The Inner Aspect of the Social Enigma
A Luciferic Past and an Ahrimanic Future
GA 193
8 February 1919, Bern
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The Inner Aspect of the Social Enigma, tr. SOL
Zweiter Vortrag
Second Lecture
[ 1 ] Die öffentlichen Vorträge in diesen Tagen haben über das soziale Problem gehandelt, über die sozialen Forderungen der Gegenwart, wie sie nicht nur, ich möchte sagen, der Beobachtung in Gedanken sich ergeben, sondern wie sie auftreten in den Tatsachen, in den Ereignissen des gegenwärtigen Weltlebens.
[ 1 ] The public lectures given over the past few days have dealt with social problems and the social demands of the present—not merely as they arise, I would say, from intellectual observation, but as they manifest themselves in reality, in the events of contemporary world life.
[ 2 ] Alle diese Dinge, die sich auf das Leben des Menschen beziehen und deren Betrachtung heute im weitesten Sinne und für die weitesten Kreise durchaus eine Notwendigkeit ist, sie können gerade von dem anthroposophisch orientierten Menschen noch vertieft werden. Denn wir dürfen niemals, wenn wir uns als Angehörige der anthroposophischen Bewegung fühlen, vergessen, daß es zu unserer innigsten Empfindung gehören muß, alle Dinge der Welt so zu betrachten, daß wir die äußeren Erscheinungen, die äußeren Tatsachen für unsere eigene Anschauung noch durchdringen mit den Erkenntnissen, die wir aus der geistigen Welt heraus gewinnen. Dadurch gewinnen für uns erst alle Dinge das rechte Gesicht der Wirklichkeit, daß wir sie von dem Spirituellen durchsetzt zu denken imstande sind, von jenem Wesen, welches sich zunächst in der äußerlichen irdischen Welt verbirgt, welches aber doch wirklich auch in dieser irdischen Welt lebt.
[ 2 ] All these matters, which pertain to human life and whose consideration is today an absolute necessity in the broadest sense and for the widest circles, can be explored in even greater depth precisely by those with an anthroposophical orientation. For we must never, as members of the anthroposophical movement, forget that it must be part of our deepest feeling to view all things in the world in such a way that we penetrate the outer appearances and outer facts with the insights we gain from the spiritual world. It is only through this—by being able to conceive of all things as permeated by the spiritual, by that essence which is initially hidden in the outer earthly world but which nevertheless truly lives within this earthly world—that all things take on the true face of reality for us.
[ 3 ] Ich habe schon, als ich das letzte Mal hier unter Ihnen sein konnte, einige Andeutungen auch vom Standpunkte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft über die sozialen Impulse des Menschenlebens Ihnen gegeben. Wir haben dazumal schon den Menschen als soziales Wesen, als ein Wesen mit sozialen und antisozialen Instinkten, zu betrachten versucht. Nur dürfen wir eben niemals außer acht lassen, daß wir, indem wir Menschen dieser Erde sind, hereinbringen in dieses unser Erdendasein die Wirkung, das Ergebnis desjenigen, was wir durchmachen in der Zeit, die zwischen dem Tode und einer neuen Geburt verfließt. Wir bringen jeweilig in unser irdisches Leben herein die Ergebnisse unseres letzten geistigen Lebens, unseres letzten Aufenthaltes in der rein übersinnlichen Welt. Und wir betrachten unser irdisches Leben nicht vollständig, wenn wir nicht ins Auge fassen, wie dasjenige, was wir tun, dasjenige, was in der Welt für uns vorgeht in dem Zusammenleben mit Menschen, zugleich etwas an sich trägt von dem, was als Wirkungen unseres Lebens in der geistigen Welt sich ergibt, aus der wir durch die Geburt herausgetreten sind, deren Spuren, deren Kräfte wir aber in diese Welt mit hereinnehmen.
[ 3 ] The last time I was here with you, I already gave you some insights—from the perspective of anthroposophically oriented spiritual science—into the social impulses of human life. At that time, we had already attempted to view the human being as a social being, as a being with both social and antisocial instincts. However, we must never lose sight of the fact that, as human beings on this Earth, we bring into our earthly existence the effects and results of what we experience during the time that elapses between death and a new birth. We bring into our earthly life the results of our last spiritual life, of our last sojourn in the purely supersensible world. And we do not view our earthly life fully unless we take into account how what we do—what happens to us in the world as we live together with others—simultaneously bears within it something of the effects of our life in the spiritual world from which we have emerged through birth, traces and forces of which we, however, bring with us into this world.
[ 4 ] Das ist auf der einen Seite dasjenige, was für uns Menschen hereinragt aus der geistigen Welt in die physische Welt. Wir dürfen auf der anderen Seite aber auch nicht außer acht lassen, daß sich in dem Leben, das wir hier auf der Erde durchmachen, Dinge abspielen, die zunächst gar nicht ganz voll in unser Bewußtsein treten, die mit uns, um uns vorgehen, ohne daß wir Veranlassung nehmen, sie deutlich in unserem Bewußtsein aufzufassen, und daß wir gerade von diesen Erlebnissen, die gewissermaßen im Unterbewußten bleiben während unseres irdischen Lebens zwischen Geburt und Tod, Wichtigstes durch des Todes Pforte wieder hinaustragen in die übersinnliche Welt, die wir wiederum miterleben, wenn wir durch den Tod eben aus der irdischen Welt heraustreten. Es spielt sich in unserem irdischen Leben manches mit uns ab, was eben nicht seine Bedeutung hat für dieses irdische Leben, sondern als Vorbereitung für das nachtodliche Leben — wenn ich diesen Ausdruck «nachtodliches Leben» im Gegensatz zu dem «vorgeburtlichen Leben» gebrauchen darf.
[ 4 ] On the one hand, this is what reaches into the physical world from the spiritual world for us humans. On the other hand, however, we must not overlook the fact that in the life we lead here on Earth, things take place that at first do not fully enter our consciousness; they occur within us and around us without us taking the initiative to perceive them clearly in our consciousness, and that it is precisely these experiences—which, in a sense, remain in the subconscious during our earthly life between birth and death—that we carry as the most important things back through the gate of death into the supersensible world, which we in turn experience again when we step out of the earthly world through death. Many things happen to us in our earthly life that do not have significance for this earthly life itself, but rather serve as preparation for the life after death—if I may use the term “life after death” in contrast to “pre-birth life.”
[ 5 ] Nun, insbesondere eine solche Betrachtung, von der ich gestern im öffentlichen Vortrag gesprochen habe, ergibt sich erst mit der vollen konkreten Deutlichkeit, wenn man sie auch aus der Richtung her zu beleuchten versteht, von der das Licht aus der übersinnlichen Welt kommt. Und nach dieser Richtung hin möchte ich Ihnen dieses, gerade in der Gegenwart so aktuelle Thema auch anthroposophisch heute vertiefen. Ich möchte das soziale Problem heute betrachten als ein Problem der Gesamtmenschheit. Für uns aber ist die Gesamtmenschheit nicht nur die Summe der Seelen, die gerade in einem bestimmten Zeitpunkt sozial zusammen auf der Erde leben; sondern auch jene, die in dieser bestimmten Zeit in der übersinnlichen Welt sind, sie sind durch geistige Bande mit den Menschen verbunden, gehören zu dem, was wir die Gesamtheit der Menschen nennen können. Betrachten wir zunächst einmal dasjenige, was man im irdischen Sinne das menschliche Geistesleben nennt.
[ 5 ] Well, such a perspective in particular—the one I spoke about yesterday in my public lecture—only becomes fully and concretely clear when one also knows how to illuminate it from the direction from which the light from the supersensible world comes. And from this perspective, I would like to explore this topic—which is so relevant today—in greater depth from an anthroposophical standpoint. I would like to consider today’s social problem as a problem of humanity as a whole. For us, however, all of humanity is not merely the sum of the souls who happen to be living together socially on Earth at a particular moment; it also includes those who are in the supersensible world at this particular time—they are connected to human beings through spiritual bonds and belong to what we might call the totality of humanity. Let us first consider what is called, in the earthly sense, the human spiritual life.
[ 6 ] Im irdischen Sinne ist das menschliche Geistesleben nicht das Leben der geistigen Wesenheiten, sondern dasjenige, was die Menschen in ihrem sozialen Zusammensein als geistiges Leben durchmachen. Zu diesem Geistesleben gehört vor allen Dingen alles das, was Wissenschaft, Kunst, Religion umfaßt. Es gehört aber zu dem geistigen Leben auch alles das, was Schule, Erziehung betrifft. Was die Menschen im sozialen Zusammensein erleben als geistiges Kulturleben, das wollen wir einmal als erstes ins Auge fassen. Sie wissen ja aus einer solchen Mitteilung wie die, welche ich gestern gegeben habe, daß dieses geistige Leben — alles Schulwesen, alles Erziehungswesen, alles wissenschaftliche, künstlerische, literarische Leben und so weiter — eine abgesonderte soziale Gestaltung für sich bilden muß. Für die äußere Welt kann man das nur aus den Gründen heraus klarmachen, die diese äußere Welt heute einmal zugibt. Es kann vollständig klarwerden: Der gesunde Menschenverstand muß vollständig hinreichen, diese Dinge voll zu verstehen. Aber sie konkret anzuschauen, das wird noch ganz besonders möglich demjenigen, der sich auf die anthroposophisch orientierte Betrachtung der Welt einläßt. Einem solchen erscheint nämlich das, was man so irdisches Geistesleben nennt, noch in einem ganz besonderen Lichte.
[ 6 ] In the earthly sense, human spiritual life is not the life of spiritual beings, but rather what people experience as spiritual life in their social interactions. This spiritual life encompasses, above all, everything related to science, art, and religion. But this spiritual life also includes everything pertaining to schooling and education. Let us first consider what people experience as spiritual cultural life in their social interactions. You know, of course, from a talk such as the one I gave yesterday, that this spiritual life—the entire school system, the entire system of education, all scientific, artistic, and literary life, and so on—must form a distinct social structure of its own. To the outer world, this can only be made clear on the grounds that the outer world itself acknowledges today. It can become completely clear: Common sense must be entirely sufficient to fully understand these things. But to view them concretely becomes particularly possible for those who engage with an anthroposophically oriented view of the world. To such a person, what is called earthly spiritual life appears in a very special light.
[ 7 ] Durch die neuzeitliche Entwicklung ist doch dieses geistige Leben, das sich unter dem Einfluß des Bürgertums, der Intellektuellen des Bürgertums zu einer bloßen Ideologie abgelähmt hat, das daher die Proletarier in ihrer Weltanschauung wie eine bloße Ideologie übernommen haben, und das die Zweige umfaßt, die ich besprochen habe, ein solches, das uns bloß aufsteigt aus dem wirtschaftlichen Leben. So stellt es sich ja ungefähr heute die proletarische Weltanschauung vor: Alles das, was religiöse Überzeugung und religiöse Gedanken sind, alles das, was künstlerische Leistungen sind, alles, was Rechts- und sittliche Anschauungen sind, das ist, wie die proletarische Weltanschauung sagt, ein Überbau, gewissermaßen etwas, was als geistige Rauchwolken aufsteigt aus der einzig wahren Wirklichkeit, der wirtschaftlichen Wirklichkeit. Zur Ideologie, zu dem, was bloß erdacht wird, wird dieses irdische Geistesleben. Für den, der die Grundlagen kennt, aus denen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft kommt, ist aber das, was da als geistiges Kulturleben den Menschen umspannt, eine Gabe der geistigen Wesenheiten selbst. Für den dampft es nicht von unten herauf aus den wirtschaftlichen Untergründen, sondern für den strömt es herab aus dem Leben der geistigen Hierarchien. Das ist der radikale Unterschied zwischen dem, was sich aus der bürgerlichen Weltbetrachtung und ihrem Erbe in der proletarischen Weltanschauung ausdrückt — daß im Grunde genommen für dasjenige, was sich seit dem 15., 16. Jahrhundert in der Menschheit entwickelt hat, die geistige Welt ideologisch ist, ein bloßer Dunst, der aufsteigt aus den wirtschaftlichen Harmonien und Disharmonien — und derjenigen Weltanschauung, die da kommen muß, die allein das Heil bringen kann, welches herausführt aus dem gegenwärtigen Chaos, für die das, was herunterströmt, aus dem wirklichen Geistleben der Welt strömend ist, der wir als der spirituellen Welt ebenso angehören, wie wir durch unsere Sinne, durch unseren Verstand der physisch-irdischen Welt angehören. Aber jetzt, wo wir in der fünften nachatlantischen Periode angelangt sind, finden wir uns als soziales Wesen in den sozialen menschlichen Organismus mit diesem Geistesleben nur dadurch hinein, daß wir für dieses irdische Geistesleben vorbereitet werden durch jene Beziehungen, die wir vor der Geburt, wo wir noch nicht heruntergestiegen sind zum irdischen Dasein, eingehen mit anderen geistigen Wesenheiten der Hierarchien, wie wir sie öfter angeführt haben. Das ist das, was sich der geistigen Forschung als eine wichtige Tatsache des Lebens ergibt.
[ 7 ] As a result of modern developments, this intellectual life—which, under the influence of the bourgeoisie and its intellectuals, has degenerated into a mere ideology, and which the proletariat has therefore adopted as a mere ideology in its worldview— and which encompasses the branches I have discussed—is one that arises for us solely from economic life. This is roughly how the proletarian worldview conceives of things today: Everything that constitutes religious conviction and religious thought, everything that constitutes artistic achievement, everything that constitutes legal and moral views—all of this, as the proletarian worldview holds, is a superstructure, in a sense something that rises like clouds of spiritual smoke from the only true reality, economic reality. This earthly spiritual life is reduced to ideology, to something that is merely conceived. For those who know the foundations from which anthroposophically oriented spiritual science arises, however, what encompasses human beings as spiritual cultural life is a gift from the spiritual beings themselves. For them, it does not rise up from below out of the economic underworld; rather, it flows down to them from the life of the spiritual hierarchies. This is the radical difference between what is expressed in the bourgeois worldview and its legacy in the proletarian worldview—namely, that, fundamentally speaking, for what has developed in humanity since the 15th and 16th centuries, the spiritual world is ideological, a mere haze rising from economic harmonies and disharmonies — and the worldview that must emerge, the one that alone can bring salvation leading out of the present chaos, for which what flows down is a stream from the true spiritual life of the world, to which we belong just as much as we belong to the physical-earthly world through our senses and our intellect. But now that we have reached the fifth post-Atlantean period, we find our way as social beings into the social human organism with this spiritual life only by being prepared for this earthly spiritual life through those relationships we enter into before birth—when we have not yet descended into earthly existence—with other spiritual beings of the hierarchies, as we have often mentioned. This is what emerges from spiritual research as an important fact of life.
[ 8 ] Wir treten, indem wir durch die Geburt ins Dasein kommen, in einer zweifachen Weise mit Menschen in Beziehung. Unterscheiden Sie diese zweifache Beziehung genau, in die wir mit Menschen kommen. Das eine Verhältnis, das wir mit Menschen eingehen, mit Menschen eingehen müssen, das ist das Schicksalsmäßige. Wir kommen zu dem einen oder zu dem anderen Menschen, zu einer größeren oder geringeren Anzahl von Menschen in einen schicksalsmäßigen Zusammenhang. Wir treten, indem wir durch die Geburt ins irdische Dasein kommen, in eine bestimmte Familie ein. Zu Vater und Mutter, zu den Geschwistern, zu der weiteren Familie kommen wir in einen schicksalsmäßigen Zusammenhang.
[ 8 ] When we come into existence through birth, we enter into a relationship with other people in two distinct ways. Distinguish carefully between these two types of relationships we form with others. The first relationship we enter into—and must enter into—with others is one of destiny. We enter into a fateful connection with one person or another, with a greater or lesser number of people. When we are born into earthly existence, we enter a specific family. We enter into a fateful connection with our father and mother, our siblings, and the extended family.
[ 9 ] Wir kommen mit anderen Menschen, als einzelner Mensch dem einzelnen Menschen gegenüber, in schicksalsmäßige Zusammenhänge. Wir leben als einzelner Mensch dem anderen Menschen gegenüber unser Karma aus. Wie kommt dieses Karma zustande? Wie kommen diese schicksalsmäßigen Zusammenhänge zustande? Sie kommen dadurch zustande, daß sie sich vorbereitet haben durch diese oder jene Lebenstatsache der vorhergehenden Erdenleben. Also fassen Sie das wohl auf: Sie kommen, indem Sie durch die Geburt ins Dasein eintreten, mit anderen Menschen, als einzelner Mensch dem einzelnen Menschen gegenüber, in schicksalsmäßigen Zusammenhang, gemäß dem, was Sie mit diesem Menschen gelebt haben in verflossenen Erdenleben. Das ist die eine Art, wie Sie Verhältnisse eingehen mit anderen Menschen: schicksalsmäßig.
[ 9 ] As individuals, we enter into fateful relationships with other people, one person facing another. As individual human beings facing one another, we live out our karma. How does this karma come about? How do these fateful connections come about? They come about because they have been prepared through this or that life event in previous earthly lives. So take this to heart: When you enter into existence through birth, you enter into fateful relationships with other people—as one individual facing another—in accordance with what you have experienced with that person in past earthly lives. This is one way in which you form relationships with other people: through fate.
[ 10 ] Sie gehen aber noch andere Verhältnisse mit den Menschen ein. Sie gehören als Glied eines Volkes eben einer Gruppe von Menschen an, mit denen Sie nicht in solcher Art, wie es eben geschildert worden ist, schicksalsmäßig zusammenhängen. Sie werden in ein Volk hineingeboren, wie in ein bestimmtes Territorium. Das hängt gewiß auf der einen Seite mit Ihrem Karma zusammen, aber dadurch werden Sie gewissermaßen zusammengeschmiedet im sozialen Organismus mit vielen Menschen, mit denen Sie nicht schicksalsmäßig zusammengehören. In einer Religionsgemeinschaft haben Sie eventuell die gleichen religiösen Empfindungen mit einer Anzahl von anderen Menschen, mit denen Sie durchaus nicht schicksalsmäßig zusammengeschmiedet sind. Das geistige, das irdisch-geistige Leben bringt ja die mannigfaltigsten gesellschaftlichen, sozialen Zusammenhänge unter die Menschen, die durchaus nicht alle schicksalsmäßig begründet sind. Diese Zusammenhänge werden nun nicht etwa alle in vorhergehenden Erdenleben vorbereitet, sondern in der Zeit, die Sie durchleben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt. Namentlich wenn es so gegen die zweite Hälfte dieses Lebens geht zwischen dem Tod und einer neuen Geburt, dann treten Sie zu den Wesenheiten, vor allem der höheren Hierarchien, in ein Verhältnis, durch welches Sie von den Kräften dieser Hierarchien so beeinflußt werden, daß Sie geistig zusammengeschweißt werden mit verschiedenen Menschengruppen. Das, was Sie da als geistiges Leben erleben in Religion, in Kunst, im Volkszusammenhang, in der bloßen Sprachgemeinschaft zum Beispiel, was Sie erleben durch eine ganz bestimmt gerichtete Erziehung und so weiter, das alles bereitet sich schon vor außerhalb der reinen karmischen Strömungen im vorgeburtlichen Leben. Sie tragen herein in das physisch-irdische Dasein das, was Sie schon erlebt haben in dem vorgeburtlichen Leben. Und es spiegelt sich dasjenige, was Sie, allerdings auf eine ganz andere Weise, im vorgeburtlichen Leben erleben, ab in dem, was Geistesleben, geistiges Kulturleben im Irdischen ist.
[ 10 ] But you also enter into other relationships with people. As a member of a nation, you belong to a group of people with whom you are not fatefully connected in the way just described. You are born into a nation, just as you are born into a specific territory. On the one hand, this is certainly related to your karma, but as a result, you are, so to speak, forged together within the social organism with many people with whom you are not bound by destiny. In a religious community, you may share the same religious feelings with a number of other people with whom you are by no means bound by destiny. Spiritual life—that is, earthly-spiritual life—brings about the most diverse social connections among people, not all of which are based on destiny. These connections are not all prepared in previous earthly lives, but rather during the time you experience between death and a new birth. Especially as you approach the second half of this period between death and a new birth, you enter into a relationship with spiritual beings—above all those of the higher hierarchies—through which you are influenced by the forces of these hierarchies in such a way that you become spiritually bonded with various groups of people. What you experience there as spiritual life—in religion, in art, in the context of a people, in a mere linguistic community, for example—what you experience through a very specifically directed upbringing and so on—all of this is already being prepared outside the purely karmic currents in prenatal life. You bring into your physical, earthly existence what you have already experienced in prenatal life. And what you experience in prenatal life—albeit in a completely different way—is reflected in what constitutes spiritual life and spiritual cultural life on Earth.
[ 11 ] Nun entsteht für den, der eine solche Tatsache der geistigen Welt in vollem Sinne ernst zu nehmen vermag, cine ganz bestimmte Frage, die Frage: Wie wird man nun eigentlich gerecht, im höheren Sinne gerecht diesem irdischen Geistesleben, wenn man weiß, daß dieses irdische Geistesleben der Abglanz ist dessen, was man schon erlebt hat im wahren, konkreten Geistesleben vor der Geburt? Man wird diesem irdischen Geistesleben nur gerecht, wenn man es eben nicht als Ideologie anschaut, sondern wenn man weiß, darinnen lebt die geistige Welt. Und wir stellen uns nur in der rechten Weise zu diesem irdischen Geistesleben, wenn uns bewußt wird: darinnen sind überall die Wirkenskräfte der geistigen Welt selber zu finden. Stellen Sie sich einmal hypothetisch vor: Dasjenige, was die Wesen — seien es die Wesen der höheren Hierarchien, die niemals einen irdischen Leib annehmen, oder seien es auch die noch nicht geborenen Menschen, Menschen, die noch nicht durch die Pforte der Geburt ins irdische Leben eingetreten sind —, was diese der übersinnlichen Welt angehörenden Wesen denken, was sie als ihr Seelenleben durchmachen, das lebt; das lebt in einer Art von traumhaftem Abbild in der irdisch-geistigen Kulturwelt. So daß wir berechtigterweise immer die Frage stellen können, wenn irgendeine künstlerische, irgendeine religiöse, irgendeine Tatsache des Erziehungslebens an uns herantritt: Was lebt darinnen? — Nicht bloß, was die Menschen hier auf der Erde gemacht haben, sondern was einfließt aus den Kräften, aus den Gedanken, aus den Impulsen, aus dem ganzen Seelenleben der höheren Hierarchien, das lebt darinnen. Wir sehen die Welt niemals vollständig an, wenn wir verleugnen diese sich durch unsere geistig-irdische Kultur gewissermaßen spiegelnden Gedanken der geistigen Wesen, die nicht auf dieser Erde verkörpert sind, entweder überhaupt nicht verkörpert sind, oder gerade jetzt nicht verkörpert sind. Können wir uns empfindungsgemäß aneignen, ich möchte sagen, dieses heilige Anschauen der geistigen Welt um uns herum, daß wir diese geistige Welt halten können für dasjenige, was uns die geistigen Wesen selber schenken, womit uns die geistigen Wesen umgeben, dann werden wir in der richtigen Weise für dieses Geschenk der übersinnlichen Welt, das wir als irdisch-geistige Kulturwelt erleben, dankbar sein können. Dadurch stellt sich diese geistige Kulturwelt notwendig als etwas Selbständiges herein in die ganze soziale Struktur der Menschheit, daß sie die Fortwirkung desjenigen ist, was wir vor der Geburt mitmachen in der geistigen Welt. Beleuchtet man das soziale Leben mit dem Lichte der spirituellen Erkenntnis, dann wird es zu einer Selbstverständlichkeit, in diesem geistigen Leben eine abgesonderte, selbständige Wirklichkeit anzunehmen.
[ 11 ] Now, for those who are able to take such a fact of the spiritual world seriously in the fullest sense, a very specific question arises: How does one actually do justice—in the higher sense—to this earthly spiritual life, knowing that this earthly spiritual life is a reflection of what one has already experienced in the true, concrete spiritual life before birth? One does justice to this earthly spiritual life only when one does not view it as an ideology, but rather when one knows that the spiritual world lives within it. And we relate to this earthly spiritual life in the right way only when we become aware that the active forces of the spiritual world itself are to be found everywhere within it. Imagine, hypothetically: what the beings—whether they be beings of the higher hierarchies who never take on an earthly body, or even human beings not yet born, human beings who have not yet entered earthly life through the gateway of birth—what these beings belonging to the supersensible world think, what they experience as their soul life, that lives; that lives on in a kind of dreamlike reflection within the earthly-spiritual cultural world. So that we can always justifiably ask, whenever any artistic, religious, or educational reality presents itself to us: What lives within it? — Not merely what human beings here on Earth have created, but what flows in from the forces, the thoughts, the impulses, and the entire soul life of the higher hierarchies—that is what lives within it. We never see the world in its entirety if we deny these thoughts of spiritual beings—which are, in a sense, reflected through our spiritual-earthly culture—beings who are not incarnated on this earth, who are not incarnated at all, or who are not incarnated at this very moment. If we can intuitively take to heart—I would say—this sacred contemplation of the spiritual world around us, so that we can regard this spiritual world as that which the spiritual beings themselves bestow upon us, with which the spiritual beings surround us, then we will be able to be truly grateful for this gift of the supersensible world, which we experience as our earthly-spiritual cultural world. As a result, this spiritual cultural world necessarily presents itself as something independent within the entire social structure of humanity, in that it is the continuing effect of what we experience in the spiritual world before birth. If we illuminate social life with the light of spiritual insight, it becomes self-evident to recognize a distinct, independent reality in this spiritual life.
[ 12 ] Das zweite Gebiet der sozialen Struktur ist das, was man nennen könnte den äußeren Rechtsstaat, das politische Leben im engeren Sinne, dasjenige, was sich bezieht auf die Ordnung der Rechtsverhältnisse von Mensch zu Mensch, dasjenige, worinnen alle Menschen gleich sein sollen vor dem Gesetz. Es ist dies das eigentliche Staatsleben. Und das eigentliche Staatsleben sollte im Grunde genommen nichts anderes sein als dieses. Gewiß, man kann wieder aus Gründen des reinen, gesunden Menschenverstandes die Notwendigkeit einsehen, daß dieses Staatsleben, dieses Leben des öffentlichen Rechts, dieses Leben, das sich auf die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz bezieht, überhaupt auf die Gleichheit von Mensch zu Mensch, daß dieses Glied des sozialen Organismus für sich selbständig dastehen muß. Beleuchtet man die Sache aber wiederum mit dem Blicke, der geschärft ist an anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft, so zeigt sich noch etwas ganz anderes.
[ 12 ] The second sphere of social structure is what one might call the external rule of law—political life in the narrower sense—that which pertains to the order of legal relations between people, that in which all people are to be equal before the law. This is the true life of the state. And the true life of the state should, in essence, be nothing other than this. Certainly, one can again recognize, on the basis of pure, sound common sense, the necessity that this life of the state—this life of public law, this life that relates to the equality of all people before the law, indeed to equality from person to person—that this part of the social organism must stand on its own. But if one examines the matter again through the lens sharpened by anthroposophically oriented spiritual science, something quite different becomes apparent.
[ 13 ] Dieses Leben, das eigentliche Staatsleben ist innerhalb der sozialen Organe das, was allein nichts zu tun hat mit Vorgeburtlichkeit, nichts zu tun hat mit Nachtodlichem. Das ist dasjenige, was seine Ordnung, seine Orientierung rein nur findet in der Welt, die der Mensch durchlebt zwischen der Geburt und dem Tode. Der Staat ist nur dann ein in sich abgeschlossenes Ganzes mit seiner Urwesenheit, wenn er sich auf nichts erstreckt, was in die übersinnliche Welt hineinragt, sei es nach der Seite der Geburt, sei es nach der Seite des Todes. «Gebet dem Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.» — Gebet aber nicht — so muß man ergänzen — dem Cäsar, was Gottes ist, und Gott, was des Cäsars ist. — Der wird es zurück weisen!
[ 13 ] This life—true state life—is, within the social organs, that which has nothing to do with the pre-birth realm and nothing to do with the post-death realm. It is that which finds its order and orientation purely within the world that human beings experience between birth and death. The state is a self-contained whole with its own essential being only when it extends to nothing that reaches into the supersensible world, whether on the side of birth or on the side of death. “Render to Caesar what is Caesar’s, and to God what is God’s.” — But do not—one must add—give to Caesar what belongs to God, and to God what belongs to Caesar. — He will reject it!
[ 14 ] Die Dinge müssen reinlich gesondert werden, wie die einzelnen Systemgliederungen im menschlichen natürlichen Organismus. Alles das, was das Staatsleben umfassen kann, was man staatlich diskutieren, staatlich abmachen kann, hat nur Beziehung auf das Zusammenleben zwischen Mensch und Mensch. Das ist das Wesentliche. Das haben die tieferen religiösen Naturen in allen Zeiten empfunden. — Die anderen Menschen, die nicht tief religiöse Naturen waren, die haben es sogar nicht einmal gestattet, daß man frei, ehrlich und aufrichtig über diese Dinge redet. — Denn eine Vorstellung hat sich gerade in den tieferen religiösen Naturen über diese Dinge festgesetzt. Diese tieferen religiösen Naturen sagten sich: Staat, er umfaßt das Leben, das, insofern die Menschheit in Betracht kommt, nur mit alledem zu tun hat, was zwischen Geburt und Tod liegt, was sich auf das bloße Irdische bezieht. — Schlimm ist es, wenn dasjenige, was sich bloß auf das Irdische bezieht, seine Herrschaft ausdehnen will auf das Überirdische, auf das Übersinnliche, auf dasjenige, was über Geburt und Tod hinaus liegt. Über Geburt und Tod hinaus liegt aber das irdische Geistesleben, denn es enthält die Schatten der seelischen Erlebnisse der übersinnlichen Wesenheiten. Bemächtigt sich dasjenige, was im bloßen Staatsleben pulst, des Lebens der irdischen Geistigkeit, so nannten tiefere religiöse Naturen dies: Die Macht, welche ausübt der widerrechtliche Fürst dieser Welt. — Hinter dem Ausdruck «der widerrechtliche Fürst dieser Welt» verbirgt sich dasjenige, was ich eben angedeutet habe. Das ist auch der Grund, warum in denjenigen Kreisen, die ein Interesse daran haben, zu konfundieren die drei Glieder des sozialen Organismus, von diesem widerrechtlichen Fürsten dieser Welt nicht gern gesprochen wird, es sogar verpönt ist, davon zu sprechen.
[ 14 ] Things must be clearly separated, just like the individual systems within the human natural organism. Everything that public life can encompass—everything that can be discussed or agreed upon at the state level—relates solely to human coexistence. That is the essence of it. Deeper religious souls have sensed this throughout the ages. — Other people, who were not deeply religious, did not even allow these matters to be discussed freely, honestly, and sincerely. — For a particular conception of these matters has taken root precisely among those of a deeply religious nature. These deeply religious individuals told themselves: The state encompasses life—which, insofar as humanity is concerned, has to do only with everything that lies between birth and death, everything that pertains to the purely earthly. — It is a grave matter when that which relates merely to the earthly seeks to extend its dominion over the supernatural, the supersensible, and that which lies beyond birth and death. But beyond birth and death lies earthly spiritual life, for it contains the shadows of the soul experiences of the supersensible beings. If that which pulsates in mere state life seizes control of the life of earthly spirituality, deeper religious natures have called this: the power exercised by the unlawful prince of this world. — Behind the expression “the unlawful prince of this world” lies what I have just alluded to. This is also the reason why, in those circles that have an interest in confusing the three members of the social organism, people do not like to speak of this unlawful prince of this world—indeed, it is even frowned upon to speak of him.
[ 15 ] Etwas anders verhält sich die Sache wiederum mit dem, was an Denken, an Empfinden, an Seelenimpulsen im Menschen sich dadurch entwickelt, daß er dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen Organismus angehört. Das ist etwas höchst Eigentümliches. Allein Sie werden sich schon daran gewöhnt haben, daß Sie in Ihren Anschauungen durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft in manches zunächst paradox Erscheinende hineinkommen müssen. Wenn wir heute von dem wirtschaftlichen Gliede des sozialen Organismus sprechen, so müssen wir uns allerdings darüber klar sein, daß so, wie wir jetzt sprechen, dies eben eine Eigentümlichkeit des fünften nachatlantischen Zeitraums ist. In früheren Epochen der Menschheitsentwickelung waren diese Dinge anders. Daher gilt das, was ich zu sagen habe in dieser Richtung, insbesondere mit Bezug auf unsere Gegenwart und auf die Zukunft. Aber mit Bezug auf unsere Gegenwart und Zukunft muß gesagt werden: In früheren Zeiten lebte sich der Mensch instinktiv in das Wirtschaftsleben hinein. Jetzt muß das Hineinleben in die Wirtschaft immer bewußter und bewußter werden. So wie der Mensch — ich sagte es schon — schulmäßig das Einmaleins lernt, wie er andere Dinge schulmäßig lernt, so muß er schulmäßig in der Zukunft die Dinge lernen, die sich auf das Leben in dem sozialen Organismus, auf das wirtschaftliche Leben beziehen. Der Mensch muß sich fühlen können als ein Glied des Wirtschaftsorganismus. Es wird freilich für manche Menschen eine Unbequemlichkeit sein, weil schon einmal andere Denk- und Empfindungsgewohnheiten eingerissen sind, welche durchgreifende Änderungen erfahren müssen. Nicht wahr, wenn heute einer nicht wissen würde, wieviel drei mal neun ist, so würde er für einen ungebildeten Menschen gehalten werden. In manchen Kreisen wird einer schon für einen ungebildeten Menschen gehalten, wenn er nicht weiß, wer Raffael oder Leonardo war. Aber man wird im allgemeinen in gewissen Kreisen heute nicht für einen ungebildeten Menschen gehalten, wenn man keinen rechten Aufschluß zu geben vermag über das, was Kapital ist, was Produktion, was Konsumtion in ihren Verhältnissen sind, was Kreditwesen ist und so weiter, gar nicht zu reden davon, daß die wenigsten Menschen eine klare Vorstellung von dem haben, was ein Lombardgeschäft ist und dergleichen.
[ 15 ] The situation is somewhat different, however, when it comes to the thoughts, feelings, and soul impulses that develop within a person as a result of belonging to the economic member of the social organism. This is something highly peculiar. However, you will already have become accustomed to the fact that, in your views shaped by anthroposophically oriented spiritual science, you must engage with many things that at first appear paradoxical. When we speak today of the economic member of the social organism, we must, of course, be clear that, as we speak of it now, this is precisely a peculiarity of the fifth post-Atlantean epoch. In earlier epochs of human development, these things were different. Therefore, what I have to say in this regard applies particularly to our present and to the future. But with regard to our present and future, it must be said: In earlier times, people instinctively immersed themselves in economic life. Now, this immersion in the economy must become more and more conscious. Just as people—as I have already said—learn the multiplication tables in school, just as they learn other things in school, so too must they learn in school in the future the things that pertain to life within the social organism, to economic life. People must be able to feel themselves as a part of the economic organism. Of course, this will be an inconvenience for some people, because other habits of thought and feeling have already taken root, and these will have to undergo radical changes. Isn’t it true that if someone today did not know how much three times nine is, they would be considered uneducated? In some circles, a person is already considered uneducated if they do not know who Raphael or Leonardo was. But in general, in certain circles today, one is not considered uneducated if one is unable to provide a proper explanation of what capital is, what production and consumption are in relation to one another, what the credit system is, and so on—not to mention that very few people have a clear idea of what a Lombard transaction is and the like.
[ 16 ] Nun werden sich diese Begriffe unter dem Einfluß der sozialen Umgestaltung gewiß ändern, und man wird in der Zukunft leichter in die Möglichkeit versetzt werden, über diese Dinge entsprechenden Aufschluß suchen zu wollen und ihn haben zu wollen. Heute wird ja der Mensch ziemlich ratlos, wenn er sich über diese Dinge einen rationellen Aufschluß verschaffen will. Denn was würde natürlicher sein, als daß jemand, um nun zu wissen, was eigentlich Kapital ist, ein nationalökonomisches Handbuch von einem berühmten Nationalökonomen in die Hand nehmen würde? Wenn Sie drei verschiedene Handbücher von Nationalökonomie heute in die Hand nehmen, dann werden Sie in den drei verschiedenen Handbüchern auf drei verschiedene Arten definiert finden, was eigentlich Kapital ist. Denken Sie nur, was Sie für eine eigentümliche Ansicht haben würden über die Geometrie, wenn Sie drei Geometrien von drei verschiedenen Verfassern in die Hand nehmen würden und in einer jeden den pythagoreischen Lehrsatz in einer anderen Weise dargestellt finden würden, wenn er für Sie überall einen anderen Inhalt haben würde. Diese Dinge sind so, daß allerdings heute auch die Autoritäten auf dem Gebiet der Nationalökonomie recht wenig wirklichen Aufschluß geben können in diesen Sachen. Man kann es also dem allgemeinen Publikum gar nicht so übelnehmen, wenn es einen solchen Aufschluß nicht sucht. Aber er wird gesucht werden müssen, er wird eintreten müssen. Der Mensch wird die Brücke schlagen müssen von sich zu der, namentlich wirtschaftlichen, Struktur des sozialen Organismus. Er wird in bewußter Weise sich als Subjekt in die Wirtschaft einfügen müssen, in den sozialen Organismus. Da wird er denken lernen, wie er zu den anderen Menschen in Beziehung steht, einfach dadurch, daß er mit ihnen gemeinschaftlich auf einem bestimmten Territorium über die verschiedensten Gegenstände Wirtschaft führt. Dieses Denken, das man da entwickelt, und in das einfließt das ganze Verhältnis der Naturordnung zum Menschen, ist ein ganz anderes Denken als dasjenige, das sich zum Beispiel in der Welt der geistigen Kultur entwickelt. In der Welt der geistigen Kultur erleben Sie mit dasjenige, was Wesenheiten der höheren Hierarchien denken, was Sie selbst erlebt haben in ihrem vorgeburtlichen Leben. In dem Denken, das Sie entwickeln als Angehöriger des sozialen Wirtschaftskampfes, da denkt immer — so paradox Ihnen das erscheinen muß — ein anderer Mensch in Ihnen mit, ein tieferer Mensch in Ihnen. Gerade dann, wenn Sie sich als Glied eines Wirtschaftskörpers fühlen, denkt ein tieferer Mensch in Ihnen mit. Sie sind angewiesen, mit Ihrem Denken äußere Lebensfaktoren zusammenzufügen. Sie müssen denken: Wie wird der Preis von dem oder jenem? Wie erlange ich die eine Ware, wie die andere Ware und so weiter? Da huschen Sie gewissermaßen mit Ihren Gedanken über die äußeren Tatsachen hin; da lebt nicht Geistiges, da lebt Äußeres, Materielles in Ihrem Denken. Gerade weil Äußeres, Materielles in Ihrem Denken lebt, weil Sie denkend miterleben müssen, nicht bloß instinktiv miterleben wie das Tier, dasjenige, was im Wirtschaftsleben vor sich geht, deshalb denkt in Ihnen fortwährend noch ein anderer, tieferer Mensch über diese Dinge nach; der setzt die Gedanken erst fort, er macht die Gedanken erst so, daß sie ein Ende, einen Zusammenhang haben. Und das ist gerade der Mensch, der wesentlich mitwirkt bei alledem, was Sie durch den Tod in die übersinnliche Welt hineintragen. So paradox es manchem erscheint, gerade das Nachdenken über die materiellen Dinge hier in der Welt, zu dem der Mensch gezwungen ist, das erregt in ihm, weil es nie fertig ist, weil es nie etwas Abgeschlossenes ist, ein anderes inneres geistiges Leben, das er hineinträgt durch den Tod in die übersinnliche Welt. So stehen die Empfindungen, die Impulse, die wir gerade im Wirtschaftsleben entwickeln, mit unserem nachtodlichen Leben in einem engeren Zusammenhange, als die Menschen glauben. Das mag heute manchem sonderbar und paradox erscheinen; allein es ist, nur ins Bewußtsein umgesetzt, dasjenige, was sich in atavistischen Zeiten der Menschheitsentwicklung, dadurch, daß dazumal die spirituelle Welt in die Instinkte des Menschen eingezogen ist, bei den Menschen gerade damals ausgebildet hat. Ich will Sie auf folgendes aufmerksam machen.
[ 16 ] These concepts will certainly change under the influence of social transformation, and in the future it will be easier for people to seek and obtain appropriate information about these matters. Today, after all, people are left quite at a loss when they try to obtain rational information about these things. For what could be more natural than for someone, in order to understand what capital actually is, to pick up a textbook on economics written by a renowned economist? If you were to pick up three different economics textbooks today, you would find three different definitions of what capital actually is in those three different textbooks. Just imagine what a peculiar view you would have of geometry if you were to pick up three geometry textbooks by three different authors and find the Pythagorean theorem presented differently in each one—if its meaning were different to you in each case. The reality is that even today, authorities in the field of economics can offer very little real clarification on these matters. One cannot, therefore, blame the general public too harshly for not seeking such clarification. But it will have to be sought; it will have to come about. Human beings will have to build a bridge from themselves to the—specifically economic—structure of the social organism. They will have to consciously integrate themselves as subjects into the economy, into the social organism. There they will learn to think about how they relate to other people, simply by conducting economic activities together with them within a specific territory regarding a wide variety of goods. This way of thinking, which is developed there—and into which the entire relationship between the natural order and the human being flows—is a completely different way of thinking from that which develops, for example, in the world of spiritual culture. In the world of spiritual culture, you experience, among other things, what beings of the higher hierarchies think—what you yourselves experienced in your pre-birth life. In the thinking you develop as a participant in the social economic struggle, another person—as paradoxical as this may seem to you—always thinks along with you: a deeper person within you. Precisely when you feel yourself to be a member of an economic body, a deeper person within you thinks along with you. You are called upon to bring together external factors of life through your thinking. You must think: What will the price of this or that be? How do I acquire one commodity, then another, and so on? In doing so, your thoughts, as it were, flit over the external facts; it is not the spiritual that lives there, but the external, the material, that lives in your thinking. Precisely because the external and material dwell in your thinking—because you must experience what is happening in economic life through thought, not merely instinctively like an animal—therefore another, deeper aspect of your being is constantly reflecting on these matters within you; it is this aspect that carries the thoughts forward and gives them a purpose and coherence. And it is precisely this human being who plays an essential role in everything you carry into the supersensible world through death. As paradoxical as it may seem to some, it is precisely the reflection on material things here in the world—to which human beings are compelled—that stirs within them, because it is never finished, because it is never something complete, another inner spiritual life that they carry through death into the supersensible world. Thus, the feelings and impulses we develop especially in economic life are more closely connected to our life after death than people believe. This may seem strange and paradoxical to some today; yet, once brought into consciousness, it is precisely what developed in human beings during atavistic periods of human evolution—when the spiritual world was incorporated into human instincts. I would like to draw your attention to the following:
[ 17 ] Bei einzelnen sogenannten Naturvölkern finden sich frappierende Einrichtungen. Nun müssen wir uns durchaus nicht die unsinnige und törichte Vorstellung machen von den Naturvölkern, welche sich die heutige Völkerkunde, die heutige Anthropologie macht. Die heutige Anthropologie denkt: Es gibt solche Naturvölker, zum Beispiel die eingeborenen Australier, die stehen auf der ursprünglichsten Stufe der Menschheit, und die heutigen kultivierten Völker waren auch früher einmal so wie heute diese Naturvölker. — Das ist Unsinn! Die Sache ist vielmehr so, daß das, was man heute Urvölker nennt, in die Dekadenz Gekommenes ist; das ist Heruntergesunkenes von einer anderen Stufe. Nur haben die heutigen Urvölker in sich die früheren Zeiten bewahrt, was sich bei den sogenannten zivilisierten Völkern maskiert hat. Deshalb kann man bei sogenannten Urvölkern noch manches studieren, was in einer anderen Form vorhanden war in den Zeiten des alten atavistischen Hellsehens. Und da gab cs denn zum Beispiel folgende Einrichtungen: Da gab cs die Einrichtung, daß in einem Stamme die Angehörigen dieses Stammes in kleinere Gruppen zerfielen; jede dieser kleineren Gruppen hatte einen bestimmten Namen, der entlehnt war einer Pflanze oder einem Tier, wie sie innerhalb des Gebietes vorkamen, auf dem diese Gruppe lebte. Mit dieser Benennung kleinerer Gruppen innerhalb größerer Zusammenhänge war folgendes verbunden: zum Beispiel eine Gruppe — nun gebrauchen wir moderne Namen, nur um uns zu verständigen —, eine Gruppe, welche den Namen trug «Roggen», die hatten dafür zu sorgen, daß der Roggenbau auf diesem Terrain ordentlich getrieben wurde, daß die anderen Leute, die nicht den Namen «Roggen» hatten, mit Roggen versorgt werden konnten. Zu wachen über den Roggenbau, über die Verbreitung des Roggens hat ten als Aufgabe diese Leute, die den Namen «Roggen» trugen. Und die anderen, die wieder andere Namen hatten, die setzten voraus, daß sie versorgt würden mit dem Roggen von dieser einen Gruppe aus. Eine andere Gruppe hatte zum Beispiel den Namen «Rind»: sie hatte die Aufgabe, die Rinderkultur zu betreiben und die anderen zu versorgen mit Rindern, mit alldem, was dazugehört. Diese Gruppen hatten nicht nur die Aufgabe, die anderen zu versorgen, sondern zugleich war es den anderen verboten, die betreffende Pflanze oder das Tier zu kultivieren, was ein Recht des einen Totems, wie man sagte, war. Das ist der wirtschaftliche Sinn des Totems, der in dem Gebiete, wo dieses Totem herrschte, Mysterienkultur zugleich war. Mysterienkultur, die nicht, wie sich der heutige Mensch träumt, bloß in höheren Regionen ist, sondern die gerade aus den Ratschlüssen der Götter heraus, welche für die Angehörigen der Mysterien erforschbar waren, bis ins einzelnste des Menschenlebens hinein dieses Menschenleben ordneten. Sie ordneten den Stamm nach Totemgebilden, nach Totemgruppen und bewirkten dadurch eine entsprechende wirtschaftliche Organisation neben dem, daß sie in einer bestimmten Art den Menschen offenbarten, wie die geistige Welt beschaffen ist, wie die geistige Welt hereinragt in das irdische Geistesleben, so wie es dazumal eben richtig war für die betreffenden Zeiten. Wie sie für das Rechtsleben, das bloß irdischen Charakter trägt, in ihrer Art sorgten, so bereiteten sie die Menschen hier auf der Erde durch die Ordnung des Wirtschaftslebens so vor, daß die Menschen dann durch den Tod wiederum in eine andere Welt eintreten konnten, in der sie Zusammenhänge entfalten mußten, die sie hier auf Erden nur durch den Umgang mit den außermenschlichen Wesen der übrigen Naturreiche vorbereiten konnten. Da haben diese Leute aus alten Zeiten unter der Führung ihrer Eingeweihten gelernt, ein richtiges wirtschaftliches Glied in ihr Weltenleben hineinzustellen.
[ 17 ] Striking social structures can be found among certain so-called “primitive peoples.” Now, we certainly need not adopt the nonsensical and foolish view of these “primitive peoples” that contemporary ethnology—contemporary anthropology—holds. Contemporary anthropology believes: There are certain “primitive peoples,” such as the indigenous Australians, who stand at the most primitive stage of humanity, and today’s “civilized” peoples were once just like these “primitive peoples” are today. — That is nonsense! The truth is rather that what are today called “primitive peoples” have fallen into decadence; they are the remnants of a different stage that have sunk to a lower level. It is simply that today’s so-called primitive peoples have preserved within themselves the characteristics of earlier times, which have been masked in the so-called civilized peoples. That is why one can still study many things among these so-called primitive peoples that existed in a different form during the times of ancient atavistic clairvoyance. And there were, for example, the following institutions: There was the institution whereby, within a tribe, the members of that tribe were divided into smaller groups; each of these smaller groups had a specific name derived from a plant or an animal found within the territory where that group lived. The naming of these smaller groups within larger contexts was connected to the following: for example, a group—let’s use modern names just to make ourselves understood—a group bearing the name “Rye” was responsible for ensuring that rye cultivation on that land was properly managed, so that the other people, who did not bear the name “Rye,” could be supplied with rye. It was the task of these people, who bore the name “Rye,” to oversee rye cultivation and the distribution of rye. And the others, who had different names, relied on being supplied with rye by this one group. Another group, for example, bore the name “Cattle”: its task was to engage in cattle husbandry and to supply the others with cattle and everything associated with them. These groups were not only responsible for supplying the others, but at the same time, the others were forbidden from cultivating the plant or raising the animal in question—which, as it was said, was the exclusive right of that particular totem. This is the economic significance of the totem, which, in the area where this totem reigned, was at the same time a mystery cult. A mystery cult that is not, as modern people imagine, confined to higher realms, but which—based precisely on the decrees of the gods, which were accessible to the initiates of the mysteries—ordered human life down to its very finest details. They organized the tribe according to totemic forms and totemic groups, thereby bringing about a corresponding economic organization, in addition to revealing to people in a specific way the nature of the spiritual world and how the spiritual world interpenetrates earthly spiritual life—just as was appropriate for the times in question. Just as they provided for legal life—which is of a purely earthly nature—in their own way, so too did they prepare people here on Earth through the organization of economic life in such a way that, upon death, they could then enter another world where they would have to develop relationships that they could prepare for here on Earth only through their interaction with the non-human beings of the other natural kingdoms. Thus, these people of ancient times, under the guidance of their initiates, learned to incorporate a proper economic element into their worldly life.
[ 18 ] Später hat sich das mehr oder weniger konfundiert, obwohl es sogar nicht allzuschwierig ist, bis in die griechische Kultur, ja sogar bis in die Kultur des Mittelalters hinein die instinktive Dreigliederung des sozialen Organismus darzulegen, darzulegen gerade von diesem Gesichtspunkte aus, den ich jetzt angegeben habe, wie die Rudimente wenigstens bis ins 18. Jahrhundert herein sich noch vorfinden. Ach, dieser moderne Mensch ist ja so bequem mit seinem Denken, möchte alles, alles so oberflächlich wie möglich vor seinem Denken dargelegt haben! Würde man wirklich das Leben der früheren abgelebten Zeiten studieren, nicht nach dem, was man heute Geschichte nennt und was vielfach eine Fable convenue ist, sondern nach dem, wie es wirklich war, dann würde man sehen: Es war eine instinktive Dreigliederung da; nur ging in dem einen Glied, in dem geistigen Leben, alles von dem geistigen Zentrum aus und sonderte sich dadurch heraus aus dem bloßen Staatsleben.
[ 18 ] Later on, this became more or less confused, although it is not all that difficult to trace the instinctive threefold structure of the social organism all the way back to Greek culture, and indeed even to medieval culture—to trace it precisely from the perspective I have just outlined, showing how its rudiments can still be found at least up into the 18th century. Oh, modern people are so lazy in their thinking—they want everything, absolutely everything, presented to their minds as superficially as possible! If one were to truly study the life of bygone eras—not according to what is called “history” today, which is often nothing more than a fable convenue, but according to how it really was—then one would see: There was an instinctive threefold division; only in one of its parts—the spiritual life—did everything proceed from the spiritual center and thereby distinguish itself from mere political life.
[ 19 ] Als die katholische Kirche auf ihrer Höhe war, bildete sie schon ein selbständiges Glied, und organisierte wiederum das andere irdische Geistesleben als ein selbständiges Glied, gründete Schulen, ordnete das Erziehungswesen, gründete auch die ersten Universitäten, machte das irdische Geistesleben selbständig, sorgte dafür, daß das Staatsleben nun ja nicht durchsetzt werde von dem widerrechtlichen Fürsten dieser Welt. Und im Wirtschaftsleben, selbst in späteren Zeiten, hatte man wenigstens das Gefühl, wenn man im Wirtschaftsleben Brüderlichkeit unter den Menschen entfaltet, daß sich dadrinnen etwas vorbereitet, was eine Fortsetzung findet im Leben nach dem Tode. Daß die Brüderlichkeit unter den Menschen belohnt wird nach dem Tode, ist zwar eine egoistische Umdeutung der höheren Vorstellungen, die im Totemismus gelebt haben, aber es ist wenigstens noch ein Bewußtsein von dem vorhanden, daß das brüderliche Leben im menschlichen Wirtschaften eine Fortsetzung finde nach dem Geistigen hin im nachtodlichen Leben. Selbst die Ausschreitungen auf diesem Gebiete müssen von diesem Gesichtspunkte aus beurteilt werden. Daß Ausschreitungen vorkommen, das liegt in der menschlichen Natur. Der Ablaßhandel ist allerdings eine der wüstesten Ausschreitungen auf diesem Gebiete. Aber er entsprang doch, wenn auch nur als eine Ausschreitung, aus dem Bewußtsein, daß dasjenige, was der Mensch hier im physischen Leben an wirtschaftlichen Opfern bringt, eine Bedeutung hat für sein nachtodliches Leben. Wenn es auch eine Karikatur dessen ist, was wirklich ist, es entsprang als eine Karikatur der richtigen Anschauung von der Bedeutung desjenigen, was wir hier erleben, indem wir mit den Wesenheiten der anderen Reiche der Erde, der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere, in Beziehung treten. Dadurch, daß wir zu den anderen Wesen in Beziehung treten, erwerben wir etwas, was erst zur vollen Entwicklung kommt im nachtodlichen Leben. Nicht wahr, mit Bezug auf das, was wir nach dem Tode sind, sind wir hier als Menschen noch verwandt mit dem Niedrigeren, mit Tieren, Pflanzen und Mineralien; aber gerade mit diesem Erleben des Außermenschlichen bereiten wir etwas vor, was erst nach dem Tode ins Menschliche heraufwachsen soll. Wenn Sie den Gedanken so wenden, werden Sie ihn leichter verstehen, werden Sie leichter darauf kommen, wie es ganz selbstverständlich ist, daß dasjenige, was wir mit Tieren, Pflanzen, Mineralien erleben, in etwas sich auslebt auf der Erde, was die Menschen zusammenfaßt, was sie umgibt wie eine geistige Luft, eine geistige Atmosphäre im Irdischen. Was die Menschen unter sich erleben, begründet nur ein reines Ätherisches zwischen Geburt und Tod.
[ 19 ] When the Catholic Church was at its height, it already constituted an independent entity, and in turn organized the other aspects of earthly spiritual life as an independent entity; it founded schools, structured the educational system, established the first universities, made earthly spiritual life independent, and ensured that public life would not be permeated by the unlawful prince of this world. And in economic life, even in later times, there was at least a sense that when brotherhood among people was cultivated in economic life, something was being prepared within it that would find its continuation in the life after death. That brotherhood among people is rewarded after death is, admittedly, a self-serving reinterpretation of the higher concepts that were lived out in totemism, but at least there remains an awareness that a life of brotherhood in human economic activity finds a continuation in the spiritual realm of the afterlife. Even the excesses in this area must be judged from this perspective. That excesses occur is part of human nature. The sale of indulgences is certainly one of the most depraved excesses in this area. Yet it arose—even if only as an excess—from the awareness that the economic sacrifices a person makes here in physical life have significance for their life after death. Even if it is a caricature of what is truly the case, it arose—as a caricature—from the correct view of the significance of what we experience here by entering into relationship with the beings of the other kingdoms of the Earth: the mineral, plant, and animal kingdoms. Through our relationship with these other beings, we acquire something that only reaches its full development in the life after death. Isn’t it true that, in relation to what we are after death, we here as human beings are still related to the lower realms—to animals, plants, and minerals? Yet it is precisely through this experience of the non-human that we prepare something which is only to grow into the human realm after death. If you turn the thought around in this way, you will understand it more easily, and you will more readily realize how entirely natural it is that what we experience with animals, plants, and minerals finds its expression on Earth in something that unites human beings, something that surrounds them like a spiritual air, a spiritual atmosphere within the earthly realm. What human beings experience among themselves gives rise only to a purely ethereal realm between birth and death.
[ 20 ] Was die Menschen im Untermenschlichen erleben, im Wirtschaftsleben, das wird erst Mensch, wird erst heraufgehoben ins Erdenmenschliche, wenn wir durch den Tod hindurchgeschritten sind.
[ 20 ] What people experience in the subhuman realm—in economic life—only becomes truly human, only is elevated to the human realm of the earth, once we have passed through death.
[ 21 ] Das müßte gerade für den anthroposophisch orientierten Geist, für den, der eine Vertiefung des Lebens durch anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft sucht, von dem allerhöchsten Interesse und von allergrößter Bedeutung sein: anzuerkennen, daß diese Dreigliederung des sozialen Organismus konkret begründet ist einfach in dem Umstande, daß der Mensch auch nach dieser Richtung ein dreigliedriges Wesen ist, dadurch, daß er, wenn er als Kind hereinwächst in die physische Welt, noch etwas an sich trägt von dem, was er vorgeburtlich erlebt hat, dadurch, daß er etwas an sich trägt, was nur Bedeutung hat zwischen Geburt und Tod, und dadurch, daß er gewissermaßen unter dem Schleier des gewöhnlichen physischen Lebens schon hier dasjenige vorbereitet, was wiederum übersinnlich-nachtodliche Bedeutung hat. Was hier als das niederste Leben erscheint, das Leben in der physischen Wirtschaft, hier für die Erde ist es scheinbar niedriger als das Rechtsleben, aber dieses Durchleben des Niedrigeren entschädigt uns zugleich damit, daß wir für unseren tiefer gelegenen Menschen, während wir in der niedrigeren Wirtschaft drinnenstehen, die Zeit gewinnen, uns vorzubereiten für das nachtodliche Leben. Indem wir mit unserer Seele angehören dem Kunstleben, dem religiösen Leben, dem Erziehungsleben, dem sonstigen Geistesleben, zehren wir von der Erbschaft, die wir hereintragen durch die Geburt in das physisch-irdische Dasein. Aber indem wir durch das Wirtschaftsleben uns gewissermaßen in das Untermenschliche erniedrigen, in dasjenige Denken, das nicht so hoch hinaufragt, werden wir entschädigt, indem wir im tiefsten Inneren dasjenige vorbereiten, was dann nach dem Tode erst ins Menschliche heraufragt. Paradox mag das für den heutigen Menschen noch klingen, weil er gern die Dinge einseitig ansieht und eigentlich keine Ahnung davon haben will, daß eben jegliches Ding nach zwei Seiten hin sein Wesen im Leben entfaltet. Was nach der einen Seite hoch ist, ist nach der anderen Seite niedrig, was nach der einen Seite niedrig ist, ist nach der anderen Seite hoch. Immer hat ein jegliches Ding im wirklichen Leben — ich könnte auch sagen in der Lebenswirklichkeit — seine andere Seite. Der Mensch würde überhaupt über sich und die Welt einen besseren Aufschluß erringen, wenn er sich bewußt wäre, wie ein jegliches Ding immer seine andere Seite hat. Manchmal ist es unangenehm, sich dies zum vollen Bewußtsein zu bringen, es legt uns das mancherlei Lebenspflichten auf. So zum Beispiel: Mit Bezug auf gewisse Dinge müssen wir gescheit werden, aber wir können das Maß dieser Gescheitheit in bezug auf gewisse Dinge nicht entwickeln, ohne ein gleiches Maß von Dummheit nach einer anderen Seite zu entwickeln. Immer bedingt das eine das andere. Und wir dürften eigentlich niemals einen Menschen für vollständig dumm halten, wenn er auch im äußeren Leben uns als dumm entgegentritt, ohne daß wir uns dessen bewußt wären: in seinem Unterbewußten liegt vielleicht eine tiefe Weisheit, die uns nur verhüllt ist. Die Wirklichkeit enthüllt sich erst, wenn man dieser Zweiseitigkeit alles Wirklichen gerecht wird. Und so ist es auch: es erscheint uns das Leben der geistigen Kultur auf der einen Seite als das Höchste; es ist zu gleicher Zeit dasjenige, wo wir eigentlich immer Raubbau treiben, wo wir immer an dem zehren, was wir hereinbringen durch unsere Geburt ins physische Dasein. Das wirtschaftliche Leben erscheint uns als das niedrigste Glied: es ist dies nur aus dem Grunde, weil es den niedrigsten Aspekt uns zeigt zwischen Geburt und Tod. Es läßt uns Zeit, unbewußt dasjenige zu entwickeln, was die geistige Seite des Wirtschaftslebens ist und was wir durch den Tod in die übersinnliche Welt hineintragen. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl in Brüderlichkeit mit den anderen Menschen, das ist es, was ich da unter dem geistigen Teil des Wirtschaftslebens hauptsächlich zu verstehen habe.
[ 21 ] This should be of the utmost interest and the greatest significance, especially for the anthroposophically oriented mind—for those who seek a deepening of life through anthroposophically oriented spiritual science—to recognize that this threefold structure of the social organism is concretely grounded simply in the fact that the human being is also a threefold being in this respect, in that, when he grows into the physical world as a child, he still carries within himself something of what he experienced before birth; in that he carries within himself something that has meaning only between birth and death; and in that, so to speak, beneath the veil of ordinary physical life, he is already preparing here that which, in turn, has a supersensible, post-mortem significance. What appears here as the lowest form of life—life within the physical realm—seems, here on Earth, to be lower than the spiritual life; yet this experience of the lower realm simultaneously compensates us by allowing us, while we are immersed in the lower realm, to gain the time needed to prepare our deeper human nature for life after death. By belonging with our soul to the life of art, the religious life, the life of education, and other spiritual life, we draw upon the inheritance we bring with us through birth into physical-earthly existence. But by lowering ourselves, as it were, through economic life into the subhuman realm—into that mode of thinking that does not reach so high—we are compensated by preparing, in our innermost being, that which will then, after death, rise up into the human realm. This may still sound paradoxical to people today, because they tend to view things one-sidedly and actually do not want to acknowledge that every single thing unfolds its nature in life from two sides. What is high on one side is low on the other; what is low on one side is high on the other. In real life—I might also say in the reality of life—every single thing always has its other side. People would gain a much better understanding of themselves and the world if they were aware that every single thing always has its other side. Sometimes it is unpleasant to bring this fully to mind, for it imposes various duties of life upon us. For example: With regard to certain things, we must become wise, but we cannot develop the degree of this wisdom in relation to certain things without developing an equal degree of foolishness on the other side. One thing always determines the other. And we should never actually consider a person completely foolish, even if they appear foolish to us in their outward life, without realizing it: in their subconscious there may lie a profound wisdom that is simply hidden from us. Reality reveals itself only when we do justice to this duality of all that is real. And so it is: on the one hand, the life of spiritual culture appears to us as the highest; at the same time, it is the very realm where we are actually always overexploiting, where we are always drawing upon what we bring with us through our birth into physical existence. Economic life appears to us as the lowest link: this is only because it shows us the lowest aspect between birth and death. It gives us time to unconsciously develop what constitutes the spiritual aspect of economic life—that which we carry into the supersensible world through death. This sense of belonging in brotherhood with other human beings—that is what I primarily mean by the spiritual aspect of economic life.
[ 22 ] Nun, Verständnis für diese Dinge ist der Menschheit dringend vonnöten, wenn sie aus gewissen Kalamitäten herauskommen will, die sich gerade dadurch ergeben haben, daß man diese Dinge eben nicht berücksichtigt hat. Innerhalb der intellektuellen führenden Persönlichkeiten der herrschenden Klassen hat sich etwas herausgebildet — ich sprach vorgestern davon —, was nicht Stoßkraft hat, in die Alltäglichkeit hineinzustrahlen. In diesem Punkte das richtige Verständnis sich anzueignen, ist ganz besonders wichtig für den Menschen der Gegenwart. Sehen Sie, die führenden intellektuellen Kreise der herrschenden Klassen, sie haben eine gewisse sittliche Weltanschauung, eine gewisse religiöse Anschauung entwickelt. Aber diese sittliche, diese religiöse Weltanschauung will man am liebsten immer einseitig ganz idealistisch halten. Sie soll nicht die Stoßkraft haben, zugleich in das alltägliche Leben einzudringen. Praktisch tritt Ihnen das dadurch zutage, daß Sie Sonntag für Sonntag und sogar öfter die bekannten Kirchen besuchen können: es werden Ihnen Predigten gehalten werden, Predigten, die aber fortwährend versäumen die intensivsten Pflichten der Zeit. Es wird Ihnen von allem möglichen geredet werden, was Sie tun sollen aus religiöser Weltanschauung heraus, was aber keine Stoßkraft hat. Denn gehen Sie aus der Kirche heraus, treten Sie ins äußere alltägliche Leben hinein, so können Sie nicht anwenden alles, was da gepredigt wird über Liebe von Mensch zu Mensch, was man tun soll, was der eben erleben will und jener eben gepredigt hat. Wo haben Sie eine Verständigung, eine Verbindung zwischen dem, was der Prediger, der Sittenlehrer zu seinen Studenten sagt, und zwischen dem, was im alltäglichen Leben nun einmal herrscht?
[ 22 ] Well, humanity urgently needs to understand these things if it is to emerge from certain calamities that have arisen precisely because these things have not been taken into account. Among the leading intellectuals of the ruling classes, something has emerged—I spoke of this the day before yesterday—that lacks the momentum to permeate everyday life. Acquiring the right understanding in this regard is particularly important for people today. You see, the leading intellectual circles of the ruling classes have developed a certain moral worldview, a certain religious outlook. But they prefer to keep this moral and religious worldview one-sidedly and entirely idealistic. It is not meant to have the momentum to penetrate everyday life at the same time. In practical terms, this becomes evident to you when you visit the familiar churches Sunday after Sunday—and even more often: sermons will be preached to you, but these sermons consistently fail to address the most pressing duties of the times. You will be told all sorts of things about what you should do based on a religious worldview, but these teachings lack any driving force. For when you leave the church and step back into everyday life, you cannot apply everything that is preached there about love between people—what one should do, what one person is just experiencing, and what another has just preached. Where is the connection, the link, between what the preacher or moral teacher says to his students and what actually prevails in everyday life?
[ 23 ] Das war zum Beispiel in den Zeiten, auf die der Totemkultus zurück weist, anders: da richteten die Eingeweihten das alltägliche Leben nach dem Ratschluß der Götter ein. Es ist ein ungesunder Zustand, daß heute von den Kanzeln her nichts gehört wird über die notwendige Einrichtung des Wirtschaftslebens. Dasjenige, was da gepredigt wird, das gleicht — ich habe öfter diesen Vergleich gebraucht — wirklich dem, wenn man einem Ofen gegenübersteht und sagt: Du Ofen, du stehst hier im Zimmer. So wie du angeordnet bist im Verhältnis zu den übrigen Gegenständen im Zimmer, ist es deine heilige Pflicht, das Zimmer warm zu machen. Also erfülledeine heilige Pflicht und mache das Zimmer warm. — Sie können lange so dem Ofen predigen, er wird nicht das Zimmer warm machen! Aber Sie brauchen gar nicht zu predigen, sondern Holz oder Kohlen hineinzulegen und sie anzuzünden, so werden Sie das Zimmer warm machen. So können Sie alle Sittenlehren unterlassen, die bloß reden von dem, was der Mensch, um der ewigen Seligkeit willen, oder um anderer Dinge willen, die dem bloßen Glauben angehören, tun soll. Sie können also unterlassen die Predigten, die heute zumeist den Inhalt der Kanzelreden bilden, aber Sie können nicht dasjenige unterlassen, was heute reales Wissen vom sozialen Organismus ist. Das wäre die Pflicht derjenigen, die Volkserzicher sein wollen, auch im Praktischen die Brücke zu bauen von dem, was als Geistiges die Welt durchlebt und durchwebt, zu dem, was im alltäglichsten Leben geschieht. Denn der Gott, das Göttliche, lebt nicht nur in dem, was der Mensch in Wolkenhöhen erträumt, sondern in dem geringsten Alltäglichsten. Wenn Sie das Salzfaß auf dem Tisch ergreifen, wenn Sie den Löffel Suppe zum Munde führen, wenn Sie für fünf Pfennige etwas von Ihrem Mitmenschen kaufen, in allen Dingen lebt das Göttliche. Und wenn man sich dem Glauben hingibt: da ist auf der einen Seite das derb Materielle, Konkrete, dasjenige, was niederer Natur ist, und auf der anderen Seite das Göttlich-Geistige, das man ja recht fernhalten soll von diesem derb Materiellen, Konkreten, weil das eine heilig ist und das andere profan, weil das eine hoch ist und das andere niedrig, dann widerspricht man gerade dem innersten Sinn einer wirklichkeitsgemäßen Weltauffassung: der Stoßkraft vom Höchsten, Heiligen, herunter bis in die alltäglichsten Erlebnisse der Menschen.
[ 23 ] This was different, for example, in the times to which the totem cult refers: back then, the initiates organized daily life according to the will of the gods. It is an unhealthy state of affairs that today nothing is heard from the pulpits about the necessary organization of economic life. What is preached there really resembles—I have often used this comparison—standing in front of a stove and saying: “O stove, you stand here in the room. Just as you are positioned in relation to the other objects in the room, it is your sacred duty to warm the room. So fulfill your sacred duty and warm the room.” — You can preach to the stove like that for a long time, but it won’t warm the room! But you don’t need to preach at all; instead, put wood or coal in it and light it, and that’s how you’ll warm the room. In the same way, you can dispense with all moral teachings that merely speak of what a person should do for the sake of eternal bliss, or for the sake of other things that pertain solely to faith. So you can dispense with the sermons that today mostly make up the content of pulpit speeches, but you cannot dispense with what today constitutes real knowledge of the social organism. It would be the duty of those who wish to be educators of the people to build, in practical terms as well, a bridge from what, as the spiritual, permeates and weaves through the world, to what happens in the most everyday life. For God, the Divine, lives not only in what human beings dream of in the heights of the clouds, but in the smallest, most ordinary things. When you pick up the salt shaker on the table, when you bring a spoonful of soup to your mouth, when you buy something from your fellow human being for five pfennigs—the Divine lives in all these things. And when one surrenders to faith: on the one hand, there is the coarse material, the concrete—that which is of a lower nature—and on the other hand, the divine-spiritual, which one is supposed to keep quite separate from this coarse, material, concrete realm, because one is sacred and the other profane, because one is exalted and the other lowly—then one is directly contradicting the innermost meaning of a worldview grounded in reality: the impetus from the Highest, the Holy, down into the most everyday experiences of human beings.
[ 24 ] Damit ist zugleich das charakterisiert, was die religiöse Entwicklung bis in unsere Zeit herein versäumt hat, die nur immer dem Ofen predigt, er solle warm sein, und die verpönt, auf wirkliche, konkrete Geist-Erkenntnis einzugehen. Würde man sich nur überall dieses frei sagen, was versäumt worden ist, von denjenigen versäumt, die sich berufen fühlen, das geistige Leben zu führen, dann würde das schon eine wesentliche Hinlenkung sein auf das, was zu geschehen hat.
[ 24 ] This also characterizes what religious development has failed to do right up to our own time—a development that merely preaches to the stove that it should be warm, and that frowns upon engaging with genuine, concrete spiritual knowledge. If only people everywhere would speak freely about what has been neglected—neglected by those who feel called to lead the spiritual life—that alone would be a significant step toward what must happen.
[ 25 ] Wie redet man heute oftmals von Erlösung, von Gnade, von dem, was Gegenstand des Glaubens ist? Man redet so, daß man es den Menschen höchst bequem macht: Da sind die Menschen mit ihren Menschengemütern. Auf Golgatha ist einstmals der Christus Jesus gestorben und — die fortgeschrittenen Theologen glauben ja heute nicht mehr daran — auferstanden. Aber das tut er alles für sich, die Menschen brauchen nichts anderes zu tun, als daran zu glauben. So meinen heute viele, und sie betrachten es als eine Störung ihrer Kreise, wenn anders gedacht wird. Es muß aber gelernt werden, anders zu denken! Gerade auf diesem Gebiete muß ein radikaler Umschwung eintreten.
[ 25 ] How often do people today speak of salvation, of grace, of the objects of faith? They speak in a way that makes it extremely convenient for people: there are people with their human minds. Christ Jesus once died on Golgotha and—though advanced theologians no longer believe this today—rose again. But he does all of this for himself; people need do nothing more than believe in it. That is what many believe today, and they regard it as a disruption to their circles when people think differently. But we must learn to think differently! It is precisely in this area that a radical change must take place.
[ 26 ] Man möchte sagen: Heute erklingt uns wiederum die ChristusMahnung oder schon die Mahnung des Täufers Johannes: Ändert den Sinn, denn die Zeit der Krisis ist nahe herbeigekommen. — Die Menschen haben sich gewöhnt, das Geistige irgendwo vorauszusetzen, irgendwo, wo es für sie sorgt; sich erzählen zu lassen von den religiösen Predigern, daß es eine solche geistige Welt gibt, die man möglichst wenig charakterisiert. Die Menschen wollen sich nicht anstrengen in ihren Gedanken, auch etwas zu wissen über die geistige Welt, sondern nur daran glauben. Die Zeit ist vorbei, in der das sein darf! Die Zeit muß beginnen, in der die Menschen wissen müssen: Nicht bloß: ich denke — ich denke vielleicht auch über das Übersinnliche —, sondern: Ich muß Einlaß gewähren den göttlich-geistigen Mächten in meinem Denken, in meinem Empfinden. Die Geistwelt muß in mir leben, meine Gedanken selber müssen göttlicher Natur sein. Ich muß dem Gotte Gelegenheit geben, daß er durch mich sich ausspricht. — Da wird das geistige Leben nicht mehr bloß Ideologie sein. Das ist die große Sünde der neueren Zeit, daß das geistige Leben zur Ideologie abgelähmt ist. Und ideologisch ist schon heute die Theologie, Ideologie ist nicht bloß die proletarische, sozialistische Weltanschauung. Aber von dieser Ideologie müssen die Menschen gesunden. Die geistige Welt muß ihnen ein Reales werden. Und wissen müssen sie, daß die geistige Welt als Reales lebt in dem einen Gliede des sozialen Organismus wie die Erbschaft vom vorgeburtlichen Leben, von der sogenannten Geistwelt; und daß sich vorbereitet ein Geistiges, während wir scheinbar unter die Menschen herunter in das wirtschaftliche Leben untertauchen. Es bereitet sich gerade da, als Ausgleich für dieses Untertauchen, dasjenige vor, was uns durch das Leben, das wir betreten, indem wir durch den Tod in die geistige Welt wiederum eintreten, wiederum hineinführen soll, wenn wir es richtig durchleben, in menschlichere brüderliche Wissenschaft hier auf der Erde.
[ 26 ] One might say: Today, once again, we hear the warning of Christ—or even that of John the Baptist: Repent, for the time of crisis is drawing near. — People have grown accustomed to assuming the spiritual exists somewhere—somewhere where it takes care of them—and to having religious preachers tell them that such a spiritual world exists, one that is described as little as possible. People do not want to make an effort in their thinking to actually know anything about the spiritual world; they simply want to believe in it. The time when this was permissible is over! The time must begin when people must realize: Not merely, “I think—perhaps I also think about the supersensible”—but rather, “I must grant access to the divine-spiritual powers in my thinking, in my feeling. The spiritual world must live within me; my thoughts themselves must be of a divine nature. I must give God the opportunity to express Himself through me.” — Then spiritual life will no longer be merely ideology. That is the great sin of modern times: that spiritual life has been reduced to ideology. And theology is already ideological today; ideology is not merely the proletarian, socialist worldview. But people must recover from this ideology. The spiritual world must become a reality for them. And they must know that the spiritual world lives as a reality within each member of the social organism, just as the legacy of prenatal life—of the so-called spirit world—does; and that something spiritual is being prepared even as we seemingly immerse ourselves among people in economic life. It is precisely there, as a counterbalance to this immersion, that what is taking shape—which, if we live it through correctly, is to lead us back, through the life we enter upon when we re-enter the spiritual world through death, into a more human, brotherly science here on Earth.—
[ 27 ] Real betrachten das Leben — das ist dasjenige, was wiederum kommen muß. Und derjenige stellt sich als Bekenner anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft richtig in die Welt hinein, der sich bewußt wird: Die Dinge, die einmal heute in die Menschheit treten müssen, sie können für ihn vertieft werden dadurch, daß Anthroposophie nicht bloß als etwas entwickelt wird, was nur Wissenschaft ist, sondern daß er sie als etwas hat, was in alle seine Empfindungen eindringt, was seine ganze Lebensempfindung durchdringt, umgestaltet auch, sie so macht, daß er als ein würdiges Glied eintreten kann in dasjenige, was beginnen muß mit der Gegenwart und was allein zum Heile werden kann für die Menschheitszukunft.
[ 27 ] To view life realistically—that is what must come again. And the one who, as a follower of anthroposophically oriented spiritual science, takes his rightful place in the world is the one who becomes aware that: The things that must one day enter into humanity can be deepened for him by the fact that anthroposophy is not merely developed as something that is simply science, but that he possesses it as something that penetrates all his feelings, that permeates his entire sense of life, and even transforms it, shaping it in such a way that he can enter as a worthy member into that which must begin in the present and which alone can become the salvation for humanity’s future.
[ 28 ] Mit diesen Dingen gibt man dasjenige an, was notwendig ist für die Menschheit, aber auch das, was versäumt worden ist von der Menschheit. Nur durch das furchtlose und mutige Sich-Hineinversetzen in dasjenige, was versäumt worden ist, und in das, was notwendig ist, kann irgend etwas Heilsames für die Gegenwart und die nächste Zukunft gebracht werden. Deshalb suchte ich Ihnen wiederum hier, wo wir unter uns sind, zu dem, was man heute über das soziale Problem öffentlich sagen kann, dasjenige hinzuzufügen, was man sagen kann gerade vom Gesichtspunkte anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft; wo man einbeziehen kann dasjenige, was von dem unsterblichen, von dem übersinnlichen Leben des entkörperten Menschen hereinragt in dieses irdische Leben.
[ 28 ] These things indicate what is necessary for humanity, but also what humanity has failed to do. Only by fearlessly and courageously engaging with what has been neglected and with what is necessary can anything beneficial be brought about for the present and the near future. That is why I sought once again here, where we are among ourselves, to add to what can be said publicly today about the social problem that which can be said specifically from the perspective of anthroposophically oriented spiritual science—where one can incorporate that which extends into this earthly life from the immortal, supersensible life of the disembodied human being.
[ 29 ] Von dem sozialen Organismus ist nur ein Glied, nur dasjenige Glied, was sich auf die äußerliche staatliche Organisation bezieht, rein irdisch. Die beiden anderen Glieder sind nach zwei verschiedenen Seiten hin mit dem Überirdischen verquickt. Auf der einen Seite wird uns ein Geistesleben als ein irdisches geistiges Leben zuteil, das — weil es gewissermaßen herausgepreßt wird aus dem vorgeburtlichen, überirdischen Geistesleben — von uns durchlebt werden kann, ich möchte sagen, wie ein Überfluß. Und auf der anderen Seite müssen wir als leibliche Menschen — wodurch wir verbunden sind mit der Tierheit der Erde — untertauchen in das bloße Wirtschaftsleben. Allein, weil wir nicht bloß leibliche Menschen sind, sondern weil sich vorbereitet in diesem Leib die Seele für die folgenden Erdenleben und für die folgenden übersinnlichen Leben, bereitet sich auch durch das Wirtschaftsleben dasjenige vor, was jenen Teil von uns in die Menschlichkeit hinaufführt, der hier noch nicht ganz menschlich ist: den Menschen, der im Wirtschaftsleben drinnenstehen muß. Wir haben gleichsam etwas in uns von einem Übermenschen, insofern wir in einen sozialen Zusammenhang hineinrücken können, der das irdische Geistesleben durchwebt. Wir haben etwas vom bloßen Menschen an uns, indem wir Staatsbürger werden. Wir haben etwas in uns, was uns zwingt, unter beides hinunterzusteigen, aber wir werden zu gleicher Zeit von der übersinnlichen Welt entschädigt dadurch, daß in dem, was als niedrigstes Glied erscheint im sozialen Erleben, sich schon dasjenige vorbereitet, was uns wiederum hinaufführt, uns wiederum eingliedert in das Übersinnliche.
[ 29 ] Only one part of the social organism—namely, the part that relates to the external state organization—is purely earthly. The other two members are intertwined with the supersensible in two different ways. On the one hand, we are granted a spiritual life as an earthly spiritual life, which—because it is, so to speak, squeezed out of the prenatal, supersensible spiritual life—can be lived through by us, I would say, as an abundance. And on the other hand, as physical human beings—through which we are connected to the animality of the earth—we must immerse ourselves in mere economic life. But precisely because we are not merely physical human beings, but because within this body the soul is preparing itself for subsequent earthly lives and for subsequent supersensible lives, economic life also serves to prepare that which lifts up into humanity the part of us that is not yet fully human here: the human being who must be fully engaged in economic life. We have, as it were, something of a superhuman within us, insofar as we can enter into a social context that interweaves the earthly spiritual life. We possess something of the mere human being in ourselves when we become citizens. We have something within us that compels us to descend into both, but at the same time we are compensated by the supersensible world in that, within what appears to be the lowest link in social experience, there is already being prepared that which in turn leads us upward, reintegrating us into the supersensible.
[ 30 ] Die Wirklichkeit ist allerdings nicht so oberflächlich, nicht so bequem zu erfassen, wie man das manchmal haben möchte. Allein, sie zeigt auf der anderen Seite, wie das Menschenleben die verschiedensten Phasen durchmacht, jede Phase aber neue Momente, neue Ingredienzien, neue Impulse, die nur auf diesen bestimmten Gebieten gegeben werden können, wo sie gegeben werden, in das Menschenleben hineinträgt. So sehen wir, wie sich ineinanderschlingen die Fäden des Lebens, welches wir hier zwischen Geburt und Tod verleben, mit jenen Fäden, die wir ziehen, indem wir das Leben zwischen dem Tod und einer neuen Geburt durchleben. Und alles fügt sich im höchsten Maße sinnvoll ineinander in diesem gesamten Menschenleben. Dasjenige, was sich wiederum anspinnt hier im irdischen Leben von menschlichem Individuum zu menschlichem Individuum, was wir hier einem Menschen tun, indem wir ihm eine Freude machen, indem wir ihm ein Leid zufügen, indem wir seine Gedanken bereichern, oder seine Gedanken verarmen, indem wir dieses oder jenes ihm beibringen, — das bereitet unser karmisches, unser schicksalsmäßiges Leben vor für das nächste Erdendasein.
[ 30 ] Reality, however, is not as superficial, nor as easy to grasp, as one might sometimes wish. Yet, on the other hand, it shows how human life goes through the most diverse phases, with each phase bringing new moments, new elements, and new impulses—which can only be found in these specific realms—into human life. Thus we see how the threads of the life we live here between birth and death intertwine with those threads we weave as we live through the life between death and a new birth. And everything fits together in the most meaningful way throughout this entire human life. That which, in turn, unfolds here in earthly life from one human individual to another—what we do to a person here by bringing them joy, by causing them suffering, by enriching or impoverishing their thoughts, by teaching them this or that— — all of this prepares our karmic, fateful life for our next earthly existence.
[ 31 ] Aber unterscheiden müssen wir davon dasjenige, was wir nötig haben zu unserer Vorbereitung für das Leben, welches wir unmittelbar nach dem Tode als ein übersinnliches entfalten. Wir werden hier zusammengeführt in gewisse soziale Gemeinschaften. Wir müssen wieder herausgeführt werden. Wir werden es dadurch, daß aus unserem bloßen Wirtschaftsleben, aus der bloßen Ökonomie, etwas auftaucht, das uns durch die Pforte des Todes hinübergeleitet in die geistige Welt, damit wir nicht in der sozialen Gemeinschaft verbleiben, in der wir uns hier eingelebt haben, sondern in einem nächsten Leben in eine andere aufgenommen werden können. So sinnvoll verschlingen sich die karmischen Fäden mit denjenigen Fäden, die uns in das allgemeine Weltenleben hineinstellen.
[ 31 ] But we must distinguish this from what we need to prepare ourselves for the life we will unfold immediately after death as a supersensible existence. Here we are brought together into certain social communities. We must be led out of them again. This happens when something emerges from our mere economic life—from mere economics—that guides us through the gate of death into the spiritual world, so that we do not remain in the social community in which we have settled here, but can be received into another one in a future life. In this way, the karmic threads are meaningfully interwoven with those threads that place us within the general life of the world.
[ 32 ] Dasjenige, was man durch die Verbindung des Übersinnlichen mit dem physisch-irdischen Leben aus der Geisteswissenschaft noch für diese Dreigliederung des sozialen Organismus gewinnen kann, scheint schon wesentlich dasjenige noch zu vertiefen, was exoterischer Gehalt über die Dreigliederung des sozialen Organismus werden muß. Das scheint es schon wesentlich zu vertiefen. Gewiß, für den außenstehenden Menschen ist dies schwer zu verstehen, da ist heute keine Hilfe möglich. Aber derjenige, der innerhalb der anthroposophischen Bewegung steht, der sollte immer für alles das, was sich hier im Irdischen begründen läßt, zu gleicher Zeit alles aufnehmen, was uns verbindet mit der Sphäre, in die wir eintreten nach unserem Tode, aus der wir kamen durch unsere Geburt, in der wir zu suchen haben diejenigen, die vor uns hinweg aus dieser Welt gegangen sind und zu denen wir bestimmte Beziehungen haben. Denn das wird die schönste menschliche Errungenschaft gerade anthroposophischer Vertiefung sein, daß sie die beiden großen Mysterien des irdischen Lebens, die Geburt und den Tod, durchschauen lehrt, eine Brücke schafft zwischen dem Sinnlichen und dem Übersinnlichen, zwischen den sogenannten Lebendigen und den sogenannten Toten, so daß das Tote wie ein Lebendiges unter uns wird und wir von dem Lebendigen sagen können: Nichts anderes als eine andere Form des Seins ist dasjenige Leben, das im Übersinnlichen das unsere war vor der Geburt und das das unsere sein wird nach dem Tode. Es ist tot hier in der Sinnlichkeit, wie die Sinnlichkeit tot ist, indem wir das Übersinnliche durchleben. Die Dinge in der Welt sind relativ in Beziehung zueinander. Und wenn wir durchschauen diese zwei Seiten einer jeglichen Wirklichkeit, dann erst dringen wir in die Wirklichkeit selbst ein.
[ 32 ] What can still be gained from spiritual science—through the connection of the supersensible with physical-earthly life—regarding this threefold structure of the social organism seems to already significantly deepen what must become the exoteric content concerning the threefold structure of the social organism. It seems to already significantly deepen it. Certainly, this is difficult for the outsider to understand; there is no help available for that today. But those who are part of the anthroposophical movement should always take in, alongside everything that can be grounded here on Earth, everything that connects us to the sphere into which we enter after our death—the sphere from which we came through our birth—and in which we must seek out those who have gone before us from this world and with whom we have certain relationships. For this will be the most beautiful human achievement of anthroposophical deepening: that it teaches us to penetrate the two great mysteries of earthly life—birth and death—and builds a bridge between the sensible and the supersensible, between the so-called living and the so-called dead, so that the dead become like the living among us, and we can say of the living: That life—which was ours in the supersensible realm before birth and will be ours after death—is nothing other than another form of being. It is dead here in the sensible realm, just as the sensible realm is dead when we live through the supersensible. Things in the world are relative to one another. And only when we see through these two sides of every reality do we penetrate reality itself.
[ 33 ] Das ist dasjenige, was ich Ihnen heute als eine Ergänzung, eine mehr esoterische Ergänzung derjenigen Fragen geben wollte, welche jetzt öffentlich zu erörtern so dringend notwendig ist, und an welcher Erörterung sich ganz besonders beteiligen sollten diejenigen, die der anthroposophischen Bewegung nahestehen.
[ 33 ] This is what I wanted to offer you today as a supplement—a more esoteric supplement—to those questions that are now so urgently in need of public discussion, and in which discussion those who are close to the anthroposophical movement should participate in a very special way.
[ 34 ] Auf eine Frage, die nicht erhalten ist, bemerkte Rudolf Steiner noch:
[ 34 ] In response to a question that has not been preserved, Rudolf Steiner further remarked:
[ 35 ] Diese Dinge sind so, daß man wirklich sagen kann: Diese Anschauung vom sozialen Organismus ist eine feste Basis. Und man hat nur zu untersuchen, wie sie sich im einzelnen Falle einlebt in das Leben.
[ 35 ] These things are such that one can truly say: This view of the social organism is a solid foundation. And one need only examine how it takes root in life in each individual case.
[ 36 ] Wenn Sie den pythagoräischen Lehrsatz kennen, so werden Sie nicht fragen: wie rechtfertigt er sich in allen Einzelheiten? — Sie wissen, wenn Sie ihn kennen: Er wird überall richtig sein, wo er anwendbar ist, ebenso wie dreimal zehn dreißig ist, überall, wo Sie es anwenden: Sie werden nicht fragen müssen, ob es richtig ist und es beweisen müssen. Sie müssen diese Dinge in sich selber einsehen. So werden Sie auch finden, daß bei dieser Anschauung über das soziale Leben man von einer gewissen Basis ausgeht, die einfach sich als richtig erweist; die anderen Dinge, die kommen, schließen sich dann richtig daran. Das Steuersystem, das Besitz-System, alles schließt sich als eine Konsequenz an. Alles das wird sich ergeben, wenn man den lebendigen sozialen Organismus ergreift. Und so ergibt sich, daß die Leute zum Beispiel durchaus nicht anstehen werden, ihre Kinder auch in die Freie Schule zu schicken. Im Gegenteil: sie werden sie schicken wollen, weil sie ein Interesse daran haben werden.
[ 36 ] If you know the Pythagorean theorem, you will not ask: How is it justified in every detail? — If you know it, you know this: It will be true wherever it is applicable, just as three times ten is thirty, wherever you apply it: You won’t have to ask whether it’s correct or prove it. You must see these things for yourself. In the same way, you will also find that this view of social life starts from a certain foundation that simply proves to be correct; the other elements that follow then fit together correctly. The tax system, the system of property ownership—everything follows as a consequence. All of this will become clear when one grasps the living social organism. And so it follows that people, for example, will by no means hesitate to send their children to the Free School as well. On the contrary: they will want to send them there because they will have an interest in it.
[ 37 ] Und wiederum auf dem Gebiete, wo sich ein Verhältnis eines jeden Menschen zu jedem Menschen entwickelt: Auf dem Gebiet des Rechtslebens urteilsfähig zu sein, ist notwendig, und niemand würde gewählt werden können in den Vertretungskörper des zweiten Gliedes des sozialen Organismus, der nicht urteilsfähig wäre. So etwas muß natürlich dann geprüft werden: Was sich von Mensch zu Mensch bezieht, dieses Interessenehmen, dieses bewußte Drinnenstehen im Leben, das wird ganz von selbst erhalten im freien Organismus, der schon gesund werden wird.
[ 37 ] And again, in the realm where the relationship between each person and every other person develops: It is necessary to be capable of sound judgment in the realm of legal life, and no one who lacks this capacity could be elected to the representative body of the second member of the social organism. Of course, such matters must then be examined: what relates from person to person—this concern for others, this conscious engagement with life—is preserved quite naturally in the free organism, which will already be on the path to health.
