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The Rudolf Steiner Archive

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Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192

3 August 1919, Stuttgart

Fünfzehnter Vortrag

[ 1 ] Da wir heute noch zusammensein können, so scheint es mir richtig, auf einiges nochmals und vielleicht in veränderter Form hinzuweisen, das ja gerade in dieser Zeit gesprochen worden ist, und das von einer gewissen Bedeutung ist für die ganze Einstellung des Menschen in unserer Zeit.

[ 2 ] Daß es so etwas wie die Notwendigkeit einer Neueinstellung des Menschen in unserer Zeit gibt, das sollte ja gerade aus den Betrachtungen hervorgehen, die hier und sonst in dieser Zeit vor Ihnen gepflogen worden sind. Daß die Art des Urteils, wie sie üblich war in der bisherigen Zeitepoche, nicht mehr den Menschen in die Zukunft hinübertragen kann, das ist notwendig heute einzusehen. Man muß dieses immer wieder und wiederum betonen, weil ja gerade gegen dieses sich die Gefühle und Empfindungen des Gegenwartsmenschen noch am meisten sträuben. Der Gegenwartsmensch möchte auch beim Heraufführen einer neuen Zeit gewissermaßen dabei sein — das leuchtet ihm ja so dunkel ein, daß eine neue Zeit herankommen müsse —, aber er möchte selbst kein anderer werden. Er möchte die Dinge so fort beurteilen, wie er eben bisher gewohnt war, sie zu beurteilen. Und selbst wenn er sich einmal aufrafft, um zuzugeben, daß eine neue Beurteilungsart Platz greifen muß, so fällt er doch immer wieder und wiederum in die alte Art des Vorstellens zurück. Er tut das ganz besonders aus dem Grunde, weil die neue Einstellung ja tatsächlich ein radikales In-sich-Gehen des Menschen fordert. Und dieses radikale In-sich-Gehen, das ist dem Gegenwartsmenschen eigentlich sehr, sehr unangenehm.

[ 3 ] Nun muß man, wenn man die volle Tiefe desjenigen ins Auge fassen will, was dem eben Gesagten zugrunde liegt, gewissermaßen mit gutem Willen einblicken in die ganze Art, wie wir gewohnt worden sind, unser Leben im umfassenden Sinne in der neueren Zeit einzurichten, besonders seit jenem Zeitpunkte, den ich Ihnen ja öfter als den Zeitpunkt eines großen Umschwunges der Menschheitsentwickelung charakterisiert habe, seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Man kann sagen: Dasjenige, was heute in einer radikalen Weise aus den menschlichen Herzen als Forderungen sich ergibt, das hat eigentlich immer schon mehr oder weniger geglimmt unter der Oberfläche des Bewußtseins der Menschen seit diesem Zeitpunkte; aber alle Dinge, die sich entwickeln, sie entwickeln sich eine Zeitlang immer unvermerkt und werden dann erst völlig reif, hervorzubrechen und ganz radikal ins Dasein zu treten.

[ 4 ] Nun haben wir in unseren Bestrebungen der letzten Zeit von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hinweisen müssen auf eine gewisse Dreigliederung. Sie wissen, unser ganzes äußeres öffentliches Wirken durchzieht der Impuls der Dreigliederung. Aber hier habe ich auch hinweisen müssen darauf, daß die menschliche Erkenntnis, wenn sie nicht den Menschen in die Irre führen soll, auch auf der Dreigliederung der menschlichen Natur selber aufgebaut sein muß. Die Wissenschaft, welche die Menschen aus einer gewissen notwendigen Unklarheit heraus entwickelt haben, diese Wissenschaft, die, wie sie jetzt ist, auch ihren Anfang genommen hat in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, sie betrachtet den Menschen mehr oder weniger als eine Einheit. Sie ist sich nicht klar darüber, daß der Mensch wirklich jene Dreiheit ist, die man bezeichnen muß als den Hauptesmenschen oder Nerven-Sinnesmenschen, als den Rhythmusmenschen oder Atmungs- und Zirkulationsmenschen, und den Stoffwechselmenschen. Diese drei Glieder der menschlichen Natur sind in ihrer Wesenheit ganz voneinander verschieden. Warum die Menschen nicht eigentlich zugeben wollen, daß der Mensch selbst in dieser Dreigliederung lebt, das rührt davon her, daß die Menschen, wenn sie schon etwas gliedern wollen, die Dinge so hübsch nebeneinander gelagert haben wollen. Man sieht immer wieder: wenn die Menschen schon sich herbeilassen, etwas einzuteilen, dann möchten sie diese Einteilung auch so nebeneinander haben, sie möchten die Teile dieser Einteilung so nebeneinander lagern, daß sie sie hübsch übersehen können mit äußerlichen Erkenntniskräften. Das liegt ja jenem sonderbaren Aufsatz zugrunde, den der Tübinger Professor vor Fleck geschrieben hat gegen die Dreigliederung. Ich habe es schon erwähnt, daß sich der gute Professor von Heck mit vollständiger Außerachtlassung dessen, was in der Dreigliederung eigentlich gesagt wird, seine eigene Dreigliederung zurechtmacht. Er kann die Art des Denkens überhaupt nicht verstehen, um die es sich da handelt, er kann gar nicht zu der Empfindung vordringen, daß wir in einem Zeitalter leben, in dem ein neues Denken, ein neues Empfinden notwendig ist. Und so hört er von einem geistigen Gliede, von einem rechtlichen oder staatlichen Gliede und vom wirtschaftlichen Gliede des sozialen Organismus. Drei Glieder, sagt er. In dem einen Glied, das wir bisher gekannt haben, haben wir uns allmählich gewöhnt an einen Parlamentarismus. Es ist ja Herren von dieser Art schon schwer genug geworden, sich daran zu gewöhnen; sie werden lieber zentralistisch, von oben herunter regiert, aber sie haben sich gewöhnt an einen Parlamentarismus. Aber wenn man sich dazu herbeiläßt, dann muß Paragraph A, Paragraph B und C nebeneinander stehen. Geistiges, Rechtliches, Wirtschaftliches, das muß so äußerlich sinnlich überschaubar sein, wenn man sich überhaupt darauf einlassen will. Ja, auf diese Weise, daß man dem Neuen entgegenkommt mit der Denkweise des Alten, ist allerdings nicht vorwärtszukommen. Und man kann dann sehr gut die Dreigliederung kritisieren, wie Professor von Heck es tut, aber es ist doch seine eigene absurde Dreigliederung, die er kritisiert, und nicht diejenige, die von dem Bund für Dreigliederung aus gegenwärtig in die Welt gesandt werden soll.

[ 5 ] Nun, das alles hängt damit zusammen, daß sich der Mensch eben instinktiv wehrt gegen dasjenige, was das Allernotwendigste ist in unserer Zeit, gegen die Umorientierung des ganzen Denkens und Empfindens. Und diese Umorientierung des Denkens und Empfindens, sie wird auch nicht kommen, ehe man sich nicht herbeiläßt, wenigstens subjektive, anfängliche Beziehungen zur Geisteswissenschaft, zur wirklichen Erkenntnis des geistigen Lebens zu gewinnen. Und man wird schon auf der einen Seite sich darauf einlassen müssen, die Dreigliederung außen im sozialen Leben als eine Notwendigkeit zu erkennen, aber auch die Dreigliederung des Menschen selber als eine naturgegebene Tatsache anzuerkennen. Daß der Mensch diese Dreigliederung aber nicht so hübsch nebeneinander geschachtelt hat, sondern daß ein Glied immer in das andere übergeht, das beirrt gerade den an seine alten Vorstellungen gebundenen neuen Menschen. Denn natürlich, wenn ich spreche von Kopforganisation, von NervenSinnesorganisation, so ist diese Kopforganisation, äußerlich angeschaut, zunächst im Kopfe zentriert. Im Kopfe, im Haupte hat sie ihren Mittelpunkt. Aber sie sendet in den ganzen übrigen Menschen hinein die Ausläufer, die notwendig sind; denn das Sinnesvermögen ist ja im ganzen Menschen drin. Das heißt: der Mensch ist als Hauptesmensch nur der Hauptsache nach Nerven-Sinnesmensch; der ganze Mensch ist Nerven-Sinnesmensch. Und als Rhythmusmensch ist der Mensch Brustmensch. Das rhythmische System, das Atmungs- und Zirkulationssystem hat in der Brust seinen Mittelpunkt. Also es handelt sich darum, daß der Mensch als Rhythmusmensch Brustmensch ist. Das Atmungs-Zirkulationssystem ist lokalisiert in dem Brustsystem, aber natürlich wird der Rhythmus, die rhythmische Tätigkeit wiederum hineingesendet, sowohl in das Hauptsystem wie in das Stoffwechselsystem. Also nur der Hauptsache nach ist der Brustmensch Rhythmusmensch. Und ebenso ist es mit dem Stoffwechsel. Selbstverständlich ist auch im Haupte, auch in der Brust, der Stoffwechsel vorhanden, aber reguliert wird er von dem Gliedmaßensystem, so wie ich es immer charakterisiert habe. Da läuft also dasjenige, was als Glieder angeführt werden muß, in das andere hinein. Das beirrt natürlich die Menschen, die immer Striche machen möchten, und die nur ganz nebeneinanderstehend haben möchten das, was ihnen einfällt einzusehen.

[ 6 ] Es ist also schon eine andere Art der Anschauung, eine ganz andere Art, sich zur Wirklichkeit zu stellen, für den Menschen notwendig, der sich in das Denken und auch in das Wollen und Tun für die nächste Zukunft hineinstellen will. Man glaube aber durchaus nicht, daß diese Dinge etwa nur eine Bedeutung haben für das Erkennen oder für die Weltanschauung. Diese Dinge haben ihre ganz besondere Bedeutung für das Leben der Menschheit, für die ganze Einstellung in das Leben. Und das muß ganz genau berücksichtigt werden. Man muß von diesem Gesichtspunkte aus dann unser gesamtes Leben erst beurteilen und dann sich die Frage stellen: Wie muß es sich neu gestalten? Wir haben ja in einem gewissen Sinne in unserem Leben eine Dreigliederung, aber diese Dreigliederung fordert erstens eine genaue Erkenntnis, zweitens eine Weiterentwickelung. Die genaue Erkenntnis, die muß sich einem ergeben dadurch, daß man mit einer gewissen Befruchtung der Erkenntnis durch geisteswissenschaftliche Anschauung sich ansieht, was eigentlich in unserem Leben vorhanden ist. Was ist denn in unserem Leben da? Das, was wir durch die Dreigliederung als ein besonderes Glied fordern, das ist ja natürlich da, es ist nur mit den zwei anderen, dem Rechtsgliede und dem wirtschaftlichen Gliede chaotisch durcheinandergemischt. Das Geistige steckt drinnen in unserem realen Leben, indem einfach der Mensch für die äußere Kultur, für das äußere Leben eine gewisse geistige Leitung braucht. Ohne die geistige Leitung gibt es kein äußeres Kulturleben. Diese geistige Leitung beruht bei uns, in unserem gegenwärtigen Leben, nicht auf einer ursprünglich-elementaren Äußerung der menschlichen Natur, sondern sie beruht auf etwas Überkommenem. Sie beruht auf etwas, was sich historisch für den Menschen übertragen hat. Sie erinnern sich doch gewiß, daß, wenn man von dem neueren Geistesleben spricht, das heraufgekommen ist mit der großen Umwandelung im fünfzehnten Jahrhundert, man nicht von einer Neuschöpfung, sondern von einer Renaissance oder Reformation spricht. Man spricht, und mit Recht, nicht von einer Neuschöpfung, sondern von einer Wiedergeburt, von einer Wiederaufrichtung eines Alten. Und in einer gewissen Beziehung leben wir geistig nur in einem wiederaufgerichteten Alten. Geistig leben wir nämlich von der Erbschaft desjenigen, was sich in einer gewissen Weise aus viel älterer, aus orientalischer und ägyptischer Geisteskultur im Griechentum zusammengeballt hat. Daß wir heute unser altes griechisches Gymnasium haben, das ist, ich möchte sagen, nur ein deutlicher Hinweis darauf, daß unser Geistesleben eigentlich im ganzen eine griechische Renaissance ist.

[ 7 ] Worauf beruht aber denn das griechische Geistesleben? Es ist dies deshalb schwer zu durchschauen, weil dieses griechische Geistesleben in einer gewissen Weise dasjenige recht stark ausgebildet hat, worauf es beruht: das orientalische Geistesleben. Aber es hat dieses orientalische Geistesleben sehr umgestaltet. Dadurch merkt man nicht, wenn man sich mit dem bloßen Erkenntnissinne noch so sehr vertieft in das griechische Geistesleben, wenn man nicht mit geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen rechnen will, man merkt nicht, worauf eigentlich dieses griechische Geistesleben fußt. Es ist nämlich ganz davon abhängig, daß den Angehörigen der Erobererklasse instinktiv zugestanden wurde, das Geistige zu offenbaren, und daß diese Offenbarung des Geistigen nicht zugestanden wurde den Angehörigen der eroberten Schichte. Die griechische Kultur enthält eigentlich in sich eine doppelte Bevölkerung: jene alte Bevölkerung, die die griechische Halbinsel in europäischen Urzeiten bewohnte, und die eine ganz andere soziale Struktur hatte als das spätere Griechentum. Das spätere Griechentum, das wir beginnen können eigentlich mit dem Einbruch derjenigen Geistesmacht, die ihren Ausdruck findet in den königlichen Geschlechtern der Agamemnons und so weiter, dieses griechische Leben breitete sich aus über eine Urbevölkerung. Und diese Eroberer waren anderen Blutes als die Urbevölkerung. Sie bemerken dieses Anderen-Blutes-Sein eben in dem, was ich ja auch hier schon angeführt habe, in der griechischen Skulptur. Diese griechische Skulptur hat ja deutlich voneinander getrennte Typen: der Zeus-Typus, der andere Ohren, andere Nasenbildung, andere Stellung der Augen hat als der Hermes-MerkurTypus, der wiederum eine andere Nasenbildung hat als der SatyrTypus. Diese beiden letzten Typen, die deuten auf die griechische Urbevölkerung hin, die anderen Blutes war als diejenigen, die wir als die Träger der griechischen Kultur kennen. Das heißt, die ganze Konfiguration des griechischen Geisteslebens, die wir doch als Renaissance übernommen haben, ist aristokratischer Natur, die ist umgebildete Theokratie des Orients und Ägyptens. Sie ist aufgebaut auf der Anschauung, daß sich die Dinge der Welt nicht offenbaren, so wie das später geglaubt wurde, durch Beweis, sondern daß sie sich offenbaren wollen eben durch Offenbarung: auf der einen Seite durch Offenbarung von seiten der Orakel oder dergleichen, also durch dasjenige, was hereinbricht als geistige Offenbarung in die menschliche Welt; aber auch als T'aten offenbart sich dasjenige, was die Welt beherrschen soll, nicht so, daß der Mensch über diese Taten mit seinem Verstand, mit seinem Intellekt entscheiden will, sondern daß er Mächte entscheiden läßt, die außer ihm stehen. Zu den letzteren hat das Griechentum übernommen das kriegerische Prinzip des Orients. Es hat es nur umgestaltet, daher merken wir nicht, daß in der griechischen Kultur zwei Dinge ineinandergeflossen sind: die Theokratie und der Militarismus. Theokratie und Militarismus sind aber die Elemente des Aristokratismus. So daß wir aufnehmen in unser Geistesleben gerade mit dem Gymnasialen, mit dem Herübernehmen des Griechischen ein aristokratisches Element, welches auf der einen Seite die Theologie hat und auf der andern Seite die militärische Entscheidung. Die Theologie, die nicht durch Beweis zu ihren Wahrheiten kommt, die militärischen Entscheidungen, die nicht aus der menschlichen Vernunft heraus fallen, sondern nach den menschlichen Anschauungen durch äußeres Gottes- oder Natururteil. Das haben wir gewissermaßen in unserem sozialen Organismus drinnen durch das Griechentum, das in seinem Staate und in seiner Epoche so Großes leistete. Wir haben durch das Griechentum drinnen die aristokratische Empfindungsweise der Menschen. Und diese Dinge müssen einfach psychologisch genommen werden. Natürlich wird keiner der Menschen der Gegenwart, wenn er die gymnasiale Aristokratie in sich aufnimmt, wiederum ein Grieche seiner Gesinnung nach, aber er wird etwas, was nicht mehr in unsere Zeit hereinpaßt: er wird ein Träger eines aristokratischen Prinzips, das überwunden werden muß. Man kann noch so sehr schwärmen für dieses aristokratische Element in unserer Zeit, man kann es durchaus gelten lassen, insofern es sich gerade im Geistesleben und in den Formen des Geisteslebens ausdrückt, dieses aristokratische Element, denn es fußt auf etwas sehr Sympathischem, auf dem Griechentum — das wollen wir natürlich nicht missen —, aber so, wie es heute auf dem Griechentum fußt, kann es eben nicht zur allgemein menschlichen Bildungsgrundlage werden. Daher muß es in einer ganz anderen Weise sich einleben in unsere Kultur. Das ist etwas, was wir gewissermaßen als erstes Element in uns tragen: ein doch noch aus dem Griechentum heraus konfiguriertes geistiges Leben.

[ 8 ] Nun tragen wir aber ein zweites Element in uns, das ist das römische Leben. Wir tragen nicht bloß das griechische Leben, chaotisch hineingemischt, in unserer sozialen Kultur, in unserem Geistesleben, seiner Form, seiner Gestaltung, seiner Struktur nach, sondern wir tragen auch das römische Rechtsleben in uns. Wir tragen im Grunde genommen ganz in uns die Sucht, jenen Staat zu gestalten, der doch nur gut und richtig war für die menschheitliche Entwickelung in der Zeit, als das Römertum geblüht hat, und an dem Orte, wo das Römertum geblüht hat. Griechisches Geistesleben, römisches Rechtsleben, sie sitzen in uns. Es ist ja außerordentlich interessant zu sehen, wie in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts und später dann eigentlich das europäische Rechtsleben sich auf seine eigenen Grundlagen stellen will, wie es etwas ganz anderes entwickeln will, als was dann herausgekommen ist. Da brachen die Anschauungen des römischen Rechtes herein und durchdrangen die Struktur der Staaten, gerade so wie das griechische Geistesleben die Struktur der Staaten durchdrungen hat. Und so wurde unser Rechtsleben wiederum nicht etwas, was aus einem ursprünglichen, elementaren Antrieb der menschlichen Natur hervorgeht, sondern etwas wie eine Art Renaissance, ein Heraufnehmen eines Alten.

[ 9 ] Wo man nun aber nicht ein Altes heraufnehmen konnte, das war der Boden des Wirtschaftslebens. Man kann einem alten Geiste anhängen, man kann alten Rechtsformen anhängen, man kann aber nicht dasjenige essen, was die Griechen gegessen haben, auch nicht dasjenige, was die Römer gegessen haben. Das Wirtschaftsleben duldet nicht dieses Herübernehmen des Alten. Das Wirtschaftsleben entwickelte sich aus mitteleuropäischen, germanischen, fränkischen und anderen Verhältnissen heraus, und zwar mit einer gewissen elementaren Gewalt, aber es wurde durchdrungen von der Renaissance des Geisteslebens, von der Renaissance des Rechtslebens. Und es ist interessant, wie die Menschen empfinden: Ja, in unserem sozialen Organismus da ist ja lebensfähig, im neueren Sinne lebensfähig nur das Wirtschaftsleben. Diese Empfindung haben nun insbesondere Marx und Engels. Ich habe das ein wenig dargestellt in der vierten Nummer unserer Dreigliederungszeitung unter dem Titel «Marxismus und Dreigliederung». Marx und Engels empfinden: Ja, in bezug auf das Wirtschaftsleben, da geht es nach neueren Impulsen, und diese neueren Impulse müssen nur richtig ausgestaltet werden; sie sind in der äußeren Tatsachenwelt noch nicht vorhanden, aber in der menschlichen Sehnsucht sind sie vorhanden. — Und so wollen Marx und Engels ein Wirtschaftsleben, das nicht mehr, wie das griechische Leben, die Menschen beeinflußt, indem es sie in bezug auf ihre Geisteskräfte regiert. Marx und Engels wollen nicht mehr eine soziale Struktur, welche im Sinne des römischen Rechtes das soziale Leben beeinflußt. Das sehen sie als Fremdkörper des modernen Wirtschaftslebens an. Sie empfinden das Fremdartige und wollen es deshalb herauswerfen. Sie wollen im Wirtschaftsleben etwas begründen, was gar nicht mehr über Menschen regiert, und ein Recht, was nur noch Produktionsprozesse, wirtschaftliche Güterzirkulation und so weiter verwaltet. Aber das ist nicht allein die Aufgabe der neueren Zeit. Die Aufgabe der neueren Zeit ist, zu erkennen: Gewiß, das Wirtschaftsleben muß umgestaltet werden, das Wirtschaftsleben muß die Konfiguration bekommen, die aus den menschlichen Sehnsuchten heraus gefordert wird; aber wir können auch nicht mehr mit dem Rechtsleben, das nicht mehr hineinpaßt in unser Wirtschaftsleben, auskommen, wir können nicht mehr mit dem Geistesleben, das nur auf Renaissance beruht, auskommen. Wir brauchen in unserer Zeit nicht nur eine einsichtige Gliederung des Wirtschaftslebens, wir brauchen eine Neugestaltung des Rechtslebens an Stelle des römischen Rechtes, und wir brauchen eine völlige Erneuerung des Geisteslebens. Das heißt, wir brauchen nicht nur eine geistige Renaissance, sondern eine geistige Neuschöpfung. Und auch das Christentum, das hineingefallen ist in die Griechen- und Römerzeit, das kann nicht von uns so verstanden werden, wie man es verstanden hat durch das Medium des Griechischen und des Römischen, sondern das muß von uns mit einem neugeschaffenen Geistesleben neu verstanden werden. Das ist das Geheimnis unserer Zeit.

[ 10 ] Sehen Sie sich nach dem Alten im europäischen Osten um. Da finden Sie, daß in diesem europäischen Osten das Christentum in der russischen Orthodoxie durchzogen worden ist mit griechischer Weltauffassung. Wir haben das Christentum aufgenommen in römischer Weltauffassung, nicht in griechischer. Dadurch haben wir allerdings nicht mehr drinnen, was aus der griechischen Weltauffassung kommt, wir haben aber in dem Christentum drinnen dasjenige, was von römischer Rechtsauffassung kommt. Diese römische Rechtsauffassung, suchen wir sie einmal zu erkennen in ihrer Grundstruktur. Römische Rechtsauffassung geht darauf hinaus, nun nicht den Menschen seinem Blute nach zu betrachten. In Griechenland war man wert, wenn man dem techten Blute angehörte, dem aristokratischen Blute. Das, was die Götter offenbarten durch Angehörige des aristokratischen Blutes, das war auch das Richtige, das Weise. Im römischen Kulturelement war das anders. Da bildete sich allmählich heraus, daß man dasjenige, was man war, durch seine Eingliederung in den abstrakten Staat, in den Rechtsstaat war. Man wurde nicht, wie bei den Griechen, Blutbürtiger, sondern Staatsbürtiger, Staatsbürger. Man war nichts Besonderes, als was man als Staatsbürger war. Es kam nicht in Betracht, daß der Mensch dastand mit Leib, Seele und Geist, sondern es kam darauf an, daß er in das Staatssystem hineinregistriert war, daß das Staatssystem ihm den Stempel des Staatsbürgers aufdrückte. Und als von der italischen Halbinsel, von Rom ausgehend, sich das Staatsbürgertum über das ganze Römische Reich verbreitete, war das ein ungeheures Ereignis. Denn die Menschen empfanden es dazumal als etwas, was mit dem Leben zusammenhängt. Aber ist uns das nicht in einem gewissen Sinn geblieben? Uns ist in einem gewissen Sinne geblieben, daß wir unser ganzes Öffentliches Leben nach unserem, dem römischen Denken und Empfinden entnommenen Staatssystem einrichten.

[ 11 ] Ich hatte einmal einen alten Bekannten, der hatte eine Jugendliebe, die er sich mit achtzehn Jahren erworben hatte, aber er konnte in seinem achtzehnten Jahr diese Jugendliebe nicht heiraten. Er mußte warten, mußte sich erst einiges verdienen. Und so war der Mensch vierundsechzig Jahre alt geworden. Um heiraten zu können, ging er an seinen Heimatsort zurück, denn die Jugendliebe war ihm treu geblieben und er wollte sie heiraten. Aber was war geschehen? Die Kirche mit dem Pfarrhaus, worin die Taufregister waren, war abgebrannt und die Taufregister waren mitverbrannt. Der Mann hatte keinen Taufschein. Er schrieb mir das von seinem Heimatorte aus und er sagte: Ja, meinem gesunden Menschenverstand nach scheint es mir dafür, daß ich geboren worden bin, ein Beweis zu sein, daß ich da bin, aber das glauben mir die Leute nicht, weil ich keinen Taufschein habe, der das schriftlich bezeugt, daß ich da bin. — Also, es muß erst dastehen, daß man da ist, daß man äußerlich eingeordnet ist. Gewiß, wenn man so etwas erzählt, dann sagen die Leute, das sei übertrieben. Es ist aber nicht übertrieben. Denn das spielt eine große Rolle in unseren Öffentlichen Verhältnissen. Das ist die Denkweise, welche an die Stelle der theokratischen Denkweise des Orients getreten ist, und welche durch das Griechentum etwas ummetamorphosiert worden ist. Die römische Denkweise ist eine abstrakte. Der Orient hat an Götterkräfte geglaubt, welche durch das Blut in den Menschen hineinkommen. Im Orient war der gottoffenbarende Mensch der, der blutbürtig war. Im römischen Kulturelement war man durchdrungen von dem Glauben an Begriffe, an Ideen, an Abstraktionen. Diesem Glauben, der ein metaphysischer war, im Gegensatz zum Theologieglauben des Orients, dem trat an die Seite die Jurisprudenz. So wie der Militarismus die Schwestererscheinung des theokratischen Aristokratismus ist, so ist die Jurisprudenz die Schwestererscheinung des schon im Römertum auftretenden abstrakten bürgerlichen Ideenprinzips. Metaphysik und Jurisprudenz sind Geschwister. Da kommt die Zeit herauf, in der nun nicht die Dinge hingenommen werden als Offenbarungen, sondern in der alles bewiesen werden soll. So wie man in der Jurisprudenz beweist, daß einer gestohlen hat, so soll bewiesen werden, daß nicht nur 2 mal 2 vier ist, sondern auch, daß es einen Gott gibt. Das führte zu dem immer wiederkehrenden Beweis für das Dasein Gottes. Alles Beweisen unserer wissenschaftlichen Logik ist nichts anderes als eine metarnorphosierte juristische Logik. Daß dieses Juristentum eingetreten ist in unser Öffentliches Leben, das können Sie ja, wenn Sie sich darum kümmern, wahrhaftig auch heute noch überall erkennen. Denken Sie doch nur, wie die Leute klagen, daß an den verschiedensten Verwaltungsstellen in dem Verwaltungsapparat, der ganz aus dem römischen Imperium herausgebildet ist, daß da, wo Leute sitzen sollten, die etwas von dem Technischen verstehen, Juristen sitzen, nicht Techniker. Das ist wirklich so. Die Juristen sitzen überall an diesen Stellen. Das ist das zweite, das in unser Leben eingetreten ist, so wie Theokratie und Militarismus das erste Geschwisterpaar war. Theokratie und Militarismus, das heißt das Griechentum wurzelt wirklich, so sonderbar das klingt, in der geistigen Konstitution des Menschen; in seiner Rechtsauffassung wurzelt das Römertum. Und aus diesen Unterlagen heraus, die ich Ihnen angeführt habe, unterscheidet sich auch das westliche Römisch-Katholische von dem östlichen Griechisch-Katholischen. Das östliche Griechisch-Katholische ist mehr eine geistige Angelegenheit geblieben. Die römische Kirche ist eigentlich im Grunde genommen ganz und gar eine bürgerliche und Rechtsinstitution. Sie hat sich auch immer als eine solche behauptet. Sie hat umgegossen, was bloß geistig sein sollte, in Rechtsinstitutionen. Sie hat aber auch sogar in die katholische Weltanschauung juristische Begriffe hereingetragen. Die Rechtfertigung des Menschen vor Gott durch die Beichte und solche Dinge, die ganz und gar aus dem Rechtsgedanken heraus entspringen, Sie finden sie auf Schritt und Tritt in der späteren katholischen Dogmatik, die nicht ursprünglich christlich, sondern römisch-dogmatisch ist, die durchdrungen ist durch das römische Denken. Und das, was da durchgegangen ist durch das römische Denken, den stärksten, den abstraktesten Ausdruck findet es eigentlich doch im Protestantismus, der ganz und gar auf einem juristischen Begriff beruht : auf der Rechtfertigung des Menschen durch den Glauben.

[ 12 ] Das sind die alten Elemente, die in unserem Kulturleben drinnen sind. Man muß unbefangen auf diese alten Elemente hin den Blick wenden, denn in unserer Zeit sind sie reif zu sterben. Das haben Marx und Engels bemerkt. Marx und Engels haben aber nicht bemerkt, daß wir nun ein Neues brauchen, das an deren Stelle gesetzt werden muß. Sie haben geglaubt, das Wirtschaftsleben solle weitergehen in einer bloßen Verwaltung der Produktionszweige, Güter, Sachen; das andere werde schon von selbst kommen. Es kommt nicht von selbst. Neben der sachlichen Verwaltung der Produktionszweige und Güter brauchen wir eine demokratische Rechtsgliederung und eine Neuschöpfung des Geisteslebens. Aus dem, was nicht Geist ist, wird sich nie ein neues Geistiges heraus ergeben. Daher steht die Dreigliederung in innigem Zusammenhang mit der ganzen Forderung unserer Zeit. Sie betont, daß es notwendig ist, da der alte Geist herausgepreßt ist aus unserer Kultur, daß er ersetzt wird durch einen neuen Geist, durch eine Neuschöpfung des Geistes. Wir können uns heute als Kulturmenschen nicht begnügen mit einer neuen Renaissance. Wir können nicht ein Altes aufwärmen, sondern wir brauchen eine Neuschöpfung des Geistes. Das will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein. Sie wird deshalb am meisten angefochten sein, weil die Menschen am Alten hängen. Und wir brauchen zweitens eine Neuschöpfung des Rechtslebens, das ganz in das demokratische Fahrwasser gebracht werden muß, das so geschaffen werden muß, wie es aus den alten Verhältnissen nicht geschaffen werden kann, weil niemals in den alten Verhältnissen der Mensch als Mensch dem Menschen gegenübersteht, sondern immer irgendwelche Klassen- oder Vorrechtsgliederungen mitbestimmend sind. Das ist das, was dem Menschen der Gegenwart obliegt: sich wirklich einmal hineinzustellen in die Neuschöpfungen. Dazu fehlt ihm vielfach der Mut. Aber dieser Mut wird eben aufgebracht werden müssen. Er wird aber dann aufgebracht werden, wenn sich der schläfrigste Teil unserer Bevölkerung, und das ist derjenige, der durch das akademische Studium hindurchgegangen ist — im ganzen und großen ist es so, Ausnahmen gibt es selbstverständlich —, wenn sich eben dieser schläfrigste Teil dazu bequemt, nun auch mit dem Hergebrachten brechen zu wollen, seien es auf dem Wege des Griechentums gekommene Offenbarungen, seien es auf dem Wege des Römertums gekommene abstrakte Ideen. Da muß man sich hineinfinden in die Möglichkeit, ein Recht auszugestalten durch ein demokratisches Staatswesen, ein Geistesleben auszugestalten durch eine Neuschöpfung, die auf völlig freiem Boden stehen und daher brechen muß mit allen den Undingen, die nur auf Konservierung von Altem beruhen oder auf irgend etwas, was nebulos und unklar ist. Bitte betrachten Sie von diesem Gesichtspunkte aus, was gerade in diesen Tagen sich vollzieht.

[ 13 ] Nicht wahr, es behauptet die Sozialdemokratische Partei — ich will jetzt nicht von Schattierungen sprechen —, diejenige Partei zu sein, die aus dem modernen Wirtschaftsleben eine Neugestaltung der Dinge zustande bringen wird. Der Leninismus innerhalb dieser Sozialdemokratie ist doch eigentlich die konsequenteste Ausgestaltung dieser sozialdemokratischen Anschauung, denn Lexin ist wirklich ein würdiger Nachfolger von Marx. Dieser Leninismus will aus dem bloßen Wirtschaftsleben auf dem Boden der Erde, wo das am wenigsten gehen kann, weil aller Volksinstinkt dem widerspricht, er will aus dem bloßen Wirtschaftsleben durch Lunatscharskysche Alchymie ein Geistesleben erzeugen. Ich rede nicht, wenn ich über diese Dinge rede, auf irgendwelche Nachrichten hin, so daß man sagen kann, es werden Märchen von Rußland erzählt, und dergleichen. Man braucht gar nicht auf die Schilderungen hinzuhören, denn die sind natürlich gefärbt von der subjektiven Auffassung. Es wird der Bürgerliche anders schildern als der Sozialdemokrat. Nein, auf dem fuße ich, was Lenin selbst ausgesprochen hat in seinem Werk. Ich weiß, daß das, was seiner Auffassung zugrunde liegt, nicht eine Neubildung der Kultur, sondern der Mord einer Kultur ist. Ich will nicht über das Schulwesen reden, was geschildert wird, sondern von den Gesetzen, welche dem russischen Schulwesen gegeben werden, und aus dem kann nicht ein geistiges Leben hervorgehen. Es kommt mir nicht darauf an, was geschildert wird, sondern darauf, was dieselben Menschen tun, die aus ihren Illusionen heraus ein Neues schaffen wollen. Wir in Mitteleuropa sind noch nicht so weit, wir können daher noch nicht diese großen Fehler schon machen, aber wir sind auf dem besten Wege, alles Mögliche, das kommen will für die Zukunft, zu verderben.

[ 14 ] Nicht wahr, Marx und Engels standen auf dem Standpunkt: Das Wirtschaftsleben ist alles, daraus muß nun das Geistesleben sich entwickeln. — Das ist Theorie, das ist Utopie. Was geschieht in Wirklichkeit? Man fühlt: Ja, wenn wir bloß wirtschaftliche Einrichtungen treffen gegenüber der gegenwärtigen Kultur, so scheint ja doch nicht ein wirkliches Geistesleben daraus zu werden —, also schließt man Kompromisse mit dem alten Geistesleben: die Sozialdemokratie mit dem Zentrum. Eigentlich müßte nach Marx und Engels nicht aus dem Zentrum aufsteigen der Rauch, der in unsere Gehirne und die der nachfolgenden Generationen hinein belebend gehen würde, sondern er müßte aus der Selbständigkeit des Wirtschaftslebens als der Überbau heraufsteigen. Sehr sonderbar, in der Marxschen und Engelsschen Theorie: wirtschaftlicher Unterbau, ökonomischer Unterbau; geistiger, ideologischer Überbau, Recht, Sitte, Geistesleben überhaupt aber — illusionistische Theorie. In Wirklichkeit: ökonomischer Unterbau, die Sozialdemokratie; der Überbau besorgt durch das Zentrum und den römischen Klerikalismus. Der Unterbau: der marxistisch gedachte Wirtschaftsstaat oder die marxistisch gedachte Wirtschaftsgenossenschaft; illusionärer Überbau: der aus der Illusion heraus entspringende ideale Mensch, der sich ergeben soll; Wirklichkeit: der dicke Erzberger. — Sehen Sie, diese Dinge nehmen sich grotesk aus, wenn man sie ausspricht, aber sie sprechen eben die Wirklichkeit aus und sie zeigen, wenn sie nur ernsthaftig ins Auge gefaßt werden, wo wir eigentlich stehen, welchen Irrtümern wir entgegengehen. Sie zeigen aber auch, daß wir nicht herauskommen werden aus den Irrtümern, wenn wir uns nicht entschließen, an die Neuschöpfung eines Geisteslebens heranzugehen und diese Neuschöpfung des Geisteslebens sympathisch zu behandeln. Sympathisch zu behandeln aus dem Grunde, weil jetzt schon die Zeit ist, wo das Geistesleben nicht bloß Weltanschauung wird, nicht bloß Theorie bleiben kann, sondern wo es einziehen muß in die praktische Behandlung des Lebens.

[ 15 ] Dadurch, daß die moderne Medizin nur mit einer Naturwissenschaft rechnen konnte und auf einer Naturwissenschaft sich aufbauen konnte, welche nicht berücksichtigt den dreigliedrigen Menschen, den NervenSinnesmenschen, den rhythmischen Menschen und den Stoffwechselmenschen, dadurch wurde diese moderne Medizin, die nun etwas Praktisches ist, sowohl als Hygiene wie als Heilungsmethode das Einseitige, das ja heute schon nicht nur sehr viele Menschen, sondern auch schon sehr viele Ärzte, Gott sei Dank, empfinden. Unsere Medizin wird aber niemals auf eine gesunde Grundlage gestellt werden, wenn man sie nicht wird stellen können auf die dreifache Natur des Menschen. Oh, etwas ganz anderes ist der Kopfmensch, der nachgebildet ist dem Kosmos, etwas ganz anderes sind daher diejenigen Unregelmäßigkeiten in der menschlichen Natur, die krankhaften Unregelmäßigkeiten, die kosmischen Ursprungs sind. Etwas anderes sind diejenigen Schädigungen der menschlichen Natur, die tellurischen Ursprunges sind, und die im wesentlichen auf dem Umweg durch den Stoffwechsel kommen, irdischen Ursprunges sind, nicht kosmischen. Etwas anderes ist alles dasjenige, was zusammenhängt mit dem, was zwischen dem Kosmos und der Erde ist, mit dem, was in der Luft und auch im Wasser zum Teile lebt. Das muß in der Zukunft Ausgangspunkt werden eines wirklich frei betriebenen medizinischen Studiums. Denn es ist ja das Eigentümliche, daß man von diesen drei Dingen, die ich jetzt angeführt habe, und die in der wirklich praktischen Medizin auf Grundlage der Dreigliederung des Menschen aufgebaut werden müssen, nur das eine eigentlich, ich möchte sagen, im Offiziell-Schulmäßigen lernen kann. Man kann durch diejenigen Methoden, die es heute einzig und allein durch unser, dem griechischen und römischen Leben nachgebildetes Universitäts-Lehrwesen gibt, nur dasjenige studieren, was im Menschen auf dem Stoffwechselsystem beruht. Und eigentlich ist unsere ganze medizinwissenschaftliche Art zu denken, eine Art, auf Grundlage des Stoffwechselsystems zu denken. Denn so wie wir heute Wissenschaft haben, gibt es eigentlich nur die Wissenschaft des Stoffwechsels. Wollen Sie aber die anderen Dinge hinzufügen, dasjenige, was in der menschlichen Natur als Schädigung auftreten kann durch Luft und Wasser, so haben Sie es eigentlich mit lauter Individuellem zu tun. Was im Menschen als Schädigung auftritt aus Luft und Wasser, ist ganz individuell, das kann nur erlernt werden durch den hingebungsvollen Umgang mit älteren Ärzten, die schon Erfahrungen haben auf diesem Gebiet. Das kann nur angeeignet werden dadurch, daß man als junger Mensch sich anschließt an einen alten erfahrenen Arzt, nicht schulmäßig, sondern als Gehilfe, was ja im heutigen klinischen Assistententum geschieht, aber als Karikatur, heruntergedrückt in die Stoffwechselsphäre. Es muß so auftreten, daß ein gewisser ärztlicher Instinkt, eine gewisse ärztliche Intuition, die — bei einem mehr, bei dem anderen weniger — ans Hellsehen grenzen wird, eintritt bei dem, der der Gehilfe eines älteren Arztes ist, und so, daß er gar nicht darauf kommt, nur typisch-schematisch die Dinge zu behandeln, sondern daß er aus Instinkt heraus neues Individuelles und älteres Individuelles, an dem er sich herangebildet hat, das er nicht bloß nachahmt, verbindet. Und dasjenige, was an Schädigungen kommt in den menschlichen Organismus von der Kopfesseite her, was ja, wie ich vorhin gesagt habe, obwohl es den ganzen Menschen durchdringt, nur im Kopfe zentriert ist, das kann überhaupt niemanden gelehrt werden. Es gibt keine Methode, um von außen diejenigen Krankheiten erkennen zu lernen, welche im menschlichen Organismus auftreten vom Kopfe her. Die erkennt man nur durch ursprüngliche Begabung, und diese Begabung muß geweckt werden. Daher ist es notwendig, daß ganz von Anfang an Rücksicht darauf genommen werde, ob solche Anlagen bei einem bestimmten Menschen erweckt werden können.

[ 16 ] Sie sehen, da spielt hinein diejenige Gesinnung, die sich ausbilden muß in dem selbständigen Geistesorganismus, und die dahin gehen wird, aufmerksam zu sein auf menschliche Begabung, das heißt, jeden Menschen an die Stelle zu stellen, auf die er hingeführt wird durch seine besondere Begabung. Da ist es schon nötig, daß dieses besondere Geistesleben wirklich auf seine eigenen Füße gestellt werde, denn nur in einem freien Geistesleben, wo die Begabungen frei walten, werden auch die Begabungen wirklich erkannt. Dadurch kehrt der Mensch, indem er in das Geistige eintritt, wiederum in einer gewissen Weise zum Natürlichen, Naturhaften zurück, und dadurch werden sich wiederum mögliche Verhältnisse ergeben. Sie wissen ja alle, heute leiden wir daran, daß eigentlich alle Verhältnisse, weil wir nicht aus naturgemäßem Denken heraus, das heißt aus geistigem Denken heraus die Dinge der Welt verwalten, nicht mehr recht versorgt werden können. Da haben wir gewisse Stellen im Staate oder auch wo anders; immer aber sind viel zu viele Menschen da für diese Stellen. Bewerber sind immer viel mehr da, als gebraucht werden. Wiederum andere Stellen sind nicht versorgt, weil die Menschen nicht vorgebildet sind. Gewisse Berufszweige können nicht da sein, weil die Menschen nicht vorgebildet werden. In dem, was der Idee vom dreigliedrigen sozialen Organismus als freies Geistesleben vorschwebt,. kann das alles nicht der Fall sein, weil da der Mensch nicht aus Willkür heraus gestaltet, sondern weil er gestaltet im Einklang mit den großen Weltgesetzen. Und wo das geschieht, da geht es in der Regel gut. Wo gegen diese großen Weltgesetze aus der menschlichen Willkür heraus gestaltet wird, da geht es in der Regel nicht. Und am meisten Veranlagung zur Willkür hat das römische System. Das bloß metaphysisch-juristische System hat am meisten Veranlagung zur bloßen Willkür. Das Griechische hatte einen gewissen Instinkt aus der Blutbürtigkeit heraus, wenn auch dieser Instinkt nur für die Minderheit denkt. Das Wirtschaftliche hat seine eigene Naturnotwendigkeit. Das metaphysisch-juristische System ist das, was den Menschen am meisten mit Bezug auf seine Gefühle und Empfindungen von den Naturgrundlagen entfernt. Das römisch-juristische System ist dasjenige, was wir vor allen Dingen unbefangen ins Auge fassen müßten. Denn ehe wir es nicht überwinden auf allen Gebieten, eher kommen wir nicht weiter. Wenn einen heute jemand frägt und sagt: Werden denn in der Zukunft aus dem selbständigen Geistesleben heraus nun wirklich genügend oder nicht zu viel Menschen da sein für einen bestimmten Beruf an den leitenden Stellen? dann kann man nur antworten: Diese Dinge müssen nicht so beantwortet werden, wie jene Logik arbeitet, die nach dem Muster der römischen Jurisprudenz aufgebaut ist, sondern wie die Logik der Tatsachen arbeitet. — Es ist jetzt schon einige Jahrzehnte her, da verbreitete sich von Wien aus durch die Menschheit, die gebildete Menschheit, wie man sagt, die Kunde, daß sich Leute gefunden haben, welche in der Zukunft die Art der Geburten regulieren können. Das heißt, man wäre in der Zukunft imstande, regulieren zu können, ob das, was geboren werden soll, ein Knabe oder ein Mädchen werde. Sie wissen, diese Schenksche Theorie machte ein großes Aufsehen, und die Leute versprachen sich sehr viel davon. Wissen Sie, was die wirkliche Wirkung sein würde? Die Wirkung würde die sein, daß in diese annähernde — es ist gut, daß es eine annähernde ist —, daß in diese annähernde Ordnung, daß ungefähr gleich viel Männer und Frauen geboren werden, die größte Unordnung hineinkommen würde, wenn das Geschlecht in die menschliche Willkür gesetzt wäre. Es würde die größte Unordnung hineinkommen. Und so wird es auch sein, wenn mit Bezug auf anderes, weniger Naturhaftes die Menschen ihre Willkür wiederum anwenden werden. Daß wir zuviel Leute für den einen Beruf, zu wenig Leute für den andern Beruf haben, das rührt von der unnatürlichen Art des menschlichen Denkens und der menschlichen Einrichtungen her. In dem Augenblick, wo dieses willkürliche, metaphysisch-juristische römische Wesen einläuft in geisteswissenschaftlich-intuitiv Inspiriertes, das wiederum zusammenfließt mit dem, was auch älterer Instinkt war, kommen wir wieder in ein Leben hinein, welches die gesellschaftliche Ordnung so regelt, daß diese bestehen kann.

[ 17 ] Sie sehen, aus einem bloß abstrakten Denken heraus ist das neue soziale Denken nicht wohl zu begreifen. Man muß in einer gewissen Weise schon eine Art Ehe mit der Natur selber eingegangen sein. Und diejenigen Menschen, die heute am meisten glauben, natürlich zu denken, die denken am unnatürlichsten, denn sie denken verbildet römisch-juristisch, was in alle unsere Dinge hinein sich erstreckt hat. Man glaubt gar nicht, wie zum Beispiel selbst in etwas, was dem Römisch-Juristischen so ferne liegt, in die Medizin und das medizinische Denken, sich dieses abstrakte Wesen hineingeschlichen hat.

[ 18 ] Und nun dürfen wir nicht vergessen, daß dieses ganze abstrakte Wesen so unnatürlich geworden ist seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist nur zu unterscheiden das, was vorher war, und das, was nachher war. Bis in die siebziger Jahre hinein waren in allem noch alte Traditionen. Da haben noch die guten Elemente der verschiedenen Renaissancen gewirkt. Denn in den siebziger bis achtziger Jahren, da war genau zu bemerken: das Alte verliert für den Menschheitsfortschritt seine Gültigkeit, und die Menschheit muß streben nach Neuschöpfungen, sowohl des Rechtslebens wie des gesamten Geisteslebens. Denn nur dadurch wird das Wirtschaftsleben, das ja recht deutlich seine Neugestaltung fordert, durchdrungen werden von solchen menschlichen Gedanken, die notwendig sind.

[ 19 ] Aber auch die nötigen praktischen Tätigkeiten, wie die Medizin, sie werden nur befruchtet werden können, wenn vom Geistesleben aus nicht Renaissancen ausgehen, sondern wenn vom Geistesleben aus vollständig Neues geschaffen wird. Neuschöpfung des Geisteslebens, das ist es, was wir brauchen.

[ 20 ] Es ging wirklich aus der Notwendigkeit unserer Zeit hervor, daß verbunden wurde anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft mit sozialem Wirken in dem Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus. Und es hat sich ja auch in den letzten Monaten die Notwendigkeit ergeben, eine engere Verbindung zu suchen zwischen dem Sozialen und dem eigentlich Geistigen. Gewiß, die Zöpfe werden allerlei auch dagegen haben. Die Zöpfe haben etwas gegen den Bund für die Dreigliederung überhaupt gehabt; sie werden auch etwas haben gegen dieses Hand-in-Hand-Gehen. Die Menschen haben gar nicht das Gefühl dafür, wie stark die Zöpfe sind. Sie haben auch nicht das Gefühl dafür, wie notwendig es ist in unserer Zeit, die Zöpfe abzuschneiden, und damit das europäische Chinesentum zu überwinden, sonst könnte uns das asiatische Chinesentum viel zu gefährlich werden, wenn wir noch länger den Zopf des europäischen Chinesentums tragen würden.

[ 21 ] Nun hat begonnen ein gewisses Begreifen dieses Notwendigwerdens aus den geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus gerade in unserem Kreise, und wir haben ja gesehen, daß immerhin die Elemente dazu vorhanden sind, die Menschheit für eine gewisse Empfänglichkeit für das neue Geistesstreben wenigstens vorzubereiten. Es haben sich ja Freunde von uns gefunden, welche für die Verbreitung der anthroposophischen Weltanschauung hier in Stuttgart und in der Umgebung von Stuttgart gewirkt haben, und das hat durchaus zur Befriedigung ausgeschlagen. Es ist nun zu hoffen, daß sich gerade für diese Dinge, die heute auch sozial im eminentesten Sinne notwendig sind, Verständnis finde. Es ist unrichtig, zu glauben, daß die Menschheit in ihren breitesten Kreisen für diese Dinge nicht zugänglich sei. Wir brauchen in der Gegenwart, wenn wir verstehen wollen,was sozial notwendig ist, ein Denken, das herangeschult ist durch diejenigen Begriffe und Ideen, die von der Geisteswissenschaft kommen. Denn sehen Sie, es wird neben allen anderen Gegensätzen in der Gegenwart auch diesen Gegensatz geben: juristisch-römisches, bloß logisches Denken und geisteswissenschaftliches Denken. Geisteswissenschaftliches Denken, das überall auf die Tatsachenlogik geht — römisches, katholisches, juristisches Denken, das nur auf die Logik der Begriffe, nur auf die egoistische Menschenlogik geht. Dieses Denken, das wird niemals stark genug sein, die Wirklichkeit zu durchschauen. Ich habe Ihnen ja dafür einen deutlichen, konkreten Fall angeführt.

[ 22 ] Nicht wahr, in Zürich hat der .Avenarius gelehrt, in Prag und Wien der Mach und ein Schüler wiederum von Mach, Fritz Adler, der Sohn vom alten Adler. Mach und Avenarius, mit ihrer rein positivistischen Sinnesichre, sie waren gute Durchschnittsmenschen, sie waren brave Gegenwarts- oder meinetwillen Vergangenheitsmenschen — denn in der Gegenwart soll es ja etwas Neues geben —, und alle die, welche die Philosophie von Avenarius und von Mach vertraten, die glaubten selbstverständlich, ganz brave Gegenwartsmenschen zu sein. Das blieb in der Regel noch bei der ersten Schülergeneration, wenn man reine positivistische Sinnestheorien aufstellte, nicht mehr aber bei der nächsten Schülergeneration. Da trat die Logik der Tatsachen auf, und es prägte sich darin aus, daß Avenarius und Mach die Staatsphilosophen des Bolschewismus sind. Denken Sie sich diese braven mitteleuropäischen Bürger, die also ganz gewiß niemals nach dieser Richtung über die Stränge gehauen haben, sie sind die Götzen, die philosophischen Götzen der Bolschewisten. Das ist Tatsachenlogik, das ist eine Logik, die durchschaut wird von dem, der sich einläßt auf geisteswissenschaftliches Erkennen, das mit den Tatsachen geht. Wer bloß römisch-juristisch logisch denkt, der analysiert die Philosophie des Mach, die Philosophie des Avenarius. Ja, da findet er nichts drinnen, was man logisch herausschälen könnte, und was dann ein praktisches System des Bolschewismus wäre. Oh nein! Auch dasjenige, was die Menschen tun könnten nach den Anschauungen einer solchen bloß begrifflichen Logik, einer solchen bloß metaphysischen Logik, das ist auch brav. Das heißt: was sich der römisch geartete Logiker als Konsequenz der Avenariusschen Weltanschauung denken muß, das ist brav bürgerlich. Was aber die Wirklichkeitslogik ausarbeitet daraus, das ist Bolschewismus. Wir brauchen heute Begriffe, welche die Wirklichkeit meistern, welche in die Wirklichkeit eintreten. Wir sind ganz weit von der Wirklichkeit abgekommen durch das römisch-juristische Wesen, das in alles, alles untergekrochen ist. Die Menschen glauben heute, ihre eigene freie Menschennatur zu äußern. In Wahrheit äußern sie nur dasjenige, was ihnen eingeimpft ist vom römischen oder katholischen — das aber auch römisch ist — juristischen Wesen. Deshalb ist es heute schwer, dasjenige an die Menschen heranzubringen, was nicht aus der menschlichen Willkür heraus entspringt, sondern was herausspringt aus den Tatsachen selbst. Natürlich muß Geisteswissenschaft selbst in det Darstellungsweise anders tönen als das, was so hervorgebracht worden ist. Aber in den Untergründen der menschlichen Natur findet sich schon die Sehnsucht, die den Stimmungen der Geisteswissenschaft entgegenkommt. Und es wird sich, wenn nur Ausdauer und Mut genug vorhanden ist, gerade aus diesen Strömungen, die sich heute bei einzelnen unserer Freunde finden, Geisteswissenschaft auch hinauszutragen in die Welt, es wird sich aus diesen Strömungen dasjenige ergeben, was die Gegenwart braucht. Man soll sich heute gar nicht beirren lassen dadurch, daß Meinungen auftreten, die ja doch nur aus romanischer Bourgeoisie stammen in ihrer Denkweise, daß man sagt: Ach, wenn die Menschheit durch das vorwärtskommen sollte, was ihr da meint, dann dauert das Jahrzehnte! — Das ist Unsinn wiederum gegenüber der Wirklichkeit. Es ist wiederum nichts anderes als römisch-juristische Logik. Die Wahrheit muß anders denken. Wenn Sie eine Pflanze im Wachstum schauen, sie entwickelt erst langsam Blatt nach Blatt. Und derjenige, der glaubt, daß das immer so fortgehen würde in dem Tempo, irrt sich ganz beträchtlich. Dann kommt ein Ruck, dann entwickeln sich rasch aus dem Blatt Kelch und Blumenblätter. Und so wird es auch sein, wenn uns nur selber die Kraft ausdauert mit dem, was wir geisteswissenschaftlich und sozial bewirken können. Es kommt da auf das Wollen an. Es wird da vielleicht lange so ausschauen, als wenn es ganz langsam ginge. Dann kommt aber, wenn sich zusammengeschoppt hat alles das, was wachsen kann, der Umschwung mit einemmal. Aber er wird nur gut wirken, wenn möglichst viele Menschen darauf vorbereitet sind. Das ist es, was ich gerade jetzt wie eine Art von Fazit unseres Wirkens in diesen Wochen, die ich. unsere «Stuttgarter Wochen » nennen möchte, Ihnen habe sagen wollen. Denn es handelt sich darum, daß wir ja nicht erlahmen, uns zu stemmen auf dasjenige, was aus unserer Sache selbst fließt. Nicht zu sehen links, nicht zu sehen rechts, sondern auf dasjenige zu sehen, was aus unserer Sache selbst fließt, darauf kommt es an. Und zu vermeiden, wenn auch nur in unseren Gedanken und Empfindungen, irgendwie Mißtrauen zu haben zu dem, was aus dieser Sache selbst fließt. Mögen die Dinge, die aus unserer Sache fließen, noch so sehr angegriffen werden: durch solche Angriffe dürfen wir uns einmal nicht beirren lassen. Denn diese Angriffe, wir brauchen sie alle nur näher anzuschauen, so finden wir alsbald, daß sie aus dem Alten heraustönen und herausklingen, auch wenn sie «Bekenntnisse zur Erneuerung » sein wollen. Denn alle Erneuerung kann heute nicht anders kommen, als wenn zum wirtschaftlichen Denken ein neues rechtliches Denken und ein neues Geistesleben dazukommt. Das ist dasjenige, was wir als eine Notwendigkeit betrachten müssen, was wir in alles, alles hineinfüllen wollen, wovon wir uns durchdringen müssen, um mitzuwirken bei der sozialen Neugestaltung der Menschheit.

[ 23 ] Das war es, meine lieben Freunde, was ich Ihnen noch am heutigen Tage sagen wollte, weil ich allerdings glaube, daß dieses Eisen, das wir bis jetzt geschmiedet haben, nicht kühl werden darf, daß es warm bleiben muß. Dann wird es schon alles das bewirken, was die Menschheit auf denjenigen Weg führen kann, den diese Menschheit gehen soll. Deshalb möchte ich gerade diese Betrachtung, die einiges von dem zusammenfassen wollte, was wir hier in den letzten Wochen getrieben haben, ich möchte gerade diese Betrachtung zusammenfassen in zwei Worte. In zwei Worte, die ganz alt sind, die aber der gegenwärtige Mensch in einer neuen Art wird begreifen müssen, begreifen müssen so, daß er ihnen begegnet mit den Empfindungen und Gefühlen, die aus der Geisteswissenschaft herauskommen werden. Und diese Worte sind: Lerne und arbeite!

[ 24 ] Wir können heute nicht uns dem naiven Glauben hingeben, wir wüßten schon alles und wir könnten aus dem, was wir wissen, Programme aufstellen. Wir müssen aus dem Leben heraus heute wiederum Ideen finden, aber das Leben erneut sich an jedem Tag, und wir müssen das Vertrauen haben zu dem, was wir an jedem Tag neu lernen können vom Leben. Und wir müssen nicht Feiglinge sein, die glauben, daß sie nur dann arbeiten können, wenn sie auf sogenannte sichere Ideen bauen können, wobei sie immer diejenigen Ideen meinen, die von alters her überliefert sind, die einmal da sind. Wir müssen den Mut haben, lernend zu arbeiten, arbeitend zu lernen. Anders kommt der Mensch in die Zukunft und ihre Forderungen nicht hinein. Das wird auch sein neues Christentum sein. Viele Menschen gehen heute durch einen gewissen Zwiespalt hindurch. Sie erinnern einen daran, wenn man im anthroposophischen Sinne vom Mysterium von Golgatha spricht, daß ja ihrer Meinung nach, nach dem Evangelium, der Christus am Kreuze gestorben ist, um durch seine Tat die Seelen zu erlösen, daß also die Seelen, die nur an Christus glauben, eben erlöst sind ohne ihr Zutun. Es ist gewiß — Sie können es nachlesen in meinem «Das Christentum als mystische Tatsache » — durch das Mysterium von Golgatha etwas geschehen, woran der Mensch mit seinem Gegenwartsbewußtsein unmittelbar keinen Anteil hat, denn das Gegenwartsbewußtsein beginnt ja erst in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Aber darauf kommt es nicht an heute, daß wir uns faul hingeben dem, was für uns außerhalb unserer selbst sorgt. Wir dürfen heute nicht so sprechen, wie zum Beispiel manche katholische Kirchenfürsten, niedere oder höhere Kirchenfürsten sprechen, die da sagen: Sozial kommt man doch nicht vorwärts, wenn nicht in der Mitte, im Mittelpunkt des sozialen Wirkens der Christus steht. — Ich habe in der letzten Zeit in mancher Versammlung erlebt, daß auch in dieser Weise der Christus hineingeworfen wurde. Ja, meine lieben Freunde, ich habe mich beim Zuhören ein wenig des geistigen Ohres bedient, so daß ich gehört habe, daß äußerlich tönt durch den Saal, man komme nicht weiter sozial ohne den Christus, aber innerlich tönte bloß der Benediktus, nicht der Christus. Innerlich handelte es sich da nicht um den Christus, sondern um den Benediktus. Ich meine den, der jetzt auf dem römischen Stuhle sitzt. Und damit kommt eben die Menschheit heute nicht vorwärts, daß sie sich verläßt auf etwas anderes als auf das, was mit der eigenen Seele sich verbindet. Der Christus muß auch neu begriffen werden. An die Stelle des Christus kann nicht die äußere Kirche treten. Nur das, was der Mensch in sich selbst erlebt, kann ihn vorwärtsbringen. Daher begreift niemand den Christus, der ihn nicht so begreift, daß er wiedergeboren werden muß in der Seele eines jeden einzelnen Menschen. Der Mensch muß aber mitschaffen an seiner geistigen Gestaltung. Erst wenn wir daran glauben, daß nicht schon unsere eigentlich menschlichen Kräfte mit uns geboren werden, sondern daß unsere eigentlich wirksamen menschlichen Kräfte in der Zukunft diejenigen sein werden, die wir selbst in uns entwickeln, dann erst stehen wir auch auf wirklich christlichem Boden. Nicht der Christus, der mit uns geboren wird — das ist nur der Gott-Vater —, sondern der Christus, den wir selbst in uns erleben, indem wir uns zu ihm hinentwickeln, das ist der Christus, der begriffen werden muß.

[ 25 ] Es gibt heute Bücher von protestantisch christlichen Menschen, zum Beispiel von Harnack das Buch «Wesen des Christentums ». Streichen Sie in diesem Buche überall das Wort «Christus», wo es steht, dann wird dieses Buch aus einer Lüge zu einer Wahrheit. So wie es ist, ist es eine Lüge, denn es sollte überall stehen, wo «Christus » steht: der Vater-Gott. Das, was Harnack schreibt, bezieht sich nur auf den allgemeinen väterlichen Naturgott. Von dem Christus steht nichts drin in dem Buche. Der ist hineingelogen. Der Christus kann nur gefunden werden von der umgestalteten, umgewandelten menschlichen Natur, von der in eigener Tätigkeit begriffenen menschlichen Natur.

[ 26 ] Das ist es, was überwunden werden muß heute, womit aber leider, leider die Welt, statt an die Überwindung zu denken, Kompromisse schließt. Die Kompromisse, die heute draußen geschlossen werden, werden aber auch im Innern der Seele viel geschlossen, und wenn nicht unsere Seelen so schauerliche Kompromißler wären, dann gäbe es auch im äußeren Leben solche schauerliche Kompromisse nicht wie der, der jetzt von Weimar ausgeht, der Schulkompromiß. Die KompromißNaturen schleichen heute durch das Dasein, und sie sind diejenigen, welche alles rückwärtsschauend erleben, welche nicht vorwärtskommen. Vorwärts kommen wir nur, wenn wir den Willen haben zum Lernen, wenn wir den Mut haben, das Gelernte ins Leben einzuarbeiten. Nur aus diesem Willen und aus diesem Mut kann die neue Devise entspringen:

Ich will lernen, ich will arbeiten!
Ich will lernend arbeiten!
Ich will arbeitend lernen!