Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
29 Juni 1919, Stuttgart
Elfter Vortrag
[ 1 ] Es scheint, daß in diesem gegenwärtigen Zeitpunkte in jeder Seele die Frage aufgehen sollte: Wohin steuert die Menschheit? Wohin geht der Weg der Menschheit innerhalb der sogenannten zivilisierten Welt? Die Ereignisse der Gegenwart sind es ja, die zweifellos diese Frage in jede Seele hineinlegen müssen. Deshalb soll heute in einem ersten Teil unserer Betrachtungen gesprochen werden über diese Frage: Wohin steuert die Menschheit?
[ 2 ] Wir haben ja des öfteren gesprochen von den rein menschlichen Differenzierungen, von den Unterschieden, die da bestehen zwischen den Seelenanlagen der Menschen im Westen und den Seelenanlagen des östlichen Menschen. Und ich habe auch schon im öflentlichen Vortrage im Siegle-Haus angedeutet, wie an den ja keineswegs schon beendeten Waffenkampf der Gegenwart sich anschließen wird der große Kampf des geistigen Lebens zwischen dem Westen und dem Osten, und wie dieser Kampf einer der größten, der bedeutungsvollsten Kämpfe sein wird, welche die Menschheit im Verlaufe ihres Erdenwerdens auszukämpfen hat.
[ 3 ] Eine Wahrheit, die hier und überhaupt innerhalb unserer anthroposophischen Bewegung oftmals ausgesprochen worden ist, sie sollte zur Erkenntnis des Menschen und seiner Aufgaben immer wieder und wiederum in der Seele erweckt werden, und das ist die Wahrheit, daß im fünfzehnten Jahrhundert innerhalb der europäischen Menschheit sich ein radikaler Umschwung vollzogen hat, ein radikaler Umschwung, der zunächst von den Menschen wenig bemerkt worden ist, der aber schr, sehr deutlich ist, sowohl für das geistige Leben wie für das seelische Leben wie auch für das äußere Leibliche, für den Menschenleib, für die herrschenden Gesetze des wirtschaftlichen Lebens. Auf allen drei Gebieten ist deutlich bemerkbar um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts das Aufgehen der menschlichen Selbständigkeit, das Aufgehen der menschlichen Bewußtseinsseele. Aus früheren patriarchalischen Verhältnissen der Menschheit muß sich seit jener Zeit der Mensch allmählich herausarbeiten zur vollen Erfassung seines Menschseins, zum Stellen auf sein eigenes Urteil, sein eigenes Empfinden, und auf das aus dem eigenen Urteil und eigenen Empfinden geborene Wollen. Seit jener Zeit ist aber auch im Grunde genommen die menschliche Entwickelung — wenn ich den Ausdruck brauchen darf — gegabelt, das heißt die Menschheit steht vor einem Scheidewege. Diese Menschheit kann, während sie bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts mehr oder weniger, wie von ihren Instinkten geführt, geradeaus gegangen ist, die Menschheit kann seit diesem Zeitpunkte im fünfzehnten Jahrhundert entweder rechts oder links gehen, der Weg ist gegabelt. Solche Entwickelungen vollziehen sich nicht von heute auf morgen; solche Entwickelungen lassen alte Erbschaften besonders aufblühen. Und es sind durchaus alte Erbschaften zurückgeblieben aus denjenigen Zuständen der Menschheitsentwickelung, die vor dem fünfzehnten Jahrhundert durchgemacht worden sind. Aber es haben sich daneben auch diejenigen Eigenschaften der Menschheit ausgebildet, welche eben Natureigenschaften sind, die eigentlich erst seit dem fünfzehnten Jahrhundert in die Menschheitsentwickelung eingezogen sind.
[ 4 ] Nur können wir in einer ganz bestimmten Weise bezeichnen, worin eigentlich dieser Umschwung im fünfzehnten Jahrhundert besteht. Sie wissen ja, ich habe es oftmals betont, die Geschichte, die in den Schulen gelehrt wird, ist nur eine Fable convenue, ist etwas, was mit der inneren Entwickelung der Menschheit furchtbar wenig zu tun hat. Da muß man schon hindurchgehen zu dem, was wahrhaftig geschehen ist, wenn man die Entwickelung der Menschheit verstehen will. Wenn man nun aufzeichnen will, was eigentlich in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts Besonderes geschehen ist, so muß man sagen: Bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts lebte der Mensch dadurch, daß er alle möglichen alten, atavistischen Fähigkeiten aus der Urzeit der Menschheit noch in seinem Blute trug, mehr oder weniger instinktiv. Dieses instinktive Leben, es muß abgelöst werden durch ein seelisch-geistig bewußtes Leben. Und dieses seelisch-geistig bewußte Leben sollte eigentlich das charakteristische Leben der neueren Menschheit werden. Die bloß animalischen Instinkte, die aus der Leiblichkeit kommen, sollten sich verwandeln in seelisch-geistige Instinkte. Es gibt viele Mächte, welche dieser Entwickelung des Menschen nach dem Seelisch-Geistigen hin entgegenarbeiten wollen. Ich habe es oft betont, daß zum Beispiel die katholische Kirche im Jahre 869 auf dem ökumenischen Konzil zu Konstantinopel durch Einsetzung eines Dogmas den Menschen, die Katholiken waren, verboten hat, über den Geist überhaupt nachzusinnen. Der Geist wurde dazumal für die europäische Menschheit, insofern sie der katholischen Kirche angehörte, verboten. Das war gewissermaßen das erste Entgegenstemmen gegen das, was gerade der Menschheit das Allernotwendigste ist, gegen das Heraufziehen der Geistigkeit für die zivilisierte Menschheit. Daher ist es auch gekommen, daß diese zivilisierte Menschheit sich zum Geiste durcharbeiten muß, durcharbeiten muß gegen alle diejenigen Mächte, die sich dem Geiste entgegenstemmen, welche gewissermaßen die Menschheit in der Dumpfheit des alten, instinktiven Lebens zurückhalten möchten. In verschiedenster Weise äußert sich dasjenige, was die Menschheit treffen wird, wenn sie nur von den Erbgütern des Alten, des eigentlich Überwundenen weiterleben will. In verschiedener Weise äußert sich das im Westen, in der Mitte Europas und im Osten.
[ 5 ] Wir müssen uns da allerdings zunächst fragen: Was steht eigentlich der Menschheit bevor, wenn sie sich nicht zu einem geistigen Leben, zu einer Erfassung des geistigen Lebens wenden will? Und ich habe es ja bereits in früheren Vorträgen erwähnt, daß etwas besonders Charakteristisches in der Entwickelung der Menschheit dieses ist, daß in alten Zeiten, zum Beispiel noch in der Zeit der vorchristlichen Kulturen, die Menschen bis in ein viel höheres Alter hinauf entwickelungsfähig geblieben sind, als sie es heute sind. Heute ist der Mensch nur entwickelungsfähig etwa bis zum siebenundzwanzigsten Lebensjahr, wie ich es öfter angedeutet habe. Das ist die äußerste Grenze seiner Entwickelungsfähigkeit. Er behält dann diejenigen Kräfte, die er sich so entwickelt hat bis zum siebenundzwanzigsten Jahr, und läßt sie fortvegetieren in seinem physischen Leibe. Betrachten Sie nur, wie entwickelungsfähig der Mensch in den ersten Lebensjahren ist. Da macht er alles dasjenige durch, was ihn führt bis zu der wichtigen Epoche des Zahnwechsels, gegen das siebente Lebensjahr zu. Die Menschen stumpfen sich nur ab für das, was in ihnen vorgeht; sie beachten es nicht. Aber es gehen innere Revolutionen im Menschen vor, indem er sich seinem Zahnwechsel gegen das siebente Jahr nähert. Es gehen wiederum innere Revolutionen vor im Menschen, wenn er sich gegen das vierzehnte, fünfzehnte Jahr hin der Geschlechtsreife nähert. Von solchem inneren Umrevolutionieren des Menschen spricht die äußere Geschichte nicht. Die ganz verkatholisierte äußere Geschichte Europas spricht nicht davon, und sie weiß warum. Solche Revolutionierungen gingen in der alten Menschheit, in der vorchtristlichen Menschheit bis in ein viel höheres Alter hinauf vor sich. Der Mensch war lange entwickelungsfähig, dadurch konnte er die ausgebildeten Kräfte seines Alters dazu verwenden, sehend in Weltengebiete einzudringen, in die er heute gar nicht eindringen kann, wenn er in der gewöhnlichen Erziehungsmethode, in dem gewöhnlichen äußeren Leben verbleiben will, weil er nur bis zum siebenundzwanzigsten Jahr entwickelungsfähig ist, und dann dasjenige, was sich in ihm entwickelt hat, versulzen, verknöchern läßt. So daß eigentlich die Menschen in ihrer inneren Seele früher greisenhaft werden und fortvegetieren. Dasjenige, was da dem Menschen durch natürliche Kräfte genommen ist, deutlich genommen ist seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, das muß er durch bewußtes Arbeiten an seiner Seele ersetzt bekommen. Und wenn er es nicht ersetzt bekommt, kann der Mensch nur einem Zustand entgegeneilen, der immer wieder und wiederum sein späteres Leben verknöchert, vermechanisiert und so weiter. Das sind innere Gesetze der Entwickelung genau ebenso, wie die Entwickelungsgesetze in der äußeren Natur sind, nur scheut sich heute der Mensch, wirklich ein so starkes Denken und Erkennen zu entwickeln, daß er bis zu diesen inneren Gesetzen der Menschheitsentwickelung eindringt. Aber er muß eindringen, wenn nicht gewisse Dinge eintreten sollen in der Entwickelung der Menschheit, die sonst ganz gewiß eintreten werden.
[ 6 ] Durch dieses Entwickelungsgesetz steht die Menschheit, wenn sie so bleibt, wie sie sich entwickelt hat, vor fortdauernden Katastrophen, vor solchen fortdauernden Katastrophen, für die die gegenwärtige, seit dem Jahre 1914 sich abspielende Katastrophe nur der Anfang ist. Mit den Mitteln, welche die Menschheit als altes Erbgut entwickelt hat, können diese Katastrophen nicht abgehalten werden. Denn der Mensch geht einer Entwickelung entgegen, welche in der Zukunft sein ganzes Seelisches unbrauchbar machen würde für die späteren Jahre seines Lebens. Es würden allmählich über die zivilisierte Welt hin Menschen kommen, die in ihrer Jugend allerlei geistig-seelische Enthusiasmen, geistig-seelische Begeisterungen zeigen, die aber dann abflauen, und die ins Alter hinein seelenlos fortvegetieren würden. Seelenlos würde die Menschheit werden, mechanisiert würde die Menschheit werden.
[ 7 ] Wer sich darauf eingelassen hat, das Leben zu betrachten, insbesondere in unserer Zeit, der konnte auch im äußeren Leben nach dieser Richtung hin gehende Beobachtungen machen. Ich kann Ihnen sagen, ich habe gerade in den Jahrzehnten des letzten Drittels des neunzehnten Jahrhunderts immer wiederum die aufschießenden Talente und sogar Genies beobachten können, wie sie sich entwickelt haben. Keine Erscheinung war häufiger als die, daß sich Menschen entwickelten als Dichter, als Künstler, auch als Wissenschafter in jungen Jahren, die abgeblüht haben in ihren Zwanzigerjahren und dann nichts Beträchtliches mehr hervorgebtacht haben. Solche Sachen beobachtet man nicht, aber sie sind da; man schult sich nur nicht auf solche Beobachtungen. Solche Beobachtungen zeigen aber, was in unserer Zeit der Menschheit droht, wenn sie nicht dasjenige erfaßt, was nur aus der geistigen und seelischen Entwickelung selber kommen kann. Und in verschiedenster Art zeigt sich dieses über die geographischen Territorien hin, die heute von der zivilisierten Menschheit bewohnt werden.
[ 8 ] Die Völker des Westens, die haben in einem gewissen Sinne starke Instinkte. Durch diese starken Instinkte der Völker des Westens werden sie noch längere Zeit vor diesem Absterben des Geistig-Seelischen bewahrt bleiben. Ich möchte sagen, aus der Animalität der Völker des Westens steigen noch Instinkte auf, welche sie bewahren vor der Seelenlosigkeit und Verknöcherung. Deshalb brauchen diese Völker des Westens weniger das geistig-seelische Leben zu kultivieren als die Völker Mitteleuropas und des Ostens. Diese Völker Mitteleuropas und des Ostens können nichts Schlimmeres tun, als die Kultur des Westens nachahmen auf irgendeinem Gebiet. Denn wenn sie nachahmen wollen, so ahmen sie etwas nach, wofür sie keine Instinkte haben, was in ihnen nimmermehr gedeihen kann. Und es war im Grunde genommen unser Unglück, unser selbstverschuldetes Unglück, daß wir uns soviel eingelassen haben auf die Nachahmung des Westens auf den verschiedensten Gebieten des Lebens. Und in gewissen Kreisen des Westens, die eingeweiht sind in diese Dinge, weiß man alles das, was ich Ihnen jetzt erzählt habe, ganz gut. Daher legt man einen großen Wert darauf, den Osten, der sich natürlich durch seine seelischen Eigenschaften sehr gegen die Entseelung und Entgeistigung sträubt, gewaltmäßig zu entseelen und zu entgeistigen. Daher das Bestreben Englands gegenüber Indien, dort hinzuarbeiten auf möglichste Entseelung und Entgeistigung.
[ 9 ] Sehen Sie, so geht der Gang der Kultur, wenn die Menschheit sich nicht geistig-seelisch selber in die Hand nimmt. Dann werden wir es erleben, daß instinktiv im Westen gewisse demokratisch-soziale Ideale gedeihen werden, während im Osten sich dasjenige fortsetzen wird, was schon seinen Anfang genommen hat. Diese Entwickelung des Ostens, sie muß uns ja schon zu besonderen Gedanken anregen. Wir, die wir seit Jahrzehnten sogar immer betonten: die Zukunft Europas hat ihre Quelle in dem russischen Volksgeist, in dem Volksgeist des Ostens — wir, die wir immer hingewiesen haben auf alle die fruchtbaren Kräfte, die im Osten Europas aufgehen müssen, wir müssen heute besondere Sorgfalt darauf wenden, diesen Osten zu betrachten. Wir können ihn nur richtig betrachten, wenn wir uns selber richtig ins Auge fassen.
[ 10 ] Wir in Mitteleuropa sind aus jener Entwickelung heraus, die durch den Dreißigjährigen Krieg gegangen ist, in einen gewissen Idealismus des Geistes hineingegangen, der hoch aufgeblüht ist in Lessing, Herder, Schiller, Goethe, in den deutschen Philosophen, der auch seinen Abglanz gehabt hat in der deutschen Musik. Damit blühte dasjenige auf, was man so gewöhnlich den deutschen Idealismus nennt. Dieser deutsche Idealismus, er hat seinen Höhepunkt erlebt in der Philosophie Flegels. Was ist nun eigentlich diese Philosophie Hegels, die aus dem Goetheanismus in Mitteleuropa sich heraus entwickelt hat als das innerlich gediegenste Gedankensystem, was ist diese Philosophie Hegels? Nun, diese Philosophie Hegels treibt nur auf die höchste Spitze, was auch schon bei Lessing, Herder, namentlich aber bei Goethe lebte. Und das muß insbesondere heute, in der Zeit der Krisis, scharf ins Auge gefaßt werden. Was lebte in diesem deutschen Idealismus? Ja, es lebte zum letzten mal auf, in einer großartigen Weise lebte zum letzten Male auf, was in der Gestalt, wie es dazumal auflebte, in der Menschheit nicht bleiben darf. Der deutsche Idealismus, er muß in einer gewissen Hinsicht betrachtet werden als eine sehr schöne, großartige, gewaltige Abendröte. Und wer sie anders betrachtet denn als eine großartige, gewaltige Abendröte, der betrachtet sie falsch, der betrachtet sie so, daß er sich gegen den Geist des menschlichen Fortschritts versündigt. Das insbesondere wird bei Hegel anschaulich.
[ 11 ] Es ist schwierig für die Menschen, sich in das ganz bis in die höchste Höhe der Abstraktion hineingetriebene Gedankengebäude Hegels zu vertiefen. Wer es aber tut als Mensch — nicht als Universitätsprofessor, sondern als Mensch —, der kann sich ein Urteil machen, wohin eigentlich der Menschengeist getrieben hat, indem er aus dem Goetheanismus den Hegelianismus heraus entwickelt hat. Hegel erklärt aus dem Goetheanismus heraus die menschliche Vernunft, die da waltet in den Erscheinungen, als das eigentlich Göttlich-Geistige. Die menschliche Vernunft setzt Hegel auf den höchsten Thron; die in der Wirklichkeit waltende Vernunft setzt Hegel auf den höchsten Thron. Er führt im Grunde genommen nur dasjenige aus, was auch schon Goethe getan hat. Nun ist das Eigentümliche — wenn man sich wirklich als Mensch vertieft in Goethe und Hegel, so merkt man das —, nun ist das Eigentümliche, daß Geist waltet in Lessing, in Herder, in Schiller und Goethe, in Hegel, aber daß dieser in ihnen waltende Geist nichts vom Geiste weiß. Das ist etwas, was die Menschen werden verstehen müssen, was heute den Menschen noch so ans Ohr klingt, daß sie geradezu gar nichts davon verstehen. Es ist Geist, was in diesem deutschen Idealismus waltete, es ist Geist, aber es weiß nichts vom Geist, es handelt nicht vom Geist, es redet nicht vom Geist.
[ 12 ] Die Hegelsche Vernunft, sie wird entwickelt zuerst in der Logik, das heißt im gewöhnlichen menschlichen Denken, das zum Weltendenken wird; sie wird entwickelt in der Naturphilosophie, wo alle Naturerscheinungen gemäß der Vernunft verwaltet werden; sie wird entwickelt in den menschlichen seelischen Eigenschaften, in den menschlichen geschichtlichen Eigenschaften, in dem, was der Mensch hervorgebracht hat als Religion, als Kunst, als Wissenschaft — aber dann ist es aus. Von dem Geiste als Geist redet diese Philosophie nicht. Sie ist ganz Geist, sie redet von allem, was nicht Geist ist, auf geistige Art; aber sie redet nichts vom Geiste. Es ist die letzte Abendröte, die letzte schöne, herrliche Abendröte desjenigen, was eigentlich für die Gesamtmenschheit als Sonnenschein schon in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts untergegangen ist. Daher ist es notwendig, daß man gerade zum deutschen Idealismus eine ganz besondere Stellung gewinnt. Derjenige, der ihn konservieren will, der das einfach aufnehmen will, was Lessing, Herder, Goethe, Schiller gedacht haben, oder was dann Hegel in großartige abstrakte Weltenformeln gebracht hat — wer das bloß nachdenken will, wer gewissermaßen im gewöhnlichen Sinne Schüler sein will dieser Zeit, der versündigt sich am Fortschritt der Menschheit. Wir können das, was als Abendtöte der Menschheit erglänzt hat, was noch in sich trägt die letzten Lichtingredienzien des Griechentums und Römertums, wir können das nicht, wenn es nicht ertötend wirken soll, in die Kultur, in die Entwickelung der neueren Zeit einfach als Wissen, als Aufgenommenes, als Verdautes hinübernehmen. Das ging mir schon als ganz junger Mensch durch die Seele. Deshalb habe ich in den achtziger Jahren den Goetheanismus nicht so getrieben wie die anderen, daß ich über Goethe geschrieben habe, daß ich dasjenige historisch verarbeitet habe, was die Goethe-Forscher zum Beispiel historisch verarbeiteten, sondern ich habe versucht, den Goetheanismus lediglich aufzunehmen und ihn weiterzubilden. Ich habe meine Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung geschrieben zu dem Zwecke, um dahin zu kommen, zu zeigen, wie man im Sinne Goethes denken und über die Welt empfinden könne. Ja, da ist dann gerechnet mit alledem, was ich eben vorhin gesagt habe. Da ist gerechnet damit, daß wir an der Abendröte des deutschen Idealismus lernen können, wie wir uns weiter entwickeln können, daß wir aber nicht diese Abendröte in der Gestalt, wie sie historisch überliefert ist, fortzusetzen haben. Wir müssen gerade etwas anderes geistig-seelisch herausentwickeln aus diesem deutschen Idealismus, als er uns unmittelbar darbietet. Wir müssen lernen an ihm, daß wir Kraft sammeln, um weiterzukommen. Daher ist heute Goetheanismus nicht ein Goethekult, nicht eine Verehrung desjenigen, was Goethe unmittelbar geschaffen hat, sondern Goetheanismus ist die umgestaltete, die umgewandelte Fortsetzung desjenigen, was man, an Goethe sich schulend, sich innerlich durchdringend, heranentwickeln kann.
[ 13 ] In noch höherem Grade ist das bei Hegel der Fall. Derjenige, der heute ein Hegelianer wäre, der den Hegelianismus unter die Menschheit bringen wollte in dieser oder jener Gestalt, der würde verdorrend wirken auf den Fortschritt unserer Kultur. Wer aber die Art der feinen Gedankenbildung Hegels zu seinem innersten Seeleneigentum macht und von da aus den Schritt tut, den Hegel nicht machen konnte: in den Geist hinein, der tut das Richtige, der tut, was im Sinne des Menschheitsfortschritts liegt. Sehen Sie, das ist unsere schwierige Stellung innerhalb der Welt, daß wir am wenigsten zum Beispiel Goetheaner sind, wenn wir Goethe nachbeten, daß wir am meisten Goetheaner sind, wenn wir uns dazu aufschwingen können, zu sagen: Wir müssen alles anders machen, als Goethe es gemacht hat, wenn wir gerade in Goethes Sinn wirken wollen; wir müssen alles anders machen, als Hegel es gemacht und gesagt hat, wenn wir am besten in Hegels Sinn wirken wollen. Die Geschichte macht es uns schon in einer gewissen Weise vor. Für Hegel war der Preußenstaat die allervernünftigste Einrichtung in der Welt, weil der Vernunft in allen Dingen sucht. «Das Wirkliche ist das Vernünftige.» Daher war der Staat, in den er selber als Person eingemündet hat, das Allervernünftigste. Alle Universitäten waren für ihn gut, die mitteleuropäischen Universitäten die Mittelpunkte der Welt, und die Berliner Universität der Mittelpunkt des Mittelpunktes. Das sind durchaus Dinge, die in einer geheimnisvollen Weise mit denjenigen Kräften in der Menschheitsentwickelung zusammenhängen, die ich oftmals so gezeichnet habe, daß man sich ihnen nicht hingeben kann, wenn man bequem seelisch leben will, weil einen diese Kräfte innerlich vor allerlei Klippen und Abgründe führen, vor Übergänge und innere Umwälzungen. Das verkennen diejenigen, die heute am falschen Groetheanismus und Hegelianismus die richtigen messen. Und solche Leute sind heute wahrlich nicht in geringer Anzahl vorhanden. Und man muß sich bewußt werden, wie diese Menschen den wirklichen Menschheitsfortschtitt hemmen.
[ 14 ] Da ist ein Buch erschienen, das so recht aus dem Geiste der Gegenwart heraus geschrieben ist, geschrieben ist aus dem aufgeklärtesten Geiste der Gegenwart heraus, von einem innerlich scharfsinnigen und künstlerisch empfindenden Menschen, Ernst Michel. Das Buch heißt «Der Weg zum Mythos.» Da ist sogar der gute Wille vorhanden, wiederum zurückzukehren zu einer geistig-seelischen Auffassung des Lebens. Aber wie beurteilt Ernst Michel den Weg des Goetheanismus? Sehen Sie, eine Stelle muß ich Ihnen vorführen, weil sie mit unserer heutigen Betrachtung innerlich zusammenhängt. Er sagt auf Seite 38: «Die höchste Erkenntnis, die nach Goethe dem Menschen vergönnt ist, ist das intuitive Vordringen zu den Urphänomenen, d.h. zur schauenden Erfassung des Gestalteten, Erschienenen als bewegte, flutende Auswirkung göttlicher Kräfte. Diese selbst aber bleiben uns ihrem metaphysischen Wesen nach verborgen. Der Mensch kann nichts dazutun und nichts hinwegnehmen, er kann das Geistige nicht beeinflussen, er kann nur schauend in seinen Wirkungsbereich gelangen oder nicht. Über dieses Grundgesetz menschlicher Existenz kommt auch der höchste Mensch nicht hinaus. Die Theosophie, auch in ihrer Form als Anthroposophie, wäre rückhaltlos von ihm (Goethe) abgelehnt worden. »
[ 15 ] Also Sie sehen, hier betrachtet ein Mensch die Geistesart Goethes. Er weist hin auf das instinktive Element, auf das Vordringen in die Urphänomene, und sagt dann: Die Theosophie, auch in ihrer Form als Anthroposophie, wäre von Goethe rückhaltlos abgelehnt worden. — Welche Gedanken hat man sich in der Gegenwart über so etwas zu machen, wenn man wirklich im Sinne des Fortschrittes denkt? Man hat sich zu sagen: Ganz gewiß, die Theosophie, auch in ihrer Form als Anthroposophie, wäre von Goethe abgelehnt worden. Aber in der Form es heute der Menschheit vorzutrommeln, wie es hier in diesem Buche geschieht, das heißt sich versündigen am Fortschritt der Menschheit. Denn nicht darum handelt es sich, was Goethe in seiner Zeit und bis zu seinem Tode, 1832, abgelehnt hätte, sondern um dasjenige handelt es sich, was heute wirken muß und was Goethe in seiner fortlebenden Geistigkeit aus sich selber machen will. Diejenigen also, die nur zurückblicken in einer solchen Weise, die versündigen sich am wirklichen Fortschritt der Menschheit.
[ 16 ] Das ist die heutige Furcht, aber auch der heutige Haß gegenüber . dem lebendig bewegten Geistesleben, in das wir hineinkommen müssen, wenn wirklich eine Entwickelung der Menschheit angestrebt werden soll. Es ist daher kein Wunder, wenn Menschen, die die Weltentwickelung so anschauen, in Irrtümer über Irrtümer verfallen. So betrachtet dieser Verfasser die heutige expressionistische Kunst, und er findet irgend etwas über diese expressionistische Kunst — er redet ja sehr unklar —, aber er findet nicht heraus, wie diese expressionistische Kunst in ihrer Unbeholfenheit doch ein Anfang ist zu etwas Neuem, ein Anfang vor allen Dingen zu etwas, wovon sich Ernst Michel nicht das geringste träumen läßt. Deshalb sagt Ernst Michel: «Dem Symbolismus folgte der Expressionismus als zweite Bewegung, die das künstlerische Schaffen bewußt wieder seiner höchsten Aufgabe zuführen wollte: gestaltetes Bekenntnis, Ausdruck einer geistigen Weltanschauung zu sein.»
[ 17 ] Der Expressionismus ist sehr unverständlich heute, manchmal antikünstlerisch, nicht nur unkünstlerisch, aber es ist der ungeschickte Weg, um künstlerische Verkörperung des innerlich Geistigen zu suchen. Im Anschluß daran findet Ernst Michel das Urteil berechtigt, daß er sagt: «Der Transzendentalismus, als der das neue Weltgefühl in die Erscheinung tritt, beruft sich jedoch nicht auf einen neuen religiösen Offenbarungsinhalt, sondern auf die philosophische Lehre Henri Bergsons und die neue Gnosis Rudolf Steiners, die in der Intuition eine latente Geisteskraft des Menschen verkünden, die an die Stelle der religiösen Offenbarung zu treten berufen sei. In der Kraft der Intuition, des schauenden Bewußtseins, soll der Mensch befähigt sein, den Verstand und seine Scheinerkenntnis zu überwinden und unmittelbar zum geistigen Sein der Dinge vorzudringen.»
[ 18 ] An einer solchen Stelle muß man den Menschen, der in schiefer Weise aus der Gegenwart herauswächst, sozusagen, unmittelbar ertappen. Denn hier wird zusammengeworfen dasjenige, was unsere Anthroposophie ist, mit dem, was eine in die letzten Phasen einer Entwickelung gebrachte Phrasenhaftigkeit des Henri Bergson ist, der alles, was Weltanschauung ist, durcheinander rührt, und der einem so vorkommt wie die bekannte Persönlichkeit, die sich immer um sich selbst dreht, um den eigenen Zopf abzufangen, der überall verweist auf Intuitionen, aber nirgends zu einer Intuition kommt, der immer davon redet, man solle zum Seelischen vordringen, der aber keinen Schritt macht, um zu einer wirklichen Geist-Erkenntnis vorzudringen. So schwer wird es den Menschen der Gegenwart, das Fruchtbare von dem Unfruchtbaren zu unterscheiden. Wir in Mitteleuropa haben die Möglichkeit dieser Unterscheidung, wenn wir uns halten an die große Unterscheidung: des Goethe, wie er bis zum Jahre 1832 war, und des Goethe, wie et in uns wirken muß. Und ebenso bei Hegel. Denn dann, wenn sie in uns in umgewandelter Form wirken, dann ist ihre Geistigkeit befruchtend für uns, um den Weg in die geistige Welt hineinzunehmen.
[ 19 ] Was ich Ihnen jetzt auseinandergesetzt habe, das ist zu gleicher Zeit der Schlüssel, um eine sehr, sehr wichtige Erscheinung des neunzehnten Jahrhunderts zu verstehen, die den Menschen deshalb nicht gründlicheres Nachdenken verursacht hat, weil die Menschen in der Gegenwart dem gründlichen Nachdenken abgeneigt sind. Aber ist es denn nicht eigentümlich, daß der immer nur aus der Luft heraus von Geist sprechende Dialektiker Hegel als seinen genialsten Schüler den ganz materialistischen, nur von dem Materiellen und Ökonomischen etwas haltenden Kar! Marx hat? Unmittelbar schlägt in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der äußerste Idealismus in den geistlosesten Materialismus um, und nicht Hegel, sondern Karl Marx wird derjenige Geist, an den sich die zukunftsreichsten Menschen der Gegenwart halten. Wir waren noch nicht in der Lage, weil wir den Scelenschlaf geschlafen haben in der Mitte Europas, diese hier zugrunde liegende Tatsache in ihren Fundamenten wirklich zu prüfen. Man kann sie nur prüfen, wenn man sich frägt: Nehme man an, der Geist von Karl Marx breitete sich über ganz Europa aus, was würde aus Europa?
[ 20 ] Da muß man nun beim Osten anfangen. Da würde der Osten, aus dessen Volksseele hervorgehen soll die eigentliche Beseelung der neueren Zivilisation, da würde dieser Osten einem Schicksal entgegengehen, das man in folgender Weise bezeichnen kann: Die Mechanisierung des Geistes, in einem wirtschaftlichen Papsttum die vollständige Mechanisierung des Geistes, die Ertötung aller Produktivität und Freiheit des Geistes in einer großen, über ein großes Territorium ausgedehnten Buchhaltung. Ferner die Vegetarisierung der menschlichen Seele. Insbesondere würde sich geltend machen auf dem Gebiet der Rechtsanschauung und des staatlichen Lebens diese Vegetarisierung der Seele. Oh, es ist interessant, wie in unserem Zeitalter zuletzt aufgetaucht ist aus dem Geiste des Ostens, der vorwärts will, die unklare, aber echt russische Lehre des 7o/stoi, die Seelendurchdringung des Dostojewski, aber auch dasjenige, was in Mitteleuropa weniger beobachtet wurde, und was ich nennen möchte das russische Heroentum der Rechtsidee. Dieses russische Heroentum der Rechtsidee war bei vielen Menschen verbreitet, bevor diese Weltkriegskatastrophe ausgebrochen ist. Diese russischen Heroen, sie haben gar nicht mehr gedacht an ihren persönlichen Menschen, sie haben nur noch gedacht an den Menschen an sich, an dasjenige, was rechtens sein soll von Mensch zu Mensch. Und sie wären nicht nur durchs Feuer, sondern auch durch den physischen 'Tod gegangen für die Realisierung, und sind auch zum großen Teil durch den Tod gegangen für die Realisierung der Rechtsidee. Und so findet man auch auf anderen Gebieten in diesem russischen Leben vor dem Ausbruch der Weltkriegskatastrophe, niedergedrückt durch das Furchtbare, was die Welt erlebt hat durch Zarismus und Imperialismus, ein gewisses Heroentum des Seelenlebens in dem russischen Menschen. Und jetzt flutet hinüber dasjenige, was den Geist mechanisieren will, was die Seele vegetarisieren will; so daß, wenn das so fortgehen würde, der russische Osten durch Jahrhunderte hindurch mit schlafender, betäubter Seele durch die Menschheitsentwickelung leben würde. Verschlafen würde er auch dasjenige, was er selber der Welt hätte geben können. Und ferner wird zugeeilt in diesem europäischen Osten der Animalisierung der Leiber, der Geburt der animalischen Instinkte in den Leibern. |
[ 21 ] Das würde verhängen der alte Geist der Menschheit über dieses unglückselige Europa, zunächst im Osten, wenn man sich nicht bequemen würde, hineinzusteuern in den Geist des Fortschritts. Denn es ist nicht Fortschritt, was jetzt nach dem Osten getragen werden soll, es ist die allerreaktionärste Strömung, die ganz herausgeboren ist aus dem, was für die Menschheit schon bestimmt war unterzugehen um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Was heute im russischen Leninismus lebt, das ist die Fortsetzung des Geistes, der auf dem ökumenischen Konzil zu Konstantinopel im Jahre 869 dogmatisch den Geist abgeschafft hat. Das muß man durchschauen. Und was sich aus wahrem demokratisch-sozialem Geiste dagegen auflehnt, das ist dasjenige, was mit dem wirklichen Fortschritt der Menschheit rechnet. Denn dieses Reaktionärste will eben, wenn es sich dessen auch nicht bewußt ist, Mechanisierung des Geistes, Vegetarisierung der Seele, Animalisierung der leiblichen Instinkte, die sich immer mehr und mehr ausleben würden in den Anschauungen vom Blute. Es nützt nichts, vor diesen Dingen die Augen zu verschließen. Wer heute aus dem Geiste der Wahrheit heraus reden will, der muß den Dingen ins Gesicht schauen, was auch daraus folgt, der muß auch rückhaltlos denjenigen Dingen ins Gesicht schauen, in denen sogar eine große Anzahl von Menschen in betörter Weise das Heil sucht. Und ich möchte sagen: nur im extremsten Fall zeigt dieser russische Osten, wohin die Menschheit sausen will. Sie will mit dem alten Geiste in die Mechanisierung des Geisteslebens hineinsteuern, indem sie die Schule ganz vom Staate aufsaugen läßt. Sie will in die Entseelung, in die Vegetarisierung der Seele hineinsausen, indem sie abstumpfen will das wirkliche Rechtsgefühl, und es ersetzen will durch die Buchführung eines scheinbar, aber nicht wirklich sozialisierten Staates. Und sie meint, die Menschen zu einem natürlichen Menschenleben zu führen, indem sie die wüstesten animalischen, leiblichen Instinkte entfesselt, die der Mensch in sich trägt.
[ 22 ] Das ist die Aufgabe, die uns aus der tiefsten Not heraus in Mitteleuropa geboren werden soll, auch in diesem Punkte klar zu sehen. Klar zu sehen, wie wir die große Zeit des deutschen Idealismus in uns aufzunehmen haben, wie wir umzuwandeln, umzugestalten haben, was die große Zeit des deutschen Idealismus ist, damit die Menschen nicht — wie es in Rußland anfangen würde — wie lebende Leichname herumgehen werden, wenn sie ein bestimmtes Alter erreicht haben. Aufflackern würden in der Zukunft einzelne Fähigkeiten der Menschen in den jungen Jahren, und alle die alten Menschen würden wie lebende Leichname herumwandeln. Und die Kultur würde aussterben, denn die Erde kann seit dem fünfzehnten Jahrhundert auf ihre Art dem Menschen nichts mehr geben; er muß es sich selbst suchen, wenn er auf der Erde gedeihen will. Wir in Mitteleuropa haben die Aufgabe, dem Westen, der es nur zu der Entwickelung des Leibes und der Seele, und dem Osten, der es nur zur Entwickelung des Geistes und der Seele bringen kann, wir in Mitteleuropa haben die Aufgabe, der Menschheit zu zeigen, wie die Entwickelung durch Leib, Seele und Geist geht. Wir haben wiederum aufzurichten jenes Reich des Geistes, das untergraben worden ist von dem dogmatischen Katholizismus 869 auf dem achten ökumenischen Konzil zu Konstantinopel. Sonst geht mit dem Geiste der Menschheit auch die Seele verloren, und sie wird zum lebenden Leichnam auf dieser Erde, da die Erde weiterhin keine Lebenskraft mehr geben könnte. Daher das beständige Suchen nach dem Geiste, daher die Notwendigkeit einer wirklichen Weltanschauung der Freiheit. Nicht jener Freiheit, die mit dem schwärzesten Reaktionärismus verbunden sein kann, sondern jener Freiheit, die herausgeboren wird aus dem Geiste des modernen Menschen.
[ 23 ] Die mitteleuropäische Menschheit war dazu veranlagt, in der äußersten Verdünnung gerade noch den Geist so weit hervorzubtingen bei Hegel und Goethe, daß der Geist als Geist wirkte, aber nicht mehr den Geist erfassen konnte, ihn höchstens bei Goethe symbolisch andeuten konnte im «Märchen» und im zweiten Teil des «Faust», bei Hegel, indem er die Welt geistig beschrieb, aber so, daß diese geistige Beschreibung der Welt geistlos geblieben ist. Faßt man Hegel als einen Menschen, der über die Welt ganz vom Standpunkte des Geistes sprechen kann, aber zu gleicher Zeit als den geistlosesten Menschen, der jemals geboren worden ist, dann faßt man Hegel richtig. Aber es steckt dieses Erbgut der Geistlosigkeit gerade in der mitteleuropäischen Entwickelung. Daher sind wir gegen das Ende des neunzehnten Jahrhunderts und zum Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in die absolute Geistlosigkeit hineingekommen. Wir sind hineingekommen in ein Walten, das überhaupt nicht mehr über das Leben nachdachte. Und aus dem Nicht-Nachdenken über das Leben, aus dem, daß man sich alle Gedanken über das Leben abgewöhnt hat, ist dann 1914 erfolgt, was man so ausdrücken könnte: im Juli 1914, am Ende des Monats war es so, daß in Mitteleuropa alle Gedanken durch dämonische Geister konfisziert worden sind, damit diese konfiszierten Gedanken in den Seelen der Menschen nicht wirkten, und aus dem wüsten Unterbewußtsein heraus dasjenige entspringen konnte, was eben dann entsprungen ist. Denn Mitteleuropa mit seinen beiden Reichen machte tatsächlich 1914 Ende Juli den Eindruck von Menschen, die so handeln, daß ihnen alle Gedanken konfisziert worden sind. Über diese Dinge sich heute einen blauen Dunst vorzumachen genügt nicht. Diese Dinge müssen heute im Geiste der Wahrheit gesehen werden, und dieser Geist der Wahrheit muß sich zu gleicher Zeit befruchten lassen von dem, was notwendig ist für die weitere Menschheitsentwickelung.
[ 24 ] Daher muß man auch einsehen, was diejenige Gesinnung über die Menschheit bringen würde, die nur aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung heraus kommt, aus jener naturwissenschaftlichen Weltanschauung, die die ganze Welt begreifen will und die dann ihre blödsinnigen, ihre schwachsinnigen Blüten getrieben hat in den monistischen Vereinigungen, wo überhaupt nur noch Phrasen und Phrasen geredet wurden, weil man sonst nichts reden konnte. Nehmen wir an, diese naturwissenschaftliche Weltanschauung, die sich in alles soziale Denken und Empfinden hineingeschlichen hat, würde die Menschheit ergreifen. Was wäre die Folge? Ja, da muß man wissen, welches die Eigentümlichkeit der naturwissenschaftlichen Weltanschauung ist. Sehen Sie, Haeckel ist ein Prachtmensch, wirklich ein Prachtmensch voller Leben gewesen, ein glänzender Kerl. Ich habe Ihnen vielleicht schon die selbst erlebte Geschichte erzählt: Wir saßen einmal in Weimar, ich mit dem alten Verlagsbuchhändler Hertz von Berlin an einer und Haeckel an der anderen Ecke des Tisches. Nun, Hertz, der ein Mensch nach ganz altem Zuschnitt war, sagte ungefähr im Gespräch: Ja, was der Haeckel lehrt, das führt die Menschheit in den Untergang hinein, das ist ein Unglück für die Menschheit. — Der Haeckel saß, wie gesagt, am anderen Ende des Tisches. Hertz sprach weiter, dann fiel ihm diese so sympathische, schöne Erscheinung des Haeckel ins Auge, und er fragte: Wer ist denn der dort unten? — Man sagte ihm, daß es Haeckel sei. Nein, rief er, das kann nicht sein, böse Menschen können nicht so lachen! — Sehen Sie, in solchen Symptomen stießen zusammen diejenigen Dinge, die von alt her kamen, und die, welche nach dem Neuen hinwollten. Aber eine eigentümliche Erscheinung muß beobachtet werden: Solche Menschen, die zuerst Naturwissenschaft treiben im Kabinett oder mit den Netzen im Meere, indem sie Medusen untersuchen, wie Haeckel das so zahlreich getan hat, die im Laboratorium aus erster Hand die Untersuchungen machen, das können innerlich rege Menschen sein, die können mit ihrer Seele und sogar mit dem Geiste dabei sein. Die Schüler aber, die zeigen sich bereits in der dritten Generation als absolut geist- und seelenlose Menschen. Das ist das Eigentümliche der naturwissenschaftlichen Weltanschauung: sie zehrt den Menschen aus an Geist und an Seele, und sie betäubt ihn. Aber weil sie bei denen, die aus erster Hand die Forschungen betreiben, die Auszehrung noch nicht so weit treiben kann, deshalb sind oftmals die ursprünglichen Naturforscher höchst sympathische Kerle. Der nächste Schüler, der noch die Gestalt des Lehrers vor sich hat, ist nicht ganz geistlos; der dritte, der der Schüler des Schülers ist, ist meist schon ein geist- und seelenloser Kerl, ein Monist.
[ 25 ] Aber mit diesem Monismus ist noch etwas anderes verknüpft. Durchdringt man sich in der Seele mit diesem Monismus, durchdringt man sich überhaupt mit dem Geiste der neueren Naturwissenschaft in seiner Seele, so wird man als Mensch dem Menschen fremd, dann entwickeln sich im Menschen antisoziale Triebe. Die Sympathien von Mensch zu Mensch erblassen, die Antipathien nehmen immer mehr und mehr zu. Deshalb mußte ich es hier oft aussprechen: Mag die Naturwissenschaft auf dem Boden der Natur noch so große Triumphe feiern — die menschliche Natur, die menschliche Wesenheit ruiniert sie von den Fundamenten aus, denn sie erzeugt die antisozialen Triebe, sie ertichtet Abgründe zwischen Mensch und Mensch. Wir stehen heute schon an solchen Abgründen zwischen Mensch und Mensch, was sich dadurch zeigt, daß nur noch im geringsten Maße heute der Mensch den Menschen begreifen kann, der Mensch sich in den Menschen wirklich hinein versenken kann.
[ 26 ] Was muß an die Stelle des eben Geschilderten treten? An seine Stelle muß diejenige Seelenentwickelung treten, die ihren Weg geht durch die Aufnahme dessen, was Sie, vielleicht mit schwachen Kräften, geschildert finden in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Das ist zugleich ein Erziehungsbuch der Menschheit. Das ist es, womit begonnen werden sollte am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts: den Menschen davon zu sprechen, wie sie auf sich selbst, auf ihre eigene Kraft bauen sollten. Solch eine Sache muß auch pädagogisch fruchtbar gemacht werden. Solch eine Sache ist das Fundament für die mitteleuropäische Pädagogik.
[ 27 ] Nun, es ist unmöglich, daß die Kräfte, die bloßgelegt werden sollten in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», daß diese Kräfte in irgendeiner Staatsschule groß gezogen werden.
[ 28 ] Errichten Sie Staatsschulen irgendwelcher Form, und die Menschen werden gerade hinweggetrieben von dem, was da in ihren Seelen und in ihrem Geiste entwickelt werden soll. Das kann nur gedeihen, wenn das Geistesleben auf seine ureigenste freie Basis gestellt wird, wenn das Geistesleben in Selbstverwaltung gerückt wird. Daher ist dieses Rücken des Geisteslebens in Selbstverwaltung die Urfrage der Menschheit in der gegenwärtigen Zeit. Denn durch dieses Rücken des Geisteslebens in die Selbstverwaltung wird wiederum das erzeugt werden, was unter der naturwissenschaftlichen Erziehung der Menschheit am meisten verlorengegangen ist: das Walten einer künstlerischen Erfassung der Welt, aus dem heraus sich dann ergeben wird das imaginative Erfassen der Welt. Denn die Menschheitsentwickelung ist an einem gewissen Punkte angekommen: wenn der Mensch dem Menschen heute gegenübertritt, sie können einander gar nicht mehr erkennen, weil dazu die Leiblichkeit schon zu sehr abgedort ist. Sie können Menschen nur erkennen, wenn Sie sich ein Bild, eine Imagination von ihm machen können. Und immer mehr auf Bilder, auf Imaginationen, die sich der Mensch vom Menschen machen kann, auf Anschauen des Seelisch-Geistigen im Menschen, wird auch der unmittelbare persönliche Verkehr gestellt sein müssen, und alles dasjenige, was für die Menschen da sein sollte. Gründlich geändert müssen die eigentlichen Entwickelungsimpulse der Menschen werden. Und da muß auch das schon ausgesprochen werden: Nehmen Sie an, die Denkweise, die heute die ganze Menschheit beherrscht, die materialistische Denkweise, sie würde siegen — jetzt sind wir an der Gabelung der Kultur —, diese materialistische Anschauung würde siegen: dann würde sich von Rußland ausgehend die ganze Menschheit dem Geiste nach mechanisieren, der Seele nach vegetarisieren, dem Leibe nach animalisieren, weil die Erdenentwickelung selber dazu drängt. Die Erdenentwickelung gab von sich die belebenden Menschenkräfte, das können Sie bis ins fünfzehnte Jahrhundert hinein verfolgen, wo selbst die Preise in Mitteleuropa die normalen waren, die Preise der einzelnen Wirtschaftsgüter. Das wird nur verdeckt von der Geschichte, die eine Fable convenue ist. Die Erde konnte dem Menschen nur bis ins fünfzehnte Jahrhundert hinein das geben, was er ohne Bewußtsein in sich finden konnte, nur bis dahin konnte sie Entfalterin des Menschen sein. Seither ist der Mensch darauf angewiesen, sich hineinzuarbeiten in das Ergreifen einer bildhaften, geistigen Anschauung der Welt und des anderen Menschen, um wiederum zu einem richtigen Verkehr von Mensch zu Mensch zu kommen. Würde die materialistische Weltanschauung siegen, so würde eintreten, was ich eben charakterisiert habe, dann würde Ödigkeit über die Erde hinfluten, und der Krieg aller gegen alle würde beschleunigt werden.
[ 29 ] Aus diesem Zustand heraus gibt es nur eine Rettung: wenn die Menschen sich zur Geistigkeit, das heißt zum bildhaften Anschauen, zum Imaginativen hinwenden; wenn sie in der Lage sind, dasjenige, was vom Griechentum kommt und am Griechentum schön war, das Geborenwerden für den Geist, wenn sie das ersetzen durch das Erkanntwerden des Geistes in der Welt; wenn sie ersetzen das, was im Römertum gelebt hat und was vom Römertum aus verheerend in Europa einzog, die Beamtetheit, wenn sie das zu ersetzen wissen durch freien rechtlichen Menschenverkehr, und wenn sie das, was im Westen durch Instinkte besonders gedeiht, zu ersetzen wissen dutch ein in sich organisiertes Wirtschaftsleben.
[ 30 ] Aber dazu ist notwendig, das, was man auf der einen Seite naturwissenschaftlich erkennt, auch geisteswissenschaftlich zu erkennen. Nicht wahr, die Welt könnte ja nicht vorwärtsschreiten, wenn es in ihr nicht freie geistige Arbeiter gäbe. Denken Sie sich, wenn nichts Geistiges mehr hervorgebracht würde, wie dann die Welt fortschreiten sollte. Es müssen Dinge erfunden werden, die Menschen müssen in der Kunst leben, in der freien Weltanschauung leben, sonst würde die Menschheit erstarren. Unter der Mechanisierung des Geistes würde die Menschheit erstarren. Aber worauf beruht denn das freie geistige Schaffen? Das freie geistige Schaffen beruht darauf, daß wir gewisse Eigenschaften, die wir sonst nur in der Kindheit normal entwickeln, für das ganze Leben bewahren. Wenn einer so alt ist wie der alte Goethe, und den «Faust» noch zu Ende dichtet, dann dichtet er mit denjenigen Seelenkräften, die er sich in dem ersten Drittel des Lebens erworben hat; die müssen bleiben, die müssen erhalten bleiben. Im normalen Entwickelungsweg sterben sie heute ab. Bei Goethe, beim deutschen Idealismus war das noch Erbschaft, Abendröte, ein letzter Glücksfall der Entwickelung der Menschheit. Jetzt muß es gepflegt werden, gepflegt werden in einem Geistesleben, das wirklich auf unmittelbar individuelle Fähigkeiten der Menschen hinschaut und sie sachgemäß aus spiritueller Pädagogik heraus entwickelt.
[ 31 ] Und worauf beruht denn alles Wirtschaftsleben geistig-seelisch? Das klingt heute noch sonderbar, aber alles Wirtschaftsleben beruht doch nur auf wirtschaftlichen Erfahrungen und auf einem Drinnen-Gestandenhaben im Wirtschaftsleben, und es wird daher am besten ausgebildet durch diejenigen Seelenkräfte, die am längsten im Leben drinnen gestanden haben, nämlich durch die Seelenkräfte des letzten Lebensdrittels. Wie man eine richtige Kunst nur durch die allerersten Seelenkräfte entwickelt, so entwickelt man ein richtiges Wirtschaftsleben durch die letzten Seelenkräfte. Wenn die Menschen aber nicht durch die sogenannte normale Entwickelung in ein Alter hineintauchen können, in dem wir alle zusammenbrechen, nicht mehr jung sein können, werden wir nicht wirtschaften können, und wenn ein noch so sozialistischer Staat, eine noch so sozialistische Vergesellschaftung gefunden würde. Dazu ist notwendig, daß wir bewußt uns hineinleben in die Pflege der Alterseigenschaften des Menschen; so, daß wir mit ihnen nicht selber alt werden, sondern daß wir sie uns anziehen können wie ein Kleid. Dazu müssen wir sie in der Imagination erfassen, dazu müssen wir sie im Bild erfassen. Wir sind angewiesen, getrennt auf der einen Seite die Jugendkräfte im Bilde, in der Imagination zu erfassen, und getrennt auf der anderen Seite die Alterskräfte in der Imagination zu erfassen. Die Menschheit ist genötigt, sich zu erziehen auf ein solches Ziel hin. Und sie kann sich nicht erziehen, wenn sie nicht das ganze Leben voll ernst nimmt. Heute nimmt man dieses Leben so, ja, als ob es schon im Grunde genommen zu Ende wäre, wenn der Mensch so gegen die letzten Zwanzig hingeht. Denn wenn der Mensch in die letzten Zwanzigerjahre gekommen ist, da ist er furchtbar gescheit, er kann gar nicht mehr gescheiter werden, er kann alles, kann über alles urteilen, daß man gar nicht besser urteilen könnte. Daß auch das spätere Leben noch Möglichkeiten hat und Kräfte aufnimmt, davon weiß die Menschheit nichts, weil sie diese Kräfte nicht entwickeln will, weil sie darauf verzichtet. Das aber werden wir alle wissen müssen: wie wir mit den Jugendkräften, wie wir mit den Kräften des mittleren Alters, des höchsten Alters zu wirtschaften haben. Wir werden das aber nur lernen im dreigeteilten sozialen Organismus, wenn wir die Dinge auseinanderlegen, und nicht, wenn wir alles durcheinander wüsten und durcheinander schmelzen, wie es die reaktionärste Entwickelung der neueren Zeit getan hat, und wie es vielfach gewollt wird zum Unheil der Menschheit, zur Versündigung wider den Geist des Fortschritts der Menschheit. Unsere Erziehung muß ganz aus einer wirklichen Erfassung des seelischen Lebens ersprießen. Wir müssen zum Beispiel dahin kommen, das schnelle Urteil namentlich dem Leben gegenüber in uns vollständig zu beseitigen. Schlagfertigkeit ist ja schön, sie kann auch da sein, sie soll aber nur da sein, damit wir Witze machen können, amüsant sein können. Man muß sich bewußt sein, daß die Schlagfertigkeit im Ausleben der Phrase ihren Zweck und ihr Ziel hat. Ironie und Witz können ja schön sein, aber sie müssen Phrasen sein selbstverständlich. Wir wollen die Phrase an dem Ort, wo sie berechtigt ist, durchaus nicht verachten. Künstlerisch gestaltete Phrase sollen wir schätzen, aber sie darf nicht am falschen Ort auftreten, sie darf nicht da auftreten, wo das Wort vom Leben durchdrungen sein soll. Solches gewöhnen wir uns nur an, wenn wir zum Beispiel ernsthaftig auf das Folgende sehen: Da ist ein Mensch, der sagt mir etwas, was mir nicht paßt oder auch was mir paßt. Es tritt eine gewisse Offenbarung von Mensch zu Mensch auf. Wir urteilen rasch darüber. Könnten sich die Menschen angewöhnen, am nächsten Tag, nach vierundzwanzig Stunden, wenn sie inzwischen geschlafen haben, also ihre geistig-seelische Konstitution eine ganz andere geworden ist, könnten die Menschen sich angewöhnen, sich die ganze Situation dann wieder vorzumalen: Der Mensch hat das und das gesagt, du stehst ihm gegenüber — und dann zu urteilen, dann würde etwas Wichtiges eintreten. Dann ist nicht in erster Linie wertvoll, daß man anders urteilt; aber die Seelenkraft, die immer dasjenige, was mit dem Menschen zwischen Einschlafen und Aufwachen geschieht, mitwirken läßt, die wird kultiviert, und daß man die nach und nach ausbildet, das ist es, was zur Bildung der Imagination besonders notwendig ist. Dieses bewußte Sich-Hineinarbeiten in ein unbewußtes Leben, das wird die imaginative Welt und die Welt, die eigentlich erst einem sozialen Leben zugrunde liegen kann, herausbilden in der Menschheit.
[ 32 ] Ebenso ist es notwendig, gewisse Dinge einzusehen, welche einmal eingesehen werden müssen. Sehen Sie, so kurios es heute klingt, man überschaut ja gewöhnlich gar nicht dasjenige, was zum Heil oder Unheil der Menschheit ist, wenn es auftritt in der Menschheit. Wenn ich heute einem sage das Gesetz der korrespondierenden Siedetemperaturen in der Physik, so glaubt er mir das, weil er es gewöhnt ist, nicht weil es logisch ist, sondern weil er es gewöhnt ist seit ein paar Jahrhunderten, an naturwissenschaftliche Gesetze zu glauben. Wenn ich aber heute spreche von einem geistigen Gesetz, das gerade so gut fundiert ist wie ein naturwissenschaftliches Gesetz, so glaubt er es nicht, weil es erst durch ein paar Jahrhunderte scheinbar gekannt sein muß. Wir haben aber nicht Zeit, so lange zu warten. Die Menschen müssen sich bewußt hineingewöhnen in die Umwälzungen des lebendigen Lebens. ‚Die Menschen brauchen Entdeckungen und Erfindungen, das ist Naturgesetz. Wenn solche Entdeckungen, namentlich aber Erfindungen, auch Erfindungen technischer Art, von Menschen gemacht werden, die noch nicht in den Vierzigerjahren sind, dann wirken diese Erfindungen im Gesamtzusammenhang der Menschheit retardierend, eigentlich irgend etwas zurückstauend in der Menschheit, vor allen Dingen gegen den moralischen Fortschritt der Menschheit. Die schönsten Erfindungen können gemacht werden von jungen Menschen: es ist nicht zum Fortschritt der Menschheit. Ist der Mensch in die Vierzigerjahre gekommen und bewahrt er sich dort hinauf seinen Erfindergeist für dasjenige, was für die physische Welt geschehen soll, dann gibt er mit der Erfindung auch moralischen Inhalt, dann wirkt diese im Fortschritt der Menschheit moralisch. Wenn so etwas ausgesprochen wird, ist es für die Menschheit ein Wahnsinn, da die Menschheit ja überhaupt geistige Gesetze nicht anerkennt. Aber es ist ein geistiges Gesetz, daß der Mensch erst reif wird, durch seine Erfindungsgabe für den Fortschritt der Menschheit zu wirken auf geistigem und namentlich auf technischem Gebiet, wenn er vierzig Jahre alt ist. So weit müssen wir rechnen mit den Entwickelungsgesetzen der Menschheit. Erst wenn sich die Menschheit dazu entschließen wird, nicht bloß nachzudenken: Wie richtet man diese oder jene Wirtschaftsämter ein? sondern wenn sie sich entschließen wird, nachzudenken: Was muß unter den Menschen geistig-seelisch kultiviert werden? worauf muß gesehen werden? — dann ist ein Heil für die Menschheit zu erwarten.
[ 33 ] Die Kirche hat lange genug aus dem Egoismus der Menschen heraus gearbeitet. Sie haben ruhig zusammengearbeitet, diese Kirche und dieser Staat. Ich habe es schon neulich gesagt, daß der Mensch eigentlich sich heute nur frei entwickeln darf, wenn er ein ganz kleines Kind ist, weil er dem Staate da noch zu unreinlich ist. Aber sobald er reinlich ist, wird er vom Staate hingenommen und zubereitet, nicht zum Menschen, sondern zum Staatsbeamten. Aber der Mensch läßt sich trösten dafür, indem man mit seinem Egoismus im höchsten Maße spielt. Es wird ihm garantiert die Pension, wenn er nicht mehr arbeiten kann, bis zum Tode. Es ist dies bei den beamteten Seelen ein sehr starkes Vehikel ihres Strebens. Und dann, wenn der Staat nicht mehr sorgt, dann sorgt die Kirche für den Menschen, indem sie ohne sein Zutun seine Seele unsterblich macht. Versichert wird der Mensch zunächst in der Pensionierung, versichert wird seine Seele nach dem Tode. Das alles baut auf den Egoismus. In Zukunft wird nicht gebaut werden auf den Egoismus. Warum hat der aristotelische Katholizismus dem Menschen verschwiegen, daß sein Geistiges auch da ist, bevor es durch die Geburt ins Dasein tritt? Dieser aristotelische Katholizismus hat nur rechnen wollen mit dem Egoismus der Menschen, mit der Furcht vor dem Tode und dem Versichert-sein-Wollen als unsterbliche Seele nach dem Tode. Aber zu bequem sind die Menschen zu dem Gedanken: Ich bin heruntergestiegen aus der geistigen Welt, und dasjenige, was ich als Geist bekommen habe, das habe ich hier auf der Erde auszuführen. — Das ist der radikalste Gedanke, der in die Gegenwartsmenschheit einschlagen muß, daß der Mensch sein physisches Leben nicht bloß als Vorbereitung für das Leben nach dem Tode anzusehen hat, sondern daß er es anzusehen hat auch als Fortsetzung eines geistigen Lebens vor der Geburt. Dann wird er aus einem faulen Menschen, der nichts tun will, ein Mensch, der sich bewußt ist, daß er auf der Erde etwas auszuführen hat, daß er eine Mission hat. Ehe nicht dieser Gedanke die Menschen durchdringen kann, kann es nicht anders werden, als daß die Menschen in den Materialismus hineinversinken.
[ 34 ] Mit diesen Unterlagen bitte ich Sie, sich einmal zu überlegen, was eigentlich anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft für die gegenwärtigen Menschen sein soll, was sie ihnen geben soll, wie sie wirken soll als eine Ingredienz in der gegenwärtigen Seele für die ganze menschliche Kulturentwickelung. Ich wollte mit dem, was ich heute ausgeführt habe im ersten Teil, vor Sie hingestellt haben das Bild, welches entstehen würde, wenn die Menschheit in der hergebrachten Weise weiterleben würde: das Bild des mechanisierten Geistes, der vegetarisierten Seele, des animalisierten Leibes. Dieses Bild wollte ich zuerst hinstellen. Und im zweiten Teil wollte ich vor Sie hinstellen dasjenige, was geschehen muß zu einem Hinaufschwingen, zur Ergreifung eines Geisteslebens, das die alte Erde nicht mehr geben kann, das der Mensch aus der inneren Freiheit heraus suchen muß. Wer diesen Gang unseres Geisteslebens erwägt, der wird die Unterlagen haben, nachzudenken über das Wichtige und Wesentliche der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft.
