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Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192

11 May 1919, Stuttgart

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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen

Vierter Vortrag

Fourth Lecture

[ 1 ] Die Auseinandersetzungen, die ich heute geben werde, sollen volkspädagogischer Natur sein, und zwar in solcher Art, daß das ihnen Zugrundeliegende der Zeit, unserer so ernsten Zeit dienen kann. Sie werden ja, wie ich glaube, von selbst gesehen haben, daß dasjenige, was nur andeutungsweise gegeben werden konnte in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft», viele Untergründe, und vor allen Dingen sehr viele nach den Tatsachen der neuen Weltgestaltung hingehende Konsequenzen hat. So daß eigentlich von allem, was heute nach dieser Richtung gesprochen werden müßte und vor allen Dingen, wozu Anregungen gegeben werden müßten, immer nur einzelne Leitlinien statt irgend etwas Erschöpfendem zunächst gegeben werden können.

[ 1 ] The discussions I will present today are intended to be of an educational nature for the people, and in such a way that their underlying principles may serve our times—these times of such gravity. As I believe you will have seen for yourselves, what could only be hinted at in my book *The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life in the Present and Future* has many underlying implications and, above all, very many consequences that point toward the realities of the new world order. Consequently, of everything that ought to be discussed today in this vein—and above all, regarding the areas where inspiration is needed—only individual guidelines can be provided for the time being, rather than anything exhaustive.

[ 2 ] Wenn wir heute auf unsere Zeit sehen — und wir haben das nötig, denn wir müssen diese Zeit verstehen —, so muß uns wirklich immer wieder auffallen, welcher Abgrund vorhanden ist zwischen dem, was man eine Niedergangskultur nennen muß, und dem, was man nennen muß eine ja noch chaotisch arbeitende, aber aufsteigende Kultur. Ich will ausdrücklich darauf aufmerksam machen, daß ich heute nur ein ganz spezielles Kapitel behandeln will, und bitte Sie daher, dieses Kapitel im Zusammenhang mit dem Ganzen zu betrachten, das ich jetzt bei verschiedenen Gelegenheiten vorbringe.

[ 2 ] When we look at our times today—and we need to do so, because we must understand these times—we cannot help but notice, time and again, the chasm that exists between what must be called a culture in decline and what must be called a culture that, though still operating chaotically, is on the rise. I want to explicitly point out that today I intend to address only a very specific chapter, and I therefore ask you to consider this chapter in the context of the whole that I am now presenting on various occasions.

[ 3 ] Das, wovon ich ausgehen möchte, ist: Sie aufmerksam darauf zu machen, daß in der Tat deutlich bemerkbar ist, wie eine Kultur, deren Träger die bürgerliche Gesellschaftsordnung war, in raschem Abstieg begriffen ist; wie auf der anderen Seite eine andere Kultur sich in ihrer Morgenröte zeigt, deren Träger heute, wie gesagt noch aus einer vielfach unbegriffenen Unterlage heraus, eben das Proletariat ist. Will man diese Dinge verstehen — fühlen kann man es ja ohne das, es bleibt aber unklar —, so muß man sie auffassen in ihren Symptomen. Symptome sind immer Einzelheiten, und das ist es, was ich Sie bitte, bei meinen heutigen Betrachtungen zu berücksichtigen. Ich werde natürlich durch die Sache selbst gezwungen sein, Einzelheiten aus einem Ganzen herauszureißen, aber ich bemühe mich, diese Symptomatologie so zu gestalten, daß sie nicht in agitatorischem oder demagogischem Sinne wirken kann, sondern daß sie wirklich aus der Sachlage heraus gestaltet ist. Nach dieser Richtung kann man ja heute vielfach mißverstanden werden, allein diesen Mißverständnissen muß man sich eben aussetzen.

[ 3 ] What I would like to begin with is this: to draw your attention to the fact that it is indeed clearly evident how a culture, whose bearer was the bourgeois social order, is in rapid decline; and how, on the other hand, another culture is emerging at dawn, whose bearer today—as I said, still from a foundation that is in many ways not yet understood—is precisely the proletariat. If one wants to understand these things—one can certainly sense them without this, but they remain unclear—one must grasp them through their symptoms. Symptoms are always details, and that is what I ask you to bear in mind in my reflections today. Of course, the subject matter itself will force me to extract details from the whole, but I will endeavor to present this symptomatology in such a way that it cannot be interpreted in an agitational or demagogic sense, but rather is truly shaped by the facts of the situation. One can, of course, be misunderstood in many ways today when speaking in this vein, but one must simply expose oneself to these misunderstandings.

[ 4 ] Ich habe Sie im Laufe der Jahre oftmals darauf aufmerksam gemacht, daß auf dem Boden der Weltanschauung, auf dem hier gestanden wird, man sein kann in erster Linie ein wirklicher Verfechter und Verteidiger der modernen naturwissenschaftlichen Weltorientierung. Wie oft habe ich all dasjenige, was zur Verteidigung dieser naturwissenschaftlichen Weltorientierung gesagt werden kann, angeführt. Ich habe aber niemals auch versäumt zu sagen, welche ungeheuren Schattenseiten diese naturwissenschaftliche Weltorientierung hat. Noch letzthin habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß sich das sogleich zeigt, wenn man eben durch das, was man hier die symptomatologische Betrachtungsweise nennt, auf einzelne spezielle Fälle hinweist, also ganz empirisch zu Werke geht. Ich habe Ihnen loben müssen aus anderen Zusammenhängen heraus ein ausgezeichnetes Werk der Gegenwart von Oscar Hertwig, dem ausgezeichneten Biologen, «Das Werden der Organismen; eine Widerlegung der Darwinschen Zufallstheorie»; und ich habe, damit keine Mißverständnisse entstehen, sogleich aufmerksam machen müssen — nachdem Oscar Hertwig ein zweites Büchelchen hat erscheinen lassen —, daß dieser Mann hingestellt hat neben ein großartiges naturwissenschaftliches Buch eine Betrachtung über soziale Lebensverhältnisse, die ganz minderwertig ist. Das ist eine bedeutsame Tatsache der Gegenwart. Das zeigt, auf welchem Grund und Boden, auf welchem als naturwissenschaftliche Weltorientierung selbst ausgezeichneten Grund und Boden dasjenige nicht entstehen kann, was in erster Linie notwendig ist zum Verständnis der Gegenwart: eine Erkenntnis der sozialen Impulse, die in unserer Zeit vorhanden sind.

[ 4 ] Over the years, I have often pointed out to you that, based on the worldview we hold here, one can first and foremost be a true advocate and defender of the modern scientific worldview. How often have I cited everything that can be said in defense of this scientific worldview. But I have never failed to point out the immense downsides of this scientific worldview. Just recently, I drew attention to the fact that this becomes immediately apparent when one refers to individual specific cases—that is, when one proceeds entirely empirically—using what is known here as the symptomatological approach. I had to commend to you, in other contexts, an outstanding contemporary work by Oscar Hertwig, the distinguished biologist, *The Development of Organisms; A Refutation of Darwin’s Theory of Chance”; and, to avoid any misunderstandings, I had to point out immediately—after Oscar Hertwig published a second little book—that this man has placed, alongside a magnificent scientific work, a treatise on social conditions that is entirely inferior. This is a significant fact of our time. It shows on what ground—on what ground that is itself excellent as a scientific worldview—that which is primarily necessary for understanding the present cannot arise: an understanding of the social impulses that exist in our time.

[ 5 ] Ich will Ihnen heute ein anderes Beispiel vorführen, an dem Sie so recht werden sehen können, wie auf der einen Seite bürgerliche Bildung dem Niedergang entgegengeht und sich nur retten wird können auf eine bestimmte Weise; wie auf der anderen Seite etwas Aufsteigendes vorhanden ist, das man nur hegen und pflegen muß in verständnisvoller und richtiger Weise, dann wird es der Ausgangspunkt für die Kultur der Zukunft sein.

[ 5 ] Today I would like to present another example to you, through which you will be able to see clearly how, on the one hand, bourgeois education is heading toward decline and can only be saved in a certain way; and how, on the other hand, there is something on the rise that simply needs to be nurtured and cultivated in an understanding and proper manner—then it will be the starting point for the culture of the future.

[ 6 ] So recht als ein symptomatisches, typisches Produkt des niedergehenden Bürgertums liegt mir hier ein Buch vor, das unmittelbar nach dem Weltkrieg erscheint, das sich nennt, etwas anspruchsvoll, «Der Leuchter, Weltanschauung und Lebensgestaltung». — Dieser Leuchter ist so recht geeignet, möglichst viel Finsternis ausstrahlen zu lassen mit Bezug auf alles dasjenige, was heute so notwendig ist als soziale Bildung und ihre geistigen Grundlagen. Eine merkwürdige Gesellschaft hat sich zusammengefunden, welche merkwürdige Sachen zum sogenannten Neubau unseres sozialen Organismus in einzelnen Aufsätzen schreibt. Ich kann natürlich nur einzelnes aus diesem etwas umfangreichen Buche anführen. Da ist zunächst ein Naturforscher, Jakob von Ueuküll, wahrhaftig ein guter, typischer Naturforscher, der, und das ist das Bedeutsame, nicht nur Kenntnisse sich angeeignet hat in der Naturwissenschaft — da ist er ein nicht bloß beschlagener, sondern als Forscher vollkommener Mann der Gegenwart —, sondern der sich auch gezwungen fühlt, wie das ja auch andere tun, die aus naturwissenschaftlichern Boden herausgewachsen sind, nun seine Folgerungen für die soziale Weltgestaltung zum besten zu geben. Er hat am sogenannten Zellenstaat, wie man den Organismus oftmals in naturwissenschaftlichen Kreisen nennt, gelernt. Und zwar hat er gelernt, seinen Denkorganismus auszubilden, und mit diesem ausgebildeten Denkorganismus betrachtet er nun das soziale Leben. Ich will Ihnen nur Einzelheiten anführen, aus denen Sie sehen können, wie dieser Mann, und zwar, wie man sagen kann, nicht aus Naturwissenschaft, sondern aus naturwissenschaftlicher Denkungsweise im Grunde genommen ganz richtig, aber eben lebensgemäß total unsinnig die heutige soziale Gestaltung betrachtet. Er lenkt seinen Blick auf den sozialen Organismus und auf den natürlichen Organismus, und findet, daß die Harmonie in einem natürlichen Organismus zuweilen auch dutch Krankheitsprozesse gestört werden kann, und sagt nun mit Bezug auf den sozialen Organismus das Folgende:

[ 6 ] I have before me a book that is truly a symptomatic, typical product of the declining bourgeoisie; it was published immediately after the World War and bears the somewhat pretentious title *Der Leuchter, Weltanschauung und Lebensgestaltung* (The Candlestick: Worldview and Way of Life). — This “candlestick” is particularly well-suited to casting as much darkness as possible over everything that is so necessary today—namely, social education and its intellectual foundations. A peculiar group has come together, writing strange things in individual essays about the so-called “reconstruction” of our social organism. Of course, I can only cite a few examples from this rather extensive book. First, there is a naturalist, Jakob von Ueuküll, truly a good, typical natural scientist, who—and this is the significant point—has not only acquired knowledge in the natural sciences—in this regard, he is not merely a well-versed but, as a researcher, a consummate man of the present—but who also feels compelled, as others who have grown out of a natural-scientific background do, to now put his conclusions to use in shaping the social world. He has learned from the so-called “cellular state,” as the organism is often called in scientific circles. Specifically, he has learned to develop his intellectual organism, and with this developed intellectual organism he now observes social life. I would like to cite just a few examples from which you can see how this man—not, as one might say, from the natural sciences themselves, but from a scientific way of thinking—views today’s social structure in a way that is, fundamentally speaking, quite correct, but, in terms of real life, utterly nonsensical. He turns his gaze to the social organism and to the natural organism, and finds that harmony in a natural organism can sometimes be disrupted by disease processes; and he now says the following with regard to the social organism:

[ 7 ] «Jede Harmonie kann durch Krankheit gestört werden. Wir nennen die furchtbarste Krankheit des menschlichen Körpers — «Krebs». Sein Merkmal ist die schrankenlose Tätigkeit des Protoplasmas, das sich nicht mehr um die Erhaltung der Werkzeuge kümmert, sondern nur noch freie Protoplasmazellen erzeugt. Diese verdrängen das Körpergefüge, können aber selbst keine Arbeit leisten, da sie des Gefüges entbehren.

[ 7 ] “Any harmony can be disrupted by disease. We call the most terrible disease of the human body ‘cancer.’ Its characteristic is the unchecked activity of the protoplasm, which no longer cares about maintaining the body’s structures but only produces free protoplasmic cells. These displace the body’s structures but cannot perform any work themselves, since they lack structure.

[ 8 ] Die gleiche Krankheit kennen wir im menschlichen Gemeinwesen, wenn die Parole des Volkes: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, an die Stelle der Staatsparole: Zwang, Verschiedenheit und Unterordnung tritt.»

[ 8 ] We recognize the same disease in human society when the people’s motto—Liberty, Equality, and Fraternity—replaces the state’s motto: Coercion, Difference, and Subordination.»

[ 9 ] Nun, da haben Sie einen typischen naturwissenschaftlichen Denker. Er betrachtet es als eine Krebskrankheit am Volkskörper, wenn aus dem Volke heraus die Impulse von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gesetzt werden. Er will an die Stelle von Freiheit gesetzt haben Zwang, an Stelle der Gleichheit Verschiedenheit, an Stelle der Brüderlichkeit Unterordnung. Das hat er gelernt am Zellenstaat als Betrachtungsweise in sich aufzunehmen, das überträgt er als Konsequenz auf den sozialen Organismus. Auch im übrigen sind seine Auseinandersetzungen nicht gerade unerheblich, wenn man sie richtig symptomatologisch betrachtet. Er kommt dazu, im sozialen Organismus auch etwas zu finden, was im natürlichen Organismus dem Blutkreislauf entspricht, und zwar nicht so, wie ich es jetzt in verschiedenen Vorträgen dargestellt habe, sondern so, wie es sich eben ihm darstellt. Er kommt dazu, als dieses mit Recht im sozialen Organismus zirkulierende Blut das Gold anzusehen, und er sagt: «Das Gold besitzt aber auch die Fähigkeit, unabhängig vom Warenstrom zu kreisen, und gelangt dann in die großen Banken als Zentralsammelstellen (Goldherz).» — Also der Naturforscher kommt dazu, etwas für das Herz zu suchen im sozialen Organismus, und findet dafür die großen Banken als Zentralsammelstellen, « die einen überwiegenden Einfluß auf den gesamten Gold- und Warenstrom ausüben können».

[ 9 ] Well, there you have a typical scientific thinker. He regards it as a cancer afflicting the body of the people when the impulses of liberty, equality, and fraternity arise from within the people. He wants to replace liberty with coercion, equality with diversity, and fraternity with subordination. He has learned to adopt this perspective from the cellular organism, and he consequently applies it to the social organism. Moreover, his arguments are by no means insignificant when viewed correctly from a symptomatic perspective. He comes to identify within the social organism something that corresponds to the blood circulation in the natural organism—not as I have described it in various lectures, but as it appears to him. He comes to regard gold as this blood that rightly circulates within the social organism, and he says: “Gold, however, also possesses the ability to circulate independently of the flow of commodities, and thus finds its way into the major banks as central collection points (the ‘gold heart’).” — So the natural scientist comes to seek something akin to a heart within the social organism, and finds in the major banks central collection points “that can exert a predominant influence on the entire flow of gold and commodities.”

[ 10 ] Nun bemerke ich Ihnen ausdrücklich, daß ich nicht irgend etwas lächerlich machen möchte, sondern daß ich Ihnen nur vor Augen führen möchte, wie ein Mensch, der von dieser Grundlage aus den Mut auch hat zu denken bis zu den Konsequenzen, eigentlich denken muß. Wenn viele Menschen sich heute hinwegtäuschen darüber, daß wir es im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte zu einer Entwickelung gebracht haben, die ganz begreiflich macht solches Denken, so liegt eben die Tatsache vor, daß diese Leute mit den Seelen schlafen, daß sie sich Betäubungsmitteln, Kulturbetäubungsmitteln hingeben, die ihnen nicht gestatten, mit wacher Seele auf das hinzuschauen, was eigentlich in der sogenannten bürgerlichen Bildung drinnen steckt. Sehen Sie, da habe ich Ihnen in einem Symptom hingeleuchtet auf diesen «Leuchter», hingeleuchtet auf die Grundlage der gegenwärtigen Bildung, insofern diese aus naturwissenschaftlicher Denkweise heraus das soziale Leben begreift. — Ich will Ihnen auch an einem anderen Beispiel zeigen, wie dasjenige wirkt, was auf geistigem Gebiet einem entgegentritt.

[ 10 ] Now I want to make it very clear to you that I do not wish to ridicule anything, but rather simply to show you how a person who, starting from this foundation, also has the courage to think through the consequences, must actually think. If many people today delude themselves into believing that, over the course of the last three to four centuries, we have achieved a level of development that makes such thinking entirely understandable, then the fact remains that these people are asleep in their souls, that they indulge in cultural narcotics, cultural anesthetics that prevent them from looking with an alert soul at what is actually contained within so-called bourgeois education. You see, I have shed light for you on this “candlestick”—on the foundation of contemporary education—as a symptom, insofar as it understands social life from the perspective of scientific thinking. — I would also like to show you, using another example, how that which confronts us in the spiritual realm takes effect.

[ 11 ] Zu denjenigen Menschen, die hier in der Gesellschaft vereinigt sind, gehört auch ein auf mehr geistigem Boden Stehender, Friedrich Niebergall. Nun, dieser Friedrich Niebergall, der darf schon aus dem Grunde angeführt werden, weil er gewissen Dingen, die uns wertvoll sind, sogar recht wohlwollend gegenübersteht. Aber ich möchte sagen, das ist es eben, wie man wohlwollend gewissen Dingen von solcher Seite gegenübersteht. Sieht man auf das Wie, so schätzt man dieses Wohlwollen, natürlich wenn man nicht egoistisch ist, sondern auf die großen sozialen Impulse sieht, nicht sehr hoch ein; und es würde gut sein, wenn man sich über solche Dinge keiner Täuschung hingäbe. Wir wissen doch — wenigstens einige könnten es wissen: Das, was hier als sogenannte Geisteswissenschaft gepflegt wird, als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft, das ist bei uns seit lange schon so gedacht, daß es sein soll die wirklich geistige Grundlage desjenigen, was heute im Aufstiege ist. Da stoßen allerdings gewöhnlich die äußersten Extreme aneinander. Und ich habe es immer wieder erfahren müssen, wie diejenigen, die teilnehmen an unseren geisteswissenschaftlichen Bestrebungen, abschwenken nach anderen Dingen hinüber, die sie «ganz verwandt» fühlen, die aber dadurch von diesen geisteswissenschaftlichen Bestrebungen verschieden sind, daß sie die ärgsten bürgerlichen Niedergangserscheinungen sind, während die Geisteswissenschaft von jeher in dem schärfsten Kampfe mit diesem bürgerlichen Niedergangsstandpunkte war. Und so finden wir denn auch ziemlich kunterbunt durcheinander gemischt von einem, der eben diese beiden Strömungen nicht sehen kann, wie zum Beispiel Niebergall, eine Erscheinung, die geradezu eben sich erweist als ein charakteristischer Ausfluß unserer Dekadenzkultur, Johannes Müller; und gleich auf der anderen Seite — Sie wissen, daß ich solche Dinge nicht aus irgendeiner albernen Einbildung heraus sage — finden Sie dann meinen Namen verzeichnet. Da wird sogar über das, was ich versuche zu leisten, allerlei Niedliches gesagt, recht viel Niedliches. Aber nun werden Sie wissen, daß mein ganzes Bestreben immer dahin geht, für alles das, was vorgebracht wurde innerhalb dieser sogenannten Geisteswissenschaft, zuletzt den gesunden Menschenverstand in Anspruch zu nehmen und alle nebulose Mystik, alles sogenannte mystisch-theosophische Zeug, gerade in der schärfsten Weise zu bekämpfen. Das konnte nur geschehen dadurch, daß hinaufgetragen wurde in die höchsten Gebiete des Erkennens klare Einsicht, deutliche Ideen, die man gerade dann anstreben wird, wenn man an der Naturwissenschaft nicht die heutige naturwissenschaftliche Orientierung, sondern wahres Denken gelernt hat.

[ 11 ] Among those people who are united here in this society is also someone who stands on a more intellectual ground, Friedrich Niebergall. Well, this Friedrich Niebergall is worth mentioning simply because he is quite sympathetic toward certain things that are valuable to us. But I would like to say that this is precisely how one takes a favorable view of certain things from that perspective. If one looks at the “how,” one does not rate this goodwill very highly—provided, of course, that one is not selfish but rather looks to the great social impulses; and it would be good not to delude oneself about such matters. After all, we know—or at least some of us should know: What is cultivated here as so-called spiritual science—as anthroposophically oriented spiritual science—has long been conceived by us as the true spiritual foundation of what is on the rise today. Here, however, the most extreme opposites usually clash. And I have had to experience time and again how those who participate in our spiritual scientific endeavors drift off toward other things they feel are “very closely related,” but which differ from these spiritual scientific endeavors in that they are the worst manifestations of bourgeois decline, whereas spiritual science has always been in the sharpest struggle with this bourgeois, decadent standpoint. And so we find, in a rather motley jumble—as seen by someone who simply cannot distinguish between these two currents, such as Niebergall—a figure who proves to be nothing less than a characteristic outgrowth of our decadent culture: Johannes Müller; and right on the other side—you know that I do not say such things out of some silly conceit—you will then find my name listed. There, all sorts of charming things are even said about what I am trying to accomplish—quite a lot of charming things. But now you will know that my entire endeavor has always been directed toward applying common sense to everything that has been put forward within this so-called “spiritual science,” and toward combating all nebulous mysticism, all so-called mystical-theosophical nonsense, in the most forceful manner possible. This could only be achieved by bringing clear insight and distinct ideas into the highest realms of knowledge—ideas that one will strive for precisely when one has learned true thinking from the natural sciences, rather than the current orientation of the natural sciences.

[ 12 ] Nachdem so der betreffende Herr auseinandergesetzt hat, wie schön manches in der Anthroposophie ist, fügt er dann hinzu: «Um diese praktische Grundwahrheit rankt sich dann noch ein krauses Gewirr von angeblichen Erkenntnissen aus dem Leben der Seele, der Menschheit und des Kosmos, wie es einst in den umfassenden Systemen der Gnosis der Fall war, die einer ähnlich nach Tiefe und Seelenruhe suchenden Zeit geheimnisvolle Weisheit aus dem Osten anboten. » Man kann natürlich nichts Unzutreffenderes sagen als dieses. Denn daß der Verfasser dieses als krauses Zeug bezeichnet, als krauses Gewirr, das beruht ja lediglich darauf, daß er nicht den Willen hat, auf die mathematische Methode dieser Geisteswissenschaft einzugehen. Den haben meistens diejenigen nicht, die nur aus der niedergehenden Erkenntnisart sich irgendwelche Vorstellungen gewinnen wollen. Und so erscheint ihm dasjenige, was gerade an der Disziplinierung des inneren Erlebens durch die Mathematik gewonnen ist, als krauses Gewirr. Aber dieses krause Gewirr, das es zu einer solchen mathematischen Klarheit bringt, ja vielleicht sogar mathematischen Nüchternheit bringt, das ist es, was wesentlich ist, was vor jeder schwafelnden Mystik, vor jeder nebulosen Theosophie dasjenige bewahrt, was hier getrieben werden soll. Und ohne dieses sogenannte krause Gewirr läßt sich überhaupt nicht eine wirkliche Grundlegung für das zukünftige Geistesleben gewinnen. Gewiß, man hatte zu kämpfen — indem ja bis zur Gegenwart nur im engsten Kreise durch unsere sozialen Verhältnisse diese Geisteswissenschaft getrieben werden konnte —, man hatte zu kämpfen mit dem, was sehr oft dadurch erscheint, daß zumeist diejenigen Menschen, die jetzt Zeit haben, nichts anderes als Zeit haben zu diesen geisteswissenschaftlichen Dingen, eben noch die alten, niedergehenden Denkgewohnheiten und Empfindungsgewohnheiten haben. Und man hat daher so furchtbar zu kämpfen mit dem in diesen Kreisen so leicht sich breitmachenden Sektierertum, das natürlich in Wahrheit das Gegenteil desjenigen ist, was eigentlich gepflegt werden soll, und mit allerlei persönlichem Gezänk, das dann selbstverständlich als solches zu jenen Verleumdungssystemen führt, die ja gerade auf dem Boden dieser geisteswissenschaftlichen Bewegung so üppig ins Kraut geschossen sind.

[ 12 ] After this gentleman has explained how beautiful many aspects of anthroposophy are, he then adds: “This fundamental practical truth is then entwined with a convoluted tangle of supposed insights into the life of the soul, humanity, and the cosmos, just as was once the case in the comprehensive systems of Gnosticism, which offered mysterious wisdom from the East to an era similarly seeking depth and peace of mind. ” Of course, nothing could be further from the truth. For the fact that the author describes this as “bizarre stuff,” as a “bizarre tangle,” is based solely on his unwillingness to engage with the mathematical method of this spiritual science. This is usually the case with those who seek to derive ideas solely from the declining mode of cognition. And so what has been gained precisely through the discipline of inner experience by means of mathematics appears to him as a tangled web. But this “confused tangle,” which brings about such mathematical clarity—perhaps even mathematical sobriety—is precisely what is essential; it is what safeguards what is to be pursued here from all rambling mysticism and all nebulous theosophy. And without this so-called “confused tangle,” it is simply impossible to lay a genuine foundation for future spiritual life. Certainly, we have had to struggle—since, up to the present, this spiritual science could be pursued only within the narrowest circles due to our social circumstances—we have had to struggle with what very often manifests itself in the fact that, for the most part, those people who now have time—and nothing but time—for these spiritual-scientific matters still cling to the old, declining habits of thought and feeling. And so one has to struggle so terribly with the sectarianism that spreads so easily in these circles—which, of course, is in truth the very opposite of what should actually be cultivated—and with all sorts of personal squabbling, which then naturally leads to those systems of slander that have sprung up so profusely precisely on the soil of this spiritual science movement.

[ 13 ] Nun, wer aus solchen Symptomen heraus dasjenige betrachtet, was heute Geistesleben ist, der wird leicht dahin kommen können, sich zu sagen: Neuschöpfungen sind insbesondere auf dem Gebiet des geistigen Strebens gerade notwendig. Sehen Sie, der Ruf nach sozialer Lebensgestaltung ertönt in einer Zeit, in der eigentlich die Menschen im umfassendsten Sinne ausgestattet sind mit antisozialen Trieben und antisozialen Instinkten. Diese antisozialen Triebe und antisozialen Instinkte, sie zeigen sich ja ganz besonders auch im privaten Umgang der Menschen. Sie zeigen sich in dem, was Menschen den Menschen heute entgegenbringen, beziehungsweise nicht entgegenbringen. Sie zeigen sich darin, daß es ein Hauptcharakteristikon ist, daß die Menschen aneinander vorbeidenken, aneinander vorbeireden und schließlich auch aneinander vorbeigehen. Eine instinktive Fähigkeit, wirklich den Menschen, der einem entgegentritt, verstehen zu wollen, ist in unserer Zeit etwas außerordentlich Seltenes. Und nur eine Begleiterscheinung dieser Seltenheit des sozialen Instinktes ist dann das andere: die Möglichkeit für den Menschen der Gegenwart, von irgend etwas, worin er nicht durch soziale Lage, durch Erziehung, durch die Geburt eingeschraubt ist, überzeugt zu werden. Es können ja heute die schönsten Gedanken von Menschen ausgehen, es bestehen die größten Schwierigkeiten, daß die Menschen sich durch irgend etwas anregen lassen. Die Menschen denken heute an dem Allerbesten vorbei. Das ist ein Grundcharakteristikon unserer Zeit. Und als eine tatsächliche Folge davon — Sie wissen, ich habe neulich von der Tatsachenlogik, die ein Wichtigstes für die Gegenwart ist im Gegensatz zur bloßen Gedankenlogik, gesprochen — ist heute in den Menschen eine Sehnsucht vorhanden, nicht innerlich aktiv die Dinge durchzuarbeiten, sondern sich Autoritäten und Empfindungsinstanzen hinzugeben. Die Menschen, die heute so viel von Autoritätsfreiheit reden, sind eigentlich im Grunde die autoritätsgläubigsten, sind Menschen, die sich intensiv nach Autorität sehnen. Und so sehen wir heute — es wird nur nicht beobachtet, weil so viele Leute seelisch schlafen — einen bedenklichen Zug unter denen, die in der Niedergangskultur drinnenstehen und keinen Ausweg aus dieser Niedergangskultur finden: den Zug, in den Schoß der alten katholischen Kirche zurückzugehen. Würde man heute wissen, was alles untergründig in diesem Zug, in den Schoß der katholischen Kirche zurückzugehen, liegt, man würde sehr erstaunt sein. Würde aber dieser Zug weitere Verbreitung finden, dann würden wir es gerade unter den heutigen Verhältnissen in gar nicht zu ferner Zeit mit einem gewaltigen Übergang großer Menschenmassen in den Schoß der katholischen Kirche zu tun haben. Derjenige, der ein wenig die Eigenheiten unserer heutigen Kultur zu beobachten imstande ist, der weiß, daß solches uns droht.

[ 13 ] Now, anyone who, based on such symptoms, considers what spiritual life is today will easily come to the conclusion that new creations are particularly necessary in the realm of spiritual striving. You see, the call for social reorganization is being heard at a time when people are, in the broadest sense, actually endowed with antisocial drives and antisocial instincts. These antisocial drives and antisocial instincts manifest themselves particularly in people’s private interactions. They are evident in what people do—or rather, do not do—for one another today. They are evident in the fact that a defining characteristic of our time is that people think past one another, speak past one another, and ultimately walk right past one another. An instinctive ability to truly want to understand the person one encounters is something extraordinarily rare in our time. And the other aspect—the possibility for people today to be convinced by something into which they are not locked into by social status, upbringing, or birth—is merely a corollary of this rarity of social instinct. Even if the most beautiful thoughts were to emanate from people today, there are enormous difficulties in getting people to be inspired by anything at all. People today fail to grasp the very best. That is a fundamental characteristic of our time. And as a direct consequence of this—you know, I recently spoke of factual logic, which is of paramount importance for the present in contrast to mere conceptual logic—there is a longing in people today not to actively work through things internally, but to surrender to authorities and sources of feeling. The people who talk so much today about freedom from authority are, in fact, the ones who believe most strongly in authority; they are people who intensely long for authority. And so we see today—though it goes unnoticed because so many people are spiritually asleep—a troubling trend among those who are caught up in a culture of decline and cannot find a way out of it: the trend of returning to the bosom of the old Catholic Church. If people today knew everything that lies beneath this trend of returning to the bosom of the Catholic Church, they would be very astonished. But if this trend were to spread further, then—especially under today’s circumstances—we would, in the not-too-distant future, be faced with a massive migration of large masses of people into the bosom of the Catholic Church. Anyone capable of observing the peculiarities of our present-day culture even a little knows that this is what threatens us.

[ 14 ] Woher sind alle diese Dinge gekommen? Da muß ich Sie aufmerksam machen auf eine Grunderscheinung unseres gegenwärtigen sozialen Lebens. Da ist eine besondere Eigentümlichkeit desjenigen, was ja sich verbreitet hat in den letzten Jahrhunderten und immer größere und größere Dimensionen angenommen hat, sich auch immer noch weiter verbreiten wird in denjenigen Ländern, die als zivilisierte Länder zurückbleiben werden aus dem heutigen Chaos heraus: das ist die technische Kulturnuance, die besondere technische Nuance, die in der neueren Zeit die Kultur angenommen hat. Nun würde ich über dieses Kapitel besonders lange zu sprechen haben, werde es auch einmal tun, indem ich auf alle Einzelheiten weisen werde von dem, was ich jetzt nur wie einen Nebensatz anführen kann. Diese technische Kultur hat nämlich eine ganz bestimmte Eigenschaft: sie ist ihrem Wesen nach durch und durch altruistische Kultur. Das heißt: Technik kann sich nur ausbreiten in einer für die Menschheit günstigen Weise, wenn die Menschen, die innerhalb der Technik tätig sind, Altruismus, das Gegenteil von Egoismus entwickeln. Die technische Kultur macht immer mehr und mehr notwendig — jeder Neuaufschwung der technischen Kultur zeigt es dem, der solche Dinge betrachten kann —, daß nur egoismusfrei innerhalb der technischen Bewirtschaftung gearbeitet werden kann. Dem entgegen hat sich entwickelt zugleich dasjenige, was aus dem Kapitalismus heraus entstanden ist, der nicht notwendig mit der technischen Kultur verknüpft sein muß, oder verknüpft bleiben muß wenigstens. Der Kapitalismus, wenn er Privatkapitalismus ist, kann gar nicht anders als egoistisch wirken, denn sein Wesen besteht aus egoistischem Wirken. So begegnen sich in der neueren Zeit zwei Strömungen, die in diametralem Gegensatz zueinander stehen: die moderne Technik, die egoismusfreie Menschen fordert, und der aus den alten Zeiten heraufgekommene Privatkapitalismus, der nur unter Geltendmachung der egoistischen Triebe gedeihen kann. Das, sehen Sie, hat uns hineingetrieben in die Lage der Gegenwart, und herausbringen wird uns nur ein Geistesleben, das den Mut hat, mit allem möglichen Alten zu brechen.

[ 14 ] Where did all these things come from? Here I must draw your attention to a fundamental phenomenon of our current social life. There is a particular characteristic of what has spread over the last few centuries and has taken on ever-greater dimensions—and will continue to spread even further in those countries that will emerge from today’s chaos as civilized nations: this is the technical cultural nuance, the particular technical nuance that culture has taken on in modern times. Now, I could speak at great length on this topic—and I will do so at some point, going into all the details of what I can now only mention in passing. This technical culture, you see, has a very specific characteristic: it is, by its very nature, a thoroughly altruistic culture. This means: Technology can only spread in a way that benefits humanity if the people working within the realm of technology develop altruism—the opposite of egoism. Technical culture makes it increasingly necessary—every new surge in technical culture demonstrates this to those capable of observing such things—that work within the technical economy can only be carried out free of egoism. At the same time, however, something has developed in opposition to this: that which has emerged from capitalism, which need not necessarily be linked to technical culture—or at least need not remain linked to it. Capitalism, when it is private capitalism, cannot help but act selfishly, for its very nature consists of selfish action. Thus, in recent times, two currents stand in diametric opposition to one another: modern technology, which demands people free of selfishness, and private capitalism, which has emerged from the past and can thrive only through the assertion of selfish impulses. That, you see, is what has driven us into our present situation, and only a spiritual life that has the courage to break with everything old will lead us out of it.

[ 15 ] Es gibt ja heute viele Menschen, die denken nach: Wie muß die künftige Volksbildung, die Volksschulbildung sein, wie muß die weitere Berufsbildung der Menschen sein und so weiter? Diesen Menschen gegenüber ist vor allen Dingen die Frage aufzuwerfen, namentlich wenn wir das Kapitel Volksbildung betrachten: Nun gut, wenn ihr den besten Willen habt, das ganze Volk für eine Volksbildung heranzuziehen, könnt ihr es denn, wenn ihr innerhalb der heutigen Bildungs- und Geistesverhältnisse stehenbleibt? Habt ihr das Material dazu? Was könnt ihr denn eigentlich nur? Ihr könnt aus euren Grundsätzen heraus, die vielleicht gut sozialistische sind, für die breitesten Massen Schulen gründen, Volkshochschulen begründen. Ihr könnt alles das einrichten, was ihr eben aus dem guten Willen heraus einrichtet. Aber habt ihr das Material dazu, um dasjenige, was ihr in gutem Willen verbreiten wollt, wirklich zum Volksgut zu machen? Ihr sagt uns: Wir gründen Büchereien, Theater- und Musikaufführungen, Ausstellungen, Vortragsreihen, Volkshochschulen. Man muß sich aber fragen: Welche Bücher stellt ihr denn in eure Büchereien hinein? Was für eine Wissenschaft vertreibt ihr in euren Vortragsreihen? Diejenigen Bücher stellt ihr in eure Büchereien hinein, die aus der niedergehenden bürgerlichen Bildung heraus geschrieben sind. Von denjenigen Leuten laßt ihr die Wissenschaft vertreiben in Volkshochschulen, die aus der bürgetlichen Bildung hervorgegangen sind. Ihr reformiert formell das Bildungswesen, aber ihr schüttet hinein in eure neuen Formen dasjenige, was ihr als Altes übernehmt. Zum Beispiel ihr sagt: Wir haben uns längst bestrebt, die Volksbildung demokratisch zu gestalten. Die Staaten haben sich bisher eher ablehnend dagegen verhalten, denn sie wollten gute Staatsdiener in den Menschen erziehen. — Ja, ihr lehnt es ab, gute Staatsdiener zu erziehen, aber ihr laßt von diesen Staatsdienern das Volk erziehen, denn ihr habt ja nichts anderes bis jetzt, worauf ihr das Augenmerk richtet, als diese Staatsdiener, deren Bücher ihr in eure Büchereien hineinstellt, deren wissenschaftliche Denkungsweise ihr in Vortragsreihen an den Mann bringen laßt, deren ganze Denkgewohnheiten durchfluten eure Hochschulen. — Sie sehen daraus: die Sache muß viel, viel tiefer angefaßt werden in dieser ernsten Zeit, viel tiefer, als sie heute von der einen oder anderen Seite angefaßt wird.

[ 15 ] There are, after all, many people today who are reflecting on questions such as: What should the future of public education—elementary school education—look like? What should people’s further vocational training be like, and so on? The question that must be raised above all to these people—especially when we consider the chapter on public education—is: Well then, even if you have the best of intentions to involve the entire population in public education, can you really do so if you remain within the confines of today’s educational and intellectual conditions? Do you have the resources for it? What can you actually accomplish? Based on your principles—which may well be soundly socialist—you can establish schools and adult education centers for the broadest masses. You can organize all of that—whatever you set up out of good will. But do you have the resources to truly make what you wish to disseminate in good faith part of the people’s heritage? You tell us: We’re establishing libraries, theater and music performances, exhibitions, lecture series, and adult education centers. But one must ask: What books do you actually put in your libraries? What kind of scholarship do you promote in your lecture series? You put books in your libraries that were written out of the declining bourgeois education system. You have people who emerged from that bourgeois education system promote scholarship in adult education centers. You are reforming the education system in form, but you are pouring into your new forms the very things you have inherited from the old system. For example, you say: We have long strived to make public education democratic. Until now, the states have tended to oppose this, because they wanted to educate people to be good civil servants. — Yes, you reject the idea of training good civil servants, but you allow these civil servants to educate the people, for you have had nothing else to focus on so far but these civil servants—whose books you place in your libraries, whose scientific way of thinking you promote through lecture series, and whose entire habits of thought permeate your universities. — You can see from this: the matter must be addressed much, much more deeply in these serious times—much more deeply than it is being addressed today by one side or the other.

[ 16 ] Wir wollen auf Einzelheiten einmal, um einiges zur Deutlichkeit zu bringen, hinsehen. Wir wollen beginnen bei dem, was wir zunächst die Volksschule nennen. Ich rechne zur Volksschule gehörig alles, was dem Menschen beigebracht werden kann, wenn er entwachsen ist der bloßen Familienerziehung, und wenn zu dieser Familienerziehung die Schule als Erziehungs- und Unterrichtsanstalt dazutreten muß. Für denjenigen, der die menschliche Natur kennt, ist klar, daß für keinen werdenden Menschen diese Schulbildung in das menschliche Entwickelungssystem eher eingreifen sollte als ungefähr um die Zeit, wenn der Zahnwechsel vorüber ist. Das ist ein ebenso wissenschaftliches Gesetz wie andere wissenschaftliche Gesetze. Würde man, statt sich nach Schablonen zu richten, nach dem Wesen des Menschen sich richten, dann würde man als Vorschrift nehmen, daß mit dem Ablauf des Zahnwechsels der Schulunterricht der Kinder zu beginnen hat.

[ 16 ] Let us examine some details to clarify a few points. Let us begin with what we will initially call elementary school. I consider elementary school to encompass everything that can be taught to a person once they have outgrown mere family upbringing, and when school, as an institution of education and instruction, must supplement that family upbringing. For anyone familiar with human nature, it is clear that for no developing human being should this school education intervene in the system of human development any earlier than approximately the time when the process of losing baby teeth is complete. This is just as much a scientific law as any other scientific law. If, instead of following templates, one were to be guided by human nature, then one would adopt as a rule that children’s schooling must begin once the process of losing baby teeth is complete.

[ 17 ] Nur handelt es sich dann darum, nach welchen Grundsätzen dieser Schulunterricht der Kinder zu leiten ist. Wir müssen dabei im Auge haben, daß, wer wirklich mit der aufsteigenden Kulturentwickelung zu denken und zu streben vermag, heute gar nichts anderes kann, als für die Grundsätze, welche Geltung haben müssen für Schulerziehung und Schulunterricht, anzuerkennen das, was in der menschlichen Natur selbst liegt. Erkenntnis der menschlichen Natur vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife, das muß zugrunde liegen allen Prinzipien der sogenannten Volksschulbildung. Aus diesem und vielem Ähnlichen werden Sie erkennen können, daß sich ja, wenn man von dieser Unterlage ausgeht, nichts anderes ergeben kann als eine Einheitsschule für alle Menschen; denn selbstverständlich: diese Gesetze, die sich abspielen in der menschlichen Entwickelung zwischen dem ungefähr siebenten und ungefähr vierzehnten bis fünfzehnten Jahr, diese Gesetze sind für alle Menschen die gleichen. Und nichts anderes dürfte in Frage kommen, als durch die Erziehung und den Unterricht zu beantworten die Frage: Wie weit muß ich einen Menschen als Menschen bringen bis in sein vierzehntes bis fünfzehntes Jahr hinein? Das allein heißt volkspädagogisch denken. Das allein aber heißt auch, in wirklich modernem Sinne über das Unterrichtswesen denken. Dann aber ergibt sich, daß man nimmermehr wird heute vorbeikommen an der Notwendigkeit, in gründlicher, radikaler Weise mit dem alten Schulwesen zu brechen, daß man ernsthaftig wird darauf losgehen müssen, dasjenige, was heranzubringen ist an die Kinder in den angedeuteten Jahren, einzurichten nach der Entwickelung des werdenden Menschen. Dazu wird eine gewisse Grundlage geschaffen werden müssen — etwas, das, wenn sozialer guter Wille vorhanden ist, nicht irgendeine nebulose Idee der Zukunft sein wird, sondern sogleich praktisch in Angriff genommen werden kann. Es wird vor allen Dingen die Grundlage dazu geschaffen werden müssen dadurch, daß das gesamte Prüfungs- und Schulwesen für Lehrer selbst absolut umgeändert wird. Wenn heute der Lehrer geprüft wird, so ist es oftmals nur so, daß man konstatiert, ob er dasjenige weiß, was er, wenn er ein bißchen geschickt ist, auch wenn er es nicht weiß, später im Konversationslexikon oder Handbuch nachlesen kann. Das kann man ganz auslassen bei der Lehrerprüfung. Damit aber wird wegfallen der größte Teil dessen, was heute der Inhalt der Lehrerprüfungen ist. Denn zu konstatieren wird sein bei dem, was an die Stelle der heutigen Examina zu treten hat, ob der Mensch, der es zu tun hat mit der Erziehung und dem Unterricht werdender Menschen, ob der eine persönlich aktive, für den werdenden Menschen ersprießliche Beziehung zu diesen werdenden Menschen herstellen kann, ob er mit seiner ganzen Mentalität — wenn ich das sehr in Mode gekommene Wort gebrauchen will untertauchen kann in die Seelen und in die ganze Wesenheit des werdenden Menschen. Dann wird er nicht Leselehrer, Rechenlehrer, Zeichenlehrer und so weiter sein, sondern dann wird er der wirkliche Bildner der werdenden Menschen sein können.

[ 17 ] The question, then, is what principles should guide the schooling of children. We must bear in mind that anyone who is truly capable of thinking and striving in step with the advancing cultural development has no choice today but to recognize, as the principles that must govern school education and instruction, what lies inherent in human nature itself. An understanding of human nature—from the change of teeth to sexual maturity—must form the foundation of all principles of so-called elementary school education. From this and many similar points, you will be able to see that, if one proceeds from this foundation, nothing else can result but a unified school system for all people; for it goes without saying: these laws, which play out in human development between approximately the seventh and approximately the fourteenth to fifteenth years, are the same for all people. And nothing else should be considered but answering, through education and instruction, the question: To what extent must I bring a person to maturity as a human being by the time they reach their fourteenth to fifteenth year? That alone is what it means to think in terms of public education. But that alone also means thinking about the educational system in a truly modern sense. It then follows that today we can no longer avoid the necessity of breaking thoroughly and radically with the old school system; we must earnestly set about organizing what is to be imparted to children during the years indicated, in accordance with the development of the growing human being. To this end, a certain foundation will have to be laid—something that, provided there is social goodwill, will not be some nebulous idea of the future, but can be tackled practically right away. Above all, this foundation will have to be laid by completely overhauling the entire examination and school system for teachers themselves. When teachers are examined today, it is often merely a matter of determining whether they know what—if they are somewhat resourceful—they can look up later in an encyclopedia or handbook, even if they do not know it. This can be omitted entirely from teacher examinations. But this would eliminate the bulk of what currently constitutes the content of teacher examinations. For what must be determined in the system that is to replace today’s exams is whether the person responsible for the education and instruction of developing human beings can establish a personally active relationship with these developing human beings—one that is beneficial to them—and whether, with his entire mindset — to use a term that has become very fashionable — can immerse themselves in the souls and the entire being of the developing human being. Then they will not be merely reading teachers, math teachers, art teachers, and so on, but will be able to become the true shapers of developing human beings.

[ 18 ] Darauf wird zu sehen sein bei allen künftigen sogenannten Prüfungen, die anders sich ausnehmen werden, als die Prüfungen sich ausnehmen von heute: daß das Lehrpersonal wirklich Bildner des werdenden Menschen sein kann. Das heißt, der Lehrer wird wissen: Ich muß dieses oder jenes an den Menschen heranbringen, wenn er denken lernen soll; ich muß dieses oder jenes an den Menschen heranbringen, wenn er ausbilden soll die Gefühlswelt, die übrigens innig verwandt ist mit der Gedächtniswelt, was die wenigsten Menschen heute wissen, weil die meisten Gelehrten heute die schlechtesten Psychologen sind. Der Lehrer muß wissen, was er an den Menschen heranzubringen hat, wenn der Wille so ausgebildet werden soll, daß er aus den Keimen, die er aufnimmt zwischen dem siebenten und fünfzehnten Jahr, kraftvoll für das ganze Leben bleiben kann. Willensbildung wird erzielt, wenn alles dasjenige, was praktische Körper- und Kunstübungen sind, so getrieben wird, daß es angepaßt ist der werdenden Wesenheit des Menschen. Der Mensch wird dasjenige sein, worauf hingerichtet werden muß die Sorgfalt desjenigen, der der Lehrer werdender Menschen ist.

[ 18 ] This will become evident in all future so-called examinations, which will differ from the examinations of today: that the teaching staff can truly be the educators of the developing human being. This means that the teacher will know: I must instill this or that in the person if they are to learn to think; I must instill this or that in the person if they are to develop their emotional world—which, incidentally, is intimately connected to the world of memory, something very few people realize today, because most scholars today are the worst psychologists. The teacher must know what to instill in the human being if the will is to be developed in such a way that the seeds it absorbs between the ages of seven and fifteen can remain powerful throughout the person’s entire life. The development of the will is achieved when all practical physical and artistic exercises are conducted in a way that is adapted to the developing nature of the human being. The human being will become that which must be the focus of the care of the one who is the teacher of developing human beings.

[ 19 ] Und so wird sich erweisen, wie man verwenden kann alles dasjenige, was konventionelle Menschenkultur ist: Sprachen, Lesen, Schreiben. Das kann man am besten verwenden in diesen Jahren, um gerade das Denken des werdenden Menschen auszubilden. Das Denken ist das Äußerlichste am Menschen, so sonderbar das heute klingt, und es muß gerade ausgebildet werden an dem, was uns in den sozialen Organismus hineinstellt. Denken Sie doch nur, daß der Mensch durch seine Geburt nicht Anlagen auf die Welt bringt zu dem, was Lesen und Schreiben ist, sondern daß das beruht auf dem Zusammenleben der Menschen. Und so wird verhältnismäßig früh eintreten müssen gerade für die Ausbildung des Denkens ein vernünftiger Sprachunterricht; natürlich nicht derjenigen Sprachen, die man in alter Zeit gesprochen hat, sondern derjenigen Sprachen, die die heutigen Kulturvölker sprechen, mit denen man zusammenlebt. Sprachunterricht in vernünftiger Weise, nicht in Anknüpfung an die grammatikalischen Tollheiten, die in den Mittelschulen heute getrieben werden, Sprachunterricht muß von der untersten Schulstufe an getrieben werden.

[ 19 ] And so it will become clear how one can make use of everything that constitutes conventional human culture: languages, reading, and writing. These can best be used during these years to develop the thinking of the developing human being. Thinking is the most external aspect of the human being—as strange as that may sound today—and it must be developed precisely through what places us within the social organism. Just consider that human beings are not born with innate abilities for reading and writing; rather, these abilities arise from human coexistence. And so, relatively early on, sensible language instruction must be introduced specifically for the development of thinking—not, of course, the languages spoken in ancient times, but the languages spoken by today’s civilized peoples with whom we live. Language instruction must be conducted in a sensible manner—not based on the grammatical absurdities practiced in secondary schools today—and it must begin at the very lowest grade level.

[ 20 ] Dann wird es sich darum handeln, daß in bewußter Art solcher Unterricht getrieben wird, der auf das Fühlen und das damit verbundene Gedächtnis geht. Während alles dasjenige, was sich — und Kinder können in dieser Beziehung außerordentlich viel aufnehmen, wenn man es nur richtig macht —, was sich auf Arithmetik, Rechnen, Geometrie bezieht, mitten drinnen steht zwischen Denkerischem und Gefühlsmäßigem, wirkt auf das Gefühlsmäßige alles dasjenige, was durch das Gedächtnis aufzunehmen ist. Also alles dasjenige, was zum Beispiel als Geschichtsunterricht zu erteilen ist, was als Unterricht zu erteilen ist in der Mitteilung der Fabelwelt und so weiter. Ich kann die Dinge nur andeuten.

[ 20 ] The goal will then be to consciously conduct instruction that focuses on feeling and the memory associated with it. While everything related to arithmetic, calculation, and geometry—and children can absorb an extraordinary amount in this regard if it is done correctly—lies right in the middle between the intellectual and the emotional, everything that is to be absorbed through memory acts upon the emotional realm. That is, everything that is taught, for example, in history lessons, or in lessons that convey the world of myths, and so on. I can only hint at these things.

[ 21 ] Dann aber handelt es sich darum, schon in diesen Jahren besondere Willenskultur zu treiben. Dazu ist in Anspruch zu nehmen alles, was Körper- und Kunstübungen sind. Darinnen wird man ganz Neues brauchen in diesen Jahren. Der Anfang ist dazu gemacht in dem, was wir die Eurythmie nennen. Sie sehen heute viel von Körperkultur in Dekadenz, im Niedergang: es gefällt vielen Leuten. Dahinein wollen wir stellen etwas — wofür wir bisher hier nur Gelegenheit gehabt haben, es den Arbeitern der Waldorf-Astoria zu zeigen durch das verständnisvolle Behandeln unserer Fragen von seiten unseres lieben Herrn Mol: —, dahinein wollen wir etwas stellen, was nun wirklich, wenn es dem werdenden Menschen statt des bisherigen bloß körperlichen Turnens beigebracht wird, beseelte Körperkultur ist. Diese allein kann aber einen solchen Willen erzeugen, der einem dann durch das Leben bleibt, während alle andere Willenskultur die Eigentümlichkeit hat, daß sie im Laufe des Lebens durch die verschiedenen Vorkommnisse und Erfahrungen des Lebens wiederum abgeschwächt wird. Insbesondere auf diesem Gebiet wird aber rationell vorzugehen sein. Da wird man Verbindungen im Unterrichtswesen schaffen, an die heute noch keiner denkt, zum Beispiel Zeichenunterricht mit Geographie. Es würde von ungeheurer Bedeutung für den werdenden Menschen sein, wenn er auf der einen Seite wirklich verständigen Zeichenunterricht bekäme, aber in diesem Zeichenunterricht dazu angeleitet würde, nun, sagen wir, den Globus von den verschiedensten Seiten her zu zeichnen, die Gebirgs- und Flußverhältnisse der Erde zu zeichnen, und dann wiederum selbst Astronomisches, das Planetensystem und so weiter zu zeichnen. Selbstverständlich wird man das in die richtigen Jahre hineinverlegen müssen, nicht beim siebenjährigen Kinde anfangen; aber vor dem Ablauf des vierzehnten bis fünfzehnten Jahres ist es nicht nur möglich, sondern es ist dasjenige, was ungeheuer wohltätig auf den werdenden Menschen wirkt, wenn es in der richtigen Weise gemacht wird, vielleicht vom zwölften Jahr an.

[ 21 ] But then the task is to cultivate a special discipline of the will even during these years. To this end, we must make use of all forms of physical and artistic exercises. In this regard, we will need something entirely new during these years. The first step toward this has been taken in what we call eurythmy. Today you see much of physical culture in a state of decadence, in decline: many people find it appealing. Into this we want to introduce something—for which we have so far had the opportunity here only to demonstrate it to the staff of the Waldorf-Astoria through the understanding way our dear Mr. Mol has handled our questions—into this we want to introduce something that, when taught to the developing human being in place of the merely physical gymnastics of the past, is truly an animated form of physical culture. This alone, however, can generate a will that remains with a person throughout life, whereas all other forms of will training have the characteristic of being gradually weakened over the course of life by its various events and experiences. In this area in particular, however, it will be necessary to proceed rationally. There, connections will be established in the educational system that no one is thinking of today—for example, art classes combined with geography. It would be of immense importance for the developing human being if, on the one hand, they received truly meaningful art instruction, but were also guided within that instruction to, say, draw the globe from a wide variety of perspectives, to depict the Earth’s mountain ranges and river systems, and then, in turn, to draw astronomical subjects such as the planetary system and so on. Of course, this will have to be scheduled for the appropriate age range—it shouldn’t begin with a seven-year-old child; but before the age of fourteen or fifteen, it is not only possible but also has an immensely beneficial effect on the developing human being when done in the right way, perhaps starting at the age of twelve.

[ 22 ] Für die Gemüts- und Gedächtnisbildung wird dann notwendig sein, eine lebendige Naturanschauung schon in dem jüngsten Menschen zu entwickeln. Diese lebendige Naturanschauung, Sie wissen, wie ich oftmals darüber gesprochen habe, und wie ich mancherlei Betrachtungen zusammengefaßt habe in die Worte: Es gibt leider heute innerhalb der Stadtbevölkerung zahlreiche Menschen, die nicht unterscheiden können, wenn sie auf das Feld hinausgeführt werden, einen Weizen von einem Roggen. Es kommt nicht auf die Namen an, aber auf das lebendige Verhältnis zu den Dingen kommt es an. Es ist etwas Ungeheures für den, der die menschliche Natur überblicken kann, was da dem Menschen verlorengeht, wenn er nicht zur rechten Zeit — und die Entwickelung der menschlichen Fähigkeiten muß immer zur rechten Zeit geschehen —, wenn er nicht zur rechten Zeit solche Unterscheidungen lernt, wenn er nicht lernt — Sie wissen, es ist nur symptomatologisch gesprochen — zu unterscheiden Weizenkorn vom Roggenkorn. Es umfaßt, was hier gemeint ist, natürlich sehr, sehr vieles.

[ 22 ] For the development of the emotions and memory, it will therefore be necessary to cultivate a vivid appreciation of nature even in the youngest children. This lively appreciation of nature—as you know, I have spoken about it often, and I have summarized various reflections on the subject in the following words: Unfortunately, there are many people among today’s urban population who, when led out into the fields, cannot tell wheat from rye. It is not the names that matter, but rather a lively relationship with things. For those who can survey human nature, it is an immense loss to humanity when people do not learn such distinctions at the right time—and the development of human abilities must always take place at the right time—when they do not learn at the right time, when they do not learn—as you know, I am speaking only in symptomatic terms—to distinguish a grain of wheat from a grain of rye. Of course, what is meant here encompasses a great, great deal.

[ 23 ] Das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe in didaktisch-pädagogischer Art für den Volksschulunterricht, das wird nach der Tatsachenlogik etwas ganz Bestimmtes im Gefolge haben, nämlich das, daß nichts in den Unterricht hineinspielen wird, was nicht in der einen oder anderen Form für das ganze Leben erhalten bleibt, während heute nur in der Regel dasjenige hineinspielt, was sich kondensiert in den Fähigkeiten. Das, was man im Lesenlernen treibt, kondensiert sich in der Fähigkeit des Lesenkönnens; was man im Rechnenlernen treibt, kondensiert sich in der Fähigkeit des Rechnenkönnens. Aber bedenken Sie, wie das ist mit Bezug auf Dinge, die mehr auf Gefühl und Gedächtnis gehen: da lernen die heutigen Kinder eigentlich unendlich viel, nur um es zu vergessen, nur um es dann im Leben nicht zu haben. Das wird dasjenige sein, was die Zukunftserziehung ganz besonders auszeichnen wird, daß all die Dinge, die an das Kind herangebracht werden, auch im Menschen für das ganze Leben bleiben werden.

[ 23 ] What I have now analyzed from a didactic and pedagogical perspective for elementary school instruction will, according to the logic of facts, have a very specific consequence: namely, that nothing will be included in instruction that is not retained in one form or another for the rest of one’s life, whereas today, as a rule, only that which is condensed into skills is included. What one does when learning to read is condensed into the ability to read; what one does when learning arithmetic is condensed into the ability to do arithmetic. But consider how this applies to things that rely more on feeling and memory: today’s children actually learn an infinite amount, only to forget it, only to have no use for it later in life. This will be what particularly distinguishes education in the future—that all the things presented to the child will remain with the person for the rest of their life.

[ 24 ] Nun, wir kämen dann zu der Frage, was mit dem Menschen zu machen ist, wenn er nun die eigentliche Einheitsvolksschule überwunden hat und in das weitere Leben hinaufsteigt. Sehen Sie, da handelt es sich darum, daß all das Ungesunde des alten Geisteslebens überwunden werden muß, das gerade von der Bildungsseite her die furchtbare Kluft aufreißt zwischen den Menschenklassen.

[ 24 ] Well, we would then come to the question of what to do with a person once they have moved beyond the true unified elementary school and are advancing into the next stage of life. You see, the point is that all the unhealthy aspects of the old spiritual life must be overcome—aspects that, particularly from an educational standpoint, create a terrible chasm between the classes of people.

[ 25 ] Ja, sehen Sie, die Griechen, die Römer, sie haben sich eine Bildung aneignen können, die aus ihrem Leben heraus wat, die sie daher auch mit ihrem Leben verband. In unserer Zeit ist nichts da, was uns Menschen mit unserem ganz andersartigen Leben in den wichtigsten Jahren verbindet; sondern viele Menschen, die dann in leitende, führende Lebenslagen hineinkommen, die lernen heute dasjenige, was die Griechen und Römer gelernt haben; sie werden dadurch aus dem Leben herausgerissen. Und noch dazu sind es die geistig unökonomischsten Dinge, die es nur geben kann. Und wir sind heute auf einem Punkt in der Menschheitsentwickelung angekommen — das wissen nur die Menschen nicht —, wo es absolut unnötig ist für unser Verhältnis zum Altertum, daß wir in diesem Altertum besonders erzogen werden; denn schon seit langem ist dasjenige, was die allgemeine Menschheit von dem Altertum braucht, in solcher Weise unserer Bildung einverleibt, daß wir es uns aneignen können, auch wenn wir nicht dressiert werden, durch viele Jahre in einer uns fremden Atmosphäre zu leben. Dasjenige, was man haben soll aus dem Griechen- und Römertum, es kann ja noch vervollkommnet werden, ist auch in der letzten Zeit vervollkommnet worden, aber das ist Gelehrtensache, das hat nichts mit der allgemeinen sozialen Bildung zu tun. Dasjenige aber, was für die allgemeine soziale Bildung aufzunehmen ist aus dem Altertum, das ist so sehr durch die Geistesarbeit der vergangenen Zeit zum Abschluß gekommen, ist so sehr da, daß, wenn man nur richtig nimmt, was da ist, man heute nicht braucht Griechisch und Lateinisch zu lernen, um sich in das Altertum zu vertiefen; man braucht es gar nicht, und für wichtige Dinge hilft es einem nichts, Ich erinnere nur daran, wie ich nötig hatte, damit nicht auf diesem Gebiet so schlimme Mißverständnisse entstehen, zu sagen, daß der Herr Wilamowitz ganz gewiß ein sehr bedeutender Kenner des Griechischen ist, daß er aber die griechischen Dramen so übersetzt hat, daß es schauderhaft, gräßlich schauderhaft ist, während natürlich die ganze Publizistik und Gelehrsamkeit der Gegenwart diese Übersetzungen bewundert.

[ 25 ] Yes, you see, the Greeks and the Romans were able to acquire an education that sprang from their lives and was therefore also connected to their lives. In our time, there is nothing that connects us—with our very different way of life—to those crucial years; rather, many people who go on to assume leadership roles are taught today the very things the Greeks and Romans were taught; this tears them away from life. And on top of that, these are the most intellectually wasteful things imaginable. And we have now reached a point in human development—though people are unaware of this—where it is absolutely unnecessary for our relationship to antiquity that we receive special education in that antiquity; for what humanity as a whole needs from antiquity has long since been incorporated into our education in such a way that we can assimilate it even without being trained to live for many years in an atmosphere foreign to us. What one should take from Greek and Roman culture—and it can indeed still be perfected, as it has been perfected in recent times—is a matter for scholars; it has nothing to do with general social education. But what should be taken from antiquity for general social education—that which has been so thoroughly brought to completion through the intellectual work of past times, and is so firmly established—is such that, if one simply takes what is there correctly, one does not need to learn Greek and Latin today in order to delve into antiquity; one doesn’t need it at all, and it doesn’t help one with important matters. I’ll just remind you of how I felt compelled—to prevent such terrible misunderstandings from arising in this area—to say that Mr. Wilamowitz is certainly a very distinguished scholar of Greek, but that he has translated the Greek dramas in such a way that it is horrifying, horribly dreadful, while, of course, the entire contemporary media and scholarly world admires these translations.

[ 26 ] Das wird man lernen müssen, in dieser Zeit den Menschen teilnehmen zu lassen an dem Leben; und Sie werden sehen, wenn wir in dieser Zeit die Bildung so schaffen, daß der Mensch am Leben teilnehmen kann, und wir zugleich doch in der Lage sind, ökonomisch mit dem Unterricht zu verfahren, dann kann es so sein, daß wir wirklich den Menschen eine lebendige Bildung beibringen können. Und das wird es auch möglich machen, daß derjenige, der nach der Handarbeit hintendiert, auch teilnehmen kann an dieser Lebensbildung, die nach dem vierzehnten Lebensjahr einzusetzen hat. Die Möglichkeit muß geschaffen werden, daß diejenigen, die sich früh irgendeinem Handwerk oder einer Handarbeit zuwenden, auch teilnehmen können an dem, was zu einer Lebensauffassung führt. Vor dem einundzwanzigsten Jahr darf in der Zukunft nichts an den Menschen herangebracht werden, was nur Forscherergebnis ist, was nur von der Spezialisierung im Wissenschaftlichen herkommt. Für diese Zeit muß dasjenige in den Unterricht aufgenommen werden, was reif verarbeitet ist. Da kann man dann ungeheuer ökonomisch zu Werke gehen. Man muß nur einen Begriff haben in der Pädagogik, was pädagogisch-didaktische Ökonomie bedeutet. Da darf man vor allen Dingen nicht faul sein, wenn man pädagogisch-ökonomisch arbeiten will. Ich habe Sie öfter aufmerksam gemacht auf Erfahrungen, die ich persönlich gemacht habe. Mir wurde ein etwas schwachsinniger junger Mensch in seinem elften Lebensjahr übergeben. Es ist mir gelungen, durch pädagogische Ökonomie nach zwei Jahren ihn über dasjenige hinauszubringen, was er versäumt hat bis zu seinem elften Jahr, wo er überhaupt noch gar nichts konnte. Aber nur dadurch war ich dazumal dazu imstande, daß ich sein Leibliches und Seelisches so berücksichtigte, daß in der denkbar ökonomischsten Weise im Unterricht vorgegangen worden ist. Das wurde oftmals dadurch erreicht, daß ich selber drei Stunden zur Vorbereitung verwendet habe, um den Menschen so zu unterrichten, daß ich irgend etwas, was sonst stundenlang gedauert hätte, in ihn hereinzubringen, in einer halben oder einer Viertelstunde hereinbtingen konnte, weil das für seinen leiblichen Zustand notwendig war. Sozial gedacht, kann man hinzufügen: Ich war genötigt dazumal, das alles an einen einzigen Knaben zu wenden, neben dem drei andere hergingen, die nicht in dieser Weise zu behandeln waren. Aber denken Sie, wenn wir eine vernünftige soziale Erziehungsweise hätten, so würde man ja eine ganze Reihe solcher Leute so behandeln können; denn ob man einen oder vierzig Knaben in dieser ökonomischen Weise behandeln muß, das macht nichts aus. Ich würde nicht jammern über die Anzahl der Schüler in der Schule; dieses Nichtjammern, das hängt aber zusammen mit dem Prinzip der Ökonomie im Unterricht. Nur muß man wissen: Bis in das vierzehnte Jahr hinein urteilt der Mensch nicht, und wenn man ihn zum Urteilen anhält, so zerstört man sein Gehirn. Die heutige Rechenmaschine, die das Urteil an Stelle des gedächtnismäßigen Rechnenlernens setzt, ist ein Unfug in der Pädagogik; sie zerstört, sie macht das menschliche Gehirn dekadent. Das Urteil der Menschen kann man erst pflegen vom vierzehnten Lebensjahre ab. Da müssen dann diejenigen Dinge im Unterricht auftreten, welche an das Urteil appellieren. Da können daher auftreten alle diejenigen Dinge, welche sich zum Beispiel beziehen auf die logische Erfassung der Wirklichkeit. Und Sie werden sehen, wenn in der Zukunft in den Bildungsanstalten zusammensitzt der Tischler- oder Maschinenlehrling mit demjenigen, der vielleicht selber Lehrer wird, dann wird sich auch da etwas ergeben, was zwar eine spezialisierte, aber doch noch immer eine Einheitsschule ist. Nur wird in dieser Einheitsschule alles das drinnen sein, was für das Leben drinnen sein muß, und wenn es nicht drinnen wäre, würden wir in das soziale Unheil noch stärker hineinkommen, als wir jetzt drinnen sind. Lebenskunde muß aller Unterricht geben. Zu lehren wird sein auf der Altersstufe vom fünfzehnten bis zwanzigsten Jahre, aber in vernünftiger, ökonomischer Weise, alles dasjenige, was sich auf die Behandlung des Ackerbaues, des Gewerbes, der Industrie, des Handels bezieht. Es wird kein Mensch durch dieses Lebensalter durchgehen dürfen, ohne daß er eine Ahnung bekommt von dem, was beim Ackerbau, im Handel, in der Industrie, im Gewerbe geschieht. Diese Dinge werden aufgebaut werden müssen als Disziplinen, die unendlich viel notwendiger sind als vieles Zeug, das jetzt den Unterricht dieser Lebensjahre ausfüllt.

[ 26 ] We will have to learn, in this era, to enable people to participate in life; and you will see that if we structure education in such a way that people can participate in life—while at the same time being able to manage instruction economically—then it may well be that we can truly provide people with a living education. And this will also make it possible for those who are inclined toward manual work to participate in this education for life, which must begin after the age of fourteen. The opportunity must be created so that those who turn to a craft or manual work at an early age can also participate in what leads to a view of life. In the future, before the age of twenty-one, nothing should be presented to young people that is merely the result of research or that stems solely from scientific specialization. For this period, what is incorporated into instruction must be material that has been thoroughly refined. This allows for an immensely economical approach. One must simply have a grasp of what “pedagogical-didactic economy” means in education. Above all, one must not be lazy if one wishes to work in a pedagogically economical manner. I have often drawn your attention to experiences I have had personally. A young person with mild intellectual disabilities was entrusted to my care at the age of eleven. Through pedagogical economy, I succeeded after two years in helping him catch up on what he had missed up to the age of eleven, when he was still unable to do anything at all. But it was only by doing so that I was able, at that time, to take his physical and emotional needs into account in such a way that the instruction proceeded in the most economical manner conceivable. This was often achieved by my spending three hours myself on preparation, so that I could teach him in such a way that I could instill in him, in half an hour or a quarter of an hour, something that would otherwise have taken hours—because that was necessary for his physical condition. From a social perspective, one might add: At that time, I was compelled to apply all of this to a single boy, alongside whom three others were walking who did not need to be treated in this way. But consider this: if we had a sensible social system of education, we would be able to treat a whole group of such people in this way; for whether one must treat one or forty boys in this efficient manner makes no difference. I would not complain about the number of students in school; this lack of complaint, however, is linked to the principle of economy in teaching. One must simply understand this: Until the age of fourteen, a person does not exercise judgment, and if one forces them to judge, one destroys their brain. Today’s calculator, which substitutes judgment for learning to calculate by heart, is a nonsense in pedagogy; it destroys and corrupts the human brain. One can only begin to cultivate people’s judgment from the age of fourteen onward. It is then that those elements of instruction must be introduced that appeal to judgment. Thus, all those subjects that relate, for example, to the logical grasp of reality can be introduced. And you will see that when, in the future, a carpenter’s or machinist’s apprentice sits side by side in educational institutions with someone who may himself become a teacher, something will emerge there as well—a school that, while specialized, is still a unified school. But this unified school will include everything that must be included for life, and if it were not included, we would sink even deeper into social turmoil than we are now. All instruction must impart life skills. Between the ages of fifteen and twenty, everything related to agriculture, crafts, industry, and commerce must be taught—but in a sensible, economical manner. No one should be allowed to pass through this stage of life without gaining some understanding of what happens in agriculture, commerce, industry, and trade. These subjects must be established as disciplines that are infinitely more necessary than much of the material that currently fills the curriculum during these years of life.

[ 27 ] Dann werden in diesem Lebensalter aufzutreten haben alle diejenigen Dinge, die ich jetzt nennen möchte Weltanschauungssache. Dazu wird gehören vor allen Dingen Geschichtliches und Geographisches, alles dasjenige, was sich auf Naturerkenntnis bezieht, aber immer mit Bezug auf den Menschen, so daß der Mensch den Menschen aus dem Weltall heraus kennenlernen wird.

[ 27 ] Then, at this stage of life, all those things that I would now like to call “matters of worldview” will come to the fore. These will include, above all, history and geography, everything related to the understanding of nature—but always in relation to human beings—so that human beings will come to know one another from the perspective of the universe.

[ 28 ] Unter so unterrichteten Menschen werden dann solche sein, die, wenn sie durch die übrigen sozialen Verhältnisse dazu getrieben werden, Geistesarbeiter zu werden, in den spezial-geistesarbeiterischen Schulen ausgebildet werden können in allen möglichen Gebieten. Sehen Sie, in diesen Anstalten, wo heute die Leute fachmännisch ausgebildet werden, wird ungeheuer unökonomisch verfahren. Ich weiß, daß das viele nicht zugeben werden, aber es wird ungeheuer unökonomisch verfahren, und vor allen Dingen werden die kuriosesten, aus der niedergehenden Weltanschauung herauskommenden Anschauungen geltend gemacht. Ich erlebte es noch mit: da fingen die Leute für die historisch-literaturgeschichtlichen Disziplinen in den Universitäten zu schwärmen an für die Umgestaltung des Vorlesungswesens in das Seminarwesen, und heute können wir noch erfahren, daß gesagt wird: Vorlesungen sollten einen möglichst geringen Raum einnehmen, aber es sollte viel Seminar getrieben werden. Diese Seminare, man kennt sie. Es finden sich treue Anhänger des Dozenten zusammen, welche streng nach den Angaben dieses Dozenten lernen, wie man sagt, wissenschaftlich zu arbeiten. Sie machen da ihre Arbeiten, und werden richtig geistig abgerichtet. Und die Folgen dieser geistigen Abrichtung, die erlebt man schon. Es tendiert immer hin auf das geistige Abrichten.

[ 28 ] Among such educated people, there will be those who, if driven by other social circumstances to become intellectual workers, can be trained in specialized schools for intellectual workers in all kinds of fields. You see, in these institutions, where people are trained professionally today, the approach is incredibly inefficient. I know that many will not admit it, but the approach is incredibly inefficient, and above all, the strangest views—arising from a declining worldview—are being promoted. I witnessed it myself: back then, people in the fields of history and literary history at the universities began to rave about transforming the lecture system into a seminar system, and even today we still hear it said: Lectures should take up as little time as possible, but there should be plenty of seminars. These seminars—we know what they’re like. Loyal followers of the lecturer gather together and, strictly following the lecturer’s instructions, learn—as they say—to work “scientifically.” They do their work there and are, in effect, mentally trained. And the consequences of this mental training are already evident. The trend is always toward mental training.

[ 29 ] Es ist etwas ganz anderes, wenn der Mensch in diesen Lebensjahren, wo er zur Fachbildung schreiten soll, in freier Weise zuhört vernünftig Vorgetragenem, und er dann Gelegenheit hat, in freier Auseinandersetzung, allerdings in Anknüpfung an vortraglich Auseinandergesetztes, sich zu ergehen. Übungen können sich schon anschließen, aber der Unfug des Seminars, der muß aufhören. Der ist gerade eine Sumpfpflanze der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die auf Dressur ging, und nicht auf freie Entwickelung des Menschen.

[ 29 ] It is quite another matter when, during those years of life when one is supposed to be pursuing specialized education, a person listens freely to reasonable lectures and then has the opportunity to engage in free discussion—albeit building on what was presented in the lecture. Practical exercises may certainly follow, but the nonsense of the seminar must come to an end. It is nothing more than a relic of the second half of the nineteenth century, which focused on drill rather than on the free development of the individual.

[ 30 ] Vor allen Dingen aber muß, wenn von dieser Bildungsstufe die Rede ist, gesagt werden, daß ein gewisser Grundstock der Bildung für die Menschen aller Klassen derselbe sein muß. Ob ich nun Mediziner, ob ich Jurist, ob ich Lehrer eines Gymnasiums oder einer Realschule — diese Anstalten wird es natürlich nicht mehr geben in der Zukunft — werden soll, das gehört auf die eine Seite; daneben muß jeder dasjenige aufnehmen, was allgemeine Menschenbildung ist. Diese muß man Gelegenheit haben, aufzunehmen, ob man nun Mediziner oder Maschinenbauer, oder Architekt, oder Chemiker, oder Ingenieur wird, man muß Gelegenheit haben, dieselbe allgemeine Bildung aufzunehmen, ob man geistiger oder Handarbeiter wird. Das ist wenig berücksichtigt worden bis heute. Es ist ja allerdings schon manches an einigen höheren Schulen gegenüber früheren Zeiten besser geworden. Als ich seinerzeit in Wien an der technischen Hochschule war, da trug ein Professor allgemeine Geschichte vor. Er fing an, diese allgemeine Geschichte in jedem Semester einmal vorzutragen; nach der dritten oder fünften Vorlesung hörte er auf — dann war schon niemand mehr da. Dann gab es einen Professor für Literaturgeschichte an jener technischen Hochschule. Das waren so die Mittel, um neben dem, was fachlich war, auch etwas allgemein Menschliches aufzunehmen. In diese Vorlesung über Literaturgeschichte, an die sich, wenn sie zustande kam, angeschlossen haben Übungen im Reden, im mündlichen Vortrag — wie sie auch zum Beispiel Uhland noch getrieben hat —, in diese Literaturvorlesung, da mußte ich immer einen hineinschleifen, denn nur wenn zwei drinnen waren, wurde sie gelesen. Aber man konnte sie nur aufrechterhalten dadurch, daß man noch einen hineinschleifte; es war sogar fast jedesmal ein anderer. Außerdem wurde im Grunde genommen nur noch gesorgt durch Vortrag über Staatsrecht, über Statistik, für dasjenige, was der Mensch für allgemeine Lebensverhältnisse braucht. Wie gesagt, solche Dinge sind besser geworden; aber noch nicht ist das besser geworden, was als Impetus in unserem ganzen sozialen Leben vorhanden sein soll. Es wird aber besser werden, wenn man die Möglichkeit schafft mit Bezug auf all dasjenige, was allgemein-menschlich bilden soll, daß es nicht so gestaltet wird, wie es nur verständlich ist für den, der eine bestimmte fachliche Grundlage hat, sondern wie es allgemein-menschlich verständlich ist. Ich habe mich öfter gewundert, daß die Menschen meine anthroposophischen Vorträge so verschimpft haben. Denn wenn die Menschen auf das Positive gegangen wären, hätten sie sagen können: Nun, was da drinnen Anthroposophie ist, um das kümmern wir uns nicht, aber was der alles sagt mit Bezug auf naturwissenschaftliche Dinge, die man ungeheuer lobt, wenn sie entgegengebracht werden von bloßen Natur-Gelehrten, das genügt im Grunde genommen schon. Denn Sie wissen alle, diese Vorträge sind eigentlich immer durchspickt gewesen mit Popularisierungen gerade von Naturerkenntnissen. Aber es handelt sich vielen Menschen nicht darum, das Positive entgegenzunehmen, sondern das, was sie nicht haben wollten, zu verschimpfen. Das, was sie nicht haben wollten, das war aber gerade geeignet durch die Denkformung, durch die ganze Behandlung, auch alles dasjenige zum Beispiel, was naturwissenschaftlich notwendig ist, mitzunehmen für ein allgemein bildendes menschliches Wissen, so daß der Handwerker es so gut haben konnte wie der Gelehrte; so daß es allgemein auch als Naturwissenschaftliches verständlich war. Sehen Sie sich die anderen Weltanschauungsbestrebungen an. Glauben Sie, daß zum Beispiel in den Monistenversammlungen die Leute etwas verstehen können, wenn sie nicht eine naturwissenschaftliche Grundlage haben? Nein, sie schwatzen nur mit, wenn sie die nicht haben. Das, was hier als Anthroposophie getrieben wurde, ist etwas, was so umwandeln kann die natürliche Erkenntnis, auch die historische Erkenntnis, daß sie jedem verständlich werden kann. Denken Sie doch nur, wie verständlich sein kann für jeden dasjenige, was ich historisch immer entwickelt habe als einen großen Sprung in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Das wird, denke ich, jedem verständlich. Das ist aber die Grundlage, ohne die man überhaupt nicht verstehen kann die ganze soziale Bewegung der Gegenwart. Darum verstehen die Menschen diese ja nicht, weil sie nicht wissen, wie die Menschheit geworden ist seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Wenn man dann solche Dinge entwickelt, dann kommen die Menschen und erklären einem: Die Natur macht doch keine Sprünge; also, du hast unrecht, wenn du einen solchen Entwickelungssprung im fünfzehnten Jahrhundert annimmst. — Dieser blödsinnige Satz, «die Natur macht keine Sprünge», wird immer wiederum tradiert. Die Natur macht fortwährend Sprünge: den Sprung vom grünen Laubblatt zum anders geformten Kelchblatt, den Sprung vom Kelchblatt zum Blumenblatt. So ist auch die Entwickelung des Menschenlebens. Wer nicht nach der unsinnigen konventionellen Geschichtslüge Geschichte lehrt, sondern nach dem, was wirklich vorgegangen ist, der weiß, daß die ganze feinere Konstitution des Menschen in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts anders geworden ist, als sie vorher war. Und das, was sich heute vollzieht, ist die Auslebung desjenigen, was seit jener Zeit die Menschheit in ihrem Zentrum ergriffen hat. Will man verstehen, was heute soziale Bewegung ist, so muß man solche Gesetze erkennen in der geschichtlichen Entwickelung.

[ 30 ] Above all, however, when discussing this level of education, it must be stated that a certain foundation of education must be the same for people of all classes. Whether I am to become a doctor, a lawyer, or a teacher at a gymnasium or a Realschule—these institutions will, of course, no longer exist in the future—is one thing; in addition, everyone must acquire what constitutes a general education. Everyone must have the opportunity to acquire this general education, whether they become a physician, a mechanical engineer, an architect, a chemist, or an engineer; they must have the opportunity to acquire the same general education, whether they become intellectual workers or manual laborers. This has been given little consideration to date. Admittedly, some things have improved at certain secondary schools compared to earlier times. When I was at the Technical University in Vienna back then, a professor taught general history. He would begin lecturing on this general history once each semester; after the third or fifth lecture, he would stop—by then, no one was left in the room. There was also a professor of literary history at that technical university. These were the means by which students could acquire a general humanistic education alongside their specialized studies. In this lecture on literary history—which, when it actually took place, was followed by exercises in public speaking and oral presentation, as Uhland, for example, still practiced—I always had to drag someone in, because the lecture would only be held if there were at least two people present. But the only way to keep it going was by dragging someone else in; in fact, it was almost always a different person each time. Furthermore, essentially the only other provision for what a person needs to navigate general life circumstances was through lectures on constitutional law and statistics. As I said, such things have improved; but what should serve as the driving force in our entire social life has not yet improved. But it will improve if we create the possibility—with regard to everything intended to cultivate general human understanding—that it is not presented in a way that is understandable only to those with a specific technical background, but rather in a way that is universally understandable. I have often been surprised that people have disparaged my anthroposophical lectures so much. For if people had focused on the positive, they could have said: Well, we don’t concern ourselves with the anthroposophical aspects of it, but everything he says regarding scientific matters—which are immensely praised when presented by mere natural scientists—is, in essence, sufficient. For you all know that these lectures have actually always been peppered with popular explanations of scientific knowledge in particular. But for many people, it is not a matter of accepting the positive aspects, but rather of disparaging what they did not want. Yet what they did not want was precisely what was suited—through the shaping of thought and the entire approach—to incorporate everything, for example, that is scientifically necessary for a broadly educational human knowledge, so that the craftsman could benefit from it just as much as the scholar; so that it was generally understandable as scientific knowledge. Look at the other worldview movements. Do you believe, for example, that people at monist gatherings can understand anything if they lack a foundation in the natural sciences? No, they’re just chattering along if they don’t have that foundation. What has been pursued here as anthroposophy is something capable of transforming natural knowledge—and historical knowledge as well—in such a way that it becomes understandable to everyone. Just think how understandable it can be to everyone—what I have always described historically as a great leap in the middle of the fifteenth century. I think that becomes clear to everyone. But that is the foundation without which one cannot understand the entire social movement of the present at all. That is why people do not understand it—because they do not know how humanity has developed since the middle of the fifteenth century. When one develops such ideas, people come along and explain: “Nature doesn’t make leaps; so you’re wrong to assume such a developmental leap in the fifteenth century.”—This nonsensical statement, “Nature doesn’t make leaps,” is passed down time and again. Nature is constantly making leaps: the leap from the green leaf to the differently shaped sepals, the leap from the sepals to the petals. The development of human life is the same. Anyone who teaches history not according to the nonsensical conventional historical lie, but according to what actually happened, knows that the entire, more subtle constitution of human beings in the middle of the fifteenth century had changed from what it had been before. And what is taking place today is the full expression of what has gripped humanity at its core since that time. If one wishes to understand what social movement is today, one must recognize such laws in historical development.

[ 31 ] Nun brauchen Sie sich nur zu erinnern an die Art, wie die Dinge hier getrieben werden, so werden Sie sich sagen: Dazu ist nicht nötig ein Spezialwissen, oder im alten Sinne ein gebildeter Mensch zu sein, um sie zu verstehen; es kann sie jeder verstehen. Das gerade wird das Erfordernis für die Zukunft sein, daß man nicht Philosophien, Weltanschauungen entwickelt, die nur derjenige verstehen kann, der eine bestimmte klassenmäßige Bildung durchgemacht hat. Nehmen Sie doch heute irgend etwas Philosophisches in die Hand, sagen wir von Eucken, von Paulsen oder irgend etwas, woraus Sie sich unterrichten wollen, oder eine jener Universitätspsychologien. Wenn Sie diese Schreckensbücher in die Hand nehmen, Sie werden sie bald wieder aus der Hand legen, denn diejenigen, die nicht fachmännisch dressiert sind von einer gewissen Seite her, verstehen ja nicht einmal die Sprache, die da drinnen angewendet wird. Das ist dasjenige, was aber nur als allgemein Bildendes zu erreichen ist, wenn wir gründlich umgestalten das ganze Erziehungs- und Unterrichtswesen in dem Sinne, wie ich es versuchte, heute anzudeuten.

[ 31 ] Now, if you just think about the way things are done here, you’ll tell yourself: You don’t need specialized knowledge—or, in the old sense, to be a “cultured” person—to understand them; anyone can understand them. That, precisely, will be the requirement for the future: that we not develop philosophies or worldviews that only those who have undergone a specific class-based education can understand. Just pick up any philosophical work today—say, by Eucken, Paulsen, or something else you’d like to learn from—or one of those university psychology textbooks. When you pick up these dreadful books, you’ll soon put them down again, because those who haven’t been professionally trained in a certain way don’t even understand the language used in them. However, this is something that can only be achieved as part of a general education if we thoroughly reform the entire system of education and instruction in the sense that I have attempted to suggest today.

[ 32 ] Sie sehen, auch für dieses Gebiet kann man sagen: Die große Abrechnung ist da, nicht eine kleine Abrechnung. Dasjenige, was kommen muß, das ist, daß im Unterrichten, im Erziehen soziale Triebe entwickelt werden, oder besser gesagt, soziale Instinkte, so daß der Mensch nicht am Menschen vorbeigeht. Dann werden sich die Menschen voll verstehen — heute gehen die Lehrer an den Schülern vorbei, und die Schüler am Lehrer —, so daß entwickelt wird ein lebensfähiges Verhältnis. Das kann aber nur geschehen, wenn man einmal einen Strich macht unter das Alte. Und er kann gemacht werden. Es ist das durchaus nicht unmöglich aus den Tatsachen heraus, sondern es wird nur zurückgewiesen aus den menschlichen Vorurteilen heraus. Die Menschen können sich gar nicht denken, daß einmal die Dinge auch anders gemacht werden können als bisher. Die Leute haben eine Riesenangst, daß sie verlieren könnten irgend etwas von dem Alten gerade auf dem Gebiete des Geisteslebens. Man glaubt gar nicht, was die Leute für eine heillose Angst davor haben. Natürlich, sie können ja auch die Dinge nicht übersehen. Sie können zum Beispiel nicht übersehen, was durch ein ökonomisches Unterrichten geleistet werden kann. Ich habe es oftmals gesagt: In drei bis vier Stunden — es müßte nur das richtige Lebensalter gewählt werden —, in drei bis vier Stunden kann man junge Leute vom Anfang der Geometrie, der geraden Linie und dem Winkel, führen bis zum — ehemals nannte man es Eselsbrücke — pythagoräischen Lehrsatz. Und Sie sollten sehen, was die Leute für eine Riesenfreude haben, wenn ihnen plötzlich der pythagoräische Lehrsatz als Folge von drei bis vier Stunden Unterricht aufgeht! Aber denken Sie doch einmal, was oft für Unfug getrieben wird im heutigen Unterricht, bevor die Leute an diesen Lehrsatz herankommen! Es handelt sich darum, daß wir ungeheuer viel geistige Arbeit verschwendet haben, und das zeigt sich dann im Leben, das strahlt aus auf das ganze Leben, und das strahlt hinein bis in die allerpraktischsten Gebiete des Lebens. Heute ist es notwendig, daß die Menschen sich entschließen, in diesen Dingen bis in die Fundamente hinein umzudenken. Anders kommen wir bloß weiter hinein in den Niedergang, niemals aber zum Aufstieg.

[ 32 ] You see, even in this area one can say: The great reckoning has come, not a small one. What must happen is that, in teaching and in education, social drives—or rather, social instincts—are developed, so that people do not pass each other by. Then people will truly understand one another—today, teachers pass right by their students, and students pass right by their teachers—so that a viable relationship can develop. But this can only happen if we draw a line under the old ways. And it can be done. It is by no means impossible based on the facts; rather, it is merely rejected because of human prejudices. People cannot even conceive that things might one day be done differently than they have been up to now. People have a tremendous fear that they might lose something of the old ways, especially in the realm of spiritual life. You wouldn’t believe what a hopeless fear people have of this. Of course, they are unable to see the bigger picture. For example, they cannot overlook what can be achieved through economics instruction. I have said it many times: In three to four hours—provided the right age is chosen—in three to four hours, one can guide young people from the basics of geometry—the straight line and the angle—all the way to the Pythagorean theorem—which used to be called a “mnemonic device.” And you should see the immense joy people feel when the Pythagorean theorem suddenly clicks for them after three to four hours of instruction! But just think about all the nonsense that often goes on in today’s classrooms before students even get to this theorem! The point is that we have wasted an enormous amount of mental effort, and this then manifests itself in life; it radiates out into one’s entire life and extends even into the most practical areas of life. Today, it is necessary for people to resolve to rethink these matters right down to their very foundations. Otherwise, we will only sink deeper into decline, but never rise again.

[ 33 ] Nun, über diese Dinge hoffe ich, in der nächsten Zeit wiederum zu Ihnen sprechen zu können.

[ 33 ] Well, I hope to be able to speak with you again about these matters in the near future.