Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
8 Juni 1919, Stuttgart
Siebenter Vortrag
[ 1 ] Heute, in dieser unserer Gegenwart, über Pfingsten so zu sprechen, wie das üblich geworden ist, scheint mir angesichts des Ernstes der Zeit eine unchristliche Handlung, obwohl solche unchristlichen Handlungen heute gerade an der Tagesordnung sind. Schließlich, aus dem Geiste des Pfingstfestes heraus gesprochen ist ja gerade alles das, was hier von denjenigen zur Erneuerung unseres Erziehungs- und Schulwesens vorgebracht wird, die sich ernstlich bekennen zu unserer Bewegung für die Dreigliederung des sozialen Organismus. Denn in der Abgliederung des Geisteslebens, in der Selbständigmachung des Schulwesens, liegt der wichtigste Pfingstgeist unserer Gegenwart, liegt jener Pfingstgeist, der in den übrigen sogenannten religiösen und konfessionellen Strömungen unseres Zeitalters längst geschwunden ist. Hoffen wollen wir ja, daß gerade aus der Emanzipation des Geisteslebens, wie wir sie anstreben, die Erneuerung dieses Geisteslebens, der die Menschheit so sehr bedarf, hervorgehe. Was heute in unserem Unterrichts- und Erziehungswesen zur Erneuerung des Geistes, zur Ausgießung des wahren Pfingstgeistes der Gegenwart geschehen muß, das kann doch nur derjenige einsehen, der sich ein Urteil darüber bildet, wie der Anti-Pfingstgeist überall hineingeträufelt ist in das, was uns heute im öffentlichen Leben, im sogenannten geistigen Verkehr der Menschen untereinander begegnet.
[ 2 ] Wenn so gesprochen wird, wie es aus anthroposophischen Untergründen heraus in dieser Zeit von uns geschehen muß, dann kann man heute sogar — ich sage sogar, und ich unterstreiche das dreimal —, sogar den Vorwurf hören: in diesen Reden komme ja das Wort deutsch und christlich oder Christus fast gar nicht vor.
[ 3 ] Wenn wir nicht in uns den Geist zur Zurückweisung eines solchen Geschwätzes finden, haben wir den Nerv anthroposophischer Weltanschauung noch nicht erkannt. In solchem Geschwätz liegt die Frucht unserer verkehrten Volks- und Menschheitspädagogik; in diesem Geschwätz lebt sich das aus, was an Verkehrtheiten in unsere Seelen während der Erziehung hineingeträufelt ist. Daher kommt es darauf an, vor allen Dingen Einsicht zu gewinnen in den Zusammenhang zwischen dem verkehrten Geschwätz unseres Zeitalters und unserem verkehrten Erziehungs- und Unterrichtswesen. Die Gewinnung dieser Einsicht ist das, was sich heute zerteilen und in einzelnen feurigen Zungen über die Häupter der Zeitgenossen niedersenken sollte.
[ 4 ] Es ist in unserer Zeit viel davon die Rede, daß man das Wort nicht achten solle, denn: «Im Anfang war die Tat.» Aber ein Zeitalter, wie das unsrige, wird auch diese Sache nut falsch anwenden, denn in diesem Zeitalter ist das Wort zur geschwätzigen Phrase und die Tat zur gedankenlosen Brutalität geworden. Ein solches Zeitalter hat es billig, vom Wort abzulenken, weil es in dem Wort, das es kennt, nur fühlen kann die Phrase, und in der Tat, die es kennt, die gedankenlose Brutalität.
[ 5 ] Es gibt einen tiefen Zusammenhang zwischen unserer Erziehung, unserem Unterricht, und dieser eben gekennzeichneten Tatsache. Wir tragen zwei Quellen einer verkehrten Menschlichkeit in uns: wir tragen in uns ein verkehrtes Griechentum und ein verkehrtes Römertum. Wir verstehen nicht, das Griechentum in seiner Zeit und an seinem Ort so zu nehmen, wie es ist. Wir verstehen nicht, wie die hehren Gestalten des Sokrates und Plato alle Mühe hatten, den Griechen auszutreiben ihren unwiderstehlichen Hang zur Illusion. Der Grieche war so geartet, daß er fortwährend den Hang empfand, über den Ernst des Lebens hinaus sich zur wesenlosen Illusion zu erheben und in ihr seine Wohlbefriedigung zu suchen. Die griechischen Gesetzgeber, Sokrates und Plato, haben auf die Realität des Geistes mit aller Schärfe hinweisen müssen, damit die Griechen nicht immer mehr in ihren Volksfehler, in ihren Rassenfehler verfielen: sich durch Illusion wohlbehaglich über den Ernst des Lebens hinwegzutäuschen. Und selbst so lange nur haben es die Griechen dem Sokrates verziehen, von dem Lebensernst zu sprechen, als ihnen der «Bummler » Sokrates ungefährlich erschien. Als sie aber vernahmen, was eigentlich in den Worten des bummelnden Sokrates für Lebensernst enthalten ist, da haben sie ihn vergiftet.
[ 6 ] Wir haben, soweit wir Menschen unseres Zeitalters sind, nicht in uns den Geist des sokratischen Ernstes. Wir nehmen lieber jenen Geist des Griechentums auf, der Sokrates vergiftet hat, und schweigen in diesem Geist des Griechentums. Wir lassen uns selbst gefallen, daß die Perle der Weltliteratur, das Johannes-Evangelium, in seinem Anfange dadurch vergiftet wird, daß an die Stelle dessen, wovon das Alte Testament gesprochen hat: daß, wenn der Mensch es in seine Illusionen hereinfallen läßt, Himmel und Erde zusammenstürzen, daß an dieser Stelle das harmlose Wort von uns wörtlich genommen wird. «Im Urbeginne war das Wort», so beginnt das Johannes-Evangelium. Der heutige Mensch ist froh, daß er an dieser Stelle das Wort «Wort», das er phrasenhaft zu nehmen geneigt ist, stehen hat. An dieser Stelle steht aber in Wahrheit etwas, was geeignet ist, alle die Illusionen, die der Mensch in die Phrase hineindrängt, auszutreiben. Himmel und Erde unserer Illusionen stürzen zusammen, wenn man die Wahrheit des Logos, der an dieser Stelle steht und empfunden werden sollte, wirklich ernsthaft vernehmen wollte.
[ 7 ] Also unsere Zeitkultur ist darauf ausgegangen, die Schärfe des Lebens sich mystisch behaglich oder brutal tätlich abzuschwächen. Das ist es, worauf wir heute sehen müssen, wozu wir uns aber vor allen Dingen heute wieder bekennen müssen. Heute müssen wir aus unseren Seelen austreiben durch die früheste Erziehung, durch die früheste Schule schon, und bis hinauf zu den höchsten Stufen müssen wir es aus dem Menschen auszutreiben lernen, was Sokrates und Plato austreiben wollten aus dem Griechentum dadurch, daß sie diesem Griechentum sagten: Bewahret euch vor Illusionen! Der Geist hat Realität. In der Idee ist Wirklichkeit, nicht dasjenige, was ihr mit euren illusionären Phrasen in dieser Idee sehen wollt.
[ 8 ] Wir kommen nicht weiter, wenn wir ethisch und religiös weiter schwätzen. Denn das Evangelium ist selber Tat im Weltenwerden. Heute ist das Evangelium zum Geschwätz geworden. Daher hat es neben sich die gedankenlose brutale Tat. Wir müssen aber in unsere Seelen aufnehmen können, was uns wirklich durchgeisten kann, wenn wir sprechen. Wir müssen finden den Weg, das Herz mittun zu lassen, wenn die Lippen sich bewegen. Wir müssen finden den Weg, den ganzen Menschen in unser Wort hineinzulegen, sonst wird das Wort zum Erzieher zur Illusion, zum Hinwegführer, zum behaglichen Hinwegführer von dem Ernst der Wirklichkeit. Wir müssen Abschied nehmen von jenem Geist, der uns hineingehen läßt in die Kirche, damit wir in dieser Kirche hinweggehoben werden von dem Ernst des Lebens und uns behaglich eingeträufelt wird die Phrase: Der Herrgott wird es schon machen, er wird euch erlösen von euren Übeln. — Wir müssen die Kräfte in uns aufsuchen, die in unsern Seelen selbst die göttlichen Kräfte sind, denn sie sind vom Weltenwerden in uns gelegt, damit wir sie brauchen und damit wir den Gott in unsere eigene Seele aufnehmen können. Nicht uns vorreden lassen von dem äußeren Gott, damit unsere Seelen in behaglicher Seelenruhe sich hinlegen können auf die philiströsen Sofas, die wir so lieben, wenn es sich um das Geistesleben handelt. Und den Weg muß unsere Erziehung, unser Unterrichtswesen suchen, um hinauszukommen über — wie man das heute schon nennen darf — die griechische Phrase; den Weg muß unsere Erziehung und unser Unterrichtswesen finden, um hinwegzukommen über die römische Phrase.
[ 9 ] Für das Römertum war das, was unsere Zeit noch anbetet als den Geist der Gesetze, recht. Denn wozu war dieser Geist der Gesetze des Römertums? Oh, die Legende von der Gründung Roms hat eine tiefe Bedeutung. Räuberbanden wurden zusammengeholt, um an ihnen die schlimmsten tierisch-menschlichen Instinkte zu bekämpfen. Dazu war das römische Gesetz da, um wilde Tiere zu bändigen. Wir aber sollten uns darauf besinnen, daß wir Menschen geworden sind, und daß wir nicht anbeten sollten jenen Geist der Gesetze, welcher da war aus den berechtigten Trieben des Römertums heraus, wilde tierisch-menschliche Leidenschaften zu bezähmen. Was wir von dem römischen Geist zurückbehalten haben als den Geist des Rechtes, wie er noch heute in uns waltet, das trägt überall den Charakter, daß die wilden menschlichen Leidenschaften, die nicht selber in Freiheit walten können, gezähmt werden müssen.
[ 10 ] Christlich, sagen die Menschen, dieses Wort lebe nicht in den Vorträgen, die jetzt gehalten werden. Dabei vergessen die Menschen immer wieder und wieder ein richtiges christliches Wort, das Paulinische Wort: Die Sünde ist durch das Gesetz gekommen, nicht das Gesetz durch die Sünde. Wäre das Gesetz nicht da, so wäre die Sünde tot. Das mag für unsere Zeit noch nichts taugen, weil die Menschen unchristlich geworden sind. Aber das ist ein Wort, dessen tiefen Sinn man lernen muß. Das ist das Christliche: daß herausgenommen werde aus dem, worin heute die Menschen den Allerhalter, den Allumfasser sehen, aus dem Staat, der unser Erbe des Römertums ist, daß herausgenommen werde aus ihm das freie Geistesleben und das Wirtschaftsleben, das sich auf sich selbst stellen muß. Christlichen Geist wollen die Menschen nicht. Daher wollen sie sich trösten lassen darüber, indem das Wort Christ und christlich möglichst oft als Phrase angewendet werde. Ebenso wollen heute die Menschen möglichst oft als Phrase das Wort deutsch hören. Deutscher Geist waltet in Goethe wahrhaftig. Neuerer mitteleuropäischer Geist, der undeutsch ist, er hat in seinem erleuchteten Vertreter der Berliner Akademie der Wissenschaften das Wort geprägt, das ich hier auch schon angeführt habe: die Ehre dieser Herren, der heutigen Geistesführer, bestehe darin, daß sie sich fühlen als die «wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern». Derselbe Mann, der dieses Wort geprägt hat, hat auch aus der wissenschaftlichen Phrase der gegenwärtigen Zeit heraus die Rede gehalten «Goethe und kein Ende», und er hat mit dieser Rede allen naturwissenschaftlichen Geist Goethes in Grund und Boden treten wollen. Er hat den Geschmack besessen zu sagen: Faust bei Goethe täte besser, die Luftpumpe zu erfinden und Gretchen ehrlich zu machen, als jenes Zeug zu vollführen, das der Faust bei Goethe tut. — Das war der neuzeitliche Geist, der den wirklichen deutschen Geist, der nicht immer das Wort deutsch eitel auf den Lippen trägt, mit Füßen getreten hat, gerade so, wie es christlich-neuzeitlicher Geist, das heißt unchristlicher Geist gewesen ist, immer das Wort Christ und christlich zu verlangen, und nicht des anderen Wortes zu achten: Du sollst das Wort Gott nicht immer eitel aussprechen. — Man sollte fühlen, was christlich ist, und nicht angewiesen sein darauf, daß immer das Geschwätz vom Christentum uns an die Ohren herandringt.
[ 11 ] Das ist heute Pfingstgeist. Man kann nicht sagen, daß dieser Pfingstgeist heute, wenn er nicht gehegt und gepflegt wird, es leicht hätte, auf fruchtbaren Boden zu fallen. Man hat Gelegenheit hinzusehen, wie dieser Pfingstgeist von links und von rechts verkannt wird. Ist nicht eine merkwürdige Illustration — wenn ich von der Höhe der Betrachtung für einen Augenblick zum Alltäglichen komme —, eine merkwürdige Illustration des Geistes unserer Zeit dieses, was sich tatsächlich zugetragen hat: Unser Bund für soziale Dreigliederung macht sich auf, um ein Keimwort in Tat umzusetzen und, damit er verstanden werde, greift er zu den Worten eines Mannes, der nun auch seinerseits von Sozialisierung sprechen will, dessen Worte man gut brauchen kann, wenn von Sozialisierung gesprochen wird, dessen Worte man gut zitieren kann, weil sie als Worte tatsächlich, wenn sie Keimgedanken zu Taten wären, dasjenige bedeuten würden, was wir wollen. — Und was geschieht? Von der Seite, von der diese Worte ausgegangen sind, wird das, was als Taten aus ihnen genommen werden sollte, sofort in Grund und Boden gekämpft. Was heißt das eigentlich im Innern des Menschen? Das heißt: Wehe euch, wenn ihr unsere Worte als etwas anderes nehmt denn als Geschwätz und Phrase! In dem Augenblick, wo ihr sie ernst nehmt, diese unsere Worte, sind wir eure Gegner. — So hat die Erziehung gewirkt, die in Staatsfittichen heraufgezogen ist im neueren Zeitalter. Das von der einen Seite.
[ 12 ] Von der andern Seite die liebliche Denunziation: Wir sind ja mit alledem ganz einverstanden, was Steiner sagt, wir sind einverstanden mit dem, was er als seine Ansicht vorbringt zur Bekämpfung des bisherigen Kapitalismus, wir sind einverstanden mit seiner Dreigliederung des sozialen Organismus, aber wir bekämpfen ihn, denn wir lassen uns von einem Geister-Seher nicht solche Sachen sagen!
[ 13 ] Nun, es wäre schon genügend Grund — aber der Grund darf keine Giftpflanze sein —, sich zu sagen: Was soll mit einem Zeitalter angefangen werden, das in dieser Weise nichts anderes will als entweder bloße Phrase oder bloße gedankenlose, brutale Tat, und das alles ablehnt, was nicht Phrase oder gedankenlose Brutalität ist und was gerade die Keime zur wahren Wirklichkeit des Menschen in sich trägt? Damit man nicht denken braucht, will man den gedankenlosen Klassenkampf. Damit man seine Gedanken nicht zur Tat werden läßt, spricht man die schönsten Phrasen aus. Und wenn sie die anderen Menschen ernst nehmen, bekämpft man sie bis aufs Messer.
[ 14 ] Diese Frage muß in unsere Herzen einziehen: Haben die Menschen, die aus solchem Geiste geboren sind, noch das Recht, in wohlgefügten Phrasen sich über das Pfingstwunder auszuschleimen? Der Schleim, der heute über das Pfingstwunder sich salbungsvoll ausläßt, kommt aus denselben Drüsen, aus denen das Gift kommt, mit dem man heute alles, was aus dem Geist kommt, bespritzen will, und mit dem man sich berufen will auf der einen Seite auf die wesenlose Phrase und auf der andern Seite auf die gedankenlose brutale Tat. Die wesenlose Phrase ist auf der einen Seite zum religiösen Geschwätz der Welt geworden, die brutale ungeistige Tat ist zum Militarismus, dem Grundübel unserer Zeit, geworden. Ehe man nicht einsieht, wie diese beiden Dinge wurzeln in der verkehrten Erziehung und in der verkehrten Schule, eher kann man nicht fruchtbar nachdenken über das, was geschehen soll. Alles übrige ist Quacksalberei.
[ 15 ] Die Dinge, die gemacht werden müssen, müssen aus der Wirklichkeit heraus gemacht werden. Denn die Wirklichkeit trägt den Geist in sich, und jede Verleugnung des Geistes wird in Wahrheit doch zum realen Unsinn und Unding. Aber wenn jemand versucht, auf die geistige Wirklichkeit hinzuweisen, dann ist er ein Illusionär oder ein Geister-Seher. So wird er in unserer Zeit gestempelt, weil die Empfindung für die wahre Wirklichkeit in den weitesten Kreisen völlig fehlt.
[ 16 ] Den sozialen Organismus mit dem menschlichen oder einem sonstigen Organismus zu vergleichen, das ist auch in unserer Zeit Phrase geworden, und es ist eine recht billige Phrase. Will man auf diesem Gebiete nicht phrasenhaft reden, dann muß man jene Grundlegung liefern, die geliefert worden ist in meiner Schrift «Von Seelenrätseln ». Was hätte es heute für einen Sinn, von der Dreigliederung des sozialen Organismus zu sprechen, wenn nicht erst diese geistige Grundlage von der Dreigliederung des menschlichen Organismus in NervenSinnesfähigkeiten, in rhythmische Fähigkeiten und in Stoffwechselfähigkeiten, als eine wirkliche naturwissenschaftliche Erkenntnis vor die Menschen hingestellt worden wäre? Aber die Menschen sind zu bequem, die aus dem verkehrten Schulwesen herausgewachsenen Vorstellungen der Gegenwart sich korrigieren zu lassen durch das, was aus der wahren Wirklichkeit stammt.
[ 17 ] Eine andere greuliche Vorstellung lebt in unserer offiziellen, das heißt überall autoritativ geglaubten Wissenschaft. Diese Wissenschaft nimmt teil an der götzendienerischen Anbetung alles dessen, was als so hohe Kultur in der neueren Zeit heraufgezogen ist. Wie sollte nicht, wenn sie etwas besonders geheimnisvoll ausdrücken will, diese moderne Wissenschaft ihre Zuflucht zu dem nehmen, was sie jeweilig am meisten anbetet. Nun also, so ist ihr das Nervensystem geworden zu einer Summe von Telegraphenlinien, so ist ihr geworden die ganze Nerventätigkeit des Menschen zu einem merkwürdig komplizierten Telegraphenfunktionieren. Das Auge nimmt wahr, die Haut nimmt mit wahr. Da wird zu der Telegraphenstation Gehirn durch sensitive Nerven das hingeleitet, was von außen her wahrgenommen wird. Dann sitzt dort im Gehirn ein, ich weiß nicht was für ein Wesen — ein geistiges Wesen leugnet die neuere Wissenschaft ja ab —, durch ein Wesen also, das zur Phrase geworden ist, weil man nichts Wirkliches darin erblickt, wird das von den «sensitiven » Nerven Wahrgenommene umgesetzt durch die «motorischen» Nerven in Willensbewegungen. Und eingebleut wird dem jungen Menschen der Unterschied zwischen sensitiven Nerven und motorischen Nerven, und aufgebaut wird auf diesen Unterschied die ganze Anschauung über den Menschen.
[ 18 ] Seit Jahren kämpfe ich gegen dieses Unding der Trennung zwischen sensitiven und motorischen Nerven, erstens, weil dieser Unterschied ein Unding ist, weil die sogenannten motorischen Nerven zu nichts anderem da sind als zu dem, wozu die sensitiven Nerven auch da sind. Ein sensitiver Nerv, ein Sinnesnerv, ist dazu da, daß er uns Werkzeug ist, um das wahrzunehmen, was in unserer Sinnesorganisation vorgeht. Und ein sogenannter motorischer Nerv ist kein motorischer Nerv, sondern auch ein sensitiver Nerv; er ist nur dazu da, daß ich meine eigene Handbewegung, daß ich meine Eigenbewegungen, die aus anderen Gründen heraus kommen als aus den motorischen Nerven, wahrnehmen kann. Motorische Nerven sind innere Sinnesnerven zur Wahrnehmung meiner eigenen Willensentschlüsse. Damit ich das Äußere, was sich in meinem Sinnesapparat abspielt, wahrnehme, dazu sind die sensitiven Nerven da, und damit ich mir nicht ein unbekanntes Wesen bleibe, indem ich selber gehe, schlage oder greife, ohne daß ich etwas davon weiß, dazu sind die sogenannten motorischen Nerven da, also nicht zur Anspannung des Willens, sondern zur Wahrnehmung dessen, was der Wille in uns tut. Das Ganze, was aus der neueren Wissenschaft geprägt worden ist aus dem vertrackten Verstandeswissen unserer Zeit heraus, ist ein wirklich wissenschaftliches Unding. Das ist der eine Grund, warum ich seit Jahren dieses Unding bekämpfe.
[ 19 ] Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum dieses Unding ausgerottet werden muß, dieser Aberglaube von den sensitiven und motorischen Nerven, zwischen denen kein anderer Unterschied ist, als daß die einen sensitiv sind für das, was draußen ist, und die andern für das, was im eigenen Körper ist. Dieser andere Grund ist der folgende.
[ 20 ] Kein Mensch kann in irgendeiner Sozialwissenschaft ein richtiges Verständnis des Menschen für sein Verhältnis zur Arbeit gewinnen, der auf der vertrackten Unterscheidung zwischen sensitiven und motorischen Nerven seine Begriffe, seine Vorstellungen aufbaut. Denn man wird stets kuriose Begriffe von dem bekommen, was menschliche Arbeit in Wirklichkeit ist, wenn man einerseits fragt: Was geht eigentlich im Menschen vor, wenn er arbeitet, wenn er seine Muskeln in Bewegung bringt? — und andererseits keine Ahnung davon hat, daß dieses In-Bewegung-Bringen der Muskeln nicht auf den sogenannten motorischen Nerven beruht, sondern auf dem unmittelbaren Zusammensein der Seele mit der Außenwelt. Ich kann Ihnen diese Fragen selbstverständlich nur andeuten, aus dem Grunde, weil heute noch nicht einmal die primitivsten Vorstellungen dafür vorhanden sind. Die Menschen verstehen noch gar nichts über diese Dinge, weil das Schulwesen noch nicht die primitivsten Vorstellungen zum Verständnis solcher Dinge in Umschwung gebracht hat, weil es noch immerfort mit dem Wahnsinn der Unterscheidung zwischen sensitiven und motorischen Nerven arbeitet.
[ 21 ] Wenn ich mit einer Maschine in Berührung komme, muß ich als ganzer Mensch mit ihr in Berührung kommen; da muß ich ein Verhältnis herstellen vor allen Dingen zwischen meinen Muskeln und dieser Maschine. Dieses Verhältnis ist dasjenige, worauf des Menschen Arbeit wirklich beruht. Auf dieses Verhältnis kommt es an, wenn man die Arbeit sozial werten will, auf das ganz besondere Verhältnis des Menschen zu der Arbeitsgrundlage.
[ 22 ] Mit was für einem Arbeitsbegriff arbeiten wir denn heute? Das, was im Menschen vorgeht, wenn er, wie man sagt, arbeitet, das ist nicht verschieden, ob er nun an einer Maschine sich abmüht, ob er Holz hackt, oder ob er zu seinem Vergnügen Sport treibt. Er kann sich geradeso mit dem Sportvergnügen abnützen, er kann ebensoviel Arbeitskraft konsumieren bei dem sozial überflüssigen Sport wie bei dem sozial nützlichen Holzhacken. Und die Illusion über den Unterschied zwischen motorischen und sensitiven Nerven ist es, die psychologisch die Menschen ablenkt davon, auch einen wirklichen Arbeitsbegriff zu erfassen, der nur erfaßt werden kann, wenn man den Menschen nicht darnach betrachtet, wie er sich abnützt, sondern darnach, wie er sich in ein Verhältnis stellt zur sozialen Umgebung. Ich glaube Ihnen, daß Sie davon noch keinen deutlichen Begriff bekommen haben, weil die Begriffe, die man heute von diesen Dingen erhalten kann, so verkehrt sind durch unser Schulwesen, daß es erst einige Zeit dauern wird, bis man den Übergang von dem sozial unsinnigen Arbeitsbegriff, von dem wahnsinnigen wissenschaftlichen Begriff der Unterscheidung der sensitiven und motorischen Nerven, finden wird. Aber in diesen Dingen liegt zugleich der Grund dafür, warum wir so unpraktisch denken. Denn wie kann eine Menschheit praktisch über das Praktische denken, die sich der wahnsinnigen Vorstellung hingibt: in unserem Inneren waltet ein Telegraphenapparat, und die Drähte gehen hin zu irgend etwas im Gehirn und werden dort umgeschaltet in andere Drähte, sensitive und motorische Nerven? Von unserer, einem verkehrten Schulwesen entspringenden Unwissenschaft, an die das breite Publikum, verführt durch die Zeitungspest, glaubt, geht aus das Unvermögen, wirklich sozial zu denken.
[ 23 ] Das ist es, was wir heute als Pfingstgeist erkennen sollten, und was gescheiter wäre, ausgegossen zu werden in Einzelzungen auf die Menschen der Gegenwart, als dasjenige, womit heute als mit Quacksalbereien daran gedacht wird, dies oder jenes zu verbessern. Wenn man heute sagt, die Menschheit muß umlernen und umdenken, so glauben die Menschen meistens, man meine mit diesen Dingen dieselbe Phrase, die sie selber meinen, selbstverständlich, weil die Menschen sogleich in Phrase und Utopie dasjenige umsetzen, was man sagt. Aber ist denn nicht ein Unterschied, ob irgendein beliebiger Redakteur sagt: Die Menschheit muß umlernen — oder ob man es sagt, weil man weiß: Bis in solche Tiefen hinein hat sich die Menschheit falsche Gedanken gemacht durch falsche Denkgewohnheiten, die bis zu den sensitiven und motorischen Nerven gehen, die bis in die Struktur desjenigen gehen, woran die Menschheit heute felsenfest aberglaubt, weil ihre Autoritäten es ihr befehlen? Daß aus einer Wirklichkeit heraus geredet werde, und anders geredet werde über diese Wirklichkeit, wenn auf dem Boden der anthroposophischen Bewegung vom «Umdenken» und «Umlernen» die Sprache ist, das der Welt klarzumachen, wäre die Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft. Denn die Phrase hat heute eine solche Kraft gewonnen, daß mit Bezug auf die äußeren Worte derjenige, der kein Unterscheidungsvermögen hat zwischen Wirklichkeit und Phrase, selbst sagen kann: Nun, lest doch den Leitartikel des heutigen «Stuttgarter Tagblattes», da werdet ihr auch die Lehre vom Umlernen finden. Aber heute kommt es nicht darauf an, daß wir Worte vergleichen, denn dadurch fallen wir gerade in die Phrasenhaftigkeit hinein; heute kommt es darauf an, daß wir die Wirklichkeit ergreifen und uns hüten, in die Phrasenhaftigkeit zu verfallen. Wie oft mußte ich ungerne abweisend sein, wenn immer wieder und wieder Phrasen hervorkamen wie solche: Nun, da hat wieder einer auf der Kanzel «ganz theosophisch » gesprochen, wie die Leute sagen. Diese Dinge waren die schlimmsten, denn sie zeugten davon, wie wenig Unterscheidungsvermögen vorhanden ist zwischen der Wirklichkeits-Erkenntnis und dem wohlbehaglichen Leben in der Phrase. Es sollte einmal das Fest der Pfingsten auch die Mahnung in die menschlichen Seelen eingießen: Hinweg von eurer Phrase, hin zur Wirklichkeit! Wir reden heute auf dem Gebiete der Wissenschaft, auf dem Gebiete der Kunst, auf dem Gebiete der Religion überall in Phrasen, in Phrasen, welche im Halse stecken bleiben und daher den ganzen Menschen nicht ergreifen; wie der Glaube des Menschen heute besteht, daß die Sensationen seiner Sinne irgendwo im Gehirn stecken bleiben und seinen motorischen Apparat nicht ergreifen. Zwischen allen diesen Dingen sind die genauesten Zusammenhänge, und ehe nicht die Umwandlung unserer Zeit hineingreift gerade in diejenigen Denkgewohnheiten, welche die autoritäre Wissenschaft heute ausgebildet hat, welche ausgebildet hat das wissenschaftliche Papsttum, eher gibt es keine wirkliche Erneuerung, denn alle andere Erneuerung erfließt nur aus der Oberfläche, und nicht aus dem, woraus sie erfließen muß: aus dem wirklichen Innern. Wenn unser Schul- und Erziehungswesen wirklich eine Erneuerung erfahren soll, muß man darauf bedacht sein, durch solche Dinge, wie sie hier erörtert worden sind, den Menschen vor dem zu bewahren, was in der heutigen Menschheit so leicht heraufkommen kann, weil sie in sich trägt das Erbe des Römertums.
[ 24 ] Es muß bekämpft werden der Hang zur Illusion, die Liebe zur Illusion, die heute in der Menschheit ganz verbreitet ist. Der heutige Mensch fühlt sich behaglich, wenn er sich über den Wert der Wirklichkeit hinwegtäuschen darf, wenn er sich sagen darf: Nicht der Christus in mir, der die Kräfte in mir anregt, die Kräfte in mir stark macht, ist es, zu dem ich mich bekenne, sondern der Christus, der unabhängig von mir ist, und der in Gnaden mich von meinen Sünden befreit, ohne daß ich im Ernste durch meine eigene Kraft etwas dazu tue.
[ 25 ] Immer wieder und wieder ist mir in zahlreichen Briefen dieses Christus Jesus-Bekenntnis entgegengehalten worden gegenüber demjenigen, was die Anthroposophie tun muß und tun will. Und immer wieder und wieder ist mir die Sehnsucht entgegengetreten, das, was heute aus der Wirklichkeit des Geistes heraus scharf geprägt werden muß, weil die Zeit es fordert, zur trivialen Phrase populär zuzurichten, damit die Menschen es doch verstehen können. Doch in dem Augenblick, wo man anthroposophische Wahrheiten zu trivialen Phrasen zuschneiden würde, da würden sie zu dem, was in der heutigen Zeit so billig ist: sie würden zur Phrase werden, würden zur Phrase werden, indem man sie zur Trivialität der Gasse oder zur Philistrosität der heutigen Wissenschaft herunterwürdigte. Immer wieder bin ich ermahnt worden, beides zu tun. Immer wieder hatte ich die Mühe, beides nicht zu tun, weder zur trivialen Phrase der Gasse das Anthroposophische herunterzudrücken — was man im heutigen Sinne popularisieren nennt —, noch auch konnte ich den andern Mahnungen folgen, für die wissenschaftlichen Leute so zu reden, daß sie es verstehen. Diese Ermahnungen kamen ja vielfach an mich heran. Nun, dann hätte ich so reden müssen, daß es ein Echo gefunden hätte bei dem wissenschaftlichen Unsinn der Gegenwart. Da ist es mir noch lieber, wenn sich die Leute so gebärden, wie neulich in Tübingen ein Professor aus der wissenschaftlichen Gesinnung der Zeit heraus es tat. Da scheint mir durchaus, daß Wahrheit herrscht in den Tatsachen, weil diese Gebärde der beste Beweis dafür ist, wie sehr das Geistesleben notwendig hat, umgewälzt zu werden. Insbesondere, wenn man diesen Übergang finden will zum wahren Pfingstgeist, von dem geschwätzigen Worte zu dem keimtragenden Worte, dann wird man sich hüten müssen, immer wieder und wieder die Seelen hinüberzuleiten zu seinen altgewohnten Vorstellungen, um das zu begreifen, was man mit neuen Vorstellungen nicht begreifen will, was mit alten Vorstellungen zwar geschwätzt, aber doch nicht begriffen werden kann.
[ 26 ] Es hat aus bürgerlichem Munde keinen großen Sinn, etwa heute mit den Valeurs, mit den Werten, welche die Worte oftmals haben, darauf hinzuweisen, daß das Proletariertum in gewissen Kreisen für die Dinge, die auf dem Boden des dreigliedrigen sozialen Organismus zu sagen sind, den guten Willen hat, sie besser zu verstehen als das Bürgertum. Habt nur auch diesen guten Willen, ihr Bürger! — so möchte man heute vielfach sagen. Der Proletarier lacht selbstverständlich über diese Mahnung zum guten Willen der Bürger; denn richtig ist es, daß er besser als der Bürger dazu präpariert ist, manches zu verstehen. Aber er ist dazu präpatiert, diese Dinge auch aus einem andern Untergrunde her zu verstehen, und er lacht darüber, wenn man sagt, man solle beim Bürgertum appellieren an den guten Willen zum Verständnis, und er lacht insbesondere darüber, wenn man sagt, daß man sich von diesem Appellieren einen Erfolg versprechen könnte. Denn er weiß ganz gut, daß sein besseres Verständnis von etwas ganz anderem herkommt: daß er, wenn er morgen nicht arbeitet, auf der Straße liegt. Er ist mit der sozialen Ordnung, ich möchte sagen, punktuell, nicht durch eine gerade Linie, verbunden wie der heutige bürokratische Bürger. Er redet von seinem Menschentum aus, weil ihn die heutige soziale Ordnung dazu gebracht hat, keine andern als menschliche Interessen zu haben, denn er bleibt nichts anderes als Mensch, wenn er morgen auf die Straße geworfen wird. Daraus entspringt sein besseres Verständnis.
[ 27 ] Der Bürger, insbesondere der Staatsbeamte, ihn nimmt der Staat so schnell wie möglich in seine Hand, nicht allzufrüh, weil da das In-die-Hand-Nehmen noch etwas unreinlich ist; da überläßt man es den Müttern und Ammen. Aber wenn er über die erste Unreinlichkeit hinauskommt, nimmt man den Menschen sogleich in Staatsobhut, dressiert ihn und präpariert ihn — nicht zum Menschen, sondern zum Staatsbeamten. Da knüpft man die Fäden, daß er nicht punktuell, wie der Proletarier, mit der sozialen Ordnung zusammenhängt, sondern durch eine lange Linie, durch Stricke mit allen seinen Interessen an die bestehende und durch den Staat erhaltene soziale Ordnung angebunden ist. Man präpariert ihn dazu, daß er in seinem ganzen Gehaben der richtige Ausdruck dieser sozialen Ordnung wird. Dann gibt man ihm zu essen, dann ist er zufrieden. Und man gibt ihm nicht nur zu essen, man sorgt für ihn, so daß er nicht selbst für sich zu sorgen hat. Und dann, wenn er nicht mehr arbeiten kann, sorgt der Staat dafür, daß er seine Pension bekommt, daß er ohne sein Zutun richtig von den Mächten erhalten werde, die ihn dazu präparierten, daß er ihr getreuer Ausdruck ist. Das geht so bis zum Tode. Dann sorgt man auch noch durch die Religion, welche ihre Heilmittel nicht aus den inneren Kräften der Seele nimmt, sondern von außen her, über die Gnade, kommen läßt, man sorgt dafür, daß die Seele auch noch nach dem Tode weiter «pensioniert» ist. Das ist gerade der Inhalt der Staatsweisheit, der Religionsweisheit. Kein Wunder, daß der so mit den Interessen des Staates zusammengebundene Staats- und Himmelsbürger an dem festhält, mit dem er zusammengebunden ist.
[ 28 ] Das ist der Gegensatz: das Interesse auf der einen Seite, aber auch das Interesse auf der anderen Seite. Es ist das Interesse auf der andern Seite dasjenige, was heute eine Anzahl von Menschen aufruft zu dem, wozu die Menschheit im Zeitalter des Bewußtseinswesens kommen muß, wovon ich auch öfter gesprochen habe: von dem Sichstellen auf den individuellen menschlichen Boden. Der Proletarier hat nur Gelegenheit dazu, sich als erster auf den individuellen Boden zu stellen, weil er in den andern nicht hineingenommen worden ist. Je mehr er hineingenommen wird, desto schlimmer steht es mit ihm. Denn da haben wir auf der einen Seite diejenigen Menschen, die in ähnlicher Weise durch das Proletariertum in ihre Stellen eingesetzt wurden: die Gewerkschaftsbeamten. Die gewöhnen sich, wenn auch ihre Stellungen andere Namen haben, behaglich in die Allüren der anderen hinein und bekämpfen dann dasjenige, was so scheint, als ob es gegen ihre Allüren gehen könnte. Da schlüpfen sie nach und nach in die Gewohnheiten des Bürgertums hinein.
[ 29 ] Man spricht heute in der proletarischen Welt vom Gewerkschaftstum. In England ist ungefähr ein Fünftel der gesamten Arbeiterschaft wirtschaftlich organisiert. Das ist verhältnismäßig viel. Daher ist die heutige englische Arbeiterschaft bei dem gegenwärtigen Geist der Organisation auch ganz niedlich in die bürgerliche Denkweise hineingewachsen. In Deutschland ist nur ein Achtel organisiert, die andern sind unorganisierte Arbeiter. Und die Unorganisierten sind es heute, die auf die Spitze der Persönlichkeit gestellt sind, sie sind die eigentlich treibenden Kräfte, oder diejenigen, die sich in ihre Organisation das Bewußtsein hineingerettet haben davon, was es heißt, Mensch zu bleiben, wenn man nicht für sein physisches Leben angestellt, dann pensioniert, und schließlich für sein geistig-seelisches Leben nach dem Tode, wie ich es angedeutet habe, ebenfalls pensioniert wird. Diese Menschen, die sich äußerlich ökonomisch auf die Spitze der eigenen Individualität gestellt fühlen, sie haben, ich möchte sagen, den seelischen Duktus für das, was heute weltgeschichtlich herauskommen muß, und was macht, daß die heutige proletarische Forderung zugleich eine weltgeschichtliche Forderung ist.
[ 30 ] Die neuere wirtschaftliche Ordnung hat das Proletariertum in Fabriken in den Kapitalismus hineingespannt, wo es ihm leichter möglich ist, das, was Zeitforderung ist, zu verstehen, als dem Bürger, der eben mit allen Fasern seines Lebens hängt an seiner Versorgung und seiner Pension, und der nicht denken will. Würde er nämlich denken, würde er die Zeit heute richtig auffassen, so könnte es ja nicht vorkommen, daß ein Tübinger Professor so spricht wie neulich der Herr, der mir in der Diskussion erwidert hat: Da redet man davon, daß es beim Proletarier ein «menschenwürdiges Dasein» untergräbt, wenn dieser Proletarier für seine Arbeit «entlohnt» wird. Wird denn aber nicht auch Caruso «entlohnt», wenn er an einem Abend singt und für seine Arbeit dreißig- bis vierzigtausend Mark bekommt? Oder, so meinte der selbstlose Herr, werde nicht auch ich entlohnt? Und ich fühle gar nichts Menschenunwürdiges dabei, wenn ich mein Gehalt einstreiche für meine Arbeit. Und der Caruso findet es auch nicht, wenn er seine dreißig- bis vierzigtausend Mark einkassiert. — Das war der Sinn der Sache. Und es wurde noch hinzugefügt: Es ist ja der einzige kleine Unterschied der, daß das eine mehr, das andere weniger ist, aber darauf kommt es nicht an, denn im wesentlichen ist es dasselbe.
[ 31 ] Das ist der Geist, der aus dem heutigen Schul- und Unterrichtswesen heraufblüht. Das ist dann auch der Geist, der sagt: Wir werden ein armes Volk werden, wir werden Schule und Unterricht nicht bezahlen können, da wird der Staat eingreifen müssen und wird ihn zu bezahlen haben. — Nun, für den, der unverschränkt denkt, wird man zwar einwenden müssen: Ja, aber wie macht es denn der Staat, wenn alle arm sind, und nun er plötzlich der Krösus sein soll, der die Schulden, die wir alle nicht bezahlen können, bezahlen soll? Der Staat nimmt ja erst in Form von Steuern den andern dasjenige ab, was sie haben, er scheint mir daher doch nicht fabrizieren zu können als Krösus, was die Leute nicht haben. — Aber das einzusehen, muß diese Klasse von Menschen erst lernen. Das ist es, was schließlich auch die, die vom Staate ihren Daseinsunterhalt aus den Taschen derjenigen erhalten, die auf der Spitze ihrer Menschenindividualität auch ökonomisch stehen, verstehen lernen sollten. Aber solange die Leute das nicht gelernt haben, nicht gelernt haben durch die Not des Lebens, ist es ihrem Denken nicht beizubringen. Und so scheint es mir, daß eine große Anzahl von Menschen heute einfach ein Zeitalter heraufbeschwören will, in dem man wird lernen können, daß man auch auf die Straße geworfen werden kann, wenn man nicht wirklich eine andere soziale Ordnung durch einen Gedankenimpuls herbeiführen will. Denn es könnte sehr leicht sein, daß jene Pensionen, von denen ich gesprochen habe, nicht mehr gezahlt werden können. Und dann, glaube ich, wenn jene sehr materiellen Pensionen nicht gezahlt werden können, würden die Leute auch nicht mehr soviel geben auf jene anderen Pensionen, die heute spirituell für die Seelen nach dem Tode von den ja auch von den leiblichen Mächten sehr abhängig gewordenen Religionsgemeinschaften gezahlt werden.
[ 32 ] Aber wenn nun irgend etwas auftaucht, was nicht Phrase sein will, sondern Keimgedanke für Taten, dann ist man heute nicht in der Lage, dies anders zu nehmen denn als eine Phrase. Dann spürt man nicht, daß es auf wirklicher Sachkenntnis des Lebens beruht, bis in die Einzelheiten hinein, durch die man erkennt den wissenschaftlichen Wahnsinn der Unterscheidung zwischen sensitiven und motorischen Nerven, der davon abhält, in der Sozialwissenschaft wiederum zu einem wirklichen Arbeitsbegriff zu kommen. Heute ist es schon notwendig, daß wenigstens einige Menschen bis in diese Tiefen hinein sehen. Heute ist es dringend notwendig, daß sich einzelne Menschen nicht betören lassen dahingehend, daß sie sagen: Wir sozialisieren das äußere Wirtschaftsleben, aber die Schule, insbesondere die Mittel- und Hochschule, tasten wir nicht an, die muß bleiben. — Das ist das Allerschlimmste, wenn gerade die bleibt. Denn es wird das, was sie bis jetzt angerichtet hat, in der Zukunft nicht nur weiter angerichtet, sondern sie wird es in einem noch schlimmeren Sinne anrichten. Sozialisieren Sie wirtschaftlich, und lassen Sie dieses Geistesleben, dann haben Sie in kurzer Zeit aus Ihrem heutigen Scheinsozialisieren eine viel schlimmere Tyrannis und viel schlimmere Lebensverhältnisse, als sie nur irgendwie in die Gegenwart hinein sich entwickelt haben. Selbstverständlich gibt es heute einen wirtschaftlichen Zwang, der etwas Furchtbares auslöst im sozialen Organismus. Soll der nun abgelöst werden durch das Strebertum, durch den wüstesten Bürokratismus? Glaubt die Menschheit, die nun endlich — auch ziemlich spät — gelernt hat, daß sie sich nicht berufen darf auf «Thron und Altar», glaubt sie, daß es besser wäre, wenn sie sich aus derselben Gesinnung heraus auf das Staats-Kontobuch und auf das StaatsComptoir beruft? Der Kapitalismus hat verstanden, nach und nach den Altar überzuführen mit Bezug auf die Verehrung in die feuersichere Kasse. Ein Scheinsozialismus wird es verstehen, die jetzige Pseudoverehrung für Mächte, die nicht mehr da sind, die nur noch in der Phrase leben, umzuwandeln in das Genossenschafts-Götzentum und das Genossenschafts-Strebertum.
[ 33 ] Was die Menschheit braucht zur Erneuerung des Geistes, das ist der Mut, einzusehen, daß das Erleben des Geistes im wirklichen menschlichen Innern, wie es heute geworden ist, auf der einen Seite zum religiösen Geschwätz und auf der anderen Seite zur gedankenlosen brutalen Tat, zur militaristischen Tat geführt hat. Derjenige, der sich als richtiger, heutiger, dem kapitalistischen Zeitalter entsprossener Mensch fühlt, er fühlt sich wohl, wenn er seine Coupons abschneidet, wenn er mitten drinnen aber seine Augen wegwendet von dem, was eigentlich geschieht, wenn ihm von der einen Seite das Evangelium zum Geschwätz gemacht wird und man ihm redet von Nächstenliebe und Brüderlichkeit, während er Nächstenliebe und Brüderlichkeit bequem mit der Schere entzweischneidet und nicht zu sehen braucht, wie eigentlich die Dinge in der Wirklichkeit vorgehen, weil er auf der andern Seite sicher ist, daß er nicht selber durch die Tat sein Geschäft schützen braucht, sondern weil das der Staat tut, indem er die Schwerter stählt. Wir haben es ja gerade in der modernen Zeit erlebt, daß jenes Bündnis eingegangen worden ist zwischen Geschäftsleben und Staatsleben, das uns in die Weltkatastrophe hineingebracht hat. Was ist denn der Staat, auf den die Menschen so stolz gewesen sind, anderes gewesen als der große Protektor des Wirtschaftslebens, wie es unter dem Kapitalismus geführt worden ist? Man möchte hoffen, daß sich die Patrioten der Vergangenheit, die man in ihrer Gesinnung nicht hat antasten dürfen — denn sie waren «gute » Patrioten, sie hatten die Phrase geprägt von dem patriotischen Wort, und es war im verflossenen Zeitalter eine recht schlimme Sache, wenn man etwa darauf hinwies: diese patriotische Phrase hat einen sehr realen Untergrund, denn der patriotisch verehrte Staat ist ja schließlich der Beschützer der Bankscheine —, man möchte hoffen, daß die Zeit nicht einen besonders wahren Beweis führen kann, daß diese Leute, die so patriotisch waren, nicht sich umpatriotisieren und nun, nachdem sie vielleicht von den Ententemächten ihr Geld besser geschützt wissen, schleunigst ihren Patriotismus umfrisieren! Ich will über die Möglichkeit auf diesem Gebiete gar nichts Besonderes sagen, aber auf die Leichtigkeit möchte ich hinweisen, mit der die patriotische Phrase in ihr Gegenteil übergehen kann. Anzeichen sind genug vorhanden.
[ 34 ] Das sind die Dinge, die gerade mit Bezug auf die Notwendigkeit einer Erneuerung des Erziehungs- und Unterrichtswesens heute als eine Pfingstbetrachtung gesagt werden müssen. Denn mit den salbungsvollen Reden, mit denen man der Menschheit gedient hat, sollte ihr nicht weiter gedient werden. Die Menschen sollten sich gewöhnen, auf Worte zu hören, die auf die Wirklichkeiten der Gegenwart hinweisen. Dann würde es möglich sein, daß wirklich der Pfingstgeist sich recht zerteilt, daß in der Zukunft kleine Zungen hineingehen in all das, was entstehen soll auf der Grundlage des befreiten Geisteslebens als die kleinste Schule, als die höchste Schule, damit der befreite Geist, welcher der wirkliche Heilige Geist ist, aus dem emanzipierten Geistesleben der Zukunft heraus für die wirkliche geistige Entwickelung der Menschheit tätig sein kann.
[ 35 ] Damit redet man vielleicht etwas, was die Religionsschwätzer heute nicht gerade christlich finden. Aber es wird sich die Menschheit der Gegenwart einmal überlegen müssen, ob das christliche Reden der Heutigen nicht noch aus jenem Geiste stammt, aus dem heraus Petrus den Herrn dreimal verleugnet hat, oder ob es schon stammt aus dem Geiste, der da gesprochen hat: Was ich euch geoffenbart habe, das ist nicht bloß auf ein Zeitalter beschränkt, sondern es wird bestehen durch alle Zeitalter. Und ich werde nicht aufhören, euch die Wahrheit zu sagen, und ich werde bei euch sein bis ans Ende der Erdenzeit. — Die, welche heute nur den Geist der Vergangenheit auch im Christentum hören können, werden die Phraseure, die Schwätzer sein. Die, welche den lebendigen Geist auch heute zur Umgestaltung und zum Neubau der menschlichen Ordnung vernehmen, das werden vielleicht doch diejenigen sein, in denen man die wahren Christen wird sehen können.
[ 36 ] Möge dieses Zeitalter kommen aus einem wahrhaft erfaßten Pfingstgeist heraus.
