Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192
18 May 1919, Stuttgart
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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
Fünfter Vortrag
Fifth Lecture
[ 1 ] Nicht in dem Sinne, den man gewöhnlich meint, wenn man von der Fortsetzung einer Betrachtung spricht, werde ich heute anknüpfen an dasjenige, was ich letzten Sonntag hier vorgebracht habe. Damals versuchte ich, soweit das in skizzenhafter Art möglich war, in vorläufiger formal-pädagogischer Weise auseinanderzusetzen, wie die Gliederung eines vom Staats- und Wirtschaftsleben abgesonderten Geistes- und Unterrichtslebens zu denken sei; wie in anderer Weise als bisher dann, wenn solche Absonderung eintritt, die einzelnen sogenannten Lehrfächer verwendet werden müßten zur Ausgestaltung desjenigen, was sich den Unterrichtenden, den Erziehenden als eine Art anthropologischer Pädagogik, besser gesagt als eine Art anthropologisch-pädagogischer Wirksamkeit ergeben müßte. Schon damals bemerkte ich, daß ein Wesentliches sein wird für die Zukunft die Lehrerausbildung und namentlich die Prüfung desjenigen, was ergeben soll, ob irgendeine Persönlichkeit zum Lehrer oder Erzieher taugt.
[ 1 ] Not in the sense that is usually meant when one speaks of continuing a line of thought, I will today pick up where I left off last Sunday. At that time, I attempted—as far as was possible in a sketchy manner and in a preliminary, formal-pedagogical way—to explore how the structure of an intellectual and educational life separate from political and economic life might be conceived; and how, when such a separation occurs, the individual so-called academic subjects would have to be used—in a different way than has been the case thus far—to shape what should emerge for teachers and educators as a kind of anthropological pedagogy, or rather, as a kind of anthropological-pedagogical practice. Even back then, I noted that teacher training—and specifically the assessment of what determines whether a person is suited to be a teacher or educator—would be of essential importance for the future.
[ 2 ] Ich will die unmittelbare Fortsetzung der formal-pädagogischen Dinge einer späteren Betrachtung aufsparen. Ich will nun heute in einer ganz anderen Weise versuchen, Ihnen die Fortsetzung des Vorigen zu geben. Ich will versuchen, Ihnen anzudeuten, wie ich mir denken muß aus den Kräften der Zeitentwickelung heraus, daß heute gesprochen werden müßte etwa, sagen wir, auf Lehrerversammlungen oder bei ähnlichen Anlässen, die wirklich der Zeit dienen wollten. Es ist in unserer Gegenwart tatsächlich so, daß, wenn wir aus Wirrnis und Chaos herauskommen wollen, heute in vielen Dingen ganz anders gesprochen werden müßte, als man sich nach den Denkgewohnheiten, die überkommen sind, vorstellt.
[ 2 ] I will save the immediate continuation of the formal-pedagogical matters for later consideration. Today I would like to try, in a completely different way, to provide you with a continuation of what I discussed previously. I will attempt to suggest to you how, based on the forces of historical development, I believe we should speak today—for example, at teachers’ conferences or similar events that truly seek to serve the needs of our time. It is indeed the case in our present time that, if we wish to emerge from confusion and chaos, we must speak today about many things in a completely different way than one might imagine based on traditional ways of thinking.
[ 3 ] Heute redet man ja auch auf Lehrerversammlungen, wie naheliegende Beispiele Ihnen beweisen könnten, in, ich möchte sagen, dem alten eingefahrenen Geleise fort, während eine wirklich freie Erziehung der Zukunft nur eingeleitet werden könnte, wenn die Erziehenden und Unterrichtenden gehoben würden zu jenem Niveau, auf dem man einen Überblick bekommt über die wirklich großen Aufgaben unserer unmittelbaren Gegenwart, insofern sich diese großen Aufgaben dann in Konsequenzen ausbilden lassen gerade für das Erziehungs- und Unterrichtswesen. Gewiß, die Art, wie ich heute zu Ihnen sprechen werde, die wird nicht dasjenige sein, was ich als maßgeblich oder auch nur als irgendwie mustergültig hinstellen möchte. Ich möchte aber gewissermaßen die Region andeuten, in der heute zu Lehrenden zu sprechen wäre, damit diese Lehrenden den Impuls bekommen, von sich aus in ein freies Unterrichtswesen einzugreifen. Gerade diese Lehrenden müßten zu den großen, umfassenden Aufgaben der Zeit heraufgehoben werden; die Lehrenden müßten in erster Linie durchschauen, was für Kräfte sich eigentlich in den heutigen Weltgeschehnissen verbergen; welche Kräfte man kennen muß als vom Alten herkommend, die ausgemerzt werden müssen; welche Kräfte sich zeigen, die einer besonderen Pflege bedürfen aus den Untergründen unseres heutigen Daseins heraus. Eine gewisse, ich möchte sagen, im besten, idealsten Sinne kulturpolitische Betrachtung müßte heute gegeben werden, die grundlegend werden könnte für die Impulse gerade, die in die Lehrenden übergehen müßten. Es müßte zum Beispiel vor allen Dingen eingesehen werden, daß unsere Pädagogik auf allen Stufen des Unterrichtens und Unterweisens unendlich verarmt ist, und es müßte eingesehen werden, welches die Gründe dieser Verarmung sind. Diese Pädagogik hat vor allen Dingen verloren den unmittelbaren Zusammenhang mit dem Leben. Der Pädagoge redet heute von allerlei methodischen Dingen, und er redet vor allen Dingen von der großen Wohltat, die dem Unterricht durch die staatliche Leitung zufließen soll. Er redet wahrscheinlich von diesen Wohltaten dann noch fort, ich möchte sagen, fast automatisch, wenn er in der Theorie auch irgend etwas schon begriffen haben sollte von der notwendigen Dreigliederung des sozialen Organismus. Es waren in keiner Zeit die, ich möchte sagen, selbstlaufenden Denkgewohnheiten so stark, als gerade in der unsrigen, und es zeigt sich dieses Selbstlaufende der Denkgewohnheiten ganz besonders in der Ausbildung der pädagogischen Ideen. Diese pädagogischen Ideen, sie haben unter etwas gelitten, dem wir noch nicht entkommen konnten in der neueren Zeit, dem wir aber entkommen müssen. Ja, es gibt eben heute Fragen, die einfach nicht so beantwortet werden können, daß man sagt: Es ist das eine oder andere nach den bisherigen Erfahrungen möglich. Da wird sofort aus den Herzen, aus den Seelen der Menschen das Zaudern aufsteigen. Heute gibt es unzählige Fragen, die so beantwortet werden müssen, daß man sich sagt: Muß denn nicht das eine oder andere geschehen, wenn wir aus Wirrnis und Chaos hinauskommen wollen? Und dann haben wir es mit Fragen des Wollens zu tun, in die uns nicht hineinzureden haben die oftmals ja berechtigt scheinenden Zauderfragen des Verstandes in der sogenannten Erfahrung. Denn eine Erfahrung hat nur dann einen Wert, wenn sie vom Wollen in der entsprechenden Weise durchgearbeitet ist. Es gibt heute viel Erfahrung — wenig Erfahrung aber, die vom Wollen in der entsprechenden Weise durchgearbeitet ist. Es wird gerade auf pädagogischem Gebiet viel gesagt, gegen das, rein verstandeswissenschaftlich genommen, sich nicht einmal sehr viel einwenden läßt, das von seinem Gesichtspunkte aus angesehen ganz gescheit ist. Aber heute handelt es sich darum, einzusehen, worauf es eigentlich ankommt: vor allen Dingen einzusehen, wie unsere Pädagogik lebensfremd geworden ist.
[ 3 ] Today, as obvious examples might show you, people at teachers’ meetings talk about I would say, the old, well-worn track, whereas a truly free education of the future could only be initiated if educators and teachers were raised to that level at which one gains an overview of the truly great challenges of our immediate present—insofar as these great challenges can then be translated into concrete implications specifically for the fields of education and teaching. Certainly, the way I will speak to you today will not be what I would present as authoritative or even in any way exemplary. But I would like, so to speak, to point out the realm in which we should address educators today, so that these educators may receive the impetus to engage of their own accord in a free system of education. It is precisely these teachers who must be raised to meet the great, comprehensive challenges of our time; teachers must first and foremost discern what forces are actually hidden within today’s world events; which forces—originating from the past—must be eradicated; and which forces are emerging from the depths of our present existence that require special attention. A certain—I would say, in the best and most ideal sense—cultural-political perspective must be adopted today, one that could serve as the foundation for the very impulses that must be conveyed to teachers. For example, it must first and foremost be recognized that our pedagogy is infinitely impoverished at all levels of teaching and instruction, and the reasons for this impoverishment must be understood. Above all, this pedagogy has lost its direct connection to life. Today, educators speak of all sorts of methodological matters, and above all, they speak of the great benefits that state administration is supposed to bring to education. They probably continue to speak of these benefits—I would say, almost automatically—even if, in theory, they have already grasped something of the necessary threefold structure of the social organism. Never before have these—I would say—automatic patterns of thought been as strong as they are in our own time, and this automatic nature of thought patterns is particularly evident in the development of pedagogical ideas. These pedagogical ideas have suffered from something we have not yet been able to escape in recent times, but from which we must escape. Indeed, there are questions today that simply cannot be answered by saying, “Based on past experience, either this or that is possible.” Such a response would immediately give rise to hesitation in people’s hearts and souls. Today there are countless questions that must be answered by asking ourselves: “Must not one thing or another happen if we are to emerge from confusion and chaos?” And then we are dealing with questions of the will, into which the often seemingly justified, hesitant questions of the intellect—based on so-called experience—have no business intruding. For an experience has value only when it has been worked through by the will in the appropriate manner. There is much experience today—but little experience that has been worked through by the will in the appropriate manner. In the field of education in particular, much is said that, viewed purely from an intellectual standpoint, is not even particularly open to objection—and which, from that perspective, seems quite sensible. But today the task is to recognize what really matters: above all, to recognize how our pedagogy has become alienated from life.
[ 4 ] Ich darf eine persönliche Bemerkung auch hier machen. In Berlin wurde vor vielleicht dreiundzwanzig Jahren ein Verein für Hochschul-Pädagogik gegründet. Vorsitzender dieses Vereins für Hochschul-Pädagogik war der Astronom Wilhelm Förster. Ich gehörte diesen Verein für Hochschul-Pädagogik auch an. Wir hatten eine Serie von Vorträgen zu halten in diesem Verein. Die meisten dieser Vorträge wurden so gehalten, daß man glaubte, man brauche nur zu erkennen gewisse formale Dinge über die Behandlung der einzelnen Wissenschaften und die Zusammenstellung der einzelnen Wissenschaften in Fakultäten oder ähnliches. Ich versuchte — aber wurde auch dazumal wenig verstanden — darauf aufmerksam zu machen, daß eine Hochschule nichts anderes sein dürfe als ein Ausschnitt aus dem allgemeinen Leben; daß vor allen Dingen derjenige, der etwas reden will über Hochschul-Pädagogik, ausgehen müsse von der Frage: In welcher Lage des Lebens, weltgeschichtlich genommen, stehen wir gegenwärtig auf all den verschiedensten Gebieten, und was haben wir an Impulsen aus den verschiedensten Gebieten des Lebens heraus zu beobachten, um es hineinstrahlen zu lassen in die Hochschule, damit wir eine Hochschule zu einem Ausschnitt aus dem allgemeinen Leben machen? Wenn man nicht im Abstrakten, sondern im Konkreten solche Dinge durchführt, da ergeben sich dann die mannigfaltigsten Gesichtspunkte für die Begrenzung, sagen wir der Zeit, die gewidmet werden soll dem einen oder andern sogenannten Fach; da ergeben sich auch die Arten, wie das eine oder andere Fach behandelt werden kann. In dem Augenblick, wo man bloß aus dem, womit heute die Pädagogik vielfach arbeitet, solche Begrenzung vornehmen will, in dem Augenblick versagt alles; man gestaltet die betreffenden Unterrichtsanstalten zu nichts anderem als zu Abrichtungsanstalten für weltfremde Leute.
[ 4 ] I would like to make a personal remark here as well. About twenty-three years ago, an association for higher education pedagogy was founded in Berlin. The chairman of this association was the astronomer Wilhelm Förster. I was also a member of this association. We were to give a series of lectures in this association. Most of these lectures were presented in such a way that one might have thought it was sufficient merely to recognize certain formal aspects of how the individual sciences are taught and how they are organized into faculties or the like. I tried—though I was little understood at the time—to draw attention to the fact that a university should be nothing other than a cross-section of life in general; that, above all, anyone who wishes to speak about higher education pedagogy must begin with the question: In what stage of life, from a world-historical perspective, do we currently find ourselves in all the various fields, and what impulses can we observe emerging from the most diverse areas of life that we might allow to shine into the university, so that we can make the university a cross-section of life in general? If one carries out such things not in the abstract but in concrete terms, then the most diverse perspectives emerge regarding the limits—let us say, of the time—to be devoted to one or another so-called subject; the ways in which one subject or another can be approached also become apparent. The moment one attempts to impose such limitations based solely on the methods pedagogy frequently employs today, everything fails; one transforms the educational institutions in question into nothing more than training centers for people out of touch with the real world.
[ 5 ] Aber welches sind die ganz inneren Gründe, die tief inneren Gründe, daß das alles so geworden ist? So wie die großartige Entwickelung des naturwissenschaftlich orientierten Denkens in der neueren Zeit heraufgekommen ist, so hat dieses naturwissenschaftliche Denken, das ja auf der einen Seite in großartiger Weise dahin gelangt ist, den Menschen rein als Naturwesen zu begreifen, doch jede wirkliche Menschenerkenntnis im Grunde genommen abgeschnitten; jene Menschenerkenntnis, von der wir schon neulich gesprochen haben als von dem Allernotwendigsten gerade für den richtigen Pädagogen; jene Menschenerkenntnis, welche den lebendigen Menschen in seinem ganzen Dasein, aber nicht wie es heute so vielfach bloß formal dargestellt wird, erkennt, sondern nach seiner inneren Wesenheit, namentlich nach seiner Entwickelungswesenheit. Es gibt ein Symptom, das ich hier auch schon öfters erwähnt habe, für dieses ungeheuer Menschenfremde des modernen pädagogischen Wesens. Wenn man solche Dinge heute sagt, so wird man vielleicht geziehen werden können der Paradoxie. Aber sie müssen heute ausgesprochen werden, denn sie sind das Allernotwendigste. Aus dem Verlust wirklich lebendiger Menschenerkenntnis ist hervorgegangen jenes trostlose, öde Streben, das sich heute als ein Zweig der sogenannten Experimentalpsychologie — gegen die ich als solche nichts habe — geltend macht. Die sogenannte Prüfung der Fähigen — ein wahres Schauerbild desjenigen, was auf pädagogischem Gebiet das wirklich Ersprießliche ist. Ich habe Ihnen vielleicht schon öfter charakterisiert, wie durch äußere experimentelle Veranstaltung das Gedächtnis, sogar der Verstand und anderes am Menschenobjekte geprüft werden sollen, damit man auf äußerlich registrativem Wege herausbekommt, ob jemand ein gutes oder schlechtes Gedächtnis, einen guten oder schlechten Verstand hat. In rein mechanischer Weise, indem man Sätze vorlegt und sie ergänzen läßt, oder indem man in irgendeiner anderen ähnlichen Weise verfährt, versucht man ein Bild zu bekommen, was ein werdender Mensch an Fähigkeiten in sich hat. Das ist ein Symptom dafür, daß man alle unmittelbare Beziehung von Mensch zu Mensch, die allein ersprießlich sein kann, im Kulturwirken verlernt hat. Es ist das Symptom für etwas TI'rostloses, welches sich hat entwickeln können, und welches heute als ein besonderer Fortschritt angestaunt wird, dieses Fähigkeitprüfen, das heraufgesprossen ist aus den sogenannten psychologischen Laboratorien der neueren Universitäten. Ehe man nicht einsieht, wie wir wiederum zurückkommen müssen zu einer unmittelbar aus dem Menschen heraus zu gewinnenden intuitiven Erkenntnis des Menschenwesens, namentlich des werdenden Menschenwesens, ehe wir nicht überwinden dieses trostlose Errichten einer Kluft auch auf diesem Gebiet zwischen Mensch und Mensch, werden wir gar nicht verstehen können, worin es liegt, eine lebensvolle Pädagogik für ein freies Geistesleben zu schaffen. Ausgekehrt müßte werden aus unseren Unterrichtsanstalten all dasjenige, was am Menschen herumexperimentieren will, um irgend etwas Pädagogisches auszumachen. Als Grundlage für eine vernünftige Psychologie ist mir die Experimental-Psychologie wert; so wie sie sich heute in die Pädagogik, sogar schon in die Gerichtszimmer hineingeschlichen hat, so ist sie das Verderben für dasjenige, was als Gesundes sich entwickeln muß: voll entwickelte Menschen, die nicht durch eine Kluft von den anderen voll entwickelten Menschen getrennt sind. Wir haben es dahin gebracht, daß wir alles Menschliche ausgeschlossen haben aus unserem Kulturstreben. Wir müssen es dahin bringen, dieses Menschliche wiederum einzuschließen. Und wir müssen den Mut auf bringen, gegen manches, was allmählich angestaunt worden ist in der neueren Zeit als große Errungenschaft, energisch Front zu machen; sonst kommen wir nie weiter. Daher sind oft diejenigen Menschen, die heute als Lehrer die Hochschulen verlassen, um dann Menschen zu bilden, mit den verkehrtesten Anschauungen über das Menschenwesen ausgestattet, weil sie ja wirkliche Anschauungen nicht bekommen, weil an die Stelle der wirklichen Anschauungen etwas so Veräußerlichtes getreten ist wie dieses experimentelle Feststellen der Fähigkeiten. Das müßte man als ein Verfallssymptom erkennen. Wir müssen in uns die Möglichkeit suchen, die Fähigkeiten eines Menschen zu beurteilen, weil er Mensch ist und man selber Mensch ist. Und einsehen müßte man, daß jede andere Methode deshalb von Unheil ist, weil sie gewissermaßen auslöscht das Erfülltsein vom unmittelbaren lebendigen Begreifen des Menschlichen, das so notwendig ist, wenn wir in heilsamer Weise fortschreiten wollen.
[ 5 ] But what are the innermost reasons, the deeply rooted reasons, for why all of this has turned out this way? Just as the magnificent development of scientifically oriented thinking has emerged in recent times, so too has this scientific thinking—which, on the one hand, has achieved in a magnificent way the understanding of human beings purely as natural beings—fundamentally cut off any real understanding of humanity; that understanding of human beings which we spoke of recently as being absolutely essential, especially for the true educator; that understanding which perceives the living human being in the entirety of his existence—not as is so often depicted today in a merely formal way, but according to his inner essence, namely, according to his developmental nature. There is a symptom—one I have mentioned here on several occasions—of this immense alienation from humanity inherent in the modern educational system. If one says such things today, one might be accused of paradox. But they must be spoken today, for they are the very most essential. From the loss of a truly living understanding of human nature has arisen that desolate, barren pursuit that today asserts itself as a branch of so-called experimental psychology—against which I have nothing as such. The so-called testing of aptitude—a truly horrifying spectacle of what is truly fruitful in the field of education. I may have already described to you on several occasions how, through external experimental procedures, memory, even intellect, and other human faculties are to be tested, so that one can determine, by means of external observation, whether someone has a good or bad memory, a good or bad intellect. In a purely mechanical manner—by presenting sentences and having them completed, or by proceeding in some other similar way—one attempts to gain a picture of the abilities a developing human being possesses. This is a symptom of the fact that, in cultural life, we have forgotten all direct human-to-human relationships, which alone can be fruitful. It is a symptom of something disheartening that has been allowed to develop—and which is today marveled at as a special advancement—this testing of abilities that has sprung up from the so-called psychological laboratories of modern universities. Until we realize how we must return to an intuitive understanding of the human being—namely, the developing human being—derived directly from within the human being itself, and until we overcome this disheartening creation of a chasm between human beings in this realm as well, we will not be able to understand at all what it means to create a life-affirming pedagogy for a free spiritual life. Everything in our educational institutions that seeks to experiment on human beings in order to arrive at some pedagogical conclusion must be swept out. I consider experimental psychology to be worthless as a foundation for a sound psychology; just as it has crept into pedagogy today—and even into courtrooms—it spells ruin for what must develop as something healthy: fully developed human beings who are not separated from other fully developed human beings by a gulf. We have reached a point where we have excluded everything human from our cultural endeavors. We must work to include this human element once again. And we must summon the courage to take a firm stand against many things that have gradually come to be regarded in recent times as great achievements; otherwise, we will never make any progress. That is why those who today leave universities as teachers—to then educate others—are often equipped with the most distorted views of human nature, because they have not been given genuine insights; instead, genuine insights have been replaced by something as externalized as this experimental assessment of abilities. This should be recognized as a symptom of decline. We must seek within ourselves the ability to assess a person’s abilities, because that person is human and we ourselves are human. And we must realize that any other method is harmful because it, in a sense, extinguishes the fulfillment that comes from the immediate, living understanding of what it means to be human—an understanding that is so necessary if we wish to move forward in a wholesome way.
[ 6 ] Diese Dinge werden heute noch gar nicht gesehen. Sie müssen vor allen Dingen gesehen werden, wenn wir weiterkommen wollen. Wie oft ist auch hier von diesen Dingen gesprochen worden. Man hat ja manchmal über diese Verkehrtheiten ein Lächeln gehabt. Daß diese Dinge aber gesprochen worden sind darum, daß sie wirklich ein Bestandteil des heutigen Geisteslebens werden, davon hatte man nicht immer eine Ahnung. Aber es kommt heute nicht darauf an, daß man sich etwas anhört wie ein Feuilleton, es kommt heute darauf an, daß man unterscheiden lernt zwischen demjenigen, was bloß, ich möchte sagen, Aperçu und Betrachtung ist, und demjenigen, was Keime zur Tat in sich enthalten kann. Alles Streben der sogenannten Anthroposophie, die hier gepflegt wird, gipfelt ja zuletzt darin, aufzubauen die Idee vom Menschen, Menschenerkenntnis zu liefern. Die brauchen wir. Die brauchen wir, weil wir aus den Forderungen der Zeit heraus zu überwinden haben eine dreigliedrige Zwangslage. Es sind zurückgeblieben aus den alten Zeiten dreierlei Arten von Zwang. Erstens der urälteste Zwang, der sich nur in verschiedener Weise maskiert in der Gegenwart, als Priesterzwang. Man würde weiter kommen in der Betrachtung der Zeitlage, wenn man die Maskierung erkennen würde in den ja heute mit Bezug auf äußere Tatsächlichkeiten untergegangenen, in bezug auf menschliches Denken leider noch fortlebenden staatlichen Ideen und Impulsen von Europa und Amerika und auch Asien, die moderne Maskierung alten Priesterzwanges.
[ 6 ] These things are still not recognized at all today. Above all, they must be recognized if we are to make progress. How often have these matters been discussed here as well? People have sometimes smiled at these absurdities. But people did not always realize that these things were discussed precisely so that they might truly become an integral part of today’s spiritual life. Yet what matters today is not that one listens to something like a feature article; what matters today is that one learns to distinguish between what is merely—I would say—an insight or reflection, and what may contain the seeds of action. All the striving of so-called anthroposophy, as practiced here, ultimately culminates in building up the idea of the human being and providing insight into humanity. We need this. We need it because, in response to the demands of our time, we must overcome a threefold predicament. Three kinds of compulsion have been left over from ancient times. First, the most ancient compulsion, which in the present is merely masked in various ways as clerical compulsion. One would make greater progress in assessing the current situation if one were to recognize this disguise in the state-sponsored ideas and impulses of Europe, America, and also Asia—which, while now defunct in terms of external realities, unfortunately still persist in human thought—as the modern disguise of the old priestly compulsion.
[ 7 ] Als zweiten Zwang haben wir, etwas später ausgebildet in der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit, heute auch schon unter den verschiedenen Maskierungen auftretend, den politischen Zwang.
[ 7 ] The second form of coercion—which emerged somewhat later in the course of human history and already manifests itself today in various guises—is political coercion.
[ 8 ] Und als drittes haben wir als verhältnismäßig am spätesten hinzugekommenen Zwang den wirtschaftlichen Zwang.
[ 8 ] And third, we have economic coercion, which is the one that emerged relatively latest.
[ 9 ] Aus diesen drei Zwangsimpulsen muß die Menschheit sich herausarbeiten; das ist ihre unmittelbare Gegenwartsaufgabe. Sie kann nur herauskommen, wenn sie vor allen Dingen klar sieht, wo die Residuen, wo die Reste sind von dem, was in verschiedener Maskierung heute unter uns lebt, die Masken dieser drei Zwangsimpulse der Menschheit.
[ 9 ] Humanity must free itself from these three compulsive impulses; that is its immediate task in the present. It can only do so if, above all, it clearly sees where the residues, the remnants, of what lives among us today in various guises—the masks of these three compulsive impulses of humanity—are to be found.
[ 10 ] Vor allen Dingen muß heute der Blick des Pädagogen hinaufgehoben werden bis zu jenem Niveau, wo solche Dinge besprochen werden können, wo man mit den Lichtern, die man bekommt durch solche Dinge, auf die zeitgenössische Entwickelung leuchten kann, wo man überall sehen kann, wie das eine oder andere Zwangsverhältnis in der einen oder anderen zeitgenössischen Tatsache steckt. Nur dann wird man den Mut aufbringen, sich heute zu sagen: Weil sich die Pädagogik abgesondert hat, gewissermaßen sich zurückgezogen hat in die Schule, ist es dahin gekommen, daß sie solche verschrobenen Ideen auf bringt — was nur ein Symptom ist — wie die Erprobung von menschlichen Tüchtigkeiten durch das Experiment. Aber überall, wo heute von allgemein- oder spezialpädagogischer Methode gesprochen wird, sehen wir die Folge dieses Sichzurückziehens in die bloße Schule, in die der Staat die Pädagogik hineingezwängt hat, und diese Entfernung von dem Leben. Niemals kann einer der hauptsächlichsten Lebenszweige: Geistiges, Rechtliches oder Politisches, und Wirtschaftliches sich voll entwickeln in der Gegenwart — ich sage ausdrücklich in der Gegenwart, und namentlich in unserer Gegend —, wenn diese drei Zweige nicht auf ihren eigenen Boden gestellt werden. Für den äußersten Westen, Amerika, und für den äußersten Östenistes etwas anderes, aber gerade weil es etwas anderes ist, muß bei uns diese Sache eingesehen werden. Wir müssen endlich dahin kommen, konkret zu denken, nicht mehr abstrakt zu denken; sonst kommen wir mit Bezug auf das Räumliche zu einer die Menschheit der ganzen Erde beglückenden Theorie, was Unsinn ist, oder zu einer Art von tausendjährigem Reich in bezug auf die geschichtliche Entwickelung, was wieder Unsinn ist. Konkret denken auf diesem Gebiet heißt: für einen bestimmten Weltenraum und für eine bestimmte Zeit denken. Wir werden darüber heute noch einiges zu sprechen haben.
[ 10 ] Above all, educators today must raise their gaze to that level where such matters can be discussed, where the insights gained from them can be used to shed light on contemporary developments, and where one can see everywhere how one or another form of coercion is embedded in one or another contemporary reality. Only then will we muster the courage to say to ourselves today: Because pedagogy has isolated itself—has, in a sense, retreated into the school—it has come to the point where it puts forward such eccentric ideas—which are merely a symptom—such as testing human abilities through experimentation. But wherever people speak today of general or specialized pedagogical methods, we see the consequence of this withdrawal into the school alone—into which the state has forced pedagogy—and this detachment from life. Never can one of the most fundamental branches of life— the intellectual, the legal or political, and the economic—fully develop in the present—I say explicitly in the present, and particularly in our region—if these three branches are not placed on their own ground. For the far west, America, and for the far east, the situation is different, but precisely because it is different, this matter must be understood here. We must finally come to think concretely, no longer abstractly; otherwise, with regard to spatial matters, we will arrive at a theory that promises happiness for all of humanity across the entire Earth—which is nonsense—or at a sort of millennial kingdom in terms of historical development—which is also nonsense. Thinking concretely in this area means thinking within a specific geographical space and for a specific period of time. We will have more to say about this later today.
[ 11 ] Der Blick des Pädagogen muß auf diese großen Welterscheinungen gelenkt werden, muß überschauen können, was im geistigen Leben der Gegenwart vorhanden ist, und was in diesem Leben der Gegenwart anders werden muß dadurch, daß man in dem werdenden Menschen etwas ganz anderes erzieht als dasjenige, was in den letzten Zeiten gezüchtet worden ist. Was in der letzten Zeit gezüchtet worden ist, hat gerade auf pädagogischem Gebiet bei denjenigen, die dann pädagogisch tätig sein sollten, zu einer furchtbaren Spezialisierung geführt. Man begegnet sehr häufig gerade bei Festreden und auf Naturforscherversammlungen und sonstigen Gelehrtenversammlungen den Lobliedern auf die Spezialisierung. Selbstverständlich wäre ich ein Tor, wenn ich nicht einzusehen vermöchte, welche Notwendigkeit dieser Spezialisierung auch auf dem Gebiete der Wissenschaft zugrunde liegt; aber sie braucht einen Ausgleich, sonst errichten wir Klüfte zwischen Mensch und Mensch, und stehen nicht mehr verständnisvoll als Mensch dem Menschen gegenüber, sondern wir stehen einander gegenüber, hilflos als Spezialist dem Spezialisten, wobei wir gar keine andere Handhabe haben, an den Spezialisten zu glauben, als allein diese, daß er durch die tatsächlich vorhandenen Einrichtungen in irgendeiner Weise abgestempelt ist. Aber wir waren auf dem Wege, dieses Spezialistentum auch von der Schule her ins Leben einzuführen. Ob die Wirrnisse der Gegenwart uns vor dem Unglück bewahren werden, daß neben den allerlei anderen Sachverständigen in die Gerichtsstube auch noch, wie manche wollen, die Psychologen hinberufen werden, die dann an den Verbrechern ihre Experimente machen — geradeso, wie man an den jungen Leuten die Experimente macht —, das wird sich ja zeigen. Ich sage weniger etwas gegen die Sachen selber, als gegen die Art und Weise, wie sie sich in die Gegenwart hineingestellt haben.
[ 11 ] The educator’s gaze must be directed toward these great world phenomena; it must be able to take in what is present in contemporary spiritual life, and what in this contemporary life must change as a result of educating the developing human being in a way that is entirely different from what has been practiced in recent times. What has been fostered in recent times has led, particularly in the field of education, to a terrible degree of specialization among those who are then expected to work in education. One very often encounters praise for specialization, particularly in ceremonial speeches and at gatherings of natural scientists and other scholarly assemblies. Of course, I would be a fool if I could not recognize the necessity underlying this specialization, even in the realm of science; but it needs to be balanced; otherwise, we create chasms between people, and no longer face one another with understanding as human beings, but stand opposite one another, helpless as specialist against specialist, with no other basis for trusting the specialist than the fact that he is in some way certified by the existing institutions. But we were on the path to introducing this specialization into life through the school system as well. Whether the turmoil of the present will spare us the misfortune of having psychologists—in addition to all manner of other experts—summoned into the courtroom, as some would have it, to conduct their experiments on criminals—just as experiments are conducted on young people—remains to be seen. I am not so much objecting to the matters themselves as to the way in which they have established themselves in the present.
[ 12 ] So liegen die Dinge auf dem Gebiete der Pädagogik, der Schulbildung und auf dem Gebiete des Staates.
[ 12 ] This is how things stand in the fields of education, schooling, and government.
[ 13 ] Ja, nach der kurzen Zeit, in welcher gesprochen worden ist, mag das nun inhaltlich anfechtbar sein oder nicht, von dem innerlich begründeten Menschenrecht — damals nannte man es Naturrecht —, nach dieser verhältnismäßig kurzen Zeit kam diejenige Epoche, in der man anfing, sich zu genieren, von diesem Naturrecht zu sprechen. Man war selbstverständlich ein Dilettant, wenn man von diesem Naturrecht sprach, das heißt wenn man annahm, daß mit der Existenz des Menschen als einzelnem menschlichen Individuum selbst etwas da ist, was als solches das Recht begründet, man war damit ein Dilettant, und fachmännisch war es bloß, von historischem Recht zu sprechen, das heißt von dem, was sich geschichtlich als Recht herausgebildet hat. Man hatte nicht den Mut, auf das wirkliche Recht einzugehen; deshalb beschränkte man sich darauf, das sogenannte historische Recht allein einer Betrachtung zu unterziehen. Das aber müßte insbesondere der Pädagoge heute wissen. Der Pädagoge müßte genau eingeführt werden, namentlich in Lehrerversammlungen, in den Hergang des neunzehnten Jahrhunderts, wie verloren worden ist der Begriff des Naturrechts, oder wie er höchstens in Masken fortlebt im heutigen Recht, und wie ein gewisses Zaudern, innere Zauderhaftigkeit der Menschen an dem bloß Historischen hängen geblieben ist. Wer die Verhältnisse kennt, weiß, daß der Hauptimpuls — der nicht mehr bemerkt wird in seinen äußersten Ausläufern, wo er sich in die Pädagogik einschleicht — heute noch immer nach der Richtung des historischen Rechtes geht; daß man sich bemüht — um das Goethesche Wort zu brauchen —, von dem Rechte, das mit uns geboren ist, ja nicht zu sprechen. Ich habe öfters in den Vorträgen, die ich hier gehalten habe, darauf aufmerksam gemacht, daß wir heute offen und ehrlich die große Abrechnung halten müssen, nicht die kleine. Daher darf nicht davor zurückgeschreckt werden, in der richtigen Weise zu charakterisieren dasjenige, was ausgemerzt werden muß, denn niemals kann neu gebaut werden, wenn man nicht einen klaren Begriff hat von dem, was die menschlichen Denk- und Empfindungsgewohnheiten verdorben hat.
[ 13 ] Yes, after the brief period during which this was discussed—whether the content itself was debatable or not—regarding the intrinsically grounded human right (which was called “natural law” at the time)—after this relatively short period, an era began in which people started to feel embarrassed to speak of this natural law. One was, of course, considered an amateur if one spoke of this natural law—that is, if one assumed that the very existence of a human being as an individual in and of itself constitutes something that, as such, establishes the right; one was thus an amateur, and it was considered expert only to speak of historical law—that is, of what has historically developed into law. People lacked the courage to address true law; therefore, they limited themselves to examining so-called historical law alone. But this is something educators in particular should know today. Educators should be thoroughly instructed—particularly at teachers’ conferences—on the course of the nineteenth century: how the concept of natural law was lost, or how it survives, at best, in disguised forms within today’s law, and how a certain hesitation, an inner hesitancy among people, has clung to the merely historical. Anyone familiar with the situation knows that the main impulse—which is no longer noticed in its outermost ramifications, where it creeps into pedagogy—still moves today in the direction of historical law; that people strive—to use Goethe’s words—not to speak of the right with which we are born. I have often pointed out in the lectures I have given here that today we must make the big reckoning, not the small one, openly and honestly. Therefore, we must not shy away from correctly characterizing that which must be eradicated, for nothing new can ever be built unless we have a clear understanding of what has corrupted human habits of thought and feeling.
[ 14 ] Man kann schon sagen: Insbesondere an unserer mitteleuropäischen Kultur ist stark zu bemerken, wie zuerst zusammengebrochen ist eine wirklich positive Staatsidee. Man versuchte sie aufzubauen noch im Anfang des neunzehnten Jahrhunderts; sie ging unter unter dem Einfluß der historischen Gebilde, die ihre Impulse geltend machten. Und ohne daß die Betreffenden, die dabei beteiligt waren, es merkten, während sie glaubten, vorurteilslose Wissenschaft zu treiben, kam es dahin, daß dasjenige, was getrieben wurde, nur im Dienste des Staates oder des Wirtschaftskörpers getrieben worden ist. Nicht allein in die Verwaltung der Wissenschaft, sondern auch in den Inhalt der Wissenschaft und namentlich in alles das, was praktische Wissenschaft geworden ist, ist das hineingeflossen, was durch den Einfluß des Staates gekommen ist. Daher haben wir heute so gut wie keine Nationalökonomie, weil ein freies, auf sich gestelltes Denken sich nicht entwickeln konnte. Daher stehen wir heute gerade mit Bezug auf die wichtigsten Gesetze des Wirtschaftslebens so da, daß man gar nicht verstanden wird, wenn man von echten volkswirtschaftlichen Gesetzen spricht. Und man merkt dies ganz besonders daran, wie die Pädagogik in Unordnung gekommen ist, die Pädagogik großen Stiles, die nicht im Leben drinnen steht, sondern sich aus dem Leben heraus zurückgezogen hat in die Schulstube. Niemals kann eine wirkliche lebensvolle Betrachtung von irgend etwas zustande kommen, wenn man bloß hinweist auf dasjenige, was äußerlich erfahren werden soll — und nicht, wie es erfahren werden soll. Dasjenige, was in der neueren Zeit allein ausgebildet worden ist, die Anbetung der bloßen äußeren Erfahrung, das führt nur in die Konfusion hinein, gerade wenn es gewissenhaft ausgeführt wird. Das was wir brauchen, ist, daß wir imstande sind, auch die inneren Impulse auszubilden, die uns an die richtige Stelle der Erfahrung hinführen.
[ 14 ] It can certainly be said that our Central European culture, in particular, clearly demonstrates how a truly positive concept of the state first collapsed. Attempts were made to establish it as early as the beginning of the nineteenth century; it perished under the influence of historical structures that asserted their dominance. And without those involved even realizing it—while they believed they were pursuing unbiased science—it came to pass that what was being pursued was done solely in the service of the state or the economic system. What has come about through the influence of the state has permeated not only the administration of science but also the content of science—and particularly everything that has become practical science. That is why we have virtually no political economy today, because free, independent thinking could not develop. That is why, particularly with regard to the most important laws of economic life, we find ourselves in a situation today where people do not understand at all when one speaks of genuine economic laws. And this is particularly evident in the way pedagogy has fallen into disarray—pedagogy on a grand scale, which is not rooted in life but has withdrawn from life into the classroom. A truly vital view of anything can never come about if one merely points to what is to be experienced externally—and not to how it is to be experienced. What has been cultivated in modern times alone—the worship of mere external experience—leads only to confusion, especially when it is carried out conscientiously. What we need is to be able to cultivate the inner impulses that lead us to the right point of experience.
[ 15 ] Sie erinnern sich, daß ich am letzten Freitag aufmerksam gemacht habe in der Weise, wie es allerdings nur kurz geschehen konnte innerhalb dieser Vorträge, wie durch ein Studium der europäischen Wirtschaftsverhältnisse am Ende des vierzehnten und im Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts eine Aufklärung darüber gewonnen werden könnte, wie zu gestalten sein werden die Genossenschaften in der Zukunft, die aus Produktions- und Konsumtionsimpulsen heraus zu bilden sind. Aber auf diesen für das ganze europäische Leben grundlegenden Betrachtungsgesichtspunkt, der ausgeht von dem, was so deutlich zu lernen ist in dem großen Wendezeitalter der neueren Zeit auf allen Gebieten Ende des vierzehnten Jahrhunderts, Anfang des fünfzehnten Jahrhunderts, wird man nur hingelenkt, wenn man eben die großen Gesichtspunkte aus einer grundlegenden anthroposophischen Betrachtung heraus gewinnt. Man fälscht nicht die Tatsachen dadurch, aber man wird hingelenkt auf diejenigen Punkte der Entwickelung, wo sich in bedeutsamen Symptomen dasjenige verrät, was doch mehr unter der oberflächlichen Entwickelungsströmung bleibt und was als das eigentlich treibende Element anzusehen ist. Dafür waren der heutigen Pädagogik und wissenschaftlichen Didaktik die innerlich wissenschaftlich-methodischen Richtlinien verborgen; Pädagogik und Didaktik waren mehr oder weniger auf den Zufall angewiesen; auf dieses oder jenes Gebiet lenkte sie der Zufall. Das brauchen wir, daß wir innerliche Richtlinien bekommen, die uns auf diejenigen Wahrheiten hinlenken, die die wichtigen sind: die Richtlinien, die aus Goethes Weltanschauung gewonnen werden können, durch die sich viel, viel erkennen läßt. Das darf nicht konstruiert sein, das darf nicht aus dem Verstande heraus gesucht werden, das muß gesucht werden aus einem inneren Verwobensein des Menschen mit der Welt, wie es uns ganz abhanden gekommen ist, was sich gerade datin zeigt, daß wir in so äußerlicher Weise das individuelle Menschenwesen ergründen wollen, wie es durch die pädagogische Abzweigung der Experimental-Psychologie geschehen ist.
[ 15 ] You will recall that last Friday I drew attention—albeit only briefly, as was possible within the scope of these lectures—to how a study of European economic conditions at the end of the fourteenth and the beginning of the fifteenth centuries could shed light on how the cooperatives of the future—which are to be formed out of impulses toward production and consumption—should be structured. But one is drawn to this perspective—which is fundamental to all of European life and stems from what can be so clearly learned from the great turning point of modern times in all areas at the end of the fourteenth century and the beginning of the fifteenth—only when one derives the major insights from a fundamental anthroposophical perspective. This does not distort the facts, but it does direct our attention to those points in development where significant symptoms reveal what otherwise remains hidden beneath the superficial current of development—and what must be regarded as the actual driving force. Consequently, the inner scientific and methodological guidelines were hidden from modern pedagogy and scientific didactics; pedagogy and didactics were more or less at the mercy of chance; chance directed them toward this or that field. What we need is to receive inner guidelines that direct us toward the truths that are truly important: the guidelines that can be derived from Goethe’s worldview, through which much, much can be understood. This must not be contrived; it must not be sought through the intellect alone; it must be sought from a human being’s inner interwoven connection with the world—a connection we have entirely lost, as is evident precisely in the fact that we seek to fathom the individual human being in such an external manner, as has occurred through the pedagogical offshoot of experimental psychology.
[ 16 ] Vor allen Dingen müßte heute ein Licht aufgesteckt werden denjenigen, die Kinder zu erziehen haben, über den Grundnerv der Entwickelung der neueren Zeit. Und steht man an einem Punkte, wo die Hauptrichtung des Lebens geändert werden muß, so ist vor allen Dingen die Einsicht in dasjenige notwendig, was bisher in der Menschheitsentwickelung heraufgekommen ist. Erst ging zugrunde der elementare Impuls nach dem wirtschaftfreien Staatsleben; dann, im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts und im zwanzigsten Jahrhundert, traten wir insbesondere in Mitteleuropa unser Geistesleben mit Füßen, machten es zu einem bloßen Parasiten des Daseins. Wieviel ist eingeflossen in dieses Geistesleben, in dem wir heute drinnen stehen wollen, zum Beispiel von dem großen Impuls des Goetheanismus? Nichts, so gut wie nichts! In äußerlicher Weise wird herumgeredet über Goethe; von dem Ungeheuren, das steckt in Goethes Art, die Welt anzuschauen, ist nichts übergegangen in das allgemeine Bewußtsein. Gewissenlos genug, ich habe es öfters erzählt, war die Weimarer Goethe-Gesellschaft, nicht daran zu denken, irgendeinen Menschen an ihre Spitze zu stellen, der etwas von Goethe versteht, sondern einen abgetanen preußischen Finanzminister. Ich habe öfter erwähnt, daß man diese Wahl humoristisch empfinden konnte dadurch, daß er Kreuzwendedich heißt mit Vornamen.
[ 16 ] Above all, those who are raising children today need to be enlightened about the fundamental driving force behind modern-day development. And when we reach a point where the main direction of life must be changed, what is needed above all is an understanding of what has emerged thus far in human development. First, the elemental impulse toward a state life free of economic considerations was lost; then, in the last third of the nineteenth century and in the twentieth century, we—especially in Central Europe—trampled our spiritual life underfoot, reducing it to a mere parasite of existence. How much has flowed into this spiritual life—the one we wish to be part of today—from, for example, the great impulse of Goetheanism? Nothing, practically nothing! Outwardly, people talk endlessly about Goethe; yet nothing of the immense significance inherent in Goethe’s way of viewing the world has found its way into the general consciousness. Unscrupulous enough—as I have often recounted—was the Weimar Goethe Society to consider placing at its head not someone who understood anything about Goethe, but a dismissed Prussian finance minister. I have often mentioned that one could view this choice with a sense of humor, given that his first name is Kreuzwendedich.
[ 17 ] So sind wir hineingesegelt in ein Unberücksichtigtlassen unserer geistigen Vergangenheit. Nirgends im Gegenwartsbewußtsein ist dasjenige drinnen, was gerade dem deutschen Geistesleben von der Goetheschen Seite her sein charakteristisches Gepräge gegeben hat. Alles das ist ausgemerzt worden, ist zum Parasiten gemacht worden. GoetheAusgabe über Goethe-Ausgabe ist erschienen — nirgends ist Goethescher Geist eingezogen. Derjenige, der die Dinge durchschaut, der muß heute sagen: Auf wirtschaftlichem Gebiet ist es schlimm, auf politischem Gebiet ist es schlimm, auf geistigem Gebiet aber ist es am allerschlimmsten. So haben wir zuerst unser politisches Bewußtsein ruiniert; so haben wir nachher unseren Zusammenhang mit unserem eigenen Geistesleben ruiniert. Das sage ich nicht aus einem Pessimismus heraus, sondern das sage ich aus dem Grunde, weil aus der Einsicht in das, was geschehen ist, hervorgehen muß dasjenige, was zu geschehen hat.
[ 17 ] Thus we have drifted into a state of disregarding our intellectual past. Nowhere in our present consciousness is there any trace of what gave German intellectual life its characteristic stamp, particularly from the Goethean perspective. All of that has been eradicated, turned into a parasite. Edition after edition of Goethe’s works has been published—yet nowhere has Goethe’s spirit found its way in. Anyone who sees through these things must say today: The situation is bad in the economic sphere, it is bad in the political sphere, but it is worst of all in the spiritual sphere. Thus we first ruined our political consciousness; thus we subsequently ruined our connection to our own spiritual life. I say this not out of pessimism, but because an understanding of what has happened must lead to an understanding of what must happen.
[ 18 ] Dann, dann kam das, was man den Weltkrieg nennt. Nach dem Zusammenbruch des Politischen, das man in künstlicher Weise, schon zerbrochen, doch noch festgehalten hat, nach dem inneren Zusammenbruch des Geisteslebens der wirtschaftliche Zusammenbruch, von dessen Stärke und Größe sich die Menschen heute noch gar keine Vorstellung machen, weil sie glauben, wir stehen am Ende oder in der Mitte dieses Zusammenbruchs, während wir erst am Anfang stehen. Dieser wirtschaftliche Zusammenbruch, überall können Sie ihn an dem, was sich als die Weltkatastrophe herausgebildet hat, studieren. Würde man heute sachgemäß studieren, ich will sagen, dasjenige, was sich abgespielt hat in dem sogenannten Bagdadbahnproblem vor dem Weltkrieg, da würde man sehen die unglückseligste Zusammenknüpfung politischen und wirtschaftlichen Lebens. Verfolgt man die einzelnen Stadien der Bagdadbahn-Verhandlungen, mit denen ja insbesondere verknüpft ist der unglückselige Helfferich, so sieht man immer wiederum auf der einen Seite den wirtschaftlichen Kapitalismus Kombination über Kombination bildend, auf der andern Seite das Eingreifen national-politischer, chauvinistischer Machinationen; Machinationen, die verschieden sind, je nachdem sie von Osten oder von Westen wirken. In Deutschland beobachtet man verlorenes TatenBewußtsein, da das Geistesleben verloren ist, verlorenes TatenBewußtsein, da das Staatsleben verloren ist, Beschränkung auf das bloße Wirtschaftsleben. Von Westen überall hineinspielend wirtschaftlich-politische Aspirationen, die in der Maske des Chauvinismus, oder Nationalismus, der in der Maske des Wirtschaftlich-Politischen auftritt; vom Osten Geistig-Politisches, das sich wiederum in der verschiedensten Weise maskiert. Alles das zu einem Knäuel vereint in . dem, was sich dann in die Absurdität, in die Unmöglichkeit hineinverlieren muß in dem Bagdadbahnproblem. In diesem Problem, in seinem ganzen Hergang, liegt einfach der Beweis für die Unmöglichkeit einer Weiterentwickelung des alten Imperialismus, für die Unmöglichkeit einer Weiterentwickelung des alten politischen Systems.
[ 18 ] Then, then came what is called the World War. Following the collapse of the political order—which, though already fractured, had been artificially propped up—and following the inner collapse of spiritual life came the economic collapse, the magnitude and severity of which people today still cannot even begin to imagine, because they believe we are at the end or in the middle of this collapse, whereas we are only at the beginning. This economic collapse—you can study it everywhere in what has emerged as the global catastrophe. If one were to study it properly today—I mean, what took place in the so-called Baghdad Railway issue before the World War—one would see the most unfortunate intertwining of political and economic life. If one traces the individual stages of the Baghdad Railway negotiations—with which the ill-fated Helfferich is particularly associated—one sees, time and again, on the one hand, economic capitalism forming one combination after another, and on the other hand, the intervention of national-political, chauvinistic machinations; machinations that differ depending on whether they originate in the East or the West. In Germany, one observes a loss of the sense of purpose, since intellectual life has been lost; a loss of the sense of purpose, since political life has been lost; and a restriction to mere economic life. From the West, economic-political aspirations are at play everywhere, masquerading as chauvinism or nationalism, which in turn masquerades as economic-political forces; from the East, spiritual-political forces, which in turn disguise themselves in the most varied ways. All of this is tangled together in what must then lose itself in absurdity, in impossibility—the Baghdad Railway problem. In this problem, in its entire course, lies the simple proof of the impossibility of further development of the old imperialism, of the impossibility of further development of the old political system.
[ 19 ] Dasjenige, was so sich, ich möchte sagen, an einem großen weltpolitischen Problem zeigt, in dem Willen, diese Bahn zu bauen, das zeigt sich auch in den Einzelheiten während des Krieges. Man hat nur die Dinge niemals so betrachtet, daß man sich mit sachgemäßen Richtlinien hingewendet hat zu dem Punkte, wo die äußeren Ereignisse innere Zusammenhänge verraten können. Sehen Sie, Kapp quietschte, Bethmann Holhveg zeterte, und die geistigen Vertreter von Deutschland schwiegen. Es war einmal eine solche Situation. Kapp, der Vertreter der Landwirtschaft, quietschte, weil er nicht mehr aus und ein wußte über all der Kriegswirtschaft mit der Landwirtschaft. Bethmann Hollweg, der unpolitischste Kopf, zeterte, weil er etwas Vernünftiges über die Sache nicht zu sagen wußte. Und die geistigen Leiter Deutschlands schwiegen, weil sie sich ganz zurückgezogen hatten in Formal-Schulmäßiges und nichts wußten vom Leben, keine Ahnung hatten, wie die Dinge des Lebens behandelt werden müssen.
[ 19 ] What is evident, I would say, in the determination to build this railway—a major issue in world politics—is also evident in the details during the war. People simply never looked at things in such a way that they turned their attention, guided by appropriate principles, to the point where external events can reveal internal connections. You see, Kapp was squawking, Bethmann Hollweg was ranting, and Germany’s intellectual leaders remained silent. Such was the situation at one time. Kapp, the representative of agriculture, was squawking because he was at a loss regarding the war economy’s impact on agriculture. Bethmann Hollweg, the most apolitical of minds, ranted because he didn’t know what sensible thing to say about the matter. And Germany’s intellectual leaders remained silent because they had withdrawn entirely into formal, academic rigors and knew nothing of life, had no idea how the affairs of life must be handled.
[ 20 ] Ich weiß nicht, wie viele sich von Ihnen an diese Dinge erinnern. Es ist gar nicht irgendwie aufgebauscht, was ich Ihnen erzähle, sondern so war wirklich einmal die Situation, daß Kapp quietschte, Bethmann Hollweg im Reichstag zeterte über die furchtbare Anzapfung, die det arme erfahren hatte, und diejenigen, die etwas wissen sollten über die Dinge, sie schwiegen oder redeten etwas, was ebenso ist als schweigen, was ferne stand dem Leben. Die wirtschaftliche Entwickelung, sie konnte eigentlich nur durch eine große, bemerkbare Welttatsache ad absurdum geführt werden. Und wie wir auch in bezug auf das Staatliche herabgekommen sind, das bemerkten viele Leute nicht. Sie hatten ja die Hohenzollern, die Habsburger, den Zarismus. Daß innerhalb des Zarismus, des Hohenzollernreiches, des Habsburgerreiches bereits im allerentschiedensten Sinne, weil Unmögliches damit zusammenhing, der Keim der Auflösung war, darüber konnte man hinwegtäuschen, weil ein unnatürlicher Rahmen dasjenige zusammenhielt, was schon in voller Auflösung war, weil kein Staatsimpuls mehr drinnen war.
[ 20 ] I don’t know how many of you remember these things. What I’m telling you isn’t exaggerated in any way; that was truly the situation at the time: Kapp was squealing, Bethmann Hollweg was ranting in the Reichstag about the terrible exploitation the poor had suffered, and those who should have known something about these matters either remained silent or spoke words that were tantamount to silence—words far removed from reality. Economic development could, in fact, only be reduced to absurdity by a major, noticeable global event. And many people did not notice how far we had fallen in terms of the state. After all, they had the Hohenzollerns, the Habsburgs, and Tsarism. The fact that within Tsarism, the Hohenzollern Empire, and the Habsburg Empire, the seed of dissolution was already present in the most decisive sense—because the impossible was intertwined with them—could be concealed, because an unnatural framework held together what was already in complete dissolution, since there was no longer any state impulse within it.
[ 21 ] Heute wird von sozialistischer Seite oftmals betont, der Staat müsse aufhören. Niemand hat mehr zum Aufhören eines vernünftigen Staatswesens geführt, als die Dynastien Europas im neunzehnten Jahrhundert. Das Geistesleben, man konnte sich durch Illusionen und durch allerlei Betäubung hinwegsetzen darüber, daß wir es mit Füßen getreten haben, insofern es die Errungenschaft des neunzehnten Jahrhunderts ist. Beim Wirtschaftsleben ging das nicht. Sehen Sie, wenn der Staat darbt, da tröstet er sich damit, daß man sich an Festen erbaut, die mit papierenen Blumen den Dynasten dargebracht werden. Es ist kein Märchen, sondern eine erweislich wahre Tatsache, daß zum Beispiel schön gekleidete Frauen auf den Hamburger Brücken sich gestürzt haben mit wahrer Wut auf die Zigarettenstummel, die Wilhelm I. weggeschmissen hat, um sie sich als Andenken aufzubewahren. Es ist aber auch kein Märchen, daß jener Wilhelm II. sich nicht mit Abscheu abgewendet hat von solcher Speichelleckerei, sondern gefunden hat, daß das seiner Eitelkeit sehr gut tat; er delektierte sich daran.
[ 21 ] Today, socialists often emphasize that the state must come to an end. No one has done more to bring about the end of a rational state than the dynasties of nineteenth-century Europe. As for intellectual life, we were able to ignore—through illusions and all manner of numbing—the fact that we had trampled it underfoot, insofar as it was the achievement of the nineteenth century. With economic life, that was not possible. You see, when the state is in dire straits, it consoles itself by taking delight in festivals at which paper flowers are offered to the dynasts. It is no fairy tale, but a demonstrably true fact, that, for example, elegantly dressed women on the bridges of Hamburg threw themselves with genuine fury at the cigarette butts that Wilhelm I had discarded so he could keep them as souvenirs. But it is also no fairy tale that Wilhelm II did not turn away in disgust from such sycophancy, but rather found that it flattered his vanity greatly; he revelled in it.
[ 22 ] Ja, so haben wir zuletzt gerade auf dem Gebiete des Wirtschaftslebens die merkwürdige Erscheinung erlebt, die man nicht anders charakterisieren konnte, als daß die Landwirtschaft quietschte, die Politik zeterte, die Industrie rieb sich das Bäuchlein vor Wohlbehagen, die Arbeiter zunächst — insofern sie schon einen kleinen Anteil bekamen von der Industrie — mit, bis sie zur Front kamen und da einen anderen Ton lernten, und dann auch andere Anschauungen verbreiteten, als sie wiederum in die Heimat kamen. Derjenige lügt heute selbstverständlich, der sagt, daß von der sogenannten Heimat der Niederbruch ausgegangen ist. Der Niederbruch ist von der Front ausgegangen, weil die Leute es da nicht mehr aushalten konnten.
[ 22 ] Yes, we have recently witnessed this strange phenomenon in the realm of economic life, which could not be characterized any other way than to say that agriculture was squeaking, politics was clamouring, industry was rubbing its belly with contentment, and the workers—insofar as they had already received a small share from industry—joined in at first, until they went to the front and learned a different tune there, and then also spread different views when they returned home. Anyone who says today that the so-called “homeland” was the source of the collapse is, of course, lying. The collapse originated at the front, because people there could no longer bear it.
[ 23 ] Solche Dinge, sie muß insbesondere der heute wissen, der das Volk erziehen will. Der darf fernerhin nicht in irgendeinem Winkel sitzen und vom Leben nichts verstehen, sondern der muß kennen, was geschehen muß. Viel wichtiger als jene Formalien, die auf Lehrertagen tradiert werden, wäre heute, daß gerade vor den Jugendbildnern über diese kulturhistorische Erscheinung gründlich gesprochen würde und auch enthüllt würde dasjenige, was sich gerade auf dem Gebiet des kapitalistischen Wirtschaftslebens so klar zeigt.
[ 23 ] These are the kinds of things that anyone who wants to educate the people today must know in particular. Furthermore, such a person must not sit in some corner, knowing nothing of life, but must understand what needs to be done. Far more important today than the formalities handed down at teachers’ conferences would be for youth educators, in particular, to discuss this cultural-historical phenomenon in depth and to shed light on what is so clearly evident in the realm of capitalist economic life.
[ 24 ] Sie wissen, von der einen Seite behauptet, von der andern Seite bestritten, wird einer gewissen Gesellschaft zugeschrieben der Satz:«Der Zweck heiligt die Mittel». In dem unter dem Einfluß des Kapitalismus stehenden Wirtschaftsleben hat sich während der sogenannten Weltkatastrophe ein anderer Impuls gezeigt, der heißt: Der Zweck hat die Mittel entheiligt. Denn überall wurden unter den Zwecken, unter den Zielen, die gesetzt worden sind — gerade das enthüllt wiederum das Bagdadbahnproblem — die Mittel entheiligt, oder aber es entheiligten wieder die Mittel auch den Zweck und die Ziele.
[ 24 ] As you know, the statement “The end justifies the means” is attributed to a certain society—asserted by some and disputed by others. In economic life, which is under the influence of capitalism, another impulse has emerged during the so-called global catastrophe, namely: The end has desecrated the means. For everywhere, among the ends and goals that have been set—and this is precisely what the Baghdad Railway issue reveals once again—the means have been desecrated, or else the means have in turn desecrated the ends and goals as well.
[ 25 ] Diese Dinge, die müssen gewußt werden, und sie müssen rückhaltlos heute betrachtet werden. Insofern meine ich meine heutige Betrachtung pädagogisch, als ich glaube, daß vielleicht nicht der Art nach, aber aus jener Region heraus, aus der heute von mir gesprochen wird, vor allen Dingen zu den Lehrern jeder Stufe gesprochen werden müßte. Dem müssen wir entwachsen, was bisher verhindert hat, daß zu den Lehrern der verschiedensten Stufen von den großen Weltereignissen gesprochen worden ist. Dadurch erleben wir ja heute das Trostlose der absoluten politischen Ungeschultheit eines großen Teiles unserer Bevölkerung. Man trifft heute Menschen — ich kann in diesem Falle nicht höflich sein, denn ich kann nicht einmal sagen: «die Anwesenden sind ausgenommen », wenigstens nicht alle —, man trifft heute Menschen, die nicht wissen, was sich seit Jahrzehnten selbst in den alleräußersten Äußerlichkeiten zum Beispiel der Arbeiterbewegung, abgespielt hat; die keine Ahnung haben, in welchen besonderen Formen das Proletariat seit Jahrzehnten kämpft. Nun, eine Erziehungsweise des Volkes, die die Menschen so hereinstellt in die Welt, daß sie aneinander vorbeigehen und nichts wissen voneinander, die muß doch zum Niederbruch führen. Gibt es denn nicht heute Bürgerliche, die kaum vom Arbeiter viel anderes wissen, als daß er anders gekleidet ist als sie und ähnliches, die nichts wissen von jenem Streben, das im Gewerkschaftlichen, im Genossenschaftlichen, in politischen Parteien lebt, die nicht sich die Mühe genommen haben, hineinzuschauen in dasjenige, was rings um sie herum vorgeht. Woher kommt das? Weil die Menschen nie gelernt haben, zu lernen vom Leben, weil sie immer nur lernen, das oder jenes zu wissen. Man denkt: Ich weiß das, ich bin Spezialist auf diesem Gebiete; du weißt das, du bist Spezialist auf diesem Gebiete. Daran haben sich die Leute gewöhnt, aber niemals sind sie zu etwas anderem gekommen, als daß sie in ihren Schulen ein Wissen aufgenommen haben und die Aufnahme dieses Wissens als ein Ideal betrachteten, während es doch darauf ankommt, daß man lernen lerne — lernen lerne so, daß man, wenn man noch so alt wird, bis zu seinem Todesjahr ein Schüler des Lebens bleiben kann. Heute haben die Menschen, selbst wenn sie die Hochschule absolviert haben, in der Regel in den Zwanzigerjahren ausgelernt. Sie können nichts mehr vom Leben lernen, sie surten nur ab dasjenige, was sie bis dahin aufgenommen haben. Höchstens daß sie da und dort ein kleines Aperçu machen. Diejenigen, die anders sind, gehören heute zu den Ausnahmen. Dasjenige, worauf es ankommt, das ist, daß wir eine Pädagogik finden, wo gelernt wird, zu lernen, zu lernen sein ganzes Leben hindurch vom Leben. Es gibt nichts im Leben, wovon man nicht lernen kann. Wir stünden auf einem anderen Boden heute, wenn die Menschen gelernt hätten, zu lernen. Warum sind wir heute sozial so hilflos? Weil Tatsachen aufgetreten sind, denen die Menschen nicht gewachsen sind. Sie können von den Tatsachen nicht lernen, weil sie sich immer an Äußerlichstes halten müssen. Es wird in der Zukunft keine Pädagogik geben, die fruchtbar sein kann, wenn man sich nicht wird die Mühe geben, hinauf sich zu erheben zu den großen Kulturgesichtspunkten der Menschheit.
[ 25 ] These things must be known, and they must be examined without reservation today. In this respect, I mean my reflection today to be pedagogical, in that I believe that—perhaps not in form, but from the perspective I am speaking from today—it is above all to teachers at every level that this message should be addressed. We must move beyond what has hitherto prevented the major world events from being discussed with teachers at all levels. As a result, we are now witnessing the bleak reality of the absolute political ignorance of a large portion of our population. One encounters people today—I cannot be polite in this case, for I cannot even say, “Those present are exempt,” at least not all of them— one encounters people today who do not know what has been taking place for decades, even in the most outward manifestations of, for example, the labor movement; who have no idea in what specific forms the proletariat has been struggling for decades. Well, a system of education for the people that introduces individuals to the world in such a way that they pass each other by and know nothing about one another—such a system must inevitably lead to collapse. Are there not, after all, members of the bourgeoisie today who know little more about workers than that they dress differently from them and the like, who know nothing of the aspirations that live on in labor unions, cooperatives, and political parties, who have not taken the trouble to look into what is happening all around them? Where does this come from? Because people have never learned to learn from life; because they only ever learn to know this or that. People think: I know this, I’m a specialist in this field; you know that, you’re a specialist in that field. People have grown accustomed to this, but they have never come to anything other than acquiring knowledge in their schools and regarding the acquisition of this knowledge as an ideal, whereas what really matters is learning how to learn—learning how to learn in such a way that, no matter how old one gets, one can remain a student of life right up until the year of one’s death. Today, even if people have graduated from college, they have generally stopped learning by their twenties. They can no longer learn anything from life; they merely draw on what they have absorbed up to that point. At most, they might gain a small insight here and there. Those who are different are the exceptions today. What matters is that we find a pedagogy in which one learns to learn—to learn from life throughout one’s entire life. There is nothing in life from which one cannot learn. We would be on different ground today if people had learned to learn. Why are we so socially helpless today? Because circumstances have arisen that people are not equipped to handle. They cannot learn from these circumstances because they are always forced to focus on the most superficial aspects. In the future, no educational approach will be fruitful unless we make the effort to rise to the great cultural perspectives of humanity.
[ 26 ] Wer heute ein wenig die Welt betrachtet mit einigen anthroposophischen Grundlagen, von denen hier so oft gesprochen worden ist, der weiß konkret zu denken über das, was da ist. Er schaut nach Westen, er schaut nach Osten, und er kann sich Aufgaben stellen aus der konkreten Beobachtung. Er schaut nach Westen, in jene angloamerikanische Welt hinein, in der große politische Impulse, die uns Mitteleuropäern schädlich geworden sind, die aber großzügig sind, seit vielen Jahrzehnten — vielleicht seit länger, ich kann sie nur seit Jahrzehnten verfolgen — gespielt haben. Ja, alle diejenigen großen Impulse, die im politischen Leben der neueren Zeit sind, sie sind von der anglo-amerikanischen Bevölkerung ausgegangen, denn die wußte immer mit den historischen Kräften zu rechnen. Als ich während des Krieges versuchte, einigen Leuten das beizubringen, und sagte: Wir können nur widerstehen den Kräften, die von dort ausgehen, mit ähnlichen, aus den historischen Impulsen herausgeholten Kräften, da lachten sie mich aus, weil man bei uns keinen Glauben hat an große historische Impulse.
[ 26 ] Anyone who looks at the world today with a few anthroposophical principles in mind—principles that have been discussed here so often—knows how to think concretely about what is there. They look to the West, they look to the East, and they can set themselves tasks based on concrete observation. They look to the West, into that Anglo-American world where great political impulses—which have become harmful to us Central Europeans, yet are generous in nature—have been at play for many decades—perhaps longer; I have only been able to follow them for decades. Yes, all those major impulses in modern political life have originated with the Anglo-American people, for they have always known how to reckon with historical forces. When I tried to explain this to some people during the war, saying, “We can only resist the forces emanating from there with similar forces drawn from historical impulses,” they laughed at me, because we have no faith in great historical impulses.
[ 27 ] Wer den Westen, insofern er anglo-amerikanisch ist, richtig zu studieren versteht, der findet dort eine Summe von menschheitlichen Instinkten, von Impulsen, die aus dem geschichtlichen Leben heraus kommen. Alle diese Impulse sind politisch-wirtschaftlicher Art. Es gibt elementare, bedeutsame Impulse innerhalb des Anglo-Amerikanertums, die alle politisch-wirtschaftliche Färbung haben, die alle politisch so denken, daß politisch über die Wirtschaft gedacht wird. Aber nun gibt es da eine Eigentümlichkeit; das ist die: Sie wissen, wenn wir reden über das Wirtschaftliche, so fordern wir, daß im Wirtschaftlichen in der Zukunft walte die Brüderlichkeit; die war gerade herausgetrieben aus dem westlichen imperialistischen, politisch-wirtschaftlichen Streben. Die Brüderlichkeit war da gerade weggeblieben, die war ausgeschaltet worden. Daher nahm das, was da lebte, den stark kapitalistischen Zug an.
[ 27 ] Anyone who knows how to study the West—insofar as it is Anglo-American—properly will find there a sum of human instincts, of impulses that arise from historical life. All these impulses are of a political-economic nature. There are fundamental, significant impulses within Anglo-American culture that all have a political-economic character; they all think politically in such a way that politics is considered in relation to the economy. But there is a peculiarity here; namely this: You know that when we speak of economic matters, we demand that brotherhood prevail in the economy of the future—a principle that had been explicitly expelled from Western imperialist, political-economic endeavors. Brotherhood had been left out entirely; it had been eliminated. Consequently, what remained took on a strongly capitalist character.
[ 28 ] Die Brüderlichkeit, die entwickelte sich im Osten. Wer den Osten nach seiner ganzen geistig-seelischen Art studiert, der weiß, daß da aus dem Menschen herausquillt wirklich der Sinn für die Brüderlichkeit. Und so war das Eigentümliche im Westen die Hochflut des wirtschaftlichen Lebens unter der Unbrüderlichkeit, daher zum Kapitalismus hintendierend. Im Osten die Brüderlichkeit ohne die Wirtschaft; beides wurde auseinandergehalten durch Mitteleuropa, durch uns. Wir haben die Aufgabe — und das ist dasjenige, was vor allen Dingen der Lehrer wissen müßte —, wir haben die Aufgabe, synthetisch zusammenzufassen die Brüderlichkeit des Ostens mit der Unbrüderlichkeit, aber wirtschaftlichen Denkweise des Westens. Dann sozialisieren wir im großen Weltensinn, wenn wir das zustande bringen.
[ 28 ] Brotherhood—that is what developed in the East. Anyone who studies the East in all its spiritual and psychological aspects knows that a genuine sense of brotherhood truly wells up from within the human being there. And so what was characteristic of the West was the surge of economic life amid a lack of brotherhood, thus tending toward capitalism. In the East, brotherhood without the economy; the two were kept apart by Central Europe, by us. We have the task—and this is what teachers, above all, must know—we have the task of synthetically synthesizing the brotherhood of the East with the lack of brotherhood, yet economic mindset, of the West. Then we will be socializing in the grand sense of the world if we can bring this about.
[ 29 ] Und wiederum schauen wir nach dem Osten mit einer richtigen Richtlinie. Da haben wir von alters her ein hohes Geistesleben. Daß es heute schon erstorben wäre, kann nur jemand behaupten, der Rabindranath Tagore nicht versteht. Es lebt da der Mensch ein geistig-politisches Leben. Das ist im Osten. Wo ist sein Gegenpol? Der ist nun wiederum im Westen. Denn diesem geistig-politischen Leben des Ostens fehlt etwas: die Freiheit. Es ist eine Gebundenheit, die bis zur Selbstentäußerung des Menschen in Brahma oder Nirwana geht. Es ist das Widerspiel aller Freiheit. Freiheit hat sich dafür der Westen erobert. Wir sind dazwischen drinnen, wir müssen das synthetisch zusammenfassen. Solches können wir nur, wenn wir klar im Leben auseinanderhalten Freiheit und Brüderlichkeit, und das dazu haben, was die Gleichheit ist. Wir müssen unsere Aufgabe nicht nur verstehen so, daß sich für alle alles schickt. Denn es ist der Verderb alles Wirklichkeitsstrebens, wenn man abstrakt denkt. Diejenigen Menschen ruinieren alles wirklichkeitsgemäße Denken, die glauben, man könne über die ganze Erde hin ein einheitlich abstraktes Ideal aufstellen, oder für die Gegenwart eine solche gesellschaftliche Ordnung bestimmen, die ewig gültig wäre. Unsinn ist das nicht nur, sondern Versündigung wider die Wirklichkeit, dean jeder Raumteil und jeder Zeitteil hat seine eigene Aufgabe, die man erkennen muß. Dann aber muß man nicht zu faul sein, in die wirklich konkreten Menschenverhältnisse hineinzuweisen. Dann muß man seine Aufgabe dadurch erkennen, daß man die Tatsachen sinngemäß zu studieren versteht. Immer mehr weg von einem solchen sinngemäßen Studieren der Tatsachen hat uns die neuere Volkspädagogik gebracht. Sie will nichts wissen von einem solchen konkreten Eingehen auf Erscheinungen. Denn da fängt gerade die Region an, wo sich der Mensch heute unsicher fühlt. Die Menschen möchten heute definieren, statt zu charakterisieren. Sie möchten heute Tatsachengebilde in sich aufnehmen, statt diese Tatsachengebilde als bloße Symptome hinzunehmen für dasjenige, was sich in den tieferliegenden Impulsen ausdrückt.
[ 29 ] And once again, we look to the East with a clear guiding principle. There, we have had a rich spiritual life since time immemorial. Only someone who does not understand Rabindranath Tagore could claim that it has already died out today. There, people lead a spiritual-political life. That is in the East. Where is its opposite? It lies, in turn, in the West. For this spiritual-political life of the East lacks something: freedom. It is a bondage that extends to the self-abnegation of the human being in Brahma or Nirvana. It is the antithesis of all freedom. The West, on the other hand, has won freedom for itself. We are caught in the middle; we must synthesize these two perspectives. We can do this only if we clearly distinguish between freedom and brotherhood in our lives, and if we also embrace what equality is. We must not understand our task merely as ensuring that everything works out for everyone. For abstract thinking is the ruin of all striving for reality. Those who believe that a uniform, abstract ideal can be established across the entire earth, or that a social order can be determined for the present that would be eternally valid, ruin all thinking grounded in reality. This is not only nonsense but a transgression against reality, for every part of space and every part of time has its own task that must be recognized. But then one must not be too lazy to point to the truly concrete human relationships. Then one must recognize one’s task by understanding how to study the facts in a meaningful way. Modern popular pedagogy has led us further and further away from such a meaningful study of the facts. It wants nothing to do with such a concrete engagement with phenomena. For this is precisely where the realm begins in which people today feel insecure. People today want to define rather than characterize. They want to absorb factual constructs rather than accept these constructs as mere symptoms of what is expressed in the deeper impulses.
[ 30 ] Ich rede heute so, daß dasjenige, was ich rede, entnommen sein soll der Region, aus der heraus man heute pädagogisch sprechen müßte. Und diejenigen Menschen, die am besten eingehen können in Betrachtungen über eine solche Region, die sind heute die besten Erzieher und Unterrichter, nicht diejenigen, die man abfrägt, ob sie das oder jenes in diesem oder jenem Fach wissen; das können sie aus dem Handbuch nachlesen, oder sie können aus dem Konversationslexikon sich vorbereiten für die Stunde. Was sie als Menschen sind, das ist dasjenige, was für die zukünftigen Prüfungen in Betracht kommen müßte. Ein solches Geistesleben in pädagogischer Wendung, das macht es schon aus sich selbst notwendig, daß man nicht bloß präpariert wird in einer gewissen einseitigen Weise für das Kulturleben, sondern daß man in allen drei Zweigen des Menschenwesens auch wirklich, als Geisteswirker wirklich drinnen steht. Ich stehe nicht an, zu behaupten, daß derjenige, der nie mit der Hand gearbeitet hat, keine Wahrheit in der richtigen Weise sehen kann, daß er niemals richtig im Geistesleben drinnen steht. Das soll gerade erreicht werden, daß der Mensch hin und her geht in den drei Gebieten des dreigliedrigen sozialen Organismus; daß er reale Beziehungen anknüpft zu allen drei Gliedern desselben; daß er arbeitend, wirklich arbeitend ist in allen dreien. Die Möglichkeiten dazu, oh, sie werden sich ergeben. Aber der Sinn dafür, der muß in die Köpfe namentlich der künftigen Jugendbildner durchaus hinein.
[ 30 ] I am speaking today in such a way that what I say should be drawn from the perspective from which one ought to speak pedagogically today. And those people who are best able to engage in reflections on such a perspective are today the best educators and teachers—not those whom one tests to see if they know this or that in this or that subject; they can look that up in a textbook, or they can prepare for class using an encyclopedia. What they are as human beings—that is what ought to be taken into account for future assessments. Such a spiritual life, applied to education, makes it necessary in and of itself that one not merely be prepared in a certain one-sided way for cultural life, but that one truly be immersed in all three aspects of the human being—as a spiritual agent. I do not hesitate to assert that anyone who has never worked with their hands cannot see the truth in the right way, that they are never truly immersed in spiritual life. The very goal is for people to move back and forth between the three areas of the threefold social organism; for them to establish real connections with all three members of it; for them to be active—truly active—in all three. The opportunities for this—oh, they will arise. But the understanding of this must be firmly instilled in the minds of future educators in particular.
[ 31 ] Dann wird ein anderer Sinn noch erwachen: der Sinn, über das Spezialistentum hinauszugehen zu dem, was wir zu erzeugen versuchten durch das, was hier Anthroposophie genannt wird. Erreicht werden muß, daß nie abreißt der Faden zu einer allgemein menschlichen Betrachtung, zu einer Einsicht in dasjenige, was der Mensch eigentlich ist; daß man nie im Spezialistentum untergeht, trotzdem man in der Spezialität seinen Mann stellen kann. Das erfordert allerdings ein viel aktiveres Leben, als es heute vielfach beliebt ist.
[ 31 ] Then another sense will awaken: the sense of moving beyond specialization toward what we have sought to create through what is called here “anthroposophy.” We must ensure that the thread connecting us to a universal human perspective—to an understanding of what a human being actually is—is never severed; that we never become lost in specialization, even though we may excel in our particular field. This, of course, requires a much more active life than is often preferred today.
[ 32 ] Ich habe öfter eine außerordentlich mißstimmende Erfahrung gemacht bei allerlei Gelehrten- und Fachversammlungen. Da kommen Leute zusammen mit dem ausdrücklichen Zweck, ihr Fach zu fördern. Nun ja, das wird ja auch stundenlang, manchmal sehr fleißig, sehr emsig getan. Aber dann habe ich oftmals einen sonderbaren Ausdruck gehört, den Ausdruck «Fachsimpelei». Man wollte nur ja auch die Stunden finden, wo man nicht mehr fachsimpelt, nicht mehr von dem redet, ja, was eigentlich sein Fach ist. Es ist zumeist das dümmste Zeug, was dann geredet wird, das langweiligste Zeug, aber es wird nicht fachgesimpelt; es werden so die Leute ausgefragt, sonst manche Dinge besprochen, vielleicht auch manchmal bessere — aber das wird gar nicht gern gesehen —, kurz, man ist froh, wenn man über die Fachsimpelei hinaus ist. Ja, beweist das nicht, wie wenig man zusammengeschlossen ist mit demjenigen, was man eigentlich für die Menschheit tut und tun soll, wenn man froh ist, wenn man ihm entschlüpfen kann? Und nun frage ich Sie: Wird jemals eine führende Menschheit, die so schnell wie möglich ihren Fächern zu entschlüpfen versucht, in der Lage sein, einer arbeitsfreudigen handarbeitenden Bevölkerung gegenüberzustehen? Wenn Sie heute selbstgefällig reden über dasjenige, was bei der eigentlich handarbeitenden Bevölkerung als Schäden vorhanden ist, dann fragen Sie ja nicht diese handarbeitende Bevölkerung, sondern fragen Sie das Bürgertum, denn das hat die Schäden erzeugt; da sind sie überall zuerst zu finden. Diejenigen, die in den verödenden Kapitalismus eingespannt sind als Handarbeiter, die können wahrhaftig nicht in eine Ordnung hineinkommen, in der ihnen ihre Arbeit Freude macht, wenn darüber die Schicht steht, die immer so schnell wie möglich entschlüpfen will demjenigen, in dem sie freudig drinnenstehen soll. Das sind die ethischen Nebeneffekte unserer bisherigen Pädagogik. Das ist dasjenige, was vor allen Dingen gesehen werden muß, was vor allen Dingen anders werden muß. Da ist vieles, was in den Denkgewohnheiten der Unterrichtenden und Lehrenden zukünftig anders drinnen sein muß, als es bisher drinnen war.
[ 32 ] I have often had an extremely unsettling experience at all sorts of scholarly and professional gatherings. People come together with the express purpose of advancing their field. Well, yes, they do that for hours on end, sometimes very diligently, very earnestly. But then I’ve often heard a peculiar term used: “shop talk.” People just wanted to find those moments when they weren’t talking shop anymore, when they weren’t talking about—well, what their actual field is. It’s usually the silliest stuff that gets talked about then, the most boring stuff, but it’s not “talking shop”; people are asked questions, or other things are discussed—perhaps even better ones sometimes—but that’s not at all welcome—in short, people are glad when they’re done with the “talking shop.” Yes, doesn’t that prove how little one is connected to what one actually does and is supposed to do for humanity, if one is glad to be able to escape from it? And now I ask you: Will a leading class of humanity that tries to escape its fields of expertise as quickly as possible ever be able to stand up to a hard-working, manual-laboring population? When you speak smugly today about the ills that exist among the actual manual laboring population, do not ask that manual laboring population, but ask the bourgeoisie, for it is the bourgeoisie that has caused these ills; they are to be found there first and foremost. Those who are bound to a withering capitalism as manual laborers truly cannot find their place in an order where their work brings them joy if, standing above them, is the class that always wants to escape as quickly as possible from the very thing in which it is supposed to find joy. These are the ethical side effects of our educational system to date. This is what must be recognized above all else, what must change above all else. There is much in the thought patterns of educators and teachers that must be different in the future than it has been up to now.
[ 33 ] Was wollte ich Ihnen in diesen Ausführungen auseinandersetzen? Nun, ich wollte Ihnen klar machen, wie radikal heute hingewiesen werden muß auf dasjenige, was zu geschehen hat. Wie es durchaus notwendig ist, herauszukommen aus dem Kleinlichen, aus dem furchtbar Kleinlichen, in das wir unsere Denkinhalte hineingezwängt haben, unser ganzes Empfindungs- und Willensleben hineingezwängt haben. Wie soll denn ein Wille gedeihen — und wir brauchen diesen Willen in der Zukunft —, wenn er im Lichte dieser kleinen, dieser Denkgewohnheiten kleinsten Kalibers und Empfindungsgewohnheiten kleinsten Kalibers stehen soll?
[ 33 ] What was I trying to explain to you in these remarks? Well, I wanted to make it clear to you how radically we must point out today what needs to happen. How absolutely necessary it is to break free from the petty—the terribly petty—into which we have crammed our thoughts, our entire life of feeling and will. How, after all, is a will to flourish—and we need this will in the future—if it is to remain confined within the confines of these petty habits of thought and feeling, which are of the smallest caliber?
[ 34 ] Was haben wir heute alles nicht, was wir in der Zukunft haben müßten? Wir müssen eine wirkliche Volkspsychologie haben. Wir müssen wissen, was alles im Menschen ist, der heranwächst. Dieses Erkennen haben wir ausgeschaltet. Statt dessen haben wir eine Prüfungsmethode bekommen, die am Menschen herumexperimentiert, weil sie auf Eigentümlichkeiten nicht intuitiv eingehen kann. Es sollen allerlei Apparate verraten, was der Mensch für Fähigkeiten hat. Und wir getrauen uns heute nicht, auf diese Dinge hinzuweisen. Warum? Weil wir nicht das Interesse aufbringen für diese Dinge. Weil wir durch die Welt mit schlafender Seele gehen. Unsere Seele muß erwachen. Wir müssen auf die Dinge hinschauen. Dann werden wir sehen, daß vieles, was wir heute als große Fortschritte verehren, Absurditäten sind. Dieser arme Pädagoge der Volksschule, er wird ja heute hinausgeschickt wie ein menschliches, zahm gemachtes Kaninchen, um gar nicht sehen zu können, was eigentlich in der Welt lebt. Und der erzieht die Menschen, die dann so erzogen werden, daß sie an ihren Mitmenschen vorbeigehen und keine Ahnung haben, was in den Seelen dieser Mitmenschen lebt. Jetzt ist es so — ganz abgesehen davon, daß viele Kreise des Bürgertums selbstverständlich keinen Willen haben, auf die großen zeitgenössischen Fragen und Impulse einzugehen —, daß diejenigen, die einen Willen haben, heute kaum zu brauchen sind, weil sie absolut nichts wissen von alledem, was notwendig ist; weil sie die Zeit vollständig verschlafen haben, in der das Proletariat, ich möchte sagen, Tag für Tag durch Jahrzehnte schon sich politisch geschult hat. Und heute noch erlebt man es — ich muß es schon sagen — in den seltensten Fällen, daß Proletarier sich finden, die immer wiederum den Einwand machten, wenn es sich darum handelt, heute über die großen Fragen der Zeit zu sprechen, keine Zeit dazu zu haben, zu beschäftigt zu sein; sie suchen sich die Zeit. Klopft man irgendwo bei bürgerlichen Gruppen an, die haben alle so viel zu tun, daß sie keine Zeit haben, sich mit den zeitgenössischen Fragen zu beschäftigen; sie haben alle so viel zu tun. Aber daran liegt es nicht. Sie haben nämlich gar nicht einmal eine Ahnung, womit sie sich beschäftigen sollen. Sie können gar nicht irgendwo anfassen, weil sie durch nichts dazu erzogen worden sind.
[ 34 ] What is it that we lack today that we ought to have in the future? We must have a true psychology of the people. We must know everything that is within a person as they grow up. We have shut out this understanding. Instead, we have adopted a testing method that experiments on people because it cannot intuitively address individual characteristics. All sorts of machines are supposed to reveal what abilities a person possesses. And today we do not dare to point these things out. Why? Because we cannot muster any interest in them. Because we walk through the world with a sleeping soul. Our soul must awaken. We must look closely at these things. Then we will see that much of what we revere today as great progress is, in fact, absurd. This poor elementary school teacher—he is sent out today like a tamed human rabbit, unable to see what is actually alive in the world. And he educates people who are then raised in such a way that they walk right past their fellow human beings without having the slightest idea of what lives in the souls of those fellow human beings. Now the situation is this—quite apart from the fact that many circles of the middle class naturally have no desire to address the major contemporary issues and impulses—that those who do have such a desire are of little use today because they know absolutely nothing about all that is necessary; because they have completely slept through the era in which the proletariat, I might say, has been politically educating itself, day after day, for decades now. And even today—I must say—it is extremely rare to find proletarians who, whenever the topic of discussing the great issues of our time comes up, repeatedly object that they have no time for it, that they are too busy; they make time for it. If you knock on the doors of bourgeois groups anywhere, they’re all so busy that they don’t have time to deal with contemporary issues; they’re all so busy. But that’s not the reason. The fact is, they don’t even have a clue what they’re supposed to be dealing with. They can’t even get a handle on anything because they haven’t been educated to do so.
[ 35 ] Das ist wiederum keine pessimistische Betrachtungsweise; das soll auch keine Philippika sein, sondern das ist einfach das Konstatieren einer Tatsache. So haben wir es denn erlebt, daß da, wo das Leben selbst die Menschen gezwungen hat, sich zu schulen, sie sich geschult haben. Wo die Leute sich hätten schulen können aus ihren Impulsen heraus, da ist es unterlassen worden, da ist es vollständig unterblieben. Deshalb stehen wir heute in der Misere drinnen, und deshalb hören wir über alles, was heute versucht wird, nicht allein das Reden aus bösem Willen, der ja schon reichlich auch vorhanden ist, sondern all das unverständige Zeug, das bloß aus der Unkenntnis des Lebens herstammt: weil keine Schule jemals dafür gesorgt hat, daß das Lernen gelernt wird. Einzelne Kenntnisse sind wohl immer durch die Wände der Bequemlichkeit gesickert und den Menschen beigebracht worden, aber es ist nicht erfolgt aus der Art, wie an den Menschen herangekommen wird, daß der Mensch mit offenen Sinnen den Erscheinungen des Lebens gegenübersteht.
[ 35 ] This, again, is not a pessimistic view; nor is it meant to be a tirade, but simply a statement of fact. So we have seen that wherever life itself has forced people to educate themselves, they have done so. Where people could have educated themselves based on their own impulses, this was neglected; it was completely neglected. That is why we find ourselves in this predicament today, and that is why, regarding everything that is being attempted today, we hear not only talk born of ill will—which is already abundant enough—but also all that senseless drivel that stems purely from ignorance of life: because no school has ever ensured that the art of learning is learned. Individual bits of knowledge have certainly always seeped through the walls of complacency and been imparted to people, but the way people are approached has not enabled them to face the phenomena of life with open senses.
[ 36 ] Viel, viel könnte heute schon durch die traurigen Tatsachen auch auf den Seiten eingesehen werden, wo man noch immer in der alten Weise fortredet, und wo es einem so vorkommt, als wenn das Uhrwerk des Gehirns einmal aufgezogen wäre und absurren müßte. Äußere Versammlungen verlaufen heute noch immer so, wie sie vor dieser Kriegskatastrophe verlaufen sind. Die Menschen haben in großer Anzahl von diesen furchtbaren Ereignissen wenig gelernt, weil sie eben nicht verstanden haben zu lernen. Nun werden sie durch die Not lernen müssen, was sie durch die Schrecken nicht gelernt haben. Ich habe Ihnen hier vor Zeiten angeführt einen Ausspruch eines ganz bescheidenen und gebildeten Lebensbeobachters, Herman Grimms, der auch in meiner Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage» steht. Der Mann hat schon in den neunziger Jahren gesagt: Wenn man das Leben um uns herum heute anschaut daraufhin, wohin es stürmt, namentlich mit den unaufhörlichen Rüstungen überall, dann ist es so, daß man am liebsten einen Tag des allgemeinen Selbstmordes festsetzen möchte, so trostlos nimmt sich dieses Leben aus. Doch die Leute wollten in Träumereien und Illusionen leben; die, welche sich Praktiker nennen, am meisten. Heute aber ist die Notwendigkeit da, aufzuwachen. Und wer nicht aufwacht, wird nicht mittun können an dem, was heute notwendig ist, notwendig für jeden einzelnen Menschen. Mancher weiß noch gar nicht einmal, wo er die Hand an den Hebel ansetzen soll.
[ 36 ] A great deal could already be seen today from the sad realities, even on those pages where people still carry on in the old way, and where it seems as if the clockwork of the brain had been wound up once and was now forced to run absurdly. Public gatherings today still proceed just as they did before this war catastrophe. Large numbers of people have learned little from these terrible events, precisely because they have not understood how to learn. Now they will have to learn through hardship what they failed to learn through horror. Some time ago, I quoted here a statement by a very modest and educated observer of life, Herman Grimm, which also appears in my work *The Key Points of the Social Question*. As early as the 1890s, this man said: If one looks at life around us today and sees where it is heading—particularly with the ceaseless arms buildup everywhere—one would be tempted to set a day for general suicide, so desolate does this life appear. Yet people wanted to live in daydreams and illusions—especially those who call themselves pragmatists. Today, however, there is a need to wake up. And those who do not wake up will not be able to participate in what is necessary today—necessary for every single person. Many do not even know where to begin.
[ 37 ] Das wollte ich Ihnen sagen, gewissermaßen als eine Art von Auseinandersetzung, wie man sie geben sollte heute gerade auf Lehrertagungen; gerade vor solchen Leuten sollte man sie entwickeln, welche die Jugend zu bilden haben. Denn die sollten hinschauen auf dasjenige, was geschehen muß. Wenn wir diese Betrachtungen fortsetzen werden, werden wir wiederum näher auf speziell pädagogische, volkspädagogische Dinge eingehen.
[ 37 ] That is what I wanted to tell you—as a sort of discussion, the kind that should be held today, especially at teachers’ conferences; it is precisely before such people—those responsible for educating the youth—that such discussions should take place. For they should focus on what needs to be done. As we continue these reflections, we will again delve more deeply into specifically pedagogical and public education issues.
