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Spiritual-Scientific Consideration
of Social and Pedagogic Questions
GA 192

8 September 1919, Stuttgart

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Spiritual-Scientific Consideration of Social and Pedagogic Questions, tr. SOL
  1. Geisteswissenschaftliche Behandlung sozialer und pädagogischer Fragen

Sechzehnter Vortrag

Sixteenth Lecture

[ 1 ] Ich wollte an diesem Abend noch einmal zu Ihnen sprechen aus dem Grunde, weil ich es für nötig halten muß, zusammenfassend in einigen Ausblicken manches noch vorzubringen, was zusammenhängt mit alledem, was hier geschehen ist und von hier aus geschehen ist mit Bezug auf die Kulturbewegung unserer Gegenwart. Und namentlich in bezug auf alles das, was gewissermaßen der Anlage nach in dem von hier aus Geschehenen und Beabsichtigten noch liegen kann.

[ 1 ] I wanted to speak to you once more this evening because I feel it is necessary to summarize and present, in a few broad strokes, certain points related to everything that has happened here and that has emanated from here with regard to the cultural movement of our time. And specifically with regard to everything that, in a sense, may still lie latent in the events and intentions that have originated from here.

[ 2 ] Ich werde Ihnen vielleicht heute nicht besonders viele außergewöhnlich neue Sachen zu sagen haben, aber Zusammenfassendes, das noch einmal durch unsere Seelen ziehen soll, das wird gerade notwendig sein, jetzt auszusprechen.

[ 2 ] I may not have a great many exceptionally new things to tell you today, but it is precisely necessary to say now those concluding remarks that are meant to resonate once more within our souls.

[ 3 ] Es ist der Grundton, aus dem heraus ich auch heute sprechen möchte, öfters schon hier angeschlagen worden gerade in der letzten Zeit, der Grundton, der andeuten soll, daß eine wirklich echte geistige Vertiefung für die Menschheit in der Gegenwart notwendig ist, eine geistige Vertiefung mit jenen neueren geistigen Erkenntnismethoden, die eben in der Gegenwart möglich sind, und die ich ja oft genug charakterisiert habe.

[ 3 ] It is this fundamental tone that I would like to speak from today as well—one that has been struck here many times, especially recently—a tone intended to suggest that a truly genuine spiritual deepening is necessary for humanity at the present time, a spiritual deepening through those newer spiritual methods of knowledge that are precisely possible today, and which I have, after all, characterized often enough.

[ 4 ] Es ist auch in der letzten Zeit immer wieder gesagt worden: Auch in sozialer Beziehung wird man nicht vorwärtskommen können, wenn das Verständnis für soziale Tatsachen nicht ausgeht von einer entsprechenden geistigen Vertiefung, mit den dazugehörigen neueren geistigen Erkenntnismitteln. Und es ist darauf hingewiesen worden, wie durchaus ernst, radikal ernst, gerade dieses Streben nach geistiger Vertiefung der Menschheit in der Gegenwart gesucht werden soll eben mit den neueren Erkenntnismitteln, und wie nur derjenige ein wirkliches Verständnis für die Anforderungen der Gegenwart hat, der wirklich ernst zu nehmen vermag, was in dem Rufe nach geistiger Vertiefung liegt, und der auf der anderen Seite endlich einmal die Überzeugung gewinnen kann, daß diese geistige Vertiefung im Innersten, im wesentlichen wenigstens, keinerlei Kompromisse abschließen kann mit irgendwelchen älteren Wegen in die geistige Welt hinein. Alles, was an Kompromissen angestrebt wird, führt doch nur auf Abwege. Kann man denn eigentlich sagen, daß in unserer Zeit Menschen, die durchaus bei sich selber die Anmaßung haben, in diesem oder jenem Gebiet führend zu sein, daß diese Menschen völlig Ernst zu machen wissen mit dem, was heute Streben nach dem Geiste ist? Da müßten diese Menschen ein Gefühl haben nicht nur für Theorien über den Geist, sondern sie müßten ein Gefühl haben für die reale, die lebendige Wirksamkeit im Geistigen und durch das Geistige. Wenn man aber von dieser realen Wirksamkeit im Geistigen und durch das Geistige spricht, dann spricht man für viele Leute heute noch von etwas durchaus für sie Unverständlichem.

[ 4 ] It has also been said time and again recently: We will not be able to make progress in the social sphere either if our understanding of social realities does not stem from a corresponding intellectual deepening, utilizing the associated newer intellectual tools of knowledge. And it has been pointed out how seriously—radically seriously—this very striving for humanity’s spiritual deepening must be pursued in the present, precisely with these newer means of knowledge, and how only those who are truly able to take seriously what lies in the call for spiritual deepening and who, on the other hand, can finally come to the conviction that this spiritual deepening, at its very core—at least in essence—cannot make any compromises whatsoever with any older paths into the spiritual world. Any attempt at compromise, after all, only leads astray. Can one really say that in our time, people who presume to be leaders in this or that field actually take seriously what the pursuit of the spiritual means today? Such people would need to have a sense not only for theories about the spirit, but also for the real, living effectiveness in and through the spiritual realm. But when one speaks of this real effectiveness in and through the spiritual realm, for many people today one is still speaking of something that is utterly incomprehensible to them.

[ 5 ] Ich will Ihnen gleich durch ein Beispiel illustrieren, was ich meine. Da bekam ich neulich einen Brief. Ich will nur gewissermaßen beispielsweise über diesen Brief sprechen, ohne einen Namen zu nennen. Da bekam ich neulich einen Brief von einem, ich will sagen, auf geistigem Gebiet in der Gegenwart tätigen Menschen, der in diesem Briefe zunächst sagt, daß er den « Aufruf an die Kulturwelt» in die Hand bekommen habe, und mit lebhaftester Zustimmung den Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus aufgegriffen habe. Dann wird geschrieben, daß der Betreffende dem Buche «Die Kernpunkte» wertvolle Belehrung und Anregungen verdanke, die er wiederholt öffentlich zum Ausdruck gebracht habe. Dann geht der Betreffende aber dazu über mitzuteilen, daß ihm neulich von der Leitung des Bundes für Dreigliederung zugeschickt worden sei der Abdruck des Vortrages, den ich einmal vor den Arbeitern der Daimler-Werke gehalten habe. Und nun spricht er über diesen Vortrag, spricht so, daß er sagt, auch an den sachlichen Ausführungen dieses Vortrages wage er kein Wort der Kritik. Aber dann kanzelt er auf den übrigen Seiten des Briefes diesen Vortrag furchtbar ab, weil er findet, daß er im Tone anders gehalten sein sollte, als er gehalten ist, weil er sich gewissermaßen verletzt fühlt zum Beispiel dadurch, daß da die bisherige bürgerliche Kultur in einer gewissen abfälligen Weise besprochen worden ist und so weiter. Ich will auf die Einzelheiten nicht eingehen.

[ 5 ] I’ll illustrate what I mean with an example right away. I received a letter the other day. I’d just like to talk about this letter, so to speak, without mentioning any names. I recently received a letter from someone—let’s say—who is active in the intellectual sphere today, who begins by saying that he had come across the “Appeal to the Cultural World” and had embraced the idea of the threefold social order with the most enthusiastic approval. He then writes that he owes the book *The Key Points* valuable insights and inspiration, which he has repeatedly expressed publicly. But then he goes on to mention that the leadership of the Federation for Threefold Social Order recently sent him a transcript of the lecture I once gave to the workers at the Daimler plants. And now he speaks about this lecture, saying that he does not dare to voice a single word of criticism regarding the factual content of this lecture. But then, in the remaining pages of the letter, he harshly criticizes this lecture because he feels its tone should have been different from what it actually is; he feels, so to speak, offended—for example, by the fact that bourgeois culture to date has been discussed in a somewhat disparaging manner, and so on. I do not wish to go into the details.

[ 6 ] Nun, was liegt denn da eigentlich vor? Ich will heute die Sache ganz der Wirklichkeit gemäß betrachten.

[ 6 ] Well, what exactly is going on here? Today, I want to look at this matter in a way that is entirely in line with reality.

[ 7 ] Sehen Sie, das ist ein Mann — es ist ja gut, daß es solche gibt —, der theoretisch einverstanden ist mit dem, was in dem « Aufruf» steht, der theoretisch einverstanden ist und sogar einiges aufgenommen hat von dem, was in den «Kernpunkten» steht. Der sogar mit dem Inhalt dieses Vortrages, den ich für die Arbeiter der Daimler-Werke gehalten habe, einverstanden ist, der aber den Ton kritisiert, den Ton demagogisch und dergleichen findet.

[ 7 ] You see, this is a man—and it’s a good thing there are people like him—who theoretically agrees with what is written in the “Call,” who theoretically agrees and has even adopted some of what is written in the “Key Points.” He even agrees with the content of this lecture I gave to the workers at the Daimler plants, but he criticizes the tone, calling it demagogic and the like.

[ 8 ] Was liegt da eigentlich vor? Der Mann ist theoretisch einverstanden, sogar mit diesem Vortrag. Das hilft aber nichts heute, theoretisch mit einer Sache einverstanden zu sein. Der Mann hat nämlich gar keine Empfindung für den Tatbestand. Der Mann kann nicht unterscheiden in bezug auf die Behandlung einer Sache. Wenn ich in Dornach sitze und einen Aufruf an die Kulturwelt schreibe, worin ich in ideeller Weise die Menschen der Gegenwart, die so etwas aufnehmen können, vor mir habe, nicht irgend etwas, was ich mir theoretisch ausspintisiere, aufschreibe, sondern etwas, was ich aufschreibe im lebendigen Zusammenhang mit denen, die es verstehen könnten oder verstehen sollten, so ist das etwas aus realem Zusammenhang Herausgegriffenes. Dabei ist der in der Gegenwart waltende Geist durchaus berücksichtigt. Und wiederum: ich schreibe die «Kernpunkte». Ich schreibe doch nicht, damit die Worte in kleinen gedruckten Buchstaben auf dem Papier stehen und eventuell Theoretiker sie kritisieren können, sondern ich schreibe sie für die Menschen der Gegenwart. Ich schreibe so, wie man vom Schreibtisch aus zu den Menschen der Gegenwart real, wirklichkeitsgemäß spricht. Nun gehe ich in einen Saal hinein, wo in der Hauptsache Arbeiter der Daimler-Werke sitzen. Dann ist es für mich ganz selbstverständlich, weil ich aus dem lebendigen, unmittelbaren Geiste heraus spreche, daß in dem Augenblick, wo ich hineingehe, ich weiß, wie ich zu den Leuten zu sprechen habe, wie ich die Worte zu setzen habe. Wer heute aus dem lebendigen Geiste heraus wirkt, hält keine Professorenvorträge. Professorenvorträge sind solche, worin man sich die Dinge gedacht hat und seine eigenen werten Meinungen den Leuten ins Gesicht wirft. Wer aber im lebendigen Geiste drinnensteht, der redet aus dem Herzen heraus, nicht an die Stirnen heran.

[ 8 ] What is actually going on here? The man agrees in theory—even with this lecture. But agreeing with something in theory doesn’t help at all today. The man, in fact, has no sense of the reality of the situation. He cannot distinguish how a matter should be handled. When I sit in Dornach and write an appeal to the cultural world—in which I have before me, in an ideal sense, the people of the present who are capable of receiving such a message—not just something I’ve spun out of thin air and written down theoretically, but something I write in a living connection with those who could or should understand it—then that is something drawn from a real context. In doing so, the spirit prevailing in the present is fully taken into account. And again: I write the “key points.” I do not write so that the words appear in small printed letters on paper and may be criticized by theorists, but I write them for the people of the present. I write in the way one speaks from one’s desk to the people of the present—realistically, in accordance with reality. Now I walk into a hall where, for the most part, workers from the Daimler plants are seated. Then it is completely natural for me—because I speak from a living, immediate spirit—that the moment I walk in, I know how to speak to these people, how to choose my words. Anyone who works from the living spirit today does not give academic lectures. Academic lectures are those in which one has thought things through and throws one’s own esteemed opinions in people’s faces. But whoever is immersed in the living spirit speaks from the heart, not to people’s foreheads.

[ 9 ] Das ist etwas, was einmal ausgesprochen werden muß. Menschen selbst, die theoretisch die Dinge verfolgen können, haben keine Ahnung, daß jemand, der im Geiste wirken will, aus dem Geiste heraus wirken muß, dem er gerade einverleibt ist in diesem Augenblick. Das kann ja auch äußerlich kritisiert werden. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, der Vortrag, den ich dazumal vor den DaimlerLeuten gehalten habe, er ist damals von den Anwesenden verstanden worden. Hätte ich so gesprochen, wie der Schreiber es liebt, dann hätten mich die Leute selbstverständlich ausgelacht; es hätte nichts anderes zur Folge gehabt, als daß mich die Leute ausgelacht hätten. Es handelt sich heute nicht darum, daß man diese uralten — für heute sind es uralte —, theoretischen Gewohnheiten bewahre, persönlich mit irgend etwas einverstanden oder nicht einverstanden sein zu können, sondern heute handelt es sich darum, eine lebendige Empfindung zu haben für das Wirken und Wesen und Weben des Geistes, für den daseien den Geist. Daher mußte ich immer wiederum, wenn auch unsere Freunde im Laufe der Jahre dieses oder jenes heranbrachten, was da oder dort gesagt worden war, und was äußerlich so klang, wie manches, was auch ich sage, ich mußte sagen: Auf diesen Gleichklang in den Worten und Sätzen und selbst Absätzen kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, aus welcher Ecke des Geistes her das real kommt, was gesagt wird. Hier ist viel zu verstehen noch für den Menschen der Gegenwart. Denn noch immer glauben die Menschen, wenn sie den Inhalt einer Sache heute aufgenommen haben, so hätten sie die Sache aufgenommen. Wenn man heute den Inhalt aufgenommen hat, so hat man nur den Wortlaut in sich und kann dem Geiste einer Sache sehr ferne stehen.

[ 9 ] This is something that needs to be said once and for all. Even people who are theoretically capable of following these matters have no idea that someone who wants to work through the spirit must do so from the spirit into which they are currently incorporated at that very moment. This can, of course, also be criticized from an external perspective. I can assure you that the lecture I gave back then to the Daimler people was understood by those present at the time. If I had spoken the way the writer likes, then of course the people would have laughed at me; it would have resulted in nothing other than the people laughing at me. The point today is not to preserve these ancient—for today they are ancient—theoretical habits of being able to personally agree or disagree with something, but rather to have a living sense of the workings, essence, and weaving of the spirit, of the spirit’s very existence. That is why, time and again, even when our friends over the years brought up this or that—things that had been said here or there and that, on the surface, sounded like some of the things I myself say—I had to say: This harmony in the words, sentences, and even paragraphs is not what matters at all. What matters is from which corner of the spirit the reality of what is said originates. There is still much for people today to understand in this regard. For people still believe that if they have taken in the content of a matter today, they have taken in the matter itself. If one has taken in the content today, one has only the wording within oneself and can be very far removed from the spirit of a matter.

[ 10 ] Das zu verstehen ist ganz besonders notwendig, wo hereinfließen soll in unsere materialistische Gegenwart dasjenige, was Geisteswissenschaft auch in sozialer Beziehung zu sagen hat. Sonst wird man den Zusammenhang des anthroposophisch orientierten, geisteswissenschaftlichen Wesens mit der sozialen Wirksamkeit nicht verstehen können.

[ 10 ] It is particularly important to understand this when we seek to integrate into our materialistic present the insights that spiritual science has to offer in the social sphere. Otherwise, it will be impossible to understand the connection between the anthroposophically oriented, spiritual-scientific essence and social action.

[ 11 ] Wir leben einmal heute mehr, als wir es glauben, in der Welle einer materialistischen Kultur auf allen Gebieten. Und was vielfach heute gesagt wird: daß da und dort überwunden wäre diese materialistische Kultur, das ist ein Wahn. Denn es wird wohl im Wortlaut da oder dort die materialistische Kultur bekämpft, aber nicht aus dem Geiste heraus. Man kann heute ein sehr idealistisches professorales Manifest erlassen oder ein Buch schreiben: das kann aber trotzdem ganz aus dem materialistischen Geiste heraus sein. Es ist vor allen Dingen heute notwendig, eines einzusehen, das ist: wodurch wir eigentlich in diesen Materialismus der Gegenwart hereingebracht worden sind. Denn wenn wir das nicht einsehen, so werden wir uns auch nicht aus ihm herausarbeiten.

[ 11 ] Today, more than we realize, we are living in the midst of a wave of materialistic culture in all areas of life. And what is often said today—that this materialistic culture has been overcome here and there—is an illusion. For while materialistic culture may indeed be fought against in words here and there, it is not fought against from the spirit. One can issue a highly idealistic, professorial manifesto today or write a book—yet it can still stem entirely from a materialistic spirit. Above all, it is necessary today to recognize one thing: how we actually came to be drawn into this contemporary materialism. For if we do not recognize this, we will not be able to free ourselves from it.

[ 12 ] Worin besteht denn das eigentlich Verderbliche der materialistischen Impulse in unserer Zeit? Es besteht darin, daß eigentlich sehr bald irgend etwas aufflammt, wenn heute aus lebendigem Erleben der Wirklichkeit Geistiges geltend gemacht wird. Nehmen Sie einmal an, jemand sei gerade durch seine Erfahrungen darauf hingewiesen, über die Tierwelt zu sprechen, und er spräche darüber so, daß er begreiflich machen wollte: in der Tierwelt und ihrer Entwickelung wirken geistige Kräfte. Er wird dann vielleicht aus der Erkenntnis derjenigen geistigen Kräfte, die in der Tierwelt wirken, so sprechen müssen, daß sogleich aufflammt diese oder jene Gruppe von evangelischen oder katholischen Theologen, die ihn in Grund und Boden hinein kritisieren, ohne überhaupt auf den Inhalt dessen, was er behauptet, einzugehen, bloß deshalb, weil er es wagt, aus der Wirklichkeitserkenntnis der Tierwelt über den Geist zu sprechen. Oder aber man redet, daß es notwendig sei, in das soziale Menschheitsleben hereinzubringen geistige Kräfte, weil man zu einer wirklichen sozialen Neugestaltung nur dadurch kommen könne, daß man geistige Kräfte erkenne und in die soziale Ordnung hineinbringe. Flugs lebt die Angriffslust der Marxisten und mancher Sozialisten auf, wie im anderen Falle die Angriffslust der protestantischen oder katholischen Pfarrer. Und der Ton, aus dem heraus von beiden Seiten gesprochen wird, ist gar kein so sehr verschiedener. Man muß nur manchmal darauf Rücksicht nehmen, daß der eine — ich meine das ganz gutmütig jetzt — mehr in einer sentimental-theologischen, religiösen Atmosphäre, der andere mehr in einer rauhbeinigen Atmosphäre aufgewachsen ist — ich will nicht behaupten, daß die letztere schlimmer sei als die sentimentale —; dasjenige aber, woraus eigentlich die Dinge tönen, es ist in bestimmten Fällen das gleiche.

[ 12 ] What, then, is the truly destructive nature of the materialistic impulses of our time? It lies in the fact that something flares up very quickly whenever spiritual insights are asserted today on the basis of a living experience of reality. Suppose, for example, that someone’s experiences have led him to speak about the animal kingdom, and he speaks about it in such a way as to make it clear that spiritual forces are at work in the animal kingdom and its development. Based on his understanding of the spiritual forces at work in the animal world, he might then have to speak in such a way that immediately this or that group of Protestant or Catholic theologians would spring into action, tearing him to shreds without even addressing the substance of what he is claiming—simply because he dares to speak of the spirit based on his understanding of the reality of the animal world. Or one might argue that it is necessary to introduce spiritual forces into human social life, because a genuine social transformation can only be achieved by recognizing spiritual forces and incorporating them into the social order. Immediately, the aggressiveness of the Marxists and some socialists flares up, just as, in the other case, the aggressiveness of Protestant or Catholic pastors does. And the tone in which both sides speak is not all that different. One must simply bear in mind at times that one—and I mean this quite good-naturedly—grew up more in a sentimental-theological, religious atmosphere, while the other grew up more in a rough-and-tumble atmosphere—I do not mean to claim that the latter is worse than the sentimental one—; but the underlying tone from which these things actually resonate is, in certain cases, the same.

[ 13 ] Diesen Dingen gegenüber muß eben gefragt werden: Woher kommt denn eigentlich der materialistische Geist der Gegenwart? Wer hat ihn gezüchtet? — Diesen materialistischen Geist gezüchtet haben eigentlich die religiösen Bekenntnisse. Und daß er heute auch in der sozialen Weltanschauung pulsiert, ist nur aus dem Grunde der Fall, weil die soziale Weltanschauung ein getreuer Schüler ist alles desjenigen, was im Grunde genommen von den religiösen Bekenntnissen in den Jahrhunderten gekommen ist. Es war wirklich wichtiger, als man denkt, daß die katholische Kirche im Jahre 869 auf dem allgemeinen Konzil zu Konstantinopel, das ich ja schon öfter erwähnt habe, den Geist abgeschafft hat. Seit dieser Zeit durfte innerhalb der katholischen Gelehrsamkeit nicht davon geredet werden, daß der Mensch Geist in sich habe. Es durfte nur gewissermaßen gesprochen werden davon, daß der Mensch Leib und Seele habe. So war es das ganze Mittelalter hindurch. Und vor nichts fürchteten sich die katholischen mittelalterlichen Gelehrten mehr als vor einem Sprechen von der Trichotomie, das heißt von der Dreigliederung des menschlichen Wesens in Leib, Seele und Geist. Denn das Konzil zu Konstantinopel hat bestimmt: Der Mensch besteht aus Leib und Seele, und die Seele hat einige geistige Kräfte und Eigenschaften; etwas Geist ist schon in der Seele, aber man darf nicht von einem besonderen Geiste sprechen. Dann haben die Wissenschafter und Philosophen geglaubt, daß sie aus voraussetzungsloser Wissenschaft nur Leib und Seele unterscheiden, während sie es doch nur unter dem Einfluß des kirchlichen Dogmas aus dem neunten Jahrhundert taten. Solche braven Professoren wie Wilhelm Wundt sind nur die Schüler der katholischen Dogmatik, auch als Psychologen. Diesen Zusammenhang durchschaut man nur gewöhnlich nicht.

[ 13 ] In light of these things, we must ask: Where does the materialistic spirit of our time actually come from? Who fostered it? — It was actually the religious creeds that fostered this materialistic spirit. And the fact that it is also alive and well in today’s social worldview is solely because the social worldview is a faithful disciple of everything that has, in essence, come from the religious creeds over the centuries. It was truly more significant than one might think that the Catholic Church, in the year 869 at the General Council of Constantinople—which I have mentioned on several occasions—abolished the concept of the spirit. From that time on, it was forbidden within Catholic scholarship to speak of human beings as possessing a spirit. One was only permitted, so to speak, to speak of human beings as having a body and a soul. This remained the case throughout the entire Middle Ages. And nothing did medieval Catholic scholars fear more than any mention of the trichotomy—that is, the threefold division of the human being into body, soul, and spirit. For the Council of Constantinople had decreed: Human beings consist of body and soul, and the soul possesses certain spiritual powers and qualities; there is indeed some spirit within the soul, but one must not speak of a distinct spirit. Consequently, scientists and philosophers believed that they were distinguishing between body and soul based on unconditional science, whereas in reality they were doing so solely under the influence of ninth-century church dogma. Even such reputable professors as Wilhelm Wundt are merely disciples of Catholic dogmatism, even as psychologists. This connection is usually not recognized.

[ 14 ] Wodurch ist es gekommen, daß man, wenn man weltliche Wissenschaft bespricht, überhaupt nicht von Geist reden darf? Zum Teil ist es von diesem Dogma gekommen. Man darf aber nicht einmal von Seele reden. Von wirklicher Seele darf man nicht reden, weil die religiösen Bekenntnisse für sich das Recht beanspruchen, über Seele und, soweit sie wollen, soweit es das Dogma gestattet, über Geist zu sprechen; es ist für sie monopolisiert. Man redet eigentlich über etwas, was einem nicht zukommt, wenn man über Seele und Geist redet, denn das gehört denjenigen, die vom Standpunkte eines religiösen Bekenntnisses aus zu den Menschen sprechen. Was blieb denn der wirklichen Wissenschaft anderes übrig, dieser armen Zoologie, Physiologie, Chemie und Physik, als von materiellen Vorgängen zu sprechen. Wenn da oder dort etwas aufflammt, wenn sie vom Geiste sprechen, da mischen sie sich ein in die Angelegenheiten der religiösen Bekenntnisse. Es bleibt dieser armen weltlichen Wissenschaft nichts anderes übrig, als materiell, materialistisch zu werden, weil die religiösen Bekenntnisse ihr die Möglichkeit benahmen, irgend etwas Geistiges zu berühren.

[ 14 ] How did it come to be that, when discussing secular science, one is not allowed to speak of the spirit at all? In part, it stems from this dogma. But one is not even allowed to speak of the soul. One must not speak of the true soul, because religious denominations claim for themselves the right to speak of the soul and—to the extent they wish, and to the extent that dogma permits—of the spirit; this is monopolized by them. In fact, when one speaks of the soul and the spirit, one is speaking of something that does not belong to one, for that belongs to those who address people from the standpoint of a religious denomination. What choice did real science—this poor zoology, physiology, chemistry, and physics—have but to speak of material processes? When something flares up here or there, when they speak of the spirit, they are meddling in the affairs of religious denominations. This poor secular science has no choice but to become materialistic, because religious denominations have deprived it of the possibility of touching upon anything spiritual.

[ 15 ] Darin liegt etwas sehr Wichtiges. Sehr wichtig ist, zu erkennen, daß diejenigen Mächte, welche den Materialismus gebracht haben, die kirchlichen Mächte des Abendlandes sind. Den Kirchen verdanken wir den Materialismus. Und der Materialismus wird immer stärker und stärker werden, wenn die Kirchen als religiöse, konfessionelle Verwaltungen nicht ihre Macht verlieren. In dieser Beziehung gibt es keine Möglichkeit, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben, wenn man es mit der Kultur ernst nehmen will. Heute handelt es sich aber darum, daß man es mit diesen Dingen ernst nimmt. Heute darf man nicht aus irgendeiner menschlichen Schwäche heraus Kompromiß über Kompromiß schließen wollen. Ist man genötigt, in der äußeren Wirksamkeit einen Kompromiß zu schließen, so muß man sich dessen bewußt werden und nicht in leichtfertiger Weise darüber hinwegreden. Man muß sich ruhig sagen: Der Gewalt muß selbstverständlich gewichen werden. Aber man muß nicht bei sich selber in der Erkenntnis Kompromisse schließen. Man muß nicht glauben, daß das richtig ist, was man tut unter dem Einfluß der Gewalt.

[ 15 ] Therein lies something very important. It is very important to recognize that the forces that brought about materialism are the ecclesiastical powers of the West. We owe materialism to the churches. And materialism will grow ever stronger unless the churches, as religious and denominational institutions, lose their power. In this regard, there is no room for illusions if one is serious about culture. Today, however, the issue is whether we take these matters seriously. Today, we must not, out of any human weakness, seek to make compromise after compromise. If one is compelled to make a compromise in one’s outward actions, one must be aware of it and not gloss over it lightly. One must calmly tell oneself: Of course, one must yield to force. But one must not compromise one’s own convictions. One must not believe that what one does under the influence of force is right.

[ 16 ] Es ist also notwendig, hier eine Grundlage zu schaffen für die Erkenntnis, die endlich einmal eine sichere Grundlage ist. Heute müssen die Dinge scharf, sehr scharf betont werden. Und hier auf diesem Boden liegen die Dinge, die sehr scharf betont werden müssen. Denn wir stehen heute einmal in einer Zeit, in der mit der Erkenntnis der geistigen Welt Ernst gemacht werden muß. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis, die aufgekommen ist in der fünften nachatlantischen Periode, die begonnen hat mit Galilei, Giordano Bruno, Kepler, Kopernikus, diese naturwissenschaftliche Periode, die zum Beispiel einen der bedeutendsten Vertreter im neunzehnten Jahrhundert in Julius Robert Mayer hatte, verfolgt naturwissenschaftliche Methoden und geht aus von einer naturwissenschaftlichen Gesinnung, welche ein Neues ist gegenüber dem, was als Methoden und Gesinnung in den Glaubensbekenntnissen, die sich aus alten Zeiten heraufgelebt haben, vorhanden war. Zwischen diesen naturwissenschaftlichen Methoden der naturwissenschaftlichen Gesinnung und den Methoden der Glaubensbekenntnisse gibt es keine Möglichkeit einer Vereinigung. Die Geisteswissenschaft, die wirklich heute der Kultur gewachsene Geisteswissenschaft, muß aber auf demselben Erkenntnisboden stehen wie die Naturwissenschaft. Sie muß Ernst machen mit dem, was ich einmal ausgesprochen habe in meinem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Mit solchen Dingen muß durchaus Ernst gemacht werden. Es wird aber nicht Ernst gemacht, wenn man nicht zur Geltung bringt, daß das alles, was wir in der Welt beobachten, uns der Geist entgegenwirkt. Materie ist nirgends vorhanden bloß einseitig als Materie. Überall ist konkrete Materie mit konkretem Geiste zugleich zu finden. Und wenn der Mensch heute sagt, er stehe als Mensch in der Welt da, unter ihm die drei Reiche, Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich, so behauptet er eine Halbheit, wenn er nicht zugleich anerkennt, daß ebenso, wie von seinem Leibe nach abwärts stehen Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich, so auch nach aufwärts stehen drei geistige Reiche, die Reiche der geistigen Hierarchien, die wir bezeichnen als die Reiche der Angeloi, Archangeloi, Archai. Niemand hat ein Recht, von Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich zu sprechen als heruntergehend in das Physische, wenn er nicht weiß, daß hinauf in das Geistige die drei anderen Reiche gehen. Denn der Mensch, wie er in der physischen Welt steht, er steht durch seinen Leib in Verbindung mit den drei Reichen, Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich; er steht durch sein Seelisch-Geistiges in Verbindung mit den drei übergeordneten Reichen, die für das vollständige menschliche Wahrnehmen ebenso geistige Wirklichkeiten sind, wie die drei untergeordneten Reiche physische Wirklichkeiten für die physischen Sinne sind. Und ehe das nicht anerkannt wird, daß man durch ein vollständiges Beobachten in der äußeren Wirklichkeit selber zur Anerkenntnis des Geistes kommt und sich von keinem hergebrachten religiösen Bekenntnis daran hindern läßt, etwas zu behaupten über die geistige Welt — ebensowenig wie man sich verhindern lassen kann an der Behauptung, daß es Walfische gibt —, ehe man nicht dazu kommt, eher kann man nicht dasjenige, was als Impuls in der Gegenwart wirken muß, ergreifen. Über diese Dinge muß heute eben ernst gedacht werden.

[ 16 ] It is therefore necessary to lay a foundation here for knowledge that is, at long last, a secure foundation. Today, things must be emphasized sharply—very sharply. And here, on this ground, lie the things that must be emphasized very sharply. For we are now living in a time when we must take the knowledge of the spiritual world seriously. Scientific knowledge, which emerged in the fifth post-Atlantean period—a period that began with Galileo, Giordano Bruno, Kepler, Copernicus—this scientific period, which had, for example, one of its most significant representatives in the nineteenth century in Julius Robert Mayer—follows scientific methods and proceeds from a scientific mindset that is new in comparison to what existed in terms of methods and mindset in the creeds that have been handed down from ancient times. There is no possibility of uniting these scientific methods and scientific mindset with the methods of the creeds. Spiritual science, however—the spiritual science that has truly grown out of today’s culture—must stand on the same foundation of knowledge as natural science. It must take seriously what I once stated in my book *Mysticism at the Dawn of Modern Spiritual Life*. Such matters must certainly be taken seriously. But they are not taken seriously unless one acknowledges that everything we observe in the world is the result of the spirit working against us. Matter is nowhere present solely as matter. Everywhere, concrete matter is to be found together with concrete spirit. And when a person today says that he stands in the world as a human being, with the three kingdoms—the animal kingdom, the plant kingdom, and the mineral kingdom—below him, he is making a half-truth unless he simultaneously acknowledges that just as the animal kingdom, the plant kingdom, and mineral kingdom, so too, ascending upward, there are three spiritual kingdoms—the kingdoms of the spiritual hierarchies—which we designate as the kingdoms of the Angeloi, Archangeloi, and Archai. No one has the right to speak of the animal, plant, and mineral kingdoms as descending into the physical realm unless they know that the three other kingdoms ascend into the spiritual realm. For human beings, as they exist in the physical world, are connected through their bodies to the three kingdoms—the animal, plant, and mineral kingdoms; and through their soul-spiritual nature, they are connected to the three higher kingdoms, which are spiritual realities for complete human perception just as the three lower kingdoms are physical realities for the physical senses. And until it is recognized that one arrives at the recognition of the spirit through complete observation of external reality itself—and does not allow oneself to be hindered by any traditional religious creed from making a statement about the spiritual world —just as one cannot be prevented from asserting that whales exist—before one reaches this point, one cannot grasp what must act as an impulse in the present. These matters must be given serious thought today.

[ 17 ] Die Sache liegt ja so: Wir sind in einen Zeitraum der menschlichen Entwickelung eingetreten, in dem der Mensch ein anderes Wesen geworden ist, als er in früheren Entwickelungsepochen der Erdenentwickelung war. In einer gewissen Entwickelung war der Mensch immer drinnen. Als die große atlantische Flut abgeflaut war und sich herausentwickelten aus einer viel älteren Kultur die ersten nachatlantischen Kulturblüten in der altindischen Zeit, da entwickelte sich der Mensch seiner Körperlichkeit nach noch sehr stark nach aufwärts. Ebenso in der zweiten Kulturperiode, in der urpersischen Zeit. Ebenso noch in der dritten Kulturperiode, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit; sogar noch in einer gewissen Weise in der griechisch-lateinischen Zeit, die bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ging. Seit jener Zeit hört langsam die Vorwärtsentwickelung, die Aufwärtsentwickelung des Menschen in bezug auf das Körperliche überhaupt auf. Die körperliche Entwickelung des Menschen ist abgeschlossen. Wir stehen nicht vor der Zukunft so, daß wir sagen können: Wie die Entwickelung durch die erste, zweite, dritte, vierte nachatlantische Zeit aufwärtssteigend war, so wird auch in der Zukunft die leibliche Entwickelung des Menschen aufwärtssteigen. — Nein, das wird sie nicht. Der menschliche Leib steigt nicht mehr aufwärts im Reste der Erdenentwickelung. Der menschliche Leib hat seinen Höhepunkt der Aufwärtsentwickelung überschritten und geht als Leib, als erfüllt von leiblichen Kräften, nicht mehr einer Aufwärtsentwickelung, sondern einer Abwärtsentwickelung entgegen. Fragt man nämlich danach mit denjenigen Mitteln der Geisteserkenntnis, die wir gut kennen aus der Literatur, die unter uns lebt, fragen wir danach, warum das so ist, dann muß man sagen: So wie der Mensch heute in eine andere Beziehung eingetreten ist zur Tierwelt — er hatte zum Beispiel während der ägyptisch-chaldäischen Zeit noch viel mehr vom Tier in sich als heute, das Leben war viel tierisch-instinktiver —, so entwickelt er heute auch eine andere Beziehung zu den drei höheren Reichen. Diese drei höheren Reiche hatten nämlich ein ganz besonderes Interesse daran, sich mit dem Menschen zu beschäftigen bis in unser Zeitalter herein. Die Menschen der Gegenwart werden anfangen müssen, zu begreifen, daß, wenn man über diese Dinge redet, man von Wirklichkeiten redet. Die Geister der Hierarchien der Angeloi, der Archangeloi, der Archai, hatten ein lebendiges Interesse daran, sich mit den Menschen zu beschäftigen. Nun hört dieses Interesse in der Gegenwart auf. Es fing an aufzuhören in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, als der fünfte nachatlantische Zeitraum begann. Diese Wesenheiten der höheren Hierarchien betrachteten es als ihr Ideal, ein Bild des Menschen, ein vollkommenes Bild des Menschen zu bekommen. Das konnten sie nicht bekommen bis in unsere Zeit herein, weil der Mensch noch nicht den Gipfel seiner Vollkommenbheit erstiegen hatte. Sie mußten warten. Heute, wo man die konfusen Gottesvorstellungen hat, die den Menschen so leicht zum Atheisten machen, kann man das nicht begreifen, daß die über dem Menschen stehenden geistigen Wesenheiten auch auf etwas warten müssen. Sie mußten warten, bis sie den Menschen so weit gebracht hatten, daß er ein Bild seiner Vollkommenheit vor ihre geistigen Augen stellte. Daher stiegen in den Menschen in früheren Zeiten im Unterbewußtsein instinktive Erkenntnisse, Empfindungen, Willensimpulse auf: das waren die Taten dieser Wesen. Der Mensch konnte das nicht freiwillig aus sich hervorbringen, das tat er instinktiv; aber es waren die Taten dieser Wesen. Und diese Wesen interessierten sich dafür, daß der Mensch vorwärts komme, denn nur wenn es ihnen gelang, den Menschen so weit zu bringen, wie er seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ist, hatten sie das Bild vor sich, das sie vor sich haben mußten wegen ihrer eigenen Entwickelung. Jetzt haben sie den Menschen so weit. Jetzt interessiert sie der _ Mensch von diesem Gesichtspunkte aus nicht weiter. Daher ist der Mensch auch in der Gegenwart so geistverlassen, weil die Geister ein gewisses Interesse an ihm verloren haben. Daher wird er in der Gegenwart so leicht Gegner aller Geist-Erkenntnis, weil die Geister nicht mehr an ihm arbeiten. Für diejenigen Wesenheiten, die unmittelbar in der hieratchischen Ordnung über uns stehen, ist in dieser Beziehung das Interesse erloschen. Und dieses Interesse, das muß nun der Mensch aus seinem eigenen Willen heraus wieder erwecken. Er muß, wie er früher durch seinen Leib veranlaßt worden ist, in seinen Instinkten nach dem Geiste hin sich zu entwickeln, nun aus seinem freien Erkennen heraus gegen die Zukunft hin zu dem Geiste sich entwickeln. Er muß gewissermaßen von sich aus neuen Stoff zur Beschäftigung den höheren Wesen geben, indem er sich an sie anlehnt und Begriffe zu bekommen sucht, die ihre Begriffe sind, die nun über das hinausgehen, was instinktiv in uns gepflanzt ist.

[ 17 ] The fact is this: We have entered a phase of human evolution in which human beings have become different from what they were in earlier epochs of Earth’s development. Humanity was always engaged in a certain process of development. When the great Atlantean flood had subsided and the first post-Atlantean cultural blossoms emerged from a much older culture during the ancient Indian period, human beings were still developing very strongly upward in terms of their physical nature. The same was true during the second cultural period, the ancient Persian era. The same was true in the third cultural period, the Egyptian-Chaldean era; and even, to a certain extent, in the Greco-Latin era, which lasted until the middle of the fifteenth century. Since that time, the forward development—the upward development—of human beings in physical terms has gradually come to a halt. Human physical development is complete. We do not face the future in such a way that we can say: Just as development was ascending through the first, second, third, and fourth post-Atlantean epochs, so too will the physical development of humankind continue to ascend in the future. — No, it will not. The human body will no longer ascend during the remainder of Earth’s development. The human body has passed the peak of its upward development and, as a body filled with physical forces, is no longer heading toward upward development but toward downward development. For if we inquire into this using the means of spiritual knowledge that we know well from the literature that lives among us—if we ask why this is so—then we must say: Just as human beings today have entered into a different relationship with the animal world—for example, during the Egyptian-Chaldean period they still had much more of the animal within them than today, and life was much more animalistic and instinctive—so too are they now developing a different relationship with the three higher realms. These three higher realms, in fact, had a very special interest in engaging with human beings right up to our own age. People today will have to begin to understand that when we speak of these things, we are speaking of realities. The spirits of the hierarchies of the Angeloi, the Archangeloi, and the Archai had a keen interest in engaging with human beings. Now this interest is coming to an end. It began to wane in the middle of the fifteenth century, when the fifth post-Atlantean epoch began. These beings of the higher hierarchies regarded it as their ideal to obtain an image of humanity—a perfect image of humanity. They could not obtain this until our time, because humanity had not yet reached the pinnacle of its perfection. They had to wait. Today, with the confused notions of God that so easily turn people into atheists, it is hard to comprehend that the spiritual beings standing above humankind must also wait for something. They had to wait until they had brought humankind to the point where it presented an image of its perfection before their spiritual eyes. That is why, in earlier times, instinctive insights, feelings, and impulses of will arose in people’s subconscious: these were the deeds of these beings. Human beings could not bring this forth of their own volition; they did so instinctively; but these were the deeds of these beings. And these beings were interested in ensuring that human beings made progress, for only when they succeeded in bringing human beings to the stage they have reached since the mid-fifteenth century did they have before them the image they needed to have for the sake of their own development. Now they have brought human beings this far. From this point of view, humanity no longer interests them. That is why humanity is so spiritually adrift even in the present, because the spirits have lost a certain interest in it. That is why humanity so easily becomes an opponent of all spiritual knowledge in the present, because the spirits are no longer working on it. For those beings who stand immediately above us in the hierarchical order, interest in this regard has faded. And it is this interest that human beings must now reawaken of their own free will. Just as they were once prompted by their physical bodies to develop toward the spirit through their instincts, they must now, through their free understanding, develop toward the spirit as they look toward the future. He must, so to speak, of his own accord provide the higher beings with new material to engage with, by drawing upon them and seeking to grasp concepts that are their own—concepts that now go beyond what is instinctively planted within us.

[ 18 ] Wir müssen daher die Möglichkeit finden, uns in ganz neuer Art zum Geiste zu stellen. Das muß natürlich heute zur Menschheit noch in vorsichtiger Form ausgesprochen werden. Ich habe gestern versucht, recht vorsichtig davon zu sprechen. Aber gerade weil auf der einen Seite vorsichtig gesprochen werden muß, muß auf der andern Seite scharf und radikal auf diese Dinge hingedeutet werden. Denn gäbe es gar keine Menschen, die die Wahrheit auf diesem Gebiete heute ertrügen, so wäre es sehr schlimm um die Geisteskultur der Gegenwart bestellt.

[ 18 ] We must therefore find a way to approach the spirit in an entirely new way. Of course, this must still be expressed to humanity today in a cautious manner. Yesterday I tried to speak about this quite cautiously. But precisely because we must speak cautiously on the one hand, we must point to these things sharply and radically on the other. For if there were no people at all who could bear the truth in this area today, the state of contemporary spiritual culture would be very dire.

[ 19 ] Was hat denn zum Beispiel aufgehört mit Bezug auf das Wesen des werdenden Menschen? Man hat in früherer Zeit mit vollem Recht gesprochen von irgendeinem Menschen, er sei begabt, er habe Anlage zur Genialität. Und man suchte mit Recht die Vorbedingungen zu seiner genialen Anlage in seiner leiblichen Beschaffenheit. Man konnte als Erzieher sich wenden bloß an seine leibliche Beschaffenheit, und indem man diese richtig entwickelte, kam seine Genialität heraus. Es kamen überhaupt seine Anlagen heraus. Von heute ab ist abgeschlossen die leibliche Entwickelung. Wenn man bloß den Leib entwickeln will nach irgendeiner physischen Pädagogik, kommt nichts heraus. Heute muß man sich an die Seele wenden. Heute muß man mit dem rechnen, was nicht bloß in physischer Vererbungs-Entwickelung heraufkommt, denn da kommt nichts mehr herauf, sondern man muß sich wenden an dasjenige, was der Mensch in sich trägt, weil er in diesem Erdenleben die Wiederholung früherer Erdenleben hat. Man muß heute mit dem lebendigen Bewußtsein an den werdenden Menschen gehen, daß man eine Seele vor sich hat. Die Begabungen des Leibes haben so aufgehört, daß es ein Unsinn sein würde, in der künftigen Menschheit davon zu reden. Man wird nicht mehr davon sprechen können, daß der Mensch seinem Leibe nach zu dem einen oder anderen begabt ist, sondern davon, daß der Mensch durch seine Seele zu dem einen oder anderen begabt ist. Das ist etwas, was von einer ungeheuren Bedeutung ist im Leben der Menschheit der Gegenwart. Denn vieles von dem, was man gesagt hat in früheren Zeiten über den Menschen, ist falsch, wenn man es heute sagt. Wenn wir heute noch nicht von der Geisteswissenschaft durchdrungene Pädagogiken lesen, so sind diese alle noch aufgebaut auf dem alten Glauben, der damals berechtigt war, dem Glauben von der physiologischen Begabung des Menschen. Heute gelten sie nicht mehr. Heute hat es nur einen Sinn, wenn wir von der seelischen Begabung des Menschen reden.

[ 19 ] What, for example, has come to an end with regard to the nature of the developing human being? In earlier times, people spoke quite rightly of a person as being gifted or having a predisposition toward genius. And they rightly sought the prerequisites for this genius in the person’s physical constitution. As an educator, one could focus solely on the person’s physical constitution, and by developing it properly, their genius would emerge. Their aptitudes would emerge in general. From now on, physical development is complete. If one seeks merely to develop the body according to some form of physical pedagogy, nothing will come of it. Today one must turn to the soul. Today one must take into account not merely what arises through physical hereditary development—for nothing more arises from that—but one must turn to that which the human being carries within, because in this earthly life they are reliving previous earthly lives. Today we must approach the developing human being with the living awareness that we are dealing with a soul. The innate physical aptitudes have ceased to the extent that it would be nonsense to speak of them in the context of future humanity. We will no longer be able to speak of a person being gifted in one way or another by virtue of their body, but rather of a person being gifted in one way or another by virtue of their soul. This is something of immense significance in the life of present-day humanity. For much of what was said in earlier times about human beings is false when stated today. When we read educational theories today that have not yet been permeated by spiritual science, we find that they are all still based on the old belief—which was justified at the time—in the physiological endowment of human beings. Today, these theories no longer hold true. Today, it makes sense only to speak of the soul’s endowment in human beings.

[ 20 ] Wir müssen also in neuer Art anfangen zu erziehen. Das fordert die Entwickelung der Menschheit selbst in der Gegenwart. Wenn wir mit alten Begriffen reden, dann reden wir nicht von etwas, was auf die Gegenwart noch anwendbar ist. Gewiß ist es schön, heute geschichtlich den Leuten davon zu reden, wie man richtig den Christus anschaut, wenn man ihn im Sinne Luthers anschaut. Aber der Mensch der Gegenwart kann ihn so nicht anschauen, weil diese Anschauung keine Realität mehr in ihm hat und nur zur Lüge wird, wenn er sie vertreten will. Der Mensch der Gegenwart muß, wenn er den Christus finden will, ihn in der unmittelbaren Anschauung finden. So wie wir durch die äußere Anschauung die Natur finden, so finden wir durch die innere Anschauung den Christus. Das, was uns fortwährend die Geisteswissenschaft seit vielen Jahren geltend macht, damit hätte ein Verständnis begründet werden können für einen sozialen Impuls in dem Zeitpunkte, wo ein solcher sozialer Impuls durch die Entwickelung der modernen zivilisierten Menschheit notwendig geworden ist.

[ 20 ] We must therefore begin to educate in a new way. This is what the development of humanity itself demands in the present. When we speak using old concepts, we are not speaking of something that is still applicable to the present. Certainly, it is wonderful to speak to people today, from a historical perspective, about how to view Christ correctly when viewed in the sense of Luther. But people today cannot view him in this way, because this view no longer has any reality for them and becomes nothing but a lie if they try to uphold it. If people today want to find Christ, they must find him through direct perception. Just as we find nature through external perception, so do we find Christ through inner perception. What spiritual science has been emphasizing to us continuously for many years could have served as the foundation for an understanding of a social impulse at the very moment when such a social impulse became necessary due to the development of modern civilized humanity.

[ 21 ] Die Dinge müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Es zeigen ja die Äußerlichkeiten hinlänglich, daß es heute notwendig ist, die Menschen schon daran zu erinnern, die allerprimitivsten Impulse ihrer eigenen Religionsbekenntnisse ernst zu nehmen. Denn, sehen Sie, es gibt sogar für die Christen ein Gebot, daß der Name des Gottes nicht eitel ausgesprochen werden soll. Wenn aber dann jemand kommt und von sozialen Angelegenheiten spricht, dann kommen gleich die Leute und sagen: Ja, der redet ja gar nicht von dem Christus; das ist also nicht christlich. — Es wird wahrhaftig nicht dadurch christlich, daß man in jeder dritten Zeile den Namen des Christus ausspricht. Es braucht nur so gesprochen zu werden, daß man davon durchdrungen sein kann, daß es aus der Gesinnung heraus gesprochen ist, aus der der Christus will, daß in der Gegenwart gesprochen werde. Wenn aber aus dem Geiste der Gegenwart selbst heraus einmal gesprochen wird, und man sich bemüht, aus diesem Geiste der Gegenwart heraus zu sprechen, dann kommen die Leute und sagen: Ja, der redet ja nicht von dem Christus. Der sollte überhaupt mehr innerlich reden. — Und dann wird in alleräußerlichster Weise das sogenannte Innerliche vorgebracht. Sie wissen ja, daß aus einer gewissen Tantenhaftigkeit heraus jener Angriff kam, der da besagte, daß man eigentlich so nach jedem fünften Wort von «Innerlichkeit» zu reden gehabt hätte. Selbstverständlich wäre es mir viel bequemer, diese Tantenhaftigkeit gar nicht zu berühren. Aber es ist notwendig in der Gegenwart, Tantenhaftigkeit und Onkelhaftigkeit zu berühren, weil sie zu großen Schaden anrichten in bezug auf das, was wirklich geschehen muß. Ich möchte wirklich fragen, ob solche Tantenhaftigkeit und Onkelhaftigkeit sich wirklich bemüht, in dasjenige einzudringen, was als das wahrhaft Geistige in der Gegenwart zur Geltung gebracht werden muß. Wir müssen den Mut haben, uns zu sagen: Das, was wir im einzelnen tun, zum Beispiel indem wir im einzelnen unterrichten, das muß getan werden aus der Erkenntnis heraus, daß die Menschheit jetzt andere Entwickelungsimpulse in sich trägt als vor verhältnismäßig noch kurzer Zeit, daß tatsächlich führende Geister der übersinnlichen Welt bis vor einiger Zeit ein Interesse daran hatten, den Menschen bis zu einem gewissen Punkte zu bringen. Allein, das Bild des Menschen ist abgeschlossen, und der Mensch muß aus seinem Innern heraus selber den Anschluß an die Geistigkeit suchen, damit das, was der Mensch nun über sein Leibliches, sein leiblich Veranlagtes hinaus produziert, ihn wiederum interessant macht für die über ihm stehenden Geister. Sonst wird unsere Kultur veröden, versanden, versumpfen. Davor kann uns nichts retten, was in irgendeiner Weise Altes aufwärmen will. Davor kann uns nur retten der Mut, das Spirituelle aus einer gleichen Gesinnung heraus anzufangen, wie naturalistisch angefangen worden ist vom fünfzehnten Jahrhundert ab gegenüber den alten Bekenntnissen. Das ist es hauptsächlich, was ich heute vor Ihnen entwickeln wollte: daß wir zu gewissen über uns stehenden Geistern nur richtig hinaufsehen, wenn wir uns gestehen, daß mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts das alte Verhältnis zu ihnen abgelaufen ist, und daß seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Menschheit notwendig hat, ein neues Verhältnis zur geistigen Welt einzugehen. Man sei in diesem Punkte wahr. Man sei zum Beispiel in folgendem wahr; man braucht ja nicht gleich unmenschlich zu sein, wenn man wahr ist, aber man sei wahr. Mit Bezug auf das Äußere kann ja nicht gleich der Mensch die gesamte Metamorphose der Menschheit mitmachen. Er wird heranerzogen durch das, was sich aus alten Impulsen heraus fortsetzt. So wurden heranerzogen durch das, was sich aus alten Impulsen heraus fortsetzte, diejenigen Menschen, die heute von den Kanzeln herunter die alten Bekenntnisse verkünden. Warum sollte man denn nicht menschlich ganz lieb sein mit dem, was von jener Seite kommt? Das kann man ja, aber man soll nur um Gottes willen nicht es ernst nehmen für die Ergründung der Wahrheit in der Gegenwart. Man soll sich sagen: Gewiß, die Leute sind dazu erzogen; sie können nicht in späteren Jahren ihren Beruf ändern; also mögen sie reden. Aber man soll doch nicht glauben, daß es notwendig ist, anders als in äußerlicher Weise, indem man sich wehrt, auf Diskussionen, die von jener Seite kommen, etwas zu geben. Und ähnliches mehr.

[ 21 ] Things must be viewed in context. After all, outward appearances make it abundantly clear that today it is necessary to remind people to take the most basic impulses of their own religious beliefs seriously. For, you see, even for Christians there is a commandment that the name of God should not be taken in vain. But when someone comes along and speaks of social issues, people immediately say: “Well, he’s not talking about Christ at all; so that’s not Christian.”—It certainly does not become Christian simply by mentioning the name of Christ every third line. One need only speak in such a way that one is imbued with the conviction that it is spoken from the spirit in which Christ wishes us to speak in the present. But once one speaks from the very spirit of the present, and strives to speak from this spirit of the present, then people come and say: “Yes, he’s not talking about Christ at all.” “He should speak more from within.” — And then the so-called “inner life” is presented in the most outward manner. You know, after all, that it was out of a certain “aunt-like” mentality that the attack came, claiming that one should actually have spoken of “inner life” after every fifth word. Of course, it would be much more comfortable for me not to touch on this “aunt-like” mentality at all. But it is necessary in the present to address this “aunt-like” and “uncle-like” attitude, because it causes great harm with regard to what really needs to happen. I would really like to ask whether such “aunt-like” and “uncle-like” attitudes truly strive to penetrate into what must be brought to the fore as the truly spiritual in the present. We must have the courage to tell ourselves: What we do in specific ways—for example, by teaching in specific ways—must be done out of the recognition that humanity now carries within itself different developmental impulses than it did even a relatively short time ago, and that, in fact, leading spirits of the supersensible world had, until recently, an interest in bringing human beings up to a certain point. However, the human form is complete, and human beings must themselves seek a connection to the spiritual from within, so that what they now produce beyond their physical nature and physical predispositions will once again make them of interest to the spirits above them. Otherwise, our culture will wither away, fizzle out, and stagnate. Nothing that seeks in any way to rehash the old can save us from this. Only the courage to embark on the spiritual path with the same spirit with which naturalism set out in the fifteenth century—in opposition to the old creeds—can save us from this. That is essentially what I wanted to elaborate on before you today: that we can only truly look up to certain higher spirits if we admit to ourselves that, with the end of the nineteenth century, the old relationship with them has come to an end, and that since the last third of the nineteenth century, humanity has been compelled to enter into a new relationship with the spiritual world. Let us be truthful on this point. Let us be truthful, for example, in the following: one need not be inhuman just because one is truthful, but let us be truthful. As far as outward appearances are concerned, a person cannot immediately undergo the entire metamorphosis of humanity. He is brought up by what continues to flow from old impulses. Thus, those who today proclaim the old creeds from the pulpit were brought up by what continued from old impulses. Why shouldn’t one be completely kind and human toward what comes from that side? One can certainly do that, but for God’s sake, one must not take it seriously as a means of fathoming the truth in the present. One should say to oneself: Certainly, these people were raised that way; they cannot change their calling in later years; so let them speak. But one should not believe that it is necessary to give any weight—other than in an outward manner, by defending oneself—to discussions coming from that side. And similar things.

[ 22 ] Wie gesagt, es wäre bequemer, diese Dinge unausgesprochen zu lassen. Aber wir gehen so schweren und ernsten Zeiten entgegen, daß es ganz unmöglich ist, diese Dinge unausgesprochen zu lassen. Und viel zu sehr ist die menschliche Schwäche verbreitet, in diesen Dingen nicht Ernst zu machen. Gewiß, jeder mag sagen: Ich kann ja nicht heraus aus meiner Haut, oder aus meinem Amt, oder was auch. Aber er rechtfertige es doch nicht, sondern er gestehe sich, daß er eben vorläufig Kompromisse schließt. Das Vertreten der Wahrheit, auch wenn man diese Wahrheit nur aus den äußeren Zeitverhältnissen heraus als notwendig betrachtet, das ist das Wichtige in unserer Zeit. Wenn man beachtet, wie die gegenwärtige Menschheit hineingesaust ist in jene so furchtbaren Katastrophen der letzten Jahre, so findet man ja als Grund keinen anderen als den, daß die Menschen so sehr davon abgekommen sind, von den Dingen immer hinzusehen zu den Worten, und von den Worten immer hinzusehen zu den Dingen. Es werden ja heute vielfach eben bloß die Worte angeschlagen, und dann glaubt man, von den Dingen etwas zu wissen. Diese Neigung, Phrasenhaftigkeit bis ans Ende zu entwickeln, das ist die Grundneigung unserer Gegenwart, und dann: nicht zu sehen, daß, wenn die Worte da sind, ja noch nicht die Sachen da sind.

[ 22 ] As I said, it would be more convenient to leave these matters unspoken. But we are facing such difficult and serious times that it is quite impossible to leave these matters unspoken. And human weakness is far too widespread when it comes to not taking these matters seriously. Certainly, anyone might say: “I can’t change who I am, or my position, or whatever.” But let them not justify it; rather, let them admit to themselves that they are merely making compromises for the time being. Upholding the truth—even if one regards this truth as necessary solely in light of current circumstances—that is what matters most in our time. If one considers how humanity today has been swept up into those terrible catastrophes of recent years, one finds no other reason for this than that people have strayed so far from always looking from things to words, and from words to things. Today, in many cases, people merely focus on the words, and then believe they know something about the things themselves. This tendency to take phraseology to its extreme—that is the fundamental tendency of our present age—and then: failing to see that, even when the words are there, the things themselves are not yet there.

[ 23 ] Wir haben uns in diesen letzten Wochen damit zu beschäftigen gehabt, den Kursus für die Lehrerschaft der Waldorfschule zu besorgen. Da sollte dasjenige, was tote Pädagogik ist, in lebendige erzieherisches Kunst umgewandelt werden. Da trat einem lebendig vor Augen Wahrheit, die oftmals doch nur übersehen wird, weil man Worte Worte sein läßt. Da traten einem zum Beispiel lebendig vor Augen, wenn man sich auseinandersetzen mußte, dicke Dinge, gedruckte dicke Dinge, außen steht « Amtsblatt» drauf. Denn es ist ein Abschnitt aus einem Amtsblatt. Oder «Lehrplan» steht darauf für das oder jenes dicke Ding. «Lehrplan», da steht nicht nur drinnen: in der oder jener Klasse dieser oder jener Schule soll das oder jenes gelehrt werden, oder, was auch noch beweglich sein könnte: das oder jenes soll bis zu diesem oder jenem Ziel gekonnt werden; sondern da steht tatsächlich — man sollte es nicht glauben —, wie man unterrichten soll, wie man den Stoff behandeln soll. Das ist heute schon Inhalt einer Verordnung, der Inhalt von Staatsverordnungen. Was heißt das, wenn man es der Wirklichkeit nach erfaßt? Ja, wenn man es so sagt: In einem Amtsblatt wird verordnet, wohlwollend, väterlich bevormundend, wie unterrichtet werden soll, und man denkt nicht darüber nach, so kann man sich darüber hinwegsetzen. Wenn man aber nachdenkt — was eine unbequeme Beschäftigung ist für die meisten Menschen der Gegenwart —, dann kommt man darauf, zu wissen: Es wird heute nicht Pädagogik gelehrt und Didaktik gelehrt an den höheren Schulen, daß die Menschen das begreifen, sondern es wird Pädagogik durch Gesetze verordnet. Wie man den Menschen verordnet, daß sie nicht stehlen sollen, so verordnet man ihnen durch Amtsblätter, durch amtliche Verfügungen, wie sie unterrichten sollen. Und das empfindet man nicht, was da drinnen liegt. Und es ist so, daß in der Empfindung desjenigen, was da eigentlich erst in der neueren Zeit aufgetreten ist, allein der Ausgangspunkt für die Gesundung der Verhältnisse liegen könnte. Fünfzig Menschen, die an solchen Stellen stehen, wo man ihre Worte so hört, wie man die Worte der Mitglieder der Weimarer Nationalversammlung gehört hat, fünfzig Menschen, die so etwas empfinden wie die Anomalie der Gesetzgebung über Pädagogik, das würde mehr bedeuten für die Gesundung der Welt als das fade Geschwätz, welches an jener Stelle gesprochen worden ist in den letzten Monaten.

[ 23 ] Over the past few weeks, we have been working on organizing the training course for the Waldorf School teaching staff. The aim was to transform what is dead pedagogy into a living art of education. There, a truth came vividly into view—one that is often overlooked simply because words are treated as mere words. For example, it became vividly clear when we had to grapple with thick volumes—printed, thick volumes—labeled “Official Gazette” on the cover. For it is an excerpt from an official gazette. Or “Curriculum” is written on the cover of this or that thick volume. “Curriculum”—it doesn’t just say inside: this or that is to be taught in this or that class at this or that school, or—which could still be flexible—this or that is to be mastered up to this or that goal; but it actually says—you wouldn’t believe it—how one is to teach, how one is to handle the material. Today, this is already the content of a regulation—the content of state regulations. What does that mean when you grasp it in terms of reality? Well, to put it this way: an official gazette decrees, in a benevolent, paternalistic, patronizing manner, how teaching should be conducted, and if you don’t give it much thought, you can simply ignore it. But if one thinks about it—which is an uncomfortable exercise for most people today—then one comes to realize: Pedagogy and didactics are not taught in high schools today so that people can understand them; rather, pedagogy is prescribed by law. Just as people are told not to steal, they are told through official gazettes and decrees how they are to teach. And people do not perceive what lies behind this. And it is the case that only in the perception of what has actually emerged in recent times could the starting point for the restoration of healthy conditions lie. Fifty people who hold positions where their words are heard in the same way that the words of the members of the Weimar National Assembly were heard—fifty people who perceive something like the anomaly of legislation governing education—that would mean more for the restoration of the world than the insipid chatter that has been uttered in that very place over the past few months.

[ 24 ] Dafür muß auch wiederum eine Empfindung da sein, und diese Empfindung wird von nichts anderem kommen als davon, daß lebendig in den menschlichen Seelen und in den menschlichen Herzen einkehren die Kräfte der geistigen Erkenntnis. Nicht die bloße Theorie, die uns gestattet, mit den Dingen einverstanden zu sein theoretisch, und die uns dann nichts lehrt darüber, mit dem Geiste Ernst zu machen. Mit dem Geiste Ernst machen, heißt: wenn man einen Saal betritt, ist man eins mit dem Geiste und der Seele der Menschen, die da drinnen sind. Glaubensbekenntnisse, theoretisch gefaßt, sind heute ein Nichts. Das Sich-Erfühlen und Sich-Empfinden im Geiste, das ist es, was heute einzig und allein die Menschheit gesund machen kann.

[ 24 ] For this, too, there must be a feeling, and this feeling can come from nothing other than the fact that the powers of spiritual knowledge take root, alive, in human souls and in human hearts. Not mere theory, which allows us to agree with things in theory, but then teaches us nothing about taking the spirit seriously. To take the spirit seriously means that when you enter a room, you are at one with the spirit and the souls of the people who are inside. Creeds formulated theoretically are nothing today. Feeling and sensing oneself in the spirit—that is the only thing that can make humanity healthy today.

[ 25 ] Das war gemeint, als hier begonnen worden ist, sozial zu wirken. Aus dem lebendigen Geiste heraus zu wirken, das war gemeint. Bis jetzt sind die Menschen nur dazu gekommen, zu sagen: Ich bin mit dem oder jenem einverstanden, dem Wortinhalt, dem Satzinhalt nach. Daß die Menschen heute so gescheit sind, mit einem Satzinhalt leicht einverstanden sein zu können, das leugnet gewiß derjenige am allerwenigsten, der da aus der inneren Geist-Erkenntnis heraus sich getraut zu behaupten: Die geistigen Wesen, die bis jetzt an der Entwickelung gearbeitet haben, die haben den Menschen jetzt so weit, daß er bei ihrem Vollkommenheitsideal angelangt ist. Daß die Menschen heute gescheit sind, daß sie kritisieren können, daß sie intellektuell sehr weit sind, daß sie in gewisser Beziehung sogar irdisch vollkommene Geschöpfe sind, das wird nicht geleugnet. Aber gerade weil sie das sind, müssen sie eine neue Quelle in sich selber aufmachen, aber eine ganz neue Quelle.

[ 25 ] That was the intention when we began to work for social change here. To act out of a living spirit—that was the intention. So far, people have only managed to say: “I agree with this or that,” in terms of the meaning of the words or the content of the sentence. That people today are so intelligent as to be able to easily agree with the content of a sentence—this is certainly least denied by those who, out of inner spiritual insight, dare to assert: The spiritual beings who have been working on evolution up to now have brought humanity so far that it has reached their ideal of perfection. It is not denied that people today are wise, that they are capable of critical thinking, that they are intellectually very advanced, and that in a certain sense they are even perfect earthly beings. But precisely because they are this way, they must open up a new source within themselves—a completely new source.

[ 26 ] Gewiß, der Erkenner des geistigen Lebens hält die Menschen von heute für vollkommen. Aber gerade deshalb, weil sie vollkommen sind, weil sie durch andere Wesen als durch sich selbst vollkommen geworden sind, müssen sie jetzt anfangen, aus sich selbst etwas zu machen.

[ 26 ] Certainly, those who understand spiritual life consider the people of today to be perfect. But precisely because they are perfect—because they have become perfect through beings other than themselves—they must now begin to make something of themselves.

[ 27 ] Das war es, was mich vor Jahrzehnten dazu veranlaßt hat, zum Beispiel die Moralwissenschaft auf eine neue Basis zu stellen und in meiner «Philosophie der Freiheit» von « Moralischer Phantasie» zu sprechen, das heißt von dem aus dem Menschen heraus Schöpferischen auch auf moralischem Gebiet. Weil mir vor Augen stand: Was der Mensch instinktiv aus sich selbst heraus entwickelt, und was man immer Ethik genannt hat, das hat keine Zukunft.

[ 27 ] That was what prompted me, decades ago, to place the science of morality on a new foundation, for example, and to speak in my *Philosophy of Freedom* of “moral imagination”—that is, of the creative power that springs from within human beings, even in the moral realm. Because it was clear to me: What human beings instinctively develop from within themselves—and what has always been called ethics—has no future.

[ 28 ] Ich habe schon oft hier, am Schlusse meiner Ausführungen, ausgesprochen, daß ich so froh wäre, wenn es mir gelänge, trotz der unvollkommenen Art, in der selbstverständlich so etwas vorgebracht werden muß, Widerhall in den Herzen der Freunde zu finden, wirklichen Widerhall zu finden. Denn es kommt mir niemals darauf an, ihnen bloß theoretisch dies oder jenes plausibel zu machen, sondern es kommt mir darauf an, dasjenige zu deuten, was die Zeichen der Zeit für die Gegenwart dem Menschen einprägen möchten. Es kommt mir nicht darauf an, durch diese oder jene Behauptung zu überraschen, oder nicht zu überraschen, sondern es kommt mir nur darauf an, das zu sagen, was für die Gegenwart wirklich notwendig ist.

[ 28 ] I have often said here, at the end of my remarks, that I would be so happy if I could, despite the imperfect way in which such a thing must naturally be presented, find an echo in the hearts of my friends—a true echo. For my aim is never merely to make this or that plausible to them in a theoretical sense, but rather to interpret what the signs of the times seek to impress upon people in the present. My aim is not to surprise—or not to surprise—with this or that assertion, but simply to say what is truly necessary for the present.

[ 29 ] Lagen nicht der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, wie ich sie vertrete, diese Prinzipien zugrunde? Jedem anderen Prinzip gegenüber wäre es vielleicht besser gewesen, das Wirken für diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu unterlassen. Zu unterlassen aus dem einfachen Grunde, weil es ganz selbstverständlich ist, daß aus dem, was in den Menschen der Gegenwart lebt, der Einzelne, der Geisteswissenschaft zu vertreten hat, mit allem möglichen Unrat beworfen wird. Das ist ganz selbstverständlich. Das kann nicht anders sein, denn so ist eben die Gegenwart in der heutigen Übergangsepoche. Es kann sich nur darum handeln, Geisteswissenschaft zu vertreten, Geisteswissenschaft zu verkünden, weil man die dringende Notwendigkeit einsieht, das, was durch die Geisteswissenschaft verkündet wird, gerade in der Gegenwart an die Menschheit heranzubringen. Man darf eben nicht von einer bloß sukzessiven Entwickelung sprechen, sondern man muß sprechen von Umschwüngen in der Entwickelung. Die Pflanze entwickelt sich auch sukzessiv, aber der Übergang vom Laubblatt zum farbigen Blumenblatt ist ein schroffer. So hat sich die Menschheit sukzessiv entwickelt; aber der Übergang von der Zeit, wo die Entwickelung der Menschheit geführt wurde von göttlich-geistigen Wesen, die den Menschen zur Vollkommenheit brachten, zu der Zeit, wo der Mensch sich selbst regen muß, dieser Übergang ist ein schroffer, und er muß vollzogen werden. Und ohne das Bekenntnis zu einem schroffen Übergang kommt man über den Rubikon der heutigen Kulturmisere nicht hinweg. Wer immerzu dieses oder jenes will, weil es gerade bequem ist, aus dem alten Fahrwasser mit hinüberzunehmen, der kommt nicht wirklich drüben an, in den Gebieten, von denen aus sich die Impulse der Zukunftskultur entwickeln können.

[ 29 ] Are these principles not the foundation of the anthroposophically oriented spiritual science, as I represent it? In the face of any other principle, it might have been better to refrain from working for this anthroposophically oriented spiritual science. To refrain for the simple reason that it is only natural that, given what is alive in people today, the individual who advocates spiritual science will be pelted with all manner of filth. That is only natural. It cannot be otherwise, for that is simply the nature of the present in today’s transitional epoch. The only thing that matters is to advocate for spiritual science, to proclaim spiritual science, because one recognizes the urgent necessity of bringing what is proclaimed through spiritual science to humanity, especially in the present. One must not speak merely of a gradual development, but rather of turning points in development. A plant also develops gradually, but the transition from a leaf to a colorful petal is an abrupt one. Humanity, too, has developed gradually; but the transition from the time when humanity’s development was guided by divine-spiritual beings who led people to perfection, to the time when human beings must take the initiative themselves—this transition is an abrupt one, and it must be accomplished. And without acknowledging this abrupt transition, one cannot cross the Rubicon of today’s cultural crisis. Anyone who constantly wants this or that simply because it is convenient to carry it over from the old ways will not truly reach the other side—the realms from which the impulses of future culture can develop.

[ 30 ] Wahrhaftig, die Dinge, die heute unternommen werden müssen, sie sind nicht von der Art, wenn sie aussichtsvoll sein sollen, wie sie gedacht werden da oder dort, sondern sie sind von der Art, wie zum Beispiel unsere Waldorfschule ist. Mit der Waldorfschule wird etwas unternommen, von dem man gar nicht anders sagen kann, als daß es dem, dem es ernst damit ist, zur schwersten Sorge des Lebens wird. Ich zum Beispiel gestehe Ihnen ganz offen: Betrachte ich die geistige Konstitution der Gegenwart, und sehe ich die Notwendigkeit, bei der Begründung einer solchen Schule mitzuwirken, dann wird mir etwas im Herzen, das ich schon so bezeichnen darf: daß ich ja schon mancherlei Sorge gehabt habe, daß aber diese Waldorfschule zu meinen allergrößten Sorgen gehört. Das kann nicht abhalten davon, diese Dinge zu unternehmen. Nicht deshalb bloß, weil ich etwa glaube, sie würde mißlingen. Sie wird schon gelingen. Aber weil wir werden sorgen müssen dafür, daß immer das Richtige geschieht zu diesem Gelingen. Es wäre ganz eitel, wenn man nicht gestehen wollte, daß diese Sorgen vorhanden sind. Aber vielleicht haben wir doch schon einiges gerade auch für diese spezielle Aufgabe dadurch getan, daß wir uns bemüht haben, auch bei der Besprechung dieses Kapitels wahr, restlos wahr zu sein. Und damit ja nicht die Dinge so genommen werden können, daß man nur das Einseitige sieht, wollte ich heute zu Ihnen das sprechen, was ich eben gesprochen habe. Ich konnte natürlich gestern in der Eröffnungsrede nicht dieselben Töne anschlagen. Ich konnte den Leuten, die dort versammelt waren, nicht sprechen von dem Interesse der höheren Hierarchien, und davon, daß des Menschen Bild fertig ist, daß etwas anderes an die Stelle treten muß und dergleichen. Aber wenn man einen Baum von einer Seite photographiert, so muß er auch von der andern Seite photographiert werden, damit ein vollständiges Bild entsteht. Deshalb mußte ich auch das noch hinzufügen, was ich heute zu Ihnen gesprochen habe. Denn ausgesprochen muß in unserer Zeit werden das, was wahr ist, in einer wahren Weise. Wir müssen auch diesen Satz lernen, daß wir nicht bloß die Wahrheit zu vertreten haben, sondern daß wir auch die Wahrheit wahr zu vertreten haben. Denn heute sind wir durch die Menschheitsentwickelung in der Epoche angekommen, wo man die Wahrheit auch unwahr vertreten kann. Es wird gelernt werden müssen, die Wahrheit wahr zu sagen. Denn auf manchem Gebiete sind heute die Wahrheiten billig wie Brombeeren, weil man sie nur da oder dort aufzulesen hat. Die Menschheitskultur ist in dieser Beziehung eine vollkommene. Aber nur diejenigen erfüllen die Aufgabe für die Zukunft, die nicht nur dasjenige machen, was heute leicht zu machen ist; denn irgendwelche Begriffe zu verknüpfen selbst zu einer neuen Weltanschauung, das ist leicht zu machen. Nicht diejenigen machen etwas, was in die Zukunft hineinwirkt, die so verfahren, sondern nur die machen etwas Fruchtbares, die über die Wahrheit aus der wahren Seele heraus sprechen. Nicht allein auf den Wortlaut kommt es heute an, sondern auf das geistige Fluidum, das diesen Wortlaut durchzieht. Dafür muß man sich heute aber ein Gefühl aneignen. Von diesem Gefühl sind die Leute vielfach recht weit entfernt. Man kann heute noch ganze Seiten lesen, ohne daß man darauf kommt, daß der Betreffende, der sie geschrieben hat, ein verlogener Kerl ist. Dazu werden sich die Menschen die Fähigkeit aneignen müssen, nicht allein das Logische zu empfinden, sondern den Wahrheitsquell zu fühlen. Viel innerlicher als diejenigen es glauben, die heute von Innerlichkeit zu sprechen glauben, viel innerlicher wird dasjenige sein, was den Menschen für die Zukunft wird befähigen können, wirklich zu wirken, wirklich etwas zu tun, sei es auch im kleinsten Kreise, was die Menschheit hinüberträgt in die Zukunft.

[ 30 ] Truly, the things that must be undertaken today—if they are to have any hope of success—are not of the kind that are being conceived here and there, but are of the kind exemplified, for instance, by our Waldorf School. With the Waldorf School, something is being undertaken that one simply cannot describe in any other way than as becoming the greatest concern of one’s life for those who take it seriously. I, for example, will confess quite openly: When I consider the spiritual constitution of the present age and see the necessity of helping to establish such a school, something stirs in my heart that I may already describe as follows: I have indeed had many worries, but this Waldorf School ranks among my greatest concerns. That cannot deter me from undertaking these things. Not merely because I believe it will fail. It will succeed. But because we will have to ensure that the right things are always done to make this success possible. It would be utterly vain not to admit that these concerns exist. But perhaps we have already done quite a bit specifically for this particular task by striving to be truthful—utterly truthful—even in our discussion of this chapter. And so that things cannot be taken in such a way that one sees only one side of the story, I wanted to say to you today what I have just said. Of course, I could not strike the same tone yesterday in the opening address. I could not speak to the people gathered there about the interests of the higher hierarchies, or about the fact that the image of the human being is complete, that something else must take its place, and so on. But if you photograph a tree from one side, it must also be photographed from the other side so that a complete picture emerges. That is why I also had to add what I have spoken to you about today. For in our time, what is true must be spoken in a true way. We must also learn this principle: that we are not merely to uphold the truth, but that we must also uphold the truth truthfully. For today, through the development of humanity, we have arrived at an epoch where the truth can also be presented untruthfully. We will have to learn to speak the truth truthfully. For in many areas today, truths are as common as blackberries, because one need only pick them up here and there. Human culture is perfect in this regard. But only those who do more than simply do what is easy to do today will fulfill the task for the future; for linking any concepts together—even into a new worldview—is easy to do. Those who proceed in this way do not create anything that will have an impact on the future; only those who speak the truth from the depths of their true soul create something fruitful. What matters today is not merely the wording, but the spiritual aura that permeates it. To do this, however, one must cultivate a certain sensibility today. People are often quite far removed from this sensibility. Even today, one can read entire pages without realizing that the person who wrote them is a deceitful individual. To achieve this, people will have to develop the ability not only to perceive what is logical, but also to sense the source of truth. Much more inner than those who today believe they are speaking of inner life imagine, much more inner will be that which will enable people in the future to truly act, to truly do something—even within the smallest circle—that carries humanity into the future.

[ 31 ] Deshalb war es schon die ganzen Jahre her notwendig, daß die Dinge, die unter uns besprochen werden, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus besprochen werden. Dadurch allein gewinnen wir die Möglichkeit, sie vollständig und kraftvoll zu durchleben. Mit dieser inneren Sehnsucht, heranzutreten an die Weltengeheimnisse und sie innerlich wahr und kraftvoll zu empfinden, mit dieser Sehnsucht müssen wir uns ausrüsten. Nichts anderes wollte ich gerade heute mit diesen Worten, als daß Sie etwas in sich selbst erfühlen lernen von der Notwendigkeit dieser Sehnsucht und von dem Walten von so viel Unwahrem in unserer Zeit und zwischen den Menschen unserer Zeit. Daß Wahrheit werde! Dieses Verlangen möchte man gerade aus dem sorgenvollsten Herzblute heraus heute immer wieder und wiederum der Menschheit zurufen.

[ 31 ] That is why, for all these years, it has been necessary for the matters we discuss among ourselves to be examined from a wide variety of perspectives. Only in this way do we gain the opportunity to experience them fully and powerfully. We must arm ourselves with this inner longing to approach the mysteries of the world and to perceive them inwardly as true and powerful; we must equip ourselves with this longing. My sole intention in speaking these words today was to help you learn to sense within yourselves the necessity of this longing and the prevalence of so much untruth in our time and among the people of our time. May truth prevail! It is this desire that one wishes to cry out to humanity again and again today, straight from the very depths of one’s most anxious heart.

[ 32 ] Von solchen Dingen wie das, von dem ich ausgegangen bin: daß jemand vollständig einverstanden ist mit einer Sache dem Wortlaute nach, sie aber nicht begreifen kann, weil sie aus dem Geiste kommt, von solchen Dingen muß noch viel, viel gelernt werden. Versuchen Sie gerade das Lernen auf diese Art zu verstehen, und Sie werden den Aufgaben dienen, welche die Gegenwart an Sie stellt. Sie werden noch manches andere finden, als Sie bisher schon gefunden haben, und vieles ruht noch im Schoße der Gegenwart, was gefunden werden muß, damit Gesundung in die Menschheit hineinkommt. Aber gefunden ist noch nicht alles Ausgesprochene von der Menschheit. Und wer die Dinge durchschaut, wie sie heute wirken, der weiß nur zu gut, daß dadurch, daß er das eine oder andere gesagt hat, es noch nicht gefunden worden ist von der Menschheit. Helfen Sie dazu, solch ein Wort richtig zu verstehen, dann werden Sie nicht mehr verfehlen, auch dazu zu helfen, daß die Wahrheit nicht bloß der äußeren, logischen Gestalt nach, sondern wahrhaftig in der Menschheit verbreitet werde. Erst dann werden Sie Glieder jenes Ordens sein, den wir brauchen, jenes Ordens, dessen Devise ist, die Wahrheit wahr zu vertreten. Und dessen Geheimnis ist, daß es möglich ist, zwar Wahrheit zu verbreiten, aber die Wahrheit auf unwahre Art zu verbreiten und dadurch mehr zu schaden, als durch die Verbreitung der Lüge oftmals geschadet wird. Dies, meine lieben Freunde, ist wert, bedacht zu werden: was es heißt, Schaden dadurch anzurichten, daß man die Wahrheit unwahr geltend macht.

[ 32 ] There is still much, much to be learned about things like the one I started with: that someone may agree completely with something in letter, but cannot comprehend it because it comes from the spirit. Try to understand learning in this way, and you will serve the tasks that the present sets before you. You will find many other things besides what you have already found, and much still lies hidden within the bosom of the present that must be discovered so that healing may come to humanity. But not everything that has been spoken has yet been discovered by humanity. And whoever sees through the way things operate today knows only too well that just because he has said one thing or another, it has not yet been discovered by humanity. Help to ensure that such a word is properly understood, and then you will not fail to help ensure that the truth is spread among humanity—not merely in its outward, logical form, but truly. Only then will you be members of that order we need—that order whose motto is to truly uphold the truth. And its secret is that it is possible to spread the truth, yet to spread it in a false manner, thereby causing more harm than is often caused by the spreading of lies. This, my dear friends, is worth considering: what it means to cause harm by asserting the truth in a false way.