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The Rudolf Steiner Archive

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Weltsilvester und Neujahrsgedanken
GA 195

28 Dezember 1919, Stuttgart

Dritter Vortrag

[ 1 ] Aus den Betrachtungen, die wir hier schon seit längerer Zeit anstellen, insbesondere aber auch aus den Betrachtungen dieser Tage sollte hervorgehen, wie sehr notwendig für die weitere Kulturentwickelung der Menschheit es ist, daß ein Einlaufen dessen, was man nennen kann die Erkenntnis der Initiation, in diese menschliche Kulturentwickelung stattfindet. Man muß heute schon ganz ohne Vorbehalt sagen: Die Rettung der Menschheit von einer nach abwärts gehenden Entwickelungsbahn liegt lediglich in der Hinwendung dieser Menschheit zu einer Offenbarung, die hervorgeht aus demjenigen, was nur erschaut werden kann durch geistige Erkenntnis. Mögen von dieser oder jener Seite her noch soviel gefühlsmäßige oder logische Einwände gemacht werden, möge gesagt werden, daß es für unsere Zeit schwierig sein wird, daß größere Kreise solche Erkenntnisse annehmen, die zunächst doch nur hervorgehen können von einzelnen wenigen, die sich bis zu einem hohen Grade in die Möglichkeit versetzen, in die geistige Welt hineinzuschauen: das alles, was an solchen Einwendungen sogar scheinbar berechtigterweise kommen kann, will ja gar nichts besagen gegenüber der laut sprechenden Tatsache, daß ohne Annahme dessen, was hier anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft benannt wird, die Kultur der Menschheit in den Abgrund versinken muß, die Erdenarbeit Mächten zufallen muß, die ihre Weiterentwickelung im Weltall nicht mit der Menschheit verknüpfen werden. Es wird nicht anders gehen, als daß, wenn der Menschheit nach dieser Richtung Heil widerfahren soll, eine genügend große Anzahl von Menschen sich durchdringt mit dem, was eben versucht worden ist zu sagen. Denn nur, wer nicht will, wer durchaus nicht will hinschauen auf dasjenige, was jetzt als Ergebnis der letzten katastrophalen Jahre in der ganzen Welt geschieht, nur der kann seine Augen davor verschließen, daß wir im Beginne des Zerstörungsprozesses sind, daß aus diesem Zerstörungsprozesse auch nur herausführen kann ein Neues. Was man auch immer sucht innerhalb des Zerstörungsprozesses selbst, das wird ja niemals etwas anderes werden können als selbst eine Kraft der Zerstörung. Eine Kraft des Neuaufbaues kann nur dasjenige werden, was wirklich jetzt schöpfen wird aus Quellen, die nicht der bisherigen Erdenentwickelung angehören.

[ 2 ] Nun bestehen aber für das Hereinkommen der Ergebnisse solcher Quellen ganz bedeutsame Schwierigkeiten. Es wird ja oftmals davon gesprochen, daß die Wissenschaft der Initiation nicht ohne weiteres, nicht vorbehaltlos an die Menschheit herangebracht werden könne, weil eine gewisse Art des Entgegennehmens notwendig ist für diese Wissenschaft der Initiation. Sehen Sie, das wird ja immer wieder und wiederum angehört; aber gerade gegen das wird auch immer wieder gesündigt insoferne, als ja — nehmen wir nur ein sehr einfaches Beispiel — zu den allerersten, primitivsten Anforderungen bezüglich der Entgegennahme der Wissenschaft der Initiation die gehört, daß jene Menschen, die sie annehmen, versuchen müssen von sich abzustreifen, was man zum Beispiel Ehrgeiz nennt, namentlich wenn er sich äußert als eine Beurteilung der eigenen Persönlichkeit im Verhältnis zu anderen Persönlichkeiten. Nun ist ja leicht zu sehen, daß gerade in dem, was wir Anthroposophische Gesellschaft nennen was würde es da nützen, wenn solche Dinge nicht gesagt würden? —, immer wieder zugegeben wird: «So etwas ist richtig», daß aber gerade die fatalsten Dinge innerhalb einer solchen Bewegung wie es die anthroposophische ist, bestehen, daß gerade in ihr gegenseitige Rankünen, das gegenseitige Sich-Beneiden wachsen. Auf diese Erscheinung will ich nur hinweisen. Denn ich muß heute von den anderen größeren Schwierigkeiten des Einlaufens der InitiationsWissenschaft in die Erdenkultur sprechen.

[ 3 ] Sehen Sie, zum ersten, was da der Menschheit in umfassender Weise wird gezeigt werden müssen, gehört, was man nennen könnte das Mysterium des menschlichen Willens. Dieses Mysterium des menschlichen Willens hat sich insbesondere seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, seit dem Heraufkommen des fünften nachatlantischen Zeitraumes, vor der neueren Kulturmenschheit verhüllt. Man kann sagen: Von dem Willen weiß die neue Menschheits-Weltanschauung das allerwenigste. Wir haben es ja oftmals charakterisiert: Der einzelne Mensch erlebt ja nie wachend das eigentliche Wesen seines Willens. Er erlebt wachend das Wesen seines Vorstellens, träumend das Wesen seines Fühlens, aber er schläft, auch wenn er wachend ist, partiell in bezug auf seinen Willen. Wir gehen als sogenannte wachende Menschen durch die Welt, sind aber nur wach für die Vorstellungen, halbwach, träumend für das Fühlen und sind vollständig schlafend für das Wollen. Täuschen wir uns nicht darüber. Wir haben Vorstellungen davon, was wir wollen; aber nur wenn der Wille zum Vorstellen wird, sich abbildet zur Intelligenz, erleben wir ihn wachend. Was da in den Tiefen des menschlichen Wesens vor sich geht, wenn der Mensch auch nur eine Hand erhebt, das heißt seinen Willen in Bewegung setzt, davon weiß der normale Mensch von heute gar nichts. Das heißt, das Mysterium des Willens ist dem neueren Menschen geradezu vollständig unbekannt, und das hängt eigentlich damit zusammen, daß unsere ganze neuere Kultur, insbesondere diejenige, die seit dem 15. Jahrhundert Platz gegriffen hat, eine intellektualistische ist, eine Verstandeskultur, denn auch die naturwissenschaftliche Kultur ist eine Verstandeskultur. In alles das, was wir durch den Intellekt fassen, durch den Verstand betreiben, spielt der Wille am allerwenigsten hinein. Wenn wir denken, wenn wir vorstellen, so spielt natürlich auch in unser Vorstellen der Wille hinein, aber in einem sehr, sehr verfeinerten Zustande. Der Mensch bemerkt nicht, wie der Wille pulsiert in seinem Vorstellen und wie sonst der Wille wirkt in seinem Wesen; das weiß er eben nicht. Es ist gewissermaßen durch die ausschließlich intellektualistische Kultur der neueren Zeit gerade das Mysterium des Willens für die Menschen dieser neueren Zeit völlig verdeckt. Wenn man nun mit jenen Mitteln der Geisteswissenschaft, von denen ich Ihnen hier oft gesprochen habe, herangeht an die Untersuchung des Willens, das heißt wenn man versucht, mit Hilfe von Imagination und Inspiration rege zu machen diejenigen Kräfte, die hineinschauen können in das Getriebe, das entsteht, wenn der Mensch will, dann merkt man, daß in unserem physischen Leben zwischen Geburt und Tod das Wollen wesentlich gebunden ist nicht an Aufbauprozesse, sondern an Zerstörungsprozesse. Wir haben das oft auseinandergesetzt. Würden in unserem Gehirne nur vor sich gehen aufbauende Prozesse, würde da nur das vor sich gehen, was zum Beispiel zunächst die von den Lebenskräften aufgenommene Ernährung bewirkt, so würden wir ein Seelen- und Geistesleben durch das Werkzeug unserer Nerven, unseres Gehirnes nicht entwickeln können; nur dadurch, daß fortwährend in unserem Gehirn abgebaut wird, daß fortwährend Zerstörungsprozesse da sind, greift Platz in dem sich Zerstörenden das Seelische und Geistige. Darinnen aber wirkt gerade der Wille. Der Wille des Menschen ist im wesentlichen etwas, was während unseres physischen Lebens schon teilweise für den Tod des Menschen wirkt. In bezug auf unsere Kopforganisation sterben wir fortwährend; in jedem Augenblick sterben wir. Nur dadurch, daß von unserer übrigen Organisation entgegengearbeitet wird diesem fortwährenden Kopfsterben, dadurch leben wir. Tätig aber ist vor allen Dingen in diesem Kopfsterben der Wille. In unserem Haupte findet fortwährend schon dasselbe statt, was, abgesehen von uns, objektiv in der Welt draußen vorgeht, wenn wir durch den physischen Tod gegangen sind.

[ 4 ] Unser Leichnam geht uns ja, insofern wir Menschenindividualitäten sind und in die seelisch-geistigen Welten durch die Pforte des Todes eintreten, eigentlich nichts an; aber das Weltall geht er sehr viel an, dieser Leichnam; denn dieser Leichnam wird auf irgendeine Weise — es kommt auf diese jetzt nicht an, durch Verbrennung oder Beerdigung — den Elementen der Erde überliefert; da setzt er in seiner Art dasselbe fort, was unser menschlicher Wille partiell in unserem Nervensystem, in unserem Sinnensystem tut während des Lebens zwischen Geburt und Tod. Wir stellen vor, wir denken dadurch, daß unser Wille in uns etwas zerstört. Wir übergeben unseren Leichnam der Erde und mit Hilfe des sich auflösenden Leichnams, der nur denselben Prozeß fortsetzt, den wir partiell im Leben ausführen, «denkt und stellt vor» die ganze Erde. Dasjenige — ich habe es von anderen Gesichtspunkten aus Ihnen einmal in früheren Monaten charakterisiert —, was in der Erde sich fortwährend abspielt durch die Wechselwirkung zwischen dem ursprünglich Irdischen und dem, was in der Erde stattfindet durch die Vereinigung mit den abgestorbenen menschlichen Leibern, das ist eine Tätigkeit, die ganz gleich ist der Art nach derjenigen Willenstätigkeit, die in uns fortwährend unbewußt ausgeübt wird, indem abgebaut, zerstört wird, leichenhaft gearbeitet wird zwischen Geburt und Tod in unserem Nerven- und Sinnessystem. Zwischen Geburt und Tod arbeitet durch die Zerstörung, indem er sich mit unserem Ich verbindet, derselbe Wille innerhalb der Grenzen unserer Haut, der da arbeitet kosmisch durch unseren Leichnam nach unserem Tode im Denken und Vorstellen der ganzen Erde, wenn wir eben diesen Leichnam der Erde übergeben haben. So sind wir kosmisch verbunden mit dem, was man den seelisch-geistigen Prozeß des ganzen Erdenseins nennen könnte. Diese Vorstellung ist eine schwerwiegende; denn diese Vorstellung ordnet den Menschen konkret ein in das Kosmische unseres Erdendaseins. Das zeigt, wie verwandt der menschliche Wille ist mit demjenigen, was Todeskräfte in unserem Erdendasein bewirken; es zeigt die Verwandtschaft des menschlichen Willens mit der Art und Weise, wie der allgemeine Weltenwille wirkt innerhalb des Erdendaseins in der Zerstörung, im Herbeiführen der Todesverhältnisse.

[ 5 ] Aber ebenso wie unsere Fortentwickelung in der geistigen Welt, nachdem wir durch die Todespforte geschritten sind, davon abhängt, daß wir unseren Leichnam nicht mehr haben, daß wir nicht mehr mit diesen Kräften arbeiten, sondern mit anderen, ebenso hängt die gedeihliche Weiterentwickelung der ganzen Erde davon ab, ob sich die Menschheit dieser Erde mit etwas verbindet, was nun nicht diese Todeskräfte sind, sich mit etwas verbindet, was Lebekräfte sind, die nach anderer Richtung hin sich entwickeln als diese Todeskräfte. Dies innerhalb der heutigen, von persönlichen Intentionen und Empfindungen erfüllten Menschheit auszusprechen, ist schon etwas, was eigentlich bitter ist; denn es wird der Ernst einer solchen Wahrheit heute nur in sehr eingeschränktem Maße empfunden. Die Menschheit hat ja verlernt, die großen Wahrheiten mit dem schweren Ernst zu nehmen, mit dem sie genommen werden müssen. Aber es muß trotzdem noch weiter gefragt werden: Wie hängt denn nun dasjenige, was im menschlichen Willen liegt, so wie ich es geschildert habe, mit den Zerstörungsvorgängen der äußeren Natur eigentlich zusammen? Wie hängt das, was ich im menschlichen Willen als seinen eigentlichen Charakter geschildert habe, mit den Zerstörungsvorgängen der äußeren Natur zusammen? Sehen Sie, hier ist es, wo vor dem neueren Menschen, man möchte sagen, die größte Illusion steht. Was tut denn eigentlich der neuere Mensch, wenn er auf die Natur hinschaut? Ja, er sagt: Da ist ein Naturvorgang, der spielt sich ab. Vor ihm hat sich ein anderer abgespielt, der ist seine Ursache; vor diesem wieder ein anderer, der ist wieder seine Ursache. Und so findet der moderne Mensch eine Kette von Ursachen und Wirkungen in der Natur und ist sehr stolz darauf, wenn er in diesem Sinne, wie er sagt, am Leitfaden der Kausalität die äußere Welt begreift. Was kommt dabei zustande? Ja, fragen Sie aufs Gewissen hin einen heutigen Geologen, Physiker, Chemiker oder irgendeinen anderen rechtgläubigen Naturforscher — er wird ja oftmals davor Scheu tragen, die letzte Konsequenz seiner Weltanschauung zu ziehen —, aber fragen Sie ihn, ob er sich nicht vorstellen müsse, daß die Erde, wie sie ist als Erde — oder Steine, Pflanzen und viele Tiere auch — sich gerade so entwickelt hätten, wie sie sich entwickelt haben, wenn der Mensch gar nicht dabei wäre, wären keine Häuser, keine Maschinen, keine Luftschiffe gebaut worden sein von den Büffeln, Stieren und so weiter; aber alles übrige, was man heute nicht als Menschenwerk empfindet, das wäre da gewesen von Anfang bis zum Ende, wenn der Mensch auch nicht da gewesen wäre, denn innerhalb der äußeren Natur besteht eine Kette von Ursachen und Wirkungen. Das Spätere ist die Folge des Vorhergehenden und eigentlich ist der Mensch beim Sich-Bilden der Kette gar nicht dabei gewesen, nach der Anschauung der heutigen Zeit! Diese Anschauung, die hat ganz genau denselben Fehler in sich wie das Folgende: Denken Sie, ich schreibe auf die Tafel irgendeinen Satz, etwa: «Stuttgart ist eine Stadt». Jetzt kommt jemand über diesen Satz und sagt: Ich untersuche wissenschaftlich dasjenige, was ich hier auf die Tafel geschrieben finde. Da habe ich, indem ich von hinten anfange, zuerst das t. Das geht hervor aus dem d. Dann nehme ich das d, das geht hervor aus dem vorhergehenden a, das a aus dem vorhergehenden t, das t aus dem vorhergehenden s. Jedesmal habe ich die Wirkung der vorhergehenden Ursache. Das t ist die Wirkung des d, das d ist die Wirkung des a, und so weiter. Sie sehen, es ist ein Unsinn. Jeder Buchstabe entsteht nur dadurch, daß ich ihn hingeschrieben habe, und nicht etwa hat der vorhergehende Buchstabe den nachfolgenden erzeugt. Es ist ein völliger Unsinn, zu sagen: der vorhergehende Buchstabe ist die Ursache des nachfolgenden, der vorhergehende erzeugt den nachfolgenden. Eine eingehende, vorurteilslose Untersuchung des Wesens der Naturvorgänge überzeugt uns von dem gleichen. Wir sagen, indem wir uns der großen Illusion der neueren Wissenschaft hingeben: Die Wirkungen sind die Folgen ihrer Ursachen. So ist es nicht. Die wirklichen Ursachen müssen wir da wo anders suchen, geradeso wie wir die Ursache für die Aufeinanderfolge der Buchstaben in unserm Verstande suchen müssen. Und wo liegen die Ursachen für das äußere Naturgeschehen im Großen? Das läßt sich ja nur durch die geistige Anschauung entscheiden. Diese Ursachen liegen in der Menschheit. Wissen Sie, wo Sie hinblicken müssen, wenn Sie die wirklichen Ursachen für den Naturlauf der Erde einsehen wollen? Sie müssen untersuchen, wie der menschliche Wille, dem heutigen Bewußtsein nach tief unterbewußt, im Schwerpunkt des Menschen, das ist im menschlichen Unterleibe, zentriert ist. Im menschlichen Kopfe ist ja nur ein Teil des Willens tätig; in dem anderen Organismus des Menschen ist der Hauptteil des Willens zentriert. Und von dem, wie der Mensch in bezug auf diesen seinen unterbewußten Willen ist, hängt das ab, was als äußerer Naturlauf ins Dasein tritt. Wir konnten biisher nur einen signifikanten Fall für diesen Naturverlauf anführen; aber es ist der ganze Naturverlauf so.

[ 6 ] Ich habe Sie öfter darauf aufmerksam gemacht, daß während der atlantischen Zeit sich der Mensch einer Art schwarzen Magie hingegeben hat. Die Folge davon war dann die Vereisung der zivilisierten Welt. So aber ist im umfassendsten Sinne in Wirklichkeit alles das, was der Naturverlauf ist, die Folge der Willenstätigkeit nicht des einzelnen Menschen, sondern dessen, was in der Menschheit zusammenwirkt bei verschiedenen Willenskräften, die aus den menschlichen Schwerpunkten kommen. Wenn ein entsprechend entwickeltes Wesen, sagen wir, vom Mars oder Merkur aus die Erde studieren würde, ihren Verlauf studieren würde, also verstehen wollte, wie da der Naturverlauf vor sich geht, so würde dieses Wesen die Natur nicht so beschreiben, wie sie der Mensch beschreibt, wenn er gelehrt sein will, sondern solch ein Wesen würde die Erde überschauen und würde sagen: Da ist die Erde unten, da sind viele Punkte, in diesen Punkten sind die Kräfte zentriert, die den Naturverlauf bewirken. Aber diese Punkte würden für ihn nicht draußen in der Natur liegen, sondern immer in den Menschen drinnen. Derjenige, der von außen schauen würde, würde spüren, daß er auf das Innere der Menschheit schauen muß, wenn er die Ursachen suchen wollte für das, was im Naturverlauf geschieht. Diese Einsicht des Zusammenhangs des menschlichen Willens mit dem Naturverlauf im Großen natürlich, die Täuschung kann entstehen, wenn wir den Naturverlauf nur soweit betrachten, wie unsere Nase reicht, da allerdings zeigt sich nicht der Zusammenhang —, diese Einsicht von dem Zusammenhang der Willenswirkungen, der Willensrichtung der Menschheit mit dem Naturverlauf, die wird ein Bestandteil werden müssen künftiger Naturwissenschaft für die Menschheit. Mit einer solchen Naturwissenschaft wird sich der Mensch in einer ganz anderen Weise verantwortlich fühlen für das, was er ist, als er sich heute gemeiniglich verantwortlich fühlt. Der Mensch wird aus einem Erdenbürger ein kosmischer Bürger. Der Mensch wird das Weltenall als zu sich gehörig betrachten lernen.

[ 7 ] Aber bedenken Sie, daß ja sofort, wenn man auf solche Dinge aufmerksam macht, das Wissen von diesen Dingen in uns Platz greift. Dieses Wissen wirkt nicht so schattenhaft wie unser intellektualistisches Wissen, sondern es ist viel mehr den Realitäten entnommen, daher wirkt es auch viel realer. Und da es viel realer wirkt als das schattenhafte Wissen der neueren Menschheit, so ist eben notwendig, daß der Mensch ernst nehme, was ihm durch dieses Wissen eröffnet wird. Man kann nicht auf der einen Seite ein Weltenbürger in dem eben geschilderten Sinne werden und auf der anderen Seite der alte Philister bleiben, den die letzten Jahrhunderte seit der Mitte des 15. Jahrhunderts in der neueren Menschheit herangebildet haben. Man kann nicht auf der einen Seite sich bewußt eingliedern wollen in die Vorgänge des Kosmos und auf der anderen Seite seinen Nebenmenschen ebenso verklatschen, wie im Bourgeoiszeitalter seit der Mitte des 15. Jahrhunderts bei jedem Kaffeeklatsch. Es ist notwendig, daß zu gleicher Zeit ein anderes Ethos, andere sittliche Impulse durch die Menschheit wallen, wenn ernsthaft einziehen soll die Wissenschaft der Initiation. Für heute wirkt insbesondere hemmend auf das Einziehen dieser Wissenschaft der Initiation alles das, was in unrichtiger Weise vorbereitet das, was ich nennen möchte: das Erscheinen des Ahriman auf unserer Erde. Ich habe letzthin, um Ihnen ein wenig die richtige Feststimmung der diesjährigen Weihnacht zu charakterisieren, auf diese Tatsache schon hingewiesen; ich will nur kurz wiederholen.

[ 8 ] Wenn wir zurückgehen in der Erdenentwickelung, so finden wir vor unserer neueren materialistischen Kultur die griechisch-lateinische Kultur bis zurück ins 8. vorchristliche Jahrhundert. Wir sehen dann auftauchen ein paar Jahrhunderte nach dem Beginne dieser griechisch-lateinischen Zeit, was man nennen möchte: das in Griechenland schon filtrierte, alte Weisheitsleben der Vorzeit. Nietzsche hat in dieser Beziehung merkwürdig, wenn auch krankhaft, empfunden. Er fühlte sich von Anfang seines geistigen Wirkens an als ein Gegner des Sokrates, und er wurde nicht müde, immer wieder und wiederum von der größeren Wertigkeit der vorsokratischen griechischen Kultur gegenüber der sokratischen und nach sokratischen zu sprechen. Ich will auf diese Sache nicht anders eingehen, als indem ich Ihnen sage: Allerdings ist es wahr, daß mit Sokrates auf der einen Seite ein großes Zeitalter der Menschheit angebrochen ist, das seine Kulmination gefunden hat im Übergang des 14. und 15. Jahrhunderts, daß aber dieses Zeitalter des Sokrates heute abgelaufen ist, richtig abgelaufen ist: denn das sokratische Zeitalter ist dasjenige, welches aus der früheren impulsiven Weisheit herausgenommen hat die bloße Logik, die bloße Dialektik. Dieses Herausnehmen der bloßen Logik, der bloßen Dialektik aus der alten hellseherischen Weisheit, das ist das Charakteristikum unserer abendländischen Kultur. Das hat auch dem Christentum sein Gepräge aufgedrückt; denn auch die Theologie des Abendlandes ist eine dialektische. Aber was als Dialektik, als bis zur Abstraktion filtrierte Geistigkeit in Griechenland aufgeht, geht eben zurück bis zu den Mysterien des Orients, und bei diesen Mysterien waren auch diejenigen, die eine Kultur begründet haben, welche dann zur chinesischen Kultur geworden ist, innerhalb derer sich inkarniert hat die Gestalt des Luzifer. Das darf man sich nicht verhehlen, daß Luzifer selber einmal in einem Leibe war, wie der Christus während der Zeit des Mysteriums von Golgatha in einem Leibe auf der Erde herumgewandelt ist. Aber man verkennt in philiströser Weise diese luziferische Inkarnation, wenn man wie eine Art Rührmichnichtan alles betrachten will, was von Luzifer ausgegangen ist. Von Luzifer ist ausgegangen zum Beispiel auch die Höhe der griechischen Kultur selber, die eigentliche alte Kunst, der Kunstimpuls der Menschheit, so wie wir selber ihn noch immer eigentlich betrachten. Nur ist das alles in Europa bis zur Phrase, bis zur Inhaltslosigkeit erstarrt. Und luziferische Weisheit war es, durch die zuerst das Christentum in Europa begriffen worden ist. Das ist das Bedeutsame, daß in der griechischen Weisheit, die sich herausgebildet hat als Gnosis, um das Mysterium von Golgatha zu begreifen, die alte luziferische Weisheit mitgewirkt hat, der alten Gnosis die Gestaltung gegeben hat. Es ist für die damalige Zeit der größte Sieg des Christentums gewesen, daß die Tatsache des Mysteriums von Golgatha sich gekleidet hat in das, was Luzifer der Erdenentwickelung gegeben hat. Aber während die Luzifer-Kultur, die also durch die reale Inkarnation des Luzifer der Menschheit übergeben worden ist, abflutet, flutet auf nach und nach, was die künftige Inkarnation des Ahriman auf der westlichen Erde vorbereitet. Es wird sich einfach, wenn die Zeit dazu reif ist — und sie bereitet sich dazu vor — in der westlichen Welt Ahriman in einem menschlichen Leibe inkarnieren. Diese Tatsache muß ebenso kommen, wie die anderen da waren, daß sich Luzifer inkarniert hat und daß sich Christus inkarniert hat. Diese Tatsache ist der Erdenentwickelung vorgeschrieben. Worauf es ankommt, ist nur: diese Tatsache so ins Auge zu fassen, daß man sich richtig auf sie vorbereitet; denn Ahriman wirkt nicht etwa dann erst, wenn er in einem Menschen auf der Erde erscheinen wird, sondern er bereitet jetzt von den übersinnlichen Welten aus sein Erscheinen vor. Er arbeitet schon hinein in die Menschheitsentwickelung; er sucht sich von jenseits her seine Werkzeuge, durch die er sich vorbereitet, was da kommen soll.

[ 9 ] Nun ist ein wesentliches Mittel für die günstige Wirkung dessen, was Ahriman der Menschheit bringen sollte — er wird ebenso Günstiges bringen wie Luzifer —, daß die Menschheit sich in der richtigen Weise dazu stellt. Das, worauf es ankommt, ist, daß die Menschheit nicht das Erscheinen des Ahriman verschläft. Wenn einstmals in der westlichen Welt der inkarnierte Ahriman auftritt, so wird man in den Gemeindebüchern verzeichnen: John William Smith ist geboren — es wird dies natürlich nicht der Name sein — und man wird ihn als einen behäbigen Bürger wie andere Bürger ansehen und wird verschlafen, was da eigentlich geschieht. Unsere Universitätsprofessoren werden ganz gewiß nicht dafür sorgen, daß man das nicht verschläft. Für sie wird das, was da erscheinen wird, der John William Smith sein. Aber darauf kommt es an, daß in dem ahrimanischen Zeitalter die Menschen wissen, daß es sich hier nur äußerlich um den John William Smith handeln wird, daß innerlich aber Ahriman vorhanden ist, daß man sich über das, was geschieht, keiner Täuschung hingibt in schläfriger Illusion. Ja man darf sich schon jetzt keiner Täuschung hingeben, daß sich diese Dinge vorbereiten. Unter den wichtigsten Mitteln, die Ahriman hat, um von dem Jenseits hereinzuwirken, ist das, das abstrakte Denken der Menschheit zu fördern. Und weil dieses abstrakte Denken heute so beliebt ist, arbeitet man in ahrimanisch günstigem Sinne der Erscheinung des Ahriman gut vor. Nichts würde die Tatsache besser vorbereiten, daß Ahriman die ganze Erde fischt für seine Entwickelung, als wenn man das abstrakte und abstrahierende Leben, das heute schon sogar in das soziale Leben eingezogen ist, fortsetzt. Das ist eine der Finten, einer der Witze, durch die Ahriman in seinem Sinne seine Herrschaft auf der Erde vorbereitet. Statt daß man den Menschen heute aus der vollen Erfahrung heraus zeigt, was zu geschehen hat, redet man dieser Menschheit von allgemeinen Theorien, auch von sozialen Theorien. Diejenigen, die von Theorien reden, finden gerade das Erfahrungsgemäße abstrakt, weil sie keine Ahnung vom Leben haben. Das alles ist Vorbereitung in ahrimanischem Sinne.

[ 10 ] Aber es gibt noch eine andere Art der Vorbereitung für Ahriman, und diese kann geschehen — und auch das ist etwas, was heute nun schon bekannt werden muß — durch eine irrtümliche Auffassung der Evangelien. Sie wissen ja, daß es heute zahlreiche Menschen, insbesondere unter den offiziellen Vertretern dieser oder jener Bekenntnisse gibt, die alles das in Grund und Boden bekämpfen, was gerade aus der Wissenschaft der Initiation heraus für eine neue ChristusErkenntnis unter uns auftritt. Solche Menschen, wenn sie nicht bloß einem Rationalismus huldigen, nehmen noch die Evangelien an; aber was wissen im Grunde genommen diese Menschen von der eigentlichen Natur der Evangelien? Menschen dieser Art sind es ja gerade gewesen, welche die äußerliche weltliche, historisch-wissenschaftliche Methode auf die Evangelien im 19. Jahrhundert angewendet haben. Und was ist denn geworden aus diesen Evangelien unter der wissenschaftlichen Methode des 19. Jahrhunderts? Es ist aus den Evangelien ja nichts anderes geworden, als daß diese Evangelienauffassung allmählich vermaterialisiert worden ist. Das erste, worauf man aufmerksam wurde, waren die Widersprüche der vier Evangelien untereinander. Und von der Wahrnehmung dieser Widersprüche ist dann eigentlich der Rutsch nach abwärts gegangen bis zur Schmiedelei; denn schließlich, was ist denn in der Evangelienforschung alles das, was von dem Basler Schmiedel — ich meine nicht unseren Dr. Schmiedel, sondern den Theologen, den Prof. Schmiedel —, was von dem kommt? Was ist dies anderes als, ich möchte sagen, das Aus-den-Angeln-Heben der Evangelien. Was sucht denn der gute Schmiedel in den Evangelien? Er sucht zu beweisen, daß sie nicht bloß Phantasieprodukte sind, hervorgegangen, um den Christus Jesus nur zu verherrlichen, und kommt da zu einer beschränkten Anzahl von Punkten, den berühmten Schmiedelschen Hauptpunkten, in denen auch Ungünstiges über den Christus gesagt worden ist. Die, meint er, wären weggeblieben, wenn die Evangelien nur zur Glorifizierung des Jesus geschrieben wären. Also man hat schließlich schon das Gefühl, er läßt sich auf alles das ein, wo dem Christus Jesus etwas aufgemutzt wird, um schließlich noch ein Zipfelchen von der weltlichen Wissenschaft zu retten für die Evangelien. Auch dieses Zipfelchen wird weichen; man wird aus der weltlichen Wissenschaft nichts gewinnen, was in dem Sinne, wie es die Herren wollen, die Echtheit der Evangelien wird beweisen können. Um sich zu diesen Evangelien richtig zu verhalten, wird man wissen müssen, warum die Evangelien entstanden sind, das heißt, man wird wissen müssen, was die Evangelien eigentlich wollen. Das wird man nur erkennen, wenn man sich wirklich mit dem befruchtet, was aus der Geisteswissenschaft kommen kann.

[ 11 ] Vertieft man sich aber in die Evangelien, nimmt man ihren Inhalt und ihre Kräfte auf, dann kommt man dazu, aus ihnen heraus einen Seeleninhalt zu gewinnen. Keine äußere historische Wissenschaft wird einem die Evangelien enträtseln; aber man kann sich in die Evangelien vertiefen, dann bekommt man einen Seeleninhalt. Dieser Seeleninhalt ist eine große Halluzination, allerdings eine verfeinerte Halluzination, die Halluzination des Mysteriums von Golgatha. Das Höchste, was zu gewinnen ist aus den Evangelien, ist die Halluzination des Mysteriums von Golgatha, nicht mehr und nicht weniger. Sehen Sie, dieses Geheimnis kennt gerade die neuere katholische Kirche. Daher will sie nicht, daß letzten Endes die Evangelien erkannt werden von den Laien, denn sie fürchtet, daß man darauf kommen würde, daß man durch die Evangelien nicht eine historische Kunde von dem Christus-Mysterium haben kann, sondern nur eine Halluzination dieses Mysteriums von Golgatha, ich könnte auch sagen: eine Imagination; denn die Halluzination ist so verfeinert, daß sie eine wirkliche Imagination ist. Aber mehr als eine Imagination ist durch den Evangelieninhalt selber nicht zu gewinnen.

[ 12 ] Welches ist der Weg von der Imagination zu der Wirklichkeit? Der Weg wird eben durch die Geisteswissenschaft erschlossen, nicht durch das, was außerhalb der Geisteswissenschaft steht, sondern durch die Geisteswissenschaft allein. Das heißt, es muß die Imagination der Evangelien durch die Geisteswissenschaft zur Realität erhoben werden. Es liegt im äußersten Interesse Ahrimans, sich seine Inkarnation so vorzubereiten, daß die Menschen diesen Weg von der Imagination in den Evangelien durch die Geisteswissenschaft zur Wirklichkeit des Mysteriums von Golgatha nicht machen. Geradeso wie Ahriman das größte Interesse daran hat, den Sinn für die Abstraktion zu erhalten, so hat er auch das größte Interesse daran, daß die Menschheit immer mehr und mehr jene Frömmigkeit ausbilde, die bloß auf die Evangelien bauen will. Wenn Sie das bedenken, so werden Sie einsehen, daß ein großer Teil der heute bestehenden Bekenntnisse die Vorarbeit Ahrimans für seine Zwecke in diesem Erdendasein ist. Wodurch könnte man dem Ahriman zum Beispiel mehr dienen, als wenn man sich entschlösse, eine äußere Macht, die man hat, dazu auszunützen, daß man denen, die an diese Macht glauben, die sich dieser Macht unterwerfen, befiehlt, sie sollen die anthroposophische Literatur nicht lesen! Man könnte ja Ahriman keinen größeren Dienst leisten, als herbeizuführen, daß eine Anzahl von Menschen die anthroposophische Literatur nicht liest. Die Menschen, die sich dazu entschlossen haben, diesen anthroposophischen Weg zu gehen, müssen sich mit diesen Dingen bekanntmachen. Es können eben gewisse Tatsachen heute nicht anders als rückhaltlos im Lichte der Wahrheit dargestellt werden.

[ 13 ] Es muß eingesehen werden, daß der Gang der Weltentwickelung von Luzifers Inkarnation vor Jahrtausenden vorüber an dem Mysterium von Golgatha, das immer noch weiter wirken soll, gegen die in gar nicht ferner Zeit stattfindende Inkarnation Ahrimans zugeht. Diese muß sich der Entwickelung in den Weg stellen, damit sich die Kräfte, die durch den Christus-Impuls aufgenommen wurden, am Widerstand erhärten. Durch einen verschleierten Evangelienkult und durch Abstraktion wird man Ahriman auf den Weg helfen. Es haben heute viele Menschen ein inneres Bequemlichkeitsinteresse daran, sich zu verschließen vor diesen ernsten Tatsachen. Die Anthroposophen sollten dieses Interesse nicht haben; sie sollten vielmehr einen gewissen Impetus entwickeln, soviel wie möglich zu tun, damit die Geisteswissenschaft unter die Menschheit verbreitet werde. Es ist etwas ganz Falsches, wenn immer wiederum geglaubt wird, man müsse sich mit solchen Leuten wie Traub verständigen. Es ist unsinnig, zu glauben, man könne sich mit solchen Leuten verständigen; denn die wollen es nicht. Worauf es ankommt, ist, die übrige Menschheit aufzuklären über diese Menschen. Man hat zu der übrigen Menschheit über diese Menschen zu sprechen. Damit sie sich mit uns verständigen können, dazu ist ja wahrhaftig alles geschehen. Sie brauchten nur vorurteilslos zu lesen, was da ist, sich in das zu vertiefen, was da ist. Man muß strenge unterscheiden zwischen der Charakteristik solcher Schädlinge der Fortentwickelung der Menschheit und den anderen Menschen, vor die man hintreten und sagen muß, wie es um jene Schädlinge bestellt ist. Das Versuchen einer Verständigung mit diesen Menschen hat gar keinen Sinn und gar keine Bedeutung; denn diese Menschen werden außerdem sofort zur Verständigung neigen, wenn sie keine Anhänger mehr haben, die ihnen den Boden unter die Füße legen. Dann sind sie schon von selber bereit, sich zu verständigen. Die Notwendigkeit, die vorliegt, besteht gerade darin, die Menschen über sie aufzuklären. Wenn nur nicht leider gerade innerhalb unserer Kreise oftmals das Bestreben bestünde, in dieser Beziehung Kompromisse zu schließen, in dieser Beziehung sich nicht unbedingt zum Mute der Wahrheit zu bekennen! Es ist gar nicht nötig, daß wir uns jemals der Illusion hingeben, eine Verständigung mit dem oder jenem herbeizuführen, der sich ja gar nicht mit uns verständigen will. Hülfe es uns etwas? Was für uns notwendig ist, das ist: mutvoll eintreten für die Wahrheit, soviel wir können. Und das scheint mir insbesondere aus der Auffassung dessen hervorzugehen, was mit der Entwickelung der Menschheit verbunden ist.