Michael's Message
The True Mysteries of Human Natur
GA 194
7 December 1919, Dornach
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Michael's Message: The True Mysteries of Human Nature, tr. SOL
Achter Vortrag
Eighth Lecture
[ 1 ] Was ich Ihnen in diesen Wochen zu sagen hatte, gipfelt ja in der Tatsache, daß wir wirklich gegenüberstehen dem Hereinbrechen einer geistigen Welt in unsere gegenwärtige Welt, welche im wesentlichen das Ergebnis jener Kulturentwickelung ist, die begonnen hat um die Mitte des 15. Jahrhunderts. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts wird alles anders in der als zivilisiert bekannten Welt. Dasjenige, was sich die Menschen vor dieser Mitte des 15. Jahrhunderts in ihr Bewußtsein hereinbrachten, handelte mehr über das Innere der menschlichen Organisation. Sie können in alten Schriften, soweit sie heute überhaupt noch zu haben sind — ich sprach davon schon gestern —, in Ausdrücken geredet finden, die sehr ähnlich sind unseren chemischen, physikalischen Ausdrücken und so weiter. Aber der heutige Chemiker oder Physiker wird die Dinge wirklich nicht verstehen, die in diesen Büchern stehen, aus dem einfachen Grunde, weil er glaubt, mit diesen Dingen seien äußere Prozesse geschildert. Diese äußeren Prozesse sind da nicht geschildert, innere Prozesse sind geschildert, Vorgänge im Inneren des menschlichen physischen oder ätherischen Leibes. Erst seit der Galilei-, Giordano Bruno-Zeit beginnt die Menschheit die Aufmerksamkeit mehr auf die äußere Welt zu lenken, und heute sind wir so weit, daß wir eine Naturerkenntnis haben, welche aber schon alles Denken, namentlich auch das populäre Denken und Empfinden beeinflußt hat, daß wir eine Naturerkenntnis haben, die von vielem spricht im mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reiche, die aber in gar keiner Weise Aufklärung geben kann über das Wesen des Menschen selbst, auch nicht über das physisch-leibliche Wesen des Menschen. Heute muß bereits der Mensch aber die Frage aufwerfen: Wie verhalte ich mich selber als Mensch zu dem, was die äußeren Naturreiche sind, zu dem, was mich umgibt als Tier-, Pflanzen-, Mineralreich, als äußeres physisches Menschenreich, als das Reich von Luft und Wasser, von Feuer und Wolken, von Sonne und Mond und Sternen? Wie verhalte ich mich als Mensch dazu?
[ 1 ] What I have had to say to you over the past few weeks boils down to the fact that we are truly facing the emergence of a spiritual world into our present world, which is essentially the result of the cultural development that began around the middle of the 15th century. Around the middle of the 15th century, everything changed in the world known as “civilized.” What people brought into their consciousness before the mid-15th century dealt more with the inner workings of the human organism. In ancient writings—to the extent that they are still available today, as I mentioned yesterday—you can find language that is very similar to our chemical and physical terminology and so on. But today’s chemist or physicist will not truly understand what is written in these books, for the simple reason that he believes these texts describe external processes. These external processes are not described there; rather, internal processes are described—processes taking place within the human physical or etheric body. It was only from the time of Galileo and Giordano Bruno that humanity began to direct its attention more toward the external world, and today we have reached a point where we possess a understanding of nature—one that has already influenced all thinking, particularly popular thought and sentiment—a understanding of nature that speaks of many things in the mineral, plant, and animal kingdoms, but which cannot in any way shed light on the nature of the human being itself, nor even on the physical nature of the human being. Today, however, human beings must already ask the question: How do I, as a human being, relate to the outer kingdoms of nature—to what surrounds me as the animal, plant, and mineral kingdoms; as the outer physical human realm; as the realm of air and water, of fire and clouds, of the sun, moon, and stars? How do I, as a human being, relate to these?
[ 2 ] Nun können wir diese Frage nicht gründlich beantworten, wenn wir nicht auf mancherlei von dem wiederholentlich eingehen, was wir über den Menschen betrachtet haben. Nehmen wir zunächst den Menschen, wie er als Sinnes-, Verstandeswesen vor uns steht, so können wir sagen: Wir nehmen durch unsere Augen, durch unsere Ohren, durch die anderen Sinnesorgane, die dennoch, wenn sie für den übrigen Leib da sind, Hauptesorgane, Kopfesorgane sind, die äußere Welt wahr. Wir verarbeiten dann diese äußere Welt durch diejenigen Ideen und Begriffe, die an unser Gehirn als Werkzeug gebunden sind. Wir behalten — denn das ist zu unserer inneren Integrität als Mensch notwendig — von dem, was wir so erlebt haben durch unsere Sinne, was wir durchdacht haben durch unsere sogenannte verständige Intelligenz, unsere Erinnerungsvorstellung zurück. Und es ist schließlich das, was wir zunächst aufnehmend aus der Außenwelt haben, was durch unsere Sinne von der Außenwelt in uns geschieht, was wir durch unsere Intelligenz aus diesem äußerlich Aufgenommenen machen, dasjenige, was wir als Erinnerungsvorstellung zurückbehalten. Was sind wir denn eigentlich mit Bezug auf das, daß wir als Menschen, so wie ich es jetzt geschildert habe, der Welt gegenübertreten?
[ 2 ] Now, we cannot answer this question thoroughly unless we revisit some of the points we have repeatedly considered regarding human beings. If we first consider human beings as sensory and rational beings as they appear to us, we can say: We perceive the external world through our eyes, our ears, and our other sense organs—which, although they serve the rest of the body, are nevertheless primary organs, organs of the head. We then process this external world through the ideas and concepts that are linked to our brain as an instrument. We retain—for this is necessary for our inner integrity as human beings—from what we have thus experienced through our senses and what we have thought through with our so-called rational intelligence, our memory-based perception. And ultimately, it is what we initially take in from the external world—what enters us from the external world through our senses—and what we make of this externally received material through our intelligence that we retain as a memory image. What, then, are we actually, in relation to the fact that we, as human beings, face the world in the way I have just described?
[ 3 ] Gehen Sie von einem einfachen Phänomen der Sinnesempfänglichkeit aus. Ich habe schon einmal auf dies Phänomen in den letzten Tagen hingewiesen. Gehen Sie aus davon, daß Sie mit Ihren Augen eine Flamme sehen. Sie machen das Auge zu: Sie haben ein Nachbild dieser Flamme. Dieses Nachbild der Flamme, das Sie in Ihrem Auge mittragen, verschwindet nach und nach. Goethe, der sich immer anschaulich über diese Dinge ausspricht, sagt: Es tönt das Nachbild ab. — Es stellt sich die ursprüngliche Konstitution des Auges und des damit verbundenen Nervenapparates wiederum her, nachdem diese verändert worden sind durch den Lichteindruck, der auf das Auge gemacht worden ist. Das, was da in Ihrem Sinnesorgan sich abspielt, das ist nur der einfachere Vorgang für dasjenige, was sich mit Ihrem Gedächtnis, mit Ihrer Erinnerung abspielt, wenn Sie äußere Eindrücke im allgemeinen empfangen, sie überdenken und sie Ihnen bleiben als Erinnerungsvorstellungen. Der Unterschied ist nur der, wenn Sie mit Ihrem Auge einen Eindruck aufnehmen, ich will sagen also eine Flamme, dann die Vorstellung der Flamme haben, und das wiederum abklingt, so dauert das nur kurz. Wenn Sie mit dem ganzen Menschen etwas aufnehmen, es überdenken, sich später immer wieder erinnern können, wenn dieses große Nachbild der Erinnerung kommt, so dauert das lange, dauert unter Umständen für diese Erlebnisse Ihr ganzes Leben hindurch. Worauf beruht das? Ja, wenn Sie das einfache Abbild, das Sie im Auge haben, das vielleicht nur ein paar Minuten oder vielleicht nur Teile von einer Minute nachklingt, wiederum zum Versinken bringen, so ist es nur deshalb, weil das nicht durch Ihren ganzen Organismus weiter durchgeht, sondern in einem Teil, in einer Partie Ihres Organismus bleibt. Dasjenige, was Erinnerungsvorstellung wird, das geht zunächst durch einen großen Teil — ich werde ihn gleich näher bezeichnen — Ihrer Gesamtorganisation, stößt von da aus in den Ätherleib hinein, durch den Ätherleib in den umliegenden Weltenäther. Und in dem Augenblicke, wo nicht nur ein Bild als Sinnesbild im einzelnen Organ hängen bleibt, sondern durch einen großen Teil des Gesamtmenschen geht, sich in den Ätherleib hineinschiebt, nach außen geht, nach außen stößt, da kann es für das ganze Leben als Nachbild bleiben. Es handelt sich nur darum, daß der Eindruck tief genug ist, und daß er den Ätherleib ergreift, und der Ätherleib ihn nicht behält, sondern ihn an den äußeren Ather der Welt überträgt, ihn dort einschreibt, ihn dort einzeichnet. Glauben Sie nicht, daß wenn Sie sich an Sachen erinnern, dies bloß ein Vorgang Ihres Inneren ist. Sie können zwar nicht, wenn Sie ein Erlebnis haben, dieses immer, obzwar es heute schon viele Menschen mit sehr vielen Erlebnissen tun, in Ihr Notizbuch einschreiben und dann wieder herausnehmen, es wieder ablesen. Aber das, woran Sie sich erinnern, schreiben Sie in den Weltenäther ein, und der Weltenäther ruft es in Ihnen, wenn Sie sich erinnern sollen, wiederum als einen Siegelabdruck hervor. Das Erinnern ist keine bloße persönliche Angelegenheit, das Erinnern ist ein Auseinandersetzen mit dem Weltenall. Sie können nicht allein sein, wenn Sie sich als innerlich sich haltender Mensch an Ihre Erlebnisse erinnern wollen. Sich nicht erinnern an Erlebnisse, das zerstört die Wesenheit des Menschen.
[ 3 ] Let’s start with a simple phenomenon of sensory perception. I have already referred to this phenomenon in recent days. Imagine that you are seeing a flame with your eyes. You close your eyes: you have an afterimage of this flame. This afterimage of the flame, which you carry within your eye, gradually fades away. Goethe, who always speaks vividly about these things, says: “The afterimage fades away.” — The original constitution of the eye and its associated nervous system is restored after having been altered by the impression of light that was made upon the eye. What is taking place in your sensory organ is simply the simpler version of what occurs with your memory—with your recollection—when you generally receive external impressions, reflect on them, and they remain with you as mental images. The only difference is this: when you take in an impression with your eye—let’s say a flame—and then have the image of the flame, which in turn fades away, this lasts only a short time. When you take in something with your whole being, reflect on it, and can recall it again and again later—when this powerful afterimage of memory emerges—it lasts a long time; under certain circumstances, it may last your entire life for these experiences. What is the reason for this? Well, when you allow that simple image you see with your eye—which perhaps lingers for only a few minutes or even just fractions of a minute—to fade away, it is only because it does not pass through your entire organism but remains in one part, in one section of your organism. That which becomes a memory image first passes through a large part—I will describe it in more detail in a moment—of your entire organism, and from there enters the etheric body, and through the etheric body into the surrounding world ether. And at the moment when an image does not merely remain as a sensory impression in a single organ, but passes through a large part of the whole human being, pushes its way into the etheric body, and moves outward—that is when it can remain as an afterimage for the rest of one’s life. It is simply a matter of the impression being deep enough, and of it seizing the etheric body—and the etheric body not retaining it, but transmitting it to the outer world ether, inscribing it there, imprinting it there. Do not believe that when you remember things, this is merely an internal process. It is true that when you have an experience, you cannot—though many people today with a great many experiences do just that—always write it down in your notebook and then take it out again to read it. But what you remember, you inscribe into the world ether, and the world ether calls it forth within you, as a kind of seal impression, when you are to remember it. Remembering is not merely a personal matter; remembering is an engagement with the universe. You cannot be alone if, as a person who maintains inner stability, you wish to remember your experiences. Failing to remember experiences destroys the very essence of a human being.
[ 4 ] Bedenken Sie nur einmal, was es heißt, ich habe das Beispiel öfter angeführt: ein Mann, den ich sehr gut kannte, der eine bedeutsame Stellung einnahm, der bekam plötzlich einmal den Drang, zur Eisenbahn zu gehen, ohne Grund, und sich dort ein Billett zu kaufen, um in ihm unbekannte Fernen, in denen er gar nichts zu tun hatte, zu fahren. Das alles tat er in einem ganz anderen Bewußtseinszustande. Aber in der Zeit, während er da fuhr, wußte er nichts von dem, worin er sonst war und er kam erst wieder zu sich, als er sich in Berlin in der Kurfürstenstraße in einem Armenasyl angenommen fand. Die ganze Zeit war ausgelöscht aus seinem Bewußtsein von der Zeit an, als er in Darmstadt eingestiegen war. Man hat nachher aus Angaben verschiedener Leute herausfinden können, daß er in Budapest war, in Lemberg war, und von Lemberg wiederum nach Berlin gefahren ist, und er kam wiederum zum Bewußtsein, als er in einem Armenasyl in Berlin war. Bedenken Sie, der Verstand war vollständig in Ordnung, nichts war in Unordnung von dem Verstande. Er wußte ganz genau in der Zeit von seinem Einsteigen in Darmstadt bis zu seiner Annahme in Berlin im Armenasyl, was man tut, um sich Fahrkarten zu lösen, was man tut, um sich in der Zwischenzeit zu verpflegen und so weiter. Aber in der Zeit, als er das ausführte, hatte er von seinem übrigen Leben keine Erinnerung. Und nachher hatte er zwar wieder die Erinnerung seines früheren Lebens bis zur Abfahrt in Darmstadt, aber keine Erinnerung an die ganze Reise. Was da geschehen war, konnte man nur aus äußeren Mitteilungen feststellen. Das ist ein Beispiel. Ich könnte viele ähnliche Beispiele erzählen. Es soll dieses Beispiel nur darauf aufmerksam machen, wie unser Leben wäre, wenn nicht eine kontinuserlich fortlaufende Erinnerung durchginge durch alle unsere Erlebnisse. Denken Sie sich, wenn für irgendeine Zeit außerhalb derjenigen, die Sie verschlafen haben — an die erinnern Sie sich ja natürlich nicht —, aber denken Sie sich, wenn für irgendeine Zeit außerhalb derjenigen, die Sie verschlafen haben, keine Erinnerung da sein würde, was Sie da über Ihr Ich als Mensch denken müßten. Dasjenige, was zu unserer Sinnesempfänglichkeit gehört, zu unserer Intelligenz gehört, es ist unsere persönliche Angelegenheit. In dem Augenblicke, wo die Sache anfängt, erinnerungsmäßig zu werden, ist dasjenige, was der Mensch in seinem Seelenleben erlebt, eine Auseinandersetzung mit dem Universum, eine Auseinandersetzung mit der Welt. In der Intensität, in der es notwendig ist, weiß die gegenwärtige Menschheit noch nicht, daß dies, was ich auseinandergesetzt habe, eine Tatsache ist. Aber es wird zu den Bestandteilen der Zukunftsbildung der Menschheit gehören, die beim ätherischen Menschen zur Erinnerung führen, nicht als eine bloß persönliche Angelegenheit sie zu betrachten, sondern als etwas, wodurch der Mensch der Welt verantwortlich ist.
[ 4 ] Just consider for a moment what this means—I’ve cited this example many times: a man I knew very well, who held an important position, suddenly felt the urge to go to the train station for no reason and buy a ticket there to travel to distant places unknown to him, where he had absolutely nothing to do. He did all this in a completely different state of consciousness. But during the time he was traveling, he was unaware of his usual circumstances, and he only came to his senses again when he found himself being taken in at a poorhouse on Kurfürstenstraße in Berlin. The entire period had been erased from his consciousness from the moment he boarded the train in Darmstadt. It was later determined, based on information from various people, that he had been in Budapest, in Lemberg, and had traveled from Lemberg back to Berlin, and he regained consciousness again when he was in a poorhouse in Berlin. Consider this: his mind was completely sound; there was nothing amiss with his mental faculties. From the time he boarded the train in Darmstadt until he was admitted to the poorhouse in Berlin, he knew exactly what to do to buy tickets, how to feed himself in the meantime, and so on. But during the time he was carrying out these actions, he had no memory of the rest of his life. And afterward, although he regained his memory of his earlier life up to his departure from Darmstadt, he had no memory of the entire journey. What had happened during that time could only be determined from external accounts. That is one example. I could recount many similar examples. This example is meant only to draw attention to what our lives would be like if a continuous, uninterrupted stream of memory did not run through all our experiences. Imagine, if for any period of time other than the ones you slept through—which, of course, you don’t remember—but imagine if, for any period of time other than the ones you slept through, there were no memory at all, what you would have to think about your self as a human being. That which belongs to our sensory perception, to our intelligence, is our personal affair. The moment this begins to take the form of memory, what a person experiences in their inner life becomes an engagement with the universe, an engagement with the world. To the extent that it is necessary, present-day humanity does not yet realize that what I have explained is a fact. But it will be part of humanity’s future development—leading the etheric human being to remember—not to regard it as a merely personal matter, but as something through which the human being is responsible to the world.
[ 5 ] Ich habe Ihnen, als ich diese Vortragsserie hier begann, davon gesprochen, wie zunächst einmal vorhanden war in der Zeit, in die wir gewöhnlich in der Geschichte zurückgehen, zum Beispiel noch bei den Griechen, ein Landbewußtsein, das nicht weit ging. Wie dann dieses Bewußtsein sich umwandelte in ein Erdbewußtsein, aber erst in der neueren Zeit eintreten muß für die Zukunft der Menschheit ein kosmisches, ein Weltbewußtsein, wie sich der Mensch wiederum wissen muß — das war ja auch in Urzeiten der Fall — als ein Bürger des ganzen Kosmos. Der Weg dazu wird sein, klar und deutlich in sich die Verantwortlichkeit zu fühlen für das Gedachte, das zur Erinnerung führen kann.
[ 5 ] When I began this series of lectures here, I spoke to you about how, in the period we usually look back on in history—for example, even among the Greeks—there was initially a sense of the land that did not extend very far. How this consciousness then transformed into an earthly consciousness, but how—only in more recent times—a cosmic, a world consciousness must emerge for the future of humanity, and how human beings must once again recognize themselves—as was indeed the case in primeval times—as citizens of the entire cosmos. The path to this will be to feel, clearly and distinctly within oneself, a sense of responsibility for one’s thoughts, which can lead to remembrance.
[ 6 ] Dasjenige aber, was ich Ihnen bis jetzt geschildert habe, gehört, wie ich Ihnen sagte, einem großen Teile des Menschen an, nicht aber eigentlich dem ganzen Menschen. Und um Ihnen zu charakterisieren, was hier der Fall ist, muß ich es Ihnen schematisch andeuten. Nehmen wir an, das wäre die Sinnesregion (weiß), wobei ich alle Sinne zusammenfasse, auch die Verstandesregion, dann kämen wir bis gewissermaßen zu demjenigen im menschlichen Organismus (rot), das die Gedanken, die wir hegen, zurückwirft (Pfeile, rot), so daß sie Erinnerungen werden können, dasjenige, was im Menschen zusammenstößt mit der Objektivität des Kosmos. Ich habe Ihnen schon einmal auf die Stellen im Menschenleib hingedeutet, in denen der Mensch zusammenstößt mit dem Kosmos.
[ 6 ] But what I have described to you so far, as I told you, pertains to a large part of the human being, but not actually to the whole human being. And in order to illustrate what is happening here, I must outline it schematically. Let us assume that this is the sensory region (white)—by which I mean all the senses collectively, including the region of the intellect—then we would arrive, so to speak, at that part of the human organism (red) which reflects back the thoughts we harbor (arrows, red), so that they can become memories—that which in the human being comes into contact with the objectivity of the cosmos. I have already pointed out to you the places in the human body where the human being comes into contact with the cosmos.


[ 7 ] Wenn Sie verfolgen, sagen wir zum Beispiel einen Nerv, der von irgendeiner Stelle des Leibes nach dem Rückenmark geht — ich zeichne schematisch —, so finden Sie für jeden solchen Nerv auch einen anderen, oder wenigstens annähernd für jeden solchen Nerv auch einen anderen, der irgendwoher wiederum zurückführt irgendwohin. Die Sinnesphysiologen nennen das eine einen sensitiven Nerv, das andere einen motorischen Nerv.
[ 7 ] If you trace, say, a nerve that runs from some part of the body to the spinal cord—I’ll draw a schematic diagram—you will find that for every such nerve there is another, or at least for nearly every such nerve there is another, that runs back from somewhere to somewhere else. Physiologists of the senses call one a sensory nerve and the other a motor nerve.


[ 8 ] Nun, über diesen Unsinn, daß es sensitive und motorische Nerven gäbe, habe ich ja des öfteren schon gesprochen. Aber das Wichtige ist, daß eigentlich jede ganze Nervenbahn an dem Umfang des Menschen entspringt und wiederum zum Umfang zurückgeht, aber irgendwo unterbrochen ist; wie ein elektrischer Draht, wenn er einen Funken überspringen läßt, so ist eine Art Überspringen, ein sensitives Fluidum von dem sogenannten sensitiven bis zu dem sogenannten motorischen Nervenanfang. Und an der Stelle — also solche Stellen sind unzählige, wenigstens sehr viele, in unserem Rückenmark zum Beispiel, in anderen Partien unseres Leibes — an diesen Stellen sind auch die Raumssstellen, wo der Mensch sich nicht allein selber angehört, wo er dem Weltenall angehört. Wenn Sie alle diese Orte miteinander verbinden, dazu auch die Ganglien des Sympathikus nehmen, dann bekommen Sie diese Grenze, auch leiblich-physiologisch diese Grenze. So daß Sie sagen können: Sie halbieren gewissermaßen den Menschen — es ist dieses mehr als die Hälfte, aber nehmen wir an, wir halbieren den Menschen — und betrachten ihn wie ein großes Sinnesorgan, betrachten das Aufnehmen durch die Sinne überhaupt als die Sinnesempfänglichkeit, das Verarbeiten durch den Verstand als eine weitere feinere Sinnestätigkeit, das Entstehen der Erinnerungsbilder als Nachbilder, die aber bleibend sind für das Leben zwischen Geburt und Tod, weil aufgestoßen wird, wenn die Erinnerung sich bildet, an dem Weltenäther. Unser eigener Äther stößt an den Weltenäther auf, und es finden Auseinandersetzungen zwischen uns und dem Weltenäther statt. Der andere Teil des Menschen, der ist der, welcher gewissermaßen zu seinem Endorgan die Gliedmaßen hat, alles, was Gliedmaßen sind. So wie dieser eine Teil die Sinnessphäre zum Endorgan hat (das Wort «Sinnessphäre» wird angeschrieben), so hat der andere Teil des Menschen die anwachsenden Gliedmaßen (es wird an der ersten Zeichnung S. 143 weitergezeichnet): die Füße wachsen an, die Arme wachsen an. Es ist natürlich grob und schematisch gezeichnet.
[ 8 ] Well, I’ve spoken quite often already about this nonsense—that there are sensory and motor nerves. But the important thing is that every complete nerve pathway actually originates at the surface of the human body and returns to the surface, but is interrupted somewhere; just as an electrical wire produces a spark, so there is a kind of “spark”—a sensory fluid—that flows from the so-called sensory nerve to the so-called motor nerve. And at those points—there are countless such points, or at least a great many, in our spinal cord, for example, and in other parts of our body—at these points lie the spatial locations where a person does not belong solely to themselves, but belongs to the universe. If you connect all these places with one another, and also include the ganglia of the sympathetic nervous system, then you arrive at this boundary—a boundary that is also physical and physiological. So that you can say: You are, in a sense, dividing the human being in half—it is actually more than half, but let’s assume we split the human being in half—and regard him as a great sensory organ, regard perception through the senses in general as sensory receptivity, processing through the intellect as a further, finer sensory activity, and the emergence of memory images as afterimages that, however, are enduring for life between birth and death, because when memory forms, it comes into contact with the world-ether. Our own ether comes into contact with the world ether, and interactions take place between us and the world ether. The other part of the human being is the one whose terminal organ, so to speak, consists of the limbs—everything that constitutes the limbs. Just as this one part has the sensory sphere as its terminal organ (the word “sensory sphere” is written out), so the other part of the human being has the growing limbs (the drawing on p. 143 is continued): the feet grow, the arms grow. Of course, it is drawn roughly and schematically.
[ 9 ] Das ist dasjenige, wovon ich ebenso alles, was willensartig ist, nach innen zeichnen müßte, wie ich von den Sinnen aus gezeichnet habe alles, was intelligenzartig ist, und das schließt sich an den anderen Teil des Menschen an. Dieses Willensartige ist der andere Pol des menschlichen Wesens. Zwischen beiden liegt eben die Grenze, die innere Grenze, die Sie bekommen, wenn Sie alle Nervenendigungen und alle Ganglien verbinden. Da bekommen Sie, wenn Sie diese Grenze von der einen Seite etwas überschreiten, so daß Sie sich denken, diese Grenze wäre ein Sieb und auf der einen Seite drängte durch die Löcher dieses Siebes der Wille (siehe Zeichnung Seite 143, orange), auf der anderen Seite drängte Intelligenz durch die Löcher dieses Siebes (gelb) — dann bekommen Sie in der Mitte das Gemüt, die Fühlsphäre. Denn alles das, was zum Fühlen gehört, ist eigentlich halb Wille und halb Intelligenz. Der Wille drängt von unten, die Intelligenz von oben: das gibt das Fühlen. Im Fühlen ist immer traumhaft auf der einen Seite die Intelligenz, auf der anderen Seite schlafend der Wille darinnen.
[ 9 ] This is precisely what I would have to depict inwardly—everything that pertains to the will—just as I have depicted everything that pertains to intelligence through the senses, and this connects to the other part of the human being. This aspect of the will is the other pole of the human being. Between the two lies the boundary—the inner boundary—that you obtain when you connect all the nerve endings and all the ganglia. There, if you cross this boundary slightly from one side—so that you imagine this boundary to be a sieve, with the will pressing through the holes of this sieve on one side (see drawing on page 143, orange) and intelligence pressing through the holes of this sieve on the other side (yellow)—then you arrive at the middle: the soul, the sphere of feeling. For everything that belongs to feeling is actually half will and half intelligence. The will pushes from below, intelligence from above: this gives rise to feeling. In feeling, intelligence is always present on one side in a dreamlike state, while the will lies dormant within it on the other side.
[ 10 ] Nachdem wir so gewissermaßen den Menschen geisteswissenschaftlich präpariert haben — auf der einen Seite den Intelligenzpol, auf der anderen Seite den Willenspol —, nachdem wir gesehen haben, daß die physischen Organe nach oben der Ausdruck des Intelligenzpoles sind, können Sie nun fragen: Mit was in der Außenwelt stimmt dasjenige, was da im Menschen drinnen ist — wir haben jetzt die zwei Pole, die zwei Seiten des Menschenwesens kennengelernt — eigentlich überein? Mit nichts, mit gar nichts in Wirklichkeit. Wir haben in der Außenwelt ein mineralisches, ein pflanzliches, ein tierisches Reich. Mit keinem dieser Reiche stimmt dasjenige, was der Mensch im Inneren ist, auch leiblich ist, irgendwie wahrhaftig überein.
[ 10 ] Now that we have, so to speak, dissected the human being from a spiritual-scientific perspective—on the one hand, the pole of intelligence; on the other, the pole of will—and now that we have seen that the physical organs are, in a sense, the outward expression of the pole of intelligence, you may now ask: What in the external world actually corresponds to what is inside the human being—we have now become acquainted with the two poles, the two sides of the human being? Nothing, absolutely nothing, in reality. In the external world, we have a mineral, a plant, and an animal kingdom. What is within the human being—including the physical aspect—does not truly correspond to any of these kingdoms in any way.
[ 11 ] Sie werden jetzt einen gewichtigen Einwand machen können, einen Einwand, der selbstverständlich furchtbar nahe liegt. Sie werden sagen: Nun ja, wir bestehen doch aus denselben Stoffen wie die Außenwelt, denn wir essen diese Stoffe und vereinigen uns also mit den Stoffen des mineralischen Reiches, indem wir uns unsere Speisen salzen, andere mineralische Stoffe zu uns nehmen, ebenso Pflanzen. Es gibt ja auch Fleischesser, nicht wahr, die vereinigen sich auch mit den Substanzen der Tiere und so weiter. Es ist aber so, daß in diesem Glauben, wir hätten nun wirklich in der eigenen Leiblichkeit etwas zu tun mit den Stoffen der Außenwelt, ein furchtbarer Irrtum steckt. Das was unsere Leiblichkeit eigentlich tut, ist, daß sie sich fortwährend wehren muß gegen die Einflüsse der Außenwelt, auch gegen die Einflüsse, die mit den Nahrungsmitteln in uns kommen. Diese Tatsache ist sogar unseren Mitmenschen heute noch sehr schwer verständlich zu machen, denn das Wesentliche unseres Leibes besteht nicht darinnen, daß wir die Nahrungsstoffe aufnehmen, sondern daß wir sie wieder herausschaffen. Manches schaffen wir sehr rasch heraus, manches aber erst im Laufe von sieben, acht Jahren. Aber nichts von dem, was Sie heute gegessen haben, tragen Sie nach acht Jahren noch in sich. Denn das ist alles ausgetauscht, und die Tätigkeit Ihres Leibes besteht im Herausschaffen, nicht im Aufnehmen.
[ 11 ] You may now raise a significant objection—one that is, of course, terribly obvious. You will say: Well, we are, after all, made up of the same substances as the external world, for we consume these substances and thus unite ourselves with the substances of the mineral kingdom by salting our food, ingesting other mineral substances, and consuming plants as well. After all, there are meat-eaters, aren’t there? They, too, unite with the substances of animals, and so on. But the fact is that this belief—that we really have something to do with the substances of the external world within our own physicality—contains a terrible error. What our physical body actually does is that it must constantly defend itself against the influences of the external world, including the influences that enter us through our food. It is still very difficult even today to make this fact understood by our fellow human beings, for the essential function of our body does not consist in taking in nutrients, but in expelling them again. Some things we eliminate very quickly, but others only over the course of seven or eight years. Yet none of what you have eaten today will still be within you after eight years. For it has all been replaced, and the activity of your body consists in eliminating, not in absorbing.
[ 12 ] Daß Sie aufnehmen müssen, das hat nämlich für Ihren Leib im Grunde keine andere Bedeutung, als was der Boden für Ihr Gehen ist. Wenn Sie keinen Boden unter den Füßen hätten, könnten Sie nicht gehen, aber Sie haben mit dem Boden als Mensch nichts zu tun, er muß Sie nur halten. So muß bloß Ihre Leibestätigkeit eine Widerlage haben, sie muß fortwährend auf etwas aufstoßen, daher muß man fortwährend essen, damit die Leibestätigkeit auf etwas aufstößt. Gerade wie Sie versinken würden in den Boden, so würde die Leibestätigkeit versinken in die Nullität, wenn sie nicht fortwährend an dem Boden, der bereitet wird — aber jetzt durchdringt er eben den ganzen Leib —, aufstoßen würde. Sie essen nicht, um die Nahrungsmittel mit sich zu vereinigen, sondern Sie essen, um die Tätigkeit vermitteln zu können, die zum Herausschaffen der Nahrungsmittel notwendig ist. Denn in der Tätigkeit des Herausschaffens der Nahrungsmittel besteht Ihre Menschenwesenheit. Und so wenig, wie Sie den Fußboden zu der Sohle Ihres Fußes rechnen dürfen, so wenig dürfen Sie dasjenige, was in dem Nahrungsmittel ist, soweit es irgendwie in der Außenwelt vorhanden ist, zu Ihrer Menschlichkeit rechnen, wenn Sie die Wahrheit denken wollen. Der Mensch ist im ganzen nichts weiter als eine Reaktion gegen dasjenige, was seine Umwelt ist. Eine Reaktion ist der Mensch, durchaus eine Reaktion. Denn der Mensch ist im Grunde genommen durch und durch Tätigkeit.
[ 12 ] The fact that you must eat has, in essence, no other significance for your body than what the ground has for your walking. If you had no ground beneath your feet, you could not walk, but as a human being you have nothing to do with the ground; it must simply support you. Thus, your bodily activity simply must have a point of support; it must continually meet with resistance, which is why you must eat continuously so that your bodily activity meets with resistance. Just as you would sink into the ground, so would bodily activity sink into nothingness if it did not constantly encounter the ground that is prepared—but now it permeates the entire body. You do not eat in order to unite the food with yourself, but you eat in order to be able to carry out the activity necessary for extracting the food. For your human existence consists in the activity of extracting the food. And just as you cannot count the floor as part of the sole of your foot, so too, if you wish to think the truth, you cannot count what is in the food—insofar as it exists in the external world—as part of your humanity. All in all, a human being is nothing more than a reaction to his environment. A human being is a reaction—nothing but a reaction. For, fundamentally speaking, a human being is activity through and through.
[ 13 ] Das, was ich jetzt auseinandergesetzt habe, findet ja in sehr verschiedener Weise statt für die Organe der Sinnes- und Intelligenzsphäre, ganz anders für die Organe der Willenssphäre. Gewiß, insofern ist der Mensch eine polarische Wesenheit. Aber mit dem, was in der Außenwelt ist, hat dasjenige, was da in diesen zwei Polen der menschlichen polarischen Wesenheit vor sich geht, nicht viel zu tun.
[ 13 ] What I have just explained takes place in very different ways for the organs of the sensory and intellectual spheres, and quite differently for the organs of the volitional sphere. Certainly, in this respect, the human being is a polar entity. But what takes place within these two poles of the human polar being has little to do with what exists in the external world.
[ 14 ] Wir haben in der Außenwelt das mineralische, das pflanzliche Reich. Dieses mineralische, dieses pflanzliche Reich, das ist nicht innerlich stark verwandt mit unserem eigenen Wesen. Wollen wir etwas aufsuchen, womit dieses Mineral- und pflanzliche Reich verwandt ist, dann müssen wir in die Welt schauen, die wir durchleben vor unserer Geburt, die wir durchmachen, bevor wir durch Geburt beziehungsweise Konzeption aus der geistigen Welt in die physische Welt herabsteigen. Wenn wir den Blick über die Pflanzenwelt und über die mineralische Welt werfen, dann müssen wir uns eigentlich sagen: Ich war vor meiner Geburt in einer geistigen Welt. Diese geistige Welt schaue ich nicht durch meine physischen Sinne, denke sie nicht durch meinen physischen Verstand. Aber diese Welt, die mir also wie durch einen Schleier verhüllt ist, wenn ich Sinnesmensch bin, diese Welt offenbart sich äußerlich in der Pflanzenwelt und in ihrer Grundlage, der mineralischen Welt. Viel mehr mit unserem außerweltlichen Leben hat mineralische und pflanzliche Welt zu tun, als mit unserem Leben zwischen Geburt und Tod. Natürlich nicht diejenigen Pflanzen, die wir durch unsere Sinne in der Umgebung sehen, die sich uns hier offenbaren: die sind die Wirkungen derjenigen Kräfte, mit denen wir zwischen Tod und neuer Geburt zusammenhängen. Und das Tierreich hat auch nicht sehr viel mit demjenigen zu tun, was wir als Menschenwesenheit sind, hat eher zu tun mit der Zeit unmittelbar nach dem 'Tode, von der es eine äußerliche, polarisch entgegengesetzte Offenbarung ist. So daß wir sagen können: Was im Menschen ist, lernen wir nicht kennen, wenn wir die Umgebung des Menschen naturwissenschaftlich kennenlernen. Und so ist es denn der Fall, daß diejenige Wissenschaft, welche die Gegenwart hat, welche die Gegenwart besonders schätzt, eine Wissenschaft ist, die nichts vom Menschenwesen eigentlich in Wirklichkeit enthält. Sie können alles dasjenige, was nach naturwissenschaftlicher Methode heute erforscht wird, von Grund aus kennen, und Sie lernen dadurch gar nichts kennen über die Wesenheit des Menschen, denn in dem naturwissenschaftlichen Erkennen ist die Wesenheit des Menschen nicht enthalten.
[ 14 ] In the outer world, we have the mineral and plant kingdoms. These mineral and plant kingdoms are not closely related to our own being. If we want to find something to which these mineral and plant kingdoms are related, then we must look to the world we experience before our birth—the world we pass through before we descend from the spiritual world into the physical world through birth or conception. When we cast our gaze upon the plant world and the mineral world, we must actually say to ourselves: Before my birth, I was in a spiritual world. I do not perceive this spiritual world through my physical senses, nor do I comprehend it through my physical mind. But this world, which is thus veiled from me when I am a sensory being, reveals itself outwardly in the plant world and in its foundation, the mineral world. The mineral and plant worlds have far more to do with our life beyond this world than with our life between birth and death. Of course, this does not refer to the plants we see in our surroundings through our senses, the ones that reveal themselves to us here: those are the effects of the forces with which we are connected between death and a new birth. Nor does the animal kingdom have much to do with what we are as human beings; it has more to do with the time immediately following ‘death,’ of which it is an outward, polar opposite manifestation. So we can say: We do not come to know what is within the human being when we study the human environment through the natural sciences. And so it is the case that the science of the present—which places particular value on the present—is a science that, in reality, contains nothing of the human being. You may have a thorough understanding of everything that is currently being researched using the scientific method, yet you will learn nothing at all about the essence of the human being through it, for the essence of the human being is not contained within scientific knowledge.
[ 15 ] Nun sind aber seit den letzten vier Jahrhunderten alle unsere populären Vorstellungen entsprungen aus der Popularisierung der naturwissenschaftlichen Methode. Naturwissenschaftlich denkt im Grunde genommen heute schon selbst der Bauer auf dem Lande draußen, wenn er das auch noch in seine eigenen Worte kleidet. Naturwissenschaftlich denkt im Grunde genommen selbst der Katholizismus mit seinem dogmatischen Materialismus. Naturwissenschaftliches Denken beherrscht im Grunde genommen alles. Aber wir sind ja heute in dem Zeitpunkte angelangt, in dem es notwendig geworden ist, die soziale Ordnung aufzubauen. Einen großen Teil der heute zivilisierten Welt — und dieser Teil wird immer größer und größer und schließlich zur ganzen zivilisierten Welt werden — drängt es heute, einen sozialen Neuaufbau zu errichten. Die Menschen denken nach über den sozialen Aufbau. Soziale Forderungen leben heute in der zivilisierten Menschheit. Woraus sind sie entsprungen? Sie sind aus sehr unterbewußten Impulsen in der Menschennatur entsprungen. Womit will man sie befriedigen? Mit Ergebnissen naturwissenschaftlichen Denkens. Und die naturwissenschaftlichen Ergebnisse nennt man heute im weitesten Umkreise «soziales Denken», weil man diese Ergebnisse anwendet auf das soziale Leben der Menschen.
[ 15 ] However, for the past four centuries, all of our popular ideas have stemmed from the popularization of the scientific method. Even the farmer out in the countryside thinks in scientific terms today, even if he still expresses it in his own words. Even Catholicism, with its dogmatic materialism, thinks in scientific terms. Scientific thinking essentially dominates everything. But we have now reached the point where it has become necessary to build a new social order. A large part of today’s civilized world—and this part is growing ever larger and will eventually encompass the entire civilized world—is now driven by the urge to establish a new social order. People are reflecting on the structure of society. Social demands are alive today within civilized humanity. Where did they arise from? They arose from very subconscious impulses within human nature. How does one intend to satisfy them? With the findings of scientific thinking. And today, these scientific findings are broadly referred to as “social thinking,” because they are applied to people’s social lives.
[ 16 ] So ist es geschehen, daß im Osten Europas aus rein naturwissenschaftlich-materialistischem Denken eine neue Staats-Sozial-Ordnung aufgerichtet werden soll. Die Männer, die Dr. Helphand, der sich Parvus nennt, nach der Anleitung von Ludendorff und Hindenburg nach Rußland importiert hat, damit sie dort den Bolschewismus machen, diese Männer sind die verkörperten naturwissenschaftlichen Methoden. Man kann sogar sagen: Die praktische Probe, was die naturwissenschaftliche Methode wird, wenn sie in den Köpfen gewisser Sozialrevolutionäre Wurzel faßt, zeigen uns die Männer des Bolschewismus. Die verkörperte naturwissenschaftliche Methode haust heute in Rußland durch Helphands Schaffnerdienste, denn er hat den plombierten Wagen geführt durch Deutschland durch, um die Männer des Bolschewismus unter der Ägide von Ludendorff und Hindenburg nach Rußland zu führen.
[ 16 ] And so it came to pass that, in Eastern Europe, a new state and social order was to be established based on purely scientific and materialistic thinking. The men whom Dr. Helphand—who calls himself Parvus—imported into Russia, following the instructions of Ludendorff and Hindenburg, so that they might establish Bolshevism there—these men are the embodiment of scientific methods. One might even say: The men of Bolshevism show us the practical test of what the scientific method becomes when it takes root in the minds of certain social revolutionaries. The scientific method in the flesh now resides in Russia thanks to Helphand’s services as a conductor, for he drove the sealed train through Germany to transport the men of Bolshevism to Russia under the auspices of Ludendorff and Hindenburg.
[ 17 ] Man soll die Tragweite dieser verkörperten naturwissenschaftlichen Methode nicht übersehen! Ich habe Sie auf einige Tatsachen aufmerksam gemacht. Es gibt zwei Philosophen, höchst bürgerlich spießige Philosophen waren es. Der eine hat gelehrt an der Zürcher Universität, Avenarius, ein Mensch, der ganz gewiß darauf gehalten hat, ein bürgerlich-spießiges Denken zu entwickeln. Der andere ist Ernst Mach, der in Prag, in Wien gelehrt hat. Ich habe ihn selbst 1882 in der Wiener Akademie der Wissenschaften vortragen hören. Er ist mir immer so etwas wie die Inkarnation bürgerlicher Spießigkeit und Rechtschaffenheit erschienen, dieser Ernst Mach. Wenn Sie heute nach der «Staatsphilosophie» des Bolschewismus fragen, so ist es nicht ein Zufall, sondern eine innere Notwendigkeit, daß die Avenariussche und Machsche Philosophie die Staatsphilosophie ist, denn diese Dinge gehören zusammen: äußerste Konsequenz naturwissenschaftlicher Methode umgewandelt in Metamorphose auf soziales Denken. Deshalb muß man die Sache auch ernst nehmen. Zuerst blühte das naturwissenschaftliche Denken als soziale Blüte im Osten auf. Es wird schon weiter aufblühen, wenn man nicht die Sache an der Wurzel anpackt, am naturwissenschaftlich-materialistischen Leben selber.
[ 17 ] One must not overlook the significance of this embodied scientific method! I have drawn your attention to a few facts. There were two philosophers—highly bourgeois, narrow-minded philosophers. One taught at the University of Zurich, Avenarius, a man who certainly set out to develop a bourgeois, narrow-minded way of thinking. The other is Ernst Mach, who taught in Prague and Vienna. I myself heard him lecture at the Vienna Academy of Sciences in 1882. To me, this Ernst Mach has always seemed something of an embodiment of bourgeois narrow-mindedness and integrity. If you ask today about the “political philosophy” of Bolshevism, it is no coincidence but an inherent necessity that the philosophy of Avenarius and Mach is its political philosophy, for these things belong together: the utmost rigor of the scientific method transformed into a metamorphosis of social thought. That is why one must take the matter seriously. At first, scientific thinking blossomed as a social phenomenon in the East. It will continue to flourish unless the issue is tackled at its root—in scientific-materialist life itself.
[ 18 ] Es handelt sich darum, daß heute eine gewisse Welle des Denkens und Empfindens durch die Welt geht. Erregt wird diese Welle durch das sozialwissenschaftliche materialistische Denken. Indem diese Welle sich ausbreitet, ergreift sie heute das notwendig soziale Denken, wird da zur zerstörerischen Gewalt der Menschheit, zur absoluten zerstörerischen Gewalt der Menschheit. Die leitenden, führenden Kreise haben nicht die Macht und Kraft gehabt, hineinzugießen in das menschliche Denken eine wirklich tragende geistige Welle. Deshalb ist aufgegangen in den breiten Massen des Proletariats die materialistische Welle, im sozialen Denken der breiten Masse des Proletariats. Und der Marxismus, der wiederum so grotesk aufgelebt ist in den letzten vier bis fünf Jahren, das ist die soziale Blüte und Frucht der materialistisch naturwissenschaftlichen Methode im sozialen Denken. Man sollte nicht verkennen, daß das die Konfiguration der gegenwärtigen zivilisierten Welt ist. Sieht man sie nicht, so verschläft man die wichtigsten Erscheinungen und Symptome dieses Lebens. Man ist nicht voll Mensch in der Gegenwart, wenn man diese Erscheinungen verschläft.
[ 18 ] The point is that a certain wave of thought and feeling is sweeping through the world today. This wave is stirred up by materialistic thinking in the social sciences. As this wave spreads, it is now taking hold of necessary social thought, becoming a destructive force for humanity—an absolutely destructive force for humanity. The ruling, leading circles have not had the power or strength to infuse human thought with a truly sustaining spiritual wave. That is why the materialistic wave has taken hold among the broad masses of the proletariat, in the social thinking of the broad masses of the proletariat. And Marxism, which has in turn experienced such a grotesque resurgence in the last four to five years, is the social flowering and fruit of the materialistic, natural-scientific method in social thinking. One should not fail to recognize that this is the configuration of the present-day civilized world. If one fails to see it, one misses the most important phenomena and symptoms of this life. One is not fully human in the present if one misses these phenomena.
[ 19 ] Einzelne Menschen ragen heraus aus dem allgemeinen Urteil. Diese einzelnen Menschen fühlen heute schon bis zu einem gewissen Grade: Wenn wir so fortdenken und fortempfinden, wie wir es getan haben, können wir nicht weiter, es geht nicht. Wir kommen in das Chaos immer weiter hinein. Darum sind Weckrufe von der Art wie der Folgende heute zwar selten, aber sie sind schon da, diese Weckrufe. Einen solchen Weckruf lassen Sie mich Ihnen vorlesen.
[ 19 ] Some individuals stand out from the general consensus. These individuals already sense to a certain extent today: If we continue to think and feel the way we have been, we cannot go any further—it simply won’t work. We are sinking deeper and deeper into chaos. That is why wake-up calls like the one that follows are rare today, but they do exist—these wake-up calls. Let me read one such wake-up call to you.
[ 20 ] Im 31./32. Heft der kultursozialistischen Wochenschrift «NeueErde» in Wien erschien ein interessanter Aufsatz unter dem Titel «Weltanschauungskrise» von Karl Polanyi. Darin wird gesagt, daß ein allgemeiner Widerwille gegen die kapitalistische Wirtschaftsordnung eingesetzt habe, zugleich mit einer Abkehr vom marzistischen Sozialismus.
[ 20 ] An interesting essay by Karl Polanyi titled “Weltanschauungskrise” appeared in the 31st/32nd issue of the cultural-socialist weekly Neue-Erde in Vienna. In it, he states that a general aversion to the capitalist economic order has set in, coinciding with a turn away from Marxist socialism.
[ 21 ] «Es herrscht heute noch eine Verquickung von Marxismus und Sozialismus, die das Ärgernis alles modernen Denkens ist. Jeder Anlauf zur intellektuellen Förderung der brennendsten sozialen Probleme der Zeit scheitert in dem Sumpfe dieser geistigen Niederung... »
[ 21 ] “Even today, there is still a conflation of Marxism and socialism that is the bane of all modern thought. Every attempt to intellectually address the most pressing social problems of our time fails in the quagmire of this intellectual wasteland...”
[ 22 ] «...Der Ausbruch des Weltkrieges war die Wende für alles kapitalistische und damit marxistische Denken. Die Führer der Menschheit erkannten es klar und die Massen fühlten es dumpf, daß nimmermehr die sogenannten Lebensinteressen die Welt beherrschen, sondern Kräfte ganz anderer Art und anderen Wesens. Erwiesen sich doch die allgegenwärtigen wirtschaftlichen Interessen, denen die Imperialisten nachjagten und gegen die die Sozialisten im Windmühlenkampf ankämpften, nicht bloß als irreal und abstrakt bis zur Phrasenhaftigkeit, sondern auch als bloßer ökonomischer Aberglaube und leeres Hirngespinst. Klar trat es vor Augen, daß nicht das Materielle, sondern die Vorstellung von diesem Materiellen die Triebkraft ist, und wäre diese Vorstellung noch so falsch und noch so irrig, — daß es mithin die Vorstellungen und nicht das Materielle ist, was die Massen lenkt. Ja, auch die Vorstellung des materiellen Interesses, dieses angeblich Konkretesten und Wirklichsten, wird erst historisch wirksam, sobald sie zum Glauben erhöht wird, wenn erst die Opfer nicht mehr gezählt werden, die man ihr darbringt, und ihr Selbstwert allein für alles Irrationelle, das in ihrem Namen verübt wird, zur Entschädigung und zur Rechtfertigung dient. Diese Zeit allerungeheuerlichster Paradoxe glaubte an den Egoismus. Er wurde nicht mehr abgeleugnet, nicht mehr idealistisch übertüncht; im Gegenteil! Die Menschheit zog in den Tod im geheiligten Namen von wirtschaftlichen Lebensinteressen, die sie mit einem Glorienschein umgab, und des Sacro Egoismo, der sich selbst zum Himmel erhoben hatte. Das Materielle hatte sich selbst zum einzigen Ideellen erklärt und damit vollendete die materialistische Welt ihre Bahn. Hatten doch diese Idealisierung des Materiellen als des einzig Wirklichen und Wesenhaften die Kapitalisten schon Vaterland genannt, die Marxisten aber offen: Sozialismus!»
[ 22 ] “...The outbreak of the World War marked a turning point for all capitalist—and thus Marxist—thought. The leaders of humanity clearly recognized it, and the masses sensed it vaguely: that the so-called vital interests would never again rule the world, but rather forces of a completely different kind and nature. For the omnipresent economic interests that the imperialists pursued—and against which the socialists fought a quixotic battle—proved not only to be unreal and abstract to the point of being mere clichés, but also to be nothing more than economic superstition and empty fantasies. It became clear that it is not the material, but the idea of this material that is the driving force—and no matter how false or erroneous this idea may be—and that it is therefore ideas, and not the material, that guide the masses. Indeed, even the notion of material interest—this supposedly most concrete and real thing—becomes historically effective only as soon as it is elevated to a belief, when the sacrifices made in its name are no longer counted, and its intrinsic value alone serves as compensation and justification for all the irrational acts committed in its name. This age of the most monstrous paradoxes believed in egoism. It was no longer denied, no longer whitewashed by idealism; on the contrary! Humanity marched to its death in the hallowed name of economic interests, which it surrounded with a halo, and of “Sacro Egoismo,” which had exalted itself to the status of heaven. The material had declared itself to be the sole ideal, and thus the materialistic world completed its course. After all, the capitalists had already called this idealization of the material as the only real and essential thing “the fatherland,” while the Marxists openly called it “socialism!”
[ 23 ] «Utilitaristische Ethik, materialistische Geschichtsauffassung, positivistische Erkenntnislehre, deterministische Philosophie: sie sind in der neuen Atmosphäre nicht mehr lebensfähig. Der Marxismus aber als Weltanschauung ist auf diese Pfeiler aufgebaut. Seine Zeit ist um.»
[ 23 ] “Utilitarian ethics, a materialist view of history, positivist epistemology, deterministic philosophy: these are no longer viable in the new atmosphere. Marxism, however, as a worldview, is built on these pillars. Its time is over.”
[ 24 ] So sehen Sie den Weckruf einer Seele, die immerhin das Negative, in das Chaos unserer Zeit Hineinführende sieht. Und jetzt kommt die Frage, eine furchtbare Schicksalsfrage. Diese ist: «Was soll an seine Stelle treten?»
[ 24 ] This is how you see the wake-up call of a soul that, after all, perceives the negative forces leading us into the chaos of our time. And now comes the question—a terrible, fateful question. It is this: “What should take its place?”
[ 25 ] Diese Frage wirft derselbe auf, der alles das geschrieben hat, was ich Ihnen eben vorgelesen habe. Er sagt weiter: «Die Beantwortung dieser Frage ist für das Schicksal des Marxismus nicht bestimmend. Für aufrichtige und nach Klarheit strebende Geister ist dies ein untergeordnetes Bedenken. Erlösche auch die Sonne, man müßte sich eher im Dunkeln zurechtfinden, als ein Irrlicht für die Sonne auszugeben.»
[ 25 ] This question is raised by the very person who wrote everything I just read to you. He goes on to say: “The answer to this question is not decisive for the fate of Marxism.” For sincere minds striving for clarity, this is a secondary concern. Even if the sun were to go out, one would have to find one’s way in the dark rather than mistake a will-o’-the-wisp for the sun.”
[ 26 ] «Was aber unserem Geschlechte die Sonne verdunkelt, ist eine neue, noch hellere und strahlendere, die am Horizont aufgeht. Vom Alpdruck einer Entwickelungslehre befreit, in deren Tretmühle wir zur ewigen Zusammenarbeit verurteilt, ruhelos und heimatlos, unser sinnloses Dasein fristeten, aus der Halluzination einer verkehrten Geschichtsauffassung erwacht, die im Weltgeschehen nicht das Echo der Rufer im Streite, sondern in ihrem Rufe das bloße Echo des Weltgeschehens zu hören wähnte, der Zwangsvorstellung eines clownhaften Determinismus entwachsen, die unsere Willensfreiheit als Zufallsspiel hinter der Szene wirkender Kräfte hinstellte, von dem Glauben an der toten Menge endlich zum Glauben an uns selbst geboren, werden wir die Kraft und die Berufung in uns finden, die Forderungen des Sozialismus nach Gerechtigkeit, nach Freiheit und nach Liebe auch zur Wirklichkeit der Menschheit zu machen.»
[ 26 ] “But what darkens the sun for our generation is a new one, even brighter and more radiant, rising on the horizon. Freed from the nightmare of a theory of evolution, in whose treadmill we were condemned to eternal collaboration, restless and homeless, eking out our meaningless existence; awakened from the hallucination of a distorted view of history, which imagined that in world events it heard not the echo of those crying out in the struggle, but in their cries the mere echo of world events; having outgrown the delusion of a clownish determinism that portrayed our free will as a game of chance orchestrated by forces acting behind the scenes, finally born from the belief in the dead mass to the belief in ourselves, we will find within us the strength and the calling to make socialism’s demands for justice, freedom, and love a reality for humanity as well.”
[ 27 ] Ja, eine sehnsüchtige Seele, die sieht: wir steuern dem Chaos entgegen, die sogar die schicksalsschwere Frage aufwirft: Was soll an seine Stelle treten? — und die dann fortsetzt mit der Antwort, und die alten Phrasen nur aufzutischen hat, die eben zu Worthülsen geworden sind: Gerechtigkeit, Freiheit und Liebe. Lange genug sind sie gepredigt worden. Der konkrete Weg ist in dieser Phrase wahrhaftig nicht enthalten.
[ 27 ] Yes, a yearning soul that sees: we are heading toward chaos, a soul that even raises the fateful question: What will take its place? — and which then goes on to offer an answer, only to serve up the same old clichés that have become nothing more than empty phrases: justice, freedom, and love. They have been preached long enough. This phrase truly does not contain the concrete path forward.
[ 28 ] «Der marxistische Sozialismus verdunkelt heute bloß die Schicksalsfrage, vor der die Menschheit steht, er unterbindet die freien Kräfte einer radikalen Lösung, hält das Denken im Halbdunkel einer überlebten Dogmenwelt, versagt das Handeln durch dunkle Weissagungen, obskure Autoritäten und mystische Symbole. Er verstellt der Menschheit die freie Aussicht.»
[ 28 ] “Marxist socialism today merely obscures the question of destiny facing humanity; it stifles the free forces needed for a radical solution, keeps thought in the twilight of an outdated world of dogma, and paralyzes action through dark prophecies, obscure authorities, and mystical symbols. It blocks humanity’s clear view.”
[ 29 ] Richtig: «Er verstellt der Menschheit die freie Aussicht» — aber durch Phrasen wird diese Aussicht nicht frei gemacht! Und dann fährt der Verfasser weiter fort: «Die Kirche hat ihren Beruf um tausend Jahre überlebt. Der Marxismus mag uns überleben, aber der neue Geist, der aus dem Jammer dieses Weltkrieges der Menschheit geboren wurde, wird ihn gewiß überdauern.»
[ 29 ] True: “It obscures humanity’s clear view”—but empty phrases will not clear that view! And then the author continues: “The Church has outlived its purpose by a thousand years. Marxism may outlive us, but the new spirit born of the misery of this world war will certainly outlast it.”
[ 30 ] Aber wo ist der neue Geist? So sagt der Verfasser, der, wie es scheint, eine Empfindung hat für die Nullität unserer Zeit, für dasjenige, was in das Chaos hineinführt. Nun, ein Freund von uns, der lang schon innerhalb unserer Weltanschauung steht, fügt zu dem, was ich Ihnen eben vorgelesen habe, einige Zeilen hinzu. Das, was ich Ihnen bisher vorgelesen habe, ist eben von demjenigen, der sieht, daß etwas Neues kommen müsse, der aber schließlich bei den alten Phrasen bleibt. Unser Freund fügt hinzu: «Hier sehen wir eine Weltauffassung, die einsieht, daß der Marxismus, wie er heute in seiner konsequentesten Form im Bolschewismus auftritt, zum alten Denken gehört. Er ist nur das Widerspiel der alten kapitalistischen Welt. Er krankt ebenso wie diese am Geistesleben. Ist er im Wirtschaftlichen ihr Gegner, so ist er mit ihr in der geistigen Grundlage eins. An seine Stelle und an die der modernen naturwissenschaftlichen Weltanschauung soll treten eine neue, die aus einer «Philosophie der Freiheit» hervorgegangene anthroposophische Weltanschauung.»
[ 30 ] But where is this new spirit? So says the author, who, it seems, has a sense of the futility of our time, of that which leads into chaos. Well, a friend of ours, who has long been part of our worldview, adds a few lines to what I have just read to you. What I have read to you so far is precisely from someone who sees that something new must come, but who ultimately sticks to the old clichés. Our friend adds: “Here we see a worldview that recognizes that Marxism—as it appears today in its most consistent form in Bolshevism—belongs to the old way of thinking. It is merely the antithesis of the old capitalist world. Like the latter, it suffers from a deficiency in spiritual life. While it is its economic opponent, it is one with it in its spiritual foundation. In its place—and in the place of the modern scientific worldview—a new one is to emerge: an anthroposophical worldview arising from a ‘Philosophy of Freedom.’”
[ 31 ] Das sind allerdings wenige Zeilen, von einem Freunde unserer Bewegung hinzugefügt, aber klar ist es dem, der hineinschaut in das Getriebe des heutigen Menschtums, daß ja, weil die Dinge so sind, diese anthroposophische Geisteswissenschaft auftreten will. Und ehe man nicht zugeben wird, daß der Krankheitsprozeß unseres gegenwärtigen Lebens nur geheilt werden kann durch anthroposophisch orientierte Geistesforschung, wird aus dem Chaos nicht herauszukommen sein.
[ 31 ] These are, admittedly, just a few lines added by a friend of our movement, but it is clear to anyone who looks into the workings of humanity today that, precisely because things are as they are, this anthroposophical spiritual science seeks to emerge. And until we admit that the disease afflicting our present-day existence can only be healed through anthroposophically oriented spiritual research, there will be no way out of this chaos.
[ 32 ] Man kann deshalb ohne Unbescheidenheit sagen: Wenn sich nur recht viele fänden, welche auf die Frage: «Was soll an seine Stelle treten?» — dieselbe Antwort geben würden wie der Dr. Kolisko in Wien sie diesem Karl Polanyi gegeben hat. Solange man glauben wird, daß das Heil unserer Bewegung in irgendeiner Sektiererei zu suchen ist, wird man niemals den Sinn dieser Bewegung erkennen. Erst wenn man einsehen wird, daß wir es zu tun haben mit einer Weltangelegenheit, wird man den Sinn dieser Bewegung erkennen.
[ 32 ] One can therefore say without modesty: If only there were enough people who, when asked, “What should take its place?”—would give the same answer as Dr. Kolisko in Vienna gave to Karl Polanyi. As long as people believe that the salvation of our movement lies in some form of sectarianism, they will never recognize the meaning of this movement. Only when they realize that we are dealing with a global issue will they recognize the meaning of this movement.
[ 33 ] Nur derjenige kann ein wirklicher Träger dieser Weltanschauung sein, der in dieser Weise ihren Sinn nicht nur erkennt, sondern zum innersten Impuls des eigenen Willens macht. Ich möchte nicht durch viele Worte verbrämen dasjenige, was ich in diesem Vortrage Ihnen sagen wollte. Wir werden uns ja in nicht allzulanger Zeit hier zu ähnlichen Besprechungen wieder sehen. Wir brauchen gar nicht einmal Abschied zu nehmen, denn es wird diesmal nicht so lange dauern.
[ 33 ] Only those who not only recognize the meaning of this worldview in this way but also make it the innermost impulse of their own will can truly embody it. I do not wish to embellish with many words what I wanted to say to you in this lecture. After all, we will see each other again here for similar discussions before too long. We don’t even need to say goodbye, because this time it won’t take so long.
[ 34 ] Aber ich muß doch sagen, daß es einem tiefen Bedürfnis meines Herzens entsprechen würde, wenn recht viele von Ihnen die Worte, durch die ich hinweisen wollte auf ein Wichtigstes in unserer jetzigen Weltenlage, gerade in den nächsten Wochen recht stark beherzigen würden.
[ 34 ] But I must say that it would fulfill a deep longing of my heart if quite a few of you would take the words I used to point out a most important aspect of our current global situation very much to heart, especially in the coming weeks.
[ 35 ] Wir haben von mancherlei schädigenden Einflüssen aus der elementarischen Welt in dieser unserer jetzigen Zeit gesprochen. Sie wissen, daß eine alte, wahre Anschauung, die man nur richtig verstehen muß, davon spricht, daß mit dem Ende des bürgerlichen Jahres, wenn die Weihnachtszeit heranrückt, jene Tage kommen, in denen der geistigste Einfluß, der innerhalb der Erdensphäre auf den Menschen geschehen kann, am intensivsten ist.
[ 35 ] We have spoken of various harmful influences from the elemental world in our present time. You know that an ancient, true view—which one need only understand correctly—states that with the end of the civil year, as the Christmas season approaches, there come those days when the most spiritual influence that can act upon human beings within the earthly sphere is at its most intense.
[ 36 ] Suchen wir vielleicht gerade in dieser Zeit, die durch Jahrhunderte hindurch Menschen so wichtig und wesentlich war — die in unserer Zeit nicht viel mehr ist als eine Zeit, «passende Geschenke» zu geben —, suchen wir in dieser Zeit vielleicht doch, einem alten Seelengebrauche entsprechend, unsere Zuflucht bei jenen auch alten geistigen Mächten, die immerhin noch auf unser Menschenschicksal Einfluß gewinnen können, wenn wir den ganzen Ernst auf unsere Seele wirken lassen, der in der Beziehung der geistigen Welt zur menschlichen Welt besteht!
[ 36 ] Perhaps, especially during this time of year—which for centuries has been so important and essential to people, yet in our time is little more than an occasion to give “appropriate gifts”— are we perhaps, in keeping with an ancient spiritual custom, seeking refuge in those equally ancient spiritual powers that can still influence our human destiny—if we allow the full gravity of the relationship between the spiritual world and the human world to take effect upon our souls!
[ 37 ] Das ist dasjenige, was ich heute zu Ihnen sprechen wollte.
[ 37 ] That is what I wanted to talk to you about today.
[ 38 ] Wenn ich wiederum hier vortragen werde, wird es Ihnen ja bekanntgegeben werden.
[ 38 ] When I give another presentation here, you will be notified.
