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Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192

6 July 1919, Stuttgart

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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen

Zwölfter Vortrag

Twelfth Lecture

[ 1 ] Heute vor acht Tagen habe ich hier versucht, von einem gewissen Standpunkte aus auseinanderzusetzen, warum die europäische Kultur heute vor einem Abgrunde steht, warum sie sich in den Niedergang hineinbewegt. Es ist in der Gegenwart zweifellos das Allerwichtigste, ein volles Bewußtsein davon sich anzueignen, welche Niedergangskräfte in dieser europäischen Kultur drinnen walten. Gerade in diesem Punkte ist es notwendig, daß man sich keinerlei Art von Illusion hingibt, denn das Hingeben an Illusionen ist es gerade, das uns in die gegenwärtige europäische Lage hineingebracht hat, das Hingeben an Illusionen, welche man eigentlich immer für einen Ausfluß wirklicher Praxis gehalten hat, und die doch eben nichts weiter sind als Illusionen, weil sie aus ganz engen Erfahrungsumrissen, aus ganz engen Erfahrungsflächen hergeholt sind, und weil sie absehen von einer wirklich durchdringenden Erfahrung. Es würde aber eine ganz falsche Art von Anschauung sein, wenn man meinen wollte, eine Kritik dieser Tatsachen reiche aus. Davon kann gar nicht die Rede sein, daß heute eine bloße Kritik dieser Dinge ausreicht. Man muß vielmehr sehen, welches der eigentliche historische, der geschichtliche Zusammenhang ist. Denn in einem gewissen Sinne wird man durch diesen geschichtlichen Zusammenhang erkennen, daß ein zeitweiliger Niedergang der europäischen Kultur gewissermaßen, wenigstens der Zeitströmung dieser Kultur nach, eine Notwendigkeit ist, eine ganz gesetzmäßige Notwendigkeit ist. Und zum Wiederaufbau wird man auf keine andere Weise kommen als dadurch, daß man diese Notwendigkeit einsieht und nicht bei einer bloßen Kritik stehenbleibt. Aber, wie gesagt, auch die innere Ehrlichkeit muß man haben, wirklich über Illusionen hinauszuwollen. Illusionen sind bequem für das augenblickliche Leben, oftmals aber sind sie zerstörend für die wirkliche Weiterentwickelung der Menschheit. Und ich möchte heute eine gewisse Betrachtung vor Ihnen anstellen, die sozusagen eine Art Resümee werden wird über dasjenige, was man sich seit Jahren hier auf geisteswissenschaftlichem Boden innerlich aneignen konnte, und was geeignet sein dürfte, über solche Illusionen der Gegenwart hinweg und zu den Realitäten zu führen. Was wir uns nämlich immer wiederum klar machen müssen, wenn wir vorurteilslos und unbefangen den eigentlichen Charakter unserer Gegenwartskultur betrachten, das ist, daß diese Gegenwartskultur ganz und gar beruht auf der Art des Denkens, Empfindens und Fühlens, die aus der naturwissenschaftlichen Weltanschauung fließen kann. Diese naturwissenschaftliche Weltanschauung hat auf dem Boden, für den sie geeignet ist, große, gewaltige Menschheitsfortschritte hervorgebracht, und es wäre höchst töricht, diese großen, gewaltigen Menschheitsfortschritte irgendwie abzukanzeln, abzuktitisieren. Erst derjenige, der sie voll anerkennt, der von dieser Seite aus voll auf naturwissenschaftlichem Boden steht, hat ein Recht dazu, wie ich öfter gesagt habe, auch auf das andere hinzusehen, was naturwissenschaftliche Weltanschauung nicht geben kann. Was uns die Naturwissenschaft gibt, was sie im Grunde genommen einzig und allein nur sucht, ist ein Weltbild, das eben die Natur umfaßt, das alles dasjenige umfaßt, was man in seine Seele hineinbringt, wenn man mit der Sinnesanschauung die Natur überblickt und wenn man intellektuelle Kombinationen bildet aus den einzelnen Sinnesanschauungen. Gerade durch die Absonderung vom Menschen, durch die Absonderung alles desjenigen, was sich aus der Menschennatur selbst ergibt, ist diese naturwissenschaftliche Weltanschauung groß geworden. Das finden Sie des genaueren auseinandergesetzt in meinen beiden Büchern «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln».

[ 1 ] Eight days ago today, I attempted here to analyze, from a certain perspective, why European culture today stands on the brink of an abyss, why it is heading toward decline. Undoubtedly, the most important thing at present is to gain a full awareness of the forces of decline at work within this European culture. Precisely on this point, it is necessary not to succumb to any kind of illusion, for it is precisely this indulgence in illusions that has brought us into the current European situation—an indulgence in illusions that have always been regarded as an outgrowth of real practice, yet are nothing more than illusions because they are drawn from very narrow contours of experience, from very limited spheres of experience, and because they disregard a truly penetrating experience. However, it would be a completely mistaken view to think that a critique of these facts is sufficient. There can be no question whatsoever that a mere critique of these matters is enough today. Rather, one must see what the actual historical context is. For in a certain sense, through this historical context, one will come to recognize that a temporary decline of European culture is, in a sense—at least in terms of the current of that culture—a necessity, a completely lawful necessity. And one will not achieve reconstruction in any other way than by recognizing this necessity and not stopping at mere criticism. But, as I said, one must also possess the inner honesty to truly strive beyond illusions. Illusions are convenient for everyday life, but they are often destructive to the genuine further development of humanity. And today I would like to present a certain reflection to you, which will, so to speak, serve as a kind of summary of what we have been able to internalize over the years here in the field of spiritual science, and which may be suitable for leading us beyond such illusions of the present and toward reality. For what we must constantly remind ourselves of—when we observe the true character of our contemporary culture without prejudice or bias—is that this contemporary culture is based entirely on the kind of thinking, sensing, and feeling that can flow from the scientific worldview. This scientific worldview has, on the ground for which it is suited, brought about great and tremendous advances for humanity, and it would be utterly foolish to somehow denounce or disparage these great and tremendous advances. Only those who fully acknowledge it—who, from this perspective, stand firmly on scientific ground—have the right, as I have often said, to also look toward what the scientific worldview cannot provide. What natural science gives us—and what, in essence, it seeks solely and exclusively—is a worldview that encompasses nature itself, that encompasses everything one takes into one’s soul when surveying nature through sensory perception and when forming intellectual combinations from individual sensory perceptions. It is precisely through its separation from the human being—through the separation of everything that arises from human nature itself—that this scientific worldview has come to dominate. You will find this discussed in greater detail in my two books, *The Mystery of Man* and *The Mysteries of the Soul*.

[ 2 ] Nun muß man auf der andern Seite aber auch einsehen, daß alles, was auf diese Art an naturwissenschaftlichen Anschauungen gewonnen werden kann, und wenn es noch so exakt ist — es soll in seiner Exaktheit gar nicht verkannt werden —, doch über das eigentliche Wesen des Menschen keinen Aufschluß geben kann. Warum das ist, Sie finden es auch begründet in den beiden eben genannten Büchern. Ich will aber hier nur das eine hervorheben: Diejenigen, die glauben, aus bloßer Naturanschauung in der Zukunft irgend etwas erringen zu können, was auch den Menschen selbst begreiflich macht, sie vermeinen, durch die Vervollkommnung der naturwissenschaftlichen Methoden nicht nur das Tote, das Unlebendige, sondern auch einmal das Lebendige begreifen zu können. Man meint einfach: Bis jetzt ist es nur gelungen, physikalische und chemische Gesetzmäßigkeiten zu durchschauen auf naturwissenschaftlichem Wege, das heißt dasjenige zu durchschauen, was in dem toten Stoff war; aber es werde gelingen, so glaubt man, durch die Fortsetzung dieser Art von Untersuchungen den Aufbau des Lebendigen aus seinen Bestandteilen zu durchschauen, und dann werde man auf naturwissenschaftliche Weise das Lebendige ergriffen haben. Das Gegenteil davon ist wirklich wahr. Wer hineinsieht gerade in das, wodurch die naturwissenschaftlichen Methoden groß sind — und sie sind groß —, der weiß, daß sie dadurch groß sind, daß sie sich auf das Begreifen des Toten, des Unorganischen beschränken, und daß, je mehr sie sich vervollkommnen, desto mehr auch sie sich entfernen werden von einer Anschauung des Lebendigen. Das heißt, je mehr wir auf naturwissenschaftlichem Boden fortschreiten, desto mehr entsinkt unseren forschenden Blicken das Lebendige und damit der erste Anfang zur Erkenntnis des Menschen. Daß diese Tatsache in der Gegenwart nicht nur eine wissenschaftliche, nicht nur gewissermaßen eine theoretische Angelegenheit ist, sondern daß diese Tatsache heute eine Kulturangelegenheit ist, darüber möchte ich eben in der heutigen Betrachtung einiges anführen. Und ich möchte dazu ausgehen von gewissen geschichtlichen Tatsachen. Wenn wir zurückblicken auf alte Arten, Weltanschauungen zu gestalten, wenn wir zurückblicken auf dasjenige, was auch da als Erbe noch älterer Weltanschauungen lebte, was in der ägyptischen Kultur oder in der chaldäisch-assyrisch-babylonischen Kultur lebte, gar nicht zu reden von dem, was als altes Erbgut in der alt-indischen Kultur lebte, so wird es heute den Menschen schwer, aus eigentlich innerem Wesen diese alte Erkenntnisart zu durchschauen. Wir haben auf diesem Gebiet wunderbare Forschungen der Assyriologen, der Ägyptologen, aber alle diese Forschungen reichen nicht aus, um etwas anderes als die einzelnen Tatsachen wiederum vor die menschliche Anschauung zu stellen. Sie reichen nicht aus, um das Wesen der alten Erkenntnisart wieder in uns aufleben zu lassen. Das haben wir ja gerade auf anthroposophischem Boden gesucht, und da wird der gegenwärtige Mensch sich von manchem Vorurteil losmachen müssen, das ihm heute, wie gesagt, mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit notwendig anhaftet. Was dem heutigen Menschen entgegentritt, wenn er sich in vorchristliche Weltanschauungen vertieft, das erscheint ihm ganz selbstverständlich und begreiflicherweise als etwas, was er nur für überwunden halten kann, was er nur für den Ausfluß einer kindlichen Kulturstufe der Menschheit ansehen kann. Wie gesagt, für den heutigen Menschen ist das nicht nur begreiflich, sondern sogar selbstverständlich. Aber für denjenigen, der durch eine gewisse innere geistige Entwickelung, wie Sie sie angedeutet finden in meinem Buche « Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die Tatsachen, die durch Assyriologen, Ägyptologen heraufgebracht werden, zu überblicken vermag mit Bezug auf die Frage: Wie stellt sich eigentlich die menschliche Seele zum Weltenall theoretisch und praktisch in den alten Zeiten? — dem wird klar, daß dasjenige, was damals lebte, aus einer ganz anderen inneren Seelenverfassung hervorging, daß es nicht bloß etwas Kindliches war, sondern einfach eine ganz andere Art der Erkenntnis. Und weil es so ganz anders ist, weil es auf etwas so ganz anderem beruht, als die Art ist, wie wir eigentlich die Welt anschauen, deshalb erscheint es dem Menschen als kindliche Kulturstufe oder als wüster Aberglaube. Für jene alten Anschauungen stand der Mensch viel mehr im Kosmos, im Weltall drinnen, als er heute für seine Anschauungen drinnensteht. Man kann heute das alles lächerlich finden, was die alten Menschen gesagt haben über den Zusammenhang des Menschen mit dem Universum. Man findet es aber nicht mehr lächerlich, wenn man selbst durch eine neue Art der Forschung besonders in gewisse Geheimnisse eindringt, die der naturwissenschaftlichen Weltanschauung eben nicht offen liegen können.

[ 2 ] On the other hand, however, one must also recognize that everything that can be gained in this way from scientific observations—no matter how precise it may be (and its precision should by no means be underestimated)—cannot provide any insight into the true nature of the human being. You will find the reasons for this explained in the two books just mentioned. But I want to emphasize just one point here: Those who believe that, in the future, they will be able to achieve something through the mere observation of nature that will also make human beings themselves comprehensible—they believe that by perfecting scientific methods, they will one day be able to understand not only the dead, the inanimate, but also the living. People simply think: So far, we have only succeeded in understanding physical and chemical laws through scientific methods—that is, in understanding what was present in inanimate matter; but they believe that by continuing this kind of research, we will succeed in understanding the structure of the living from its constituent parts, and then we will have grasped the living in a scientific way. The opposite of this is actually true. Anyone who looks closely at precisely what makes scientific methods great—and they are great—knows that they are great precisely because they are limited to understanding the inanimate, the inorganic, and that the more they are perfected, the further they will also move away from a conception of the living. This means that the more we advance on the ground of the natural sciences, the more the living—and with it the very first step toward understanding humanity—slips from our inquiring gaze. That this fact is not merely a scientific matter in the present, nor merely a theoretical one, so to speak, but that it is today a matter of culture—this is precisely what I would like to address in today’s reflection. And I would like to begin with certain historical facts. When we look back at ancient ways of shaping worldviews, when we look back at what lived on there as a legacy of even older worldviews—what lived in Egyptian culture or in the Chaldean-Assyrian-Babylonian culture, not to mention what lived on as an ancient heritage in the ancient Indian culture, people today find it difficult to grasp this ancient way of knowing from their own inner being. We have wonderful research in this field by Assyriologists and Egyptologists, but all this research is not enough to present anything other than the individual facts to human perception. It is not enough to revive the essence of the ancient way of knowing within us. This is precisely what we have sought on anthroposophical ground, and in doing so, modern humanity will have to free itself from certain prejudices that, as I said, are inevitably attached to it today with a certain inevitability. What confronts modern people when they delve into pre-Christian worldviews appears to them, quite naturally and understandably, as something they can only regard as having been overcome, as nothing more than the outgrowth of a childlike stage of human culture. As I said, for modern people this is not only understandable but even self-evident. But for those who, through a certain inner spiritual development—as you will find outlined in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*—are able to survey the facts brought to light by Assyriologists and Egyptologists with regard to the question: How did the human soul actually relate to the universe, both theoretically and practically, in ancient times? — it becomes clear to them that what existed back then arose from an entirely different inner state of the soul, that it was not merely something childlike, but simply a completely different kind of knowledge. And because it is so completely different—because it is based on something so entirely different from the way we actually view the world—it therefore appears to people as a childlike stage of culture or as wild superstition. In those ancient worldviews, human beings were much more deeply embedded within the cosmos, within the universe, than they are today in their own worldviews. Today, one might find ridiculous everything the ancients said about humanity’s connection to the universe. But one no longer finds it ridiculous when, through a new kind of research, one penetrates certain mysteries that simply cannot be revealed to the scientific worldview.

[ 3 ] Natürlich ist es für den heutigen Menschen sonderbar, wenn er vernimmt, wenn er liest, daß diese alten Menschen einen Zusammenhang gesehen haben zwischen den einzelnen Kräften unseres Planetensystems und demjenigen, was im Menschen selber vorgeht, oder daß sie einen Zusammenhang gesehen haben zwischen der Stellung der Sonne zu den einzelnen Bildern des Tierkreises und wiederum dem, was im Menschen vorgeht. Heute kann sich der Mensch zwar denken, daß sein Dasein abhängig ist von der Zusammensetzung der Luft irgendeiner Gegend, in der er ist, von der Bodenbeschaffenheit und auch von der sozialen Ordnung, in der er drinnen lebt, aber er kann sich eine weitergehende Abhängigkeit des Menschen von den großen Vorgängen des Weltenalls nicht mehr vorstellen. Diese großen Vorgänge des Weltenalls sind ihm nur Gegenstand einer mathematisch-mechanischen Betrachtung geworden. So ist es geworden, seitdem aus dem noch umfassenderen Weltbilde des Kep/er die neuere Zeit dasjenige herausgeschält hat, was nur einer mathematisch-mechanischen Betrachtung unterliegt. Ja, man kann sagen: Gewissermaßen unter der Oberfläche der Menschheitskultur, die man für die heutige Zeit als die eigentlich angemessene findet, liegt allerlei, das an jene alten Anschauungen erinnert. Was macht sich heute alles geltend an Aufwärmung von alten Anschauungen über den Zusammenhang des Menschen mit dem Universum. Wir sehen aufblühen astrologische Bestrebungen, theosophische Bestrebungen und so weiter. Alle diese Bestrebungen, sie sind ja, wie ich öfter hier im einzelnen dargestellt habe, nichts weiter als die ganz unverständigen, unter das menschliche, für die heutige Zeit erforderliche Bildungsniveau heruntergesunkenen alten Überlieferungen. Im besten Falle sind es wüste Dilettantismen, die getrieben werden von Menschen, die vielleicht fühlen, daß es noch eine Wahrheit, daß es Geheimnisse gibt hinter dem, was naturwissenschaftlich erforschbar ist, die aber nicht auf das eingehen wollen, was aus den Menschenkräften der gegenwärtigen Zeit selbst hervorgehen kann. In der Aufwärmung alter vorchristlicher Wahrheiten dürfen wir kein Ziel für unsere gegenwärtige Kultur sehen, und je mehr wir uns bemühen, immer wiederum Altes aufwärmen zu wollen, desto mehr schaden wir dem wirklichen Fortschritt. Wir müssen das, was als Sektiererei menschlich eigensinnig unter der Decke der eigentlichen Kultur waltet, rücksichtslos ablehnen können, sonst erwerben wir uns in der heutigen Zeit nicht das Recht für die Pflege der wirklichen Geisteswissenschaft neben der Naturwissenschaft.

[ 3 ] Of course, it seems strange to people today when they hear or read that these ancient people saw a connection between the individual forces of our planetary system and what goes on within human beings themselves, or that they saw a connection between the position of the Sun in relation to the individual signs of the zodiac and, in turn, what goes on within human beings. Today, people can certainly conceive that their existence depends on the composition of the air in whatever region they find themselves, on the nature of the soil, and also on the social order within which they live; but they can no longer imagine a more far-reaching dependence of human beings on the great processes of the universe. These great processes of the universe have become for them merely the subject of a mathematical-mechanical analysis. This is how it has come to be since modern times have extracted from Kep/er’s even more comprehensive worldview only that which is subject to a mathematical-mechanical analysis. Indeed, one might say: In a sense, beneath the surface of human culture—which is considered appropriate for our time—lies all manner of things that recall those ancient views. Just look at how many old ideas about humanity’s connection to the universe are being revived today. We are seeing a resurgence of astrological endeavors, theosophical endeavors, and so on. All these endeavors, as I have often described in detail here, are nothing more than the utterly misguided old traditions that have sunk below the level of education required of humanity in the present day. At best, they are crude forms of dilettantism, driven by people who perhaps sense that there is still a truth, that there are mysteries beyond what can be explored by the natural sciences, but who are unwilling to engage with what can emerge from the human capacities of the present age itself. We must not see the revival of old pre-Christian truths as a goal for our present-day culture, and the more we strive to keep reviving the old, the more we harm true progress. We must be able to ruthlessly reject what, as sectarianism, reigns with human obstinacy under the guise of true culture; otherwise, we will not earn the right in our time to cultivate genuine spiritual science alongside natural science.

[ 4 ] Aber anschauen muß man es sich doch, gerade weil es überwunden werden muß, so wie es da ist. Unbefangen, vorurteilslos anschauen muß man sich das, was die alten Menschen als den Inhalt ihrer Erkenntnis gehabt haben. Heute wird ja von denen, die in der eben geschilderten Weise die Dinge aufwärmen, die Sache ziemlich dilettantisch behandelt. Im alten Menschen ging auf zum Beispiel, daß er im Innersten seines Seelenseins anders empfand, einfach unterbewußt anders empfand als sonst, wenn über seinem Haupte irgendwo, namentlich im Zenit, Saturn, Jupiter oder Mars stand, und daß er in seiner Seele anders empfand als sonst, wenn unter dem Horizont unsichtbar Venus, Merkur stand. Er sagte sich aus diesen inneren Erlebnissen heraus: Es gibt eine Wirkung des Oberen. Und unter der Wirkung des Oberen auf den Menschen verstand er dasjenige, was ausstrahlt von Saturn, Jupiter, Mars, was er einfach erfuhr, was er kannte, gerade wie wir wissen, wenn uns ein Windzug an die Seite schlägt. Diese Empfindung hat die Menschheit eben verloren. Er wußte: die Ausstrahlungen von Saturn, Jupiter, Mars sind am stärksten, wenn diese drei Planeten oben sichtbar über dem Horizont stehen. Und er wußte: die stärkste Wirkung auf seinen menschlichen Organismus geht aus von Venus und Merkur, wenn diese Planeten unterhalb des Horizontes stehen. So gliederte sich ihm die Welt, mit der er den Menschen im Zusammenhang dachte, in eine obere Welt, die Welt des Jupiter, Saturn, Mars — die ihm diese obere Welt war, auch wenn über dem Horizont sichtbar waren Venus und Merkur, denn er sagte sich: über dem Horizont haben diese beiden Planeten nicht ihre eigentliche Wirkung —, und in die untere Welt, die für ihn im Außenraum realisiert war, wenn die beiden Planeten zusammen, Merkur und Venus, unter dem Horizont standen.

[ 4 ] But one must still examine it, precisely because it must be overcome as it is. One must examine, impartially and without prejudice, what the ancient people regarded as the content of their knowledge. Today, those who rehash these ideas in the manner just described treat the subject in a rather amateurish way. For example, it dawned on the ancient person that, in the innermost depths of their soul, they felt differently—simply felt differently on a subconscious level than usual—when Saturn, Jupiter, or Mars was positioned somewhere above their head, particularly at the zenith; and that they felt differently in their soul than usual when Venus or Mercury was invisible below the horizon. Based on these inner experiences, he told himself: There is an influence from above. And by the influence of the heavens on human beings, he meant that which radiates from Saturn, Jupiter, and Mars—what he simply experienced and knew, just as we know when a gust of wind blows against our side. Humanity has simply lost this sense. He knew that the radiations from Saturn, Jupiter, and Mars are strongest when these three planets are visible high above the horizon. And he knew that the strongest influence on the human organism comes from Venus and Mercury when these planets are below the horizon. Thus, the world with which he associated human beings was structured for him into an upper world—the world of Jupiter, Saturn, Mars—which constituted this upper world for him even when Venus and Mercury were visible above the horizon, for he told himself: above the horizon, these two planets do not exert their true effect—and into the lower world, which for him was realized in outer space when the two planets, Mercury and Venus, were together below the horizon.

[ 5 ] Kurz, der Mensch dachte sich im Zusammenhang mit dem ganzen Universum. Wir versäumen es heute ja schon, uns im Zusammenhang mit dem allernächsten Stück unseres Universums zu betrachten. Denken Sie doch nur einmal: der Luftkörper, den Sie eben eingeatmet haben, der in Ihrem Organismus arbeitet, er wird bald wiederum außerhalb des Organismus sein. Das heißt, das was draußen ist, ist nachher drinnen, was jetzt drinnen ist, ist nachher draußen. Sie können sich nur scheinbar abgrenzen von der Außenwelt dadurch, daß Sie die Abgrenzung von Ihrer Haut für Wirklichkeit nehmen. Aber Sie sind in Wirklichkeit nichts anderes als ein Stück dieser Außenwelt. Denn das, was jetzt in Ihnen ist, ist dann draußen, und was draußen ist, ist dann in Ihnen. Wir beachten das eigentlich kaum. Jedenfalls verwenden wir auf diese eminente, bedeutungsvolle Tatsache keine eigentliche Erkenntnisbetrachtung. Der alte Mensch hat diese Abhängigkeit eben weiter ausgedehnt gedacht, weil er von feinerer Sensibilität war, weil er noch anderes wahrnehmen konnte als das Einatmen und Ausatmen, das der heutige Mensch ja auch kaum noch beachtet. Wie sich der heutige Mensch beim Atmen noch als ein Stück seiner Erdenatmosphäre fühlen kann — aber auch nur dann, wenn er ein bißchen nachdenkt —, so fühlte sich der alte Mensch als ein Stück des ganzen ihm überschaubaren Universums. Alles, was im Universum draußen ist, dachte er von einer Wirkung im Menschen, den er deshalb Mikrokosmos nannte, und alles das, was sich irgendwie ankündigte in diesem Mikrokosmos, für das dachte er auch etwas Entsprechendes draußen im großen Weltenall, im Makrokosmos.

[ 5 ] In short, human beings used to see themselves as part of the entire universe. Today, we’ve already lost the ability to view ourselves as part of even the very closest part of our universe. Just think about it: the air you just breathed in, which is now working within your body, will soon be outside your body again. That is to say, what is outside will later be inside, and what is now inside will later be outside. You can only seemingly separate yourself from the outside world by taking the boundary of your skin as reality. But in reality, you are nothing other than a part of that outside world. For what is now inside you will later be outside, and what is outside will later be inside you. We hardly ever give this any thought. In any case, we do not apply any real, reflective consideration to this eminent, significant fact. Ancient people conceived of this interdependence in a much broader sense, because they possessed a finer sensitivity, because they were still able to perceive things other than the inhaling and exhaling that modern people hardly even notice anymore. Just as modern people can still feel, when breathing, that they are a part of the Earth’s atmosphere—though only if they reflect on it a little—so did ancient people feel that they were a part of the entire universe as they could comprehend it. He believed that everything in the universe outside had an effect on the human being—whom he therefore called the microcosm—and for everything that manifested itself in any way within this microcosm, he also conceived of a corresponding phenomenon out there in the vast cosmos, in the macrocosm.

[ 6 ] Dieser Satz «Der Mikrokosmos entspricht dem Makrokosmos», er wird heute oftmals ausgesprochen. Wie er aber heute ausgesprochen wird, ist er eine Phrase. Denn keine Phrase ist er nur, wenn ihm die lebendige innere Empfindung zugrunde liegt, die dem alten Menschen in seiner feineren Sensibilität zugrunde gelegen hat, und die der heutige Mensch nicht mehr hat. Es ersteht ein wunderbares Bild von dem Zusammenhang des einzelnen Menschen mit dem Universum, ganz gleichgültig, ob man es als Aberglaube oder als alte Weisheit, als alte Wissenschaft ansieht, es entsteht ein wunderbares Bild, wenn man dasjenige ins Auge faßt, was in dieser alten Weisheit oder meinetwillen in diesem alten « Aberglauben » als eigentliche Menschengeheimnisse liegt. Nun liegt aber die Sache geschichtlich in der folgenden Art. Noch im achtzehnten Jahrhundert, sogar noch etwas hineinragend in das neunzehnte Jahrhundert, gab es, allerdings unter der Oberfläche der Schulwissenschaft, dessen, was man Bildung nennt, eine sich fortsetzende Tradition von dieser alten Weisheit oder meinetwillen altem Aberglauben. Es hätte nicht geben können solche Geister wie Paracelsus, wie Jakob Böhme, nicht einmal wie Taler oder Eckardt oder Valentin Weigel, wenn es nicht diese fortlaufende alte Tradition gegeben hätte. Diese Meister wären ganz unmöglich gewesen. Aber das Eigentümliche ist, daß die menschliche Empfänglichkeit sich abstumpft für diese alten Dinge, je weiter das neunzehnte Jahrhundert vorschreitet. Wie gesagt, im beginnenden neunzehnten Jahrhundert hatte sich noch manches erhalten. Dann stumpfte sich die menschliche Empfänglichkeit, das menschliche Fassungsvermögen für diese Dinge ab. Und das Bewußtsein des früheren Menschen: Ich stehe als Mensch nicht verlassen auf meinen zwei Beinen oder auf den Sohlen meiner Füße, sondern ich stehe da als ein Glied des ganzen Universums — dieses Bewußtsein war aus den Untergründen, aus denen es in alten Zeiten berauserblüht war, nicht mehr vorhanden für die neuere Menschheit. Daher die weltgeschichtliche Notwendigkeit, daß der heutige Mensch aus seiner Empfindung heraus dasjenige, was ihm aus früheren Zeiten überliefert ist, als einen alten Aberglauben, als eine kindliche Anschauung der menschheitlichen Entwickelung ansieht. Das ist es, was man heute so verkennt, daß der Mensch auch mit Bezug auf sein Erkenntnisvermögen in einer wirklichen Entwickelung lebt. Es ist merkwürdig, wie auf diesem Gebiet die Menschen die Widersprüche nicht bemerken, in denen sie leben. Auf der einen Seite redet heute alles auf der Grundlage des Darwinismus von Entwickelung, aber von der Entwickelung des Menschen selber redet man wenig. Daß unsere Art, die Welt anzuschauen, nicht etwa geboren worden ist mit der Entstehung der Menschheit, sondern daß sie ein Entwickelungsprodukt ist, das wird man theoretisch wohl zugeben; allein, sobald es darauf ankommt, praktisch mit einer solchen Wahrheit zu leben, wird man sich heute nicht auf den Boden dieser Wahrheit stellen wollen.

[ 6 ] The phrase “The microcosm corresponds to the macrocosm” is often heard today. But the way it is spoken today, it is nothing more than a cliché. For it is a cliché only if it is not grounded in the living inner feeling that underlay the ancient person’s finer sensibility—a sensibility that modern people no longer possess. A wonderful picture emerges of the connection between the individual human being and the universe; regardless of whether one regards it as superstition or as ancient wisdom, as ancient science, a wonderful picture emerges when one contemplates what lies within this ancient wisdom—or, if you will, within this ancient “superstition”—as the true mysteries of humanity. Historically, however, the situation was as follows. Even in the eighteenth century—and extending somewhat into the nineteenth—there existed, albeit beneath the surface of academic scholarship—what is called “education”—a continuing tradition of this ancient wisdom, or, if you will, ancient superstition. There could not have been such minds as Paracelsus, Jakob Böhme, or even Taler, Eckardt, or Valentin Weigel, had it not been for this enduring old tradition. These masters would have been entirely impossible. But the peculiar thing is that human receptivity to these ancient matters grew increasingly dull as the nineteenth century progressed. As I said, at the beginning of the nineteenth century, many things had still been preserved. Then human receptivity—the human capacity to grasp these things—became dulled. And the consciousness of earlier humanity—that I, as a human being, do not stand alone on my two legs or on the soles of my feet, but stand as a member of the entire universe—this consciousness was no longer present for modern humanity, having vanished from the depths from which it had blossomed so exuberantly in ancient times. Hence the historical necessity that modern humanity, based on its own sensibilities, regards what has been handed down from earlier times as an old superstition, as a childish view of human development. This is what is so misunderstood today: that humanity is also undergoing a genuine development with regard to its capacity for knowledge. It is remarkable how, in this area, people fail to notice the contradictions in which they live. On the one hand, everything today speaks of evolution on the basis of Darwinism, but little is said about the evolution of humanity itself. That our way of viewing the world was not, so to speak, born with the emergence of humanity, but rather is a product of evolution—this is something people will readily admit in theory; yet, when it comes to actually living in accordance with such a truth, people today are unwilling to stand on the ground of that truth.

[ 7 ] Nun entsteht aber doch die Frage: Was ist denn das eigentlich Reale in dieser alten Weltanschauung gegenüber unserer gegenwärtigen Erkenntnisart, was ist das eigentlich Wirkliche in diesen Dingen drinnen? Das eigentlich Wirkliche in diesen Dingen ist, daß wir eben Fortschritte machen mußten auf dem Gebiet des toten Weltenalls, des mechanisch-physikalisch-chemischen Weltenalls. Diese Fortschritte, die wir in den letzten drei bis vier Jahrhunderten, und zunehmend im neunzehnten Jahrhundert, gemacht haben, diese Fortschritte wären nicht möglich gewesen, wenn die alte Art der Anschauung weiter sich fortgepflanzt hätte. Diese Dinge überschaut derjenige recht, der sie, ich möchte sagen, in ihren Knotenpunkten durchschaut.

[ 7 ] But this raises the question: What is actually real in this old worldview compared to our current way of understanding? What is actually real within these things? What is truly real in these things is that we simply had to make progress in the realm of the inanimate universe—the mechanical, physical, and chemical universe. This progress, which we have made over the last three to four centuries, and increasingly in the nineteenth century, would not have been possible if the old way of viewing the world had continued to prevail. One truly grasps these things when one, I would say, sees through them at their crux.

[ 8 ] Gerade die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts ist ein solcher Knotenpunkt in der Menschheitsentwickelung. Am Ende der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhundetts, da fielen zusammen eine ganze Reihe von menschheitlichen Fortschritten, die uns in ihrem eigentümlichen Verhalten zueinander zeigen, was eigentlich Wichtiges und Wesentliches und heute noch nicht Erkanntes diese Mitte des neunzehnten Jahrhunderts innerhalb der Menschheitsentwickelung war. Gewisse Dinge entgehen, weil sie nicht zur allgemeinen Bildung gerechnet werden, dem menschlichen Beobachter auf diesem Felde. Daß 1858 von Gustav Theodor Fechner ein Buch über «Psycho-Physik» erschienen ist, das entgeht gewöhnlich dem Beobachter auf diesem Felde, weil es nicht zur allgemeinen Bildung gerechnet wird. Aber demjenigen, der in feiner Art eingeht auf die menschliche Entwickelung, der wird sehen, daß in dieser Psycho-Physik sich ein Grundzug ausspricht der ganzen modernen Art, die Welt anzuschauen. PsychoPhysik: das Psychische nurmehr sehen durch die äußeren physischen Kundgebungen, das ist in diesem Buche als besonderer Charakterzug in geistreicher Art enthalten; denn Gustav Theodor Fechner war ein sehr geistreicher Mann.

[ 8 ] The mid-nineteenth century, in particular, represents such a turning point in human development. At the end of the 1850s, a whole series of human advances coincided, and their unique interrelationships reveal to us what was truly important and essential—and what remains unrecognized even today—about this mid-nineteenth century within the course of human development. Certain things escape the attention of the observer in this field because they are not considered part of general education. The fact that a book on “Psycho-Physics” by Gustav Theodor Fechner was published in 1858 usually escapes the observer in this field because it is not considered part of general education. But anyone who delves deeply into human development will see that this Psycho-Physics expresses a fundamental trait of the entire modern way of viewing the world. Psychophysics: viewing the psychological solely through its external physical manifestations—this is presented in this book as a distinctive feature in a witty manner; for Gustav Theodor Fechner was a very witty man.

[ 9 ] Ein zweites, das zusammenfällt, auf das Jahr hin zusammenfällt, das ist die Entdeckung der Spektralanalyse von Kirchhoff und Bunsen, wodurch substantiell die Einheit des Weltenalls bewiesen werden soll, indem man spektralanalytisch hinaussieht in das Weltenall, das heißt, wenn man nur hinaussieht durch eine menschliche Erkenntnisart, die diametral, oder besser gesagt, polarisch entgegengesetzt ist derjenigen Anschauung, die ich Ihnen vorhin charakterisiert habe als das Sich-drinnenstehend-Fühlen des Menschen in dem ganzen Universum. Die Spektralanalyse sieht die stoffliche Einheit; die alte Weltanschauung ging bloß auf die geistige Einheit mit dem gesamten Kosmos. Da haben Sie gleich zwei wichtige Fortschritte der neueren Zeit, welche ganz klar auf das hinweisen, was den Umschwung in der neueren Erkenntnisanschauung zeigt. Und nicht ohne inneren Zusammenhang, zusammengehalten durch die innere Menschennatur, stehen mit solchen Erscheinungen dann andere. Nehmen Sie nur einmal das Folgende. Ich weiß nicht, wieviele Menschen an diesem Punkte klar beobachtet haben; wer sich aber Mühe gegeben hat, wer in diesen Dingen nicht obenhin spricht, sondern aus der Erfahrung sprechen will, der konnte folgende Beobachtung machen: Man konnte auf sich wirken lassen 1859, also die Zeit, in der die Spektralanalyse heraufgekommen ist, in der die Fechnersche «Psycho-Physik» erschienen ist, man konnte beobachten, da es das Säkularjahr des Geburtsjahres Schillers war, was bei der Enthüllung der verschiedenen SchillerDenkmäler und was bei den Schiller-Festen im Jahre 1859 für SchillerReden gehalten worden sind. Da kann nun derjenige, der diese Dinge beobachtet, wirklich bemerken, wie die alte Schiller-Verehrung gerade im Säkularjahr in den Reden, die gehalten werden, ins Phrasenhafte übergeht, wie sie nicht mehr in ihrer ursprünglichen elementaren Lebendigkeit vorhanden ist, wie der Idealismus Schillers verklingt und das, was man noch über Schiller zu sagen hat, Phrase wird.

[ 9 ] A second event, which coincides—coincides with that year—is the discovery of spectral analysis by Kirchhoff and Bunsen, through which the unity of the universe is to be substantially proven by looking out into the universe via spectral analysis; that is, if one looks out only through a human mode of cognition that is diametrically, or rather, is polar opposites to the view I described to you earlier as the human being’s sense of standing within the entire universe. Spectral analysis perceives material unity; the old worldview focused solely on spiritual unity with the entire cosmos. Here you have two important advances of modern times that quite clearly point to what marks the turning point in the modern view of knowledge. And other phenomena stand in connection with these, bound together by human nature itself. Just consider the following. I do not know how many people have clearly observed this point; but anyone who has made the effort, anyone who does not speak superficially about these matters but wishes to speak from experience, could make the following observation: One could have sensed the atmosphere in 1859—that is, the time when spectral analysis emerged and when Fechner’s *Psycho-Physics* was published— one could observe—since it was the centennial of Schiller’s birth—what took place at the unveiling of the various Schiller monuments and what Schiller speeches were delivered at the Schiller celebrations in 1859. Anyone observing these events can truly notice how the old veneration of Schiller, precisely during this centennial year, turns into mere rhetoric in the speeches that are delivered; how it no longer exists in its original, elemental vitality; how Schiller’s idealism fades away; and how whatever remains to be said about Schiller becomes mere rhetoric.

[ 10 ] Und wiederum, auf das Jahr hin gleichzeitig, erscheint das erste, sozusagen Standard Work, das erste tonangebende Werk über materialistische Geschichtsforschung, das Buch über die politische Ökonomie von Karl Marx. Dieses trifft zusammen mit vielen anderen Erscheinungen. Da verknotet sich dasjenige, was als Fäden die Entwickelung der neueren Menschheit durchzieht. Und hat man sich einmal damit beschäftigt, die alte Menschheitsanschauung, wie sie zum Beispiel noch am Ende des achtzehnten Jahrhunderts lebte — selbst bei den Bannerträgern der Französischen Revolution befaßte man sich damit —, den Fortgang dieser alten Anschauung über den Menschen zu verfolgen ins neunzehnte Jahrhundert hinein, so sieht man ein Abglimmen, sieht man, wie diese Funken abglimmen. Unser Freund Sellin hat neulich ein Buch veröffentlicht: Lomzs-Claude de Saint- Martin «Gott — Mensch — Welt» in deutscher Übersetzung. Ich glaube, daß möglichst viele "Menschen das Buch lesen sollten, und daß möglichst viele Menschen so ehrlich sein sollten, sich zu sagen: Eigentlich verstehe ich doch nicht einmal einen einzigen Satz in seiner wirklichen Grundlage, wie er in diesem Buche steht. — Diejenigen, die sich etwas in Geisteswissenschaft — die wiederum in moderner Weise etwas herausholt aus den geistigen Grundlagen — versetzen können, die werden einiges ahnen von dem, was bei Saint-Martin wirklich vorhanden ist. Aber mit der heutigen Menschheitsbildung, man sollte ehrlich darin sein, muß man dasjenige, was bei Saint-Martin steht, für reinen Unsinn ansehen. Daß man nicht ehrlich ist in solchen Dingen, daß man die Dinge, die alt sind, zu verstehen glaubt, ist eben die Unehrlichkeit im heutigen Menschheitsdenken.

[ 10 ] And again, around the same time that year, the first—so to speak, the standard work—the first seminal work on materialist historical research appeared: Karl Marx’s book on political economy. This coincided with many other developments. Here, the threads that run through the development of modern humanity become intertwined. And once one has taken the time to examine the old view of humanity—as it still prevailed, for example, at the end of the eighteenth century (even the standard-bearers of the French Revolution were concerned with it)—and to trace the continuation of this old view of humanity into the nineteenth century, one sees it fading away; one sees how these sparks are dying out. Our friend Sellin recently published a book: Lomzs-Claude de Saint-Martin’s *God—Man—World* in German translation. I believe that as many people as possible should read this book, and that as many people as possible should be honest enough to say to themselves: “Actually, I don’t even understand a single sentence in its true essence, as it appears in this book.” — Those who are somewhat versed in spiritual science—which, in turn, draws on the spiritual foundations in a modern way—will have some inkling of what is truly present in Saint-Martin’s work. But given the state of human education today—and we should be honest about this—one must regard what is written by Saint-Martin as pure nonsense. The fact that people are not honest in such matters, that they believe they understand things that are ancient, is precisely the dishonesty inherent in contemporary human thought.

[ 11 ] Und was hat diese Entwickelungsstufe der Menschheit herbeigeführt? Gerade die Notwendigkeit, sich in die mechanisch-physikalisch-chemische Weltordnung zu vertiefen. Man kann sich kaum etwas Unmöglicheres denken, als etwa vom Standpunkte derjenigen Weltanschauung, die Jakob Böhme gepflegt hat, oder die Paracelsus oder Saint-Martin gepflegt hat, zur heutigen Physik oder Mechanik oder Chemie zu kommen. Das ist unmöglich. Es läßt sich nicht alles in einen Topf werfen, das ist unmöglich. Die Menschheit mußte für eine Zeit ablegen die ganz andere Art des Vorstellens, die sie gehabt hat, um die Fortschritte auf physikalisch-chemisch-mechanischem Gebiet, die einmal für die Entwickelung der Menschheit dringend notwendig sind, zu machen.

[ 11 ] And what has brought about this stage of human development? Precisely the need to delve deeper into the mechanical, physical, and chemical order of the world. It is hard to imagine anything more impossible than, for example, arriving at today’s physics, mechanics, or chemistry from the standpoint of the worldview espoused by Jakob Böhme, Paracelsus, or Saint-Martin. That is impossible. You cannot lump everything together—that is impossible. Humanity had to temporarily set aside the entirely different way of thinking it had possessed in order to make the advances in the physical, chemical, and mechanical fields that are urgently necessary for the development of humanity.

[ 12 ] Aber diese Fortschritte liegen in der Erkenntnis des Unlebendigen, des Toten. Und gerade dadurch — das muß immer wieder betont werden — ist die naturwissenschaftliche Weltanschauung groß geworden, daß sie die exakte, die gewaltige, die bewundernswerte Methode ausgebildet hat für die Erkenntnis des Toten. Aber was mußte dadurch zeitweilig für den Menschen verlorengehen? Heute lebt diese Erkenntnis des Toten nicht bloß in der Auffassung der Natur. In jedem Zeitungsartikel, in der allgemeinen Bildung durchzieht sie die Gedankenform der Menschen, so daß sie alles nach dem Muster der Naturwissenschaft auffaßt und gar nicht mehr anders kann, als alles, was für sie in der Welt ist, nach dem Muster der Naturwissenschaft anzuschauen, so anzuschauen, als ob die Naturwissenschaft das einzig Wirkliche geben könnte, und als ob alles das, was in die Wirklichkeit versetzt werden soll, auch mit naturwissenschaftlicher Denkungsart durchzogen werden soll. Aber nun hat diese naturwissenschaftliche Denkungsatt, die so groß auf naturwissenschaftlichem Felde selbst ist, eine bestimmte Wirkung, wenn sie im anderen menschlichen Leben sich äußert. Sie macht, noch nicht in der ersten Generation, vielleicht auch nicht in der zweiten, nicht bei dem Forscher selbst, sondern erst bei dem Schüler und bei denjenigen, die dann die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse in Weltanschauungen umwandeln, sie macht antisozial, sie begründet antisoziale Triebe. Darüber darf man sich nicht in irgendeiner unehrlichen, illusionistischen Weise hinwegsetzen, daß es die Folge des Durchdringens unseres ganzen Seelischen mit naturwissenschaftlichen Anschauungsformen ist, daß wir antisoziale Triebe entwickeln, denn dasjenige, was uns am besten eindringen läßt in die Geheimnisse der Natur, das entfernt uns von der Auffassung unseres Nächsten, des Menschen. Und wir können noch so oft sagen: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst —, wenn wir unsere ganze menschliche Seele durchziehen lassen nur von naturwissenschaftlichen Anschauungen, so gehen in uns auf antisoziale Triebe, die uns diesen Satz oder alle Sätze von Brüderlichkeit zu einer bloßen Phrase machen. Und so entsteht die eigentümliche Tatsache, daß der Ruf nach sozialer Ordnung in einer Zeit entsteht, die von einer anderen Seite her die antisozialsten 'Triebe hat. Das ist das Bedeutsamste in unserer Zeit, auf das der Ehrliche heute dringend hinschauen muß. In diesem Hinschauen darf man sich durch nichts beirren lassen, durch kein Klebenbleiben an alten Anschauungen, durch kein agitatorisches Auftreten von dieser oder jener Seite. Hier in diesem Punkte muß ehrlich und geradeaus gesehen werden. Und das ist der wirklich innere Grund, warum nicht weiterzukommen ist in der gegenwärtigen Zeit ohne eine geistige Erneuerung, ohne ein Wiedererkennen der geistigen Welt vom innersten Menschen aus. Im Laufe der Menschheitsentwickelung sind die Fähigkeiten verlorengegangen, welche durch Beobachtung der äußeren Welt den Menschen als Glied des Universums sich selbst erscheinen lassen. Von innen heraus müssen wir uns eine geistige Welt wieder aufbauen. Das setzt sich die anthroposophische Weltanschauung zu ihrer Aufgabe, den Untergrund dadurch schaffend für eine wirklich soziale Gestaltung der neueren Menschheitsordnung. Gewiß, es würde heute sehr deplaziert sein davon zu sprechen, daß man nur das Innere pflegen soll; das wäre ein gewisser raffinierter innerer Egoismus. Man muß heute davon sprechen, wie die äußeren Einrichtungen neu aufgebaut werden müssen. Aber man muß sich immer bewußt bleiben dessen, daß man in den bestaufgebauten Einrichtungen dennoch nicht weiterkommen würde, wenn nicht die Menschen sich aneignen würden die Fähigkeiten, eine geistige Welt von innen heraus wiederum aufzubauen.

[ 12 ] But this progress lies in the understanding of the inanimate, of the dead. And it is precisely through this—and this must be emphasized again and again—that the scientific worldview has grown great: by developing the precise, powerful, and admirable method for understanding the dead. But what, as a result, has humanity temporarily lost? Today, this understanding of the dead lives on not merely in the conception of nature. In every newspaper article, in general education, it permeates people’s thought patterns, so that they perceive everything according to the model of natural science and can no longer help but view everything that exists for them in the world through the lens of natural science, as if natural science were the only source of reality, and as if everything intended to be brought into reality must also be permeated by the natural-scientific mode of thinking. But now this natural-scientific mode of thinking, which is so dominant within the field of natural science itself, has a specific effect when it manifests itself in other aspects of human life. It leads—not yet in the first generation, perhaps not even in the second, not in the researcher himself, but only in the student and in those who then transform scientific findings into worldviews—it leads to antisocial behavior; it gives rise to antisocial impulses. We must not dismiss this in any dishonest, illusory way—that the penetration of our entire soul by scientific modes of perception leads us to develop antisocial impulses—for that which allows us to penetrate most deeply into the mysteries of nature is precisely what distances us from an understanding of our neighbor, of humanity. And no matter how often we say, “You shall love your neighbor as yourself”—if we allow our entire human soul to be permeated solely by scientific concepts, antisocial impulses will arise within us that reduce this statement, or all statements of brotherhood, to mere empty phrases. And so we see the peculiar fact that the call for social order arises in an age that, from another perspective, is characterized by the most antisocial “instincts.” This is the most significant aspect of our time, one that every honest person must urgently examine today. In this examination, one must not allow oneself to be led astray by anything—not by clinging to old views, nor by agitational posturing from one side or the other. Here, on this point, one must look honestly and directly. And this is the true inner reason why it is impossible to make progress in the present age without a spiritual renewal, without a rediscovery of the spiritual world from within the innermost being of the human person. In the course of human evolution, the abilities have been lost that, through observation of the outer world, allow human beings to perceive themselves as members of the universe. We must rebuild a spiritual world from within. The anthroposophical worldview sets this as its task, thereby laying the foundation for a truly social structure of the new human order. Certainly, it would be very out of place today to speak of cultivating only the inner self; that would be a form of refined inner egoism. Today we must speak of how external institutions must be rebuilt. But we must always remain conscious of the fact that, even in the best-organized institutions, we would still make no progress unless people acquired the abilities to rebuild a spiritual world from within.

[ 13 ] Einen Anfang, eine geistige Welt von innen heraus wieder aufzubauen und das Angefangene populär darzustellen, ich habe ihn versucht mit den Büchern «Vom Menschenrätsel» und «Von Seelenrätseln». In dem Buche «Von Seelenrätseln» habe ich zum erstenmal eingehend darauf hingewiesen, daß der Mensch, wenn er sich wirklich innerlich anschaut, nicht die chaotische Einheit ist, von der diejenigen sprechen, die heute nur an der Leiche, das heißt an dem Toten die Menschennatur erkennen wollen. Wie der Mensch in Wirklichkeit ist, ein Kopforganismus, ein rhythmischer oder Brustorganismus und ein Gliedmaßenorganismus — die genaueren Zusammenhänge finden Sie in meinem Buche «Von Seelenrätseln» im Anhang —, das, was gefunden ist mit Berücksichtigung aller Fortschritte der neueren Naturwissenschaft, die Anschauung von der Dreigliedrigkeit der menschlichen Gestalt, das muß einer der Ausgangspunkte werden für eine reale Anschauung des Menschen in der Zukunft überhaupt. Der Mensch muß darauf kommen, welch großer Unterschied in ihm liegt, wenn er sich betrachtet als Hauptes-, als Brust- und als Gliedmaßenmensch mit allem, was mit den Gliedmaßen zusammenhängt, namentlich als Sexualorgane, die immer nur nach innen gelegene Fortsetzungen der Gliedmaßenorgane sind, und ebenso noch als die eigentlichen Stoffwechselorgane.

[ 13 ] I attempted to take the first steps toward rebuilding a spiritual world from within and presenting this endeavor to a wider audience through the books *The Mystery of Man* and *The Mysteries of the Soul*. In the book *On the Riddles of the Soul*, I pointed out in detail for the first time that when a person truly looks within, they are not the chaotic unity described by those who today seek to recognize human nature only in the corpse—that is, in the dead. What human beings are in reality—a head organism, a rhythmic or chest organism, and a limb organism—you will find the more detailed connections in the appendix of my book *Mysteries of the Soul* in the appendix—the view of the threefold nature of the human form, arrived at with due consideration of all advances in modern natural science, must become one of the starting points for a genuine understanding of the human being in the future. Human beings must come to realize what a great difference lies within them when they regard themselves as head-human, chest-human, and limb-human—with everything connected to the limbs, namely the sexual organs, which are always merely inward-facing extensions of the limb organs, and likewise the actual metabolic organs.

[ 14 ] Betrachtet man den Menschen so als dreigliedriges Wesen, dann versteht man erst seine höhere Einheit, während die gewöhnliche Naturwissenschaft heute im Menschen alles durcheinander wirft. Denn, wer einmal den Grund gelegt hat zu dieser Anschauung des Menschen von der Dreigliedrigkeit, der begreift den Menschen wiederum drinnenstehend im Universum, aber jetzt nicht als Raumeswesen, sondern als Zeitwesen. Und das gibt den großen Unterschied zwischen unserer und der gegenwärtigen Erkenntnisart. Da hat der Goetheanismus die elementare Grundlage geschaffen, da muß man auf dem Wege des Goetheanismus weiter forschen, dann kommt man zu einer wirklichen Menschenerkenntnis. Dann betrachtet mari den Menschen, wie er uns als Haupteswesen entgegentritt so, daß man auf diese Form, auf diese Gestaltung des Hauptes einsichtig hinzuschauen vermag. Dann weiß man die Gestaltung des menschlichen Hauptes ganz mit der Embryologie in Zusammenhang zu bringen und schaut auf die Tatsache hin, daß die Embryologie des Menschen von der Hauptgestaltung ausgeht, und die anderen Gestaltungen, die anderen Organgestaltungen eigentlich mehr oder weniger sekundär, der Form nach, hinzugefügt werden. Dann aber findet man auch, wie dieses menschliche Haupt in einer ganz anderen Weise im Zusammenhang steht mit dem, was der Mensch zusammenfaßt, wenn er sagt: «Ich», als der Brustmensch, der im wesentlichen ein rhythmischer Mensch ist. Im Haupte ist die vollkommenste Menschenorganisation, man könnte sagen, schon von der Embryonalbildung des Menschen an. Das Haupt ist gerundet wie das Weltenall selbst, und was nicht Rundung ist im Haupte, das ist nur deshalb abweichend von der Rundung, weil es zusammenhängen soll mit dem ganzen übrigen Organismus. Das Haupt hat eine gewisse Selbständigkeit, nur daß sich gewisse Eigenschaften des Hauptes dann auch über die anderen Glieder des menschlichen Organismus ausdehnen, weil doch das Ganze eine Einheit ist, und weil das, was ich über die Hauptesbildung sage, nur extrem am Haupte ausgebildet ist, sich aber metamorphosisch an den anderen Gliedern des Menschen wiederholt; goethisch gesprochen: Wenn das Haupt gewissermaßen morphologisch in höchster Vollkommenheit darstellt, was am Menschen aus inneren Grundlagen heraus sich verwirklichen will, so stellt uns der Gliedmaßenmensch dasjenige dar, was am Menschen, ich möchte sagen, nur rudimentär menschlich gebildet ist, was am wenigsten vollkommen die menschliche Gestalt gibt. Und der Brustmensch steht mitten drinnen. Der Brustmensch lebt eigentlich durch die rhythmischen Bewegungen, denn im Grunde genommen ist im Menschen alles rhythmisch bewegt. Und ich habe, ich möchte sagen, einen auffälligsten Rhythmus in der Menschheitsentwickelung angegeben in früheren Vorträgen. Die heutige Menschheit hält solche Dinge für Zufall. Aber wenn sie diese Dinge für Zufall hält, so wird das die Menschheit noch weiter in ein ruinöses Denken hineinführen. Ich habe Ihnen gesagt: Nimmt man die Zahl der Atemzüge in einer Minute, so ist das Merkwürdige, daß man einen gewissen Rhythmus herausbekommt in der Zahl der Atemzüge für einen Tag, für vierundzwanzig Stunden, und daß man in vierundzwanzig Stunden so viel Atemzüge macht, als man 'Tage im normalen Lebenslauf im Menschenleben erlebt, wenn man etwa zweiundsiebzig Jahre alt wird. Und daß das wiederum dieselbe Zahl ist wie die Zahl eines sogenannten platonischen Sonnenjahres, die Zahl jener Jahre, in der die Sonne scheinbar den ganzen Tierkreis durchläuft.

[ 14 ] If we view human beings in this way as threefold beings, only then can we understand their higher unity, whereas modern science tends to confuse everything about human beings. For whoever has once laid the foundation for this view of the human being as a threefold being comes to understand the human being as standing within the universe—but now not as a spatial being, but as a temporal being. And this is the great difference between our approach and the current way of understanding. Goetheanism has laid the elementary foundation here; one must continue to research along the path of Goetheanism, and then one arrives at a true understanding of the human being. Then we view the human being as he appears to us as a head-being, in such a way that we are able to look at this form, at this structure of the head, with insight. Then one knows how to relate the form of the human head entirely to embryology and observes the fact that human embryology proceeds from the form of the head, and that the other forms—the other organ forms—are actually added more or less secondarily, in terms of form. But then one also discovers how this human head is connected in an entirely different way to what a person sums up when they say, “I”—as the “chest-human,” who is essentially a rhythmic being. The head contains the most perfect human organization—one might say, right from the very beginning of human embryonic development. The head is rounded like the universe itself, and whatever in the head is not rounded deviates from this roundness only because it must be connected to the rest of the organism. The head possesses a certain degree of autonomy, except that certain characteristics of the head then also extend to the other parts of the human organism, because the whole is, after all, a unity, and because what I say about the formation of the head is only developed to the extreme in the head itself, but is repeated in a metamorphic manner in the other parts of the human being; To put it in Goethean terms: If the head, so to speak, represents in the highest morphological perfection what seeks to realize itself in the human being from inner foundations, then the “limb-human” represents that which in the human being—I might say—is formed only rudimentarily as human, that which least perfectly embodies the human form. And the “chest-human” stands right in the middle. The chest-human actually lives through rhythmic movements, for, fundamentally speaking, everything in the human being is moved rhythmically. And I have, I might say, pointed out the most striking rhythm in human development in earlier lectures. Today’s humanity regards such things as coincidence. But if it regards these things as coincidence, this will lead humanity even further into ruinous thinking. I have told you: If you take the number of breaths in a minute, the remarkable thing is that you can discern a certain rhythm in the number of breaths over the course of a day—twenty-four hours—and that in twenty-four hours you take as many breaths as there are “days” in the normal course of a human life, assuming you live to be about seventy-two years old. And that, in turn, is the same number as the so-called Platonic solar year—the number of years in which the sun apparently passes through the entire zodiac.

[ 15 ] Das ist nur ein Ausschnitt aus dem Rhythmischen, in welchem der Mensch durch seinen Atmungs-Brust-Prozeß im ganzen Weltenall drinnen lebt. Der Mensch ist dieses dreigliederige Wesen. Und nun stehen wir gerade, diese Dreigliederung des Menschen betrachtend, vor dem Ausgangspunkte einer Erkenntnis, die ich heute nur anzudeuten brauche, denn im Grunde genommen haben wir soundso oft von den Einzelheiten gesprochen, heute haben wir sie in bezug auf ihre morphologische Einheit angeschaut. Wir stehen am Ausgangspunkte einer naturwissenschaftlichen Erkenntnis, welche klar vor den Menschen hingestellt wird: Kopfbildung ist Folgeerscheinung desjenigen, was der Mensch durchgemacht hat, bevor er durch die Geburt oder durch die Empfängnis in das physische Dasein gekommen ist. In der Kopfbildung leben diejenigen Kräfte, die der Mensch im geistigen Leben durchgemacht hat, bevor er durch die Empfängnis ins physische Dasein gekommen ist. In alledem, was in der Brustbildung lebt, lebt dasjenige, was der Mensch hier zwischen Geburt und Tod erleben und ausgestalten kann. Und in der Gliedmaßenbildung lebt die metamorphosierte Anlage zu dem, was der Mensch post mortem, nach dem Tode, im geistigen Leben ist. Dasjenige, was mit dem ökumenischen Konzil 869 eigentlich aus dem Bewußtsein der europäischen Menschheit herausgetrieben worden ist, die Präexistenz der Menschenseele, die auch erst eine wirkliche Anschauung über die Postexistenz gibt, das wird naturwissenschaftlich erwiesen werden können, wenn die Menschen sich nur erst hineingebracht haben werden in die entsprechenden Denkgewohnheiten. Dann wird es nur eine Stufe sein zur Erkenntnis der wiederholten Erdenleben, über die wir ja oft genug gesprochen haben. Aber diese ganze Erkenntnis muß von innen heraus gebaut werden. Was der alte Mensch herausgebaut hat aus der Anschauung des Weltenalls und seines Zusammenhanges damit, weil er noch eine höhere Sensibilität hatte, das muß der moderne Mensch von innen heraus aufbauen durch eine innere starke Kraft, die er sich aneignen kann auf die Weise, wie ich es in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» geschildert habe. Und diese Kräfte — der einzelne kann sie ja nur aus Erkenntnis haben —, diese Kräfte werden sozial ausgebildet werden, wenn wir solche Wissenschaft vom Menschen treiben, die uns wiederum im Physischen das Seelische und Geistige erkennen läßt. Aber nicht so, daß wir davon in bloßer Phrase schwätzen. Denn alles, was auch die heutige Philosophie von Seele und Geist redet, ist ein Schwätzen in bloßer Phrase. Von Realitäten spricht man nur, wenn man sagen kann: Sieh dir dein Haupt an, das ist der Abglanz, das Spiegelbild einer vorgeburtlichen Geistesentwickelung. — Da hat man eine reale Tatsache, da beginnt erst das Recht, von diesen Dingen im Sinne der modernen Weltanschauung zu sprechen. Erst wenn man sagen kann: Deine Gliedmaßen zeigen die metamorphosierte Vorbildung für die Hauptesbildung des nächsten Erdenlebens —, steht man auf realem Boden. Dann redet man konkret über diese Dinge. Und diese Art zu denken, die wird, weil in der Menschenseele alles im Zusammenhange steht, die wird der Menschheit wiederum soziale Triebe einimpfen. Davon wird wiederum soziales Empfinden ausgehen. Denn zwischen der alten Weltanschauung, die auf den Raum, und der neuen Weltanschauung, die auf die Zeit sich bezieht, steht der Impuls, der als der Impuls des Christentums in die Menschheit eingeschlagen hat, der gleichsam bedeutet: Hinweg aus der äußeren bloßen Raumesanschauung —, der hinlenkt auf die innerste Menschennatur. Aber man darf nicht stehenbleiben beim bloßen Hinlenken auf das wirre, chaotische Gefühl, man muß in dem Gefühl wiederum eine konkrete Weltanschauung aufleuchten lassen, aber eine Weltanschauung, die jetzt den Menschen zeitlich hineinstellt in das Weltenall.

[ 15 ] This is only a fragment of the rhythmic process through which the human being, by means of his respiratory-chest process, lives within the entire universe. The human being is this threefold being. And now, as we contemplate this threefold nature of the human being, we stand at the starting point of an insight that I need only hint at today, for we have, after all, spoken of the details so many times; today we have examined them in relation to their morphological unity. We stand at the starting point of a scientific insight that is clearly set before us: the formation of the head is a consequence of what the human being has undergone before entering physical existence through birth or conception. The forces that the human being experienced in spiritual life before entering physical existence through conception live within the formation of the head. In all that lives within the formation of the chest lies what a human being can experience and shape here between birth and death. And in the formation of the limbs lives the metamorphosed predisposition to what a human being is in the spiritual life after death. That which was effectively driven out of the consciousness of European humanity by the Ecumenical Council of 869—the pre-existence of the human soul, which alone provides a true insight into post-existence—will be able to be scientifically proven once people have first adopted the appropriate habits of thought. Then it will be only one step toward the realization of repeated earthly lives, about which we have spoken often enough. But this entire understanding must be built from within. What the ancient human being was able to develop from his perception of the universe and his connection to it—because he still possessed a higher sensitivity—must be built up by the modern human being from within through a strong inner force that he can acquire in the manner I have described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. And these forces—which the individual can only derive from knowledge—will be developed socially if we pursue a science of the human being that in turn enables us to recognize the soul and spirit within the physical realm. But not in such a way that we merely prattle on about them in empty phrases. For everything that even today’s philosophy says about the soul and spirit is mere prattle in empty phrases. One speaks of realities only when one can say: Look at your head; it is the reflection, the mirror image of a pre-birth spiritual development. — Therein lies a real fact; only then does one have the right to speak of these things in the sense of the modern worldview. Only when one can say, “Your limbs reveal the metamorphosed precursor to the formation of the head in your next earthly life,” does one stand on solid ground. Then one speaks concretely about these things. And this way of thinking—which, because everything in the human soul is interconnected, will once again instill social impulses in humanity—will in turn give rise to social feeling. For between the old worldview, which relates to space, and the new worldview, which relates to time, stands the impulse that has taken root in humanity as the impulse of Christianity—an impulse that, as it were, signifies: “Away from the mere external view of space”—and which directs us toward the innermost nature of the human being. But one must not stop at merely directing attention toward this confused, chaotic feeling; one must, within that feeling, allow a concrete worldview to emerge—a worldview that now places human beings within the universe in a temporal context.

[ 16 ] Zwischen diesen beiden Dingen stehen wir in der Gegenwart. Verlorengegangen ist uns die alte Raumesanschauung, geboren werden muß aus sozialen und menschheitlichen Schmerzen heraus die neuere Zeitenanschauung über die Entwickelung des Menschen. Und Europa hat bisher sich ganz hingegeben der niedergehenden Raumesanschauung. Es muß dieses Europa lernen, in sich aufgehen zu lassen die Zeitenanschauung. Das ist die Gabelung jenes Weges, auf dem die europäische Zivilisation bisher gegangen ist, und auf diesem Gabelungspunkt ist zu entscheiden, ob wir hineinsausen wollen in die Vernichtung, oder ob wir zu einem neuen Leben die europäische Zivilisation erwecken wollen. Von der Vernichtung spricht vieles; zu dem Sprechen von einem neuen Leben rafft sich noch weniges auf. Aber einzelne Stimmen klingen merkwürdig aus dem heraus, was die sogenannte europäische Zivilisation ist.

[ 16 ] We currently find ourselves caught between these two things. We have lost the old spatial perspective; the newer temporal perspective on human development must be born out of social and human suffering. And Europe has, until now, devoted itself entirely to the declining spatial conception. This Europe must learn to let the temporal conception take root within itself. This is the fork in the road along which European civilization has traveled thus far, and at this crossroads we must decide whether we want to rush headlong into destruction, or whether we want to awaken European civilization to a new life. Much is said about destruction; few are yet mustering the courage to speak of a new life. But individual voices ring out strangely from within what is called European civilization.

[ 17 ] Der dekadenteste Teil dieser europäischen Zivilisation steckt wohl, wie ich im einzelnen öfters ausgeführt habe, in der romanischen Kultur. Der Versailler Friede ist nur das letzte Zappeln der untergehenden romanischen Kultur, die unbewußt gefühlt wird, die ein letztes Mal sich wie eine Realität in der Welt benimmt, während sie längst innerlich dem Untergang geweiht ist. Aber dieser Untergang läßt merkwürdige Geistesblüten erstehen. Und, ich möchte sagen, derjenige, der innerlich durchschaut die menschliche Entwickelung, der atmetauf, wenn ihm so etwas gegenübertritt wie in einem neueren Buche über die Kunst von Benredetto Croce. Benedetto Croce hat in Texas, nicht in Europa, vier Vorträge über die Kunst gehalten. Der erste heißt «Was ist die Kunst?», und in diesem Vortrage steht ein Satz, der aber nichts anderes ist als der Extrakt einer umfassenden romanischen Kunstanschauung, das heißt einer Kunstanschauung, die aus dem dekadenten Romanentum herausgeht wie das Aufleuchten einer neuen Zeit, wie aus dem verfaulenden Pflanzensamen die neue Pflanze sich erhebt.

[ 17 ] The most decadent aspect of this European civilization lies, as I have often explained in detail, in Romanic culture. The Treaty of Versailles is merely the final death throes of the declining Romanic culture, which is sensed unconsciously, behaving one last time as if it were a reality in the world, even though it has long been doomed from within. But this decline gives rise to strange intellectual blossoms. And, I would say, anyone who truly understands human development is left breathless when confronted with something like what is found in a recent book on art by Benedetto Croce. Benedetto Croce gave four lectures on art in Texas, not in Europe. The first is titled “What Is Art?”, and in this lecture there is a sentence that is nothing less than the essence of a comprehensive Romanic view of art—that is, a view of art that emerges from decadent Roman culture like the dawn of a new era, just as a new plant rises from a decaying seed.

[ 18 ] «Aber mit Bewußtsein und methodisch ist dieser Versuch in der Geschichte des Denkens häufig unternommen worden» — er meint den Versuch, durch das heutige Denken die Kunst zu begreifen, und er sieht diesen Versuch als einen vergeblichen an —, « angefangen von den «Kanons>, welche die griechischen und die Renaissancekünstler und -theoretiker für die Schönheit der Körper festgesetzt haben, von den Spekulationen über die geometrischen und arithmetischen Beziehungen, die in den Figuren und Tönen zu bestimmen seien, bis hin zu den Untersuchungen der Ästhetiker des neunzehnten Jahrhunderts, zum Beispiel Fechners, und zu den «Mitteilungen», die auf den Philosophen-, Psychologen- und Naturforscherkongressen unserer Tage die Unkundigen über die Beziehungen der physischen Erscheinungen zur Kunst vorzulegen pflegen. »

[ 18 ] “But this attempt has often been made in the history of thought, consciously and methodically” — he is referring to the attempt to understand art through contemporary thought, and he regards this attempt as futile —, “beginning with the ‘canons’ that Greek and Renaissance artists and theorists established for the beauty of the human form, through speculations about the geometric and arithmetic relationships said to be present in figures and sounds, right up to the investigations of nineteenth-century aestheticians, such as Fechner, and the ‘presentations’ that are typically given at today’s conferences of philosophers, psychologists, and natural scientists to the uninitiated regarding the relationships between physical phenomena and art.”

[ 19 ] Als ich in München sprach vom lebendigen Erfassen der Kunst, von einem Erfassen der Kunst, das von diesem Erfassen der Kunst durch das tote naturwissenschaftliche Erkennen absieht, da erhob sich zunächst selbstverständlich überall Widerspruch. Aber Croce fährt fort: «Fragt man sich, aus welchem Grund die Kunst keine physische Tatsache sein kann, so ist in erster Linie zu antworten » — ich bitte, hören Sie jetzt! —, «die physischen Tatsachen haben keine Wirklichkeit, während die Kunst, der so viele ihr ganzes Leben widmen und die alle mit göttlicher Freude erfüllt, in höchstem Maße wirklich ist. Also kann sie keine physische, das heißt unwirkliche Tatsache sein. »

[ 19 ] When I spoke in Munich about the living apprehension of art—an apprehension of art that eschews the dead, scientific understanding of art—objections naturally arose from all sides at first. But Croce continues: “If one asks why art cannot be a physical fact, the first answer is”—please, listen now!—“physical facts have no reality, whereas art, to which so many devote their entire lives and which fills them all with divine joy, is real in the highest degree. Therefore, it cannot be a physical—that is, unreal—fact.”

[ 20 ] Nun bitte ich Sie, hinzuschauen im Geiste auf das verdutzte Gesicht des europäischen Spießertums, jenes verdutzte Gesicht, von dem man sich sagen lassen muß: Ja, aber alles das, was da draußen im Raume ist, ist doch das Wirkliche, die Kunst ist das Unwirkliche. Und da schreit hier ein Mensch einem aus feinster Kunstempfindung entgegen: Die Kunst kann keine physische Tatsache sein, weil die physischen Tat ‚sachen unwirklich sind und die Kunst gerade zur Wirklichkeit hin muß.

[ 20 ] Now I ask you to look, in your mind’s eye, at the bewildered face of European philistinism—that bewildered face that makes one say: “Yes, but everything out there in space is, after all, the real; art is the unreal.” And here a person, speaking from the finest artistic sensibility, cries out: Art cannot be a physical fact, because physical facts are unreal, and art must, precisely, strive toward reality.

[ 21 ] Das ist so etwas von dem, was umgekehrt werden muß in gewisser Beziehung. Und jenseits der Kunst, da liegt erst dasjenige, was erreicht wird auf einem Wege, dessen erste elementare Stufen ich in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» bezeichnet habe. Da liegt das lebendige Anschauen der wahren Welt, der wahren Wirklichkeit. Aber es ist etwas Großartiges, zu sehen, wie ein Mensch, wie dieser Croce, schon ahnt, daß die Kunst wirklicher ist als das, was der biedere Spießer als das einzig Wirkliche anerkennt. Denn im Grunde genommen möchte doch dieser Spießer sagen, wenn er in einem Drama sieht, wie ein Mensch getötet wird: Nun, Gott sei Dank, es ist ja nicht wirklich. — An solchen Dingen zeigt sich eben das starke Zusammenstoßen zwischen dem Alten und dem notwendigen Neuen, und sicher wird es sogar die Kunst sein, auf deren Boden sich die gewaltigsten Kämpfe in der Gegenwart abspielen müssen. Denn diejenige Anschauung, die sich ihr Muster genommen hat nur an dem Toten, die in der Naturwissenschaft zu so großen Triumphen geführt hat, die segelt im sozialen Leben auch hin zu einer bloßen Gestaltung eines Toten, eines solchen, das untergehen muß. Nach naturwissenschaftlichem Muster ist der Marxismus aufgebaut. Die soziale Ordnung will er so begreifen, wie man die äußere Naturordnung begreift. Was hat er erreicht? Eine schöne, großartige, geniale Kritik der modernen Wirtschaftsordnung. Aber er steht vor der Unmöglichkeit, nun etwas hinzusetzen an die Stelle dieser modernen, von ihm kritisierten Wirtschaftsordnung. Und derjenige, der sich hineinvertiefen kann in die Frage: Was für ein Aufbau konnte durch den Marxismus, durch die Auslebung des Marxismus erreicht werden? — er wird sagen: Nichts, Zerstörung nur, realisierte Kritik, das heißt Zerstörung konnte einzig und allein erreicht werden. — Ist es nicht sonderbar, wenn da, wo die äußerste Konsequenz des Marxismus gezogen worden ist für das äußerliche Leben, in Osteuropa und Rußland, eine merkwürdige Kritik auftaucht, eine Kritik, die wirklich die letzten Konsequenzen des Marxismus ziehen konnte, die das äußere soziale Leben so einrichtete, wie sie es als Konsequenz des Marxismus auffassen mußte, und wenn sie dann auf eine merkwürdige Art erst durch Erfahrung auf solche Dinge kommt, wie sie in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und der Zukunft» angegeben sind! Denn in den «Kernpunkten» können Sie finden, daß eigentlich dasjenige, was noch an einzelnen Gedanken im Marxismus lebt, nichts anderes ist als das Erbe der bürgerlichen Weltanschauung.

[ 21 ] This is precisely the kind of thing that, in a certain sense, must be reversed. And beyond art lies that which is attained through a path whose first elementary steps I have described in my book *How Does One Attain Knowledge of the Higher Worlds?*. Therein lies the living perception of the true world, of true reality. But it is a magnificent thing to see how a person—like Croce—already senses that art is more real than what the staid philistine recognizes as the only reality. For, when all is said and done, this philistine would like to say, when he sees a person being killed in a play: “Well, thank God, it’s not really real.” — It is precisely in such things that the fierce clash between the old and the necessary new becomes apparent, and it will surely be art itself that serves as the arena for the most formidable struggles of the present. For the worldview that has taken its model solely from the dead—the one that has led to such great triumphs in the natural sciences—is also sailing in social life toward a mere representation of the dead, one that is bound to perish. Marxism is structured according to the model of the natural sciences. It seeks to understand the social order in the same way that one understands the external natural order. What has it achieved? A beautiful, magnificent, and brilliant critique of the modern economic order. But it faces the impossibility of now offering anything to replace this modern economic order it has criticized. And anyone who can delve deeply into the question: What kind of structure could have been achieved through Marxism, through the full implementation of Marxism? — will say: Nothing, only destruction; realized criticism—that is, destruction—was the only thing that could be achieved. — Isn’t it strange that where the extreme consequences of Marxism have been carried out in external life—in Eastern Europe and Russia—a peculiar critique emerges, a critique that was truly able to draw the ultimate consequences of Marxism, which shaped external social life in the way it had to be understood as a consequence of Marxism, and when it then, in a curious way, arrives—only through experience—at such things as are set forth in my book *The Key Points of the Social Question in the Necessities of Life in the Present and the Future*! For in *The Key Points* you can find that, in fact, what still lives on in individual ideas within Marxism is nothing other than the legacy of the bourgeois worldview.

[ 22 ] Überall haben es ja die Leute mit der toten Weltanschauung zu tun, wenn sie irgend etwas aus dem Marxismus heraus aufbauen wollen. Und ist es nicht sonderbar, wenn dann ein Kritiker dessen, was in Rußland vorgeht, die merkwürdigen Sätze spricht: «Wir waren auf die Hilfe von bürgerlichen Spezialisten angewiesen, die durch und durch von der bürgerlichen Psychologie durchdrungen waren, und die uns verraten haben und noch Jahre hindurch verraten werden. Nichtsdestoweniger wäre es kindisch, die Frage in dem Sinne zu stellen, ob wir den Kommunismus aufzubauen hätten nur rein mit kommunistischen Händen und ohne Zuhilfenahme bürgerlicher Spezialisten.» Und weiter: «Ohne das Erbe der kapitalistischen Kultur vermögen wir den Sozialismus nicht aufzubauen. Es kann auf nichts anderem der Kommunismus aufgebaut werden als auf dem, was der Kapitalismus uns hinterlassen hat. »

[ 22 ] Everywhere, people are confronted with a dead worldview whenever they try to build anything based on Marxism. And isn’t it strange, then, when a critic of what is happening in Russia utters these peculiar sentences: “We were dependent on the help of bourgeois specialists who were thoroughly imbued with bourgeois psychology, and who have betrayed us and will continue to betray us for years to come. Nevertheless, it would be childish to pose the question in such a way as to ask whether we should build communism solely with communist hands and without the assistance of bourgeois specialists.” And further: “Without the legacy of capitalist culture, we cannot build socialism. Communism can be built on nothing other than what capitalism has left us.”

[ 23 ] Das heißt: Wir tragen, einfach weil wir keinen wirklichen Inhalt haben für den Kommunismus, das bürgerliche Spießbürgertum hinüber. — Nun, ein merkwürdiges Geständnis: Der Kommunismus kann nur aufgebaut werden auf dem Erbe dessen, was der Kapitalismus hinterlassen hat. Und weiter: «Praktisch haben wir eine kommunistische Gesellschaft mit den Händen unserer Feinde zu schaffen», das heißt mit bürgerlichen Händen. Das heißt, wir haben eine umgekehrte Klassengesellschaft zu begründen; das heißt, nicht Abschaffung eines Klassenstaates, sondern zu Heloten zu machen diejenigen, die früher oben waren. «Praktisch haben wir eine kommunistische Gesellschaft mit den Händen unserer Feinde zu schaffen. Das scheint ein Widerspruch zu sein, vielleicht sogar ein unlösbarer Widerspruch.» Ich bitte, hören Sie den Satz so an, wie er ist! «In Wirklichkeit aber kann nur auf diesem Wege die Aufgabe des kommunistischen Aufbaues gelöst werden.»

[ 23 ] In other words: Simply because we have no real substance for communism, we are carrying over the bourgeois philistinism. — Well, a strange confession: Communism can only be built on the legacy of what capitalism has left behind. And further: “In practice, we have to create a communist society with the hands of our enemies”—that is, with bourgeois hands. This means we have to establish a reversed class society; it means not abolishing a class state, but turning those who were once at the top into helots. “In practice, we must build a communist society with the hands of our enemies. That seems to be a contradiction, perhaps even an insoluble contradiction.” Please, listen to that sentence just as it is! “In reality, however, the task of communist construction can only be solved in this way.”

[ 24 ] Es scheint also ein unlösbarer Widerspruch zu sein, aber in Wirklichkeit kann nur mit Hilfe dieses unlösbaren Widerspruchs die Aufbauung des Kommunismus gelöst werden.

[ 24 ] It therefore seems to be an insoluble contradiction, but in reality, it is only with the help of this insoluble contradiction that the construction of communism can be achieved.

[ 25 ] Und weiter: «Das bot ungeheure Schwierigkeiten, aber nur auf diese Weise konnten sie gelöst werden. Die organisatorische, schöpferische, gemeinsame Arbeit muß die bürgerlichen Spezialisten so in die Enge treiben, daß sie in den Reihen des Proletariats vorauszumarschieren gezwungen sind, so sehr sie sich auch dagegen stemmen, und so sehr sie dagegen Schritt für Schritt ankämpfen mögen. Wir müssen sie als technische und Kulturkräfte auf die Höhe stellen, um sie für uns zu behalten und um aus dem unkultivierten und wilden kapitalistischen Lande ein kommunistisches Kulturland zu schaffen.»

[ 25 ] And further: “This presented enormous difficulties, but this was the only way they could be resolved. Organizational, creative, collective work must corner the bourgeois specialists to such an extent that they are forced to march at the forefront of the proletariat, no matter how much they resist it, and no matter how much they may fight against it step by step. We must elevate them to the level of technical and cultural forces in order to retain them for ourselves and to transform the uncultivated and savage capitalist land into a communist cultural land.”

[ 26 ] Nun, hier ist trocken gesagt, was getan werden muß, wenn nicht neue Ideen, ein neuer Geist geboren wird: Es kann nur mit dem Erbe der kapitalistischen Kultur weiter gewirtschaftet werden. Aber da die Denkweise sich nur auf das Tote erstreckt, so kann das nur hineinführen in die Ertötung der europäischen Zivilisation. Und diese Ertötung, die vom Osten ausgeht, sie wird sicher kommen und sich über den Westen erstrecken, wenn keine neue Denkweise in der europäischen Menschheit Platz greift, wenn man nicht imstande sein wird, die Wirklichkeit ganz anders anzuschauen, als sie bisher durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte, und, im Kulminationspunkt, in der heutigen Zeit angeschaut werden kann.

[ 26 ] Well, here is a blunt statement of what must be done if no new ideas, no new spirit, are born: We can only continue to manage our affairs based on the legacy of capitalist culture. But since this way of thinking extends only to what is dead, it can only lead to the destruction of European civilization. And this destruction, emanating from the East, will surely come and spread across the West if a new way of thinking does not take root among the people of Europe, if we are unable to view reality in a completely different way than it has been viewed over the last three to four centuries—and, at its culmination, in the present day.

[ 27 ] Nun fragen wir uns: Wie steht es mit dem, dessen Erbe angetreten werden soll? Wie steht es mit dem? Wir haben eben eine Stimme gehört, wie im Osten aufgebaut werden soll auf dem Erbe des Alten; denn bis jetzt ist ganz mit dem Erbe des Alten gebaut worden. Ein Neues gibt es noch nicht für die Außenwelt, das muß erst aus einer Erneuerung des Geistes heraus kommen. Wozu hat es aber das Alte gebracht mit Bezug auf die Geistigkeit? Das kann man aus Symptomen erkennen. Ich habe neulich in Heilbronn gesprochen. Was der Zeilenschinder über meinen Vortrag sagt, ist mir ganz gleichgültig, darauf kommt es nicht an, aber dieser Zeilenschinder findet es angemessen, die gegenwärtige Weltanschauung in einem kurzen, prägnanten Satz zum Ausdruck zu bringen. Er sagt: «Die Banalität seiner ganzen Aufmachung, die stark an amerikanische Propaganda erinnert, zeigte er am deutlichsten dadurch, wie er die alten Schlager der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit in seine Dreigliederung einfügt.»

[ 27 ] Now let us ask ourselves: What about the one whose legacy is to be inherited? What about him? We have just heard a voice explaining how the East is to be built upon the legacy of the past; for up to now, everything has been built entirely upon the legacy of the past. There is not yet anything new for the outside world; that must first come out of a renewal of the spirit. But what has the old achieved in terms of spirituality? This can be recognized from certain symptoms. I spoke recently in Heilbronn. I am completely indifferent to what the hack writer says about my lecture—that is not what matters—but this hack writer finds it appropriate to express the current worldview in a short, pithy sentence. He says: “The banality of his entire presentation, which is strongly reminiscent of American propaganda, was most clearly demonstrated by the way he incorporated the old slogans of the French Revolution—Liberty, Equality, Fraternity—into his threefold division.”

[ 28 ] Also, es gibt in der heutigen Zivilisation die Möglichkeit, daß aus ihr heraus gesprochen wird: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit sind Schlager, sind alte Schlager. Prägen Sie sich das in Ihre Seelen, prägen Sie sich es in Ihre Herzen. So wie Hamlet gesagt hat, «Schreibtafel her, Schreibtafel her! daß ein Mensch immer lächeln und lächeln kann und doch ein Schurke sein kann!» Schreiben Sie sich das in Ihre Seele: Es gibt in der heutigen Kultur die Möglichkeit, Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit «alte Schlager» zu nennen! Und dann fragt man, wo die Impulse für den Untergang dieser Kultur liegen? Seien Sie nicht zu bequem, meine lieben Freunde, seien Sie nicht lässig! Sagen Sie es den Leuten, daß das möglich ist, daß die edelsten Güter der Menschheit in diesen Tagen in den Dreck gezogen werden von dem, was sich «europäische Bildung » nennt. Dann werden Sie dieses Geistige vielleicht doch hinüberbringen, wenn Sie es den Menschen nur deutlich machen können, was sie in ihren Seelen verschlafen. Denn über diese Dinge lesen heute die Menschen hinweg, das nehmen sie als Selbstverständlichkeiten. Auf diese Dinge muß aber hingeschaut werden. Und ehe nicht gesehen wird, wie stark die Niedergangsimpulse sind, wie trivial dasjenige ist, was zuletzt in diese Weltkriegskatastrophe hineingesegelt hat, gibt es kein Heil. Und wenn es ein Heil gibt, so wird es doch nur möglich sein, wenn es aus der neuerlichen Vertiefung der Menschheit in ihre geistigen Untergründe hervorgeht. Wir können nicht in einer bloßen Aufwärmung alter Geistigkeit heute das Ziel sehen. Wir müssen heute im Innerlichen zu der Stärke kommen, eine neue Geistigkeit zu schaffen. Daran hängt das Schicksal Europas: Entweder diese neue Geistigkeit, oder Europa wird zum Grabe mit Bezug auf seine Kultur! Es gibt ein Drittes nicht, und für das eine oder für das andere muß sich die Menschheit entscheiden. Entweder in den Untergang hinein, oder mutig in die neue Geistigkeit hinein!

[ 28 ] So, in today’s civilization, there is the possibility that these ideas will be spoken of: Liberty, Equality, Fraternity are catchphrases—old catchphrases. Engrave this in your souls, engrave it in your hearts. As Hamlet said, “Give me a writing tablet, give me a writing tablet! That a man can always smile and smile and yet be a scoundrel!” Write this in your souls: In today’s culture, there is the possibility of calling freedom, equality, and fraternity “old catchphrases”! And then people ask, where do the forces driving the downfall of this culture lie? Don’t be too complacent, my dear friends, don’t be indifferent! Tell people that this is possible—that the noblest values of humanity are being dragged through the mud these days by what calls itself “European education.” Then perhaps you will be able to pass on this spiritual essence after all, if only you can make it clear to people what they are overlooking in their souls. For today, people skim over these things; they take them for granted. But these things must be looked at closely. And until people see how powerful the forces of decline are, and how trivial is that which ultimately steered us into this catastrophe of world war, there will be no salvation. And if there is to be salvation, it will only be possible if it arises from humanity’s renewed immersion in its spiritual depths. We cannot see our goal today in a mere revival of old spirituality. Today we must find within ourselves the strength to create a new spirituality. The fate of Europe hangs on this: either this new spirituality, or Europe will become a grave for its own culture! There is no third option, and humanity must decide between one or the other. Either into ruin, or courageously into the new spirituality!