Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
13 Juli 1919, Stuttgart
Dreizehnter Vortrag
[ 1 ] Heute vor acht Tagen habe ich hier vor Ihnen eine Art Betrachtung angestellt, die dann in ähnliche Worte ausgeklungen hat, wie auch der letzte öffentliche Vortrag im Siegle-Haus am Freitag. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie die Menschheit der Gegenwart vor zwei Möglichkeiten gestellt ist, von denen man schon sagen muß, daß die eine unbedingt in den Niedergang der gegenwärtigen Zivilisation Europas hineinführen muß, daß die andere der einzige Rettungsweg aus dem Verfall ist. Nun möchte ich Ihnen zeigen, wie solche Aussagen durchaus nicht bloße Behauptungen sind; das sind sie ja schon aus dem Grunde nicht, weil sie herausgeholt werden können aus dem wirklichen geistigen Schauen und der sich dadurch ergebenden Erkenntnis in die Verhältnisse der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung. Aber auch für denjenigen, der sich nicht einlassen will auf diese geistige Schauung, gibt es viele, viele Möglichkeiten, das Geschaute auch durch die äußeren Tatsachen des gegenwärtigen Lebens bekräftigt zu sehen. Einzelne wenige Tatsachen aus der Fülle, die angeführt werden könnten, sollen nun auch heute angeführt werden.
[ 2 ] Es ist in Münster in Westfalen ein kleines Büchelchen erschienen, das den Titel trägt «Christentum und Sozialismus» von Johann Plenge, der von seinem Gesichtspunkte aus ja auch früher schon manches zum Verständnis der gegenwärtigen Zeitenströmungen veröffentlicht hat. Dieses Schriftchen enthält einen Vortrag Plenges, den er gehalten hat nach den Eindrücken, die er von zwei anderen Vorträgen empfangen hatte. Der ja eigentlich schon recht bekannte Philosoph der Gegenwart Max Scheler hatte nämlich am 8. und 9. April dieses Jahres in Münster in einem Doppelvortrag über die Frage gesprochen: Was ist christlicher Sozialismus? Und Johann Plenge hat unmittelbar darauf, am 11. April, in der Schlußvorlesung seines sozialwissenschaftlichen Proseminars der Akademie Münster die Antwort von seinem Standpunkte aus auf diese Vorträge über «Christentum und Sozialismus» von Scheler gegeben. Es ist interessant, was Plenge erzählt über die kurze Vorgeschichte, die sich zwischen diesen beiden Vorträgen abgespielt hat. Scheler, der ganz zweifellos zu den scharfsinnigsten Denkern der Gegenwart gehört, hatte am 8. und 9. April seinen Doppelvortrag über Christentum und Sozialismus gehalten, und schon am zweitnächsten Tage hat Plenge seine Antwort erteilt. Von der Zwischenzeit erzählt Plenge, daß eine persönliche Unterredung zwischen ihm und Scheler stattgefunden habe, in der sie sich über verschiedene Fragen geeinigt haben, wie Plenge sagt. Nun, verfolgt man aber wirklich dasjenige, was dann Plenge auf die Ausführungen Schelers gesagt hat, dann hat man nicht den Eindruck, daß sich diese beiden Herren, die in gewisser Weise Repräsentanten des gegenwärtigen Denkens sind, verständigt haben, sondern man hat das deutliche Gefühl, daß diese beiden Herren in ihren Untergründen gründlich aneinander vorbeigeredet haben, so vorbeigeredet haben, daß dieses Vorbeireden geradezu charakteristisch ist für gewisse seelische, soziale Erscheinungen in der Gegenwart. Charakteristisch ist es aus dem Grunde, weil heute ja in umfassendstem Maße stattfindet, was ich öfter hier charakterisiert habe: daß die Menschen der Gegenwart eben durchaus so starke antisoziale Triebe haben, daß, selbst wenn sie den besten Willen haben, sich miteinander zu verständigen, sie doch eigentlich immer aneinander vorbeireden. Vorbeireden und Vorbeidenken, das ist in der Gegenwart so stark, daß man Unterredungen der folgenden Art haben kann.
[ 3 ] Jemand kommt zu einem, man entwickelt ihm gewisse Anschauungen, sagen wir, über Pädagogik oder ähnliches, die aus den anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Forderungen herrühren. Diese Anschauungen, sie sind so, daß sie sich nun tatsächlich unterscheiden von den Anschauungen, die heute die landläufigen sind, die heute auch als außerordentlich gute angesprochen werden. Der Betreffende hört dann oftmals zu und sagt zum Schlusse: Ja, ich bin ja vollkommen einverstanden. Dasselbe habe ich seit langer Zeit auch schon gedacht, das sehe ich als das Richtige an. — Aber er hat genau das Gegenteil von dem gesagt, was ausgesprochen worden ist, einfach aus dem Grunde, weil wir heute in einer Entwickelungsphase der Menschheit angelangt sind, wo man dieselben Sätze und Satzfügungen sagen kann, und sie bedeuten aus dem Munde des einen das Gegenteil von dem, was sie aus dem Munde des anderen bedeuten. Wir haben uns in einer gewissen Weise von dem inneren Gehalt der Sprache das ist eine charakteristische soziale Erscheinung der Gegenwart —, wir haben uns von dem Inhalt der Sprache so weit entfernt, daß wir mit denselben Worten und Satzfügungen das eine und auch das Gegenteil, das andere, aussagen können. Gegenüber einer solchen Zeiterscheinung kann es sich nicht darum handeln, den Blick davon abzuwenden, weil das bequem ist, sondern es kann sich nur darum handeln, den Blick gerade darauf hinzurichten und sich zu fragen: Was geht eigentlich aus einer solchen Erscheinung hervor? Nun möchte ich dieses charakteristische Beispiel Scheler-Plenge anführen, weil wir da auf der einen Seite in Scheler einen Menschen vor uns haben, der nach einem Gedankensystem strebt, welches der Gegenwart Sozialismus geben soll, Sozialismus, wie er sich ihn denkt; wie er sich ihn denkt aus einem katholisch gefärbten Christentum heraus, das bei ihm, bei Scheler, aus einer wirklich inneren Begeisterung hervorgeht, das aus der wirklich inneren, bis zum Willen sich aufraffenden Gefühlsrichtung eines katholisierenden Christentums hervorgeht. Aus diesem katholisierenden Christentum heraus bekämpft er den gegenwärtigen Kapitalismus, namentlich den kapitalistischen Geist, und er verspricht sich nur von der Ausbreitung seiner katholisch-christlichen Empfindungsweise die Möglichkeit, daß die gegenwärtige Menschheit von innen heraus, vom Herzen heraus mit sozialer Gesinnung durchdrungen werde, und daß dann von dieser sozialen Gesinnung auch eine soziale Lebensordnung ausgeht. Also Scheler steht auf einem Boden, auf dem ganz und gar nur dasjenige gedeiht, was der Mensch aus einem gewissen inneren Wissen, einem empfindenden Wissen heraus entwickelt. Von diesem Gesichtspunkte aus verficht er seinen christlichen Sozialismus für die Gegenwart.
[ 4 ] Johann Plenge steht auf einem ganz anderen Standpunkte. Er geht nicht aus von dem, was gewissermaßen im Innern aufsteigt als eine soziale Erkenntnis, sondern Plenge will ausgehen von dem, was im Gesellschaftsleben vorhanden ist. Er will ausgehen von den Erscheinungen, die im sozialen Dasein sich kundgeben. Er will also beobachten, wie sich Mensch zu Mensch verhält, wie sich Menschengruppen gesellschaftlich zusammenschließen und so weiter. Er vertritt also im Gegensatz zu einer Art Willenswissenschaft des Max Scheler eine gewisse Gesellschaftswissenschaft, eine Art Sozialwissenschaft. Und er versucht, vom Standpunkte dieser Sozialwissenschaft aus nun seinerseits diejenigen Einrichtungen zu charakterisieren, von denen er sich denken muß, daß sie eine gewisse soziale Ordnung in unserem Menschenleben hervorbringen werden. Nun haben diese beiden Herren vollständig, wie ich Ihnen schon sagte, aneinander vorbeigeredet, und Plenge hat sogar noch den Glauben — Scheler wird ihn wahrscheinlich nicht haben, das weiß ich nicht —, daß sie sich bis zu einem gewissen Grade verstanden haben. Sie haben sich eben gar nicht verstanden. Und das rührt einfach davon her, daß heute in weitesten Kreisen das Element fehlt, durch das sich die Menschen innerlich wirklich verständigen können. Und dieses Element ist eben kein anderes als dasjenige, das hier geltend gemacht wird als das Verständnis der geistigen Welt selber, welches harmonisierend wirken kann für die verschiedenen Denk- und Gefühlsrichtungen der heutigen Zeit, auch für die Willensrichtungen, und von welchem sich heute Geister wie Scheler und Plenge noch durchaus fernhalten wollen. Solch eine Erscheinung wie die, welche in dem Zwiegespräch zwischen Plenge und Scheler auftritt, sie durchsetzt unser ganzes gegenwärtiges Menschheitsleben.
[ 5 ] Nun haben wir hier zunächst ein Interesse daran, diese Durchsetzung gerade für Mitteleuropa zu betrachten. Und da bitte ich Sie, sich daran zu erinnern, wie ich das letztemal hier, am letzten Sonntag, entwickelt habe, daß wir innerhalb der mitteleuropäischen Geisteskultur einen Goetheanismus haben, daß wir auch dasjenige haben, was ich Ihnen charakterisiert habe letzthin, in einer für die heutige Zeit etwas paradoxen Art, als das Hegeltum. Nicht wahr, das Hegeltum, die Weltanschauung Hegels, sie hat ja auch geschichtlich etwas höchst Merkwürdiges. Sie ist, so wie sie von Hegel dasteht, der reinste Idealismus, die Welterfassung aus der Vernunft, das heißt zwar aus dem verdünntesten, aber doch aus dem Geiste heraus. Nun ist das Eigentümliche, daß erstens Hegel eine große Anzahl von Schülern gehabt hat, und diese Schüler waren gruppiert von der äußersten Rechten, vom Reaktionismus bis zur äußersten radikalsten Linken, auch in politischer und religiöser Beziehung so gruppiert. Unter diesen Schülern war der lebendigste Streit. Und Sie wissen, man hat ja das Wort geprägt, daß Hegel selber vor seinem Tode gesagt haben soll angesichts seiner Schüler und derer, die es haben werden wollen oder werden sollen: «Nur einer hat mich verstanden, und der hat mich mißverstanden.»
[ 6 ] Nun ist aber noch etwas anderes gekommen. Unter den Schülern dieses Hegel war auch Karl Marx, der Begründer der gegenwärtigen sozialistischen Weltanschauung in einer ihrer Ausgestaltungen. Dieser Karl Marx ist unter dem Einfluß des Hegeltums völligster Materialist geworden, sogar mit Bezug auf die geschichtliche Anschauungsweise. Ganz normal aus dem Hegeltum sich herausentwickelnd ist Karl Marx zum Anti-Hegel geworden. Das Hegeltum hat vollständig, wenn man in seiner eigenen Sprache sprechen will, in sein Gegenteil umgeschlagen.
[ 7 ] Ja, woher rührt denn so etwas? So etwas rührt davon her, daß eine solche Anschauungsweise, wie sie Hegel herausgestaltet hat aus seinem Innern, und die die geläutertste, verdünnteste Geistigkeit in Form der logischen Menschenvernunft ist, daß so etwas überhaupt nur in der geschichtlichen Entwickelung gesund bleiben kann, wenn es sich in einer einzelnen persönlichen Individualität entwickelt. Schon der Schüler kann nicht mehr eine gesunde Geistigkeit entwickeln, und in der dritten Generation wird eine solche Anschauung bereits zum völlig ungesunden Element, wenn man dogmatisch darauf schwört. Deshalb habe ich Ihnen das letztemal gesagt, daß in bezug auf solche Dinge die groteske Forderung auftritt, daß man zum Beispiel sich vertiefen soll in das Hegeltum, aber nur davon lernen soll, wie auch von dem Goetheanismus, seinen eigenen Geist zu befruchten, selber in dieses Element des Denkens und Anschauens hineinzukommen, und dann muß man den Weg verlassen und sich weiterbilden auf demselben Wege.
[ 8 ] Wer heute auf Goethe schwört, auf Hegel schwört, und dabei das so meint, daß er einfach deren Dogmen übernimmt, der schadet sich und anderen. Wer heute wirklich Goetheaner sein will, darf nicht auf Goethe dogmatisch schwören, sondern er muß weiterbilden dasjenige, was in einer Anlage bei Goethe vorhanden ist. Und in noch stärkerem Maße ist das beim Hegeltum der Fall. Beim Hegeltum zeigt sich, was da eigentlich vorliegt. Dieses Hegeltum in der deutschen Entwickelung ist eine höchst, höchst charakteristische Erscheinung. Da liegt nämlich etwas vor, was ein Charakteristikon des logischen Denkens überhaupt ist. Niemand kann eigentlich verstehen, was das logische Denken für den Menschen ist, der nicht etwas von der Geisteswissenschaft versteht. Denn diese Geisteswissenschaft zeigt ihm erst, daß es auch noch einen anderen, einen übersinnlichen Menschen gibt, nicht nur den Menschen, der als die sinnliche Leiblichkeit uns entgegentritt. Diese beiden Dinge, der übersinnliche und der sinnliche Mensch, sie verschwimmen für die Anschauung der Menschheit in ein einziges wüstes Chaos, denn das, was die gegenwärtige Anatomie und Physiologie überliefert über den Menschen, ist ein wüstes Chaos. Lernt man aber sachgemäß trennen den übersinnlichen Menschen, von dem ich neulich auch im öffentlichen Vortrag zweimal gesprochen habe, von dem sinnlichen Menschen, dann lernt man die sonderbare paradoxe Tatsache kennen — geistige Tatsachen sind zumeist für die sinnliche Anschauung paradox —, daß es ein logisches Denken für die Menschheitsentwickelung überhaupt nicht geben würde, wenn die Menschen nicht in den physischen Leib hineingeboren würden und dort sich entwickelten. Für die Logik, gerade wenn sie auf der höchsten Stufe entwickelt ist, ist der sinnliche Leib das entsprechende Instrument. Wer daher übersinnliche Erkenntnis entwickelt, wer wirklich sich hineinlebt in die übersinnliche Erkenntnis, der muß schon die Erfahrung machen, daß es außerordentlich schwierig ist, nun überhaupt diese übersinnlichen Erkenntnisse in Worte zu kleiden, daß aber, wenn er diese übersinnlichen Erkenntnisse mit der gewöhnlichen Logik auffassen will, das heißt mit dem, was nur an das Instrument des äußeren physischen Leibes gebunden ist, daß ihm dann diese übersinnliche Erkenntnis ertötet wird. Dann ist es aus mit dieser übersinnlichen Erkenntnis. Auf dem Boden der Logik erstirbt die übersinnliche Erkenntnis. Sie muß für unser Menschenleben gebracht werden zu einem Spiegelabglanz, wie es bei Hegel war. Aber dann darf man in diesem Spiegelabglanz nicht drinnen leben, sonst ist man gleich aus dem Geiste heraus. Daher ist es nicht so, daß Hegel das deutsche Denken zur höchsten Geistesentwickelung gebracht hat, sondern daß in diesem Geistigen, das Hegel bietet, das Geistloseste enthalten ist, daß gar kein Geist mehr im Hegeltum drinnen ist. Das heißt: der physische Leib erfaßt in Hegel die Geistigkeit und preßt sie zu gleicher Zeit aus. Höchster Logiker, dieser Hegel; geistloseste Philosophie, dieses dutch höchste Anstrengung des Geistes hervorgebrachte Denken! Kein Wunder, daß es umschlägt in den bewußten Materialismus, in Marxismus, und daß es so zu einer tatsächlichen Entwickelungsphase im neunzehnten Jahrhundert wird.
[ 9 ] Sehen Sie, so ernst liegen die Dinge in der Gegenwart. Und nicht versteht man, was eigentlich als Substanz in dieser unserer Gegenwart lebt, wenn man sich nicht auf solche Dinge einlassen kann. Die gegenwärtige Menschheit ist ja so, daß sie so sehr an etwas glauben möchte, daß sie so ungeheuer froh ist, wenn sie etwas vor sich hinstellen kann, oder etwas hören kann, worauf sie dann als auf das Meisterwort schwören kann. Und wenn sie darauf schwört, so schadet das am allermeisten, denn die wichtigste Forderung der Gegenwart ist diese, daß der Mensch seine freie Geistigkeit entwickeln muß. Und in dem Augenblick, wo er sündigt gegen die Freiheit seines Urteils, macht er sich zu gleicher Zeit krank. In der Gegenwart kann der Mensch gar nicht anders, es ist das ein historisches Faktum, er kann nicht anders, wenn er auf die menschliche Höhe kommen will, als sich innerlich freimachen. Es ist mehr als eine Vision, wenn man folgendes sagt: Man denke sich den Inhalt der Hegelschen Philosophie als eine Art Geistesschema, als eine Art Ätherleib in die Welt eintretend, arbeitend in ihrer rein logischen Substantialität. Denkt man sich dieses Geistgespenst über die Welt hinfegend, dann würde man das Vorbild haben für das, was physisch aufgetreten ist in den letzten vier bis fünf Jahren als die europäische Weltkatastrophe. Was im Seelischen wirksam war als ein Höchstes in dem Hegeltum, das nimmt sich im physischen Leben aus als dieses Schrecknis der Weltkriegskatastrophe in den letzten vier bis fünf Jahren. Man muß schon den Mut haben, in diese geistigen Zusammenhänge hineinzuschauen, sonst wird man in der Gegenwart überhaupt nichts verstehen von den Ereignissen. Die Menschen der Gegenwart möchten es sich so bequem machen, zur Geistigkeit zukommen. Daran sind sie aber gehindert durch die Forderungen der Zeit selber. Wenn wir heute naturwissenschaftliche Erfahrungen sammeln und sie zur höchsten Logik entfalten, so treiben wir aus dem Menschen gründlich den Geist aus. Das tut Plenge, natürlich nur bis zu einem gewissen Grade. Er entwickelt ein rein ahrimanisches Denken, wie wir es in unserer Geisteswissenschaft nennen, und das stellt er vor die Welt hin.
[ 10 ] Das Umgekehrte liegt vor, wenn die Menschen etwas von innen heraus entwickeln wollen, wie es im Gegensatze zu Hegel sein sonderbarer philosophischer Zwillingsbruder Schopenbaner gemacht hat. Wenn die Menschen etwas aus dem Innern entwickeln wollen, aus dem willensartigen Element, dann tritt das Umgekehrte ein. Dann tritt das ein, daß sie immer wieder und wieder, nicht für sich, aber für ihre Schüler, für diejenigen, die ihnen dogmatisch anhängen, die Leute in den bloßen Offenbarungsglauben hineindrängen wollen, wo man sagt: Die Vorstellung kann überhaupt nichts mehr erreichen, man muß aus einem ganz andern Untergrunde heraus zur Wahrheit kommen. Dadurch kommt man in ein bestimmtes Glaubenselement hinein, wie es nicht menschlich, sondern höchstens Königsbergisch-Kantisch ist, und wie es in besonderem Maße bei Schopenhauer aufgetreten ist. Aber niemals hat der originale Geist die Neigung, in die Schäden zu verfallen, sondern erst diejenigen, die nachfolgen, namentlich die dritte Generation. Das ist so ein Weltgesetz. Und Schopenhauerianismus ist verwandt mit dem ja in unserer Zeit so beliebt werdenden Offenbarungsglauben. Das bloße Hinnehmen einer Offenbarung, wie es besonders ausgebildet ist in der katholischen Kirche der Gegenwatt, insofern sie rechtgläubig katholisch ist, und wie es seine Kulmination erreicht hat in der Erklärung des Infallibilitätsdogmas: das ist das gegenteilige Element. In diesem Element ertrinkt die von innen aufsteigende Geistigkeit. Wie durch die Logik ertötet wird das Innere, so wird ersäuft durch den bloßen Oftenbarungsglauben dasjenige, was von innen aufsteigt und die Außenwelt umspannend ergreifen will. Das sehen wir heute als eine besonders charakteristische Erscheinung. Und in diesen Strömungen leben wir drinnen. Diese Strömungen durchsetzen unbewußt alles dasjenige, was von der linken und rechten Seite heute gefordert wird. Was wissen denn die Menschen, die heute loben oder beschimpfen diese oder jene Lebensanschauung, was wissen sie von den Kräften, die in diesen Lebensanschauungen drinnen stecken? Nichts wissen sie davon. Die Leute von der äußersten Rechten haben keine Ahnung von dem, was in ihren Empfindungsimpulsen steckt, durch die sie konservativ und reaktionär sind. Die Radikalen, auch die radikalsten Bolschewisten, haben keine Ahnung, was in ihren Instinkten steckt, und wie sie durch ihre Logik längst ertöten das, was sie im äußeren Leben zum Vorschein bringen wollen. Das unbewußte Leben ist heute sehr stark in der Menschheit, und aus ihm heraus entwickeln sich diejenigen Dinge, die eigentlich die wirksamen sind und die rege werden sollen im Bewußtsein dadurch, daß man sein Wissen geistig durchleuchtet mit dem, was aus dem Übersinnlichen genommen werden kann. Auf andere Weise kann das, was in der Gegenwart wirkt, nicht mehr durchleuchtet werden.
[ 11 ] Nun sind in der Gegenwart, in der unmittelbaren Gegenwart, drei Strömungen da, die aber auch nur mehr wie die in die Höhe getragenen Wogen sind dessen, was da in den Untergründen brodelt, und was ich Ihnen mit einigen Strichen nur charaktetisieren konnte, indem ich ausging von Max Scheler und Johann Plenge und Ihnen zeigte, was logisches Denken, das im neunzehnten Jahrhundert auf die höchste Höhe getrieben wurde, und was der Offenbarungsglaube, der in dem Infallibilitätsdogma auf die höchste Höhe getrieben wurde, was diese für die menschlichen Seelenuntergründe bedeuten.
[ 12 ] Aus dem, was da unten in den menschlichen Seelen brodelt und wirbelt und was sehr umfassend ist, aus dem dringt dreierlei an die Oberfläche, aber durchaus nicht so, daß es die eigentlich innere Wesenheit für den heutigen Menschen schon zeigt.
[ 13 ] Erstens — man gebe sich nur keinen Illusionen hin —: Dasjenige, was sich über die Welt ausbreitet, bewußt ausbreitet, das ist die angloamerikanische Weltherrschaft, die ihre Fittiche ausstreckt über die gegenwärtige Zivilisation. Betrachten Sie alle einzelnen Erscheinungen während der Kriegsjahre und in den heutigen, sogenannten Friedensabschlüssen. Man nennt das «Frieden», weil man eben oftmals heute mit seinen Worten dasjenige meint, was man eigentlich mit den gegenteiligen Worten bezeichnen sollte. Alles das, was sich so abgespielt hat, zeigt sich als einzelne Erscheinung heraus aus einer der großen Gegenwartswellen der Ausbreitung der anglo-amerikanischen Herrschaft, des anglo-amerikanischen Weges zur Weltherrschaft. Das ist das eine. Das zeigt sich in seiner Ausbreitung, das wird klug und schlau sein, durch seine Gruppenseelenhaftigkeit, um mancherlei zu begegnen, das sich ihm entgegenstellt.
[ 14 ] Das zweite Element, das tritt in einer ganz abstrakten Form hervor, so daß es in dieser abstrakten Form unmöglich ist zu zeigen, daß aus den Vorstellungen und aus den Willensimpulsen heraus, in denen das Ding heute auftritt, etwas Vernünftiges werden kann. Das ist das Streben nach einem sogenannten Völkerbund. Dieses Streben nach einem sogenannten Völkerbund, wie es insbesondere auch in dem Kopfe des Woodrow Wilson aufsteigt, das ist so, wie es heute vor die Menschen hintritt, noch eine völlige Unmöglichkeit, weil es eine der ärgsten Abstraktionen ist, weil es so, wie es da gedacht wird, keinen Untergrund hat in dem wirklichen menschlichen Leben. Aber daß es da ist, daß es besprochen wird, das zeigt, daß man sich dennoch aus diesem menschlichen Leben heraus nach etwas Internationalem sehnt, an dem man eben nur vorbeiredet — wie man heute an allem vorbeiredet —, indem man die Theorie eines Völkerbundes entwickelt.
[ 15 ] Das dritte Element ist das soziale Streben in der Gegenwart. Es sind die sozialistischen Impulse, diese sozialen Impulse, von denen man sagen kann, daß sie aus berechtigten, unterbewußten Untergründen eines großen Teiles der gegenwärtigen zivilisierten Menschheit hervorgehen, daß sie sich aber als völlig chaotische Instinkte geltend machen. Denn was heute durch das sozialistische Streben über ganz Europa bis zum fernsten Osten hinüber sich ausdehnt, das ist, daß man sagt: Ich will dies, ich will das; ich stelle dies oder jenes als Ideal auf —, daß man aber nirgends weiß, was man eigentlich machen will und wovon man eigentlich redet. Daß man nirgends weiß, die Dinge in eine bestimmte Denkweise, in einen bestimmten Denk- und Empfindungsinhalt zu bringen. Ja, diesen Denk- und Empfindungsinhalt, den haßt man sogar heute. Das ist besonders charakteristisch in einem Artikel eines gewissen Seeger, der in der ersten Nummer der ja hier in der Nähe erscheinenden «Tribüne» steht. Da wird die Dreigliederung namens des Proletariats abgewiesen und der Sozialismus gefordert. Ja, würde man dem Herrn die Aufgabe stellen, zu sagen, was er sich nun unter Sozialismus vorstellt, so würde er natürlich gar nichts sagen können, was einen wirklichen Inhalt hat. Die absoluteste Inhaltlosigkeit wird gezeigt, indem man so redet. Aber das rührt davon her, daß man überhaupt nicht mehr zu einem Gedankeninhalt kommt, daß man nur noch instinktive Empfindungen und Gefühle hat. Und es ist schließlich ganz gleichgültig, ob dieser Herr das, was er fühlt und empfindet, Sozialismus nennt, oder ob er ihm einen anderen Namen geben würde, zum Beispiel Europäanismus oder Negativismus und dergleichen; er würde im gleichen Sinn inhaltsvoll sprechen. Man würde sich immer dasselbe denken können bei dem, was er ausspricht, das heißt nichts. Darauf sind viele Menschen der Gegenwart heute noch nicht aufmerksam, zu ihrem Unglück noch nicht aufmerksam.
[ 16 ] Das sind die drei Strömungen, die auftauchen aus dem wirren Seelenchaos der Gegenwart: anglo-amerikanische Weltherrschaft, Sehnsucht nach einer solchen Internationalität, wie sie sich in dem Streben nach einem Völkerbund ausdrückt, und Sozialismus. Aber mit demjenigen Denken, das man heute vielfach anwendet, wird man niemals hinter das kommen, was eigentlich hinter diesen Strömungen steckt. Dazu wird ein ganz, ganz anderes Denken notwendig sein, dasjenige Denken, das nicht die gewöhnliche Leibes-Logik hat, sondern dessen Logik zugleich geboren wird, indem dieses Denken aus der übersinnlichen Erkenntnis hervorsprudelt, nach den Methoden, die entgegen den gegenwärtigen wissenschaftlichen Methoden, aber trotzdem in ihrem Sinne, geisteswissenschaftlich-anthroposophisch gefunden werden müssen.
[ 17 ] Nun tritt dasjenige, was ich so sage, an charakteristischen Erscheinungen hervor. Sie wissen, unsere eigenen Betrachtungen, wenn sie geschichtlich werden, befolgen eine ganz bestimmte Methode, die ich oftmals hier vor Ihnen die symptomatisierende Methode genannt habe. Man will dasjenige, was in der Geschichte lebt, durch Symptome erkennen. Nicht wie die Geschichte in der Gegenwart gewöhnlich betrachtet wird, daß man einfach das Folgende als kausal hervorgehend aus dem Früheren mechanistisch betrachtet, sondern indem man die Geschichtsentwickelung als einen fortgehenden Strom betrachtet, aus dem aber an jeder Stelle aus geistigen Tiefen die Erscheinungen hervorkommen. Auf diese Weise kann das, was da aufsteigt, was sich in den äußeren Erscheinungen zeigt, nicht als kausal aufgefaßt werden, sondern als Offenbarung für tiefinnerliche Vorgänge. Und vieles, was in der Gegenwart geschieht, muß so an den anschaubaren Vorstellungen als Symptom für Tiefinnerliches erkannt werden.
[ 18 ] Da kann Ihnen in diesen Tagen ein bedeutsames Symptom entgegentreten. Sie alle werden wohl von irgendeinem Standpunkte aus nachgedacht haben über etwas, was insbesondere zunächst verheerend in unser mitteleuropäisches Leben hereingebrochen ist, über das Versailler Friedensdokument. Über dieses Versailler Friedensdokument haben sich, wie Sie ja wissen, natürlich die Menschen die allerverschiedensten Gedanken gemacht. Aber ein Gedanke, den Sie jetzt auch schon in den Zeitungen finden können, ist dabei weniger berücksichtigt worden, und für den, der tiefer schürfen will, ist das ein Gedanke, der auf etwas außerordentlich Charakteristisches hinweist. Das ist der, daß dieses Versailler Friedensinstrument, das tief in die moderne Zivilisation einschlagen soll, überhaupt nicht verständlich ist, daß, wenn man ehrlich zu Werke geht und versucht zu verstehen, was eigentlich mit den einzelnen Punkten gewollt ist, man kein wirklichkeitsgemäßes Verständnis herausholen kann. Man kann das Ding nicht verstehen, man kann nicht dahinter kommen, was eigentlich mit diesem Friedensinstrument gewollt ist. Gerade wenn man versucht, herauszubekommen aus den verschiedensten Formulierungen, was genau gemeint ist: es geht nicht. Daher kein Wunder, daß ein Franzose, Professor Aulard, im «Pays» sich in der folgenden Weise über dieses Friedensinstrument ausspricht. Also ein Franzose ist es, den wir dabei zitieren wollen, Er sagt: «Es ist eigentlich meine Pflicht als Geschichtsschreiber, Journalist und Staatsbürger, den Friedensvertrag zu lesen und darüber mir eine Meinung zu bilden. Bis jetzt ist es mir aber nicht gelungen, und ich muß gestehen, daß ich nicht imstande war, den ganzen Friedensvertrag bis zu Ende durchzulesen. »
[ 19 ] Und das ist ein ehrlicher Mann. Die anderen lesen den Vertrag durch und glauben, ihn zu verstehen. Aulard fühlt sich aber als Journalist und Staatsbürger verpflichtet, den Vertrag zu verstehen, er liest jeden Satz immer wieder und ist bis jetzt nicht zu Ende gekommen, weil er sich ehrlich gesteht, er kann das Ding nicht verstehen.
[ 20 ] Dann sagt er weiter: «In meinem Berufe habe ich viele schwerfällige, dunkle diplomatische Urkunden studiert; der Friedensvertrag von Versailles ist aber eine kopfzerbrechende Arbeit, wie ich keine andere in dieser Art kenne. Man würde meinen, er sei nicht französisch ausgedacht worden; keine Spur von französischer Klarheit und Ordnung in den Gedanken, so daß man glaubt, man habe es mit einer Übersetzung zu tun. Ich will nicht von angelsächsischem Wortkram sprechen. Der Vertrag aber ist ein Wortkram und ein Wust von Artikeln. Die Erklärung dieser Tatsache fand ich im letzten Artikel des Friedensvertrages. Französisch ist also nicht mehr die diplomatische internationale Sprache. Dieses Vorrecht haben wir verloren. Man hat es uns genommen. Alle großen Verträge der neueren Geschichte sind im französischen Wortlaut verfaßt worden.»
[ 21 ] Nun muß man sagen: Nicht umsonst ist die französische Sprache die Diplomatensprache geworden, das heißt diejenige Sprache, in der fixiert werden kann, was auf diplomatischer Grundlage abgemacht ist. Sie ist es dadurch geworden, daß sie als die Sprache eines niedergehenden modernen Kulturelementes eine große Prägnanz hat. Dieser Vertrag ist englisch, in englischen Worten und Sätzen gedacht, und er macht auf den, der gewohnt ist, mit alter Klarheit zu denken, diesen Eindruck, und er muß diesen Eindruck machen. Es ist richtig, wenn man sagt, die englische Sprache hat überhaupt nicht die Genauigkeit, das auszudrücken, was da ausgedrückt werden soll. Das aber ist das Charakteristische der englischen Sprache, das heißt derjenigen Sprache, die die Völker reden, welche jetzt die Weltherrschaft antreten. Diese Sprache der Völker, welche jetzt die Weltherrschaft antreten, sie hat einmal das Eigentümliche, daß man in ihr alles dasjenige, was geistig überschaut werden soll, nicht unmittelbar so ausdrücken kann, wie es sich ergibt, wenn man die Sprache nur so nimmt, wie sie heute da ist. Diese englische Sprache hat nicht die Möglichkeit, sich so auszusprechen, daß sich das Ausgesprochene mit dem Geiste völlig deckt. So etwas muß man betrachten können, ohne emotionell dabei zu werden, ohne daß man es etwa in einen England-Haß umwandelt. Man muß so etwas betrachten können wie eine naturwissenschaftliche Tatsache; das ist eben so. Mit einigem Studium «sine ira» muß man schon das betrachten, was sich da herausstellt als das Charakteristikon der zukünftigen Weltensprache. Nun ist aber dieses für die zukünftige Weltensprache Charakteristische etwas für die Menschheit außerordentlich Heilsames. Es kann gewissermaßen für die moderne Menschheit nichts Besseres geben, als daß sich innerhalb desjenigen Volkselementes, das die Weltherrschaft antritt, eine Sprache ausbildet, die nicht mit dem Geiste sich decken kann.
[ 22 ] Betrachten Sie diese Tatsache mit einer anderen im Zusammenhang, die ich an verschiedenen Orten, aber auch hier schon erwähnt habe. Ich habe oftmals gesagt: Zu denjenigen Schriftstellern der vergangenen Epoche — in der Gegenwart könnte ich mir sie gar nicht mehr denken —, zu den Schriftstellern des sich auslebenden neunzehnten Jahrhunderts, die mir am allerliebsten sind durch ihren Stil, durch ihre Gedankenprägung, gehört Herman Grimm. Herman Grimm prägt dasjenige, was ihm als Anschauung aufgegangen ist, in solche Gedanken, daß ich außerordentlich gern immer bei diesen Gedanken verweilt habe. Dennoch, als ich einmal mit Herman Grimm sprach und seiner Lebensauffassung nur ganz weniges von meiner Lebensauffassung entgegensetzen wollte, da gab er mir nur zur Antwort: Lassen wir das, lieber Doktor, darin können wir uns doch nicht verstehen! — Es war auch unmöglich, Herman Grimm irgend etwas zu sagen von dem, wie ich die Dinge der Welt ansah. Das konnte er einfach nicht anders, als mit einer Handbewegung von sich wegwischen. Doch will man wissen, wie im neunzehnten Jahrhundert aus einer gewissen. mitteleuropäischen Gesellschaftsschichte heraus gedacht wurde über diese Dinge, so muß man doch zu Herman Grimm gehen, der mütterlicherseits von Bern her stammt, also nicht nur süddeutsches, sondern schweizerisches Blut in sich hatte, der zum Oheim Jakob Grimm, zum Vater Wilhelm Grimm hatte, und der zur Frau hatte die Tochter der Bettina Brentano, Gisela von Arnim, der also ganz drinnen steckte in einer gewissen gesellschaftlichen Anschauung des neunzehnten Jahrhunderts. Heute, wenn ich Herman Grimm lese, kommt es mir so vor, als wenn ich aus einer lange Jahrhunderte zurückliegenden Vorzeit lesen würde. Das sind Dokumente des neunzehnten Jahrhunderts, was bei Herman Grimm auftritt. Und es ist für mich sehr interessant gewesen — so sagte ich ja oftmals —, daß, als ich die Geschichte betrachtete und die Literaturbetrachtungen Woodrow Wilsons las, daß ich bei Woodrow Wilson manchmal für mich wörtlich klingende Anklänge an Herman Grimm fand. Dennoch sind sie durchaus nicht abgeschrieben, denn Woodrow Wilson würde vielleicht gar nicht einmal etwas verstehen, wenn er Herman Grimm lesen würde. Aber wer Sinn hat für so etwas, der merkt bei Wilson etwas höchst Eigentümliches. Er merkt bei Wilson, daß dieser Mann so redet, wie wenn eigentlich etwas phonographisch abliefe, wie wenn das Bewußtsein nicht ganz dabei wäre bei seinem Reden, und wie wenn ein im Unterbewußten waltender Dämon das alles, mit Ausschaltung der eigentlichen Persönlichkeit des Woodrow Wilson, heraufsprudeln würde, was sich dann wie mechanisch in die Worte und Satzfügungen kleidet. Man glaubt, mit Ahriman selber zu reden, der in den Untergründen der Woodrow Wilsonschen Seele waltet, wenn man Woodrow Wilson liest. — Herman Grimm ist dabei, bei jeder einzelnen Satzprägung, da liegt immer die ganze Persönlichkeit drinnen; Woodrow Wilson ist ganz weg, da redet ein Dämon in den Untergründen der menschlichen Seele, durch menschlichen Mund. Wer das nicht weiß, der versteht die für die gegenwärtige Weltbetrachtung wichtigsten und wesentlichsten Zusammenhänge gar nicht.
[ 23 ] Was drückt sich aber in dem allem aus? In dem allem drückt sich ein Allerwichtigstes aus. In der anglo-amerikanischen Sprache lebt nicht mehr jenes Verbundensein der menschlichen Seele mit dem Sprachelemente, wie es in älteren Zeiten vorhanden war. Die Sprache hat sich ja vom Menschen abgesondert, sie wird als Sprache abstrakt. Wenn man Englisch sprechen hört, so kommen einem immer gewisse Wendungen, namentlich Satzenden so vor, wie wenn man einen Baum vor sich hat, der in den äußersten Wipfeln und Ausläufern der Zweige verdorrt ist. Die Sprache läßt absterben das innere Durchdrungensein mit dem Seelischen. Dadurch wird das entgegengesetzte Element, der entgegengesetzte Pol des Seelenlebens hervorgerufen: die Notwendigkeit, sich zu verständigen über die Sprache hinweg.
[ 24 ] Sehen Sie, das ist das ungeheuer Wichtige. Man wird sich in der Zukunft englisch nicht verständigen können, wenn man nicht zu gleicher Zeit ein gar nicht in der Sprache lebendes, unmittelbar elementarisches, empfindendes Verstehen von Mensch zu Mensch entwickelt, das dann erst der Sprache ihr Leben gibt. Das heißt aber nichts Geringeres, als daß der übersinnliche Mensch, der erste übersinnliche Mensch in das geschichtliche Dasein der Menschheit eintreten muß. Bisher haben die Menschen nur gesprochen aus ihren physischen Leibern heraus. Das, was sie als Sprache zustandegebracht hat aus ihren physischen Leibern heraus, das stirbt mit der englischen Sprache ab. Sie wird natürlich da sein, aber sie wird immer mehr und mehr ein abstraktes Geklingel werden. Und die Menschen müssen durch ihre Ätherleiber sozial in Beziehung treten, so daß, während sie sprechen, sie ein Verständnis von Gedanke zu Gedanke, ein wirkliches, nicht ein abergläubisches Gedankenlesen zustande bringen. Gedankenlesen, das ist eine Forderung über die nächsten Jahrhunderte hinüber. Sich unmittelbar verständigen von Gedanke zu Gedanke und bewußt sein, daß die Sprache nur immer mehr und mehr etwas sein wird, wodurch man den anderen aufmerksam macht, daß er auf die eigenen Gedanken achtgeben soll. Wenn die Sprache noch vollseelisch ist, so kann ich unter Umständen, wenn im Saale hier alles surrt, wo man sich geistreich unterhält und alles durcheinandertönt, ich kann klingeln, nicht wahr, dann wird es still werden. Ich habe angekündigt, daß ich jetzt reden will, dann versteht man dadurch dasjenige, was ich rede. So wird in der Zukunft das Sprechen selber sein. Es wird allerdings begleiten müssen die Gedankenentwickelung, aber es wird ein fortwährendes Anklingeln des andern sein, und das Verständnis von Mensch zu Mensch, das wird aus einem viel tieferen Seelenelement hervorgehen müssen. Das soll von der Menschheitsentwickelung erzwungen werden dadurch, daß bei den herrschenden Zukunftsvölkern, bei den anglo-amerikanischen Völkern, die Sprache als solche entseelt wird, und die Notwendigkeit auftritt, das Dämonium im Innern des einzelnen Menschen dem Dämonium im anderen Menschen gegenüberzustellen.
[ 25 ] Da wird allerdings der Mensch — verzeihen Sie den harten Ausdruck viel nackter dem Menschen gegenüberstehen als heute. In der Sprache kann man lügen, den Gedanken wird man anmerken, wenn sie erlogen sind. Aber in der Übergangsepoche merkt man ihnen ihren verführerischen, illusorischen Charakter nicht an. Das ist ja auch der Grund, warum die vierzehn Punkte des Woodrow Wilson die Welt so betört haben. Und jetzt werden Sie verstehen, so etwas wie den unklaren Friedensvertrag als ein Weltsymptom unserer Zeit aufzufassen. Es ist sehr charakteristisch, daß dieser unklare Friedensvertrag in einer Zeit auftritt, in der die Menschen sich von der bloß aus dem physischen Leibe hervorgehenden Sprache, ihren Fügungen, ihrer Grammatik, zum unmittelbaren Gedankenverständnis wenden sollen. In demselben Maße, in dem die Menschen Verständnis haben werden für das Walten des Geistes von Mensch zu Mensch, werden aber auch die verschiedenen Sprachen der Erde kein Hindernis mehr sein für das brüderliche Zusammengehen. Und in demselben Maße wird erst ein Völkerbund möglich werden. Und in demselben Maße, in dem zu den heutigen, bloß animalischen Beziehungen — sie sind ja fast aufs Höchste gekommen diese animalischen Beziehungen der Menschen — hinzutreten die geistigen, wird erst Sozialismus möglich sein. Sozialismus unter den heutigen sozialen Voraussetzungen, die antisozial sind, ist davon abhängig, daß die Menschen Geistigkeit, Seelisches in sich aufnehmen, einander verstehen können über die Sprache hin. Anders ist es unmöglich, zu einem wirklichen Sozialismus zu kommen. Man kann ihn anstreben, man kann von ihm reden, aber man redet in bloßem Wortgeklingel von ihm. Und Wortgeklingel hört man ja heute auf dem Markte des politischen Lebens immer. Immer ist es so: wenn man heute einen Politiker irgendeiner Parteischattierung hört, dann hört man seine Worte, die man ja ungefähr selber ablaufen lassen könnte, man hört alte Parteiprogramme, längst bekannte, man braucht gar nicht zuzuhören, es erhebt sich aber aus seinem Innern heraus ein schauderhaftes Gespenst, eine schwarze Gestalt, die innerlich ganz hohl und leer ist, und die erfüllt sein will; erfüllt mit dem, was aus der Verwandlung der antisozialen Triebe hervorgehen kann durch die Entwickelung des sozialen Lebens, das aber in der Zukunft von Geist zu Geist abfließen muß, während die Sprache gerade in der Vergangenheit in vieler Beziehung dasjenige war, was die Menschen erst zu sozialen Wesen gemacht hat. Aus der Sprache und aus dem, was durch die Sprache als Zusammenhang der Menschen zustandegebracht worden ist, gingen die patriarchalischen und sonstigen sozialen Zusammenhänge hervor. Jetzt, wo die Sprache abstirbt, muß eine innere Geistigkeit an die Stelle desjenigen treten, was die Substanz der Sprache war. Das ist die Bedingung eines wirklichen Fortschrittes.
[ 26 ] Aber an solche Dinge wollen sich die Leute, wie zum Beispiel Max Scheler und Johann Plenge, durchaus nicht heranmachen. Plenge gehörte auch zu denjenigen, die unseren Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt » empfangen haben, die ihn nicht unterschrieben haben unter der Motivierung, daß ihnen ja dieser Aufruf ganz gut gefalle, daß sie ihn aber zu unklar finden, und deshalb ihren Namen nicht darunter setzen können. Ich begreife das vollständig, denn die ganze Geistesorganisation eines solchen Mannes wie Plenge ist so, daß er sich nur an die Worte und an das Wortgefüge halten kann, daß er durch die besondere Art der Worte und des Wortgefüges nicht ahnt, daß ein neuer Geist dahintersteckt. Daher nimmt er gar nichts von dem wahr, was eigentlich durch diesen Aufruf gesagt werden soll. Weil man ja natürlich die Worte nicht so setzen kann und die Sätze nicht so formen kann, wie es die Menschheit gewöhnt ist durch die heutige Zeitungspest und durch die wissenschaftliche Pest, so kommen den Leuten dann diese geformten Worte und geformten Satzfügungen absonderlich vor. Und sie finden außer dem, daß sie den Geist nicht finden, auch noch die Sprache unklar. Ich begreife beides vollständig, denn es ist erst etwas zu überwinden — was ich durch den heutigen Vortrag charakterisieren wollte —, wenn das wirklich verstanden werden soll, was gewissermaßen in einer neuen Sprache gesagt werden soll.
[ 27 ] Das ist etwas, was überhaupt heute in die Kultur, in die Geisteskultur der Menschheit hineindringen soll, auch auf anderen Gebieten. Wenn Sie mal nach Dornach zu unserem Bau kommen, der umfassen soll unsere geisteswissenschaftliche Hochschule, dann werden Sie alles anders behandelt finden, als die bisherige Kunst die Dinge behandelt hat. Schon die Wände selber finden Sie dort anders behandelt. Was bedeutet eine Wand im Grunde in aller bisherigen Kunst, in aller Architektur? Eine Wand bedeutet einen Abschluß. Man war in etwas drinnen, was durch die Wände abgeschlossen ist, und das mußte auch durch die künstlerischen Motive, durch die künstlerischen Formen zum Ausdruck kommen. Man mußte sich in etwas drinnen fühlen. In Dornach wird mit dieser Tradition, die eine tausendjährige ist, gebrochen. Die Wände sind — natürlich, künstlerisch muß das genommen werden — nicht so, daß man sich abgeschlossen fühlt, sondern es ist alles so geformt, alles künstlerisch so gebildet, daß die Wand geistigseelisch durchsichtig wird, daß man innerlich die Empfindung hat: sie hört auf zu sein, diese Wand. Durch jede Windung wird die Seele in eine solche Stimmung versetzt, daß sie die Wände seelisch durchsichtig empfindet. Das ist bis zum Physischen in den Fenstern getrieben. Für die Fenster habe ich das Prinzip ersonnen, Glasradierungen zu machen, das heißt einfarbige Glasscheiben werden so behandelt, daß sie ausgekratzt werden mit dem Diamantstift, und sie sind dann erst ein Kunstwerk, wenn die äußere Sonne durchscheint, wenn Verbindung geschaffen ist durch die äußere Welt. Erst das Durchglänzen der Sonne macht das Ausgekratzte zum Kunstwerk. So ist aber auch das Künstlerische in der Formung gehalten: Wände, die sich vernichten, daß man drinnen sitzt nicht wie in einem geschlossenen Raume, sondern wie wenn man als Mikrokosmos mit dem Makrokosmos in unmittelbarer Verbindung stände, wie wenn man mit dem ganzen Weltall in einer innigen Verbindung stände. — Das muß gesucht werden auf allen Gebieten des Daseins. Daß man abstrakt davon spricht, daß die sinnliche Welt eine Maja sein soll, das tut es für die Zukunft nicht mehr. Die sinnliche Welt, wenn man ihr Dasein ableugnet, wird sich erst in ihrem Dasein recht bemerklich machen. Aber wenn man künstlerisch überwindet dieses Dasein, durch die künstlerische Form selber, dann wird durch den Willen erreicht, was sonst dutch die Anschauung, durch das Denken, durch die Abstraktion erreicht werden soll.
[ 28 ] Das kommt dann wiederum zu Hilfe dem, daß die Sprache etwas werden soll, was eigentlich geistig durchsichtig wird, worauf man nicht mehr hinhört, sondern durch das man durchhört, um die Gedanken direkt zu hören. Die Sprache muß erst vertrocknen, wie sie es als englische Sprache tut, um durchhörbar zu werden, damit man auf die Gedanken direkt hört, damit jene Verbindung von Seele zu Seele auftritt, die in einer Art von Gedankenlesen besteht. Das werden die Engländer nicht machen können. Das wird die englische Kultur nicht machen können, die Kultur, aus der hervorgegangen ist, trotz seiner Größe, Shakespeare oder Newion oder Darwin. Die kann das allein nicht fertigbringen. Das kann nur fertiggebracht werden, wenn die mitteleuropäische Kultur sich auf ihr besseres Element besinnt und in der Weltkultur mitwirkt zu diesem geistigen Empfinden von Mensch zu Mensch. Wir müssen gründlich brechen lernen mit dem, was wir als eine Schändung und Verleugnung unseres Selbstes in den letzten Jahrzehnten ausgebildet haben. Wir müssen wiederum anknüpfen lernen an die Größe eines Lessing, Schüler, Goethe und so weiter und verstehen lernen, das «Deutsch» zu nennen, was wir in den letzten Jahrzehnten völlig vergessen haben, dem wir uns völlig entfremdet haben. Dann werden wir unseren Anteil zu der Entwickelung der Weltkultur beitragen können. Und wir müssen vor allen Dingen lernen, nicht Träumer zu sein und uns nicht Illusionen hinzugeben, sondern die Wirklichkeit anzuschauen, wie sie eben ist. Das ist dasjenige, was heute am dringendsten notwendig ist. Wir müssen lernen, den Leuten genauer auf die Finger zu schauen, und sie von einem gewissen geistigen Standpunkte aus zu beurteilen. Wir müssen den Mut haben zu sagen: Wenn über die Angelegenheiten der Gegenwart zwei solche Menschen einander gegenüberstehen wie Scheler und Plenge, dann redet der eine, also der Scheler, luziferisch aus den Dingen heraus, aus Impulsen, die er sich befruchten läßt durch ein katholisierendes Christentum. Da redet Ahriman mit Luzifer, da redet nicht der Mensch dazwischen. Dieser Mensch dazwischen muß erst wiederum gefunden werden. Aber wir müssen den Mut haben, den Menschen so auf die Finger zu schauen. Die Menschen gehen ja heute aneinander vorbei, ohne daß sie sich wirklich kennenlernen. Sie schauen sich obenhin an und bilden sich Urteile von anderen, die ihnen eben bequem sind; sie bilden sich nicht dasjenige Urteil, das wirklich wahr ist.
[ 29 ] Das ist es, meine lieben Freunde, was damit zusammenhängt, daß ich sage: Wir müssen aufhören, uns Illusionen hinzugeben. Wir müssen den Mut zur Wahrheit in einer Weise entwickeln, die für viele Menschen der Gegenwart noch unerhött ist.
[ 30 ] Mit diesem Wollen müssen wir drinnenstehen zwischen West und Ost, und wir müssen auch den Mut haben, die Dinge im Osten so zu beurteilen, daß wir uns sagen: Das, was hier oftmals erwähnt worden ist als dasjenige Volkselement, das im Osten wie ein Keim liegt, der in die Zukunft hinein sich entwickeln will, das wird gegenwärtig übertönt von einem anti-russischen, man könnte sogar sagen, antimenschlichen Element. Denn in dem, was sich in Rußland entwickelt, entwickelt sich die äußerste Konsequenz des menschen- und geisttötenden logischen Denkens, das nichts mehr produktiv hervorbringen kann, das nur Raubbau treiben kann mit dem Alten. Es erscheint wirklich wie eine gewaltige Tragik, wie eine bittere Tragik, wenn man überschaut, was im russischen Osten in der Kultur in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hervortrat und was seine höchste Höhe erreichte in dem außerordentlichen Geist — wenn er auch für den Westen wenig verständlich ist —, in dem für Rußland außerordentlichen Geist Solowjow. In Solowjow wird gewissermaßen alles das, was in Rußland zukunftträchtig ist, philosophisch zusammengefaßt. Man hat ja in Mitteleuropa wenig sich mit Solowjow befaßt. Ein Universitätsprofessor der Philosophie, der eine große Berühmtheit hat, kam eines Tages darauf, daß es einen Solowjow gibt und daß das auch Gedanken der Gegenwart sind, mit denen er sich befassen sollte. Aber da hatte er nicht den inneren Antrieb, sich selbst mit der Sache direkt zu befassen, da sagte er einem seiner Schüler: Sie wollen Doktor werden, machen Sie mir eine Doktor-Dissertation über Solowjow, dann werde ich zu gleicher Zeit mit Ihnen mich unterrichten können über diesen Solowjow. — Das war überhaupt in der letzten Zeit mehr oder weniger die Methode geworden, durch die Universitätsprofessoren sich das ihnen Unbekannte in der geistigen Produktion angeeignet haben. Der Universitätsprofessor, von dem ich Ihnen spreche, ist nicht nur ein Universitätsprofessot, sondern eine berühmte philosophische Größe der unmittelbar abgelaufenen Gegenwart.
[ 31 ] Es steckt in diesem Osten etwas, was sich wiederum hinausarbeiten wird über den zerstörenden Leninismus hin. Aber dazu ist notwendig, daß man auch das dritte Element, das wirkliche soziale Streben der Gegenwart in seiner vergeistigten Gestalt verstehen lernt, daß man es durchdringen lernt mit wirklicher Geisteswissenschaft. Dann wird einem die tragisch-bittere Erscheinung, die in Solowjow auftritt, zum Bewußtsein kommen. Dann wird man sich sagen: Auf der einen Seite ein Solowjow, heraus sich entwickelnd aus diesem europäischen Osten, voll neubildender, befruchtender Geisteskeime, die im Osten aufgehen können, die uns hier in Mitteleuropa nur nicht ganz verständlich sein können; und dann, hinwegfegend über diese Erscheinung, die Weltkriegskatastrophe, hintragend, im plombierten Wagen sogar, durch Deutschland hintragend nach dem Osten den Henker des Geisteslebens, Lenin. Und die große Täuschung in Mitteleuropa bei vielen, daß die Dinge nicht so ernst genommen zu werden brauchen!
[ 32 ] Wie Kometen tauchten auf die Solowjow-Schüler, als die russische Revolution ihren Anfang nahm. Eine Erneuerung wünschten sie des dumpfen, dämmerhaften, gelähmten Geisteslebens, über das hingezogen war wie die Seelennacht selber, wie der geistige Tod, die Ertötung der Seele mit all ihren Verhältnissen. Und eine Befreiung wollten die Leute, die, wie es scheint, richtige Schüler waren des Solowjow: Kartachow, Samarin. Sie wollten aus den ersten funkelnden Strahlen der Revolution eine geistige Bewegung in Rußland entfachen. An die Stelle trat dasjenige, was jetzt wie ein wüstes Austilgen alles Geistes erscheint in Lenin, diesem Totengräber alles geistigen Lebens, wo alles verleugnet wird, was in der großen Gestalt des Solowjow vor die Menschheit des Ostens sich hingestellt hat. Und um diese Zentralerscheinung rundherum die proletarischen Volksmassen, verführt durch diejenigen, denen sie anhängen als ihren Führern. Eine unendlich traurige Erscheinung, die ihre Traurigkeit nur dann verliert, wenn ein Wollen sich aufrafft, die Wahrheit zu schauen in den verwirrenden Tatsachen der Gegenwart. Ein innerliches Wollen, das nicht bloß schimpfen will über das, was in der verirrenden Gegenwart auftritt, sondern das auch die Wahrheit sehen will und erkennen will, was in den berechtigten proletarischen Forderungen über die ganze zivilisierte Welt hin auftritt. Aber man muß in der Gegenwart, wenn man sie klar und nicht illusionistisch sehen will, auseinanderhalten können, was tief berechtigt, aber unbewußt, aus den breiten Massen des Proletariats hervortritt als dem Gedanken nach noch ungeborene Zukunftskeime, und dasjenige, was Instinkt ist, weil es der letzte verfaulende Rest ist einer niedergehenden Kultur. Das ist es, was aus den Köpfen der Führer des Proletariats heute schr häufig an die Oberfläche dunstet. Unsere Zeit hat einmal das Schicksal, daß Blühendstes neben Verstunkenstes sich hinstellt. Das ist das Schicksal derjenigen Zeiten, in denen ein Aufsteigendes sich neben einem Niedergehenden geltend machen will. Dann tritt das Niedergehende oftmals in der Form des Aufsteigenden, in der Maske des Aufsteigenden auf. Dann muß genau hingeschaut werden. Dann muß in Lenin gesehen werden der frühere Zar, der in einer anderen Maske auftritt, dieselbe Denkweise, die im früheren Zaren war, nur mit den anderen, toten, für das, was sie ausdrücken, unbrauchbaren Worten. Es muß die Metamorphose des Zarentums in den Leninismus hinein im russischen Osten der Gegenwart geschaut werden. Es muß anerkannt werden, daß dasjenige, was äußerlich auftritt, innerlich das Gegenteil dieses äußerlich Auftretenden sein kann. So schwierig sind die Verhältnisse der Gegenwart zu durchschauen. Das, was geschicht, ist so, wie wenn mir ein Mensch entgegentreten würde mit lächelndem Angesicht, mit banal lieblich tuenden Augen, mit Mienen, die mich berücken wollten, und ich wäre genötigt, ihm zu sagen: Trotz deiner Maske, trotz deiner funkelnden Augen, deines liebevollen Lächelns, bist du ein Teufel!
[ 33 ] Das wird von den Menschen der Gegenwart gefordert: die Wahrheit aufzusuchen unter den schwierigsten Verhältnissen. Das aber bezeugt, daß diese Gegenwart es notwendig hat, alle Bequemlichkeiten des Denkens und Empfindens abzulegen und es sich sauer werden zu lassen, zur Wahrheit vorzudringen. Weggefegt werden muß alles dasjenige, was heute sich ausdrückt in den Worten: Kindliches Bekenntnis, bloßes naives Hinnehmen der Bibel, das führt dich zur Seligkeit.Das ist keine Seligkeit, zu der das führt, das ist nur, dem wüstesten Egoismus der Seele frönen. Alles, was heute aus dieser Gesinnung herausquillt, muß beachtet, muß angeschaut werden. Und wenn statt eines mutigen wirklichen Eindringens in das, was der heutigen Zeit notwendig ist, tantenhaftes Auffassen von Beziehungen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu dem dreigliederigen sozialen Organismus auftritt, dann darf man nicht froh sein, weil dieses tantenhafte Auffassen scheinbar äußerlich butterig und wohlwollend ist, dann darf man nicht glauben, daß man es nicht abweisen könnte. Sondern man muß das Tantenhafte tantenhaft nennen und muß wissen, daß heute dieses Tantenhafte das Zerstörende ist, daß dieses Tantenhafte dasjenige ist, was den Bolschewismus, den es abweisen will, erzeugt. Die Heilung kann nur bestehen in dem mannhaften, untantigen Eintreten in strenge Geisteswissenschaft. Das ist es, was heute sich auf unsere Seele legen muß, was ein Element, ein Ferment unseres Seelenlebens werden muß. Vermag es das nicht, dann kommt die Menschheit nicht vorwärts. Wenn man beschließt, in den alten Gedanken- und Empfindungsbahnen weiterzufahren, beschließt man den Niedergang. Bequem ist es von innen, höchst unbequem von außen wird es werden. Oder aber man rafft sich auf durch starke innere Kraft zur Erfassung des Geistes, dann wird das, was absterben soll, vom Geiste erfaßt werden, und der Geist wird es umwandeln in eine neue europäische Zivilisation, wie er alles, was abstirbt, zu neuem Leben aufruft. Der Geist wird ein neues Leben erzeugen, und wir werden wiederum haben dasjenige, was eine aufsteigende Strömung des Menschen in ein Geistesleben ist.
