Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192
22 June 1919, Stuttgart
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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
Zehnter Vortrag
Tenth Lecture
[ 1 ] Gestern, als wir in Angelegenheiten der Dreigliederung des sozialen Organismus vom Morgen bis in die Nacht hinein Verhandlungen hatten, kam gegen Abend, mitten in diese Verhandlungen hinein, an mich das neueste Heft der Zeitschrift «Das Reich», das unter dem Gesamttitel «Wissen und Meinung» Ausführungen bringt, die ich noch niemals gelesen habe, die mir noch niemals zu Gesicht gekommen sind. Diese Ausführungen regten aber bei mir eine ganze lange Reihe von Gedanken an, Gedanken allerdings, die auch sonst oftmals in mir angeregt werden.
[ 1 ] Yesterday, as we were discussing matters related to the threefold social order from morning until late at night, the latest issue of the journal *Das Reich* arrived toward evening, right in the middle of these discussions. Under the general title “Knowledge and Opinion,” it contains writings that I have never read before and that I have never even seen. These writings, however, sparked a whole series of thoughts in me—thoughts, mind you, that are often stirred within me in other contexts as well.
[ 2 ] Es ist in Niederösterreich, an einem Orte, von dem aus man, wenn man nach Süden sieht, besonders schön im Abendrot die Berge überschaut, den niederösterreichischen Schneeberg, den Wechsel, diejenigen Berge, welche den Nordrand der Steiermark bilden, ein kleines, sehr unscheinbares Häuschen. Über der Eingangstür stand: «In Gottes Segen ist alles gelegen». Ich selber war in diesem Häuschen nur ein einziges Mal während meiner Jugendzeit. Dort aber wohnte ein Mann, der äußerlich sehr unscheinbar war. Kam man in sein Häuschen, so war es überall voll von Heilkräutern. Er war Heilkräutersammler. Und diese Heilkräuter packte er sich an einem bestimmten Tage der Woche in einen Ranzen, mit diesem Ranzen auf dem Rücken fuhr er dann dieselbe Strecke nach Wien, die ich auch dazumal zur Schule fahren mußte, und wir fuhren immer zusammen, gingen dann noch ein Stückchen zusammen durch die Straße, die vom Südbahnhof zur Stadt hineinführt, «auf der Wieden» in Wien. Dieser Mann war gewissermaßen in allem, was er sprach, man möchte sagen, die Verkörperung des in der dortigen Gegend herrschenden Geistes, wie er sich aber als solcher herrschender Geist aus der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts, die damals noch nicht lange vorüber war, erhalten hatte. Dieser Mann sprach eigentlich eine Sprache, die ganz anders klang als die Sprache der übrigen Menschen. Wenn er von den Baumblättern sprach, wenn er von den Bäumen selbst sprach, namentlich aber, wenn er von der wunderbaren Wesenhaftigkeit seiner Heilkräuter sprach, so merkte man, wie dieses Mannes Seele zusammenhing mit alledem, was den Geist der Natur gerade in jener Gegend ausmachte, was aber auch den Geist der Natur im weiteren Umkreise bildete. Dieser Mann war ein Weiser auf seine eigene Art, durch seine eigene innere Wesenheit, und aus dieser inneren Wesenheit sprach viel mehr, als sonst oftmals die innere Wesenheit eines Menschen birgt. Dieser Mann, Felix hieß er mit seinem Vornamen, der gewissermaßen ein geistiges Band zwischen seiner Seele und der Natur hatte, er sprach sehr viel auch von allerlei Lektüre. Denn außer den Heilkräutern, die sozusagen sein kleines Häuschen ausstopften, hatte er eine ganze Bibliothek von allerlei bedeutungsvolien Werken, die aber im Grunde genommen alle verwandt waren in ihrem Grundzuge, in ihrem Grundcharakter mit demjenigen, was der Grundcharakter, der Grundzug seiner eigenen Seele war. Der Mann war ein armer Kerl. Denn man verdiente durch den Handel mit Heilkräutern, die man sich in den Bergen mühsam zusammenholte, arg wenig, außerordentlich wenig. Aber dieser Mann hatte ein außerordentlich zufriedenes Gesicht und war innerlich außerordentlich weise. Er sprach oftmals von dem deutschen Mystiker Ennemoser, der seine liebste Lektüre bildete, und der ja in seinen Schriften vieles enthält von dem, was durch den deutschen Geist, aber eben durch den deutschen Geist gerade in den großen Zeiten gegangen war, als noch lebendig waren die Gedankenimpulse Lessings, Herders, Schillers, Goethes und derjenigen, die im Hintergrunde standen. Denn hinter diesen Geistern stand da eben die geistige Welt, die sie in ihrer Art in ihren Schriften in das, was sie der Welt bekundeten, überfließen ließen. — Das aber, was in der gestern an mich gekommenen Nummer des «Reich» aus dem Nachlasse Ennemosers gedruckt worden ist, war mir bis gestern völlig unbekannt. Es enthält den Schlußabschnitt aus Joseph Ennemosers « Horoskop der Weltgeschichte» — ich bemerke dazu: Ennemoser ist im Jahr 1854 gestorben — und ist aus seinem Nachlasse veröffentlicht. Ich möchte Ihnen zur Einleitung der heutigen Besprechung einiges aus diesen Ausführungen Ennemosers vorlesen:
[ 2 ] It is in Lower Austria, in a place from which, when looking south, one has a particularly beautiful view of the mountains in the evening glow—the Lower Austrian Schneeberg, the Wechsel, and the mountains that form the northern edge of Styria—a small, very unassuming little cottage. Above the front door was written: “Everything is in God’s blessing.” I myself was in that little cottage only once during my youth. But a man lived there who was very unassuming in appearance. When you entered his cottage, it was filled with medicinal herbs everywhere. He was a collector of medicinal herbs. And on a certain day of the week, he would pack these medicinal herbs into a knapsack; with this knapsack on his back, he would then travel the same route to Vienna that I, too, had to take to school back then, and we always rode together, then walked a short distance together along the street leading from the Südbahnhof into the city, “auf der Wieden” in Vienna. In a sense, this man was, in everything he said—one might say—the embodiment of the spirit prevailing in that region, just as that prevailing spirit from the first half of the nineteenth century—which had not yet long since passed—had preserved itself. This man actually spoke a language that sounded quite different from the language of other people. When he spoke of the leaves on the trees, when he spoke of the trees themselves, but especially when he spoke of the wondrous vitality of his medicinal herbs, one could sense how this man’s soul was connected to everything that constituted the spirit of nature in that very region—and indeed, to the spirit of nature in the wider surroundings as well. This man was a sage in his own way, through his own inner essence, and from this inner essence spoke far more than a person’s inner essence usually contains. This man—his first name was Felix—who, in a sense, had a spiritual bond between his soul and nature, also spoke at great length about all kinds of reading material. For in addition to the medicinal herbs that, so to speak, filled his little cottage, he had an entire library of all manner of significant works—all of which, however, were fundamentally related in their essential nature and character to the very nature and character of his own soul. The man was a poor fellow. For one earned very little—extraordinarily little—from trading in medicinal herbs that one laboriously gathered in the mountains. But this man had an extraordinarily contented expression and was, deep down, extraordinarily wise. He often spoke of the German mystic Ennemoser, who was his favorite author, and whose writings indeed contain much of what had flowed through the German spirit—precisely during those great eras when the intellectual impulses of Lessing, Herder, Schiller, Goethe, and those who stood in the background were still alive. For behind these minds stood the spiritual world, which they, in their own way, allowed to flow into their writings and into what they revealed to the world. — But what was printed yesterday in the issue of *Reich* that I received, taken from Ennemoser’s posthumous papers, was completely unknown to me until yesterday. It contains the concluding section from Joseph Ennemoser’s *Horoscope of World History*—I should note that Ennemoser died in 1854—and has been published from his estate. As an introduction to today’s discussion, I would like to read to you a few passages from these remarks by Ennemoser:
[ 3 ] «...Der die deutschen Gauen mit Schnee und Eis bedeckende Winter mag noch lange dauern, bis der wahre Frühling kommt, allein er wird kommen, der Samen der Freiheit ist gesät, und er wird aufgehen, das Naturgesetz wird weder List noch Heeresmacht aufheben. Wie einsz dem rohen Stamm der germanischen Nation die Idee des Christentums eingepflanzt und in seinem Leben aufgenommen wurde, so wird dieser lebenskräftige Stamm erst noch die grünen Zweige aus sich zu frischen Blüten entfalten; wie der Leib der Kirche im deutschen Baustile bereits in seinen Umrissen vollendet ist, worin das fertige Glaubensdogma gepredigt wird, so werden auch die noch fast überall fehlenden Türme mit dem Weihrauch der wahren Andacht gen Himmel steigen, und es wird das immer geistige Leben und die Organisation der persönlichen Beziehungen zum Göttlichen erst noch zum selbstbewußten Verständnisse ausreifen, das symbolische Gebälke muß erst noch in die lebendige Bewegung der Zweckbestimmungen aufgehen, die Schwere der Kirche muß gelichtet, die Stabilität des Dogma von der Sonderheit in die Strömung des allgemein Menschlichen geleitet werden; wie die Freiheit sich innerhalb der Gesetze der Gerechtigkeit bewegen soll, so muß die Religion mit dem Lichte der Wissenschaft eine erleuchtete Wahrheit, und die Kunst eine Pflegerin der geistigen Schönheit am natürlichen Stoffe werden!
[ 3 ] “...The winter that covers the German regions with snow and ice may last a long time yet before true spring arrives, but it will come; the seed of freedom has been sown, and it will sprout; the law of nature will not be set aside by either cunning or military might. Just as the idea of Christianity was once planted in the rugged trunk of the Germanic nation and taken up into its life, so will this vital trunk yet unfold its green branches into fresh blossoms; just as the body of the Church, in the German architectural style, is already complete in its outline—within which the finished dogma of faith is preached—so too will the towers, still missing almost everywhere, rise toward heaven with the incense of true devotion, and the ever-spiritual life and the organization of personal relationships with the Divine must yet mature into self-aware understanding; the symbolic framework must yet merge into the living movement of purposeful ends; the weight of the Church must be lightened, and the stability of dogma must be guided from particularity into the current of universal humanity; just as freedom must move within the laws of justice, so must religion, with the light of science, become an enlightened truth, and art a nurturer of spiritual beauty within natural matter!
[ 4 ] Ist es nicht ein utopischer Traum und wird Deutschland auch nur entfernt ein solches Erfordernis zu erfüllen imstande sein? Deutschland wird seinen Beruf erfüllen, oder auf das allerschmählichste untergehen und mit ihm die europäische Kultur. Die Entscheidung naht, die Zeit drängt, es weht der Wind von Osten und Westen, es kann ein Sturm losbrechen! Der Stamm der alten Politik steht auf faulen Wurzeln, der Kalkul der Diplomaten möchte wohl zuschanden werden, ihre Kunst ist zur verzerrten, von niemand verstandenen Künstelei geworden. Kann man von den Disteln Feigen, von den Dornen Trauben lösen? Das wahre Leben der Freiheit sproßt nur auf den grünen Zweigen des Rechts und aus der warmen Quelle der Nächstenliebe! Oder kann die Unnatur bestehen und die in alle Glieder ausgeschlagene Disharmonie wieder zur alten Ordnung der abgewelkten Leiber umkehren?
[ 4 ] Is this not a utopian dream, and will Germany even be remotely capable of fulfilling such a requirement? Germany will fulfill its calling, or it will perish in the most ignominious manner—and European culture along with it. The decision is approaching, time is running out, the wind is blowing from the east and the west—a storm may break out! The foundation of old-style politics rests on rotten roots; the diplomats’ calculations are bound to come to naught; their art has become a distorted, contrived craft that no one understands. Can one pluck figs from thistles, or grapes from thorns? The true life of freedom sprouts only on the green branches of justice and from the warm spring of charity! Or can this unnatural state of affairs endure, and can the disharmony that has spread to every limb return to the old order of withered bodies?
[ 5 ] Es will Abend werden, die erste Zeit ist vergangen, aber Deutschlands Ende ist noch nicht gekommen; bisher hatte es kindische Anschläge, es kommt eine zweite Zeit, darin wird es das ‹Kindische› ablegen und ‹männliche› Anschläge haben. Die Zeit eines Volkes ist erst dann zu Ende, wenn es keine Fragen mehr hat und sich um des Lebens höhere Güter nicht kümmert, oder wenn es unfähig ist, sich auf die Lösung der Zeitfragen einzulassen! Der Deutsche hat nichts weniger als seine Spannkraft verloren, der Sinn ist klar, der Mut fest, und wer zweifelt an der Kraft des Armes? Überall wirken lebendige Geister, nicht als Nachbildner, — Originale stellen sie auf. Der wahre Hunger der Deutschen ist die Sehnsucht nach einer höheren Freiheit des Geistes; der Durst und das Verlangen nach dem Lichte der Wahrheit und des Rechtes sind die Haupttriebfedern, die rüstigen Hände an Werke zu legen, die alle noch unvollendet sind, ein Ziel zu erstreben, das der Menschheit noch ferne liegt. Oder soll der Strom wieder zurückfließen an die Quellen seines Ursprungs? Sollen die Völker wieder zu Familien-Fideikommissen der Fürsten werden oder handelt es sich um Staats- und Völkerrechte? Es waltet ein höheres Gesetz in der Natur und Geschichte, dem sich kein Volk zu entziehen vermag, keines kann über sein Ziel hinaus, keines aber auch die Ordnung des Ganzen stören und dahinter zurückbleiben, als wohin seine Fähigkeit und der Geist der Sprache es treibt! Und die Reaktion, wird sie nicht das Rad wieder in das alte Geleise lenken? Eitle Toren, die sich nur an ihren Jugendträumen ergötzen! Das vielseitig hervorbrechende Feuer kannst du dämpfen, die innere einmal entzündete Glut aber nicht mehr löschen; die Reaktion wird selbst das Mittel zur Freiheit, der Druck bringt die beschleunigte Bewegung, der Haß der Parteien wirkt stärker als die Liebe auf die Begebenheiten der Zukunft; es bedarf vielleicht nur irgendeines zündenden Funkens, und die unterdrückte Geisteskraft der ganzen Nation bricht in hellen Flammen der Begeisterung aus. «Nescit vox missa reverti», die Geister des Lebens schlummern unter dünner Decke, keine freie Handlung kann der Geist wieder zurücknehmen, fremde Geister, Stimmungen und irdische Mächte wirken allein oder zusammen auf den menschlichen Willen, und treiben ihn mit unwiderstehlicher Macht zu Taten, dienach göttlicher Anordnung zur Vereinigung der Gegensätze, zur Versöhnung der Parteien und zur endlichen Erfüllung des Berufes führen!»
[ 5 ] Evening is drawing near; the first era has passed, but Germany’s end has not yet come; until now, its endeavors have been childish, but a second era is coming, in which it will cast off the “childish” and undertake “manly” endeavors. A nation’s time is only over when it no longer has any questions and no longer cares about life’s higher goods, or when it is incapable of engaging with the solution to the issues of the day! The German has lost nothing less than his vitality; his mind is clear, his courage steadfast, and who doubts the strength of his arm? Everywhere, vibrant spirits are at work, not as imitators—they create originals. The true hunger of the Germans is the longing for a higher freedom of the spirit; the thirst and the desire for the light of truth and justice are the main driving forces that spur vigorous hands to undertake works that are all still unfinished, to strive for a goal that still lies far beyond humanity’s reach. Or is the river to flow back again to the sources of its origin? Are the peoples to become, once again, the princes’ family entailed estates, or is this a matter of the rights of states and peoples? A higher law reigns in nature and history, from which no people can escape; none can go beyond its goal, nor can any disturb the order of the whole and lag behind where its capacity and the spirit of language drive it! And the reaction—will it not steer the wheel back onto its old track? Vain fools who delight only in the dreams of their youth! You can dampen the fire that bursts forth in many directions, but once the inner embers are kindled, you can no longer extinguish them; the reaction itself becomes the means to freedom; pressure brings accelerated movement; the hatred of the parties exerts a stronger influence than love on the events of the future; perhaps all it takes is a single spark, and the suppressed intellectual power of the entire nation will burst forth in bright flames of enthusiasm. “Nescit vox missa reverti,” the spirits of life slumber beneath a thin veil; no free act can be taken back by the spirit; foreign spirits, moods, and earthly powers act alone or in concert upon the human will, driving it with irresistible force to deeds that, by divine decree, lead to the unification of opposites, the reconciliation of the parties, and the ultimate fulfillment of the calling!”
[ 6 ] Das sind die Sätze eines Mannes, der im Jahre 1854 gestorben ist. Ich mußte auch denken, als ich das eine Mal den guten Felix in seinem Häuschen besuchte, daß ich damals auch noch aufsuchte die Wohnung der Schulmeisters-Witwe jenes Schulmeisters, der schon vor einigen Jahren gestorben war, die ich aber aufsuchte aus Gründen, weil jener niederösterreichische Schulmeister auch eine höchst interessante Persönlichkeit war. Die Witwe hatte noch eine reiche Literatur, die er in seiner Bibliothek gesammelt hatte. Alles war da zu finden, was deutsche Gelehrsamkeit über deutsche Sprache, über Mythen- und Legendenwesen gesammelt und aufgeschrieben hat, um es zu versenken in die Kräfte des deutschen Volkes. Der einsame Schulmeister hatte niemals Gelegenheit gehabt bis dahin, an die Öffentlichkeit zu treten, bis zu seinem 'Tode nicht; erst nach seinem Tode hat jemand einiges aus seinem Nachlaß ausgegraben. Noch immer aber sind mir nicht zu Gesicht gekommen jene langen Tagebücher, die jener einsame Schulmeister geführt hat, in denen Perlen der Weisheit standen. Ich weiß nicht, was aus diesen Tagebüchern geworden ist. Dieser einsame Schulmeister wirkte auf der einen Seite unter seinen Kindern; aber auf der anderen Seite, wenn er aus der Schulstube hinausging, versenkte er sich — wie mancher solcher Mensch aus der alten Zeit der deutschen Entwickelung — in das, was auf solche Art als Substanz des deutschen Wesens fortlebte. Man mußte, wenn man dann, hinweggehend von solchen, wiederum nach Wien hineinfuhr, so recht sehen, wie zusammenfließen uralte Zeit und neueste Zeit. In dieser neuesten Zeit leben wir drinnen, und an uns ist es, diese neueste Zeit etwas zu verstehen, sie zu verstehen, um in ihr die Möglichkeit zu finden, soweit es an uns ist, mitzutun in den großen Aufgaben, die von dieser Zeit aus der Menschheit gestellt werden.
[ 6 ] These are the words of a man who died in 1854. I also had to think back to the time I visited good old Felix in his little cottage—and how, on that occasion, I also paid a visit to the home of the schoolmaster’s widow, the widow of that schoolmaster who had died several years earlier; I visited her because that Lower Austrian schoolmaster had also been a most interesting figure. The widow still possessed a rich collection of literature that he had gathered in his library. Everything was there that German scholarship had gathered and recorded about the German language, myths, and legends, in order to instill it into the very essence of the German people. The solitary schoolmaster had never had the opportunity to present his work to the public—not even until his death; it was only after his death that someone unearthed some of his writings from his estate. Yet I have still not laid eyes on those long diaries that the lonely schoolmaster kept, which contained pearls of wisdom. I do not know what became of these diaries. On the one hand, this solitary schoolmaster worked among his children; but on the other hand, when he stepped out of the classroom, he immersed himself—like so many such people from the early days of German development—in what lived on in this way as the substance of the German spirit. When one then left such places behind and returned to Vienna, one could truly see how ancient times and the present age converge. We live in the midst of this present age, and it is up to us to understand it—to understand it so that we may find within it the possibility, to the extent that it is within our power, to participate in the great tasks that this age sets before humanity.
[ 7 ] Es ist wahrhaftig nicht ein Äußerliches, daß alle diese Gedanken im Zusammenhang mit den Erfahrungen, von denen ich Ihnen andeutungsweise gesprochen habe, gerade gestern im Anschluß an unsere Versammlung durch meine Seele zogen, denn es war ja im Grunde genommen auch gestern ein Stück desjenigen, was in unsere Zeit hereinfällt mitten heraus aus den großen Fragen, die wir haben müssen. Denn das sagte der Mann: «Die Zeit eines Volkes ist erst dann zu Ende, wenn es keine Fragen mehr hat und sich um des Lebens höhere Güter nicht kümmert, oder wenn es unfähig ist, sich auf die Lösung der Zeitfragen einzulassen. » Es zog so manches gestern an uns vorbei, was einem den Gedanken anregen konnte: Wie viele sind denn noch, die wirkliche Fragen an die Zeit haben, die sich noch kümmern um des Lebens höhere Güter? Haben wir es nicht gestern erlebt, daß, als gutmütig unser Ranzenberger auftrat mit etwas, was hätte zu Herzen gehen können, er verschwinden mußte? Wie im Symbolum konnte einem entgegentreten die Behandlung, die das, was anthroposophisch gewollt ist, in der Gegenwart erfährt. Ihn hat man nicht zu Ende sprechen lassen. Allerdings hat man auch den folgenden dann nicht zu Ende sprechen lassen, der keine Fragen hatte, der wahrhaftig keine Fragen hatte, der jene senile Jugend auslebt, die keine Fragen hat, und bei der einem angst und bange wird, wenn man weiß, daß nur dasjenige gedeihen kann in der heutigen Zeit, hinter dem die Kraft, die Substanz des Geistigen steht, daß nur dasjenige gedeihen kann in der gegenwärtigen Zeit, das noch Fragen hat und sich um die höheren Güter der Menschheit kümmert, das nicht als abstrakte Phrase inhaltlose Ideale der Jugend abraspelt und sich groß damit dünkt.
[ 7 ] It is truly no mere coincidence that all these thoughts—in connection with the experiences I have hinted at—passed through my soul just yesterday following our gathering; for, after all, yesterday was also, in a sense, a glimpse of what is emerging in our time right out of the midst of the great questions we must confront. For the man said: “The time of a people is only over when it no longer has any questions and no longer cares about the higher goods of life, or when it is incapable of engaging with the solution to the questions of our time.” ” Many things passed us by yesterday that could have stirred one’s thoughts: How many are there still who have real questions about our times, who still care about the higher goods of life? Did we not experience yesterday that, when our good-natured Ranzenberger stepped forward with something that could have touched our hearts, he was forced to leave? Just as in the *Symbolum*, the treatment that what is intended in anthroposophy receives in the present could have confronted us. He was not allowed to finish speaking. Admittedly, the next speaker was not allowed to finish speaking either—one who had no questions, who truly had no questions, who is living out that senile youth that has no questions, and which fills one with fear and trepidation when one knows that only that which is backed by the power and substance of the spiritual can flourish in today’s world—that only that which still has questions and cares about the higher goods of humanity can flourish in the present age—and not that which rattles off the empty ideals of youth as abstract phrases and takes great pride in doing so.
[ 8 ] Diese Dinge, sie sind der Beachtung wert. Sie sind ebenso der Beachtung wert, wie wenn sich revolutionäre Phrase und Philisterei miteinander paaren. Denn die revolutionäre Phrase und der Radikalismus sind die Maske für das Philistertum, für die Pedanterie, für das Banausentum, das uns auch hinlänglich gerade gestern entgegengetreten ist. Es ist notwendig, daß in unserer Zeit nicht gesprochen wird, auch nicht in kurzen Sätzen gesprochen wird, von den Dingen, die Kompromisse bedeuten, sondern daß in deutlich konzipierbarer Weise — denn eine Unterscheidung sollte sich in die Herzen der Menschen der Gegenwart einschreiben: die Unterscheidung zwischen Inhalt und Inhaltlosigkeit — davon gesprochen wird, daß dasjenige, was von hier aus entfaltet werden kann, stärkster Gegner ist der Inhaltlosigkeit. Denn haben wir versucht durch den Impuls des dreigliedrigen sozialen Organismus, im Verein mit Freunden, die sich dieser Idee hingaben und das Substantielle dieser Idee spürten, haben wir versucht, das in die Welt zu bringen, wohinter geistige Einsicht steht, so muß aber auch auf der anderen Seite betont werden, daß nicht verwechselt werden darf dasjenige, wohinter geistige Wirklichkeit steht, mit der Phrase der Zeit, wenn diese Phrase noch so schön ist. Man kann heute die gleichen Sätze sagen: das eine Mal sind sie wesenlose Phrase, das andere Mal sind sie geistiger Inhalt. Der muß eben als Wirklichkeit drinnen sein; der ist noch nicht dadurch drinnen, daß die Worte gleich klingen. Aber alles, was Phrase ist, wenn es auch zuletzt scheinbaren Erfolg hat, hat keinen Wirklichkeitsbestand. Und Aufgabe derjenigen, die in der anthroposophischen Bewegung vereinigt sind, ist es, diesen Unterschied zwischen geistiger Wirklichkeit und wesenloser, inhaltloser Phrase zu erkennen. Es genügt nicht, daß heute die Leute sagen, die Menschheit müsse wieder Mut zeigen, müsse sich wieder aufrichten, müsse das Geistesleben mit neuen Kräften durchglühen, und es müsse sich das Geistesleben loslösen vom Wirtschaftsleben und vom Staatsleben und eine Autonomie des Geistes begründen. Man muß unterscheiden, ob hinter so etwas Substanz ist, oder ob es eine wesenlose Phrase ist, herausgeboren aus dem Phrasengeist unserer Zeit. Da mag es noch so schön klingen; darauf kommt es an, ob hinter etwas Geist der geistigen Wirklichkeit ist oder nur inhaltlose Phrase.
[ 8 ] These things are worth noting. They are just as worthy of attention as when revolutionary rhetoric and philistinism go hand in hand. For revolutionary rhetoric and radicalism are the mask for philistinism, for pedantry, for vulgarity—which we encountered all too clearly just yesterday. It is necessary that in our time we not speak—not even in brief sentences—of things that imply compromise, but rather that we speak in a clearly conceivable way—for a distinction should be inscribed in the hearts of people today: the distinction between substance and insubstantiality—about the fact that what can be developed from here is the strongest opponent of insubstantiality. For while we have sought, through the impulse of the threefold social organism and in collaboration with friends who devoted themselves to this idea and sensed its substance, to bring into the world that which is underpinned by spiritual insight, it must also be emphasized, on the other hand, that what is grounded in spiritual reality must not be confused with the catchphrases of the day, no matter how beautiful those phrases may be. One can say the same sentences today: sometimes they are empty phrases, other times they are spiritual content. It must simply be present as reality; it is not present merely because the words sound the same. But everything that is mere phrase, even if it ultimately appears to be successful, lacks any substance of reality. And the task of those united in the anthroposophical movement is to recognize this distinction between spiritual reality and empty, meaningless phrases. It is not enough for people today to say that humanity must show courage again, must stand up again, that spiritual life must be infused with new strength, and that spiritual life must detach itself from economic and political life and establish an autonomy of the spirit. One must distinguish whether there is substance behind such statements, or whether they are empty phrases born of the spirit of empty rhetoric of our time. No matter how beautiful they may sound, what matters is whether there is spirit—the spirit of spiritual reality—behind them, or merely empty phrases.
[ 9 ] Ich habe öfter hier gesagt: Es ist nicht umsonst gerade in unserer Zeit das aufgetreten, was wir Anthroposophie nennen, was wir anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nennen. Seit Jahrzehnten versuchten wir es zu pflegen als eine Vorbereitung für diese ernste ‚Zeit. Aber wir müssen es auch so verstehen: als eine Vorbereitung für diese ernste Zeit. Diese Zeit hat ganz besondere Eigentümlichkeiten. Diese Zeit hat äußerlich das Kennzeichen des Materialismus, und die Schwester des Materialismus ist die Phrase. Je mehr die Menschheit an äußerlich Materiellem hängt, desto mehr wird das, was sie über die Außenwelt sagt, zur Phrase. Phrase und Materialismus gehören zusammen. Über die Phrase hinauskommen können wir heute nur durch eine geistige Vertiefung. Über den Materialismus hinauskommen können wir ebenfalls nur durch eine geistige Vertiefung. Denn so sonderbar es klingt: diese Zeit des Materialismus und der Phrase ist diejenige Zeit, in welcher der Geist mit seinem Inhalt sich aus der geistigen Welt heraus an stärksten der Menschheit mitteilen will. Die Welt lebt in Gegensätzen. Niemals war der Mensch so nahe der geistigen Welt, wie er heute ist, trotzdem er äußerlich im Materialismus versumpft. Niemals waren die Menschen so nahe der geistigen Welt, aber sie merken es nicht, sie verkennen es. Und sonderbar ist es insbesondere, wenn einem immer wieder und wieder gesagt wird, man könne das, was die Anthroposophie bringt, nur glauben, oder man müsse es auf Autorität hin annehmen. Bei nichts jedoch ist Autorität weniger notwendig, bei nichts ist sie weniger am Platze als bei der Anthroposophie. Denn sie redet von demjenigen, was heute in jedes Menschenwesen hinein will, was hinein will durch die Sinne, aber nicht eingelassen wird von der materialistischen Gesinnung der Zeit. Und diese Anthroposophie redet von dem, was heute aufsteigen will aus dem Innern in jedes Menschen Natur, was aber die Menschen nicht herauflassen aus dem Unterleib durch das Herz zum Kopf, und wovon sie natürlich nichts merken.
[ 9 ] I have often said here: It is no coincidence that what we call anthroposophy—what we call anthroposophically oriented spiritual science—has emerged precisely in our time. For decades, we have sought to cultivate it as a preparation for this serious ‘time.’ But we must also understand it this way: as a preparation for this serious time. This time has very special characteristics. Outwardly, this time is marked by materialism, and the sister of materialism is empty rhetoric. The more humanity clings to outward material things, the more what it says about the external world becomes empty rhetoric. Empty rhetoric and materialism go hand in hand. Today, we can rise above empty rhetoric only through spiritual deepening. Likewise, we can rise above materialism only through spiritual deepening. For as strange as it may sound: this age of materialism and empty rhetoric is precisely the age in which the spirit, with its content, seeks most intensely to communicate itself to humanity from the spiritual world. The world lives in opposites. Never has humanity been as close to the spiritual world as it is today, even though outwardly it is mired in materialism. Never have people been so close to the spiritual world, yet they do not realize it; they fail to recognize it. And it is particularly strange when one is told time and again that what anthroposophy offers can only be believed, or that it must be accepted on authority. Yet in no other field is authority less necessary; in no other field is it less appropriate than in anthroposophy. For it speaks of that which today seeks to enter every human being—that which seeks to enter through the senses but is barred by the materialistic mindset of our time. And this anthroposophy speaks of that which today seeks to rise from within into every human nature, but which people do not allow to rise from the lower abdomen through the heart to the head—and of which, naturally, they are unaware.
[ 10 ] An die Menschen wollen heute heran nicht nur die sinnlichen äußeren Eindrücke, sondern diese sinnlichen äußeren Eindrücke wollen einfließen durch die menschlichen Sinne so, daß sie im menschlichen Wesen zu Imaginationen werden. Innerlich ist der Mensch heute dafür veranlagt, Imaginationen, bildhaftes Vorstellen über die Welt zu entwickeln. Aber er haßt es, will es nicht haben; er sagt: Das ist Dichtung, Phantasie. — Er merkt nichts davon, daß ihm die Naturwissenschaft manches Gute geben kann, niemals aber die Wahrheit über den Menschen, und daß er die Wahrheit erleben würde, wenn er zu seinen Imaginationen kommen könnte. Und was in des Menschen Innerem lebt, das offenbart sich fortwährend, nur daß der Mensch nichts davon merkt, als Inspirationen. Niemals waren die Menschen so gequält von Inspirationen wie heute. Denn sie merken, daß etwas aus ihrem Innern heraufsteigen will zu Herz und Kopf; sie aber empfinden es nur als Nervosität, weil sie es nicht heraufsteigen lassen wollen, oder sie betäuben sich durch irgend etwas anderes gegen diese Offenbarungen des Geistes.
[ 10 ] Today, it is not only sensory external impressions that seek to reach people; rather, these sensory external impressions seek to flow through the human senses in such a way that they become imaginations within the human being. Internally, people today are predisposed to develop imaginations—pictorial conceptions of the world. But they hate it, they don’t want it; they say: That is fiction, fantasy. — They fail to realize that natural science can offer them many benefits, but never the truth about human beings, and that they would experience the truth if they could access their imaginations. And what lives within the human being continually reveals itself—only that people perceive it merely as inspiration. Never have people been so tormented by inspirations as they are today. For they sense that something from within them wants to rise up to their heart and mind; yet they perceive it only as nervousness, because they do not want to let it rise, or they numb themselves with something else against these revelations of the spirit.
[ 11 ] Wir haben hier oft davon gesprochen, daß der Mensch außer seinem physischen Leibe, der mit Augen gesehen und mit Händen gegriffen werden kann, noch seinen ätherischen Leib hat. Sie wissen auch, daß der ätherische Leib nur demjenigen erkennbar sein kann, der sich wirklichen Imaginationen hingibt. Aber es gibt heute einen Weg, den menschlichen Ätherleib wirklich zu erfassen. Dieser Weg besteht darin, die Kunst im Goetheschen Sinne ernst zu nehmen. Goethe war sein ganzes Leben hindurch davon überzeugt, daß sich im künstlerischen Erfassen der Wirklichkeit auslebt die Wahrheit, daß die Kunst eine « Manifestation geheimer Naturgesetze ist, die ohne sie niemals zum Ausdruck kommen können.» Unser Schulwesen aber läßt einen Gifttau auf alles träufeln, was die Wissenschaft durchsetzen sollte mit produktivem künstlerischem Geist. Die Menschheit unserer Wissenschaft glaubt dadurch der Wahrheit näherzukommen, indem sie alles das ausmerzt aus ihrem Inhalt, was von künstlerischem Geist durchzogen ist. Sie kommt dadurch der wahren Wahrheit immer ferner, nicht näher, und außerdem wird allmählich aus alledem, was wir der Jugend zu überliefern haben als Einzelwissenschaften, die wirkliche Wahrheit herausgepreßt. Wahr ist es allein, was Richard Wahle — in dem Sinne, wie ich es auseinandergesetzt habe — sagt, daß in demjenigen, was heute Wissenschaft genannt wird, nur Vorstellungen einer gespenstigen Welt leben. Nehmen Sie alles, was man durch die Naturwissenschaft wissen kann: es gibt dem Menschen keine Vorstellungen von Wirklichkeit. Die Natur selbst mit ihrer wahren Wesenheit lebt nicht in den Vorstellungen der Naturwissenschaft von heute, und nach der Naturwissenschaft haben sich die anderen Wissenschaften gebildet. Was in diesen Vorstellungen lebt, ist nicht die Natur, das ist ein Gespenst der Natur. Gerächt hat sich der Weltengeist an den gegenwärtigen Menschen, die nicht mehr an eine Geisteswelt glauben wollen, so daß die gegenwärtige Menschheit in den furchtbaren Aberglauben verfallen ist, das Gespenst der Naturwissenschaft als reale Wissenschaft zu nehmen. Gespenstergläubig sind heute gerade diejenigen, die sich Monisten, naturwissenschaftlich Gebildete nennen. Und wodurch könnten diese Gespenster der Welt zur Wirklichkeit werden?
[ 11 ] We have often spoken here about the fact that, in addition to the physical body—which can be seen with the eyes and touched with the hands—the human being also has an etheric body. You also know that the etheric body can be perceived only by those who devote themselves to true imagination. But today there is a way to truly grasp the human etheric body. This way consists of taking art seriously in the Goethean sense. Throughout his life, Goethe was convinced that truth finds its full expression in the artistic grasp of reality—that art is a “manifestation of secret laws of nature that could never be expressed without it.” Our educational system, however, allows a poisonous dew to be dripped onto everything that science should imbue with a productive artistic spirit. The scientific community thereby believes it is drawing closer to the truth by eradicating from its content everything that is imbued with artistic spirit. As a result, it moves ever farther from true truth, not closer to it; moreover, the real truth is gradually squeezed out of everything we have to pass on to the young as individual sciences. The only truth is what Richard Wahle says—in the sense I have explained it—that in what is called science today, only ideas of a ghostly world live on. Take everything that can be known through the natural sciences: it gives human beings no concept of reality. Nature itself, with its true essence, does not live in the concepts of today’s natural sciences, and the other sciences have been shaped according to the natural sciences. What lives in these concepts is not nature; it is a specter of nature. The World Spirit has taken its revenge on contemporary human beings, who no longer wish to believe in a spiritual world, so that present-day humanity has fallen into the terrible superstition of accepting the specter of natural science as real science. Those who call themselves monists and are educated in the natural sciences are precisely the ones who believe in these spectres today. And by what means could these spectres of the world become reality?
[ 12 ] Das könnte dadurch geschehen, daß man in sich in allem Ernste den künstlerischen Sinn so entwickelt, wie ihn Goethe seiner Nation anerziehen wollte, wenn man das aufnehmen könnte, was auflebt in einem produktiven Anschauungsvermögen — Goethe nannte es «anschauende Urteilskraft» —, wenn man auflösen könnte das Gespenstige des Naturanschauens in der produktiven schaffenden Kraft des Geistes. In der Mitte des vorigen Jahrhunderts wird diese schaffende Kraft des Geistes im deutschen Geistesleben so behandelt wie in meinem Märchen in dem einen Mysteriendrama die Phantasie von dem wilden Manne, der an diese Phantasie herankommt. So leben wir mit unsern Vorstellungen heute als Menschen in einer gespenstigen Welt, sind abergläubisch, ohne daß wir es wissen, spotten über den Aberglauben anderer und sind dabei dreimal so stark in diesen Aberglauben verstrickt als die, welche wir als abergläubische Leute verspotten.
[ 12 ] This could be achieved by earnestly developing within oneself the artistic sensibility that Goethe sought to instill in his nation—if one could embrace what comes to life in a productive power of perception—Goethe called it “contemplative judgment”—and if one could dissolve the ghostly aspect of observing nature into the productive, creative power of the spirit. In the middle of the last century, this creative power of the spirit was treated in German intellectual life much as, in my fairy tale, the imagination is treated in that one mystery drama by the wild man who approaches it. Thus, as human beings, we live today with our ideas in a ghostly world; we are superstitious without realizing it, we mock the superstitions of others, and yet we are three times as deeply entangled in these superstitions as those we mock as superstitious people.
[ 13 ] Der Ätherleib des Menschen ist nicht nach demjenigen gebaut, was man als Naturgesetze kennt, sondern er ist nach künstlerischen Gesetzen gebaut. Keiner ergreift ihn, weder an sich noch an anderen, wenn er nicht künstlerischen Geist in sich hat. Und der Mangel an künstlerischem Geist in der Gegenwart ist es, was so verheerend, so vernichtend, so zerstörend eingreift in die Weltanschauungen der Gegenwart. Und außer seinem Ätherleib, das wissen wir, trägt der Mensch in sich noch den astralischen Leib. Dieser astralische Leib ist gerade von ganz besonderer Wichtigkeit in der Gegenwart.
[ 13 ] The human etheric body is not structured according to what are known as the laws of nature, but rather according to artistic laws. No one can perceive it—neither in themselves nor in others—unless they possess an artistic spirit. And it is the lack of artistic spirit in the present that has such a devastating, annihilating, and destructive effect on contemporary worldviews. And in addition to their etheric body—as we know—human beings also carry within themselves the astral body. This astral body is of particular importance in the present.
[ 14 ] Meine lieben Freunde, ich kenne kein ergreifenderes Ereignis für die Weltentwickelung als die Tatsache, daß die wichtigsten Beschlüsse zu dieser Weltkatastrophe gefaßt wurden an einem Samstag, am 1. August 1914 in Berlin, am Spätnachmittag, ja sogar in die Nacht hinein. Für den, der die Grundgesetze des menschlichen Lebens vom Gesichtspunkte der Anthroposophie aus versteht, für den ist so manches offenbar, vor das die anderen Menschen sich hinstellen und spotten über den Aberglauben anderer, indem sie aber gerade dreimal so abergläubisch sind als die, über welche sie spotten. Denn diese Menschen wollen nichts wissen von den tieferen Gesetzen, die im Weltenleben herrschen. Sie glauben daran, daß die Schwerkraft herrscht, daß die Atomkräfte herrschen. Aber sie wissen nicht, daß die Weltgeschichte beherrscht ist von tiefliegenden Gesetzen, von denen die äußeren Erscheinungen nur symptomatischer Ausdruck sind, daß die Menschen von Epoche zu Epoche in immer andere Sphären einrücken und in immer anderer Weise leben müssen. Und so sind wir heute in der Zeit angekommen — weil eben gerade wir von allen Zeiten der Menschheitsentwickelung am nächsten der geistigen Welt sind, wir merken zunächst nur nichts davon —, wir sind angekommen an dem Punkt, wo wir berücksichtigen müssen des Menschen Beziehungen zur geistigen Welt. Oh, das brauchten die früheren Menschen nicht zu berücksichtigen; denen war noch die Beweglichkeit verliehen durch ihr armes Gehirn, diejenigen geistigen Offenbarungen zu bekommen, deren sie benötigten. Diese Offenbarungen sind aber im Laufe der Zeit zu wesenleeren Schemen und Phrasen geworden. Und was sich heute Christentum nennt, ist oftmals nichts anderes als eine Summe von wesenleeren Schemen und inhaltlosen Phrasen, nicht erfüllt von Geist. Aber die Menschheit haßt den wirklichen Geist, sie findet sich immer wieder in die Neigung zur Bequemlichkeit, in dem, was seit Jahrhunderten und Jahrtausenden das Christentum genannt worden ist, den Christus immer wieder und wieder abzuwehren. Es wird immer gesagt: Wenn man unter die heutigen Arbeiter kommt und ihnen vom Christentum spricht, so wollen sie es nicht hören. Ich kann nur immer sagen: Ich glaube das. Denn so, wie ihr heute sprecht, so habt ihr gesprochen, so habt ihr gedacht durch Jahrhunderte und Jahrtausende, und jetzt wollt ihr die Menschen, zu denen ihr so gesprochen habt, mit demselben heilen, das das Elend der Zeit gebracht hat und von dem ihr bewiesen habt, daß es nichts zu hoffen hat.
[ 14 ] My dear friends, I know of no event more profound for the development of the world than the fact that the most important decisions regarding this global catastrophe were made on a Saturday, August 1, 1914, in Berlin, in the late afternoon and even into the night. For those who understand the fundamental laws of human life from the perspective of anthroposophy, many things become evident—things that other people stand before and mock as the superstitions of others, even though they are precisely three times as superstitious as those they mock. For these people want to know nothing of the deeper laws that govern world life. They believe that gravity reigns, that atomic forces reign. But they do not know that world history is governed by deep-seated laws, of which outward phenomena are merely symptomatic expressions; that from epoch to epoch, human beings must enter ever-changing spheres and live in ever-changing ways. And so we have now arrived at this time—precisely because, of all the periods in human development, we are the closest to the spiritual world, though at first we are not even aware of it—we have reached the point where we must take into account humanity’s relationship to the spiritual world. Oh, earlier people did not need to take this into account; they were still endowed with the flexibility, through their limited intellect, to receive the spiritual revelations they needed. But over time, these revelations have become empty shells and empty phrases. And what is called Christianity today is often nothing more than a collection of empty shells and meaningless phrases, devoid of spirit. But humanity hates the true Spirit; it repeatedly succumbs to the temptation of convenience, finding in what has been called Christianity for centuries and millennia a way to reject Christ time and time again. It is always said: When you go among today’s workers and speak to them about Christianity, they do not want to hear it. I can only say again and again: I believe that. For just as you speak today, so have you spoken, so have you thought for centuries and millennia, and now you want to heal the people to whom you have spoken in this way with the very same thing that has brought about the misery of our time—and which you yourselves have proven offers no hope.
[ 15 ] Der Mensch ist heute genötigt, Ernst zu machen mit seinen Beziehungen zur geistigen Welt, sich so zu fühlen, daß er wirklich nicht nur drinnen steht in der physischen Welt, sondern auch in einer geistigen Welt. Und ehe wir nicht mit dieser Gesinnung Ernst machen, werden noch Ströme von Blut und Blut über das arme Europa hinströmen müssen. Denn die Menschen hassen die Wahrheit, und der Haß wandelt sich sehr häufig um in Furcht; daher haben die Menschen der Gegenwart Furcht vor der Wahrheit. Heute ist es so, daß wir gar nicht zur Wahrheit kommen können, wenn wir unsere Beschlüsse fassen. Ich werde Ihnen jetzt etwas außerordentlich Paradoxes sagen, aber ich sage es nur aus dem Grunde, weil es notwendig ist, daß diese Dinge in unserer so ernsten Zeit einmal ausgesprochen werden, denn der Mensch braucht heute wirkliche Selbsterkenntnis, nicht phrasenhafte Selbsterkenntnis: Der Mensch kann heute gar nicht zu fruchtbaren Entschlüssen kommen, wenn er den Tag über nachdenkt über diese Entschlüsse. Der Mensch ist heute nahe der geistigen Welt. Wenn er in seinem physischen Leibe ist, dann ist er von der geistigen Welt getrennt; da sieht er durch seine physischen Augen, hört durch seine physischen Ohren, tastet mit seinem physischen Tastsinn. Vom Einschlafen bis zum Aufwachen dagegen ist er in der geistigen Welt, da lebt er das Leben, das ihm heute zum großen Teil noch unbewußt bleibt, und das mit seinen Impulsen in das Tagesleben hineinspielt. Für den heutigen Menschen aber ist es so, daß er nicht zu fruchtbaren Entschlüssen kommen kann, wenn erin der Zeit vom Morgen bis zum Abend diese Entschlüsse fassen will, sondern er muß sie prophetisch vorgelebt haben in der vorhergehenden Nacht. So ist es früher nicht gewesen, als die Menschen durch ihr anders geartetes Gehirn noch die geistigen Offenbarungen hatten. Heute ist das Gehirn des Menschen vertrocknet, redet selbst in der Jugend schon senil. Denn wissen muß der Mensch: wenn er des Morgens aufwacht, so hat er bereits als ein innerer Prophet das vorbereitet, was er während des Tages an Entschlüssen fassen muß. Nur das ist von einer wirklichen Fruchtbarkeit, was er fertig hat, wenn er des Morgens aufwacht. Alles andere wird immer mehr und mehr in Not und Elend führen, was in dem Aberglauben lebt, daß man während des Tages, wenn man im physischen Leibe ist, zu seinen Entschlüssen kommen müsse. Das sollte der Mensch berücksichtigen. Denn wir leben heute in der Zeit, wo er seine Beziehungen zur geistigen Welt real machen sollte. Deshalb wirkt es so erschütternd, daß die Entschlüsse zu den Ereignissen, die für Deutschland am Ausgangspunkte der Weltkatastrophe standen, nicht vorbereitet waren durch das, was die entsprechenden Persönlichkeiten hätten erleben können in der vorhergehenden Nacht, sondern gefaßt sind unter den unmittelbaren Eindrücken des Samstages, heraus aus dem Verstand des Tages, bis in den späten Abend hinein.
[ 15 ] People today are compelled to take their relationship with the spiritual world seriously, to feel that they truly exist not only within the physical world but also within a spiritual world. And until we take this attitude seriously, rivers of blood will continue to flow across poor Europe. For people hate the truth, and hatred very often turns into fear; that is why people today are afraid of the truth. Today, the reality is that we cannot arrive at the truth at all when we make our decisions. I am now going to tell you something extraordinarily paradoxical, but I say it only because it is necessary that these things be spoken once and for all in our time of such gravity, for people today need genuine self-knowledge, not self-knowledge expressed in empty phrases: People today cannot reach fruitful decisions at all if they spend the day thinking about those decisions. People today are close to the spiritual world. When they are in their physical bodies, they are separated from the spiritual world; there they see through their physical eyes, hear through their physical ears, and feel with their physical sense of touch. From the moment they fall asleep until they wake up, however, they are in the spiritual world; there they live a life that remains largely unconscious to them today, and which influences their daily life through its impulses. For people today, however, it is the case that they cannot reach fruitful decisions if they try to make them during the hours from morning to evening; rather, they must have lived them out prophetically the previous night. This was not the case in the past, when people, through their differently constituted brains, still received spiritual revelations. Today, the human brain has withered; even in youth, it speaks with senility. For people must realize: when they wake up in the morning, they have already prepared—as an inner prophet—what they must decide upon during the day. Only what they have already completed by the time they wake up in the morning is truly fruitful. Everything else will lead more and more into distress and misery—that which is rooted in the superstition that one must reach one’s decisions during the day, while in the physical body. Human beings should take this into account. For we live today in an age when they should make their connections to the spiritual world a reality. That is why it is so shocking that the decisions regarding the events that marked the beginning of the world catastrophe for Germany were not prepared by what the relevant individuals could have experienced the previous night, but were made under the immediate impressions of Saturday, arising from the mind of the day, lasting well into the late evening.
[ 16 ] Ich habe oftmals, als dieser Krieg ausgebrochen war, zu Freunden gesagt: Über diesen Krieg wird man nicht so sprechen können wie über die anderen Kriege, die in der Geschichte abgelaufen sind. Über diese anderen Kriege kann man so sprechen, daß man die Dokumente aus den Archiven sammelt und dann die Sachen beurteilt. Dagegen über diesen Krieg und seine Entstehung wird sich nicht so sprechen lassen. Denn in der Zeit, als dieses Ungewitter ausgebrochen ist, waren alle Teufel los und suchten sich die Tore zu den verwirrten Menschen. Und nachweisen wird man können, daß von den vierzig bis fünfzig Personen, die in die Ereignisse verstrickt waren, welche im Juli 1914 zum Kriege führten, eine große Anzahl nicht den vollen Gebrauch ihres Bewußtseins hatten, als sie jene schicksalsschweren Entschlüsse faßten im Laufe des Tages. Das aber ist die Zeit, wo das Bewußtsein schweigt während des Tages, und wo die Menschen doch nicht schlafen, wo dann die den Menschen feindlichen Dämonen hereinspielen in das menschliche Bewußtsein. Wir haben es also zu tun mit dem Hereinspielen geistiger Ursachen in die Weltkriegskatastrophe, und wer die Weltgesetze durchschaut, der kann erkennen, wie durch einen solchen Umstand, daß wichtigste Entschlüsse nur aus den Ereignissen des Tages gefaßt sind, das Unheil kommt. So wird man immer weniger und weniger die Möglichkeit finden, aus der Not und dem Elend herauszukommen, wenn die Menschen nicht dahinstreben, ihre Beziehungen zur geistigen Welt real zu machen, das heißt ernst zu nehmen ihre Beziehungen zur geistigen Welt in den Tatsachen, die sich abspielen im Innern. Was hilft es, wenn Sie ein noch so guter Mystiker sind, wenn Sie den halben Tag oder manchmal auch den ganzen sich hinsetzen und innerlich sich vertiefen und alles mögliche probieren, um ein inneres Behagen und Wohlgefallen in sich hervorzurufen was hilft es, wenn in Ihnen der Geist nicht lebendig wird, wodurch Sie lebendige Beziehungen erzeugen zwischen sich und der realen geistigen Welt und ihren Gesetzen, deren Ausdruck dann die Schicksale sind, in welche wir Menschen hineingespannt sind?
[ 16 ] When this war broke out, I often said to friends: We will not be able to speak of this war in the same way as we have spoken of other wars that have taken place throughout history. One can speak of those other wars by gathering documents from the archives and then assessing the facts. This war, however, and its origins, cannot be discussed in that way. For at the time this storm broke out, all hell broke loose, and the forces of evil sought to prey on the confused people. And it will be possible to prove that, of the forty to fifty people who were entangled in the events that led to the war in July 1914, a large number were not in full possession of their faculties when they made those fateful decisions in the course of that day. But this is the time when consciousness is silent during the day, and when people are not actually asleep—the time when demons hostile to humanity intrude into human consciousness. We are thus dealing with the interplay of spiritual causes in the catastrophe of the World War, and anyone who understands the laws of the world can see how disaster arises from the fact that the most important decisions are made solely on the basis of the events of the day. Thus, people will find it increasingly difficult to escape from distress and misery unless they strive to make their relationship with the spiritual world a reality—that is, to take their relationship with the spiritual world seriously in the inner processes unfolding within them. What good is it if you are a mystic, no matter how good, if you sit down for half the day—or sometimes even the whole day—and immerse yourself inwardly, trying all sorts of things, to evoke a sense of inner comfort and contentment—what good is it if the Spirit does not come alive within you, through which you create living connections between yourself and the real spiritual world and its laws, the expression of which are the fates in which we humans are entangled?
[ 17 ] Alles, was in diesen Worten sich ausspricht, war mit einer der Gründe, warum die Lektüre der vorhin vorgelesenen Worte Ennemosets besondere Gedanken in mir angeregt hatte. Denn, es war so in der Mitte das deutsche Geistesleben zwischen Osten und Westen. Ennemoser gebraucht selbst diese Worte, er sagt: «Es weht der Wind von Osten und Westen», er weist also zunächst hin auf ein besonderes Verhältnis zum Orient und Okzident, auf das ich neulich im öffentlichen Vortrage hingewiesen habe. Er weist darauf hin als ein Mensch der alten deutschen Zeit und zeigt, daß in den alten Zeiten der deutsche Geist mit dem Weltengeist noch zusammenhing, und daß der deutsche Geist eigentlich berufen war, die großen Weltenzusammenhänge ein wenig zu durchschauen. O ja, es geht einem schon tief zu Herzen, wenn man in unserer jetzigen Zeit einen solchen Satz liest, der vor mehr als einem halben Jahrhundert hingeschrieben worden ist: «Deutschland wird seinen Beruf erfüllen oder auf das allerschmählichste untergehen und mit ihm die europäische Kultur. » Man fühlt dann, daß andere auch schon in verflossenen Zeiten das gedacht haben, was hier und an anderen Orten zu Ihnen und anderen Leuten schon gesprochen worden ist. Denn im Grunde genommen war vieles eine Umschreibung der Worte: Deutschland wird entweder seinen Beruf erfüllen oder untergehen und mit ihm die europäische Kultur. — Dieses Deutschland muß wieder Fragen bekommen, es muß wieder den Zusammenhang mit des Lebens höheren Gütern bekommen. Denn das steht und schwebt als eine Frage über uns: Können wir noch Fragen haben von tieferer Bedeutung? Können wir uns noch kümmern um des Lebens höhere Güter? Die Frage steht auf Sein oder Nichtsein. Kümmern wir uns um höhere Güter, können wir noch Fragen stellen an die geistige Welt, dann werden wir den Weg finden von Mitteleuropa aus, um die Weltkultur nicht untergehen zu lassen. Setzen wir dagegen den Weg fort durch eine senile Jugend und eine philiströse Phrase, die sich revolutionär maskiert, dann gehen wir in die Barbarei hinein. Versteht sich der Mensch in Deutschland zu durchgeistigen, dann ist er der Segen der Welt; versteht er es nicht, dann ist er der Fluch der Welt. Heute stehen die Dinge so, daß zwischen rechts und links, wie auf der scharfen Schneide eines Rasiermessers, der Weg geht, der zum Heile der Menschen in die Zukunft führen wird, und daß der Mensch, der die Dinge in ihrer Wirklichkeit erkennen will, nicht die Bequemlichkeit lieben, nicht bequeme Wege wählen darf.
[ 17 ] Everything expressed in these words was one of the reasons why reading the words by Ennemoser that were just read aloud had stirred special thoughts within me. For it was right at the center of German intellectual life, between East and West. Ennemoser himself uses these words; he says: “The wind blows from the East and the West”—thus he first points to a special relationship with the Orient and the Occident, which I recently highlighted in a public lecture. He points this out as a man of the old German era and shows that in those days the German spirit was still connected to the spirit of the world, and that the German spirit was, in fact, called upon to gain some insight into the great interconnections of the world. Oh yes, it truly touches one’s heart deeply when, in our present time, one reads a sentence like this, written more than half a century ago: “Germany will fulfill its calling or perish in the most ignominious way, and with it, European culture.” ” One then senses that others, even in times past, had already thought what has been spoken here and in other places to you and to others. For, when it comes down to it, much of it was simply a rephrasing of the words: Germany will either fulfill its calling or perish, and with it, European culture. — This Germany must once again be given questions; it must once again regain its connection to the higher goods of life. For this stands and hovers over us as a question: Can we still ask questions of deeper significance? Can we still care about the higher goods of life? The question is one of to be or not to be. If we care about higher goods, if we can still ask questions of the spiritual world, then we will find the way, starting from Central Europe, to prevent world culture from perishing. If, on the other hand, we continue down the path of a senile youth and philistine rhetoric masquerading as revolution, then we are heading toward barbarism. If the people of Germany know how to become spiritual, then they are a blessing to the world; if they do not, then they are a curse upon the world. Today, the situation is such that, between the right and the left—as on the sharp edge of a razor—lies the path that will lead to the salvation of humanity in the future; and that the person who wishes to recognize things as they truly are must not love comfort, nor choose the easy path.
[ 18 ] Erinnern Sie sich, daß ich unseren Freunden seit langer Zeit dargestellt habe, daß allerdings gerechnet wurde, deutlich gerechnet wurde mit großzügigen historischen Impulsen, aber in einem Sinne, der eben gerade an jenen Orten nur von Heil war, wo er die volksegoistischen Impulse so auslebte, daß ihre Träger sie ansahen als allgemein menschliche. Die anglo-amerikanische Welt hat ihre Eingeweihten, hat ihre Initiierten, sie hat diejenigen Menschen, die zu schätzen wissen die geistigen Kräfte. Hier konnte man predigen und predigen von den geistigen Kräften, und die Dreimal-Abergläubischen hielten einen selbst für einen Abergläubischen. Daher auch sind die Dreimal-Abergläubischen das Opfer geworden des anglo-amerikanischen Westens, der die Dinge durchschaute. Dieser anglo-amerikanische Westen hat in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, vielleicht auch früher — ich weiß es nur bis zu diesen Zeiten —, vor der Öffentlichkeit dasjenige gesprochen, was er gerade der intellektuellen, der Seelenverfassung dieser Öffentlichkeit als angemessen hielt. Aber er sprach aus den Logen seiner Initiation heraus so, daß er sagte: Der Weltkrieg wird kommen — das war ein geisteswissenschaftliches Dogma bei der englisch sprechenden Bevölkerung —, und er kann nur das Ziel haben, daß im Osten Europas sozialistische Experimente gemacht werden, die wir für den Westen nicht wollen und auch nicht wollen können. — Ich erzähle Ihnen kein Märchen, sondern ich erzähle Ihnen das, was in der englisch sprechenden Bevölkerung in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts von Leuten ausgesprochen wurde, die im Zusammenhange standen mit denjenigen, die von diesen Dingen wußten. Aber diese Dinge nahm man eben hier nicht als das, was sie sind, nämlich als Erkundungen einer wirklichen Realität. Und so brach über einen herein das, was die anderen wußten, die daher niemals den Kürzeren ziehen konnten, eben aus dem Grunde, weil sie wußten. Und in diesen geheimnisvollen Logen selber, was waren da für Leute? Da waren Leute, die ihre Verzweigungen hatten hinein in alle diejenigen Gegenden, auf deren Bearbeitung es ankam. Man studiere nur einmal, was an den verschiedenen Punkten, zum Beispiel der Balkanhalbinsel, vorgegangen ist durch Jahrzehnte, und man versuche den Zusammenhang zu erkennen. Ich habe in den Vorträgen, die ich während des Krieges an verschiedenen Orten gehalten habe, auf manche Symptome in dieser Beziehung hingewiesen. Da ist alles darauf angelegt gewesen, daß durch den Weltkrieg die sozialistischen Experimente des Ostens kommen und Mitteleuropa überschwemmen. In den Eingeweihtenlogen sagten diese Leute: Wir im Westen bereiten alles vor, damit wir in Zukunft mit all den Mitteln, die man aus der geistigen Welt gewinnen kann — aber in unrechtmäßiger Weise gewinnen kann —, zur Erhöhung der nationalen Ehre solche Menschen bekommen, die ihre Herrscher werden können, einzelne Menschen auf plutokratischer Grundlage.
[ 18 ] Remember that I have long explained to our friends that, while generous historical impulses were indeed taken into account—and clearly so—they were considered beneficial precisely in those places where they gave free rein to nationalistic impulses in such a way that their proponents viewed them as universally human. The Anglo-American world has its initiates; it has those people who know how to appreciate spiritual forces. Here one could preach and preach about spiritual forces, and the “Threefold Superstitious” would consider one a superstitious person oneself. That is also why the “threefold superstitious” have fallen victim to the Anglo-American West, which saw through these things. In the 1880s—and perhaps even earlier; I know only up to that time—this Anglo-American West spoke to the public in a way it deemed appropriate to the intellectual and spiritual disposition of that public. But speaking from the lodges of its initiation, it declared: “The World War will come”—this was a spiritual-scientific dogma among the English-speaking population—“and its sole purpose can only be to carry out socialist experiments in Eastern Europe that we do not want for the West and cannot possibly want.” — I am not telling you a fairy tale, but rather I am telling you what was said among the English-speaking population in the 1880s by people who were connected to those who knew about these things. But here, these things were simply not taken for what they are, namely as explorations of a real reality. And so what the others knew—and which is why they could never come up short—came crashing down upon one, precisely because they knew. And in these mysterious lodges themselves, what kind of people were there? There were people who had their connections extending into all those regions where influence was crucial. One need only study what has taken place over the decades at various points—for example, on the Balkan Peninsula—and try to recognize the connection. In the lectures I gave in various places during the war, I pointed out certain signs in this regard. Everything was designed so that, through the World War, the socialist experiments of the East would come and flood Central Europe. In the secret lodges, these people said: “We in the West are preparing everything so that in the future, using all the means that can be obtained from the spiritual world—though obtained unlawfully—to enhance national honor, we may secure such individuals who can become our rulers: specific individuals on a plutocratic basis.”
[ 19 ] Das wurde vom Westen vorbereitet. Darin steckten die ahrimanischen Geister, und in dieser Welt sind diejenigen Persönlichkeiten zu suchen, die warten können, die nicht durch Jahre, sondern durch Jahrzehnte ihre Handlungen vorbereiten, wenn diese die Handlungen der großen Politik sind. In diesen englisch sprechenden Gegenden herrscht nicht eine militaristische Disziplin, wie siein Mitteleuropa bekannt ist, sondern dort herrscht eine spirituelle Disziplin, aber im höchsten Maße. Die ist so stark, daß sie Männer wie Asguith und Grey, die im Grunde genommen unschuldige Hasen sind, zu ihren Puppen, zu ihren Marionetten machen kann. Grey ist wahrhaftig kein schuldiger Mensch, sondern stimmen wird das, was ein Ministerkollege vor langer Zeit von ihm gesagt hat: Er ist ein Mensch, der immer einen konzentrierten Eindruck macht, weil er niemals einen eigenen Gedanken gemacht hat. — Aber solche Menschen sucht man sich aus, wenn man die rechten Marionetten für das Weltentheater haben will. Die Dinge waren gut eingeleitet und gut vorbereitet.
[ 19 ] This was orchestrated by the West. Ahrimanic spirits were at work here, and in this world one must look for those individuals who are capable of waiting—who prepare their actions not over the course of years, but over decades—when these actions pertain to the realm of high politics. In these English-speaking regions, it is not a militaristic discipline—as is known in Central Europe—that prevails, but rather a spiritual discipline, and one of the highest order. It is so strong that it can turn men like Asquith and Grey—who are, at heart, innocent lambs—into its puppets, its marionettes. Grey is truly not a guilty man; rather, what a fellow minister said of him long ago rings true: He is a man who always makes a focused impression because he has never had a thought of his own. — But such people are the ones you choose when you want the right puppets for the world stage. Things were well set in motion and well prepared.
[ 20 ] Aber heute ist es so, daß der Mensch nicht nur dasjenige berücksichtigen muß, was ihn selbst mit der geistigen Welt verknüpft, die ihm so nahe ist, sondern daß er auch wissen muß, daß große Weltengesetze es sind, die im Weltenwerden, in das die Menschheit mit ihrem Schicksal verstrickt ist, drinnen walten und die auch durch eine geistige Wissenschaft erfahren werden können. Man muß nur in der Lage sein, endlich loszukommen von jener Dummheit, die man heute Geschichte nennt; denn diese Geschichte von heute ist eine Dummheit. Sie glaubt daran, daß das Folgende immer durch das Vorhergehende
[ 20 ] But today, it is the case that human beings must not only take into account what connects them to the spiritual world that is so close to them, but they must also realize that there are great cosmic laws at work within the unfolding of the cosmos—in which humanity is entangled with its destiny—and that these laws can also be understood through spiritual science. One must simply be able to finally break free from that stupidity that is called “history” today; for this so-called history of today is nothing but stupidity. It believes that what follows is always determined by what preceded it
[ 21 ] bestimmt ist. Eine solche Anschauung ist aber gerade so, wie wenn Sie ein Meer vor sich hätten und von ihm sagen würden: Da werden Wellen herangespült; jede folgende wird von der vorhergehenden verursacht; die fünfte kommt von der vierten, die vierte von der dritten, die dritte von der zweiten, die zweite von der ersten. In Wahrheit aber liegen die Dinge so, daß unter der Oberfläche des Wassers Kräfte wirken, die das Heraufschlagen der einzelnen Wellen verursachen. Nach der eben gekennzeichneten Weise, wie jemand heute das Meer betrachtet, so betrachten die Menschen auch heute die Geschichte, und sie sind noch stolz darauf, in dieser Weise pragmatische oder kausale Geschichte zu treiben und diese Gespenster vor die Menschen hinzustellen, die sich wieder abergläubisch dazu verhalten und diese Dummheit der kausalen Geschichte als Wirklichkeit nehmen. Wer aber weiß, wie sich die Dinge in Wahrheit verhalten, wie von unten Kräfte wirken, wie jedes einzelne Ereignis an die Oberfläche getrieben wird, der muß sich sagen: Ehe man nicht diese Dummheit, die man heute Geschichte nennt, aus den Gemütern und Anschauungen der Menschen herausbekommt, eher kann kein Heil in das Menschenwerden und in die Menschheitsentwickelung hineinkommen. Das sind ernste Gedanken, die heute denjenigen Menschen erfüllen sollten, der es wirklich einmal ernst zu nehmen vermag mit demjenigen, was heute durch solche Feuerzeichen hereinspielt in unsere Zeit.
[ 21 ] is determined. But such a view is exactly like standing before the sea and saying: Waves are rolling in; each subsequent one is caused by the one before it; the fifth comes from the fourth, the fourth from the third, the third from the second, and the second from the first. In reality, however, forces are at work beneath the surface of the water that cause the individual waves to rise. Just as someone today views the ocean in the manner just described, so too do people today view history, and they are even proud to engage in this kind of pragmatic or causal history and to present these spectres to people, who in turn react to them superstitiously and take this nonsense of causal history as reality. But anyone who knows how things truly are—how forces act from below, how every single event is driven to the surface—must say to themselves: Until this folly, which is called “history” today, is removed from people’s minds and worldviews, no salvation can enter into human becoming or the development of humanity. These are serious thoughts that should fill the minds of those who are truly capable of taking seriously what is now entering our time through such fiery signs.
[ 22 ] Oh, es konnte einem schmerzlich durch die Seele ziehen, wenn man versuchte, in konkreten Fragen die Menschheit zur Besinnung zu bringen. So mußte ich in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts denken: Ach, wir haben eine Physik, die ihre verheerenden Wirkungen auf die ganze Weltanschauung mit ihrer widersinnigen Atomtheorie ausübt, und die da glaubt an das Gespenst der äußeren Welt, von dem ich vorhin gesprochen habe. Wie kann man, so dachte ich, dieser Welt wieder etwas davon beibringen, daß das ein Gespenst ist? Und ich sagte mir: Wenn man die Welt darauf aufmerksam macht, daß dasjenige, was uns als Farbe und Licht ins Auge dringt, nicht nur Quantität ist, wie die Physik heute mit ihrer atomistischen Dummheit meint, sondern auch Qualität im Goetheschen Sinne, dann könnte man die Menschen von einem Zipfel aus zum Selbstbewußtsein in dieser Beziehung bringen. — Und ich wollte den Leuten begreiflich machen: die Goethesche Farbenlehre ist kein Dilettantismus, sondern sie ist die Wirklichkeit gegenüber der heutigen atomistischen physikalischen Dummheit. Doch es war die Zeit dafür noch nicht gekommen. Deutschlands Geist beugte sich noch unter die englisch Newtonsche Farbenlehre, die dem anglo-amerikanischen Geist ebenso angepaßt ist wie die Goethesche Farbenlehre dem deutschen Geist. Hätten wir die Möglichkeit gefunden, das aufzunehmen, was wir brauchen, wer weiß, was gekommen wäre! Aber wir hätten es nicht auf dem Wege der Bequemlichkeit versuchen müssen, sondern auf dem, daß wir mit dem Geist Ernst machen. Und dann: Goethes Metamorphosenlehre war schon jene Lehre von dem Zusammenhang des Menschen mit der übrigen Lebewelt. Ausgebaut hätte diese Metamorphosenlehre werden müssen. Aber was geschah? Man redete zwar darüber, aber die, welche darüber sprachen, hatten von den wirklichen Verhältnissen keine Ahnung: es waren Phrasen, was gesprochen wurde. Man unterschied die Phrasen nicht von dem, was Substanz hatte, Und so nahm man den anglo-amerikanischen Darwinismus an an Stelle der Goetheschen Metamorphosenlchre.
[ 22 ] Oh, it could really tug at one’s heartstrings when one tried to bring humanity to its senses on specific issues. That’s how I had to think in the 1880s: Oh, we have a physics that exerts its devastating effects on the entire worldview with its absurd atomic theory, and which believes in the phantom of the external world that I spoke of earlier. How, I thought, can we teach this world once again that this is a phantom? And I said to myself: If one draws the world’s attention to the fact that what strikes our eyes as color and light is not merely quantity—as physics today, with its atomistic stupidity, believes—but also quality in the Goethean sense, then one might, starting from a small corner, lead people to self-awareness in this regard. — And I wanted to make people understand: Goethe’s theory of colors is not dilettantism, but rather reality in the face of today’s atomistic physical stupidity. Yet the time for that had not yet come. Germany’s spirit was still bowing to the English Newtonian theory of colors, which is just as suited to the Anglo-American spirit as Goethe’s theory of colors is to the German spirit. Had we found a way to take in what we needed, who knows what might have come of it! But we would not have had to attempt it by taking the path of convenience; rather, we would have had to take the spirit seriously. And then: Goethe’s theory of metamorphosis was already that doctrine of the connection between human beings and the rest of the living world. This theory of metamorphosis would have had to be developed further. But what happened? People did talk about it, but those who spoke had no idea of the actual circumstances: what was said was mere rhetoric. They failed to distinguish rhetoric from what had substance. And so Anglo-American Darwinism was adopted in place of Goethe’s theory of metamorphosis.
[ 23 ] Das sind die einzelnen Tatsachen auf konkretem Gebiete, an denen man durchschauen kann, was wir gesündigt haben an den einzelnen Tatsachen, und was zum Beispiel an solchen einzelnen Tatsachen geschehen müßte, Heute ist die Zeit ernst, und notwendig ist es, daß wir uns zurückbesinnen zu den großen Impulsen des mitteleuropäischen Geistes, welcher der Zeit von der Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts die Signatur gegeben hat. Können wir die Kräfte wieder aufrufen, die in dieser Zeit gewaltet haben, dann könnte Hofnung vorhanden sein, daß uns wieder Fragen aufgehen und daß wir wieder Ziele finden und den Zugang zu den geistigen Kräften der Welt. Denn wie für unsere Zeit ist es gesprochen, was vor mehr als einem halben Jahrhundert Ennemoser hingeschrieben hat: «Die Entscheidung naht, die Zeit drängt, es weht der Wind von Osten und Westen, es kann ein Sturm losbrechen!» Heute kann man es spüren. «Der Stamm der alten Politik steht auf faulen Wurzeln, der Kalkul der Diplomaten möchte wohl zuschanden werden, ihre Kunst ist zur verzerrten, von niemand verstandenen Künstelei geworden. Kann man von den Disteln Feigen, von den Dornen Trauben lösen?» Und ich frage: Kann man mit Philistern, die sich radikal gebärden, Revolutionen machen? Kann man mit seniler Jugend den Geist emanzipieren und auf sich selbst stellen? Wir brauchen wahre geistige Substanz, nicht solche, die sich bloß phrasenhaft radikal gebärdet. Wir brauchen wahrhaftig Jugend, die sich begeistern kann für alles, wofür sich die Jugend begeistern könnte, aber nicht eine Jugend, die senile Phrasen schwätzt und über alles Programme hat und diese Phrasen und Programme verwechselt mit dem geistigen Inhalt. Man möchte, daß sich in die Herzen ein Strahl der Geisteskraft hineinsenkt, damit er die Menschen bereit mache zu unterscheiden zwischen gedankenloser Phrase und substantiellem Inhalt. Aber wenn substantieller Inhalt an die Leute kommt, dann sagen sie, das verstehen sie nicht, das ist ihnen nicht ganz deutlich. Und wenn in irgend etwas die Gesinnung lebt: du mußt deine Sätze so formen, wie es der Wahrheit angemessen ist — und es ist nicht immer bequem, daß sie sich fügt in jede billige Phrase —, dann sagen die Leute: man schreibt gewundene Sätze. Wie oft habe ich gesagt: Wer es mit der Wahrheit ernst nimmt, muß manche Sätze so hinschreiben, daß er sich bei der Fassung des einen mit dem nächsten Satz beschäftigt, und daß er das, was in dem einen Satz gesagt ist, mit dem nächsten in sein richtiges Licht stellt. Wenn man dies ernst nimmt, dann kommt man schon zu jener Gesinnung, welche die Anthroposophie in ihrem tiefsten Innern zu verstehen vermag, und man kommt vor allen Dingen zur Unterscheidung, zu wirklichen Unterscheidungen. Können denn die Menschen heute noch in der Wirklichkeit die Dinge, die zum Beispiel vom Aufgang und vom Untergang sind, unterscheiden? Sie können es nicht. Und da, an diesem Unterscheidungsvermögen, müssen die großen Fragen aufgehen, die wir zu stellen haben. Wir müssen uns fragen, was Goethe für die Naturforschung gewollt hat. War Goethes Farbenlehre eine Morgenleuchte, um das Wesen der Farbe tiefer zu erkennen, als die Physik es kann, oder wollen wir sie zu einem Abendrot machen, das bezeugt, daß die Sonne der Goetheschen Kultur uns schon untergegangen ist? War die Goethesche Metamorphosenlehre eine Morgenleuchte, oder wollen wir sie zu einem Darwinischen Gesetz machen, das die Sonne der Goetheschen Kultur untergehen läßt? Diese Dinge müssen heute durchdacht, müssen durchfühlt werden. Ohne dies kann es nicht weitergehen.
[ 23 ] These are the specific facts in a particular area that allow us to see where we have sinned in each individual case, and what, for example, ought to happen in such specific cases, Today is a serious time, and it is necessary that we return to the great impulses of the Central European spirit, which left its mark on the period at the turn of the eighteenth and nineteenth centuries. If we can summon once more the forces that were at work in that era, then there may be hope that new questions will arise for us, that we will find new goals, and that we will regain access to the spiritual forces of the world. For what Ennemoser wrote more than half a century ago applies just as much to our time: “The decision is approaching, time is pressing, the wind is blowing from the east and west—a storm may break out!” Today, one can feel it. “The tree of old politics stands on rotten roots; the diplomats’ calculations are bound to fail; their art has become a distorted artifice that no one understands. Can one pluck figs from thistles, or grapes from thorns?” And I ask: Can one make revolutions with philistines who pose as radicals? Can one emancipate the spirit and set it on its own feet with a senile youth? We need true intellectual substance, not the kind that merely poses as radical with empty phrases. We need genuine youth who can be enthusiastic about everything that youth could be enthusiastic about, but not a youth that spouts senile platitudes, has programs for everything, and confuses these platitudes and programs with intellectual substance. One would like a ray of spiritual power to sink into people’s hearts, so that it might prepare them to distinguish between thoughtless platitudes and substantive content. But when substantive content reaches people, they say they don’t understand it, that it isn’t entirely clear to them. And when there is a conviction behind something—that you must shape your sentences in a way befitting the truth—and it isn’t always convenient for the truth to fit into every cheap phrase—then people say: the sentences are convoluted. How often have I said: Anyone who takes the truth seriously must write certain sentences in such a way that, while formulating one, they are already engaged with the next, and that what is said in one sentence is placed in its proper light by the next. If one takes this seriously, one arrives at the very mindset that anthroposophy is capable of understanding in its deepest essence, and above all, one arrives at discernment—at true discernment. Can people today still truly distinguish between things such as the dawn and the dusk? They cannot. And it is here, in this capacity for discernment, that the great questions we must ask must arise. We must ask ourselves what Goethe intended for the study of nature. Was Goethe’s Theory of Colors a morning light, intended to reveal the essence of color more deeply than physics can, or do we want to turn it into an evening glow, testifying that the sun of Goethean culture has already set for us? Was Goethe’s theory of metamorphosis a morning light, or do we want to turn it into a Darwinian law that causes the sun of Goethean culture to set? These matters must be thought through and felt deeply today. Without this, we cannot move forward.
[ 24 ] Nehmen Sie die Erfahrungen der letzten Wochen: Sie können zu gleicher Zeit hoffnungsvoll, Sie können zu gleicher Zeit hoffnungslos werden. Wir haben hier begonnen, im Sinne des Bundes für Dreigliederung des sozialen Organismus zu arbeiten. Wir haben so begonnen, daß wir uns nicht gekümmert haben um eine gewisse Schichte der Menschheit. Wir haben gesprochen zu derjenigen Menschheit, welche die breite Masse ausmacht, und wir hatten gefunden, niemand kann es leugnen, die Seelen der breiten Massen zu verstehen. Ich habe während des Krieges einmal mahnend das Wort ausgesprochen: Wir waren während des Krieges dazu verurteilt, daß wir gesunde Wurzeln des Volkes haben, und daß sich aus diesen Wurzeln des Volkes einzelne Individualitäten herausentwickelten, welche die deutschen GröBen waren; was aber die Mittelschichte war, das war das, was einen mit Zweifeln erfüllen konnte, das war das, was so leicht den Weg zur Bequemlichkeit in bezug auf Wahrheit und Bildung gehen möchte. Und da kam uns in unsere Bewegung der Dreigliederung hinein das, was aus den Wurzeln des Volkes herauf in eine recht bedenkliche Schau gerückt ist: die Parteiführer. Und die Parteiführer, die nicht mehr zum Volke gehören, sie stellen heute das Volk vor die Wahl: entweder vernünftig zu bleiben und hinzuhorchen auf das, was wahrhaft auf geistigen Grundlagen ruht, was aber auf vernünftige Weise durch den Menschenverstand eingesehen werden kann, wie alles, was auf geistigen Grundlagen beruht, vom Verstande eingesehen werden kann, wenn man nur will, oder aber den Führern zu folgen und Europa nach und nach hinzuführen zu dem Schicksal der zehn bis zwölf Millionen Menschen, die während der Kriegskatastrophe getötet, und der soundso viel anderen Millionen, die zu Krüppeln geschlagen worden sind, und zehn bis zwölf weitere Millionen zum Tode zu bringen oder verhungern zu lassen. Diese Wahl ist heute gestellt. Und wer zu diesem Gedanken nicht vordringen kann, der kann seine Gedanken nicht bis zu jener Stärke aufraffen, die für den Ernst der Zeit notwendig ist.
[ 24 ] Consider the experiences of the past few weeks: You can feel hopeful and hopeless at the same time. We have begun here to work in the spirit of the League for the Threefold Social Order. We began by not focusing on a particular segment of humanity. We spoke to the people who make up the broad masses, and we found—as no one can deny—that we understood the souls of the broad masses. During the war, I once issued this warning: During the war, we were faced with the reality that we had healthy roots among the people, and that from these roots of the people, individual personalities emerged who were the great figures of Germany; but as for the middle class, that was what could fill one with doubts—that was what was so easily tempted to take the path of complacency when it came to truth and education. And then, into our movement for the threefold social order, came what had risen from the roots of the people into a truly alarming spectacle: the party leaders. And the party leaders, who no longer belong to the people, are today presenting the people with a choice: either to remain reasonable and listen to what is truly grounded in spiritual principles—which can, however, be understood in a reasonable way through human reason, just as everything grounded in spiritual principles can be understood by the intellect, if one is only willing to do so— or to follow the leaders and gradually lead Europe toward the fate of the ten to twelve million people killed during the catastrophe of war, and the countless other millions who were maimed, and to bring another ten to twelve million to their deaths or let them starve. This choice is before us today. And anyone who cannot grasp this idea cannot muster the strength of mind necessary for the gravity of the times.
[ 25 ] Wir haben vor einigen Wochen dasjenige in Angriff genommen, was — es ist vielleicht nicht mit einem geschickten Wort bezeichnet der Kulturrat werden soll. Seit drei Wochen patzen wir an der Sache herum, und sie ist nicht vom Platze gekommen. Es mußte die Sache so optiert werden, wie sie optiert worden ist, denn auch da mußte appelliert werden an das, was an gesunden Instinkten in der allgemeinen Verwilderung noch zurückgeblieben ist. Was von diesem Gesichtspunkte aus gesagt wurde, braucht weder national-chauvinistisch zu sein, noch braucht es die feindliche Spitze gegen ein anderes Volk zu haben. Die Engländer wissen selbst sehr gut: als einzelne Engländer sind sie etwas anderes denn als Volk. — Der Mann, den ich oft schon angeführt habe, der einer der feinsten Kunstbetrachter ist, hat einmal ein schönes Wort gesprochen, wobei er ungefähr das Folgende sagte: Ach, da machen wir Geschichte. Da untersucht man, wie sich die Ereignisse eigentlich auseinander entwickelt und ergeben haben und wie die Völker in Kriege hineinkommen. Aber all das, was da geschrieben wurde, ist ja doch nur dazu da, um nach unserem subjektiven Standpunkte den einen, den wir brauchen, zu loben, und den anderen zu verurteilen oder zu verlästern. Und wahr ist es, daß die Völker, wenn sie Kriege unternehmen, überall wie die Wilden Krieg führen und nicht fragen nach den Gründen. Herman Grimm meint, in dem Augenblick, wo die Menschen Kriege unternehmen, werden sie zu Wilden. Die Menschen werden, wenn sie ein Staat, eine Nation werden, nicht ein Höheres, sondern sie werden ein Niedereres. Das ist das große Unglück in unserer Zeit, daß man den Staat oder die Zusarmmengehörigkeit höher schätzt als den einzelnen individuellen Menschen. Aber so verstrickt sind die Menschen heute in das Höherschätzen der Gemeinschaften als des Einzelnen, daß sie sich ganz wohl fühlen, entmenscht zu sein, eine Staatsschablone zu sein. Da ist es natürlich schwer, so etwas zu bilden, was das Geistesleben wirklich emanzipieren kann. Aber in unserer Zeit ist die Menschheit trotz ihres Materialismus dem Geiste näher, als man glaubt. In uns walten Inspitationen und Imaginationen. Nur verwandeln wir die Imaginationen wegen unserer mangelnden produktiven Phantasiekraft in allerlei gespenstige Bilder über die Zusammenhänge der Welt, mit denen wir die wirklichen Weltzusammenhänge verleumden. Wenn man jemandem sagt: Europa hängt soundso zusammen —, wie ich es wenige Jahre vor dem Ausbruch dieses Krieges in dem Vortragszyklus von Kristiania getan habe, wenn man die Welt so betrachtet, daß man sie mit innerer Psychologie, mit innerem Schauen beurteilt, dann betrachten es die Träumer als einen Äberglauben, und geht man daran, es ins Praktische umzusetzen, dann halten diese selben Menschen es für Utopie oder Ideologie. Aber darauf kommt es an, daß man in diesen Dingen heute klar sieht. In ihrem Sinne haben die Angehörigen der anglo-amerikanischen Welt klar gesehen, und wir haben dumpf gesehen. — Und auch die Inspirationen verwandeln sich, und zwar zu wilden animalischen Emotionen, die sich in Blut ausleben wollen. Sehen Sie hin auf das Blut, das heute fließt, sehen Sie hin, wenn die Menschen an die Wand gestellt und erschossen werden: das sind die Inspirationen, die an die Menschen kommen wollen mit dem guten Willen der geistigen Welt, die von den Menschen gehaßt wird, und die sich daher in wilde animalische Triebe verwandeln. Denn wenn der Mensch dasjenige, was aus der geistigen Welt als Inspiration an ihn herankommen will, nicht aufkommen lassen will, dann verwandelt es sich in wilde Emotionen, in animalische Triebe.
[ 25 ] A few weeks ago, we set out to do what—though perhaps the term isn’t the most apt—is to become the Cultural Council. We’ve been fumbling around with this for three weeks now, and we haven’t made any headway. The matter had to be approached as it was, for even here we had to appeal to whatever sound instincts remain amid the general decline. What has been said from this perspective need not be nationalistic, nor does it need to contain any hostile barbs directed at another people. The English themselves know very well: as individual Englishmen, they are one thing; as a people, they are another. — The man I have often cited, who is one of the finest connoisseurs of art, once spoke a beautiful phrase, saying something to the effect of: “Ah, that’s where we make history.” There, one examines how events actually unfolded and came to pass, and how nations become embroiled in wars. But everything that has been written there is, after all, only meant to praise the one we need—from our subjective standpoint—and to condemn or slander the other. And it is true that when nations wage war, they wage it everywhere like savages and do not ask for reasons. Herman Grimm believes that the moment people wage war, they become savages. When people become a state or a nation, they do not become something higher, but rather something lower. That is the great misfortune of our time: that people value the state or group affiliation more highly than the individual human being. But people today are so entangled in valuing communities more highly than the individual that they feel quite comfortable being dehumanized, being a state stereotype. Naturally, it is difficult under such circumstances to create something that can truly emancipate spiritual life. Yet in our time, despite its materialism, humanity is closer to the spirit than one might think. Inspirations and imaginations reign within us. Yet, due to our lack of productive imaginative power, we transform these imaginations into all sorts of ghostly images of the world’s interconnections, with which we slander the world’s true interconnections. When one tells someone: “Europe is interconnected in such and such a way”—as I did a few years before the outbreak of this war in the lecture series in Kristiania—if one views the world in such a way that one judges it with inner psychology, with inner vision, then the dreamers regard it as superstition; and if one sets out to put it into practice, then these same people consider it utopia or ideology. But what matters is that we see these things clearly today. In this sense, the people of the Anglo-American world have seen clearly, while we have seen only dimly. — And the inspirations, too, are transforming—into wild, animalistic emotions that seek to vent themselves in blood. Look at the blood that is flowing today; look when people are lined up against a wall and shot: these are the inspirations that seek to reach people with the good will of the spiritual world—a world that is hated by people—and which therefore transform into wild, animalistic instincts. For when a person refuses to allow what comes to them from the spiritual world as inspiration to arise, it transforms into wild emotions, into animalistic instincts.
[ 26 ] Das sollten die bedenken, die seit Jahrzehnten mit der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zusammen sind. Bedenken sollten sie, daß anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft nicht bloß dazu da ist, um ein Wissen zu sammeln. Ob Sie schließlich vom Astralleib und Ätherleib und Ich irgend etwas wissen, rein gedankenmäßig, oder ob Sie sich ein Kochbuch abschreiben und das, was im Kochbuch steht, nur gedanklich nebeneinanderstellen, das ist einerlei; das eine ist nicht wertvoller als das andere. Anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft muß als Wissen übergehen in die menschliche Seele, aber man darf dieses Wissen nicht verwechseln mit dem stumpfen, dumpfen mystischen Gefühl. Das hat schon auch Ennemoser sehr richtig in diesem Aufsatz gesagt, was da kommen soll; denn er sagt: «Wie die Freiheit sich innerhalb der Gesetze, der Gerechtigkeit bewegen soll, so muß die Religion mit dem Lichte der Wissenschaft eine erleuchtete Wahrheit werden.» Aber die Menschen wollen heute nicht das religiöse Gefühl durchleuchten mit anthroposophischer Wissenschaft, sondern sie möchten punktuell in dem mystischen Gefühl eine abstrakte Göttlichkeit haben. Und vor allem wollen sie nicht, daß die Kunst eine Pflegerin der geistigen Schönheit am natürlichen Stoffe werde.
[ 26 ] Those who have been involved with anthroposophically oriented spiritual science for decades should bear this in mind. They should bear in mind that anthroposophically oriented spiritual science is not merely a means of accumulating knowledge. Whether you ultimately know anything about the astral body, the etheric body, and the “I”—purely in thought—or whether you copy down a cookbook and merely juxtapose the contents of the cookbook in your mind, it makes no difference; one is no more valuable than the other. Anthroposophically oriented spiritual science must become knowledge that permeates the human soul, but one must not confuse this knowledge with a dull, vague mystical feeling. Ennemoser has already expressed this very correctly in this essay regarding what is to come; for he says: “Just as freedom must operate within the bounds of the law and justice, so must religion, in the light of science, become an enlightened truth.” But people today do not want to examine religious feeling through the lens of anthroposophical science; rather, they wish to find an abstract divinity in specific aspects of mystical feeling. And above all, they do not want art to become a nurturer of spiritual beauty within natural material.
[ 27 ] Das ist aber das, was Anthroposophie wollen muß: sie muß nicht nur ein Wissen geben; allerdings ein Wissen, aber ein solches, das innere Erleuchtung werden kann, das unser Unterscheidungsvermögen anspornt. Wenn sie das kann, dann ist uns in Mitteleuropa viel gedient. Denn wir müssen mit schauendem, die Welt erkennendem Blick nach Westen und Osten schauen können. Wir müssen im Westen wohl unterscheiden können zwischen dem, was aufgehend uns feindlich ist, und zwischen dem, was als Feindliches nur untergehend ist. Auch da erinnere ich mich aus meiner Bubenzeit, als ich in der Gegend war, wo man die steirischen Berge hat, wie ich jede Woche zweimal im Eisenbahnzuge vor mir hatte jenen Grafen Chambord, der im Schloß Frohsdorf wohnte, auf dessen Antlitz lagerte urälteste Katholizität, urälteste ultramontane jesuitische Erziehung und zugleich das, was der Abglanz war des französischen «L’Etat c’est moi». Das war noch Wahrheit. Alles andere ist nicht mehr Wahrheit. Mag Frankreich noch so sehr seine Macht heute entfalten: es ist im Niedergange, wie das anglo-amerikanische Element im Aufgange ist. Aber diese Dinge müssen richtig eingeschätzt werden. Wir werden sie so durchschauen müssen, daß wir uns befruchten können mit den Gesetzen des Geisteslebens, daß wir verwandeln können die Gedanken in Willen und den Mut finden, mit der Tat uns auch wirklich hineinzustellen in die Gegenwart, die so Ernstes und so Bedeutungsvolles von uns fordert. Wir müssen immer die Versuche erneuern und immer wieder und wieder diese Versuche machen, anzuklopfen bei unseren Zeitgenossen: Wollt ihr ein freies Geistesleben, wollt ihr einen Boden, auf dem sich freies Geistesleben entwickeln kann? Denn diese Versuche müssen immer gemacht werden. Wenn wir etwas von Wahrheit und Weisheit in die Menschheit einfließen lassen wollen, dann müssen wir die Probe machen, ob die Menschen sie annehmen wollen oder nicht; es kann sehr wohl die Sache beeinträchtigen, daß die Menschen sie nicht annehmen wollen. Deshalb bitte ich Sie, nicht sich auf ein Faulbett zu legen, indem Sie nach dem Ennemoserschen Satz sich sagen: «Deutschland wird seinen Beruf erfüllen, oder auf das allerschmählichste untergehen und mit ihm die europäische Kultur. » So sind die Worte nicht aufzufassen; sondern Sie müssen sich sagen, daß Deutschland seinen Beruf erfüllen wird, wenn sich Menschen finden werden, die Kraft genug haben, den deutschen Geist in sich zu beleben, unchauvinistisch, unnational, als ein Stück des Weltengeistes, in dessen Sinn wir zu wirken haben zwischen dem Osten und dem Westen. Und wenn die Welt zurückweist, was aus Mitteleuropa kommen kann, dann sollte für uns jetzt der Zeitpunkt gekommen sein, wo die, welche seit Jahrzehnten sich bekannt haben zur anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, nicht nur mit ihrem Kopfe, sondern mit ihrem Herzen und ihrem ganzen Opfermute sich erinnern und sagen: Wir sind da! Und daß wir da sind, um den Geist zu pflegen, soll nicht eine Seelenlüge sein, sondern soll sich entfalten als Seelenwahrheit! — Und wenn die anderen bereit sind, aufzunehmen den Ruf nach Wahrheit, wie er aus der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft kommen kann, dann, wenn dieses Verständnis eintritt, dann könnte das, was als Anthroposophische Gesellschaft gedacht war, dasjenige werden, als was sie gedacht war. Heute geht an alle Menschen, die guten Willens sind, der Ruf nach Emanzipation des Geisteslebens. Aber diejenigen Menschen, die sie vom Standpunkte des Geistes aufzufassen vorgegeben haben, sollen Wahrheit darüber sich geben und frei heraus sagen: Und verlassen die anderen die Bahn des Geistes, bringen sie den Mut dazu nicht auf, so wollen wir dafür eintreten. Wir haben den Mut dazu. Wir wollen, daß der Geist nicht Phrase ist für uns, wir wollen, daß er als Wirklichkeit in unserem Blute pulst, wir wollen sagen, was für den Geist zu geschehen hat.
[ 27 ] But that is precisely what anthroposophy must aim for: it must not merely impart knowledge; it must indeed impart knowledge, but knowledge that can become inner enlightenment, knowledge that stimulates our power of discernment. If it can do that, then it will be of great service to us in Central Europe. For we must be able to look westward and eastward with a discerning gaze that perceives the world. In the West, we must be able to distinguish clearly between that which is rising and hostile to us, and that which is merely in decline as a hostile force. Here, too, I recall from my boyhood—when I was in the region of the Styrian mountains—how twice a week on the train I would see before me Count Chambord, who lived at Frohsdorf Castle; his countenance bore the imprint of the most ancient Catholicism, an ancient ultramontane Jesuit upbringing, and at the same time what was a reflection of the French “L’État, c’est moi.” That was still truth. Everything else is no longer truth. No matter how much France may seek to assert its power today, it is in decline, just as the Anglo-American element is on the rise. But these things must be properly assessed. We will have to see through them in such a way that we can be enriched by the laws of spiritual life, that we can transform thoughts into will and find the courage to truly engage, through action, with the present, which demands something so serious and so significant from us. We must constantly renew our efforts and try again and again to knock on the doors of our contemporaries: Do you want a free spiritual life? Do you want a foundation on which a free spiritual life can develop? For these efforts must always be made. If we wish to infuse humanity with a measure of truth and wisdom, then we must test whether people are willing to accept it or not; it can very well hinder the cause if people are unwilling to accept them. That is why I ask you not to rest on your laurels by telling yourselves, in the spirit of Ennemoser’s maxim: “Germany will fulfill its calling, or it will perish in the most ignominious way, and European culture along with it.” ” Those words are not to be understood that way; rather, you must tell yourselves that Germany will fulfill its calling if people can be found who have enough strength to enliven the German spirit within themselves—without chauvinism, without nationalistic bias—as a part of the world spirit, in whose spirit we are to work between the East and the West. And if the world rejects what can come from Central Europe, then the time should now have come for us—those who for decades have professed their commitment to anthroposophically oriented spiritual science—to remember, not only with our minds but with our hearts and our entire spirit of self-sacrifice, and to say: We are here! And that we are here to nurture the spirit should not be a lie of the soul, but should unfold as a truth of the soul! — And when others are ready to heed the call for truth as it can come from anthroposophically oriented spiritual science—when this understanding takes hold—then what was conceived as the Anthroposophical Society could become what it was intended to be. Today, the call for the emancipation of spiritual life goes out to all people of good will. But those who have set out to grasp it from the standpoint of the spirit should be honest with themselves and say openly: And if others stray from the path of the spirit, if they cannot muster the courage to do so, then we will stand up for it. We have the courage to do so. We do not want the spirit to be mere rhetoric for us; we want it to pulse as reality in our blood; we want to say what must happen for the spirit.
