Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192
15 June 1919, Stuttgart
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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
Neunter Vortrag
Ninth Lecture
[ 1 ] In einem der Vorträge, die ich hier in der letzten Zeit gehalten habe, habe ich darauf aufmerksam gemacht, daß in der Gegenwart Erziehungs- und Unterrichtswesen nicht bloß verlangt eine gewisse hergebrachte Art von didaktisch-pädagogischen, wie man sie so nennt, Erkenntnissen und Fertigkeiten, sondern daß für den Erzieher und Unterrichter der Gegenwart vor allen Dingen nötig ist, einzudringen in die großen Kulturströmungen der Gegenwart. Der Erzieher hat es ja mit der heranwachsenden Menschheit zu tun. Diese heranwachsende Menschheit wird noch an viel andere Fragen herantreten müssen und wird in sie hineinversetzt werden müssen, als diejenigen waren, die schon in der verflossenen Zeit bis zur Gegenwart erlebt worden sind. Und es ist eine Notwendigkeit, daß der Erzieher und Unterrichter, indem er sich mit der heranwachsenden Menschheit zu beschäftigen hat, etwas ahnt von dem Zeitalter und seinem Charakter, worin eben die heutige junge Generation der Menschheit hineinwächst.
[ 1 ] In one of the lectures I have given here recently, I pointed out that education and teaching today do not merely require a certain traditional set of what are commonly called didactic and pedagogical insights and skills, but that it is above all necessary for today’s educators and teachers to delve into the major cultural currents of the present. After all, the educator is dealing with the younger generation. This younger generation will have to grapple with many more issues—and will be thrust into situations—than those that have been experienced from the past up to the present. And it is essential that educators and teachers, in dealing with the younger generation, have some sense of the age and its character into which today’s young generation is growing.
[ 2 ] Es sollte im Grunde genommen jedem jetzt schon mehr oder weniger klar sein, wie sehr an der Oberfläche der Dinge diejenigen haften, die heute im gewöhnlichen Sinne von Schuld oder Verfehlung zwischen diesen oder jenen Völkern sprechen. Es sollte heute schon klar sein, daß man nicht deutlich den Gang der Ereignisse der Gegenwart und der jüngsten Vergangenheit sehen kann, wenn man sich nicht frei machen kann von jenen Schuld- oder Sühnebegriften, die für das Einzelleben, für das individuelle Leben der Menschen gelten. Für das, was geschehen ist und was noch geschieht, sind viel mehr solche Begriffe anwendbar wie Tragik und Schicksal, als die Begriffe von Unrecht, Schuld, Sühne oder dergleichen. Und so wenig auch die Menschheit geneigt ist, sich selber gegenwärtig das Urteilsvermögen auf ein höheres Niveau hinaufzuheben, es wird doch hinaufgehoben werden müssen. Denn der Kampf, den die Menschheit ausgefochten hat, weist er denn nicht klar und deutlich darauf hin, daß in dieser Menschheit einfach kulturhistorisch, man möchte sagen anthropologisch-historisch, eine Unruhe lag, welche die Menschheit fast über das ganze Erdenrund hin ergriff? Frägt man da oder dort: Was haben die Leute deutlich getan oder gedacht im Jahre 1914? -, so zerflattern die Urteile. Man muß da eben sehen auf die elementarische innere Unruhe, die über die Menschheit der ganzen Erde gekommen ist. Und diese innere Unruhe, die sich deutlich im Grunde genommen heute schon ausspricht, hat sich zunächst ausgelebt, man möchte sagen, in dem physischen Waflenkampf. Dieser physische Waflenkampf war physischer als früher die Kriege. Denn wieviel rein Maschinelles, wieviel rein Mechanisches hat Anteil gehabt an diesem Waffenkampf. Aber wie dieser Waflenkampf ein solcher war, daß man ihn mit nichts in der bisherigen Geschichte vergleichen kann, so wird er gefolgt sein von einem Geisteskampf, der ebenfalls mit nichts in der Geschichte sich wird vergleichen lassen. Der äußerste physische Waffenkampf auf der einen Seite wird gefolgt sein von einem Geisteskampf, der auch ein Äußerstes darstellen wird von dem, was die Menschheit bisher in der geschichtlichen Entwickelung erlebt hat. Man wird sehen, daß an diesem Geisteskampf die ganze Erde teilnehmen wird, und daß in diesem Geisteskampf Orient und Okzident mit Gegensätzen geistiger und seelischer Art stehen werden, wie sie noch nie dagewesen sind.
[ 2 ] It should, in fact, already be more or less clear to everyone by now just how much those who today speak in the ordinary sense of guilt or wrongdoing between this or that people are fixated on the surface of things. It should already be clear today that one cannot clearly see the course of events in the present and the recent past unless one can free oneself from those concepts of guilt or atonement that apply to the individual lives of human beings. For what has happened and what is still happening, concepts such as tragedy and fate are far more applicable than the concepts of injustice, guilt, atonement, or the like. And however little humanity is currently inclined to raise its own capacity for judgment to a higher level, it will nevertheless have to be raised. For does not the struggle that humanity has waged clearly and unmistakably point to the fact that, in this humanity—simply from a cultural-historical, one might say anthropological-historical, perspective—there lay a restlessness that gripped humanity across nearly the entire globe? If one asks here or there, “What did people actually do or think in 1914?”—judgments fall apart. One must simply look to the elemental inner restlessness that has come over humanity across the entire earth. And this inner restlessness, which is already clearly manifesting itself today, initially played itself out, one might say, in the physical armed conflict. This physical armed conflict was more physical than previous wars. For how much that was purely mechanical, how much that was purely mechanical, played a part in this armed conflict. But just as this armed conflict was of such a nature that it cannot be compared to anything in history to date, so it will be followed by a spiritual struggle that, likewise, will be unlike anything in history. The most extreme physical armed conflict on the one hand will be followed by a spiritual struggle that will also represent an extreme of what humanity has experienced so far in its historical development. It will become clear that the entire world will take part in this spiritual struggle, and that in this spiritual struggle, the East and the West will stand opposed to one another in ways of a spiritual and psychological nature unlike anything that has ever existed before.
[ 3 ] Die Dinge kündigen sich stets durch allerlei Symptome an, deren Bedeutung man nicht immer kräftig genug einschätzt. Vieles wird davon abhängen, wie die anglo-amerikanische Welt, als Okzident-Welt, gegenüber der orientalischen Welt in der Zukunft sich verhalten wird. Denn nicht so leicht, wie mit Mittel- und Osteuropa physisch, wird die anglo-amerikanische Welt als Okzident mit dem Orient geistig fertig werden. Daß Indien heute halb verhungert ist, daß das halbverhungerte Indien nach einer Neugestaltung aller menschlichen Verhältnisse schreit, das bedeutet ein Ungeheures in der Gegenwart. Denn wenn dieses halbverhungerte Indien aufstehen wird, dann wird es durch das Vermächtnis, durch das geistige Vermächtnis urältester Zeiten, ein viel elementarerer Feind sein für den Okzident, für die anglo-amerikanische Welt, als es Mitteleuropa mit seiner materialistischen Gesinnung war.
[ 3 ] Events always foreshadow themselves through all sorts of signs, the significance of which is not always fully appreciated. Much will depend on how the Anglo-American world—as the Western world—will relate to the Eastern world in the future. For the Anglo-American world—as the West—will not be able to cope with the East spiritually as easily as it did physically with Central and Eastern Europe. The fact that India is half-starved today, that this half-starved India is crying out for a restructuring of all human relations, signifies something immense in the present. For when this half-starved India rises, it will—through the legacy, the spiritual legacy of time immemorial—be a far more fundamental enemy to the West, to the Anglo-American world, than Central Europe, with its materialistic mindset, ever was.
[ 4 ] In diesen großen Geisteskampf, für den alle sozialen und sonstigen Bestrebungen der Gegenwart nur das Vorspiel sind, gewissermaßen nur Propädeutik, in diesen Geisteskampf wächst unsere junge Generation hinein, und sie wird gerüstet sein müssen mit Kräften, von denen sich die heutige Menschheit, auch die pädagogisierende Menschheit, vielfach nichts träumen läßt. Die heutige Menschheit hat es schon notwendig, wenn sie soziale Pädagogik treiben will, auf ganz andere Dinge zurückzugehen als auf das, was man erlernen kann an den heutigen wissenschaftlichen Methoden, die ja zumeist naturwissenschaftliche Methoden sind. Vielfach ist das allerverkehrteste Zeug gerade in unser Bildungswesen hineingekommen, hineingekommen aus dem Grunde, weil der Drang schon da ist, etwas Tieferes aus der Menschennatur in dieses Bildungswesen hineinzubringen, weil aber die Menschen sich noch sträuben gegen die wahre Wirklichkeit, die ohne die geistige Wirklichkeit nicht gedacht werden kann. Denken wir uns nur einmal, daß heute in der Pädagogik gesucht wird, allerlei Zeug aus der sogenannten analytischen Psychologie, aus der Psychoanalyse, in das Bildungswesen hineinzubringen. Warum geschieht das? Es geschieht deshalb, weil man unfähig ist, den Geist geistig zu denken, und daher die Entwickelung des Geistes aus der physischen Beschaffenheit des Menschen psychoanalytisch untersuchen will. Überall ist es das Sichsträuben gegen geistige Erkenntnis, das uns das Streben verdirbt, in dem wir drinnenstehen sollen.
[ 4 ] Our young generation is growing up into this great spiritual struggle—for which all the social and other endeavors of the present are merely a prelude, a kind of preparatory phase—and it will have to be equipped with strengths that today’s humanity, including those involved in education, often cannot even imagine. If today’s humanity wishes to engage in social pedagogy, it must necessarily draw upon things entirely different from what can be learned through today’s scientific methods—which are, for the most part, methods of the natural sciences. In many cases, the most utterly misguided ideas have found their way into our educational system—precisely because there is already an urge to bring something deeper from human nature into this system, yet people still resist the true reality, which cannot be conceived without spiritual reality. Let us just consider for a moment that today, in the field of education, there is a drive to introduce all sorts of ideas from so-called analytical psychology and psychoanalysis into the educational system. Why is this happening? It is happening because people are incapable of thinking about the spirit in a spiritual way, and therefore seek to investigate the development of the spirit psychoanalytically based on the physical constitution of human beings. Everywhere, it is this resistance to spiritual knowledge that undermines the endeavor in which we are meant to be engaged.
[ 5 ] Durch die verschiedenen materialistischen Neigungen der verflossenen Zeit haben wir in uns als Menschen ausgebildet, ich möchte sagen, eine gewisse menschliche Haltung. Mit dieser leben wir heute in der Welt. Wieviel diese menschliche Haltung - ich spreche jetzt nicht von einem einzelnen Volke, sondern von der Menschheit —, wieviel diese Haltung wert ist, hat man daraus sehen können, daß Millionen von Menschen getötet und noch mehr zu Krüppeln geschlagen worden sind aus dieser Haltung der Menschheit heraus. Aber betrachten wir jetzt nicht formal, äußerlich schablonenhaft, sondern betrachten wir innerlich die heranwachsende Generation und das, was wir für sie erzieherisch und unterrichtend zu tun haben. Betrachten wir es im Lichte jener Menschheitskunde, Anthropologie, die uns, die wir uns jahrelang mit Anthroposophie beschäftigt haben, ja geläufig sein sollte. Kleinste Beobachtung des Menschenlebens grenzt für uns heute an die allergrößten, bedeutsamsten Kulturströmungen und Kulturkräfte.
[ 5 ] Through the various materialistic tendencies of the past, we have developed within ourselves, as human beings, what I would call a certain human attitude. It is with this attitude that we live in the world today. Just how much this human attitude—I am not speaking now of a single people, but of humanity as a whole—is worth can be seen from the fact that millions of people have been killed and even more maimed as a result of this attitude of humanity. But let us not now view the rising generation in a formal, superficial, or stereotypical way; rather, let us look at them from within and consider what we must do for them in terms of education and instruction. Let us view this in the light of that study of humanity—anthropology—which should be familiar to us, who have been engaged with anthroposophy for years. For us today, even the smallest observation of human life borders on the very greatest and most significant cultural currents and forces.
[ 6 ] Wie oft ist hier besprochen worden, wie sich drei aufeinander folgende Entwickelungsalter des Menschen mit Bezug auf die ganze Entfaltung der Menschennatur voneinander unterscheiden. Wir müssen, so sagte ich oftmals, im heranwachsenden Menschen genau unterscheiden das Lebensalter bis zu dem Zeitpunkt, wo er die Dauerzähne bekommt, das heißt bis zum Zahnwechsel. Dieser Zahnwechsel ist ein viel bedeutenderes Symptom für die ganze menschliche Entwickelung, als man gewöhnlich aus der heute nur an Äußerlichkeiten haftenden Naturwissenschaft annimmt. In diesen Äußerlichkeiten hat die Naturwissenschaft — das muß immer und immer wieder betont werden - die größten Triumphe gefeiert; in das Innere der Dinge vermag sie jedoch nicht einzudringen. Gerade weil sie so groß ist in bezug auf die Äußerlichkeiten, vermag sie in das Innere nicht einzudringen.
[ 6 ] How often has it been discussed here how three successive stages of human development differ from one another in relation to the overall unfolding of human nature? As I have often said, we must make a clear distinction in the growing human being between the period of life up to the time when the permanent teeth come in—that is, up to the change of teeth. This change of teeth is a far more significant indicator of the entire course of human development than is generally assumed by modern science, which today focuses solely on external appearances. It is in these external aspects—and this must be emphasized again and again—that natural science has celebrated its greatest triumphs; yet it is unable to penetrate to the inner essence of things. Precisely because it is so great in regard to external appearances, it is unable to penetrate to the inner essence.
[ 7 ] Wenn man den Menschen in diesem ersten Lebensalter erfassen will, dann muß man zuerst beachten, was die Grundlagen der menschlichen Vererbungsverhältnisse sind. Davon habe ich auch schon gesprochen. Diese Vererbungsverhältnisse werden nur ganz einseitig aufgefaßt, wenn man sie nur mit den Augen der gegenwärtigen Naturwissenschaft ansieht. Die Vererbung ist so, daß einen deutlich unterscheidbaren Einfluß haben: das mütterliche und das väterliche Element. Das mütterliche Element ist das, was an den Menschen mehr die Charaktere des allgemeinen Volkstums, der Volkheit überliefert. Von der Mutter erbt der Mensch mehr das Allgemeine: daß er mit einem bestimmten Volkscharakter hineinwächst in ein Volkstum. Das Geheimnisvolle der Mutterschaft besteht darin, von Generation zu Generation durch die physischen Kräfte die Charaktere des Volkstums zu übertragen. Der spezielle Beitrag des Vatertums ist, in dieses Allgemeine hineinzuwerfen das Einzel-Individuelle des Menschen, das, was der Mensch als einzelner individueller Mensch ist. Erst dann, wenn man die Einzelheiten des menschlichen Charakters so betrachtet, wie es im Sinne der angedeuteten Vererbungsprinzipien geschehen ist, dann wird man sich klar werden, was man eigentlich in einem neugeborenen Menschen vor sich hat.
[ 7 ] If one wishes to understand human beings in this earliest stage of life, one must first consider the fundamentals of human heredity. I have already spoken about this. These hereditary relationships are understood only in a very one-sided way if one views them solely through the lens of contemporary natural science. Heredity is such that two clearly distinguishable influences are at work: the maternal and the paternal elements. The maternal element is what transmits to the individual, to a greater extent, the characteristics of the general national character, of the people as a whole. From the mother, a person inherits more of the general: the fact that they grow into a national character with a specific national character. The mystery of motherhood lies in transmitting, from generation to generation through physical forces, the characteristics of the national character. The specific contribution of fatherhood is to imbue this general character with the individuality of the person—that which makes a person a unique individual. Only when one considers the details of human character in the manner described by the principles of heredity outlined above will one come to understand clearly what one is actually dealing with in a newborn human being.
[ 8 ] Dann aber ist für das erste Lebensalter zu beachten, daß der Mensch in dieser Zeit ganz und gar ein Nachahmewesen ist. Alles, was der Mensch bis so ungefähr in das siebente Jahr hinein sich aneignet, eignet er sich dadurch an, daß er ein nachahmendes Wesen ist. Dadurch aber wird das Leben des heranwachsenden Kindes angeschlossen an die intimsten Kultureigenschaften eines Zeitalters. Diejenigen, die das Kind zunächst nachahmt, sind die Vorbilder des Kindes. Alles, was sie in sich tragen mit ihren innersten Eigentümlichkeiten, geht an die heranwachsende Generation über. Diese Nachahmung vollzieht sich ganz im Unterbewußtsein, aber sie ist eben ungeheuer bedeutungsvoll, und sie wird ganz besonders bedeutungsvoll von dem Augenblicke ab, wo das, was auch durch Nachahmung von dem Kinde gelernt wird, wo das Sprechenlernen eintritt. Vor dem Sprechenlernen ist dasNachahmen zunächst noch ein Nachahmen im Äußeren; tritt das Sprechenlernen ein, dann erstreckt sich das Nachahmen in die inneren seelischen Eigenschaften hinein. Der heranwachsende Mensch wird dann denen angeähnelt, die um ihn sind. Und viel mehr, als man gewöhnlich denkt, flößt sich mit der Sprache in den Grundcharakter des heranwachsenden. Menschen ein. Die Sprache hat einen innerlichen, einen eigenen seelischen Charakter, und ein gutes Stück nimmt das heranwachsende Kind von demjenigen Menschen seelisch auf, an dem es sich sprechend heranentwickelt. Diese Aufnahme ist sehr stark, sehr kräftig; sie geht bis in dasjenige hinein, was wir den astralischen Leib nennen. Sie ist so kräftig, daß sie einen Gegenpol braucht. Der ist da. Und in der unbefangenen Betrachtung dieses Gegenpoles zeigt sich eben jenes Geheimnisvolle in der Natur- und Wesensentwickelung, zu dem die heutige äußerliche Naturbetrachtung nicht herandringen kann.
[ 8 ] However, with regard to the earliest stage of life, it must be noted that during this time, human beings are entirely imitative creatures. Everything a person acquires up to about the age of seven is acquired precisely because they are a being who imitates. Through this, however, the life of the growing child becomes connected to the most intimate cultural characteristics of an era. Those whom the child imitates at first are the child’s role models. Everything they carry within themselves—including their innermost characteristics—is passed on to the growing generation. This imitation takes place entirely in the subconscious, but it is immensely significant, and it becomes particularly significant from the moment when the child begins to learn to speak—a process that is itself learned through imitation. Before learning to speak, imitation is initially limited to outward behavior; once speech development begins, imitation extends into inner psychological qualities. The growing child then comes to resemble those around them. And much more than is usually realized, language instills itself into the fundamental character of the growing child. Language has an inner, unique psychological character, and the growing child absorbs a great deal psychologically from the person toward whom they are developing linguistically. This absorption is very strong, very powerful; it penetrates into what we call the astral body. It is so powerful that it requires a counterpole. That counterpole exists. And in the unbiased observation of this counterpole, precisely that mysterious aspect of the development of nature and being is revealed—an aspect that today’s external observation of nature cannot penetrate.
[ 9 ] Wäre die äußere physische Natur - ich will mich so ausdrücken, wir haben ja kaum einen Ausdruck in der Sprache, um diese Dinge anzugeben -, wäre die äußere physische Natur weichlicher, als sie ist, so würde der Mensch durch das Aufnehmen der Sprache ganz und gar ein Abdruck desjenigen werden, von dem er sprechen lernt. Aber dagegen ist gleichsam ein Damm aufgerichtet dadurch, daß die physische Natur des Menschen in diesen ersten sieben Jahren innerlichst am allermeisten erhärtet. Und der Gipfel, der Kulminationspunkt dieser Erhärtung drückt sich in dem Durchstoßen eines Knöchrigen, der Dauerzähne, aus. Ein Durchstoßen eines Knöchrigen ist der Abschluß einer inneren Festigung des menschlichen physischen Leibes, die durch das ganze Lebensalter, von der Geburt, oder wenigstens von dem Entstehen der ersten Zähne, die reine Vererbungszähne sind, bis zu den Dauerzähnen hin verläuft. Das sind zwei Gegenpole: die äußerst bewegliche innere Entwickelung in der Sprache, und die äußere Verhärtung, wo sich gleichsam der Mensch dagegen aufbäumt und sagt: Ich bin auch noch da, ich will nicht bloß ein Abbild sein. — Und diese Verhärtung drückt sich aus in dem, was zuletzt in den zweiten Zähnen, in den Dauerzähnen, als Kulminationspunkt erscheint.
[ 9 ] If external physical nature—let me put it this way, since we hardly have a term in our language to describe these things—if external physical nature were softer than it is, then by acquiring language, a person would become entirely an imprint of that which he learns to speak about. But a barrier, as it were, is erected against this by the fact that the physical nature of the human being hardens most profoundly during these first seven years. And the peak, the culmination of this hardening, is expressed in the eruption of the permanent teeth. The eruption of a bony tooth marks the completion of an inner consolidation of the human physical body, a process that extends throughout this entire stage of life—from birth, or at least from the emergence of the first teeth (which are purely hereditary teeth), up to the permanent teeth. These are two opposites: the extremely flexible inner development in language, and the outer hardening, where, as it were, the human being rebels against it and says: “I am still here too; I do not want to be merely an image.” — And this hardening is expressed in what ultimately appears as the culmination in the second set of teeth, the permanent teeth.
[ 10 ] Dieser Prozeß spielt sich ab im ersten Lebensalter des Menschen. Was ist nun das wichtigste Erziehungsprinzip für dieses Lebensalter? Es ist das, was wir selbst sind. Wenn wir nicht darauf achtgeben, was wir selbst sind, bis in unser Innerstes hinein, so erziehen wir schlecht, denn die Entwickelung des Menschen beruht in diesem Lebensalter nicht so sehr darauf, was wir ihm jetzt sagen, sondern was wir ihm vormachen. Er ist ein nachahmender Mensch. Sie können es ja erleben, ich habe es schon erwähnt: Ein Kind in diesem Lebensalter, bevor der Zahnwechsel sich vollzogen hat, stiehlt zum Beispiel. Die Eltern kommen und sind außer sich, daß es gestohlen hat. Durchschaut man die Verhältnisse, so fragt man: Wie ist das eigentlich gekommen, daß das Kind gestohlen hat? Nun, es hat einfach irgendwo eine Schublade aufgemacht und Geld herausgenommen. Das erzählen einem dann die Leute. Durchschaut man die Verhältnisse, so muß man sagen: Macht euch keine Sorge darüber, denn das ist kein Diebstahl. Das Kind hat die ganze Zeit über gesehen, daß die Mutter einfach zu einer bestimmten Tageszeit an die Schublade gegangen ist und dort Geld herausgenommen hat. Es hat keine bestimmte Vorstellung darüber, es ist ein Nachahmer, es macht die Sachen nach; verwehrt man es ihm, so versteht es einfach noch nicht. Es ist gar nicht nötig, daß sich an diese Tat die herben Begriffe des Diebstahls sogleich anschließen. Es handelt sich eben darum, daß wir auf uns selber achtgeben und eingedenk dessen sind, daß das Kind in diesen Jahren ein Nachahmer ist.
[ 10 ] This process takes place during a person’s early childhood. What, then, is the most important educational principle for this stage of life? It is who we ourselves are. If we do not pay attention to who we ourselves are, right down to our innermost being, then we are failing as educators, for a child’s development at this age depends not so much on what we tell them now, but on what we model for them. They are imitative beings. You can see this for yourselves; I’ve already mentioned it: A child at this age, before their baby teeth have fallen out, steals, for example. The parents come home and are beside themselves that the child has stolen something. If you look closely at the circumstances, you ask: How did it actually come to pass that the child stole? Well, the child simply opened a drawer somewhere and took out some money. That’s what people tell you. If you look closely at the circumstances, you have to say: Don’t worry about it, because that isn’t theft. The child has seen all along that the mother simply went to the drawer at a certain time of day and took money out of it. The child has no clear concept of it; the child is an imitator, copying what they see; if you forbid it, the child simply doesn’t understand yet. It is not at all necessary to immediately associate this act with the harsh concept of theft. The point is simply that we must be mindful of ourselves and remember that children at this age are imitators.
[ 11 ] Dann kommt das zweite Lebensalter, das vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife verläuft. Das ist die eigentliche Schulzeit. In dieser Schulzeit, ich habe es auch schon öfter erwähnt, da ist das Eigentümliche, daß ein ganz anderes im Leben des Menschen eintritt, als das Nachahmungsprinzip der ersten Lebensjahre. Man darf sich nicht beschwätzen lassen mit so allgemeinen Urteilen, wie man sie gerne eben geschwätzig sagt: Die Natur macht keine Sprünge. Das ist, wie es gewöhnlich gemeint ist, eigentlich ein Unsinn. Die Natur macht fortwährend Sprünge. Denken Sie nur, wie stark der Sprung ist bei der Pflanze vom grünen Laubblatt zum farbigen Blumenblatt. Wenn man meint, daß die Natur keinen Abgrund überspringt, mag es richtig sein; aber von einem stetigen Entwickeln ohne Diskontinuität kann in der Natur gar keine Rede sein. So ist es auch für eine wirkliche Beobachtung mit der Entwickelung des Menschen. Während der Mensch in den ersten sieben Lebensjahren ein Nachahmer ist, tritt er vom Zahnwechsel ab bis zur Geschlechtsreife in das Zeitalter, wo für ihn das Prinzip der Autorität das Maßgebende ist. In diesem Zeitalter verkommt etwas im Menschen, wenn nicht in gesunder Weise die Möglichkeit entwickelt wird, daß das Kind Vertrauen hat zu seinem Erzieher und Unterrichter, daß es das noch nicht prüft mit dem noch nicht erwachten Verstande, was der Erzieher und Unterrichter sagt, sondern aus Vertrauen in die Autorität des Erziehers das macht, was es machen soll, weil der andere Mensch das sagt und hinstellt, was gemacht werden soll. Diese Dinge sind nicht nur unter den Gesichtspunkten zu betrachen, unter denen man heute alles mögliche im Leben verabsolutiert, und unter denen man am liebsten sogar schon das Kind zum absolut innerlich freien Wesen machen möchte. Will man das, tut man das in diesem Lebensalter, dann macht man den Menschen nicht frei, sondern haltlos für das Leben, ganz haltlos, innerlich leer. Wer zwischen seinem siebten und vierzehnten Jahre nicht gelernt hat, zu den Menschen ein solches Vertrauen zu haben, daß er sich nach ihnen richtet, dem fehlt im kommenden Leben etwas an innerlicher Stärke und Willensenergie, die er haben muß, wenn er dem Leben wirklich gewachsen sein soll.
[ 11 ] Then comes the second stage of life, which extends from the change of teeth to sexual maturity. This is the actual school years. During these school years—as I have mentioned many times before—what is distinctive is that something entirely different enters a person’s life compared to the principle of imitation that characterized the first years of life. One must not be misled by such generalizations as are often casually bandied about: “Nature takes no leaps.” As it is usually understood, this is actually nonsense. Nature is constantly taking leaps. Just think how great the leap is in a plant from green leaves to colorful petals. If one means that nature does not leap across an abyss, that may be true; but there can be no question of a steady development without discontinuity in nature. The same is true, upon close observation, of human development. While a child is an imitator during the first seven years of life, from the time of tooth replacement until sexual maturity, he enters an age in which the principle of authority is the defining factor. During this stage, something in the child is stunted if the child’s ability to trust their educator and teacher is not developed in a healthy way—that is, if the child does not yet scrutinize what the educator and teacher say with their as-yet-unawakened intellect, but rather, out of trust in the educator’s authority, does what they are told to do simply because the other person says so and sets forth what is to be done. These matters should not be viewed solely from the perspectives under which people today treat all manner of things in life as absolute—and under which they would even prefer to make the child an absolutely inwardly free being. If one seeks to do this at this age, one does not make the person free, but rather leaves them without a foundation for life—completely adrift, inwardly empty. Anyone who, between the ages of seven and fourteen, has not learned to have such trust in others that they model their behavior after them will lack, in their future life, the inner strength and willpower they must possess if they are to truly be a match for life.
[ 12 ] Aller Unterricht ist daher im Grunde genommen vorzugsweise darauf einzurichten, daß ihm zugrunde liegt dieses absolute Hinaufsehen zu dem Erzieher. Das darf nicht eingepaukt, darf nicht eingeprügelt werden; das muß in der Qualität des Erziehenden und Unterrichtenden selbst liegen, und da geht die Sache bis ins Innerlichste hinein. Diese Dinge spielen sich nicht in derselben Sphäre ab, in der sich dasjenige abspielt, was wir als Erzieher dem Kinde sagen, sondern das spielt sich zunächst vorzugsweise durch das ab, was wir als Erzieher neben dem Kinde sind. Die Art, wie wir sprechen, der Ton der Rede, ob die Rede von Liebe durchzogen ist oder von bloßer Pedanterie, ob die Rede durchzogen ist von sachlichen Interesse oder von bloß äußerem Pflichtgefühl, das ist etwas unter der Oberfläche der Dinge Vibrierendes, das im Wechselspiel von autoritärem Wirken und Autoritätsgefühl von der allergrößten Bedeutung ist. Dieses Verhältnis zwischen dem heranwachsenden Kinde und dem Erzieher oder Unterrichter ist ein viel innerlicheres, als man eigentlich denkt. Das Kind ist nun schon frei vom bloßen Nachahmen, aber es muß hineinwachsen in das innerlichste, triebartige Zusammenleben mit dem Erzieher und Unterrichter. Das ist auch bei den größten Schulklassen zu erreichen; da gilt nicht die Ausrede, daß es nicht zu erreichen wäre. Denn wer Lebensbeobachtung hat, der weiß, daß ein großer Unterschied ist zwischen zwei Lehrern, von denen der eine das Schulzimmer betritt, und der andere es betritt, ganz abgesehen davon, wie viele Kinder in diesem Schulzimmer sitzen. Derjenige, der am Abend, wie man es in deutschen Landen früher oftmals gehört hat, immer die Notwendigkeit gespürt hat, soviel Bier zu trinken, daß er die nötige Bettschwere hat - das ist eine Redensart, die man oft hören konnte -, der wird, nicht so sehr, weil er Bier getrunken hat, sondern weil er solche Neigungen hat, ganz anders die Schulzimmertür aufmachen und in das Zimmer hereintreten als der, welcher sich vielleicht die nötige Bettschwere am Abend vorher dadurch erworben hat, daß er, sagen wir, ein Ernsteres nachgedacht hat über diese oder jene Weltanschauungsfragen. Das ist nur ein Beispiel, das natürlich in hundertfacher Weise variiert werden könnte. Erst wenn man die Wohltat, die ein Mensch dadurch empfängt, daß er zwischen seinem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife Autoritätsglauben hat entwickeln können und dürfen, erst wenn man diese Wohltat voll zu würdigen weiß, hat man eigentlich das richtige Urteil über das, was im Unterrichten und Erziehen in diesem Lebensalter des Menschen geschehen kann.
[ 12 ] All instruction should therefore, in essence, be structured in such a way that it is based on this absolute reverence for the educator. This must not be crammed into the child’s head or beaten into them; it must lie in the very nature of the educator and teacher themselves, and this goes right to the innermost core. These things do not take place in the same sphere as what we, as educators, say to the child, but rather they take place primarily through what we, as educators, are in the child’s presence. The way we speak, the tone of our speech—whether it is imbued with love or mere pedantry, whether it is imbued with genuine interest or merely an external sense of duty—this is something that vibrates beneath the surface of things and is of the utmost importance in the interplay between authoritarian influence and a sense of authority. This relationship between the growing child and the educator or teacher is far more intimate than one might actually think. The child is now free from mere imitation, but must grow into the most intimate, instinctive coexistence with the educator and teacher. This can be achieved even in the largest school classes; the excuse that it cannot be achieved does not hold water. For anyone who observes life knows that there is a great difference between two teachers: one who enters the classroom and another who enters it—regardless of how many children are seated in that classroom. The one who, in the evening—as was often heard in Germany in the past—always felt the need to drink enough beer to feel sufficiently drowsy —that’s a saying one often heard—will, not so much because he drank beer but because he has such inclinations, open the classroom door and step into the room quite differently than the one who perhaps acquired the necessary “bed-heaviness” the evening before by, let’s say, reflecting more seriously on this or that question of worldview. This is just one example, which of course could be varied in a hundred different ways. Only when one fully appreciates the benefit a person receives from having been able—and allowed—to develop a belief in authority between the time of losing their baby teeth and reaching sexual maturity, only then does one truly have the right judgment regarding what can happen in teaching and upbringing at this stage of a person’s life.
[ 13 ] Man wird oftmals gefragt: Was soll man mit Kindern machen? Man sagt dann: Es ist in diesem oder jenem Lebensalter gut, den Kindern Märchen zu erzählen, sie Märchen nacherzählen zu lassen. Oder man sagt: In diesem Lebensalter soll man sich nicht so sehr in abstrakten Begriffen mit Kindern unterhalten, sondern mehr in Symbolen und Sinnbildern. Und ich habe darauf aufmerksam gemacht, daß man selbst die penibelsten Dinge mit Kindern besprechen kann, zum Beispiel die Unsterblichkeitsfrage. Man weist das Kind hin auf die Insektenpuppe, wie der Schmetterling ausfliegt, und weist darauf hin, daß geradeso, wie der Schmetterling aus der Puppe kommt, die Seele des Menschen durch die Pforte des Todes geht, aus dem physischen Leib in eine andere Daseinsgestalt. Ja, das ist gut, wenn man es dem Kinde sagt. Und doch erreicht man oftmals nicht irgendein erhebliches Ziel damit. Warum denn nicht? Weil man in vielen Fällen von dem Kinde verlangt, daß es daran glauben soll, und man selbst nicht daran glaubt, man selbst es für einen bloßen Vergleich hält. Das spielt aber im Unterbewußtsein eine erhebliche Rolle. Diese Dinge sind nicht bedeutungslos. Es liegt im Verhältnis von Mensch zu Mensch noch etwas anderes, als was sich im äußeren Begriff mitteilen läßt. Es liegt ein Verhältnis vom ganzen Menschen zum ganzen Menschen vor. Wenn Sie selbst nicht an ein solches Sinnbild glauben, dann gibt es keine Autorität für das Kind, dann sind Sie für das Kind kein Vorbild, wenn Sie sonst auch alles tun, um sich Ihre Autorität zu sichern. Sie werden freilich sagen: Ja, ich kann doch nicht daran glauben, daß der Übergang zum Tode, zum Post-mortem-Zustande, irgendwie real ausgedrückt wird durch das Ausschlüpfen des Schmetterlings aus der Puppe. - Nun, ich glaube daran, weil das tatsächlich wahr ist, weil tatsächlich die Dinge der Wirklichkeit reale Symbole sind, weil es in der Tat so ist, daß in der physischen Welt der Schmetterling aus der Puppe so hervorgeht ganz nach denselben Gesetzen, nach denen im Geistigen die unsterbliche Seele aus dem Leben durch die Pforte des Todes hervorgeht. Aber solche Gesetze kennt die gegenwärtige Menschheit nicht, sie hält sie für Wischiwaschi. Sie hat den Glauben, daß sie den Kindern etwas beibringen muß, was für die Alten überwunden ist. Aber dann können wir nicht erziehen, dann können wir nicht unterrichten.
[ 13 ] People often ask: What should you do with children? People then say: At this or that age, it’s good to tell children fairy tales and let them retell them. Or they say: At this age, one shouldn’t talk to children so much in abstract terms, but rather in symbols and allegories. And I have pointed out that one can discuss even the most intricate matters with children—for example, the question of immortality. You point out to the child the insect pupa, how the butterfly emerges from it, and explain that just as the butterfly emerges from the pupa, the human soul passes through the gate of death, leaving the physical body to enter another form of existence. Yes, it is good to tell a child this. And yet, one often fails to achieve any significant goal by doing so. Why is that? Because in many cases, one demands that the child believe it, while one does not believe it oneself—one regards it as a mere metaphor. But this plays a significant role in the subconscious. These things are not meaningless. There is something else in the relationship between one person and another beyond what can be conveyed in external terms. There is a relationship between the whole person and the whole person. If you yourself do not believe in such a symbol, then there is no authority for the child; then you are not a role model for the child, even if you otherwise do everything to secure your authority. Of course, you will say: “Yes, but I can’t possibly believe that the transition to death, to the postmortem state, is somehow realistically expressed by the butterfly emerging from the chrysalis.” - Well, I believe in it because it is actually true, because the things of reality are indeed real symbols, because it is in fact the case that in the physical world the butterfly emerges from the chrysalis according to the very same laws by which, in the spiritual realm, the immortal soul emerges from life through the gate of death. But present-day humanity does not know such laws; it considers them nonsense. It believes that it must teach children something that the older generation has already outgrown. But then we cannot educate; then we cannot teach.
[ 14 ] Wir erlangen Autoritätsgefühl nur dann, wenn wir das an die Kinder übermitteln, was wir selber voll glauben können, wenn wir es natürlich auch für die Kinder in ganz andere Formen kleiden müssen; aber darauf kommt es nicht an. Kein menschliches Verhältnis jedoch läßt sich herstellen, ohne daß bis ins Innerste hinein Aufrichtigkeit und nicht Lügenhaftigkeit herrsche. Und Wahrheit muß herrschen zwischen den Menschen in allen Verhältnissen. Durch dieses SichHinwenden zur Wahrheit werden wir auch allein das in die Welt bringen können, was jetzt in der Welt fehlt. Und weil es fehlt, deshalb ist das Unglück gekommen. Sehen Sie nicht überall in der Welt die Unwahrhaftigkeit wirken, ja sogar den Hang, die Sehnsucht zur Unwahrhaftigkeit wirken? Wird denn in der Weltpolitik noch Wahrheit gesprochen? Nein, unter den gegenwärtigen Verhältnissen gar nicht! Aber wir müssen von dem untersten Menschenwesen an anfangen, wieder die Wahrheit zu züchten. Deshalb müssen wir hineinleuchten in die Geheimnisse des werdenden Menschen und fragen: Was verlangt der werdende Mensch gegenüber dem Erziehenden und Unterrichtenden von uns?
[ 14 ] We can only gain a sense of authority if we convey to children what we ourselves can fully believe in—even if, of course, we must present it to them in entirely different forms; but that is not the point. No human relationship, however, can be established without sincerity—and not deceit—reigning deep within. And truth must prevail among people in all relationships. Only through this turning toward truth will we be able to bring into the world what is now lacking in it. And because it is lacking, that is why misfortune has come. Do you not see untruth at work everywhere in the world—indeed, even the tendency, the longing for untruth? Is the truth still spoken in world politics? No, not at all under the present circumstances! But we must begin with the humblest human being to cultivate the truth once more. That is why we must shed light on the mysteries of the developing human being and ask: What does the developing human being demand of us as educators and teachers?
[ 15 ] Wer in dem Lebensalter vom siebten bis vierzehnten, fünfzehnten Jahre nicht diese Möglichkeit entwickelt hat, zu einem anderen Menschen als zu seiner Autorität hinzuschauen, der ist für das nächste Lebensalter, das mit der Geschlechtsreife beginnt, vor allen Dingen nicht fähig, das Allerwichtigste zu entwickeln, was es für das Menschenleben gibt: das Gefühl der sozialen Liebe. Denn mit der Geschlechtsreife erwächst im Menschen nicht nur die geschlechtliche Liebe, sondern auch das, was überhaupt freie soziale Hingabe der einen Seele an die andere ist. Diese freie Hingabe der einen Seele an die andere muß sich aus etwas entwickeln; die muß sich zuerst aus der Hingabe durch das Autoritätsgefühl hindurchwinden. Das ist der Puppenzustand für alle soziale Liebe im Leben, daß wir erst durch das Autoritätsgefühl hindurchgehen. Liebeleere Menschen, antisoziale Menschen entstehen, wenn das Autoritätsgefühl zwischen dem siebten und vierzehnten, fünfzehnten Jahre nicht im Unterrichten und Erziehen lebt.
[ 15 ] Anyone who, between the ages of seven and fourteen or fifteen, has not developed this ability to look to another person—rather than to an authority figure—will, in the next stage of life, which begins with sexual maturity, be incapable above all of developing the most important thing there is in human life: the feeling of social love. For with sexual maturity, not only does sexual love arise in a person, but also what is, in essence, the free social devotion of one soul to another. This free devotion of one soul to another must develop from something; it must first make its way through devotion mediated by the sense of authority. This is the embryonic stage for all social love in life: that we must first pass through the sense of authority. People who are loveless and antisocial arise when the sense of authority is not fostered through teaching and upbringing between the ages of seven and fourteen or fifteen.
[ 16 ] Das sind für die heutige Zeit Dinge von eminentester, von größter Wichtigkeit. Die Geschlechtsliebe ist nur gewissermaßen ein Spezifikum, ein Ausschnitt aus der allgemeinen Menschenliebe; sie ist das, was als das Individuelle, Besondere hervorttitt und was mehr im physischen Leibe und ätherischen Leibe haftet, während allgemeine Menschenliebe mehr im astralischen Leibe und Ich haftet. Aber es erwacht auch die Fähigkeit zu sozialer Liebe, ohne die es keine sozialen Einrichtungen in der Welt gibt. Die erwacht erst auf der Grundlage des gesunden Autoritätswesens zwischen dem Zahnwechsel und der Geschlechtsreife, das heißt gerade während der Schulzeit des Menschen. Mögen die Menschen noch soviel reden von Einheitsschule — es ist ja ganz berechtigt, selbstverständlich —, mögen sie heute noch soviel davon reden, man solle Individualität entwickeln, und wie die Abstraktionen alle heißen, mit denen man sich heute ganz besonders pädagogische Popanze vormacht: worauf es ankommt ist, daß wir wieder die Möglichkeit gewinnen, ins Innere der Menschennatur hineinzuschauen, und vor allen Dingen ein Gefühl dafür erhalten, daß der Mensch überhaupt lebt. Heute hat man ja gar kein Gefühl dafür, daß der Mensch ein Lebewesen ist, das sich in der Zeit entwickelt. Heute hat man nur ein Gefühl dafür, daß der Mensch etwas Zeitloses ist; denn man redet heute überhaupt nur vom Menschen, ohne zu berücksichtigen, daß er ein Werdewesen ist, daß mit jedem Lebensalter etwas Neues in seine ganze Entwickelung hineinzieht.
[ 16 ] These are matters of the utmost, of the greatest importance in today’s world. Romantic love is, in a sense, a specific aspect, a fragment of universal human love; it is what stands out as the individual, the particular, and what is more closely connected to the physical and etheric bodies, whereas universal human love is more closely connected to the astral body and the I. But the capacity for social love also awakens—without which there would be no social institutions in the world. This capacity first awakens on the basis of a healthy sense of authority between the change of teeth and sexual maturity—that is, precisely during a person’s school years. No matter how much people may talk about a unified school system—which is, of course, entirely justified—no matter how much they may still talk today about that one should develop individuality, and whatever all the abstractions are called with which people today delude themselves with pedagogical pretensions—what matters is that we regain the ability to look into the innermost nature of the human being, and above all, develop a sense that the human being is, in fact, alive. Today, people have absolutely no sense that the human being is a living being that develops over time. Today, people have only a sense that human beings are something timeless; for today people speak of human beings without taking into account at all that they are beings in the process of becoming, that with every stage of life something new is drawn into their entire development.
[ 17 ] Wenn man diejenigen Dinge, die in dem Programm des dreigliedetigen sozialen Organismus liegen, den Menschen heute voll sagen würde, so würden sie manches noch in den weitesten Kreisen wie eine Art Wahnsinn ansehen. Denn sehen Sie, Selbstverwaltung wird zum Beispiel für das Unterrichtswesen verlangt, Abgliederung vom staatlichen und wirtschaftlichen Leben mit Bezug auf das eigentlich Geistige des Unterrichtswesens. Dadurch wird es erst im emanzipierten Geistesleben möglich sein, den Menschen wieder zu seinem Recht kommen zu lassen. Denn heute weiß kein Mensch damit zu rechnen, daß die inneren Entwickelungsimpulse in den ersten Lebensjahren bis zum Zahnwechsel andere sind als in der dann folgenden Zeit bis zur Geschlechtsreife, und wieder andere nach der Geschlechtsreife; und niemand weiß auch heute, daß der Mensch, wenn es mit dem Leben abwärts geht, wenn er in der zweiten Lebenshälfte steht, wiederum Entwickelungszustände durchmacht. Wer denkt denn heute daran, daß der Mensch reifer wird im Leben, und daß der, welcher zum Beispiel in den höheren Vierziger- oder Fünfzigerjahren ist, durch seine Lebenserfahrung mehr zu sagen hat als der, welcher erst zwanzigjährig ist? Der Lebensverlauf ist ja etwas Reales. Er ist es allerdings heute für viele Menschen nicht, weil sie so erzogen und geschult werden, daß sie nicht mehr fähig sind, in der zweiten Lebenshälfte noch wirklich Erfahrungen zu machen. Die Menschen werden heute gleichsam nicht älter als achtundzwanzig Jahre, dann vegetieren sie nur noch fort mit den Erfahrungen bis zum achtundzwanzigsten Jahre. Aber das muß nicht so sein! Der Mensch kann durch sein ganzes Leben hindurch ein Lernender, ein vom Leben Lernender sein. Dann muß er aber dazu erzogen sein; dann müssen während der Schulzeit in ihm die Kräfte entwickelt werden, die nur in dieser Zeit stark werden können, so daß sie vom späteren Leben nicht wieder gebrochen werden. Heute gehen die Menschen so herum, daß sie alle irgendwie einen Knick vom Leben bekommen. Warum bekommen sie den? Weil sie in der Zeit vom siebenten bis zum vierzehnten Jahre nicht stark genug gemacht worden sind, um dem Leben standzuhalten. Diese Zusammenhänge müssen durchaus beachtet werden, und andere Zusammenhänge dürfen nicht vergessen werden. Wenn wir recht alt werden, dann entwickeln wir in uns Eigenschaften, die mit unserm allerfrühesten Kindesalter zusammenhängen. Was wir da nachgeahmt haben, das entwickelt sich auf einer höheren Stufe gerade im spätesten Lebensalter. Und was wir in der Zeit vom Zahnwechsel bis zur Geschlechtsreife durchgemacht haben, tritt etwas früher auf, schon in den Vierzigerjahren. Und so entwickelt sich gerade das, was der Mensch in der allerfrühesten Kindheit durchmacht, in einem allerspätesten Lebensalter. Das menschliche Leben ist in seinem Werden eine reale Tatsache. Und wir werden nicht früher eine wirkliche Sozialisierung bekommen, bevor wir nicht den Menschen menschlich nehmen. Wenn wir vom Menschen nichts anderes wissen, als daß er mit einundzwanzig Jahren mündig wird und dann fähig ist, in alle möglichen Körperschaften aufgenommen zu werden und über alles zu reden, dann werden wir niemals einen Sozialismus begründen; dann werden wir nur zum Nivellement eines Menschheitsabstraktums kommen. Deshalb muß auf den eigentlichen demokratischen Staat, wo jeder mündige Mensch jedem mündigen Menschen gegenübersteht, alles das beschränkt werden, was den Menschen angeht nach der Gleichheit aller Menschen, das heißt, was aus den bloßen Rechtsbegriffen herkommt. Gerade aus diesem Grunde, um die Wirklichkeit nicht abzutöten, müssen die Möglichkeiten wieder eintreten, daß dasjenige, was an das Werden des Menschen gebunden ist, der freien Entwickelung übergeben wird: Geistesleben und Wirtschaftsleben. Es wird sich das schon herausbilden, daß wir auch im Geistesleben und im Wirtschaftsleben wieder Ältesten-Kollegien haben werden, weil man denen, welche alt geworden sind, doch mehr Verwaltungskunst zutrauen wird als denen, die noch jung sind. Nicht das wird der Weg sein müssen, daß man, wie es jetzt ist, die Schulaufsicht vom Staate besorgen läßt, sondern der Weg wird der sein müssen, daß das geistige Leben auf Selbstverwaltung beruht. Man hat ja oft das Gefühl dafür, daß ein Mensch, wenn er alt geworden ist, jetzt zu dem einen oder andren nicht mehr taugt, wofür er früher getaugt hat. In Österreich besteht zum Beispiel ein Gesetz, wonach die Universitätslehrer nur bis zum siebzigsten Jahre vortragen dürfen, dann wird ihnen höchstens noch ein Gnadenjahr bewilligt; dann aber dürfen sie nicht mehr vortragen. Ich glaube, dieses Gesetz ist immer noch vorhanden. Ich kann ja sogar behaupten, daß es gut wäre, wenn man diese Altersgrenze noch weiter heruntersetzte. Dann aber müßte der Mensch, wenn er Universitätslehrer ist, erst eintreten in das Obhut- und Versorgeamt, in das Verwaltungsamt des Unterrichtes. Es müßte wieder das innige Band, von dem die Menschen heute schwefeln oder auch schwafeln - ich glaube, so sagt man -, dieses innige Band zwischen Geist und Natur müßte wieder im Ernst gesucht werden. Man müßte nicht Einrichtungen treffen, die mit Ausschluß jeder Berücksichtigung des natürlichen Werdens getroffen werden, zum Beispiel mit Ausschluß des Umstandes, daß der Mensch nicht ein absolutes Wesen ist, das mit fünfunddreißig Jahren geboren wird, so alt bleibt und nicht älter wird als fünfunddreißig Jahre, sondern es müßte auf das Werden des Menschen alles gebaut werden.
[ 17 ] If people today were told in full about the ideas contained in the program for the threefold social organism, many would still regard them, even in the broadest circles, as a kind of madness. For you see, self-governance is called for, for example, in the educational system—a separation from state and economic life with regard to the truly spiritual aspect of education. Only through this will it be possible, within an emancipated spiritual life, to restore people to their rightful place. For today, no one takes into account that the inner developmental impulses in the first years of life, up to the change of teeth, are different from those in the period that follows, up to sexual maturity, and yet different again after sexual maturity; nor does anyone realize today that when a person’s life begins to decline—when they are in the second half of life—they once again go through various stages of development. Who thinks today that a person matures over the course of life, and that someone who is, for example, in their late forties or fifties has more to say, based on their life experience, than someone who is only twenty years old? The course of life is, after all, a reality. Yet for many people today it is not, because they are raised and educated in such a way that they are no longer capable of truly gaining new experiences in the second half of life. People today, as it were, do not grow older than twenty-eight; after that, they merely vegetate, living on the experiences they gained up to the age of twenty-eight. But it does not have to be that way! A person can be a learner—someone who learns from life—throughout their entire life. But to do so, they must be raised accordingly; during their school years, the inner strengths that can only become robust during this time must be developed within them, so that they are not broken again later in life. Today, people go through life in such a way that they all, in one way or another, suffer a setback from life. Why do they suffer this setback? Because they were not made strong enough between the ages of seven and fourteen to withstand life’s challenges. These connections must certainly be taken into account, and other connections must not be forgotten. As we grow quite old, we develop within ourselves qualities that are connected to our very earliest childhood. What we imitated back then develops on a higher level precisely in our later years. And what we went through during the period from the change of teeth to sexual maturity occurs somewhat earlier, as early as our forties. And so it is precisely what a person experiences in the very earliest childhood that develops in the very latest stage of life. Human life, in its development, is a real fact. And we will not achieve true socialization until we treat human beings as human beings. If all we know about human beings is that they come of age at twenty-one and are then capable of being admitted into all kinds of organizations and discussing everything, then we will never establish socialism; then we will only end up with the leveling of an abstract concept of humanity. Therefore, the actual democratic state—where every person of legal age stands face to face with every other person of legal age—must be limited to everything that concerns human beings in terms of the equality of all people, that is, to what derives from mere legal concepts. Precisely for this reason—so as not to stifle reality—the possibilities must be restored for that which is bound up with human development to be left to free development: intellectual life and economic life. It will become evident that we will once again have councils of elders in spiritual and economic life, because those who have grown old will be trusted with greater administrative skill than those who are still young. The path forward must not be, as it is now, for the state to oversee schools, but rather for spiritual life to be based on self-administration. One often has the feeling that when a person has grown old, they are no longer suited for certain tasks for which they were once suited. In Austria, for example, there is a law under which university professors may lecture only until the age of seventy; after that, they are granted at most one additional year of grace, but then they are no longer permitted to lecture. I believe this law is still in effect. I would even go so far as to say that it would be good to lower this age limit even further. But then, if a person is a university professor, they would first have to enter the office of care and provision, the administrative office of education. That intimate bond—which people today either rant about or ramble on about—I believe that’s how one says it—that intimate bond between spirit and nature would have to be sought in earnest once again. We should not establish institutions that are created without any consideration for natural development—for example, without taking into account the fact that a human being is not an absolute being who is born at the age of thirty-five, remains that age, and never grows older than thirty-five—but rather, everything must be built upon the human being’s process of becoming.
[ 18 ] Setzen wir den Fall: wir machen heute eine uns ganz gefällige sozialistische Einrichtung, so daß wir voll zufrieden sind nach der Auffassung, die wir heute von dem haben, was zwischen Mensch und Mensch in sozialer Beziehung sich abspielt. Und setzen wir voraus — was ja auch geschehen würde, wenn man nicht zu gleicher Zeit die Sozialisierung im geistigen Sinne auffassen würde -: ganz aus der heutigen Weltauffassung heraus würde sozialisiert. Dann würde etwas eintreten müssen, was bisher auch noch nicht in der Menschheitsentwickelung eingetreten ist: die nachwachsende Generation würde eine Generation von lauter Rebellen sein. Es würden die schlimmsten Revolutionäre sein, und sie müßten es sein aus dem einfachen Grunde, weil sie alle etwas Neues in die Welt bringen wollten, und wir alle hier nur das Alte konserviert hätten. Das zeigt, wie sehr man das Werden des Menschen berücksichtigen muß, wie man nicht bloß damit zu rechnen hat, daß der Mensch Mensch ist, sondern wie man daran zu denken hat, daß der Mensch ein Wesen ist, das als ein kleines Kind geboren wird, und das mit weißen Haaren, oder auch ohne Haare, stirbt. In diese Dinge schaut eben die heutige Naturwissenschaft noch nicht hinein, und von der heutigen Naturwissenschaft lernen wir für alle anderen Zweige des Lebens.
[ 18 ] Let us suppose the following scenario: we establish a socialist institution today that is entirely to our liking, such that we are fully satisfied with it according to our current understanding of what takes place between people in social relationships. And let us assume—which would indeed happen if one did not at the same time conceive of socialization in the spiritual sense—that socialization would take place entirely on the basis of today’s worldview. Then something would have to occur that has not yet occurred in the course of human development: the next generation would be a generation of nothing but rebels. They would be the worst kind of revolutionaries, and they would have to be so for the simple reason that they would all want to bring something new into the world, while all of us here would have merely preserved the old. This shows how much one must take into account the process of human development—how one must not merely assume that a human being is simply a human being, but must remember that a human being is a creature born as a small child and who dies with white hair, or even without any hair at all. Modern science does not yet look into these matters, and it is from modern science that we learn for all other branches of life.
[ 19 ] Ein ganz gutes, ja geniales, großartiges Nachbild der naturwissenschaftlichen Denkweise mit Bezug auf die sozialen Begriffe ist der Marxismus; er ist ganz Sozialwissenschaft gewordene Naturwissenschaft, deshalb auch im Grunde genommen absolut unfruchtbar. Denn der Marxismus lehrt, daß alles von selber kommen wird. Die Leute ärgern sich besonders, wie da so viel geschrieben wird über Neubildung im Sinne des dreigliedrigen sozialen Organismus. Sie sagen, daß sie mit meiner Kritik der gegenwärtigen kapitalistischen Ordnung ganz einverstanden seien, daß die Dreigliederung selbst ihren vollen Beifall finde; aber, so sagen sie weiter, sie müßten das in jeder Art scharf bekämpfen. Das sind die Früchte der gegenwärtigen Geistesverfassung: die Leute sind eigentlich mit etwas ganz einverstanden, aber sie müssen es scharf bekämpfen. Das rührt davon her, daß wir auf alle Zweige des Lebens die naturwissenschaftliche Denkweise anwenden. Diese naturwissenschaftliche Denkweise ist deshalb so groß geworden, weil sie sich in ihrer Art auf die Erfassung des Toten beschränkt hat. Die Leute glauben nämlich nur, daß es ein Ideal ist, das man auch einmal verwirklicht sehen wird, im Laboratorium durch allerlei Zusammenfassung ein Lebendiges zustandezubringen. Aber das wird nie geschehen durch die naturwissenschaftlichen Wege von heute, weil der naturwissenschaftliche Weg von heute nur auf tote Begriffe führt und nur groß gerade für das Begreifen des Toten ist. Aber mit diesem Begreifen des Toten kann man niemals Begriffe gewinnen für das Lebendige. Diese Möglichkeit müssen wir erreichen: Begriffe, Vorstellungen, Empfindungen, Willensimpulse zu finden für das Lebendige; und insbesondere auf dem Gebiet der Pädagogik ist das notwendig.
[ 19 ] Marxism is a very good—indeed, ingenious, magnificent—reflection of the scientific way of thinking as applied to social concepts; it is natural science that has become entirely social science, and is therefore, in essence, absolutely unproductive. For Marxism teaches that everything will come about on its own. People are particularly annoyed by how much is written about “new formation” in the sense of the threefold social organism. They say that they fully agree with my critique of the current capitalist order, that the threefold social order itself has their full approval; but, they go on to say, they must fight it fiercely in every way. These are the fruits of the current state of mind: people actually agree with something entirely, but they feel compelled to fight it fiercely. This stems from the fact that we apply the scientific way of thinking to all branches of life. This scientific way of thinking has become so dominant precisely because, in its nature, it has limited itself to the study of the inanimate. People believe, in fact, that it is an ideal—one that will one day be realized—to bring about a living being in the laboratory through all manner of synthesis. But this will never happen through today’s scientific methods, because today’s scientific approach leads only to dead concepts and is only truly suited to understanding the dead. But through this understanding of the dead, one can never gain concepts for the living. We must achieve this possibility: to find concepts, ideas, sensations, and impulses of will for the living; and this is particularly necessary in the field of education.
[ 20 ] Es gibt - ich habe es an anderen Orten schon öfter ausgeführt heute einen sehr geistreichen Philosophen, der die Aufgabe seiner Wissenschaft in etwas sehr Merkwürdigem gesehen hat. Dieser Philosoph hat vor allen Dingen vor vielen Jahren schon ein dickes Buch geschrieben: «Das Ganze der Philosophie und ihr Ende». Darin hat er nachgewiesen, daß es so etwas wie eine Philosophie gar nicht geben kann. Deshalb ist er Professor der Philosophie an einer Universität geworden. Dann hat er ein sehr geistvolles Buch geschrieben über die Mechanik des Geisteslebens, ein sehr geistvolles Buch. Das ist ein Mensch, Richard Wahle heißt er, welcher in scharfsinnigster Weise die naturwissenschaftliche Denkweise aufgenommen und verwirklicht hat, der im Grunde genommen nirgends in seiner Denkweise auf Geistiges stößt. Da sagt er nur, er will das Geistige nicht leugnen, weil er selbst so weit über den Geist nicht sprechen will, daß er ihn nicht leugnet; aber er sieht nur die bekannten Urfaktoren. Er konstruiert die Welt ganz nach naturwissenschaftlicher Denkweise. Er ist sehr gescheit, er ist geistvoll. Deshalb ist er auch darauf gekommen - das ist etwas Bedeutungsvolles in diesem Buche «Über den Mechanismus des geistigen Lebens» -, was eigentlich das naturwissenschaftliche Weltbild für den heutigen Menschen ist. Er fragt sich: Was habe ich denn, wenn ich mir das Weltbild mache, das sich der heutige Naturwissenschafter gestalten kann? Und er kommt zu der Antwort: Dann habe ich in meinem Kopfe lauter Gespenster, ich bekomme keine Wirklichkeit, ich habe nur Vorstellungen einer gespenstigen Natur. — Das ist merkwürdigerweise richtig: die Naturwissenschaft gibt lauter Gespenster. Redet sie vom Atom, so ist das eigentlich ein Atom-Gespenst; redet sie vom Molekül, so ist das ein Molekül-Gespenst; redet sie von Naturgesetzen und Naturkräften, so sind diese alle gespensterartig. Alles ist Gespenst, selbst das Kausalgesetz. Denn das Kausalgesetz, wie es heute aufgefaßt wird, lebt von der großen Täuschung, als ob immer das Folgende aus einem Vorhergehenden hervorgehen würde, was aber gar nicht der Fall ist. Denken Sie sich ein erstes, ein zweites, ein drittes Ereignis, so brauchen diese nicht auseinander hervorzugehen, es braucht nicht das zweite aus dem ersten, das dritte aus dem zweiten hervorzugehen, sondern es können die aufeinanderfolgenden Ereignisse wie Wellen sein, die aus einem ganz anderen Wirklichkeitselement heraufschlagen, und zu jedem folgenden Ereignis müßten Sie die tieferen Ursachen ganz woanders suchen als in dem bloß Vorhergehenden. Das alles habe ich auch seit Jahrzehnten philosophisch bewiesen. Sie brauchen nur meine Schrift «Wahrheit und Wissenschaft » und meine «Philosophie der Freiheit» wirklich zu studieren, dann werden Sie sehen, daß man das alles philosophisch, streng wissenschaftlich beweisen kann. Das hat dann Wahle zusammengefaßt zu dem Urteil: Die naturwissenschaftliche Weltanschauung lebt überhaupt im Vorstellen von einem gespenstigen Weltbild. Und das ist wahr. Die heutige Menschheit hat nicht eine Vorstellung von der Wirklichkeit, sondern sie hat nur eine Vorstellung von Gespenstern, so sehr die Menschheit heute nicht den Aberglauben an die Gespenster pflegen will. Diese Gespensterpflege hat sich nämlich in die naturwissenschaftliche Weltanschauung geflüchtet und nasführt die Menschen, weil sie glauben, sie ständen in der vollen Wirklichkeit drinnen. Das ist die Rache des Weltengeistes. Aber mit der menschlichen Natur ist es so, daß niemals das eine ohne das andere kommt.
[ 20 ] There is—as I have already explained several times elsewhere today—a very witty philosopher who saw the purpose of his discipline in something quite peculiar. Above all, this philosopher wrote a thick book many years ago: *The Whole of Philosophy and Its End*. In it, he demonstrated that there can be no such thing as philosophy. That is why he became a professor of philosophy at a university. Then he wrote a very witty book on the mechanics of mental life—a very witty book. This is a man named Richard Wahle, who has adopted and put into practice the scientific way of thinking in the most astute manner, and who, fundamentally, never encounters anything spiritual in his way of thinking. He merely says that he does not wish to deny the spiritual, simply because he himself does not wish to speak of the spirit to such an extent that he would deny it; but he sees only the well-known primary factors. He constructs the world entirely according to the scientific way of thinking. He is very intelligent; he is witty. That is why he has also come to realize—and this is a significant point in the book *On the Mechanism of Spiritual Life*—what the scientific worldview actually means for people today. He asks himself: What do I have, then, if I adopt the worldview that today’s scientists can construct for themselves? And he arrives at the answer: Then I have nothing but ghosts in my head; I gain no reality; I have only notions of a ghostly nature. — Strangely enough, this is true: natural science produces nothing but ghosts. When it speaks of the atom, it is actually an atomic ghost; when it speaks of the molecule, it is a molecular ghost; when it speaks of natural laws and natural forces, these are all ghost-like. Everything is a ghost, even the law of causality. For the law of causality, as it is understood today, thrives on the great delusion that the subsequent always arises from the preceding—which is not the case at all. Imagine a first, a second, and a third event: these need not arise from one another; the second need not arise from the first, nor the third from the second. Rather, the successive events can be like waves surging up from an entirely different element of reality, and for each subsequent event, you would have to seek the deeper causes somewhere entirely other than in what merely preceded it. I have also proven all of this philosophically over the course of decades. You need only truly study my work *Truth and Science* and my *Philosophy of Freedom*, and then you will see that all of this can be proven philosophically and strictly scientifically. Wahle then summarized this with the following judgment: The natural-scientific worldview is fundamentally rooted in the conception of a ghostly worldview. And that is true. Humanity today does not have a conception of reality, but only a conception of ghosts, no matter how much humanity today may wish to avoid cultivating a superstition in ghosts. This cultivation of ghosts has, in fact, taken refuge in the scientific worldview and misleads people because they believe they are standing within full reality. This is the revenge of the World Spirit. But the nature of humanity is such that one thing never comes without the other.
[ 21 ] Was wir als Naturbild, als gespenstiges Naturbild heute bilden, das ist ein Intellektuelles. Aber niemals bekommt eine Seeleneigenschaft eines Menschen einen gewissen Charakter, ohne daß die anderen Seeleneigenschaften auch in entsprechender Weise sich ändern. Während wir naturwissenschaftlich ein Gespensterbild von der Natur entwerfen, ändert sich auch unser innerer Willenscharakter, und dadurch wird — etwas was die heutigen Menschen nicht sehen, weil es zu fein ist für die heutige grobe Beobachtung, was aber trotzdem vorhanden ist —, dadurch, daß unser äußerliches Anschauen gespensterhaft ist, wird unser Wille alpdruckhaft, indem jenes feinere Seelische aus ähnlichen seelischen Untergründen hervorgeht wie die unartikulierte Bewegungsform, ja sogar Sprechform, die unter dem Alpdruck sich ereignet. Und ein solcher Alpdruck der Menschheit begleitet alles Soziale, begleitet die Erziehung, als unser gespensterhaftes Naturbild. Unser soziales Leben ist heute noch ein Alpdruck, weil unser Naturanschauungsbild ein Gespenst ist. Eines folgt aus dem anderen. Das Konvulsivische der Unruhe, die in die heutige Menschheit hineingekommen ist fast über den ganzen Erdball hin, das ist eine Folge dieses inneren Lebens, dieses gespensterhaften Vorstellens über die Natur und des dadurch bewirkten seelischen Alpdrückens der Willenswelt, der Emotionswelt.
[ 21 ] What we form today as an image of nature—as a phantom image of nature—is an intellectual construct. But a person’s soul quality never takes on a certain character without the other soul qualities also changing in a corresponding way. As we construct a ghostly image of nature through the natural sciences, our inner character of will also changes, and as a result—something that people today do not see because it is too subtle for today’s coarse observation, but which nevertheless exists— because our external view is ghostly, our will becomes nightmarish, in that this finer aspect of the soul emerges from similar psychological depths as the inarticulate form of movement—and even the form of speech—that occurs under the influence of a nightmare. And such a nightmare afflicting humanity accompanies all social life, accompanies education, as our ghostly image of nature. Our social life today is still a nightmare because our view of nature is a phantom. One thing follows from the other. The convulsive nature of the restlessness that has taken hold of humanity today—across nearly the entire globe—is a consequence of this inner life, this ghostly conception of nature, and the resulting psychological nightmare-like pressure on the world of the will and the world of emotions.
[ 22 ] Das ist es, was dazu führen wird, daß jenes Erbgut, das sich im Orient noch aus alter Geistigkeit heraus erhalten hat, sich wenden muß gegen den Okzident, der vorzugsweise diejenigen Eigenschaften ausgebildet hat, von denen ich heute gesprochen habe. Je weiter man gegen den Westen kommt, um so mehr lebt der Mensch unter dem unnatürlichen Einfluß eines gespenstigen Naturbildes auf der einen Seite und unter dem konvulsivischen, alpdruckartigen antisozialen Wesen auf der anderen Seite. Dagegen wird sich aufbäumen der Orient mit seiner alten Geistigkeit, und das wird dem Geisterkrieg, der dem physischen Kriege folgen wird, den Charakter geben. Und unter dieser Unruhe muß die kommende Generation leben. Unter dieser Unruhe aber muß auch das, was man soziale Gestaltung nennt, sich herausbilden. Daher gibt es kein anderes Mittel dagegen, als die Fähigkeiten, die in der Menschenseele liegen, durch das soziale Leben am stärksten sich entwickeln zu lassen. Das kann man aber nur, wenn man den sozialen Organismus gliedert. Denn nur dadurch, daß man jedes Glied, das wirtschaftliche, das rechtliche, das geistige, in seiner eigenen Art sich entwickeln läßt, können sie in der Zukunft die höhere Einheit erhalten. Der schlimmste Fehler wäre, zu glauben, daß eine Zweiteilung zu irgend etwas führen würde. Es reden heute manche Leute davon, daß man ein wirtschaftliches Leben und ein politisches Leben für sich entwickeln solle. Das würde zu nichts anderem führen, als daß diese zwei, der wirtschaftliche und der politische Staat, sich gegenseitig sabotieren würden; denn es müßte in beiden drinnen liegen das unruhige Element des Geistes, das nur abgesondett, als drittes Glied, selbständig sich entwickeln kann. Die geistige Kraft des Wirtschaftslebens würde sabotieren die geistige Kraft des Staatslebens, und die geistige Kraft des Staatslebens würde sabotieren die geistige Kraft des Wirtschaftslebens. Daher kommt es darauf an, daß man wirklich den Blick auf diese Dreigliederung wendet und nicht glaubt, man könne eine Abschlagszahlung in Gestalt der Zweiteilung machen. Es kommt auf die Dreigliederung des sozialen Organismus an. Das Einzelnste des Lebens wird sich für die nächste Zeit zusammenschließen mit dem Größten des Lebens. Heute schon kann jeder, wenn er nur will, auf folgende Erscheinungen stoßen.
[ 22 ] This is what will lead to the cultural heritage—which has been preserved in the East as a result of its ancient spirituality—turning against the West, which has primarily developed the very qualities I have spoken of today. The further one travels toward the West, the more people live under the unnatural influence of a ghostly image of nature on the one hand, and under a convulsive, nightmare-like antisocial nature on the other. The East, with its ancient spirituality, will rise up against this, and that will define the character of the spiritual war that will follow the physical war. And the coming generation must live amid this turmoil. Yet it is also amid this turmoil that what is called social organization must take shape. Therefore, there is no other remedy than to allow the capacities inherent in the human soul to develop to their fullest through social life. But this is possible only if the social organism is structured into distinct parts. For only by allowing each part—the economic, the legal, and the spiritual—to develop in its own way can they attain a higher unity in the future. The worst mistake would be to believe that a dichotomy would lead to anything. Some people today talk about developing economic life and political life separately. That would lead to nothing other than these two—the economic and the political spheres—sabotaging one another; for within both would lie the restless element of the spirit, which can develop independently only when set apart as a third component. The spiritual force of economic life would undermine the spiritual force of state life, and the spiritual force of state life would undermine the spiritual force of economic life. That is why it is essential to truly focus on this threefold division and not believe that one can make do with a compromise in the form of a dichotomy. What matters is the threefold structure of the social organism. In the near future, the most individual aspects of life will unite with the greatest aspects of life. Even today, anyone who wishes to can encounter the following phenomena.
[ 23 ] In anglo-amerikanischen Gegenden — ich habe das schon früher erwähnt — hat man von diesem Weltenbrand, von diesem Weltkrieg schon in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts gesprochen, weil man, wenn auch in westlich-egoistischer Weise, aber doch großzügig war und mit den treibenden Kräften der Geschichte rechnete. Weiter zurück ist es von mir noch nicht verfolgt worden, aber es genügt ja, wenn man weiß, daß schon in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts in entsprechender Weise in England von einem Weltkrieg gesprochen worden ist, und zwar nicht nur, daß er kommen werde, sondern daß er - ich führe die Dinge, die gesprochen worden sind, wörtlich an - führen werde zu sozialistischen Experimenten in Mittel- und Osteuropa, die man sich in Westeuropa nicht wird gefallen lassen, weil man dazu nicht den Boden hergeben will. Das alles sind Tatsachen. Da spreche ich nicht von Schuld oder von Verfehlung, und man muß auch bei den Tatsachen stehenbleiben. Alles, was bis heute gekommen ist, hat sich ja aus recht bedeutsamen Untergründen heraus entwickelt. Der Anfang des sozialistischen Experimentes in Rußland ist ja da. Er ist heute gescheitert, wie Sie wissen, kann als gescheitert betrachtet werden. Seine Verteidiger sind ja immer, wie die Leute überhaupt sind, päpstlicher als der Papst, sind immer leninischer als Lezin; denn Lenin weiß heute bereits ganz gut, daß er nicht weiterkommt mit dem, was er eingebrockt hat. Und warum kommt er nicht weiter? Weil er versäumt hat, ein Geistesleben frei auf sich selbst zu stellen. Will man mit dem sozialen Leben so weit gehen, wie Lenin gegangen ist, so braucht man daneben ein freies Geistesleben, sonst verknöchert man für das übrige soziale Leben bürokratisch in die Unmöglichkeit hinein. Heute ist bereits durch das russische Experiment bewiesen, daß das Geistesleben frei sein muß. Aber verstehen muß man eine solche Tatsache. Und wenn man in Mitteleuropa die Notwendigkeit der Emanzipation des Geisteslebens, insbesondere des Schul- und Unterrichtswesens, nicht wird verstehen wollen, dann wird ein sehr schlimmer Geisteskrieg kommen zwischen Orient und Okzident.
[ 23 ] In Anglo-American circles—as I have mentioned before—people were already speaking of this global conflagration, of this world war, as early as the 1880s, because, even if in a Western, self-centered way, they were nonetheless far-sighted and took the driving forces of history into account. I have not traced it any further back, but it is enough to know that as early as the 1880s, people in England were speaking in similar terms about a world war—not only that it would come, but that it—I am quoting the words that were spoken verbatim— —would lead to socialist experiments in Central and Eastern Europe, which Western Europe would not tolerate because it did not want to provide the groundwork for them. These are all facts. I am not speaking here of guilt or fault, and one must stick to the facts. Everything that has come to pass to this day has, after all, developed out of quite significant underlying currents. The beginning of the socialist experiment in Russia is, after all, a reality. It has failed today, as you know; it can be regarded as a failure. Its defenders are, as people generally are, always more papal than the Pope—always more Leninist than Lenin himself; for Lenin already knows quite well today that he cannot make any further progress with what he has brought upon himself. And why can’t he make any headway? Because he failed to establish a free intellectual life in its own right. If one wishes to take social life as far as Lenin has taken it, one needs a free intellectual life alongside it; otherwise, the rest of social life becomes bureaucratically ossified into impossibility. Today, the Russian experiment has already proven that intellectual life must be free. But one must understand this fact. And if Central Europe refuses to understand the necessity of emancipating intellectual life—especially the school and educational systems—then a very terrible war of ideas will break out between the East and the West.
[ 24 ] Heute müssen die Engländer, die in ihrer Politik verhältnismäßig leicht mit Mitteleuropa fertig geworden sind, das versäumt hat, über historische Möglichkeiten und Impulse nachzudenken, heute müssen die Engländer sich fragen: Wie werden wir mit Indien fertig? — Das braucht nicht unsere Sorge sein, aber es wird in der nächsten Zeit eine sehr bedeutsame Sorge der anglo-amerikanischen Politik sein, denn die Inder werden eine Sozialisierung verlangen, aber eine solche, von der sich die Europäer kaum etwas träumen lassen. Zunächst knurren die Magen eines ungeheuer großen Teiles des indischen Volkes, zunächst lebt in einem großen Teile dieses Volkes, geheimnisvoll unterstützt von all den Dämonen, welche die Erbschaft uralter Geistigkeit begleiten, es lebt in einem großen Teile der indischen Menschheit der Ruf: «Los von England!» Und England ist in dem Augenblick nicht mehr England, wenn es nicht Indien hat. Aber das wird nicht ein einfacher Vorgang sein, das wird ein Vorgang sein, der sich sehr bedeutsam abspielen wird. Schläfrige Seelen werden ihn vielleicht verschlafen. Den physischen Krieg kann man nicht verschlafen, aber den Geisteskrieg zu verschlafen, das werden vielleicht Menschen doch zustande bringen; denn sie haben heute eine so starke Schlafsucht, die sogenannten Kulturmenschen, daß sie die wichtigsten Dinge verschlafen. Aber abspielen wird sich die Sache doch. Und mit all den Kräften, die im Innersten der Seelen liegen, wird der Mensch drinnenstehen in diesem Kampfe.
[ 24 ] Today, the English—who have dealt relatively easily with Central Europe in their foreign policy but have failed to reflect on historical possibilities and impulses—must ask themselves: How will we deal with India? — That need not be our concern, but it will be a very significant concern for Anglo-American policy in the near future, for the Indians will demand socialization—but of a kind the Europeans can scarcely imagine. For one thing, the stomachs of an enormous portion of the Indian people are growling; for another, among a large portion of this people—mysteriously supported by all the demons that accompany the legacy of ancient spirituality—there lives the cry: “Away with England!” And England ceases to be England the moment it no longer has India. But this will not be a simple process; it will be a process that will unfold in a very significant way. Sleepy souls may well sleep through it. One cannot sleep through a physical war, but people may well manage to sleep through the spiritual war; for today’s so-called cultured people have such a strong tendency to slumber that they sleep through the most important things. But the matter will unfold nonetheless. And with all the forces that lie deep within the soul, humanity will stand at the very heart of this struggle.
[ 25 ] Der, welcher zunächst daran denken muß, daß wir solchen Zeiten entgegengehen, das muß der Erzieher und Unterrichter sein. Und aus dem Gedanken, aus der Ahnung dessen, was da kommen wird, werden die stärksten Impulse hervorgehen müssen, welche die Pädagogik, welche Erziehung und Unterricht in der nächsten Zeit brauchen. Nicht aus sophistischen Spintisierereien über pädagogische und methodische Kleinigkeiten, sondern aus der Erfassung der großen Kulturströmung der Gegenwart heraus muß das geboren werden, was einstrahlen muß in das Unterrichts- und Erziehungswesen der allernächsten Zukunft.
[ 25 ] The educator and teacher must be the first to realize that we are heading toward such times. And from this realization, from this sense of what is to come, the strongest impulses must emerge—impulses that pedagogy, education, and instruction will need in the near future. It is not from sophistical speculations about pedagogical and methodological minutiae, but from an understanding of the great cultural currents of the present that what must shine into the educational and instructional systems of the very near future must be born.
