Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
9 Juni 1919, Stuttgart
Achter Vortrag
[ 1 ] Ich habe gestern versucht, Sie auf Ideen hinzuweisen, die dem wirklich nach Fortschritt drängenden Menschen in der Gegenwart eigentlich aufgehen müßten. Insbesondere habe ich versucht, auf solche Ideen hinzuweisen, welche geeignet sind, rechtes neues Leben hineinzubringen gerade in die Pflege des Geisteslebens und besonders in die Pflege des Erziehungs- und Schulwesens. Und wir haben unter den Hemmnissen, welche einem wirklichen Klarsehen auf diesem Gebiete entgegenstehen, vor allen Dingen gefunden die Neigung der Gegenwart zur Phrase, zum gedankenleeren Worte, denn sobald im Worte Gedanke drinnen pulst, ist das Wort auch taterzeugend, ja tattragend. Denn ein Abgrund besteht zwischen dem Worte und der Tat. Das ist immer deshalb der Fall, weil dem Worte der Gedanke fehlt. Und unsere Geisteswissenschaft, die ja, seit sie als solche besteht, dem wirklichen Geistigen und damit auch dem sozialen Fortschritt der Gegenwart dienen will, sie war immer bestrebt, neuen Geist hineinzugießen in die Worte, die allmählich zur bloßen Phrase geworden sind, die inhaltleer geworden sind.
[ 2 ] Es ist nötig, daß Sie dem eben Ausgesprochenen gegenüber etwas ganz richtig erfassen. Wir sprechen von mancherlei Kräften im Weltenall, die wir dann mit bestimmten Namen, das heißt mit bestimmten Worten bezeichnen. In solchen Worten soll, wie das ja selbstverständlich ist, bewußt etwas Neues ausgesprochen werden. Dazu aber ist notwendig, daß man sich dieses Neue erst langsam erarbeitet. Unsere geisteswissenschaftliche Bewegung besteht seit langem. Was in ihr niederzulegen war, ist niedergelegt in einer Reihe von Büchern und in einer Reihe von Vortragszyklen. Diese Bücher und Zyklen sollen dazu da sein, uns mit einem solchen Geist zu erfüllen, daß wir in gewisse Worte, in denen wir dann abschließend das sagen müssen, was eigentlich der Inhalt der ganzen anthroposophischen Weltanschauung ist, daß wir in solche Worte diesen Geistesinhalt hineindenken, ihn mit solchen Worten verbinden. Darauf kommt es an. Und dazu müssen wir voll einsehen: wenn wir uns nicht bemühen durch die eine oder andere Art, ein Verständnis für diesen Geistesinhalt hervorzurufen, dann müssen die Worte, die wir anwenden für unsern Geistesinhalt, selbstverständlich für die Außenwelt wie eine leere Phrase klingen. Das muß heute insbesondere deshalb gut beachtet werden, weil wir uns in die Lage versetzen müssen, richtig auf das Geistes- beziehungsweise das Unterrichts- und Erziehungswesen einzuwirken. Wenn es im Ünterrichts- und Erziehungswesen weiter so fortgeht, wie es bisher gegangen ist, dann wird es das soziale Leben der Menschheit in eine furchtbare Lage bringen. Dann wird gerade von diesem Unterrichtsund Erziehungswesen im alleräußersten Maße der antisoziale Geist in unsere moderne Menschheit immer tiefer und tiefer einziehen. Dafür gibt es auch äußerliche Beweise, die man, ich möchte sagen, auf Schritt und Tritt auf der Gasse findet, die aber merkwürdigerweise nur dazu führen, daß die Menschen heute auf halbem Wege stehenbleiben. Ich will Sie auf ein sehr deutlich sprechendes Beispiel, das aber wieder verhundertfacht und vertausendfacht werden könnte, in dieser Beziehung hinweisen.
[ 3 ] Schon im letzten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts hat Theobald Ziegler, der in Straßburg lehrende Philosoph, in Hamburg Vorträge gehalten über allgemeine Pädagogik. Diese Vorträge sind immer wieder aufgelegt worden, und in ihnen ist viel von dem enthalten, was eigentlich die heutige Menschheit, das heißt diejenige, die überhaupt über solche Dinge, über das Pädagogische, von dem heutigen Gesichtspunkte aus nachdenkt, ganz besonders angehen sollte. Ich will eine Frage herausgreifen, die Frage der Schulaufsicht durch den Staat. Theobald Ziegler bespricht, wie die Schwierigkeit auf diesem Gebiete der Schulaufsicht dadurch entstanden ist, daß diese Schulaufsicht vor verhältnismäßig kurzer Zeit noch ganz in den Händen der Geistlichkeit war, und daß die Lehrerschaft mit Hilfe des Staates gerungen hat, der Geistlichkeit diese Schulaufsicht zu entreißen. Dadurch hat die Lehrerschaft sich eben auch an den Allbeschützer Staat gewendet und gefunden: es ist besser, wenn der Staat uns protegiert, als wenn die Geistlichkeit es macht. Und solche Leute, die dann vom Standpunkte unserer gegenwärtigen Hochschulbildung aus sich mit solchen Fragen befassen, wie 'Theobald Ziegler, sagen sich dann das Folgende. Ich werde Ihnen seine Worte vorlesen: «Ist aber die Oberhoheit des Staates über die Schule Recht und Pflicht zugleich,» — also Recht ist sie und Pflicht zugleich — «so dürfen wir doch auch gegen die Gefahren dieser Verstaatlichung des Unterrichtswesens, wie sie sich auf dem Gebiet der höheren Schulen namentlich vielfach herausgestellt haben, unsere Blicke nicht verschließen. Der Geist der Bürokratie lastet auch auf der Schule schwer. Er hemmt vor allem die so notwendige Freiheit der Bewegung, wie sie nach den verschiedenen lokalen Bedürfnissen, aber auch nach anderen etwa im Lehrerpersonal liegenden Verschiedenheiten den Gemeinden und Schulanstalten einzuräumen wäre; er arbeitet auf ein geistiges Uniformtragen hin, das unserer Bildung sehr abträglich ist; diese leidet ohnedies schon genug unter Schablone und Uniformität. Auch hindert der formalistische Jurist an der Spitze der meisten deutschen Schulverwaltungen den pädagogischen Fortschritt; weil er selbst steril ist — es hat noch niemals ein juristischer Studiendirektor einen pädagogischen Gedanken gehabt, der Epoche gemacht hätte auf dem ihm unterstellten Gebiet! so sind ihm die pädagogischen «Neuerer» verdächtig und unbequem. Gegen dieses bürokratische Schulregiment gilt es, sich zur Wehre zu setzen und namentlich auch für die Schulen größerer und intelligenter Gemeinden, die dem Staat im Verständnis für sozialpolitische Forderungen vielfach überlegen und in ihrer Verwirklichung ihm meist auch voraus sind, weitgehende Freiheit zu fordern.»
[ 4 ] Dies alles sieht ein solcher Mensch ein. Dennoch leitet er diesen Satz ein mit den Worten: «Ist aber die Oberhoheit des Staates über die Schule Recht und Pflicht zugleich. » Nun, sollte denn da nicht doch in einigen Seelen der Gedanke aufkeimen: wie wenig Mut solche Menschen haben, die Konsequenzen aus demjenigen zu ziehen, was sie eigentlich einsehen. Die Frage muß vor unsere Seele treten: Wie kommt es denn eigentlich, daß eine Misere schlimmster Art eingesehen wird, und die Menschen doch nur dazu kommen zu sagen: Aber wir müssen es lassen, wir müssen dem Staat schon diese Oberaufsicht über die Schule lassen; dazu hat er ein Recht, und dazu hat er die Pflicht? Diese Frage müßte heute wenigstens doch von einigen mutigeren Seelen aufgeworfen werden. Denn unsere Universitätsprofessoren sehen das Übel ein, allein, sie wollen es nicht heilen. Diese Frage müßte aufgeworfen werden. Und wenn sie aufgeworfen wird, dann kann sie zunächst nicht beantwortet werden. Suchen Sie nach Antworten auf diese Frage — Sie können gar nicht sagen, daß der gute Wille nicht dazu vorhanden wäre. Weshalb kann sie denn zunächst nicht beantwortet werden? Ja, weil es eben nur eine einzige Antwort gibt. So paradox es in der Gegenwart noch klingt, es gibt in der Gegenwart nur eine einzige Antwort auf diese Frage: Unsere Pädagogik, unser ganzes Geistesleben wird niemals wieder eine Kulturphysiognomie bekommen, wenn sie nicht durchgeistigt wird von einer in unsere Gegenwart hereingehörenden Weltanschauung, die aber aus dem modernen, nicht aus dem traditionellen Menschen herausgeboren ist. Um eine solche Weltanschauung hat sich die Geisteswissenschaft bemüht, solch eine sucht die Geisteswissenschaft. Sie ist daher vor allen Dingen dazu berufen, die Antwort auf diese Frage zu geben. Da ist ein innerer Zusammenhang, und über diesen Zusammenhang wird alles soziale Streben der Gegenwart nicht hinauskommen. An uns aber ist es, uns diesen Zusammenhang klar und deutlich und intensiv vor die Seele zu stellen.
[ 5 ] Es ist wahrhaftig nicht aus irgendwelchen agitatorischen Gründen heraus, wie etwa denen, daß man auch für das Seine eintreten will, sondern es ist die Erkenntnis, aus den Notwendigkeiten heraus in diese Gegenwart das hineinzutragen, was diese Gegenwart insbesondere zu einer Erneuerung des Geisteslebens braucht. Aber hineingetragen werden kann Geisteswissenschaft in dieGegenwart nur in einem wirklich befreiten Geistesleben. Diese Geisteswissenschaft selbst bringt eben Wahrheiten an den Tag, welche der heutigen Menschheit ungewohnt sind. Und wenn man diese Wahrheiten in die Worte kleidet, an welche die heutige Menschheit gewohnt ist, dann wird diese Menschheit wütend. Denn das ist ja eine charakteristische Erscheinung, daß eigentlich über alles, was einen irgendwie geisteswissenschaftlichen Untergrund hat, die heutige Menschheit wütet. Sie ist sich der Gründe ihrer Wütigkeit nicht bewußt, aber sie wird um so wütender, je mehr sie an Altem hängt. Sie wird einfach wütig, wenn sie empfindungsgemäß spürt: Da liegt etwas zugrunde, was wir nur ja nicht haben wollen, da liegt irgend etwas Geisteswissenschaftliches zugrunde. — So war es auch beim « Aufruf». Die Leute gestehen sich so etwas nicht ein, daß sie wütig sind, sondern sagen: Es ist uns unverständlich. — Aber das Faktum ist in der Tat das, daß sie wütig sind, weil von einer Seite etwas herkommt, die sie eigentlich perhorteszieren möchten. Auch über diese Tatsache sollten wir uns durchaus nicht täuschen, denn diese Geisteswissenschaft muß einmal in vollem Ernste und in ganzer Stärke Wahrheiten ans Tageslicht bringen, welche die heutige Menschheit einfach nicht mag, ohne welche aber die Fortentwickelung der heutigen Menschheit nicht geschehen kann. Deshalb sausen wir so in die Dekadenz hinein, weil die Menschheit schon aus den alten Denkgewohnheiten ablehnt, was sie eigentlich seelisch zum Fortschritt braucht.
[ 6 ] Zwei Wahrheiten möchte ich an den Ausgangspunkt unserer heutigen Betrachtung stellen. Dazu möchte ich wieder auf etwas zurückkommen, was ich gestern gesagt habe. Sie wissen, daß wir gewisse Kräfte, die im Weltenwerden spielen und auch den Menschen in ihren Strömungen drinnen haben, zusammenfassen als luziferische auf der einen Seite und als ahrimanische Kräfte auf der anderen Seite. Mit solchen Worten ist es eben so, daß man sich jahrelang das aneignen muß, was solchen Worten inneliegt, sonst bleiben sie Phrase. Hat man aber den Inhalt, dann hat man in diesen Worten geradeso etwas, was man haben muß, wie der Elektriker an seiner positiven und negativen Blektrizität zwei Impulse hat, die er haben muß, um von den Sachen reden zu können.
[ 7 ] Es handelt sich darum, den wissenschaftlichen Geist, der in der unorganischen Naturwissenschaft heute waltet, auch hinaufzutragen ins Geistesleben, aber nicht so, daß man im landläufigen Sinne Monist wird, sondern daß man tatsächlich die Denkweise, die dort waltet, für die höheren Zweige des Geisteslebens metamorphosiert, in diesen höheren Zweigen auch zum Ausdruck bringt. Wenn aber jemand mit Bezug auf das seelische und geistige Leben von positiven und negativen Seelenkräften reden würde, so würde er in die äußerste Abstraktion verfallen. Doch genau dieselbe Denkweise, die auf unorganischem Felde richtig von positiv und negativ spricht, redet auf seelischgeistigem Felde von luziferisch und ahrimanisch. Wir können ja auch zunächst abstrakt definieren, was luziferisch und ahrimanisch ist. Wir können sagen: Der Mensch, wie wir ihn eigentlich vor uns haben, wie wir selber ja sind, ist ein Gleichgewichtszustand; er ist eigentlich immer nur etwas, was Ausgleich ist zwischen zwei Polen, zwischen dem luziferischen Pol und dem ahrimanischen Pol. Alles neigt in uns auf der einen Seite nach dem Phantastischen, Schwärmerischen, nach dem Einseitigen, und, wenn es ausartet, ins Illusionäre Hineinkommenden. Das ist das eine Extrem, zu dem wir neigen. Würden wir dieses luziferische Extrem nicht in uns tragen, so würden wir niemals Künstler werden können. Es kann sich nie darum handeln, daß wir etwa in falscher asketischer Weise sagen: Fliehen wir das Luziferische! Da fliehen wir aber alles in uns, was uns gerade künstlerisch impulsiert. Aber wir müssen, wenn wir Menschen sein wollen, die hier auf der Erde ihren Aufgaben im umfassenden Sinne des Wortes genügen, dieses Luziferische in Ausgleich bringen mit dem, was der andere Pol in uns ist. Dieser andere Pol ist das Verknöcherte, das Verstandesmäßige, das Nüchterne. Physiologisch gesprochen: das Ahrimanische in uns ist alles das, was in uns die Kräfte ausbildet, durch die wir Knochenmenschen sind; das Skelett charakterisiert den Ahriman. Das Luziferische in uns ist alles das, was die Kräfte ausbildet, die uns nach Muskeln und Blut hinüber organisieren. Zwischen diesen zwei Polen, zwischen Blut- und Knochenleben, stecken wir drinnen als Menschen und müssen, wenn wir Vollmenschen sind, den Gleichgewichtszustand anstreben zwischen Blut- und Knochenleben, zwischen dem ins Ilusorische Gehenden, wozu uns immer das Blut drängen will, und dem ins Nüchterne, Trockene, Philiströse Gehenden, wozu uns immer der Knochenmensch drängen will. Dazwischen sind wir drinnen, und niemals ist der Mensch ein wirklich Ruhendes, sondern ein innerlich Bewegtes zwischen diesen beiden Extremen, und man versteht ihn nur, wenn man ihn innerlich bewegt zwischen diesen beiden Extremen auffaßt.
[ 8 ] Denken Sie einmal, daß wir eigentlich als Menschen die Aufgabe haben, in uns selber das zu erleben, was der Waagebalken erlebt, wenn er immerfort schwankt und nur eine Gleichgewichtslage zwischen links und rechts hin- und herschwankend hat. So müssen wir wirklich als Menschen schwanken zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen. Verwandt, sehr verwandt dem Ahrimanischen ist immer der Gedanke, der sich nur an die äußere Sinneswelt anlehnt. Dieser abstrakte Gedanke, der sich nur an die Sinneswelt anlehnt, hat die Neigung, ein Ahrimanisches in uns darzustellen. Und der Wille, der sich an die Erlebnisse unseres Leibes anlehnt, der in den egoistischen Impulsen unseres Leibes aufsteigt, der hat fortwährend die Neigung, luziferischen Charakter anzunehmen.
[ 9 ] So ist auch das Seelische hineinverwoben in Luziferisches und Ahrimanisches. Es war meine Aufgabe in Dornach, in diesen Bau der Hochschule für Geisteswissenschaft hineinzustellen die Hauptgruppe, welche darstellt den Menschheitsrepräsentanten zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen. Es ist versucht worden, gerade in dieser Mittelfigur des Menschheitsrepräsentanten, der in der Mitte steht, die Christus-Gestalt wiederzugeben. Diese Christus-Gestalt wird oben umschwebt von zwei luziferischen Gestalten, das heißt von zwei solchen Gestalten, die zutage treten würden, wenn einseitig bloß das Blut-Muskelhafte im Menschen sich ausgestalten würde. Und unten unterzogen wird die Gestalt von zwei ahrimanischen Gestalten, das heißt von solchen Gestalten, die entstehen würden, wenn im Menschen sich nur diejenigen Kräfte ausbilden würden, die nach der Verknöcherung hinstreben. So ist der Christus oben angrenzend an alles, was zum Illusionären führt, unten angrenzend an das, was zum Nüchternen, Pedantischen, Philiströsen führt. — Ich habe hier allerdings nicht von den luziferischen und den ahrimanischen Figuren, wohl aber von der Mittelfigur ein paar Nachbildungen, die ich Sie bitte, nachher hier anzusehen. Es ist versucht, gerade in Holzskulptur dasjenige herauszubringen, was ich jetzt mit ein paar Worten abstrakt angedeutet habe. Aber ich bitte Sie, diese Dinge nicht als Symbolik anzusehen, sondern vom Gesichtspunkte des Künstlerischen aus, das ja der Gegensatz sein muß alles Abstrakt-Symbolischen.
[ 10 ] Gestern habe ich nun vor Sie etwas hingestellt, was Ihnen vielleicht nicht ganz durchsichtig ist; aber Sie mögen es hinnehmen, möchte ich sagen, einfach als ein geisteswissenschaftliches Ergebnis. Ich habe ja auch schon öfter auf die zugrunde liegende Tatsache hingewiesen. Ich habe gestern gesagt, daß unsere physiologische Wissenschaft in einem furchtbaren Irrtum befangen ist, in dem Irrtum nämlich, daB es zweierlei Nerven gebe, motorische und sensitive, während in Wahrheit alles sensitive sind und kein Unterschied besteht zwischen motorischen und sensitiven Nerven. Die sogenannten motorischen Nerven sind nur dazu da, daß wir innerlich unsere Bewegungen wahrnehmen, das heißt, daß wir sensitiv sind mit Bezug auf das, was wir selbst als Menschen tun. Geradeso wie der Mensch mit dem sensitiven Augennerv die Farbe sich vermittelt, so vermittelt er sich die eigene Beinbewegung durch die «motorischen» Nerven, die nicht da sind, um das Bein in Bewegung zu setzen, sondern um wahrzunehmen, daß die Bewegung des Beines ausgeführt werde. Die falsche Auslegung hat die Wissenschaft der Gegenwart sogar in einen verhängnisvollen Irrtum mit Bezug auf die Tabes-Erscheinungen hineingeführt. Während gerade diese Tabes-Erscheinungen dasjenige voll beweisen, was ich eben kurz auseinandergesetzt und gestern schon dargestellt habe.
[ 11 ] Aber welche tiefere Tatsache liegt eigentlich dieser Sache zugrunde? Man geht eigentlich immer fehl, wenn man einfach das Urteil hinstellt: Irgend etwas ist falsch, irgend etwas ist unrichtig. Denn das Unrichtige, das gerade eine wesentliche Bedeutung hat, ist ja wirklich. Es ist einmal diese physiologische Schulmeinung da, daß es mototische und sensitive Nerven gibt, und sie west in zahlreichen Köpfen, die durchaus nicht immer dumm sind, sondern nur befangen sind in der Weltanschauung der Gegenwart. Woher kommt denn die ganze Sache? Man muß nicht nur von etwas die Ansicht gewinnen, daß es untichtig sei, sondern die zugrunde liegenden Tatsachen muß man erforschen, warum eine solche Unrichtigkeit entstehen konnte. Da kann nun nur die Geisteswissenschaft eine wirkliche Antwort geben.
[ 12 ] Wenn heute der Physiologe seine Wissenschaft zustande bringt, dann ist er — verzeihen Sie das harte Wort — eigentlich gar nicht Mensch. Er hat durch die besondere Entwickelung dieser Wissenschaft in der neueren Zeit die Gleichgewichtslage verloren; er schildert nicht im Gleichgewichtszustande zwischen dem Luziferischen und dem Ahrimanischen, sondern er ist in ein Ahrimanisches hinuntergerutscht. Eigentlich ist er besessen vom Ahrimanischen und schildert mit ahrimanischer Gesinnung. Und weil man immer das, worinnen man steckt, nicht sieht, so sieht man dafür das andere. Wenn man ahrimanische Gesinnung hat und etwas am Menschen selber schildert, so schildert man das Luziferische. So ist eigentlich diese heutige Physiologie, die von dem Unterschiede zwischen den motorischen und sensitiven Nerven faselt, dadurch zustande gekommen, daß Ahriman den Luzifer beschreibt im Menschen, und daß das, was unter dieser Beschreibung zustande kommt, eigentlich die Natur Luzifers ist, der nun wirklich so ist, daß man bei ihm in einer gewissen Beziehung sprechen kann — aber sie sind dann geistig, sind auf einem anderen Plan — von sensitiven und motorischen Elementen. Es ist außerordentlich interessant zu sehen, wie unter dem Einfluß der gegenwärtigen Weltanschauungen der Mensch heruntergerutscht ist aus einer gewissen Gleichgewichtslage, die er im Griechischen gehabt hat, ins Ahrimanische. Und man beschreibt richtig den Fortgang unserer Kultur, wenn man ihn so beschreibt, wie ich es vor einiger Zeit im «Reich » getan habe, wenn man ihn mit einem Überhandnehmen des Ahrimanischen identifiziert. Das Interessante ist, daß mit Bezug auf alle diese Dinge im Griechischen eine Gleichgewichtslage für eine kurze Kulturzeit erreicht war, und daß wir heute alle Schäden, auf die ich aufmerksam machen muß mit Bezug auf das griechische Element in uns, eigentlich dadurch uns einimpfen, daß wir das Griechische, das in Gleichgewichtslage war, durch unsere ahrimanische Brille sehen. Nicht gegen das Griechische als solches wende ich mich, sondern gegen das ahrimanisch ausgedeutete Griechische. Also wir sind in das Ahrimanische hinuntergerast, hinuntergesaust und haben heute den Impuls in uns, alles eigentlich aus ahrimanischen Untergründen heraus zu beschreiben, zu betrachten und auch zu tun.
[ 13 ] Das war vor der griechischen Zeit anders. Es hat eine alte Wissenschaft gegeben, an der ägyptischen Kultur kann man sie noch äußerlich studieren. Diese Wissenschaft verstehen heute die Leute gar nicht, denn sie ist das Gegenteil von dem, was man heute Wissenschaft nennt. Heute sind wir ins Ahrimanische hinuntergerutscht. Diejenigen, welche sich zum Griechentum heranentwickelt haben und die im Ägyptertum ihre Dekadenz erreichten, die waren noch im Luziferischen droben. Die waren im andern Extrem. Die hatten eine Physiologie, in welcher Luzifer den Ahriman beschreibt, während wir eine Physiologie haben, in welcher Ahriman den Luzifer beschreibt.
[ 14 ] Es genügt nicht, diese Dinge theoretisch zu verstehen, sondern man muß sich klar sein, daß wenn man im sozialen Leben drinnensteht — ein gewisses soziales Leben hat ja der Mensch immer um sich —, daß dann diese Dinge wirklich werden. Denn die soziale Struktur ist ja Menschenschöpfung. In die soziale Struktur geht alles hinein, was im Menschen liegt, und wir haben in unserer sozialen Struktur Dinge drinnen, die wir nicht beachten, die aber heute beachtet werden müssen, sonst kommen wir aus gewissen Schäden unseres Zeitlebens nicht heraus. Wir tragen nicht nur in uns die beiden Pole des Ahrimanischen und des Luziferischen, zwischen denen wir das Gleichgewicht halten sollen, sondern wir tragen das Luziferische und das Ahrimanische auch in die Seelenzustände hinein. Darüber habe ich von den verschiedensten Gesichtspunkten aus wiederholt gesprochen, und immer wieder machte ich auf die falsche Askese aufmerksam, die da sagt: Ich will mich zurückhalten von Luzifer und Ahriman, damit ich ein guter Mensch werde. — Aber in dem Augenblick, wo Sie nur Geld in Ihren Beutel tun, stehen Sie in dem objektivierten Ahrimanischen in seiner äußersten Konsequenz drinnen. Denn alles, was die soziale Ordnung von der Geldseite her durchdringt, ist ahrimanisch, und die Herrschaft des Geldes ist eine ahrimanische Herrschaft. Und alles, was wir an Luziferischem in die äußere Lebensstruktur, in die soziale Struktur hineingetragen haben — ja, werden Sie nicht zu stark von einem Schock befallen —, alles was wir von seiten Luzifers in die Lebensstruktur hineintragen, das ist alles das, was Amt und Würde ist. Mit der Übernahme eines Amtes in der äußeren Lebensstruktur ziehen wir uns Luzifer heran. Es ist nicht anders. Der Geheimrat gehört dem Luzifer an, und das Geld, das er im Beutel hat, gehört Ahriman.
[ 15 ] Das ist eine Tatsache — nicht zum Lachen! Das ist eine Tatsache, die ganz reale, ja, für unsere Zeit realste Wahrheit ist. Und das eigentliche Streben unserer Zeit besteht darin, innerhalb dieser Sachen wieder das Gleichgewicht zu finden, jenes Gleichgewicht, das wir dadurch histotisch verloren haben, daß wir eben in das Ahrimanische hineingesaust sind. Gehen wir zurück hinter das Griechentum, wo, ich möchte sagen, für einen Weltenaugenblick die Gleichgewichtslage erreicht war, so finden wir, wie in der Herrschaft des Geistigen da nur die Verknöcherung sich überzogen hat mit Theologie und Militarismus — Theologie und Militarismus gehören nämlich zusammen, es besteht eine innere Verwandtschaft zwischen ihnen —, wie unter der Herrschaft des Theologischen und des Militärischen sich namentlich Luzifer auslebte. Dann erreichte das Griechentum eine Gleichgewichtslage für die Weltentwickelung, die aber jeder Mensch eigentlich anstreben müßte. Und dann beginnt der Abstieg auf schiefer Ebene ins Ahrimanische, mit dem phantasielosen Römertum beginnend, und dann jener mächtigen Welle begegnend, die sich von Norden her als das Germanentum entgegenstemmt, das aber noch einmal übertönt wird. Und in dieser Übertönung sind wir drinnen und müssen uns heute retten aus dieser Übertönung. Denn das, was die Physiologen, die Wissenschaftler mehr theoretisch geleistet haben, indem sie Ahriman den Luzifer schildern lassen, das will sich immer mehr und mehr auch äußerlich verwirklichen. Der Mensch ist auf der Bahn, das Ahrimanische immer mehr und mehr in sich aufzunehmen, und das, was die Physiologen nur geredet haben — denn die Beschreibung, die wir heute vom Menschen in den physiologischen Lehrbüchern haben, ist nicht eine Beschreibung des Menschen, sondern eine Beschreibung des Luzifetischen —, das, was die Physiologen nur reden, das möchten zahlreiche Menschen machen, nicht aus einem bösen Willen heraus, sondern weil sie noch nicht schen, wohin der wirkliche Weg gehen muß. In dem Augenblick, wo wir nur die sozialistische Forderung erfüllen würden, den sozialen Organismus zum bloßen Wirtschaftskörper machen würden, in diesem Augenblick würden wir die ganze soziale Ordnung ahrimanisieren. Rein ahrimanisch ist dasjenige Programm, welches bloß den sogenannten wirtschaftlichen Unterbau haben will, auf dem sich dann der geistige Überbau von selbst ergeben soll. Das tritt einem ja so grotesk entgegen, wenn von der äußersten Linken nun gesagt wird, was ja wirklich möglich war zu sagen: Wir sind ganz einverstanden mit der Kritik, die Steiner am Kapitalismus übt; wir sind einverstanden mit der Dreigliederung des sozialen Organismus, aber wir müssen Steiner energisch bekämpfen, denn wir wollen nichts anderes als den Klassenkampf, und der dreigliederige soziale Organismus muß sich von selbst ergeben.
[ 16 ] Da haben Sie das Beispiel eines eminent ahrimanischen Strebens und Wollens, das nichts wissen will von der Gleichgewichtslage, das ganz in eine ahrimanische Kultur hineinsausen will. Das ist die Schwierigkeit von heute. Ich habe gestern von einer anderen Seite darauf hingewiesen. Gehen Sie heute mit denjenigen Menschen, die rechts stehen — Sie werden das natürlich nicht tun, wenn Sie vernünftig sind —, dann konservieren Sie eine alte luziferische Kultur in ihren Resten; gehen Sie mit den Menschen der Linken, dann setzen Sie sich ‘ der Gefahr aus, mitzuarbeiten an einem Weltenbau, der rein ahrimanisch ist. Das Bürgertum hat es ja glücklich dazu gebracht, dem Proletariat eine solche Bildung zu überliefern, daß dieses Proletariat das bürgerliche Denken als ein Ideal betrachtet — das Ideal eines rein ahrimanischen Zustandes auf der Erde, wo alles verbürokratisiert ist, wo bei dem Gedanken einer Änderung zum Beispiel auf dem Gebiete des Schulwesens selbst solche naive Seelen wie 'Theobald Ziegler zurückschrecken. Und in dem ahrimanischen Wirtschaftsstaat wird es erst bös mit dem Geistesleben ausschauen, dessen können Sie sicher sein! Es steckt in dem proletarischen Streben der Impuls nach vorwärts, aber ex wird die Menschheit nur dann nicht ins Unglück führen, wenn er durchgeistigt wird, wenn er durchpulst wird von dem, was die halbe Wirklichkeit zur ganzen macht. Das ist die Aufgabe. Aber diese andere Wirklichkeit kann ja nur die geistige sein, und die macht die Menschen wütend. Diese Wut muß ausgehalten werden. Wahrhaftiges Wutgift wird schon gespieen; aber dieses Wutgift gegen den Geist bricht hervor aus den realen Wutmächten, die sich heute überall verbergen, tückisch, als die ahrimanischen Mächte in unserer Weltenordnung.
[ 17 ] Wahrhaftig, nicht umsonst und nicht ohne Bezug auf das große Problem, das jetzt hervortritt, wurde den Anthroposophen die Möglichkeit geboten, auf das Ahrimanische und das Luziferische als die beiden Pole der Menschheit hinzusehen, und das Problem, das heute als soziales auftaucht, tiefer zu erschauen, als es ohne die Geisteswissenschaft erschaut werden kann. Besonders auf dem Gebiete der Reform, der Umwälzung des Geisteslebens darf das soziale Problem nur im Lichte der Geisteswissenschaft gesehen werden, weil es nur da im richtigen Sinne erscheint. Und das legt den Anthroposophen eine gewisse Verpflichtung auf, darauf hinzuschauen, wie immer die Kultur in einer Art Pendelschwingung abgelaufen ist. Wenn wir in alte orientalische soziale Gebilde zurückgehen, so finden wir das Pendel ausschlagend auf der einen Seite nach der Richtung der Theologie, auf der anderen Seite nach der Richtung des Militarismus. Theologie und Militarismus im orientalischen Sinne tragen wir als Erbe in uns, und heute ist die Zeit, wo wir diese Sachen klar sehen müssen. Später trat an die Stelle von Theologie und Militarismus ein anderes. Denn ebenso, wie Theologie und Militarismus verwandt sind, nämlich luziferisch und ahrimanisch schwingend, so sind verwandt: Metaphysik im mittelalterlich scholastischen Sinne, auch wie sie die Kantianer haben, wenn auch halb ablehnend, und die ganz in der metaphysischen Gesinnung ruhende Jurisprudenz, wie sie die römische Jurisprudenz ist. Das ist wieder verbunden mit dem Beamtentum. So wie Theologie mit Militarismus verbunden ist, so ist die Jurisprudenz mit der Metaphysik verbunden, mit dem Beamtentum und dem guten Bürgertum, während Theologie und Militarismus verbunden sind mit der Aristokratie. Diese Dinge, Theologie als das Luziferische auf der einen Seite, Militarismus, der sich aristokratisch auslebt, auf der andern Seite als das Ahrimanische, das pendelte in der vorgriechischen Zeit. Wir tragen das Erbe in uns. Die Jurisprudenz und die über ihr stehende Metaphysik entwickelten sich im Römertum. Sie hatten zu ihrem Anhang die Bürokratie und das Bürgertum, das ja namentlich durch das Römertum in die Welt gekommen ist. Wer den Übergang erblickt zwischen dem Griechentum und dem Römertum, der kann mit Händen greifen, wie die realen geistigen Entitäten des Griechentums im Römertum metaphysisch wurden. Vergleichen Sie die griechischen Götter in ihrer Lebendigkeit als Imaginationen mit dem abstrakten Begriff eines Jupiter, einer Juno oder einer Minerva im Römertum: da ist alles abstrakt, schattenhafter Begriff geworden. Und so sind auch die Staatseinrichtungen des Griechentums lebendig, von Mensch zu Mensch wirkend, wenn auch für unsere Zeit nicht mehr passend. Im Römertum ist der ganze Staat als Begriff gegossen in ein System von juridischen Begriffen. Diese juridischen Begriffe haben das neuere Bürgertum erzogen, und jetzt sind wir eingetreten seit langer Zeit schon auf dem Gebiete der Weltanschauungen, welche aus der theologisch-juridisch-metaphysischen Sphäre herausgekommen sind, jetzt sind wir eingetreten in die Sphäre des sogenannten Positivismus, der das Sinnlich-Wirkliche nur gelten lassen will, und der zu seiner Begleiterscheinung das Proletariertum hat mit alledem, was Gutes und Verkehrtes im Proletariertum heute steckt.
[ 18 ] Aber damit ist man auch auf dem tiefsten Punkt angekommen, und man muß wieder herauf, sonst fällt man in den Abgrund. Als die Leute theologisch gesinnt waren, konnten sie heruntersteigen, zu der juristisch-metaphysischen Sphäre heruntersteigen. Wenn wir heute nicht anfangen, wieder hinaufzusteigen, dann versinken wir in den Abgrund. Das heißt, wir müssen jetzt, wo wir an dem äußersten Ende des Materialismus angekommen sind und den Materialismus eben praktisch machen wollen, mit aller Energie das Geistige ergreifen, das allein die materialistische Gesinnung wieder heraufheben kann. Das ist die Grundpflicht unserer Zeit. Das macht aber auch das Wirken so schwierig. Denn nicht das aus den menschlichen Klassen- oder Standesvorurteilen oder das aus den Partei-Erscheinungen hervorgeholte Streben, sondern das aus der weltgeschichtlichen Entwickelung selbst hervorgeholte Streben ist dasjenige, woran die Menschen noch lange nicht heran wollen, weil es im Grunde genommen die Leute in einer Zeit trifft, wo sie am ärgsten egoistisch zersplittert sind und in der sie möglichst ungeistig sich gerade wohlfühlen.
[ 19 ] Das Ganze hängt ja zusammen mit einer wirklichen, auch physiologisch-physischen Fortentwickelung des Menschen. Ich habe auf diese physiologisch-physische Fortentwickelung des Menschen oftmals hingewiesen. Glauben Sie denn, wir haben noch dieselben Leiber wie die Griechen? Unsere Leiber sind ja andere. Auch die menschliche Physis macht Metamorphosen durch. Die Griechen haben in ihrer Gleichgewichtslage für solche Dinge eine scharfe Beobachtung gehabt. Wir müssen sie uns aneignen aus den Tiefen unserer Seele heraus, aus dem geistigen Streben heraus. Wer die griechische Skulptur betrachtet, findet in ihr eine wunderbare Dreiheit zum Ausdruck kommend. Man beobachtet das viel zu wenig. Vergleichen Sie in seiner ganzen Physiognomie einen Hermes-Kopf mit einem ZeusKopf oder einem Athene-Kopf. Und vergleichen Sie wieder einen Satyr-Kopf mit einem Hermes-Kopf einerseits, mit einem AtheneKopf, einem Hera-Kopf andererseits. Dann werden Sie das Merkwürdige entdecken, daß die Griechen etwas fühlten, indem sie diese Verschiedenheiten in ihre Plastik hineinbrachten. Ohrenabstände, Nasenstellung sind da Dinge, die deutlich sprechen. Wer einen Hermes-Kopf wirklich studiert, der weiß, oder kann wenigstens wissen, daß das Griechentum im Hermes-Kopf darstellen wollte diejenige Menschheit, aus der das Griechentum sich selber herausgewachsen fühlte, die vergangene Menschheit, die noch etwas hatte von Fähigkeiten und Kräften, die mehr aus dem Tierischen kamen. Der Grieche selbst wollte sich in dem für ihn einzig schönen ZeusTypus darstellen. Vergleichen Sie die Ohrenstellung, die Nasenstellung eines Hermes-Kopfes und eines Zeus-Kopfes: die besondere Art, wie der Grieche sich selber auffaßte, formal, künstlerisch — und die ganze griechische Weltanschauung war im Grunde genommen eine künstlerische —, die wollte er in den drei Typen seiner Plastik zum Ausdruck bringen.
[ 20 ] Diese Dinge sind der heutigen Menschheit vielfach verlorengegangen. Sie müssen wieder erobert, wieder erworben werden. Was aber der Grieche aus seiner unbewußt eingenommenen Gleichgewichtslage erringen konnte, müssen wir uns bewußt erringen, dadurch bewußt erringen, daß wir wirklich den Gesichtspunkt gewinnen, der uns ermöglicht, so etwas zu sagen wie: Ihr Physiologen, ihr beschreibt ja vom Gesichtspunkte des Ahriman aus den Luzifer. — Und warum tut man das heute? Weil auch das Leibliche, das Physische, seit der griechischen Zeit ein anderes geworden ist. Wir sitzen mit unserer Seele gründlicher im Physischen fest als der Grieche, der das vorausahnte, und der gerade solche großen Ahnungen in seiner Mythologie wunderbar zum Ausdruck brachte. Unseren modernen Menschen sah der Grieche voraus. Aber er sah ihn als den an den Felsen des Knochensystems, an das Ahrimanische geschmiedeten Prometheus. Er sah ihn imaginativ voraus. Und das, was in das Ahrimanische hineinsausen will, das will uns noch stärker und immer stärker an den Felsen der Verknöcherung schmieden.
[ 21 ] Wir müssen uns befreien dadurch, daß wir das Geistige erfassen und die Fesseln des Prometheus lösen. Das können wir nur, wenn wir uns ernsthaft auf uns selbst besinnen. Das kann mit uns nimmermehr machen der Orient, denn er ist selber zu luziferisch befangen; das kann mit uns nimmermehr machen der Okzident, denn det ist für sich selber zu sehr ahrimanisch befangen. Das ist die Aufgabe, die wir uns stellen müssen. Und stellen wir sie uns, dann haben wir der mitteleuropäischen Kultur ein wirkliches Ziel gegeben, ein Ziel, das ähnlich ist dem, das da lebte in den Kräften Griechenlands, die sich ausgegossen haben in den Formen der griechischen Kunst, in der künstlerischen Gestaltung der griechischen Dramen, in den zum Himmel weisenden Gedanken eines Plato. Aber wir müssen diese Dinge für uns suchen. Wir dürfen nicht die Imitatoren des Griechentums sein. Wir werden das Griechentum am besten verstehen, wenn wir es gerade in seiner Eigenart fassen, und wenn wir von ihm lernen, die Aufgaben unserer Zeit zu fassen.
[ 22 ] Wir müssen ohne Illusionen hinschauen auf die soziale Struktur der Gegenwart, müssen hinschauen, wie aus ahrimanischem Denken heraus das Geld zu einer Ware geworden ist. Denn der Gegenwert unseres Geldes trägt reinen Warencharakter, Silber- oder Goldwert. Und die Menschen sollten doch darüber nachdenken, wie das, was als «Ware Geld» funktioniert, keinen ursprünglichen menschlichen Bedürfnissen entspricht, sondern etwas ist, wofür erst das Bedürfnis in der Habgier der Menschen geschaffen werden muß. Trivial gesprochen: wir können ja Gold und Silber nicht essen und nicht trinken. Das ist das Ahrimanische, in das der heutige Mensch hineingestellt ist, und von dem unser Wirtschaftsleben dadurch befreit werden muß, daß wir in ihm nur haben Warenerzeugung, Warenzirkulation und Warenkonsum. Und das Geld darf nichts weiter werden als eine große Buchführung, die jeweilige Anweisung für die Ware. Das, was als Geldschein ausgestellt wird, ist bloß auf die aktive Seite geschriebene Ware, die man dafür hingegeben hat. So lange hat man an die Gesellschaft ein Guthaben, bis man die andere Ware dafür eingetauscht hat. Das Geld muß seinen ahrimanischen Charakter verlieren.
[ 23 ] Und so steht auf der anderen Seite, auf der Seite des Geisteslebens, das furchtbare Luziferische, daß der geistige Mensch in Ämter hineingedrängt wird, daß das Menschliche des Menschen untergeht in Amt und Würde. Denn jedes Amt zieht dem Menschen eine luziferische Uniform an. Wer diese Dinge durchschauen kann in der Realität, der sieht insbesondere dann, wenn er die beamteten Lehrer, die beamteten Professoren einherwandeln sieht, die armen Menschen, die in luziferischer Kleidung stecken und die den Kampf führen müssen als Menschen gegen die luziferischen Kleider. Dieser Kampf fordert in der Gegenwart, daß der Mensch auf geistigem Gebiete entluziferisiert wird, daß er zurückgegeben wird der ganzen Menschlichkeit. Das kann nur in einem befreiten Geistesleben sein. Die Dinge liegen tiefer, als man gewöhnlich zugibt. Sie liegen so tief, daß sie dem, der in ihre Tiefen eindringt, gewisse Verpflichtungen auferlegen. Diese Verpflichtungen dürfen in ihrer wahren Gestalt nicht verkannt werden. Wir sind einmal in der Mitte Europas dazu berufen, aus Unglück, Elend und Not heraus den Weg von der Materie zum Geiste zu finden. Durch Jahrzehnte wurde in engeren Kreisen der westlichen Völker, der anglo-amerikanischen Völker, immer darauf hingewiesen: es wird und muß ein Weltenbrand entstehen, und aus diesem Weltenbrand heraus wird Osteuropa eine Gestaltung annehmen, so daß innerhalb dieses Osteuropa sozialistische Experimente gemacht werden müssen, Experimente, welche wir im Westen und in den englisch sprechenden Gegenden selbst nimmermehr vornehmen wollen. Das war Tradition geworden, das ist verfolgbar bis in die achtziger Jahre zurück, daß die uns gegnerische, aber großzügige anglo-amerikanische Politik vorausgesehen hat, wofür leider diese mitteleuropäische Nullitätspolitik blind und taub war: daß kommen wird ein Weltenbrand, und daß der Osten Europas reif werden wird für sozialistische Experimente. )
[ 24 ] Das darf nimmermehr geschehen, daß den westlichen Völkern allein überlassen werde die Vollziehung der sozialistischen Experimente in Mittel- und Osteuropa. Es kann aber nur verhindert werden, wenn wir unsere Aufgabe ergreifen und dem mitteleuropäischen Geistesleben ein Ziel setzen. Das ist unsere Aufgabe. Sehen wir sie nicht kleinlich an! Wir haben es immer wieder und wieder erleben müssen, daß die anthroposophischen Absichten ins Egoistisch-Kleinliche übersetzt wurden aus einer gewissen Couragelosigkeit gegenüber dem Großen. Gar zu gern haben die, welche sich zur Anthroposophie bekannten, den Weg gesucht, indem sie sagten — nehmen wir ein Gebiet heraus —: Die Schulmedizin ist auf falschem Wege; also gehen wir allerlei Schleichwege, um nicht so kuriert zu werden, wie die Schulmedizin es macht, sondern um anders kuriert zu werden. — Sie kennen ja diese Dinge. Schleichwege wurden gesucht für dieses oder jenes. Aber versagt hat man immer dann, wenn es darauf ankam, in der Öffentlichkeit die Sache zu vertreten. Es kommt ja nicht darauf an, daß auf Schleichwegen diejenigen zu erreichen sind, die in der Öffentlichkeit als «Kurpfuscher» gebrandmarkt werden, sondern daß in die öffentliche Struktur, in die soziale Struktur diejenigen aufgenommen werden, die dann mit vollem Recht aus dem Geiste heraus auch das Medizinische treiben können. Raffen wir uns doch auf zu dem wirklichen Mut! Sagen wir nicht in unserem Kämmerlein: Von dem an der Universität abgestempelten Arzt wollen wir uns nicht kurieren lassen, aber zu dem wollen wir gehen, der ohne öffentliches Recht kuriert, weil wir uns nicht getrauen, unsere Gesinnung vor der ganzen Öffentlichkeit zu vertreten und zu verlangen, daß eine solche Medizin nicht da sein dürfte, die wir nicht als die richtige ansehen. Heute geht es nicht mehr mit den Schleichwegen. Heute pulst durch das öffentliche Leben das, was kommen muß: ein couragiertes Vorwärtsdringen, dem nur die richtigen Wege gewiesen werden müssen. Das, meine lieben Freunde, ist es, was wir jetzt immer wieder und wieder bedenken müssen: daß Anthroposophie nicht gedacht war für den Egoismus einzelner Sektierer, sondern daß sie gedacht war als ein Kulturimpuls der Gegenwart. Diejenigen haben Anthroposophie schlecht verstanden, die geglaubt haben, daß sie ihr dann dienen, wenn sie sich sektiererisch im Hinterstübchen abschließen und etwas Sektiererisches treiben. Gewiß, die Dinge, die öffentlich wirken sollen, müssen zuerst gekannt sein, müssen meinetwillen zuerst im Hinterstübchen getrieben werden; aber es darf dabei nicht bleiben. Was im anthroposophischen Impuls liegt, gehört der Welt an, gehört keiner Sekte an. Und jeder versündigt sich gegen die Anthroposophie selbst, wenn er die anthroposophischen Gedanken sektiererisch treibt. Daher muß die Anthroposophie jetzt, wo die große Zeitfrage, die soziale Frage erscheint, in diese soziale Frage hinein ihr Wort legen. Das ist ihre Aufgabe. Und sie muß gewissermaßen hinweggehen über alle sektiererischen Neigungen, die ja leider gerade in der Anthroposophischen Gesellschaft sich so breit geltend gemacht haben. In dieser Beziehung werden wir in uns gehen müssen, um alle sektiererischen Neigungen in unserer Seele zu Kulturneigungen zu erheben. Denn nur aus diesem Gebiete der Geisteswissenschaft heraus, aus der Neigung, das Geistesleben in unserer materialistischen Zeit lebendig zu machen, kann eine wirkliche Umwandelung des Geisteslebens, des Schul- und Unterrichtswesens hervorgehen.
[ 25 ] Alles braucht man selbstvetständlich innerhalb eines Kulturrates. Dieser Kulturrat kann ohne eine wirkliche Seele, die aus einer neuen Weltanschauung kommen soll, doch nur nach und nach — wenn er auch jetzt noch so gut sich anläßt — ein Kultur-Unrat werden. Bedenken wir, daß heute die Wege sich sehr, sehr stark als in der Scheidung begriffen darstellen, und daß man Mut braucht, um zu wählen, daß aber gewählt werden muß, wenn Heil, nicht Unheil über die Menschheitsentwickelung kommen soll. Gewiß können wir nicht von heute auf morgen die ganze Welt anthroposophisch machen, mit einer neuen Weltanschauung beglücken. Aber wenn wir selber wirken, müssen wir uns dessen bewußt bleiben, daß wir wahrhaftig nicht Anthroposophie errungen haben, um sie jetzt entweder ahrimanisch oder luziferisch zu verbergen, sondern um zwischen dem Ahrimanischen und Luziferischen den Gleichgewichtszustand zu suchen, damit wir gegenüber dem, was die sehr stark nach abwärts sinkende Zeitwaagschale bietet, damit wir diesem Hineinsausen in das Ahrimanische dasjenige entgegenhalten können, was jene Gleichgewichtslage hervorbringt, welche die heutige Menschheit ja so sehr braucht.
