geschehen dadurch, daß hinaufgetragen wurde in die höchsten Gebiete des Erkennens klare Einsicht, deutliche Ideen, die man gerade dann anstreben wird, wenn man an der Naturwissenschaft nicht die heutige naturwissenschaftliche Orientierung, sondern wahres Denken gelernt hat.
[ 12 ] Nachdem so der betreffende Herr auseinandergesetzt hat, wie schön manches in der Anthroposophie ist, fügt er dann hinzu: «Um diese praktische Grundwahrheit rankt sich dann noch ein krauses Gewirr von angeblichen Erkenntnissen aus dem Leben der Seele, der Menschheit und des Kosmos, wie es einst in den umfassenden Systemen der Gnosis der Fall war, die einer ähnlich nach Tiefe und Seelenruhe suchenden Zeit geheimnisvolle Weisheit aus dem Osten anboten. » Man kann natürlich nichts Unzutreffenderes sagen als dieses. Denn daß der Verfasser dieses als krauses Zeug bezeichnet, als krauses Gewirr, das beruht ja lediglich darauf, daß er nicht den Willen hat, auf die mathematische Methode dieser Geisteswissenschaft einzugehen. Den haben meistens diejenigen nicht, die nur aus der niedergehenden Erkenntnisart sich irgendwelche Vorstellungen gewinnen wollen. Und so erscheint ihm dasjenige, was gerade an der Disziplinierung des inneren Erlebens durch die Mathematik gewonnen ist, als krauses Gewirr. Aber dieses krause Gewirr, das es zu einer solchen mathematischen Klarheit bringt, ja vielleicht sogar mathematischen Nüchternheit bringt, das ist es, was wesentlich ist, was vor jeder schwafelnden Mystik, vor jeder nebulosen Theosophie dasjenige bewahrt, was hier getrieben werden soll. Und ohne dieses sogenannte krause Gewirr läßt sich überhaupt nicht eine wirkliche Grundlegung für das zukünftige Geistesleben gewinnen. Gewiß, man hatte zu kämpfen — indem ja bis zur Gegenwart nur im engsten Kreise durch unsere sozialen Verhältnisse diese Geisteswissenschaft getrieben werden konnte —, man hatte zu kämpfen mit dem, was sehr oft dadurch erscheint, daß zumeist diejenigen Menschen, die jetzt Zeit haben, nichts anderes als Zeit haben zu diesen geisteswissenschaftlichen Dingen, eben noch die alten, niedergehenden Denkgewohnheiten und Empfindungsgewohnheiten haben. Und man hat daher so furchtbar zu kämpfen mit dem in diesen Kreisen so leicht sich breitmachenden Sektierertum, das natürlich in Wahrheit das Gegenteil desjenigen ist, was eigentlich gepflegt werden soll, und mit allerlei persönlichem Gezänk, das dann selbstverständlich als solches zu jenen Verleumdungssystemen führt, die ja gerade auf dem Boden dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung so üppig ins Kraut geschossen sind.
[ 13 ] Nun, wer aus solchen Symptomen heraus dasjenige betrachtet, was heute Geistesleben ist, der wird leicht dahin kommen können, sich zu sagen: Neuschöpfungen sind insbesondere auf dem Gebiet des geistigen Strebens gerade notwendig. Sehen Sie, der Ruf nach sozialer Lebensgestaltung ertönt in einer Zeit, in der eigentlich die Menschen im umfassendsten Sinne ausgestattet sind mit antisozialen Trieben und antisozialen Instinkten. Diese antisozialen Triebe und antisozialen Instinkte, sie zeigen sich ja ganz besonders auch im privaten Umgang der Menschen. Sie zeigen sich in dem, was Menschen den Menschen heute entgegenbringen, beziehungsweise nicht entgegenbringen. Sie zeigen sich darin, daß es ein Hauptcharakteristikon ist, daß die Menschen aneinander vorbeidenken, aneinander vorbeireden und schließlich auch aneinander vorbeigehen. Eine instinktive Fähigkeit, wirklich den Menschen, der einem entgegentritt, verstehen zu wollen, ist in unserer Zeit etwas außerordentlich Seltenes. Und nur eine Begleiterscheinung dieser Seltenheit des sozialen Instinktes ist dann das andere: die Möglichkeit für den Menschen der Gegenwart, von irgend etwas, worin er nicht durch soziale Lage, durch Erziehung, durch die Geburt eingeschraubt ist, überzeugt zu werden. Es können ja heute die schönsten Gedanken von Menschen ausgehen, es bestehen die größten Schwierigkeiten, daß die Menschen sich durch irgend etwas anregen lassen. Die Menschen denken heute an dem Allerbesten vorbei. Das ist ein Grundcharakteristikon unserer Zeit. Und als eine tatsächliche Folge davon — Sie wissen, ich habe neulich von der Tatsachenlogik, die ein Wichtigstes für die Gegenwart ist im Gegensatz zur bloßen Gedankenlogik, gesprochen — ist heute in den Menschen eine Sehnsucht vorhanden, nicht innerlich aktiv die Dinge durchzuarbeiten, sondern sich Autoritäten und Empfindungsinstanzen hinzugeben. Die Menschen, die heute so viel von Autoritätsfreiheit reden, sind eigentlich im Grunde die autoritätsgläubigsten, sind Menschen, die sich intensiv nach Autorität sehnen. Und so sehen wir heute — es wird nur nicht beobachtet, weil so viele Leute seelisch schlafen — einen bedenklichen Zug unter denen, die in der Niedergangskultur drinnenstehen und keinen Ausweg aus dieser Niedergangskultur finden: den Zug, in den Schoß der alten katholischen Kirche zurückzugehen. Würde man heute wissen, was alles untergründig in diesem Zug, in den Schoß der katholischen Kirche zurückzugehen, liegt, man würde sehr erstaunt sein. Würde aber dieser Zug weitere Verbreitung finden, dann würden wir es gerade unter den heutigen Verhältnissen in gar nicht zu ferner Zeit mit einem gewaltigen Übergang großer Menschenmassen in den Schoß der katholischen Kirche zu tun haben. Derjenige, der ein wenig die Eigenheiten unserer heutigen Kultur zu beobachten imstande ist, der weiß, daß solches uns droht.
[ 14 ] Woher sind alle diese Dinge gekommen? Da muß ich Sie aufmerksam machen auf eine Grunderscheinung unseres gegenwärtigen sozialen Lebens. Da ist eine besondere Eigentümlichkeit desjenigen, was ja sich verbreitet hat in den letzten Jahrhunderten und immer größere und größere Dimensionen angenommen hat, sich auch immer noch weiter verbreiten wird in denjenigen Ländern, die als zivilisierte Länder zurückbleiben werden aus dem heutigen Chaos heraus: das ist die technische Kulturnuance, die besondere technische Nuance, die in der neueren Zeit die Kultur angenommen hat. Nun würde ich über dieses Kapitel besonders lange zu sprechen haben, werde es auch einmal tun, indem ich auf alle Einzelheiten weisen werde von dem, was ich jetzt nur wie einen Nebensatz anführen kann. Diese technische Kultur hat nämlich eine ganz bestimmte Eigenschaft: sie ist ihrem Wesen nach durch und durch altruistische Kultur. Das heißt: Technik kann sich nur ausbreiten in einer für die Menschheit günstigen Weise, wenn die Menschen, die innerhalb der Technik tätig sind, Altruismus, das Gegenteil von Egoismus entwickeln. Die technische Kultur macht immer mehr und mehr notwendig — jeder Neuaufschwung der technischen Kultur zeigt es dem, der solche Dinge betrachten kann —, daß nur egoismusfrei innerhalb der technischen Bewirtschaftung gearbeitet werden kann. Dem entgegen hat sich entwickelt zugleich dasjenige, was aus dem Kapitalismus heraus entstanden ist, der nicht notwendig mit der technischen Kultur verknüpft sein muß, oder verknüpft bleiben muß wenigstens. Der Kapitalismus, wenn er Privatkapitalismus ist, kann gar nicht anders als egoistisch wirken, denn sein Wesen besteht aus egoistischem Wirken. So begegnen sich in der neueren Zeit zwei Strömungen, die in diametralem Gegensatz zueinander stehen: die moderne Technik, die egoismusfreie Menschen fordert, und der aus den alten Zeiten heraufgekommene Privatkapitalismus, der nur unter Geltendmachung der egoistischen Triebe gedeihen kann. Das, sehen Sie, hat uns hineingetrieben in die Lage der Gegenwart, und herausbringen wird uns nur ein Geistesleben, das den Mut hat, mit allem möglichen Alten zu brechen.
[ 15 ] Es gibt ja heute viele Menschen, die denken nach: Wie muß die künftige Volksbildung, die Volksschulbildung sein, wie muß die weitere Berufsbildung der Menschen sein und so weiter? Diesen Menschen gegenüber ist vor allen Dingen die Frage aufzuwerfen, namentlich wenn wir das Kapitel Volksbildung betrachten: Nun gut, wenn ihr den besten Willen habt, das ganze Volk für eine Volksbildung heranzuziehen, könnt ihr es denn, wenn ihr innerhalb der heutigen Bildungs- und Geistesverhältnisse stehenbleibt? Habt ihr das Material dazu? Was könnt ihr denn eigentlich nur? Ihr könnt aus euren Grundsätzen heraus, die vielleicht gut sozialistische sind, für die breitesten Massen Schulen gründen, Volkshochschulen begründen. Ihr könnt alles das einrichten, was ihr eben aus dem guten Willen heraus einrichtet. Aber habt ihr das Material dazu, um dasjenige, was ihr in gutem Willen verbreiten wollt, wirklich zum Volksgut zu machen? Ihr sagt uns: Wir gründen Büchereien, Theater- und Musikaufführungen, Ausstellungen, Vortragsreihen, Volkshochschulen. Man muß sich aber fragen: Welche Bücher stellt ihr denn in eure Büchereien hinein? Was für eine Wissenschaft vertreibt ihr in euren Vortragsreihen? Diejenigen Bücher stellt ihr in eure Büchereien hinein, die aus der niedergehenden bürgerlichen Bildung heraus geschrieben sind. Von denjenigen Leuten laßt ihr die Wissenschaft vertreiben in Volkshochschulen, die aus der bürgetlichen Bildung hervorgegangen sind. Ihr reformiert formell das Bildungswesen, aber ihr schüttet hinein in eure neuen Formen dasjenige, was ihr als Altes übernehmt. Zum Beispiel ihr sagt: Wir haben uns längst bestrebt, die Volksbildung demokratisch zu gestalten. Die Staaten haben sich bisher eher ablehnend dagegen verhalten, denn sie wollten gute Staatsdiener in den Menschen erziehen. — Ja, ihr lehnt es ab, gute Staatsdiener zu erziehen, aber ihr laßt von diesen Staatsdienern das Volk erziehen, denn ihr habt ja nichts anderes bis jetzt, worauf ihr das Augenmerk richtet, als diese Staatsdiener, deren Bücher ihr in eure Büchereien hineinstellt, deren wissenschaftliche Denkungsweise ihr in Vortragsreihen an den Mann bringen laßt, deren ganze Denkgewohnheiten durchfluten eure Hochschulen. — Sie sehen daraus: die Sache muß viel, viel tiefer angefaßt werden in dieser ernsten Zeit, viel tiefer, als sie heute von der einen oder anderen Seite angefaßt wird.
[ 16 ] Wir wollen auf Einzelheiten einmal, um einiges zur Deutlichkeit zu bringen, hinsehen. Wir wollen beginnen bei dem, was wir zunächst die Volksschule nennen. Ich rechne zur Volksschule gehörig alles, was dem Menschen beigebracht werden kann, wenn er entwachsen ist der bloßen Familienerziehung, und wenn zu dieser Familienerziehung die Schule als Erziehungs- und Unterrichtsanstalt dazutreten muß. Für denjenigen, der die menschliche Natur kennt, ist klar, daß für keinen werdenden Menschen diese Schulbildung in das menschliche Entwickelungssystem eher eingreifen sollte als ungefähr um die Zeit, wenn der Zahnwechsel vorüber ist. Das ist ein ebenso wissenschaftliches Gesetz wie andere wissenschaftliche Gesetze. Würde man, statt sich nach Schablonen zu richten, nach dem Wesen des Menschen sich richten, dann würde man als Vorschrift nehmen, daß mit dem Ablauf des Zahnwechsels der Schulunterricht der Kinder zu beginnen hat.
[ 17 ] Nur handelt es sich dann darum, nach welchen Grundsätzen dieser Schulunterricht der Kinder zu leiten ist. Wir müssen dabei im Auge haben, daß, wer wirklich mit der aufsteigenden Kulturentwickelung zu denken und zu streben vermag, heute gar nichts anderes kann, als für die Grundsätze, welche Geltung haben müssen für Schulerziehung und Schulunterricht, anzuerkennen das, was in der menschlichen Natur selbst liegt. Erkenntnis der menschlichen Natur vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, das muß zugrunde liegen allen Prinzipien der sogenannten Volksschulbildung. Aus diesem und vielem Ähnlichen werden Sie erkennen können, daß sich ja, wenn man von dieser Unterlage ausgeht, nichts anderes ergeben kann als eine Einheitsschule für alle Menschen; denn selbstverständlich: diese Gesetze, die sich abspielen in der menschlichen Entwickelung zwischen dem ungefähr siebenten und ungefähr vierzehnten bis fünfzehnten Jahr, diese Gesetze sind für alle Menschen die gleichen. Und nichts anderes dürfte in Frage kommen, als durch die Erziehung und den Unterricht zu beantworten die Frage: Wie weit muß ich einen Menschen als Menschen bringen bis in sein vierzehntes bis fünfzehntes Jahr hinein? Das allein heißt volkspädagogisch denken. Das allein aber heißt auch, in wirklich modernem Sinne über das Unterrichtswesen denken. Dann aber ergibt sich, daß man nimmermehr wird heute vorbeikommen an der Notwendigkeit, in gründlicher, radikaler Weise mit dem alten Schulwesen zu brechen, daß man ernsthaftig wird darauf losgehen müssen, dasjenige, was heranzubringen ist an die Kinder in den angedeuteten Jahren, einzurichten nach der Entwickelung des werdenden Menschen. Dazu wird eine gewisse Grundlage geschaffen werden müssen — etwas, das, wenn sozialer guter Wille vorhanden ist, nicht irgendeine nebulose Idee der Zukunft sein wird, sondern sogleich praktisch in Angriff genommen werden kann. Es wird vor allen Dingen die Grundlage dazu geschaffen werden müssen dadurch, daß das gesamte Prüfungs- und Schulwesen für Lehrer selbst absolut umgeändert wird. Wenn heute der Lehrer geprüft wird, so ist es oftmals nur so, daß man konstatiert, ob er dasjenige weiß, was er, wenn er ein bißchen geschickt ist, auch wenn er es nicht weiß, später im Konversationslexikon oder Handbuch nachlesen kann. Das kann man ganz auslassen bei der Lehrerprüfung. Damit aber wird wegfallen der größte Teil dessen, was heute der Inhalt der Lehrerprüfungen ist. Denn zu konstatieren wird sein bei dem, was an die Stelle der heutigen Examina zu treten hat, ob der Mensch, der es zu tun hat mit der Erziehung und dem Unterricht werdender Menschen, ob der eine persönlich aktive, für den werdenden Menschen ersprießliche Beziehung zu diesen werdenden Menschen herstellen kann, ob er mit seiner ganzen Mentalität — wenn ich das sehr in Mode gekommene Wort gebrauchen will untertauchen kann in die Seelen und in die ganze Wesenheit des werdenden Menschen. Dann wird er nicht Leselehrer, Rechenlehrer, Zeichenlehrer und so weiter sein, sondern dann wird er der wirkliche Bildner der werdenden Menschen sein können.
[ 18 ] Darauf wird zu sehen sein bei allen künftigen sogenannten Prüfungen, die anders sich ausnehmen werden, als die Prüfungen sich ausnehmen von heute: daß das Lehrpersonal wirklich Bildner des werdenden Menschen sein kann. Das heißt, der Lehrer wird wissen: Ich muß dieses oder jenes an den Menschen heranbringen, wenn er denken lernen soll; ich muß dieses oder jenes an den Menschen heranbringen, wenn er ausbilden soll die Gefühlswelt, die übrigens innig verwandt ist mit der Gedächtniswelt, was die wenigsten Menschen heute wissen, weil die meisten Gelehrten heute die schlechtesten Psychologen sind. Der Lehrer muß wissen, was er an den Menschen heranzubringen hat, wenn der Wille so ausgebildet werden soll, daß er aus den Keimen, die er aufnimmt zwischen dem siebenten und fünfzehnten Jahr, kraftvoll für das ganze Leben bleiben kann. Willensbildung wird erzielt, wenn alles dasjenige, was praktische Körper- und Kunstübungen sind, so getrieben wird, daß es angepaßt ist der werdenden Wesenheit des Menschen. Der Mensch wird dasjenige sein, worauf hingerichtet werden muß die Sorgfalt desjenigen, der der Lehrer werdender Menschen ist.
[ 19 ] Und so wird sich erweisen, wie man verwenden kann alles dasjenige, was konventionelle Menschenkultur ist: Sprachen, Lesen, Schreiben. Das kann man am besten verwenden in diesen Jahren, um gerade das Denken des werdenden Menschen auszubilden. Das Denken ist das Äußerlichste am Menschen, so sonderbar das heute klingt, und es muß gerade ausgebildet werden an dem, was uns in den sozialen Organismus hineinstellt. Denken Sie doch nur, daß der Mensch durch seine Geburt nicht Anlagen auf die Welt bringt zu dem, was Lesen und Schreiben ist, sondern daß das beruht auf dem Zusammenleben der Menschen. Und so wird verhältnismäßig früh eintreten müssen gerade für die Ausbildung des Denkens ein vernünftiger Sprachunterricht; natürlich nicht derjenigen Sprachen, die man in alter Zeit gesprochen hat, sondern derjenigen Sprachen, die die heutigen Kulturvölker sprechen, mit denen man zusammenlebt. Sprachunterricht in vernünftiger Weise, nicht in Anknüpfung an die grammatikalischen Tollheiten, die in den Mittelschulen heute getrieben werden, Sprachunterricht muß von der untersten Schulstufe an getrieben werden.
[ 20 ] Dann wird es sich darum handeln, daß in bewußter Art solcher Unterricht getrieben wird, der auf das Fühlen und das damit verbundene Gedächtnis geht. Während alles dasjenige, was sich — und Kinder können in dieser Beziehung außerordentlich viel aufnehmen, wenn man es nur richtig macht —, was sich auf Arithmetik, Rechnen, Geometrie bezieht, mitten drinnen steht zwischen Denkerischem und Gefühlsmäßigem, wirkt auf das Gefühlsmäßige alles dasjenige, was durch das Gedächtnis aufzunehmen ist. Also alles dasjenige, was zum Beispiel als Geschichtsunterricht zu erteilen ist, was als Unterricht zu erteilen ist in der Mitteilung der Fabelwelt und so weiter. Ich kann die Dinge nur andeuten.
[ 21 ] Dann aber handelt es sich darum, schon in diesen Jahren besondere Willenskultur zu treiben. Dazu ist in Anspruch zu nehmen alles, was Körper- und Kunstübungen sind. Darinnen wird man ganz Neues brauchen in diesen Jahren. Der Anfang ist dazu gemacht in dem, was wir die Eurythmie nennen. Sie sehen heute viel von Körperkultur in Dekadenz, im Niedergang: es gefällt vielen Leuten. Dahinein wollen wir stellen etwas — wofür wir bisher hier nur Gelegenheit gehabt haben, es den Arbeitern der Waldorf-Astoria zu zeigen durch das verständnisvolle Behandeln unserer Fragen von seiten unseres lieben Herrn Mol: —, dahinein wollen wir etwas stellen, was nun wirklich, wenn es dem werdenden Menschen statt des bisherigen bloß körperlichen Turnens beigebracht wird, beseelte Körperkultur ist. Diese allein kann aber einen solchen Willen erzeugen, der einem dann durch das Leben bleibt, während alle andere Willenskultur die Eigentümlichkeit hat, daß sie im Laufe des Lebens durch die verschiedenen Vorkommnisse und Erfahrungen des Lebens wiederum abgeschwächt wird. Insbesondere auf diesem Gebiet wird aber rationell vorzugehen sein. Da wird man Verbindungen im Unterrichtswesen schaffen, an die heute noch keiner denkt, zum Beispiel Zeichenunterricht mit Geographie. Es würde von ungeheurer Bedeutung für den werdenden Menschen sein, wenn er auf der einen Seite wirklich verständigen Zeichenunterricht bekäme, aber in diesem Zeichenunterricht dazu angeleitet würde, nun, sagen wir, den Globus von den verschiedensten Seiten her zu zeichnen, die Gebirgs- und Flußverhältnisse der Erde zu zeichnen, und dann wiederum selbst Astronomisches, das Planetensystem und so weiter zu zeichnen. Selbstverständlich wird man das in die richtigen Jahre hineinverlegen müssen, nicht beim siebenjährigen Kinde anfangen; aber vor dem Ablauf des vierzehnten bis fünfzehnten Jahres ist es nicht nur möglich, sondern es ist dasjenige, was ungeheuer wohltätig auf den werdenden Menschen wirkt, wenn es in der richtigen Weise gemacht wird, vielleicht vom zwölften Jahr an.
[ 22 ] Für die Gemüts- und Gedächtnisbildung wird dann notwendig sein, eine lebendige Naturanschauung schon in dem jüngsten Menschen zu entwickeln. Diese lebendige Naturanschauung, Sie wissen, wie ich oftmals darüber gesprochen habe, und wie ich mancherlei Betrachtungen zusammengefaßt habe in die Worte: Es gibt leider heute innerhalb der Stadtbevölkerung zahlreiche Menschen, die nicht unterscheiden können, wenn sie auf das Feld hinausgeführt werden, einen Weizen von einem Roggen. Es kommt nicht auf die Namen an, aber auf das lebendige Verhältnis zu den Dingen kommt es an. Es ist etwas Ungeheures für den, der die menschliche Natur überblicken kann, was da dem Menschen verlorengeht, wenn er nicht zur rechten Zeit — und die Entwickelung der menschlichen Fähigkeiten muß immer zur rechten Zeit geschehen —, wenn er nicht zur rechten Zeit solche Unterscheidungen lernt, wenn er nicht lernt — Sie wissen, es ist nur symptomatologisch gesprochen — zu unterscheiden Weizenkorn vom Roggenkorn. Es umfaßt, was hier gemeint ist, natürlich sehr, sehr vieles.
[ 23 ] Das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe in didaktisch-pädagogischer Art für den Volksschulunterricht, das wird nach der Tatsachenlogik etwas ganz Bestimmtes im Gefolge haben, nämlich das, daß nichts in den Unterricht hineinspielen wird, was nicht in der einen oder anderen Form für das ganze Leben erhalten bleibt, während heute nur in der Regel dasjenige hineinspielt, was sich kondensiert in den Fähigkeiten. Das, was man im Lesenlernen treibt, kondensiert sich in der Fähigkeit des Lesenkönnens; was man im Rechnenlernen treibt, kondensiert sich in der Fähigkeit des Rechnenkönnens. Aber bedenken Sie, wie das ist mit Bezug auf Dinge, die mehr auf Gefühl und Gedächtnis gehen: da lernen die heutigen Kinder eigentlich unendlich viel, nur um es zu vergessen, nur um es dann im Leben nicht zu haben. Das wird dasjenige sein, was die Zukunftserziehung ganz besonders auszeichnen wird, daß all die Dinge, die an das Kind herangebracht werden, auch im Menschen für das ganze Leben bleiben werden.
[ 24 ] Nun, wir kämen dann zu der Frage, was mit dem Menschen zu machen ist, wenn er nun die eigentliche Einheitsvolksschule überwunden hat und in das weitere Leben hinaufsteigt. Sehen Sie, da handelt es sich darum, daß all das Ungesunde des alten Geisteslebens überwunden werden muß, das gerade von der Bildungsseite her die furchtbare Kluft aufreißt zwischen den Menschenklassen.
[ 25 ] Ja, sehen Sie, die Griechen, die Römer, sie haben sich eine Bildung aneignen können, die aus ihrem Leben heraus wat, die sie daher auch mit ihrem Leben verband. In unserer Zeit ist nichts da, was uns Menschen mit unserem ganz andersartigen Leben in den wichtigsten Jahren verbindet; sondern viele Menschen, die dann in leitende, führende Lebenslagen hineinkommen, die lernen heute dasjenige, was die Griechen und Römer gelernt haben; sie werden dadurch aus dem Leben herausgerissen. Und noch dazu sind es die geistig unökonomischsten Dinge, die es nur geben kann. Und wir sind heute auf einem Punkt in der Menschheitsentwickelung angekommen — das wissen nur die Menschen nicht —, wo es absolut unnötig ist für unser Verhältnis zum Altertum, daß wir in diesem Altertum besonders erzogen werden; denn schon seit langem ist dasjenige, was die allgemeine Menschheit von dem Altertum braucht, in solcher Weise unserer Bildung einverleibt, daß wir es uns aneignen können, auch wenn wir nicht dressiert werden, durch viele Jahre in einer uns fremden Atmosphäre zu leben. Dasjenige, was man haben soll aus dem Griechen- und Römertum, es kann ja noch vervollkommnet werden, ist auch in der letzten Zeit vervollkommnet worden, aber das ist Gelehrtensache, das hat nichts mit der allgemeinen sozialen Bildung zu tun. Dasjenige aber, was für die allgemeine soziale Bildung aufzunehmen ist aus dem Altertum, das ist so sehr durch die Geistesarbeit der vergangenen Zeit zum Abschluß gekommen, ist so sehr da, daß, wenn man nur richtig nimmt, was da ist, man heute nicht braucht Griechisch und Lateinisch zu lernen, um sich in das Altertum zu vertiefen; man braucht es gar nicht, und für wichtige Dinge hilft es einem nichts, Ich erinnere nur daran, wie ich nötig hatte, damit nicht auf diesem Gebiet so schlimme Mißverständnisse entstehen, zu sagen, daß der Herr Wilamowitz ganz gewiß ein sehr bedeutender Kenner des Griechischen ist, daß er aber die griechischen Dramen so übersetzt hat, daß es schauderhaft, gräßlich schauderhaft ist, während natürlich die ganze Publizistik und Gelehrsamkeit der Gegenwart diese Übersetzungen bewundert.
[ 26 ] Das wird man lernen müssen, in dieser Zeit den Menschen teilnehmen zu lassen an dem Leben; und Sie werden sehen, wenn wir in dieser Zeit die Bildung so schaffen, daß der Mensch am Leben teilnehmen kann, und wir zugleich doch in der Lage sind, ökonomisch mit dem Unterricht zu verfahren, dann kann es so sein, daß wir wirklich den Menschen eine lebendige Bildung beibringen können. Und das wird es auch möglich machen, daß derjenige, der nach der Handarbeit hintendiert, auch teilnehmen kann an dieser Lebensbildung, die nach dem vierzehnten Lebensjahr einzusetzen hat. Die Möglichkeit muß geschaffen werden, daß diejenigen, die sich früh irgendeinem Handwerk oder einer Handarbeit zuwenden, auch teilnehmen können an dem, was zu einer Lebensauffassung führt. Vor dem einundzwanzigsten Jahr darf in der Zukunft nichts an den Menschen herangebracht werden, was nur Forscherergebnis ist, was nur von der Spezialisierung im Wissenschaftlichen herkommt. Für diese Zeit muß dasjenige in den Unterricht aufgenommen werden, was reif verarbeitet ist. Da kann man dann ungeheuer ökonomisch zu Werke gehen. Man muß nur einen Begriff haben in der Pädagogik, was pädagogisch-didaktische Ökonomie bedeutet. Da darf man vor allen Dingen nicht faul sein, wenn man pädagogisch-ökonomisch arbeiten will. Ich habe Sie öfter aufmerksam gemacht auf Erfahrungen, die ich persönlich gemacht habe. Mir wurde ein etwas schwachsinniger junger Mensch in seinem elften Lebensjahr übergeben. Es ist mir gelungen, durch pädagogische Ökonomie nach zwei Jahren ihn über dasjenige hinauszubringen, was er versäumt hat bis zu seinem elften Jahr, wo er überhaupt noch gar nichts konnte. Aber nur dadurch war ich dazumal dazu imstande, daß ich sein Leibliches und Seelisches so berücksichtigte, daß in der denkbar ökonomischsten Weise im Unterricht vorgegangen worden ist. Das wurde oftmals dadurch erreicht, daß ich selber drei Stunden zur Vorbereitung verwendet habe, um den Menschen so zu unterrichten, daß ich irgend etwas, was sonst stundenlang gedauert hätte, in ihn hereinzubringen, in einer halben oder einer Viertelstunde hereinbtingen konnte, weil das für seinen leiblichen Zustand notwendig war. Sozial gedacht, kann man hinzufügen: Ich war genötigt dazumal, das alles an einen einzigen Knaben zu wenden, neben dem drei andere hergingen, die nicht in dieser Weise zu behandeln waren. Aber denken Sie, wenn wir eine vernünftige soziale Erziehungsweise hätten, so würde man ja eine ganze Reihe solcher Leute so behandeln können; denn ob man einen oder vierzig Knaben in dieser ökonomischen Weise behandeln muß, das macht nichts aus. Ich würde nicht jammern über die Anzahl der Schüler in der Schule; dieses Nichtjammern, das hängt aber zusammen mit dem Prinzip der Ökonomie im Unterricht. Nur muß man wissen: Bis in das vierzehnte Jahr hinein urteilt der Mensch nicht, und wenn man ihn zum Urteilen anhält, so zerstört man sein Gehirn. Die heutige Rechenmaschine, die das Urteil an Stelle des gedächtnismäßigen Rechnenlernens setzt, ist ein Unfug in der Pädagogik; sie zerstört, sie macht das menschliche Gehirn dekadent. Das Urteil der Menschen kann man erst pflegen vom vierzehnten Lebensjahre ab. Da müssen dann diejenigen Dinge im Unterricht auftreten, welche an das Urteil appellieren. Da können daher auftreten alle diejenigen Dinge, welche sich zum Beispiel beziehen auf die logische Erfassung der Wirklichkeit. Und Sie werden sehen, wenn in der Zukunft in den Bildungsanstalten zusammensitzt der Tischler- oder Maschinenlehrling mit demjenigen, der vielleicht selber Lehrer wird, dann wird sich auch da etwas ergeben, was zwar eine spezialisierte, aber doch noch immer eine Einheitsschule ist. Nur wird in dieser Einheitsschule alles das drinnen sein, was für das Leben drinnen sein muß, und wenn es nicht drinnen wäre, würden wir in das soziale Unheil noch stärker hineinkommen, als wir jetzt drinnen sind. Lebenskunde muß aller Unterricht geben. Zu lehren wird sein auf der Altersstufe vom fünfzehnten bis zwanzigsten Jahre, aber in vernünftiger, ökonomischer Weise, alles dasjenige, was sich auf die Behandlung des Ackerbaues, des Gewerbes, der Industrie, des Handels bezieht. Es wird kein Mensch durch dieses Lebensalter durchgehen dürfen, ohne daß er eine Ahnung bekommt von dem, was beim Ackerbau, im Handel, in der Industrie, im Gewerbe geschieht. Diese Dinge werden aufgebaut werden müssen als Disziplinen, die unendlich viel notwendiger sind als vieles Zeug, das jetzt den Unterricht dieser Lebensjahre ausfüllt.
[ 27 ] Dann werden in diesem Lebensalter aufzutreten haben alle diejenigen Dinge, die ich jetzt nennen möchte Weltanschauungssache. Dazu wird gehören vor allen Dingen Geschichtliches und Geographisches, alles dasjenige, was sich auf Naturerkenntnis bezieht, aber immer mit Bezug auf den Menschen, so daß der Mensch den Menschen aus dem Weltall heraus kennenlernen wird.
[ 28 ] Unter so unterrichteten Menschen werden dann solche sein, die, wenn sie durch die übrigen sozialen Verhältnisse dazu getrieben werden, Geistesarbeiter zu werden, in den spezial-geistesarbeiterischen Schulen ausgebildet werden können in allen möglichen Gebieten. Sehen Sie, in diesen Anstalten, wo heute die Leute fachmännisch ausgebildet werden, wird ungeheuer unökonomisch verfahren. Ich weiß, daß das viele nicht zugeben werden, aber es wird ungeheuer unökonomisch verfahren, und vor allen Dingen werden die kuriosesten, aus der niedergehenden Weltanschauung herauskommenden Anschauungen geltend gemacht. Ich erlebte es noch mit: da fingen die Leute für die historisch-literaturgeschichtlichen Disziplinen in den Universitäten zu schwärmen an für die Umgestaltung des Vorlesungswesens in das Seminarwesen, und heute können wir noch erfahren, daß gesagt wird: Vorlesungen sollten einen möglichst geringen Raum einnehmen, aber es sollte viel Seminar getrieben werden. Diese Seminare, man kennt sie. Es finden sich treue Anhänger des Dozenten zusammen, welche streng nach den Angaben dieses Dozenten lernen, wie man sagt, wissenschaftlich zu arbeiten. Sie machen da ihre Arbeiten, und werden richtig geistig abgerichtet. Und die Folgen dieser geistigen Abrichtung, die erlebt man schon. Es tendiert immer hin auf das geistige Abrichten.
[ 29 ] Es ist etwas ganz anderes, wenn der Mensch in diesen Lebensjahren, wo er zur Fachbildung schreiten soll, in freier Weise zuhört vernünftig Vorgetragenem, und er dann Gelegenheit hat, in freier Auseinandersetzung, allerdings in Anknüpfung an vortraglich Auseinandergesetztes, sich zu ergehen. Übungen können sich schon anschließen, aber der Unfug des Seminars, der muß aufhören. Der ist gerade eine Sumpfpflanze der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die auf Dressur ging, und nicht auf freie Entwickelung des Menschen.
[ 30 ] Vor allen Dingen aber muß, wenn von dieser Bildungsstufe die Rede ist, gesagt werden, daß ein gewisser Grundstock der Bildung für die Menschen aller Klassen derselbe sein muß. Ob ich nun Mediziner, ob ich Jurist, ob ich Lehrer eines Gymnasiums oder einer Realschule — diese Anstalten wird es natürlich nicht mehr geben in der Zukunft — werden soll, das gehört auf die eine Seite; daneben muß jeder dasjenige aufnehmen, was allgemeine Menschenbildung ist. Diese muß man Gelegenheit haben, aufzunehmen, ob man nun Mediziner oder Maschinenbauer, oder Architekt, oder Chemiker, oder Ingenieur wird, man muß Gelegenheit haben, dieselbe allgemeine Bildung aufzunehmen, ob man geistiger oder Handarbeiter wird. Das ist wenig berücksichtigt worden bis heute. Es ist ja allerdings schon manches an einigen höheren Schulen gegenüber früheren Zeiten besser geworden. Als ich seinerzeit in Wien an der technischen Hochschule war, da trug ein Professor allgemeine Geschichte vor. Er fing an, diese allgemeine Geschichte in jedem Semester einmal vorzutragen; nach der dritten oder fünften Vorlesung hörte er auf — dann war schon niemand mehr da. Dann gab es einen Professor für Literaturgeschichte an jener technischen Hochschule. Das waren so die Mittel, um neben dem, was fachlich war, auch etwas allgemein Menschliches aufzunehmen. In diese Vorlesung über Literaturgeschichte, an die sich, wenn sie zustande kam, angeschlossen haben Übungen im Reden, im mündlichen Vortrag — wie sie auch zum Beispiel Uhland noch getrieben hat —, in diese Literaturvorlesung, da mußte ich immer einen hineinschleifen, denn nur wenn zwei drinnen waren, wurde sie gelesen. Aber man konnte sie nur aufrechterhalten dadurch, daß man noch einen hineinschleifte; es war sogar fast jedesmal ein anderer. Außerdem wurde im Grunde genommen nur noch gesorgt durch Vortrag über Staatsrecht, über Statistik, für dasjenige, was der Mensch für allgemeine Lebensverhältnisse braucht. Wie gesagt, solche Dinge sind besser geworden; aber noch nicht ist das besser geworden, was als Impetus in unserem ganzen sozialen Leben vorhanden sein soll. Es wird aber besser werden, wenn man die Möglichkeit schafft mit Bezug auf all dasjenige, was allgemein-menschlich bilden soll, daß es nicht so gestaltet wird, wie es nur verständlich ist für den, der eine bestimmte fachliche Grundlage hat, sondern wie es allgemein-menschlich verständlich ist. Ich habe mich öfter gewundert, daß die Menschen meine anthroposophischen Vorträge so verschimpft haben. Denn wenn die Menschen auf das Positive gegangen wären, hätten sie sagen können: Nun, was da drinnen Anthroposophie ist, um das kümmern wir uns nicht, aber was der alles sagt mit Bezug auf naturwissenschaftliche Dinge, die man ungeheuer lobt, wenn sie entgegengebracht werden von bloßen Natur-Gelehrten, das genügt im Grunde genommen schon. Denn Sie wissen alle, diese Vorträge sind eigentlich immer durchspickt gewesen mit Popularisierungen gerade von Naturerkenntnissen. Aber es handelt sich vielen Menschen nicht darum, das Positive entgegenzunehmen, sondern das, was sie nicht haben wollten, zu verschimpfen. Das, was sie nicht haben wollten, das war aber gerade geeignet durch die Denkformung, durch die ganze Behandlung, auch alles dasjenige zum Beispiel, was naturwissenschaftlich notwendig ist, mitzunehmen für ein allgemein bildendes menschliches Wissen, so daß der Handwerker es so gut haben konnte wie der Gelehrte; so daß es allgemein auch als Naturwissenschaftliches verständlich war. Sehen Sie sich die anderen Weltanschauungsbestrebungen an. Glauben Sie, daß zum Beispiel in den Monistenversammlungen die Leute etwas verstehen können, wenn sie nicht eine naturwissenschaftliche Grundlage haben? Nein, sie schwatzen nur mit, wenn sie die nicht haben. Das, was hier als Anthroposophie getrieben wurde, ist etwas, was so umwandeln kann die natürliche Erkenntnis, auch die historische Erkenntnis, daß sie jedem verständlich werden kann. Denken Sie doch nur, wie verständlich sein kann für jeden dasjenige, was ich historisch immer entwickelt habe als einen großen Sprung in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Das wird, denke ich, jedem verständlich. Das ist aber die Grundlage, ohne die man überhaupt nicht verstehen kann die ganze soziale Bewegung der Gegenwart. Darum verstehen die Menschen diese ja nicht, weil sie nicht wissen, wie die Menschheit geworden ist seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Wenn man dann solche Dinge entwickelt, dann kommen die Menschen und erklären einem: Die Natur macht doch keine Sprünge; also, du hast unrecht, wenn du einen solchen Entwickelungssprung im fünfzehnten Jahrhundert annimmst. — Dieser blödsinnige Satz, «die Natur macht keine Sprünge», wird immer wiederum tradiert. Die Natur macht fortwährend Sprünge: den Sprung vom grünen Laubblatt zum anders geformten Kelchblatt, den Sprung vom Kelchblatt zum Blumenblatt. So ist auch die Entwickelung des Menschenlebens. Wer nicht nach der unsinnigen konventionellen Geschichtslüge Geschichte lehrt, sondern nach dem, was wirklich vorgegangen ist, der weiß, daß die ganze feinere Konstitution des Menschen in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts anders geworden ist, als sie vorher war. Und das, was sich heute vollzieht, ist die Auslebung desjenigen, was seit jener Zeit die Menschheit in ihrem Zentrum ergriffen hat. Will man verstehen, was heute soziale Bewegung ist, so muß man solche Gesetze erkennen in der geschichtlichen Entwickelung.
[ 31 ] Nun brauchen Sie sich nur zu erinnern an die Art, wie die Dinge hier getrieben werden, so werden Sie sich sagen: Dazu ist nicht nötig ein Spezialwissen, oder im alten Sinne ein gebildeter Mensch zu sein, um sie zu verstehen; es kann sie jeder verstehen. Das gerade wird das Erfordernis für die Zukunft sein, daß man nicht Philosophien, Weltanschauungen entwickelt, die nur derjenige verstehen kann, der eine bestimmte klassenmäßige Bildung durchgemacht hat. Nehmen Sie doch heute irgend etwas Philosophisches in die Hand, sagen wir von Eucken, von Paulsen oder irgend etwas, woraus Sie sich unterrichten wollen, oder eine jener Universitätspsychologien. Wenn Sie diese Schreckensbücher in die Hand nehmen, Sie werden sie bald wieder aus der Hand legen, denn diejenigen, die nicht fachmännisch dressiert sind von einer gewissen Seite her, verstehen ja nicht einmal die Sprache, die da drinnen angewendet wird. Das ist dasjenige, was aber nur als allgemein Bildendes zu erreichen ist, wenn wir gründlich umgestalten das ganze Erziehungs- und Unterrichtswesen in dem Sinne, wie ich es versuchte, heute anzudeuten.
[ 32 ] Sie sehen, auch für dieses Gebiet kann man sagen: Die große Abrechnung ist da, nicht eine kleine Abrechnung. Dasjenige, was kommen muß, das ist, daß im Unterrichten, im Erziehen soziale Triebe entwickelt werden, oder besser gesagt, soziale Instinkte, so daß der Mensch nicht am Menschen vorbeigeht. Dann werden sich die Menschen voll verstehen — heute gehen die Lehrer an den Schülern vorbei, und die Schüler am Lehrer —, so daß entwickelt wird ein lebensfähiges Verhältnis. Das kann aber nur geschehen, wenn man einmal einen Strich macht unter das Alte. Und er kann gemacht werden. Es ist das durchaus nicht unmöglich aus den Tatsachen heraus, sondern es wird nur zurückgewiesen aus den menschlichen Vorurteilen heraus. Die Menschen können sich gar nicht denken, daß einmal die Dinge auch anders gemacht werden können als bisher. Die Leute haben eine Riesenangst, daß sie verlieren könnten irgend etwas von dem Alten gerade auf dem Gebiete des Geisteslebens. Man glaubt gar nicht, was die Leute für eine heillose Angst davor haben. Natürlich, sie können ja auch die Dinge nicht übersehen. Sie können zum Beispiel nicht übersehen, was durch ein ökonomisches Unterrichten geleistet werden kann. Ich habe es oftmals gesagt: In drei bis vier Stunden — es müßte nur das richtige Lebensalter gewählt werden —, in drei bis vier Stunden kann man junge Leute vom Anfang der Geometrie, der geraden Linie und dem Winkel, führen bis zum — ehemals nannte man es Eselsbrücke — pythagoräischen Lehrsatz. Und Sie sollten sehen, was die Leute für eine Riesenfreude haben, wenn ihnen plötzlich der pythagoräische Lehrsatz als Folge von drei bis vier Stunden Unterricht aufgeht! Aber denken Sie doch einmal, was oft für Unfug getrieben wird im heutigen Unterricht, bevor die Leute an diesen Lehrsatz herankommen! Es handelt sich darum, daß wir ungeheuer viel geistige Arbeit verschwendet haben, und das zeigt sich dann im Leben, das strahlt aus auf das ganze Leben, und das strahlt hinein bis in die allerpraktischsten Gebiete des Lebens. Heute ist es notwendig, daß die Menschen sich entschließen, in diesen Dingen bis in die Fundamente hinein umzudenken. Anders kommen wir bloß weiter hinein in den Niedergang, niemals aber zum Aufstieg.
[ 33 ] Nun, über diese Dinge hoffe ich, in der nächsten Zeit wiederum zu Ihnen sprechen zu können.
