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Geisteswissenschaftliche Behandlung
sozialer und pädagogischer Fragen
GA 192

28 September 1919, Stuttgart

Siebzehnter Vortrag

[ 1 ] Mit Ideen, welche uns selbst als Menschen hineinstellen sollen in die geistige Welt, kommen wir am besten zurecht, wenn wir versuchen, uns durch Vergleiche der verschiedenen Tatsachen der Welt zu orientieren.

[ 2 ] Wovon ich heute sprechen will, wird sich am besten erklären lassen, wenn ich von einem solchen Vergleich ausgehe, nämlich wenn ich unser gegenwärtiges Menschheitsbewußtsein, das wir uns nach der Aufgabe unserer Zeit erringen müssen, vergleiche mit früheren Bewußtseinsstufen der sich entwickelnden Menschheit.

[ 3 ] Denken Sie einmal zurück an das Bewußtsein der Griechen, an das gewöhnliche Raumesbewußtsein der Griechen, natürlich Raumesbewußtsein im weiteren Sinne gemeint. Sie werden leicht darauf kommen, daß der Grieche mit seinem Raumbewußtsein nur eigentlich ein Stück von Europa umfaßte: sein Griechenland und was daran grenzte, ein Stück von Asien, ein Stück von Afrika, und daß außerhalb dieses begrenzten Gebietes für ihn die Welt in einer gewissen Unbestimmtheit lag. Man könnte sagen: Dasjenige, was den Horizont seines Bewußtseins bildete, das grenzte ringsherum an ein Unbestimmtes für sein Bewußtsein. Und dieses sein Bewußtsein kann genannt werden, wenn der Ausdruck gestattet ist — er ist natürlich holperig, wie immer Ausdrücke für so etwas sein werden, weil ja das Sprachbewußtsein darauf nicht hingerichtet ist —, dieses Bewußtsein des Griechen kann genannt werden ein Landbewußtsein. Nun wissen Sie, daß das Wesentliche in der Heraufentwickelung der neueren Zeit für die Menschheit und ihr Bewußtsein darin bestand, daß sich dieses Landbewußtsein zum Erdenbewußtsein entwickelte, daß für das Bewußtsein des Menschen die Oberfläche der Erde gewissermaßen sich abschloß. Der Mensch stellt sich die Oberfläche der Erde als eine Kugelgestalt vor, bewirkt durch die Entdeckungen der neueren Geschichte. Weltgeschichtlich genommen war die Sache gleichzeitig so, daß, indem dieses Weltbewußtsein, oder besser gesagt Erdenbewußtsein entstand aus dem Landbewußtsein, sich gleichzeitig ein Umblick über das Außerirdische bildete, der im wesentlichen mathematisch-geometrisch gestaltet ist. Die Kopernikanische Weltanschauung kam herauf, und man stellte sich das, was außerhalb der Erde im Raume ist, in den Formen der Mathematik und Geometrie, höchstens noch der Mechanik vor. Die Kopernikanisch-Newtonsche Weltanschauung ist ja im wesentlichen ein mathematisch-mechanisches Weltbild. Es müßte natürlich eigentlich für jeden wirklich denkenden Menschen die Frage entstehen: Ist nun dasjenige, was außer dem Irdischen vom Menschen im Raume erblickt werden kann, damit im Bilde erschöpft, daß man es mathematisch-mechanisch vorstellt? Es ist offenbar gerade so wenig erschöpft, als wenn der alte Grieche sich abschloß, sein Land vorstellte, das er aus seinem Bewußtseinshorizont überblickte, und das Äußere in einer gewissen Weise konstruierte, es gewissermaßen im Sinne der Phantasie ausgestaltete. Der moderne Mensch gestaltet das Außerirdische zwar nicht mit einer solchen mehr poetischen Phantasie aus, wie der alte Grieche es tat mit Bezug auf das, was außerhalb von ihm bewußtseinsgemäß umfaßtes Landgebiet war, aber der moderne Mensch umfaßt das, was um ihn ist, mit mathematischer Phantasie. Das ist ja auch Phantasie. Und im wesentlichen steht die Menschheit der Gegenwart durchaus noch auf diesem Standpunkte: sich vorzustellen die Erde als eine große Kugel im Weltenraum, und das Außerirdische eigentlich nur umfassend mit mathematischen, mechanischen Vorstellungen, die höchstens für einzelne, etwas exakter denkende Menschen bloß mathematische sind, weil ja die ersonnenen Begriffe über allerlei Gravitationskräfte von besonneneren Menschen heute weggelassen werden, und eigentlich das außerirdische Weltenbild nur mathematisch vorgestellt wird.

[ 4 ] Für uns, und wir brauchen ja das nur zusammenzunehmen, was wir im Laufe der Jahre betrachtet haben auf geisteswissenschaftlichem Boden, für uns werden sich heute die Fragen aufwerfen müssen, ob denn die Zeiten reif sind, dieses mathematisch-mechanische Raumesbild, dieses außerirdische Raumesbild mit irgend etwas anderem zu beleben, mit irgend etwas Erfahrungsmäßigem zu beleben. Denn etwas Erfahrungsmäßiges ist dieses mathematisch-mechanische Raumesbild durchaus nicht. Es ist durchaus etwas Ersonnenes. Es ist etwas Konstruiertes. Aus einer verhältnismäßig kleinen Anzahl von Beobachtungen ist dieses Raumesbild, dieses Kopernikanische, Keplersche, Newtonsche Raumesbild zusammengestellt, konstruiert. Nun werden Sie begreifen, daß, da es ja noch keine Möglichkeit gibt, um physisch das Außerirdische zu durchforschen, eine solche Durchforschung nur im geisteswissenschaftlichen Sinne geschehen kann. Aber in geisteswissenschaftlichem Sinne kann sie heute schon in einer gewissen Weise geschehen. Das mathematisch-mechanisch Aufgefaßte gibt uns ja einen wirklichen menschlichen Inhalt nicht. Es sagt uns das mathematisch-mechanisch Aufgefaßte eigentlich nur etwas in Abstraktionen, etwas, was an die von uns geforderte Inhaltlichkeit gar nicht herankommt. Kalt, nüchtern, ohne einen wirklichen Inhalt ist schließlich alles, was uns die mathematische Physik, die Astrophysik heute von dem außerirdischen Weltenall zu erzählen haben. Doch wir sind bereits in den Zeitpunkt eingerückt, in dem es unmöglich ist, in der Menschheitsentwickelung weiterzukommen, wenn wir stehenbleiben bei dem bloß mechanisch-mathematischen Weltenbilde. Wie der alte Grieche ein Landbewußtsein hatte, und der Mensch seit dem Beginn dessen, was man landläufig die neuere geschichtliche Zeit nennt, ein Erdenbewußtsein entwickelt hat, so muß sich von jetzt ab das Menschheitsbewußtsein erweitern zum Weltbewußtsein. Und ich will Ihnen heute in der Stunde, die uns noch möglich ist, solchen Betrachtungen zu widmen, wenigstens kurz, aphoristisch einige Andeutungen geben, wie dieses Weltbewußtsein gestaltet sein soll, das an die Stelle des bloßen Erdenbewußtseins zu treten haben wird. Wir werden allerdings in der Zukunft noch vieles zu tun haben, wenn wir das Genauere, und auch das mehr Beweisende, Belegende zusammenzutragen haben für das, was ich heute wie in einem aphoristischen Umrisse vor Sie hinstellen werde.

[ 5 ] Sie wissen ja, die geisteswissenschaftlichen Forschungen beruhen auf durch die Seele gemachten Erfahrungen. Sie haben eine große Anzahl solcher durch die Seele gemachten Erfahrungen in meiner «Geheimwissenschaft» mitgeteilt erhalten. In dieser «Geheimwissenschaft» bin ich so weit gegangen, als zunächst für das allgemeine Menschheitsbewußtsein heute notwendig ist. Aber es muß immer weiter und weiter gekommen werden. Das, was in meiner «Geheimwissenschaft» steht, muß vertieft und erweitert werden.

[ 6 ] Nun sind wir mit Bezug auf das kommende, das anzustrebende Weltbewußtsein — wenn ich einen Vergleich gebrauchen darf — in der Lage eines Reisenden, der in einem Eisenbahnzug sitzt. Er schaut durch die Fenster des Wagens hinaus, und er lebt sich ein in die Vorstellung, daß er ruhig auf seiner Bank sitzt. Er vergißt, daß der Eisenbahnzug sich vorwärts bewegt. Die Bewegung, die er mit dem Zuge zusammen vorwärts macht, die vergißt er. Er zieht zunächst nur in Betracht diejenigen Bewegungen, die er macht, wenn er aufsteht oder sich bewegt, in seinem Verhältnis zu anderen, ebenfalls im Zuge sitzenden Menschen. Nun ist das, was da der Mensch als ein solcher Reisender im Wagen durchlebt, zunächst etwas sehr Eingeschränktes, und es kann erweitert werden, wenn er ab und zu aus dem Zuge aussteigt, vielleicht die Reise unterbricht in der einen oder anderen Stadt. Dann ändert sich das, was er als Erfahrung im Zuge drinnen macht, ja nicht, aber der Inhalt seines Bewußtseins erweitert sich jedesmal, wenn er in einer anderen Stadt aussteigt und dort jene Erlebnisse hat, die er eben in der Stadt haben kann. Es summiert sich dann zum Inhalt seiner Reise zusammen, und es wird aus dem abstrakten Bilde der Reise etwas Konkretes. Es wird etwas aus dem Schema der Reise, indem eingetragen wird in dieses Schema dasjenige, was konkret als Erlebnisse in den einzelnen Städten einem widerfährt. Durch diese Erlebnisse hat man etwas, was einem durch innere Erfahrung verbürgt, daß man weitergekommen ist und in andere Verhältnisse hineingekommen ist. Man weiß aus den Erlebnissen, daß man nicht in Ruhe war, daß man sich dies nur vortäuschen konnte, während man selbst in dem Zuge war.

[ 7 ] Was ich hier meine, ist durchaus etwas anderes, als was oftmals gesagt wird, wenn die bloße Kopernikanische Weltanschauung besprochen wird. Da wird natürlich auch gesprochen von allerlei Täuschungen, in denen man ist, wenn die Erde bewegt ist, und man eigentlich glaubt, man sei in Ruhe auf der Erde, während man sich mit der ganzen Erde bewegt. Das, was man da sagt, ist aber hier nicht gemeint, sondern hier möchte ich auf etwas anderes verweisen: darauf, daß der Mensch gewisse rein innere Erfahrungen machen kann im Verlauf seines Lebens und insbesondere im Verlauf der aufeinander folgenden Erlebnisse, die sich vergleichen lassen mit den Erlebnissen in den Städten, wenn man aus dem Eisenbahnzuge aussteigt und wieder einsteigt und so gewissermaßen halt macht mit Bezug auf seine inneren Seelenerlebnisse, mit Bezug auf dasjenige, was sich in innerer Inhaltlichkeit des Erlebens ergibt. Dann könnte darin eine Bürgschaft dafür liegen, daß man in der Welt gewissermaßen Räume durchreist und in diesen Räumen etwas erlebt, was einem zeigt: Du als Mensch, du bist nicht in Ruhe, du bist auf einer wirklichen Weltenreise begriffen. — Machen Sie sich aus diesem Vergleich klar, daß es so etwas geben kann. Der Beweis dafür kann ja nut in der wirklichen Erfahrung liegen. Machen Sie sich klar, daß es so etwas geben kann wie eine verschiedene Erfahrung im Seelenzustand in aufeinanderfolgenden Zeiten, das einem verbürgt: Du bist an verschiedenen Stellen des Weltenraumes, gewissermaßen. Wir werden nachher sehen, daß das alles nur wirklich vergleichsweise gesprochen ist, daß der Unterschied zwischen den aufeinanderfolgenden Erfahrungen uns auf ein viel Qualitativeres des Raumes verweist als das bloß Quantitative, das man im Auge hat, wenn man vom Raume spricht. Derjenige, der wirklich innere Erfahrungen hat, nicht bloß die abstrakten Erfahrungen, die man sehr häufig in sehr äußerlichem Sinne angeführt findet, wo von Mystik die Rede ist, der weiß, daß es so etwas gibt wie das, was ich jetzt angedeutet habe. Wer innere Erfahrungen macht, kann im Laufe eines Erdenlebens Unterschiede merken zwischen dem Seeleninhalt, wie er ihn hatte im dreißigsten, im vierzigsten, im fünfzigsten Jahr seines Lebens. Er weiß, wenn er auf diese inneren Seelenerfahrungen reflektiert, daß er gewissermaßen sich bewegt hat in der Welt, daß er andere Orte aufgesucht hat und daß seine inneren, wenn ich es jetzt so nennen will, mystischen Erfahrungen andere geworden sind. Ich weise Sie da hin auf gewisse Erfahrungen, die allerdings nur besprochen werden von denjenigen, die Mystik nicht im äußerlich abstrakten Sinne nehmen, sondern so, wie sie sich wirklich konkret im inneren Erfahren darstellt. Der abstrakte Mystiker redet mit fünfundzwanzig Jahren von dem Gott, der in ihm lebt, mit dreißig Jahren, mit vierzig Jahren und so weiter bis an sein Lebensende. Derjenige, der konkret die inneren Erfahrungen wirklich zu fassen weiß, der weiß auch, daß sich diese Erfahrungen wie eben auf einer Weltenreise ändern, die nicht identisch ist mit einem Herumwandern auf der Erde. Wir durchmessen so, wenn ich mich wiederum mystisch ausdrücken will, den Weltenraum bewußt durch unsere inneren Erfahrungen. Da kommen wir nur zurecht, wenn wir, allerdings in viel bestimmterer Weise, als wir das gewöhnlich tun, unser Verhältnis zur Umwelt betrachten.

[ 8 ] Wir können ja unser Verhältnis zur Umwelt nur so betrachten, daß wir auf der einen Seite unsere Sinneswahrnehmungen ins Auge fassen, auf der anderen Seite unsern Willen, unser Wollen, unser Tun, unser Handeln. Indem wir unsere Sinneswahrnehmungen ins Auge fassen, sind wir in einem bestimmten Verhältnis zur Außenwelt, wir nehmen durch die Augen, durch die Ohren bestimmte Tatsachen der Außenwelt wahr, wir sind in lebendigem Verkehr mit der Außenwelt. Dasjenige, was geschieht, geschieht gewissermaßen am Rande unserer Leiblichkeit. Ich werde mich heute nicht einlassen auf gewisse physiologische Einwände oder auf erkenntnistheoretische Einwände, die scheinbar gegen das gemacht werden können, was ich sage, denn ich will Ihnen ja das heranzuerziehende Bewußtsein im Gegensatz zum Erdenbewußtsein und Landbewußtsein skizzieren.

[ 9 ] Wir stehen also mit unseren Sinneswahrnehmungen in einem bestimmten Verhältnis zu äußeren Vorgängen. Und wiederum, wenn wir handeln, wenn wir etwas vollbringen, stehen wir auch von der anderen Seite, von dem anderen Pol unseres Wesens, in einem gewissen Verhältnis zu äußeren Vorgängen. Wir sind verwickelt in die äußeren Vorgänge, denn wir bewirken sie zum Teil selber. Zwischen diesen zwei Extremen unseres menschlichen Lebens liegt alles das, was sich sonst in unserem Bewußtsein abspielt: auf der einen Seite jenes Verhältnis zur Außenwelt, wie es uns die Sinne geben, auf der anderen Seite unser Wollen und Handeln. Indem wir Empfindungen entwickeln an unseren Sinneswahrnehmungen, indem wir Gefühle entwickeln, leben wir ein inneres Leben. Und wiederum aus Gefühlen und Empfindungen heraus, die sich zu Fähigkeiten vertiefen oder verdichten, könnte man sagen, gestalten wir unser Wollen. Also zwischen Wahrnehmen und Wollen liegt dasjenige, was wir sonst seelisch erleben.

[ 10 ] Nun ist aber dasjenige, was wir in der Sinneswahrnehmung haben, nur scheinbar eine Einheit. Wir blicken in der Sinneswahrnehmung auf die Welt hin, und die Welt scheint uns im Umblicken wie etwas Einheitliches, das wir eben mit den Sinnen überblicken. Aber in dieser scheinbaren Einheit ist ein Doppeltes enthalten. Derjenige, der wirklich wahrzunehmen vermag, sinngemäß wahrzunehmen vermag, für den ist in der scheinbaren Einheit deutlich ein Doppeltes enthalten: ein Ersterbendes und ein Aufgehendes, sich fortwährend Erzeugendes. Die Welt außer uns ist in einem fortwährenden Ersterben und wiederum Geborenwerden. In keinem Augenblick ist es anders in der Welt, als daß wir leben in etwas, was dem Tode entgegengeht und aus dem Tode immer wiederum das Leben heraufholt. Wenn Sie nur eine Wolke oder etwas anderes in der Außenwelt betrachten, so erscheint diese Wolke als eine Einheit. Aber das ist sie nicht. In Wahrheit stirbt etwas in der Wolke und aus dem Sterben entwickelt sich wiederum ein sich Gebärendes. Aus dem aus der Vergangenheit Heraufziehenden entwickelt sich ein in die Zukunft Gehendes. Fortwährend ist enthalten in dem, was wir anschauen, entstehender Brennstoff, das heißt Totwerdendes und sich Erzeugendes; Feuer, das heißt sich in die Zukunft Hinübergestaltendes. Lernen wir dutch eine solche Schulung, wie sie dargestellt ist in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», diese zwei Pole der Sinneswahrnehmung voneinander trennen, lernen wir wirklich empfinden jeder Erscheinung gegenüber Sterben und Geborenwerden, dann erst gewinnt die Welt für uns ein reales Antlitz. Wer richtig geschult ist, steht auch einem Menschen so gegenüber, indem er ihn sinnlich wahrnimmt, daß er in ihm fortwährend sieht etwas, was abstirbt, und etwas, was wieder entsteht. Absterben — Geborenwerden, Absterben — Geborenwerden: das ist etwas, was aufgenommen wird von unserer Wahrnehmung, wenn wir uns nur ein bißchen schulen gegenüber dieser Wahrnehmung. Nun ist es aber so, daß in dem Augenblick, wo uns gegenständlich wird dieses fortwährende Absterben und Neugeborenwerden, wo wir es wirklich sehen, wo wit es nicht bloß abstrakt erdenken, sondern wo wir es sehen, wo wir wirklich fortwährend sehen einen Leichnam werden im Menschen und ein Kind entstehen — man kann es so sehen —, in dem Augenblick, wo das Wahrnehmung wird, in dem Augenblick stehen wir drinnen im Wahrnehmen der drei Hierarchien, Angeloi, Archangeloi, Archai. Die Welt bekommt dann tatsächlich diesen Inhalt. Wir sehen sie nicht mehr, wie wir sonst in die Natur hineinblicken, wenn wir diese Natur als eine Einheit wahrnehmen. Wir können gar nicht dieses Sterben und Geborenwerden, dieses Prana und Shiwa der Natur wahrnehmen, ohne daß wir verwandelt finden, gewissermaßen aufgelöst finden die ganze Natur in die Taten von geistigen Wesenheiten der drei über den Menschen stehenden Hierarchien.

[ 11 ] Ebenso ist es am anderen Pol. Wenn wir den anderen Pol betrachten, den Pol unseres Handelns, unseres Vollbringens, so haben wir auch da drinnen wiederum ein fortwährendes Ersterben und fortwährendes Entstehen. Aber an diesem Pol nehmen wir schwerer wahr dasjenige, was geistig darinnen lebt. Dennoch — wir können es wahrnehmen. Es ist eine längere Schulung dazu notwendig, aber wir können es wahrnehmen. Wir nehmen dann diejenigen Hierarchien wahr, die wir beschrieben finden als Seraphim, Cherubim, Throne. Und dasjenige, was dazwischen drinnen ist, das nehmen wir wahr durch Selbstbetrachtung, die Betrachtung jenes Wesens, von dem ich Ihnen gesagt habe, daß es zwischen diesen zwei Polen mitten drinnen steht. Kurz, es wird viel lebendiger und geistiger alles in dieser Welt, wenn wir zu solcher Betrachtung aufsteigen.

[ 12 ] Aber dadurch, daß wir zu dieser Betrachtung aufsteigen, dadurch ändert sich unser Seelenleben ganz beträchtlich. In dem Augenblick, wo wir wirklich dahin kommen, in unserem Umkreis die Taten geistiger Wesenheiten zu sehen, da kommen wir auch dazu, konkret jene Unterschiede wahrzunehmen im Seelenleben in den aufeinanderfolgenden Zeiten, von denen ich vorhin vergleichsweise gesprochen habe. Und dann, wenn wir gelernt haben — es ist schwierig zu lernen, aber es kann gelernt werden — achtzugeben auf diese inneren Veränderungen im konkreten inneren Erleben, dann nehmen wir uns wirklich wahr als einen Reisenden durch den Weltenraum. Dann wissen wir, nicht aus äußeren mathematischen Erwägungen, nicht aus irgendwelchen Fernrohren, aus Winkelbetrachtungen, sondern aus der Aufeinanderfolge der inneren Erlebnisse, daß wir den Ort im Weltenraum mit der Erde geändert haben. Dann wird aus dem Weltenraum etwas anderes als der mathematisch-mechanische Weltenraum des Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton. Dann wird der Weltenraum etwas innerlich Lebendiges. Und wir lernen unterscheiden Bewegungen, die wir machen, die wir einfach absolut machen als Menschen im Weltenraum. Wir lernen unterscheiden eine Bewegung, die wir machen von links nach rechts, also eine wirkliche Bewegung, die wir mit der Erde machen von links nach rechts. Und wir lernen eine andere Bewegung kennen, die wir machen steigend. Wir machen sie so, daß wir wissen: wir drehen uns nicht nur, sondern wir steigen im Raum. Und eine dritte Bewegung, ich möchte sie eine schreitende nennen: wir machen sie von rückwärts nach vorwärts. — Das ist nicht identisch mit einem Bewegen auf der Erde, sondern das ist etwas, was wir mit der Erde mitmachen, was wir durch inneres Erleben konstatieren können. Wir können konstatieren, daß wir uns drehen von links nach rechts, daß wir aufsteigen, indem wir uns drehen, und daß wir zu gleicher Zeit fortschreiten. Also eine dreifache Bewegung, die wir einfach absolut machen, nicht in Relation zu irgendeinem anderen Weltenkörper, sondern die wir absolut im Weltenraum machen, nehmen wir wahr an den inneren Erlebnissen.

[ 13 ] Nun, Sie werden sagen: Das Gegenwartsbewußtsein der Menschen ist weit entfernt, eine Ahnung zu haben davon, daß der Mensch in diesem Sinne ein Weltreisender ist, und daß er gar konstatieren kann diese Weltenreise. — Ja, es gibt ein Mittel für die Menschen, ein solches Bewußtsein zu erringen, wenn auch das Menschenbewußtsein der Gegenwart noch so weit von diesen Dingen entfernt ist. Das, was ich geschildert habe, ist einfach eine Realität, und wenn die Menschen heute davon nichts wissen, so ist dieses Nichtwissen wirklich zu vergleichen mit dem Glauben, den ein Mensch hat, der im Eisenbahnzuge sitzt und sich in Ruhe glaubt, während er sich mit dem ganzen Zuge weiterbewegt. Warum hat der Mensch diesen Glauben? Erstens, es hat den Menschen seit drei bis vier Jahrhunderten mehr eingelullt als aufgeklärt gerade die rein mathematisch-mechanische Kopernikanische Weltanschauung. Ich habe ja oftmals schon darauf hingewiesen, daß diese rein mathematisch-mechanische Weltanschauung sogar auf einem ziemlich offenbaren Fehler beruht. Sie ist etwas Bequemes. Sie stellt das Raumbild bequem vor, aber eben doch eigentlich nur bequem. Sehen Sie, in dem bekannten Werk des Kopernikus über die Umwälzung der Weltenkörper im Weltenraum finden sich drei Sätze, aber die gegenwärtige Wissenschaft stützt sich nur auf die ersten zwei und läßt den dritten unberücksichtigt. Kopernikus wußte noch etwas mehr, als die gegenwärtige astronomische Wissenschaft annimmt. Und dieses Mehr, das hat er in seinen dritten Satz hineingeheimnißt! Aber der dritte Satz bleibt immer unberücksichtigt. Es stimmen nicht die Beobachtungen mit dem Kopernikanischen System, aber darüber hilft sich die Wissenschaft der Gegenwart hinweg. Wenn man heute unter gewissen Umständen rein erfahrungsgemäß untersucht, wo, von der Erde aus gesehen, zu einem bestimmten Zeitpunkt der eine oder andere Stern stehen soll nach dem richtigen Rechnen, dem Kopernikanischen System gemäß, steht er nicht da. Aber man hat dann die sogenannte Besselsche Korrektur und bringt immer eine Korrektur an bei dem Ergebnis; dann kommt das Richtige heraus. Das Anbringen dieser Korrektur ist nur nötig, weil man den dritten Satz des Kopernikus nicht berücksichtigt hat. Dadurch ist eine bequeme schematische, mathematisch-mechanische Weltanschauung, ein Weltbild zustandegekommen durch die letzten drei bis vier Jahrhunderte. Mit vielen Dingen stimmt das nicht; aber man ist heute noch ein wissenschaftlicher Trottel, wenn man davon spricht, daß die Sache nicht stimmt. Wissenschaftlich ist es, fest daran zu glauben, daß die Dinge stimmen.

[ 14 ] Die Menschheit ist also durch das Kopernikanische Weltbild immer eingelullt worden in bezug auf gewisse Dinge, die aber innerlich deutlich zu konstatieren sind. Es wird das menschliche Bewußtsein gewissermaßen getrübt. Aber man wird in der Zukunft dafür zu sorgen haben, daß es nicht mehr getrübt wird.

[ 15 ] Ich habe es oft gesagt, daß die Menschen das Geisteswissenschaftliche nicht einsehen wollen, durch ihre eigenen gesunden Sinne nicht einsehen wollen. Das kommt eigentlich auch nur von gewissen Erziehungsvorurteilen her, die in der Gegenwart stark walten. Sehr häufig ist es ja so, daß, wenn heute der Geisteswissenschafter seine Ergebnisse mitteilt, die Leute sagen: Gut, das mag so sein, aber das kann nur der wissen, der eine bestimmte, die Leute nennen es mystische, Schulung durchmacht. — Das ist bis zu einem gewissen Grade richtig, aber nicht ganz. Das habe ich oft betont: bis zu einem sehr hohen Grade könnte heute jeder Mensch, rein aus seinem Bewußtsein heraus, als Tatsache das einsehen, was zum Beispiel in meiner «Geheimwissenschaft» gegeben wird. Er braucht es nicht bloß auf Autorität ‚hinzunehmen, sondern er kann es einsehen durch gewöhnlichen gesunden Menschenverstand. Aber wie? Er könnte es einsehen, wenn er von seinem siebten bis zum fünfzehnten Jahr in die Waldorfschule geschickt würde und da durch eine den Tatsachen, der Wirklichkeit entsprechende Methode in gesunder Weise seine Seelenkräfte entwickelt kriegte, und dann mit diesen in gesunder Weise entwickelten Seelenkräften in höhere Schulen käme, um dann mit den nötigen elastischen Seelenkräften dasjenige aufzunehmen, was man gewöhnlich erst nach dem fünfzehnten Jahr lernt. Das wäre der Weg, um Menschen zu haben, die einfach sagen: alles übrige ist Unsinn, denn die Wirklichkeit wird nur durch dasjenige gegeben, was Geisteswissenschaft über die Welt konstatiert. Daß man das nicht zugibt, rührt nicht davon her, daß man Geisteswissenschaft nicht einsehen kann ohne Schulung, sondern es rührt davon her, daß unsere Schulerziehung zwischen dem siebten und fünfzehnten Jahr so ist, daß gewisse Kräfte statt erweckt zu werden, nur abgetötet, abgelähmt werden. Daher sträuben sich die Menschen, den Tatsachengehalt desjenigen hinzunehmen, was durch Geisteswissenschaft gegeben wird, während sie eben bis zu einem hohen Grade bei gesund entwickelten Seelenkräften ihn hinnehmen würden. Diese gesund entwickelten Seelenkräfte sind nicht so tot und starr, wie sie bei den meisten heutigen Menschen sind; sie sind viel beweglicher, viel elastischer, und sehr leicht würde der Mensch, wenn diese Seelenkräfte bei ihm zwischen dem siebten und fünfzehnten Jahr richtig entwickelt worden wären, gegenüber der heutigen Gelehrsamkeit störrisch werden. Heute lassen sich die Menschen furchtbar viel gefallen, namentlich indem man ihre Illusionen durch gewisse unberechtigte Hypothesen noch viel größer macht, als sie schon sind. Ich habe ein sehr charakteristisches Beispiel oftmals angeführt: Man erzählt den Kindern im zwölften, dreizehnten, vierzehnten Jahr, daß der Blitz durch Reibungserscheinungen in den Wolken kommt, und räumt zugleich ein, daß die Wolken naß sind. Selbstverständlich. Aber dann, wenn man das irdische Abbild des Blitzes, den elektrischen Funken erzeugen will, muß man die Elektrisiermaschine und alles, was dazu gehört, ganz trocken halten, daß ja nichts Wässeriges dabei ist, daß also alles beseitigt wird, was ausschließlich da ist, wo der Blitz entstehen soll, der die gleiche Erscheinung sein soll wie der elektrische Funke. Das lassen sich die Schüler gefallen und auch die Erwachsenen, wenn sie so eingelullt werden durch allerlei Hypothesen. Solche Beispiele gibt es unzählige, wo die Leute offenbaren Unsinn hinnehmen, einfach auf Autorität, weil ja unsere Zeit «alle Autorität abgestreift hat» und gar nicht mehr «autoritätsgläubig» ist. Aber wenn sie es nicht wäre, hätte in unserer Zeit niemals die gewöhnliche sozialistisch-marxistische Weltanschauung entstehen können, denn die ist viel autoritätsgläubiger als der alte Katholizismus.

[ 16 ] Es handelt sich also darum, daß es heute wirklich eine Aufgabe der Kultur ist, alles dasjenige, was so hemmend eingreift in die Erfassungskräfte des Menschen, in das Begriffsvermögen des Menschen, durch gesunde Schulbildung zu überwinden. Das ist eine der allerersten sozialen Aufgaben, dahin zu kommen, daß die Hindernisse im Begreifen der Menschen hinweggeräumt werden. Dann wird man nicht mehr dasjenige, was Geisteswissenschaft liefert, in einer so widerspenstigen Weise an sich herankommen lassen. Aber die Menschen werden etwas störrisch werden, wenn sie in gesunder Weise entwickelt werden, gegen manches, was die offizielle Wissenschaft heute bietet; dann werden sie die knüppeldicken Widersprüche sehr bald gewahr werden. Daher dieses instinktive Wehren gegen gesunde Schulverhältnisse. Denn, läßt man diese gesunden Schulverhältnisse heraufkommen, dann wird die Autorität der heutigen Wissenschaftsgrößen sehr bald in furchtbarer Art untergraben sein. Darum handelt es sich, daß nun wirklich in den Menschen wiederum erzogen werden die elastischeren Seelenkräfte, die einfach aus dem gesunden Menschensinn heraus nachkommen können dem, was als Ergebnisse der Geisteswissenschaft verkündet werden kann. Dann wird man das, was zu sagen ist, auch an solchen Dingen verstehen, wie: daß der Mensch in einer absoluten Bewegung drinnen steckt. Man wird verstehen, wie entstehen kann aus dem Erdenbewußtsein ein Weltenbewußtsein. Wirklich bildlich, aber vielleicht ganz gut bildlich gesprochen: wie der Mensch sich fühlen lernen kann als ein Reisender durch den Weltenraum, der in einer drehenden, in einer von unten nach oben gehenden und in einer von rückwärts nach vorwärts gehenden Bewegung ist. Wenn man diese Bewegungen: drehend, im Drehen aufwärts, im Aufwärtsdrehen vorwärts gehend — wenn man diese Kurve hinzeichnet, bekommt man auch den Weg der Erde durch den Weltenraum. Nicht so bekommt man ihn, wie er gegenwärtig konstruiert wird, rein mathematisch-dynamisch aus der Kopernikanisch-Newtonschen Weltanschauung, sondern wenn man nachfährt demjenigen, was die innere Beobachtung ergibt. Es ist in dieser Weise nachzukonstruieren. Dann aber konstruiert man nicht ein Abstraktes wie die Kopernikanisch-Newtonsche Weltanschauung, sondern ein sehr Konkretes, ein wirklich übersinnlich empirisch Erfahrenes also, wenn man diese Tautologie gebrauchen darf. Dieses Weltbewußtsein, das ist nicht bloß wichtig dadurch, daß der Mensch gewissermaßen beginnt, sich mehr bei der Wahrheit zu fühlen, als er sich jetzt fühlt, wo er glaubt, daß die Erdenbahn, so wie sie von der Kopernikanischen Weltanschauung konstruiert wird, die richtige ist. Sondern wenn man dieses Weltbewußtsein hat, hängt von diesem Weltbewußtsein vieles andere ab. Dann wird man dadurch innerlich gewissermaßen ein anderer Mensch. Man lernt sich fühlen nicht bloß als ein Erdenbürger, sondern als ein Weltenbürger. Die Welt erweitert sich einem, indem man konkret an die Kräfte herantritt, die nun wirklich wirksam sind in diesen Bewegungen. Beim Drehen von links nach rechts wird man gewahr die Wirkungen der Angeloi. Beim Steigen von unten nach oben die Wirkungen der Erzengel. Und beim Schreiten im Weltenraum von rückwärts nach vorne wird man gewahr die Richtung der Archai, die Kräfte der Archai, der Zeitgeister. Man wendet sich hin, indem man die absolute Weltenwanderung in sein Bewußtsein aufnimmt, in einen Geistesraum. Man wird gewahr, daß der physische Raum nur ein abstraktes Abbild dieses konkreten geistigen Raumes ist, in dem die Wirksamkeiten der höheren Hierarchien das Reale darstellen.

[ 17 ] Daß ein solches Bewußtsein mit etwas anderem verknüpft ist, geht schon aus dem hervor, was ich eben gesagt habe. Wer nur eine Ahnung davon hat, daß es so etwas gibt, daß so etwas verbunden ist mit der wirklichen Wesenheit des Menschen, der muß es doch als einen furchtbaren Schaden unseres Erziehungswesens betrachten, daß wir unsere Kinder so erziehen, nachdem wir in ihnen gewisse Kräfte ablähmen lassen bis zum fünfzehnten Jahr hin, daß sie sich als Studenten dann so entwickeln müssen, wie es eben mit diesen abgelähmten Kräften sein muß. Daher nehmen die jungen Leute zwischen dem fünfzehnten und einundzwanzigsten Jahr ganz andere Dinge auf, als sie eigentlich schon nach den Anforderungen unserer Zeit aufnehmen sollten. Dadurch sitzt allerdings etwas ganz anderes in den Seelen, als eigentlich darin sitzen sollte. Wahrhaftig, meine lieben Freunde, dadurch, daß Sie die schönsten, salbungsvollsten Ermahnungen geben bis zum fünfzehnten Lebensjahr und dann wiederum später, in der Zeit, wo früher die Leute Ideale gehabt haben, wo sie Jungfrauen und Jünglinge von zwanzig Jahren waren; durch die schönsten, salbungsvollsten Ermahnungen erreichen Sie nichts, oder nur, daß unsere Universitäts- und Hochschuljugend das wird, was sie heute ist, was ich nicht weiter zu beschreiben brauche. Nur dadurch erreichen Sie etwas, daß Sie wirklich Kräfte bloßlegen für den Aufenthalt an den Hochschulen, die heute nicht bloßgelegt, sondern gelähmt werden. Die Erziehungsfrage ist heute tatsächlich eine Menschheitsfrage. Sie ist nicht eine Frage von willkürlichen Idealen, sondern sie ist eine Menschheitsfrage, die aus den tiefsten Forderungen der gegenwärtigen Zeit heraus begriffen sein soll. Die Menschen ahnen höchstens heute, daß vieles anders sein sollte, sagen wir, in der medizinischen Behandlung der Menschen, vielleicht auch in den Rechtsverhältnissen, aber das wird ja gerade gedämpft aus dem Bewußtsein der Juristen heraus, wenn etwas geltend gemacht wird. Die Menschen ahnen, daß da manche Dinge anders sein sollten, aber sie können nicht anders gemacht werden, wenn nicht das Augenmerk darauf gelenkt wird, in den richtigen Zeitabschnitten die Kräfte des Menschen nicht zu ertöten, sondern zu erwecken. Der Mensch ist ja nicht umsonst in dem Lebensabschnitt zwischen dem siebten und fünfzehnten Jahr. In diesem Lebensabschnitt kommen ganz bestimmte Kräfte herauf aus seiner Natur, mit denen man rechnen muß, wenn man erzieht und unterrichtet in diesem Lebensabschnitt. Wenn man in der entsprechenden Richtung arbeitet in der Erziehung und im Unterricht, so ist das etwas anderes, als wenn man willkürlich, ohne die Berücksichtigung dieser Richtung arbeitet. Man wird gewisse Dinge bemerken, wenn man solches berücksichtigt, auf die heute kein Augenmerk gerichtet wird.

[ 18 ] Ich habe in dem Aufsatz, der in der nächsten Nummer der WaldorfZeitschrift erscheinen wird, worin unsere Waldorfschule behandelt werden soll, von verschiedenen Gesichtspunkten aus auf diese Verhältnisse hingedeutet. Ich habe darauf hingedeutet, daß wir uns heute nicht mehr begnügen können mit einer solchen Pädagogik, wie sie sehr häufig aus ganz gutem, aus dem besten Willen heraus geformt wird. Da werden gewisse pädagogisch-didaktische Methoden, Grundsätze und Normen aufgestellt, und man hat den Glauben — was man sonst auch dagegen einwenden mag, es wird ja vieles aus gutem Willen, aber nicht aus gründlicher Einsicht auf diesem Felde gesagt —, man hat den Glauben, daß man lernen kann diese Normen der Pädagogik. Besonders auch die Herbartianer und ihre Nachfolger von heute haben diesen Glauben, daß man dadurch, daß man Pädagogik lernt, ein guter Erzieher und Unterrichter werden kann. Nun, setzen wir den Fall, solch eine Norm in der Pädagogik wäre das denkbar Vollkommenste — sie ist für den Unterricht fast so schlecht zu gebrauchen wie für den Maler eine gut geschriebene Schulästhetik. Man wird durch die gut geschriebene Schulästhetik der Malerei sicherlich kein Maler, und durch eine noch so gut gelernte Pädagogik auch kein Pädagoge. Man braucht ja auch wirklich schließlich die Physiologie nicht zu kennen, damit man sich ernähren kann; man kann sich ernähren aus ganz anderem Wissen als aus der Physiologie. Wir haben die Physiologie zu etwas ganz anderem als zur Ernährung, und es ist ein Surrogat, wenn eintreten muß die Physiologie für die richtige Ernährung. Es war mir immer etwas Schreckliches, wenn ich zu Menschen gekommen bin, die am Tische sitzen und neben sich die Waage haben, um jedes Stück abzumessen, abzuwiegen, das sie in den Mund stecken, das sie zu genießen haben zu einer Mahlzeit. Da greift schon in verheerender Weise Physiologie in den Ernährungsprozeß ein. Sie lachen darüber noch aus einer gewissen Naivität heraus. Im entgegengesetzten Sinn würden die lachen, die heute aus gewissen naturwissenschaftlichen Vorurteilen heraus dies als berechtigt empfinden, und die das, was ich heute zu Ihnen gesprochen habe, als gottverlassenen Dilettantismus ansehen. Man kann heute aus ganz verschiedenen Gesichtspunkten heraus über eine solche Sache lachen.

[ 19 ] Also, eine Norm-Pädagogik kann eigentlich nicht zum wirklichen Pädagogen machen. Warum? Ja, sie ist ja eigentlich dazu bestimmt, daß man ihre Grundsätze aufnimmt und sie dann ganz und immer anwendet. Aber das hindert einen im Erziehen; das fördert einen nicht im Erziehen und Unterrichten. Da fördert einen etwas anderes: Wenn man jederzeit, wenn man seiner Klasse gegenübersteht, die Pädagogik vergessen kann, alles, was man an gelernter Pädagogik hat, vergessen kann. Und wenn man als Pädagoge einfach aufgenommen hat eine so weitgehende Menschenerkenntnis, daß man in jedem Augenblick die pädagogischen Grundsätze findet aus der Menschenerkenntnis, daß sie in jedem Augenblick neu entstehen. Das ist dasjenige, was der Pädagoge notwendig hat. Man kann nämlich gar nicht zum Pädagogen erzogen werden dadurch, daß man Pädagogik lernt, sondern die Pädagogik kann nur angeregt werden im Menschen dadurch, daß er Menschenerkenntnis erwirbt. Man sollte Pädagogik ganz streichen als Wissenschaft, höchstens sie so betrachten wie der Maler die Ästhetik, der sicher das Bewußtsein hat, daß er davon nicht malen lernen kann. Ein Münchener Maler hat mir vor einiger Zeit gesagt, als ich mit ihm über Ästhetik sprach, an Carriere anknüpfend, den berühmten Ästhetiker: Ja, wir haben dazumal, als wir auf der Malerschule waren, den Carriere genannt den «ästhetischen Wonnegrunzer». — Das ist etwas, was noch nicht als Stimmung ist in den Seminaristen, die theoretischen Pädagogen etwa zu nennen «pädagogische Wonnegrunzer », denn man glaubt noch immer, daß man in der Pädagogik dasjenige gebrauchen kann, was man in der Kunst nicht brauchen kann. Aber es ist in beiden eigentlich dasselbe. Man sollte an die Stelle der seminaristischen Pädagogik eben stellen, wie wir es getan haben in unserem Lehrerkurs: Menschenerkenntnis, Einsicht in die Menschennatur, die dann ein lebendiges Verhältnis zur werdenden Menschennatur im Kinde an‚regt, so daß in jedem Augenblick im Lehrer die Pädagogik geboren wird, daß einfach aus der Art, wie man das Kind vor sich hat, der Drang entsteht, es so und so zu erziehen und so und so zu unterrichten. Das gibt eine ganz andere Art der Atmosphäre, die im Schulzimmer herrscht, weil eben nicht aus einer Normen-Pädagogik heraus diese Atmosphäre erzeugt wird, sondern weil sie aus dem lebendigen Leben heraus in jedem Augenblick erfließt. Kommt aus solch einem lebendigen Leben heraus Erziehung und Unterricht, dann werden eben die Kräfte nicht abgelähmt, die im fünfzehnten Lebensjahr da sein sollten, sondern dann kommt der Mensch in die höheren Jahre hinein so, daß er die elastischen Seelenkräfte hat, die er haben soll, damit für unsere Zeit etwas Ähnliches geschehen kann, was geschehen ist beim Übergang vom Mittelalter in die neuere Zeit, wo sich das Landbewußtsein in ein Erdenbewußtsein umgebildet hat, damit sich das Erdenbewußtsein umbildet in ein Weltenbewußtsein. Das kann aber nicht durch äußere Erfahrungen geschehen, sondern nur dadurch, daß man innerlich empfänglich gemacht wird für die aufeinanderfolgenden verschiedenen Erlebnisse, die man innerlich, seelisch haben kann. Nicht einmal in den engsten Grenzen hat heute der Mensch ein Bewußtsein von der Verschiedenheit dieser seelischen Erlebnisse.

[ 20 ] Wie ist es eigentlich heute? Der Mensch ist ein Kind, da benimmt er sich kindlich so, wie das seiner Umgebung gemäß geschehen kann. Dann wird er ein Erwachsener. Seine Begriffe werden abstrakter, seine Erfahrungen werden reicher; gewiß, das ist alles der Fall. Aber etwas Ähnliches tritt mit der Seele nicht ein, wie es eintritt mit unserem Äußerlich-Leiblichen. Wir bekommen ein schärfer ausgeprägtes Gesicht, wenn wir in einem gewissen Alter sind, haben nicht mehr die rundlichen Formen der Kindheit, wir bekommen weiße Haare und Runzeln und so weiter, oder oftmals auch Glatzen; kurz, die äußere Leiblichkeit ändert sich. Aber eigentlich könnte man sagen: Das Innerlich-Seelische ändert sich nicht in dieser Weise; es wird höchstens immer mehr hineingestopft, aber es wächst nicht so, daß die Art der Stellung zur Außenwelt eine andere ist. Es hängt nicht in der richtigen Weise Alter und Kindheit zusammen. Solche Dinge, wie ich sie oftmals betont habe, die hat der Mensch heute nicht mehr in seinem Bewußtsein, zum Beispiel daß, wenn man ein alter Mensch geworden ist, man segnen kann, und daß das Segnen eine gewisse Bedeutung hat, daß es nicht dieselbe Bedeutung hat bei einem im mittleren Alter stehenden Menschen. Davon haben die Menschen heute kein Bewußtsein, und zwar deshalb nicht, weil man heute nicht weiß, daß, wenn man richtig segnen will im Alter, man in der Jugend gelernt haben muß, die Hände zu falten. Denn nur aus der Faltung der Hände zum Gebet in der Kindheit entsteht die Fähigkeit des Segnens im Alter. Das Seelische hängt in bezug auf Segnen und Händefalten so zusammen, wie die greisen Haare mit den kindlichen Haaren. Dieses innerliche Um‚wandeln, das ist etwas, was in den Erfahrungskreis des gegenwärtigen Menschen nur in beschränktem Maß hineinfällt. Das muß aber wieder hineinfallen. Der Mensch muß wieder dahin kommen, das ganze Leben in seinen verschiedenen Metamorphosen einzusehen. Sonst kommen wir über die ungeheuren Schäden nicht hinaus, die zum Beispiel durch so etwas erzeugt werden, wie: wenn einer ein bißchen begabt ist und er ist achtzehn oder neunzehn Jahre alt, dann wird er ein Feuilletonist. Und diejenigen, die dann nur das Feuilleton lesen und keine Ahnung haben, daß das ein Achtzehnjähriger geschrieben hat, lesen es so, wie man in absolutem Sinne ein Feuilleton liest. Dann wird man aber nicht mehr älter, wenn man mit achtzehn Jahren ein Feuilletonist ist, Feuilletons schreibt; man bleibt eigentlich immer in dem Alter. Man entwickelt sich nicht weiter. Dann kommt aber auch das, daß man mit zwanzig, einundzwanzig Jahren reif wird, ins Parlament zu wählen oder Stadtverordnete zu wählen und gewählt zu werden; da ist man ein fertiger Mensch. Man hat nicht mehr nötig mit vierzig Jahren anzustreben, ein vollkommenerer Mensch zu werden, als man mit zwanzig Jahren war. Man hat ja alles, was die Welt einem bieten kann, und was man der Welt bieten kann, erreicht. Mit zwanzig Jahren wählt man oder wird gewählt, und es kommt nichts Rechtes mehr dazu. Erst dann, wenn man wieder einsehen wird, daß das Leben etwas konkret sich Wandelndes ist, wird man auch die Welt konkret zu fassen verstehen. Und dann wird jener abstrakte Sozialismus, der heute so vielfach vertreten wird, schwinden; es wird etwas Konkretes an seine Stelle treten.

[ 21 ] Also das Heraufkommen des Weltenbewußtseins aus dem Erdenbewußtsein, das wird für das Leben eine bedeutsame Folge haben, namentlich durch das, was gefühlsmäßig im Menschen erzeugt wird. Nicht das, was man weiß durch solche Dinge, ist das Bedeutsame, sondern die Art, wie man durch solche Dinge fühlt, das ist das Bedeutsame. Die Menschen werden gewisse Dinge im Zusammenhang des Lebens erst einsehen, wenn sie zu diesem Weltbewußtsein gekommen sein werden.

[ 22 ] Vor allen Dingen redet man heute ganz abstrakt von den aufeinanderfolgenden Generationen. Man denkt ungefähr — ich meine wir, die wir ein respektables Alter erreicht haben, die Jungen nehme ich jetzt aus —, also wir denken vielleicht so: Du hast jetzt diesen oder jenen Inhalt. Du lebst so und so. In deiner Kindheit hast du so gelebt. — In dieser Beziehung sind nun manche Leute sehr kurzlebig, indem sie das, was sie selbst als Kinder getrieben haben, den jetzigen Kindern sehr übelnehmen und nicht begreifen, daß die jetzigen Kinder dasselbe tun, was man selber getan hat; sie möchten, daß die jetzigen Kinder so artig sind, wie man jetzt im Alter ist, und begreifen nicht, daß man doch erst artig geworden ist durch das Heranwachsen. Aber abgesehen davon, tritt ja noch ein anderes ein. Es tritt das ein, daß der Mensch sich durchaus vorstellt: wie er in der Jugend gewesen ist, so müßten die Kinder jetzt sein. Also etwa so, wie ich in den sechziger Jahren des, vorigen Jahrhunderts gewesen bin, so sollten die Kinder, die jetzt geboren werden, auch sein. Das ist Unsinn. Denn wir haben uns absolut weiterbewegt im Weltenraum. Und die Kinder, die jetzt geboren werden — ich gehe zu meinem ursprünglichen Vergleich zurück —, werden in einem anderen Weltenraum geboren. Nicht wahr, wenn Sie heute von Stuttgart nach einem anderen Orte reisen, haben Sie heute in Stuttgart gegessen und essen morgen anderswo. Sie können nicht mehr dann in Stuttgart essen, wenn Sie reisen. Und die Kinder, die heute geboren werden, die können nicht mehr so seelisch geartet sein wie die Kinder, die wir waren, die wir heute ein respektables Alter haben. Die Kindheit selbst ändert sich, das muß man begreifen. Das hängt zusammen mit unserer absoluten Bewegung im Weltenraum, von dem der mathematische Raum nur ein schematisches Abbild ist. Die Menschen wollen immer absolutistisch die Dinge auffassen, und man freut sich heute schon, wenn die Dinge nicht absolutistisch aufgefaßt werden.

[ 23 ] Ich habe neulich eine große Freude gehabt, und zwar dadurch, daß mich ein Mann besuchte in Berlin, der — nun, wie soll ich es nennen die Besprechung der Dreigliederung unter dem Titel «Ein falscher Prophet», in der «Hilfe» gelesen hatte. Ich weiß nicht, ob Sie dieses Elaborat kennen. Das hat also ein Amerikaner gelesen und hat sich gesagt: Wovon in solcher Weise geschrieben wird, da ist etwas dran, da muß ich mich dafür interessieren. — Und er kam dann mit Herrn Pfarrer Rittelmeyer zu mir und setzte auseinander, daß er aus dem ganzen schwächlichen Stil und so weiter entnommen habe, daß man sich für die Sache interessieren müsse. Und unter den Fragen, die er stellte und die alle sehr verständig waren, war auch die folgende, die mich besonders freute: Nun, die Dreigliederung, man kann sie für die jetzige Zeit sehr gut einsehen; man kann einsehen, daß jetzt die Dreigliederung notwendig ist, daß sie an die Stelle des alten Einheitsstaates treten muß. Sind Sie der Meinung, daß nun die Dreigliederung die letzte, endgültige Lösung der sozialen Frage ist? — Das war eine sehr verständige Frage. Ich konnte ihm antworten: Das glaube ich ganz und gar nicht. Sondern im Laufe der Geschichtsentwickelung hat sich in den verflossenen Jahrhunderten ergeben, daß mehr der Einheitsstaat heraufkam. Jetzt ist notwendig geworden durch die Zeitforderung die Dreigliederung. Und es wird wiederum eine Zeit kommen, wo die Dreigliederung überwunden werden muß. Aber das ist nicht die jetzige Zeit, das ist die Zeit in drei bis vier Jahrhunderten. Da wird man wiederum denken müssen, wie man die Dreigliederung ablösen kann. — Das ist der Gegensatz zu dem chiliastischen Denken, der Gegensatz zu dem Denken, das ein tausendjähriges Reich ein für allemal herbeiführen will, dem Denken, das sich sagt: Wir müssen einen gesegneten Zustand der Menschheit herbeiführen, dann ist er eben da, dann kann er bleiben. — So bequem lebt es sich nicht in der Welt. Da ist notwendig, daß dasjenige, was als richtig in einer bestimmten Epoche herbeigeführt wird, wiederum abgelöst wird von dem, was dann für die folgende Epoche das relativ Richtige ist. Das ist es, um was es sich handelt. Das heißt organisch denken im Gegensatz zum mechanischen Denken, das die Gegenwart beherrscht, wo man eigentlich meint, es gibt nun etwas ein für allemal absolut Richtiges. Das eine ist richtig für Stuttgart, das andere für New York, für Australien. Das eine ist richtig für 1919, das andere für 2530. Nein, so bequem macht es die Weltentwickelung den Menschen nicht, daß irgend etwas absolut Richtiges da ist. Die Dinge sind immer richtig für bestimmte Orte und für bestimmte Zeiten. Und man muß konkret aus den Verhältnissen heraus denken. Das wird man aber tun, wenn man auch sich bewußt ist, daß man im Weltenraum absolute Bewegungen ausführt, die man aber nur aus inneren Erfahrungen heraus, aus innerem Erleben heraus bemerken kann.

[ 24 ] Ich habe Sie heute wiederum auf etwas aufmerksam gemacht, was Ihnen zeigen soll, wie die Dinge in der Gegenwart genommen werden sollen mit Bezug auf das Einverleiben der Geisteswissenschaft in unsere gegenwärtige Kultur. Wer solche Dinge begreift, wird einsehen, daß sich die Menschen in ihrer Bequemlichkeit sträuben gegen so etwas, wie die Geisteswissenschaft ist, denn alles andere ist bequemer. Geisteswissenschaft ist ja furchtbar unbequem. Sie gestattet einem nicht einmal, einen Zustand zu erdenken, der nun immer bleiben kann. Sie zwingt uns, das Gute nur für die nächsten Jahrhunderte, vielleicht noch für kürzere Zeit uns zu denken. Das kann man aber nur denken, wenn man wiederum nicht aus abstrakten Verstandesvotstellungen über die Menschheit urteilt, sondern wenn man versucht, seine Zeit in ihrer besonderen Eigentümlichkeit wirklich kennenzulernen, und dadurch ihre Anforderungen zu kennen. Das ist eben unbequem, aber es ist das, was der Wirklichkeit entspricht. Die Menschen möchten heute sehr, sehr bequem mit der Kulturentwickelung fertig werden, insbesondere diejenigen, die Führer sein wollen in der Kulturentwickelung.

[ 25 ] Hier ein kleines Beispiel, das mir mitgeteilt worden ist mit Bezug auf Geisteswissenschaft und ihre Auffassung durch maßgebende Persönlichkeiten der Gegenwart: In einer Stadt — ich will die Dinge nicht ganz genau sagen, es wird einem übel genommen —, in einer Stadt hatte jemand die Gelegenheit, in einer Privathochschule auch über meine Anthroposophie einmal vorzutragen. Er trug vor über Weltanschauungen des Menschen der Gegenwart. Da wollte er auch einreihen, weil das historisch notwendig ist — man strebt ja nach Abrundung —, eine Vorlesung über Anthroposophie. Wie tat er das? Nun, den Lehrplan, den Vorlesungsplan macht man ja im Anfang des Semesters, da hat man die soundsovielte Stunde im Semester « Anthroposophie » eingesetzt; wie also in vorhergehenden Stunden gesprochen worden war über Darwinismus und so weiter, hatte der Mann eine bestimmte Stunde eingesetzt für «die Anthroposophie Steiners». Das war im Anfang des Semesters gemacht. Er hatte, als er das einsetzte, nicht den geringsten Dunst, was in einem anthroposophischen Buche steht. Dann kam der Abend heran, an dem die Vorlesung war, da erschien dann der Herr bei irgend jemand, der meine Bücher hat, und ließ sich am Morgen die wichtigsten von meinen Büchern auswählen von dem, der sie besaß, um sich zu informieren, und — am Abend seine Vorlesung über Anthroposophie zu halten. Das ist bequem, sich so in eine Weltanschauung «einzuleben » und sie dann «autoritativ zu vertreten». Aber das ist nicht so selten mit Bezug auf die verschiedensten Verhältnisse der Gegenwart. Das ist etwas, was verdient, besprochen zu werden. Denn aus nicht viel weitergehenden Tiefen ist sehr, sehr vieles in der Gegenwart gesagt, vorgetragen und geschrieben worden, und es wird gläubig hingenommen. Und aus diesem gläubig Hingenommenen setzt sich dann zusammen das, was die Leute in ihren Köpfen und in ihren Seelen von den verschiedenen Weltanschauungen haben. Man darf sich vor dieser Tatsache einer furchtbaren Oberflächlichkeit, die eingezogen ist, nicht verschließen. Man muß sich klar darüber sein, daß es heute notwendig ist, sich etst anzusehen, wer da steht, wo dieses oder jenes autoritativ vertreten wird.

[ 26 ] Wichtiger als alles, was ich Ihnen inhaltlich geben kann, meine lieben Freunde, ist die Anregung dieses Bewußtseins gegenüber der heutigen Zeit; dieses Bewußtsein, daß wir es notwendig, ungeheuer notwendig haben, hinzusehen auf den Grad von Vertiefung, der in dem herrscht, was auf uns einströmt, was sich geltend macht, und was in Wirklichkeit recht hat, sich geltend zu machen. Redet man von diesen Dingen, so verletzt man heute geradezu viele Leute. Und besonders Anthroposophen und Theosophen gegenüber sagen die Leute: Die sollten doch nachsichtiger sein, sollten doch mit Wohlwollen urteilen und nicht so kritisch sein; denn wenn man so kritisch sei, so verletze das die Menschen. Aber es fragt sich, ob das Menschenliebe ist, wenn man es unbesprochen läßt, daß solche Menschen losgelassen werden auf die allgemeine Bildung, die sich am Morgen unterrichten über das, was sie am Abend vorzutragen haben. Bei den Fragen, die das Leben stellt, handelt es sich darum, wie sie gestellt werden. Es ist wichtig, daß man sie richtig stellt, dann allein können sich die richtigen Dinge ergeben.

[ 27 ] So versuchte ich heute, Ihnen die Notwendigkeit nahezulegen, daß das Erdenbewußtsein sich in ein Weltenbewußtsein verwandele, wie sich das Landbewußtsein in ein Erdenbewußtsein verwandelt hat. Aber ich versuchte Ihnen dieses nahezulegen, um Sie wiederum von einem Gesichtspunkte aus hinzuweisen auf manches, was gefühlsmäßig notwendig ist zur Herbeiführung gesünderer Verhältnisse in unserer Kultur, als wir sie gegenwärtig haben.

[ 28 ] Dieses Herbeiführen, oh, das muß schon geschehen! Man möchte die Leute aufrütteln dazu, das schläfrige Menschenwesen der Gegenwatt möchte man aufrufen dazu. Aber das ist gar nicht so leicht in der Gegenwart. Es wird ja manches nach dieser Richtung hin ausgeführt, aber die Menschen vermeiden es, sich gründlich mit unseren Zuständen bekannt zu machen. Es genügt nicht, daß man bloß anthroposophische Theorien aufstellt. Es ist notwendig, daß man den Blick scharf macht für das, was in unserer Zeit notwendig ist, und nicht sich einkapselt in Vorurteile. Man muß sich offen machen für das, was bekämpft werden muß, damit man gerade von dem Standpunkte einer richtigen Menschenliebe aus in die Gegenwart handelnd eingreifen kann. Wenn nur irgend etwas nach dieser Richtung hin angeregt werden kann in den Seelen und Gemütern, dann ist damit mehr erreicht als durch die umfassendsten Theorien.

[ 29 ] Es blutet einem das Herz, wenn man weiß, wie wahr es ist, was neulich hier in der Kulturrats-Sitzung Herr Molt gesagt hat, daß es heute schon Leute gibt, die da sagen: Ach was, bevor wir an so etwas denken, wie das, was von der Dreigliederung des sozialen Organismus kommt, werden wir lieber eine Provinz der Entente. — Es ist leider in sehr weiten Umfange wahr. Und mit einer solchen Gesinnung hängt vieles andere zusammen, weil schließlich andere Gesinnungen nur kommen können von einer Hinneigung zur geistigen Vertiefung. Die heutige Zeit kann nur durch eine geistige Vertiefung gesunden.