Weltsilvester und Neujahrsgedanken
GA 195
25 Dezember 1919, Stuttgart
Zweiter Vortrag
[ 1 ] Wo ich in den letzten Jahren zu sprechen hatte an einer der Jahresfeiern, Weihnachtsfeier oder Osterfeier oder Pfingstfeier, da mußte ich darauf aufmerksam machen, daß insbesondere bei solchen Gelegenheiten wir gegenwärtig kein Recht dazu haben, in der altgewohnten Weise solche Feiern zu begehen, gewissermaßen den ganzen Schmerz, das ganze Leid der Zeit zu vergessen und in solchen Tagen uns nur zu erinnern an das Größte, das hereingespielt hat in die Erdenentwickelung. Insbesondere auf dem Boden jener geistigen Weltanschauung, auf dem wir stehen, haben wir die Verpflichtung, hereinströmen zu lassen bis an den Weihnachtsbaum heran alles dasjenige, was in der gegenwärtigen Kulturwelt die Menschheit ergreift an Niedergangserscheinungen. Wir haben heute geradezu die Verpflichtung, auch die Geburt des Christus Jesus so in unsere Herzen, in unsere Seelen aufzunehmen, daß wir nicht außer acht lassen den furchtbaren Niedergang, von dem die sogenannte Kulturmenschheit ergriffen worden ist.
[ 2 ] Denn gerade an diesem Tage ist es an uns, die Frage aufzuwerfen: Hat denn nicht eigentlich auch der Gedanke der Weihnacht schon das Schicksal gehabt, ergriffen zu werden von den allgemeinen Niedergangskräften? Verspüren wir noch, wenn heute von Weihnacht die Rede ist, dasjenige, was der Mensch verspüren soll, wenn er seine Gedanken und Empfindungen hinauferhebt zu dieser Christfeier? Verspürt die Menschheit im allgemeinen den rechten Sinn des Hereinspielens des ganzen Mysteriums von Golgatha in die Menschheits- entwickelung? Wir zünden heute unsere Weihnachtsbäume an, wir sprechen in altgewohnten Sätzen und Worten über das, was mit dem Weihnachtsfest zusammenhängt, allein wir vermeiden es nur allzuoft, die Augen voll aufzumachen, das Bewußtsein voll erwachen zu machen gegenüber der Notwendigkeit, sich zu sagen: Es ist ein Niedergang vorhanden; wo bist du, Christus-Kraft, daß du uns wirklich hilfst, damit wir einen neuen Aufgang bewirken können? Denn soviel dürfte Ihnen aus den Betrachtungen, die durch die Jahrzehnte schon angestellt worden sind über geistige Weltanschauung in unseren Kreisen, klar geworden sein, daß nur mit Hilfe der Christus-Kraft es möglich sein wird, die verfallene Kultur wiederum mit demjenigen Impuls zu durchdringen, der sie zu einem neuen Aufstieg bringen kann.
[ 3 ] Man muß in diesen Tagen oftmals denken an Menschen, die etwa in der Mitte des 19. Jahrhunderts oder gegen das letzte Drittel desselben aus einer gewissen materialistischen Gesinnung heraus anders gesprochen haben, als viele Menschen allerdings in der Gegenwart sprechen, die aber doch ehrlicher gesprochen haben als die Mehrzahl der Menschen in der Gegenwart spricht. Ich möchte Sie heute erinnern an eine recht materialistisch gesinnte Persönlichkeit, an den Schwaben David Friedrich Strauß. Sie wissen ja, «Der alte und der neue Glaube» von David Friedrich Strauß ist gewissermaßen eine Art Bibel des Materialismus. Unter den Fragen, die David Friedrich Strauß in diesem Buche stellt, ist auch diese: Können wir noch Christen sein? — David Friedrich Strauß gibt eine Antwort. Diese Antwort hat die Eigentümlichkeit, daß sie ganz aus urmaterialistischer Gesinnung heraus geboren ist, aber sie hat zu gleicher Zeit die Eigentümlichkeit, daß sie ehrlich ist. David Friedrich Strauß bildet sich den Gedanken, die Idee eines Weltgebäudes, das nur aus materialistischen physikalischen Gesetzen aufgebaut ist, und er stellt den Menschen hinein in eine Weltenordnung so, daß des Menschen Wesen auch nichts anderes enthält als physikalische Gesetze. Und von dieser seiner Überzeugung aus beantwortet er die Frage: Können wir noch Christen sein? — mit einem ehrlichen «Nein». Denn diejenigen Menschen, welche diese Art naturwissenschaftlicher Weltanschauung, wie sie David Friedrich Strauß aus dem Zeitbewußtsein heraus vertritt, mitvertreten, können keine Christen sein. So spricht uns aus dem Nein des David Friedrich Strauß eine fatale, aber durchaus ehrliche Gesinnung, und man hat heute manchmal die Empfindung: Könnten doch die sogenannten offiziellen Vertreter des einen oder des anderen Religionsbekenntnisses so ehrlich sein wie David Friedrich Strauß! Könnten Sie einsehen, wie sie den Christus-Namen zwar gebrauchen, aber im Grunde genommen gegen das Christentum wirken!
[ 4 ] Man darf nicht heute sich der Bequemlichkeit hingeben, die Augen zuzudrücken gegenüber den wesentlichsten, wichtigsten Erscheinungen in der Gegenwart. Mag es manchem nicht weihnachtlich dünken, mich dünkt es recht weihnachtlich, wenn ich eine gewisse Erfahrung erwähne, die mir geworden ist durch eine Art geistiger Untersuchung über ein Unmittelbares, Tatsächliches in der Gegenwart.
[ 5 ] Sie wissen, diejenigen Menschen, die zum großen Teil, besonders in Mitteleuropa, schuldig sind — soweit Menschen an diesen Dingen schuldig genannt werden dürfen — an den furchtbaren Zuständen, in die wir hineingesegelt sind, diese Menschen, was tun sie, nachdem das Unglück über Europa hereingebrochen ist? Sie schreiben Bücher! Und so haben wir denn von den verschiedensten Menschen Bücher. Wir haben ein Tirpitz-Buch, wir haben ein Zudendorff-Buch und ich könnte noch manche anderen nennen; ich beschränke mich auf diese beiden. Sehen Sie, man kann das folgende Experiment mit Hilfe der Geisteswissenschaft machen; man kann sich — aber durchaus im Sinne geisteswissenschaftlicher Gesinnung — die Frage vorlegen; Welche Formung der Gedanken spricht sich aus in den Büchern von Tirpitz, Ludendorff und ihresgleichen? Ich habe versucht, von allen Seiten diese Frage gewissenhaft zu prüfen, habe mich gefragt: Welcher Art sind die Gedankenformen dieser Männer, von denen so viel von dem Schicksal Mitteleuropas abhängt? Wenn man nicht abstrakt vorgeht, sondern in solchen Dingen in das Konkrete hineindringt, dann muß man vergleichen, und so hat sich mir ein Vergleich ergeben, indem ich mich gefragt habe: Wann etwa hat man solche Gedankenformen nach dem normalen Entwickelungsgange in Europa ausgebildet, wie sie jetzt etwa Tirpitz und Ludendorff ausbilden? Und da ergibt sich nach gewissenhafter Prüfung der Tatsachen, daß etwa zur Zeit des römischen Cäsar man so gedacht hat. Es ist im Grunde genommen kein Unterschied zwischen der Art des Julius Cäsar, seelisch zu denken und zu leben — sagen wir, in seinem Gallischen Krieg — und zwischen der Art und Weise, wie Tirpitz und Ludendorff ihre Gedanken formen. Das heißt aber, daß diese Menschen in einem Gedankenleben drinnenstehen, das völlig unberührt ist von dem Christentum, denn Julius Cäsar hat vor dem Hereinbrechen des Mysteriums von Golgatha gelebt. Und alles das, was diese Menschen auch zuweilen aussprechen, wenn sie den Namen des Christus Jesus auf die Lippen bringen, ist nichts anderes als eitel Lüge, denn ihr Seelenleben hat sich so entwickelt, daß sie mit dem konkreten Christentum nichts zu tun haben.
[ 6 ] Wir wissen ja aus mannigfaltigen Betrachtungen: Wenn irgend etwas zu seiner Zeit sich entwickelt, dann ist es im Grunde genommen gut für die Menschheit. Etwas anderes ist es, wenn es stehen bleibt und später herauskommt; wenn dies der Fall ist, das heißt, wenn das Cäsarmäßige noch im 20. Jahrhundert eine Rolle spielt, dann ist das Cäsarmäßige ins Luziferische umgesetzt. Denn das, was eigentlich in anderer Zeit gewirkt haben sollte, wird, wenn es stehen bleibt, zum Luziferischen; das ist ja das Wesentliche des Luziferischen.
[ 7 ] Und nun wiederum fragen wir: Wie kann es denn kommen, daß diejenigen Persönlichkeiten, die ein Schicksal heraufgetragen hat, um führende Stellungen einzunehmen, wie kann es denn sein, daß diese Persönlichkeiten in einer solchen Weise mit ihrem Leben zurückgeblieben sind? Da müssen wir, wenn wir uns diese Frage beantworten wollen, unseren Blick hinwenden auf diejenigen, die das Geistesleben mit dem Christus-Impuls angeblich durchdringen, die aber eigentlich im antichristlichen Sinne wirken. Da müssen wir den Blick auf viele offizielle Vertreter der religiösen Bekenntnisse richten, die angeblich aus den Evangelien heraus sprechen, die aber alles das bekämpfen, was wirklich von dem lebendigen Christus in unserer Zeit künden will. Die antichristlichsten Menschen sind heute oftmals unter den Pfarrern, unter den Predigern der sogenannten christlichen Bekenntnisse zu finden. Wer unter all den Schriften so etwas prüft, wie das von vielen als tonangebend gehaltene Buch Adolf Harnacks «Das Wesen des Christentums», der bekommt Antwort auf eine solche Frage. Adolf Harnack hat «Das Wesen des Christentums» geschrieben. Wenn man in diesem Buche den Christus-Namen ausstreicht und ersetzt durch den Namen eines allgemeinen unbekannten Gottes, der die Natur ebenso durchwaltet und durchwebt wie das Menschenleben, wenn man den Christus-Namen ausstreicht und den alttestamentlichen Jahve-Namen an seine Stelle setzt, so wird das Buch wahrer als es ist, denn dann erst hat es einen Sinn. Die Tatsache liegt vor, daß Adolf Harnack nichts weiß von der wirklichen Wesenheit des Christus, daß er gar keine Ahnung hat von der wirklichen Wesenheit des Christus, daß er einen allgemeinen unbestimmten Gott verehrt und dann dem allgemeinen unbestimmten Gotte den Christus-Namen anheftet. Und wer ist dieser Adolf Harnack? Dieser Adolf Harnack ist der tonangebende Theologe gewesen für all die Kreise, welche den Boden abgegeben haben für die geistige Richtung, aus der auch aufgequollen sind Tirpitz und Ludendorff und so weiter! Weil von den Vertretern der Bekenntnisse keine wirkliche Christus-Offenbarung mehr gekommen ist, liegt in den Ereignissen der Gegenwart durch die Menschen, die mit diesen Ereignissen verknüpft sind, keine solche Empfindung für die wirkliche Christus-Offenbarung. Gar keinen Sinn hat es für Tausende und Millionen Menschen der Gegenwart, wenn sie von dem Weihnachtsfeste sprechen; denn sie kennen nicht in dem Sinne, wie das für unsere Zeit notwendig ist, die Wesenheit des Christus-Jesus. Auf solche Dinge müssen wir blicken, wenn wir in einem tieferen Sinne uns klar werden wollen, welches die Ursachen für den Niedergang unserer Zeitereignisse, des Menschenlebens in diesen Zeitereignissen sind.
[ 8 ] Ich habe Ihnen von dieser Stätte aus oftmals gesprochen von jenem wichtigen Ereignis, das sich zugetragen hat im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, von jenem Ereignis, durch das ein besonderes Verhältnis gebildet worden ist zwischen jener Erzengelmacht, die wir als die Erzengelmacht Michael bezeichnen, und den Geschicken der Menschheit. Ich habe Sie darauf aufmerksam gemacht, daß seit dem November 1879 Michael gewissermaßen der Regent sein muß für alle diejenigen, welche der Menschheit zu ihrem gedeihlichen Fortschritt die rechten Kräfte zuführen wollen.
[ 9 ] In unserer Zeit weist man, indem man so etwas andeutet, auf zweierlei hin: erstens auf eine objektive Tatsache, zweitens aber auch auf das, wie sich diese objektive Tatsache zu all dem verhält, was die Menschen in ihren Willen, in ihr Bewußtsein aufnehmen wollen. Die objektive Tatsache ist einfach die, daß sich im November 1879 jenseits der Sphäre der sinnlichen Welt, im Übersinnlichen, dasjenige abgespielt hat, was man so ausdrücken kann: Michael hat sich die Kraft erobert, wenn die Menschen ihm entgegenkommen mit all dem, was in ihren Seelen lebt, diese so zu durchdringen mit seiner Kraft, daß sie die alte materialistische Verstandeskraft, die bis dahin in der Menschheit groß geworden ist, umwandeln können in spirituelle Verstandeskraft, in geistige Verstandeskraft. Das ist die objektive Tatsache; sie hat sich vollzogen. Wir können davon sprechen: Michael ist in ein anderes Verhältnis zur Menschheit getreten, als dasjenige war, in dem er früher gestanden hat, seit dem November 1879. Aber es ist erforderlich, daß man dem Michael dient. Was ich damit meine, es wird am klarsten werden, wenn ich Ihnen das Folgende auseinandersetze.
[ 10 ] Sie wissen, bevor das Mysterium von Golgatha sich auf der Erde vollzogen hat, schauten die alttestamentlichen Juden hinauf zu ihrem Jahve oder Jehova. Diejenigen, die aus der jüdischen Priesterschaft mit vollem Bewußtsein zu Jahve schauten, waren sich bewußt, daß sie nicht unmittelbar mit ihrem Menschenerkennen herandringen konnten zu Jahve. Sogar der Name galt als unaussprechlich, und wenn der Name ausgesprochen werden sollte, wurde nur ein Zeichen gemacht, das ähnlich ist gewissen Zeichenzusammenhängen, die wir durch unsere Eurythmie aufsuchen. Aber diese Priesterschaft war sich auch klar darüber, daß sich der Mensch dem Jahve durch Michael nähern könne. Diese Priesterschaft nannte Michael das Antlitz des Jahve oder des Jehova. So wie wir einen Menschen kennenlernen, wenn wir in sein Antlitz blicken, wie wir aus der Milde seines Antlitzes einen Schluß auf die Milde der Seele, aus der Art, wie er uns anschaut, auf seinen Charakter ziehen, so wollte die alttestamentliche Priesterschaft aus dem, was sich in die Seele hereinschlich an atavistischen Hellschauungen in Träumen, von dem Antlitz des Jahve, von dem Michael schließen auf Jahve, den zu erreichen der Menschheit doch nicht möglich war. Diese Priesterschaft stand richtig zu Michael und Jahve oder Jehova; sie stand richtig zu Michael, weil sie sich bewußt war, daß, wenn sich der Mensch der damaligen Zeit zu Michael wendete, er durch Michael diejenige Kraft, die Jahve-Kraft oder Jehova-Kraft finden würde, welche zu suchen dem Menschen der damaligen Zeit ziemte.
[ 11 ] Andere seelische Menschheitsregenten traten seither an die Stelle des Michael; aber seit dem November 1879 ist Michael wiederum aufgetreten, und er kann rege gemacht werden im menschlichen Seelenleben, wenn man die Wege zu ihm sucht. Und diese Wege sind heute die Wege geisteswissenschaftlicher Erkenntnis. Man könnte ebensogut sagen die «Michaelswege», wie man sagen kann «die Wege geisteswissenschaftlicher Erkenntnis». Aber gerade seit jener Zeit, da Michael auf diese Weise in ein Verhältnis zu den menschlichen Seelen eingetreten ist, um wiederum ihr unmittelbarer Inspirator durch drei Jahrhunderte zu werden, hat am allerstärksten auch die dämonische Gegenkraft eingesetzt, nachdem sie sich vorher vorbereitet hatte. So ging ein Ruf durch die Welt, der während unserer sogenannten Kriegs-, aber in Wirklichkeit Schreckensjahre zu einem großen Welt-Unverstand geworden ist, der jetzt die Herzen und Seelen der Menschen durchzieht.
[ 12 ] Was wäre denn aus dem alttestamentlichen Judenvolk geworden, wenn es, statt sich dem Jahve durch Michael zu nähern, hätte unmittelbar an Jahve herandringen wollen? Es wäre aus ihm geworden ein intolerantes, volksegoistisches Volk, ein Volk, das nur an sich hätte denken können. Denn Jahve ist der Gott, der mit allem Natürlichen zusammenhängt und im äußeren geschichtlichen Menschenwerden prägt er sein Wesen aus in dem Generationenzusammenhang der Menschen, wie er sich im Volkswesen ausspricht. Nur dadurch, daß dazumal das althebräische Volk durch Michael dem Jahve sich nähern wollte, hat es sich davor bewahrt, so volksegoistisch zu werden, daß dann nicht einmal der Christus Jesus aus der Mitte dieses Volkes hätte hervorgehen können. Denn dadurch, daß es sich mit der Michael-Kraft, wie diese Kraft damals war, durchdrang, dadurch imprägnierte sich das jüdische Volk nicht mit Kräften, die einen so starken Volksegoismus abgegeben hätten, als wenn man sich unmittelbar an Jahve oder Jehova gewendet hätte.
[ 13 ] Heute nun ist Michael wieder der Weltregent, aber die Menschheit ist genötigt, sich zu ihm in einer neuen Weise zu verhalten. Denn jetzt soll Michael nicht das Antlitz Jahves sein, sondern das Antlitz des Christus Jesus. Jetzt sollen wir uns durch Michael dem Christus-Impuls nähern. Aber die Menschheit hat vielfach sich dazu noch nicht hindurchgerungen; die Menschheit hat atavistisch bewahrt die alten Empfindungsqualitäten, durch die man sich dem Michael so genähert hat wie damals, als er noch der Vermittler zu Jahve war. Und so hat heute die Menschheit noch ein falsches Verhältnis zu Michael, und in einer charakteristischen Erscheinung kommt dieses falsche Verhältnis zu Michael zum Vorschein.
[ 14 ] Wir haben während der kriegerischen Jahre immer wiederum die Weltlüge vernommen: Freiheit den einzelnen, selbst den kleinsten Nationen. Diese Gesinnung, die eine lügenhafte ist, weil heute in dieser Michaelzeit nicht Menschen-Gruppen, sondern MerischenIndividualitäten es sind, worauf es ankommt, diese Lüge ist nichts anderes als die Bestrebung, jedes einzelne Volk nicht mit der neuen Michael-Kraft zu durchdringen, sondern mit der alten der vorchristlichen Zeit, mit der Michael-Kraft des Alten Testamentes zu durchdringen. So paradox es klingt, es besteht heute unter den Völkern der sogenannten zivilisierten Menschheit die Tendenz, dasjenige, was im alttestamentlichen Judenvolk berechtigt war, luziferisch umzubilden und zum innersten Wirkungsimpuls jedes einzelnen Volkes zu machen. Mit alttestamentlicher Gesinnung möchte man heute aufbauen Polenreiche, Amerikareiche, Franzosenreiche und so weiter. Dem Michael zu folgen bestrebt man sich so, wie es richtig war ihm zu folgen vor dem Mysterium von Golgatha, wo man finden sollte durch ihn den Jahve, einen Volksgott. Heute sollen wir durch ihn den Christus Jesus finden, den göttlichen Führer der ganzen Menschheit. Dann aber müssen wir Empfindungen und Vorstellungen suchen, die nichts zu tun haben mit irgendwelchen menschlichen Unterschieden auf der Erde; aber die können wir nicht an der Oberfläche suchen, die müssen wir suchen da, wo das MenschlichGeistige und Seelenhafte pulsiert, das heißt, wir müssen sie auf geisteswissenschaftlichem Wege suchen. Und so liegen die Dinge, daß man sich entschließen muß, auf geisteswissenschaftlichem Wege, das heißt auf michaelischem Wege den wirklichen Christus zu suchen, der nur gesucht und gefunden werden kann auf dem Boden geistigen Wahrheitsstrebens. Sonst sollte man lieber alle Weihnachtslichter auslöschen, alle Weihnachtsbäume ertöten und sich wenigstens wahrhaftig gestehen, daß man nicht irgendeine Erinnerung an dasjenige will, was der Christus Jesus in die Menschheitsentwickelung hineingebracht hat.
[ 15 ] Und so tönt uns durch die Memoiren der Gegenwartsmenschen vorchristliche, das heißt in unserer Zeit antichristliche Gesinnung, und wenn Menschen, die man für repräsentative hält, wie der Wilson in der Gegenwart sich kundgeben, so tönt durch solche vierzehn Punkte, wie er sie gegeben hat, rein alttestamentliche Gesinnung, die zur luziferischen Gesinnung in unserer Zeit wird. Woher kommt dieses? Was liegt da eigentlich vor?
[ 16 ] Wenn wir in der Zeitentwickelung der Menschheit zurückgehen vor das Mysterium von Golgatha, dann kommen wir dazu, in alten Zeiten der orientalischen Kulturentwickelung eine menschliche Persönlichkeit auf Erden zu finden innerhalb derjenigen Kultur, aus der die heutige chinesische Kultur geworden ist, eine menschliche Persönlichkeit, die die äußere menschliche Verkörperung Luzifers war, der dazumal wirklich als menschliche Verkörperung über den Erdboden gegangen ist, und der der Träger des menschlichen Lichtes war, das wir auf dem Boden der alten vorchristlichen Weisheit finden, mit Ausnahme des Judentums. Noch im Griechentum strömt durch das, was an Kunst, an Weltanschauung, an Staatsmannschaft im Griechentum wirkte, dasjenige durch, was ausgegangen ist von der Luzifer-Inkarnation Jahrtausende vor dem Mysterium von Golgatha.
[ 17 ] Wir müssen uns nur klar sein darüber, daß alles das, was wir heute menschlichen Verstand nennen, noch immer, solange wir ihn nicht spiritualisiert haben, ein Geschenk jenes Luzifer ist. Wir müssen nur nicht philiströs, bourgeoismäßig die Sektierergesinnung entwickeln: Luziferisches, das ist etwas Furchtbares, das muß man abstreifen. Will man es abstreifen, so fällt man ihm erst recht anheim; denn es ist eben einmal durch Jahrtausende der Menschheitsentwickelung notwendig geworden, das Erbe des verkörperten Luzifer anzutreten. Dann kam das Mysterium von Golgatha. Dann aber wird eine Zeit kommen, wo ebenso wie im Orient in einer irdischen Persönlichkeit sich Luzifer einstmals verkörpert hat, um gerade das Christentum vorzubereiten bei den Heiden, wo ebenso im Westen die irdische Verkörperung des wirklichen Ahriman auftreten wird. Dieser Zeit gehen wir entgegen. Objektiv wird Ahriman auf der Erde wandeln. So wahr als Luzifer gewandelt hat und Christus gewandelt hat objektiv in einem Menschen, wird Ahriman mit ungeheurer Macht zu irdischer Verstandeskraft auf der Erde wandeln. Wir Menschen haben nicht die Aufgabe, die Inkarnation des Ahriman etwa zu verhindern, aber wir haben die Aufgabe, die Menschheit so vorzubereiten, daß Ahriman in der richtigen Weise eingeschätzt wird. Denn Ahriman wird Aufgaben haben, er wird das eine und das andere tun müssen, aber die Menschen werden in der richtigen Weise dasjenige einschätzen und verwenden müssen, was durch Ahriman in die Welt kommt. Das werden sie nur können, wenn sie in der richtigen Weise sich einstellen können heute schon zu demjenigen, was jetzt schon Ahriman so von jenseitigen Welten aus auf die Erde sendet, daß er einmal wirtschaften kann auf der Erde, ohne daß er bemerkt wird. Das darf nicht sein. Ahriman darf nicht auf der Erde so wirtschaften, daß er nicht bemerkt wird; man muß ihn in seiner Eigentümlichkeit voll erkennen, man muß ihm mit vollem Bewußtsein sich entgegenstellen können.
[ 18 ] Nun werde ich Ihnen in den Tagen, in denen ich hier in Stuttgart vortragen werde, mancherlei von dem zeigen, was wohl zu beachten ist in der Entwickelung der Menschheit bis zur Ahriman-Inkarnation hin, damit diese, wenn sie kommt, richtig eingeschätzt wird. Heute will ich Sie nur auf eines aufmerksam machen: Ebenso schlimm wie die schlimmste materialistische Weltanschauung ist in dieser Beziehung manche Evangelien-Interpretation in der Gegenwart. Wenn heute einfach von den Vertretern. der sogenannten Religionsgesellschaften die Evangelien genommen werden wie sie sind, und wenn jede neue Offenbarung abgewiesen wird, so bedeutet eine solche Hingabe an die Evangelien, eine solche Art, das Christentum zu pflegen, die beste Art, sich im ahrimanischen Sinne auf die irdische Erscheinung des Ahriman vorzubereiten. Am intensivsten arbeiten Ahriman vor eine große Anzahl von Vertretern der heutigen sogenannten Bekenntnisse, indem sie unbeachtet lassen die Wahrheit: «Ich bin bei euch alle Tage bis an das Ende der Erdenzeiten», indem sie alles dasjenige als ketzerisch erklären, was aus der unmittelbaren Anschauung des gegenwärtigen Christus hervorgeht, und indem sie in bequemer Weise wortwörtlich, nur aber in ihrer Art wortwörtlich, an die Evangelien sich halten. Die Menschheit sollte durch eine Weisheit davor beschützt werden, in dieser Art sich an die Evangelien zu halten, indem die vier Evangelien rein äußerlich für die physische Verstandeskraft einander widersprechen. Und wer heute nicht vordringt zur geistigen Interpretation der Evangelien, der verbreitet eine lügenhafte Interpretation der Evangelien, denn er täuscht die Menschen hinweg über die äußeren Widersprüche, die in den vier Evangelien bestehen. Und die Menschen über ihre wichtigsten Angelegenheiten zu täuschen, das ist gerade dasjenige, was die Wege des Ahriman am allerbesten befördert.
[ 19 ] Die Menschen der Gegenwart haben es sehr notwendig, Christus mitten hineinzustellen zwischen Ahriman und Luzifer. ChristusKraft muß uns durchdringen. Aber wir müssen immer als Menschen das Gleichgewicht suchen zwischen demjenigen, was gewissermaßen schwärmerisch-mystisch über uns hinaus will, und dem, was uns materialistisch-verstandesmäßig, philiströs-schwer zur Erde herunterziehen will. In jedem Augenblick müssen wir das Gleichgewicht suchen zwischen demjenigen, wodurch wir luziferisch hinauferhoben werden und demjenigen, wodurch wir ahrimanisch hinunterstreben wollen, aber in dem Suchen dieses Gleichgewichtes liegt der Christus. Und wenn wir uns bestreben, dieses Gleichgewicht zu suchen, dann allein können wir den Christus finden.
[ 20 ] Durch eine sonderbare Fügung ist etwas sehr Merkwürdiges geschehen in der neueren Menschheitsentwickelung in jener Zeit, in der der Materialismus eingedrungen ist. Ich will nur hinweisen auf zwei Dokumente, auf Miltons «Verlorenes Paradies» und Klopstocks «Messias». Da werden die geistigen Welten so geschildert, als ob ein Paradies verlorengegangen und der Mensch daraus hinausgestoßen worden wäre. Sowohl Miltons «Verlorenes Paradies» wie Klopstocks «Messias» arbeiten mit einer Zweiheit in der Welt, mit dem Gegensatz des Guten und des Bösen, des Göttlichen und des Teuflischen. Sehen Sie, das ist aber der große Irrtum der neueren Zeit, daß man sich die Weltkultur vorstellt nach einer Zweiheit, während sie vorgestellt werden muß im Sinne einer Dreiheit. Das eine sind die hinaufstrebenden luziferischen Kräfte, die im Mystischen, Schwärmerischen, Phantasievollen, in der Ausartung aber auch im Phantastischen, an den Menschen herantreten, die im menschlichen Blut leben; das andere sind die ahrimanischen Kräfte, die in allem Trockenen, Schweren leben, im Knochensystem, physiologisch gesprochen; das Christliche steht in der Mitte zwischen beiden drinnen, das ist das dritte. Luziferisch ist das erste, ahrimanisch das zweite und in der Mitte zwischen beiden ist das Christliche.
[ 21 ] Was ist geschehen in der neueren Zeit? Etwas ist geschehen, auf das die Menschheit hinschauen sollte mit wahrhaftig spirituell-intellektueller Inbrunst, denn ehe sie dieses nicht versteht, wird sie nicht in richtiger Weise die Weihnachtswege finden. Wir lesen heute Milton, Klopstock, ihre Schilderungen von der übersinnlichen Welt; wie lesen wir sie? So lesen wir sie, daß überall luziferische Eigenschaften übertragen sind auf dasjenige, was man göttlich nennen will. Schildern wollen solche Menschen wie Klopstock und Milton den Kampf zwischen einem Luziferischen, das ihnen als das Göttliche erscheint, und dem Ahrimanischen. Und ein großer Teil desjenigen, was die neuere Menschheit als ihr Göttliches schildert, ist nur ein Luziferisches. Man erkennt es aber nicht in der richtigen Weise, ebensowenig wie das Ahrimanische. Das spielt noch herein in Goethes «Faust», wenn wir dem «Herrn» gegenübergestellt finden Mephistopheles; aber auch Goethe hat noch nicht trennen können das Ahrimanische vom Luziferischen. So ist sein Mephistopheles ein Durcheinandermischen geworden des Luzifer und des Ahriman. Ich habe schon darauf hingewiesen in meinem Büchlein «Goethes Geistesart». Man ist heute im rechten Sinne ein Goetheanist, wenn man nicht, wie etwa manche Akademiker und sonstige Leute der Gegenwart es tun, einfach das nachspricht, was aus Goethe wortwörtlich kommt, sondern wenn man sich den Weg bahnt so zu Goethe hin, daß man auch dasjenige einsehen kann, was bei ihm anders werden mußte, gerade wenn man seiner Weltanschauung folgt über das Jahr 1832 hinaus; wenn wir heute nicht von einem Goethe des Jahres 1832 sprechen, sondern von einem Goethe des Jahres 1919, nun schon bald 1920. Aber gefunden werden muß der Weg, sich ruhig einzugestehen, daß in demjenigen, was die materialistischen Jahrhunderte ihr Göttliches genannt haben, viel Luziferisches steckt, daß man vieles nehmen kann, wodurch heute die Menschen Religion verbreiten wollen, was nur als Worte auf den Flügeln des Luziferischen in die Menschheit hineinzieht. Erst dann, wenn die Menschen den Dualismus wieder erkennen werden von dem Luziferischen, das sie hinaufführen will, und dem Ahriimanischen, das sie unter sie hinunterführen will, zu dem wirklichen Christlichen, dann werden die Menschen im wahren Sinne wiederum stehen vor dem Weihnachts-Ereignis, vor jenem Ereignis, durch das erinnert werden soll, wie hereingezogen ist in die Menschheitsentwickelung dasjenige, was der Erde eigentlich Sinn gibt, einen wirklichen Sinn gibt.
[ 22 ] Heute muß man manchmal an Leonardo da Vinci denken. Leonardo da Vinci hat einstens ja in Mailand sein großes Bild gemalt, das Sie kennen, das heilige Abendmahl, den Christus mit seinen Aposteln rings herum. Er hat lange an diesem Bild gemalt, zwei Jahrzehnte. Er wollte vieles in dieses Bild hineinmalen. Er konnte nicht fertig werden, weil er immer wiederum den Ansatz machte, die Judas-Figur in der richtigen Weise zu malen. Nun war im Sinne der Stadtorganisation von Mailand der Abt jenes Klosters, für das das Bild gemalt wurde, sein unmittelbarer Vorgesetzter, und als ein neuer Abt kam, der nun nicht so mild war wie der alte, sondern schneidig, da ging er den Leonardo hart an und verlangte von ihm, daß das Bild nun endlich fertig werden solle. Nun sagte Leonardo, jetzt könne er es auch fertig machen, denn seit der neue Abt da sei, habe er ein Vorbild für den Judas. Dann hat er in kurzer Zeit jenes Judasgesicht hingemalt, das wir im Bilde sehen. Wie dem Leonardo am Ausgangspunkt der neueren Zeit das Judasgesicht gerade auf dem Boden des positiven Bekenntnisses erschienen ist, so haben wir schon heute vielfach Veranlassung, uns recht sehr in das Herz hinein und in die Seele zu schreiben, wie derjenige, an dessen Geburt wir uns erinnern an diesem heiligen Weihnachtsfeste, verraten wird am allermeisten von vielen derer, die angeben, ihm aus ihrem Bekenntnisse heraus die Feste zu bereiten. Wir wissen, auch dieses Weihnachtsfest, es gehört zu demjenigen, was die christliche Entwickelung aufgenommen hat. Erst im 3. und 4. Jahrhundert hat man begonnen, in diesen Dezembertagen die Geburt Christi zu feiern. Das Ereignis von Golgatha war schon Jahrhunderte dahin, da nahm die Anschauung, die sich hinwendete zu dem Ereignis von Golgatha, Neues auf, sogar so einschneidend Neues wie die Institution des Weihnachtsfestes dazumal. Und viel, viel später war es noch möglich, dem Christentum Neues einzupflanzen. Gekämpft werden mußte auch dazumal gegen viele derer, die sich damals echte Christen nannten. Aber heute sind zahlreiche solche an der Arbeit, die nicht verfahren wollen, wie ihr eigenes Bekenntnis verfahren ist, als es im 3., 4. Jahrhundert aufgenommen hat die Institution des Weihnachtsfestes, die starr nur bei demjenigen bleiben, von dem sie sagen, daß es geschrieben steht, die ablehnen jede lebendige Offenbarung. Schrecklich ist es in unserer Zeit mit den Schläfrigen, mit denjenigen, die oftmals mit ihrer unmoralischen Gesinnung dasjenige besudeln, was sich in das geistige Leben hereinfinden will, aber am schrecklichsten ist es mit denjenigen, die aus den Bekenntnissen heraus selbst den eigentlichen Geist der christlichen Entwickelung verraten.
[ 23 ] Das ist die ernste Stimmung, in die uns heute versetzen wollen die Lichter des Weihnachtsbaumes. Ich wollte auf diese Dinge heute hindeuten. Aus einem anderen Zusammenhang heraus will ich Ihnen das nächste Mal sprechen.
