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Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192

1 May 1919, Stuttgart

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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen

Dritter Vortrag

Third Lecture

[ 1 ] Das letztemal, als wir uns hier trafen, konnte ich Ihnen sprechen von inneren Gründen für den Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus. Ich habe die Betrachtungen so weit führen können, daß wir aufmerksam wurden darauf, in welchem Sinne wir in der Gegenwart in einer gewissen Weise in einer Übergangszeit leben. Sie werden ja diese Bemerkung nicht mißverstehen, da ich oftmals gesagt habe: Wenn ich hier von einer Übergangszeit rede, so soll nicht jene Trivialität gemeint sein, die man oftmals im Auge hat, wenn gesagt wird, man lebe in einer Übergangszeit. Denn schließlich ist jede Zeit, so sagte ich oftmals, eine Übergangszeit, nämlich von der vorhergehenden zu der nachfolgenden. Es kommt darauf an, auf dasjenige gerade das Augenmerk zu richten, was übergeht. Und dafür gibt es allerdings bedeutungsvolle und weniger bedeutungsvolle Augenblicke in der großen weltgeschichtlichen Entwickelung der Menschheit. Und es ist für die Betrachtung des Geisteslebens in jenen Tiefen, in denen es der menschlichen Beobachtung zugänglich ist, klar, daß gerade mit Bezug auf wichtigste, allerwichtigste Impulse der Menschheitsentwickelung in unserer Zeit gewissermaßen unter der Schwelle der äußeren Vorgänge Maßgebendes vorgeht. Ich habe Sie letztes Mal schon darauf aufmerksam gemacht, wie man hineinsehen muß in dasjenige, was man oftmals das Unbewußte oder Unterbewußte der menschlichen Natur, der menschlichen Wesenheit nennt, um zu erkennen, was heute gerade für die Menschheit in einem wesentlichen, in einem wichtigen Sinn in einem Übergang begriffen ist. Nicht das eigentlich sagt uns über die Entwickelung der ganzen Menschheit viel, was wir heute in unserem Bewußtsein haben, obwohl wir im Zeitalter der Bewußtseinsseelenentwickelung gerade leben, obwohl es für den einzelnen Menschen in diesem Zeitalter gerade weltgeschichtlich gesetzmäßig ist, daß er seine Bewußtseinsseele entwickelt. Es ist für die ganze Menschheit, zum Unterschied von einzelnen Menschen, dieses Zeitalter so, daß eben die ganze Menschheit mit Bezug auf die inneren Seelen- und Geisteskräfte durch eine Epoche durchgeht, die die Entwickelung mehr im Unterbewußten sich vollziehen läßt. Im Unterbewußten müssen wir für die ganze Menschheit die wesentlichsten Übergangskräfte finden, wie wir für den einzelnen Menschen heute in diesem Zeitalter die wichtigsten Kräfte finden müssen gerade in der Aneignung des vollen Bewußtseins. Für den einzelnen Menschen geht das instinktive, das mehr naive Erleben der Seele immer mehr und mehr in ein bewußtes Erleben der Seele über; für die ganze Menschheit aber vollzieht sich unbewußt ein Wichtiges, ohne daß der einzelne oftmals auf dieses Wichtige hinschaut, wenn er nicht gerade geisteswissenschaftliche Vertiefung anstrebt.

[ 1 ] The last time we met here, I was able to speak to you about the inner reasons behind the idea of the threefold social order. I was able to take these reflections far enough that we became aware of the sense in which we are, in a certain way, living in a transitional period at the present time. You will not misunderstand this remark, since I have often said: When I speak here of a transitional period, I do not mean that triviality which people often have in mind when they say they are living in a transitional period. For, after all, as I have often said, every era is a transitional period—namely, from the preceding one to the following one. What matters is to focus our attention precisely on that which is in transition. And in this regard, there are indeed moments of greater and lesser significance in the great course of world history. And when considering spiritual life at the depths to which it is accessible to human observation, it is clear that, particularly with regard to the most important—indeed, the most crucial—impulses of human development, decisive events are taking place in our time, so to speak, beneath the surface of external events. I already drew your attention to this last time: one must look into what is often called the unconscious or subconscious of human nature, of the human being, in order to recognize what humanity is currently undergoing in a transition—in an essential and important sense. What we currently hold in our consciousness does not, in and of itself, tell us much about the development of humanity as a whole—even though we are living precisely in the age of the development of the consciousness-soul, and even though it is a law of world history for the individual human being in this age to develop his or her consciousness-soul. For humanity as a whole—in contrast to individual human beings—this age is such that humanity as a whole, with regard to its inner soul and spiritual powers, is passing through an epoch in which development takes place more in the subconscious. In the subconscious, we must find the most essential transitional forces for all of humanity, just as we must find the most important forces for the individual human being today, in this age, precisely in the acquisition of full consciousness. For the individual, the instinctive, more naive experience of the soul is increasingly giving way to a conscious experience of the soul; for humanity as a whole, however, something significant is taking place unconsciously, without the individual often paying attention to this significance, unless he or she is specifically seeking to deepen their understanding through spiritual science.

[ 2 ] Und dieses Wichtige, dieses Wesentlichste, es ist gar nicht so leicht zu beschreiben. Denn unsere Sprache ist ja im Grunde genommen gemacht für die seelische Wiedergabe der äußeren sinnlichen Wirklichkeit. Diese Sprache macht es uns schwer, ganz präzise, namentlich hinreichend zu schildern, was nicht der sinnlichen Wirklichkeit angehört, was dem übersinnlichen Dasein angehört. Man muß sich da oftmals helfen durch Vergleiche, aber nicht durch abstrakte Vergleiche, sondern durch solche Vergleiche, wie Sie sie gut aus der Geisteswissenschaft her kennen, die immer eine Lebenserscheinung mit der anderen zusammenstellt, damit die eine Lebenserscheinung die andere erörtere. Wenn dann solche Vergleiche gebildet werden, dann muß man sich klar sein, daß nur ein bewegliches Denken, ein Denken, das die Begriffe, die Worte nicht preßt, auf den genauen Sinn des Darzustellenden wirklich kommt. Ich muß nämlich vergleichen, wenn ich das Wichtigste, was in der gesamten Menschheit in der weltgeschichtlichen Gegenwart vor sich geht, charakterisieren will — ich habe das schon neulich angedeutet —, ich muß vergleichen die heutigen Untergründe der geschichtlichen Vorgänge mit der Erfahrung, welche der einzelne Mensch nur dann bewußt durchmachen kann, wenn er, wie man sagt, die Schwelle in die übersinnliche Welt überschreitet. Sie wissen ja alle aus der Darstellung, die ich über dieses individuelle Erlebnis des Menschen gegeben habe in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», daß es ein tief in die Menschenwesenheit eingreifendes Ereignis ist, wenn der Mensch jene Schwelle überschreitet, diesseits welcher für das Bewußtsein des Menschen die sinnliche Welt und jenseits welcher die übersinnliche Welt ist. Es wird ja wahrhaftig alles jenseits dieser Schwelle zur übersinnlichen Welt anders, als hier in der sinnlichen Welt die Dinge liegen. Und der Mensch macht da etwas durch — Sie wissen es ja —, was von denjenigen, die es namentlich im Stile älterer Zeitalter durchgemacht haben, mit dem bedeutungsvollen Worte «das Überschreiten der Pforte des Todes» bezeichnet worden ist. Den Tod in seiner Wesenheit muß eben derjenige kennenlernen, der diese Schwelle wirklich überschreiten will. Den Tod in seiner Bedeutung für das gesamte Leben des Menschen muß er erkennen.

[ 2 ] And this important thing, this most essential thing—it’s not at all easy to describe. For our language is, after all, fundamentally designed for the psychological representation of external sensory reality. This language makes it difficult for us to describe with complete precision—that is, sufficiently—what does not belong to sensory reality, what belongs to the supersensory realm. One often has to resort to comparisons here, but not abstract comparisons—rather, the kind of comparisons you are well acquainted with from spiritual science, which always juxtaposes one phenomenon of life with another so that one phenomenon of life may elucidate the other. When such comparisons are made, one must be clear that only flexible thinking—thinking that does not force concepts and words into a rigid mold—can truly capture the precise meaning of what is to be described. For I must make comparisons if I am to characterize the most important thing taking place within all of humanity in the present moment of world history—as I hinted at recently—I must compare the underlying currents of today’s historical events with the experience that the individual human being can consciously undergo only when he, as one says, crosses the threshold into the supersensible world. You all know from the description I gave of this individual human experience in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?* that it is an event that profoundly affects the human being when a person crosses that threshold, on this side of which lies the sensory world for human consciousness and beyond which lies the supersensible world. Indeed, everything beyond this threshold into the supersensible world is different from how things are here in the sensory world. And the human being undergoes something there—as you know—that has been described by those who experienced it, particularly in the style of earlier ages, with the meaningful phrase “crossing the threshold of death.” One must come to know death in its very essence if one truly wishes to cross this threshold. One must recognize death in its significance for the entirety of human life.

[ 3 ] Nun wissen Sie aus der Darstellung, die ich diesem Ereignis der Überschreitung der Schwelle in die übersinnliche Welt in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gegeben habe, daß bei diesem Überschreiten die ganze seelische Wesenheit des Menschen eine Umänderung erfährt, allerdings natürlich nur für diejenigen Zeiten, in denen man da bewußt in der übersinnlichen Welt verweilt. Mit der Seelenverfassung, die man hier in der sinnlichen Welt hat, die für das Leben, für das Wirken, für das Handeln in dieser sinnlichen Welt angemessen ist, mit dieser Seelenverfassung läßt sich gar nicht hineinkommen in die übersinnliche Welt. Hier in der sinnlichen Welt sind die Seelenkräfte Denken, Fühlen und Wollen in einem unzertrennlichen Zusammenhang, so daß wir in unserem Sinnesleben gar nicht dazu kommen, diese Seelenkräfte getrennt zu empfinden, zu erleben. Jemand, der nicht zugleich in der Seele ein gewisses Maß von Wollen, wenn auch in innerem latentem Zustande, entwickeln würde, während er denkt, der wäre seelisch eigentlich nicht gesund. Wir sind gar nicht in unserem sinnlichen Leben imstande, diese drei Seelenkräfte voneinander zu trennen, so daß wir mit der Seele eigentlich niemals ein reines, bloßes Denken entwickeln, nie ein bloßes reines Fühlen, nie ein bloßes reines Wollen. Immer sind in unserem Vorstellen Empfinden, Handeln und Wollen, diese drei Seelenkräfte doch miteinander vermischt, miteinander vermengt. Überschreiten wir die Pforte in die übersinnliche Welt, das heißt, bringen wir unsere Seele dahin, daß wir wirklich, so wie wir sonst hier in der Welt von Sinnesdingen, von Sinnesgeschehnissen umgeben sind, jetzt umgeben sind von übersinnlichen Wesenheiten, von übersinnlichen Taten dieser Wesenheiten, dann muß in unserer Seele eine reinliche Trennung eintreten zwischen Denken, Fühlen und Wollen. Der Mensch muß dann, wie Sie ja aus den Darstellungen in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» entnehmen können, so geschult sein, daß er die innere Kraft entwickeln kann, mit seinem Ich diese drei Elemente des Seelenlebens zusammenzuhalten: Denken, Fühlen und Wollen; sonst würde er sich zerspalten in drei Persönlichkeiten.

[ 3 ] Now, as you know from the description I gave in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* of this event—the crossing of the threshold into the supersensible world—the entire soul being of the human being undergoes a transformation during this crossing, though of course only for the periods during which one consciously dwells in the supersensible world. With the state of soul one has here in the sensory world—which is appropriate for life, for activity, and for action in this sensory world—it is simply not possible to enter the supersensory world. Here in the sensory world, the soul forces of thinking, feeling, and willing are inseparably interconnected, so that in our sensory life we never actually come to perceive or experience these soul forces separately. Someone who did not simultaneously develop a certain degree of willing in the soul—even if in an inner, latent state—while thinking would not actually be mentally healthy. In our sensory life, we are not at all capable of separating these three soul forces from one another, so that we never actually develop with our soul a pure, mere thinking, never a mere pure feeling, never a mere pure willing. In our imagination, feeling, acting, and willing—these three soul forces—are always intermingled and blended together. When we cross the threshold into the supersensible world—that is, when we bring our soul to a state where, just as we are otherwise surrounded here in the world by sensory objects and sensory events, we are now surrounded by supersensible beings and by the supersensible actions of these beings—then a clear separation must take place within our soul between thinking, feeling, and willing. As you can see from the descriptions in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds*, a person must then be trained in such a way that they can develop the inner strength to hold these three elements of soul life—thinking, feeling, and willing—together with their “I”; otherwise, they would split into three personalities.

[ 4 ] Ja, das ist das bedeutsame innere Aktivitätserlebnis, das wir haben müssen nach dem Überschreiten der Schwelle: dieses Sich-Hineinfinden in höchste Aktivität des Ich, in höchste Betätigung des Ich, um die getrennten Seelenkräfte, Denken, Fühlen und Wollen, zusammenzuhalten. Das ist auch zunächst die Furcht, die der heutige schwachmütige Mensch hat: die Furcht vor wirklich übersinnlichen Erkenntnissen, diese Furcht vor innerer Seelenbetätigung höchsten Stiles. Der Mensch möchte heute eigentlich alle seine Betätigung so verlaufen lassen, daß sie von der Außenwelt hervorgerufen wird und in der Außenwelt erfolgt. Innere Aktivität liegt dem heutigen Menschen noch nicht, muß sich aber gerade für den heutigen Menschen immer mehr und mehr gegen die Zukunft hin entwickeln. Aber weil diese Entwickelung erst eine Aufgabe ist, nicht eigentlich schon vorhanden ist, deshalb hat der Mensch die Scheu, die Furcht, in die übersinnliche Welt einzutreten. Unbewußt fürchtet er sich — wenn ich diesen Ausdruck formulieren darf — vor dieser Kraftanstrengung, die drei Seelenfähigkeiten, die sich da trennen, zusammenzuhalten. Ich schildere dieses innere individuelle Erlebnis hier, um Ihnen charakterisieren zu können — sonst würde man es gar nicht charakterisieren können —, was im Inneren des seelischen Erlebens — und Sie wissen, wir dürfen von einem solchen reden —, was im Inneren des seelischen Erlebens der gesamten Menschheit im jetzigen Zeitalter vorgeht. Das, was ich eben geschildert habe als individuelles Erlebnis beim Überschreiten der Schwelle in die übersinnliche Welt, das ist natürlich für den, der diese Schwelle überschreitet, ein vollbewußtes Ereignis, viel bewußter als irgendwelche bewußten Erlebnisse des gewöhnlichen wachen Tagesbewußtseins. Ein gesteigertes Bewußtsein ist es, in dem man die Schwelle überschreitet und in dem man die innere Dreigliederung der menschlichen Seelenwesenheit in der übersinnlichen Welt wahrnimmt.

[ 4 ] Yes, this is the significant inner experience of activity that we must have after crossing the threshold: this finding our way into the highest activity of the “I,” into the highest exercise of the “I,” in order to hold together the separate soul forces—thinking, feeling, and willing. This is also, at first, the fear that today’s faint-hearted human being has: the fear of truly supersensible insights, this fear of inner soul activity of the highest order. Today, human beings would actually like to let all their activity proceed in such a way that it is brought about by the external world and takes place in the external world. Inner activity is not yet second nature to people today, but it must develop more and more for them as they look toward the future. But because this development is still a task—and not yet actually present—people feel a reluctance, a fear, to enter the supersensible world. Unconsciously, they fear—if I may use this expression—the effort required to hold together the three soul faculties that are separating there. I am describing this inner, individual experience here in order to be able to characterize for you—otherwise it would be impossible to characterize at all—what is taking place within the inner life of the soul—and you know we may speak of such a thing—what is taking place within the inner life of the soul of all humanity in the present age. What I have just described as an individual experience upon crossing the threshold into the supersensible world is, of course, for the one who crosses this threshold, a fully conscious event—far more conscious than any conscious experiences of ordinary waking daytime consciousness. It is a heightened state of consciousness in which one crosses the threshold and perceives the inner threefold structure of the human soul in the supersensible world.

[ 5 ] Etwas Ähnliches, aber jetzt naturgemäß von selbst, nicht bewußt, macht im heutigen Zeitalter als ein kosmisches geschichtliches Ereignis die ganze Menschheit durch. Man merkt es nicht, wenn man nicht den unbewußten Vorgang, der sich für die ganze Menschheit abspielt, geisteswissenschaftlich bewußt studiert. Sie wissen, unser Zeitalter ist das fünfte nach der großen atlantischen Katastrophe, durch die ja erst die gegenwärtige Konfiguration unserer Erdoberfläche entstanden ist. Die fünfte nachatlantische Periode ist es, in der wir leben, und in dieser Periode muß in ihrer Gesamtentwickelung die Menschheit durchgehen durch etwas Ähnliches, wie es die Schwelle ist für den einzelnen individuellen Menschen beim Hineinschreiten in die übersinnliche Welt. Die Menschheit als Ganzes, sagte ich, in ihrer kosmischen, oder wir können auch sagen meinetwillen terrestrischen Geschichtsentwickelung, sie schreitet über die Schwelle, diesseits welcher, das heißt in der vorhergehenden Zeit, eine ganz andere Art von Weltanschauung, von Erkenntnis für die Gesamtmenschheit notwendig war, als jenseits der Schwelle, das heißt nachher.

[ 5 ] Something similar—though now, naturally, occurring spontaneously rather than consciously—is unfolding for all of humanity in our present age as a cosmic-historical event. One does not notice it unless one consciously studies this unconscious process, which is taking place for all of humanity, from the perspective of spiritual science. As you know, our age is the fifth following the great Atlantean catastrophe, which, after all, gave rise to the present configuration of our Earth’s surface. It is the fifth post-Atlantean period in which we live, and during this period, humanity must, in its overall development, pass through something similar to the threshold that each individual human being encounters when stepping into the supersensible world. Humanity as a whole, I said, in its cosmic—or, if you will, terrestrial—historical development, is crossing the threshold; on this side of which—that is, in the preceding era—a completely different kind of worldview and understanding was necessary for humanity as a whole than on the other side of the threshold, that is, thereafter.

[ 6 ] Das ist es, was im Unbewußten der ganzen Menschheit sich heute abspielt, was man bloßlegen muß durch die Geisteswissenschaft, was aber auch beweist, wie notwendig dieser heutigen Menschheit die Geisteswissenschaft ist. Denn dieses Überschreiten der Schwelle darf eigentlich nicht im Unbewußten bleiben. Dieses Überschreiten der Schwelle muß den Menschen bekannt werden, sonst verschlafen oder mindestens verträumen die Menschen dasjenige, was eigentlich als wichtigstes Ereignis mit ihnen vorgeht. Und wir sollen ja gerade in dieser fünften nachatlantischen Epoche das Bewußtsein ausbilden. Wir können mit Bezug auf das Wichtigste, was mit der Menschheit vorgeht, nicht das Bewußtsein anders ausbilden, als dutch Aufsteigen von der bloßen Sinneswissenschaft zur Geisteswissenschaft.

[ 6 ] This is what is taking place today in the unconscious of all humanity—something that must be brought to light through spiritual science, but which also proves just how necessary spiritual science is for humanity today. For this crossing of the threshold must not, in fact, remain in the unconscious. People must become aware of this crossing of the threshold; otherwise, they will sleep through—or at the very least, dream away—what is actually happening to them as the most important event. And it is precisely in this fifth post-Atlantean epoch that we are to develop consciousness. With regard to the most important thing happening to humanity, we cannot develop consciousness in any other way than by ascending from mere sensory science to spiritual science.

[ 7 ] Wenn Sie dies bedenken, dann wird Ihnen vielleicht ins Gedächtnis kommen, was immer wiederum gesagt worden ist im Laufe der jetzt ja schon seit so langer Zeit auch hier in Stuttgart aus dem Gebiete der Geisteswissenschaft heraus gehaltenen Vorträge. Sehen Sie, immer wiederum mußte ich betonen: Geisteswissenschaft — so wie sie hier gemeint ist — ist nicht bloß etwas, was gewissermaßen subjektive Erkenntnisbedürfnisse des Einzelnen befriedigen soll. Geisteswissenschaft ist etwas, was mit dem Erfassen, dem denkenden, fühlenden, wollenden Erfassen des Grundimpulses der Menschheit in unserer Zeit zusammenhängt. So daß die Beschäftigung mit Geisteswissenschaft eben nicht sein sollte eine bloße Befriedigung von Neugierde oder Wißbegierde des Einzelnen. Sondern Geisteswissenschaft soll sein die Erfüllung einer gewissen Pflicht, die man hat mit Bezug auf die ganze Menschheit, die erkennen soll in der Gegenwart, was in ihren Tiefen, in den Tiefen ihrer Entwickelung gerade in dieser Epoche vorgeht.

[ 7 ] If you consider this, you may recall what has been said time and again in the course of the lectures on spiritual science that have been held here in Stuttgart for such a long time now. You see, time and again I have had to emphasize: spiritual science—as it is understood here—is not merely something intended to satisfy, so to speak, the individual’s subjective need for knowledge. Spiritual science is something connected with grasping—through thinking, feeling, and willing—the fundamental impulse of humanity in our time. Thus, engagement with spiritual science should not be merely a satisfaction of the individual’s curiosity or thirst for knowledge. Rather, spiritual science should be the fulfillment of a certain duty one has toward all of humanity, which must recognize in the present what is taking place in its depths—in the depths of its development—precisely in this epoch.

[ 8 ] Nun, ich habe Ihnen, als ich neulich vor Ihnen sprechen durfte, ja gesagt, wie einzelne Menschen, die eine gewisse äußere, durch die gegenwärtige wissenschaftliche Schulung ausgebildete Klugheit haben, an bestimmten Erscheinungen merken, was wir heute als Menschheit in einer solchen Epoche erleben, der irgend etwas Unbestimmtes in den menschlichen Tiefen entspricht. Ich habe Ihnen angeführt, wie solche Leute, wie zum Beispiel Frifz Mauthner, davon sprechen, daß der Mensch zunächst seine sinnliche Anschauung haben könne, daß aber eigentlich dies die einzige wahre Wirklichkeit sei, von der der Mensch sprechen könne. Aber diese Wirklichkeit, die er höchstens in der Kunst, im Schönen, im Erhabenen gestaltet, diese Wirklichkeit läßt ihn nicht zur Befriedigung kommen. Er will tiefer in das Wesen der Dinge eindringen. Versucht er dies, versucht er durch sein Inneres in das Wesen der Dinge einzudringen, so kommt er nicht zu einem wirklichen Verbundensein mit der wahren Wesenheit der Welt, so sagt Mauthner, sondern nur zu einem Träumen, wenn auch zu einem solchen Träumen, das sich wohl fühlt, weil es sich verbunden ahnt mit den Zentralkräften der Welt, das aber doch eben nur träumend wissen kann in der Mystik. Diese Mystik ist dann die zweite Stufe menschlichen inneren Seelenstrebens für solche Leute. Allein, sie behaupten, und sie haben von ihrem Gesichtspunkte aus recht, weil sie eine übersinnliche Erkenntnis ablehnen: Mystik ist TraumErkennen. Und als dritte Stufe läßt Fritz Mauthner gelten ein Wissen, das man anstrebt, indem man sich aneignet Naturgesetze, die die Welt beherrschen, historische Gesetze oder sonstige. Allein, das alles bezeichnet er im Grunde genommen als Docta ignorantia aus dem Grunde, weil, indem wir glauben, durch Wissenschaft etwas zu erkennen, wir nicht bloß träumen wie in der Mystik, sondern schlafen, schlafen mit Bezug auf dasjenige, was Verbindung wäre mit den eigentlichen Zentralkräften der Welt. So meinen solche Leute wie Fritz Mauthner: Der Mensch kann höchstens wachend sinnlich wahrnehmen und die sinnlichen Wahrnehmungen durch Kunst veredeln. Der Mensch muß träumen, wenn er versucht, sich religiös oder mystisch durch sein Inneres mit der wahren Wirklichkeit zu verbinden. Und der Mensch muß schlafen, wenn er glaubt, durch Wissenschaft, durch Weisheit irgendwie sich mit den Dingen zu verbinden.

[ 8 ] Well, when I had the opportunity to speak before you the other day, I did tell you how certain individuals—who possess a certain outward intelligence shaped by contemporary scientific training—recognize in specific phenomena that what we as humanity are experiencing today in such an epoch corresponds to something indefinable in the depths of the human soul. I have cited for you how such people—such as Fritz Mauthner, for example—speak of the fact that human beings may initially have their sensory perception, but that this is actually the only true reality of which human beings can speak. But this reality, which he can at most give form to in art, in the beautiful, and in the sublime, does not bring him satisfaction. He wants to penetrate deeper into the essence of things. If they attempt this—if they try to penetrate the essence of things through their inner being—they do not achieve a true connection with the true essence of the world, as Mauthner says, but only a state of dreaming, albeit a kind of dreaming that feels good because it senses a connection with the central forces of the world, yet can only know this through mysticism in a dreamlike state. This mysticism is then the second stage of human inner spiritual striving for such people. However, they claim—and from their point of view they are right, because they reject supersensory knowledge—that mysticism is “dream-knowledge.” And as a third stage, Fritz Mauthner identifies a form of knowledge that one strives for by mastering the natural laws that govern the world, historical laws, or others. However, he essentially describes all of this as *docta ignorantia* for the reason that, in believing we gain insight through science, we are not merely dreaming as in mysticism, but sleeping—sleeping with regard to what would be a connection to the world’s actual central forces. Thus, people like Fritz Mauthner believe: At most, human beings can perceive sensually while awake and refine these sensory perceptions through art. Human beings must dream when they attempt to connect with true reality religiously or mystically through their inner selves. And human beings must sleep when they believe they can somehow connect with things through science or wisdom.

[ 9 ] Nun, absolut gesprochen, ist so etwas eine Torheit. Relativ gesprochen, für die besondere Seelenverfassung der Menschheit, die sich entwickelt hat durch das neunzehnte Jahrhundert hindurch und in das zwanzigste Jahrhundert herein, ganz besonders für diese Menschheit gesprochen, nicht im allgemeinen gesprochen, ist es eine Wahrheit. Mit den Mitteln, die die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse groß gemacht haben, mit den Mitteln, durch die wir in einen solchen Schiffbruch hineingekommen sind mit Bezug auf die soziale Ordnung der Menschheit, mit diesen Mitteln ist nur seelisch so zu leben, dreistufig, wie Fritz Mauthner es schildert: in der Sinnlichkeit wachend, in der Mystik träumend, in der Wissenschaft schlafend. Den Durchgang durch die Schwelle der gesamten Menschheit findet solch ein Mensch wie Fritz Mauthner. Wer solche Werke gelesen hat, wie «Die Kritik der Sprache» von Fritz Mauthner, in der Mauthner Kant zu überkanten trachtet, wo er nicht nur Begriffe, sondern die Sprache selbst kritisiert, und wer namentlich das «Philosophische Wörterbuch», das dicke, zweibändige von Fritz Mauthner wenigstens in bezug auf den einen oder anderen Artikel gelesen hat — es ist ja alphabetisch angeordnet —, der weiß, in welche Seelenverfassung er gerade durch diese Werke von Fritz Mauthner kommt.

[ 9 ] Well, in absolute terms, something like that is folly. Relatively speaking, however—considering the particular state of mind of humanity that developed throughout the nineteenth century and into the twentieth, speaking specifically of this humanity and not in general terms—it is a truth. With the very means that have made scientific knowledge great—the means through which we have found ourselves in such a state of shipwreck with regard to the social order of humanity—with these very means, one can only live spiritually in the three-stage manner described by Fritz Mauthner: awake in sensuality, dreaming in mysticism, and sleeping in science. A person like Fritz Mauthner finds his way across the threshold of all humanity. Anyone who has read works such as Fritz Mauthner’s *The Critique of Language*, in which Mauthner seeks to go beyond Kant, where he critiques not only concepts but language itself, and anyone who has read, in particular, Fritz Mauthner’s *Philosophical Dictionary*—that thick, two-volume work—at least with regard to one or two entries (it is, after all, arranged alphabetically)—knows the state of mind into which one is led precisely by these works of Fritz Mauthner.

[ 10 ] Ich rate Ihnen da ganz besonders — in diesem Falle werden Sie mir vielleicht nur von der einen Seite her für meinen Rat dankbar sein —, ich rate Ihnen, den Artikel «Christentum» zum Beispiel in diesem Wörterbuch der Philosophie zu lesen, oder den Artikel «Res publica», oder den Artikel «Goethes Weisheit», oder den Artikel « Unsterblichkeit». Sie werden überall das Gefühl haben: Jetzt lesen Sie einen Satz. Im zweiten Satz wird das, was man gelesen hat, abgeschwächt. Im dritten wird das Abgeschwächte wieder abgeschwächt. Im vierten das erste zurückgenommen. Im fünften Satz dann das Ganze zurückgenommen mit allen Behauptungen und Abschwächungen. Dann kommen Sie in eine Drehung Ihres ganzen Verstandes- und Gemüts und Seelensystems hinein, und es ist etwas Furchtbares, was man nach solcher Lektüre empfindet. Es ist eine furchtbare innere Seelenqual. Und Sie werden, indem Sie diese innere Seelenqual schildern, die ein Mensch empfindet beim Lesen, der nur die letzte Konsequenz der gegenwärtigen Seelenverfassung zu ziehen den Mut hat — im Gegensatz zu vielen, die eben diesen Mut nicht haben —, Sie werden mit einer Kritik, die Sie so aussprechen, wie ich sie jetzt ausgesprochen habe, nicht etwa Fritz Mauthner verletzen, indem Sie sie ihm selber entgegenhalten, denn er gesteht zu, er hat selber die gleiche Seelenverfassung, wenn er diesen Artikel niederschreibt. Denn er sagt: Man kann mit menschlicher Erkenntnis überhaupt zu nichts anderem kommen als zu einer Art von Geistestanz, in dem man sich nicht ausfindet. Fritz Mauthner verwechselt die im neunzehnten Jahrhundert und im beginnenden zwanzigsten Jahrhundert notwendig gewordene Haltlosigkeit des Erkennens mit einer vermeintlichen absoluten Haltlosigkeit des Erkennens beim Menschen. Was liegt aber in Wirklichkeit vor? Etwas ganz anderes, als Mauthner glaubt.

[ 10 ] I would especially advise you—in this case, you may be grateful for my advice from only one perspective— I advise you to read the entry “Christianity,” for example, in this dictionary of philosophy, or the entry “Res publica,” or the entry “Goethe’s Wisdom,” or the entry “Immortality.” In each case, you will have the feeling: Now you are reading a sentence. In the second sentence, what you have read is qualified. In the third, what has been qualified is further qualified. In the fourth, the first statement is retracted. In the fifth sentence, the whole thing is retracted, along with all the assertions and qualifications. Then you enter into a whirlwind of your entire system of intellect, emotions, and soul, and what one feels after such reading is something terrible. It is a terrible inner torment of the soul. And by describing this inner torment of the soul—which a person feels while reading, a person who has the courage to draw only the ultimate consequence of their present state of mind—in contrast to many who simply lack this courage— you will not, by voicing a criticism such as the one I have just expressed, hurt Fritz Mauthner by holding it against him personally, for he admits that he himself is in the same state of mind when he writes this article. For he says: With human knowledge, one can arrive at nothing other than a kind of mental dance in which one cannot find one’s way. Fritz Mauthner confuses the instability of cognition—which became inevitable in the nineteenth century and at the beginning of the twentieth century—with a supposed absolute instability of human cognition. But what is the reality? Something entirely different from what Mauthner believes.

[ 11 ] In älteren Zeiten hat der Mensch, wie Sie wissen, im atlantischen Hellsehen nicht mystisch geträumt, sondern mystisch erkennend sich mit einer Wirklichkeit verbunden. Er hat auch nicht bloß in Weisheit geschlafen. Wir erkennen noch in den Resten ältester Weisheit, wie bei Plato, wie sie Großes der Menschheit zu sagen wußten. Bei Aristoteles hört es schon auf. Die Menschheit hat nicht nur eine Docta ignorantia gehabt, sondern sie hat eine Weisheit gehabt, durch die sie sich verbunden hat mit den Zentralkräften der Welt, die zugleich die Zentralkräfte des menschlichen Wesens selber sind. Aber diese Fähigkeiten fluteten ab. Sie mußten abfluten, damit der Mensch in sich selber die starken Kräfte suchte, das, was ihm früher von außen durch geistige Wesen ohne sein Zutun gegeben war, durch sein Inneres zu suchen. Heute gehen wir über die Schwelle als ganze Menschheit. Beim Übergang über die Schwelle müssen wir entwickeln die Kräfte aus unserem Innern heraus, die Mystik, die sonst durch unsere Natur in uns schläft, zum Wachen zu bringen, das Träumen der Mystik durch unsere eigene Kraft zu einem Erleben im Geistigen aufzurufen, und ebenso dasjenige, was sonst tote, abstrakte Wissenschaft ist, durch innere Aktivität, durch innere Kraft zum wirklichen Erleben des übersinnlich Geistigen aufzurufen. Heute ist das in unsere Kraft gegeben. Daher müssen wir durch ein solches Studium durchgehen, und daher können Menschen, die nicht zur Geisteswissenschaft kommen wollen, wie Fritz Mauthner, nur dasjenige empfinden, was wie eine notwendige Tragik eben zum Hervorrufen der inneren Kräfte dem Menschen notwendig war. Deshalb müssen Menschen wie Mauthner, die solches empfinden, solches erleben, und nicht zur Geisteswissenschaft kommen wollen, eigentlich verzweifeln an der Möglichkeit, sich für irgend etwas im Leben erkennend zu verbinden mit den Zentralkräften des Daseins, die zu gleicher Zeit die Zentralkräfte der menschlichen Wesenheit selber sind.

[ 11 ] In earlier times, as you know, people engaged in Atlantic clairvoyance did not merely dream mystically, but connected with a reality through mystical insight. Nor were they merely “asleep in wisdom.” We can still see in the remnants of the oldest wisdom—as in Plato—how they knew how to speak great truths to humanity. With Aristotle, it already comes to an end. Humanity did not merely possess a *docta ignorantia*; rather, it possessed a wisdom through which it connected with the central forces of the world, which are at the same time the central forces of the human being itself. But these abilities ebbed away. They had to ebb away so that human beings would seek within themselves the powerful forces—that which had previously been given to them from without by spiritual beings without their own doing—and seek it through their inner being. Today we are crossing the threshold as the whole of humanity. As we cross the threshold, we must develop the forces from within ourselves to awaken the mysticism that otherwise lies dormant within us by nature; to summon the dream of mysticism through our own power into a spiritual experience; and likewise to transform what is otherwise dead, abstract science into a real experience of the supersensible spiritual realm through inner activity and inner strength. Today, this is within our power. Therefore, we must undergo such a course of study, and therefore people who do not wish to come to spiritual science, such as Fritz Mauthner, can only perceive what was necessary for humanity—like a necessary tragedy—to evoke these inner forces. That is why people like Mauthner, who feel and experience such things yet do not wish to turn to spiritual science, must in fact despair of the possibility of connecting, through true understanding, with the central forces of existence—which are at the same time the central forces of the human being itself—in any way in life.

[ 12 ] Wenn Sie das gründlich überdenken, was ich eben gesagt habe, müssen Sie sich da nicht sagen: Der Mensch ist gegenwärtig durch das unbewußte Überschreiten der Schwelle vor eine starke Prüfung in der Menschheitsentwickelung gestellt? Ja, das ist er. Denn wenn er Aktivität der Seele, starke Betätigung der Seele nicht entwickeln will, so ist er dazu verurteilt, in Untätigkeit, in Inaktivität, und dadurch in Unglauben gegenüber dem Dasein zu verfallen, wenigstens in eine Art von Unsicherheit zu verfallen, wenn es sich darum handelt, mit seinem Innern sich hineinzustellen in das ganze Getriebe der Weltentwickelung. So ist ungefähr die Seelenverfassung eines solchen repräsentativen, typischen Menschen wie Fritz Mauthner. Es gibt viele solche in der Gegenwart, nur ist er innerlich tapfer genug gewesen, das in vielen Schriften zu gestehen, während andere in der gleichen Seelenverfassung sind und es nicht gestehen. Er hat auch die Resignation gehabt, sich zuletzt in einer Südecke Bayerns zurückzuziehen, nachdem er sein Leben lang Journalist gewesen war zum Brotverdienen. Und da hat er die «Kritik der Sprache», sein Buch herber Verzweiflung an menschlichem Erkennen, ausgedacht, hat dann dort sein «Philosophisches Wörterbuch» geschrieben. Er hat sich zurückgezogen, er schreibt noch mancherlei Artikel, die wahrhaftig nicht mehr als seine Bücher geeignet sind, in ein positives, tatkräftiges Sich-Hineinstellen des Menschen in die Gesamtentwickelung hineinzuführen. Es ist bei ihm immer eine Art Zweifel an der Möglichkeit, in das Dasein richtig einzugreifen, weil man ja im Grunde genommen das Dasein nicht erkennend erfassen kann. Mauthner hat die Konsequenz gezogen, sich zurückzuziehen in einen für ihn gleichgültigen Beruf, dem Journalismus sich hingegeben, bei dem man schon Skeptiker, am Leben Zweifelnder, sein kann. Aber es gibt auch Schüler von Fritz Mauthner, die haben diese Resignation nicht gehabt.

[ 12 ] If you think carefully about what I have just said, don’t you have to ask yourself: Is humanity currently facing a severe test in its development due to the unconscious crossing of the threshold? Yes, they are. For if they do not wish to develop the activity of the soul—the vigorous engagement of the soul—they are doomed to sink into inactivity and, as a result, into disbelief in existence, or at least into a kind of uncertainty when it comes to engaging their inner being with the entire machinery of world development. Such is, roughly speaking, the state of mind of a representative, typical person like Fritz Mauthner. There are many such people today; it is just that he was inwardly brave enough to admit this in many of his writings, while others in the same state of mind do not admit it. He also had the resignation to eventually retreat to a southern corner of Bavaria, after having worked as a journalist his entire life to earn a living. And there he conceived *Critique of Language*, his book of bitter despair regarding human cognition, and then wrote his *Philosophical Dictionary* there. He has withdrawn from public life; he still writes various articles that are truly no more suited than his books to guiding people toward a positive, active engagement with the overall course of development. There is always a kind of doubt in him regarding the possibility of intervening properly in existence, because, after all, one cannot truly grasp existence through cognition. Mauthner drew the conclusion that he should withdraw into a profession that was indifferent to him, devoting himself to journalism—a field in which one can already be a skeptic, someone who doubts life. But there are also students of Fritz Mauthner who did not share this resignation.

[ 13 ] Und fragen wir uns jetzt einmal etwas ganz Bestimmtes aus inneren Gründen heraus: Was wird aus diesen Schülern, die mit vollem Herzen sich zu der Lebensauffassung Mauthners bekennen, was wird aus diesen Schülern niemals werden können? Niemals werden sie zu einem lebensvollen Erfassen der Wirklichkeit kommen können. Daher kein solches Erfassen der Wirklichkeit, das fruchtbar in diese Wirklichkeit eingreifen kann. Diese Menschen können nicht ins Leben hineinpassen, wenn sie sich hineinstellen. Fritz Mauthner hat sich ja auch hinausgestellt. Diese Leute erfassen ja nur das sinnliche Leben und glauben an das, was darüber hinausgeht, nur wie an einen Traum, an ein Schlafen.

[ 13 ] And let us now ask ourselves something very specific, prompted by inner reasons: What will become of these students who wholeheartedly embrace Mauthner’s view of life? What will these students never be able to become? They will never be able to arrive at a vibrant grasp of reality. Hence, they lack the kind of grasp of reality that can fruitfully engage with that reality. These people cannot fit into life when they try to insert themselves into it. Fritz Mauthner, after all, set himself apart from it. These people grasp only sensory life and believe in what lies beyond it only as if it were a dream or a state of sleep.

[ 14 ] Solch ein Schüler Mauthners, ehrlich, aufrichtig, aber daher für das soziale Leben der Gegenwart so untauglich wie möglich, ist zum Beispiel Gustav Landauer. Das ist ein wirklicher Schüler von Fritz Mauthner. Es genügt heute nicht, das Leben nur von der Oberfläche aus zu beurteilen. Wir stehen heute vor Aufgaben, die nur zu bewältigen sind, wenn wir den guten Willen haben, in die Untergründe des Lebens unterzutauchen. Wir dürfen heute nicht, wie solche Menschen, wie ich sie eben geschildert habe, aus demjenigen heraus, was die Zeit gebracht hat, Gedankenimpulse suchen für eine neue, soziale Ordnung. Nein, wir müssen aus der aufgehenden Zeit, aus den Impulsen, die eben erst im Aufgang sind, aus den Impulsen der geistigen Erkenntnis heraus, auch die sozialen Impulse suchen; sonst kommen wir nicht zu wirklichen sozialen Impulsen. Dann, wenn sie gefunden sind, können sie, wie alle geisteswissenschaftlichen Ergebnisse, vom gesunden Menschenverstand aufgefaßt werden. In einem solchen Sinn möchte ich auch noch auf unsere Dreigliederung hinweisen.

[ 14 ] Gustav Landauer, for example, is one such student of Mauthner’s—honest and sincere, but consequently as ill-suited as possible to contemporary social life. He is a true student of Fritz Mauthner. Today, it is not enough to judge life solely from the surface. We face challenges today that can only be overcome if we have the good will to delve into the depths of life. We must not, like the people I have just described, seek intellectual impulses for a new social order from what the present age has brought forth. No, we must also seek social impulses from the dawning age, from the impulses that are just beginning to emerge, from the impulses of spiritual insight; otherwise, we will not arrive at true social impulses. Then, once they have been found, they can—like all findings of spiritual science—be grasped by common sense. In this sense, I would also like to refer once more to our threefold social order.

[ 15 ] Heute ist es notwendig, daß in allen Dingen die Menschen lernen, mit tiefster Ehrlichkeit erstens nach wahrhaftiger Selbsterkenntnis, zweitens nach wahrhaftiger Welterkenntnis zu suchen.

[ 15 ] Today, it is essential that people learn, in all things, to seek—with the utmost honesty—first, true self-knowledge, and second, true knowledge of the world.

[ 16 ] Nehmen Sie das, was hier Geisteswissenschaft genannt wird, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus durch. Gewiß, auch da wird, wie in mancher abstrakten Mystik und in manchem abstrakten Okkultismus, von Selbsterkenntnis in ihrer Notwendigkeit, von Welterkenntnis in ihrer Notwendigkeit gesprochen, aber anders. So wird gesprochen, wie ich es besonders unserer Zeit ins Herz schreiben möchte: Daß man niemals zur wirklichen Selbsterkenntnis kommen kann, ohne diese Selbsterkenntnis durch Welterkenntnis zu suchen. Hineinbrüten in das Selbst liefert keine Selbsterkenntnis. Welterkenntnis schult erst unser Selbst so, daß dieses Selbst zur Selbsterkenntnis kommen kann. Und wiederum: Niemand kann zu einer Welterkenntnis kommen, ohne daß er den Weg ins eigene Selbst tut. Welterkenntnis ist nicht möglich ohne Selbsterkenntnis. Die beiden Dinge scheinen sich da sogar etwas zu widersprechen, aber dieser Widerspruch ist lebensvoll und fruchtbar: Welterkenntnis nicht ohne Selbsterkenntnis, Selbsterkenntnis nicht ohne Welterkenntnis. Es ist wie das Schlagen eines Pendels, der hin und zurück ausschlagen muß. So muß der Mensch in seinem Leben suchen, stetig suchen den Pendelschlag zwischen Selbsterleben und Welterleben, Welterleben und Selbsterleben. Das aber erst gibt dann Stärkung der Seele, jene innere Aktivität der Seele, die heute und gegen die Zukunft hin der ganzen Menschheit notwendiger und notwendiger werden wird. Deshalb, weil der Mensch aus einem gewissen, im Zeitalter der Bewußtseinsseele natürlichen Egoismus, so sehr leicht in sein Inneres hineinbrütet, deshalb ist die Menschheit verfallen in unserem Zeitalter in die Liebe zur Abstraktion. Sie kann eigentlich gar nicht einmal mehr selber richtig beurteilen, wie stark die Liebe zum bloßen Abstrahieren in unserem Zeitalter ist. Dafür aber auch ist es das Allernotwendigste, daß wir aufsteigen, gerade um die Schwelle, die ich bezeichnet habe, in der richtigen Weise zu überschreiten, daß wir uns bewegen von einer bloßen Abstraktionsnotwendigkeit, einer bloßen Gedankennotwendigkeit, zu einer Tatsache. Von einem bloßen abstrakten Erkennen zu einem Tatsachenerleben. Zu einem Denken in uns nicht im bloßen Gedanken, sondern zu einem Denken, das untertaucht in die Dinge und mit den Dingen und Ereignissen der Welt denkt. Nur dann können wir der Gegenwart gewachsen bleiben. Dafür will ich Ihnen ein Beispiel anführen. Ich bemerke aber von vorneherein, daß Sie nicht das, was ich jetzt sagen werde, so auffassen sollen, wie wenn ich, indem ich die eine oder andere Weltanschauungsrichtung dabei zu charakterisieren habe, auch Stellung nehmen wollte zu dieser einen oder anderen Weltanschauungsrichtung. Ich will nur charakterisieren, nicht richten.

[ 16 ] Examine what is called “spiritual science” here from a wide variety of perspectives. Certainly, just as in some forms of abstract mysticism and occultism, there is talk here of the necessity of self-knowledge and the necessity of knowledge of the world—but in a different way. It is spoken of in a way that I would particularly like to impress upon our time: that one can never attain true self-knowledge without seeking this self-knowledge through knowledge of the world. Brooding over the self yields no self-knowledge. Knowledge of the world is what trains our self so that this self can attain self-knowledge. And again: No one can attain knowledge of the world without first journeying into their own self. Knowledge of the world is not possible without self-knowledge. The two things even seem to contradict each other somewhat here, but this contradiction is full of life and fruitful: knowledge of the world not without self-knowledge, self-knowledge not without knowledge of the world. It is like the swing of a pendulum, which must swing back and forth. So, in life, a person must seek—constantly seek—the pendulum swing between self-experience and world experience, world experience and self-experience. But it is this alone that then strengthens the soul—that inner activity of the soul which, today and looking toward the future, will become ever more necessary for all of humanity. Precisely because human beings, out of a certain egoism that is natural in the age of the consciousness soul, so easily withdraw into their inner worlds, humanity has fallen, in our age, into a love of abstraction. In fact, it can no longer even properly judge for itself how strong the love of mere abstraction is in our age. But for this very reason, it is absolutely essential that we ascend—precisely in order to cross the threshold I have described in the right way—so that we move from a mere necessity of abstraction, a mere necessity of thought, to a fact. From mere abstract cognition to an experience of reality. To a way of thinking within us that is not confined to mere thought, but rather a thinking that immerses itself in things and thinks together with the things and events of the world. Only then can we remain equal to the challenges of the present. To illustrate this, I would like to give you an example. I should note from the outset, however, that you should not interpret what I am about to say as though, in characterizing one or another worldview, I were also taking a stance on that particular worldview. I merely wish to characterize, not to judge.

[ 17 ] Dasjenige, was man naturwissenschaftliche Weltanschauung, naturwissenschaftlich orientiertes Denken nennt, es hat ja eine Entwickelung genommen, die ich Ihnen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus charakterisiert habe. Es ist zuletzt angelangt bei einer solchen Anschauung, wie die von Mauthner ist. Aber auch in anderen Schattierungen hat sie sich ausgedrückt. Ich weiß nicht, ob Sie sich an einen Mann erinnern, von dem ich Ihnen, allerdings in einer anderen Hinsicht und um etwas anderes Ihnen zu charakterisieren, vor Jahren hier einmal gesprochen habe, an jenen Mann, der einmal in einem seiner Bücher, das er «Analyse der Empfindungen» nennt, die Schwierigkeit der Selbsterkenntnis schildern wollte. Er wollte schildern schon die äußere Schwierigkeit der Selbsterkenntnis. Und um diese zu schildern, führte er zwei Beispiele an, wo er in bezug auf Selbsterkennen schon bei seinem Exterieur recht starken Illusionen ausgesetzt war. Einmal, so sagt er, ging er auf der Straße. Plötzlich kommt ihm einer entgegen — der Betreffende war Professor —, er denkt sich: Was für eine Schulmeistergestalt kommt mir denn da entgegen? Sie war ihm ganz unsympathisch, diese Gestalt, so erzählt er selbst. Dann merkte er, was ihm passiert war: er kam vor einen Schaufensterspiegel und kam sich selber in diesem Spiegel entgegen, indem er die Straße entlang ging. Ein andermal stieg er in einen Omnibus ein. Gegenüber der Tür, durch die er einstieg, war ein Spiegel. Er war furchtbar müde. Er sah das Bild und sagte bei sich: Was für ein abgetakelter Kerl steigt denn da zur andern Türe in den Omnibus ein? Erst nach und nach kam er darauf, daß er das selbst war.

[ 17 ] What is referred to as a scientific worldview—or scientifically oriented thinking—has, as I have described to you from a wide variety of perspectives, undergone a certain development. It has ultimately arrived at a worldview such as that held by Mauthner. But it has also manifested itself in other forms. I don’t know if you remember a man I once spoke to you about here years ago—though in a different context and to illustrate a different point—the man who, in one of his books titled *Analysis of Sensations*, sought to describe the difficulty of self-knowledge. He wanted to describe even the external difficulty of self-knowledge. And to illustrate this, he cited two examples in which, with regard to self-knowledge, he was already subject to quite strong illusions concerning his own appearance. Once, he says, he was walking down the street. Suddenly, someone came toward him—the man in question was a professor—and he thought to himself: What kind of schoolmasterly figure is coming toward me? He found this figure completely unappealing, as he himself recounts. Then he realized what had happened: he had walked past a storefront mirror and saw his own reflection in it as he walked down the street. Another time, he got on a bus. Opposite the door through which he entered was a mirror. He was terribly tired. He saw the reflection and said to himself: “What kind of disheveled fellow is getting on the bus through the other door?” Only gradually did it occur to him that it was himself.

[ 18 ] Ich habe Ihnen das erzählt, und Sie werden danach schon beurteilen können, daß das immerhin ein ernstzunehmender Mann ist: Ernst Mach, der aus einem Naturforscher Philosoph gewordene Ernst Mach. Nun, er hat wieder verschiedene Schüler. Seine Weltanschauung ist der von Mauthner nicht unähnlich, nur daß Ernst Mach weniger zur Zweifelssucht, zur Haltlosigkeit gekommen ist, sondern einfach an das Spiel der Gedanken glaubt. Das Ich selber ist ihm ein bloßer Mythos, wie auch bei Mauthner, nur ist Mach damit zufrieden. Man muß aber diesen Ernst Mach studieren und dann sein Leben kennenlernen, die ganze Persönlichkeit kennenlernen. Ich erinnere mich selbst, wie ich zuerst Ernst Mach gesehen habe in der Wiener Akademie der Wissenschaften, wo er einen Festvortrag hielt über die Ökonomie des Denkens, wo er alles das, was man denkt, bloß wie eine Anordnung der Gedanken nach dem Prinzip des kleinsten Kraftmaßes erklärte. Ich hatte damals eine große Wut auf diese Darstellung des Denkprozesses. Dann hat er das ausgebaut, hat seine Bücher geschrieben, welche auf viele Leute einen großen Einfluß gewonnen haben. Kennt man sonst sein Leben, dann weiß man: Er war ganz gewiß ein sehr, sehr braver, dem Staate, dem er durch sein Lehrfach diente, sehr gehorsamer Staatsbürger, mit Bezug auf sein Gelehrtentum ein typischer Vertreter des sich in der neueren Zeit heraufentwikkelnden Denkens. Ich könnte Ihnen noch einen ähnlichen Denker nennen. Mach hat selber nicht in Zürich gelehrt, sondern nur ein Schüler von ihm: Friedrich Adler, derselbe Adler, der dann den österreichischen Minister Stürgkh erschossen hat. Aber ein zwar viel abstrakter noch denkender Mann hat in Zürich eine der Machschen Philosophie, der Machschen Weltanschauung sehr ähnliche Weltanschauung vertreten: Richard Avenarius. Ich kann Ihnen nicht raten, die Bücher von Avenarius zu lesen; Sie würden sie nach der zweiten Seite wegwerfen. Sie sind in einer unverständlichen Sprache geschrieben. Es würde für Sie nur das eine Unerklärliche vorliegen: wie es denn kommt, daß sich doch sehr, sehr viele Menschen in die Bücher von Avenarius vertieft haben und sich aus seiner Philosophie heraus heute eine Weltanschauung gebildet haben.

[ 18 ] I have told you this, and you will be able to judge for yourself that he is, after all, a man to be taken seriously: Ernst Mach, the natural scientist who became a philosopher. Well, he, too, has various students. His worldview is not unlike Mauthner’s, except that Ernst Mach has not succumbed to skepticism or a sense of groundlessness, but simply believes in the play of ideas. The self is, for him, a mere myth—as it is for Mauthner—only Mach is content with that. But one must study this Ernst Mach and then get to know his life, get to know his entire personality. I myself remember the first time I saw Ernst Mach at the Vienna Academy of Sciences, where he delivered a commemorative lecture on the “economy of thought,” in which he explained everything one thinks as merely an arrangement of thoughts according to the principle of least effort. At the time, I was deeply angered by this portrayal of the thought process. He later expanded on this, writing his books, which have had a profound influence on many people. If one is familiar with the rest of his life, one knows: He was most certainly a very, very upright citizen, deeply loyal to the state he served through his academic discipline, and—in terms of his scholarship—a typical representative of the mode of thought that has emerged in modern times. I could name another thinker similar to him. Mach himself did not teach in Zurich, but one of his students did: Friedrich Adler—the same Adler who later shot the Austrian minister Stürgkh. But a man whose thinking was even more abstract advocated a worldview in Zurich that was very similar to Mach’s philosophy and worldview: Richard Avenarius. I cannot advise you to read Avenarius’s books; you would throw them away after the second page. They are written in an incomprehensible language. You would be left with only one inexplicable question: how is it that so very, very many people have immersed themselves in Avenarius’s books and have formed a worldview today based on his philosophy.

[ 19 ] Was ich Ihnen hier bespreche, sind extreme Fälle, die Sie aufmerksam machen können auf den Unterschied einer bloß abstrakten Gedankenlogik und einer Tatsachenlogik. Avenatius war auch seinem Leben nach wahrhaftig ein guter Durchschnittsbürger, ein braver Staatsbürger in bestem Sinne des Wortes. Aber solche Leute wie Ernst Mach, sein Schüler Adler, bei dem es schon mehr sichtbar wurde, und Avenarius — nehmen wir zunächst einmal Mach und Avenarius —, die fühlen nichts von der Tatsachenlogik, in der sie durch ihre eigenen Tatsachen stehen. Denn, sehen Sie, was ist denn geworden aus der Weltanschauung von Ernst Mach und Avenarius, diesen braven, gehorsamen, waschechten Bourgeois-Gelehrten? Was ist daraus geworden? Es ist daraus geworden die Staatsphilosophie der Bolschewisten, die Weltanschauung, die dem Bolschewismus zugrunde liegt. Es ist nur durch andere menschliche Temperamente gegangen, durch andere menschliche Seelenverfassungen gegangen. Tatsachenkonsequenz! Konsequenz nach der Tatsachenlogik desjenigen, was Ernst Mach und Avenarius gelehrt haben.

[ 19 ] What I am discussing here are extreme cases that can draw your attention to the difference between a merely abstract logic of thought and a logic of facts. Avenarius was, in his daily life, truly an average citizen, a good citizen in the best sense of the word. But people like Ernst Mach, his student Adler—in whom this tendency was already more apparent—and Avenarius—let’s take Mach and Avenarius for now—have no sense of the logic of facts, in which they stand on their own facts. For, you see, what has become of the worldview of Ernst Mach and Avenarius, these upright, obedient, genuine bourgeois scholars? What has become of it? It has become the political philosophy of the Bolsheviks, the worldview that underlies Bolshevism. It has simply passed through different human temperaments, through different states of mind. Consequence of the facts! Consequence according to the logic of the facts taught by Ernst Mach and Avenarius.

[ 20 ] Das ist nicht nur durch einen äußeren Zufall geschehen, daß gerade durch das Studieren von begabten russischen Studenten bei Avenarius und dann bei Adler in Zürich etwa zufällig hinübergetragen worden ist nach Rußland diese Philosophie, sondern da liegt ein innerer geistiger Zusammenhang vor. Den begreift nur derjenige, der nicht mit Gedanken über die Dinge denkt, sondern der in den Dingen denken kann, der weiß, daß zwar nicht eine abstrakt logische Konsequenzmacherei von Avenarius und Mach zu Lenin und Trotzki führt, daß aber eine sehr tatsächliche Logik führt von dem einen zum anderen. Das sind die Dinge, auf die es heute ankommt. Sie sind heute nur zugänglich dem, der den Ernst dazu hat, das Innere des Werdens zu studieren. Denn wir sind in einer komplizierten Zeit des inneren Lebens angekommen, wo so jemand wie Mach und Avenarius glauben kann, daß er ein Mann der Ordnung ist, daß er ein Mann ist, der nur in geistigen Ordnungshöhen lebt, und nicht ahnt, daß es zu politischem Dynamit werden kann, was er lehrt, wenn seine Gedanken übergehen von ihm in andere Seelen.

[ 20 ] It was not merely by some external coincidence that this philosophy was carried over to Russia—as it were, by chance—precisely through the studies of gifted Russian students under Avenarius and then under Adler in Zurich; rather, there is an intrinsic intellectual connection at work here. This can only be understood by someone who does not think about things with thoughts, but who can think within things—someone who knows that, while an abstract, logical chain of reasoning does not lead from Avenarius and Mach to Lenin and Trotsky, a very real logic does lead from one to the other. These are the things that matter today. They are accessible today only to those who are serious enough to study the inner workings of becoming. For we have arrived at a complex time in inner life, where someone like Mach and Avenarius can believe that he is a man of order, that he is a man who lives only in the heights of intellectual order, and has no inkling that what he teaches can become political dynamite when his thoughts pass from him into other souls.

[ 21 ] Es ergeht heute an die Menschheit der große Ruf, sich einen Sinn anzueignen für die tieferen Zusammenhänge des Lebens. Ohne diesen Sinn kommt man nicht weiter. Wollen wir zu fruchtbaren sozialen Ideen kommen, dann dürfen wir auch nicht wie Richard Avenarius und Ernst Mach die toten Endprodukte der alten, in sich selber sich vernichtenden Weltanschauungen aussuchen, sondern wir müssen uns zuwenden jenem Neuaufbau der Weltanschauungen, der nur in der Geisteswissenschaft gegeben werden kann und der allein in der richtigen Weise zu fragen versteht: Was muß als soziale Ordnung auftreten, wenn der Mensch in der Zukunft, von der Gegenwart an und in der Zukunft immer mehr und mehr so innerlich dreigeteilt — denn er geht über die Schwelle innerlich dreigeteilt — durch die Welt schreitet? Da muß ihm die äußere soziale Ordnung das Spiegelbild sein; da muß die äußere soziale Ordnung dreigeteilt sein. Dann wird Äußeres und Inneres sich in der Zukunft entsprechen. Diese Dreigliederung ist, wenn man sie wirklich mit ernster geistiger Wissenschaft zu betrachten vermag, nicht etwas Ersonnenes; sie ist etwas einfach dem wahren inneren Werdegang der Menschheit, wie er vorschreitet von der Gegenwart zu der Zukunft, Abgelauschtes.

[ 21 ] Today, humanity is called upon to develop an understanding of the deeper connections of life. Without this understanding, we cannot move forward. If we wish to arrive at fruitful social ideas, then we must not, like Richard Avenarius and Ernst Mach, select the lifeless end products of the old, self-destructive worldviews, but rather we must turn to that reconstruction of worldviews that can only be provided by spiritual science and that alone knows how to ask the right questions: What kind of social order must emerge if, in the future—beginning in the present and continuing into the future—human beings walk through the world increasingly divided into three inner parts—for they cross the threshold already divided into three inner parts? Then the external social order must be a reflection of this; the external social order must be divided into three parts. Then, in the future, the outer and the inner will correspond to one another. This threefold division, when one is truly able to consider it with serious spiritual science, is not something contrived; it is something simply discerned from the true inner development of humanity as it progresses from the present into the future.

[ 22 ] Zu allen anderen Erfordernissen, die an den Menschen der Gegenwart sich richten, gehört eben auch dieses, daß der Mensch den guten Willen entwickelt, sich auf die Betrachtung der geistigen Welt einzulassen. Daß er zunächst einmal den guten Willen entwickelt, sich selber so zu betrachten, daß der Betrachtung anschaulich wird, was geistig diesem Menschen zugrunde liegt. Eine Prüfung, nicht etwas Endgültiges, war der naturwissenschaftliche Materialismus. Deshalb ist er auch so bedeutungsvoll und nützlich, selbst in der Gestalt des Haeckelianismus. Eine Prüfung, durch die durchgegangen werden muß, ist das alles. Da wird der Mensch an die Tierreihe angereiht, weil im Grunde genommen mit Bezug auf alles dasjenige, worauf diese Betrachtung Wert legt, der Mensch doch nur als höherentwickeltes Tier erscheint. Beginnen wir aber, den Menschen mit Bezug auf die Selbsterkenntnis im Zusammenhang mit der Welt zu betrachten, so wird die Sache gleich anders. Da werden Dinge, die sonst als unwichtig gelten, zu wichtigen, und umgekehrt. Da strahlt einfach dadurch, daß man auf einem besonderen Betrachtungs-Standpunkt steht, ein neues Licht auf die ganze Wesenheit des Menschen. Im wesentlichen, wir wissen es, geht das Tier so über die Erde hin, daß es — die Ausnahmen lehren gerade sehr viel für das Wesentliche — sein Rückgrat parallel der Erdoberfläche trägt. Der Mensch richtet sich in der ersten Zeit seines Lebens auf, stellt die Hauptrichtung seines Leibes, das heißt die Richtung seines Rückgrates, senkrecht auf die Erdoberfläche, bildet mit dieser Erdoberfläche im Rückgrat ein Kreuz, bildet auch mit der Richtung des tierischen Rückgrates ein Kreuz. Indem man das ausspricht, spricht man klar aus das Verhältnis des Menschen zur übrigen Welt. Es ist anders beim Tier, es ist anders beim Menschen. Da können Sie immer lesen bei Aaeckel: Der Mensch hat gerade so viele Knochen und Muskeln wie die höheren Tiere. — Aber es gibt noch andere Dinge, die nicht gezählt werden können, die in einem intuitiven, oder besser gesagt imaginativen Erfassen der Gestalt in ihrem Verhältnis zur Gesamtgestaltung des Kosmos und der Erde bestehen, und dieses Erfassen der Gestalt, nicht ein Sprechen über das Wesen des Menschen, das ist wichtiger als das Zählen der Knochen und der Muskeln, wichtiger als das, was die vergleichende Morphologie über den Menschen zu sagen hat.

[ 22 ] Among all the other demands placed on people today is precisely this: that they develop the good will to open themselves to contemplation of the spiritual world. That they first develop the good will to look at themselves in such a way that what underlies them spiritually becomes clear to them. Scientific materialism was a test, not something definitive. That is why it is so significant and useful, even in the form of Haeckelianism. It is all just a test that must be undergone. In this view, human beings are placed in the animal kingdom because, fundamentally, in relation to everything this perspective emphasizes, human beings appear to be nothing more than highly evolved animals. But when we begin to view human beings in relation to self-knowledge within the context of the world, the situation immediately changes. Then things that are otherwise considered unimportant become important, and vice versa. Simply by adopting a particular perspective, a new light is cast on the entire being of the human being. Essentially, as we know, the animal moves across the earth in such a way that—and the exceptions actually teach us a great deal about the essential—it carries its spine parallel to the earth’s surface. In the early stages of life, humans stand upright, positioning the main axis of their body—that is, the direction of their spine—perpendicular to the Earth’s surface; their spine forms a cross with the Earth’s surface and also forms a cross with the direction of the animal spine. By stating this, one clearly articulates the relationship of humans to the rest of the world. It is different with animals; it is different with human beings. You can always read in Aeckel: Human beings have just as many bones and muscles as the higher animals. — But there are other things that cannot be counted, things that consist in an intuitive—or rather, imaginative—grasp of the human form in its relationship to the overall structure of the cosmos and the Earth; and this grasp of the form—not merely speaking about the nature of the human being—is more important than counting bones and muscles, more important than what comparative morphology has to say about humans.

[ 23 ] Von da ausgehend könnte ich Ihnen nun vieles sagen, was Ihnen zeigen würde, daß da, wo aufhören muß die bisherige Weltenbetrachtung, die im Menschen solche Denkgewohnheiten gezeitigt hat, welche den Menschen ins gegenwärtige Unglück hineingeführt haben, daß da, wo dieses Denken und diese Denkgewohnheiten endigen, nunmehr ein Neues beginnen muß, welches zum Beispiel sich anschließt an die Gestalt. Das wird dann eine geistige Betrachtung der Welt geben, das wird befruchten den selbständigen, sozialen Geistesorganismus.

[ 23 ] Starting from there, I could now tell you many things that would show you that where the previous worldview—which has produced in human beings such habits of thought that have led them into their present misfortune—must come to an end, there, where this thinking and these habits of thought end, a new one must now begin, one that, for example, is connected to form. This will then provide a spiritual view of the world; it will enrich the independent, social spiritual organism.

[ 24 ] Und eine noch höhere Stufe — diese Stufen werden nicht wie sonst bei unseren Zeitgenossen nur träumend-mystisch aufwachen —, eine noch höhere Stufe wird lebendig erfassen dasjenige Sein, das immer um uns ist, das «offenbare Geheimnis», wie Goethe sagt. Von da wird dann aufgestiegen werden in solchem «Erwachtsein», wie ich es in meinem Buche «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln» genannt habe, zu dem, was nun nicht nur ein Hineinstellen der Gestalt in den Kosmos ist, sondern was ein Mitschwingen ist mit den großen rhythmischen Schwingungen des Kosmos.

[ 24 ] And an even higher stage—these stages will not, as is usually the case with our contemporaries, merely awaken in a dreamlike, mystical way—an even higher stage will vividly grasp that Being which is always around us, the “revealed mystery,” as Goethe says. From there, one will then ascend in such a state of “awakening”—as I have called it in my books *The Riddle of Man* and *The Riddles of the Soul*—to that which is not merely a placing of the human form within the cosmos, but rather a resonating in harmony with the great rhythmic vibrations of the cosmos.

[ 25 ] Sie wissen, der Mensch besteht aus diesen drei Gliedern: NervenSinnessystem, rhythmisches System, Stoffwechselsystem. Im NervenSinnessystem steht er so drinnen, daß er dadurch die Gestalt im Verhältnis zum Kosmos erfassen kann. In bezug auf sein Fühlen, das Rhythmus-, das Atmungs- oder Brustsystem, da steht er drinnen mit diesem Rhythmus in dem Rhythmus der ganzen Welt. Diesen Rhythmus können wir ja zunächst — wir könnten natürlich viel mehr haben, weil wir von den verschiedensten Gesichtspunkten aus im Lauf der Jahre vieles erwähnt haben —, diesen Rhythmus können wir zunächst nur an einem Zipfel erfassen. Ich will nur wiederholen schon öfter Gesagtes. Wir sehen hin auf unsere Atmung. Wir haben beim normalen Atmen 18 Atemzüge in der Minute. Das gibt in einem Tag bei 24 Stunden ungefähr 25 920 Atemzüge. So daß wir in einem Tage rhythmisch hintereinander vollziehen das Einatmen und das Ausatmen: ungefähr 25 920 mal. Das ist das kleinste Atmen, das unser individueller Mensch entfaltet. Sie wissen, schon im Alten Testament hat man das Patriarchenalter auf 70 Jahre ungefähr angenommen. Man kann natürlich älter werden, man kann auch jünger sterben, aber das ist so etwa das Durchschnittsalter der Menschen, 70 bis 72 Jahre. Wieviel Lebenstage sind dies? Sehr approximativ gerechnet 25 920 Lebenstage. Wenn Sie nun nehmen jenen großen Atemzug, der mit uns gemacht wird, indem wir am Morgen untertauchen mit unserem Ich und Astralleib in unsern Ätherleib und physischen Leib, so daß wir morgens einatmen unser Geistig-Seelisches und abends wieder ausatmen, wenn Sie das nehmen als einen Atemzug, der jeden Tag vollzogen wird, dann vollzieht unser Lebenstag, der ungefähr 71 Jahre umfaßt, 25 920 Atemzüge. Das heißt, jener große Geist, der da atmet, indem wir geboren werden und sterben, der atmet in seinem Lebenstag, der unser ganzes Menschenleben umfaßt, so oft ein und aus wie wir in 24 Stunden. So sind wir angepaßt mit unserem menschlichen Atmen jenem geistigen Atmen, das der Geist vollzieht, für den das Ein- und Ausatmen ist, was für uns Geborenwerden und Sterben ist. Wir sind das Ergebnis seiner Atemzüge in unserem Wach- und Schlafesleben. Und die Sonne, von der Sie ja wenigstens ahnen können, daß sie eine Beziehung zu unserem Erleben hat: der Mensch beobachtet, wie ihr Aufgang vorrückt im Tierkreisbild um eine bestimmte Anzahl Grade jährlich, so daß, wenn der Frühlingspunkt liegt an einer bestimmten Stelle eines bestimmten Tierkreisbildes, er das nächste Jahr weiter verschoben ist und so weiter. So kreist der Aufgangspunkt der Sonne scheinbar um die ganze Ekliptik herum, in dem, was ein platonisches Weltenjahr genannt wird, und das umfaßt 25 920 Jahre. Ein Lebenstag von uns enthält 25 920 Atemzüge, unser Leben zwischen Geburt und Tod enthält 25 920 Lebenstage, ein großes Sonnenjahr 25 920 unserer Lebensjahre. So fügen wir uns hinein in dasjenige, was geatmet wird im Sonnen-Erden-Prozeß durch ein platonisches Weltenjahr hindurch. Da sehen Sie hinein in einen Weltenrhythmus, durch den der Mensch hineingegliedert wird in den Kosmos.

[ 25 ] You know that the human being consists of these three parts: the nervous-sensory system, the rhythmic system, and the metabolic system. The human being is so deeply embedded in the nervous-sensory system that through it he can perceive his place in relation to the cosmos. As for their feelings—the rhythmic, respiratory, or thoracic system—they are immersed in this rhythm, which is part of the rhythm of the entire world. We can, for now—though we could certainly cover much more, since we have touched on many aspects from various perspectives over the years—we can, for now, grasp only a small part of this rhythm. I simply want to repeat what has been said many times before. Let us look at our breathing. In normal breathing, we take 18 breaths per minute. Over the course of a 24-hour day, that amounts to approximately 25,920 breaths. Thus, in a single day, we rhythmically perform the inhalation and exhalation one after another: approximately 25,920 times. This is the smallest form of breathing that our individual human being carries out. As you know, even in the Old Testament, the age of the patriarchs was assumed to be approximately 70 years. Of course, one can live longer, and one can also die younger, but that is roughly the average human lifespan: 70 to 72 years. How many days of life does this amount to? Very roughly calculated, 25,920 days of life. Now, if you consider that great breath that is taken with us—as we immerse ourselves in the morning with our “I” and astral body into our etheric body and physical body, so that we inhale our spiritual-soul aspect in the morning and exhale it again in the evening—and if you regard this as a single breath taken every day, then our life day, which spans approximately 71 years, comprises 25,920 breaths. This means that the great Spirit who breathes as we are born and die breathes in its life day—which encompasses our entire human life—just as often as we inhale and exhale in 24 hours. Thus, through our human breathing, we are attuned to that spiritual breathing performed by the Spirit, for whom inhaling and exhaling are what birth and death are for us. We are the result of its breaths in our waking and sleeping lives. And the sun, which you can at least sense has a connection to our experience: humans observe how its rising advances through the zodiac by a certain number of degrees each year, so that when the vernal equinox lies at a certain point in the zodiac, it has shifted further the following year, and so on. Thus, the point of the sun’s rising appears to circle the entire ecliptic in what is called a Platonic world year, which spans 25,920 years. One day of our life contains 25,920 breaths; our life between birth and death contains 25,920 days of life; and one great solar year contains 25,920 of our years of life. Thus we fit into what is breathed in the Sun-Earth process throughout a Platonic world year. There you glimpse a cosmic rhythm through which the human being is integrated into the cosmos.

[ 26 ] Ohne wenigstens den guten Willen zu haben, den Menschen in beweglicher Erkenntnis im Zusammenhang zu erkennen mit dem Kosmos, können Sie keine Erkenntnis des Menschen gewinnen. Sie können nichts mehr begreifen mit der heutigen Naturwissenschaft, so sonderbar das klingt, als des Menschen Leben bis zur Geburt. Nachdem der Mensch geboren worden ist, tritt etwas mit seinem Leben ein, das die Naturwissenschaft nicht mehr erfassen kann. Daher muß die Naturwissenschaft bei der Methode, welche besonders beliebt ist, bei der Embryologie stehenbleiben. Das zeigt sich heute besonders darin, daß die ganze Entwickelungslehre heute nur ein Ausbilden ist der Embryologie. Das andere ist alles Phantasie. Beginnt der Mensch auf der Erde zu leben, so tritt die Notwendigkeit ein, in imaginativer, in inspirierter Erkenntnis ihn zu durchschauen. Denn nur mit dieser kann man durchschauen, was der Mensch beim Tode erlebt, und was der Tod ist. Durch die höchste Stufe der Erkenntnis, die Sie beschrieben finden in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» als die Stufe der wahrhaften Intuition, erlangt man jene Einsicht in das Wesen, das wunderbar in der Sprache selbst angedeutet wird, indem man vom Leichnam, und zwar mit einem gewissen Recht, sagt: er verwest. Wenn man heute so etwas noch fühlen könnte bei den Worten, so würde man wahrhaftig fühlen: Verwesen heißt ins Wesen übergehen, ins Wesen hineingehen, mit dem Wesen eins werden. Indem die Sprache von Verwesen redet, redet sie wahrhaftig nicht von Vergehen. Und der geheimnisvolle Prozeß, den eine künftige Naturwissenschaft aus den Tiefen des Erkennens herausholen wird, der erst dann sich vollzieht, wenn der menschliche Leib scheinbar verwest oder verbrennt, der ist nicht ein Vernichten; der ist gerade etwas Bedeutungsvolles im inneren Aufbau des Geschehens.

[ 26 ] Without at least having the willingness to recognize human beings in a dynamic context of understanding in relation to the cosmos, you cannot gain any understanding of human beings. As strange as it may sound, modern science can understand nothing more than human life up to birth. Once a human being is born, something enters their life that natural science can no longer grasp. Therefore, natural science must stop at embryology, the method that is particularly favored. This is especially evident today in the fact that the entire theory of development is now merely an extension of embryology. Everything else is pure fantasy. Once a human being begins to live on Earth, the necessity arises to penetrate to the core of their being through imaginative, inspired insight. For only through this can one comprehend what a human being experiences at death, and what death itself is. Through the highest level of knowledge—which you will find described in *How to Attain Knowledge of the Higher Worlds* —the stage of true intuition—one gains that insight into the essence that is wonderfully hinted at in language itself when one says of a corpse, and indeed with some justification, that it “decays.” If one could still feel something of this today when hearing these words, one would truly feel: decay means to pass into the essence, to enter into the essence, to become one with the essence. When language speaks of decay, it is truly not speaking of passing away. And the mysterious process that a future natural science will draw from the depths of knowledge—a process that takes place only when the human body appears to decay or burn—is not a destruction; it is, in fact, something significant in the inner structure of the event.

[ 27 ] Ich möchte durch eine solche Betrachtung wie die heutige ein Gefühl davon hervorrufen, wie ein innerer Zusammenhang ist zwischen dem, was ersterbende Weltanschauung und wissenschaftliche Richtung der alten Zeit ist, und der noch im Keime befindlichen, heute eigentlich erst auftauchenden Geisteswissenschaft im Sinne dessen, was werden muß gegen die Zukunft hin. Es stoßen aber hart die beiden Dinge aneinander. Und hier beginnt anschaulich zu werden eine tiefe Tragik des modernen Lebens, die wir durch innere Menschenkraft besiegen müssen. Dasjenige, was ich, mag man mir es noch so übel nehmen, die untergehende bürgerliche Welt- und Lebensauffassung nenne, das ist ein letztes Ende, das bereitet sich selber den Untergang. Dasjenige, was heute noch wahrhaftig sehr weit von dem entfernt ist, was es werden soll, was als proletarische Sehnsucht herauftaucht, das hat andere menschliche Untergründe. Während die bürgerliche Weltanschauung untergeht im Ätherleib, geht aus dem Astralleib auf dasjenige, was sich aus der proletarischen Welt entwickelt. Und ein furchtbar deutlich sprechendes Symbolum der untergehenden Weltanschauung war die Egoistik Max Stirners. Sie finden sie in ihrem Zusammenhange geschildert in meinem Buche «Die Rätsel der Philosophie». Jetzt leben wir in einem Zeitalter, wo wir durchaus versuchen müssen, dasjenige, was aufgeht, nicht nach seiner Außenseite zu beurteilen. Mag es heute da oder dort noch so viel irren, wir müssen dasjenige, was sich heute als soziale Bewegung aus dem Proletariat heraus entwickelt, als das Werden des Zukünftigen anschauen können, gerade vom geistigen Gesichtspunkte des Menschen aus. Wir müssen sehen können: Die Menschheit überschreitet eine Schwelle, sie muß hinein in das übersinnliche Erkennen. Und gerade das ist für den geistig Erkennenden ein scharf sprechendes Mittel, die Richtung zu schauen, daß sich gerade die proletarische Welt in diesen oder jenen Führern, in diesen oder jenen Bonzen, recht sehr materialistisch benimmt und sich wehrt gegen das, was sie einst sein wird. Sie wehrt sich. Sie hat angenommen als letztes Erbstück die bürgerliche Denkungsweise, aber sie ist in der menschlichen Entwickelung dazu berufen, bewußt über die Schwelle zu schreiten, sich herauszuarbeiten aus materialistischem Irrwahn zur wirklichen Erkenntnis des Übersinnlichen. Gerade dasjenige, worauf hier hingewiesen wird, es muß durch Beobachtung eines geistigen Untergrundes so erforscht werden, daß es nicht bloß zu abstraktem Erkennen wird, sondern daß es unserem Willen innerlich Impuls werden kann. Dann werden wir uns zur rechten Zeit in der rechten Weise in diese gegenwärtige soziale Ordnung mit vollem Bewußtsein hineinstellen können.

[ 27 ] Through a reflection such as today’s, I would like to evoke a sense of the inner connection between the dying worldview and scientific orientation of the old era, and the spiritual science that is still in its infancy—one that is only now truly emerging—in the sense of what must come to be as we look toward the future. But these two things clash violently. And here a profound tragedy of modern life begins to take shape, one that we must overcome through inner human strength. What I call—no matter how much one may take offense at it—the declining bourgeois worldview and outlook on life is a final phase that is bringing about its own downfall. That which today is still truly very far from what it is meant to become—that which is emerging as a proletarian yearning—has different human foundations. While the bourgeois worldview is sinking into the etheric body, what is emerging from the astral body is developing into the proletarian worldview. And a symbol that speaks with terrifying clarity of this declining worldview was Max Stirner’s egoism. You will find it described in its proper context in my book *The Riddles of Philosophy*. We now live in an age in which we must certainly try not to judge what is emerging by its outward appearance. No matter how much it may still go astray here and there today, we must be able to view what is developing today as a social movement emerging from the proletariat as the becoming of the future, precisely from the spiritual perspective of the human being. We must be able to see: Humanity is crossing a threshold; it must enter into supersensible knowledge. And this, precisely, is a powerful indicator for the spiritually discerning person to discern the direction in which the proletarian world—in these or those leaders, in these or those bigwigs—is behaving in a very materialistic way and resisting what it will one day become. It is resisting. It has adopted the bourgeois way of thinking as its final legacy, but in human evolution it is called upon to consciously cross the threshold, to work its way out of materialistic delusion toward a true understanding of the supersensible. Precisely what is being pointed out here must be explored through observation of a spiritual undercurrent in such a way that it does not merely become abstract knowledge, but can become an inner impulse for our will. Then, at the right time and in the right way, we will be able to place ourselves within this present social order with full consciousness.