Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192
8 September 1919, Stuttgart
Sechzehnter Vortrag
[ 1 ] Ich wollte an diesem Abend noch einmal zu Ihnen sprechen aus dem Grunde, weil ich es für nötig halten muß, zusammenfassend in einigen Ausblicken manches noch vorzubringen, was zusammenhängt mit alledem, was hier geschehen ist und von hier aus geschehen ist mit Bezug auf die Kulturbewegung unserer Gegenwart. Und namentlich in bezug auf alles das, was gewissermaßen der Anlage nach in dem von hier aus Geschehenen und Beabsichtigten noch liegen kann.
[ 2 ] Ich werde Ihnen vielleicht heute nicht besonders viele außergewöhnlich neue Sachen zu sagen haben, aber Zusammenfassendes, das noch einmal durch unsere Seelen ziehen soll, das wird gerade notwendig sein, jetzt auszusprechen.
[ 3 ] Es ist der Grundton, aus dem heraus ich auch heute sprechen möchte, öfters schon hier angeschlagen worden gerade in der letzten Zeit, der Grundton, der andeuten soll, daß eine wirklich echte geistige Vertiefung für die Menschheit in der Gegenwart notwendig ist, eine geistige Vertiefung mit jenen neueren geistigen Erkenntnismethoden, die eben in der Gegenwart möglich sind, und die ich ja oft genug charakterisiert habe.
[ 4 ] Es ist auch in der letzten Zeit immer wieder gesagt worden: Auch in sozialer Beziehung wird man nicht vorwärtskommen können, wenn das Verständnis für soziale Tatsachen nicht ausgeht von einer entsprechenden geistigen Vertiefung, mit den dazugehörigen neueren geistigen Erkenntnismitteln. Und es ist darauf hingewiesen worden, wie durchaus ernst, radikal ernst, gerade dieses Streben nach geistiger Vertiefung der Menschheit in der Gegenwart gesucht werden soll eben mit den neueren Erkenntnismitteln, und wie nur derjenige ein wirkliches Verständnis für die Anforderungen der Gegenwart hat, der wirklich ernst zu nehmen vermag, was in dem Rufe nach geistiger Vertiefung liegt, und der auf der anderen Seite endlich einmal die Überzeugung gewinnen kann, daß diese geistige Vertiefung im Innersten, im wesentlichen wenigstens, keinerlei Kompromisse abschließen kann mit irgendwelchen älteren Wegen in die geistige Welt hinein. Alles, was an Kompromissen angestrebt wird, führt doch nur auf Abwege. Kann man denn eigentlich sagen, daß in unserer Zeit Menschen, die durchaus bei sich selber die Anmaßung haben, in diesem oder jenem Gebiet führend zu sein, daß diese Menschen völlig Ernst zu machen wissen mit dem, was heute Streben nach dem Geiste ist? Da müßten diese Menschen ein Gefühl haben nicht nur für Theorien über den Geist, sondern sie müßten ein Gefühl haben für die reale, die lebendige Wirksamkeit im Geistigen und durch das Geistige. Wenn man aber von dieser realen Wirksamkeit im Geistigen und durch das Geistige spricht, dann spricht man für viele Leute heute noch von etwas durchaus für sie Unverständlichem.
[ 5 ] Ich will Ihnen gleich durch ein Beispiel illustrieren, was ich meine. Da bekam ich neulich einen Brief. Ich will nur gewissermaßen beispielsweise über diesen Brief sprechen, ohne einen Namen zu nennen. Da bekam ich neulich einen Brief von einem, ich will sagen, auf geistigem Gebiet in der Gegenwart tätigen Menschen, der in diesem Briefe zunächst sagt, daß er den « Aufruf an die Kulturwelt» in die Hand bekommen habe, und mit lebhaftester Zustimmung den Gedanken der Dreigliederung des sozialen Organismus aufgegriffen habe. Dann wird geschrieben, daß der Betreffende dem Buche «Die Kernpunkte» wertvolle Belehrung und Anregungen verdanke, die er wiederholt öffentlich zum Ausdruck gebracht habe. Dann geht der Betreffende aber dazu über mitzuteilen, daß ihm neulich von der Leitung des Bundes für Dreigliederung zugeschickt worden sei der Abdruck des Vortrages, den ich einmal vor den Arbeitern der Daimler-Werke gehalten habe. Und nun spricht er über diesen Vortrag, spricht so, daß er sagt, auch an den sachlichen Ausführungen dieses Vortrages wage er kein Wort der Kritik. Aber dann kanzelt er auf den übrigen Seiten des Briefes diesen Vortrag furchtbar ab, weil er findet, daß er im Tone anders gehalten sein sollte, als er gehalten ist, weil er sich gewissermaßen verletzt fühlt zum Beispiel dadurch, daß da die bisherige bürgerliche Kultur in einer gewissen abfälligen Weise besprochen worden ist und so weiter. Ich will auf die Einzelheiten nicht eingehen.
[ 6 ] Nun, was liegt denn da eigentlich vor? Ich will heute die Sache ganz der Wirklichkeit gemäß betrachten.
[ 7 ] Sehen Sie, das ist ein Mann — es ist ja gut, daß es solche gibt —, der theoretisch einverstanden ist mit dem, was in dem « Aufruf» steht, der theoretisch einverstanden ist und sogar einiges aufgenommen hat von dem, was in den «Kernpunkten» steht. Der sogar mit dem Inhalt dieses Vortrages, den ich für die Arbeiter der Daimler-Werke gehalten habe, einverstanden ist, der aber den Ton kritisiert, den Ton demagogisch und dergleichen findet.
[ 8 ] Was liegt da eigentlich vor? Der Mann ist theoretisch einverstanden, sogar mit diesem Vortrag. Das hilft aber nichts heute, theoretisch mit einer Sache einverstanden zu sein. Der Mann hat nämlich gar keine Empfindung für den Tatbestand. Der Mann kann nicht unterscheiden in bezug auf die Behandlung einer Sache. Wenn ich in Dornach sitze und einen Aufruf an die Kulturwelt schreibe, worin ich in ideeller Weise die Menschen der Gegenwart, die so etwas aufnehmen können, vor mir habe, nicht irgend etwas, was ich mir theoretisch ausspintisiere, aufschreibe, sondern etwas, was ich aufschreibe im lebendigen Zusammenhang mit denen, die es verstehen könnten oder verstehen sollten, so ist das etwas aus realem Zusammenhang Herausgegriffenes. Dabei ist der in der Gegenwart waltende Geist durchaus berücksichtigt. Und wiederum: ich schreibe die «Kernpunkte». Ich schreibe doch nicht, damit die Worte in kleinen gedruckten Buchstaben auf dem Papier stehen und eventuell Theoretiker sie kritisieren können, sondern ich schreibe sie für die Menschen der Gegenwart. Ich schreibe so, wie man vom Schreibtisch aus zu den Menschen der Gegenwart real, wirklichkeitsgemäß spricht. Nun gehe ich in einen Saal hinein, wo in der Hauptsache Arbeiter der Daimler-Werke sitzen. Dann ist es für mich ganz selbstverständlich, weil ich aus dem lebendigen, unmittelbaren Geiste heraus spreche, daß in dem Augenblick, wo ich hineingehe, ich weiß, wie ich zu den Leuten zu sprechen habe, wie ich die Worte zu setzen habe. Wer heute aus dem lebendigen Geiste heraus wirkt, hält keine Professorenvorträge. Professorenvorträge sind solche, worin man sich die Dinge gedacht hat und seine eigenen werten Meinungen den Leuten ins Gesicht wirft. Wer aber im lebendigen Geiste drinnensteht, der redet aus dem Herzen heraus, nicht an die Stirnen heran.
[ 9 ] Das ist etwas, was einmal ausgesprochen werden muß. Menschen selbst, die theoretisch die Dinge verfolgen können, haben keine Ahnung, daß jemand, der im Geiste wirken will, aus dem Geiste heraus wirken muß, dem er gerade einverleibt ist in diesem Augenblick. Das kann ja auch äußerlich kritisiert werden. Ich kann Ihnen die Versicherung geben, der Vortrag, den ich dazumal vor den DaimlerLeuten gehalten habe, er ist damals von den Anwesenden verstanden worden. Hätte ich so gesprochen, wie der Schreiber es liebt, dann hätten mich die Leute selbstverständlich ausgelacht; es hätte nichts anderes zur Folge gehabt, als daß mich die Leute ausgelacht hätten. Es handelt sich heute nicht darum, daß man diese uralten — für heute sind es uralte —, theoretischen Gewohnheiten bewahre, persönlich mit irgend etwas einverstanden oder nicht einverstanden sein zu können, sondern heute handelt es sich darum, eine lebendige Empfindung zu haben für das Wirken und Wesen und Weben des Geistes, für den daseien den Geist. Daher mußte ich immer wiederum, wenn auch unsere Freunde im Laufe der Jahre dieses oder jenes heranbrachten, was da oder dort gesagt worden war, und was äußerlich so klang, wie manches, was auch ich sage, ich mußte sagen: Auf diesen Gleichklang in den Worten und Sätzen und selbst Absätzen kommt es gar nicht an. Es kommt darauf an, aus welcher Ecke des Geistes her das real kommt, was gesagt wird. Hier ist viel zu verstehen noch für den Menschen der Gegenwart. Denn noch immer glauben die Menschen, wenn sie den Inhalt einer Sache heute aufgenommen haben, so hätten sie die Sache aufgenommen. Wenn man heute den Inhalt aufgenommen hat, so hat man nur den Wortlaut in sich und kann dem Geiste einer Sache sehr ferne stehen.
[ 10 ] Das zu verstehen ist ganz besonders notwendig, wo hereinfließen soll in unsere materialistische Gegenwart dasjenige, was Geisteswissenschaft auch in sozialer Beziehung zu sagen hat. Sonst wird man den Zusammenhang des anthroposophisch orientierten, geisteswissenschaftlichen Wesens mit der sozialen Wirksamkeit nicht verstehen können.
[ 11 ] Wir leben einmal heute mehr, als wir es glauben, in der Welle einer materialistischen Kultur auf allen Gebieten. Und was vielfach heute gesagt wird: daß da und dort überwunden wäre diese materialistische Kultur, das ist ein Wahn. Denn es wird wohl im Wortlaut da oder dort die materialistische Kultur bekämpft, aber nicht aus dem Geiste heraus. Man kann heute ein sehr idealistisches professorales Manifest erlassen oder ein Buch schreiben: das kann aber trotzdem ganz aus dem materialistischen Geiste heraus sein. Es ist vor allen Dingen heute notwendig, eines einzusehen, das ist: wodurch wir eigentlich in diesen Materialismus der Gegenwart hereingebracht worden sind. Denn wenn wir das nicht einsehen, so werden wir uns auch nicht aus ihm herausarbeiten.
[ 12 ] Worin besteht denn das eigentlich Verderbliche der materialistischen Impulse in unserer Zeit? Es besteht darin, daß eigentlich sehr bald irgend etwas aufflammt, wenn heute aus lebendigem Erleben der Wirklichkeit Geistiges geltend gemacht wird. Nehmen Sie einmal an, jemand sei gerade durch seine Erfahrungen darauf hingewiesen, über die Tierwelt zu sprechen, und er spräche darüber so, daß er begreiflich machen wollte: in der Tierwelt und ihrer Entwickelung wirken geistige Kräfte. Er wird dann vielleicht aus der Erkenntnis derjenigen geistigen Kräfte, die in der Tierwelt wirken, so sprechen müssen, daß sogleich aufflammt diese oder jene Gruppe von evangelischen oder katholischen Theologen, die ihn in Grund und Boden hinein kritisieren, ohne überhaupt auf den Inhalt dessen, was er behauptet, einzugehen, bloß deshalb, weil er es wagt, aus der Wirklichkeitserkenntnis der Tierwelt über den Geist zu sprechen. Oder aber man redet, daß es notwendig sei, in das soziale Menschheitsleben hereinzubringen geistige Kräfte, weil man zu einer wirklichen sozialen Neugestaltung nur dadurch kommen könne, daß man geistige Kräfte erkenne und in die soziale Ordnung hineinbringe. Flugs lebt die Angriffslust der Marxisten und mancher Sozialisten auf, wie im anderen Falle die Angriffslust der protestantischen oder katholischen Pfarrer. Und der Ton, aus dem heraus von beiden Seiten gesprochen wird, ist gar kein so sehr verschiedener. Man muß nur manchmal darauf Rücksicht nehmen, daß der eine — ich meine das ganz gutmütig jetzt — mehr in einer sentimental-theologischen, religiösen Atmosphäre, der andere mehr in einer rauhbeinigen Atmosphäre aufgewachsen ist — ich will nicht behaupten, daß die letztere schlimmer sei als die sentimentale —; dasjenige aber, woraus eigentlich die Dinge tönen, es ist in bestimmten Fällen das gleiche.
[ 13 ] Diesen Dingen gegenüber muß eben gefragt werden: Woher kommt denn eigentlich der materialistische Geist der Gegenwart? Wer hat ihn gezüchtet? — Diesen materialistischen Geist gezüchtet haben eigentlich die religiösen Bekenntnisse. Und daß er heute auch in der sozialen Weltanschauung pulsiert, ist nur aus dem Grunde der Fall, weil die soziale Weltanschauung ein getreuer Schüler ist alles desjenigen, was im Grunde genommen von den religiösen Bekenntnissen in den Jahrhunderten gekommen ist. Es war wirklich wichtiger, als man denkt, daß die katholische Kirche im Jahre 869 auf dem allgemeinen Konzil zu Konstantinopel, das ich ja schon öfter erwähnt habe, den Geist abgeschafft hat. Seit dieser Zeit durfte innerhalb der katholischen Gelehrsamkeit nicht davon geredet werden, daß der Mensch Geist in sich habe. Es durfte nur gewissermaßen gesprochen werden davon, daß der Mensch Leib und Seele habe. So war es das ganze Mittelalter hindurch. Und vor nichts fürchteten sich die katholischen mittelalterlichen Gelehrten mehr als vor einem Sprechen von der Trichotomie, das heißt von der Dreigliederung des menschlichen Wesens in Leib, Seele und Geist. Denn das Konzil zu Konstantinopel hat bestimmt: Der Mensch besteht aus Leib und Seele, und die Seele hat einige geistige Kräfte und Eigenschaften; etwas Geist ist schon in der Seele, aber man darf nicht von einem besonderen Geiste sprechen. Dann haben die Wissenschafter und Philosophen geglaubt, daß sie aus voraussetzungsloser Wissenschaft nur Leib und Seele unterscheiden, während sie es doch nur unter dem Einfluß des kirchlichen Dogmas aus dem neunten Jahrhundert taten. Solche braven Professoren wie Wilhelm Wundt sind nur die Schüler der katholischen Dogmatik, auch als Psychologen. Diesen Zusammenhang durchschaut man nur gewöhnlich nicht.
[ 14 ] Wodurch ist es gekommen, daß man, wenn man weltliche Wissenschaft bespricht, überhaupt nicht von Geist reden darf? Zum Teil ist es von diesem Dogma gekommen. Man darf aber nicht einmal von Seele reden. Von wirklicher Seele darf man nicht reden, weil die religiösen Bekenntnisse für sich das Recht beanspruchen, über Seele und, soweit sie wollen, soweit es das Dogma gestattet, über Geist zu sprechen; es ist für sie monopolisiert. Man redet eigentlich über etwas, was einem nicht zukommt, wenn man über Seele und Geist redet, denn das gehört denjenigen, die vom Standpunkte eines religiösen Bekenntnisses aus zu den Menschen sprechen. Was blieb denn der wirklichen Wissenschaft anderes übrig, dieser armen Zoologie, Physiologie, Chemie und Physik, als von materiellen Vorgängen zu sprechen. Wenn da oder dort etwas aufflammt, wenn sie vom Geiste sprechen, da mischen sie sich ein in die Angelegenheiten der religiösen Bekenntnisse. Es bleibt dieser armen weltlichen Wissenschaft nichts anderes übrig, als materiell, materialistisch zu werden, weil die religiösen Bekenntnisse ihr die Möglichkeit benahmen, irgend etwas Geistiges zu berühren.
[ 15 ] Darin liegt etwas sehr Wichtiges. Sehr wichtig ist, zu erkennen, daß diejenigen Mächte, welche den Materialismus gebracht haben, die kirchlichen Mächte des Abendlandes sind. Den Kirchen verdanken wir den Materialismus. Und der Materialismus wird immer stärker und stärker werden, wenn die Kirchen als religiöse, konfessionelle Verwaltungen nicht ihre Macht verlieren. In dieser Beziehung gibt es keine Möglichkeit, sich irgendwelchen Illusionen hinzugeben, wenn man es mit der Kultur ernst nehmen will. Heute handelt es sich aber darum, daß man es mit diesen Dingen ernst nimmt. Heute darf man nicht aus irgendeiner menschlichen Schwäche heraus Kompromiß über Kompromiß schließen wollen. Ist man genötigt, in der äußeren Wirksamkeit einen Kompromiß zu schließen, so muß man sich dessen bewußt werden und nicht in leichtfertiger Weise darüber hinwegreden. Man muß sich ruhig sagen: Der Gewalt muß selbstverständlich gewichen werden. Aber man muß nicht bei sich selber in der Erkenntnis Kompromisse schließen. Man muß nicht glauben, daß das richtig ist, was man tut unter dem Einfluß der Gewalt.
[ 16 ] Es ist also notwendig, hier eine Grundlage zu schaffen für die Erkenntnis, die endlich einmal eine sichere Grundlage ist. Heute müssen die Dinge scharf, sehr scharf betont werden. Und hier auf diesem Boden liegen die Dinge, die sehr scharf betont werden müssen. Denn wir stehen heute einmal in einer Zeit, in der mit der Erkenntnis der geistigen Welt Ernst gemacht werden muß. Die naturwissenschaftliche Erkenntnis, die aufgekommen ist in der fünften nachatlantischen Periode, die begonnen hat mit Galilei, Giordano Bruno, Kepler, Kopernikus, diese naturwissenschaftliche Periode, die zum Beispiel einen der bedeutendsten Vertreter im neunzehnten Jahrhundert in Julius Robert Mayer hatte, verfolgt naturwissenschaftliche Methoden und geht aus von einer naturwissenschaftlichen Gesinnung, welche ein Neues ist gegenüber dem, was als Methoden und Gesinnung in den Glaubensbekenntnissen, die sich aus alten Zeiten heraufgelebt haben, vorhanden war. Zwischen diesen naturwissenschaftlichen Methoden der naturwissenschaftlichen Gesinnung und den Methoden der Glaubensbekenntnisse gibt es keine Möglichkeit einer Vereinigung. Die Geisteswissenschaft, die wirklich heute der Kultur gewachsene Geisteswissenschaft, muß aber auf demselben Erkenntnisboden stehen wie die Naturwissenschaft. Sie muß Ernst machen mit dem, was ich einmal ausgesprochen habe in meinem Buche «Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens». Mit solchen Dingen muß durchaus Ernst gemacht werden. Es wird aber nicht Ernst gemacht, wenn man nicht zur Geltung bringt, daß das alles, was wir in der Welt beobachten, uns der Geist entgegenwirkt. Materie ist nirgends vorhanden bloß einseitig als Materie. Überall ist konkrete Materie mit konkretem Geiste zugleich zu finden. Und wenn der Mensch heute sagt, er stehe als Mensch in der Welt da, unter ihm die drei Reiche, Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich, so behauptet er eine Halbheit, wenn er nicht zugleich anerkennt, daß ebenso, wie von seinem Leibe nach abwärts stehen Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich, so auch nach aufwärts stehen drei geistige Reiche, die Reiche der geistigen Hierarchien, die wir bezeichnen als die Reiche der Angeloi, Archangeloi, Archai. Niemand hat ein Recht, von Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich zu sprechen als heruntergehend in das Physische, wenn er nicht weiß, daß hinauf in das Geistige die drei anderen Reiche gehen. Denn der Mensch, wie er in der physischen Welt steht, er steht durch seinen Leib in Verbindung mit den drei Reichen, Tierreich, Pflanzenreich, Mineralreich; er steht durch sein Seelisch-Geistiges in Verbindung mit den drei übergeordneten Reichen, die für das vollständige menschliche Wahrnehmen ebenso geistige Wirklichkeiten sind, wie die drei untergeordneten Reiche physische Wirklichkeiten für die physischen Sinne sind. Und ehe das nicht anerkannt wird, daß man durch ein vollständiges Beobachten in der äußeren Wirklichkeit selber zur Anerkenntnis des Geistes kommt und sich von keinem hergebrachten religiösen Bekenntnis daran hindern läßt, etwas zu behaupten über die geistige Welt — ebensowenig wie man sich verhindern lassen kann an der Behauptung, daß es Walfische gibt —, ehe man nicht dazu kommt, eher kann man nicht dasjenige, was als Impuls in der Gegenwart wirken muß, ergreifen. Über diese Dinge muß heute eben ernst gedacht werden.
[ 17 ] Die Sache liegt ja so: Wir sind in einen Zeitraum der menschlichen Entwickelung eingetreten, in dem der Mensch ein anderes Wesen geworden ist, als er in früheren Entwickelungsepochen der Erdenentwickelung war. In einer gewissen Entwickelung war der Mensch immer drinnen. Als die große atlantische Flut abgeflaut war und sich herausentwickelten aus einer viel älteren Kultur die ersten nachatlantischen Kulturblüten in der altindischen Zeit, da entwickelte sich der Mensch seiner Körperlichkeit nach noch sehr stark nach aufwärts. Ebenso in der zweiten Kulturperiode, in der urpersischen Zeit. Ebenso noch in der dritten Kulturperiode, in der ägyptisch-chaldäischen Zeit; sogar noch in einer gewissen Weise in der griechisch-lateinischen Zeit, die bis in die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ging. Seit jener Zeit hört langsam die Vorwärtsentwickelung, die Aufwärtsentwickelung des Menschen in bezug auf das Körperliche überhaupt auf. Die körperliche Entwickelung des Menschen ist abgeschlossen. Wir stehen nicht vor der Zukunft so, daß wir sagen können: Wie die Entwickelung durch die erste, zweite, dritte, vierte nachatlantische Zeit aufwärtssteigend war, so wird auch in der Zukunft die leibliche Entwickelung des Menschen aufwärtssteigen. — Nein, das wird sie nicht. Der menschliche Leib steigt nicht mehr aufwärts im Reste der Erdenentwickelung. Der menschliche Leib hat seinen Höhepunkt der Aufwärtsentwickelung überschritten und geht als Leib, als erfüllt von leiblichen Kräften, nicht mehr einer Aufwärtsentwickelung, sondern einer Abwärtsentwickelung entgegen. Fragt man nämlich danach mit denjenigen Mitteln der Geisteserkenntnis, die wir gut kennen aus der Literatur, die unter uns lebt, fragen wir danach, warum das so ist, dann muß man sagen: So wie der Mensch heute in eine andere Beziehung eingetreten ist zur Tierwelt — er hatte zum Beispiel während der ägyptisch-chaldäischen Zeit noch viel mehr vom Tier in sich als heute, das Leben war viel tierisch-instinktiver —, so entwickelt er heute auch eine andere Beziehung zu den drei höheren Reichen. Diese drei höheren Reiche hatten nämlich ein ganz besonderes Interesse daran, sich mit dem Menschen zu beschäftigen bis in unser Zeitalter herein. Die Menschen der Gegenwart werden anfangen müssen, zu begreifen, daß, wenn man über diese Dinge redet, man von Wirklichkeiten redet. Die Geister der Hierarchien der Angeloi, der Archangeloi, der Archai, hatten ein lebendiges Interesse daran, sich mit den Menschen zu beschäftigen. Nun hört dieses Interesse in der Gegenwart auf. Es fing an aufzuhören in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts, als der fünfte nachatlantische Zeitraum begann. Diese Wesenheiten der höheren Hierarchien betrachteten es als ihr Ideal, ein Bild des Menschen, ein vollkommenes Bild des Menschen zu bekommen. Das konnten sie nicht bekommen bis in unsere Zeit herein, weil der Mensch noch nicht den Gipfel seiner Vollkommenbheit erstiegen hatte. Sie mußten warten. Heute, wo man die konfusen Gottesvorstellungen hat, die den Menschen so leicht zum Atheisten machen, kann man das nicht begreifen, daß die über dem Menschen stehenden geistigen Wesenheiten auch auf etwas warten müssen. Sie mußten warten, bis sie den Menschen so weit gebracht hatten, daß er ein Bild seiner Vollkommenheit vor ihre geistigen Augen stellte. Daher stiegen in den Menschen in früheren Zeiten im Unterbewußtsein instinktive Erkenntnisse, Empfindungen, Willensimpulse auf: das waren die Taten dieser Wesen. Der Mensch konnte das nicht freiwillig aus sich hervorbringen, das tat er instinktiv; aber es waren die Taten dieser Wesen. Und diese Wesen interessierten sich dafür, daß der Mensch vorwärts komme, denn nur wenn es ihnen gelang, den Menschen so weit zu bringen, wie er seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts ist, hatten sie das Bild vor sich, das sie vor sich haben mußten wegen ihrer eigenen Entwickelung. Jetzt haben sie den Menschen so weit. Jetzt interessiert sie der _ Mensch von diesem Gesichtspunkte aus nicht weiter. Daher ist der Mensch auch in der Gegenwart so geistverlassen, weil die Geister ein gewisses Interesse an ihm verloren haben. Daher wird er in der Gegenwart so leicht Gegner aller Geist-Erkenntnis, weil die Geister nicht mehr an ihm arbeiten. Für diejenigen Wesenheiten, die unmittelbar in der hieratchischen Ordnung über uns stehen, ist in dieser Beziehung das Interesse erloschen. Und dieses Interesse, das muß nun der Mensch aus seinem eigenen Willen heraus wieder erwecken. Er muß, wie er früher durch seinen Leib veranlaßt worden ist, in seinen Instinkten nach dem Geiste hin sich zu entwickeln, nun aus seinem freien Erkennen heraus gegen die Zukunft hin zu dem Geiste sich entwickeln. Er muß gewissermaßen von sich aus neuen Stoff zur Beschäftigung den höheren Wesen geben, indem er sich an sie anlehnt und Begriffe zu bekommen sucht, die ihre Begriffe sind, die nun über das hinausgehen, was instinktiv in uns gepflanzt ist.
[ 18 ] Wir müssen daher die Möglichkeit finden, uns in ganz neuer Art zum Geiste zu stellen. Das muß natürlich heute zur Menschheit noch in vorsichtiger Form ausgesprochen werden. Ich habe gestern versucht, recht vorsichtig davon zu sprechen. Aber gerade weil auf der einen Seite vorsichtig gesprochen werden muß, muß auf der andern Seite scharf und radikal auf diese Dinge hingedeutet werden. Denn gäbe es gar keine Menschen, die die Wahrheit auf diesem Gebiete heute ertrügen, so wäre es sehr schlimm um die Geisteskultur der Gegenwart bestellt.
[ 19 ] Was hat denn zum Beispiel aufgehört mit Bezug auf das Wesen des werdenden Menschen? Man hat in früherer Zeit mit vollem Recht gesprochen von irgendeinem Menschen, er sei begabt, er habe Anlage zur Genialität. Und man suchte mit Recht die Vorbedingungen zu seiner genialen Anlage in seiner leiblichen Beschaffenheit. Man konnte als Erzieher sich wenden bloß an seine leibliche Beschaffenheit, und indem man diese richtig entwickelte, kam seine Genialität heraus. Es kamen überhaupt seine Anlagen heraus. Von heute ab ist abgeschlossen die leibliche Entwickelung. Wenn man bloß den Leib entwickeln will nach irgendeiner physischen Pädagogik, kommt nichts heraus. Heute muß man sich an die Seele wenden. Heute muß man mit dem rechnen, was nicht bloß in physischer Vererbungs-Entwickelung heraufkommt, denn da kommt nichts mehr herauf, sondern man muß sich wenden an dasjenige, was der Mensch in sich trägt, weil er in diesem Erdenleben die Wiederholung früherer Erdenleben hat. Man muß heute mit dem lebendigen Bewußtsein an den werdenden Menschen gehen, daß man eine Seele vor sich hat. Die Begabungen des Leibes haben so aufgehört, daß es ein Unsinn sein würde, in der künftigen Menschheit davon zu reden. Man wird nicht mehr davon sprechen können, daß der Mensch seinem Leibe nach zu dem einen oder anderen begabt ist, sondern davon, daß der Mensch durch seine Seele zu dem einen oder anderen begabt ist. Das ist etwas, was von einer ungeheuren Bedeutung ist im Leben der Menschheit der Gegenwart. Denn vieles von dem, was man gesagt hat in früheren Zeiten über den Menschen, ist falsch, wenn man es heute sagt. Wenn wir heute noch nicht von der Geisteswissenschaft durchdrungene Pädagogiken lesen, so sind diese alle noch aufgebaut auf dem alten Glauben, der damals berechtigt war, dem Glauben von der physiologischen Begabung des Menschen. Heute gelten sie nicht mehr. Heute hat es nur einen Sinn, wenn wir von der seelischen Begabung des Menschen reden.
[ 20 ] Wir müssen also in neuer Art anfangen zu erziehen. Das fordert die Entwickelung der Menschheit selbst in der Gegenwart. Wenn wir mit alten Begriffen reden, dann reden wir nicht von etwas, was auf die Gegenwart noch anwendbar ist. Gewiß ist es schön, heute geschichtlich den Leuten davon zu reden, wie man richtig den Christus anschaut, wenn man ihn im Sinne Luthers anschaut. Aber der Mensch der Gegenwart kann ihn so nicht anschauen, weil diese Anschauung keine Realität mehr in ihm hat und nur zur Lüge wird, wenn er sie vertreten will. Der Mensch der Gegenwart muß, wenn er den Christus finden will, ihn in der unmittelbaren Anschauung finden. So wie wir durch die äußere Anschauung die Natur finden, so finden wir durch die innere Anschauung den Christus. Das, was uns fortwährend die Geisteswissenschaft seit vielen Jahren geltend macht, damit hätte ein Verständnis begründet werden können für einen sozialen Impuls in dem Zeitpunkte, wo ein solcher sozialer Impuls durch die Entwickelung der modernen zivilisierten Menschheit notwendig geworden ist.
[ 21 ] Die Dinge müssen im Zusammenhang betrachtet werden. Es zeigen ja die Äußerlichkeiten hinlänglich, daß es heute notwendig ist, die Menschen schon daran zu erinnern, die allerprimitivsten Impulse ihrer eigenen Religionsbekenntnisse ernst zu nehmen. Denn, sehen Sie, es gibt sogar für die Christen ein Gebot, daß der Name des Gottes nicht eitel ausgesprochen werden soll. Wenn aber dann jemand kommt und von sozialen Angelegenheiten spricht, dann kommen gleich die Leute und sagen: Ja, der redet ja gar nicht von dem Christus; das ist also nicht christlich. — Es wird wahrhaftig nicht dadurch christlich, daß man in jeder dritten Zeile den Namen des Christus ausspricht. Es braucht nur so gesprochen zu werden, daß man davon durchdrungen sein kann, daß es aus der Gesinnung heraus gesprochen ist, aus der der Christus will, daß in der Gegenwart gesprochen werde. Wenn aber aus dem Geiste der Gegenwart selbst heraus einmal gesprochen wird, und man sich bemüht, aus diesem Geiste der Gegenwart heraus zu sprechen, dann kommen die Leute und sagen: Ja, der redet ja nicht von dem Christus. Der sollte überhaupt mehr innerlich reden. — Und dann wird in alleräußerlichster Weise das sogenannte Innerliche vorgebracht. Sie wissen ja, daß aus einer gewissen Tantenhaftigkeit heraus jener Angriff kam, der da besagte, daß man eigentlich so nach jedem fünften Wort von «Innerlichkeit» zu reden gehabt hätte. Selbstverständlich wäre es mir viel bequemer, diese Tantenhaftigkeit gar nicht zu berühren. Aber es ist notwendig in der Gegenwart, Tantenhaftigkeit und Onkelhaftigkeit zu berühren, weil sie zu großen Schaden anrichten in bezug auf das, was wirklich geschehen muß. Ich möchte wirklich fragen, ob solche Tantenhaftigkeit und Onkelhaftigkeit sich wirklich bemüht, in dasjenige einzudringen, was als das wahrhaft Geistige in der Gegenwart zur Geltung gebracht werden muß. Wir müssen den Mut haben, uns zu sagen: Das, was wir im einzelnen tun, zum Beispiel indem wir im einzelnen unterrichten, das muß getan werden aus der Erkenntnis heraus, daß die Menschheit jetzt andere Entwickelungsimpulse in sich trägt als vor verhältnismäßig noch kurzer Zeit, daß tatsächlich führende Geister der übersinnlichen Welt bis vor einiger Zeit ein Interesse daran hatten, den Menschen bis zu einem gewissen Punkte zu bringen. Allein, das Bild des Menschen ist abgeschlossen, und der Mensch muß aus seinem Innern heraus selber den Anschluß an die Geistigkeit suchen, damit das, was der Mensch nun über sein Leibliches, sein leiblich Veranlagtes hinaus produziert, ihn wiederum interessant macht für die über ihm stehenden Geister. Sonst wird unsere Kultur veröden, versanden, versumpfen. Davor kann uns nichts retten, was in irgendeiner Weise Altes aufwärmen will. Davor kann uns nur retten der Mut, das Spirituelle aus einer gleichen Gesinnung heraus anzufangen, wie naturalistisch angefangen worden ist vom fünfzehnten Jahrhundert ab gegenüber den alten Bekenntnissen. Das ist es hauptsächlich, was ich heute vor Ihnen entwickeln wollte: daß wir zu gewissen über uns stehenden Geistern nur richtig hinaufsehen, wenn wir uns gestehen, daß mit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts das alte Verhältnis zu ihnen abgelaufen ist, und daß seit dem letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts die Menschheit notwendig hat, ein neues Verhältnis zur geistigen Welt einzugehen. Man sei in diesem Punkte wahr. Man sei zum Beispiel in folgendem wahr; man braucht ja nicht gleich unmenschlich zu sein, wenn man wahr ist, aber man sei wahr. Mit Bezug auf das Äußere kann ja nicht gleich der Mensch die gesamte Metamorphose der Menschheit mitmachen. Er wird heranerzogen durch das, was sich aus alten Impulsen heraus fortsetzt. So wurden heranerzogen durch das, was sich aus alten Impulsen heraus fortsetzte, diejenigen Menschen, die heute von den Kanzeln herunter die alten Bekenntnisse verkünden. Warum sollte man denn nicht menschlich ganz lieb sein mit dem, was von jener Seite kommt? Das kann man ja, aber man soll nur um Gottes willen nicht es ernst nehmen für die Ergründung der Wahrheit in der Gegenwart. Man soll sich sagen: Gewiß, die Leute sind dazu erzogen; sie können nicht in späteren Jahren ihren Beruf ändern; also mögen sie reden. Aber man soll doch nicht glauben, daß es notwendig ist, anders als in äußerlicher Weise, indem man sich wehrt, auf Diskussionen, die von jener Seite kommen, etwas zu geben. Und ähnliches mehr.
[ 22 ] Wie gesagt, es wäre bequemer, diese Dinge unausgesprochen zu lassen. Aber wir gehen so schweren und ernsten Zeiten entgegen, daß es ganz unmöglich ist, diese Dinge unausgesprochen zu lassen. Und viel zu sehr ist die menschliche Schwäche verbreitet, in diesen Dingen nicht Ernst zu machen. Gewiß, jeder mag sagen: Ich kann ja nicht heraus aus meiner Haut, oder aus meinem Amt, oder was auch. Aber er rechtfertige es doch nicht, sondern er gestehe sich, daß er eben vorläufig Kompromisse schließt. Das Vertreten der Wahrheit, auch wenn man diese Wahrheit nur aus den äußeren Zeitverhältnissen heraus als notwendig betrachtet, das ist das Wichtige in unserer Zeit. Wenn man beachtet, wie die gegenwärtige Menschheit hineingesaust ist in jene so furchtbaren Katastrophen der letzten Jahre, so findet man ja als Grund keinen anderen als den, daß die Menschen so sehr davon abgekommen sind, von den Dingen immer hinzusehen zu den Worten, und von den Worten immer hinzusehen zu den Dingen. Es werden ja heute vielfach eben bloß die Worte angeschlagen, und dann glaubt man, von den Dingen etwas zu wissen. Diese Neigung, Phrasenhaftigkeit bis ans Ende zu entwickeln, das ist die Grundneigung unserer Gegenwart, und dann: nicht zu sehen, daß, wenn die Worte da sind, ja noch nicht die Sachen da sind.
[ 23 ] Wir haben uns in diesen letzten Wochen damit zu beschäftigen gehabt, den Kursus für die Lehrerschaft der Waldorfschule zu besorgen. Da sollte dasjenige, was tote Pädagogik ist, in lebendige erzieherisches Kunst umgewandelt werden. Da trat einem lebendig vor Augen Wahrheit, die oftmals doch nur übersehen wird, weil man Worte Worte sein läßt. Da traten einem zum Beispiel lebendig vor Augen, wenn man sich auseinandersetzen mußte, dicke Dinge, gedruckte dicke Dinge, außen steht « Amtsblatt» drauf. Denn es ist ein Abschnitt aus einem Amtsblatt. Oder «Lehrplan» steht darauf für das oder jenes dicke Ding. «Lehrplan», da steht nicht nur drinnen: in der oder jener Klasse dieser oder jener Schule soll das oder jenes gelehrt werden, oder, was auch noch beweglich sein könnte: das oder jenes soll bis zu diesem oder jenem Ziel gekonnt werden; sondern da steht tatsächlich — man sollte es nicht glauben —, wie man unterrichten soll, wie man den Stoff behandeln soll. Das ist heute schon Inhalt einer Verordnung, der Inhalt von Staatsverordnungen. Was heißt das, wenn man es der Wirklichkeit nach erfaßt? Ja, wenn man es so sagt: In einem Amtsblatt wird verordnet, wohlwollend, väterlich bevormundend, wie unterrichtet werden soll, und man denkt nicht darüber nach, so kann man sich darüber hinwegsetzen. Wenn man aber nachdenkt — was eine unbequeme Beschäftigung ist für die meisten Menschen der Gegenwart —, dann kommt man darauf, zu wissen: Es wird heute nicht Pädagogik gelehrt und Didaktik gelehrt an den höheren Schulen, daß die Menschen das begreifen, sondern es wird Pädagogik durch Gesetze verordnet. Wie man den Menschen verordnet, daß sie nicht stehlen sollen, so verordnet man ihnen durch Amtsblätter, durch amtliche Verfügungen, wie sie unterrichten sollen. Und das empfindet man nicht, was da drinnen liegt. Und es ist so, daß in der Empfindung desjenigen, was da eigentlich erst in der neueren Zeit aufgetreten ist, allein der Ausgangspunkt für die Gesundung der Verhältnisse liegen könnte. Fünfzig Menschen, die an solchen Stellen stehen, wo man ihre Worte so hört, wie man die Worte der Mitglieder der Weimarer Nationalversammlung gehört hat, fünfzig Menschen, die so etwas empfinden wie die Anomalie der Gesetzgebung über Pädagogik, das würde mehr bedeuten für die Gesundung der Welt als das fade Geschwätz, welches an jener Stelle gesprochen worden ist in den letzten Monaten.
[ 24 ] Dafür muß auch wiederum eine Empfindung da sein, und diese Empfindung wird von nichts anderem kommen als davon, daß lebendig in den menschlichen Seelen und in den menschlichen Herzen einkehren die Kräfte der geistigen Erkenntnis. Nicht die bloße Theorie, die uns gestattet, mit den Dingen einverstanden zu sein theoretisch, und die uns dann nichts lehrt darüber, mit dem Geiste Ernst zu machen. Mit dem Geiste Ernst machen, heißt: wenn man einen Saal betritt, ist man eins mit dem Geiste und der Seele der Menschen, die da drinnen sind. Glaubensbekenntnisse, theoretisch gefaßt, sind heute ein Nichts. Das Sich-Erfühlen und Sich-Empfinden im Geiste, das ist es, was heute einzig und allein die Menschheit gesund machen kann.
[ 25 ] Das war gemeint, als hier begonnen worden ist, sozial zu wirken. Aus dem lebendigen Geiste heraus zu wirken, das war gemeint. Bis jetzt sind die Menschen nur dazu gekommen, zu sagen: Ich bin mit dem oder jenem einverstanden, dem Wortinhalt, dem Satzinhalt nach. Daß die Menschen heute so gescheit sind, mit einem Satzinhalt leicht einverstanden sein zu können, das leugnet gewiß derjenige am allerwenigsten, der da aus der inneren Geist-Erkenntnis heraus sich getraut zu behaupten: Die geistigen Wesen, die bis jetzt an der Entwickelung gearbeitet haben, die haben den Menschen jetzt so weit, daß er bei ihrem Vollkommenheitsideal angelangt ist. Daß die Menschen heute gescheit sind, daß sie kritisieren können, daß sie intellektuell sehr weit sind, daß sie in gewisser Beziehung sogar irdisch vollkommene Geschöpfe sind, das wird nicht geleugnet. Aber gerade weil sie das sind, müssen sie eine neue Quelle in sich selber aufmachen, aber eine ganz neue Quelle.
[ 26 ] Gewiß, der Erkenner des geistigen Lebens hält die Menschen von heute für vollkommen. Aber gerade deshalb, weil sie vollkommen sind, weil sie durch andere Wesen als durch sich selbst vollkommen geworden sind, müssen sie jetzt anfangen, aus sich selbst etwas zu machen.
[ 27 ] Das war es, was mich vor Jahrzehnten dazu veranlaßt hat, zum Beispiel die Moralwissenschaft auf eine neue Basis zu stellen und in meiner «Philosophie der Freiheit» von « Moralischer Phantasie» zu sprechen, das heißt von dem aus dem Menschen heraus Schöpferischen auch auf moralischem Gebiet. Weil mir vor Augen stand: Was der Mensch instinktiv aus sich selbst heraus entwickelt, und was man immer Ethik genannt hat, das hat keine Zukunft.
[ 28 ] Ich habe schon oft hier, am Schlusse meiner Ausführungen, ausgesprochen, daß ich so froh wäre, wenn es mir gelänge, trotz der unvollkommenen Art, in der selbstverständlich so etwas vorgebracht werden muß, Widerhall in den Herzen der Freunde zu finden, wirklichen Widerhall zu finden. Denn es kommt mir niemals darauf an, ihnen bloß theoretisch dies oder jenes plausibel zu machen, sondern es kommt mir darauf an, dasjenige zu deuten, was die Zeichen der Zeit für die Gegenwart dem Menschen einprägen möchten. Es kommt mir nicht darauf an, durch diese oder jene Behauptung zu überraschen, oder nicht zu überraschen, sondern es kommt mir nur darauf an, das zu sagen, was für die Gegenwart wirklich notwendig ist.
[ 29 ] Lagen nicht der anthroposophisch orientierten Geisteswissenschaft, wie ich sie vertrete, diese Prinzipien zugrunde? Jedem anderen Prinzip gegenüber wäre es vielleicht besser gewesen, das Wirken für diese anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft zu unterlassen. Zu unterlassen aus dem einfachen Grunde, weil es ganz selbstverständlich ist, daß aus dem, was in den Menschen der Gegenwart lebt, der Einzelne, der Geisteswissenschaft zu vertreten hat, mit allem möglichen Unrat beworfen wird. Das ist ganz selbstverständlich. Das kann nicht anders sein, denn so ist eben die Gegenwart in der heutigen Übergangsepoche. Es kann sich nur darum handeln, Geisteswissenschaft zu vertreten, Geisteswissenschaft zu verkünden, weil man die dringende Notwendigkeit einsieht, das, was durch die Geisteswissenschaft verkündet wird, gerade in der Gegenwart an die Menschheit heranzubringen. Man darf eben nicht von einer bloß sukzessiven Entwickelung sprechen, sondern man muß sprechen von Umschwüngen in der Entwickelung. Die Pflanze entwickelt sich auch sukzessiv, aber der Übergang vom Laubblatt zum farbigen Blumenblatt ist ein schroffer. So hat sich die Menschheit sukzessiv entwickelt; aber der Übergang von der Zeit, wo die Entwickelung der Menschheit geführt wurde von göttlich-geistigen Wesen, die den Menschen zur Vollkommenheit brachten, zu der Zeit, wo der Mensch sich selbst regen muß, dieser Übergang ist ein schroffer, und er muß vollzogen werden. Und ohne das Bekenntnis zu einem schroffen Übergang kommt man über den Rubikon der heutigen Kulturmisere nicht hinweg. Wer immerzu dieses oder jenes will, weil es gerade bequem ist, aus dem alten Fahrwasser mit hinüberzunehmen, der kommt nicht wirklich drüben an, in den Gebieten, von denen aus sich die Impulse der Zukunftskultur entwickeln können.
[ 30 ] Wahrhaftig, die Dinge, die heute unternommen werden müssen, sie sind nicht von der Art, wenn sie aussichtsvoll sein sollen, wie sie gedacht werden da oder dort, sondern sie sind von der Art, wie zum Beispiel unsere Waldorfschule ist. Mit der Waldorfschule wird etwas unternommen, von dem man gar nicht anders sagen kann, als daß es dem, dem es ernst damit ist, zur schwersten Sorge des Lebens wird. Ich zum Beispiel gestehe Ihnen ganz offen: Betrachte ich die geistige Konstitution der Gegenwart, und sehe ich die Notwendigkeit, bei der Begründung einer solchen Schule mitzuwirken, dann wird mir etwas im Herzen, das ich schon so bezeichnen darf: daß ich ja schon mancherlei Sorge gehabt habe, daß aber diese Waldorfschule zu meinen allergrößten Sorgen gehört. Das kann nicht abhalten davon, diese Dinge zu unternehmen. Nicht deshalb bloß, weil ich etwa glaube, sie würde mißlingen. Sie wird schon gelingen. Aber weil wir werden sorgen müssen dafür, daß immer das Richtige geschieht zu diesem Gelingen. Es wäre ganz eitel, wenn man nicht gestehen wollte, daß diese Sorgen vorhanden sind. Aber vielleicht haben wir doch schon einiges gerade auch für diese spezielle Aufgabe dadurch getan, daß wir uns bemüht haben, auch bei der Besprechung dieses Kapitels wahr, restlos wahr zu sein. Und damit ja nicht die Dinge so genommen werden können, daß man nur das Einseitige sieht, wollte ich heute zu Ihnen das sprechen, was ich eben gesprochen habe. Ich konnte natürlich gestern in der Eröffnungsrede nicht dieselben Töne anschlagen. Ich konnte den Leuten, die dort versammelt waren, nicht sprechen von dem Interesse der höheren Hierarchien, und davon, daß des Menschen Bild fertig ist, daß etwas anderes an die Stelle treten muß und dergleichen. Aber wenn man einen Baum von einer Seite photographiert, so muß er auch von der andern Seite photographiert werden, damit ein vollständiges Bild entsteht. Deshalb mußte ich auch das noch hinzufügen, was ich heute zu Ihnen gesprochen habe. Denn ausgesprochen muß in unserer Zeit werden das, was wahr ist, in einer wahren Weise. Wir müssen auch diesen Satz lernen, daß wir nicht bloß die Wahrheit zu vertreten haben, sondern daß wir auch die Wahrheit wahr zu vertreten haben. Denn heute sind wir durch die Menschheitsentwickelung in der Epoche angekommen, wo man die Wahrheit auch unwahr vertreten kann. Es wird gelernt werden müssen, die Wahrheit wahr zu sagen. Denn auf manchem Gebiete sind heute die Wahrheiten billig wie Brombeeren, weil man sie nur da oder dort aufzulesen hat. Die Menschheitskultur ist in dieser Beziehung eine vollkommene. Aber nur diejenigen erfüllen die Aufgabe für die Zukunft, die nicht nur dasjenige machen, was heute leicht zu machen ist; denn irgendwelche Begriffe zu verknüpfen selbst zu einer neuen Weltanschauung, das ist leicht zu machen. Nicht diejenigen machen etwas, was in die Zukunft hineinwirkt, die so verfahren, sondern nur die machen etwas Fruchtbares, die über die Wahrheit aus der wahren Seele heraus sprechen. Nicht allein auf den Wortlaut kommt es heute an, sondern auf das geistige Fluidum, das diesen Wortlaut durchzieht. Dafür muß man sich heute aber ein Gefühl aneignen. Von diesem Gefühl sind die Leute vielfach recht weit entfernt. Man kann heute noch ganze Seiten lesen, ohne daß man darauf kommt, daß der Betreffende, der sie geschrieben hat, ein verlogener Kerl ist. Dazu werden sich die Menschen die Fähigkeit aneignen müssen, nicht allein das Logische zu empfinden, sondern den Wahrheitsquell zu fühlen. Viel innerlicher als diejenigen es glauben, die heute von Innerlichkeit zu sprechen glauben, viel innerlicher wird dasjenige sein, was den Menschen für die Zukunft wird befähigen können, wirklich zu wirken, wirklich etwas zu tun, sei es auch im kleinsten Kreise, was die Menschheit hinüberträgt in die Zukunft.
[ 31 ] Deshalb war es schon die ganzen Jahre her notwendig, daß die Dinge, die unter uns besprochen werden, von den verschiedensten Gesichtspunkten aus besprochen werden. Dadurch allein gewinnen wir die Möglichkeit, sie vollständig und kraftvoll zu durchleben. Mit dieser inneren Sehnsucht, heranzutreten an die Weltengeheimnisse und sie innerlich wahr und kraftvoll zu empfinden, mit dieser Sehnsucht müssen wir uns ausrüsten. Nichts anderes wollte ich gerade heute mit diesen Worten, als daß Sie etwas in sich selbst erfühlen lernen von der Notwendigkeit dieser Sehnsucht und von dem Walten von so viel Unwahrem in unserer Zeit und zwischen den Menschen unserer Zeit. Daß Wahrheit werde! Dieses Verlangen möchte man gerade aus dem sorgenvollsten Herzblute heraus heute immer wieder und wiederum der Menschheit zurufen.
[ 32 ] Von solchen Dingen wie das, von dem ich ausgegangen bin: daß jemand vollständig einverstanden ist mit einer Sache dem Wortlaute nach, sie aber nicht begreifen kann, weil sie aus dem Geiste kommt, von solchen Dingen muß noch viel, viel gelernt werden. Versuchen Sie gerade das Lernen auf diese Art zu verstehen, und Sie werden den Aufgaben dienen, welche die Gegenwart an Sie stellt. Sie werden noch manches andere finden, als Sie bisher schon gefunden haben, und vieles ruht noch im Schoße der Gegenwart, was gefunden werden muß, damit Gesundung in die Menschheit hineinkommt. Aber gefunden ist noch nicht alles Ausgesprochene von der Menschheit. Und wer die Dinge durchschaut, wie sie heute wirken, der weiß nur zu gut, daß dadurch, daß er das eine oder andere gesagt hat, es noch nicht gefunden worden ist von der Menschheit. Helfen Sie dazu, solch ein Wort richtig zu verstehen, dann werden Sie nicht mehr verfehlen, auch dazu zu helfen, daß die Wahrheit nicht bloß der äußeren, logischen Gestalt nach, sondern wahrhaftig in der Menschheit verbreitet werde. Erst dann werden Sie Glieder jenes Ordens sein, den wir brauchen, jenes Ordens, dessen Devise ist, die Wahrheit wahr zu vertreten. Und dessen Geheimnis ist, daß es möglich ist, zwar Wahrheit zu verbreiten, aber die Wahrheit auf unwahre Art zu verbreiten und dadurch mehr zu schaden, als durch die Verbreitung der Lüge oftmals geschadet wird. Dies, meine lieben Freunde, ist wert, bedacht zu werden: was es heißt, Schaden dadurch anzurichten, daß man die Wahrheit unwahr geltend macht.
