Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
22 Juni 1919, Stuttgart
Zehnter Vortrag
[ 1 ] Gestern, als wir in Angelegenheiten der Dreigliederung des sozialen Organismus vom Morgen bis in die Nacht hinein Verhandlungen hatten, kam gegen Abend, mitten in diese Verhandlungen hinein, an mich das neueste Heft der Zeitschrift «Das Reich», das unter dem Gesamttitel «Wissen und Meinung» Ausführungen bringt, die ich noch niemals gelesen habe, die mir noch niemals zu Gesicht gekommen sind. Diese Ausführungen regten aber bei mir eine ganze lange Reihe von Gedanken an, Gedanken allerdings, die auch sonst oftmals in mir angeregt werden.
[ 2 ] Es ist in Niederösterreich, an einem Orte, von dem aus man, wenn man nach Süden sieht, besonders schön im Abendrot die Berge überschaut, den niederösterreichischen Schneeberg, den Wechsel, diejenigen Berge, welche den Nordrand der Steiermark bilden, ein kleines, sehr unscheinbares Häuschen. Über der Eingangstür stand: «In Gottes Segen ist alles gelegen». Ich selber war in diesem Häuschen nur ein einziges Mal während meiner Jugendzeit. Dort aber wohnte ein Mann, der äußerlich sehr unscheinbar war. Kam man in sein Häuschen, so war es überall voll von Heilkräutern. Er war Heilkräutersammler. Und diese Heilkräuter packte er sich an einem bestimmten Tage der Woche in einen Ranzen, mit diesem Ranzen auf dem Rücken fuhr er dann dieselbe Strecke nach Wien, die ich auch dazumal zur Schule fahren mußte, und wir fuhren immer zusammen, gingen dann noch ein Stückchen zusammen durch die Straße, die vom Südbahnhof zur Stadt hineinführt, «auf der Wieden» in Wien. Dieser Mann war gewissermaßen in allem, was er sprach, man möchte sagen, die Verkörperung des in der dortigen Gegend herrschenden Geistes, wie er sich aber als solcher herrschender Geist aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die damals noch nicht lange vorüber war, erhalten hatte. Dieser Mann sprach eigentlich eine Sprache, die ganz anders klang als die Sprache der übrigen Menschen. Wenn er von den Baumblättern sprach, wenn er von den Bäumen selbst sprach, namentlich aber, wenn er von der wunderbaren Wesenhaftigkeit seiner Heilkräuter sprach, so merkte man, wie dieses Mannes Seele zusammenhing mit alledem, was den Geist der Natur gerade in jener Gegend ausmachte, was aber auch den Geist der Natur im weiteren Umkreise bildete. Dieser Mann war ein Weiser auf seine eigene Art, durch seine eigene innere Wesenheit, und aus dieser inneren Wesenheit sprach viel mehr, als sonst oftmals die innere Wesenheit eines Menschen birgt. Dieser Mann, Felix hieß er mit seinem Vornamen, der gewissermaßen ein geistiges Band zwischen seiner Seele und der Natur hatte, er sprach sehr viel auch von allerlei Lektüre. Denn außer den Heilkräutern, die sozusagen sein kleines Häuschen ausstopften, hatte er eine ganze Bibliothek von allerlei bedeutungsvolien Werken, die aber im Grunde genommen alle verwandt waren in ihrem Grundzuge, in ihrem Grundcharakter mit demjenigen, was der Grundcharakter, der Grundzug seiner eigenen Seele war. Der Mann war ein armer Kerl. Denn man verdiente durch den Handel mit Heilkräutern, die man sich in den Bergen mühsam zusammenholte, arg wenig, außerordentlich wenig. Aber dieser Mann hatte ein außerordentlich zufriedenes Gesicht und war innerlich außerordentlich weise. Er sprach oftmals von dem deutschen Mystiker Ennemoser, der seine liebste Lektüre bildete, und der ja in seinen Schriften vieles enthält von dem, was durch den deutschen Geist, aber eben durch den deutschen Geist gerade in den großen Zeiten gegangen war, als noch lebendig waren die Gedankenimpulse Lessings, Herders, Schillers, Goethes und derjenigen, die im Hintergrunde standen. Denn hinter diesen Geistern stand da eben die geistige Welt, die sie in ihrer Art in ihren Schriften in das, was sie der Welt bekundeten, überfließen ließen. — Das aber, was in der gestern an mich gekommenen Nummer des «Reich» aus dem Nachlasse Ennemosers gedruckt worden ist, war mir bis gestern völlig unbekannt. Es enthält den Schlußabschnitt aus Joseph Ennemosers « Horoskop der Weltgeschichte» — ich bemerke dazu: Ennemoser ist im Jahr 1854 gestorben — und ist aus seinem Nachlasse veröffentlicht. Ich möchte Ihnen zur Einleitung der heutigen Besprechung einiges aus diesen Ausführungen Ennemosers vorlesen:
[ 3 ] «...Der die deutschen Gauen mit Schnee und Eis bedeckende Winter mag noch lange dauern, bis der wahre Frühling kommt, allein er wird kommen, der Samen der Freiheit ist gesät, und er wird aufgehen, das Naturgesetz wird weder List noch Heeresmacht aufheben. Wie einsz dem rohen Stamm der germanischen Nation die Idee des Christentums eingepflanzt und in seinem Leben aufgenommen wurde, so wird dieser lebenskräftige Stamm erst noch die grünen Zweige aus sich zu frischen Blüten entfalten; wie der Leib der Kirche im deutschen Baustile bereits in seinen Umrissen vollendet ist, worin das fertige Glaubensdogma gepredigt wird, so werden auch die noch fast überall fehlenden Türme mit dem Weihrauch der wahren Andacht gen Himmel steigen, und es wird das immer geistige Leben und die Organisation der persönlichen Beziehungen zum Göttlichen erst noch zum selbstbewußten Verständnisse ausreifen, das symbolische Gebälke muß erst noch in die lebendige Bewegung der Zweckbestimmungen aufgehen, die Schwere der Kirche muß gelichtet, die Stabilität des Dogma von der Sonderheit in die Strömung des allgemein Menschlichen geleitet werden; wie die Freiheit sich innerhalb der Gesetze der Gerechtigkeit bewegen soll, so muß die Religion mit dem Lichte der Wissenschaft eine erleuchtete Wahrheit, und die Kunst eine Pflegerin der geistigen Schönheit am natürlichen Stoffe werden!
[ 4 ] Ist es nicht ein utopischer Traum und wird Deutschland auch nur entfernt ein solches Erfordernis zu erfüllen imstande sein? Deutschland wird seinen Beruf erfüllen, oder auf das allerschmählichste untergehen und mit ihm die europäische Kultur. Die Entscheidung naht, die Zeit drängt, es weht der Wind von Osten und Westen, es kann ein Sturm losbrechen! Der Stamm der alten Politik steht auf faulen Wurzeln, der Kalkul der Diplomaten möchte wohl zuschanden werden, ihre Kunst ist zur verzerrten, von niemand verstandenen Künstelei geworden. Kann man von den Disteln Feigen, von den Dornen Trauben lösen? Das wahre Leben der Freiheit sproßt nur auf den grünen Zweigen des Rechts und aus der warmen Quelle der Nächstenliebe! Oder kann die Unnatur bestehen und die in alle Glieder ausgeschlagene Disharmonie wieder zur alten Ordnung der abgewelkten Leiber umkehren?
[ 5 ] Es will Abend werden, die erste Zeit ist vergangen, aber Deutschlands Ende ist noch nicht gekommen; bisher hatte es kindische Anschläge, es kommt eine zweite Zeit, darin wird es das ‹Kindische› ablegen und ‹männliche› Anschläge haben. Die Zeit eines Volkes ist erst dann zu Ende, wenn es keine Fragen mehr hat und sich um des Lebens höhere Güter nicht kümmert, oder wenn es unfähig ist, sich auf die Lösung der Zeitfragen einzulassen! Der Deutsche hat nichts weniger als seine Spannkraft verloren, der Sinn ist klar, der Mut fest, und wer zweifelt an der Kraft des Armes? Überall wirken lebendige Geister, nicht als Nachbildner, — Originale stellen sie auf. Der wahre Hunger der Deutschen ist die Sehnsucht nach einer höheren Freiheit des Geistes; der Durst und das Verlangen nach dem Lichte der Wahrheit und des Rechtes sind die Haupttriebfedern, die rüstigen Hände an Werke zu legen, die alle noch unvollendet sind, ein Ziel zu erstreben, das der Menschheit noch ferne liegt. Oder soll der Strom wieder zurückfließen an die Quellen seines Ursprungs? Sollen die Völker wieder zu Familien-Fideikommissen der Fürsten werden oder handelt es sich um Staats- und Völkerrechte? Es waltet ein höheres Gesetz in der Natur und Geschichte, dem sich kein Volk zu entziehen vermag, keines kann über sein Ziel hinaus, keines aber auch die Ordnung des Ganzen stören und dahinter zurückbleiben, als wohin seine Fähigkeit und der Geist der Sprache es treibt! Und die Reaktion, wird sie nicht das Rad wieder in das alte Geleise lenken? Eitle Toren, die sich nur an ihren Jugendträumen ergötzen! Das vielseitig hervorbrechende Feuer kannst du dämpfen, die innere einmal entzündete Glut aber nicht mehr löschen; die Reaktion wird selbst das Mittel zur Freiheit, der Druck bringt die beschleunigte Bewegung, der Haß der Parteien wirkt stärker als die Liebe auf die Begebenheiten der Zukunft; es bedarf vielleicht nur irgendeines zündenden Funkens, und die unterdrückte Geisteskraft der ganzen Nation bricht in hellen Flammen der Begeisterung aus. «Nescit vox missa reverti», die Geister des Lebens schlummern unter dünner Decke, keine freie Handlung kann der Geist wieder zurücknehmen, fremde Geister, Stimmungen und irdische Mächte wirken allein oder zusammen auf den menschlichen Willen, und treiben ihn mit unwiderstehlicher Macht zu Taten, dienach göttlicher Anordnung zur Vereinigung der Gegensätze, zur Versöhnung der Parteien und zur endlichen Erfüllung des Berufes führen!»
[ 6 ] Das sind die Sätze eines Mannes, der im Jahre 1854 gestorben ist. Ich mußte auch denken, als ich das eine Mal den guten Felix in seinem Häuschen besuchte, daß ich damals auch noch aufsuchte die Wohnung der Schulmeisters-Witwe jenes Schulmeisters, der schon vor einigen Jahren gestorben war, die ich aber aufsuchte aus Gründen, weil jener niederösterreichische Schulmeister auch eine höchst interessante Persönlichkeit war. Die Witwe hatte noch eine reiche Literatur, die er in seiner Bibliothek gesammelt hatte. Alles war da zu finden, was deutsche Gelehrsamkeit über deutsche Sprache, über Mythen- und Legendenwesen gesammelt und aufgeschrieben hat, um es zu versenken in die Kräfte des deutschen Volkes. Der einsame Schulmeister hatte niemals Gelegenheit gehabt bis dahin, an die Öffentlichkeit zu treten, bis zu seinem 'Tode nicht; erst nach seinem Tode hat jemand einiges aus seinem Nachlaß ausgegraben. Noch immer aber sind mir nicht zu Gesicht gekommen jene langen Tagebücher, die jener einsame Schulmeister geführt hat, in denen Perlen der Weisheit standen. Ich weiß nicht, was aus diesen Tagebüchern geworden ist. Dieser einsame Schulmeister wirkte auf der einen Seite unter seinen Kindern; aber auf der anderen Seite, wenn er aus der Schulstube hinausging, versenkte er sich — wie mancher solcher Mensch aus der alten Zeit der deutschen Entwickelung — in das, was auf solche Art als Substanz des deutschen Wesens fortlebte. Man mußte, wenn man dann, hinweggehend von solchen, wiederum nach Wien hineinfuhr, so recht sehen, wie zusammenfließen uralte Zeit und neueste Zeit. In dieser neuesten Zeit leben wir drinnen, und an uns ist es, diese neueste Zeit etwas zu verstehen, sie zu verstehen, um in ihr die Möglichkeit zu finden, soweit es an uns ist, mitzutun in den großen Aufgaben, die von dieser Zeit aus der Menschheit gestellt werden.
[ 7 ] Es ist wahrhaftig nicht ein Äußerliches, daß alle diese Gedanken im Zusammenhang mit den Erfahrungen, von denen ich Ihnen andeutungsweise gesprochen habe, gerade gestern im Anschluß an unsere Versammlung durch meine Seele zogen, denn es war ja im Grunde genommen auch gestern ein Stück desjenigen, was in unsere Zeit hereinfällt mitten heraus aus den großen Fragen, die wir haben müssen. Denn das sagte der Mann: «Die Zeit eines Volkes ist erst dann zu Ende, wenn es keine Fragen mehr hat und sich um des Lebens höhere Güter nicht kümmert, oder wenn es unfähig ist, sich auf die Lösung der Zeitfragen einzulassen. » Es zog so manches gestern an uns vorbei, was einem den Gedanken anregen konnte: Wie viele sind denn noch, die wirkliche Fragen an die Zeit haben, die sich noch kümmern um des Lebens höhere Güter? Haben wir es nicht gestern erlebt, daß, als gutmütig unser Ranzenberger auftrat mit etwas, was hätte zu Herzen gehen können, er verschwinden mußte? Wie im Symbolum konnte einem entgegentreten die Behandlung, die das, was anthroposophisch gewollt ist, in der Gegenwart erfährt. Ihn hat man nicht zu Ende sprechen lassen. Allerdings hat man auch den folgenden dann nicht zu Ende sprechen lassen, der keine Fragen hatte, der wahrhaftig keine Fragen hatte, der jene senile Jugend auslebt, die keine Fragen hat, und bei der einem angst und bange wird, wenn man weiß, daß nur dasjenige gedeihen kann in der heutigen Zeit, hinter dem die Kraft, die Substanz des Geistigen steht, daß nur dasjenige gedeihen kann in der gegenwärtigen Zeit, das noch Fragen hat und sich um die höheren Güter der Menschheit kümmert, das nicht als abstrakte Phrase inhaltlose Ideale der Jugend abraspelt und sich groß damit dünkt.
[ 8 ] Diese Dinge, sie sind der Beachtung wert. Sie sind ebenso der Beachtung wert, wie wenn sich revolutionäre Phrase und Philisterei miteinander paaren. Denn die revolutionäre Phrase und der Radikalismus sind die Maske für das Philistertum, für die Pedanterie, für das Banausentum, das uns auch hinlänglich gerade gestern entgegengetreten ist. Es ist notwendig, daß in unserer Zeit nicht gesprochen wird, auch nicht in kurzen Sätzen gesprochen wird, von den Dingen, die Kompromisse bedeuten, sondern daß in deutlich konzipierbarer Weise — denn eine Unterscheidung sollte sich in die Herzen der Menschen der Gegenwart einschreiben: die Unterscheidung zwischen Inhalt und Inhaltlosigkeit — davon gesprochen wird, daß dasjenige, was von hier aus entfaltet werden kann, stärkster Gegner ist der Inhaltlosigkeit. Denn haben wir versucht durch den Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus, im Verein mit Freunden, die sich dieser Idee hingaben und das Substantielle dieser Idee spürten, haben wir versucht, das in die Welt zu bringen, wohinter geistige Einsicht steht, so muß aber auch auf der anderen Seite betont werden, daß nicht verwechselt werden darf dasjenige, wohinter geistige Wirklichkeit steht, mit der Phrase der Zeit, wenn diese Phrase noch so schön ist. Man kann heute die gleichen Sätze sagen: das eine Mal sind sie wesenlose Phrase, das andere Mal sind sie geistiger Inhalt. Der muß eben als Wirklichkeit drinnen sein; der ist noch nicht dadurch drinnen, daß die Worte gleich klingen. Aber alles, was Phrase ist, wenn es auch zuletzt scheinbaren Erfolg hat, hat keinen Wirklichkeitsbestand. Und Aufgabe derjenigen, die in der anthroposophischen Bewegung vereinigt sind, ist es, diesen Unterschied zwischen geistiger Wirklichkeit und wesenloser, inhaltloser Phrase zu erkennen. Es genügt nicht, daß heute die Leute sagen, die Menschheit müsse wieder Mut zeigen, müsse sich wieder aufrichten, müsse das Geistesleben mit neuen Kräften durchglühen, und es müsse sich das Geistesleben loslösen vom Wirtschaftsleben und vom Staatsleben und eine Autonomie des Geistes begründen. Man muß unterscheiden, ob hinter so etwas Substanz ist, oder ob es eine wesenlose Phrase ist, herausgeboren aus dem Phrasengeist unserer Zeit. Da mag es noch so schön klingen; darauf kommt es an, ob hinter etwas Geist der geistigen Wirklichkeit ist oder nur inhaltlose Phrase.
[ 9 ] Ich habe öfter hier gesagt: Es ist nicht umsonst gerade in unserer Zeit das aufgetreten, was wir Anthroposophie nennen, was wir anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen. Seit Jahrzehnten versuchten wir es zu pflegen als eine Vorbereitung für diese ernste ‚Zeit. Aber wir müssen es auch so verstehen: als eine Vorbereitung für diese ernste Zeit. Diese Zeit hat ganz besondere Eigentümlichkeiten. Diese Zeit hat äußerlich das Kennzeichen des Materialismus, und die Schwester des Materialismus ist die Phrase. Je mehr die Menschheit an äußerlich Materiellem hängt, desto mehr wird das, was sie über die Außenwelt sagt, zur Phrase. Phrase und Materialismus gehören zusammen. Über die Phrase hinauskommen können wir heute nur durch eine geistige Vertiefung. Über den Materialismus hinauskommen können wir ebenfalls nur durch eine geistige Vertiefung. Denn so sonderbar es klingt: diese Zeit des Materialismus und der Phrase ist diejenige Zeit, in welcher der Geist mit seinem Inhalt sich aus der geistigen Welt heraus an stärksten der Menschheit mitteilen will. Die Welt lebt in Gegensätzen. Niemals war der Mensch so nahe der geistigen Welt, wie er heute ist, trotzdem er äußerlich im Materialismus versumpft. Niemals waren die Menschen so nahe der geistigen Welt, aber sie merken es nicht, sie verkennen es. Und sonderbar ist es insbesondere, wenn einem immer wieder und wieder gesagt wird, man könne das, was die Anthroposophie bringt, nur glauben, oder man müsse es auf Autorität hin annehmen. Bei nichts jedoch ist Autorität weniger notwendig, bei nichts ist sie weniger am Platze als bei der Anthroposophie. Denn sie redet von demjenigen, was heute in jedes Menschenwesen hinein will, was hinein will durch die Sinne, aber nicht eingelassen wird von der materialistischen Gesinnung der Zeit. Und diese Anthroposophie redet von dem, was heute aufsteigen will aus dem Innern in jedes Menschen Natur, was aber die Menschen nicht herauflassen aus dem Unterleib durch das Herz zum Kopf, und wovon sie natürlich nichts merken.
[ 10 ] An die Menschen wollen heute heran nicht nur die sinnlichen äußeren Eindrücke, sondern diese sinnlichen äußeren Eindrücke wollen einfließen durch die menschlichen Sinne so, daß sie im menschlichen Wesen zu Imaginationen werden. Innerlich ist der Mensch heute dafür veranlagt, Imaginationen, bildhaftes Vorstellen über die Welt zu entwickeln. Aber er haßt es, will es nicht haben; er sagt: Das ist Dichtung, Phantasie. — Er merkt nichts davon, daß ihm die Naturwissenschaft manches Gute geben kann, niemals aber die Wahrheit über den Menschen, und daß er die Wahrheit erleben würde, wenn er zu seinen Imaginationen kommen könnte. Und was in des Menschen Innerem lebt, das offenbart sich fortwährend, nur daß der Mensch nichts davon merkt, als Inspirationen. Niemals waren die Menschen so gequält von Inspirationen wie heute. Denn sie merken, daß etwas aus ihrem Innern heraufsteigen will zu Herz und Kopf; sie aber empfinden es nur als Nervosität, weil sie es nicht heraufsteigen lassen wollen, oder sie betäuben sich durch irgend etwas anderes gegen diese Offenbarungen des Geistes.
[ 11 ] Wir haben hier oft davon gesprochen, daß der Mensch außer seinem physischen Leibe, der mit Augen gesehen und mit Händen gegriffen werden kann, noch seinen ätherischen Leib hat. Sie wissen auch, daß der ätherische Leib nur demjenigen erkennbar sein kann, der sich wirklichen Imaginationen hingibt. Aber es gibt heute einen Weg, den menschlichen Ätherleib wirklich zu erfassen. Dieser Weg besteht darin, die Kunst im Goetheschen Sinne ernst zu nehmen. Goethe war sein ganzes Leben hindurch davon überzeugt, daß sich im künstlerischen Erfassen der Wirklichkeit auslebt die Wahrheit, daß die Kunst eine « Manifestation geheimer Naturgesetze ist, die ohne sie niemals zum Ausdruck kommen können.» Unser Schulwesen aber läßt einen Gifttau auf alles träufeln, was die Wissenschaft durchsetzen sollte mit produktivem künstlerischem Geist. Die Menschheit unserer Wissenschaft glaubt dadurch der Wahrheit näherzukommen, indem sie alles das ausmerzt aus ihrem Inhalt, was von künstlerischem Geist durchzogen ist. Sie kommt dadurch der wahren Wahrheit immer ferner, nicht näher, und außerdem wird allmählich aus alledem, was wir der Jugend zu überliefern haben als Einzelwissenschaften, die wirkliche Wahrheit herausgepreßt. Wahr ist es allein, was Richard Wahle — in dem Sinne, wie ich es auseinandergesetzt habe — sagt, daß in demjenigen, was heute Wissenschaft genannt wird, nur Vorstellungen einer gespenstigen Welt leben. Nehmen Sie alles, was man durch die Naturwissenschaft wissen kann: es gibt dem Menschen keine Vorstellungen von Wirklichkeit. Die Natur selbst mit ihrer wahren Wesenheit lebt nicht in den Vorstellungen der Naturwissenschaft von heute, und nach der Naturwissenschaft haben sich die anderen Wissenschaften gebildet. Was in diesen Vorstellungen lebt, ist nicht die Natur, das ist ein Gespenst der Natur. Gerächt hat sich der Weltengeist an den gegenwärtigen Menschen, die nicht mehr an eine Geisteswelt glauben wollen, so daß die gegenwärtige Menschheit in den furchtbaren Aberglauben verfallen ist, das Gespenst der Naturwissenschaft als reale Wissenschaft zu nehmen. Gespenstergläubig sind heute gerade diejenigen, die sich Monisten, naturwissenschaftlich Gebildete nennen. Und wodurch könnten diese Gespenster der Welt zur Wirklichkeit werden?
[ 12 ] Das könnte dadurch geschehen, daß man in sich in allem Ernste den künstlerischen Sinn so entwickelt, wie ihn Goethe seiner Nation anerziehen wollte, wenn man das aufnehmen könnte, was auflebt in einem produktiven Anschauungsvermögen — Goethe nannte es «anschauende Urteilskraft» —, wenn man auflösen könnte das Gespenstige des Naturanschauens in der produktiven schaffenden Kraft des Geistes. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wird diese schaffende Kraft des Geistes im deutschen Geistesleben so behandelt wie in meinem Märchen in dem einen Mysteriendrama die Phantasie von dem wilden Manne, der an diese Phantasie herankommt. So leben wir mit unsern Vorstellungen heute als Menschen in einer gespenstigen Welt, sind abergläubisch, ohne daß wir es wissen, spotten über den Aberglauben anderer und sind dabei dreimal so stark in diesen Aberglauben verstrickt als die, welche wir als abergläubische Leute verspotten.
[ 13 ] Der Ätherleib des Menschen ist nicht nach demjenigen gebaut, was man als Naturgesetze kennt, sondern er ist nach künstlerischen Gesetzen gebaut. Keiner ergreift ihn, weder an sich noch an anderen, wenn er nicht künstlerischen Geist in sich hat. Und der Mangel an künstlerischem Geist in der Gegenwart ist es, was so verheerend, so vernichtend, so zerstörend eingreift in die Weltanschauungen der Gegenwart. Und außer seinem Ätherleib, das wissen wir, trägt der Mensch in sich noch den astralischen Leib. Dieser astralische Leib ist gerade von ganz besonderer Wichtigkeit in der Gegenwart.
[ 14 ] Meine lieben Freunde, ich kenne kein ergreifenderes Ereignis für die Weltentwickelung als die Tatsache, daß die wichtigsten Beschlüsse zu dieser Weltkatastrophe gefaßt wurden an einem Samstag, am 1. August 1914 in Berlin, am Spätnachmittag, ja sogar in die Nacht hinein. Für den, der die Grundgesetze des menschlichen Lebens vom Gesichtspunkte der Anthroposophie aus versteht, für den ist so manches offenbar, vor das die anderen Menschen sich hinstellen und spotten über den Aberglauben anderer, indem sie aber gerade dreimal so abergläubisch sind als die, über welche sie spotten. Denn diese Menschen wollen nichts wissen von den tieferen Gesetzen, die im Weltenleben herrschen. Sie glauben daran, daß die Schwerkraft herrscht, daß die Atomkräfte herrschen. Aber sie wissen nicht, daß die Weltgeschichte beherrscht ist von tiefliegenden Gesetzen, von denen die äußeren Erscheinungen nur symptomatischer Ausdruck sind, daß die Menschen von Epoche zu Epoche in immer andere Sphären einrücken und in immer anderer Weise leben müssen. Und so sind wir heute in der Zeit angekommen — weil eben gerade wir von allen Zeiten der Menschheitsentwickelung am nächsten der geistigen Welt sind, wir merken zunächst nur nichts davon —, wir sind angekommen an dem Punkt, wo wir berücksichtigen müssen des Menschen Beziehungen zur geistigen Welt. Oh, das brauchten die früheren Menschen nicht zu berücksichtigen; denen war noch die Beweglichkeit verliehen durch ihr armes Gehirn, diejenigen geistigen Offenbarungen zu bekommen, deren sie benötigten. Diese Offenbarungen sind aber im Laufe der Zeit zu wesenleeren Schemen und Phrasen geworden. Und was sich heute Christentum nennt, ist oftmals nichts anderes als eine Summe von wesenleeren Schemen und inhaltlosen Phrasen, nicht erfüllt von Geist. Aber die Menschheit haßt den wirklichen Geist, sie findet sich immer wieder in die Neigung zur Bequemlichkeit, in dem, was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden das Christentum genannt worden ist, den Christus immer wieder und wieder abzuwehren. Es wird immer gesagt: Wenn man unter die heutigen Arbeiter kommt und ihnen vom Christentum spricht, so wollen sie es nicht hören. Ich kann nur immer sagen: Ich glaube das. Denn so, wie ihr heute sprecht, so habt ihr gesprochen, so habt ihr gedacht durch Jahrhunderte und Jahrtausende, und jetzt wollt ihr die Menschen, zu denen ihr so gesprochen habt, mit demselben heilen, das das Elend der Zeit gebracht hat und von dem ihr bewiesen habt, daß es nichts zu hoffen hat.
[ 15 ] Der Mensch ist heute genötigt, Ernst zu machen mit seinen Beziehungen zur geistigen Welt, sich so zu fühlen, daß er wirklich nicht nur drinnen steht in der physischen Welt, sondern auch in einer geistigen Welt. Und ehe wir nicht mit dieser Gesinnung Ernst machen, werden noch Ströme von Blut und Blut über das arme Europa hinströmen müssen. Denn die Menschen hassen die Wahrheit, und der Haß wandelt sich sehr häufig um in Furcht; daher haben die Menschen der Gegenwart Furcht vor der Wahrheit. Heute ist es so, daß wir gar nicht zur Wahrheit kommen können, wenn wir unsere Beschlüsse fassen. Ich werde Ihnen jetzt etwas außerordentlich Paradoxes sagen, aber ich sage es nur aus dem Grunde, weil es notwendig ist, daß diese Dinge in unserer so ernsten Zeit einmal ausgesprochen werden, denn der Mensch braucht heute wirkliche Selbsterkenntnis, nicht phrasenhafte Selbsterkenntnis: Der Mensch kann heute gar nicht zu fruchtbaren Entschlüssen kommen, wenn er den Tag über nachdenkt über diese Entschlüsse. Der Mensch ist heute nahe der geistigen Welt. Wenn er in seinem physischen Leibe ist, dann ist er von der geistigen Welt getrennt; da sieht er durch seine physischen Augen, hört durch seine physischen Ohren, tastet mit seinem physischen Tastsinn. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen dagegen ist er in der geistigen Welt, da lebt er das Leben, das ihm heute zum großen Teil noch unbewußt bleibt, und das mit seinen Impulsen in das Tagesleben hineinspielt. Für den heutigen Menschen aber ist es so, daß er nicht zu fruchtbaren Entschlüssen kommen kann, wenn erin der Zeit vom Morgen bis zum Abend diese Entschlüsse fassen will, sondern er muß sie prophetisch vorgelebt haben in der vorhergehenden Nacht. So ist es früher nicht gewesen, als die Menschen durch ihr anders geartetes Gehirn noch die geistigen Offenbarungen hatten. Heute ist das Gehirn des Menschen vertrocknet, redet selbst in der Jugend schon senil. Denn wissen muß der Mensch: wenn er des Morgens aufwacht, so hat er bereits als ein innerer Prophet das vorbereitet, was er während des Tages an Entschlüssen fassen muß. Nur das ist von einer wirklichen Fruchtbarkeit, was er fertig hat, wenn er des Morgens aufwacht. Alles andere wird immer mehr und mehr in Not und Elend führen, was in dem Aberglauben lebt, daß man während des Tages, wenn man im physischen Leibe ist, zu seinen Entschlüssen kommen müsse. Das sollte der Mensch berücksichtigen. Denn wir leben heute in der Zeit, wo er seine Beziehungen zur geistigen Welt real machen sollte. Deshalb wirkt es so erschütternd, daß die Entschlüsse zu den Ereignissen, die für Deutschland am Ausgangspunkte der Weltkatastrophe standen, nicht vorbereitet waren durch das, was die entsprechenden Persönlichkeiten hätten erleben können in der vorhergehenden Nacht, sondern gefaßt sind unter den unmittelbaren Eindrücken des Samstages, heraus aus dem Verstand des Tages, bis in den späten Abend hinein.
[ 16 ] Ich habe oftmals, als dieser Krieg ausgebrochen war, zu Freunden gesagt: Über diesen Krieg wird man nicht so sprechen können wie über die anderen Kriege, die in der Geschichte abgelaufen sind. Über diese anderen Kriege kann man so sprechen, daß man die Dokumente aus den Archiven sammelt und dann die Sachen beurteilt. Dagegen über diesen Krieg und seine Entstehung wird sich nicht so sprechen lassen. Denn in der Zeit, als dieses Ungewitter ausgebrochen ist, waren alle Teufel los und suchten sich die Tore zu den verwirrten Menschen. Und nachweisen wird man können, daß von den vierzig bis fünfzig Personen, die in die Ereignisse verstrickt waren, welche im Juli 1914 zum Kriege führten, eine große Anzahl nicht den vollen Gebrauch ihres Bewußtseins hatten, als sie jene schicksalsschweren Entschlüsse faßten im Laufe des Tages. Das aber ist die Zeit, wo das Bewußtsein schweigt während des Tages, und wo die Menschen doch nicht schlafen, wo dann die den Menschen feindlichen Dämonen hereinspielen in das menschliche Bewußtsein. Wir haben es also zu tun mit dem Hereinspielen geistiger Ursachen in die Weltkriegskatastrophe, und wer die Weltgesetze durchschaut, der kann erkennen, wie durch einen solchen Umstand, daß wichtigste Entschlüsse nur aus den Ereignissen des Tages gefaßt sind, das Unheil kommt. So wird man immer weniger und weniger die Möglichkeit finden, aus der Not und dem Elend herauszukommen, wenn die Menschen nicht dahinstreben, ihre Beziehungen zur geistigen Welt real zu machen, das heißt ernst zu nehmen ihre Beziehungen zur geistigen Welt in den Tatsachen, die sich abspielen im Innern. Was hilft es, wenn Sie ein noch so guter Mystiker sind, wenn Sie den halben Tag oder manchmal auch den ganzen sich hinsetzen und innerlich sich vertiefen und alles mögliche probieren, um ein inneres Behagen und Wohlgefallen in sich hervorzurufen was hilft es, wenn in Ihnen der Geist nicht lebendig wird, wodurch Sie lebendige Beziehungen erzeugen zwischen sich und der realen geistigen Welt und ihren Gesetzen, deren Ausdruck dann die Schicksale sind, in welche wir Menschen hineingespannt sind?
[ 17 ] Alles, was in diesen Worten sich ausspricht, war mit einer der Gründe, warum die Lektüre der vorhin vorgelesenen Worte Ennemosets besondere Gedanken in mir angeregt hatte. Denn, es war so in der Mitte das deutsche Geistesleben zwischen Osten und Westen. Ennemoser gebraucht selbst diese Worte, er sagt: «Es weht der Wind von Osten und Westen», er weist also zunächst hin auf ein besonderes Verhältnis zum Orient und Okzident, auf das ich neulich im öffentlichen Vortrage hingewiesen habe. Er weist darauf hin als ein Mensch der alten deutschen Zeit und zeigt, daß in den alten Zeiten der deutsche Geist mit dem Weltengeist noch zusammenhing, und daß der deutsche Geist eigentlich berufen war, die großen Weltenzusammenhänge ein wenig zu durchschauen. O ja, es geht einem schon tief zu Herzen, wenn man in unserer jetzigen Zeit einen solchen Satz liest, der vor mehr als einem halben Jahrhundert hingeschrieben worden ist: «Deutschland wird seinen Beruf erfüllen oder auf das allerschmählichste untergehen und mit ihm die europäische Kultur. » Man fühlt dann, daß andere auch schon in verflossenen Zeiten das gedacht haben, was hier und an anderen Orten zu Ihnen und anderen Leuten schon gesprochen worden ist. Denn im Grunde genommen war vieles eine Umschreibung der Worte: Deutschland wird entweder seinen Beruf erfüllen oder untergehen und mit ihm die europäische Kultur. — Dieses Deutschland muß wieder Fragen bekommen, es muß wieder den Zusammenhang mit des Lebens höheren Gütern bekommen. Denn das steht und schwebt als eine Frage über uns: Können wir noch Fragen haben von tieferer Bedeutung? Können wir uns noch kümmern um des Lebens höhere Güter? Die Frage steht auf Sein oder Nichtsein. Kümmern wir uns um höhere Güter, können wir noch Fragen stellen an die geistige Welt, dann werden wir den Weg finden von Mitteleuropa aus, um die Weltkultur nicht untergehen zu lassen. Setzen wir dagegen den Weg fort durch eine senile Jugend und eine philiströse Phrase, die sich revolutionär maskiert, dann gehen wir in die Barbarei hinein. Versteht sich der Mensch in Deutschland zu durchgeistigen, dann ist er der Segen der Welt; versteht er es nicht, dann ist er der Fluch der Welt. Heute stehen die Dinge so, daß zwischen rechts und links, wie auf der scharfen Schneide eines Rasiermessers, der Weg geht, der zum Heile der Menschen in die Zukunft führen wird, und daß der Mensch, der die Dinge in ihrer Wirklichkeit erkennen will, nicht die Bequemlichkeit lieben, nicht bequeme Wege wählen darf.
[ 18 ] Erinnern Sie sich, daß ich unseren Freunden seit langer Zeit dargestellt habe, daß allerdings gerechnet wurde, deutlich gerechnet wurde mit großzügigen historischen Impulsen, aber in einem Sinne, der eben gerade an jenen Orten nur von Heil war, wo er die volksegoistischen Impulse so auslebte, daß ihre Träger sie ansahen als allgemein menschliche. Die anglo-amerikanische Welt hat ihre Eingeweihten, hat ihre Initiierten, sie hat diejenigen Menschen, die zu schätzen wissen die geistigen Kräfte. Hier konnte man predigen und predigen von den geistigen Kräften, und die Dreimal-Abergläubischen hielten einen selbst für einen Abergläubischen. Daher auch sind die Dreimal-Abergläubischen das Opfer geworden des anglo-amerikanischen Westens, der die Dinge durchschaute. Dieser anglo-amerikanische Westen hat in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, vielleicht auch früher — ich weiß es nur bis zu diesen Zeiten —, vor der Öffentlichkeit dasjenige gesprochen, was er gerade der intellektuellen, der Seelenverfassung dieser Öffentlichkeit als angemessen hielt. Aber er sprach aus den Logen seiner Initiation heraus so, daß er sagte: Der Weltkrieg wird kommen — das war ein geisteswissenschaftliches Dogma bei der englisch sprechenden Bevölkerung —, und er kann nur das Ziel haben, daß im Osten Europas sozialistische Experimente gemacht werden, die wir für den Westen nicht wollen und auch nicht wollen können. — Ich erzähle Ihnen kein Märchen, sondern ich erzähle Ihnen das, was in der englisch sprechenden Bevölkerung in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts von Leuten ausgesprochen wurde, die im Zusammenhange standen mit denjenigen, die von diesen Dingen wußten. Aber diese Dinge nahm man eben hier nicht als das, was sie sind, nämlich als Erkundungen einer wirklichen Realität. Und so brach über einen herein das, was die anderen wußten, die daher niemals den Kürzeren ziehen konnten, eben aus dem Grunde, weil sie wußten. Und in diesen geheimnisvollen Logen selber, was waren da für Leute? Da waren Leute, die ihre Verzweigungen hatten hinein in alle diejenigen Gegenden, auf deren Bearbeitung es ankam. Man studiere nur einmal, was an den verschiedenen Punkten, zum Beispiel der Balkanhalbinsel, vorgegangen ist durch Jahrzehnte, und man versuche den Zusammenhang zu erkennen. Ich habe in den Vorträgen, die ich während des Krieges an verschiedenen Orten gehalten habe, auf manche Symptome in dieser Beziehung hingewiesen. Da ist alles darauf angelegt gewesen, daß durch den Weltkrieg die sozialistischen Experimente des Ostens kommen und Mitteleuropa überschwemmen. In den Eingeweihtenlogen sagten diese Leute: Wir im Westen bereiten alles vor, damit wir in Zukunft mit all den Mitteln, die man aus der geistigen Welt gewinnen kann — aber in unrechtmäßiger Weise gewinnen kann —, zur Erhöhung der nationalen Ehre solche Menschen bekommen, die ihre Herrscher werden können, einzelne Menschen auf plutokratischer Grundlage.
[ 19 ] Das wurde vom Westen vorbereitet. Darin steckten die ahrimanischen Geister, und in dieser Welt sind diejenigen Persönlichkeiten zu suchen, die warten können, die nicht durch Jahre, sondern durch Jahrzehnte ihre Handlungen vorbereiten, wenn diese die Handlungen der großen Politik sind. In diesen englisch sprechenden Gegenden herrscht nicht eine militaristische Disziplin, wie siein Mitteleuropa bekannt ist, sondern dort herrscht eine spirituelle Disziplin, aber im höchsten Maße. Die ist so stark, daß sie Männer wie Asguith und Grey, die im Grunde genommen unschuldige Hasen sind, zu ihren Puppen, zu ihren Marionetten machen kann. Grey ist wahrhaftig kein schuldiger Mensch, sondern stimmen wird das, was ein Ministerkollege vor langer Zeit von ihm gesagt hat: Er ist ein Mensch, der immer einen konzentrierten Eindruck macht, weil er niemals einen eigenen Gedanken gemacht hat. — Aber solche Menschen sucht man sich aus, wenn man die rechten Marionetten für das Weltentheater haben will. Die Dinge waren gut eingeleitet und gut vorbereitet.
[ 20 ] Aber heute ist es so, daß der Mensch nicht nur dasjenige berücksichtigen muß, was ihn selbst mit der geistigen Welt verknüpft, die ihm so nahe ist, sondern daß er auch wissen muß, daß große Weltengesetze es sind, die im Weltenwerden, in das die Menschheit mit ihrem Schicksal verstrickt ist, drinnen walten und die auch durch eine geistige Wissenschaft erfahren werden können. Man muß nur in der Lage sein, endlich loszukommen von jener Dummheit, die man heute Geschichte nennt; denn diese Geschichte von heute ist eine Dummheit. Sie glaubt daran, daß das Folgende immer durch das Vorhergehende
[ 21 ] bestimmt ist. Eine solche Anschauung ist aber gerade so, wie wenn Sie ein Meer vor sich hätten und von ihm sagen würden: Da werden Wellen herangespült; jede folgende wird von der vorhergehenden verursacht; die fünfte kommt von der vierten, die vierte von der dritten, die dritte von der zweiten, die zweite von der ersten. In Wahrheit aber liegen die Dinge so, daß unter der Oberfläche des Wassers Kräfte wirken, die das Heraufschlagen der einzelnen Wellen verursachen. Nach der eben gekennzeichneten Weise, wie jemand heute das Meer betrachtet, so betrachten die Menschen auch heute die Geschichte, und sie sind noch stolz darauf, in dieser Weise pragmatische oder kausale Geschichte zu treiben und diese Gespenster vor die Menschen hinzustellen, die sich wieder abergläubisch dazu verhalten und diese Dummheit der kausalen Geschichte als Wirklichkeit nehmen. Wer aber weiß, wie sich die Dinge in Wahrheit verhalten, wie von unten Kräfte wirken, wie jedes einzelne Ereignis an die Oberfläche getrieben wird, der muß sich sagen: Ehe man nicht diese Dummheit, die man heute Geschichte nennt, aus den Gemütern und Anschauungen der Menschen herausbekommt, eher kann kein Heil in das Menschenwerden und in die Menschheitsentwickelung hineinkommen. Das sind ernste Gedanken, die heute denjenigen Menschen erfüllen sollten, der es wirklich einmal ernst zu nehmen vermag mit demjenigen, was heute durch solche Feuerzeichen hereinspielt in unsere Zeit.
[ 22 ] Oh, es konnte einem schmerzlich durch die Seele ziehen, wenn man versuchte, in konkreten Fragen die Menschheit zur Besinnung zu bringen. So mußte ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts denken: Ach, wir haben eine Physik, die ihre verheerenden Wirkungen auf die ganze Weltanschauung mit ihrer widersinnigen Atomtheorie ausübt, und die da glaubt an das Gespenst der äußeren Welt, von dem ich vorhin gesprochen habe. Wie kann man, so dachte ich, dieser Welt wieder etwas davon beibringen, daß das ein Gespenst ist? Und ich sagte mir: Wenn man die Welt darauf aufmerksam macht, daß dasjenige, was uns als Farbe und Licht ins Auge dringt, nicht nur Quantität ist, wie die Physik heute mit ihrer atomistischen Dummheit meint, sondern auch Qualität im Goetheschen Sinne, dann könnte man die Menschen von einem Zipfel aus zum Selbstbewußtsein in dieser Beziehung bringen. — Und ich wollte den Leuten begreiflich machen: die Goethesche Farbenlehre ist kein Dilettantismus, sondern sie ist die Wirklichkeit gegenüber der heutigen atomistischen physikalischen Dummheit. Doch es war die Zeit dafür noch nicht gekommen. Deutschlands Geist beugte sich noch unter die englisch Newtonsche Farbenlehre, die dem anglo-amerikanischen Geist ebenso angepaßt ist wie die Goethesche Farbenlehre dem deutschen Geist. Hätten wir die Möglichkeit gefunden, das aufzunehmen, was wir brauchen, wer weiß, was gekommen wäre! Aber wir hätten es nicht auf dem Wege der Bequemlichkeit versuchen müssen, sondern auf dem, daß wir mit dem Geist Ernst machen. Und dann: Goethes Metamorphosenlehre war schon jene Lehre von dem Zusammenhang des Menschen mit der übrigen Lebewelt. Ausgebaut hätte diese Metamorphosenlehre werden müssen. Aber was geschah? Man redete zwar darüber, aber die, welche darüber sprachen, hatten von den wirklichen Verhältnissen keine Ahnung: es waren Phrasen, was gesprochen wurde. Man unterschied die Phrasen nicht von dem, was Substanz hatte, Und so nahm man den anglo-amerikanischen Darwinismus an an Stelle der Goetheschen Metamorphosenlchre.
[ 23 ] Das sind die einzelnen Tatsachen auf konkretem Gebiete, an denen man durchschauen kann, was wir gesündigt haben an den einzelnen Tatsachen, und was zum Beispiel an solchen einzelnen Tatsachen geschehen müßte, Heute ist die Zeit ernst, und notwendig ist es, daß wir uns zurückbesinnen zu den großen Impulsen des mitteleuropäischen Geistes, welcher der Zeit von der Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts die Signatur gegeben hat. Können wir die Kräfte wieder aufrufen, die in dieser Zeit gewaltet haben, dann könnte Hofnung vorhanden sein, daß uns wieder Fragen aufgehen und daß wir wieder Ziele finden und den Zugang zu den geistigen Kräften der Welt. Denn wie für unsere Zeit ist es gesprochen, was vor mehr als einem halben Jahrhundert Ennemoser hingeschrieben hat: «Die Entscheidung naht, die Zeit drängt, es weht der Wind von Osten und Westen, es kann ein Sturm losbrechen!» Heute kann man es spüren. «Der Stamm der alten Politik steht auf faulen Wurzeln, der Kalkul der Diplomaten möchte wohl zuschanden werden, ihre Kunst ist zur verzerrten, von niemand verstandenen Künstelei geworden. Kann man von den Disteln Feigen, von den Dornen Trauben lösen?» Und ich frage: Kann man mit Philistern, die sich radikal gebärden, Revolutionen machen? Kann man mit seniler Jugend den Geist emanzipieren und auf sich selbst stellen? Wir brauchen wahre geistige Substanz, nicht solche, die sich bloß phrasenhaft radikal gebärdet. Wir brauchen wahrhaftig Jugend, die sich begeistern kann für alles, wofür sich die Jugend begeistern könnte, aber nicht eine Jugend, die senile Phrasen schwätzt und über alles Programme hat und diese Phrasen und Programme verwechselt mit dem geistigen Inhalt. Man möchte, daß sich in die Herzen ein Strahl der Geisteskraft hineinsenkt, damit er die Menschen bereit mache zu unterscheiden zwischen gedankenloser Phrase und substantiellem Inhalt. Aber wenn substantieller Inhalt an die Leute kommt, dann sagen sie, das verstehen sie nicht, das ist ihnen nicht ganz deutlich. Und wenn in irgend etwas die Gesinnung lebt: du mußt deine Sätze so formen, wie es der Wahrheit angemessen ist — und es ist nicht immer bequem, daß sie sich fügt in jede billige Phrase —, dann sagen die Leute: man schreibt gewundene Sätze. Wie oft habe ich gesagt: Wer es mit der Wahrheit ernst nimmt, muß manche Sätze so hinschreiben, daß er sich bei der Fassung des einen mit dem nächsten Satz beschäftigt, und daß er das, was in dem einen Satz gesagt ist, mit dem nächsten in sein richtiges Licht stellt. Wenn man dies ernst nimmt, dann kommt man schon zu jener Gesinnung, welche die Anthroposophie in ihrem tiefsten Innern zu verstehen vermag, und man kommt vor allen Dingen zur Unterscheidung, zu wirklichen Unterscheidungen. Können denn die Menschen heute noch in der Wirklichkeit die Dinge, die zum Beispiel vom Aufgang und vom Untergang sind, unterscheiden? Sie können es nicht. Und da, an diesem Unterscheidungsvermögen, müssen die großen Fragen aufgehen, die wir zu stellen haben. Wir müssen uns fragen, was Goethe für die Naturforschung gewollt hat. War Goethes Farbenlehre eine Morgenleuchte, um das Wesen der Farbe tiefer zu erkennen, als die Physik es kann, oder wollen wir sie zu einem Abendrot machen, das bezeugt, daß die Sonne der Goetheschen Kultur uns schon untergegangen ist? War die Goethesche Metamorphosenlehre eine Morgenleuchte, oder wollen wir sie zu einem Darwinischen Gesetz machen, das die Sonne der Goetheschen Kultur untergehen läßt? Diese Dinge müssen heute durchdacht, müssen durchfühlt werden. Ohne dies kann es nicht weitergehen.
[ 24 ] Nehmen Sie die Erfahrungen der letzten Wochen: Sie können zu gleicher Zeit hoffnungsvoll, Sie können zu gleicher Zeit hoffnungslos werden. Wir haben hier begonnen, im Sinne des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus zu arbeiten. Wir haben so begonnen, daß wir uns nicht gekümmert haben um eine gewisse Schichte der Menschheit. Wir haben gesprochen zu derjenigen Menschheit, welche die breite Masse ausmacht, und wir hatten gefunden, niemand kann es leugnen, die Seelen der breiten Massen zu verstehen. Ich habe während des Krieges einmal mahnend das Wort ausgesprochen: Wir waren während des Krieges dazu verurteilt, daß wir gesunde Wurzeln des Volkes haben, und daß sich aus diesen Wurzeln des Volkes einzelne Individualitäten herausentwickelten, welche die deutschen GröBen waren; was aber die Mittelschichte war, das war das, was einen mit Zweifeln erfüllen konnte, das war das, was so leicht den Weg zur Bequemlichkeit in bezug auf Wahrheit und Bildung gehen möchte. Und da kam uns in unsere Bewegung der Dreigliederung hinein das, was aus den Wurzeln des Volkes herauf in eine recht bedenkliche Schau gerückt ist: die Parteiführer. Und die Parteiführer, die nicht mehr zum Volke gehören, sie stellen heute das Volk vor die Wahl: entweder vernünftig zu bleiben und hinzuhorchen auf das, was wahrhaft auf geistigen Grundlagen ruht, was aber auf vernünftige Weise durch den Menschenverstand eingesehen werden kann, wie alles, was auf geistigen Grundlagen beruht, vom Verstande eingesehen werden kann, wenn man nur will, oder aber den Führern zu folgen und Europa nach und nach hinzuführen zu dem Schicksal der zehn bis zwölf Millionen Menschen, die während der Kriegskatastrophe getötet, und der soundso viel anderen Millionen, die zu Krüppeln geschlagen worden sind, und zehn bis zwölf weitere Millionen zum Tode zu bringen oder verhungern zu lassen. Diese Wahl ist heute gestellt. Und wer zu diesem Gedanken nicht vordringen kann, der kann seine Gedanken nicht bis zu jener Stärke aufraffen, die für den Ernst der Zeit notwendig ist.
[ 25 ] Wir haben vor einigen Wochen dasjenige in Angriff genommen, was — es ist vielleicht nicht mit einem geschickten Wort bezeichnet der Kulturrat werden soll. Seit drei Wochen patzen wir an der Sache herum, und sie ist nicht vom Platze gekommen. Es mußte die Sache so optiert werden, wie sie optiert worden ist, denn auch da mußte appelliert werden an das, was an gesunden Instinkten in der allgemeinen Verwilderung noch zurückgeblieben ist. Was von diesem Gesichtspunkte aus gesagt wurde, braucht weder national-chauvinistisch zu sein, noch braucht es die feindliche Spitze gegen ein anderes Volk zu haben. Die Engländer wissen selbst sehr gut: als einzelne Engländer sind sie etwas anderes denn als Volk. — Der Mann, den ich oft schon angeführt habe, der einer der feinsten Kunstbetrachter ist, hat einmal ein schönes Wort gesprochen, wobei er ungefähr das Folgende sagte: Ach, da machen wir Geschichte. Da untersucht man, wie sich die Ereignisse eigentlich auseinander entwickelt und ergeben haben und wie die Völker in Kriege hineinkommen. Aber all das, was da geschrieben wurde, ist ja doch nur dazu da, um nach unserem subjektiven Standpunkte den einen, den wir brauchen, zu loben, und den anderen zu verurteilen oder zu verlästern. Und wahr ist es, daß die Völker, wenn sie Kriege unternehmen, überall wie die Wilden Krieg führen und nicht fragen nach den Gründen. Herman Grimm meint, in dem Augenblick, wo die Menschen Kriege unternehmen, werden sie zu Wilden. Die Menschen werden, wenn sie ein Staat, eine Nation werden, nicht ein Höheres, sondern sie werden ein Niedereres. Das ist das große Unglück in unserer Zeit, daß man den Staat oder die Zusarmmengehörigkeit höher schätzt als den einzelnen individuellen Menschen. Aber so verstrickt sind die Menschen heute in das Höherschätzen der Gemeinschaften als des Einzelnen, daß sie sich ganz wohl fühlen, entmenscht zu sein, eine Staatsschablone zu sein. Da ist es natürlich schwer, so etwas zu bilden, was das Geistesleben wirklich emanzipieren kann. Aber in unserer Zeit ist die Menschheit trotz ihres Materialismus dem Geiste näher, als man glaubt. In uns walten Inspitationen und Imaginationen. Nur verwandeln wir die Imaginationen wegen unserer mangelnden produktiven Phantasiekraft in allerlei gespenstige Bilder über die Zusammenhänge der Welt, mit denen wir die wirklichen Weltzusammenhänge verleumden. Wenn man jemandem sagt: Europa hängt soundso zusammen —, wie ich es wenige Jahre vor dem Ausbruch dieses Krieges in dem Vortragszyklus von Kristiania getan habe, wenn man die Welt so betrachtet, daß man sie mit innerer Psychologie, mit innerem Schauen beurteilt, dann betrachten es die Träumer als einen Äberglauben, und geht man daran, es ins Praktische umzusetzen, dann halten diese selben Menschen es für Utopie oder Ideologie. Aber darauf kommt es an, daß man in diesen Dingen heute klar sieht. In ihrem Sinne haben die Angehörigen der anglo-amerikanischen Welt klar gesehen, und wir haben dumpf gesehen. — Und auch die Inspirationen verwandeln sich, und zwar zu wilden animalischen Emotionen, die sich in Blut ausleben wollen. Sehen Sie hin auf das Blut, das heute fließt, sehen Sie hin, wenn die Menschen an die Wand gestellt und erschossen werden: das sind die Inspirationen, die an die Menschen kommen wollen mit dem guten Willen der geistigen Welt, die von den Menschen gehaßt wird, und die sich daher in wilde animalische Triebe verwandeln. Denn wenn der Mensch dasjenige, was aus der geistigen Welt als Inspiration an ihn herankommen will, nicht aufkommen lassen will, dann verwandelt es sich in wilde Emotionen, in animalische Triebe.
[ 26 ] Das sollten die bedenken, die seit Jahrzehnten mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zusammen sind. Bedenken sollten sie, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht bloß dazu da ist, um ein Wissen zu sammeln. Ob Sie schließlich vom Astralleib und Ätherleib und Ich irgend etwas wissen, rein gedankenmäßig, oder ob Sie sich ein Kochbuch abschreiben und das, was im Kochbuch steht, nur gedanklich nebeneinanderstellen, das ist einerlei; das eine ist nicht wertvoller als das andere. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muß als Wissen übergehen in die menschliche Seele, aber man darf dieses Wissen nicht verwechseln mit dem stumpfen, dumpfen mystischen Gefühl. Das hat schon auch Ennemoser sehr richtig in diesem Aufsatz gesagt, was da kommen soll; denn er sagt: «Wie die Freiheit sich innerhalb der Gesetze, der Gerechtigkeit bewegen soll, so muß die Religion mit dem Lichte der Wissenschaft eine erleuchtete Wahrheit werden.» Aber die Menschen wollen heute nicht das religiöse Gefühl durchleuchten mit anthroposophischer Wissenschaft, sondern sie möchten punktuell in dem mystischen Gefühl eine abstrakte Göttlichkeit haben. Und vor allem wollen sie nicht, daß die Kunst eine Pflegerin der geistigen Schönheit am natürlichen Stoffe werde.
[ 27 ] Das ist aber das, was Anthroposophie wollen muß: sie muß nicht nur ein Wissen geben; allerdings ein Wissen, aber ein solches, das innere Erleuchtung werden kann, das unser Unterscheidungsvermögen anspornt. Wenn sie das kann, dann ist uns in Mitteleuropa viel gedient. Denn wir müssen mit schauendem, die Welt erkennendem Blick nach Westen und Osten schauen können. Wir müssen im Westen wohl unterscheiden können zwischen dem, was aufgehend uns feindlich ist, und zwischen dem, was als Feindliches nur untergehend ist. Auch da erinnere ich mich aus meiner Bubenzeit, als ich in der Gegend war, wo man die steirischen Berge hat, wie ich jede Woche zweimal im Eisenbahnzuge vor mir hatte jenen Grafen Chambord, der im Schloß Frohsdorf wohnte, auf dessen Antlitz lagerte urälteste Katholizität, urälteste ultramontane jesuitische Erziehung und zugleich das, was der Abglanz war des französischen «L’Etat c’est moi». Das war noch Wahrheit. Alles andere ist nicht mehr Wahrheit. Mag Frankreich noch so sehr seine Macht heute entfalten: es ist im Niedergange, wie das anglo-amerikanische Element im Aufgange ist. Aber diese Dinge müssen richtig eingeschätzt werden. Wir werden sie so durchschauen müssen, daß wir uns befruchten können mit den Gesetzen des Geisteslebens, daß wir verwandeln können die Gedanken in Willen und den Mut finden, mit der Tat uns auch wirklich hineinzustellen in die Gegenwart, die so Ernstes und so Bedeutungsvolles von uns fordert. Wir müssen immer die Versuche erneuern und immer wieder und wieder diese Versuche machen, anzuklopfen bei unseren Zeitgenossen: Wollt ihr ein freies Geistesleben, wollt ihr einen Boden, auf dem sich freies Geistesleben entwickeln kann? Denn diese Versuche müssen immer gemacht werden. Wenn wir etwas von Wahrheit und Weisheit in die Menschheit einfließen lassen wollen, dann müssen wir die Probe machen, ob die Menschen sie annehmen wollen oder nicht; es kann sehr wohl die Sache beeinträchtigen, daß die Menschen sie nicht annehmen wollen. Deshalb bitte ich Sie, nicht sich auf ein Faulbett zu legen, indem Sie nach dem Ennemoserschen Satz sich sagen: «Deutschland wird seinen Beruf erfüllen, oder auf das allerschmählichste untergehen und mit ihm die europäische Kultur. » So sind die Worte nicht aufzufassen; sondern Sie müssen sich sagen, daß Deutschland seinen Beruf erfüllen wird, wenn sich Menschen finden werden, die Kraft genug haben, den deutschen Geist in sich zu beleben, unchauvinistisch, unnational, als ein Stück des Weltengeistes, in dessen Sinn wir zu wirken haben zwischen dem Osten und dem Westen. Und wenn die Welt zurückweist, was aus Mitteleuropa kommen kann, dann sollte für uns jetzt der Zeitpunkt gekommen sein, wo die, welche seit Jahrzehnten sich bekannt haben zur anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, nicht nur mit ihrem Kopfe, sondern mit ihrem Herzen und ihrem ganzen Opfermute sich erinnern und sagen: Wir sind da! Und daß wir da sind, um den Geist zu pflegen, soll nicht eine Seelenlüge sein, sondern soll sich entfalten als Seelenwahrheit! — Und wenn die anderen bereit sind, aufzunehmen den Ruf nach Wahrheit, wie er aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft kommen kann, dann, wenn dieses Verständnis eintritt, dann könnte das, was als Anthroposophische Gesellschaft gedacht war, dasjenige werden, als was sie gedacht war. Heute geht an alle Menschen, die guten Willens sind, der Ruf nach Emanzipation des Geisteslebens. Aber diejenigen Menschen, die sie vom Standpunkte des Geistes aufzufassen vorgegeben haben, sollen Wahrheit darüber sich geben und frei heraus sagen: Und verlassen die anderen die Bahn des Geistes, bringen sie den Mut dazu nicht auf, so wollen wir dafür eintreten. Wir haben den Mut dazu. Wir wollen, daß der Geist nicht Phrase ist für uns, wir wollen, daß er als Wirklichkeit in unserem Blute pulst, wir wollen sagen, was für den Geist zu geschehen hat.
