Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
20 Juli 1919, Stuttgart
Vierzehnter Vortrag
[ 1 ] Weil es wahrscheinlich die Verhältnisse ergeben werden, daß in den nächsten Wochen hier im Zweige keine Vorträge stattfinden, so werde ich heute etwas Zusammenfassendes zu geben haben. Etwas Zusammenfassendes, das hinweisen wird auf gewisse Zeitverhältnisse, deren Beobachtung es möglich macht, einen genaueren Einblick in die Aufgaben der gegenwärtigen Zeit zu bekommen. Und ein solcher Einblick in die Aufgaben der gegenwärtigen Zeit ist ja, wie aus verschiedenem hervorgeht, das ich gerade hier besprochen habe, heute in der allerintensivsten Weise notwendig.
[ 2 ] Der Mensch, namentlich Mitteleuropas, ist eigentlich heute so gestimmt, daß er Erkenntnisse der geistigen Welt entweder fürchtet oder verachtet. Beides ist ja innerlich verwandt. Aber gerade diese Furcht vor der geistigen Welt und diese Verachtung des Erkennens der geistigen Welt, sie hängen mit der außerordentlich schwierigen Lage zusammen, in die Mitteleuropa gekommen ist, und in der es ja weiter sein wird.
[ 3 ] Auf mancherlei, das ich zusammenfassend heute besprechen möchte, ist ja von mir an diesem Orte im Laufe der Jahre, und auch in diesen Wochen bereits hingedeutet worden. Sie werden aus den Betrachtungen, die hier angestellt worden sind, entnommen haben, daß im Westen, bei den Völkern der lateinischen und der anglo-amerikanischen Rasse, in alles dasjenige, was diese Völker im weitesten Sinne politisch unternehmen, übersinnliche Erkenntnisse hineinspielen. Derjenige gibt sich großen Illusionen hin, der da glaubt, daß zum Beispiel die anglo-amerikanische Politik nicht abhängig sei von gewissen übersinnlichen Erkenntnissen über die Entwickelung der Menschheit. Und ebenso spielen übersinnliche Erkenntnisse in alles dasjenige hinein, was im Osten bei den Völkern Asiens und bis herein nach Rußland erstrebt wird. Dabei muß man allerdings ausnehmen von dem, was hier als Erstrebtes in Rußland gemeint ist, alles das, was sich auf das gegenwärtige russische Regime bezieht. Das ist allerdings aller übersinnlichen Erkenntnis fremd und fern. Diese Verhältnisse zeigen, daß wir in Mitteleuropa gewissermaßen eingeklemmt sind in Weltengestaltungen, die durchaus bestimmt sind von übersinnlichen Erkenntnissen, die oftmals für die heutige Zeit nicht einwandfreier Natur sind. Wir haben ja von diesen Dingen gesprochen. Und es ist auch aufmerksam darauf gemacht worden, daß das nicht sein darf, daß man sich ferner in Mitteleuropa in einer gewissen halsstarrigen Weise gegenüber wirklichen übersinnlichen Anschauungen verschließt. Denn dieses Verschließen gegenüber übersinnlichen Anschauungen würde dieses arme Mitteleuropa immer mehr und mehr in die Not und in das Elend, in die Verwirrung und in das Chaos hineintreiben.
[ 4 ] Es mag ja gegenwärtig einer Zeitnote bei allen Parteiungen links und rechts entsprechen, alles Übersinnliche wie etwas Kindisches in der Menschheitsentwickelung zu betrachten. Die Völker Mitteleuropas würden schwer, schwer zu leiden haben, wenn sie weiterhin sich der übersinnlichen Erkenntnis verschließen wollten, denn sie würden einfach von dem, was von übersinnlicher Erkenntnis im Westen und im Osten durchtränkt ist, zusammengeschnürt werden. Es ist wichtig, auch darauf hinzuweisen, daß in weitesten Kreisen heute das Vertrauen zu denjenigen, die übersinnliche Erkenntnisse haben, geschwunden ist, daß dieses Vertrauen ausgemerzt werden soll durch die bloße Anbetung dessen, was man ohne übersinnliches Schauen als Erkenntnis aufbringen kann. Und es ist auf der anderen Seite auch richtig, daß keine Zeit mehr als gerade die unsrige die intensivste Pflege des Vertrauens nötig hat zu denjenigen, die von solchen übersinnlichen Erkenntnissen etwas mitteilen können. So befinden wir uns gewissermaßen in Mitteleuropa in der Lage, daß wir etwas am intensivsten notwendig haben, was wir auch am intensivsten ablehnen möchten. Dieser Tatsache muß unbefangen ins Auge geschaut werden. Gefragt muß zum Beispiel werden: Woher hat denn die anglo-amerikanische Welt diese Einblicke in den Gang der Menschheitsentwickelung, die uns in Mitteleuropa so verderblich geworden sind? Und gefragt muß werden: Welches sind denn die Quellen, aus denen die östlichen Völker, namentlich die östlichen Völker Asiens, in der Zukunft dasjenige werden gewinnen können, was geeignet sein wird, uns in Europa die Kehle zuzuschnüren? — Nur eine klare Einsicht in diese Dinge kann wirklich von Heil sein.
[ 5 ] Wenn man verfolgt, was selbst bei sogenannten ganz auf klärerischen Geschichtsschreibern und Politikern Englands und Amerikas als Weltideen verbreitet wird, so wird man finden, daß selbst bei diesen aufklärerischen Leuten in ihre Ideen überall etwas hineinspielt, was irgendwie von übersinnlichen Erkenntnissen über den Gang der Welt beeinflußt ist. Das gewinnt man innerhalb der anglo-amerikanischen Welt durchaus, seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts insbesondere, auf eine Art medialem Wege. Den Weg, der hier zum Beispiel vorgeschlagen worden ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», der der gerade Weg aus der Entwickelung der menschlichen Seelenkräfte heraus ist, diesen Weg liebt man in der westlichen Welt nicht. Man macht das in der westlichen Welt so, daß man gewisse Menschen aufsucht, die man zu einer Erkundigung über die geistige Welt für besonders geeignet hält, Menschen, die mehr oder weniger mediale Anlagen haben. Diejenigen, die das nicht glauben, was ich jetzt auseinandersetzen werde, die, beziehungsweise die nachfolgenden Generationen, werden diesen Unglauben schwer zu büßen haben. Mediale Persönlichkeiten sucht man sich aus. Diese medialen Persönlichkeiten werden in andere Bewußtseinszustände, in tranceartige Bewußtseinszustände gebracht, und wenn man die entsprechenden Machinationen kennt, durch welche, nach der Stillegung des äußeren Verstandes, aus solchen medialen Persönlichkeiten das sich offenbart, was sie im Unterbewußtsein in sich tragen, dann bekommt man eben dasjenige heraus, was im Unterbewußtsein dieser Persönlichkeiten ruhte. Und aus solchen medialen Persönlichkeiten heraus hat man insbesondere im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts in der anglo-amerikanischen Welt die Prinzipien erfahren, durch die man politisch gegen Europa und gegen Asien die Erfolge hat erringen können, die man errungen hat. Man hat einfach Persönlichkeiten, die dazu geeignet waren, in eine gewisse Trance gebracht, und dann haben sie aus dieser Trance heraus die Aufgaben für die anglo-amerikanische Welt entwickelt. Die Menschen der angloamerikanischen Welt sind viel zu gescheit, um es so zu machen wie die Mitteleuropäer, die einfach nicht glauben, was auf diese Weise aus Untergründen des Daseins heraus geoffenbart wird. Mit diesem Nichtglauben verschließt man sich gegen alle diejenigen Impulse, die einem helfen können zum Vorwärtskommen in der wirklichen Menschheitsbewegung.
[ 6 ] Nun ist der Weg, den ich hier angedeutet habe, und der in dem Erfahren übersinnlicher Entwickelungsimpulse der Menschheit durch Medien besteht, es ist dieser Weg ein außerordentlich bedenklicher. Denn selbstverständlich walten in den Körpern aller derjenigen, die da herausgesucht werden aus der anglo-amerikanischen Bevölkerung, die Instinkte der anglo-amerikanischen Rasse. Und es kommen die kulturpolitischen Impulse, die auf eine solche Weise gewonnen werden, so heraus, daß sie gefärbt, durchmischt sind mit dem, was der Egoismus der anglo-amerikanischen Rasse ist. Dadurch gerade sind dann diese Impulse wirksam im egoistischen Dienste der anglo-amerikanischen Rasse. Und wer durchschauen kann, was auf diesem Gebiet zu durchschauen ist, der weiß, daß die Erfolge der anglo-amerikanischen Rasse gegen Mitteleuropa errungen worden sind mit Hilfe dessen, was der Okkultismus der westlichen Welt auf die Art aus geistigen Untergründen heraufgebracht hat, die ich eben jetzt angedeutet habe. Die Methode, die dabei befolgt wird, ist ja leicht zu durchschauen. Sie brauchen sich nur zu erinnern an das, was vor acht Tagen hier gesagt worden ist. Sie brauchen sich nur daran zu erinnern, daß der gewöhnliche logische Verstand, wie er von uns angewendet wird in der äußeren sinnlichen Beobachtung und zur Herstellung der äußeren sinnlichen Wissenschaft, daß dieser Verstand die wirklich übersinnliche Erkenntnis auslöscht. Denn dieser gewöhnliche logische Verstand ist ja gerade gebunden, im eminentesten Sinne gebunden, an das Werkzeug der physischen Leiblichkeit. Sobald Sie sich hinaufentwickeln zu denjenigen Erkenntniskräften, von denen in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» die Rede ist, sind Sie mit diesen Ihren Erkenntniskräften nicht mehr angewiesen auf das Werkzeug des physischen Leibes. Sobald Sie sich bloß jener Logik bedienen, an die man im heutigen, alltäglichen Leben gewöhnt ist, jener Logik, an die man sich gewöhnt hat infolge der äußeren Naturwissenschaft von heute, sind Sie in die Unmöglichkeit versetzt, dasjenige kennenzulernen, was eigentlich sozial und geistig in der Menschheitsentwickelung waltet. Daher suchen sich die dieser Tatsache wohl kundigen Leute der anglo-amerikanischen Welt ihre politischen Prinzipien mit Hilfe des Ausschlusses des gewöhnlichen logischen Verstandes. Denn, indem man geeignete Persönlichkeiten in Trance bringt, schaltet man den gewöhnlichen logischen Verstand aus. Das Medium redet aus den Untergründen seiner Seele heraus, ohne den Gebrauch des Verstandes. Und kleidet man dann dasjenige, was auf diese Weise gewonnen wird, in die Gedankenformen des gesunden Menschenverstandes ein, dann kann man es wohl begreifen, und man kann es dann weiter auch im praktischen Leben benützen. Das wird in der westlichen Welt für alles, was beobachtet wird in der Behandlung der politischen und der Kulturtatsachen, mit Ausschaltung des gewöhnlichen Verstandes, auf medialem Wege gewonnen. Wichtige Impulse für die Kulturpolitik der westlichen Welt sind einmal auf diese Weise gewonnen worden und sie haben gewirkt in den letzten Jahren.
[ 7 ] Gerade in der umgekehrten Art werden die Dinge im Oriente, von den Asien bewohnenden Menschen und auch von gewissen Gliedern des russischen Volkstums des europäischen Östens gemacht. Sehen Sie, ich glaube nicht, daß es dazu gekommen wäre, die Ideen der Dreigliederung des sozialen Organismus in richtiger Art zu erhalten, wenn nicht vorangegangen wäre durch mich die Erforschung des menschlichen Organismus selber, jene Erforschung des menschlichen Organismus, von der ich, andeutungsweise wenigstens, in meinem Buche «Von Seelenrätseln » gesprochen habe. Da habe ich gezeigt, wie der gewöhnliche menschliche natürliche Organismus ein dreigliedriger ist, wie dieser menschliche natürliche Organismus dreigegliedert ist in einen Nerven- und Sinnesorganismus, in einen rhythmischen Organismus und in einen Stoffwechselorganismus. Diese drei Glieder des natürlichen menschlichen Organismus zu erkennen, das ist von einer ungeheuern Wichtigkeit für das gegenwärtige Denken der Menschheit. Und durch dasjenige Erkennen, das man bei dieser Anschauung des dreigliedrigen natürlichen Organismus des Menschen betätigt, durch das kommt man auch dazu, den sozialen Organismus richtig in seiner Dreigliedrigkeit zu erkennen. So wie man heute erforschen kann, daß der natürliche menschliche Organismus aus diesen drei Gliedern besteht, aus dem Nerven- oder Sinnesorganismus, aus dem rhythmischen Organismus, der an die rhythmische Tätigkeit der Atmungs- und Herzorganisation gebunden ist, und aus dem Stoffwechselorganismus, so wie man das heute erforschen kann, so wurde es in alten Zeiten nicht erforscht. Aber man hatte in alten Zeiten eine gewisse instinktive, atavistische Erkenntnis von diesen Dingen. Und der Orient, welcher besonders weit gekommen war in bezug auf die alte Art, in die übersinnliche Welt hineinzuschauen und übersinnliche Erkenntnisse zu gewinnen, dieser Orient hat sich auch für heute noch immer die Instinkte bewahrt, im Leben anzuwenden, was man aus solcher übersinnlicher Erkenntnis gewinnen kann. Daher sucht der Orientale heute noch immer nach übersinnlichen Impulsen, gerade wie der Okzidentale es tut; aber er sucht nach übersinnlichen Impulsen in einer entgegengeseizten Weise. Der Orientale versucht nicht, durch mediale Machinationen, wie der Bewohner der anglo-amerikanischen Welt, den Verstand auszuschalten, sondern im Gegenteil, er versucht den Verstand zu befruchten. Das heißt, er versucht den Nerven-Sinnesmenschen zu befruchten vom rhythmischen Menschen aus. Daher werden Sie im Oriente finden, daß denjenigen, die etwas Übersinnliches erkennen wollen, vor allen Dingen eine Trainierung der menschlichen Atmungstätigkeit anempfohlen wird, eine Trainierung des ganzen rhythmischen Menschen. Die orientalischen YogaÜbungen, welche diesen Leuten des Orients eine wirkliche Erkenntnis vermitteln sollen, diese orientalischen Yoga-Übungen gehen darauf aus, den rhythmischen Menschen so zu trainieren, daß durch eine gewisse Art des Atmens, durch eine gewisse Technik der Herzbewegungen Einfluß geübt wird auf den menschlichen Verstand, der sonst nur an das leibliche Werkzeug gebunden ist. Indem sich der Orientale gewissen Yoga-Übungen hingibt, hebt er das gewöhnliche thythmische Atmen und die gewöhnliche Herztätigkeit aus ihrem natürlichen Gang heraus und versetzt sie in einen solchen Gang, daß sie Einfluß auf den Verstand gewinnen, der sonst nur auf die Sinneswelt hingerichtet wäre, und der durch diesen Einfluß gleichsam in sich infiltriert bekommt Erkenntnisse der übersinnlichen Welt. So hat auch der Orientale, auf dem entgegengesetzten Wege wie der Okzidentale, wirkliche Erkenntnisse der übersinnlichen Welt. Diese beiden Erkenntniswege, sie geben auch wirkliche Erkenntnisse. Aber gerade so, wie der Amerikaner und der Engländer als Okkultisten, aus den Gründen, die ich Ihnen angeführt habe, Erkenntnisse bekommen, die im volksegoistischen Sinne liegen, so bekommt der Orientale dadurch, daß er unmittelbar an den Leib, der von den Rassenimpulsen durchglüht ist, herangeht mit seinen Yoga-Übungen, rassenegoistische Impulse. Zwischen die volksegoistischen Impulse des Westens und die rassenegoistischen Impulse des Ostens sind wir eben einmal eingeklemmt. Aber es sind Erkenntnisse zu gewinnen auf diesem Wege. Und diejenigen, die im Westen und im Osten auf diesem Wege Erkenntnisse gewinnen, die lachen einfach über die Europäer, welche glauben, auf dem Wege ihrer Wissenschaften oder ihrer sozialen Betrachtungen wirkliche Erkenntnisse zu gewinnen. Das, was die Europäer faseln aus ihrer Naturwissenschaft heraus, aus ihrer sogenannten Kausalerkenntnis heraus, das, was sie dann hineinfaseln aus ihrer Denkweise in ihre soziale Wissenschaft und soziale Agitation, das betrachtet der westliche Mensch und der östliche Mensch eben als eine Faselei, was es im Grunde genommen gegenüber der wirklichen Erkenntnis auch ist. Denn dasjenige, was in unseren europäischen Wissenschaften und in unseren europäischen Agitationsimpulsen steckt, das ist gegenüber den wirklichen Kräften, welche die Menschheitsentwickelung leiten, eben durchaus eine bloße Faselei. Und deshalb, weil wir in einer bloßen Faselei leben, weil wir alles ablehnen, was aus der Wirklichkeit herausgegriffen ist, deshalb kommen wir in das Unglück hinein. Kaum merken die Menschen unbewußt, daß etwas aus der Wirklichkeit gegriffen ist, wie die Idee der Dreigliederung, flugs verleumden sie es als irgend etwas, was nicht bestehen darf. So lange aber, wie wir durch die Faselei — sei es die Faselei der Wissenschaft oder sei es die Faselei der Parteien — alles, was Wirklichkeit ist, aus der Welt schaffen wollen, so lange werden wir nicht aus Chaos und Wirrnis herauskommen, sondern wir werden nur tiefer in Chaos und Wirrnis hineintreiben. Aber wir müssen auch uns vollständig klar darüber sein, daß weder der Weg des Westens noch der des Ostens der unsrige sein kann. Denn gerade hier in Mitteleuropa ist es nötig, daß der im eminentesten Sinne neuzeitliche Weg befolgt wird. Und der kann kein anderer sein als der, welcher bezeichnet ist in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?». Worauf beruht im Gegensatz zum Westen und zum Osten dasjenige, was in diesem Buche vorgezeichnet ist? Um das zu verstehen, muß man allerdings ein wenig hineinschauen in die Entwickelung der Menschheit. Man muß vor allen Dingen sich zu eigen gemacht haben eine große Zeitwahrheit, die darin besteht — was ich schon öfters auch hier erwähnt habe —, daß in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ein Wendepunkt der neuzeitlichen Menschheit gelegen ist. Da beginnt ja nach unserer geisteswissenschaftlichen geschichtlichen Gliederung die fünfte nachatlantische Kulturentwickelung, die sich deutlich unterscheidet von allem, was vorangegangen ist und was vom achten vorchristlichen Jahrhundert an bis zum fünfzehnten nachchristlichen Jahrhundert gedauert hat. Da beginnt das Bestreben der Menschheit, alle Erkenntnisse durch einen neuen Bewußtseinszustand zu erlangen. Dieses Ringen der Menschheit, sich auf die Spitze der Persönlichkeit zu stellen, die Bewußtseinsseele voll auszubilden, geht mit anderen Tatsachen, die ich schon erwähnt habe, parallel. Und auf keine andere Weise können wir eine übersinnliche Erkenntnis anstreben als dadurch, daß wir diese Tatsache voll berücksichtigen.
[ 8 ] Die äußere Wissenschaft muß ja deshalb Faselei bleiben, weil sie nicht hineinschauen kann in den mit der Menschheitsentwickelung zusammenhängenden Gang der Erdenentwickelung. Das, wovon die äußere Naturwissenschaft redet, das sind ja wirklich nur die an die Oberfläche des Lebens treibenden Wellen. Diese äußere Naturwissenschaft redet von dem, was im physikalischen Laboratorium erforscht wird, was durch Teleskop und Mikroskop beobachtet wird, sie redet von dem, was an der Leiche beobachtet wird, sie redet von allem, was tot in der Entwickelung ist. Sie redet nirgendwo von dem, was lebendig in der Entwickelung ist. Denn es gibt kein Reagenzglas für irgendein Laboratorium, es gibt keine Reaktion chemischer Art, durch welche man feststellen könnte dasjenige, was einzig und allein festgestellt werden kann durch die übersinnliche Erfahrung des Menschen selbst. Der Mensch allein, der lebendige Mensch ist es, durch den die großen Geschehnisse erforscht werden können. Die großen Geschehnisse des Erdendaseins darf man nicht erforschen, indem man sich an die Retorte im chemischen Laboratorium wendet. Die großen Geschehnisse des Erdendaseins, man muß sie dadurch erforschen, daß man sich an dasjenige Wesen wendet, wo die starken Reaktionen geschehen, an den Menschen selbst. Aber wenn man die Menschheitsentwickelung nur so vor sich hinstellt, wie sie heute ist, kommt man eben auf die wichtigsten Sachen nicht; man muß sie durch Jahrtausende anschauen, und das ist wirklich nur durch übersinnliche Erkenntnis möglich. Und wenn man sie durch diese übersinnliche Erkenntnis anschaut, findet man, daß in allem, was wir zum Beispiel heute Essen nennen, in alledem, was wir aufnehmen können an äußeren materiellen Stoffen zur Befriedigung unserer leiblichen Bedürfnisse, heute gar nicht mehr dasselbe lebt, was darin gelebt hat vor dem fünfzehnten Jahrhundert. So paradox und absurd und verrückt das für die Menschen der Gegenwart ist, die ja so wissenschaftlich sind nach ihrer Ansicht, welche Faseler sind nach unserer Ansicht, so paradox und unvernünftig das nach der Anschauung der Menschen dieser Gegenwart ist, es ist doch so, daß sich gewisse Kräfte fast aller Nahrungsmittel und fast all dessen, was wir zur Befriedigung unserer leiblichen Bedürfnisse aus der physischen Außenwelt entnehmen, geändert haben seit dem fünfzehnten Jahrhundert. Vor dem fünfzehnten Jahrhundert waren in allem Stofflichen, gleichgültig, ob man es direkt der Natur entnahm, oder ob man es kochte, es waren in allem Stofflichen Kräfte vorhanden, die noch auf das Seelische wirkten. Indem der Mensch aß, bekam er aus dem Genossenen noch gewisse seelische Kräfte. So den Menschen mit seelischen Kräften durch das einfache Essen zu versorgen, das ist seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ganz verlorengegangen. Seitdem sind wir wirklich in ein Stadium der Erdenentwickelung eingetreten, wo wir von der Erde selbst und von dem, was sie leiblich, zur Befriedigung unserer leiblichen Bedürfnisse gibt, nichts mehr haben können. Seit jener Zeit ist es so, daß nur physische Prozesse stattfinden in unserem Stoffwechsel, während vorher, indem wir verdaut haben, unser Stoffwechsel ebenso noch seelisch war, wie er heute — verzeihen Sie das harte Wort — zum Beispiel bei einer Kuh oder bei einer Schlange ist. Es wird Sie überraschen, daß ich gerade das sage. Aber mit Bezug auf den äußeren Stoffwechsel ist die Kuh, wenn sie verdaut, ein seelischeres Wesen als der Mensch, und die Schlange ebenso. Wenn Sie die Kuh so liegen oder stehen sehen, nachdem sie gefressen hat, oder wenn Sie die Schlange verdauen sehen, da lebt etwas im Astralorganismus dieser Kuh oder dieser Schlange, was bei dem Menschen in früheren Zeiten, wo er auf Animalisches mehr eingestellt war, auch lebte, was heute aber nicht mehr lebt beim Menschen. Wir sind nach dieser Seite hin von der Natur so entbunden, daß sie nicht mehr in derselben Weise wirkt wie ehemals. Sie können es überraschend finden, daß für uns gerade die Nahrung die seelische Wirkung verloren habe und für die Kuh nicht; aber das ist einmal so. Ausdrücke bedeuten immer anderes bei anderen Wesen. Gerade für den Menschen, weil er anders organisiert ist, bedeutet die Nahrung etwas anderes als für die Kuh oder für die Schlange, was die Materialisten ja nicht glauben. Gerade für den Menschen, weil er anders organisiert ist als die Kuh, ist die Sache so, wie ich es eben auseinandergesetzt habe. Daher müssen wir heute mit dieser mehr physischen Art unseres Stoffwechsels gegenüber der früheren rechnen. Aber wir müssen dafür auch rechnen lernen mit all demjenigen, was sich nach der anderen Seite hin verändert hat.
[ 9 ] Sehen Sie, würden wir unser ganzes Leben hindurch immer wachen, wir wären die dümmsten Kerle, die es nur geben kann, gegenüber der übersinnlichen Welt, denn wir würden unsern Verstand immer nur gebrauchen durch das Werkzeug des gewöhnlichen Physisch-Leiblichen. Das heißt, es würde uns alle übersinnliche Einsicht schwinden müssen. Es ist unser Glück, daß wir jedesmal beim Einschlafen unsern Verstand herausziehen aus dem physischen Gehirn und dann den der übersinnlichen Welt haben. Nur wollen wir heute unser Bewußtsein noch nicht dazu entwickeln, diese Erkenntnis der übersinnlichen Welt, die wir unbewußt im Schlafe erringen, auch hineinzubringen in die physische Organisation. Das müssen wir aber, dann werden wir andere Menschen werden, als wir jetzt sind. Es ist in der Tat so: während in unserer Verdauungs-Tagestätigkeit wir immer physischer werden in unseren Prozessen, werden wir während unserer Schlafenszeit schon immer spiritueller, immer geistiger. Und es handelt sich nur darum, hereinzubringen dasjenige, was wir an geistigen Erfahrungen ansammeln vom Einschlafen bis zum Aufwachen. Das bringen wir dadurch herein, daß wir es nun nicht so machen wie der Orientale, daß wir also nicht gewissermaßen vom Atmungsprozeß aus unseren Verstand infiltrieren, sondern dadurch, daß wir uns rein geistig-seelisch so behandeln, wie das eben in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» beschrieben wird, daß in diesem veränderten äußeren Leben — das dadurch für uns eintritt, daß wir uns in diesem Sinne behandeln — alles das in uns hereinkommen kann, was der Verstand ansammelt in der übersinnlichen Welt vom Einschlafen bis zum Aufwachen.
[ 10 ] Ich habe schon vorher erwähnt: Auf die Weise, wie es heute viele Menschen machen, bekommt man allerdings den Einfluß der übersinnlichen Welt nicht herein: sie trinken abends so viel Bier, daß sie die nötige Bettschwere haben. Ja, da gelingt es einem allerdings nicht, vom Einschlafen bis zum Aufwachen in der übersinnlichen Welt so zu verweilen, daß dann dieses übersinnlich Erfahrene auch wirklich herein kann. Sondern wir müssen diesen Leib, der ja ohnedies seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts anders ist, als er früher war, so behandeln, gleichsam von der Seele aus behandeln, wie es im Sinne des Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» ist. Dann bekommen wir zuerst übersinnliche Gesinnung, und dann auch übersinnliches Wissen.
[ 11 ] Was hier empfohlen wird als mitteleuropäischer Aufstieg in die übersinnliche Welt, das unterscheidet sich ganz wesentlich von dem Aufstieg der Okzidentalen, von dem Aufstieg der Orientalen. Das, was hier empfohlen wird, ist ein Ausbilden dessen, was einfach die menschliche Entwickelung seit dem fünfzehnten Jahrhundert fordert. Das, was im Westen getrieben wird, beruht nur auf dem, was man beobachtet hat auf den Wegen der Erfahrung, die man mit den Indianern hat machen können. Diese Indianer, die man ausgerottet hat bei der Eroberung von Amerika, sie waren ja nach der Ansicht der Europäer recht unkultivierte Menschen. Ja, äußerlich waren sie auch recht unkultivierte Menschen. Aber das Eigentümliche war, daß diese amerikanischen Indianer, die man ausrottete, ein ganz intensives übersinnliches Wissen hatten, und daß sie dieses übersinnliche Wissen durch solche Methoden gewannen, die dann die Anglo-Amerikaner von diesen Indianern gelernt und in einer etwas kultivierteren, aber dadurch auch dekadenteren Weise gepflegt haben. Dem liegt namentlich ein sehr bedeutsamer Prozeß in der Erdenentwickelung zugrunde.
[ 12 ] Sie wissen ja, die Geschichte erzählt einseitig, wie die Dinge in der Kulturentwickelung hergegangen sind. Die Geschichte erzählt von allerlei Kulturwanderungen von Asien herüber nach Europa über Griechenland, Rom und so weiter. Aber sie erzählt nicht, daß noch eine andere Kulturwanderung stattgefunden hat, jetzt nicht auf dem Wege von Asien hinüber nach Europa, sondern von Asien über den Stillen Ozean hinüber nach unserem heutigen Westen, nach Amerika, auf den Wegen, die in alten Zeiten eben durchaus möglich waren. Dasjenige, was im Osten an Geistigkeit errungen worden ist, das ist gerade nach Amerika gebracht worden. Und Sie wissen ja — wenigstens diejenigen, die damals da waren, als ich vor vielleicht einem Jahr hier davon gesprochen habe —, daß auch die ganze äußere Geschichte von der sogenannten Entdeckung Amerikas und von den großen menschlichen Entwickelungsprinzipien Wischiwaschi ist. Denn ich habe dazumal gesagt: Noch bis zum zwölften Jahrhundert hat man in Europa ganz gut gewußt, daß im Westen ein Amerika ist. Es ist nur vergessen worden. Es ist zugedeckt worden das Wissen, und das Entdecken Amerikas ist nur ein Nachentdecken, ein Wiederentdecken desjenigen, was man früher ganz gut gewußt hat. Zerrissen wurde zuerst der Zusammenhang zwischen dem europäischen und amerikanischen Wesen, dann hat man diesen Zusammenhang wieder entdeckt. Aber man hat ihn so entdeckt, daß man die damaligen Amerikaner, die amerikanischen Indianer massakriert hat. Diese Art von Kulturausdehnung, das war die erste Etappe auf dem Wege, auf dem wir dann nach und nach weitergegangen sind. Ja, es ist in der Tat so, daß, als die Europäer nach Amerika gekommen sind, sie bei den Indianern wohl eine äußere Schmutzkultur in der materiellen Welt gefunden haben, daß sie aber auch gefunden haben ein hohes spirituelles Leben bei diesen sogenannten wilden Menschen, denen sie den Garaus gemacht haben. Und diese wilden Menschen haben bei jeder Gelegenheit gesprochen von dem großen Geiste, der in allen Einzelheiten ihres Lebens bei ihnen lebte. Es war für diejenigen Europäer, die etwas davon verstehen konnten, zuweilen ein großes Erlebnis, gerade die Art und Weise kennenzulernen, wie diese amerikanischen Indianer von dem großen Geiste redeten. Wodurch hatten sich im Laufe der Erdenentwickelung gerade diese äußerlich herabgekommenen Indianer die Möglichkeit bewahrt, zu diesem großen Geiste, der die Welt durchwellt und durchwebt, aufzuschauen? Dadurch hatten sie sich die Möglichkeit bewahrt, daß sie gerade äußerlich-physisch in einer gewissen Weise herabgekommen waren. Sie waren äußerlich-physisch verknöchert. Dadurch war ihnen geblieben, wie eine gewaltige Erinnerung, das Wissen von dem großen Geiste, das ihnen von Osten, von unserem Osten, aber auf dem anderen, dem entgegengesetzten Wege durch den Stillen Ozean, zugekommen war. Das hatten sie sich bewahrt. Sie hatten sich abgegliedert von der Seelenerkenntnis und leiblichen Erkenntnis die geistige Erkenntnis. Sie lebten gewissermaßen ganz aufgehend im Geiste.
[ 13 ] Die Europäer hatten eine heillose Furcht vor dem, was da als Kunde über den Geist von seiten der nordamerikanischen Indianer zutage trat. Die Europäer hatten ja auch schon früher dafür gesorgt, daß diese Furcht vor dem Geiste nicht ausgetrieben werde. Ich habe Ihnen öfters jenes denkwürdige Konzil von Konstantinopel im Jahre 869 erwähnt, auf dem die katholische Kirche den Glauben an den Geist abgeschafft hat, auf dem die katholische Kirche dekretiert hat, daß man künftig nicht glauben dürfe an Leib, Seele und Geist, sondern daß man nur glauben dürfe an Leib und Seele. Und diese Abschaffung der Erkenntnis des Geistes, sie hat alles dasjenige bewirkt, was an wissenschaftlichem und Erkenntnis-Chaos über Europa gekommen ist. Es war daher kein Wunder, daß diese in der Furcht vor allem Geistigen erwachsene europäische Menschheit noch heillosere Angst bekam, als sie nun den amerikanischen Indianern mit ihrer Kunde von dem großen Geiste gegenüberstand. Aber wie gesagt, das war nur der Anfang des Weges, auf dem wir fortgefahren sind. Wir haben nach und nach aus der großen europäischen Aufklärung heraus uns auch den Glauben an die Seele abgewöhnt, und wir glauben im heutigen Materialismus nur noch an die Wirksamkeit des Leibes. Aber aus diesem Glauben, aus diesem Aberglauben an die Wirksamkeit des Leibes muß hervorgehen, was wiederum zur Erkenntnis des Geistigen, des Übersinnlichen auf dem Wege führt, von dem ich eben jetzt gesprochen habe, und der weder der Weg der Okzidentalen noch der Weg der Orientalen, sondern der speziell mitteleuropäische sein muß. Und man wird aus diesem mitteleuropäischen Wege heraus auch dasjenige finden, was einzig und allein auch aus der sozialen Not, aus dem sozialen Chaos herausführen kann. Kein anderer Weg kann uns herausführen.
[ 14 ] Aber Sie sehen auch, zu diesem Wege gehört etwas Anstrengung. Man muß etwas tun mit sich selbst. Man muß die Geduld haben, seine Seelen- und Geisteskräfte zu entwickeln. Denn seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts entwickeln sich diese Seelen- und Geisteskräfte nicht mehr so, daß man bloß zu essen braucht und dann aus dem Verdauen der Speisen aufraucht dasjenige,was uns infiltrieren kann mit geistigen Anschauungen. Wir müssen sozusagen unsere Entwickelung seit dem fünfzehnten Jahrhundert selber in die Hand nehmen, wenn wir nicht töricht bleiben wollen. Aber das ist das große Ideal der materialistischen Menschheit in Europa, töricht zu bleiben, nicht gescheit zu werden, nur dasjenige zu erkennen, was aufsteigt aus der Verdauung des Leibes. Das ist im Grunde genommen doch die wahre Ursache auch für die sozialen Schäden, die seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts in Europa aufgetreten sind: diese Ideale der europäischen materialistischen Menschheit, ja nicht die eigene seelische und geistige Entwickelung in die Hand zu nehmen, sondern so zu bleiben, wie man geboren ist, und wie man sich entwickelt mit möglichstem Ausschluß jeder geistigen und seelischen Entwickelung.
[ 15 ] Und dabei merken die Menschen gar nicht, wie die geschichtlichen Zusammenhänge eigentlich sind. Sie merken zum Beispiel gar nicht, wie gerade von denselben Impulsen, von denen das achte ökumenische Konzil im Jahre 869 getragen war, das den Geist abgeschafft hat, wie von denselben Impulsen getragen ist unsere Universitätswissenschaft und ebenso unsere sozialen Theorien von heute. Die Leute glauben aufgeklärt zu sein, weil sie nur dasjenige sehen, was in ihrem Bewußtsein ist. Sie merken nicht, daß es keinen Marx, keinen Engels, keinen Lassalle gegeben hätte, mit ihrem eigentümlichen Denken, wenn Marx und Engels und Lassalle nicht die Schüler derjenigen gewesen wären, die präpariert waren zu ihren Ansichten durch das ökumenische Konzil von 869. Die Sozialdemokratie, in ihren verschiedenen Parteien von heute, ist die getreuliche Schülerschaft dessen, was in der katholischen Kirche gewaltet hat. Das merken nur die Menschen nicht. Sie merken nicht, daß sie ja oft die Nachzügler der katholisch-christlichen Impulse sind. Sie glauben sich bloß in den Impulsen der allerneuesten Zeit darinnen. Es wird ein mächtiges Zu-sich-selber-Kommen sein, wenn einmal die Parteien, gerade die linksstehenden von heute, bemerken, wie im schlechten Sinne katholischgläubig sie sind. Wenn den Leuten darüber einmal die Augen aufgehen werden, wenn sie darüber einmal aufwachen werden, oh, das wird ein merkwürdiges Zu-sich-selber-Kommen sein. Daher sorgt man auch so stark dafür, daß den Leuten ja über diese Zusammenhänge nicht die Augen aufgehen. So ist es schon einmal heute, daß, wer die Dinge durchschaut, eigentlich nur immer dasjenige sagen muß, was schließlich all den Menschen von heute, von links und von rechts, recht unbehaglich ist. Einstimmen in die Töne von links und von rechts kann man heute nicht, wenn man den Zusammenhang der Dinge versteht. Daher ist es auch heute so, daß man mehr als zu irgendeiner anderen Zeit alle Menschen von der öffentlichen Wirksamkeit ausschließen möchte, die etwas von der Sache verstehen, und daß man zu Führern am liebsten diejenigen hat, die durch keine Sachkenntnis in ihrer Stierhaftigkeit getrübt sind. Aber über diese Dinge muß unbefangenes Denken einziehen in die menschlichen Köpfe, in die menschlichen Herzen, anders werden die Dinge nicht weitergehen. Daher muß immer wieder und wiederum ermahnt werden zu solch unbefangenem Ansehen der Verhältnisse der Gegenwart. Vor allen Dingen muß dieser Zusammenhang eingesehen werden, der zwischen richtigen sozia len Prinzipien und dem besteht, was als Erkenntnis der übersinnlichen Welt da ist.
[ 16 ] Es gibt drei wichtige Begriffe auf sozialem Gebiet. Sie finden sie in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage»: Der Begriff der Ware, der Begriff der menschlichen Arbeit und der Begriff des Kapitals. Über diese drei Begriffe ist von akademischen und unakademischen, von Parteien und parteilosen Leuten in der neueren Zeit viel gesagt worden. Aber es ist wohl kaum über irgend etwas so Unzutreffendes mit solchem Aplomb in die Welt gesetzt worden wie über die drei Begriffe: Ware, menschliche Arbeit, Kapital. Damit will ich nicht sagen, daß nicht manchmal ganz treffende Gefühle über diese Dinge in die Welt gesetzt worden sind. Denn das Gefühl, das ich in meinen Vorträgen oftmals charakterisiert habe, das ausgelöst worden ist in der großen proletarischen Masse über die Betrachtung der Arbeitskraft als Ware, dieses Gefühl ist schon durchaus berechtigt. Aus diesem Gefühl heraus müssen auch wichtige soziale Impulse kommen. Das hindert aber gar nicht, daß der Begriff, die Idee, der wirkliche Impuls, aus dem das Gefühl heraus stammt, grundfalsch ist. Denn man kann nun einmal den Begriff der Ware nicht erkennen, wenn man nicht wenigstens die erste Stufe der übersinnlichen Erkenntnis in sich aufgenommen hat. So paradox das heute den Menschen erscheint, so wahr ist es aber. Ware ist etwas, woran menschliche Arbeit hängt, wo der Mensch sich gewissermaßen hineingelegt hat. Die Definition über die Ware, wie Sie sie bei Marx finden, ist ganz unrichtig. Denn Karl Marx verwendet dazu nur die Begriffe, die man aus der gewöhnlichen sinnlichen Wissenschaft haben kann. Ware kann überhaupt von niemand verstanden werden, der nicht einen Begriff hat von imaginativer Erkenntnis. Daher wird es keine Definition der Ware geben, bevor die imaginative Erkenntnis anerkannt ist. Und ich habe in meinem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage» eben diesen Dingen Rechnung getragen. Kein Wunder, daß die Menschen sagen, sie verstehen diese Dinge nicht. Sie müssen sich eben in die Denkweise hineinfinden, die in diesem Buche herrscht, nicht in diejenige, die außerhalb dieses Buches in der von aller Wirklichkeit abschenden Literatur herrscht.
[ 17 ] Über menschliche Arbeit kann niemand reden, der nicht etwas weiß von inspirierter Erkenntnis. Denn heute einfach zu sagen: Ware ist aufgespeicherte Arbeitskraft — oder: Kapital ist aufgespeicherte Arbeitskraft —, das ist natürlich ein bloßer Unsinn. Ich habe schon einmal hier erwähnt, daß ja die Arbeit, die Verwendung der Arbeit als solcher, nicht maßgebend ist für irgendeinen nationalökonomischen Begriff. Denn jemand, der den ganzen Tag Tennis spielt oder was anderes tut, was gar keinen nationalökonomischen Effekt hat, wendet dieselbe Arbeitskraft an wie jemand, der Holz hackt, was einen wichtigen nationalökonomischen Effekt hat. Es kommt nicht darauf an, wieviel Arbeitskraft hineingesteckt wird in den menschlichen Entwickelungsprozeß, sondern es kommt darauf an, wie dasjenige, was als Leistung aus der Arbeit hervorgeht, in der Konjunktur des nationalökonomischen Lebens drinnen steht. Von der Arbeit bekommt kein Ding seinen Wert. In dem Augenblick, wo Sie von einer Arbeit den Wert der Ware abhängig machen, würden Sie zu lauter Absurditäten kommen. Darum handelt es sich, wie die Arbeit hineingestellt wird in den nationalökonomischen Prozeß, sonst ist Arbeit etwas, was von aller Ökonomie ganz unabhängig ist, was an die menschliche Natur selbst gebunden ist. Daher kann man nicht über die Arbeit entscheiden aus dem wirtschaftlichen Prozeß selbst heraus, sondern man muß auf demjenigen Boden über die Arbeit entscheiden, der vom wirtschaftlichen Prozeß unabhängig ist, auf dem bloßen Rechtsboden. Sie finden das auch besprochen in dem Buche «Die Kernpunkte der sozialen Frage». Um über diese Dinge etwas zu wissen, ist es notwendig, daß man noch ganz anders hineinschaut in die Wirklichkeit, als es das wissenschaftliche Gefasel der Gegenwart kann. Es muß schon einmal über diese Dinge in vollem Ernst gesprochen werden, weil mit einem ungeheuren Hochmut, mit einer ungeheuren Selbstüberhebung alles das auftritt, was in der heutigen Zeit doch nichts anderes ist als wissenschaftliches Gefasel. Und wissenschaftliches Gefasel ist gegenüber den Anforderungen der Gegenwart alles, was sich nicht erheben will von der bloß sinnlichen Erkenntnis zur übersinnlichen Erkenntnis. Die Funktion, die die Arbeitskraft hat im Prozeß der Menschheitsentwickelung, kann nur gefunden werden, wenn man eine Ahnung hat von inspirierter Erkenntnis.
[ 18 ] Und so sonderbar es klingt: über die Funktionen des Kapitals kann sich niemand wirklich aufklären, der nicht einen Begriff hat von der Intuition, von der höchsten Erkenntnisart. Das ahnte die Bibel schon, indem sie sagte, daß mit dem Christentum der Mammonismus bekämpft werden solle. Allerdings, diese Erkenntnis muß gewissermaßen eine auf dem umgekehrten Wege wirkende sein. Man muß sich aufklären über dasjenige, was da sein soll an Stelle des ahrimanischen Kapitals durch die übersinnliche Erkenntnis, nicht durch eine an die Sinnlichkeit gebundene Erkenntnis. So wird das Ausbilden einer gesunden Nationalökonomie abhängig davon, daß sich die Leute in eine gesunde übersinnliche Erkenntnis einlassen, sonst wird von nationalökonomischen Dingen in die Zukunft hinein auch so gefaselt werden, wie jetzt gefaselt wird. Um etwas Sozialökonomisches zu erkennen, ist es heute notwendig, die Wissenschaft der Einweihung zu kennen. Aber diese Wissenschaft der Einweihung, von der hier gesprochen wird, sie wird gerade abgelehnt und verachtet von denen, die heute öffentlich. wirken wollen. Daher ist dasjenige, was heute herauftönt aus der bloßen Sinnesanschauung in Form von Parteimeinungen für den, der die Dinge durchschaut — das muß schon einmal ausgesprochen werden —, wie das Zusammentönen von den Aussprüchen einer Gesellschaft von Narren. Nun können Sie sich denken, daß es ja keine Annehmlichkeit ist, da die Wahrheit so liegt, diese Wahrheit der heutigen Menschheit zu sagen. Aber diese Wahrheit muß der heutigen Menschheit gesagt werden. So stoßen die Dinge heute zusammen, daß die heutige Menschheit gerade die Wahrheit nicht hören will, daß aber es unbedingt notwendig ist, daß der heutigen Menschheit rückhaltlos diese Wahrheit gesagt werde. Denn die heutige Menschheit will ihren Empfindungen und Gefühlen nach durchaus das, was im Sinne dieser Wahrheit liegt. Die heutige Menschheit ist aber hineingelullt in alles das, was man nennen könnte die Illusionen des Lebens, und sie möchte nicht Abschied nehmen von diesen Illusionen des Lebens.
[ 19 ] Ich habe Ihnen vor einiger Zeit hier den Ausspruch eines Mannes zitiert, der aus der lateinischen Kultur heraus stammt, indem ich dabei erwähnt habe, daß oftmals aus untergehenden Kulturen ein Aufflackern besonders starker Wahrheitserkenntnis kommen kann. Beredetto Croce, er sagt in seinen «Grundzügen der Ästhetik» — ich habe es Ihnen vor vierzehn Tagen angeführt —, daß die Kunst unmöglich sich stützen kann auf die äußere physische Welt. Warum nicht? Nach Benedetto Croce deshalb nicht, weil die äußere physische Welt nicht wirklich ist und die Kunst nach der Wirklichkeit strebt. Solche Dinge erscheinen der heutigen Menschheit ganz unglaublich. Und doch sind sie wahr, durchaus wahr. Das was in der wirklichen Kunst lebt, das ist eine ganz andere Wirklichkeit als das, was in der sinnlichen äußeren Erscheinung lebt. Man strebt, indem man künstlerisch schafft, aus der Unwirklichkeit der physischen Natur heraus zu der Wirklichkeit, die im Geiste zunächst geahnt wird, und die dann im Geiste gefunden werden kann durch übersinnliche Erkenntnis. Daher muß gerade in übersinnlichen Formen, in übersinnlichen künstlerischen Schöpfungen der gegenwärtigen Menschheit zu Hilfe gekommen werden, weil sie den Weg finden will wiederum in die übersinnliche Welt hinein. Aber nicht anders ist es möglich, in diesen Dingen weiterzukommen, als daß man einen innerlichen Sinn — und Sie wissen ja, die Anleitungen des Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» gehen auch dahin —, daß man einen innerlichen Sinn für das wirklich Wahre entwickelt, daß man auch einen Sinn dafür entwickelt, wie wenig in der Gegenwart durch die gewöhnlichen Kulturmittel dieser Sinn für das Wahre sich eigentlich entwickelt. Denken Sie doch nur, wie wir in den letzten fünf bis sechs Jahren dahin gekommen sind, daß eigentlich in die großen Weltangelegenheiten hinein die Stimme der Wahrheit kaum noch tönt. Denken Sie, wieviel unwahres Zeug gesprochen worden ist in den großen Weltangelegenheiten in den letzten fünf bis sechs Jahren und bis heute. Das alles zeugt von dem nach Unwahrheit hin tendierenden Sinn der gegenwärtigen Welt. Gerade hier, im Schoße dieser Gesellschaft, mußte es immer wieder und wiederum erwähnt werden, daß die Aneignung des Sinnes für die wirkliche Wahrheit in eminentester Art notwendig ist. Als hier begonnen wurde im Sinne der anthroposophischen Bewegung zu arbeiten, da waren im Schoße dieser Bewegung aus alten Verhältnissen viele Leute, die immer gern die Wahrheit retuschiert haben. Es zeigt sich gerade bei solchen Bewegungen, wie die anthroposophische eine ist, daß man die alten Fehler lieber kultiviert als die neuen Tugenden. So ein Hinwegflutschen über die Wahrheit, das war etwas, was zur besonderen Neigung sich ausgebildet hatte. Und man hatte oftmals Mühe, gerade innerhalb dieser Gesellschaft etwas hereinzubringen, was ganz einfach darin besteht, daß man die Lüge Lüge nennt. Wenn immer wieder Leute innerhalb dieser Gesellschaft aufgetreten sind, die etwas gesagt haben, was nicht wahr ist, dann hat man auch immer wieder die Neigung gehabt, zu entschuldigen, es so darzustellen, daß doch gute Absichten hinter dem Unwahren stecken könnten und dergleichen. Nein, es kommt aber darauf an, daß man die Unwahrheit Unwahrheit nennt. Sie wissen, daß es das Hinwenden zur Wahrheit war, welches bewirkt hat, daß sich diese Anthroposophische Gesellschaft herausgegliedert hat aus der alten Theosophischen Gesellschaft, die ja, wie Sie auch wissen, in der Welt weiterlebt. Nun, mit Bezug auf alles das, was in dieser Anthroposophischen Gesellschaft wirkt, lügt man in der Theosophischen Gesellschaft weiter. Und es ist schon notwendig, weil ich ja hier auch andere zeitgenössische Erscheinungen berücksichtige, daß ich Sie heute, wo ich manches zusammenfassen muß, was im Laufe der Zeit angedeutet worden ist, darauf aufmerksam mache, in welch raffinierter Weise man wiederum über die anthroposophische Bewegung von theosophischer Seite aus lügt, lügt sogar in einem Buche, dessen Vorrede den Satz enthält: «Ich hoffe die Wahrheit berichtet zu haben.» Aber innerhalb dieses Buches, für das die Verfasserin hoftt, die Wahrheit berichtet zu haben, steht unter manchem anderem: «Es ist gewiß, daß die Steinersche Trennung ein Segen war.» — Die Trennung der Anthroposophischen von der Theosophischen Gesellschaft. — «Der Okkultist» — jetzt hören Sie die knüppeldicke Lüge — «Der Okkultist» — damit war ich gemeint — «war auch ein überzeugter Alldeutscher. Nehmen wir einen Augenblick an, daß er zur Präsidentschaft der Theosophischen Gesellschaft gelangt wäre, so hätte er daselbst viel beträchtlichere Mittel und Einfluß auf fast alle Länder der Welt gefunden. Er hätte freier und mit Autorität seine alldeutsche Politik verfolgen können. Und er hätte es aller Wahrscheinlichkeit nach auch getan.»
[ 20 ] Und woraus wird diese Lüge geformt? Daraus, daß ich nach und nach nicht bloß in Deutschland meine Vorträge über Anthroposophie gehalten habe, unter Deutschen, sondern daß ich auch in andere Länder gegangen bin. Ich habe allerdings Vorträge gehalten von Bergen bis Palermo, und ich betrachte es heute noch immer als ein schönstes Zeichen für den Impuls, der gerade von dieser Bewegung für einen — Weltfrieden ausgehen könnte, daß ich noch im Mai 1914 in Paris eine Rede über Anthroposophie halten konnte vor einem öffentlichen Publikum, in deutscher Sprache, so daß jeder Satz übersetzt werden mußte. Es waren nicht etwa die Deutschen von Paris in diesem Vortrag, sondern lauter Franzosen. Wir hatten es bereits so weit darin gebracht, daß im Mai 1914 über Dinge unserer Weltanschauung in ganz Europa gesprochen werden konnte. Da fiel das Ereignis hinein, das der Welt den Frieden und die Lebensmöglichkeit genommen hat. Es ist dies ein tatsächlicher Beweis, gerade dieses Wirken im Mai 1914 in Paris vor dem Ausbruch dieser furchtbaren Weltkatastrophe, daß im Schoße der Anthroposophischen Gesellschaft etwas gelegen hätte auch für den Weltfrieden. Und worauf sind denn alle diese Reden erfolgt? Keine einzige ist auf unsere Initiative hin erfolgt, sondern sie sind verlangt worden von den Freunden in Bergen, in Paris, in London, in Holland, in Palermo und so weiter. Sie sind stets verlangt worden von den anderen. Hier wird die Lüge daraus fabriziert, daß sie zur Propagierung des Deutschtums in der ganzen Welt gehalten worden wären. Es ist notwendig, daß Lüge Lüge genannt werde. Dieses Buch, welches in seiner Vorrede verspricht, die Wahrheit zu berichten, bringt, wenigstens über alles, was sich auf die Anthroposophische Gesellschaft und auf mich bezieht, nichts anderes als Lügen. — Nun wird man wiederum sagen, ich wende mich gegen die anderen, während hier, sehen Sie, die folgenden salbungsvollen Sätze stehen. Ich bitte diejenigen, die die Tatsachen kennen, diese Sätze mit den Tatsachen zu vergleichen: «Welches war nun die Haltung unserer Präsidentin gegenüber diesem Kollegen, der zuerst in den inneren Kreisen ihren Einfluß zu verringern suchte und nachher sie verdrängen wollte? Ihr Verhalten war immer eine sehr große Toleranz, eine vollkommene Höflichkeit. Sie sah in ihm große intellektuelle Werte, eine seltene philosophische Entwickelung; sie schätzte alles, was schön und erhaben in ihm war, und... sprach nicht vom übrigen. Sie anempfahl ihren Schülern unaufhörlich Toleranz, Geduld, welche «plus royalistes que le roi» sich über das Gebaren der deutschen Sektion ärgerten. Darin befolgte sie ganz einfach ihre Grundsätze. »
[ 21 ] Bitte, vergleichen Sie das mit der Wahrheit dessen, was geschehen ist, und Sie werden die Beweise dafür erhalten, in welchem Maße man lügen kann. Vielleicht wird gesagt werden, wenn man hört, was ich heute gesagt habe, daß ich angreife. Ich mache aber darauf aufmerksam, daß ich niemals etwas Kritisches gesagt habe, bevor ich angegriffen worden bin.
[ 22 ] Auch auf diese Dinge muß hingesehen werden als auf eine kulturhistorische Erscheinung, die sich darin äußert, daß in einer Bewegung, die nach dem Geiste hinarbeiten will, auch die Lüge in einer erhöhten Weise kultiviert werden kann. Es ist schon notwendig, daß der Sinn für die Wahrheit heute von uns in ungeheuerster Weise angestrebt wird, Die ganze Sache ist ja nur ins Deutsche übersetzt und sogar in Basel in deutscher Sprache erschienen, um die von dem Goetheanum in der Zukunft ausgehende anthroposophische Bewegung irgendwie aus der Welt zu schaffen. Sie sehen, diese Leute sind gewöhnt, die national-egoistischen Impulse auch in dasjenige hineinzubringen, was sie als Geisteswissenschaft verbreiten. Sie können sich daher gar nichts anderes vorstellen, als daß auch der andere solche Impulse habe. Es nützt heute nichts anderes, als Lüge Lüge zu nennen, und wenn diese Lüge auch auftritt auf solchem Boden, von dem man in abstracto und theoretisch sagt, es werde dort nach Wahrheit gesucht. Ob auf konfessionellem, ob auf Weltanschauungs-Boden heute die Lüge auftritt, diejenigen Lügen, denen die Tatsachen gegenübergestellt werden können, die müssen als Lügen gebrandmarkt werden, sonst kommen wir nicht vorwärts. Denn der Geist der Lüge, der Geist des Truges ist der größte Feind des wirklichen geistigen Fortschritts. Und daß geistiger Fortschritt die Welt heute einzig und allein vorwärtsbringen kann, das hoffe ich Ihnen gerade heute wiederum gezeigt zu haben durch Angabe einiger Gesichtspunkte, die ich für die Gegenwart für ganz besonders wertvoll halte.
[ 23 ] Und so möchte ich denn, daß Sie alle die Dinge, die hier geschehen sind, im Zusammenhang betrachten, so im Zusammenhang betrachten, daß auf der einen Seite das Soziale, auf der anderen Seite das Spirituelle steht, daß aber beides innig zusammengehört. Daß man die Dinge nicht in diesem Zusammenhang sieht, das macht gerade das Unheil der Gegenwart aus.
[ 24 ] Ich habe vor acht Tagen hier gesagt: Drei Forderungen gehen durch das soziale Leben der Gegenwatt.
1. Die Eroberung der Weltmacht durch die anglo-amerikanischen Mächte.
2. Die Bestrebungen, die heute noch ganz abstrakt sind, die nach einem Völkerbund hingehen.
3. Die Bestrebungen, die wir die sozialen nennen.
[ 25 ] Diese drei Strömungen sind einmal in der heutigen Kulturwelt die drei maßgebenden Strömungen: Die Weltherrschaft der anglo-amerikanischen Mächte; das Bündnis der Völker; das Streben nach sozialer Gestaltung der Weltangelegenheiten. Für diese drei Bestrebungen bestehen drei gewaltige Hindernisse: Gegen dasjenige, was die angloamerikanische Welt, von England ausstrahlend, als Weltmacht anstrebt, gegen das steht die Spiritualität der alten Inder, die indische Spiritualität. Das wird den großen Gegensatz geben: Das Suchen nach Weltprinzipien auf medialem Wege — das Suchen nach Weltprinzipien auf dem Yoga-Weg in Indien. Dieser Kampf wird der größte Kampf werden, der auf geistigem Gebiet ausgekämpft werden muß in der Weltgeschichte. Klar zu sehen über das, was als zwei Pole vorhanden ist in der Zeitbewegung, das ist die erste Aufgabe desjenigen, der ein wirklicher Geisteswissenschafter sein will.
[ 26 ] Auf dem Gebiete des Strebens nach dem Völkerbund muß klar ein‚gesehen werden, daß zwei Unmöglichkeiten heute an diesem Streben beteiligt sind. Dasjenige, was dem neuzeitlichen Streben nach der Menschheitseinigung, nach jener Humanität, von der Ferder, Lessing, Goethe gesprochen hatten, was diesem Streben der neueren Menschheit nach der Menschheitseinheit entgegentritt, das ist gerade der Völkeregoismus, der nationale Chauvinismus, auf allen Gebieten. Und nun soll der Völkerbund eine Einheit der in sich abgeschlossenen Völker werden. Der Turmbau zu Babel, der zeigt ja im Bilde, daß gerade dadurch einem Völkerbund entgegengearbeitet wurde, daß die Völker getrennt worden sind in ihre Volkstümer. Und das soll das Mittel abgeben, um die Völker zu einen. Die Vierzehn Punkte, die Utopie Woodrow Wilsons, will die Aufgabe lösen, durch Konservierung desjenigen, was im Turmbau von Babel angedeutet ist, die Völker zu einigen. Sie wird nur das fördern, was die Völker weiter auseinander bringt. Sie wird die Verwirrung des Turmbaus von Babel nur noch größer machen. So steckt in der zweiten Bewegung ein Widerspruchvolles; es stecken zwei Unmöglichkeiten drinnen in der Völkerbundspolitik.
[ 27 ] Und im dritten, in der sozialen Bewegung, steckt die Ablehnung des Geistigen. Es wird nur gerechnet mit dem Wirtschaftlichen, mit dem Materiellen, und man glaubt, daß aus dem Materiellen selber aufsprießen werde ein Geistiges. Man will ein Paradies auf Erden begründen mit Ausschluß alles dessen, was im Paradiese Ordnung machen kann, mit Ausschluß des Geistes. Da haben Sie wiederum den vollen Widerspruch auch im dritten Streben.
[ 28 ] Es gibt keine andere Möglichkeit, über diese Widersprüche hinwegzukommen, als den Weg des Geistes, der im Sinne der Menschheitsentwickelung und nicht gegen diese Entwickelung arbeitet. Und so gut es mit schwachen Kräften möglich ist, soll gerade die anthroposophische Bewegung für diese Wege sich einsetzen. Man wird sie nicht verstehen, wenn man sie nicht so verstehen wird, daß sie sich für dasjenige einsetzt, was wirklichkeitsgemäß und möglich ist gegenüber all dem, was unwirklichkeitsgemäß und utopistisch ist.
