Donate books to help fund our work. Learn more→

The Rudolf Steiner Archive

a project of Steiner Online Library, a public charity

DONATE

Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192

3 August 1919, Stuttgart

Translate the original German text into any language:

Versions Available:

Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen

Fünfzehnter Vortrag

Fifteenth Lecture

[ 1 ] Da wir heute noch zusammensein können, so scheint es mir richtig, auf einiges nochmals und vielleicht in veränderter Form hinzuweisen, das ja gerade in dieser Zeit gesprochen worden ist, und das von einer gewissen Bedeutung ist für die ganze Einstellung des Menschen in unserer Zeit.

[ 1 ] Since we are able to be together again today, it seems right to me to revisit—perhaps in a slightly different form—some points that were raised precisely during this period and that are of particular significance for the overall mindset of people in our time.

[ 2 ] Daß es so etwas wie die Notwendigkeit einer Neueinstellung des Menschen in unserer Zeit gibt, das sollte ja gerade aus den Betrachtungen hervorgehen, die hier und sonst in dieser Zeit vor Ihnen gepflogen worden sind. Daß die Art des Urteils, wie sie üblich war in der bisherigen Zeitepoche, nicht mehr den Menschen in die Zukunft hinübertragen kann, das ist notwendig heute einzusehen. Man muß dieses immer wieder und wiederum betonen, weil ja gerade gegen dieses sich die Gefühle und Empfindungen des Gegenwartsmenschen noch am meisten sträuben. Der Gegenwartsmensch möchte auch beim Heraufführen einer neuen Zeit gewissermaßen dabei sein — das leuchtet ihm ja so dunkel ein, daß eine neue Zeit herankommen müsse —, aber er möchte selbst kein anderer werden. Er möchte die Dinge so fort beurteilen, wie er eben bisher gewohnt war, sie zu beurteilen. Und selbst wenn er sich einmal aufrafft, um zuzugeben, daß eine neue Beurteilungsart Platz greifen muß, so fällt er doch immer wieder und wiederum in die alte Art des Vorstellens zurück. Er tut das ganz besonders aus dem Grunde, weil die neue Einstellung ja tatsächlich ein radikales In-sich-Gehen des Menschen fordert. Und dieses radikale In-sich-Gehen, das ist dem Gegenwartsmenschen eigentlich sehr, sehr unangenehm.

[ 2 ] The fact that there is such a thing as the need for a new outlook on humanity in our time should be evident precisely from the reflections that have been presented here and elsewhere during this period. It is essential to recognize today that the kind of judgment that was customary in the previous epoch can no longer carry humanity into the future. This must be emphasized again and again, because it is precisely against this that the feelings and sensibilities of contemporary people still resist the most. Modern people would like to be part of the dawn of a new era, so to speak—it is dimly clear to them that a new era must be approaching—but they do not want to become different themselves. They want to continue judging things just as they have been accustomed to judging them up to now. And even when they do muster the courage to admit that a new way of judging must take hold, they still fall back, time and again, into their old way of thinking. They do this especially because the new attitude actually demands a radical turning inward on the part of human beings. And this radical turning inward is, in fact, very, very unpleasant for modern people.

[ 3 ] Nun muß man, wenn man die volle Tiefe desjenigen ins Auge fassen will, was dem eben Gesagten zugrunde liegt, gewissermaßen mit gutem Willen einblicken in die ganze Art, wie wir gewohnt worden sind, unser Leben im umfassenden Sinne in der neueren Zeit einzurichten, besonders seit jenem Zeitpunkte, den ich Ihnen ja öfter als den Zeitpunkt eines großen Umschwunges der Menschheitsentwickelung charakterisiert habe, seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Man kann sagen: Dasjenige, was heute in einer radikalen Weise aus den menschlichen Herzen als Forderungen sich ergibt, das hat eigentlich immer schon mehr oder weniger geglimmt unter der Oberfläche des Bewußtseins der Menschen seit diesem Zeitpunkte; aber alle Dinge, die sich entwickeln, sie entwickeln sich eine Zeitlang immer unvermerkt und werden dann erst völlig reif, hervorzubrechen und ganz radikal ins Dasein zu treten.

[ 3 ] Now, if one wishes to grasp the full depth of what underlies what has just been said, one must, so to speak, look with an open mind at the entire way in which we have become accustomed to organizing our lives in the broadest sense in modern times, especially since that point in time which I have often characterized to you as a major turning point in human development, since the middle of the fifteenth century. One could say: What today emerges in a radical way from human hearts as demands has, in fact, always been smoldering to a greater or lesser extent beneath the surface of human consciousness since that time; but all things that develop do so unnoticed for a while and only then become fully ripe to burst forth and enter existence in a completely radical way.

[ 4 ] Nun haben wir in unseren Bestrebungen der letzten Zeit von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hinweisen müssen auf eine gewisse Dreigliederung. Sie wissen, unser ganzes äußeres öffentliches Wirken durchzieht der Impuls der Dreigliederung. Aber hier habe ich auch hinweisen müssen darauf, daß die menschliche Erkenntnis, wenn sie nicht den Menschen in die Irre führen soll, auch auf der Dreigliederung der menschlichen Natur selber aufgebaut sein muß. Die Wissenschaft, welche die Menschen aus einer gewissen notwendigen Unklarheit heraus entwickelt haben, diese Wissenschaft, die, wie sie jetzt ist, auch ihren Anfang genommen hat in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, sie betrachtet den Menschen mehr oder weniger als eine Einheit. Sie ist sich nicht klar darüber, daß der Mensch wirklich jene Dreiheit ist, die man bezeichnen muß als den Hauptesmenschen oder Nerven-Sinnesmenschen, als den Rhythmusmenschen oder Atmungs- und Zirkulationsmenschen, und den Stoffwechselmenschen. Diese drei Glieder der menschlichen Natur sind in ihrer Wesenheit ganz voneinander verschieden. Warum die Menschen nicht eigentlich zugeben wollen, daß der Mensch selbst in dieser Dreigliederung lebt, das rührt davon her, daß die Menschen, wenn sie schon etwas gliedern wollen, die Dinge so hübsch nebeneinander gelagert haben wollen. Man sieht immer wieder: wenn die Menschen schon sich herbeilassen, etwas einzuteilen, dann möchten sie diese Einteilung auch so nebeneinander haben, sie möchten die Teile dieser Einteilung so nebeneinander lagern, daß sie sie hübsch übersehen können mit äußerlichen Erkenntniskräften. Das liegt ja jenem sonderbaren Aufsatz zugrunde, den der Tübinger Professor vor Fleck geschrieben hat gegen die Dreigliederung. Ich habe es schon erwähnt, daß sich der gute Professor von Heck mit vollständiger Außerachtlassung dessen, was in der Dreigliederung eigentlich gesagt wird, seine eigene Dreigliederung zurechtmacht. Er kann die Art des Denkens überhaupt nicht verstehen, um die es sich da handelt, er kann gar nicht zu der Empfindung vordringen, daß wir in einem Zeitalter leben, in dem ein neues Denken, ein neues Empfinden notwendig ist. Und so hört er von einem geistigen Gliede, von einem rechtlichen oder staatlichen Gliede und vom wirtschaftlichen Gliede des sozialen Organismus. Drei Glieder, sagt er. In dem einen Glied, das wir bisher gekannt haben, haben wir uns allmählich gewöhnt an einen Parlamentarismus. Es ist ja Herren von dieser Art schon schwer genug geworden, sich daran zu gewöhnen; sie werden lieber zentralistisch, von oben herunter regiert, aber sie haben sich gewöhnt an einen Parlamentarismus. Aber wenn man sich dazu herbeiläßt, dann muß Paragraph A, Paragraph B und C nebeneinander stehen. Geistiges, Rechtliches, Wirtschaftliches, das muß so äußerlich sinnlich überschaubar sein, wenn man sich überhaupt darauf einlassen will. Ja, auf diese Weise, daß man dem Neuen entgegenkommt mit der Denkweise des Alten, ist allerdings nicht vorwärtszukommen. Und man kann dann sehr gut die Dreigliederung kritisieren, wie Professor von Heck es tut, aber es ist doch seine eigene absurde Dreigliederung, die er kritisiert, und nicht diejenige, die von dem Bund für Dreigliederung aus gegenwärtig in die Welt gesandt werden soll.

[ 4 ] In our recent efforts, we have had to point out a certain threefold division from a wide variety of perspectives. As you know, the impulse of this threefold division permeates our entire external public work. But here I have also had to point out that human knowledge, if it is not to lead people astray, must also be based on the threefold nature of human beings themselves. Science, which human beings have developed out of a certain necessary obscurity—this science, which, as it now stands, also had its beginnings in the middle of the fifteenth century—regards the human being more or less as a unity. It is not clear to science that the human being is in fact that triad which must be described as the head-human or nervous-sensory human, the rhythm-human or respiratory-circulatory human, and the metabolic human. These three aspects of human nature are, in their essence, entirely distinct from one another. The reason people are reluctant to admit that human beings actually live within this threefold structure is that, when they do wish to categorize things, they want to arrange them neatly side by side. One sees this time and again: when people do deign to classify something, they want this classification to be arranged side by side; they want to arrange the parts of this classification so that they can neatly survey them with their external powers of cognition. This, after all, underlies that peculiar essay the Tübingen professor wrote before Fleck against the threefold division. I have already mentioned that the good Professor von Heck, completely disregarding what is actually said in the threefold social order, has concocted his own threefold division. He cannot understand the kind of thinking at all that is involved here; he cannot even grasp the sense that we are living in an age in which a new way of thinking, a new sensibility, is necessary. And so he hears of a spiritual element, a legal or political element, and an economic element of the social organism. Three elements, he says. In the one element we have known so far, we have gradually become accustomed to a parliamentary system. It has, after all, become difficult enough for gentlemen of this sort to get used to it; they would prefer to be governed centrally, from above, but they have grown accustomed to a parliamentary system. But if one is willing to engage with it, then Paragraph A, Paragraph B, and Paragraph C must stand side by side. The spiritual, the legal, and the economic—these must be outwardly and tangibly comprehensible if one is to engage with them at all. Yes, approaching the new with the mindset of the old is certainly no way to move forward. And one can certainly criticize the threefold social order, as Professor von Heck does, but it is, after all, his own absurd threefold social order that he is criticizing, and not the one that the Association for the Threefold Social Order is currently seeking to introduce to the world.

[ 5 ] Nun, das alles hängt damit zusammen, daß sich der Mensch eben instinktiv wehrt gegen dasjenige, was das Allernotwendigste ist in unserer Zeit, gegen die Umorientierung des ganzen Denkens und Empfindens. Und diese Umorientierung des Denkens und Empfindens, sie wird auch nicht kommen, ehe man sich nicht herbeiläßt, wenigstens subjektive, anfängliche Beziehungen zur Geisteswissenschaft, zur wirklichen Erkenntnis des geistigen Lebens zu gewinnen. Und man wird schon auf der einen Seite sich darauf einlassen müssen, die Dreigliederung außen im sozialen Leben als eine Notwendigkeit zu erkennen, aber auch die Dreigliederung des Menschen selber als eine naturgegebene Tatsache anzuerkennen. Daß der Mensch diese Dreigliederung aber nicht so hübsch nebeneinander geschachtelt hat, sondern daß ein Glied immer in das andere übergeht, das beirrt gerade den an seine alten Vorstellungen gebundenen neuen Menschen. Denn natürlich, wenn ich spreche von Kopforganisation, von NervenSinnesorganisation, so ist diese Kopforganisation, äußerlich angeschaut, zunächst im Kopfe zentriert. Im Kopfe, im Haupte hat sie ihren Mittelpunkt. Aber sie sendet in den ganzen übrigen Menschen hinein die Ausläufer, die notwendig sind; denn das Sinnesvermögen ist ja im ganzen Menschen drin. Das heißt: der Mensch ist als Hauptesmensch nur der Hauptsache nach Nerven-Sinnesmensch; der ganze Mensch ist Nerven-Sinnesmensch. Und als Rhythmusmensch ist der Mensch Brustmensch. Das rhythmische System, das Atmungs- und Zirkulationssystem hat in der Brust seinen Mittelpunkt. Also es handelt sich darum, daß der Mensch als Rhythmusmensch Brustmensch ist. Das Atmungs-Zirkulationssystem ist lokalisiert in dem Brustsystem, aber natürlich wird der Rhythmus, die rhythmische Tätigkeit wiederum hineingesendet, sowohl in das Hauptsystem wie in das Stoffwechselsystem. Also nur der Hauptsache nach ist der Brustmensch Rhythmusmensch. Und ebenso ist es mit dem Stoffwechsel. Selbstverständlich ist auch im Haupte, auch in der Brust, der Stoffwechsel vorhanden, aber reguliert wird er von dem Gliedmaßensystem, so wie ich es immer charakterisiert habe. Da läuft also dasjenige, was als Glieder angeführt werden muß, in das andere hinein. Das beirrt natürlich die Menschen, die immer Striche machen möchten, und die nur ganz nebeneinanderstehend haben möchten das, was ihnen einfällt einzusehen.

[ 5 ] Well, all of this stems from the fact that people instinctively resist what is most essential in our time: a reorientation of their entire way of thinking and feeling. And this reorientation of thought and feeling will not come about until people are willing to establish at least a subjective, initial connection to spiritual science—to a genuine understanding of spiritual life. And on the one hand, people will have to be willing to recognize the threefold social order as a necessity, but also to acknowledge the threefold nature of the human being itself as a fact of nature. But the fact that the human being has not neatly arranged these three parts side by side—rather, that one part always flows into the other—is precisely what confuses the new human being, who is bound to his old ideas. For of course, when I speak of the head organization and the nervous-sensory organization, this head organization, viewed from the outside, is initially centered in the head. It has its center in the head. But it sends out into the rest of the human being the extensions that are necessary; for the sensory faculties are, after all, present throughout the entire human being. This means: as a “head-human,” the human being is a “nerve-sense human” only in the primary sense; the whole human being is a “nerve-sense human.” And as a “rhythm-human,” the human being is a “chest-human.” The rhythmic system—the respiratory and circulatory systems—has its center in the chest. So the point is that the human being, as a “rhythm-human,” is a “chest-human.” The respiratory-circulatory system is localized in the chest system, but of course the rhythm—the rhythmic activity—is in turn transmitted both to the head system and to the metabolic system. So the chest-being is a rhythmic being only in the primary sense. And the same is true of metabolism. Of course, metabolism is also present in the head and in the chest, but it is regulated by the limb system, just as I have always described it. So what must be referred to as the limbs flows into the other system. This naturally confuses people who always want to draw clear lines and who want to see whatever comes to mind as standing side by side.

[ 6 ] Es ist also schon eine andere Art der Anschauung, eine ganz andere Art, sich zur Wirklichkeit zu stellen, für den Menschen notwendig, der sich in das Denken und auch in das Wollen und Tun für die nächste Zukunft hineinstellen will. Man glaube aber durchaus nicht, daß diese Dinge etwa nur eine Bedeutung haben für das Erkennen oder für die Weltanschauung. Diese Dinge haben ihre ganz besondere Bedeutung für das Leben der Menschheit, für die ganze Einstellung in das Leben. Und das muß ganz genau berücksichtigt werden. Man muß von diesem Gesichtspunkte aus dann unser gesamtes Leben erst beurteilen und dann sich die Frage stellen: Wie muß es sich neu gestalten? Wir haben ja in einem gewissen Sinne in unserem Leben eine Dreigliederung, aber diese Dreigliederung fordert erstens eine genaue Erkenntnis, zweitens eine Weiterentwickelung. Die genaue Erkenntnis, die muß sich einem ergeben dadurch, daß man mit einer gewissen Befruchtung der Erkenntnis durch geisteswissenschaftliche Anschauung sich ansieht, was eigentlich in unserem Leben vorhanden ist. Was ist denn in unserem Leben da? Das, was wir durch die Dreigliederung als ein besonderes Glied fordern, das ist ja natürlich da, es ist nur mit den zwei anderen, dem Rechtsgliede und dem wirtschaftlichen Gliede chaotisch durcheinandergemischt. Das Geistige steckt drinnen in unserem realen Leben, indem einfach der Mensch für die äußere Kultur, für das äußere Leben eine gewisse geistige Leitung braucht. Ohne die geistige Leitung gibt es kein äußeres Kulturleben. Diese geistige Leitung beruht bei uns, in unserem gegenwärtigen Leben, nicht auf einer ursprünglich-elementaren Äußerung der menschlichen Natur, sondern sie beruht auf etwas Überkommenem. Sie beruht auf etwas, was sich historisch für den Menschen übertragen hat. Sie erinnern sich doch gewiß, daß, wenn man von dem neueren Geistesleben spricht, das heraufgekommen ist mit der großen Umwandelung im fünfzehnten Jahrhundert, man nicht von einer Neuschöpfung, sondern von einer Renaissance oder Reformation spricht. Man spricht, und mit Recht, nicht von einer Neuschöpfung, sondern von einer Wiedergeburt, von einer Wiederaufrichtung eines Alten. Und in einer gewissen Beziehung leben wir geistig nur in einem wiederaufgerichteten Alten. Geistig leben wir nämlich von der Erbschaft desjenigen, was sich in einer gewissen Weise aus viel älterer, aus orientalischer und ägyptischer Geisteskultur im Griechentum zusammengeballt hat. Daß wir heute unser altes griechisches Gymnasium haben, das ist, ich möchte sagen, nur ein deutlicher Hinweis darauf, daß unser Geistesleben eigentlich im ganzen eine griechische Renaissance ist.

[ 6 ] Thus, a different kind of perspective—a completely different way of relating to reality—is necessary for people who wish to engage in thinking, as well as in willing and acting, with a view to the near future. But one must by no means believe that these things have significance only for cognition or for one’s worldview. These things have their very special significance for the life of humanity, for one’s entire attitude toward life. And this must be taken into account very carefully. From this perspective, one must first assess our entire life and then ask oneself: How must it be reshaped? In a certain sense, our lives are indeed threefold, but this threefold structure requires, first, precise insight, and second, further development. Precise insight must arise from examining what is actually present in our lives, with our understanding enriched by the perspective of spiritual science. What, then, is present in our lives? That which we, through the threefold social order, call for as a distinct element is, of course, already there; it is simply chaotically intermingled with the other two—the legal element and the economic element. The spiritual is embedded within our real life, simply because human beings need a certain spiritual guidance for external culture and for external life. Without spiritual guidance, there is no external cultural life. In our present-day life, this spiritual guidance is not based on an original, elemental expression of human nature, but rather on something inherited. It is based on something that has been historically passed down to humanity. You surely recall that when speaking of the newer spiritual life that emerged with the great transformation of the fifteenth century, one does not speak of a new creation, but rather of a Renaissance or Reformation. One speaks—and rightly so—not of a new creation, but of a rebirth, of a restoration of something ancient. And in a certain sense, we live spiritually only within this restored ancient tradition. For spiritually, we draw our sustenance from the legacy of that which, in a certain sense, coalesced in Greek civilization from much older spiritual cultures—namely, those of the East and Egypt. The fact that we have our old-style Greek-style high school today is, I would say, merely a clear indication that our spiritual life is, on the whole, actually a Greek Renaissance.

[ 7 ] Worauf beruht aber denn das griechische Geistesleben? Es ist dies deshalb schwer zu durchschauen, weil dieses griechische Geistesleben in einer gewissen Weise dasjenige recht stark ausgebildet hat, worauf es beruht: das orientalische Geistesleben. Aber es hat dieses orientalische Geistesleben sehr umgestaltet. Dadurch merkt man nicht, wenn man sich mit dem bloßen Erkenntnissinne noch so sehr vertieft in das griechische Geistesleben, wenn man nicht mit geisteswissenschaftlichen Voraussetzungen rechnen will, man merkt nicht, worauf eigentlich dieses griechische Geistesleben fußt. Es ist nämlich ganz davon abhängig, daß den Angehörigen der Erobererklasse instinktiv zugestanden wurde, das Geistige zu offenbaren, und daß diese Offenbarung des Geistigen nicht zugestanden wurde den Angehörigen der eroberten Schichte. Die griechische Kultur enthält eigentlich in sich eine doppelte Bevölkerung: jene alte Bevölkerung, die die griechische Halbinsel in europäischen Urzeiten bewohnte, und die eine ganz andere soziale Struktur hatte als das spätere Griechentum. Das spätere Griechentum, das wir beginnen können eigentlich mit dem Einbruch derjenigen Geistesmacht, die ihren Ausdruck findet in den königlichen Geschlechtern der Agamemnons und so weiter, dieses griechische Leben breitete sich aus über eine Urbevölkerung. Und diese Eroberer waren anderen Blutes als die Urbevölkerung. Sie bemerken dieses Anderen-Blutes-Sein eben in dem, was ich ja auch hier schon angeführt habe, in der griechischen Skulptur. Diese griechische Skulptur hat ja deutlich voneinander getrennte Typen: der Zeus-Typus, der andere Ohren, andere Nasenbildung, andere Stellung der Augen hat als der Hermes-MerkurTypus, der wiederum eine andere Nasenbildung hat als der SatyrTypus. Diese beiden letzten Typen, die deuten auf die griechische Urbevölkerung hin, die anderen Blutes war als diejenigen, die wir als die Träger der griechischen Kultur kennen. Das heißt, die ganze Konfiguration des griechischen Geisteslebens, die wir doch als Renaissance übernommen haben, ist aristokratischer Natur, die ist umgebildete Theokratie des Orients und Ägyptens. Sie ist aufgebaut auf der Anschauung, daß sich die Dinge der Welt nicht offenbaren, so wie das später geglaubt wurde, durch Beweis, sondern daß sie sich offenbaren wollen eben durch Offenbarung: auf der einen Seite durch Offenbarung von seiten der Orakel oder dergleichen, also durch dasjenige, was hereinbricht als geistige Offenbarung in die menschliche Welt; aber auch als T'aten offenbart sich dasjenige, was die Welt beherrschen soll, nicht so, daß der Mensch über diese Taten mit seinem Verstand, mit seinem Intellekt entscheiden will, sondern daß er Mächte entscheiden läßt, die außer ihm stehen. Zu den letzteren hat das Griechentum übernommen das kriegerische Prinzip des Orients. Es hat es nur umgestaltet, daher merken wir nicht, daß in der griechischen Kultur zwei Dinge ineinandergeflossen sind: die Theokratie und der Militarismus. Theokratie und Militarismus sind aber die Elemente des Aristokratismus. So daß wir aufnehmen in unser Geistesleben gerade mit dem Gymnasialen, mit dem Herübernehmen des Griechischen ein aristokratisches Element, welches auf der einen Seite die Theologie hat und auf der andern Seite die militärische Entscheidung. Die Theologie, die nicht durch Beweis zu ihren Wahrheiten kommt, die militärischen Entscheidungen, die nicht aus der menschlichen Vernunft heraus fallen, sondern nach den menschlichen Anschauungen durch äußeres Gottes- oder Natururteil. Das haben wir gewissermaßen in unserem sozialen Organismus drinnen durch das Griechentum, das in seinem Staate und in seiner Epoche so Großes leistete. Wir haben durch das Griechentum drinnen die aristokratische Empfindungsweise der Menschen. Und diese Dinge müssen einfach psychologisch genommen werden. Natürlich wird keiner der Menschen der Gegenwart, wenn er die gymnasiale Aristokratie in sich aufnimmt, wiederum ein Grieche seiner Gesinnung nach, aber er wird etwas, was nicht mehr in unsere Zeit hereinpaßt: er wird ein Träger eines aristokratischen Prinzips, das überwunden werden muß. Man kann noch so sehr schwärmen für dieses aristokratische Element in unserer Zeit, man kann es durchaus gelten lassen, insofern es sich gerade im Geistesleben und in den Formen des Geisteslebens ausdrückt, dieses aristokratische Element, denn es fußt auf etwas sehr Sympathischem, auf dem Griechentum — das wollen wir natürlich nicht missen —, aber so, wie es heute auf dem Griechentum fußt, kann es eben nicht zur allgemein menschlichen Bildungsgrundlage werden. Daher muß es in einer ganz anderen Weise sich einleben in unsere Kultur. Das ist etwas, was wir gewissermaßen als erstes Element in uns tragen: ein doch noch aus dem Griechentum heraus konfiguriertes geistiges Leben.

[ 7 ] But what, then, is the foundation of Greek spiritual life? It is difficult to grasp this because Greek spiritual life has, in a certain sense, developed quite strongly the very foundation upon which it rests: Oriental spiritual life. But it has profoundly transformed this Eastern spiritual life. As a result, no matter how deeply one delves into Greek spiritual life using mere intellectual understanding—if one refuses to take spiritual-scientific premises into account—one fails to recognize what Greek spiritual life is actually founded upon. For it depends entirely on the fact that members of the conquering class were instinctively granted the right to reveal the spiritual, and that this revelation of the spiritual was not granted to members of the conquered class. Greek culture actually encompasses two distinct populations: the ancient population that inhabited the Greek peninsula in prehistoric European times, and which had a social structure entirely different from that of later Greek civilization. Later Greek civilization—which we can actually trace back to the emergence of that spiritual power expressed in the royal lineages of the Agamemnons and so on—this Greek way of life spread over an indigenous population. And these conquerors were of a different bloodline than the indigenous population. You can see this difference in blood precisely in what I have already mentioned here: Greek sculpture. Greek sculpture, after all, features clearly distinct types: the Zeus type, which has different ears, a different nose shape, and a different eye placement than the Hermes-Mercury type, which in turn has a different nose shape than the satyr type. These last two types point to the indigenous population of Greece, who were of a different bloodline than those we know as the bearers of Greek culture. This means that the entire configuration of Greek spiritual life—which we, after all, adopted during the Renaissance—is of an aristocratic nature; it is a transformed theocracy of the Orient and Egypt. It is based on the view that the things of the world do not reveal themselves—as was later believed—through proof, but that they seek to reveal themselves precisely through revelation: on the one hand, through revelation from the oracles or the like, that is, through that which breaks into the human world as spiritual revelation; but what is to govern the world also reveals itself as T’aten—not in such a way that human beings seek to judge these deeds with their reason or intellect, but rather by allowing powers outside themselves to decide. Regarding the latter, Greek civilization adopted the warlike principle of the Orient. It merely transformed it; hence we do not notice that two things have merged in Greek culture: theocracy and militarism. Theocracy and militarism, however, are the elements of aristocracy. Thus, precisely through our high school education—through the adoption of Greek culture—we incorporate into our spiritual life an aristocratic element that encompasses theology on the one hand and military decision-making on the other. Theology, which does not arrive at its truths through proof; military decisions, which do not arise from human reason but, according to human perceptions, result from an external judgment of God or nature. In a sense, we have this embedded in our social organism through Greek culture, which achieved such greatness in its state and in its era. Through Greek culture, we have within us the aristocratic sensibility of human beings. And these things must simply be understood psychologically. Of course, no one today, upon internalizing this high-school-style aristocracy, will in turn become a Greek in their outlook, but they will become something that no longer fits into our time: they will become a bearer of an aristocratic principle that must be overcome. No matter how much one may rave about this aristocratic element in our time, one can certainly accept this aristocratic element insofar as it expresses itself precisely in spiritual life and in the forms of spiritual life, for it is rooted in something very appealing, in Greek culture—which we naturally do not wish to do without—but in the way it is rooted in Greek culture today, it simply cannot become the foundation of general human education. Therefore, it must take root in our culture in an entirely different way. This is something we carry within us, so to speak, as a primary element: a spiritual life that is still shaped by Greek culture.

[ 8 ] Nun tragen wir aber ein zweites Element in uns, das ist das römische Leben. Wir tragen nicht bloß das griechische Leben, chaotisch hineingemischt, in unserer sozialen Kultur, in unserem Geistesleben, seiner Form, seiner Gestaltung, seiner Struktur nach, sondern wir tragen auch das römische Rechtsleben in uns. Wir tragen im Grunde genommen ganz in uns die Sucht, jenen Staat zu gestalten, der doch nur gut und richtig war für die menschheitliche Entwickelung in der Zeit, als das Römertum geblüht hat, und an dem Orte, wo das Römertum geblüht hat. Griechisches Geistesleben, römisches Rechtsleben, sie sitzen in uns. Es ist ja außerordentlich interessant zu sehen, wie in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts und später dann eigentlich das europäische Rechtsleben sich auf seine eigenen Grundlagen stellen will, wie es etwas ganz anderes entwickeln will, als was dann herausgekommen ist. Da brachen die Anschauungen des römischen Rechtes herein und durchdrangen die Struktur der Staaten, gerade so wie das griechische Geistesleben die Struktur der Staaten durchdrungen hat. Und so wurde unser Rechtsleben wiederum nicht etwas, was aus einem ursprünglichen, elementaren Antrieb der menschlichen Natur hervorgeht, sondern etwas wie eine Art Renaissance, ein Heraufnehmen eines Alten.

[ 8 ] But we also carry within us a second element: Roman life. We do not merely carry Greek life—chaotically intermingled—in our social culture and intellectual life, in terms of its form, structure, and organization; we also carry Roman legal life within us. Essentially, we carry within us the urge to shape that form of government which was, after all, only good and right for human development during the time when Roman civilization flourished, and in the place where it flourished. Greek spiritual life and Roman legal life are rooted within us. It is, after all, extraordinarily interesting to see how, in the middle of the fifteenth century and later, European legal life actually sought to establish itself on its own foundations, how it sought to develop something entirely different from what ultimately emerged. That is when the concepts of Roman law made their entrance and permeated the structure of states, just as Greek intellectual life had permeated the structure of states. And so our legal life, in turn, did not become something arising from an original, elemental impulse of human nature, but rather something like a kind of Renaissance, a revival of the past.

[ 9 ] Wo man nun aber nicht ein Altes heraufnehmen konnte, das war der Boden des Wirtschaftslebens. Man kann einem alten Geiste anhängen, man kann alten Rechtsformen anhängen, man kann aber nicht dasjenige essen, was die Griechen gegessen haben, auch nicht dasjenige, was die Römer gegessen haben. Das Wirtschaftsleben duldet nicht dieses Herübernehmen des Alten. Das Wirtschaftsleben entwickelte sich aus mitteleuropäischen, germanischen, fränkischen und anderen Verhältnissen heraus, und zwar mit einer gewissen elementaren Gewalt, aber es wurde durchdrungen von der Renaissance des Geisteslebens, von der Renaissance des Rechtslebens. Und es ist interessant, wie die Menschen empfinden: Ja, in unserem sozialen Organismus da ist ja lebensfähig, im neueren Sinne lebensfähig nur das Wirtschaftsleben. Diese Empfindung haben nun insbesondere Marx und Engels. Ich habe das ein wenig dargestellt in der vierten Nummer unserer Dreigliederungszeitung unter dem Titel «Marxismus und Dreigliederung». Marx und Engels empfinden: Ja, in bezug auf das Wirtschaftsleben, da geht es nach neueren Impulsen, und diese neueren Impulse müssen nur richtig ausgestaltet werden; sie sind in der äußeren Tatsachenwelt noch nicht vorhanden, aber in der menschlichen Sehnsucht sind sie vorhanden. — Und so wollen Marx und Engels ein Wirtschaftsleben, das nicht mehr, wie das griechische Leben, die Menschen beeinflußt, indem es sie in bezug auf ihre Geisteskräfte regiert. Marx und Engels wollen nicht mehr eine soziale Struktur, welche im Sinne des römischen Rechtes das soziale Leben beeinflußt. Das sehen sie als Fremdkörper des modernen Wirtschaftslebens an. Sie empfinden das Fremdartige und wollen es deshalb herauswerfen. Sie wollen im Wirtschaftsleben etwas begründen, was gar nicht mehr über Menschen regiert, und ein Recht, was nur noch Produktionsprozesse, wirtschaftliche Güterzirkulation und so weiter verwaltet. Aber das ist nicht allein die Aufgabe der neueren Zeit. Die Aufgabe der neueren Zeit ist, zu erkennen: Gewiß, das Wirtschaftsleben muß umgestaltet werden, das Wirtschaftsleben muß die Konfiguration bekommen, die aus den menschlichen Sehnsuchten heraus gefordert wird; aber wir können auch nicht mehr mit dem Rechtsleben, das nicht mehr hineinpaßt in unser Wirtschaftsleben, auskommen, wir können nicht mehr mit dem Geistesleben, das nur auf Renaissance beruht, auskommen. Wir brauchen in unserer Zeit nicht nur eine einsichtige Gliederung des Wirtschaftslebens, wir brauchen eine Neugestaltung des Rechtslebens an Stelle des römischen Rechtes, und wir brauchen eine völlige Erneuerung des Geisteslebens. Das heißt, wir brauchen nicht nur eine geistige Renaissance, sondern eine geistige Neuschöpfung. Und auch das Christentum, das hineingefallen ist in die Griechen- und Römerzeit, das kann nicht von uns so verstanden werden, wie man es verstanden hat durch das Medium des Griechischen und des Römischen, sondern das muß von uns mit einem neugeschaffenen Geistesleben neu verstanden werden. Das ist das Geheimnis unserer Zeit.

[ 9 ] But where it was not possible to carry over anything from the past was in the realm of economic life. One can cling to an old spirit; one can cling to old legal forms; but one cannot eat what the Greeks ate, nor what the Romans ate. Economic life does not tolerate this adoption of the old. Economic life developed out of Central European, Germanic, Frankish, and other conditions—with a certain elemental force, to be sure—but it was permeated by the Renaissance of intellectual life and the Renaissance of legal life. And it is interesting how people perceive this: Yes, within our social organism, only economic life is viable—viable in the modern sense. Marx and Engels, in particular, hold this view. I have outlined this somewhat in the fourth issue of our Threefold Order journal under the title “Marxism and the Threefold Order.” Marx and Engels feel: Yes, with regard to economic life, it is moving according to newer impulses, and these newer impulses merely need to be properly developed; they do not yet exist in the external world of facts, but they do exist in human longing. — And so Marx and Engels want an economic life that no longer influences people—as Greek life did—by governing them in terms of their spiritual faculties. Marx and Engels no longer want a social structure that influences social life in the sense of Roman law. They regard this as a foreign element in modern economic life. They perceive it as alien and therefore wish to cast it out. They want to establish, within economic life, something that no longer governs people at all, and a legal system that merely administers production processes, the circulation of economic goods, and so on. But this is not the sole task of the modern era. The task of the modern era is to recognize: Certainly, economic life must be restructured; economic life must take on the form demanded by human longings; but we can no longer make do with a legal system that no longer fits into our economic life, nor can we make do with a spiritual life based solely on the Renaissance. In our time, we need not only a sensible restructuring of economic life; we need a reorganization of the legal system to replace Roman law, and we need a complete renewal of spiritual life. That is to say, we need not only a spiritual Renaissance, but a spiritual re-creation. And Christianity, too—which became entangled in the Greek and Roman eras—cannot be understood by us in the same way it was understood through the medium of Greek and Roman culture; rather, it must be understood anew by us through a newly created spiritual life. That is the mystery of our time.

[ 10 ] Sehen Sie sich nach dem Alten im europäischen Osten um. Da finden Sie, daß in diesem europäischen Osten das Christentum in der russischen Orthodoxie durchzogen worden ist mit griechischer Weltauffassung. Wir haben das Christentum aufgenommen in römischer Weltauffassung, nicht in griechischer. Dadurch haben wir allerdings nicht mehr drinnen, was aus der griechischen Weltauffassung kommt, wir haben aber in dem Christentum drinnen dasjenige, was von römischer Rechtsauffassung kommt. Diese römische Rechtsauffassung, suchen wir sie einmal zu erkennen in ihrer Grundstruktur. Römische Rechtsauffassung geht darauf hinaus, nun nicht den Menschen seinem Blute nach zu betrachten. In Griechenland war man wert, wenn man dem techten Blute angehörte, dem aristokratischen Blute. Das, was die Götter offenbarten durch Angehörige des aristokratischen Blutes, das war auch das Richtige, das Weise. Im römischen Kulturelement war das anders. Da bildete sich allmählich heraus, daß man dasjenige, was man war, durch seine Eingliederung in den abstrakten Staat, in den Rechtsstaat war. Man wurde nicht, wie bei den Griechen, Blutbürtiger, sondern Staatsbürtiger, Staatsbürger. Man war nichts Besonderes, als was man als Staatsbürger war. Es kam nicht in Betracht, daß der Mensch dastand mit Leib, Seele und Geist, sondern es kam darauf an, daß er in das Staatssystem hineinregistriert war, daß das Staatssystem ihm den Stempel des Staatsbürgers aufdrückte. Und als von der italischen Halbinsel, von Rom ausgehend, sich das Staatsbürgertum über das ganze Römische Reich verbreitete, war das ein ungeheures Ereignis. Denn die Menschen empfanden es dazumal als etwas, was mit dem Leben zusammenhängt. Aber ist uns das nicht in einem gewissen Sinn geblieben? Uns ist in einem gewissen Sinne geblieben, daß wir unser ganzes Öffentliches Leben nach unserem, dem römischen Denken und Empfinden entnommenen Staatssystem einrichten.

[ 10 ] Take a look at the ancient world in Eastern Europe. There you will find that, in this part of Eastern Europe, Christianity—in the form of Russian Orthodoxy—has been permeated by the Greek worldview. We have adopted Christianity within the Roman worldview, not the Greek one. As a result, we no longer have within it what stems from the Greek worldview, but we do have within Christianity that which stems from the Roman conception of law. Let us try to understand this Roman conception of law in its basic structure. The Roman conception of law is based on not viewing a person according to their bloodline. In Greece, one was considered worthy if one belonged to the “right” bloodline—the aristocratic bloodline. What the gods revealed through members of the aristocratic bloodline was also considered the right and wise course. In Roman culture, things were different. There, it gradually became clear that one’s identity was defined by one’s integration into the abstract state, into the constitutional state. One did not, as with the Greeks, become a member by blood, but rather a member by the state—a citizen. One was nothing special other than what one was as a citizen. It did not matter that a person existed with body, soul, and spirit; what mattered was that they were registered within the state system, that the state system imprinted upon them the mark of citizenship. And when citizenship spread from the Italian Peninsula, starting from Rome, throughout the entire Roman Empire, it was a momentous event. For people at that time perceived it as something intrinsically linked to life itself. But hasn’t that remained with us in a certain sense? In a certain sense, it has remained with us that we organize our entire public life according to our state system, which is derived from Roman thought and sensibility.

[ 11 ] Ich hatte einmal einen alten Bekannten, der hatte eine Jugendliebe, die er sich mit achtzehn Jahren erworben hatte, aber er konnte in seinem achtzehnten Jahr diese Jugendliebe nicht heiraten. Er mußte warten, mußte sich erst einiges verdienen. Und so war der Mensch vierundsechzig Jahre alt geworden. Um heiraten zu können, ging er an seinen Heimatsort zurück, denn die Jugendliebe war ihm treu geblieben und er wollte sie heiraten. Aber was war geschehen? Die Kirche mit dem Pfarrhaus, worin die Taufregister waren, war abgebrannt und die Taufregister waren mitverbrannt. Der Mann hatte keinen Taufschein. Er schrieb mir das von seinem Heimatorte aus und er sagte: Ja, meinem gesunden Menschenverstand nach scheint es mir dafür, daß ich geboren worden bin, ein Beweis zu sein, daß ich da bin, aber das glauben mir die Leute nicht, weil ich keinen Taufschein habe, der das schriftlich bezeugt, daß ich da bin. — Also, es muß erst dastehen, daß man da ist, daß man äußerlich eingeordnet ist. Gewiß, wenn man so etwas erzählt, dann sagen die Leute, das sei übertrieben. Es ist aber nicht übertrieben. Denn das spielt eine große Rolle in unseren Öffentlichen Verhältnissen. Das ist die Denkweise, welche an die Stelle der theokratischen Denkweise des Orients getreten ist, und welche durch das Griechentum etwas ummetamorphosiert worden ist. Die römische Denkweise ist eine abstrakte. Der Orient hat an Götterkräfte geglaubt, welche durch das Blut in den Menschen hineinkommen. Im Orient war der gottoffenbarende Mensch der, der blutbürtig war. Im römischen Kulturelement war man durchdrungen von dem Glauben an Begriffe, an Ideen, an Abstraktionen. Diesem Glauben, der ein metaphysischer war, im Gegensatz zum Theologieglauben des Orients, dem trat an die Seite die Jurisprudenz. So wie der Militarismus die Schwestererscheinung des theokratischen Aristokratismus ist, so ist die Jurisprudenz die Schwestererscheinung des schon im Römertum auftretenden abstrakten bürgerlichen Ideenprinzips. Metaphysik und Jurisprudenz sind Geschwister. Da kommt die Zeit herauf, in der nun nicht die Dinge hingenommen werden als Offenbarungen, sondern in der alles bewiesen werden soll. So wie man in der Jurisprudenz beweist, daß einer gestohlen hat, so soll bewiesen werden, daß nicht nur 2 mal 2 vier ist, sondern auch, daß es einen Gott gibt. Das führte zu dem immer wiederkehrenden Beweis für das Dasein Gottes. Alles Beweisen unserer wissenschaftlichen Logik ist nichts anderes als eine metarnorphosierte juristische Logik. Daß dieses Juristentum eingetreten ist in unser Öffentliches Leben, das können Sie ja, wenn Sie sich darum kümmern, wahrhaftig auch heute noch überall erkennen. Denken Sie doch nur, wie die Leute klagen, daß an den verschiedensten Verwaltungsstellen in dem Verwaltungsapparat, der ganz aus dem römischen Imperium herausgebildet ist, daß da, wo Leute sitzen sollten, die etwas von dem Technischen verstehen, Juristen sitzen, nicht Techniker. Das ist wirklich so. Die Juristen sitzen überall an diesen Stellen. Das ist das zweite, das in unser Leben eingetreten ist, so wie Theokratie und Militarismus das erste Geschwisterpaar war. Theokratie und Militarismus, das heißt das Griechentum wurzelt wirklich, so sonderbar das klingt, in der geistigen Konstitution des Menschen; in seiner Rechtsauffassung wurzelt das Römertum. Und aus diesen Unterlagen heraus, die ich Ihnen angeführt habe, unterscheidet sich auch das westliche Römisch-Katholische von dem östlichen Griechisch-Katholischen. Das östliche Griechisch-Katholische ist mehr eine geistige Angelegenheit geblieben. Die römische Kirche ist eigentlich im Grunde genommen ganz und gar eine bürgerliche und Rechtsinstitution. Sie hat sich auch immer als eine solche behauptet. Sie hat umgegossen, was bloß geistig sein sollte, in Rechtsinstitutionen. Sie hat aber auch sogar in die katholische Weltanschauung juristische Begriffe hereingetragen. Die Rechtfertigung des Menschen vor Gott durch die Beichte und solche Dinge, die ganz und gar aus dem Rechtsgedanken heraus entspringen, Sie finden sie auf Schritt und Tritt in der späteren katholischen Dogmatik, die nicht ursprünglich christlich, sondern römisch-dogmatisch ist, die durchdrungen ist durch das römische Denken. Und das, was da durchgegangen ist durch das römische Denken, den stärksten, den abstraktesten Ausdruck findet es eigentlich doch im Protestantismus, der ganz und gar auf einem juristischen Begriff beruht : auf der Rechtfertigung des Menschen durch den Glauben.

[ 11 ] I once had an old acquaintance who had a childhood sweetheart he’d met when he was eighteen, but he couldn’t marry her that same year. He had to wait; he had to earn some money first. And so the man had reached the age of sixty-four. To be able to marry, he returned to his hometown, for his childhood sweetheart had remained faithful to him and he wanted to marry her. But what had happened? The church and the parsonage, where the baptismal records were kept, had burned down, and the baptismal records had been destroyed in the fire. The man had no baptismal certificate. He wrote to me from his hometown and said: “Yes, to my common sense, the fact that I was born seems to me to be proof that I exist, but people don’t believe me because I don’t have a baptismal certificate that attests in writing that I exist.” — So, it must first be on record that one exists, that one is officially registered. Of course, when you tell a story like that, people say it’s an exaggeration. But it’s not an exaggeration. For this plays a major role in our public affairs. This is the way of thinking that has replaced the theocratic way of thinking of the East, and which has been somewhat transformed by Hellenism. The Roman way of thinking is an abstract one. The East believed in divine powers that entered human beings through the blood. In the East, the person through whom the gods revealed themselves was one of divine descent. In Roman culture, people were imbued with a belief in concepts, ideas, and abstractions. This belief—which was metaphysical, in contrast to the theological belief of the East—was accompanied by jurisprudence. Just as militarism is the sister phenomenon of theocratic aristocracy, so is jurisprudence the sister phenomenon of the abstract bourgeois principle of ideas that already emerged in Roman culture. Metaphysics and jurisprudence are siblings. The time is dawning when things are no longer accepted as revelations, but when everything must be proven. Just as one proves in jurisprudence that someone has stolen, so too must it be proven not only that 2 times 2 equals four, but also that God exists. This led to the ever-recurring proof of God’s existence. All the “proving” of our scientific logic is nothing other than a metamorphosed form of legal logic. That this legalistic mindset has entered our public life is something you can, if you pay attention, truly still recognize everywhere even today. Just think of how people complain that in the most diverse administrative offices within the bureaucratic apparatus—which is entirely modeled on the Roman Empire—lawyers, not technicians, occupy positions that should be held by people who understand the technical aspects. That is truly the case. Lawyers occupy these positions everywhere. This is the second element that has entered our lives, just as theocracy and militarism were the first pair of siblings. Theocracy and militarism—that is, Hellenism—are truly rooted, strange as it may sound, in the spiritual constitution of the human being; Romanism, on the other hand, is rooted in the human conception of law. And based on these documents I have cited for you, the Western Roman Catholic Church also differs from the Eastern Greek Catholic Church. Eastern Greek Catholicism has remained more of a spiritual matter. The Roman Church is, at its core, entirely a civil and legal institution. It has always asserted itself as such. It has transformed what was meant to be purely spiritual into legal institutions. But it has even introduced legal concepts into the Catholic worldview. The justification of human beings before God through confession and such things—which spring entirely from legal thought—can be found at every turn in later Catholic dogmatics, which is not originally Christian but rather Roman-dogmatic, permeated by Roman thinking. And what has permeated Catholic thought through Roman thinking actually finds its strongest, most abstract expression in Protestantism, which is based entirely on a legal concept: the justification of man through faith.

[ 12 ] Das sind die alten Elemente, die in unserem Kulturleben drinnen sind. Man muß unbefangen auf diese alten Elemente hin den Blick wenden, denn in unserer Zeit sind sie reif zu sterben. Das haben Marx und Engels bemerkt. Marx und Engels haben aber nicht bemerkt, daß wir nun ein Neues brauchen, das an deren Stelle gesetzt werden muß. Sie haben geglaubt, das Wirtschaftsleben solle weitergehen in einer bloßen Verwaltung der Produktionszweige, Güter, Sachen; das andere werde schon von selbst kommen. Es kommt nicht von selbst. Neben der sachlichen Verwaltung der Produktionszweige und Güter brauchen wir eine demokratische Rechtsgliederung und eine Neuschöpfung des Geisteslebens. Aus dem, was nicht Geist ist, wird sich nie ein neues Geistiges heraus ergeben. Daher steht die Dreigliederung in innigem Zusammenhang mit der ganzen Forderung unserer Zeit. Sie betont, daß es notwendig ist, da der alte Geist herausgepreßt ist aus unserer Kultur, daß er ersetzt wird durch einen neuen Geist, durch eine Neuschöpfung des Geistes. Wir können uns heute als Kulturmenschen nicht begnügen mit einer neuen Renaissance. Wir können nicht ein Altes aufwärmen, sondern wir brauchen eine Neuschöpfung des Geistes. Das will anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sein. Sie wird deshalb am meisten angefochten sein, weil die Menschen am Alten hängen. Und wir brauchen zweitens eine Neuschöpfung des Rechtslebens, das ganz in das demokratische Fahrwasser gebracht werden muß, das so geschaffen werden muß, wie es aus den alten Verhältnissen nicht geschaffen werden kann, weil niemals in den alten Verhältnissen der Mensch als Mensch dem Menschen gegenübersteht, sondern immer irgendwelche Klassen- oder Vorrechtsgliederungen mitbestimmend sind. Das ist das, was dem Menschen der Gegenwart obliegt: sich wirklich einmal hineinzustellen in die Neuschöpfungen. Dazu fehlt ihm vielfach der Mut. Aber dieser Mut wird eben aufgebracht werden müssen. Er wird aber dann aufgebracht werden, wenn sich der schläfrigste Teil unserer Bevölkerung, und das ist derjenige, der durch das akademische Studium hindurchgegangen ist — im ganzen und großen ist es so, Ausnahmen gibt es selbstverständlich —, wenn sich eben dieser schläfrigste Teil dazu bequemt, nun auch mit dem Hergebrachten brechen zu wollen, seien es auf dem Wege des Griechentums gekommene Offenbarungen, seien es auf dem Wege des Römertums gekommene abstrakte Ideen. Da muß man sich hineinfinden in die Möglichkeit, ein Recht auszugestalten durch ein demokratisches Staatswesen, ein Geistesleben auszugestalten durch eine Neuschöpfung, die auf völlig freiem Boden stehen und daher brechen muß mit allen den Undingen, die nur auf Konservierung von Altem beruhen oder auf irgend etwas, was nebulos und unklar ist. Bitte betrachten Sie von diesem Gesichtspunkte aus, was gerade in diesen Tagen sich vollzieht.

[ 12 ] These are the old elements that are embedded in our cultural life. We must look at these old elements with an open mind, for in our time they are ripe for extinction. Marx and Engels recognized this. But Marx and Engels did not realize that we now need something new to take their place. They believed that economic life should continue through the mere administration of the branches of production, goods, and material objects; the rest, they thought, would follow of its own accord. It does not follow of its own accord. Alongside the practical administration of the branches of production and goods, we need a democratic legal structure and a renewal of spiritual life. Nothing new of a spiritual nature will ever emerge from that which is not spirit. Therefore, the threefold social order is intimately connected with the entire demand of our time. It emphasizes that, since the old spirit has been squeezed out of our culture, it is necessary for it to be replaced by a new spirit—by a new creation of the spirit. As cultured people today, we cannot be content with a new Renaissance. We cannot simply rehash the old; rather, we need a new creation of the spirit. This is what anthroposophically oriented spiritual science aims to be. It will therefore face the greatest opposition because people cling to the old. And secondly, we need a new creation of legal life, which must be brought fully into the democratic mainstream; it must be created in a way that cannot be achieved under the old conditions, because under the old conditions, human beings never face one another as human beings, but rather class or privilege-based divisions always play a decisive role. This is what falls to the people of the present: to truly immerse themselves in these new creations. In many cases, they lack the courage to do so. But this courage will simply have to be mustered. And it will be mustered when the most complacent segment of our population—namely, those who have completed academic studies—on the whole and generally speaking, though there are, of course, exceptions—when this very most complacent segment deigns to break with tradition, whether it be revelations derived from Hellenism or abstract ideas derived from Roman culture. One must come to terms with the possibility of shaping a legal system through a democratic form of government, and shaping intellectual life through a new creation that stands on completely free ground and must therefore break with all the absurdities that are based solely on the preservation of the old or on something nebulous and unclear. Please consider, from this perspective, what is unfolding right now.

[ 13 ] Nicht wahr, es behauptet die Sozialdemokratische Partei — ich will jetzt nicht von Schattierungen sprechen —, diejenige Partei zu sein, die aus dem modernen Wirtschaftsleben eine Neugestaltung der Dinge zustande bringen wird. Der Leninismus innerhalb dieser Sozialdemokratie ist doch eigentlich die konsequenteste Ausgestaltung dieser sozialdemokratischen Anschauung, denn Lexin ist wirklich ein würdiger Nachfolger von Marx. Dieser Leninismus will aus dem bloßen Wirtschaftsleben auf dem Boden der Erde, wo das am wenigsten gehen kann, weil aller Volksinstinkt dem widerspricht, er will aus dem bloßen Wirtschaftsleben durch Lunatscharskysche Alchymie ein Geistesleben erzeugen. Ich rede nicht, wenn ich über diese Dinge rede, auf irgendwelche Nachrichten hin, so daß man sagen kann, es werden Märchen von Rußland erzählt, und dergleichen. Man braucht gar nicht auf die Schilderungen hinzuhören, denn die sind natürlich gefärbt von der subjektiven Auffassung. Es wird der Bürgerliche anders schildern als der Sozialdemokrat. Nein, auf dem fuße ich, was Lenin selbst ausgesprochen hat in seinem Werk. Ich weiß, daß das, was seiner Auffassung zugrunde liegt, nicht eine Neubildung der Kultur, sondern der Mord einer Kultur ist. Ich will nicht über das Schulwesen reden, was geschildert wird, sondern von den Gesetzen, welche dem russischen Schulwesen gegeben werden, und aus dem kann nicht ein geistiges Leben hervorgehen. Es kommt mir nicht darauf an, was geschildert wird, sondern darauf, was dieselben Menschen tun, die aus ihren Illusionen heraus ein Neues schaffen wollen. Wir in Mitteleuropa sind noch nicht so weit, wir können daher noch nicht diese großen Fehler schon machen, aber wir sind auf dem besten Wege, alles Mögliche, das kommen will für die Zukunft, zu verderben.

[ 13 ] Isn’t it true that the Social Democratic Party—and I don’t want to get into nuances here—claims to be the party that will bring about a transformation of modern economic life? Leninism within this Social Democracy is, after all, the most consistent expression of this social democratic worldview, for Lenin is truly a worthy successor to Marx. This Leninism seeks to create a spiritual life out of mere economic life on the ground—where this is least feasible, because all popular instinct contradicts it—through Lunacharsky’s alchemy. When I speak of these things, I am not relying on any news reports, so that one might say, “Fairy tales are being told about Russia,” and the like. There is no need to pay attention to the descriptions at all, for they are naturally colored by subjective views. A bourgeois will describe things differently than a Social Democrat. No, I base my argument on what Lenin himself stated in his work. I know that what underlies his view is not the rebirth of culture, but the murder of a culture. I do not wish to speak about the school system as it is described, but rather about the laws being imposed on the Russian school system, and no intellectual life can emerge from that. What matters to me is not what is described, but what those very people are doing who, driven by their illusions, want to create something new. We in Central Europe are not yet at that point; therefore, we cannot yet make these grave mistakes, but we are well on our way to ruining everything that might come to pass in the future.

[ 14 ] Nicht wahr, Marx und Engels standen auf dem Standpunkt: Das Wirtschaftsleben ist alles, daraus muß nun das Geistesleben sich entwickeln. — Das ist Theorie, das ist Utopie. Was geschieht in Wirklichkeit? Man fühlt: Ja, wenn wir bloß wirtschaftliche Einrichtungen treffen gegenüber der gegenwärtigen Kultur, so scheint ja doch nicht ein wirkliches Geistesleben daraus zu werden —, also schließt man Kompromisse mit dem alten Geistesleben: die Sozialdemokratie mit dem Zentrum. Eigentlich müßte nach Marx und Engels nicht aus dem Zentrum aufsteigen der Rauch, der in unsere Gehirne und die der nachfolgenden Generationen hinein belebend gehen würde, sondern er müßte aus der Selbständigkeit des Wirtschaftslebens als der Überbau heraufsteigen. Sehr sonderbar, in der Marxschen und Engelsschen Theorie: wirtschaftlicher Unterbau, ökonomischer Unterbau; geistiger, ideologischer Überbau, Recht, Sitte, Geistesleben überhaupt aber — illusionistische Theorie. In Wirklichkeit: ökonomischer Unterbau, die Sozialdemokratie; der Überbau besorgt durch das Zentrum und den römischen Klerikalismus. Der Unterbau: der marxistisch gedachte Wirtschaftsstaat oder die marxistisch gedachte Wirtschaftsgenossenschaft; illusionärer Überbau: der aus der Illusion heraus entspringende ideale Mensch, der sich ergeben soll; Wirklichkeit: der dicke Erzberger. — Sehen Sie, diese Dinge nehmen sich grotesk aus, wenn man sie ausspricht, aber sie sprechen eben die Wirklichkeit aus und sie zeigen, wenn sie nur ernsthaftig ins Auge gefaßt werden, wo wir eigentlich stehen, welchen Irrtümern wir entgegengehen. Sie zeigen aber auch, daß wir nicht herauskommen werden aus den Irrtümern, wenn wir uns nicht entschließen, an die Neuschöpfung eines Geisteslebens heranzugehen und diese Neuschöpfung des Geisteslebens sympathisch zu behandeln. Sympathisch zu behandeln aus dem Grunde, weil jetzt schon die Zeit ist, wo das Geistesleben nicht bloß Weltanschauung wird, nicht bloß Theorie bleiben kann, sondern wo es einziehen muß in die praktische Behandlung des Lebens.

[ 14 ] Isn’t it true that Marx and Engels took the position that economic life is everything, and that intellectual life must develop from it? — That is theory; that is utopia. What happens in reality? One senses: Yes, if we merely establish economic institutions in opposition to the current culture, it does not seem that a genuine intellectual life will emerge from them—so one makes compromises with the old intellectual life: social democracy with the Center Party. Actually, according to Marx and Engels, the smoke that would invigorate our minds and those of future generations should not rise from the Center, but rather from the autonomy of economic life as the superstructure. It is very strange in Marx’s and Engels’ theory: economic base; intellectual, ideological superstructure—law, customs, intellectual life in general—but an illusionist theory. In reality: the economic base is social democracy; the superstructure is provided by the Center Party and Roman clericalism. The base: the Marxist-conceived economic state or the Marxist-conceived economic cooperative; the illusory superstructure: the ideal human being springing from illusion, who is supposed to submit; reality: the portly Erzberger. — You see, these things seem grotesque when you say them out loud, but they do express reality, and if they are taken seriously, they show where we actually stand and what errors we are heading toward. But they also show that we will not escape these errors unless we resolve to embark on the re-creation of an intellectual life and to treat this re-creation with sympathy. We must treat it with sympathy because the time has already come when spiritual life cannot merely become a worldview or remain mere theory, but must find its way into the practical conduct of life.

[ 15 ] Dadurch, daß die moderne Medizin nur mit einer Naturwissenschaft rechnen konnte und auf einer Naturwissenschaft sich aufbauen konnte, welche nicht berücksichtigt den dreigliedrigen Menschen, den NervenSinnesmenschen, den rhythmischen Menschen und den Stoffwechselmenschen, dadurch wurde diese moderne Medizin, die nun etwas Praktisches ist, sowohl als Hygiene wie als Heilungsmethode das Einseitige, das ja heute schon nicht nur sehr viele Menschen, sondern auch schon sehr viele Ärzte, Gott sei Dank, empfinden. Unsere Medizin wird aber niemals auf eine gesunde Grundlage gestellt werden, wenn man sie nicht wird stellen können auf die dreifache Natur des Menschen. Oh, etwas ganz anderes ist der Kopfmensch, der nachgebildet ist dem Kosmos, etwas ganz anderes sind daher diejenigen Unregelmäßigkeiten in der menschlichen Natur, die krankhaften Unregelmäßigkeiten, die kosmischen Ursprungs sind. Etwas anderes sind diejenigen Schädigungen der menschlichen Natur, die tellurischen Ursprunges sind, und die im wesentlichen auf dem Umweg durch den Stoffwechsel kommen, irdischen Ursprunges sind, nicht kosmischen. Etwas anderes ist alles dasjenige, was zusammenhängt mit dem, was zwischen dem Kosmos und der Erde ist, mit dem, was in der Luft und auch im Wasser zum Teile lebt. Das muß in der Zukunft Ausgangspunkt werden eines wirklich frei betriebenen medizinischen Studiums. Denn es ist ja das Eigentümliche, daß man von diesen drei Dingen, die ich jetzt angeführt habe, und die in der wirklich praktischen Medizin auf Grundlage der Dreigliederung des Menschen aufgebaut werden müssen, nur das eine eigentlich, ich möchte sagen, im Offiziell-Schulmäßigen lernen kann. Man kann durch diejenigen Methoden, die es heute einzig und allein durch unser, dem griechischen und römischen Leben nachgebildetes Universitäts-Lehrwesen gibt, nur dasjenige studieren, was im Menschen auf dem Stoffwechselsystem beruht. Und eigentlich ist unsere ganze medizinwissenschaftliche Art zu denken, eine Art, auf Grundlage des Stoffwechselsystems zu denken. Denn so wie wir heute Wissenschaft haben, gibt es eigentlich nur die Wissenschaft des Stoffwechsels. Wollen Sie aber die anderen Dinge hinzufügen, dasjenige, was in der menschlichen Natur als Schädigung auftreten kann durch Luft und Wasser, so haben Sie es eigentlich mit lauter Individuellem zu tun. Was im Menschen als Schädigung auftritt aus Luft und Wasser, ist ganz individuell, das kann nur erlernt werden durch den hingebungsvollen Umgang mit älteren Ärzten, die schon Erfahrungen haben auf diesem Gebiet. Das kann nur angeeignet werden dadurch, daß man als junger Mensch sich anschließt an einen alten erfahrenen Arzt, nicht schulmäßig, sondern als Gehilfe, was ja im heutigen klinischen Assistententum geschieht, aber als Karikatur, heruntergedrückt in die Stoffwechselsphäre. Es muß so auftreten, daß ein gewisser ärztlicher Instinkt, eine gewisse ärztliche Intuition, die — bei einem mehr, bei dem anderen weniger — ans Hellsehen grenzen wird, eintritt bei dem, der der Gehilfe eines älteren Arztes ist, und so, daß er gar nicht darauf kommt, nur typisch-schematisch die Dinge zu behandeln, sondern daß er aus Instinkt heraus neues Individuelles und älteres Individuelles, an dem er sich herangebildet hat, das er nicht bloß nachahmt, verbindet. Und dasjenige, was an Schädigungen kommt in den menschlichen Organismus von der Kopfesseite her, was ja, wie ich vorhin gesagt habe, obwohl es den ganzen Menschen durchdringt, nur im Kopfe zentriert ist, das kann überhaupt niemanden gelehrt werden. Es gibt keine Methode, um von außen diejenigen Krankheiten erkennen zu lernen, welche im menschlichen Organismus auftreten vom Kopfe her. Die erkennt man nur durch ursprüngliche Begabung, und diese Begabung muß geweckt werden. Daher ist es notwendig, daß ganz von Anfang an Rücksicht darauf genommen werde, ob solche Anlagen bei einem bestimmten Menschen erweckt werden können.

[ 15 ] Because modern medicine could rely only on one branch of the natural sciences and could be based only on a branch of the natural sciences that does not take into account the threefold human being—the nervous-sensory human being, the rhythmic human being, and the metabolic human being— this modern medicine—which is now a practical discipline, serving both as hygiene and as a method of healing—has become one-sided, a fact that, thankfully, is already recognized today not only by a great many people but also by a great many doctors. However, our medicine will never be placed on a sound foundation unless it can be grounded in the threefold nature of the human being. Oh, the “head-oriented person,” who is modeled after the cosmos, is something entirely different; therefore, those irregularities in human nature—the pathological irregularities—that are of cosmic origin are something entirely different. Something else entirely are those impairments of human nature that are of telluric origin and that essentially arise indirectly through metabolism—they are of earthly origin, not cosmic. Something else entirely is everything connected with what lies between the cosmos and the Earth, with what lives in the air and, to some extent, in the water. This must become the starting point in the future for a truly freely pursued medical education. For it is, after all, peculiar that of these three things I have just mentioned—which must form the foundation of truly practical medicine based on the threefold constitution of the human being—only one, I would say, can actually be learned in the official, school-based system. Through the methods that exist today solely within our university system—which is modeled after Greek and Roman life—one can study only that which in the human being is based on the metabolic system. And in fact, our entire medical-scientific way of thinking is a way of thinking based on the metabolic system. For as science stands today, there is really only the science of metabolism. But if you wish to add the other aspects—namely, what can occur in human nature as harm caused by air and water—then you are actually dealing with purely individual factors. The harm that arises in a person from air and water is entirely individual; it can only be learned through dedicated collaboration with older physicians who already have experience in this field. This can only be acquired by a young person attaching themselves to an older, experienced physician—not in an academic setting, but as an assistant, which is indeed what happens in today’s clinical residency programs, though as a caricature, reduced to the realm of metabolism. It must happen in such a way that a certain medical instinct, a certain medical intuition—which, to a greater or lesser extent in different individuals, will border on clairvoyance—arises in the person who is the assistant to an older physician, and in such a way that it does not even occur to him to treat things merely in a typical, schematic way, but rather that, out of instinct, he combines new individual elements with older individual elements—those he has absorbed through training—which he does not merely imitate. And whatever damage enters the human organism from the head side—which, as I said earlier, although it permeates the whole person, is centered only in the head—cannot be taught to anyone at all. There is no method for learning from the outside how to recognize those illnesses that arise in the human organism from the head. These can only be recognized through innate talent, and this talent must be awakened. Therefore, it is necessary to consider from the very beginning whether such aptitudes can be awakened in a particular person.

[ 16 ] Sie sehen, da spielt hinein diejenige Gesinnung, die sich ausbilden muß in dem selbständigen Geistesorganismus, und die dahin gehen wird, aufmerksam zu sein auf menschliche Begabung, das heißt, jeden Menschen an die Stelle zu stellen, auf die er hingeführt wird durch seine besondere Begabung. Da ist es schon nötig, daß dieses besondere Geistesleben wirklich auf seine eigenen Füße gestellt werde, denn nur in einem freien Geistesleben, wo die Begabungen frei walten, werden auch die Begabungen wirklich erkannt. Dadurch kehrt der Mensch, indem er in das Geistige eintritt, wiederum in einer gewissen Weise zum Natürlichen, Naturhaften zurück, und dadurch werden sich wiederum mögliche Verhältnisse ergeben. Sie wissen ja alle, heute leiden wir daran, daß eigentlich alle Verhältnisse, weil wir nicht aus naturgemäßem Denken heraus, das heißt aus geistigem Denken heraus die Dinge der Welt verwalten, nicht mehr recht versorgt werden können. Da haben wir gewisse Stellen im Staate oder auch wo anders; immer aber sind viel zu viele Menschen da für diese Stellen. Bewerber sind immer viel mehr da, als gebraucht werden. Wiederum andere Stellen sind nicht versorgt, weil die Menschen nicht vorgebildet sind. Gewisse Berufszweige können nicht da sein, weil die Menschen nicht vorgebildet werden. In dem, was der Idee vom dreigliedrigen sozialen Organismus als freies Geistesleben vorschwebt,. kann das alles nicht der Fall sein, weil da der Mensch nicht aus Willkür heraus gestaltet, sondern weil er gestaltet im Einklang mit den großen Weltgesetzen. Und wo das geschieht, da geht es in der Regel gut. Wo gegen diese großen Weltgesetze aus der menschlichen Willkür heraus gestaltet wird, da geht es in der Regel nicht. Und am meisten Veranlagung zur Willkür hat das römische System. Das bloß metaphysisch-juristische System hat am meisten Veranlagung zur bloßen Willkür. Das Griechische hatte einen gewissen Instinkt aus der Blutbürtigkeit heraus, wenn auch dieser Instinkt nur für die Minderheit denkt. Das Wirtschaftliche hat seine eigene Naturnotwendigkeit. Das metaphysisch-juristische System ist das, was den Menschen am meisten mit Bezug auf seine Gefühle und Empfindungen von den Naturgrundlagen entfernt. Das römisch-juristische System ist dasjenige, was wir vor allen Dingen unbefangen ins Auge fassen müßten. Denn ehe wir es nicht überwinden auf allen Gebieten, eher kommen wir nicht weiter. Wenn einen heute jemand frägt und sagt: Werden denn in der Zukunft aus dem selbständigen Geistesleben heraus nun wirklich genügend oder nicht zu viel Menschen da sein für einen bestimmten Beruf an den leitenden Stellen? dann kann man nur antworten: Diese Dinge müssen nicht so beantwortet werden, wie jene Logik arbeitet, die nach dem Muster der römischen Jurisprudenz aufgebaut ist, sondern wie die Logik der Tatsachen arbeitet. — Es ist jetzt schon einige Jahrzehnte her, da verbreitete sich von Wien aus durch die Menschheit, die gebildete Menschheit, wie man sagt, die Kunde, daß sich Leute gefunden haben, welche in der Zukunft die Art der Geburten regulieren können. Das heißt, man wäre in der Zukunft imstande, regulieren zu können, ob das, was geboren werden soll, ein Knabe oder ein Mädchen werde. Sie wissen, diese Schenksche Theorie machte ein großes Aufsehen, und die Leute versprachen sich sehr viel davon. Wissen Sie, was die wirkliche Wirkung sein würde? Die Wirkung würde die sein, daß in diese annähernde — es ist gut, daß es eine annähernde ist —, daß in diese annähernde Ordnung, daß ungefähr gleich viel Männer und Frauen geboren werden, die größte Unordnung hineinkommen würde, wenn das Geschlecht in die menschliche Willkür gesetzt wäre. Es würde die größte Unordnung hineinkommen. Und so wird es auch sein, wenn mit Bezug auf anderes, weniger Naturhaftes die Menschen ihre Willkür wiederum anwenden werden. Daß wir zuviel Leute für den einen Beruf, zu wenig Leute für den andern Beruf haben, das rührt von der unnatürlichen Art des menschlichen Denkens und der menschlichen Einrichtungen her. In dem Augenblick, wo dieses willkürliche, metaphysisch-juristische römische Wesen einläuft in geisteswissenschaftlich-intuitiv Inspiriertes, das wiederum zusammenfließt mit dem, was auch älterer Instinkt war, kommen wir wieder in ein Leben hinein, welches die gesellschaftliche Ordnung so regelt, daß diese bestehen kann.

[ 16 ] You see, what comes into play here is the attitude that must develop within the independent spiritual organism—an attitude that will lead us to be attentive to human gifts, that is, to place each person in the position to which they are guided by their particular gift. It is therefore essential that this particular spiritual life truly stand on its own two feet, for only in a free spiritual life, where talents are allowed to flourish freely, are those talents truly recognized. Through this, as the human being enters into the spiritual realm, he or she returns, in a certain sense, to the natural and the organic, and this, in turn, will give rise to new possibilities. As you all know, we suffer today from the fact that virtually all circumstances can no longer be properly managed because we do not administer the affairs of the world based on natural thinking—that is, on spiritual thinking. We have certain positions in the government or elsewhere; yet there are always far too many people vying for these positions. There are always far more applicants than are needed. Conversely, other positions remain unfilled because people lack the necessary training. Certain professions cannot exist because people are not being trained for them. In the vision of the threefold social organism as a free spiritual life, none of this can be the case, because there the human being does not act out of arbitrariness, but rather acts in harmony with the great laws of the universe. And where this happens, things generally go well. Where, on the other hand, things are shaped out of human arbitrariness in defiance of these great laws of the universe, things generally do not go well. And the Roman system is most prone to arbitrariness. The purely metaphysical-juridical system is most prone to sheer arbitrariness. The Greek system had a certain instinct rooted in bloodline, even if this instinct only serves the interests of the minority. The economic sphere has its own natural necessity. The metaphysical-legal system is what most distances human beings from the foundations of nature in terms of their feelings and sensibilities. The Roman-legal system is the one we must, above all else, examine impartially. For until we overcome it in all areas, we will not make any progress. If someone were to ask today, “Will there really be enough—or not too many—people in the future, emerging from an independent spiritual life, to fill leadership positions in a particular profession?” one can only answer: These questions must not be answered according to the logic structured on the model of Roman jurisprudence, but according to the logic of facts. — It has now been several decades since the news spread from Vienna throughout humanity—the educated world, as they say—that people had been found who would be able to regulate the nature of births in the future. That is to say, in the future one would be able to determine whether what is to be born will be a boy or a girl. As you know, this Schenksche theory caused quite a stir, and people had very high hopes for it. Do you know what the real effect would be? The effect would be that in this approximate—and it is good that it is approximate—order, in which roughly equal numbers of men and women are born, the greatest disorder would ensue if gender were left to human whim. The greatest disorder would ensue. And so it will be when, with regard to other, less natural matters, people once again exercise their arbitrariness. The fact that we have too many people for one profession and too few for another stems from the unnatural nature of human thinking and human institutions. The moment this arbitrary, metaphysical-juridical Roman essence merges with what is inspired by spiritual science and intuition—which in turn converges with what was also an older instinct—we return to a way of life that regulates social order in such a way that it can endure.

[ 17 ] Sie sehen, aus einem bloß abstrakten Denken heraus ist das neue soziale Denken nicht wohl zu begreifen. Man muß in einer gewissen Weise schon eine Art Ehe mit der Natur selber eingegangen sein. Und diejenigen Menschen, die heute am meisten glauben, natürlich zu denken, die denken am unnatürlichsten, denn sie denken verbildet römisch-juristisch, was in alle unsere Dinge hinein sich erstreckt hat. Man glaubt gar nicht, wie zum Beispiel selbst in etwas, was dem Römisch-Juristischen so ferne liegt, in die Medizin und das medizinische Denken, sich dieses abstrakte Wesen hineingeschlichen hat.

[ 17 ] You see, the new social way of thinking cannot be properly understood through purely abstract thought alone. In a certain sense, one must already have entered into a kind of marriage with nature itself. And those people who today believe most strongly that they are thinking naturally are, in fact, thinking in the most unnatural way, for they think in a distorted Roman-legal manner, which has permeated all aspects of our lives. One cannot even imagine how, for example, even in something as far removed from Roman law as medicine and medical thinking, this abstract nature has crept in.

[ 18 ] Und nun dürfen wir nicht vergessen, daß dieses ganze abstrakte Wesen so unnatürlich geworden ist seit den siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts. Es ist nur zu unterscheiden das, was vorher war, und das, was nachher war. Bis in die siebziger Jahre hinein waren in allem noch alte Traditionen. Da haben noch die guten Elemente der verschiedenen Renaissancen gewirkt. Denn in den siebziger bis achtziger Jahren, da war genau zu bemerken: das Alte verliert für den Menschheitsfortschritt seine Gültigkeit, und die Menschheit muß streben nach Neuschöpfungen, sowohl des Rechtslebens wie des gesamten Geisteslebens. Denn nur dadurch wird das Wirtschaftsleben, das ja recht deutlich seine Neugestaltung fordert, durchdrungen werden von solchen menschlichen Gedanken, die notwendig sind.

[ 18 ] And now we must not forget that this whole abstract concept has become so unnatural since the 1870s. One need only distinguish between what came before and what came after. Right up into the 1870s, old traditions were still present in everything. The positive elements of the various Renaissance movements were still at work then. For in the 1870s and 1880s, it was clearly evident that the old was losing its validity for the progress of humanity, and that humanity must strive for new creations, both in legal life and in the entire spiritual life. For only in this way will economic life—which is quite clearly calling for a reorganization—be permeated by the human ideas that are necessary.

[ 19 ] Aber auch die nötigen praktischen Tätigkeiten, wie die Medizin, sie werden nur befruchtet werden können, wenn vom Geistesleben aus nicht Renaissancen ausgehen, sondern wenn vom Geistesleben aus vollständig Neues geschaffen wird. Neuschöpfung des Geisteslebens, das ist es, was wir brauchen.

[ 19 ] But even the necessary practical activities, such as medicine, can only be enriched if the spiritual life does not merely give rise to revivals, but rather creates something entirely new. A new creation of spiritual life—that is what we need.

[ 20 ] Es ging wirklich aus der Notwendigkeit unserer Zeit hervor, daß verbunden wurde anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft mit sozialem Wirken in dem Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus. Und es hat sich ja auch in den letzten Monaten die Notwendigkeit ergeben, eine engere Verbindung zu suchen zwischen dem Sozialen und dem eigentlich Geistigen. Gewiß, die Zöpfe werden allerlei auch dagegen haben. Die Zöpfe haben etwas gegen den Bund für die Dreigliederung überhaupt gehabt; sie werden auch etwas haben gegen dieses Hand-in-Hand-Gehen. Die Menschen haben gar nicht das Gefühl dafür, wie stark die Zöpfe sind. Sie haben auch nicht das Gefühl dafür, wie notwendig es ist in unserer Zeit, die Zöpfe abzuschneiden, und damit das europäische Chinesentum zu überwinden, sonst könnte uns das asiatische Chinesentum viel zu gefährlich werden, wenn wir noch länger den Zopf des europäischen Chinesentums tragen würden.

[ 20 ] It was truly born out of the necessity of our time that anthroposophically oriented spiritual science was combined with social action in the League for the Threefold Social Order. And indeed, in recent months the need has arisen to seek a closer connection between the social and the truly spiritual. Certainly, the traditionalists will have all sorts of objections to this as well. The traditionalists have always had something against the League for the Threefold Social Order; they will also have something against this working hand in hand. People have absolutely no sense of just how strong these “braids” are. Nor do they have any sense of how necessary it is in our time to cut off these “braids” and thereby overcome “European Chineseness”; otherwise, “Asian Chineseness” could become far too dangerous for us if we were to continue wearing the “braid” of “European Chineseness” any longer.

[ 21 ] Nun hat begonnen ein gewisses Begreifen dieses Notwendigwerdens aus den geisteswissenschaftlichen Untergründen heraus gerade in unserem Kreise, und wir haben ja gesehen, daß immerhin die Elemente dazu vorhanden sind, die Menschheit für eine gewisse Empfänglichkeit für das neue Geistesstreben wenigstens vorzubereiten. Es haben sich ja Freunde von uns gefunden, welche für die Verbreitung der anthroposophischen Weltanschauung hier in Stuttgart und in der Umgebung von Stuttgart gewirkt haben, und das hat durchaus zur Befriedigung ausgeschlagen. Es ist nun zu hoffen, daß sich gerade für diese Dinge, die heute auch sozial im eminentesten Sinne notwendig sind, Verständnis finde. Es ist unrichtig, zu glauben, daß die Menschheit in ihren breitesten Kreisen für diese Dinge nicht zugänglich sei. Wir brauchen in der Gegenwart, wenn wir verstehen wollen,was sozial notwendig ist, ein Denken, das herangeschult ist durch diejenigen Begriffe und Ideen, die von der Geisteswissenschaft kommen. Denn sehen Sie, es wird neben allen anderen Gegensätzen in der Gegenwart auch diesen Gegensatz geben: juristisch-römisches, bloß logisches Denken und geisteswissenschaftliches Denken. Geisteswissenschaftliches Denken, das überall auf die Tatsachenlogik geht — römisches, katholisches, juristisches Denken, das nur auf die Logik der Begriffe, nur auf die egoistische Menschenlogik geht. Dieses Denken, das wird niemals stark genug sein, die Wirklichkeit zu durchschauen. Ich habe Ihnen ja dafür einen deutlichen, konkreten Fall angeführt.

[ 21 ] Now, a certain understanding of this growing necessity has begun to emerge from the foundations of spiritual science, particularly within our circle, and we have seen that the elements are at least in place to prepare humanity for a certain receptivity to this new spiritual striving. Indeed, we have found friends who have worked to spread the anthroposophical worldview here in Stuttgart and in the surrounding area, and this has proved quite satisfactory. It is now to be hoped that understanding will be found precisely for these matters, which are also socially necessary today in the most eminent sense. It is incorrect to believe that humanity, in its broadest circles, is not receptive to these matters. If we are to understand what is socially necessary today, we need a way of thinking that has been trained by the concepts and ideas derived from spiritual science. For you see, alongside all other contrasts of the present, there will also be this contrast: Roman-legal, purely logical thinking, and spiritual-scientific thinking. Spiritual scientific thinking, which is based everywhere on the logic of facts—and Roman, Catholic, legalistic thinking, which is based solely on the logic of concepts, solely on egoistic human logic. This kind of thinking will never be strong enough to penetrate reality. I have, after all, cited a clear, concrete example of this for you.

[ 22 ] Nicht wahr, in Zürich hat der .Avenarius gelehrt, in Prag und Wien der Mach und ein Schüler wiederum von Mach, Fritz Adler, der Sohn vom alten Adler. Mach und Avenarius, mit ihrer rein positivistischen Sinnesichre, sie waren gute Durchschnittsmenschen, sie waren brave Gegenwarts- oder meinetwillen Vergangenheitsmenschen — denn in der Gegenwart soll es ja etwas Neues geben —, und alle die, welche die Philosophie von Avenarius und von Mach vertraten, die glaubten selbstverständlich, ganz brave Gegenwartsmenschen zu sein. Das blieb in der Regel noch bei der ersten Schülergeneration, wenn man reine positivistische Sinnestheorien aufstellte, nicht mehr aber bei der nächsten Schülergeneration. Da trat die Logik der Tatsachen auf, und es prägte sich darin aus, daß Avenarius und Mach die Staatsphilosophen des Bolschewismus sind. Denken Sie sich diese braven mitteleuropäischen Bürger, die also ganz gewiß niemals nach dieser Richtung über die Stränge gehauen haben, sie sind die Götzen, die philosophischen Götzen der Bolschewisten. Das ist Tatsachenlogik, das ist eine Logik, die durchschaut wird von dem, der sich einläßt auf geisteswissenschaftliches Erkennen, das mit den Tatsachen geht. Wer bloß römisch-juristisch logisch denkt, der analysiert die Philosophie des Mach, die Philosophie des Avenarius. Ja, da findet er nichts drinnen, was man logisch herausschälen könnte, und was dann ein praktisches System des Bolschewismus wäre. Oh nein! Auch dasjenige, was die Menschen tun könnten nach den Anschauungen einer solchen bloß begrifflichen Logik, einer solchen bloß metaphysischen Logik, das ist auch brav. Das heißt: was sich der römisch geartete Logiker als Konsequenz der Avenariusschen Weltanschauung denken muß, das ist brav bürgerlich. Was aber die Wirklichkeitslogik ausarbeitet daraus, das ist Bolschewismus. Wir brauchen heute Begriffe, welche die Wirklichkeit meistern, welche in die Wirklichkeit eintreten. Wir sind ganz weit von der Wirklichkeit abgekommen durch das römisch-juristische Wesen, das in alles, alles untergekrochen ist. Die Menschen glauben heute, ihre eigene freie Menschennatur zu äußern. In Wahrheit äußern sie nur dasjenige, was ihnen eingeimpft ist vom römischen oder katholischen — das aber auch römisch ist — juristischen Wesen. Deshalb ist es heute schwer, dasjenige an die Menschen heranzubringen, was nicht aus der menschlichen Willkür heraus entspringt, sondern was herausspringt aus den Tatsachen selbst. Natürlich muß Geisteswissenschaft selbst in det Darstellungsweise anders tönen als das, was so hervorgebracht worden ist. Aber in den Untergründen der menschlichen Natur findet sich schon die Sehnsucht, die den Stimmungen der Geisteswissenschaft entgegenkommt. Und es wird sich, wenn nur Ausdauer und Mut genug vorhanden ist, gerade aus diesen Strömungen, die sich heute bei einzelnen unserer Freunde finden, Geisteswissenschaft auch hinauszutragen in die Welt, es wird sich aus diesen Strömungen dasjenige ergeben, was die Gegenwart braucht. Man soll sich heute gar nicht beirren lassen dadurch, daß Meinungen auftreten, die ja doch nur aus romanischer Bourgeoisie stammen in ihrer Denkweise, daß man sagt: Ach, wenn die Menschheit durch das vorwärtskommen sollte, was ihr da meint, dann dauert das Jahrzehnte! — Das ist Unsinn wiederum gegenüber der Wirklichkeit. Es ist wiederum nichts anderes als römisch-juristische Logik. Die Wahrheit muß anders denken. Wenn Sie eine Pflanze im Wachstum schauen, sie entwickelt erst langsam Blatt nach Blatt. Und derjenige, der glaubt, daß das immer so fortgehen würde in dem Tempo, irrt sich ganz beträchtlich. Dann kommt ein Ruck, dann entwickeln sich rasch aus dem Blatt Kelch und Blumenblätter. Und so wird es auch sein, wenn uns nur selber die Kraft ausdauert mit dem, was wir geisteswissenschaftlich und sozial bewirken können. Es kommt da auf das Wollen an. Es wird da vielleicht lange so ausschauen, als wenn es ganz langsam ginge. Dann kommt aber, wenn sich zusammengeschoppt hat alles das, was wachsen kann, der Umschwung mit einemmal. Aber er wird nur gut wirken, wenn möglichst viele Menschen darauf vorbereitet sind. Das ist es, was ich gerade jetzt wie eine Art von Fazit unseres Wirkens in diesen Wochen, die ich. unsere «Stuttgarter Wochen » nennen möchte, Ihnen habe sagen wollen. Denn es handelt sich darum, daß wir ja nicht erlahmen, uns zu stemmen auf dasjenige, was aus unserer Sache selbst fließt. Nicht zu sehen links, nicht zu sehen rechts, sondern auf dasjenige zu sehen, was aus unserer Sache selbst fließt, darauf kommt es an. Und zu vermeiden, wenn auch nur in unseren Gedanken und Empfindungen, irgendwie Mißtrauen zu haben zu dem, was aus dieser Sache selbst fließt. Mögen die Dinge, die aus unserer Sache fließen, noch so sehr angegriffen werden: durch solche Angriffe dürfen wir uns einmal nicht beirren lassen. Denn diese Angriffe, wir brauchen sie alle nur näher anzuschauen, so finden wir alsbald, daß sie aus dem Alten heraustönen und herausklingen, auch wenn sie «Bekenntnisse zur Erneuerung » sein wollen. Denn alle Erneuerung kann heute nicht anders kommen, als wenn zum wirtschaftlichen Denken ein neues rechtliches Denken und ein neues Geistesleben dazukommt. Das ist dasjenige, was wir als eine Notwendigkeit betrachten müssen, was wir in alles, alles hineinfüllen wollen, wovon wir uns durchdringen müssen, um mitzuwirken bei der sozialen Neugestaltung der Menschheit.

[ 22 ] Isn’t that right? Avenarius taught in Zurich, Mach in Prague and Vienna, and Fritz Adler—a student of Mach’s and the son of the elder Adler—taught as well. Mach and Avenarius, with their purely positivist epistemology, were good, average people; they were respectable people of the present—or, if you will, of the past—since there is supposed to be something new in the present—and all those who espoused the philosophy of Avenarius and Mach naturally believed themselves to be perfectly respectable people of the present. As a rule, this held true for the first generation of students when purely positivist theories of the senses were formulated, but not for the next generation. That is when the logic of the facts came to the fore, and it became evident that Avenarius and Mach are the political philosophers of Bolshevism. Just imagine these respectable Central European citizens, who certainly never went overboard in this direction—they are the idols, the philosophical idols of the Bolsheviks. This is the logic of facts; it is a logic that is seen through by anyone who engages in spiritual-scientific understanding that proceeds in accordance with the facts. Anyone who thinks solely in terms of Roman-legal logic analyzes the philosophy of Mach, the philosophy of Avenarius. Yes, there he finds nothing within it that could be logically extracted and that would then constitute a practical system of Bolshevism. Oh no! Even what people might do according to the views of such a purely conceptual logic, such a purely metaphysical logic, is also conventional. That is to say: what the Roman-style logician must conceive as a consequence of Avenarius’s worldview is conventional bourgeois thought. But what the logic of reality works out from this is Bolshevism. Today we need concepts that master reality, that enter into reality. We have strayed very far from reality due to the Roman-legal nature that has crept into everything, absolutely everything. People today believe they are expressing their own free human nature. In truth, they are expressing only what has been instilled in them by the Roman or Catholic—which is also Roman—legal mindset. That is why it is difficult today to bring to people that which does not spring from human arbitrariness, but rather emerges from the facts themselves. Of course, spiritual science itself must strike a different note in its mode of presentation than what has been produced thus far. But in the depths of human nature there is already a longing that resonates with the spirit of spiritual science. And if only there is enough perseverance and courage, it is precisely from these currents—which can be found today among some of our friends—that spiritual science will be carried out into the world; from these currents will emerge what the present needs. One should not allow oneself to be misled today by opinions that, in their way of thinking, stem solely from the Romanic bourgeoisie, which say: “Oh, if humanity were to progress through what you have in mind, it would take decades!” — That, too, is nonsense in the face of reality. It is, once again, nothing other than Roman-legal logic. The truth must think differently. When you watch a plant growing, it develops slowly at first, leaf by leaf. And anyone who believes that this would continue indefinitely at that pace is quite mistaken. Then there is a sudden surge, and the calyx and petals develop rapidly from the leaf. And so it will be, provided we ourselves have the endurance to carry on with what we can achieve through spiritual science and social work. It all comes down to will. It may seem for a long time as if things are moving very slowly. But then, once everything that can grow has come together, the turning point comes all at once. Yet it will have a positive effect only if as many people as possible are prepared for it. That is what I wanted to tell you right now, as a kind of summary of our work during these weeks, which I would like to call our “Stuttgart Weeks.” For the point is that we must not slacken in our efforts to focus on what flows from our cause itself. Not to look to the left, not to look to the right, but to look at what flows from our cause itself—that is what matters. And to avoid, even if only in our thoughts and feelings, harboring any mistrust toward what flows from this cause itself. No matter how fiercely the things that flow from our cause may be attacked, we must not allow ourselves to be led astray by such attacks. For if we take a closer look at these attacks, we will soon find that they echo and resonate from the old ways, even if they claim to be “declarations of renewal.” For today, all renewal can come about only when economic thinking is complemented by a new legal mindset and a new spiritual life. This is what we must regard as a necessity, what we wish to infuse into everything, everything at all, and what we must allow to permeate us in order to participate in the social reformation of humanity.

[ 23 ] Das war es, meine lieben Freunde, was ich Ihnen noch am heutigen Tage sagen wollte, weil ich allerdings glaube, daß dieses Eisen, das wir bis jetzt geschmiedet haben, nicht kühl werden darf, daß es warm bleiben muß. Dann wird es schon alles das bewirken, was die Menschheit auf denjenigen Weg führen kann, den diese Menschheit gehen soll. Deshalb möchte ich gerade diese Betrachtung, die einiges von dem zusammenfassen wollte, was wir hier in den letzten Wochen getrieben haben, ich möchte gerade diese Betrachtung zusammenfassen in zwei Worte. In zwei Worte, die ganz alt sind, die aber der gegenwärtige Mensch in einer neuen Art wird begreifen müssen, begreifen müssen so, daß er ihnen begegnet mit den Empfindungen und Gefühlen, die aus der Geisteswissenschaft herauskommen werden. Und diese Worte sind: Lerne und arbeite!

[ 23 ] That, my dear friends, is what I wanted to tell you today, because I truly believe that this iron we have been forging up to now must not be allowed to cool; it must remain hot. Then it will bring about everything that can lead humanity along the path it is meant to follow. That is why I would like to summarize this very reflection—which sought to encapsulate some of what we have been doing here over the past few weeks—in just two words. In two words that are very old, but which people today will have to understand in a new way—understand them in such a way that they approach them with the sentiments and feelings that will arise from spiritual science. And these words are: Learn and work!

[ 24 ] Wir können heute nicht uns dem naiven Glauben hingeben, wir wüßten schon alles und wir könnten aus dem, was wir wissen, Programme aufstellen. Wir müssen aus dem Leben heraus heute wiederum Ideen finden, aber das Leben erneut sich an jedem Tag, und wir müssen das Vertrauen haben zu dem, was wir an jedem Tag neu lernen können vom Leben. Und wir müssen nicht Feiglinge sein, die glauben, daß sie nur dann arbeiten können, wenn sie auf sogenannte sichere Ideen bauen können, wobei sie immer diejenigen Ideen meinen, die von alters her überliefert sind, die einmal da sind. Wir müssen den Mut haben, lernend zu arbeiten, arbeitend zu lernen. Anders kommt der Mensch in die Zukunft und ihre Forderungen nicht hinein. Das wird auch sein neues Christentum sein. Viele Menschen gehen heute durch einen gewissen Zwiespalt hindurch. Sie erinnern einen daran, wenn man im anthroposophischen Sinne vom Mysterium von Golgatha spricht, daß ja ihrer Meinung nach, nach dem Evangelium, der Christus am Kreuze gestorben ist, um durch seine Tat die Seelen zu erlösen, daß also die Seelen, die nur an Christus glauben, eben erlöst sind ohne ihr Zutun. Es ist gewiß — Sie können es nachlesen in meinem «Das Christentum als mystische Tatsache » — durch das Mysterium von Golgatha etwas geschehen, woran der Mensch mit seinem Gegenwartsbewußtsein unmittelbar keinen Anteil hat, denn das Gegenwartsbewußtsein beginnt ja erst in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts. Aber darauf kommt es nicht an heute, daß wir uns faul hingeben dem, was für uns außerhalb unserer selbst sorgt. Wir dürfen heute nicht so sprechen, wie zum Beispiel manche katholische Kirchenfürsten, niedere oder höhere Kirchenfürsten sprechen, die da sagen: Sozial kommt man doch nicht vorwärts, wenn nicht in der Mitte, im Mittelpunkt des sozialen Wirkens der Christus steht. — Ich habe in der letzten Zeit in mancher Versammlung erlebt, daß auch in dieser Weise der Christus hineingeworfen wurde. Ja, meine lieben Freunde, ich habe mich beim Zuhören ein wenig des geistigen Ohres bedient, so daß ich gehört habe, daß äußerlich tönt durch den Saal, man komme nicht weiter sozial ohne den Christus, aber innerlich tönte bloß der Benediktus, nicht der Christus. Innerlich handelte es sich da nicht um den Christus, sondern um den Benediktus. Ich meine den, der jetzt auf dem römischen Stuhle sitzt. Und damit kommt eben die Menschheit heute nicht vorwärts, daß sie sich verläßt auf etwas anderes als auf das, was mit der eigenen Seele sich verbindet. Der Christus muß auch neu begriffen werden. An die Stelle des Christus kann nicht die äußere Kirche treten. Nur das, was der Mensch in sich selbst erlebt, kann ihn vorwärtsbringen. Daher begreift niemand den Christus, der ihn nicht so begreift, daß er wiedergeboren werden muß in der Seele eines jeden einzelnen Menschen. Der Mensch muß aber mitschaffen an seiner geistigen Gestaltung. Erst wenn wir daran glauben, daß nicht schon unsere eigentlich menschlichen Kräfte mit uns geboren werden, sondern daß unsere eigentlich wirksamen menschlichen Kräfte in der Zukunft diejenigen sein werden, die wir selbst in uns entwickeln, dann erst stehen wir auch auf wirklich christlichem Boden. Nicht der Christus, der mit uns geboren wird — das ist nur der Gott-Vater —, sondern der Christus, den wir selbst in uns erleben, indem wir uns zu ihm hinentwickeln, das ist der Christus, der begriffen werden muß.

[ 24 ] Today, we cannot succumb to the naive belief that we already know everything and that we can draw up plans based on what we know. We must once again find ideas from life itself, but life renews itself every day, and we must have faith in what we can learn anew from life each day. And we must not be cowards who believe they can work only when they can rely on so-called “safe” ideas—by which they always mean those ideas handed down from time immemorial, those that have always been there. We must have the courage to work while learning and to learn while working. Otherwise, human beings cannot engage with the future and its demands. This, too, will be their new Christianity. Many people today are experiencing a certain inner conflict. When one speaks, in the anthroposophical sense, of the Mystery of Golgotha, they remind one that, in their opinion—according to the Gospel—Christ died on the cross to redeem souls through his deed; that is, the souls who merely believe in Christ are redeemed without any effort on their part. It is certainly true—you can read about it in my *Christianity as a Mystical Fact*—that through the Mystery of Golgotha something happened in which human beings, with their present-day consciousness, have no immediate part, for present-day consciousness did not begin until the middle of the fifteenth century. But what matters today is not that we lazily surrender to what is provided for us from outside ourselves. We must not speak today as, for example, some Catholic church leaders—whether lower- or higher-ranking—do when they say: “Socially, we cannot make progress unless Christ stands at the center, at the very heart, of social action.”—I have recently observed in many gatherings that Christ has been thrown into the discussion in this very way. Yes, my dear friends, as I listened, I made use of my spiritual ear to some extent, so that I heard that outwardly the words resounded through the hall: “We cannot make social progress without Christ,” but inwardly it was only Benedictus who resounded, not Christ. Inwardly, it was not about Christ, but about Benedictus. I am referring to the one who now sits on the Chair of Rome. And this is precisely why humanity today cannot move forward—because it relies on something other than what connects with its own soul. Christ must also be understood anew. The external Church cannot take the place of Christ. Only what a person experiences within themselves can move them forward. Therefore, no one understands Christ unless they understand that he must be reborn in the soul of every single human being. But human beings must co-create their own spiritual development. Only when we believe that our truly human powers are not born with us, but that the truly active human powers of the future will be those we ourselves develop within us—only then do we stand on truly Christian ground. Not the Christ who is born with us—that is merely God the Father—but the Christ whom we ourselves experience within us as we develop toward him; that is the Christ who must be understood.

[ 25 ] Es gibt heute Bücher von protestantisch christlichen Menschen, zum Beispiel von Harnack das Buch «Wesen des Christentums ». Streichen Sie in diesem Buche überall das Wort «Christus», wo es steht, dann wird dieses Buch aus einer Lüge zu einer Wahrheit. So wie es ist, ist es eine Lüge, denn es sollte überall stehen, wo «Christus » steht: der Vater-Gott. Das, was Harnack schreibt, bezieht sich nur auf den allgemeinen väterlichen Naturgott. Von dem Christus steht nichts drin in dem Buche. Der ist hineingelogen. Der Christus kann nur gefunden werden von der umgestalteten, umgewandelten menschlichen Natur, von der in eigener Tätigkeit begriffenen menschlichen Natur.

[ 25 ] There are books today written by Protestant Christians, such as Harnack’s book *The Essence of Christianity*. If you were to strike out the word “Christ” wherever it appears in this book, then this book would go from being a lie to being the truth. As it stands, it is a lie, because wherever “Christ” appears, it should read: God the Father. What Harnack writes refers only to the general, paternal God of nature. There is nothing in the book about Christ. He has been falsely inserted into it. Christ can only be found in human nature that has been transformed and renewed—in human nature understood as acting of its own accord.

[ 26 ] Das ist es, was überwunden werden muß heute, womit aber leider, leider die Welt, statt an die Überwindung zu denken, Kompromisse schließt. Die Kompromisse, die heute draußen geschlossen werden, werden aber auch im Innern der Seele viel geschlossen, und wenn nicht unsere Seelen so schauerliche Kompromißler wären, dann gäbe es auch im äußeren Leben solche schauerliche Kompromisse nicht wie der, der jetzt von Weimar ausgeht, der Schulkompromiß. Die KompromißNaturen schleichen heute durch das Dasein, und sie sind diejenigen, welche alles rückwärtsschauend erleben, welche nicht vorwärtskommen. Vorwärts kommen wir nur, wenn wir den Willen haben zum Lernen, wenn wir den Mut haben, das Gelernte ins Leben einzuarbeiten. Nur aus diesem Willen und aus diesem Mut kann die neue Devise entspringen:

[ 26 ] This is what must be overcome today; yet, unfortunately, unfortunately, instead of thinking about overcoming it, the world is making compromises. The compromises being made out there today are also being made in great measure within the soul, and if our souls were not such dreadful compromisers, then such dreadful compromises—like the one now emanating from Weimar, the school compromise—would not exist in external life either. Those with a compromising nature creep through existence today, and they are the ones who experience everything with a backward-looking gaze, who do not move forward. We move forward only when we have the will to learn, when we have the courage to incorporate what we have learned into our lives. Only from this will and this courage can the new motto spring forth:

Ich will lernen, ich will arbeiten!
Ich will lernend arbeiten!
Ich will arbeitend lernen!

I want to learn, I want to work!
I want to work while learning!
I want to learn while working!