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Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192

13 July 1919, Stuttgart

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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen

Dreizehnter Vortrag

Thirteenth Lecture

[ 1 ] Heute vor acht Tagen habe ich hier vor Ihnen eine Art Betrachtung angestellt, die dann in ähnliche Worte ausgeklungen hat, wie auch der letzte öffentliche Vortrag im Siegle-Haus am Freitag. Ich habe darauf aufmerksam gemacht, wie die Menschheit der Gegenwart vor zwei Möglichkeiten gestellt ist, von denen man schon sagen muß, daß die eine unbedingt in den Niedergang der gegenwärtigen Zivilisation Europas hineinführen muß, daß die andere der einzige Rettungsweg aus dem Verfall ist. Nun möchte ich Ihnen zeigen, wie solche Aussagen durchaus nicht bloße Behauptungen sind; das sind sie ja schon aus dem Grunde nicht, weil sie herausgeholt werden können aus dem wirklichen geistigen Schauen und der sich dadurch ergebenden Erkenntnis in die Verhältnisse der gegenwärtigen Menschheitsentwickelung. Aber auch für denjenigen, der sich nicht einlassen will auf diese geistige Schauung, gibt es viele, viele Möglichkeiten, das Geschaute auch durch die äußeren Tatsachen des gegenwärtigen Lebens bekräftigt zu sehen. Einzelne wenige Tatsachen aus der Fülle, die angeführt werden könnten, sollen nun auch heute angeführt werden.

[ 1 ] Eight days ago today, I presented a kind of reflection here before you, which concluded with words similar to those of my last public lecture at the Siegle House on Friday. I pointed out how humanity today faces two possibilities, one of which must inevitably lead to the decline of Europe’s current civilization, while the other is the only path to salvation from this decline. Now I would like to show you that such statements are by no means mere assertions; they are not, for one thing, because they can be derived from genuine spiritual insight and the resulting understanding of the circumstances of humanity’s present development. But even for those who do not wish to engage with this spiritual insight, there are many, many opportunities to see what has been perceived confirmed by the external facts of contemporary life. A few individual facts from the abundance that could be cited will now be presented today.

[ 2 ] Es ist in Münster in Westfalen ein kleines Büchelchen erschienen, das den Titel trägt «Christentum und Sozialismus» von Johann Plenge, der von seinem Gesichtspunkte aus ja auch früher schon manches zum Verständnis der gegenwärtigen Zeitenströmungen veröffentlicht hat. Dieses Schriftchen enthält einen Vortrag Plenges, den er gehalten hat nach den Eindrücken, die er von zwei anderen Vorträgen empfangen hatte. Der ja eigentlich schon recht bekannte Philosoph der Gegenwart Max Scheler hatte nämlich am 8. und 9. April dieses Jahres in Münster in einem Doppelvortrag über die Frage gesprochen: Was ist christlicher Sozialismus? Und Johann Plenge hat unmittelbar darauf, am 11. April, in der Schlußvorlesung seines sozialwissenschaftlichen Proseminars der Akademie Münster die Antwort von seinem Standpunkte aus auf diese Vorträge über «Christentum und Sozialismus» von Scheler gegeben. Es ist interessant, was Plenge erzählt über die kurze Vorgeschichte, die sich zwischen diesen beiden Vorträgen abgespielt hat. Scheler, der ganz zweifellos zu den scharfsinnigsten Denkern der Gegenwart gehört, hatte am 8. und 9. April seinen Doppelvortrag über Christentum und Sozialismus gehalten, und schon am zweitnächsten Tage hat Plenge seine Antwort erteilt. Von der Zwischenzeit erzählt Plenge, daß eine persönliche Unterredung zwischen ihm und Scheler stattgefunden habe, in der sie sich über verschiedene Fragen geeinigt haben, wie Plenge sagt. Nun, verfolgt man aber wirklich dasjenige, was dann Plenge auf die Ausführungen Schelers gesagt hat, dann hat man nicht den Eindruck, daß sich diese beiden Herren, die in gewisser Weise Repräsentanten des gegenwärtigen Denkens sind, verständigt haben, sondern man hat das deutliche Gefühl, daß diese beiden Herren in ihren Untergründen gründlich aneinander vorbeigeredet haben, so vorbeigeredet haben, daß dieses Vorbeireden geradezu charakteristisch ist für gewisse seelische, soziale Erscheinungen in der Gegenwart. Charakteristisch ist es aus dem Grunde, weil heute ja in umfassendstem Maße stattfindet, was ich öfter hier charakterisiert habe: daß die Menschen der Gegenwart eben durchaus so starke antisoziale Triebe haben, daß, selbst wenn sie den besten Willen haben, sich miteinander zu verständigen, sie doch eigentlich immer aneinander vorbeireden. Vorbeireden und Vorbeidenken, das ist in der Gegenwart so stark, daß man Unterredungen der folgenden Art haben kann.

[ 2 ] A small booklet has been published in Münster, Westphalia, titled *Christianity and Socialism* by Johann Plenge, who, from his own perspective, has already published several works aimed at helping readers understand current trends. This booklet contains a lecture by Plenge, which he delivered based on the impressions he had gained from two other lectures. Max Scheler, a contemporary philosopher who is, in fact, already quite well-known, had spoken on April 8 and 9 of this year in Münster in a two-part lecture series on the question: What is Christian socialism? And immediately afterward, on April 11, in the concluding lecture of his introductory seminar on social sciences at the Münster Academy, Johann Plenge offered his response—from his own perspective—to Scheler’s lectures on “Christianity and Socialism.” It is interesting to note what Plenge recounts about the brief events that took place between these two lectures. Scheler, who is undoubtedly one of the most astute thinkers of our time, had delivered his two-part lecture on Christianity and socialism on April 8 and 9, and Plenge had already offered his response just two days later. Plenge recounts that, in the intervening time, a personal conversation took place between him and Scheler, during which, as Plenge says, they reached agreement on various issues. However, if one really follows what Plenge subsequently said in response to Scheler’s remarks, one does not get the impression that these two gentlemen—who are, in a certain sense, representatives of contemporary thought—have reached an understanding; rather, one has the distinct feeling that, at a fundamental level, these two gentlemen have thoroughly talked past one another, to such an extent that this failure to understand one another is downright characteristic of certain psychological and social phenomena of the present. It is characteristic for the reason that what I have often described here is taking place today on a vast scale: that people today have such strong antisocial impulses that, even when they have the best of intentions to understand one another, they actually always end up talking past one another. Talking past one another and thinking past one another—this is so prevalent today that one can have conversations of the following kind:

[ 3 ] Jemand kommt zu einem, man entwickelt ihm gewisse Anschauungen, sagen wir, über Pädagogik oder ähnliches, die aus den anthroposophisch orientierten geisteswissenschaftlichen Forderungen herrühren. Diese Anschauungen, sie sind so, daß sie sich nun tatsächlich unterscheiden von den Anschauungen, die heute die landläufigen sind, die heute auch als außerordentlich gute angesprochen werden. Der Betreffende hört dann oftmals zu und sagt zum Schlusse: Ja, ich bin ja vollkommen einverstanden. Dasselbe habe ich seit langer Zeit auch schon gedacht, das sehe ich als das Richtige an. — Aber er hat genau das Gegenteil von dem gesagt, was ausgesprochen worden ist, einfach aus dem Grunde, weil wir heute in einer Entwickelungsphase der Menschheit angelangt sind, wo man dieselben Sätze und Satzfügungen sagen kann, und sie bedeuten aus dem Munde des einen das Gegenteil von dem, was sie aus dem Munde des anderen bedeuten. Wir haben uns in einer gewissen Weise von dem inneren Gehalt der Sprache das ist eine charakteristische soziale Erscheinung der Gegenwart —, wir haben uns von dem Inhalt der Sprache so weit entfernt, daß wir mit denselben Worten und Satzfügungen das eine und auch das Gegenteil, das andere, aussagen können. Gegenüber einer solchen Zeiterscheinung kann es sich nicht darum handeln, den Blick davon abzuwenden, weil das bequem ist, sondern es kann sich nur darum handeln, den Blick gerade darauf hinzurichten und sich zu fragen: Was geht eigentlich aus einer solchen Erscheinung hervor? Nun möchte ich dieses charakteristische Beispiel Scheler-Plenge anführen, weil wir da auf der einen Seite in Scheler einen Menschen vor uns haben, der nach einem Gedankensystem strebt, welches der Gegenwart Sozialismus geben soll, Sozialismus, wie er sich ihn denkt; wie er sich ihn denkt aus einem katholisch gefärbten Christentum heraus, das bei ihm, bei Scheler, aus einer wirklich inneren Begeisterung hervorgeht, das aus der wirklich inneren, bis zum Willen sich aufraffenden Gefühlsrichtung eines katholisierenden Christentums hervorgeht. Aus diesem katholisierenden Christentum heraus bekämpft er den gegenwärtigen Kapitalismus, namentlich den kapitalistischen Geist, und er verspricht sich nur von der Ausbreitung seiner katholisch-christlichen Empfindungsweise die Möglichkeit, daß die gegenwärtige Menschheit von innen heraus, vom Herzen heraus mit sozialer Gesinnung durchdrungen werde, und daß dann von dieser sozialen Gesinnung auch eine soziale Lebensordnung ausgeht. Also Scheler steht auf einem Boden, auf dem ganz und gar nur dasjenige gedeiht, was der Mensch aus einem gewissen inneren Wissen, einem empfindenden Wissen heraus entwickelt. Von diesem Gesichtspunkte aus verficht er seinen christlichen Sozialismus für die Gegenwart.

[ 3 ] Someone comes to you, and you present them with certain views—let’s say, on pedagogy or something similar—that stem from the requirements of anthroposophically oriented spiritual science. These views are such that they actually differ from the views that are commonly held today—views that are also regarded as exceptionally good. The person in question often listens and says in the end: “Yes, I completely agree. I’ve thought the same thing for a long time; I consider that to be the right approach.” — But they have said exactly the opposite of what was actually stated, simply because we have now reached a stage in human development where one can utter the same sentences and phrases, and yet they mean the opposite from one person’s mouth than they do from another’s. In a certain sense—and this is a characteristic social phenomenon of the present—we have distanced ourselves so far from the inner content of language that we can use the same words and phrases to express one thing and also its opposite, the other. Faced with such a contemporary phenomenon, the issue cannot be to look away from it simply because it is convenient; rather, the issue must be to focus our attention precisely on it and ask ourselves: What does such a phenomenon actually reveal? Now I would like to cite this characteristic example of Scheler and Plenge, because here we have, on the one hand, Scheler—a man who strives for a system of thought that is meant to provide the present with socialism, socialism as he conceives it; as he conceives it from a Catholic-tinged Christianity that, in his case—in Scheler’s—arises from a truly inner enthusiasm, from the truly inner emotional orientation of a Catholicizing Christianity that rises up to the level of the will. From this Catholic-oriented Christianity, he combats contemporary capitalism—specifically the capitalist spirit—and he sees the possibility, only through the spread of his Catholic-Christian sensibility, that contemporary humanity might be imbued from within, from the heart, with a social spirit, and that a social order of life might then emerge from this social spirit. Thus, Scheler stands on ground where only that which human beings develop from a certain inner knowledge—a sensuous knowledge—can truly flourish. From this perspective, he advocates his Christian socialism for the present.

[ 4 ] Johann Plenge steht auf einem ganz anderen Standpunkte. Er geht nicht aus von dem, was gewissermaßen im Innern aufsteigt als eine soziale Erkenntnis, sondern Plenge will ausgehen von dem, was im Gesellschaftsleben vorhanden ist. Er will ausgehen von den Erscheinungen, die im sozialen Dasein sich kundgeben. Er will also beobachten, wie sich Mensch zu Mensch verhält, wie sich Menschengruppen gesellschaftlich zusammenschließen und so weiter. Er vertritt also im Gegensatz zu einer Art Willenswissenschaft des Max Scheler eine gewisse Gesellschaftswissenschaft, eine Art Sozialwissenschaft. Und er versucht, vom Standpunkte dieser Sozialwissenschaft aus nun seinerseits diejenigen Einrichtungen zu charakterisieren, von denen er sich denken muß, daß sie eine gewisse soziale Ordnung in unserem Menschenleben hervorbringen werden. Nun haben diese beiden Herren vollständig, wie ich Ihnen schon sagte, aneinander vorbeigeredet, und Plenge hat sogar noch den Glauben — Scheler wird ihn wahrscheinlich nicht haben, das weiß ich nicht —, daß sie sich bis zu einem gewissen Grade verstanden haben. Sie haben sich eben gar nicht verstanden. Und das rührt einfach davon her, daß heute in weitesten Kreisen das Element fehlt, durch das sich die Menschen innerlich wirklich verständigen können. Und dieses Element ist eben kein anderes als dasjenige, das hier geltend gemacht wird als das Verständnis der geistigen Welt selber, welches harmonisierend wirken kann für die verschiedenen Denk- und Gefühlsrichtungen der heutigen Zeit, auch für die Willensrichtungen, und von welchem sich heute Geister wie Scheler und Plenge noch durchaus fernhalten wollen. Solch eine Erscheinung wie die, welche in dem Zwiegespräch zwischen Plenge und Scheler auftritt, sie durchsetzt unser ganzes gegenwärtiges Menschheitsleben.

[ 4 ] Johann Plenge takes a completely different standpoint. He does not start from what, so to speak, arises from within as a social insight; rather, Plenge wants to start from what is present in social life. He wants to start from the phenomena that manifest themselves in social existence. He therefore seeks to observe how people relate to one another, how groups of people come together socially, and so on. In contrast to Max Scheler’s kind of “science of the will,” he thus advocates a certain “science of society,” a kind of social science. And from the standpoint of this social science, he in turn attempts to characterize those institutions which he believes will bring about a certain social order in our human life. Now, as I have already told you, these two gentlemen have completely talked past one another, and Plenge even still believes—Scheler probably does not, though I do not know—that they understood one another to a certain degree. They simply did not understand one another at all. And this stems simply from the fact that today, in the widest circles, the element is missing through which people can truly communicate with one another on an inner level. And this element is none other than that which is asserted here as an understanding of the spiritual world itself—an understanding that can have a harmonizing effect on the various currents of thought and feeling in our time, as well as on the currents of the will—and from which minds like Scheler and Plenge still wish to keep themselves entirely at a distance. A phenomenon such as that which arises in the dialogue between Plenge and Scheler pervades our entire present-day human existence.

[ 5 ] Nun haben wir hier zunächst ein Interesse daran, diese Durchsetzung gerade für Mitteleuropa zu betrachten. Und da bitte ich Sie, sich daran zu erinnern, wie ich das letztemal hier, am letzten Sonntag, entwickelt habe, daß wir innerhalb der mitteleuropäischen Geisteskultur einen Goetheanismus haben, daß wir auch dasjenige haben, was ich Ihnen charakterisiert habe letzthin, in einer für die heutige Zeit etwas paradoxen Art, als das Hegeltum. Nicht wahr, das Hegeltum, die Weltanschauung Hegels, sie hat ja auch geschichtlich etwas höchst Merkwürdiges. Sie ist, so wie sie von Hegel dasteht, der reinste Idealismus, die Welterfassung aus der Vernunft, das heißt zwar aus dem verdünntesten, aber doch aus dem Geiste heraus. Nun ist das Eigentümliche, daß erstens Hegel eine große Anzahl von Schülern gehabt hat, und diese Schüler waren gruppiert von der äußersten Rechten, vom Reaktionismus bis zur äußersten radikalsten Linken, auch in politischer und religiöser Beziehung so gruppiert. Unter diesen Schülern war der lebendigste Streit. Und Sie wissen, man hat ja das Wort geprägt, daß Hegel selber vor seinem Tode gesagt haben soll angesichts seiner Schüler und derer, die es haben werden wollen oder werden sollen: «Nur einer hat mich verstanden, und der hat mich mißverstanden.»

[ 5 ] Now, our primary interest here is to examine this development specifically in relation to Central Europe. And here I ask you to recall how I elaborated on this last time I was here, last Sunday—that within Central European intellectual culture we have Goetheanism, and that we also have what I recently characterized for you, in a way that is somewhat paradoxical for our times, as Hegelianism. Isn’t it true that Hegelianism—Hegel’s worldview—also has something highly peculiar about it historically? As presented by Hegel, it is the purest idealism, a conception of the world based on reason—that is, on the most diluted form of the spirit, yet still rooted in the spirit. Now, what is peculiar is that, first of all, Hegel had a large number of students, and these students were grouped across the political and religious spectrum—from the far right, from reactionary thought, to the farthest, most radical left. There was the most lively debate among these students. And as you know, the saying has been coined that Hegel himself is said to have remarked before his death, in reference to his students and those who would or were to claim to understand him: “Only one has understood me, and he has misunderstood me.”

[ 6 ] Nun ist aber noch etwas anderes gekommen. Unter den Schülern dieses Hegel war auch Karl Marx, der Begründer der gegenwärtigen sozialistischen Weltanschauung in einer ihrer Ausgestaltungen. Dieser Karl Marx ist unter dem Einfluß des Hegeltums völligster Materialist geworden, sogar mit Bezug auf die geschichtliche Anschauungsweise. Ganz normal aus dem Hegeltum sich herausentwickelnd ist Karl Marx zum Anti-Hegel geworden. Das Hegeltum hat vollständig, wenn man in seiner eigenen Sprache sprechen will, in sein Gegenteil umgeschlagen.

[ 6 ] But now something else has come along. Among Hegel’s students was Karl Marx, the founder of the contemporary socialist worldview in one of its forms. Under the influence of Hegelianism, this Karl Marx became a thoroughgoing materialist, even with regard to his view of history. Developing quite naturally out of Hegelianism, Karl Marx became an anti-Hegel. Hegelianism has, to use its own terminology, completely turned into its opposite.

[ 7 ] Ja, woher rührt denn so etwas? So etwas rührt davon her, daß eine solche Anschauungsweise, wie sie Hegel herausgestaltet hat aus seinem Innern, und die die geläutertste, verdünnteste Geistigkeit in Form der logischen Menschenvernunft ist, daß so etwas überhaupt nur in der geschichtlichen Entwickelung gesund bleiben kann, wenn es sich in einer einzelnen persönlichen Individualität entwickelt. Schon der Schüler kann nicht mehr eine gesunde Geistigkeit entwickeln, und in der dritten Generation wird eine solche Anschauung bereits zum völlig ungesunden Element, wenn man dogmatisch darauf schwört. Deshalb habe ich Ihnen das letztemal gesagt, daß in bezug auf solche Dinge die groteske Forderung auftritt, daß man zum Beispiel sich vertiefen soll in das Hegeltum, aber nur davon lernen soll, wie auch von dem Goetheanismus, seinen eigenen Geist zu befruchten, selber in dieses Element des Denkens und Anschauens hineinzukommen, und dann muß man den Weg verlassen und sich weiterbilden auf demselben Wege.

[ 7 ] Yes, where does something like that come from? It stems from the fact that a way of thinking such as that which Hegel developed from within himself—and which is the most purified, most diluted form of spirituality in the guise of logical human reason—can remain healthy in the course of historical development only if it develops within a single, personal individuality. Even a student can no longer develop a healthy spirituality, and by the third generation, such a worldview already becomes a completely unhealthy element if one dogmatically swears by it. That is why I told you last time that, with regard to such matters, a grotesque demand arises: for example, that one should immerse oneself in Hegelianism, but should learn from it—as well as from Goetheanism—only how to fertilize one’s own spirit, to enter into this element of thinking and perception oneself, and then one must leave that path and continue one’s education along the same path.

[ 8 ] Wer heute auf Goethe schwört, auf Hegel schwört, und dabei das so meint, daß er einfach deren Dogmen übernimmt, der schadet sich und anderen. Wer heute wirklich Goetheaner sein will, darf nicht auf Goethe dogmatisch schwören, sondern er muß weiterbilden dasjenige, was in einer Anlage bei Goethe vorhanden ist. Und in noch stärkerem Maße ist das beim Hegeltum der Fall. Beim Hegeltum zeigt sich, was da eigentlich vorliegt. Dieses Hegeltum in der deutschen Entwickelung ist eine höchst, höchst charakteristische Erscheinung. Da liegt nämlich etwas vor, was ein Charakteristikon des logischen Denkens überhaupt ist. Niemand kann eigentlich verstehen, was das logische Denken für den Menschen ist, der nicht etwas von der Geisteswissenschaft versteht. Denn diese Geisteswissenschaft zeigt ihm erst, daß es auch noch einen anderen, einen übersinnlichen Menschen gibt, nicht nur den Menschen, der als die sinnliche Leiblichkeit uns entgegentritt. Diese beiden Dinge, der übersinnliche und der sinnliche Mensch, sie verschwimmen für die Anschauung der Menschheit in ein einziges wüstes Chaos, denn das, was die gegenwärtige Anatomie und Physiologie überliefert über den Menschen, ist ein wüstes Chaos. Lernt man aber sachgemäß trennen den übersinnlichen Menschen, von dem ich neulich auch im öffentlichen Vortrag zweimal gesprochen habe, von dem sinnlichen Menschen, dann lernt man die sonderbare paradoxe Tatsache kennen — geistige Tatsachen sind zumeist für die sinnliche Anschauung paradox —, daß es ein logisches Denken für die Menschheitsentwickelung überhaupt nicht geben würde, wenn die Menschen nicht in den physischen Leib hineingeboren würden und dort sich entwickelten. Für die Logik, gerade wenn sie auf der höchsten Stufe entwickelt ist, ist der sinnliche Leib das entsprechende Instrument. Wer daher übersinnliche Erkenntnis entwickelt, wer wirklich sich hineinlebt in die übersinnliche Erkenntnis, der muß schon die Erfahrung machen, daß es außerordentlich schwierig ist, nun überhaupt diese übersinnlichen Erkenntnisse in Worte zu kleiden, daß aber, wenn er diese übersinnlichen Erkenntnisse mit der gewöhnlichen Logik auffassen will, das heißt mit dem, was nur an das Instrument des äußeren physischen Leibes gebunden ist, daß ihm dann diese übersinnliche Erkenntnis ertötet wird. Dann ist es aus mit dieser übersinnlichen Erkenntnis. Auf dem Boden der Logik erstirbt die übersinnliche Erkenntnis. Sie muß für unser Menschenleben gebracht werden zu einem Spiegelabglanz, wie es bei Hegel war. Aber dann darf man in diesem Spiegelabglanz nicht drinnen leben, sonst ist man gleich aus dem Geiste heraus. Daher ist es nicht so, daß Hegel das deutsche Denken zur höchsten Geistesentwickelung gebracht hat, sondern daß in diesem Geistigen, das Hegel bietet, das Geistloseste enthalten ist, daß gar kein Geist mehr im Hegeltum drinnen ist. Das heißt: der physische Leib erfaßt in Hegel die Geistigkeit und preßt sie zu gleicher Zeit aus. Höchster Logiker, dieser Hegel; geistloseste Philosophie, dieses dutch höchste Anstrengung des Geistes hervorgebrachte Denken! Kein Wunder, daß es umschlägt in den bewußten Materialismus, in Marxismus, und daß es so zu einer tatsächlichen Entwickelungsphase im neunzehnten Jahrhundert wird.

[ 8 ] Anyone who swears by Goethe or Hegel today—meaning that they simply adopt their dogmas—harms both themselves and others. Anyone who truly wants to be a follower of Goethe today must not swear dogmatically by Goethe, but must further develop what is already present in Goethe as a potential. And this is even more true of Hegelianism. Hegelianism reveals what is actually at work there. This Hegelianism in German development is a highly, highly characteristic phenomenon. For there is something at work here that is a hallmark of logical thinking in general. No one can truly understand what logical thinking means for human beings unless they have some understanding of spiritual science. For it is spiritual science that first reveals to them that there is also another, supersensible human being—not merely the human being who appears to us as physical, sensory existence. These two aspects—the supersensible and the sensory human being—blur together into a single chaotic jumble in the eyes of humanity, for what current anatomy and physiology teach us about the human being is a chaotic jumble. But if one learns to properly distinguish the supersensible human being—about whom I also spoke twice recently in a public lecture—from the physical human being, then one comes to know the strange, paradoxical fact—spiritual facts are, for the most part, paradoxical to physical perception —that logical thinking would not exist at all in human evolution if human beings were not born into the physical body and developed there. For logic, especially when it is developed to the highest degree, the physical body is the appropriate instrument. Therefore, anyone who develops supersensible knowledge, anyone who truly immerses themselves in supersensible knowledge, must inevitably experience that it is extraordinarily difficult to put these supersensible insights into words at all; but if they attempt to grasp these supersensible insights with ordinary logic—that is, with what is bound solely to the instrument of the outer physical body—then this supersensible insight is stifled within them. Then it is all over for this supersensible insight. Supersensible knowledge dies on the ground of logic. It must be brought into our human life as a mirror image, as it was with Hegel. But then one must not live within this mirror image; otherwise, one is immediately outside the spirit. Therefore, it is not the case that Hegel brought German thought to the highest level of spiritual development, but rather that what Hegel offers contains the very essence of spiritlessness—that there is no spirit left at all in Hegelianism. This means: in Hegel, the physical body grasps spirituality and simultaneously squeezes it out. Hegel, the supreme logician; this thinking—produced by the greatest effort of the German spirit—is the most spiritless philosophy! No wonder it turns into conscious materialism, into Marxism, and thus becomes an actual phase of development in the nineteenth century.

[ 9 ] Sehen Sie, so ernst liegen die Dinge in der Gegenwart. Und nicht versteht man, was eigentlich als Substanz in dieser unserer Gegenwart lebt, wenn man sich nicht auf solche Dinge einlassen kann. Die gegenwärtige Menschheit ist ja so, daß sie so sehr an etwas glauben möchte, daß sie so ungeheuer froh ist, wenn sie etwas vor sich hinstellen kann, oder etwas hören kann, worauf sie dann als auf das Meisterwort schwören kann. Und wenn sie darauf schwört, so schadet das am allermeisten, denn die wichtigste Forderung der Gegenwart ist diese, daß der Mensch seine freie Geistigkeit entwickeln muß. Und in dem Augenblick, wo er sündigt gegen die Freiheit seines Urteils, macht er sich zu gleicher Zeit krank. In der Gegenwart kann der Mensch gar nicht anders, es ist das ein historisches Faktum, er kann nicht anders, wenn er auf die menschliche Höhe kommen will, als sich innerlich freimachen. Es ist mehr als eine Vision, wenn man folgendes sagt: Man denke sich den Inhalt der Hegelschen Philosophie als eine Art Geistesschema, als eine Art Ätherleib in die Welt eintretend, arbeitend in ihrer rein logischen Substantialität. Denkt man sich dieses Geistgespenst über die Welt hinfegend, dann würde man das Vorbild haben für das, was physisch aufgetreten ist in den letzten vier bis fünf Jahren als die europäische Weltkatastrophe. Was im Seelischen wirksam war als ein Höchstes in dem Hegeltum, das nimmt sich im physischen Leben aus als dieses Schrecknis der Weltkriegskatastrophe in den letzten vier bis fünf Jahren. Man muß schon den Mut haben, in diese geistigen Zusammenhänge hineinzuschauen, sonst wird man in der Gegenwart überhaupt nichts verstehen von den Ereignissen. Die Menschen der Gegenwart möchten es sich so bequem machen, zur Geistigkeit zukommen. Daran sind sie aber gehindert durch die Forderungen der Zeit selber. Wenn wir heute naturwissenschaftliche Erfahrungen sammeln und sie zur höchsten Logik entfalten, so treiben wir aus dem Menschen gründlich den Geist aus. Das tut Plenge, natürlich nur bis zu einem gewissen Grade. Er entwickelt ein rein ahrimanisches Denken, wie wir es in unserer Geisteswissenschaft nennen, und das stellt er vor die Welt hin.

[ 9 ] You see, that is how serious things are at present. And one cannot understand what actually constitutes the essence of our present reality if one is unable to engage with such things. Humanity today is such that it wants so badly to believe in something that it is immensely happy when it can set something before itself, or hear something, to which it can then swear as the ultimate truth. And when it swears to that, it does the greatest harm, for the most important demand of the present is this: that human beings must develop their free spirituality. And the moment they sin against the freedom of their judgment, they simultaneously make themselves sick. In the present day, human beings have no other choice—it is a historical fact—if they wish to reach human greatness, they must free themselves inwardly. It is more than a vision to say the following: Imagine the content of Hegel’s philosophy as a kind of spiritual schema, as a kind of etheric body entering the world, working within its purely logical substance. If one imagines this specter of the spirit sweeping across the world, one would have the model for what has physically occurred in the last four to five years as the European world catastrophe. What was at work in the soul as the highest principle in Hegelianism manifests itself in physical life as the horror of the world war catastrophe of the past four to five years. One must have the courage to look into these spiritual connections; otherwise, one will understand nothing at all of the events of the present. People today would like to make it as easy as possible for themselves to approach spirituality. But they are prevented from doing so by the demands of the times themselves. When we gather scientific experience today and develop it into the highest logic, we thoroughly drive the spirit out of the human being. Plenge does this, though of course only to a certain extent. He develops a purely Ahrimanic way of thinking, as we call it in our spiritual science, and he presents this to the world.

[ 10 ] Das Umgekehrte liegt vor, wenn die Menschen etwas von innen heraus entwickeln wollen, wie es im Gegensatze zu Hegel sein sonderbarer philosophischer Zwillingsbruder Schopenbaner gemacht hat. Wenn die Menschen etwas aus dem Innern entwickeln wollen, aus dem willensartigen Element, dann tritt das Umgekehrte ein. Dann tritt das ein, daß sie immer wieder und wieder, nicht für sich, aber für ihre Schüler, für diejenigen, die ihnen dogmatisch anhängen, die Leute in den bloßen Offenbarungsglauben hineindrängen wollen, wo man sagt: Die Vorstellung kann überhaupt nichts mehr erreichen, man muß aus einem ganz andern Untergrunde heraus zur Wahrheit kommen. Dadurch kommt man in ein bestimmtes Glaubenselement hinein, wie es nicht menschlich, sondern höchstens Königsbergisch-Kantisch ist, und wie es in besonderem Maße bei Schopenhauer aufgetreten ist. Aber niemals hat der originale Geist die Neigung, in die Schäden zu verfallen, sondern erst diejenigen, die nachfolgen, namentlich die dritte Generation. Das ist so ein Weltgesetz. Und Schopenhauerianismus ist verwandt mit dem ja in unserer Zeit so beliebt werdenden Offenbarungsglauben. Das bloße Hinnehmen einer Offenbarung, wie es besonders ausgebildet ist in der katholischen Kirche der Gegenwatt, insofern sie rechtgläubig katholisch ist, und wie es seine Kulmination erreicht hat in der Erklärung des Infallibilitätsdogmas: das ist das gegenteilige Element. In diesem Element ertrinkt die von innen aufsteigende Geistigkeit. Wie durch die Logik ertötet wird das Innere, so wird ersäuft durch den bloßen Oftenbarungsglauben dasjenige, was von innen aufsteigt und die Außenwelt umspannend ergreifen will. Das sehen wir heute als eine besonders charakteristische Erscheinung. Und in diesen Strömungen leben wir drinnen. Diese Strömungen durchsetzen unbewußt alles dasjenige, was von der linken und rechten Seite heute gefordert wird. Was wissen denn die Menschen, die heute loben oder beschimpfen diese oder jene Lebensanschauung, was wissen sie von den Kräften, die in diesen Lebensanschauungen drinnen stecken? Nichts wissen sie davon. Die Leute von der äußersten Rechten haben keine Ahnung von dem, was in ihren Empfindungsimpulsen steckt, durch die sie konservativ und reaktionär sind. Die Radikalen, auch die radikalsten Bolschewisten, haben keine Ahnung, was in ihren Instinkten steckt, und wie sie durch ihre Logik längst ertöten das, was sie im äußeren Leben zum Vorschein bringen wollen. Das unbewußte Leben ist heute sehr stark in der Menschheit, und aus ihm heraus entwickeln sich diejenigen Dinge, die eigentlich die wirksamen sind und die rege werden sollen im Bewußtsein dadurch, daß man sein Wissen geistig durchleuchtet mit dem, was aus dem Übersinnlichen genommen werden kann. Auf andere Weise kann das, was in der Gegenwart wirkt, nicht mehr durchleuchtet werden.

[ 10 ] The opposite is true when people want to develop something from within, as Hegel’s peculiar philosophical twin, Schopenhauer, did—in contrast to Hegel. When people want to develop something from within, from the volitional element, then the opposite occurs. Then what happens is that, time and again—not for themselves, but for their students, for those who dogmatically follow them—they seek to force people into a mere faith in revelation, where it is said: “Conceptual thought can no longer achieve anything at all; one must arrive at the truth from an entirely different foundation.” This leads one into a certain element of faith that is not human, but at most Königsberg-Kantian, and which appeared to a particular degree in Schopenhauer. But the original spirit never has the tendency to fall into these errors; rather, it is those who follow—namely, the third generation—who do so. This is a universal law. And Schopenhauerianism is related to the belief in revelation that has become so popular in our time. The mere acceptance of a revelation, as it is particularly developed in the Catholic Church of the Middle Ages—insofar as it is orthodox Catholic—and as it reached its culmination in the proclamation of the dogma of infallibility: that is the opposite element. Spirituality rising from within drowns in this element. Just as the inner self is killed by logic, so too is that which rises from within and seeks to embrace the outer world drowned by mere belief in revelation. We see this today as a particularly characteristic phenomenon. And we live right in the midst of these currents. These currents unconsciously permeate everything that is demanded today from both the left and the right. What do the people who today praise or denounce this or that worldview actually know about the forces inherent in these worldviews? They know nothing about them. People on the far right have no idea what lies behind the emotional impulses that make them conservative and reactionary. The radicals—even the most radical Bolsheviks—have no idea what lies behind their instincts, and how their logic has long since killed off precisely what they seek to bring to light in external life. Unconscious life is very strong in humanity today, and from it develop those things that are actually effective and that are to become active in consciousness by spiritually illuminating one’s knowledge with what can be drawn from the supersensible. In no other way can what is at work in the present be illuminated.

[ 11 ] Nun sind in der Gegenwart, in der unmittelbaren Gegenwart, drei Strömungen da, die aber auch nur mehr wie die in die Höhe getragenen Wogen sind dessen, was da in den Untergründen brodelt, und was ich Ihnen mit einigen Strichen nur charaktetisieren konnte, indem ich ausging von Max Scheler und Johann Plenge und Ihnen zeigte, was logisches Denken, das im neunzehnten Jahrhundert auf die höchste Höhe getrieben wurde, und was der Offenbarungsglaube, der in dem Infallibilitätsdogma auf die höchste Höhe getrieben wurde, was diese für die menschlichen Seelenuntergründe bedeuten.

[ 11 ] Now, in the present—in the immediate present—there are three currents, but they, too, are merely the surging waves on the surface of what is seething beneath, and which I was able to characterize for you only in broad strokes, drawing on Max Scheler and Johann Plenge to show you what logical thinking—which was driven to its highest heights in the nineteenth century—and what the faith in revelation—which was driven to its highest heights in the dogma of infallibility—mean for the depths of the human soul.

[ 12 ] Aus dem, was da unten in den menschlichen Seelen brodelt und wirbelt und was sehr umfassend ist, aus dem dringt dreierlei an die Oberfläche, aber durchaus nicht so, daß es die eigentlich innere Wesenheit für den heutigen Menschen schon zeigt.

[ 12 ] From what is seething and swirling down there in human souls—and which is very comprehensive—three things rise to the surface, but by no means in such a way as to already reveal the true inner essence to people today.

[ 13 ] Erstens — man gebe sich nur keinen Illusionen hin —: Dasjenige, was sich über die Welt ausbreitet, bewußt ausbreitet, das ist die angloamerikanische Weltherrschaft, die ihre Fittiche ausstreckt über die gegenwärtige Zivilisation. Betrachten Sie alle einzelnen Erscheinungen während der Kriegsjahre und in den heutigen, sogenannten Friedensabschlüssen. Man nennt das «Frieden», weil man eben oftmals heute mit seinen Worten dasjenige meint, was man eigentlich mit den gegenteiligen Worten bezeichnen sollte. Alles das, was sich so abgespielt hat, zeigt sich als einzelne Erscheinung heraus aus einer der großen Gegenwartswellen der Ausbreitung der anglo-amerikanischen Herrschaft, des anglo-amerikanischen Weges zur Weltherrschaft. Das ist das eine. Das zeigt sich in seiner Ausbreitung, das wird klug und schlau sein, durch seine Gruppenseelenhaftigkeit, um mancherlei zu begegnen, das sich ihm entgegenstellt.

[ 13 ] First—let us not delude ourselves—what is spreading across the world, deliberately spreading, is Anglo-American world domination, which is spreading its wings over contemporary civilization. Consider all the individual phenomena during the war years and in today’s so-called peace treaties. It is called “peace” because today, all too often, people use words to mean exactly what they should actually be describing with the opposite terms. Everything that has unfolded in this way reveals itself as an individual manifestation of one of the great contemporary waves of the expansion of Anglo-American domination—the Anglo-American path to world domination. That is one aspect. This is evident in its expansion; it will be shrewd and cunning, drawing on its group-soul nature to counter various forces that oppose it.

[ 14 ] Das zweite Element, das tritt in einer ganz abstrakten Form hervor, so daß es in dieser abstrakten Form unmöglich ist zu zeigen, daß aus den Vorstellungen und aus den Willensimpulsen heraus, in denen das Ding heute auftritt, etwas Vernünftiges werden kann. Das ist das Streben nach einem sogenannten Völkerbund. Dieses Streben nach einem sogenannten Völkerbund, wie es insbesondere auch in dem Kopfe des Woodrow Wilson aufsteigt, das ist so, wie es heute vor die Menschen hintritt, noch eine völlige Unmöglichkeit, weil es eine der ärgsten Abstraktionen ist, weil es so, wie es da gedacht wird, keinen Untergrund hat in dem wirklichen menschlichen Leben. Aber daß es da ist, daß es besprochen wird, das zeigt, daß man sich dennoch aus diesem menschlichen Leben heraus nach etwas Internationalem sehnt, an dem man eben nur vorbeiredet — wie man heute an allem vorbeiredet —, indem man die Theorie eines Völkerbundes entwickelt.

[ 14 ] The second element emerges in a completely abstract form, so that in this abstract form it is impossible to show that anything rational can arise from the ideas and impulses of the will in which the thing appears today. This is the striving for a so-called League of Nations. This striving for a so-called League of Nations—as it arises in particular in the mind of Woodrow Wilson—is, as it presents itself to people today, still a complete impossibility, because it is one of the worst abstractions, and because, as it is conceived there, it has no foundation in real human life. But the fact that it exists, that it is being discussed, shows that people nevertheless yearn, from within this human life, for something international—about which they merely talk past the point—just as they talk past everything today—by developing the theory of a League of Nations.

[ 15 ] Das dritte Element ist das soziale Streben in der Gegenwart. Es sind die sozialistischen Impulse, diese sozialen Impulse, von denen man sagen kann, daß sie aus berechtigten, unterbewußten Untergründen eines großen Teiles der gegenwärtigen zivilisierten Menschheit hervorgehen, daß sie sich aber als völlig chaotische Instinkte geltend machen. Denn was heute durch das sozialistische Streben über ganz Europa bis zum fernsten Osten hinüber sich ausdehnt, das ist, daß man sagt: Ich will dies, ich will das; ich stelle dies oder jenes als Ideal auf —, daß man aber nirgends weiß, was man eigentlich machen will und wovon man eigentlich redet. Daß man nirgends weiß, die Dinge in eine bestimmte Denkweise, in einen bestimmten Denk- und Empfindungsinhalt zu bringen. Ja, diesen Denk- und Empfindungsinhalt, den haßt man sogar heute. Das ist besonders charakteristisch in einem Artikel eines gewissen Seeger, der in der ersten Nummer der ja hier in der Nähe erscheinenden «Tribüne» steht. Da wird die Dreigliederung namens des Proletariats abgewiesen und der Sozialismus gefordert. Ja, würde man dem Herrn die Aufgabe stellen, zu sagen, was er sich nun unter Sozialismus vorstellt, so würde er natürlich gar nichts sagen können, was einen wirklichen Inhalt hat. Die absoluteste Inhaltlosigkeit wird gezeigt, indem man so redet. Aber das rührt davon her, daß man überhaupt nicht mehr zu einem Gedankeninhalt kommt, daß man nur noch instinktive Empfindungen und Gefühle hat. Und es ist schließlich ganz gleichgültig, ob dieser Herr das, was er fühlt und empfindet, Sozialismus nennt, oder ob er ihm einen anderen Namen geben würde, zum Beispiel Europäanismus oder Negativismus und dergleichen; er würde im gleichen Sinn inhaltsvoll sprechen. Man würde sich immer dasselbe denken können bei dem, was er ausspricht, das heißt nichts. Darauf sind viele Menschen der Gegenwart heute noch nicht aufmerksam, zu ihrem Unglück noch nicht aufmerksam.

[ 15 ] The third element is the social aspiration of the present. These are the socialist impulses—these social impulses—which can be said to arise from the legitimate, subconscious depths of a large part of today’s civilized humanity, yet which assert themselves as utterly chaotic instincts. For what is spreading today through socialist aspirations across all of Europe and as far as the Far East is this: people say, “I want this, I want that; I set this or that as my ideal”—yet nowhere do they know what they actually want to do or what they are actually talking about. That nowhere does one know how to bring things into a specific way of thinking, into a specific content of thought and feeling. Indeed, this very content of thought and feeling is even hated today. This is particularly characteristic of an article by a certain Seeger, which appears in the first issue of the *Tribüne*, published right here in the neighborhood. There, the threefold social order is rejected in the name of the proletariat, and socialism is demanded. Yes, if one were to ask this gentleman to explain what he actually means by socialism, he would, of course, be unable to say anything that has any real substance. Speaking in this way reveals the most absolute lack of substance. But this stems from the fact that one can no longer arrive at any substantive thought at all, that one has only instinctive sensations and feelings. And ultimately, it makes no difference whether this gentleman calls what he feels and senses “socialism,” or whether he would give it another name—for example, “Europeanism” or “negativism” and the like; he would be speaking with just as much substance. One could always think the same thing about what he says—that is, nothing. Many people today are still unaware of this—unfortunately, still unaware.

[ 16 ] Das sind die drei Strömungen, die auftauchen aus dem wirren Seelenchaos der Gegenwart: anglo-amerikanische Weltherrschaft, Sehnsucht nach einer solchen Internationalität, wie sie sich in dem Streben nach einem Völkerbund ausdrückt, und Sozialismus. Aber mit demjenigen Denken, das man heute vielfach anwendet, wird man niemals hinter das kommen, was eigentlich hinter diesen Strömungen steckt. Dazu wird ein ganz, ganz anderes Denken notwendig sein, dasjenige Denken, das nicht die gewöhnliche Leibes-Logik hat, sondern dessen Logik zugleich geboren wird, indem dieses Denken aus der übersinnlichen Erkenntnis hervorsprudelt, nach den Methoden, die entgegen den gegenwärtigen wissenschaftlichen Methoden, aber trotzdem in ihrem Sinne, geisteswissenschaftlich-anthroposophisch gefunden werden müssen.

[ 16 ] These are the three currents emerging from the chaotic turmoil of the present: Anglo-American world domination, a longing for the kind of internationalism expressed in the quest for a League of Nations, and socialism. But with the kind of thinking that is widely employed today, one will never get to the bottom of what actually lies behind these currents. This will require a completely, completely different way of thinking—one that does not follow the ordinary logic of the physical body, but whose logic is born at the very moment this thinking springs forth from supersensible knowledge, according to methods that, while contrary to current scientific methods, must nevertheless be discovered in the spirit of spiritual science and anthroposophy.

[ 17 ] Nun tritt dasjenige, was ich so sage, an charakteristischen Erscheinungen hervor. Sie wissen, unsere eigenen Betrachtungen, wenn sie geschichtlich werden, befolgen eine ganz bestimmte Methode, die ich oftmals hier vor Ihnen die symptomatisierende Methode genannt habe. Man will dasjenige, was in der Geschichte lebt, durch Symptome erkennen. Nicht wie die Geschichte in der Gegenwart gewöhnlich betrachtet wird, daß man einfach das Folgende als kausal hervorgehend aus dem Früheren mechanistisch betrachtet, sondern indem man die Geschichtsentwickelung als einen fortgehenden Strom betrachtet, aus dem aber an jeder Stelle aus geistigen Tiefen die Erscheinungen hervorkommen. Auf diese Weise kann das, was da aufsteigt, was sich in den äußeren Erscheinungen zeigt, nicht als kausal aufgefaßt werden, sondern als Offenbarung für tiefinnerliche Vorgänge. Und vieles, was in der Gegenwart geschieht, muß so an den anschaubaren Vorstellungen als Symptom für Tiefinnerliches erkannt werden.

[ 17 ] Now, what I am saying here becomes evident through characteristic phenomena. As you know, our own analyses, when they take on a historical character, follow a very specific method, which I have often referred to here before you as the symptomatic method. The aim is to recognize what lives within history through symptoms. Not as history is usually viewed in the present—that is, by mechanically regarding what follows as causally emerging from what preceded it—but by viewing historical development as a continuous stream from which, at every point, phenomena emerge from spiritual depths. In this way, what rises to the surface—what manifests in external phenomena—cannot be understood as causal, but rather as a revelation of deeply inner processes. And much of what happens in the present must be recognized in observable phenomena as a symptom of what lies deep within.

[ 18 ] Da kann Ihnen in diesen Tagen ein bedeutsames Symptom entgegentreten. Sie alle werden wohl von irgendeinem Standpunkte aus nachgedacht haben über etwas, was insbesondere zunächst verheerend in unser mitteleuropäisches Leben hereingebrochen ist, über das Versailler Friedensdokument. Über dieses Versailler Friedensdokument haben sich, wie Sie ja wissen, natürlich die Menschen die allerverschiedensten Gedanken gemacht. Aber ein Gedanke, den Sie jetzt auch schon in den Zeitungen finden können, ist dabei weniger berücksichtigt worden, und für den, der tiefer schürfen will, ist das ein Gedanke, der auf etwas außerordentlich Charakteristisches hinweist. Das ist der, daß dieses Versailler Friedensinstrument, das tief in die moderne Zivilisation einschlagen soll, überhaupt nicht verständlich ist, daß, wenn man ehrlich zu Werke geht und versucht zu verstehen, was eigentlich mit den einzelnen Punkten gewollt ist, man kein wirklichkeitsgemäßes Verständnis herausholen kann. Man kann das Ding nicht verstehen, man kann nicht dahinter kommen, was eigentlich mit diesem Friedensinstrument gewollt ist. Gerade wenn man versucht, herauszubekommen aus den verschiedensten Formulierungen, was genau gemeint ist: es geht nicht. Daher kein Wunder, daß ein Franzose, Professor Aulard, im «Pays» sich in der folgenden Weise über dieses Friedensinstrument ausspricht. Also ein Franzose ist es, den wir dabei zitieren wollen, Er sagt: «Es ist eigentlich meine Pflicht als Geschichtsschreiber, Journalist und Staatsbürger, den Friedensvertrag zu lesen und darüber mir eine Meinung zu bilden. Bis jetzt ist es mir aber nicht gelungen, und ich muß gestehen, daß ich nicht imstande war, den ganzen Friedensvertrag bis zu Ende durchzulesen. »

[ 18 ] These days, you may encounter a significant symptom. You have all likely reflected, from one perspective or another, on something that initially had a particularly devastating impact on our Central European lives: the Treaty of Versailles. As you know, people have, of course, had the most varied thoughts about this Treaty of Versailles. But one idea—which you can already find in the newspapers—has received less attention, and for those who wish to delve deeper, it is an idea that points to something extraordinarily characteristic. That is, this Treaty of Versailles—which is intended to have a profound impact on modern civilization—is completely incomprehensible; that is, if one approaches it honestly and tries to understand what the individual points are actually intended to achieve, one cannot arrive at a realistic understanding. One cannot understand this document; one cannot fathom what is actually intended by this peace treaty. Precisely when one tries to determine from the various formulations what exactly is meant—it is impossible. No wonder, then, that a Frenchman, Professor Aulard, expressed himself in the following manner regarding this peace treaty in *Le Pays*. So it is a Frenchman whom we wish to quote here. He says: “It is actually my duty as a historian, journalist, and citizen to read the peace treaty and form an opinion about it. So far, however, I have not succeeded, and I must admit that I have been unable to read the entire peace treaty from beginning to end.”

[ 19 ] Und das ist ein ehrlicher Mann. Die anderen lesen den Vertrag durch und glauben, ihn zu verstehen. Aulard fühlt sich aber als Journalist und Staatsbürger verpflichtet, den Vertrag zu verstehen, er liest jeden Satz immer wieder und ist bis jetzt nicht zu Ende gekommen, weil er sich ehrlich gesteht, er kann das Ding nicht verstehen.

[ 19 ] And he is an honest man. The others read through the treaty and think they understand it. Aulard, however, feels obligated as a journalist and citizen to understand the treaty; he reads every sentence over and over again and has not yet finished because he honestly admits to himself that he cannot understand it.

[ 20 ] Dann sagt er weiter: «In meinem Berufe habe ich viele schwerfällige, dunkle diplomatische Urkunden studiert; der Friedensvertrag von Versailles ist aber eine kopfzerbrechende Arbeit, wie ich keine andere in dieser Art kenne. Man würde meinen, er sei nicht französisch ausgedacht worden; keine Spur von französischer Klarheit und Ordnung in den Gedanken, so daß man glaubt, man habe es mit einer Übersetzung zu tun. Ich will nicht von angelsächsischem Wortkram sprechen. Der Vertrag aber ist ein Wortkram und ein Wust von Artikeln. Die Erklärung dieser Tatsache fand ich im letzten Artikel des Friedensvertrages. Französisch ist also nicht mehr die diplomatische internationale Sprache. Dieses Vorrecht haben wir verloren. Man hat es uns genommen. Alle großen Verträge der neueren Geschichte sind im französischen Wortlaut verfaßt worden.»

[ 20 ] He goes on to say: “In my profession, I have studied many ponderous, obscure diplomatic documents; but the Treaty of Versailles is a mind-boggling piece of work, unlike any other of its kind I know. One might think it wasn’t conceived in France; there’s not a trace of French clarity and order in the reasoning, so that one believes one is dealing with a translation. I do not wish to speak of Anglo-Saxon verbiage. Yet the treaty is nothing but verbiage and a jumble of articles. I found the explanation for this fact in the final article of the peace treaty. French, then, is no longer the international language of diplomacy. We have lost this privilege. It has been taken from us. All the major treaties of recent history have been drafted in French.”

[ 21 ] Nun muß man sagen: Nicht umsonst ist die französische Sprache die Diplomatensprache geworden, das heißt diejenige Sprache, in der fixiert werden kann, was auf diplomatischer Grundlage abgemacht ist. Sie ist es dadurch geworden, daß sie als die Sprache eines niedergehenden modernen Kulturelementes eine große Prägnanz hat. Dieser Vertrag ist englisch, in englischen Worten und Sätzen gedacht, und er macht auf den, der gewohnt ist, mit alter Klarheit zu denken, diesen Eindruck, und er muß diesen Eindruck machen. Es ist richtig, wenn man sagt, die englische Sprache hat überhaupt nicht die Genauigkeit, das auszudrücken, was da ausgedrückt werden soll. Das aber ist das Charakteristische der englischen Sprache, das heißt derjenigen Sprache, die die Völker reden, welche jetzt die Weltherrschaft antreten. Diese Sprache der Völker, welche jetzt die Weltherrschaft antreten, sie hat einmal das Eigentümliche, daß man in ihr alles dasjenige, was geistig überschaut werden soll, nicht unmittelbar so ausdrücken kann, wie es sich ergibt, wenn man die Sprache nur so nimmt, wie sie heute da ist. Diese englische Sprache hat nicht die Möglichkeit, sich so auszusprechen, daß sich das Ausgesprochene mit dem Geiste völlig deckt. So etwas muß man betrachten können, ohne emotionell dabei zu werden, ohne daß man es etwa in einen England-Haß umwandelt. Man muß so etwas betrachten können wie eine naturwissenschaftliche Tatsache; das ist eben so. Mit einigem Studium «sine ira» muß man schon das betrachten, was sich da herausstellt als das Charakteristikon der zukünftigen Weltensprache. Nun ist aber dieses für die zukünftige Weltensprache Charakteristische etwas für die Menschheit außerordentlich Heilsames. Es kann gewissermaßen für die moderne Menschheit nichts Besseres geben, als daß sich innerhalb desjenigen Volkselementes, das die Weltherrschaft antritt, eine Sprache ausbildet, die nicht mit dem Geiste sich decken kann.

[ 21 ] Now it must be said: It is not for nothing that the French language has become the language of diplomacy—that is, the language in which what has been agreed upon on a diplomatic basis can be set down. It has become so because, as the language of a declining modern cultural element, it possesses great conciseness. This treaty is in English, conceived in English words and sentences, and it makes this impression on anyone accustomed to thinking with old-fashioned clarity—and it must make this impression. It is true to say that the English language lacks the precision required to express exactly what is intended here. But that is the defining characteristic of the English language—that is, the language spoken by the peoples who are now assuming world dominance. This language of the peoples who are now assuming world domination has, for one thing, the peculiarity that in it one cannot directly express everything that is to be intellectually grasped in the way it arises when one takes the language just as it is today. The English language lacks the capacity to express itself in such a way that what is spoken fully corresponds to the spirit. One must be able to view this without becoming emotional, without, for example, turning it into hatred of England. One must be able to view it as a scientific fact; that is simply how it is. With some study “sine ira,” one must indeed consider what emerges here as the defining characteristic of the future world language. Now, however, this characteristic of the future world language is something extraordinarily beneficial for humanity. In a sense, there can be nothing better for modern humanity than for a language to develop within that national element which is assuming world dominance—a language that cannot correspond to the spirit.

[ 22 ] Betrachten Sie diese Tatsache mit einer anderen im Zusammenhang, die ich an verschiedenen Orten, aber auch hier schon erwähnt habe. Ich habe oftmals gesagt: Zu denjenigen Schriftstellern der vergangenen Epoche — in der Gegenwart könnte ich mir sie gar nicht mehr denken —, zu den Schriftstellern des sich auslebenden neunzehnten Jahrhunderts, die mir am allerliebsten sind durch ihren Stil, durch ihre Gedankenprägung, gehört Herman Grimm. Herman Grimm prägt dasjenige, was ihm als Anschauung aufgegangen ist, in solche Gedanken, daß ich außerordentlich gern immer bei diesen Gedanken verweilt habe. Dennoch, als ich einmal mit Herman Grimm sprach und seiner Lebensauffassung nur ganz weniges von meiner Lebensauffassung entgegensetzen wollte, da gab er mir nur zur Antwort: Lassen wir das, lieber Doktor, darin können wir uns doch nicht verstehen! — Es war auch unmöglich, Herman Grimm irgend etwas zu sagen von dem, wie ich die Dinge der Welt ansah. Das konnte er einfach nicht anders, als mit einer Handbewegung von sich wegwischen. Doch will man wissen, wie im neunzehnten Jahrhundert aus einer gewissen. mitteleuropäischen Gesellschaftsschichte heraus gedacht wurde über diese Dinge, so muß man doch zu Herman Grimm gehen, der mütterlicherseits von Bern her stammt, also nicht nur süddeutsches, sondern schweizerisches Blut in sich hatte, der zum Oheim Jakob Grimm, zum Vater Wilhelm Grimm hatte, und der zur Frau hatte die Tochter der Bettina Brentano, Gisela von Arnim, der also ganz drinnen steckte in einer gewissen gesellschaftlichen Anschauung des neunzehnten Jahrhunderts. Heute, wenn ich Herman Grimm lese, kommt es mir so vor, als wenn ich aus einer lange Jahrhunderte zurückliegenden Vorzeit lesen würde. Das sind Dokumente des neunzehnten Jahrhunderts, was bei Herman Grimm auftritt. Und es ist für mich sehr interessant gewesen — so sagte ich ja oftmals —, daß, als ich die Geschichte betrachtete und die Literaturbetrachtungen Woodrow Wilsons las, daß ich bei Woodrow Wilson manchmal für mich wörtlich klingende Anklänge an Herman Grimm fand. Dennoch sind sie durchaus nicht abgeschrieben, denn Woodrow Wilson würde vielleicht gar nicht einmal etwas verstehen, wenn er Herman Grimm lesen würde. Aber wer Sinn hat für so etwas, der merkt bei Wilson etwas höchst Eigentümliches. Er merkt bei Wilson, daß dieser Mann so redet, wie wenn eigentlich etwas phonographisch abliefe, wie wenn das Bewußtsein nicht ganz dabei wäre bei seinem Reden, und wie wenn ein im Unterbewußten waltender Dämon das alles, mit Ausschaltung der eigentlichen Persönlichkeit des Woodrow Wilson, heraufsprudeln würde, was sich dann wie mechanisch in die Worte und Satzfügungen kleidet. Man glaubt, mit Ahriman selber zu reden, der in den Untergründen der Woodrow Wilsonschen Seele waltet, wenn man Woodrow Wilson liest. — Herman Grimm ist dabei, bei jeder einzelnen Satzprägung, da liegt immer die ganze Persönlichkeit drinnen; Woodrow Wilson ist ganz weg, da redet ein Dämon in den Untergründen der menschlichen Seele, durch menschlichen Mund. Wer das nicht weiß, der versteht die für die gegenwärtige Weltbetrachtung wichtigsten und wesentlichsten Zusammenhänge gar nicht.

[ 22 ] Consider this fact in connection with another one that I have mentioned in various places, including here. I have often said: Among the writers of the past era—I could not even conceive of them in the present—among the writers of the nineteenth century, now drawing to a close, whom I love most of all for their style and their way of thinking, is Herman Grimm. Herman Grimm shapes what has dawned on him as a worldview into such thoughts that I have always taken great pleasure in lingering over them. Nevertheless, when I once spoke with Herman Grimm and wanted to contrast my view of life with his—albeit only very slightly—he simply replied: “Let’s leave it at that, dear Doctor; we can’t possibly see eye to eye on this!”—It was also impossible to tell Herman Grimm anything about how I viewed the affairs of the world. He simply could not help but brush it aside with a wave of his hand. But if one wants to know how these matters were conceived in the nineteenth century within a certain Central European social context, one must turn to Herman Grimm, who was of Bernese descent on his mother’s side—and thus had not only South German but also Swiss blood in him—who had Jakob Grimm as his uncle and Wilhelm Grimm as his father, and whose wife was the daughter of Bettina Brentano, Gisela von Arnim—and was thus fully immersed in a certain social outlook of the nineteenth century. Today, when I read Herman Grimm, it feels to me as if I were reading from a time long past, centuries ago. What appears in Herman Grimm’s work are documents of the nineteenth century. And it has been very interesting to me—as I have often said—that, when I considered history and read Woodrow Wilson’s literary reflections, I sometimes found in Woodrow Wilson echoes of Herman Grimm that sounded quite familiar to me. Nevertheless, they are by no means copied, for Woodrow Wilson might not even understand anything at all if he were to read Herman Grimm. But anyone with a sense for such things will notice something highly peculiar in Wilson. One notices in Wilson that this man speaks as if something were actually playing back phonographically, as if his consciousness were not fully present while he speaks, and as if a demon reigning in the subconscious were causing all of this to bubble up—suppressing Woodrow Wilson’s actual personality—which then takes on a mechanical form in his words and sentence structures. When one reads Woodrow Wilson, one feels as though one is speaking with Ahriman himself, who reigns in the depths of Woodrow Wilson’s soul. — With Herman Grimm, every single phrase is imbued with his entire personality; with Woodrow Wilson, his personality is entirely absent—a demon in the depths of the human soul speaks through a human mouth. Anyone who does not know this fails to understand the most important and essential connections for our current view of the world.

[ 23 ] Was drückt sich aber in dem allem aus? In dem allem drückt sich ein Allerwichtigstes aus. In der anglo-amerikanischen Sprache lebt nicht mehr jenes Verbundensein der menschlichen Seele mit dem Sprachelemente, wie es in älteren Zeiten vorhanden war. Die Sprache hat sich ja vom Menschen abgesondert, sie wird als Sprache abstrakt. Wenn man Englisch sprechen hört, so kommen einem immer gewisse Wendungen, namentlich Satzenden so vor, wie wenn man einen Baum vor sich hat, der in den äußersten Wipfeln und Ausläufern der Zweige verdorrt ist. Die Sprache läßt absterben das innere Durchdrungensein mit dem Seelischen. Dadurch wird das entgegengesetzte Element, der entgegengesetzte Pol des Seelenlebens hervorgerufen: die Notwendigkeit, sich zu verständigen über die Sprache hinweg.

[ 23 ] But what is expressed in all of this? All of this expresses something of the utmost importance. In the Anglo-American language, that connection between the human soul and the elements of language—as it existed in earlier times—no longer exists. Language has, in fact, become separated from the human being; it has become abstract as language. When one hears English being spoken, certain turns of phrase—particularly the ends of sentences—always strike one as if one were looking at a tree whose outermost treetops and branch tips have withered away. Language allows the inner imbuedness with the soul to wither away. This brings forth the opposite element, the opposite pole of soul life: the necessity to communicate beyond language.

[ 24 ] Sehen Sie, das ist das ungeheuer Wichtige. Man wird sich in der Zukunft englisch nicht verständigen können, wenn man nicht zu gleicher Zeit ein gar nicht in der Sprache lebendes, unmittelbar elementarisches, empfindendes Verstehen von Mensch zu Mensch entwickelt, das dann erst der Sprache ihr Leben gibt. Das heißt aber nichts Geringeres, als daß der übersinnliche Mensch, der erste übersinnliche Mensch in das geschichtliche Dasein der Menschheit eintreten muß. Bisher haben die Menschen nur gesprochen aus ihren physischen Leibern heraus. Das, was sie als Sprache zustandegebracht hat aus ihren physischen Leibern heraus, das stirbt mit der englischen Sprache ab. Sie wird natürlich da sein, aber sie wird immer mehr und mehr ein abstraktes Geklingel werden. Und die Menschen müssen durch ihre Ätherleiber sozial in Beziehung treten, so daß, während sie sprechen, sie ein Verständnis von Gedanke zu Gedanke, ein wirkliches, nicht ein abergläubisches Gedankenlesen zustande bringen. Gedankenlesen, das ist eine Forderung über die nächsten Jahrhunderte hinüber. Sich unmittelbar verständigen von Gedanke zu Gedanke und bewußt sein, daß die Sprache nur immer mehr und mehr etwas sein wird, wodurch man den anderen aufmerksam macht, daß er auf die eigenen Gedanken achtgeben soll. Wenn die Sprache noch vollseelisch ist, so kann ich unter Umständen, wenn im Saale hier alles surrt, wo man sich geistreich unterhält und alles durcheinandertönt, ich kann klingeln, nicht wahr, dann wird es still werden. Ich habe angekündigt, daß ich jetzt reden will, dann versteht man dadurch dasjenige, was ich rede. So wird in der Zukunft das Sprechen selber sein. Es wird allerdings begleiten müssen die Gedankenentwickelung, aber es wird ein fortwährendes Anklingeln des andern sein, und das Verständnis von Mensch zu Mensch, das wird aus einem viel tieferen Seelenelement hervorgehen müssen. Das soll von der Menschheitsentwickelung erzwungen werden dadurch, daß bei den herrschenden Zukunftsvölkern, bei den anglo-amerikanischen Völkern, die Sprache als solche entseelt wird, und die Notwendigkeit auftritt, das Dämonium im Innern des einzelnen Menschen dem Dämonium im anderen Menschen gegenüberzustellen.

[ 24 ] You see, this is what is so immensely important. In the future, it will not be possible to communicate in English unless, at the same time, we develop a form of understanding between people that is not rooted in language at all—one that is immediately elemental and intuitive—and which alone will then breathe life into language. But this means nothing less than that the supersensible human being—the first supersensible human being—must enter into the historical existence of humanity. Until now, people have spoken only from within their physical bodies. What they have produced as language from within their physical bodies will die out along with the English language. It will, of course, still exist, but it will increasingly become nothing more than abstract clanging. And people must enter into social relationships through their etheric bodies, so that, while they speak, they achieve an understanding from thought to thought—a genuine, not a superstitious, reading of thoughts. Mind-reading—that is a challenge that will extend into the coming centuries. Communicating directly from thought to thought and being aware that language will increasingly become merely a means of drawing the other person’s attention to one’s own thoughts. If language is still fully spiritual, then under certain circumstances—for example, when everything in this hall is buzzing with witty conversation and all sorts of sounds are mingling—I can ring a bell, can’t I? Then it will fall silent. I have announced that I now wish to speak, and through that, people will understand what I am saying. This is what speaking itself will be like in the future. It will, of course, have to accompany the development of thought, but it will be a constant ringing out to the other, and understanding from person to person will have to arise from a much deeper element of the soul. This will be brought about by the development of humanity, in that among the dominant peoples of the future—the Anglo-American peoples—language as such will become soulless, and the necessity will arise to contrast the demonic within the individual with the demonic in another human being.

[ 25 ] Da wird allerdings der Mensch — verzeihen Sie den harten Ausdruck viel nackter dem Menschen gegenüberstehen als heute. In der Sprache kann man lügen, den Gedanken wird man anmerken, wenn sie erlogen sind. Aber in der Übergangsepoche merkt man ihnen ihren verführerischen, illusorischen Charakter nicht an. Das ist ja auch der Grund, warum die vierzehn Punkte des Woodrow Wilson die Welt so betört haben. Und jetzt werden Sie verstehen, so etwas wie den unklaren Friedensvertrag als ein Weltsymptom unserer Zeit aufzufassen. Es ist sehr charakteristisch, daß dieser unklare Friedensvertrag in einer Zeit auftritt, in der die Menschen sich von der bloß aus dem physischen Leibe hervorgehenden Sprache, ihren Fügungen, ihrer Grammatik, zum unmittelbaren Gedankenverständnis wenden sollen. In demselben Maße, in dem die Menschen Verständnis haben werden für das Walten des Geistes von Mensch zu Mensch, werden aber auch die verschiedenen Sprachen der Erde kein Hindernis mehr sein für das brüderliche Zusammengehen. Und in demselben Maße wird erst ein Völkerbund möglich werden. Und in demselben Maße, in dem zu den heutigen, bloß animalischen Beziehungen — sie sind ja fast aufs Höchste gekommen diese animalischen Beziehungen der Menschen — hinzutreten die geistigen, wird erst Sozialismus möglich sein. Sozialismus unter den heutigen sozialen Voraussetzungen, die antisozial sind, ist davon abhängig, daß die Menschen Geistigkeit, Seelisches in sich aufnehmen, einander verstehen können über die Sprache hin. Anders ist es unmöglich, zu einem wirklichen Sozialismus zu kommen. Man kann ihn anstreben, man kann von ihm reden, aber man redet in bloßem Wortgeklingel von ihm. Und Wortgeklingel hört man ja heute auf dem Markte des politischen Lebens immer. Immer ist es so: wenn man heute einen Politiker irgendeiner Parteischattierung hört, dann hört man seine Worte, die man ja ungefähr selber ablaufen lassen könnte, man hört alte Parteiprogramme, längst bekannte, man braucht gar nicht zuzuhören, es erhebt sich aber aus seinem Innern heraus ein schauderhaftes Gespenst, eine schwarze Gestalt, die innerlich ganz hohl und leer ist, und die erfüllt sein will; erfüllt mit dem, was aus der Verwandlung der antisozialen Triebe hervorgehen kann durch die Entwickelung des sozialen Lebens, das aber in der Zukunft von Geist zu Geist abfließen muß, während die Sprache gerade in der Vergangenheit in vieler Beziehung dasjenige war, was die Menschen erst zu sozialen Wesen gemacht hat. Aus der Sprache und aus dem, was durch die Sprache als Zusammenhang der Menschen zustandegebracht worden ist, gingen die patriarchalischen und sonstigen sozialen Zusammenhänge hervor. Jetzt, wo die Sprache abstirbt, muß eine innere Geistigkeit an die Stelle desjenigen treten, was die Substanz der Sprache war. Das ist die Bedingung eines wirklichen Fortschrittes.

[ 25 ] There, however, human beings—forgive me for using such a harsh expression—will face each other much more directly than they do today. One can lie with words, but false thoughts will be revealed as such. Yet in this transitional era, their seductive, illusory nature goes unnoticed. That is, after all, the reason why Woodrow Wilson’s Fourteen Points so captivated the world. And now you will understand how to view something like this vague peace treaty as a global symptom of our time. It is very characteristic that this vague peace treaty appears at a time when people are supposed to turn away from language—which arises purely from the physical body, with its conventions and grammar—toward the direct understanding of thought. To the same extent that people come to understand the workings of the spirit from person to person, the various languages of the earth will no longer be an obstacle to fraternal coexistence. And to that same extent, a League of Nations will finally become possible. And to the same extent that spiritual relationships are added to today’s purely animalistic relationships—for these animalistic relationships among people have indeed reached their peak—only then will socialism become possible. Socialism under today’s social conditions, which are antisocial, depends on people absorbing spirituality and the soul within themselves, so that they can understand one another beyond language. Otherwise, it is impossible to achieve true socialism. One can strive for it, one can speak of it, but one is merely engaging in empty rhetoric. And such empty rhetoric is heard constantly today in the marketplace of political life. It is always the same: when one hears a politician of any party affiliation today, one hears words that one could just as well utter oneself; one hears old party platforms, long familiar ones—one need not even listen—yet a dreadful specter rises from within, a black figure that is entirely hollow and empty inside and longs to be filled; filled with what can emerge from the transformation of antisocial instincts through the development of social life—a transformation that must, however, flow from spirit to spirit in the future, whereas language, precisely in the past, was in many respects what first made human beings social beings. Patriarchal and other social structures arose from language and from what language brought about as a bond among people. Now that language is dying out, an inner spirituality must take the place of what was the substance of language. That is the condition for true progress.

[ 26 ] Aber an solche Dinge wollen sich die Leute, wie zum Beispiel Max Scheler und Johann Plenge, durchaus nicht heranmachen. Plenge gehörte auch zu denjenigen, die unseren Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt » empfangen haben, die ihn nicht unterschrieben haben unter der Motivierung, daß ihnen ja dieser Aufruf ganz gut gefalle, daß sie ihn aber zu unklar finden, und deshalb ihren Namen nicht darunter setzen können. Ich begreife das vollständig, denn die ganze Geistesorganisation eines solchen Mannes wie Plenge ist so, daß er sich nur an die Worte und an das Wortgefüge halten kann, daß er durch die besondere Art der Worte und des Wortgefüges nicht ahnt, daß ein neuer Geist dahintersteckt. Daher nimmt er gar nichts von dem wahr, was eigentlich durch diesen Aufruf gesagt werden soll. Weil man ja natürlich die Worte nicht so setzen kann und die Sätze nicht so formen kann, wie es die Menschheit gewöhnt ist durch die heutige Zeitungspest und durch die wissenschaftliche Pest, so kommen den Leuten dann diese geformten Worte und geformten Satzfügungen absonderlich vor. Und sie finden außer dem, daß sie den Geist nicht finden, auch noch die Sprache unklar. Ich begreife beides vollständig, denn es ist erst etwas zu überwinden — was ich durch den heutigen Vortrag charakterisieren wollte —, wenn das wirklich verstanden werden soll, was gewissermaßen in einer neuen Sprache gesagt werden soll.

[ 26 ] But people like Max Scheler and Johann Plenge have absolutely no desire to address such matters. Plenge was also among those who received our appeal “To the German People and to the Cultural World,” but who did not sign it, explaining that while they actually liked the appeal quite well, they found it too vague and therefore could not put their names to it. I fully understand this, for the entire mental makeup of a man like Plenge is such that he can only focus on the words and the structure of the text; because of the particular nature of the words and their structure, he fails to sense that a new spirit lies behind them. Consequently, he perceives nothing at all of what this appeal is actually intended to convey. Since, of course, one cannot arrange the words or construct the sentences in the way humanity has become accustomed to through today’s “newspaper plague” and the “scientific plague,” these carefully crafted words and sentence structures strike people as peculiar. And besides failing to grasp the spirit, they also find the language unclear. I fully understand both of these reactions, for there is first something to be overcome—which I sought to characterize in today’s lecture—if what is to be said, in a sense, in a new language, is to be truly understood.

[ 27 ] Das ist etwas, was überhaupt heute in die Kultur, in die Geisteskultur der Menschheit hineindringen soll, auch auf anderen Gebieten. Wenn Sie mal nach Dornach zu unserem Bau kommen, der umfassen soll unsere geisteswissenschaftliche Hochschule, dann werden Sie alles anders behandelt finden, als die bisherige Kunst die Dinge behandelt hat. Schon die Wände selber finden Sie dort anders behandelt. Was bedeutet eine Wand im Grunde in aller bisherigen Kunst, in aller Architektur? Eine Wand bedeutet einen Abschluß. Man war in etwas drinnen, was durch die Wände abgeschlossen ist, und das mußte auch durch die künstlerischen Motive, durch die künstlerischen Formen zum Ausdruck kommen. Man mußte sich in etwas drinnen fühlen. In Dornach wird mit dieser Tradition, die eine tausendjährige ist, gebrochen. Die Wände sind — natürlich, künstlerisch muß das genommen werden — nicht so, daß man sich abgeschlossen fühlt, sondern es ist alles so geformt, alles künstlerisch so gebildet, daß die Wand geistigseelisch durchsichtig wird, daß man innerlich die Empfindung hat: sie hört auf zu sein, diese Wand. Durch jede Windung wird die Seele in eine solche Stimmung versetzt, daß sie die Wände seelisch durchsichtig empfindet. Das ist bis zum Physischen in den Fenstern getrieben. Für die Fenster habe ich das Prinzip ersonnen, Glasradierungen zu machen, das heißt einfarbige Glasscheiben werden so behandelt, daß sie ausgekratzt werden mit dem Diamantstift, und sie sind dann erst ein Kunstwerk, wenn die äußere Sonne durchscheint, wenn Verbindung geschaffen ist durch die äußere Welt. Erst das Durchglänzen der Sonne macht das Ausgekratzte zum Kunstwerk. So ist aber auch das Künstlerische in der Formung gehalten: Wände, die sich vernichten, daß man drinnen sitzt nicht wie in einem geschlossenen Raume, sondern wie wenn man als Mikrokosmos mit dem Makrokosmos in unmittelbarer Verbindung stände, wie wenn man mit dem ganzen Weltall in einer innigen Verbindung stände. — Das muß gesucht werden auf allen Gebieten des Daseins. Daß man abstrakt davon spricht, daß die sinnliche Welt eine Maja sein soll, das tut es für die Zukunft nicht mehr. Die sinnliche Welt, wenn man ihr Dasein ableugnet, wird sich erst in ihrem Dasein recht bemerklich machen. Aber wenn man künstlerisch überwindet dieses Dasein, durch die künstlerische Form selber, dann wird durch den Willen erreicht, was sonst dutch die Anschauung, durch das Denken, durch die Abstraktion erreicht werden soll.

[ 27 ] This is something that is meant to permeate culture—the spiritual culture of humanity—today, including in other fields. If you ever come to Dornach to see our building, which is intended to house our School of Spiritual Science, you will find that everything is treated differently than it has been in art up to now. Even the walls themselves are treated differently there. What does a wall essentially mean in all art and architecture up to now? A wall signifies a boundary. One was inside something enclosed by walls, and this had to be expressed through artistic motifs and forms. One had to feel as though one were inside something. In Dornach, this tradition—which is a thousand years old—is broken. The walls are—of course, this must be understood artistically—not such that one feels enclosed, but rather everything is shaped, everything is artistically formed in such a way that the wall becomes spiritually and soulfully transparent, so that one has the inner sensation that this wall ceases to exist. Every curve puts the soul in such a state that it perceives the walls as spiritually transparent. This is carried through to the physical level in the windows. For the windows, I devised the principle of creating glass etchings—that is, single-colored glass panes are treated by scratching them with a diamond stylus—and they become a work of art only when the sunlight shines through from outside, when a connection is established with the outside world. Only the sun’s rays shining through transform the etched surface into a work of art. But the artistic element is also embodied in the form itself: walls that dissolve, so that one sits inside not as if in a closed room, but as if, as a microcosm, one were in direct connection with the macrocosm—as if one were in an intimate connection with the entire universe. — This must be sought in all spheres of existence. Speaking abstractly about the sensory world as if it were a maya will no longer suffice for the future. The sensory world, if one denies its existence, will only truly make itself felt through its very existence. But if one artistically transcends this existence—through the artistic form itself—then what would otherwise have to be achieved through perception, thought, or abstraction is attained through the will.

[ 28 ] Das kommt dann wiederum zu Hilfe dem, daß die Sprache etwas werden soll, was eigentlich geistig durchsichtig wird, worauf man nicht mehr hinhört, sondern durch das man durchhört, um die Gedanken direkt zu hören. Die Sprache muß erst vertrocknen, wie sie es als englische Sprache tut, um durchhörbar zu werden, damit man auf die Gedanken direkt hört, damit jene Verbindung von Seele zu Seele auftritt, die in einer Art von Gedankenlesen besteht. Das werden die Engländer nicht machen können. Das wird die englische Kultur nicht machen können, die Kultur, aus der hervorgegangen ist, trotz seiner Größe, Shakespeare oder Newion oder Darwin. Die kann das allein nicht fertigbringen. Das kann nur fertiggebracht werden, wenn die mitteleuropäische Kultur sich auf ihr besseres Element besinnt und in der Weltkultur mitwirkt zu diesem geistigen Empfinden von Mensch zu Mensch. Wir müssen gründlich brechen lernen mit dem, was wir als eine Schändung und Verleugnung unseres Selbstes in den letzten Jahrzehnten ausgebildet haben. Wir müssen wiederum anknüpfen lernen an die Größe eines Lessing, Schüler, Goethe und so weiter und verstehen lernen, das «Deutsch» zu nennen, was wir in den letzten Jahrzehnten völlig vergessen haben, dem wir uns völlig entfremdet haben. Dann werden wir unseren Anteil zu der Entwickelung der Weltkultur beitragen können. Und wir müssen vor allen Dingen lernen, nicht Träumer zu sein und uns nicht Illusionen hinzugeben, sondern die Wirklichkeit anzuschauen, wie sie eben ist. Das ist dasjenige, was heute am dringendsten notwendig ist. Wir müssen lernen, den Leuten genauer auf die Finger zu schauen, und sie von einem gewissen geistigen Standpunkte aus zu beurteilen. Wir müssen den Mut haben zu sagen: Wenn über die Angelegenheiten der Gegenwart zwei solche Menschen einander gegenüberstehen wie Scheler und Plenge, dann redet der eine, also der Scheler, luziferisch aus den Dingen heraus, aus Impulsen, die er sich befruchten läßt durch ein katholisierendes Christentum. Da redet Ahriman mit Luzifer, da redet nicht der Mensch dazwischen. Dieser Mensch dazwischen muß erst wiederum gefunden werden. Aber wir müssen den Mut haben, den Menschen so auf die Finger zu schauen. Die Menschen gehen ja heute aneinander vorbei, ohne daß sie sich wirklich kennenlernen. Sie schauen sich obenhin an und bilden sich Urteile von anderen, die ihnen eben bequem sind; sie bilden sich nicht dasjenige Urteil, das wirklich wahr ist.

[ 28 ] This, in turn, supports the idea that language should become something that is, in essence, spiritually transparent—something one no longer listens to, but rather listens through, in order to hear thoughts directly. Language must first wither away, as the English language is doing, in order to become something one can hear through—so that one may hear thoughts directly, so that that connection from soul to soul may arise, which consists of a kind of mind-reading. The English will not be able to do this. English culture will not be able to do this—the culture from which, despite its greatness, Shakespeare, Newton, or Darwin emerged. It cannot achieve this on its own. This can only be achieved if Central European culture returns to its better elements and contributes to world culture in fostering this spiritual sensibility from person to person. We must learn to make a thorough break with what we have cultivated in recent decades as a desecration and denial of our very selves. We must learn once again to connect with the greatness of a Lessing, Schüler, Goethe, and so on, and learn to recognize as “German” that which we have completely forgotten in recent decades—from which we have become utterly estranged. Then we will be able to contribute our share to the development of world culture. And above all, we must learn not to be dreamers and not to indulge in illusions, but to look at reality as it truly is. That is what is most urgently needed today. We must learn to scrutinize people more closely and to judge them from a certain intellectual standpoint. We must have the courage to say: When two people like Scheler and Plenge stand opposed to one another regarding contemporary issues, then one of them—namely Scheler—speaks in a Luciferic manner, drawing from impulses that he allows to be nourished by a Catholicizing form of Christianity. There, Ahriman speaks with Lucifer; the human being in between does not speak. This human being in between must first be found again. But we must have the courage to scrutinize people in this way. After all, people today pass each other by without really getting to know one another. They glance at each other superficially and form judgments about others that are simply convenient for them; they do not form the judgment that is truly true.

[ 29 ] Das ist es, meine lieben Freunde, was damit zusammenhängt, daß ich sage: Wir müssen aufhören, uns Illusionen hinzugeben. Wir müssen den Mut zur Wahrheit in einer Weise entwickeln, die für viele Menschen der Gegenwart noch unerhött ist.

[ 29 ] That, my dear friends, is what I mean when I say: We must stop indulging in illusions. We must develop the courage to face the truth in a way that is still unheard of for many people today.

[ 30 ] Mit diesem Wollen müssen wir drinnenstehen zwischen West und Ost, und wir müssen auch den Mut haben, die Dinge im Osten so zu beurteilen, daß wir uns sagen: Das, was hier oftmals erwähnt worden ist als dasjenige Volkselement, das im Osten wie ein Keim liegt, der in die Zukunft hinein sich entwickeln will, das wird gegenwärtig übertönt von einem anti-russischen, man könnte sogar sagen, antimenschlichen Element. Denn in dem, was sich in Rußland entwickelt, entwickelt sich die äußerste Konsequenz des menschen- und geisttötenden logischen Denkens, das nichts mehr produktiv hervorbringen kann, das nur Raubbau treiben kann mit dem Alten. Es erscheint wirklich wie eine gewaltige Tragik, wie eine bittere Tragik, wenn man überschaut, was im russischen Osten in der Kultur in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts hervortrat und was seine höchste Höhe erreichte in dem außerordentlichen Geist — wenn er auch für den Westen wenig verständlich ist —, in dem für Rußland außerordentlichen Geist Solowjow. In Solowjow wird gewissermaßen alles das, was in Rußland zukunftträchtig ist, philosophisch zusammengefaßt. Man hat ja in Mitteleuropa wenig sich mit Solowjow befaßt. Ein Universitätsprofessor der Philosophie, der eine große Berühmtheit hat, kam eines Tages darauf, daß es einen Solowjow gibt und daß das auch Gedanken der Gegenwart sind, mit denen er sich befassen sollte. Aber da hatte er nicht den inneren Antrieb, sich selbst mit der Sache direkt zu befassen, da sagte er einem seiner Schüler: Sie wollen Doktor werden, machen Sie mir eine Doktor-Dissertation über Solowjow, dann werde ich zu gleicher Zeit mit Ihnen mich unterrichten können über diesen Solowjow. — Das war überhaupt in der letzten Zeit mehr oder weniger die Methode geworden, durch die Universitätsprofessoren sich das ihnen Unbekannte in der geistigen Produktion angeeignet haben. Der Universitätsprofessor, von dem ich Ihnen spreche, ist nicht nur ein Universitätsprofessot, sondern eine berühmte philosophische Größe der unmittelbar abgelaufenen Gegenwart.

[ 30 ] With this resolve, we must stand firmly between the West and the East, and we must also have the courage to assess the situation in the East in such a way that we say to ourselves: What has often been mentioned here as the element of the people that lies in the East like a seed seeking to develop into the future is currently being drowned out by an anti-Russian—one might even say anti-human—element. For what is developing in Russia is the ultimate consequence of a logical mode of thinking that kills both humanity and the spirit—a mode of thinking that can no longer produce anything creative, but can only exploit the old. It truly seems like a tremendous tragedy, a bitter tragedy, when one surveys what emerged in Russian Eastern culture in the second half of the nineteenth century and what reached its highest peak in the extraordinary spirit—even if it is difficult for the West to understand—in the spirit of Soloviev, which was extraordinary for Russia. In Soloviev, so to speak, everything in Russia that holds promise for the future is philosophically synthesized. In Central Europe, of course, little attention has been paid to Soloviev. A university professor of philosophy, a man of great renown, realized one day that there was a Soloviev and that his ideas were relevant to the present—ideas with which he ought to engage. But since he lacked the inner drive to engage with the subject directly himself, he said to one of his students: “You want to become a doctor; write a doctoral dissertation on Soloviev for me, and then I’ll be able to learn about this Soloviev at the same time as you.” — In recent times, this had more or less become the method by which university professors familiarized themselves with unfamiliar works of intellectual production. The university professor I am speaking of is not merely a university professor, but a renowned philosophical figure of the very recent past.

[ 31 ] Es steckt in diesem Osten etwas, was sich wiederum hinausarbeiten wird über den zerstörenden Leninismus hin. Aber dazu ist notwendig, daß man auch das dritte Element, das wirkliche soziale Streben der Gegenwart in seiner vergeistigten Gestalt verstehen lernt, daß man es durchdringen lernt mit wirklicher Geisteswissenschaft. Dann wird einem die tragisch-bittere Erscheinung, die in Solowjow auftritt, zum Bewußtsein kommen. Dann wird man sich sagen: Auf der einen Seite ein Solowjow, heraus sich entwickelnd aus diesem europäischen Osten, voll neubildender, befruchtender Geisteskeime, die im Osten aufgehen können, die uns hier in Mitteleuropa nur nicht ganz verständlich sein können; und dann, hinwegfegend über diese Erscheinung, die Weltkriegskatastrophe, hintragend, im plombierten Wagen sogar, durch Deutschland hintragend nach dem Osten den Henker des Geisteslebens, Lenin. Und die große Täuschung in Mitteleuropa bei vielen, daß die Dinge nicht so ernst genommen zu werden brauchen!

[ 31 ] There is something in this East that will eventually emerge beyond destructive Leninism. But for this to happen, it is necessary to learn to understand the third element—the true social aspiration of the present in its spiritualized form—and to learn to penetrate it with true spiritual science. Then the tragic and bitter phenomenon that appears in Soloviev will come to one’s consciousness. Then one will say to oneself: On the one hand, there is Soloviev, emerging from this European East, full of new, creative, and fertile seeds of the spirit that can blossom in the East, but which we here in Central Europe simply cannot fully comprehend; and then, sweeping away this phenomenon—the catastrophe of the World War—carrying him along, even in a sealed train, through Germany toward the East: Lenin, the executioner of spiritual life. And the great delusion among many in Central Europe that things need not be taken so seriously!

[ 32 ] Wie Kometen tauchten auf die Solowjow-Schüler, als die russische Revolution ihren Anfang nahm. Eine Erneuerung wünschten sie des dumpfen, dämmerhaften, gelähmten Geisteslebens, über das hingezogen war wie die Seelennacht selber, wie der geistige Tod, die Ertötung der Seele mit all ihren Verhältnissen. Und eine Befreiung wollten die Leute, die, wie es scheint, richtige Schüler waren des Solowjow: Kartachow, Samarin. Sie wollten aus den ersten funkelnden Strahlen der Revolution eine geistige Bewegung in Rußland entfachen. An die Stelle trat dasjenige, was jetzt wie ein wüstes Austilgen alles Geistes erscheint in Lenin, diesem Totengräber alles geistigen Lebens, wo alles verleugnet wird, was in der großen Gestalt des Solowjow vor die Menschheit des Ostens sich hingestellt hat. Und um diese Zentralerscheinung rundherum die proletarischen Volksmassen, verführt durch diejenigen, denen sie anhängen als ihren Führern. Eine unendlich traurige Erscheinung, die ihre Traurigkeit nur dann verliert, wenn ein Wollen sich aufrafft, die Wahrheit zu schauen in den verwirrenden Tatsachen der Gegenwart. Ein innerliches Wollen, das nicht bloß schimpfen will über das, was in der verirrenden Gegenwart auftritt, sondern das auch die Wahrheit sehen will und erkennen will, was in den berechtigten proletarischen Forderungen über die ganze zivilisierte Welt hin auftritt. Aber man muß in der Gegenwart, wenn man sie klar und nicht illusionistisch sehen will, auseinanderhalten können, was tief berechtigt, aber unbewußt, aus den breiten Massen des Proletariats hervortritt als dem Gedanken nach noch ungeborene Zukunftskeime, und dasjenige, was Instinkt ist, weil es der letzte verfaulende Rest ist einer niedergehenden Kultur. Das ist es, was aus den Köpfen der Führer des Proletariats heute schr häufig an die Oberfläche dunstet. Unsere Zeit hat einmal das Schicksal, daß Blühendstes neben Verstunkenstes sich hinstellt. Das ist das Schicksal derjenigen Zeiten, in denen ein Aufsteigendes sich neben einem Niedergehenden geltend machen will. Dann tritt das Niedergehende oftmals in der Form des Aufsteigenden, in der Maske des Aufsteigenden auf. Dann muß genau hingeschaut werden. Dann muß in Lenin gesehen werden der frühere Zar, der in einer anderen Maske auftritt, dieselbe Denkweise, die im früheren Zaren war, nur mit den anderen, toten, für das, was sie ausdrücken, unbrauchbaren Worten. Es muß die Metamorphose des Zarentums in den Leninismus hinein im russischen Osten der Gegenwart geschaut werden. Es muß anerkannt werden, daß dasjenige, was äußerlich auftritt, innerlich das Gegenteil dieses äußerlich Auftretenden sein kann. So schwierig sind die Verhältnisse der Gegenwart zu durchschauen. Das, was geschicht, ist so, wie wenn mir ein Mensch entgegentreten würde mit lächelndem Angesicht, mit banal lieblich tuenden Augen, mit Mienen, die mich berücken wollten, und ich wäre genötigt, ihm zu sagen: Trotz deiner Maske, trotz deiner funkelnden Augen, deines liebevollen Lächelns, bist du ein Teufel!

[ 32 ] The Soloviev disciples appeared like comets as the Russian Revolution began. They longed for a renewal of the dull, twilight-like, paralyzed spiritual life, over which had settled—like the night of the soul itself—spiritual death, the slaying of the soul with all its circumstances. And these people—who, it seems, were true disciples of Soloviev: Kartakhov, Samarin—sought liberation. They wanted to kindle a spiritual movement in Russia from the first sparkling rays of the revolution. In its place came what now appears as a savage eradication of all that is spiritual in Lenin, this gravedigger of all spiritual life, where everything is denied that the great figure of Soloviev had presented to the people of the East. And surrounding this central figure are the proletarian masses, led astray by those whom they follow as their leaders. An infinitely sad spectacle, one that loses its sadness only when a will arises to see the truth amid the confusing realities of the present. An inner will that does not merely wish to rail against what is occurring in this wayward present, but that also wishes to see the truth and to recognize what is emerging throughout the entire civilized world in the just demands of the proletariat. But in the present—if one wishes to see it clearly and without illusion—one must be able to distinguish between what is deeply justified, though unconscious, emerging from the broad masses of the proletariat as seeds of the future that are as yet unborn in thought, and that which is instinct, because it is the last decaying remnant of a declining culture. This is what so often rises to the surface from the minds of the leaders of the proletariat today. Our age is marked by the fate that the most flourishing stands side by side with the most putrid. This is the fate of those times in which something rising seeks to assert itself alongside something in decline. Then the declining force often appears in the form of the rising one, wearing the mask of the rising one. Then one must look closely. Then one must see in Lenin the former tsar, appearing in a different mask—the same mindset that was in the former tsar, only with different, dead words that are useless for expressing what they mean. One must perceive the metamorphosis of the tsarist regime into Leninism in the Russian East of the present day. One must recognize that what appears on the outside may, on the inside, be the opposite of what appears on the outside. That is how difficult it is to fathom the circumstances of the present. What is happening is like this: a person approaches me with a smiling face, with eyes feigning banal sweetness, with expressions meant to charm me, and I am compelled to say to him: “Despite your mask, despite your sparkling eyes, your loving smile, you are a devil!”

[ 33 ] Das wird von den Menschen der Gegenwart gefordert: die Wahrheit aufzusuchen unter den schwierigsten Verhältnissen. Das aber bezeugt, daß diese Gegenwart es notwendig hat, alle Bequemlichkeiten des Denkens und Empfindens abzulegen und es sich sauer werden zu lassen, zur Wahrheit vorzudringen. Weggefegt werden muß alles dasjenige, was heute sich ausdrückt in den Worten: Kindliches Bekenntnis, bloßes naives Hinnehmen der Bibel, das führt dich zur Seligkeit.Das ist keine Seligkeit, zu der das führt, das ist nur, dem wüstesten Egoismus der Seele frönen. Alles, was heute aus dieser Gesinnung herausquillt, muß beachtet, muß angeschaut werden. Und wenn statt eines mutigen wirklichen Eindringens in das, was der heutigen Zeit notwendig ist, tantenhaftes Auffassen von Beziehungen der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft zu dem dreigliederigen sozialen Organismus auftritt, dann darf man nicht froh sein, weil dieses tantenhafte Auffassen scheinbar äußerlich butterig und wohlwollend ist, dann darf man nicht glauben, daß man es nicht abweisen könnte. Sondern man muß das Tantenhafte tantenhaft nennen und muß wissen, daß heute dieses Tantenhafte das Zerstörende ist, daß dieses Tantenhafte dasjenige ist, was den Bolschewismus, den es abweisen will, erzeugt. Die Heilung kann nur bestehen in dem mannhaften, untantigen Eintreten in strenge Geisteswissenschaft. Das ist es, was heute sich auf unsere Seele legen muß, was ein Element, ein Ferment unseres Seelenlebens werden muß. Vermag es das nicht, dann kommt die Menschheit nicht vorwärts. Wenn man beschließt, in den alten Gedanken- und Empfindungsbahnen weiterzufahren, beschließt man den Niedergang. Bequem ist es von innen, höchst unbequem von außen wird es werden. Oder aber man rafft sich auf durch starke innere Kraft zur Erfassung des Geistes, dann wird das, was absterben soll, vom Geiste erfaßt werden, und der Geist wird es umwandeln in eine neue europäische Zivilisation, wie er alles, was abstirbt, zu neuem Leben aufruft. Der Geist wird ein neues Leben erzeugen, und wir werden wiederum haben dasjenige, was eine aufsteigende Strömung des Menschen in ein Geistesleben ist.

[ 33 ] This is what is demanded of people today: to seek the truth under the most difficult circumstances. But this testifies to the fact that our present age must cast aside all the comforts of thought and feeling and be willing to endure hardship in order to arrive at the truth. Everything that is expressed today in the words “childlike faith” or “mere naive acceptance of the Bible—that will lead you to bliss” must be swept away. What this leads to is not bliss; it is merely indulging the soul’s most desolate egoism. Everything that springs from this mindset today must be taken into account and examined. And when, instead of a courageous, genuine penetration into what is necessary for our time, a “auntie-like” understanding of the relationship between anthroposophically oriented spiritual science and the threefold social organism emerges, then one must not be pleased simply because this “auntie-like” understanding appears outwardly smooth and benevolent; one must not believe that it cannot be rejected. Rather, one must call this “auntie-like” approach what it is, and one must know that today this “auntie-like” approach is the destructive force, that this “auntie-like” approach is precisely what produces the Bolshevism it claims to reject. The cure can consist only in a manly, “un-aunt-like” commitment to rigorous spiritual science. This is what must take root in our souls today, what must become an element, a catalyst in our spiritual life. If it fails to do so, humanity will not move forward. If one decides to continue along the old paths of thought and feeling, one is choosing decline. It is comfortable from within, but it will become highly uncomfortable from without. Or, one can rouse oneself through strong inner power to grasp the Spirit; then what is meant to die out will be grasped by the Spirit, and the Spirit will transform it into a new European civilization, just as it calls everything that dies out to new life. The spirit will bring forth a new life, and we will once again have that which is the ascending current of humanity toward a spiritual life.